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Textdaten
Autor: Jonathan Swift
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Titel: Dr. Jonathan Swifts Mährgen von der Tonne
Untertitel:
aus: Vorlage:none
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1704
Erscheinungsdatum: 1758
Verlag: [recte: Orell in Zürich]
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Erscheinungsort: Hamburg und Leipzig
Übersetzer: Johann Heinrich Waser
Originaltitel: A Tale Of A Tub
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: SB Berlin = Commons
Kurzbeschreibung:
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Einleitung WS

Die Satire A Tale of a Tub erschien zuerst 1704 anonym bei John Nutt in London; ab der 5. Auflage, 1710 mit einer Apologie (Vertheidigung des Mährgens von der Tonne) und Anmerkungen Swifts (The Fifth Edition: With the Authors Apology and Explanatory Notes. By W. W--tt--n, BD. and others.) In der Übersetzung Johann Heinrich Wasers fehlen einige Anmerkungen des englischen Originals, andere wurden vom Übersetzer hinzugefügt.

Einige der fehlenden Anmerkungen sowie weitere Ergänzungen wurden zur besseren Verständlichkeit für die WS hinzugefügt.

Die Titelliste (Treatises wrote by the same Author, … Google) fehlt in dieser Ausgabe; eine Übersetzung findet sich in: Johann Kaspar Riesbeck: Dr. Jonathan Swifts Mährchen von der Tonne. Zürich 1787 ULB Halle

Mährgen von der Tonne

[I] [II]
Dr. Jonathan Swifts
Mährgen
von der
Tonne.
Nebst übrigen
dazu gehörigen Schriften.
Von neuem aus dem Englischen übersezt.
Mit Kupfern.
Hamburg und Leipzig, 1758.
[IV]
Vorrede.

Wir liefern hier dem Leser, in dem längst bekannten Mährgen von der Tonne, ein Werkgen, welches nicht nur durch den häufigen Abgang endlich zur Rarität geworden, sondern auch ausser dem längst verdient hat, ohne diejenige Fehler zu erscheinen, so aus Uebereilung und andern Ursachen sich in die bisherigen [V] deutschen und Französischen Ausgaben desselben eingeschlichen haben.

Es ist zwar in dem dritten Band der neuen Ausgabe sämtlicher Swiftischer, theils von neuem, theils noch nie übersezter Schriften bereits enthalten. Weil aber manchem der Ankauf der ganzen Sammlung zu kostbar fallen möchte, so haben wir zur Befriedigung der eingeschränktern Leser, dieses unter den Swiftischen Schriften vorzüglich-schöne und nuzbare Stük, mit den dazu gehörigen Abhandlungen, auch besonders durch den Druk mittheilen wollen.

Der verständige Leser wird zum Vergnügen sehen, daß es gratiam novitatis nicht allein durch die sehr verbesserte Uebersezung und anders erlangt, sondern auch [VI] durch die noch nie übersezte ausführliche Apologie desselben. Von den äusserlichen Vorzügen nichts zu sagen, merken wir nur dieses an, daß anstatt der bisherigen zimlich schlechten Kupferstüke, hier schönere, und dem Innhalt des Werks gemässere erscheinen.

„Die Apologie für das Mährgen,“ (so lauten die Worte, in der Vorrede zu obgedachtem dritten Band der Swiftischen Werke) „enthebet mich der Mühe, viel von dieser berühmten Schrift zu sagen: sie wird verständigen und unparteyischen Lesern genung thun; sie wird dieselben auf die wahre, und einem rechtschaffenen Mann höchstanständige Absicht und Meynung dieser Satyre führen; sie wird ihnen zeigen, daß [VII] aller Stachel auf die Verderbnisse in der Religion, auf die Schwermerey, auf die Laster und Lasterhafte fällt; sie wird sie endlich mit dem Verfasser beklagen machen, daß es Leute, und oft wichtige Leute giebt, die es für gefährlicher halten, wenn man Verderbnisse und Laster beschämet, als wenn man gelassen zusieht, wie Wahrheit und rechtschafene Gottseligkeit von Buben und Heuchlern ins Koth gedrükt und verbannet wird.“

Es ist in der That seltsam, daß die öffentlichen Lehrer des menschlichen Geschlechts, das ist, diejenigen Scribenten, welche mit genugsamer Fähigkeit die moralische Verbesserung des Menschen zum Endzwek haben, insgemein für gefährlich gehalten werden! Wer die Fehler des geistlichen und weltlichen Stands, [VIII] so wie sie sind, aufdeket; wer den Aberglauben und den Fanaticismus lächerlich macht; wer die Vorurtheile des Ansehens, der Gewohnheit und Auferziehung bestreitet; wer das allzuviele und unbequeme Ceremonialische vom Wesentlichen der Religion unterscheidet; wer augenscheinlich darthut, wie vieles von den Heiden herrührt, was doch von keinem geringen Theil der Christenheit als heilig adoptirt worden; wer gewisse sophistische Subtilitäten der Theologaster, womit sie sich und andere verblenden, anatomirt; wer das Mechanische der Frömmigkeit vor dem Moralischen und Wahren kennbar macht; wer die convulsiven Würkungen eines melancholischen Gemüths, und die Einfälle einer verderbten Einbildungskraft nicht für heilige Begeisterungen halten will; wer wider die geist- und [IX] weltliche Gewissenstyranney, und die pias fraudes eifert; wer eine vernünftige Freyheit gegen den Despotismus vertheidigt; u. s. f. Kurz: Wer das, was wider die Religion ist, was sie verunehrt, und verkleidet, mit satyrischem Gespötte (selbst nach dem Exempel mancher Propheten und Apostel) durchzieht; der hat insgemein das unverdiente Schiksal, daß er ein Religions-Spötter, ein Ungläubiger, sein Indifferentist, ein Misanthrope, ein Böswilliger, ein einbildischer Zänker, Schwirbelkopf, unruhiger Bürger, und ich weiß nicht was mehr seyn muß! So groß ist die Verkehrtheit des menschlichen Herzens.

[1]
Swifts
Mährgen von der Tonne,
zum
allgemeinen Nuzen
des
menschlichen Geschlechts
abgefasset.


Opus diu multumque desideratum.


Samt einer
vollständigen und wahrhaften
Erzehlung,
von dem,
unter den alten und neuen Büchern
in der
Bibliothek zu St. James,
gehaltenen Treffen.


Basima eacabasa, eanaa irraurista, diarba da
caetaba fobor camelanthi.
Iren. lib. I, c. 18.


– Juvatque novos decerpere flores
Insignemque meo capiti petere inde coronam,
Unde prius nulli velarunt tempora Musae.
 Lucret.[WS 1]

[3]
Vertheidigung
des
Mährgens von der Tonne.

Wenn gute und böse Gesinnung gleich stark auf die Menschen würkten, so dürfte ich mir wol die Mühe ersparet haben, diese Apologie zu schreiben. Die Aufnahm nachfolgender Schrift hat deutlich gezeiget, daß diejenigen deren Beyfall sie erhalten, weit die meisten von denen sind, welche Geschmak haben. Inzwischen da zwon oder drey ganze Abhandlungen besonders dargegen geschrieben worden, (nichts von vielen andern zu sagen, welche sie nur im Vorbeygang mitgenommen,) so ist hingegen, (so viel mir bekannt) zu ihrer Vertheidigung niemals eine einzige Sylbe zum Vorschein gekommen: Auch nur nicht, daß [4] sie von jemanden günstig wäre angeführt worden, ausgenommen von dem politen Verfasser des Gespräches, zwischen einem Deisten und einem Socinianer.[WS 2]

Indessen, da der Plan derselben also genommen[WS 3] zu seyn scheinet, daß sie zum wenigsten so lange im Andenken bleiben soll, als lange unsere Sprache und unser Geschmak nicht merkliche Veränderungen leiden; so bin ich es zufrieden, ihr eine Vertheidigung zum Begleite mitzugeben.

Der gröste Theil dieses Buches war vor ungefehr dreyzehn Jahren, 1696. zu Ende gebracht; acht Jahre mithin, ehe es im Druke erschienen. Der Verfasser war damals jung, seine Erfindungs-Kraft in ihrer Stärke, und seine Belesenheit frisch im Gedächtniß. Vermittelst etwas Nachdenkens und vielen Umgangs, hatte er sich bemühet, so viel würklicher Vorurtheile los zu werden als er immer konnte. Ich sage würklicher Vorurtheile, denn es war ihm nicht unbekannt, auf welche gefährliche Höhen einige Leute unter dem Vorwand der Ablegung der Vorurtheile fortgeschritten sind. So vorbereitet hielt er dafür, die grossen Verderbnisse in der Religion, und in der Gelehrsamkeit könnten Stof zu einer Satire an die Hand geben, welche zugleich nuzlich und angenehm seyn würde. Er entschloß sich dieselbe zu schreiben, und dabei auf eine Weise zu Werke zu gehen, die ganz neu wäre; zumal da die Welt mit blossen und immerwährenden Wiederholungen über jede Materie bereits bis zum Ekel überhäufet war. Diesem zufolge [5] nahm er sich vor, die Irrtümer und Mißbräuche bey der Religion, unter der Allegorie der drey Brüder und ihrer Kleider, vorzustellen; das sollte den Hauptinnhalt des Buches ausmachen; die Mißbräuche aber in der Gelehrsamkeit, wollte er durch Digreßionen einflechten. Er war damals ein junger mit der Welt wol bekannter Edelmann, und schrieb für den Geschmak derer, die seines gleichen waren. Daher er, sie zugewinnen, seiner Feder eine Freiheit gestattete, welche sich für ein reiferes Alter, oder für ernstere Charakter weniger schiket; und welches er durch einige wenige Auslöschungs-Züge leicht würde verbessert haben, wenn er zwey oder drey Jahre vor der Ausgabe seiner Blätter Meister davon gewesen wäre.

Nicht zwar, daß er in seinem Urtheile sich würde gerichtet haben nach den übel angebrachten kleinen Spizfindigkeiten der Sauertöpfe, Neider, stumpfer und geschmakloser Richter: Diese nennet er mit Verachtung. Er gestehet, daß in seinem Buche verschiedene jugendliche Einfälle vorkommen, die von weisen und gesezten Männern einige Ahndung verdienen mögen: Allein er will auch nicht mehr Verantwortung als Schuld auf sich haben, und fodert, daß man seine Fehler nicht multipliciren soll durch die unnatürlichen und lieblosen Deutungen derjenigen, die weder Redlichkeit besizen eine gute Meinung vorauszusezen, noch Geschmaks genug, eine wahre einzusehen. So viel zugestanden, will er sein Leben daran sezen, wenn jemand mit Grund etwas aus seinem Buche ziehen kann, das der Religion oder der Moralität zuwider läuft[WS 4].

[6] Was für Ursache mag wol ein Geistlicher von unserer Kirche, (wer er immer sey,) haben, böse zu werden, wenn er siehet, daß die Thorheiten der Schwermerei und des Aberglaubens aufgedeket, und, gesezt auch in ihrer lächerlichsten Gestalt, dargestellet werden; da dieses doch vielleicht das einzige wahrscheinliche Mittel ist, sie zuheilen, oder wenigstens zuverhintern, daß sie nicht weiter ausgebreitet werden: Dazu kömmt, daß obschon das Buch nicht für sie geschrieben worden, es doch nichts anders durchziehet, als wowieder sie selbst predigen. Es enthält nicht die geringste Anzüglichkeit weder gegen ihre Personen, noch gegen ihr Amt, wodurch sie könnten gereizet werden. Es preiset die Engländische Kirche, so wol in Ansehung ihrer Lehre, als ihrer Disciplin, als die beste und vollkommenste unter allen an. Keine Meinung wird darinn behauptet die sie verwerfen, und keine verworfen, die sie annehmen. Wenn die gewohnte Empfindlichkeit der Geistlichen ihnen zur Last lieget, so möchten sie, meines wenigen Erachtens, leicht bequemere Gegenstände gefunden haben, dieselbe zu äussern: Nondum tibi defuit hostis.[WS 5] Sie möchten sie nämlich gerichtet haben, gegen jene grobe ungegelehrte Schmierer, die alle Ehre verloren, den Lastern ergeben, und dabey verdorbene Lumpen-Kerls sind, welche zur Schande der menschlichen Vernunft so wol als der Gottseligkeit, begierig gelesen werden, einzig um der frechen, falschen und gottlosen Säze willen, die sie mit der grösten Unverschämtheit behaupten, dabey unbescheidener Weise auf die Geistlichkeit losziehen, und aller Religion [7] offenbar den Krieg ankünden. Kurz, derer Schmierereyen voll solcher Lehren sind, die darum mit Freude angenommen worden, weil sie eingerichtet sind, diejenigen Schreken aus dem Wege zuheben, von welchen die Religion den Menschen sagt, daß sie die Folgen eines unmoralischen Lebens seyn; dergleichen nichts in gegenwärtiger Schrift anzutrefen ist, obschon einige dieser Herren belieben, sie so freymüthig zu tadeln. Und ich möchte wünschen, daß dieses das einzige Exempel wäre, welches die Anmerkung bestätigt, die ich nur allzuoft gemachet, daß nämlich viele von dieser ehrwürdigen Zunft eben nicht gar zu sorgfältig sind, ihre Freunde und Feinde zu unterscheiden.

Hätten einige, deren Namen der Verfasser aus Hochachtung nicht nennen will, seine Absichten redlicher ausgedeutet, so dürfte er sich haben anfrischen lassen, dergleichen Bücher von einigen der oben beschriebenen Autoren, in eine Untersuchung zu nehmen, und glaubt im Stande gewesen zuseyn, ihre Irrthümer, Unwissenheit, Dummheit und Schelmerei dergestalt aufzudeken, daß diejenigen, von denen man am meisten Ursache zuglauben hat, sie lassen sich dadurch ansteken, dieselben bald auf die Seite legen, und sich schämen würden. Izo aber, nachdem die wichtigsten Männer in den wichtigsten Aemtern belieben, es für gefährlicher zuhalten, solche Verderbnisse in der Religion, welche sie selbst mißbilligen müssen, zusatirisiren, als sich Mühe zu geben, so gar diejenigen Grundsäze über den Haufen zu werfen, [8] worüber alle Christen einig sind; so hat der Verfasser diese Gedanken fahren lassen.

Er hält es für kein schönes Betragen, daß man sich anmasset, ihm ganz bestimmt einen Namen zu geben, da er sich selbst den meisten seiner besten Freunde nicht einmal entdeket hat. Inzwischen sind einige noch weiter gegangen, und haben ein Buch[1][WS 6] genennet, welches mit diesem aus einer und eben derselben Feder geflossen seyn soll: Dieses behauptet der Verfasser, ist gerade zu eine Unwahrheit; indem er gedachtes Buch nur nicht einmal gelesen hat. Ein klares Exempel, wie wenig man sich auf blosse Einbildungen, oder auch auf Muthmassungen verlassen dürfe, welche man auf nichts weiter als einige Gleichheit des Styls oder der Denkensart gründet.

Hätte der Autor ein Buch wider die Mißbräuche in der Rechtsgelehrtheit, oder der Arzney-Kunst geschrieben, so glaubt er, es würde so fern gewesen seyn, daß die Gelehrten in diesen Wissenschaften ihm solches übel genommen hätten, daß sie ihm vielmehr für seine Bemühung würden gedanket haben; besonders wenn er die rechtschaffene Ausübung derselben ausbedungen, und geziemende Hochachtung für dieselbe geäussert hätte. Aber mit der Religion, sagt man uns, muß man nicht spotten; und man sagt uns die Wahrheit; doch gewiß darf man solches in Ansehung der Verdorbenheiten in derselben; denn zufolge eines sehr [9] bekannten Sprüchworts wissen wir, daß da die Religion das beste Ding in der Welt ist, sie wol zum allerschlimmsten wird, wenn sie verdorben ist.

Etwas muß der verständige Leser nothwendig bemerket haben: nämlich, daß diejenigen Stellen in dieser Schrift, welche den Einwendungen am meisten unterworfen zu seyn scheinen, das sind, was man Parodien heißt, wo nämlich der Verfasser den Styl und die Schreibart anderer Scribenten annihmet, auf welche er zielet. Ich will nur ein einziges Exempel anführen: Der Leser findet es gleich in dem ersten Abschnitte des Werks;[2] daselbst wird auf Dryden[WS 7], l’Etrange[WS 8], und einige andere gesehen, welche nachdem sie ihr ganzes Leben in Parteyung, Abfall, und allen Arten von Lastern zugebracht, Märtyrer für das Vaterland und die Religion seyn wollen. So kramet uns Dryden seine Verdienste, und was er dabey gelitten, in einer seiner Vorreden aus, danket GOtt, daß er seine Seele in Gedult besize, und dergleichen an andern Orten mehr. Dieselbe Sprache führet auch l’Etrange, und ich glaube der Leser werde leicht noch mehrere finden, auf welche die gedachte Stelle sich schiket. Indessen mag dieses genug seyn, diejenigen zurecht zu weisen, welche die Absicht des Verfassers nicht mögen bemerket haben.

[10] Es sind drey oder vier andere Stellen, welche unwissende oder mit Vorurtheilen eingenommene Leser mit Haaren auf böse Absichten gezogen, und vorgegeben haben, daß sie auf gewisse Religionsartikel zielen. In Antwort auf alles dieses, protestiert der Verfasser feyerlich daß er vollkommen unschuldig sey, und daß ihm niemals nur kein Gedanke aufgestiegen, etwas gesagt zu haben, welches solcher Erklärungen im geringsten fähig seyn sollte, dergleichen er sich anheischig machet, eben so gut selbst aus dem unschuldigsten Buche von der Welt zu ziehen. Wie dann auch jeder Leser leicht sehen kann, daß dergleichen etwas gar keinen Theil von seinem Plan, oder von der Absicht welche er sich vorgesezet hat, ausmachet; angesehen die Mißbräuche und Irrthümer welche er auszeichnet, keine andere sind, als welche von allen Anhängern der Engländischen Kirche eingestanden werden; noch litte es auch würklich seine Materie nicht, daß er sich mit andern als solchen Dingen abgäbe, worüber man seit der Reformation beständig gestritten hat.

Die Stelle in der Einleitung, da von drey hölzernen Maschinen gehandelt wird, mag zum Beyspiele genung seyn. In der Original-Handschrift stand noch die Beschreibung einer vierten: Allein die, welche diese Papiere in ihrer Gewalt hatten, striechen sie aus, ohne Zweifel weil sie geglaubt, es wäre darinn etwas von einer Satyre enthalten, das zu particular sey; und daher mußten sie es in die Zal drey abändern. Hieraus nun haben sich einige Leute bemühet, eine gefährliche [11] Meinung, an die man niemals gedacht hat, herauszupressen; und in der That ward auch durch diese Veränderung der Zalen, die Idee des Verfassers halb verdorben, indem die Zal vier, viel kabbalistischer, und daher bequemer ist, die vermeinten Kräfte der Zalen zu satirisieren, als die Zal drey. Ein Aberglaube, den der Verfasser hier durchzuziehen zum Zwek hatte. Etwas anders das zu bemerken, ist dieses, daß durch das ganze Buch eine Ironie herrschet, welche Leute von Geschmak leicht beobachten und unterscheiden werden, und deren Bemerkung einige Einwürfe gegen dasselbe sehr schwach und unwichtig machen wird.

Da diese Vertheidigung, vornemlich die Befriedigung künftiger Leser zum Zweke hat, so mag wol unnöthig seyn, derjenigen Widerlegungsschriften zugedenken, die bereits zu Makulatur geworden, und in gänzliche Vergessenheit gerathen sind. Dieses ist das ordentliche Schiksal gemeiner Beantworter solcher Bücher, denen man einiges Verdienst zugestehen muß. Sie gleichen dem Ungeziefer an einem jungen Baume, das einen Sommer lang mit ihm zuleben scheinet, im Herbst aber samt den Blättern fällt, stirbt, und für immer vergessen bleibet. Als Dr. Eachard sein Buch von den Ursachen der Verachtung der Geistlichen geschrieben hatte[WS 9], stand gleich eine Menge solcher Beantworter auf; und hätte er ihr Andenken durch seine Gegenantworten nicht selbst erhalten, so würde gegenwärtig wol niemand wissen, daß er jemals Gegner gehabt hätte. Ein anders ist es in der [12] That, wenn etwa ein grosser Geist es der Mühe werth achtet, eine elende Schrift zu anatomiren. So lesen wir Marvels Beantwortung etc. gegen Parkern stets mit Vergnügen,[WS 10] obschon das Buch dem er sie entgegen gesezet hat, schon längst vergessen ist; und so wird man nicht weniger die Anmerkungen des Grafen Orrery immer mit Lust lesen, obschon die Schrift wogegen sie gerichtet ist, nimmer wird gesucht noch auch gefunden werden.[WS 11] Allein dieses ist keine Arbeit für gemeine Scribenten, und dergleichen Beantworter darf man binnen einem Menschenalter über zween oder drey nicht erwarten. Gewiß würde man sich auch sorgfältiger hüten, die Zeit mit solchen Unternehmungen so liederlich zu verlieren, wenn man bedenken wollte, daß die Beantwortung eines Buches mehr Mühe und Geschiklichkeit, mehr Wiz, Gelehrsamkeit und Urtheilskraft erfodert, als angewendet worden ist, dasselbe zu schreiben; und der Verfasser versichert alle die, welche sich seinethalben diese Mühe genommen, daß sein Buch die Frucht des Nachdenkens, der Beobachtungen und Erfindung von vielen Jahren ist; daß er öfters weit mehr ausgelöschet als stehen gelassen, und wären seine Papiere nicht eine lange Zeit ausser seiner Gewalt gewesen, so würden sie noch mehr scharfe Verbesserungen haben ausstehen müssen. Wie können sie sich denn einbilden, daß ein solches Gebäude bloß mit einigen Kothkugeln möge darnieder geworfen werden? die Mündung daraus sie abgeschossen werden, sey auch noch so vergiftet. Der Verfasser hat die Schriften nur zween solcher Beantworter gesehen, deren die erste anfänglich als von einem [13] Unbekannten ans Licht getreten, nachher aber hat sich ein Mann dazu bekennet, der bey andern Anlässen gezeiget hat, daß es ihm an aufgewektem Wize nicht mangle. Es ist wol Schade, daß er sich durch jede Gelegenheit gleichsam nöthigen läßt, seine Feder, welche sonst öfters den Leser angenehm genung unterhalten würde, so eilfertig laufen zu lassen. Indessen sind noch andere Gründe darum es ihm hier fehl geschlagen hat. Er schrieb nämlich gegen die Ueberzeugung von seinem eigenen Talent, und unternahm das unnatürlichste Ding von der Welt, indem er durch eine Arbeit von einer Woche ein Werk lächerlich zu machen suchte, welches so viel Zeit gekostet, und mit so gutem Erfolge andere lächerlich dargestellet hat. Die Art und Weise wie er seine Materie behandelt, habe ich nunmehr vergessen, weil ich seine Schrift nur gleich als sie ans Licht kam, eben wie andere, bloß des Titels wegen durchblättert hatte.[WS 12]

Die zweite Beantwortung[WS 13] kömmt von einem Scribenten der einen ernsthaftern Charakter besizt; und bestehet halb aus Schmähungen, und halb aus Anmerkungen. Was diesen leztern Theil betrift, so war er darinn überhaupt glüklich genung. Und das Projekt, die Leute zum Lesen seines Blats etwelcher massen zu nöthigen, war für die damalige Zeit nicht übel ausgedacht, indem verschiedene gewünschet, daß man eine Erklärung der schwersten Stellen dieses Buches haben möchte: Auch darf man es ihm nicht ganz und gar übel nehmen, daß er Invektiven gebraucht, indem man einhellig glaubt, daß der Verfasser ihn genugsam dazu gereizet [14] habe. Der stärkste Einwurf aber gehet wider die Art und Weise wie er diesen Theil behandelt, als welche sich für einen Mann von seinem Berufe gar nicht schiket. Eine grosse Mehrheit der Stimmen hatte entschieden, daß dieser Beantworter auf eine Weise die man nicht ungestraft könnte hingehen lassen, seine Feder wider einen damals lebenden grossen Mann gezogen, der alle die guten Eigenschaften besässe, welche einen recht vortreflichen Charakter ausmachen, und der deswegen bey jedermann in der grösten Hochachtung stühnde. Man hatte wahrgenommen, wie sehr es ihn vergnüget und gekizelt, daß dieser vornehme Scribent sein Gegner hieß; und würklich war dieser satirische Hieb gut genung angebracht; denn ich habe mir sagen lassen, daß Herr W. T.[3] diesen Ausdruk nicht wenig empfunden habe. So gleich griefen alle wizige und polite Leute zu den Waffen; ihr Unwillen überwältigte die Verachtung, aus Furcht vor den Folgen eines solchen Exempels, und es ward des Porsenna[WS 14] Fall: Idem trecenti juravimus[WS 15]. Kurz, die Sachen waren zu einem allgemeinen Aufstand reif, als Milord Orrery die Hize ein bisgen dämpfte, und die Gährung niedersezte. Inzwischen weil Se. Herrlichkeit es vornemlich mit einem andern Antagonisten zuthun hatten, so hat man um die Gemüther wieder zubesänftigen für nöthig erachtet, daß dieser Gegner einen guten Filz bekommen sollte, welches zum Theil den Discurs von der Bücherschlacht veranlasset; wobey sich der Verfasser noch ferner [15] die Mühe genommen, ein par Anmerkungen über denselben, in das Buch selbst einzuschalten.

Es beliebte diesem Beantworter, ungefehr mit ein paar Duzend Stellen unzufrieden zu seyn, welche zu vertheidigen, der Verfasser sich nicht weiter bemühen will, als daß er den Leser versichert, dieser Tadelkopf betrüge sich in Ansehung des mehrern Theils derselben vollkommen, und presse Erklärungen heraus, die dem Verfasser niemals zu Sinne gekommen, und welche auch jedem Leser der Geschmak und Redlichkeit besizt, eben so wenig zu Sinne kommen werden. Von zwoen oder dreyen aufs höchste gestehet er, daß sie ihm etwas unvorsichtig entwischet, welches er, wie bereits schon vorhin, mit seiner Jugend und freymüthigen Schreibart entschuldiget, und daß er seine Handschrift zu der Zeit als das Buch ans Licht getreten, nicht in seiner Gewalt hatte.

Allein der Beantworter fähret fort, und sagt, was ihm am meisten mißfalle, sey des Verfassers Absicht. Was diese gewesen, habe ich bereits angezeiget; und ich glaube, daß niemand in ganz England sey, der das Buch werde verstehen können, wenn er dabey eine andere Absicht voraus sezet, als daß der Verfasser die Mißbräuche und Verderbnisse in der Religion habe an den Pranger stellen wollen.

Hingegen möchte man wol gerne wissen, was die Absicht dieses Tadlers gewesen wäre, da er am Ende seiner Schrift den Leser warnet, ja nicht zu glauben, daß des Autors Wiz überall sein [16] eigener Wiz sey. Gewiß muß sich hier eine persönliche Feindschaft, mit der Absicht, der Welt eine so nüzliche Entdekung mitzutheilen, zum wenigsten vermischet haben; und in der That wird der Verfasser hier an einem empfindlichen Ort angegrieffen. Er behauptet deswegen, daß er in seinem ganzen Buche nicht einmal einen Wink von irgend einem andern Scribenten geborget habe, und nimmer hätte er gedacht, daß unter allen den Critiken die man machen würde, dieses eine mit seyn würde. Er glaubte sicher, so viel würde man ihm nicht streitig machen, daß sein Buch ein Original wäre, was für andere Fehler es sonst immer haben möchte. Indessen führet der Beantworter drey Exempel an, zubeweisen, daß des Verfassers Wiz in gar vielen Stellen nicht desselben eigener Wiz sey: Das erste ist, daß die drey Nammen, Peter, Martin, und Jack aus einem Briefe des lezt verstorbenen Herzogs von Bukingham[WS 16] entlehnet seyn. Nun ist es der Autor zufrieden, allem Wiz der in diesen drey Nammen liegen mag, zu entsagen, und ersuchet den Leser, so viel abzuziehen, als viel er ihm in Ansehung dieses Punkts mag beygeleget haben; jedennoch zugleich mit der feyerlichen Protestation, daß er bis auf diese Stelle des Beantworters niemals etwas von diesem Briefe gehöret habe. Also daß (wie er behauptet,) diese drey Nammen nicht geborget sind, obschon es mag eingetrofen haben, daß sie an beyden Orten dieselben sind; wiewol dieses würklich selzam genung, und etwas ist, daß er kaum glauben kann, angesehen der Namme Jack so gemein nicht ist, als Peter und [17] Martin. Das zweite Beweisthum, daß des Verfassers Wiz nicht sein eigener Wiz sey, ist Peters tolle Schererey[4] wie er es nennet, über die Brotverwandlung; welches aus einem Gespräche des gedachten Herzogs mit einem Irrländischen Priester genommen seyn soll, wo ein Stük Pantoffelholz in ein Pferd verwandelt wird: Dies Gespräch gestehet der Verfasser etwa zehen Jahre nachdem sein Buch geschrieben, und ein oder ein paar Jahre nachdem es gedrukt war, gesehen zu haben; und der Beantworter widerleget sich selbst, indem er selber zugiebt, daß das Mährchen von der Tonne im Jahre 1697. geschrieben worden, da hingegen diese Schrift erst viele Jahre hernach im Druk erschienen. Es muß aber diese Verderbnis gleich den übrigen nothwendig ihre Allegorie haben, und der Verfasser erdachte die beste so er gekönnt, ohne vorher nachzusuchen, was andere geschrieben hätten, und der gemeinste Leser wird finden, daß zwischen diesen beyden Historien nicht die geringste Aehnlichkeit ist. Das dritte Beweisthum bestehet in folgendem: Man hat mich (schreibt der Beantworter) versichert, daß die Bücherschlacht in der Bibliothek zu St. James mutatis mutandis, aus einem Französischen Buche genommen sey, das den Titel führet: Le Combat des Livres, wenn ich mich recht besinne. Bey welcher Stelle die zwo Clauseln, man hat mich versichert, und wenn ich mich recht besinne, [18] zu bemerken sind: Erstlich möchte ich nämlich gerne wissen, ob in dem Fall daß diese Muthmassung grundfalsch ist, die beyden Clauseln alsdenn diesem vortreflichen Criticus zu einer genugsamen Entschuldigung dienen werde? Es betrift hier bloß eine Kleinigkeit; würde er es aber wol wagen, auf gleichen Fuß über eine Sache von mehrerm Belange abzusprechen? Indessen weiß ich nichts verächtlichers an einem Scribenten, als den Charakter eines Ausschreibers, welchen er hier dem Verfasser auf gut Glük hin ankleket, und zwar nicht bloß in Ansehung einer oder der andern Stelle, sondern einer ganzen Schrift, die aus einem fremden Buche, nur mutatis mutandis, geborget seyn soll. Da der Verfasser von einem solchen Buche so wenig weiß als der Beantworter, so will er ihn nachahmen, und ebenfalls auf gut Glük hin einen Ausspruch thun. Diesen nemlich: Daß wenn von dieser ganzen Critik auch nur eine Sylbe wahr ist, so ist er ein armseliger, nachahmender Pedant, und der Beantworter hingegen ist ein geistreicher, wolgezogener, und Wahrheitliebender Mann. Diese Kühnheit gründet er darauf, daß er ein solches Buch in seinem Leben weder gesehen, noch jemals davon gehöret hat; und er ist versichert, es sey unmöglich daß zween Scribenten von verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern, einander in ihren Gedanken so trefen, daß zween ausführliche Discurse, ein und eben derselbe seyn sollen, nur mutatis mutandis. Er will sich auch nicht darüber aufhalten, ob der Beantworter sich in Ansehung des Titels dieses Buches betrogen habe, oder nicht; sondern fodert [19] ihn und seine Freunde auf, ihm aus einem Buche welches es immer seyn mag, eine Stelle zu nennen, da ein verständiger Leser werde sagen müssen, daß er dem Verfasser desselben auch nur den geringsten Wink zu danken habe: Mit Vorbehalt inzwischen eines oder des andern zufälligen Gedankens, darinn sie einander möchten getrofen haben; welches, wie ihm nicht unbekannt, etwa zu begegnen pflegt, obschon er dergleichen in Ansehung seiner Schrift bisher noch nirgend gefunden, auch nicht gehört hat, daß sonst jemand diese Einwendung mache.

Wenn also jemals eine Unternehmung unglüklich ausgefallen, so ist es die Unternehmung des Beantworters, der, da er zeigen will, daß des Verfassers Wiz geborget sey, mehr nicht als drey Beyspiele anzuführen weiß, wovon zwey lautere Kleinigkeiten betrefen, alle drey aber grundfalsch sind. Ist dieses die Art, wie diese Herren mit der Welt umgehen, bey solchen Critiken, da wir nicht Zeit haben, sie zu widerlegen; so mögen ihre Leser wol Ursach haben, zuzusehen, wie weit sie sich auf ihren Credit verlassen dürfen: Und ob ein solches Betragen mit den Pflichten der Freundlichkeit und Redlichkeit bestehe, das mögen diejenigen entscheiden, welche sich gern hierüber die Mühe nehmen wollen.

Es ist unstreitig, daß dieser Beantworter viel besser gethan hätte, wenn er einzig dabey geblieben wäre, ein Commentator über das Mährgen von der Tonne, zu seyn. Denn hierinn [20] muß man gestehen, hat er dem Publico einige Dienste geleistet, und zur Erklärung einiger schweren Stellen ganz hübsche Vermuthungen angebracht. Allein es ist ein gemeiner Fehler solcher Leute, (die sonst wegen ihrer Arbeitsamkeit alles Lob verdienen) daß sie sich über das Gebiet ihrer Talente und ihres Amts hinaus wagen, indem sie sich anmassen, das Schöne und Fehlerhafte zu beurtheilen. Etwas, das in ihre Profession nicht hineinläuft; dabey sie stets unglüklich sind, und welches die Welt niemals von ihnen weder erwartet, noch ihnen jemals den geringsten Dank weiß, daß sie sich damit abgeben. Einen Minellius[WS 17] oder Farnabius[WS 18] vorzustellen, dazu hat die Natur den Beantworter geschaffen, und so würde er manchem Leser, der sonst in die Geheimnisse dieses Buches nicht einzudringen vermag, nüzlich gewesen seyn: Sed optat ephippia bos piger. Der schwere, träge, ungestalte Ochs will mit Gewalt das Equipage eines Pferdes tragen, und bedenkt nicht, daß er zum Nuzen höherer Wesen, zur Arbeit, und zum Pfluge geschaffen worden; noch, daß er weder die Gestalt, noch den Muth, noch die Hurtigkeit dieses edeln Thieres besizet, welches er gern vorstellen wollte.

Ein anderes Muster von der Redlichkeit dieses Beantworters ist dieses: daß indem er uns auf die Gedanken führet, der Verfasser sey tod, er dennoch zugleich den Verdacht von der Autorschaft dieses Buches auf jemanden, (ich weiß nicht wen,) auf der Landschaft wirft; hierauf weiß ich nur so viel zu antworten, daß er sich in allen seinen Muthmassungen [21] jämmerlich betrügt; blosse Muthmassungen aber sind wirklich, auf das gelindeste zu urtheilen, ein allzuseichter Grund, sich herauszunehmen jemanden öffentlich für diesen oder jenen anzugeben. Der Beantworter verurtheilet ein Buch, und mithin den Verfasser, welchen er ganz und gar nicht kennet; und doch ist er so dreiste, Personen die es ganz nicht verdienen, öffentlich einen Charakter beyzulegen der alles enthält, was er nachtheilig zu seyn geglaubt hat. Ein Mann der im Dunkeln eine Maulschelle empfängt, mag sich mit Grund beleidiget halten; es ist aber eine sehr selzame Rache, wenn er am hellen Tage hingeht, sich mit dem ersten der ihm begegnet, zu raufen, und den in der vergangenen Nacht empfangenen Schimpf für seine Thüre niederzulegen. So viel von diesem gesitteten, redlichen, frommen und scharfsinnigen Beantworter.

Wie der Verfasser um seine Papiere gekommen, ist etwas, das sich nicht wol sagen läßt: Es würde auch wenig Nuzen bringen, indem es eine Privatsache ist, wovon der Leser so wenig oder so viel glauben mag, als ihm beliebt. Inzwischen hatte der Verfasser noch eine Handschrift beyhanden, die an vielen Orten durchgestriechen war, und welche er ins reine zu schreiben gedachte. Dieses rochen die Herausgeber, und liessen deswegen in der Vorrede des Buchdrukers einfliessen, daß sie besorgten, es möchte eine unterschobene Copie die sehr stark verändert werden sollte, ans Licht kommen. Dieses, obschon der Leser nicht grosse Achtung darauf mag gegeben [22] haben, war würklich eine Wahrheit: Nur daß vielmehr die unterschobene Copie es gewesen, die von ihnen gedrukt ward, und zwar so eilfertig als sie nur immer konnten, welches in der That unnöthig gewesen, indem der Verfasser seine verbesserte Copie gar nicht in Bereitschaft hatte. Er hat aber vernommen, daß der Buchdruker sehr verlegen war, weil er eine beträchtliche Summe Geldes für die Copie bezalt hatte.

In der Originalhandschrift des Verfassers waren nicht so viele Lüken, als in dem Buche erscheinen. Warum man einige derselben gemachet, weiß er nicht. Hätte man die Ausgabe seines Buches ihm selbst anvertrauet, so würde er verschiedene Stellen verbessert haben, wider die man niemals etwas eingewendet hat; ingleichem würde er auch mit andern die man mit einigem Grunde getadelt zu haben scheinet, Veränderungen vorgenommen haben, doch würde er die Wahrheit zu sagen, wol den grösten Theil unberühret haben stehen lassen, indem er sich nimmer vorgestellet hätte, daß es möglich wäre, sie im geringsten zu mißdeuten.

Am Ende seines Buches ist noch eine Abhandlung angehänget, unter dem Titel Fragment. Dieses Stük im Druk zu sehen, verwundert sich der Verfasser noch mehr, als über alles andere. Es war ein sehr unvollkommener Grundriß mit einigen wenigen in keiner Verbindung stehenden Anleitungsgedanken, welche er einst einem Edelmann geliehen, der so etwas schreiben wollte. Nachher [23] dachte er weiter nicht daran, und es mußte ihm selzam genung vorkommen, nunmehro alles in eine Schrift zusammen gehudelt zu sehen, ganz wider die Methode und den Plan den er sich vorgesezet hatte; denn es war der Grundriß zu einer viel weitläuftigern Schrift, und es that ihm wehe zu sehen, wie ungereimt die Materialien sind angewendet worden.

Es ist noch ein Einwurf, welchen so wol die Beantworter dieses Buches, als einige andere Leute gemachet haben. Sie tadeln nämlich, daß man Petern so oft schwören und fluchen macht. Nun siehet jeder Leser, daß man nothwendig wissen mußte, daß Peter schwüre und fluchete. Die Schwüre aber werden nicht ausgeschrieben, sondern nur vorausgesezet, und der Gedanke eines Schwurs ist nicht unmoralisch, wie der Gedanke einer profanen oder üppigen Rede. Es ist erlaubt über die papistische Narrheit, die Leute in die Hölle hinunter zu fluchen, zu lachen, und man kann sich ihr Schwören vorstellen ohne Sünde. Aber leichtfertige Worte, oder gefährliche Meinungen füllen das Gemüth des Lesers mit bösen Gedanken, wenn sie auch nur halb angedeutet werden. Dergleichen kann man dem Verfasser nicht Schuld geben, denn der gescheute Leser wird finden, daß wol die schärfsten satirischen Züge in diesem Buche, gegen die heutige Mode seinen Wiz über dergleichen Sachen auszukramen, gerichtet sind; wovon an verschiedenen andern Orten dieser Schrift Exempel vorkommen; obschon der Verfasser sich dabey, ein oder zwey male vielleicht, ein bisgen zu frey mag ausgedrüket [24] haben, und seine Entschuldigung darüber einzig von den bereits angeführten Gründen hernimmt. Man hat dem Buchführer durch eine dritte Hand den Vorschlag thun lassen, daß der Verfasser diejenigen Stellen, welche es nöthig haben möchten, verbessern wollte. Allein wie es scheinet, so will er nichts davon hören, weil er besorget, das Buch möchte alsdenn nicht mehr so guten Abgang haben.

Der Verfasser kann seine Vertheidigung nicht ohne eine gewisse Anmerkung beschliessen. Sie ist diese: Daß gleichwie der Wiz die edelste und nüzlichste Gabe der menschlichen Natur ist, also sey dasjenige was wir Humour zu nennen pflegen, die angenehmste. Und wo diese beyden Eigenschaften stark in einem Werke hervorstechen, so werden sie dasselbe jederzeit der Welt beliebt machen. Inzwischen glaubt die grosse Menge derer, welche an keintwederm dieser Talente, Theil noch Geschmak haben, sondern sich durch Stolz, Pedanterey, und schlimme Sitten, der Geisel von beyden bloß geben, die Streiche seyn schwach, weil sie selbst unempfindlich sind. Und wenn der Wiz mit Spotte verbunden ist, so heißen sie es nur geschwinde zu Banter, so ist die Sache gethan. Eines von ihren politen Wörtern, das zuerst im Gasthof zu den weissen Mönchen, von den gröbsten Flegeln gebraucht worden, hernach unter die Lakeien gekommen, von dannen es sich endlich zu den Pedanten geflüchtet, die es auf Werke des Wizes ebenso schiklich anwenden, als wenn ich es von Newtons mathematischen Wissenschaften gebrauchen [25] wollte. Inzwischen wenn dies Bantern, wie sie es nennen, ein so verächtliches Ding ist, wie kommt es wol, daß sie es immer so sehr darnach jüket? Es ist fürwahr, damit ich nur bey unserm Beantworter bleibe, verdrießlich zu sehen, wie er in einigen seiner Schriften bey jeder Gelegenheit ausschweifet, Possen zu reissen, und uns z. E. von einer Kuhe zu erzehlen, die den Schwanz ausgereket; und in der Antwort auf dieses Buch sagt er: Es ist ein lauteres Gaukelspiel, und[5] eine Kelle. Man dürfte von diesen Impedimentis literarum wol sagen, daß der Wiz sich ihrer schämet; und sie können keine klügere Partei ergreifen, als wenn sie alle Streite sorgfältig ausweichen, oder zum wenigsten sich nicht darein mischen, bis sie sicher wissen, daß man sie ruft.

Zum Beschlusse: Dies Buch sollte mit denen vorhin angeführten Nachsichten gelesen werden; und wenn es geschiehet, so ist der Verfasser beglaubt, daß wenig überbleiben werde, welches an einem jungen Scribenten nicht zu entschuldigen wäre. Er schrieb nur für Leute von Wiz und Geschmak, und glaubt, er betrüge sich nicht, wenn er sagt, diese haben ihm alle ihren Beyfall ertheilet. Welches ihn wol eitel genung machen könnte, seinen Nammen anzugeben, darüber die Welt, mit ihren klugen Vermuthungen noch immer im Finstern tappet. Ein Umstand, der so wol ihm [26] als dem Publico zu einer nicht unangenehmen Belustigung dienet.

Der Verfasser hat Nachricht, daß der Buchhändler verschiedene Scribenten beredet hat, zur Erklärung des Buches einige Anmerkungen zu schreiben; er kann für den Werth derselben nicht gut stehen, indem er sie niemals weder gesehen noch auch zu sehen verlanget, bis sie im Druke erscheinen werden; und alsdenn wird er vermuthlich wol zwanzig Deutungen finden, woran ihm niemals der Sinn gekommen.

     Brachm. den 3ten 1709.

N. S. Diese Vertheidigung ward ungefehr vor einem Jahre geschrieben. Seit dem hat ein ehrloser Buchhändler eine dumme Scarteque unter dem Titel Anmerkungen zu dem Mährgen von der Tonne, nebst einigen Nachrichten von dem Verfasser desselben, ans Licht gestellet, und sich mit einer Frechheit, welche meines Bedunkens in Kraft der Geseze sollte bestraft werden, heraus genommen, die Stellen auf gewisse Personen zu deuten, die er ausgedrükt mit Nammen nennet.[WS 19] Dem Verfasser mag genung seyn, das Publicum zu versichern, daß der Autor dieses Blats in allen seinen Muthmassungen über diese Sache ganz irre gehet; ingleichem behauptet er, daß das ganze Werk vollkommen aus einer Feder geflossen sey, wie jeder verständige Leser leicht erkennen wird. Derjenige welcher [27] dem Buchdruker die Copie davon übergeben hatte, war ein Freund des Verfassers; und nahm sich keine andere Freyheit, als daß er einige Stellen auslöschte, wo izo die Lüken unter dem Nammen Desiderata vorkommen. Sollte aber jemand seyn, der sich getraute, einen Anspruch auch nur auf drey Zeilen des Buches erweislich zu machen; so fodert man ihn auf, solches zu thun, und seinen Nammen und Titel anzugeben; mit Versicherung daß der Buchhändler gleich Befehl erhalten soll, dieselben bey der nächsten Ausgabe dem Buche vorzusezen, und daß man ihn hinfort unstreitig für den Autor desselben erkennen werde.


[28]
Zuschrift
des Verlegers an den Lord
Sommers.[6]

Milord!

Der Verfasser hat seinem Buche eine weitläuftige Zueignungsschrift vorgesezet, solche aber an einen Prinzen[7] gerichtet, welchem bekannt zu werden, ich schwerlich die Ehre haben dürfte. In Betrachtung dessen, und daß die Scribenten unsrer Zeit, so viel ich bemerke, sonst so gar wenig Achtung für dessen Person hegen, daß sie nur nicht an ihn gedenken; ich auch zudem von der eigensinnigen Tiranney, womit die Verfasser ihre Verleger etwa zu belästigen pflegen, ganz frey bin; so habe ich geglaubt, eben keine unweise That zu begehen, wenn ich mich erkühne, Eurer Herrlichkeit gegenwärtige Schrift zu unterwerfen, und mir dero hohen Schuz demüthigst für sie auszubitten. [29] Der Himmel, und Eure Herrlichkeit, mögen die Vollkommenheiten und Fehler derselben einsehen; denn was mich betrift, so bekenne ich meine gänzliche Unwissenheit über diese Materie; und wenn auch gleich alle Welt eben so unwissend seyn sollte als ich, so besorge ich doch nicht, daß ich um dieser Ursach willen, das Buch destoweniger werde absezen können; der berühmte Namme Eurer Herrlichkeit, welchen ich mit Capitalbuchstaben vordruken lassen, wird mir stets eine Ausgabe verkaufen helfen: Ja ich wünschte mir so gar, um ein vornehmer Rathsherr zu werden, weiter nichts, als ein Patent für die Freyheit, Eurer Herrlichkeit einziger Dedicator zu seyn.

Izo sollte ich mich als ein solcher, des Rechts bedienen, Eurer Herrlichkeit ein Verzeichniß Dero eigenen hohen Tugenden, und Verdienste zu übergeben, und mich zu gleicher Zeit unwillig bezeigen, Dero Bescheidenheit dadurch zu verlezen. Vornemlich sollte ich Dero großmüthige Freygebigkeit gegen diejenigen anpreisen, welche bey ihren vortreflichen Talenten dennoch nicht viel zum Besten haben, und unter der Hand Denenselben deutlich zu verstehen geben, daß ich mich selbst hiemit meynete. In der That war ich auch eben im Begrieffe diesen gewohnten Weg einzuschlagen, und zu dem Ende hin, etwa ein paar hundert Zueignungs-Schriften zu durchlesen, um mir daraus eine gute Anzal von allerley Lobsprüchen abzuschreiben, damit ich selbige Eurer Herrlichkeit beylegen könnte. Allein ein gewisser Zufall hat mich davon abgehalten: Denn als ich von ungefehr [30] meine Augen auf den Umschlag gegenwärtiger Schriften richtete, sah ich, daß mit grossen Buchstaben die Worte darauf stuhnden, DETUR DIGNISSIMO; welche so viel ich merken konnte, etwas sehr wichtiges bedeuten mußten. Allein da wolte das Unglük, daß keiner von meinen Autoren Latein verstand, obschon ich ihnen für Uebersezungen aus dieser Sprache, öfters Gelts genung bezale: Hiedurch ward ich genöthigt, zum Pfarrer unsers Kirchspieles zu gehen, welcher die Worte also übersezte: Dem Würdigsten; mit der Erklärung, die Meynung des Verfassers wäre, daß sein Werk dem verständigsten, gelehrtesten, scharfsinnigsten, beredtesten, und klügsten Mann dieser Zeit sollte zugeeignet werden. Ich meldete mich bey einem Poeten der für mich arbeitet, und nicht weit davon in einem engen Gäßgen wohnet, zeigte ihm die Uebersezung und fragte ihn um seine Meinung, wen wol der Verfasser durch die angeführten Worte verstehen müsse?

Nachdem dieser sich ein wenig bedacht, sagte er; daß obschon er jederzeit ein geschworener Feind von der Eitelkeit gewesen, so könnte er doch aus der Beschreibung nichts anders sehen, als daß Er die Person wäre, auf welche der Verfasser zielete; und zugleich erbot er sich, mir umsonst eine Zueignungs-Schrift an Sich Selbst zu verfertigen. Ich ersuchte ihn, dessen ungeachtet, noch einmal zu rathen. Ey, sprach er hierauf, entweder ich bin es, oder der Lord Sommers. Von dar begab ich mich zu verschiedenen andern Gelehrten, die ich kannte, wiewol nicht sonder [31] grosse Gefahr und viele Beschwerlichkeiten, angesehen ich sehr viele hohe und finstere Wendeltreppen zu ihnen hinan steigen mußte. Allein es war aller Orten die gleiche Historie. Sie sagten mir alle, entweder Sie Selbst wären gemeynet, oder Eure Herrlichkeit. Nun muß ich Eurer Herrlichkeit sagen, daß dieses nicht meine eigene Erfindung war, sondern daß ich so zu Werke gieng, weil ich irgendwo gehöret habe, es sey eine Grundregel, daß der, welchem jedermann die zweite Stelle einräumet, das sicherste Recht zu der ersten habe.

Dieß überzeugte mich also gänzlich, daß Sie die Person wären, welche von dem Verfasser angedeutet würde; weil ich aber in dem Styl und der Art, wie Zueignungsschriften müssen geschrieben werden, ganz unerfahren bin, so ersuchte ich diese vorgedachten geschikte Köpfe mir mit guten Gedanken und Materialien an die Hand zu gehen, damit ich die hohen Verdienste und Tugenden Eurer Herrlichkeit nach Würden erheben könnte.

In zween Tagen brachten sie mir derselben wol zehn Bogen voll. Sie schworen hoch und theuer, daß sie alles zusammen geraft hätten, was ein Socrates, Aristides, Epaminondas, Cato, Tullius, und andere dergleichen harte Nammen auf die ich mich nicht mehr besinne, preiswürdiges an sich gehabt. Inzwischen habe ich Ursach zu glauben, daß sie sich meine Unwissenheit zu Nuze gemachet. Denn da ich ihre Sammlungen durchlas, fand ich darinn nicht eine Sylbe anders, als was ich, und alle Welt längst eben so [32] gut wußten als sie. Daher ich gar sehr einen Betrug vermuthe, und daß diese meine Autores, alles was sie von Eurer Herrlichkeit gemeldet, bloß dem gemeinen Gerüchte abgestolen, und dasselbe copiert haben; dergestalt, daß ich mich um fünfzig Schillinge ärmer ansehen kan, ohne von der Ausgabe den geringsten Vortheil zu ziehen.

Wenn ich mit Veränderung des Titels (wie schon viele vor mir gethan) die nämlichen Materialien zu einer andern Zueignungsschrift gebrauchen könnte, so dürfte ich endlich meines Schadens wieder einkommen. Allein ich habe verschiedene Personen in diese Papiere hier und dar hinein guken lassen; und kaum daß sie drey Zeilen gelesen, so versicherten sie mich alle einmüthig, daß diese Sachen wol auf niemand anders als Eure Herrlichkeit können angewendet werden.

Ich erwartete in der That, daß ich etwas darinne finden würde von Eurer Herrlichkeit Heldenmuth bey Anführung einer Armee, von dero Dapferkeit bey Bestürmung eines festen Plazes, oder Ersteigung eines Walles, oder daß Eurer Herrlichkeit hohe Herkunft in gerader Linie aus dem Hause Oesterreich hergeleitet würde: oder daß diese Herren Dero vortrefliche Talente in Ansehung des Puzes, und der Kunst zu danzen anpriesen: oder auch etwas von Dero tiefen Einsichten in der Algeber, Methaphysik, und den Orientalischen Sprachen, etc. Daß ich aber die Welt mit der längst abgedroschenen Historie von Eurer Herrlichkeit [33] hohem Verstande, Beredsamkeit, Gelehrsamkeit, Weisheit, Gerechtigkeit, Höflichkeit, Aufrichtigkeit, Beständigkeit in allen Zufällen dieses Lebens; wie nicht weniger von Dero besondern Einsicht, wahre Verdienste zu erkennen und Deroselben Fertigkeit, sie gütigst zu belohnen, samt anderm dergleichen Topikmäßigen Zeuge mehr, behelligen sollte; dazu bekenne ich, habe ich weder Muthes genung, noch läßt es mir mein Gewissen zu, indem würklich keine einzige weder Standes- noch Privat-Tugend kann genennet werden, wovon Eure Herrlichkeit nicht Gelegenheit gehabt, die vortreflichsten Proben an den Tag zu legen; und diejenigen wenigen, welche sonst wegen Mangel des Anlasses sie auszuüben, verborgen, und ihren Freunden unbekannt würden geblieben seyn, haben zulezt noch ihre Feinde ans Licht gebracht.

Es würde mir in der That sehr leid seyn, wenn ein so scheinendes Exempel von Eurer Herrlichkeit hohen Tugenden nicht auf die Nachwelt kommen sollte; und dieses zwar, so wol ihrer, als Eurer Herrlichkeit wegen. Vornemlich aber weil dieselben so sehr nothwendig seyn werden, die Geschichte der lezten Regierung auszuzieren.[8] Doch eben diese Betrachtung macht, das ich lieber davon schweige; indem mich verständige Leute versichert haben, daß kein guter Geschichtschreiber seine Charakter aus den Zueignungschriften, sowie dieselben [34] nun einige Jahre her beschaffen sind, entlehnen werde.

Ein Punkt ist inzwischen, darüber wir Zueigner nach meiner geringen Einsicht, wol thäten, wenn wir unsere gewohnte Maaßregeln ein wenig abänderten. Wir dürften nämlich, wie mich bedunkt, anstatt die Freygebigkeit unserer Mäcenaten so gar weitläuftig anzupreisen, wol auch ein par Worte verlieren, ihre Gedult zu bewundern. Ich meines Orts kann Eurer Herrlichkeit wol kein besseres Compliment machen, als daß ich Denenselben hiemit eine so vortrefliche Gelegenheit an die Hand gebe, diese Tugend gegenwärtig auszuüben; obschon ich vermuthlich Eurer Herrlichkeit Verdienste in diesem Stüke zu vergrössern schlecht im Stande seyn werde, angesehen Dieselben schon ehmals viele verdrüßliche und öfters nicht wichtigere Reden, als diese Zueignungs-Schrift seyn mag, anzuhören[9] gewohnt gewesen, und daher desto bereitwilliger seyn werden, dieselbe nicht ungnädig aufzunehmen, zumal da sie von demjenigen herkömmt, welcher jederzeit mit tiefester Ehrfurcht und Hochachtung verbleibet

Milord!
Eurer Herrlichkeit,
Unterthänigster Diener     
der Verleger. 


[35]
Der Verleger an den Leser.

Es sind nun sechs Jahre, seit dem mir diese Schriften in die Hände gekommen, nachdem sie wie es scheinet, ungefehr ein Jahr zuvor waren geschrieben worden. Denn der Verfasser sagt uns in der Vorrede zu seinem Werke, daß er es auf das Jahr 1697, verfertiget habe, und aus verschiedenen andern Stellen so wol dieses als des darauf folgenden Discurses erhellet ebenfalls, daß dasselbe um diese Zeit müsse geschrieben worden seyn.

Was den Verfasser betrift, so kann ich nicht viel zuverläßiges von ihm melden. Nur so viel hat man mich glaubwürdig berichtet, daß er von dieser Ausgabe seiner Schriften nichts weiß: Denn er schäzet seine Handschrift für verloren, nachdem er sie einer Person geliehen, die hernach gestorben, worauf er sie niemals wider zu Gesichte bekommen habe; also daß man wahrscheinlich niemals wird wissen können, ob er die lezte Hand an sein Werk geleget, oder ob er noch Willens gewesen, die hin und wieder darinn vorkommende Lüken auszufüllen.

Wenn ich dem Leser erzehlen sollte, durch was für einen Zufall ich zum Besiz dieses Werkes gelanget bin, so dürfte die heutige ungläubige Welt wol nicht mehr davon halten, als von dem, was die Krämer ihren Kundsleuten vorzuschwäzen pflegen. [36] Daher ich dem Leser so wol, als mir selbst diese unnöthige Mühe sehr gerne ersparen will. Inzwischen bleibt immer die Frage übrig, warum ich dieses Werk nicht eher herausgegeben habe? Es ist solches um zweyer Ursachen willen geschehen. Denn erstlich glaubte ich, daß ich diese Zeit über mit andern Büchern mehr gewinnen konnte; und zweytens hofte ich stets den Verfasser in Erfahrung zu bringen, und Anleitungen von ihm zu bekommen. Man hat mich aber unlängst mit der Nachricht erschreket,[10] daß eine unterschobene Abschrift auf dem Wege sey, die ein gewisser wiziger Kopf unsrer Zeit neu ausgepuzt und verbessert, oder wie unsere heutigen Scribenten sich ausdrüken, nach dem Geschmake der gegenwärtigen Zeit, eingerichtet habe, wie sie bereits mit einem Don Quichote, Boccalini, la Bruyere Und andern Verfassern, sehr glüklich auch gethan. So artig indessen solche Erfindungen sind, so habe ich dennoch geglaubt, es sey redlicher gefochten, wenn ich der Welt das Buch lieber in seinen puris naturalibus übergebe. Sollte jemand belieben mir zur Erklärung der schweren Stellen desselben einen Schlüssel zu verschafen, so würde ich solche Dienstgefälligkeit mit geziemendem Dank erkennen, und denselben absonderlich druken lassen.


[37]
Zuschrift
an Se. Königliche Hoheit den Prinzen
Nachwelt.[11][12]

Eurer Königl. Hoheit übergebe ich hiemit die Früchte einiger weniger müssigen Stunden, welche ich meinen häufigen Verrichtungen, und einem Amte welches von dergleichen Zeitvertreib sehr weit entfernet ist, abgestolen habe. Es sind dieselben geringe Würkungen derjenigen verdrüßlichen Zeit, welche mir bey dem so langen Aufschube des Parlaments, bey den an Neuigkeiten aus fremden Ländern so sehr unfruchtbaren Zeitungen, und bey [38] dem langweiligen regnerischen Wetter recht sehr beschwerlich gewesen. Um welcher und anderer Ursachen willen, denn auch nicht anders seyn kann, als daß sie den hohen Schuz Eurer Königl. Hoheit zum höchsten verdienen müssen, als Deren unzehlige Tugenden bey einem so zarten Alter der Welt die versicherte Hoffnung geben, es werden Eure Königl. Hoheit allen Prinzen zu einem vortreflichen Muster werden. Denn da Eure Königl. Hoheit izo noch kaum die Wiege verlassen, und dennoch schon die ganze gelehrte Welt mit der allertiefsten Erniedrigung an Dero künftigen Ausspruch appellieret, indem das Schiksal Sie einzig und allein zum Schiedrichter über die sinnreichen Schriften dieses gegenwärtigen politen und vollkommenen Weltalters verordnet hat; so bedünkt mich, daß die häufige Anzal der Apellanten allein im Stande wäre, jeden andern Richter von geringerer Fähigkeit, als Eure Königl. Hoheit besizen, zu schreken und stuzen zu machen. Inzwischen scheinet es als ob man Eure Königl. Hoheit an dergleichen ruhmvollen Entscheidungen hintern wolle; denn wie ich vernommen, so ist die Person welcher man Dero hohe Auferziehung anvertrauet hat, entschlossen, Eure Königl. Hoheit in einer gänzlichen Unwissenheit unserer gelehrten Werke zu unterhalten, obschon Ihnen die Untersuchung derselben erblich zugehöret.

Ich muß aber wahrhaftig erstaunen, daß diese Person die Kühnheit besizet, Eure Königl. Hoheit vor dem Angesicht der Sonne bereden zu wollen, daß unser Zeitalter bey nahe ganz [39] und gar ungelehrt sey, und über welche Materie es sey, kaum einen einzigen Scribenten aufzuweisen habe. Ich bin zwar versichert, daß Eure Königl. Hoheit wenn Sie dereinst zu reifern Jahren gelangen, und die Gelehrsamkeit der ältesten Zeiten werden untersuchet haben, viel zu lernbegierig seyn werden, als daß Sie nicht auch von den Gelehrten des nächst vorgehenden Alters Nachricht einziehen sollten. Allein wenn ich bedenke, daß dieser Hochmüthige nach dem Verzeichniß welches er Eurer Königl. Hoheit übergeben wird, dieselben auf eine so gar geringe und verächtliche Anzal einzuschränken bemühet ist, daß ich mich ihrer schäme, so erreget dieses meinen Eifer, und meine Galle, für die Ehre und das Interesse unserer blühenden Gesellschaft so wol, als für mich selbst, gegen den Er, wie ich aus langer Erfahrung weiß, stets einen besondern Groll geäussert und diese tükische Bosheit noch immer fort im Herzen behält.

Es ist zu vermuthen, daß Eure Königl. Hoheit wenn Sie dereinst dasjenige was ich izo schreibe, lesen werden, mit Dero Hofmeister in Absicht auf meine gegenwärtige Nachrichten, wol einen Streit haben, und ihm befehlen werden, daß er Ihnen einige unserer Werke vorweise; worauf er gewiß, (denn ich kenne seine Absichten nur gar zu gut) Eure Königl. Hoheit zur Antwort fragen wird, wo diese Werke denn wären? und was daraus geworden? Ja er wird wol gar als eine ausgemachte Sache behaupten dürfen, sie wären gar niemals in der Welt gewesen, weil [40] sie dennzumal nirgends zu finden seyn werden. Hilf Himmel! wer hat sie denn entführet? Sind sie in den Abgrund versunken? Es ist doch unstreitig, daß sie ihrer Natur nach, leicht genung waren, für ewig auf der Oberfläche zu schwimmen. Die Schuld ist also an niemand anders als demjenigen, der ihnen so schwere Gewichte an die Füsse gebunden, daß sie bis auf das Centrum herunter gezogen worden: Ist ihr Wesen zerstöret? Wer hat sie zernichtet? Sind sie durch Purganzen ersäufet, oder durch Tabakspfeifen gemärtert worden? Wer hat sie dargeboten den H- - - - etc.? Doch damit Eure Königl. Hoheit nicht länger zweifeln müssen, wer der Urheber dieser allgemeinen Zerstörung sey, so ersuche ich Dieselben, nur die grosse und erschrekliche Sense zu betrachten, welche Dero Hofmeister stets mit sich zu führen pfleget. Belieben Sie nebst diesem, die Länge, und Stärke, und Schärfe seiner Nägel und Zäne zu beobachten, und bemerken endlich, was für ein abscheulich stinkender, Leben und Wesen vergiftender und zerstörender Odem aus seinem Munde gehet; und sagen alsdenn, ob wol irgend eine schwache sterbliche Dinte und Papier vermögend seyn sollen, einem solchen Feinde gehörigen Widerstand zu thun? O daß doch Eure Königl. Hoheit sich einmal entschliessen wollten, diesen tirannischen, und mit einer so gräßlichen Rüstung versehenen Hofmeister zu entwafnen, und Dero allerhöchste Herrschaft in völlige Freyheit zu sezen!

Ich würde nicht fertig werden, wenn ich Eurer Königl. Hoheit alle die Streiche erzehlen [41] wollte, welche Dero tirannischer und lauter Verderben athmender Hofmeister anwendet, seinen Zwek zu erlangen. Sein alter eingesessener Groll wider die Schriften unserer Zeit, ist so groß, daß man selbst von etlich tausend Büchern die jährlich in dieser Hauptstadt heraus kommen, nicht das geringste mehr höret, nachdem die Sonne ihren Lauf nur einmal vollendet hat. Unglükselige Kinder! Eine Menge derselben wird grausamer Weise umgebracht, noch ehe sie so viel von ihrer Muttersprache gelernet, daß sie um Erbarmung flehen könnten. Einige erstiket er in der Wiege; andere erschreket er, daß sie Convulsionen bekommen, daran sie augenbliklich sterben: einige schindet er lebendig; andern reisset er ein Glied nach dem andern ab; sehr viele opfert er dem Moloch auf, und die übrigen steket er mit seinem giftigen Odem an, daß sie sich selbst nach und nach verzehren und endlich sterben.

Was mir aber am meisten am Herzen lieget, ist der unglükselige Zustand unserer Poeten; in deren Namen ich nächstens eine demüthige Bittschrift an Eure Königl. Hoheit zu schreiben gedenke, die von hundert und sechs und dreyßig der vornehmsten Dichter unterzeichnet seyn soll, deren unsterbliche Werke wol nimmer für Dero Augen kommen werden, obschon jeder derselben in gegenwärtiger Zeit sich um den poetischen Lorbeer demüthigst und mit dem grösten Eifer bemühet, und zum Behufe seines Anspruches darauf, recht hübsche und dike Bände vorweisen kann. Den Werken dieser berühmten Männer, welche alle die Unsterblichkeit [42] verdienen, hat Dero ungerechter Hofmeister den gewissen Tod geschworen; und denn müssen Eure Königl. Hoheit beredet werden, als ob unser Alter niemals die Ehre erlangen mögen, einen einzigen Poeten hervorzubringen.

Wir gestehen, daß die Unsterblichkeit eine grosse und mächtige Göttin ist, allein umsonst werden wir ihr unsere Gebete und Opfer bringen, so lange Eurer Königl. Hoheit Hofmeister, welcher sich selbst zum Priester aufgeworfen hat, aus einem ungemessenen Hochmuth und Geiz sie alle unterschlägt und auffrisset.

Unser Alter für überall unwissend auszugeben, und sagen, daß solches gar keine Scribenten von was Art es sey, aufweisen könne, scheinet mir ein so sehr falscher und verwegener Saz zu seyn, daß ich zuweilen auf die Gedanken gerathen bin, das Gegentheil liesse sich durch einen mathematischen Beweis unwidersprechlich darthun. Es ist zwar in der That nicht zu läugnen, daß ohschon ihre Anzal erstaunend, und die Menge ihrer Schriften nach Proportion eben so groß ist, sie dennoch von dem öffentlichen Schauplaz so sehr geschwind wieder weggestossen werden, daß sie nicht den geringsten Eindruk auf unser Gedächtniß machen, ja daß wir sie kaum einmal erbliken können. Ich hatte mir Anfangs da ich an diese Zuschrift gedachte, vorgenommen, Eurer Königl. Hoheit ein weitläuftiges Verzeichniß von neuen Büchern vorzuweisen, und dadurch die Wahrheit dessen was ich hier sage, unwidersprechlich darzuthun. Ich [43] sah die Titel derselben an den Thüren der Buchläden, und an den Eken der Gassen ganz frisch angeheftet. Allein da ich einige wenige Stunden hernach wieder zurük kam und mir solche aufzeichnen wollte, waren sie bereits alle wieder abgerissen, und an ihrer Stelle andere zu sehen. Ich fragte ihnen bey den Buchhändlern, und Bücherlesern nach, allein umsonst; sie waren nicht mehr, und ihr Ort ward nirgends gefunden; ja man lachte mir noch hönisch ins Gesicht, als ob ich ein Landjunker und Pedant wäre, der weder Artigkeit noch Geschmak besässe, sehr wenig von dem gegenwärtigen Laufe der Sachen verstühnde, und nicht wußte was in der Stadt vorgieng, also daß ich Eurer Königl. Hoheit nur so viel sagen kann, daß wir überhaupt einen Ueberfluß an Wiz und Gelehrsamkeit besizen; mich aber darüber in Particularitäten einzulassen, und diese Dinge da oder dort bestimmt zu zeigen, ist etwas das meine geringe Kräfte übersteiget. Wie, wenn ich mir die Freyheit nehmen sollte, Eurer Königl. Hoheit an einem stürmischen Tage zu sagen, daß sich nahe bey dem Horizont eine grosse Wolke in Gestalt eines Bäres, und gegen das Zenith eine andere in Gestalt eines Eselkopfs, und gegen Abend noch eine andere in Gestalt eines Drachen mit seinen Klauen darstellete, und Eure Königl. Hoheit alsdenn nach etlichen Minuten sich die Mühe gäben, solches zu untersuchen, so ist gewiß, daß alle diese Wolken ihre Gestalt und Stellung schon würden verändert haben; es würden neue entstanden seyn, und alles was sie mir eingestehen könnten, wurde dieses seyn, daß in der That Wolken vorhanden wären, daß [44] ich mich aber in Ansehung der Zoographie, und Topographie derselben gar sehr betrogen hätte.

Vielleicht aber wird Eurer Königl. Hoheit Hofmeister immer fortfahren und fragen, was denn aus denen unzehligen Ballen Papier geworden sey, welche man zu einer solchen Menge Bücher verbraucht habe? Ob diese ebenfalls zernichtet worden? Und zwar so sehr geschwinde als ich vorgebe? Was soll ich auf einen so verhaßten Einwurf antworten? Eure Königl. Hoheit sind allzuweit von mir entfernet, als ich Sie, hievon ein Augenzeug zu werden, zu den Caminen, Oefen, papiernen Fenstern in gewissen schändlichen Häusern, und an andere heimliche Oerter hinweisen sollte. Es geht den Büchern würklich wie den Menschen, ihren Verfassern. Sie haben nur einen Weg in die Welt zu kommen, aber viele tausend hinauszugehen, um nicht wieder zurüke zu kommen.

Ich darf Eure Königl. Hoheit auf meine Ehre versichern, daß dasjenige so ich izo sagen werde, in der Minute da ich es niedergeschrieben, im eigentlichen Verstande die reine Wahrheit gewesen, denn für die Veränderungen welche es auszustehen haben möchte ehe es Eure Königl. Hoheit zu lesen bekommen, kann ich unmöglich gut sagen. Inzwischen bitte ich unterthänig solches als eine Probe unserer Gelehrsamkeit, unsers Wizes, und unsers Geschmakes anzunehmen.

Eure Königl. Hoheit können sich nämlich auf mein Wort hin sicher darauf verlassen, daß [45] izt gegenwärtig ein gewisser Poet, Nammens John Dryden, sich würklich am Leben befindet, dessen Uebersezung eines alten[13] Dichters unlängst in groß Folio gedrükt, und schön eingebunden, zum Verkaufe ausgeleget worden, und welche, wenn man sich Mühe gäbe, fleißig nachzusuchen, (wie ich beglaubt bin) würklich noch dato anzutrefen seyn möchte. Ferner, ein anderer, Nahum Tate[WS 20] mit Nammen, der es mit einem Eid zu bekräftigen erbötig ist, daß er viele Riesen voll Verse habe druken lassen, wovon er selbst so wol als sein Verleger auf rechtsförmiges Ansuchen, noch stets gute authentische Abschriften aufzuweisen im Stand ist, und sich daher wundert, warum die Leute so böse seyn, und ein solch Geheimniß daraus machen mögen. Noch einer ist unter dem Nammen Thomas Dürfey[WS 21] bekannt; ein Poet von einem sehr ausgedehneten Verstande, ein Universalgenie und von einer Gelehrsamkeit die ihres gleichen nicht hat. Weiter haben wir, auch zween grosse Kunstrichter, einen Herrn Rymer,[WS 22] und den Herrn Dennis.[WS 23] Ingleichen einen Autor der sich D. Bentley heißt, welcher ein Buch von bey nahe tausend Seiten,[14] mit einer unermeßlichen Gelehrsamkeit angefüllet hat, um uns eine vollständige und wahrhafte Nachricht von einem gewissen höchstwichtigen Streit zwischen ihm und einem Buchhändler zu geben. Dieser Scribent besizet ungemein viel Wiz und Munterkeit: und niemand [46] kann wol ärtiger und sinnreicher scherzen als er. Ferner bezeuge ich Eurer Königl. Hoheit hiemit feyerlich, daß ich die Person des Herrn Wilhelm Wottons mit diesen meinen sündlichen Augen gesehen habe, welcher ein Buch[15] von ansehnlicher Grösse wider einen Freund[16] des Hofmeisters Eurer Königl. Hoheit geschrieben hat; daher er sich leider! eben auch nicht viel gutes von ihm versprechen darf. Es ist dasselbe in einem recht Edelmännischen, über die Massen höflichen und sittsamen Styl abgefasset, voll neuer und nüzlicher Erfindungen, und hiernächst mit so beissenden und schiklichen Einfällen ausgezieret, daß er seinem Freunde dem vorgemeldeten Herrn D. Bentley billig zur Seite stehet.

Doch ich will nicht mehrere Exempel anführen. Die billigen und verdienten Lobsprüche welche ich den Gelehrten geben müßte, welche mit mir zu einer Zeit leben, würden ein ganzes Buch anfüllen. Dieses Recht werde ich ihnen in einem besondern weitläuftigen Werke widerfahren lassen, darinn ich von allen unsern izt lebenden geschikten Köpfen umständliche Nachricht zu ertheilen gedenke. Ihre Personen werde ich daselbst weitläuftig und in Lebensgrösse, ihre Genien aber und Verstandeskräfte en mignature vorstellen.

Inzwischen erkühne ich mich, Eurer Königl. Hoheit hier einen getreuen Auszug von [47] allen und jeden Künsten und Wissenschaften zu überreichen, welchen ich gänzlich zu Dero Dienste und Unterricht bestimmet habe. Ich zweifle auch keineswegs, es werden Eure Königl. Hoheit denselben eben so fleißig lesen, und eben so grossen Nuzen daraus schöpfen, als vor ihnen viele andere junge Prinzen in Ansehung einer grossen Anzal Bücher gethan, welche zur[17] Erleichterung ihrer Studien geschrieben worden sind.

Daß Eure Königl. Hoheit wie an Jahren so auch an Weisheit und Tugend immer mehr und mehr zunehmen, und dereinst den Ruhm aller Dero Königl. Vorfahren verdunkeln mögen, ist der tägliche Wunsch und das Gebett dessen, der die Ehre hat zu seyn,

Eurer Königl. Hoheit

Decemb.
1697.

Unterthänigster etc. 


[48]
Vorrede.

Nachdem die wizigen Kopfe dieser gegenwärtigen Zeit so sehr zalreich und scharfsinnig geworden, so hat es das Ansehen, daß die Häupter der Kirche und des Staates anfangen, heftig darüber zu erschreken, und zu besorgen, es möchten diese Herren bey dem langen Frieden den wir geniessen, leicht Zeit und Weil finden, die Religion und die Regierung von ihren schwächern Seiten anzugreifen, und beyden gefährliche Hiebe anzubringen. Dieses zu verhintern, haben sie neulich viel Zeit und Nachdenkens auf gewisse Projekte gewendet, wodurch sie die starken und scharfschneidenden Waffen dieser Feinde unnüz machen, und sie von critisiren und raisonniren über so delicate Materien abhalten möchten. Nach langem sind sie über eines derselben einig geworden, dessen Ausführung aber viel Zeit und Mühe erfodert. Inzwischen da die Gefahr täglich anwächst, indem diese scharfsinnigen Köpfe stets frische und besorglich alle mit Dinte, Feder und Papier ausgerüstete Recrouten bekommen, woraus sie bey einer Stunde nach erhaltener Ordre, eine Menge Schmähschriften und andere feindselige Waffen verfertigen, und so zum würklichen Angrieffe bereit seyn können; so ward einmüthig geschlossen, es sey schlechterdings nothwendig, daß man sich eines geschwindern Mittels [49] so lange bediene, bis das grosse Projekt wovon ich Meldung gethan, zu seiner Reife gediehen wäre?

Als deswegen vor einigen Tagen ein grosser Ausschuß von der Gesellschaft darüber zu Rathe gieng, fand sich ein gewisser curieuser, scharfsinniger Kopf, der die wichtige Entdekung machte, daß die Seeleute wenn ihnen ein Wallfisch aufstiesse, die Gewohnheit hätten, demselben zur Kurzweil eine leere Tonne vorzuwerfen, um ihn dadurch abzuhalten, das Schiff selbst anzufallen. So gleich ward dieses als ein Geheimnißvolles Gleichniß angenommen, und erkläret. Durch den Wallfisch verstand man Hobbeses Leviathan,[WS 24] als welcher mit allen Staats- und Religions-Verfassungen, (von denen viele in der That leer, truken, eitel, schadhaft, hölzern, und zur Kurzweil recht bequem sind) spielet, und sie über den Haufen zu werfen suchet. Dieses ist der Leviathan von welchem man sagt, daß die furchtbaresten starken Geister unserer Zeit ihre Waffen entlehnen. Das in Gefahr schwebende Schiff ward leicht erkläret: Man verstand durch dasselbe wie von Alters her, den Staat. Die grosse Schwierigkeit aber war, was die Tonne bedeuten sollte? Nach langem Streit ward man eins, sie in eigentlichem Verstande zu nehmen, und damit diese heutige Leviathans mit Herumwerfung des Staates (der für sich selbst nur allzusehr wakelt) nicht immerfort ihre Kurzweil treiben, so ward erkennet, sie von diesem Spiel durch ein würkliches Mährgen von der Tonne abzuhalten. Man glaubte, ich wäre eben nicht ungeschikt hiezu, und dem zufolge [50] ward mir die Ehre erwiesen, daß ich die Sache ins Werk richten sollte.

In dieser Absicht allein stelle ich also gegenwärtige Schrift ans Licht, und hoffe, es werde dieselbe unsern sinnreichen Köpfen wol einige Monate lang zur Kurzweil dienen mögen, indessen daß unser grosses Werk im Stande seyn wird, von welchem ich dem G. Leser billig einige Nachricht ertheilen, und ihm von dem Geheimniß etwas weniges sehen lassen soll.

Man ist nämlich Willens eine grosse Academie aufzurichten, darinn für 9743. Personen Raum seyn soll; welches nach einer bescheidenen Rechnung sehr nahe die Zal der heutigen klugen Köpfe auf unsrer Insel austragen mag. Diese wird man in verschiedene Schulen eintheilen, wo sie diejenigen Studien fortsezen sollen, dafür sie am meisten Neigung haben. Der so dieß Werk unternihmet, wird selbst so bald möglich, eine umständliche Nachricht von der ganzen Einrichtung ans Licht stellen, wohin ich den Leser verweise, und izo nur kürzlich einige der vornehmsten Schulen auf dieser Academie anführen will. Sie sind folgende. Erstlich eine grosse Schule der Pederasten, welche Französische und Italiänische Lehrmeister hat. Die Schule zum Buchstabiren; ein sehr weitläuftiges Gebäude. Die Spiegelschule. Eine Schule zum Fluchen. Die Schule der Critiker. Die Salivationsschule. Eine Schule wo man auf Stekenpferden reiten lernet. Die Schule für die Poesie. Eine Schule wo man das Kriesel-Schlagen lernet. Die Schule der [51] Milzsucht. Die Spiel-Schule; samt vielen andern mehr. Man wird niemanden in diese Schulen aufnehmen, der nicht von zwo glaubwürdigen Personen ein Zeugniß aufweisen kann, daß er ein wiziger Kopf sey.

Doch wieder auf mein Vorhaben zu kommen. Ich verstehe ohne Ruhm zu melden sehr wol, was eigentlich zu einer Vorrede gehöret, wenn ich dieselbe nur eben also verfertigen könnte. Dreymal habe ich meine Einbildungskraft angestrenget, etwas das mein eigen wäre, zu erfinden, und dreymal ist sie leer wieder zurük gekommen, weil ich sie durch mein folgendes Werk gänzlich erschöpfet habe. Nicht so, meine Herren Brüder die neuern Scribenten: Diese sind glüklicher. Niemals werden sie eine Vorrede oder Zuschrift herausgeben, daß sie nicht gleich anfangs derselben, den Leser durch einen wizigen und alle Aufmerksamkeit anziehenden Einfall in Verwunderung sezen, und auf das folgende begierig machen. Von dieser Art war die Erfindung jenes vortreflichen Poeten, der, um nicht etwas gemeines zu sagen, sich selbst mit dem Scharfrichter, und seinen Patron mit dem Missethäter vergliech. Das war wol Insigne recens, indictum ore alieno.[WS 25] Da ich noch in meinem philosophischen Studio mit diesem vortreflichen und höchst nothwendigen Stük[18] der Gelehrsamkeit beschäftiget war, habe ich eine Menge solch auserlesener Stellen angetroffen; allein ich werde den Urhebern derselben die Unbill nicht anthun, sie von ihrem Ort wegzunehmen, und hieher zu versezen, [52] weil ich bemerket habe, daß wol keine Pflanze zärter ist, und die Versezung weniger ertragen mag, als ein nach neuer Mode sinnreicher Einfall. Es giebt nämlich Dinge die überaus artig und sinnreich sind, aber nur heute, oder frühe nüchtern, oder an einem gewissen Ort, oder gerade um Glok acht, oder bey einer Flasche Wein, oder nur wenn ein gewisser Herr sie vorbringt, oder früh Morgens im Sommer, die hingegen wenn man sie im geringsten versezet, oder nicht recht anwendet, so gleich zu nichts werden; also daß der Wiz seinen besondern Kreis und Bann hat, welchen er nicht ein Haarbreit überschreiten darf, wenn er seinem Untergang entgehen will. Und diesen Mercurius haben unsere Neuern sehr wol zu figiren gewußt, indem sie ihn auf die Umstände der Zeit, des Orts und der Personen ordentlich einschränken. So giebt es z. Ex. Scherze, welche nicht ausser den Covent Garten[19] herauskommen dürfen, und andere die nirgend anders als unten in der Spize von Hide-Park[20] verständlich sind. Nun obgleich es mir öfters sehr nahe gehet, wenn ich bedenke, daß alle die wizigen Stellen, welche ich in meinem Werk anbringe, bey der ersten Veränderung gegenwärtiger Skene ganz aus der Mode kommen werden, so kann ich doch nicht anders als diesem Verfahren [53] Beyfall geben, massen es in der Billigkeit gegründet ist; denn ich kann eben nicht sehen, warum wir unsere Nachkommen mit wizigen Einfällen versehen sollen, nachdem unsere Vorfahren uns auch keine hinterlassen haben. Und dadurch lege ich nicht allein meine eigene Meinung an den Tag, sondern auch die Meinung der allerneuesten, und folglich die richtigste. Inzwischen da mir sehr angelegen ist, daß alle wolqualificirte Personen, welche sich des Geschmakes, der in diesem Monat August des iztlaufenden 1697sten Jahres regieret, bemeistert haben, bis auf den Grund alles des Erhabenen, so in meinem Werke anzutrefen ist, heruntersteigen mögen, so finde ich nöthig, nachfolgende Regel auszusezen: Jeder Leser, der die Gedanken eines Scribenten recht vollkommen einzusehen verlanget, kann wol nicht besser thun, als daß er sich selbst in diejenigen Umstände und Posituren seze, worinn der Scribent sich befunden, da gerade diese oder jene wichtige Stelle aus seiner Feder geflossen; denn dieses wird eine ungemeine Gleichheit und Uebereinstimmung der Gedanken in dem Verstande des Lesers und des Scribenten befodern. Und damit ich dem fleissigen Leser in einer so delicaten Materie, als viel die Kürze erlauben mag, an die Hand gehe, so erinnere ich mich noch, daß ich die sinnreichesten Stüke meines Werkes oben auf dem Dachboden im Bette erstudiret habe. Andere mal fand ich, (aus Ursachen, die mir selbst am besten bekannt sind) für gut, meine Erfindungskraft durch Hunger zu schärfen; überhaupt aber ist, das ganze Werk unter einem [54] Gebrauch vieler Arzneyen, und bey einem grossen Geldmangel angefangen, fortgesezet, und geendiget worden. Diesem zufolge behaupte ich, daß der Geehrte Leser mir bey einer Menge der zierlichsten Stellen, unmöglich wird folgen können, wenn er sich nicht belieben läßt, bey denen vorkommenden Schwierigkeiten sich nach der gegebenen Anweisung zu richten. Und das ist auch mein allervornehmstes Postulatum.

Nachdem ich mich erkläret habe, daß ich in allen Stüken ein demüthiger Diener des neuern Geschmakes bin, so befürchte ich, es werden mir wol einige von dieser sinnreichen Zunft zur Last legen, daß ich so weit in meiner Vorrede fortgefahren bin, ohne mich bisher nach alter Gewohnheit, über die Menge der Scribenten zu beklagen, über welche sich würklich eben diese ganze Menge derselben mit gröstem Recht beschweret. Wie ich denn so eben vom Durchlesen einiger hundert Vorreden komme, darinn die Verfasser gleich anfangs ihre Klagen über diesen ganz erschreklichen Mißbrauch dem geneigten Leser in den Schooß werfen, und wovon ich mir einige wenige bemerket habe, welche ich hier so gut mir mein Gedächtniß zu statten kommen wird, beysezen will.

Eine dieser Vorreden fängt sich also an:

Sich selbst zu einem Scribenten aufwerfen, zu einer Zeit, da die Pressen wimmeln von etc.

[55]
Eine andere:

Die Accise, welche man auf das Papier geleget hat, vermindern die Menge der Schmierer, welche die Leser täglich quälen, so gar nicht, daß etc.

Eine andere:

Nachdem die Sachen dahin gediehen, daß jeder Gernwiz die Feder ergreift, so ist es eine schlechte Ehre in den Bücherverzeichnissen zu stehen etc.

Eine andere:

     Mein Herr!

Es geschiehet bloß Dero Befehl nachzuleben, daß ich diese meine Schrift ans Licht stelle. Denn wer ohne eine geringere Ursach die häufige Anzal der heutigen Bücherschmierer vermehren wollte, der etc.

Nun habe ich gegen diesen Einwurf zu meiner Vertheidigung ein paar Worte zu sagen. Erstlich: Bin ich ganz und gar nicht der Meinung, daß die grosse Anzal der Scribenten, unserer Nation zum Nachtheil gereiche; wie ich denn würklich das Gegentheil bey verschiedenen Gelegenheiten in meinem Werke gründlich erwiesen habe. Hiernächst aber kann ich auch nicht sehen, wie sich ein solches Verfahren mit der Billigkeit reimen lasse, massen ich wahrgenommen, daß viele von diesen zierlichen Vorreden, nicht allein von einem und eben demselben Verfasser, sondern noch selbst von solchen herkommen, welche die gelehrte Welt mit ihren Werken am meisten überhäufen: [56] Bey welchem Anlaß ich dem geneigten Leser ein kleines Histörchen erzehlen muß.

Ein Marktschreyer in Leicesterfield hatte eine grosse Menge Zuschauer, worunter sich auch ein sehr diker unbehülflicher Mann befand, der von dem Gedräng fast erdrüket ward, und alle Augenblik schrie: Verflucht, was das für ein Gedräng ist! Plaz: machet doch ein wenig Plaz ihr Leute. Wo Henker kömmt denn die Menge Volkes her? Verfluchte Schelme die so drängen. Guter Freund, stosset doch nicht so mit euerm Ellbogen. Ein Leinenweber, der nächst dabey stand, konnte sich nicht länger halten: Daß euch der Henker hole, (sprach er) seyt ihr nicht ein dikes Vieh! Wer Teufel drukt denn mehr als ihr selbst? Sehet ihr nicht daß euer diker Ranzen hier, mehr Raum einnihmet als fünf andere? Ist denn der Plaz nicht so gut für uns andere als für euch? Ziehet euern ungeheuren Wanst ein, so wird für uns alle Raum genung seyn.

Es giebt gewisse allgemeine Privilegien für die Scribenten, welche verhoffentlich mir ebenfalls werden zugestanden werden. Vornehmlich dieses, daß wo man mich nicht verstehet, man versichert glauben soll, daß etwas nüzliches und tiefsinniges darunter verborgen steke. Ferner, daß alle die Wörter und Sentenzen, welche mit anderer Schrift gedrüket sind, als etwas ganz ausserordentliches, entweder im Erhabenen, oder Sinnreichen, anzusehen sind.

Was die Freyheit anlanget, deren ich mich zu bedienen für gut befunden, bey oder auch ohne [57] Anlaß mich selbst zuloben, so werde ich dieselbe wol nicht entschuldigen dörfen, dafern je das Ansehen vieler grosser Exempel die ich diesfalls vor mir habe, etwas gilt. Denn es ist hier zu bemerken, daß anfänglich das Lob, eine Pension war, welche die Welt auszalte. Allein die Neuern haben es unlängst als ein Freylehen an sich gekauft, weil sie gefunden, daß die Eincaßierung desselben zu mühsam und zu beschwerlich wäre. Seit dieser Zeit stehet das Presenations-Recht einzig bey uns selbst. Und daher kömmt es denn auch, daß ein Scribent der sich selbst lobet, sich eines gewissen Formulars bedienet, wodurch er sein erhaltenes Recht andeutet, und welches gemeiniglich in dem Ausdruk, ohne Ruhm zu melden, oder etwas dergleichen bestehet, welches meines Erachtens klar anzeiget, daß er einen actum justitiae, und wozu er ein Recht hat, ausübe. Nun will ich bey diesem Anlas ein für allemal erinnert haben, daß wo ich in meinem folgenden Werk etwas zu meinem Lob anführe, besagtes Formular allemal darunter müsse verstanden werden; ich sage es, damit ich dasselbe nicht bey jeder Gelegenheit wiederholen dürfe.

Was meinem Gewissen zu besonderer Beruhigung dienet, ist dieses, daß ich ein so nüzliches und wol ausgearbeitetes Werk zu Stande gebracht, ohne den geringsten satirischen Zug darein zu mischen. Es ist dieses der einzige Punkt, worinn ich die Freyheit genommen, von den vornehmsten Mustern unsrer Zeit und unsers Landes abzugehen. Ich habe wahrgenommen, daß einige Satiriker mit [58] der Welt nicht anders umgehen, als ein pedantischer Schulmeister mit einem bösen Knaben, dem die Hosen herunter gelassen sind, die Ruthe zu empfangen. Erst stellet er ihm sein Verbrechen vor; denn redet er ihm von der Nothwendigkeit der Strafe bey einem so grossen Muthwillen, und am Ende eines jeden Periode hauet er einmal zu. Nun wenn ich mich je etwas auf die Menschen verstehe, so dünket mich, daß diese Herren weit besser thäten, wenn sie mit ihren Vorstellungen und Züchtigungen zurükblieben. Denn in der ganzen Natur ist wol kein Glied so harthäutig und unempfindlich, wie der Hintere der Welt, ihr möget ihn mit Füssen stossen, oder mit Ruthen streichen. Nebst diesem scheinen auch viele unserer neuesten Satiriker in dem Vorurtheil zu stehen, daß weil die Nesseln stechen, so müsse alles andere Unkraut diese Eigenschaft ebenfalls haben. Ich mache diese Vergleichung gar nicht in der Absicht, diese würdigen Scribenten zu verkleinern, denn es ist bekannt, daß die Phythologisten insgesamt dem Unkraut den Vorzug vor allen andern Kräutern geben. Daher der erste Monarch[21] unserer Insel, welcher zu diesem feinen Geschmak und vortreflichen Urtheilskraft gelangen mögen, sehr weislich gehandelt, indem her die Rosen aus dem Ordensband wegschafte, und hingegen die Distel als die weit edlere Blume dafür hinsezte. Um welcher Ursach willen auch die besten Kenner [59] des Alterthums dafür halten, daß das satirische Jüken, welches in diesem Theil unsers Vaterlandes so sehr überhand nihmet, aus der Provinz Tweed[22] zu uns gekommen. Und hier müsse es auch immerhin blühen und zunehmen. Es müsse sich an die Verachtung der Welt eben so wenig kehren, und eben so ruhig und gleichgültig dagegen seyn, als unempfindlich die Welt gegen die Streiche desselben ist! Nimmer müssen sich diese Scribenten weder durch ihre eigene Dummheit, noch durch die Dummheit ihrer Partei abhalten lassen, stets fortzufahren! Nur belieben sie sich zu erinnern, daß es mit sinnreichen Köpfen dieselbe Beschaffenheit hat, wie mit Schärmessern, welche niemals eher schneiden, als wenn sie ihre Schärfe verloren. Nebst diesem sind diejenigen, welche mit ihren verdorbenen Zänen nicht mehr beissen können, am geschiktesten, diesen Mangel durch ihren Odem zu ersezen.

Ich bin nicht wie andere Leute, welche die Vollkommenheiten so sie nicht selbst erreichen mögen, beneiden. Daher ich für die grosse und vortrefliche Zunft unserer sinnreichen Scribenten eine wahre Hochachtung hege, und hiernächst der Hofnung lebe, es werden sich dieselben diese kleine Lobrede nicht mißfallen lassen, indem sie offenbar nur Sie allein zum Gegenstand hat. In der That hat die Natur selbst dafür gesorget, daß Ruhm und Ehre weit eher durch eine Satire kann erlanget werden, als durch irgend ein anders Werk unsers [60] Verstandes, indem die Welt weit eher durch Streiche dahin gebracht wird, das sie lobet, als durch Liebe. Ein alter Scribent wirft die Frage auf, warum die Zuschriften, und andere Arten von Schmeicheleyen, nur immer nach dem alten verschimmelten Leisten der Topischen Classen, ohne die geringste neue Erfindung zugeschnitten werden? nicht allein zum grösten Verdruß und Ekel des christlichen Lesers, sondern auch wol gar noch zur Erregung der Schlafsucht in unserm lieben Vaterlande; einer so sehr gefährlichen, und recht pestilenzialischen Krankheit: Da hingegen wenig satirische Schriften wären, welche nicht etwas neues enthielten; wovon man gemeiniglich die Schuld dem Mangel der Erfindungskraft derer beymisset, welche diese Schriften verfertigen. Allein da handelt man meines Bedunkens sehr unbillig, indem die Auflösung dieser Frage sehr leicht und natürlich ist. Es sind nämlich die Materialien zu einer Lobrede von sehr geringer Anzal, und schon längst erschöpfet. Denn gleich wie die Gesundheit nur ein Ding ist, und dasselbe stets unveränderlich bleibet, da es hingegen viele tausend Krankheiten giebt, und deren täglich noch immer mehr werden; also sind auch alle Tugenden, welche jemals bey den Menschen zu sehen waren, leicht an wenig Fingern abzuzehlen, ihre Thorheiten aber und Laster sind unzehlich, und werden noch immer durch neue Arten vermehret. Daher alles was ein armer Poet thun kann, dieses ist, daß er ein Verzeichniß der Haupttugenden auswendig lernet, und daß er dieselben seinem Helden oder Mecänaten, mit der grösten Freygebigkeit beyleget. Uebrigens mag er der Sache noch so [61] viele Wendungen geben, und noch so vielerley Brühen über sein Schweinfleisch machen, so merket der Leser doch gleich, daß es weiter nichts als Schweinfleisch ist. Die Kunst sich auszudrüken, kann sich nicht über die Gränzen unserer Gedanken hinaus erstreken, und wenn diese erschöpfet sind, so müssen es auch unsere Worte seyn.

Gesezt aber auch, daß die Materie zu den Lobreden würklich eben so fruchtbar wäre, als die Topik der Satiren, so würde es dennoch nicht schwer seyn, einen hinlänglichen Grund anzugeben, warum diese leztern stets besser aufgenommen werden, als die erstern. Denn da eine Lobrede auf einmal nur eine, oder doch nicht viele Personen zum Gegenstand hat, so muß sie bey denen, welche an diesem Segen keinen Antheil haben, nothwendig Neid, und böse Nachreden verursachen. Die Satire hingegen ist auf alle gerichtet, und wird daher von keinem übel genommen, weil sich jeder die Freyheit nimmt sie auf andere zu deuten, und den Theil der Bürde der ihm zugehöret, weislich auf die Schultern der ganzen Welt zuwelzen, welche breit genung sind, sie zu tragen. Ich habe daher öfters dem Unterscheid nachgedacht, der sich in diesem Stük zwischen England und dem alten Athen befindet. Zu Athen[23] hatte jeder Bürger und Poet die Freyheit, und ein angeerbtes Recht, die berühmtesten Männer, einen Creon z. Ex. einen Hyperbolus, Alcibiades, Demosthenes etc. nach Belieben zu schmähen, oder sie auch auf dem [62] Schauplaz mit Benennung ihrer Personen durchzuziehen. Hingegen wer das ganze Volk überhaupt, nur mit dem geringsten Wort beleydigte, der wurde den Augenblik gefangen gesezt, und gestrafet, wenn er auch noch so vornehm war, und noch so viele Verdienste hatte. Allein bey uns in England ist es gerade umgekehret. Denn da darf man auf die Leute überhaupt, ohne Gefahr und vor den Augen der ganzen Welt loß ziehen, und aller seiner Beredsamkeit den vollen Zügel schiessen lassen. Saget immer, daß alle Menschen ihren Weg verkehret daß keiner auf Erde sey, der gutes thue, auch nicht einer: Daß unsere Zeiten die Häfe und Grundsuppe der Welt seyen, daß Bosheit und Atheisterey wie anstekende Seuchen, um sich fressen, daß die Ehrbarkeit mit der Astraea entflohen, und was anders dergleichen eben so neues und zierliches Zeug das euch splendida bilis[WS 26] eingiebet, mehr seyn mag: Wenn die Rede zu Ende ist, so werden die Zuhörer insgesamt an statt sich beleidiget zu halten, euch vielmehr noch den verbindlichsten Dank abstatten, als einem Mann der die herrlichsten und nüzlichsten Wahrheiten geprediget habe. Noch mehr, ihr möget, wenn ihr nur die Lungen daran wenden wollet, von den Kanzeln im Covent-Garten ungescheut, wider das unnüze Geschwäz, wider die Hurerey und noch etwas anders schmälen. Zu Whitehall[24] könnet ihr wider den Hochmuth, die Falschheit und das Bestechen eifern. Ihr möget die Räubereyen und Ungerechtigkeiten in den verschiedenen Gerichtshöfen, an den [63] Pranger stellen, und eben so in den Stadtkirchen wider den Geiz, die Heucheley, und die Erpressung auf das härteste reden; alles dieses ist weiter nichts als ein Ball der hin und her geschmissen wird, da jeder Zuhörer mit einem Raquet versehen ist, womit er denselben sogleich wieder von sich weg auf andere zurükschlägt. Hingegen würde sich derjenige gewaltig betrügen, der sich einfallen liesse, öffentlich das geringste zu erwehnen, wie dieser oder jener eine halbe Flotte habe verhungern und den Rest vergiften lassen. Wie ein gewisser, zufolge eines rechtschaffenen Grundsazes von Liebe und Ehre keine andere Schulden bezahlet, als die er bey Huren und dem Spiele gemacht. Wie ein gewisser eine heimliche Krankheit geerbet, und sein Vermögen darauf gehen läßt. Wie Paris von der Juno[25] und Venus bestochen, auf seinem Richterstul schläft, als lange der Proceß dauert, weil er keine Partey gern erzürnen will. Oder wie dieser oder jener Sprecher im Rath nach mühsamem Nachdenken, lange Reden von wenig Vernunft und keinem Nuzen hält. Ich sage, wer es wagen sollte, sich so weit herauszulassen, der möchte sich als einer der das Verbrechen begangen, welches unsere Geseze Scandalum Magnatum nennen, auf das Gefängniß, oder auf ein Cartel, oder auf einen Injurienproceß nur gefaßt halten.

Doch ich vergesse, daß ich in eine Materie ausschweife, die mich nichts angehet, indem ich weder Talent noch Neigung habe Satiren zu schreiben. [64] Vielmehr bin ich mit dem gegenwärtigen Zustand der Sachen so überaus wol zu frieden, daß ich schon einige Jahre her Materialien zu einer Lobrede auf die ganze Welt sammle, welche ich mit einem zweyten Theil, unter dem Titel: Bescheidene Vertheidigung des Betragens des Pöbels zu allen Zeiten, zu vermehren gedenke. Ich war anfangs willens, beyde als einen Anhang diesem gegenwärtigen Tractat beyzufügen. Nachdem ich aber gesehen, daß meine Sammlungen viel langsamer anwachsen, als ich vermuthen konnte, so habe ich mich entschlossen, die Ausgabe derselben, auf eine andere Gelegenheit zu versparen. Zugleich hat mich auch ein gewisses Privatunglük daran verhintert, wovon ich dem geehrten Leser zwar billig, und nach der löblichen Gewohnheit unserer Neuern umständliche Nachricht ertheilen sollte; und das um so viel mehr, als sich dieses vortreflich wol schiken, und mir ungemein gut zu statten kommen würde, der Vorrede zu meinem Werke diejenige Ausdehnung zu geben, welche heut zu tage so beliebt ist, und die ordentlich um so viel grösser seyn muß, als kleiner das Buch ist. Allein ich will die Ungeduld des geehrten Lesers, beym Vorhofe nicht länger aufhalten, und nachdem sein Gemüth durch einen Präliminardiscurs gehöriger massen vorbereitet ist, so mache ich mir ein Vergnügen, ihn sogleich zu den hohen Geheimnissen selbst einzuführen, welche hier folgen.


[65]
Des
Mährgens von der Tonne
Erster Abschnitt.


Einleitung.

Wer gerne in einem grossen Gedränge gehöret seyn will, der muß drüken, drängen, stossen, und mit unabläßlicher Bemühung klettern, bis er sich selbst auf einen gewissen Grad der Höhe über dasselbe hinauf gearbeitet hat. Wir sehen nämlich, daß alle Versammlungen, so gedränge es immer zu gehen mag, unter sie hinein zu klemmen, die besondere Eigenschaft haben, daß über ihren Köpfen Raum genung ist. Allein dahin zu gelangen, das ist der Punkt; und es ist wol eben so schwer sich über den Pöbel zu erheben, als aus der Hölle zu steigen:

- - - Evadere ad auras
Hoc opus, hic labor est.
[WS 27]

Die Weise nun, deren sich die Philosophen aller Zeiten, zur Erlangung dieses Endzwekes bedienet, war diese, daß sie gewisse Gebäude in die [66] Luft aufgeführet haben. Allein so beliebt und gewöhnlich diese Art von Gebäuden ehemals gewesen, und noch heut zu Tage immer seyn mag, so glaube ich doch mit großgönstiger Erlaubniß, daß sie insgesamt, selbst den Korb des Socrates nicht ausgenommen, darinnen er sich, zum Behuffe seiner tiefsinnigen Betrachtungen aufhängen ließ, zweenen Hauptmängeln unterworfen sind. Denn erstlich, so sind dieselben auf ein so gar hohes Fundament aufgeführet, daß man sie öfters nicht sehen, und den Schall von daher niemals vernehmen mag. Und für das andere, ist die Materie woraus sie bestehen, so gar hinfällig, daß sie durch das veränderliche Wetter vornemlich in unsern nordwestlichen Ländern stets sehr vielen Schaden erlitten haben.

Es bleiben daher, so viel ich einzusehen vermag, mehr nicht als dreyerley Methoden übrig, wodurch dieß grosse Werk gehöriger massen kann zu Stande gebracht werden. Unsere Vorfahren haben dieses nach ihrer Weisheit sehr gut eingesehen, und deswegen zur Aufmunterung aller Ruhmbegierigen Abentheurer dienstlich erachtet, drey hölzerne Maschinen aufzurichten, welche denen so gern viel und ohne Widerspruch reden wollen, zu statten kommen sollten. Es sind solche die Kanzel, die Leiter,[26] und die Schaubühne. Denn was die Schranken vor den Gerichtssälen betrift, so kann man denselben, (ob schon sie von

[66a]

[67] gleicher Materie zubereitet, und zu gleichen Absichten gewidmet sind,) die Ehre diesen dreyen an die Seite gesezet zu werden, nicht zugestehen, weil sie so niedrig gestellet sind, daß einer der vor denselben redet, vor dem Widersprechen der Umstehenden niemals gesichert ist. Die Richterbank selbst, obschon sie ziemlich erhöhet ist, hat keinen bessern Anspruch darauf, was auch ihre Vertheidiger immer sagen mögen. Denn wenn sie belieben auf ihren ersten Ursprung zurük zu gehen; und dabey auf den Zwek ihrer Einsezung, und die Umstände, oder die zur Beförderung desselben angewendete Mittel, Achtung geben, so werden sie leicht erkennen, daß der Gebrauch welchen man heut zu Tage davon machet, mit der Absicht ihrer Einsezung sehr genau übereinkömmt; und daß beydes dem Sinn ihrer Benennung in der Phönizischen Sprach vollkommen entspricht. Das Wort ist nemlich daselbst von einer sehr nachdrüklichen Bedeutung und heißt nach dem buchstäblichen Verstand so viel, als der Ort wo man zu schlafen pfleget. Insgemein aber wird es für einen wol gepolsterten und weichen Ruhsiz für alte und kranke Glieder genommen.

Senes ut in otia tuta recedant. [WS 28]

Welche Belohnung ihnen auch das Glük von Rechtes wegen schuldig ist, angesehen es die Billigkeit erfodert, daß diejenigen, welche vormals lange geplaudert indem andere geschlafen, nun ebenfalls so lange schlafen als andere plaudern.

[68] Inzwischen wenn ich auch keine andere Ursache angeben könnte, warum ich die Richterbank und die Gerichts-Schranken von den Redner-Maschinen ausschliesse, so wäre diese genugsam, daß sie mir eine gewisse Zal verderben würden, welche ich mir beyzubehalten vorgenommen habe, es möchte auch kosten was es wollte. Und hierinn folge ich derjenigen klugen Methode vieler andern Weltweisen und angesehener Geistlichen, nach welcher sie sich haben angelegen seyn lassen, es in der Eintheilungskunst ihrer Schriften und Reden, so weit zu bringen, daß sie sich in eine gewisse lehrreiche und geheimnisvolle Zal ordentlich verliebet, und dieselbe durch ihre Einbildungskraft dergestalt geheiliget haben, daß sie der Vernunft selbst Gewalt anthun, damit dieselbe in der ganzen Natur statt finde, indem sie alle Geschlechter und Arten inner diese Gränzen einschliessen, und dazu gerecht machen; zu welchem Ende sie einige mit Gewalt zusammen binden, und andere die sich nicht ergeben wollen, eher ganz bey Seite sezen, als daß sie ihre geliebte Zal fahren liessen. Was mich anlanget, so ist die geheimnißreiche Zal Drey diejenige, über welche ich meine tiefsinnigsten Betrachtungen vornemlich angestellt, und auch allezeit ein ungemeines Vergnügen daraus geschöpfet habe. Wie ich denn würklich eine Schrift unter der Preß habe, welche nächstens unter dem Titel, Versuch einer Lobrede auf die Zal Drey, ans Licht treten wird, worinn ich durch die überzeugendesten Gründe nicht allein alle Sinnen und Elemente unter ihr Panner gebracht, sondern auch schon verschiedene [69] Gelehrte vermöcht haben, daß sie von ihren zwo grossen Rivalen, der Zal Sieben und Neun, zu ihr übergegangen sind.

Nun unter diesen Rednermaschinen ist die Kanzel so wol dem Range als der Würde nach, die erste. Es giebt derselben verschiedene Sorten auf dieser Insel: Allein ich gebe denjenigen den Vorzug vor allen, welche aus dem in Sylva Caledonia[27] gefällten Holz verfertiget werden. Je älter und wurmstichiger dasselbe ist, je besser ist es, so wol die Ausbreitung des Schalles zu befördern, als auch wegen andern Ursachen die ich bald anführen werde. Was ihre Gestalt und Grösse betrift, so halte ich dafür, ihre Vollkommenheit bestehe darinn, daß sie ganz eng sind, ohne einigen Zierrath, und welches das beste ist, ohne einige Deke, (denn nach einer alten Regel, soll die Kanzel das einzige unbedekte Gefässe seyn, in allen Zusammenkünften, wo dessen rechtmäßiger Gebrauch beybehalten wird,) wodurch denn erhalten wird, daß sie wegen ihrer besondern Aehnlichkeit mit dem Pranger stets einen starken Einfluß auf die Ohren haben werden.

Von der Leiter habe ich nicht nöthig etwas zu sagen. Die Ausländer selbst haben zur Ehre [70] unserer Nation angemerket, daß wir in der Kenntniß und dem Gebrauche dieser Maschine alle andere Völker übertrefen. Die Redner welche sich derselben bedienen, machen sich nicht nur ihre Zuhörer durch den angenehmen Vortrag ihrer Reden verbindlich, sondern sie erweisen auch noch der ganzen Welt eine Wolthat, durch die frühe und vorläuftige Herausgebung derselben. Ich sehe diese Reden in der That als den auserlesensten Schaz unserer Großbrittannischen Beredsamkeit an, und habe mit Vergnügen vernommen, daß der wakere Bürger und Buchhändler, Herr John Dunton,[WS 29] sie getreulich und mit vielem Fleiß in eine Sammlung gebracht, welche er nächstens in zwölf Bänden in Folio mit schönen Kupferstichen, herauszugehen gedenket. Ein sehr curieuses und nüzliches Werk, welches eines solchen Verlegers ganz würdig ist.

Die lezte Redner-Maschine ist die Schaubühne.[28] Welche sehr klüglich sub Jove pluvio, in triviis & quadriviis aufgerichtet wird. Sie ist die grosse Pflanzschul der beyden vorgehenden, und ihre Redner werden je nach dem Masse ihrer Verdienste bald zu der ersten bald zu der andern befödert, indem alle drey eine genaue und beständige Gemeinschaft miteinander unterhalten.

Aus dieser sorgfältigen Beschreibung ist klar, daß wer öffentlich angehöret seyn will, nothwendig über das Volk erhoben seyn muß. Obschon [71] aber dieses von jedermann zugestanden wird, so ist man doch wegen der Ursach darum es so seyn muß, gar nicht einig, und wenn ich es sagen darf, so bedünkt mich daß wenig Philosophen auf eine richtige und natürliche Auflösung dieser Erscheinung gefallen sind; die richtigste und best überlegte Erklärung welche ich angetrofen, ist wol diese: daß da die Lust ein schwerer, und folglich (nach dem System des Epicurs) ein stets niederdrükender Körper ist, so muß diese drükende Kraft derselben nothwendig desto grösser werden, wenn sie noch mit Wörtern beladen, und von denselben gedrüket wird, indem die Wörter ebenfalls Körper von grossem Gewicht und Schwere sind, wie aus dem tiefen Eindruk erhellet, welchen sie auf uns machen und zurüklassen: Daher sie von einer gehörigen Höhe herunter geredet werden müssen, wenn man haben will, daß sie ihren Zwek erreichen, und den gehörigen Nachdruk haben sollen.

Corpoream quoque enim vocem constare fatendum est,
Et sonitum, quoniam possunt impellere sensus.

 Lucret, lib. IV.[WS 30]

Und dieser Meinung trete ich auch um so viel williger bey, als eine gemeine Anmerkung sie sehr zu bekräftigen scheint: Ich habe nemlich wahrgenommen, daß bey den verschiedenen Versammlungen da diese Redner auftreten, die Natur selbst ihre Zuhörer lehret, mit aufgesperrten, und dem Horizont parallel gelegten Mäulern zu stehen, [72] so daß eine von dem Zenith gegen den Mittelpunkt der Erde gezogene Perpendicularlinie sie gerade durchschneiden würde; Auf diese Art trägt jeder Zuhörer wenn die Versammlung gedränge ist, sein Theil davon, und wenig oder nichts geht verloren.

Ich muß gestehen, daß unsere neuern Theater noch geschikter und besser angeleget sind. Denn erstlich ist das Parterre, zufolge der vorhin angeführten Gründen, niedriger als der Schauplaz; damit alle wichtige Materien, welche von dannen ausgeworfen werden, es sey Bley oder Gold, gerade herunter den Criticis (wie sie, deucht mich, heissen) in den Rachen falle, welche sie Angel weit aufgesperrt halten, um solche zu verschlingen. Hiernächst sind die Logen rund herum und in einer gleichen Höhe mit der Schaubühne gebauet: Dem Frauenzimmer zur Ehre; weil man wahrgenommen, daß diejenige reiche Quelle von Wiz, welche das Jüken und gewisse Protuberanzen zum Grund hat, bey nahe in gerader Linie fortgeht, und stets einen Cirkel beschreibet. Das Weinerliche, und kleine frostige Einfälle steigen wegen ihrer ausnehmenden Leichtigkeit von selbst auf die artigste Weise zu der mittelsten Abtheilung hinauf, woselbst sie erstarren, und wegen des kalten Verstandes der Zuschauer gänzlich erfrieren. Schwülstige und poßierliche Reden erheben sich wegen ihrer windigen leichten Natur unter allen am höchsten, und würden sich endlich unter dem Dache verlieren, wenn die kluge Vorsicht des Baumeisters es nicht vermittelt hätte, daß für sie noch ein vierter Plaz [73] wäre angeleget worden, die Groschengallerie genennet, woselbst sich eine geschikte Gesellschaft findet, welche diese Reden begierig auffänget.

Dies Physico-Logicalische System nun von den Rednerbehältnissen, ist über alle massen geheimnißreich, indem es ein Vorbild, ein Zeichen, Sinnbild, Schatten und Symbolum ist, welches eine genaue Aehnlichkeit mit der grossen Zunft der Scribenten, und derjenigen Mittel enthält, wodurch sie sich über die untere Welt empor schwingen müssen. Durch die Kanzel werden die Schriften unserer neuern Heiligen, in Großbrittannien vorgebildet, wie sie dieselben von der Hefe und den groben Schlaken der Sinnen und der Vernunft gereiniget und geläutert haben; die Materie derselben ist, wie schon gedacht, altes verfauletes Holz, und dieses zwar um zweyerley Ursachen willen. Erstlich weil das faule Holz die Eigenschaft besizet, daß es im Finstern leuchtet; und hiernächst weil es innwendig voll Würmer ist. Ein Vorbild von [29] gedoppelter Bedeutung. Denn es stellet beydes die zwo vornemsten Eigenschaften des Redners so wol, als auch das zweyfache Schiksal vor, welches seine Werke zugewarten haben.

Die Leiter ist ein sehr schikliches Sinnbild des Parteygeistes und der Poesie; welchen beyden [74] so viele grosse Männer ihren Ruhm zu danken haben. Des Parteygeistes, weil * * * * * * * * * * * * * Hiatus in Msc. * * * * * * * * * * * * * Der Poesie, weil diese Redner insgemein mit einem Liede ihre Reden zu beschliessen pflegen, und weil das Schiksal allemal nachdem sie ganz langsam hinauf gestiegen, sie ordentlich wieder abwirft, noch ehe sie bey vielen Stuffen den Gipfel erreichet haben; und endlich, weil man zu dieser Ehre gelanget, wenn man andern ihr Eigenthum entwendet, und das meum und tuum[WS 31] nicht genugsam unterscheidet.

Die Schaubühne stellet gar füglich die sinnreichen Schriften vor, welche zur Belustigung und zum Zeitvertreib in diesem trübseligen Leben, herausgegeben werden; dergleichen sind: Wiz für sechs Pfenninge. Westminsterische Schwänke. Lustige Historien. Kurzweilige Redner, und dergleichen. Wodurch die Scribenten von und für Grubstreet[WS 32], seit einigen Jahren über ihren Feind die Zeit so herrlich triumphiret, seine Flügel verschnitten, seine Nägel verkürzt, seine Zäne abgefeilet, sein Stundenglas umgeschmissen, seine Sense stumpf gemachet, und ihm die Zweken aus den Schuhen gerissen haben. Und in diese Classe nehme ich die Freyheit, auch meine gegenwärtige Schrift zu sezen, nachdem diese berühmte Gesellschaft mir unlängst die Ehre erwiesen hat, mich zu ihrem Mitglied anzunehmen.

[75] Nun weiß ich zur Genüge, wie viele Vorurtheile man diese Jahre her gegen die Schriften der berühmten Grubstreetischen Brüderschaft hat merken lassen, und welch unaufhörliche Mühe sich zwo jüngere ganz neu gebakene Gesellschaften gegeben haben, sie und ihre Scribenten lächerlich, und des hohen Ranges den sie sich in der gelehrten und sinnreichen Welt erworben haben, unwürdig darzustellen. Ihr eigen Gewissen wird ihnen leicht sagen, wen ich meyne. Und man muß auch die Welt nicht für eine so müssige Zuschauerin halten, daß sie nicht sollten bemerket haben, wie unabläßlich die Greshamische[WS 33] und Willische[30][WS 34] Gesellschaften bemühet sind, ihre Ehre und Ansehen auf den Ruin der unsern aufzubauen. Dieses schmerzet uns um so viel desto heftiger, da wir ein solches Verfahren nicht allein als höchst unbillig, sondern auch als ein recht undankbares, liebloses und unnatürliches Stük ansehen müssen. Denn wird es die Welt, oder werden sie selbst es wol jemals vergessen können, (nichts von unserm Akten-Buche zu sagen, welches so voll und so deutlich davon ist,) daß alle beyde nur Pflanzschulen sind, welche niemand als wir selbst gepflanzet, und niemand anders als wir selbst begossen haben?

Man hat mich berichtet, daß unsere zwo Rivalen sich unlängst erbotten haben, ihr Heil gegen uns mit vereinigten Kräften zu versuchen, und uns deswegen heraus fodern, die Bücher von beiden [76] Theilen, so wol dem Gewicht als der Menge nach, gegen einander zu vergleichen. Worauf ich mit Genehmhaltung unsers Presidenten zweyerley antworte: Erstlich behaupten wir, daß ihr Vorschlag demjenigen gleich sey, welchen Archimedes in einer geringern Sache gethan, und der eine Unmöglichkeit in sich schloß, bewerkstelliget zu werden. Denn wo wollen sie Wagschalen finden, die groß genung wären, für das erstere? Und wo Rechenmeister für das andere? Zweytens: Wir sind es zufrieden, das Cartel anzunehmen, allein mit der ausdrüklichen Bedingung, daß uns eine dritte unpartheyische Person gezeiget werde, auf deren Entscheid es allemal ankommen soll, welcher Gesellschaft jedes Buch, Tractat, oder was es seyn mag, am eigentlichsten zugehöre. Dieses ist eine Sache, welche, der Himmel weiß wenn, wird können entschieden werden. Denn wir sind würklich im Stande, ein Verzeichniß von etlich tausend Schriften aufzuweisen, zu welchen unsere Gesellschaft das offenbareste Recht hat, die aber dennoch von einigen rebellischen und neugebakenen Scribenten auf die treuloseste Weise unsern Feinden zugeschrieben werden. Es würde demnach unserer Klugheit nicht sehr zur Ehre gereichen, wenn wir zugäben, daß die Sache von den Verfassern selbst entschieden würde, nachdem unsere Feinde durch ihre heimliche Ränke, und listige Streiche es dahin zu spielen gewußt, daß auch unsere besten Freunde anfangen von Ferne zu treten, gleichsam, als ob sie sich unser schämeten.

[77] Dieses ist alles was mir über eine so unangenehme und betrübte Materie zu sagen erlaubet worden. Denn niemand hat weniger Lust, Oel in das Feuer zu schütten, bey einem Streit, dessen Fortsezung beyden Theilen so fatal seyn dürfte, als wir; vielmehr gehen unsere Wünsche dahin, daß alles in der Güte möchte beygeleget werden; ja wir erklären uns unserseits so gar, daß wir bereit sind, unsere zween ungerathene Söhne mit offenen Armen wieder aufzunehmen, so bald sie sich entschliessen können, von ihren Kleyen und Huren, (womit in Betrachtung ihrer gegenwärtigen Studien eigentlich gesagt werden kann, daß sie sich abgeben) wieder umzukehren, und daß wir ihnen gleich einem gütigen Vater unsere zärtliche Zuneigung fortsezen, und unsern Segen forthin ertheilen wollen.

Den grösten Stoß aber hat die allgemeine gute Aufnahm unserer Schriften, womit wir ehedem sind beehret worden, (nebst dem, daß alle irdische Dinge der Vergänglichkeit unterworfen sind) wol von nichts anderm erlitten, als von dem seichten Wesen vieler heutigen Leser, welche auf keine Weise können beredet werden, tiefer als bis auf die blossen Schalen und Oberfläche der Dinge hinein zu schauen. Die Weisheit aber ist ein Fuchs, welcher nach vielem Jagen, dennoch zulezt aus seinem Loche muß hervorgegraben werden. Sie ist ein Käse, der je besser er ist, je eine härtere Rinde hat, und wovon nach dem Urtheil der besten Kenner die Maden das beste sind. Sie ist ein [78] Sack-posset[31], welcher immer süsser wird, je tiefer man gegen dem Boden kömmt. Sie ist eine Henne, auf deren Gachsen wir Achtung geben, und es nicht gering schäzen müssen, weil es ein Zeichen ist, daß sie ein Ey geleget hat. Endlich ist sie auch eine Nuß, welche, so sie nicht mit einiger Sorgfalt ausgelesen wird, auch wol einen Zan kosten, und dann zur Belohnung eine Made anbieten mag. Nun diesen wichtigen Wahrheiten zufolge, haben sich die Weisen von Grubstreet jederzeit beflissen, ihre Lehren und Wissenschaften den Lesern unter den Vehiculis von Fabeln und Sinnbildern beyzubringen. Weil sie aber vielleicht mehr Zeit und Mühe angewendet, dieselben mit allerley Zierrathen auszuschmüken, als nöthig war, so ist es mit diesen Fahrzeugen gegangen wie es insgemein mit schönen gemahlten und vergoldten Wagen zu gehen pfleget, deren äusserlicher Zierrath die Augen vorbeygehender Zuschauer dermassen verblendet, und ihre Einbildung so sehr einnimmt, daß sie weder die Person welche darinn sizet bemerken, noch die vortreflichen Eigenschaften des Eigenthümers betrachten. Ein Unglük, darüber wir uns jedennoch um etwas trösten, weil wir es mit einem Pythagoras, Aesopus, Socrates und andern unserer Vorgänger gemein haben.

Damit aber dennoch weder das Publicum noch wir, in Zukunft, wegen solchen Mißhelligkeiten weiter etwas leiden dürfen, so habe ich mich auf [79] das ungestüme Ansuchen meiner guten Freunde endlich bewegen lassen, an einer mühsamen und vollständigen Dissertation über die vornemsten Werke unserer Gesellschaft zu arbeiten, darinn sie nebst den angebrachten äusserlichen Schönheiten, zum Besten nicht allzutief einsehender Leser, die allervollkommensten und ausgepuztesten Abrisse aller Künste und Wissenschaften gründlich verstekt, und tiefsinnigst verborgen haben. Wie ich denn hoffe, solches durch eine geschikte Entwiklung der Sachen klar an den Tag zu legen, und diese Geheimnisse entweder durch Pumpen herauszubringen, oder durch einen Schnitt zu offenbaren.

Es sind wenige Jahre daß eines unserer vornehmsten Mitglieder diese wichtige Arbeit würklich übernommen hatte. Er machte den Anfang mit der Historie von Reinike Fuchs, konnte aber wegen frühzeitigen Absterbens, seinen Versuch weder herausgeben, noch in diesem wichtigen Unternehmen weiter gehen. Welches um so viel mehr zu bedauren, als die Entdekungen, welche besagtes Mitglied gemachet, und seinen Freunden mitgetheilet hatte, nunmehro überall angenommen sind. Wie ich denn auch versichert bin, es werde kein Gelehrter daran zweifeln, daß dieß berühmte Buch ein vollständiger Innbegrif politischer Wissenschaften, und eine Entdekung, oder besser die wahre Apocalypsis aller Staatsgeheimnisse sey. Ich aber bin nun in dieser Arbeit viel weiter gekommen, indem ich bereits meine Anmerkungen über etliche Duzend Schriften zu Ende gebracht habe, wovon ich dem geehrten Leser einige kurze Nachrichten, so viel [80] nemlich zum Beschluß dieser Einleitung nöthig seyn mag, mittheilen will.

Das erste Stük davon ich handle, ist Tom Thumb. Der Verfasser desselben war ein Anhänger der Pythagorischen Weltweisheit. Dieß dunkle Buch enthält die ganze Lehre von der Seelen-Wanderung, und handelt von allen ihren Reisen, und wo sie einkehret.

Das zweyte ist D. Faust, Artephius,[WS 35] ein Autor bonae notae, und Adeptus hat es geschrieben. Er gab es in dem neunhundert und vier und achtzigsten Jahr seines Alters[32] heraus. Dieser Scribent gehet überall den Weg der Reincrudation oder in via humida. Und die Vermählung des Fausts mit der Helena erkläret uns auf das deutlichste das Fermentiren des männlichen und weiblichen Drachen.

Whittington und seine Kaze, ist ein Werk von dem geheimnißreichen Rabbi, Jehuda Hanasi,[WS 36] und enthält eine Vertheidigung der Gemarra zu der Hierosolymitanischen Mischna, samt dem Beweise ihrer Vorzügen, vor der Babylonischen, wider die allgemeine Meynung.

Das Rehe und der Panther.[WS 37] Ein Meisterstük eines berühmten iztlebenden Scribenten, darinnen er uns einen vollständigen Auszug von sechszehn [81] tausend alten Schullehrern, von Scoto an bis auf Bellarminum zu liefern bemühet ist.

Thömchens zerbrochene Flasche. Eine andere Schrift, welche von demselben Gelehrten herkommen soll, als ein Anhang zu der vorigen.

Die Weisen von Gotham. Cum Appendice. Dieses ist ein Werk von unermeßlicher Gelehrsamkeit, das Original und die rechte Quelle aller der Beweisgründe, womit beydes in Frankreich und England zur Vertheidigung des Wizes und der Gelehrsamkeit der Neuern, wider die Aufgeblasenheit, den Stolz, und die Unwissenheit der Alten gefochten wird. Der unbekannte Autor hat diese Materie so vollkommen erschöpfet, daß ein scharfsinniger Leser leicht wird entdeken können, wie alles was seither über diesen Streit ist geschrieben worden, nicht viel anders als eine blosse Wiederholung sey. Von diesem Werk hat ein würdiges Mitglied unserer Gesellschaft neulich einen Auszug[33] heraus gegeben.

Dieß wenige mag genung seyn, dem gelehrten Leser einen Begrif und Vorschmak dessen zu geben, was er von dem ganzen Werk zu erwarten hat, auf welches ich izo meine Gedanken und mein Studiren einzig und allein eingeschränket habe, in Hofnung daß wenn ich solches vor meinem Ende [82] noch zu Stande bringe, so werde ich den[34] armen Rest meines unglükseligen Lebens nicht übel angewendet haben. Es ist dieses in der That mehr als ich mit Recht noch erwarten kann, von einer Feder, welche ich sonst zum besten des Staates in Abhandlungen pro & contra Papistischer Zusammenschwörungen, und Preßbyterianischer Complote in Mehlfässern;[35] in Schriften von Exclusionsbillen, von der Obedientia passiva, in Bittschriften für Leibrenten und Pensionen, in Tractaten von den Prerogativen der Krone, von den Freyheiten des Volkes, von der Gewissensfreyheit, und in Briefen an einen Freund, bis auf das Mark abgenuzet habe: Mehr als zu erwarten stehet, von einem durch beständiges Herumschwermen abgetragenen zerfezeten Verstand und Gewissen; von einem Kopf, in welchen die widriggesinneten der gegenseitigen Parteyen wol hundert Löcher geschlagen; und endlich von einem Leib der voll übelgeheileter Geschwüre ist, weil ich mich Kuplerinnen und Wundärzten anvertrauet hatte, welche wie nachhin bekannt worden, meine und der Regierung abgesagte [83] Feinde waren, und die Rache ihrer Partey an meiner Nase und Beinen ausgeübet. Ich habe unter drey verschiedenen Regierungen ein und neunzig kleine Schriften verfertiget, und sechs und dreyssig Parteyen durch solche vertheidiget. Weil ich aber sehe, daß der Staat meiner und meiner Feder nicht mehr benöthiget ist, so ziehe ich mich willig zurük, und werde sie künftig zu Betrachtungen anwenden, die einem Philosophen anständiger sind, nachdem ich den herrlichen Trost besize, daß ich mein langes Leben geführet habe, ohne jemanden zu beleidigen.

Aber wieder zur Sache zu kommen; so zweifle ich keinesweges, es werde die kurze Probe welche ich gegeben, alle übrige Schriften unserer Gesellschaft von einem Schandsteken befreyen, der ihnen offenbar bloß von dem Neid und der Unwissenheit unserer Feinde angekleket worden; indem sie vorgeben, es enthalten dieselbe wenig oder nichts, welches dem menschlichen Geschlecht einigen Nuzen oder Vergnügung bringen könne, ausser was die sinnreiche und gute Schreibart seyn möge, in welcher sie abgefasset sind. Denn diesen Ruhm, (ich bin es versichert,) haben ihnen auch die verwegensten von unsern Widersächern, noch niemals absprechen dörfen. Und in beyden diesen äusserlichen Schönheiten, so wol, als auch besonders in Ansehung des tiefsinnigen und mystischen Innhalts derselben, habe ich mir in meinem gegenwärtigen Werk die allerberühmtesten Muster auf das fleißigste vorgestellet. Wie ich denn auch, damit gar nichts fehlen möchte, sorgfaltig nachgedacht, und mir fast [84] den Kopf zerbrochen, damit der Haupttitel, (ich meyne den, unter welchem mein Buch bey Hof und in der Stadt bekannt werden soll) vollkommen so eingerichtet seyn möge, wie unsere Gesellschaft sie abzufassen pfleget.

Uebrigens bin ich, was die Titel[36] anlanget, um etwas freygebig gewesen, weil ich bemerket habe, daß es bey gewissen Scribenten, (für welche ich die gröste Hochachtung hege) sie zu vervielfältigen grosse Mode ist. Und in der That scheinet es eben nicht unvernünftig zu seyn, daß auch die Bücher, als Kinder unsers Gehirns eben so wol als andere vornehme Kinder die Ehre haben sollen, vielerley Nammen zu tragen. Unser berühmte Dryden hat es gewaget, noch weiter zu gehen, indem er sich bemühet, auch die Gewohnheit einzuführen, viele[37] Gevattern zu bitten. Etwas das noch weit nüzlicher ist, und zwar um so viel desto mehr, je öfterer man Gelegenheit dazu hat. Es ist immer Schade, daß diese unvergleichliche Erfindung nicht besser und so angebauet worden, daß gegenwärtig sich jedermann derselben bediente, nachdem man einen so berühmten Vorgänger hat. Ich meinerseits habe nicht ermangeln lassen, einem so nüzlichen Beyspiel aufzuhelfen. Es scheint aber, daß mit dem Beruf eines [85] Pathen insgemein eine unbeliebige Ausgabe verknüpfet sey, welches mir, wie leicht zu glauben, überall aus dem Sinn gekommen war. Doch kann ich nicht eigentlich sagen, wo der Schuh die Leute drüket; so viel weiß ich nur, daß nachdem ich eine unglaubliche Mühe gehabt, mein Buch in vierzig Abschnitte zu theilen, und vierzig Lords ersuchet hatte, mir die Ehre zu erweisen, Gevatter zu stehen, sie alle eine Gewissenssache daraus gemachet, und sich entschuldigen liessen.


[86]
Zweyter Abschnitt.

Es war einmal ein Mann, der hatte drey Söhne[38] von einer Frau, und alle hatte sie ihm zu gleicher Zeit geboren, dergestalt, daß auch die Wehemutter selbst nicht gewiß sagen konnte, welcher der älteste wäre. Ihr Vater starb als sie noch jung waren. Vor seinem Ende ließ er sie noch an sein Bette kommen, und sprach folgendes zu ihnen:

Lieben Söhne! Ich habe niemals nach Reichthum getrachtet, und war auch nicht dazu geboren. Daher ich lange nachgedacht, wie ich euch dessen ungeachtet, etwas gutes und nüzliches hinterlassen möchte; zulezt habe ich nach vieler Mühe und nicht ohne geringe Kosten jedem von euch ein neues Kleid[39] verschaft. Hier sind dieselben. Wisset

[87a]

[87] dabey, daß diese Kleider zwo ganz besondere Eigenschaften an sich haben. Die eine ist diese: Sie werden, wenn ihr sie anders gut in acht nehmet, neu und ganz verbleiben so lang ihr lebet. Die andere: Sie werden von sich selbst nach der Dike und Länge eurer Leiber wachsen, und euch also zu allen Zeiten gerecht seyn: Wolan probieret sie, damit ich vor meinem Ende noch sehe, wie sie euch stehen. Gut: sehr gut: ich bitte euch lieben Kinder, tragt sie reinlich, und kehret sie fleissig aus. In meinem Testament[40] (hier habt ihr dasselbe,) werdet ihr allen nöthigen Unterricht finden, wie ihr eure Kleider tragen und besorgen sollet. Demselben müsset ihr auf das genaueste nachleben, wenn ihr den Strafen welche ich auf die geringste Uebertretung oder Vernachläßigung meines lezten Willens gesezet habe, entgehen wollet. Merket es euch: Euer ganzes zukünftiges Glük hängt davon ab. Ich habe nicht weniger verordnet, daß ihr alle in einem Hause als Brüder und Freunde beysammen leben sollet; denn so und nicht anders dürfet ihr euch versichert halten, daß es euch wol gehen wird.

Izo starb der gute Vater, wie die Historie meldet, und die drey Söhne fiengen an gemeinschaftlich ihr Glük zu suchen.

Ich will den Leser nicht mit Erzehlung der jenigen Begebenheiten, welche sie die ersten sieben[41][88] Jahre über gehabt, nicht aufhalten. Nur so viel kann ich nicht vorbey gehen, daß sie dem väterlichen Willen sorgfältig nachgekommen, und ihre Kleider in gutem Stand erhalten; daß sie verschiedene Länder durchreiset, mit nicht wenig Riesen gekämpfet, und einige Drachen erleget haben.

Nachdem sie nunmehro das gehörige Alter sich vor der Welt sehen zu lassen, erreichet hatten, kamen sie in die Stadt, und verliebten sich in das Frauenzimmer, vornehmlich aber in drey, welche zu derselbigen Zeit in dem grösten Ansehen standen. Das waren die Herzogin von Geldern, die Frau von Großtitelhayn und die Gräfin von Stolzendorf. Anfänglich wurden unsere drey Abentheurer sehr schlecht empfangen. Da sie aber bald die Ursach hievon klüglich ausgespüret hatten, fiengen sie gleich an, sich in den guten Manieren der Stadt zu üben. Sie schrieben, sie scherzten, sie reimten, sie sangen, sie schwazten viel und sagten doch nichts: Sie tranken, sie fochten, sie hurten, und schliefen, und fluchten, und nahmen Schnupftabak. Bey neuen Schauspielen waren sie die ersten, sie besuchten die Chocolate-Hauser, prügelten die Wache, liefen in Huren-Winkel und trugen garstige Krankheiten davon; sie bezalten die Mietkutscher nicht, machten bey den Kaufleuten Schulden, und schliefen bey ihren Weibern. Sie schlugen die Häscher todt, schmissen die Spielleute die Treppen hinunter, speiseten beym Schwert, und schlenterten ins Caffe zum Wilhelm. Sie redeten vom Königlichen Vorzimmer, und waren doch niemals dahin gekommen; speiseten mit [89] grossen Herren, und hatten sie ihr Tage nicht gesehen. Flüsterten einer Herzogin ins Ohr, mit welcher sie doch kein Wort gesprochen, und gaben das Gekräze ihrer Wäscherinnen für Liebesbriefgen vornehmer Damen aus. Sie kamen immer vom Hof und niemand hatte sie jemals da gesehen; sie waren zugegen, wenn der König aufstand, sub dio nemlich. In der einen Gesellschaft lerneten sie ein Verzeichniß der Pairs des Reichs auswendig, und in der andern erwehneten sie denn derselben, als ihrer besten Freunde. Vornehmlich fanden sie sich fleißig unter denen Rathsherren ein, welche in dem Parlamentshaus sehr stille, in dem Caffehaus aber desto lauter sind; wohin sie sich alle Abend bescheiden, ihre politische Wissenschaften zu widerkäuen, und von einer Menge Schülern umringet sind, die mit der grösten Begierde warten, um das so sie fallen lassen, aufzuschnappen. Noch hundert dergleichen Geschiklichkeiten hatten unsere drey Brüder mehr erlernet, und wurden deswegen unter die qualificiertesten Cavaliere der Stadt gezehlet. Dennoch wollte dieses alles nicht helfen, und die besagten Frauenzimmer blieben gegen sie noch immer unempfindlich. Daher ich diesen Knoten aufzulösen, mit Erlaubniß des geehrten Lesers, einige wichtige Punkte zu Hülf nehmen muß, welche von den Scribenten unserer Zeit nicht genugsam sind aufgekläret worden.

Es geschah nemlich um eben diese Zeit, daß eine gewisse Sekte entstand, deren Anhänger sich überall ausbreiteten, und insonderheit bey der grossen Welt und sonst jedermann der artig heissen [90] wollte grossen Beyfall fanden. Sie verehreten einen gewissen Abgott[42] der wie sie lehreten, vermittelst einer mechanischen Operation, täglich Menschen schuf. Diesen Gözen sezten sie in dem obersten Stokwerk des Hauses auf einen Altar der ungefehr drey Fuß hoch war. Hier saß er wie ein Persianischer Kayser, auf einem flachen Raum, mit kreuzweise über einander geschlungenen Beinen. Zum Zeichen führete er eine Gans[43] daher es denn kömmt, daß einige Gelehrte seine Abstammung von dem Jupiter Capitolinus herleiten. Zur Linken gleich unten am Altar, schiene die Hölle[WS 38] ihren Rachen aufzusperren, und nach den Thieren (Animalibus) zu schnappen, welche dieser Abgott erschuff. Dieses zu verhintern warfen einige Priester immerfort Stüke von der noch ungeformten Materie oder Substanz, zuweilen auch ganze und schon belebte Gliedmassen hinein, welche dieser gräßliche Höllenschlund ganz unersättlich verschlang, also daß man ohne Entsezen nicht zusehen konnte. Die Gans ward ebenfalls als eine untere Gottheit oder als ein Deus minorum gentium angesehen, deren man dasjenige Thier[44] opferte welches sich stets mit geronnenem Menschenblut nähret, und auch auswärts sehr berühmt ist, weil der Egyptische Cercopithecus es so ungemein liebet. Viele Millionen solcher Thiere wurden täglich geschlachtet, den Hunger dieser untern Gottheit zu stillen. Den Hauptabgott [91] verehrete man auch als den Erfinder der Elle[45] und der Nadel: Ob aber solches geschehen, weil man ihn für einen Gott der See-Leute gehalten, oder wegen andern mystischen Eigenschaften, ist eine Sache die bis auf diese Stunde noch nicht genugsam ins Licht gesezet worden.

Die Anbeter dieser Gottheit hatten ferner auch ihre besondern Glaubensartikel, welche auf nachfolgendem Fundament zu beruhen schienen.

Sie sagten, die ganze Welt sey nichts anders als eine grosse vollständige Kleidung, wodurch alle und jede Dinge bekleidet werden. Die Erde werde bekleidet von der Luft, die Luft von den Sternen, und die Sternen von dem Primum mobile. Betrachtet ihr, sagten sie, diese Erdkugel, so werdet ihr finden, daß sie eine völlige und wolgemachte Kleidung ist. Was ist wol dasjenige welches einige Land zu nennen pflegen, anders, als ein feines Oberkleid, grün aufgeschlagen? Oder die See, was ist sie anders als eine Weste von Wassertaffet? Gehet ihr fort zur Betrachtung besonderer Werke der Schöpfung, so werdet ihr finden, was für eine geschikte Meisterin die Natur in Ausstaffierung der Gewächse gewesen. Was für eine Stuzerperüque hat nicht das Haupt einer Buche? Was für ein schönes Wammes von weissem [92] Atlas umkleidet nicht eine Birche? Und da die Welt so ein Macrovestis oder das grosse Kleid ist, was ist wol der Mensch selbst anders als ein Microvestis, oder vielmehr eine ganze Kleidung mit aller zugehörigen Ausstaffierung? Was den Leib betrift, so wird solches wol niemand in Abrede seyn können. Wenn man aber auch die Eigenschaften der Seele untersuchet, so wird man finden, daß alle und jede das ihrige beytragen, eine ordentliche Kleidung auszumachen. Zum Exempel ist die Religion nicht ein Mantel? die Redlichkeit ein paar Schuhe, die im Koth ausgetreten worden? die Eigenliebe ein Surtout? die Eitelkeit ein Hemd? und das Gewissen ein par Hosen? welche zwar zur Bedekung der Ueppigkeit, und der Unfläterey gemachet sind, aber auch sehr leicht zum Dienst beyder herunter gezogen werden.[46]

Diese Säze zugegeben, so folget ganz natürlich, daß diejenigen Substanzen, welche die Welt uneigentlich Kleider zu nennen pfleget, eigentlich und in der That die artigsten Thiere, (Animalia) oder noch weiter zu gehen, vernünftige Wesen, und würkliche Menschen sind. Denn es ist offenbar, daß sie leben, sich bewegen, schwazen, und alle andere menschlichen Verrichtungen vornehmen. Sind nicht Schönheit, Wiz, Mine, und gute Manieren ihre unzertrennliche Eigenschaften? Kurz, [93] wir sehen nichts als sie, und hören nichts als sie. Sind nicht sie es, welche auf den Strassen herumgehen, welche die Parlaments- und Caffehäuser anfüllen, welche den Schauspielen beywohnen, und die Hurenhäuser besuchen? Inzwischen leget man freylich dieser Art Geschöpfen, die man insgemein Kleider nennet, verschiedene Nammen bey, je nachdem sie auf diese oder eine andere Art zusammengesezet sind. Eine göldene Kette, ein scharlachenes Kleid, ein weisser Stab, und ein grosses Pferd heisset zusammen ein Lordmaire[WS 39]. Ein auf gewisse Art gemachter Pelz, ein Richter; und eine gewisse Verbindung von weissem Schleyer und schwarzem Atlas, wird ein Bischof genennet.

Andere Lehrer bey dieser Sekte, obschon sie, was das Haupt-System angehet, einerley Meinung hatten, waren über gewisse besondere Punkte desselben noch spizfündiger: Sie behaupteten, der Mensch sey ein Geschöpfe, welches aus zwo Kleidungen zusammen gesezet sey; der natürlichen, und der himmlischen, wodurch sie Leib und Seele verstanden. Die Seele wäre das auswendige und der Leib das innwendige Kleid: Dies leztere käme ex traduce, das erstere aber würde täglich erschaffen, und jenem umgeleget. Sie bewiesen diesen Saz aus der Schrift, denn da hiesse es, in ihm leben, weben und sind wir;[WS 40] und auch aus der Philosophie, weil nemlich diese Kleiderseele in dem ganze Leib ganz, und auch ganz in jedem Theil wäre: Und man trenne nur, fügten sie hinzu, diese beyde Theile von einander, so wird man finden, daß der Leib weiter nichts als ein Sinn- und [94] Geschmakloser Körper ist, woraus denn klar erhellet, daß das auswendige Kleid nothwendig die Seele seyn muß.

Diesem Haupt-System wurden noch einige andere Lehren untergeordnet, und mit grossem Eifer betrieben. Wie denn z. Ex. die besondern Kräfte der Seele von den Gelehrten unter ihnen auf nachfolgende Weise erkläret wurden: Göldenes Stikwerk war vollkommener Wiz: Göldene Franzen, angenehmer Umgang; göldene Spizen, fertige und scharfsinnige Antworten; eine dike lange Perüque, muntere Einfälle; und ein Kleid voll Puder sinnreicher Scherz. Wobey aber ein besonders guter Geschmak, und grosse Geschiklichkeit erfodert ward, jedes dieser Dinge mit Vortheil anzuwenden, und sich genau nach den Zeiten und Moden zu richten.

Ich habe diesen kurzen Begrif eines philosophischen und theologischen Systems, mit ungläublicher Mühe und nach vielem Lesen, aus alten Scribenten zusammen getragen. Dasselbe scheinet von einer Denkensart herzurühren, welche ganz besonder ist, und mit den Lehrarten der Alten und Neuern nichts gemein hat. Die Absicht aber welche ich dabey hatte, war nicht so fast, die Neugierigkeit des Lesers zu unterhalten oder zu stillen, als vielmehr demselben bey verschiedenen Umständen der folgenden Historie ein Licht anzuzünden, und zu machen, daß er vermittelst eines hinlänglichen Erkenntnisses von der Beschaffenheit der Gemüthsneigungen und Meinungen in einem so entfernten [95] Weltalter, diejenigen grossen Begegnisse, welche nachgehends daraus entsprungen sind, desto besser begreifen möge. Daher ich den geerhrten Leser will erinnert haben, dasjenige was ich über diese Materie geschrieben habe, mit der äussersten Aufmerksamkeit mehr als einmal zu durchlesen, hiernächst aber die Feder meiner Historie wieder zur Hand nehme, und in meiner Erzehlung fortfahre.

Der Glaube demnach an diese vorgemeldete Lehrsäze und ihre Ausübung, war unter den artigen und geschmakvollen Personen bey Hof so wol als in der Stadt so sehr allgemein, daß unsere drey Brüder nach ihren damaligen Umständen nicht wußten, was sie thun sollten: Denn auf der einen Seite trieben die drey vorhin benannten Frauenzimmer, an welche sie sich gewendet hatten, die herrschende Mode immer aufs höchste, und verabscheueten alles was nur ein Haar breit davon abgieng. Auf der andern Seite war ihres Vaters Testament sehr bestimmt, und enthielt noch dazu das ausdrükliche und mit den schwersten Strafen auf die Uebertretung verwahrete Gebot; sie sollten zu ihren Kleidern nicht einen Faden hinzu, noch davon thun, ohne ausdrücklichen Befehl dieses väterlichen lezten Willens. Nun waren zwar diese Kleider die ihr Vater ihnen hinterlassen hatte, von sehr schönem Tuch, und dabey so sauber genehet, daß man hätte schwören sollen, sie wären aus einem Stük; zugleich aber waren sie ganz schlecht, und bey [96] nahe, oder gar ohne allen Zierrath:[47] Inzwischen geschah, daß ehe sie noch einen Monat in der Stadt gelebet hatten, die Mode aufkam, grosse Axelbänder[48] zu tragen. So gleich trug alle Welt Axelbänder. Niemand ließ sich vor dem Frauenzimmer sehen, ohne die gehörige Anzal Axelbänder. Dem Kerl dort, schrie man, mangelt es gewiß an der Seele; wo hat er die Axelbänder? Eine betrübte Erfahrung lehrete die drey Brüder bald, was es wäre, keine Axelbänder zu tragen. Wo sie immer hinkamen, da wurden sie auf die empfindlichste Art darüber aufgezogen und beschimpfet: Kamen sie in die Komödie, so wies sie der Thürhüter auf die Groschengalerie. Ruften sie einen Kahn herbey; gut sprach der Bootsmann, aber ihr werdet helfen rudern: Kamen sie in ein Weinhaus; hier schenkt man kein Bier, rufte ihnen der Kellermeister zu. Wollten sie einer Dame die Aufwartung machen, so hielt sie der Diener vor dem Zimmer an: Wie weit ihr Herren, wer seyt ihr? was verlanget ihr? ich will es melden, und die Antwort gleich wieder heraus bringen. In diesem unglüklichen Zustand säumten sie nicht ihres Vaters Testament zu Rathe zu ziehen, und durchlasen es einmal und

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[97] mehrmal mit der grösten Aufmerksamkeit; sed altum silentium! Nicht ein Wort von den Axelbändern: Was zu thun? Wie sollten die guten Leute sich helfen? Einerseits sollten sie dem väterlichen Willen schlechterdings gehorchen, anderseits konnten sie der Axelbander auch nicht entbehren. Endlich nach vielen Ueberlegungen sagte einer dieser Brüder, welcher gelehrter war als die zween andern, er hätte ein Mittel gefunden. Es ist wahr, (sprach er) wir finden von den Axelbändern in dem Testament nichts totidem verbis[WS 41], aber inclusive oder totidem syllabis werden sie doch wol darin stehen. Ich wette darauf. Diese Distinction gefiel ihnen allen sehr wol, und gleich nahmen sie das Testament wieder vor sich, und sahen nach; allein zum Unglük fand sich die zweyte Sylbe nirgends in der ganzen Schrift. Diese Begegniß sezte sie in Verlegenheit; doch der Urheber dieser ersten Erfindung faßte Muth, und lieben Brüder, (sprach er,) noch ist gute Hofnung übrig: Finden wir gleich die Axelbänder nicht totidem verbis, noch auch totidem syllabis, so werden wir sie doch unfehlbar auf die dritte Art, totidem literis, in dem Testament finden. Dieser neue Einfall ward ebenfalls höchlich gebilliget, und gleich die Untersuchung angestellet, ob alle die Buchstaben A, x e, l, b, ä, n, d, e, r, in dem Testament befindlich wären.[49] Allein ihr voriger Unstern wollte, daß wiederum etwas fehlen sollte. Der hatte es feindseliger Weise so geordnet, daß der zweyte Buchstaben, das x nirgend anzutrefen [98] war. Dieses war keine geringe Schwierigkeit. Allein der Distinktionsbruder, dessen Name hernach wird gemeldet werden, bewies (nachdem er nun einmal angefangen hatte,) aus sehr guten Gründen, daß das x ein neuer, unrechtmäßiger Buchstabe sey, der in den alten gelehrten Zeiten ganz unbekannt gewesen, und auch in keinen alten Handschriften angetrofen werde. Das x (sagte er,) sey nichts anders als ein geschmolzenes verdorbenes ch; so wie aus den Elementen des Eigendünkels und einer starken und dreisten Stimme etwa ein Regent oder Beamter zusammen fliesset. Ch. sey die rechte Schreibart, so müsse man auch aussprechen, und nicht x. Die Sprache werde dadurch verdorben, und er wolle sich alle Mühe geben, daß dieser Bastart vertrieben, und künftig wieder ch geschrieben und gesprochen werde. Auf diese Vorstellung hin verschwand alle Schwierigkeit. Es war klar, daß die Achselbänder jure paterno [50] erlaubt wären, und unsere drey Cavaliere stolzirten nunmehr mit breiten und fliegenden Achselbändern so gut als die Vornehmsten in der Stadt.

Gleich wie aber die menschliche Glükseligkeit von sehr kurzer Dauer ist, eben also war es damals auch mit den Moden beschaffen; von welchen diese Glükseligkeit gänzlich abhängt. Die Achselbänder hatten ihre gewisse Zeit, und schon müssen wir sie uns in ihrem Abnehmen vorstellen. Denn so eben kam ein gewisser Lord aus Paris, der [99] wol fünfzig Ellen göldene Spizen auf seinem Kleide trug, genau nach der Hofmode desselbigen Monats aufgesezet. In zween Tagen trug jedermann göldene Spizen. Sich ohne diese Ehrbezeugung sehen zu lassen, war eben so anstössig, als wenn einer den blossen H- - - - zeigen wollte, und von dem Frauenzimmer ward er wol eben so übel aufgenommen. Was sollten unsere drey Cavaliere bey diesem wichtigen Vorfall anfangen? Sie hatten in Ansehung der Achselbänder dem väterlichen Testament bereits ziemliche Gewalt angethan: Ueber diesen neuen Punkt fand sich wiederum kein Wort darinn. Die Achselbänder waren endlich mehr nicht als ein kleiner äusserlicher Umstand, allein die Goldspizen schienen eine allzubeträchtliche Veränderung zu verursachen: Sie hiengen aliquo modo an dem Wesen der Sache; und erfoderten daher einen ausdrüklichen Befehl. Zum Glük hatte der öfters angeführte Bruder, um dieselbe Zeit so eben des Aristoteles Dialectic, und insonderheit das vortrefliche Capitel de interpretatione[WS 42] gelesen, welches den Leser die Kunst lehret, in jedem Scribenten einen Sinn zu finden, nur den wahren nicht; so wie bey den Auslegern der Weissagungen geschiehet, welche die Propheten erklären, ohne ein Wort von dem Text zu verstehen: Brüder (sprach er,) ihr müßt wissen Testamentorum duo sunt genera. Nuncupatorium, & scriptorium; in dem geschriebenen Testament, welches wir hier vor uns haben, finden wir kein Gebot, noch Meldung von goldenen Spizen; conceditur, aber si idem affimentur de Nuncupatorio negatur: Denn lieben Brüder, ihr werdet [100] euch doch noch wol erinnern, wie wir einmal in unserer Jugend einen sagen gehört, er hätte von dem Bedienten meines Vaters gehört, daß er meinen Vater sagen gehört, er, wollte seinen Söhnen anrathen, Goldspizen auf ihren Kleidern zu tragen, so bald sie nur Gelds genung bekommen könnten, solche anzuschaffen.[51] Bey meiner Ehre, (sprach der zweyte Bruder,) das ist wahr, und der dritte, ich erinnere mich dessen ganz eigentlich. Hierauf kauften sie sich ohne weiters Bedenken die reichesten Goldspizen, und prangeten damit wie Lords.

Eine zeitlang darauf, ward (alles zum Behuf der Mode) eine Art Feuerrothen Atlas erfunden, die Kleider damit zu futtern; wovon ein Kaufmann unsern drey Cavallieren so gleich ein Muster überbrachte: Gefällt ihnen etwas hievon ihr Herren? sagte er, Milord C- - - - und Sir J. W. haben von diesem nemlichen Stük noch gestern Abends zu ihrem Futter genommen. Es gehet reissend ab, und ich weiß gewiß, daß ich morgen früh um zehen Uhr nicht so viel übrig haben werde, als ich zu einem Nadelküssen für meine [101] Frau brauche. Hierauf durchsuchten sie das Testament abermals, angesehen der gegenwärtige Fall ebenfalls ein ausdrükliches Gebot erfoderte, indem das Futter von Orthodoxen Scribenten, für einen wesentlichen Theil des Kleides gehalten wird. Nach langem Suchen konnten sie nichts finden, das in diese Materie einschlüge, als nur eine kurze Erinnerung wegen des Feuers gute Sorge zu tragen, [52] und ihre Lichter ehe sie zu Bette gingen, fleissig auszulöschen. Ob dieses nun gleich ihr Vorhaben merklich erleichterte, und ihre Ueberzeugung gar sehr befödern half, so schien es doch nicht die Kraft eines ausdrüklichen Gebotes zu haben; und weil der gelehrte Bruder entschlossen war, einmal alle fernere Zweifel und alle Gelegenheit [102] zu einigem Anstoß aus dem Wege zu räumen, so sagte er abermals: Ich erinnere mich, Testamente gelesen zu haben, darinn stets eines angehängte Codicills gedacht wird, welches in der That ein Theil des Testaments selbst ausmachet, und was in dem Codicille stehet, hat gleiche Gültigkeit mit alle dem übrigen. Nun habe ich dies unser Testament hier betrachtet, und kann nicht finden, daß solches vollständig sey, weil ihm das nöthige Codicill fehlet. Ich will deswegen eines geschikt daran anheften. Ich habe es schon seit einiger Zeit in Bereitschaft gehalten. Ein Hundswärter von meinem sel. Grosvater hat es geschrieben, und zum Glüke handelt es weitläuftig von eben diesem feuerrothen Atlas. So gleich ward der Vorschlag von den zween andern Brüdern gutgeheissen. Man leimte ein Stük Pergamen in Form eines Codicills kunstmäßig an das Testament, und der Atlas ward eingekauft und getragen.

Den folgenden Winter spielte ein Komödiant, der von den Franzenmachern hiezu war erkauft worden, in einem neuen Lustspiel seine Rolle, über und über mit Silberfranzen bedeket, und machte hierdurch nach löblicher Gewohnheit diese Tracht zur Mode.[53] Hierüber zogen unsere drey Brüder ihres Vaters Testament abermals zu Rathe, und fanden zu ihrer grossen Bestürzung diese Worte darinn: Desgleichen ist mein ernstlicher Wille und Gebot, daß gedachte meine drey [103] Söhne durchaus keine Silberfranzen weder auf noch an ihren Kleidern tragen. Und auf die Uebertrettung dieses Gebots war eine Strafe gesezet, welche hier beyzufügen, zu weitläuftig seyn würde: Nach einer kleinen Weile besann sich der wegen seiner Gelehrsamkeit schon öfters gerühmte Bruder; und gleichwie er in der Critik gar sehr erfahren war, also sagte er, er hätte in einem gewissen Scribenten, welchen er nicht nennen wollte, gefunden, daß das Wort Franzen, so in dem Testament stühnde, auch einen Besenstiel[54][WS 43] bedeute, und diese Bedeutung mußte es sonder Zweifel auch in der angeführten Stelle des Testaments haben: Diese Erklärung wollte einem von den zween Brüdern wegen des Beyworts Silber nicht anstehen, als welches (sagte er) nach meinem geringen Bedunken, eigentlich zu reden, von einem Besenstiel nicht wol gebraucht werden kann. Allein man antwortete ihm, das Wort Silber müsse in einem mythologischen und allegorischen Verstand genommen werden. Indessen machte jener einen neuen Einwurf, und sagte, er könnte aber doch nicht begreifen, warum der Vater ihnen sollte verboten haben, einen Besenstiel auf ihren Kleidern zu tragen, indem solches ein ganz unnöthiges und unschikliches Verbott zu seyn schiene. Worauf alle Antwort darinn bestand: daß man ihn ausschalt, als einen der nicht mit gehöriger [104] Ehrerbietung von einem Geheimniß rede, welches sonder Zweifel sehr nüzlich und von grosser Bedeutung wäre, aber auch nicht vorwizig wollte durchsuchet, oder naseweise exraisonniert werden. Und kurz, nachdem die Autorität des Vaters schon tief genung herunter gekommen war, so ward die Erklärung angenommen, und die drey Bruder glaubten vermöge derselben berechtiget zu seyn, so viel Silberfranzen zu tragen als sie nur wollten.

Einige Zeit hernach, kam eine alte Mode[55] wieder auf, die längst abgeschaffet war. Man stikte nemlich allerley Indianische Figuren, von Männern, Weibern und Kindern auf die Kleider. Hier erinnerten sie sich nur gar zu wol wie sehr ihr Vater diese Mode jederzeit verabscheuet hatte, also daß er verschiedene Stellen in das Testament einfliessen lassen, worinn er den äussersten Widerwillen gegen dieselbe zeiget, und seine Söhne auf ewig verfluchet, wenn sie dieselbe jemals mitmachen würden. Dessen ungeachtet waren kaum einige Tage vergangen, da sie es den vornemsten in der Stadt zuvor thaten. Sie löseten aber den Knoten damit auf, daß sie sagten: Dieses wären nicht eben dieselben Figuren, welche ehedem getragen[WS 44] worden, und in dem Testament gemeinet wären. Und nebst diesem trügen sie dieselben auch [105] nicht in dem Verstand, in welchem ihr Vater sie verboten hätte, sondern nur in so fern diese Mode eine löbliche und für das Publicum höchst nüzliche Gewohnheit wäre. Daher diese scharfe Clauseln in dem Testament mit Beding erkläret, und cum grano salis müssen verstanden werden.

Als aber die Moden zu derselbigen Zelt sich gar zu oft abänderten, ward der gelehrte Bruder endlich müde, fernere Ausflüchte zu ersinnen, und das stete Einwenden zu widerlegen. Nachdem also beschlossen war, alle und jede Moden, es koste was es wolle, mitzumachen, verabredeten sich die drey Brüder, und wurden eins, ihres Vaters Testament in einen festen Kasten[56] welcher aus Griechenland oder Italien, ich weiß es nicht eigentlich mehr, war gebracht worden, zu verschliessen, und sich mit vielem Nachsuchen nicht weiter abzugeben, sondern nur dennzumal darauf zu appelliren, wenn sie es nüzlich fänden.

Dem zufolge als hernach die Mode entstand, eine Menge Nestel [57] zu tragen, die meistens von Silber waren, that der gelehrte Bruder den Ausspruch ex Cathedra; Nestel zu tragen wäre ihnen jure paterno ausdrüklich erlaubet; die beyden [106] andern Brüder würden sich dessen ja wol erinnern. Zwar wollte die Mode haben, daß sie diesfalls etwas mehr an die Sache thäten als in dem Testament ausgedrükt stühnde: Allein sie hätten, als die einzigen und völligen Erben ihres Vaters die Macht, zum allgemeinen Besten einige Clauseln beyzufügen, wenn sie gleich nicht totidem verbis in dem Testament zu finden wären; anders wurde man vielen ungereimten Folgerungen Plaz geben müssen. Dieser Bescheid ward für Canonisch angenommen, und also kamen sie den folgenden Sonntag mit Nesteln ganz überdeket in die Kirche.

Nunmehro ward der öfters gemeldete Bruder für den gelehrtesten Mann in dergleichen Sachen gehalten, und der die beste Anleitung in diesem Studio zu geben wußte. Daher er als seine Sachen etwas zurük giengen, so glüklich war, daß ein gewisser [58] Lord ihn in sein Haus aufnahm, seine Kinder zu unterrichten. Eine Weile darauf starb der Lord, und die lange Praxis welche dieser Bruder in Ansehung des väterlichen Testaments hatte, machete ihn geschikt genung, des verstorbenen Haus durch einen unterschobenen Abtrettungs-Vergliech an sich und seine Erben zu bringen. Er nahm auch wirklich Besiz davon, jagte die jungen Herren aus, und nahm an ihrer statt seine Brüder zu sich.


[107]
Dritter Abschnitt.
Eine kurze Ausschweifung über die Herren Criticos.

Obschon ich bisher alle mögliche Vorsicht angewendet, bey jeder Gelegenheit auf das genaueste den Regeln und der Schreibart zu folgen, welche unsere berühmte Neuere in ihren Schriften zu beobachten pflegen; so hat mich doch mein kurzes Gedächtniß zu einem Fehler verleitet, wovon ich mich vor allen Dingen entledigen muß, ehe ich mit Anständigkeit in meiner Hauptmaterie fortfahren kann. Ich gestehe nemlich zu meiner Schande, es ist eine unverantwortliche Nachläßigkeit, daß ich in meinem Werke schon so weit fortgefahren bin, ohne mich zu Ihro Gnaden den Herren Criticis zu wenden, und mit den gehörigen Schmähdiscursen, Suppliquen und Abbitten bey ihnen einzukommen. Damit ich aber diese grobe Scharte einiger massen wieder auswezen möge, so erkühne ich mich mit aller Demuth, Ihnen hiemit eine kurze Abhandlung von Ihnen selbst und ihrer Kunst zu überreichen, worinn ich dem Ursprung und der Abstammung [108] ihres Nammens, so wie das Wort unter uns insgemein genommen wird, nachspüre, und hernach den Zustand dieser Wissenschaft in den ältern und heutigen Zeiten kürzlich durchgehe.

Durch die Criticos, (ein Wort, das heut zu Tage bey allen Gesprächen so sehr gemein ist) hat man, wie ich in alten Büchern und Tractätgen gelesen, vor Zeiten dreyerley gar sehr verschiedene Arten von Leuten verstanden: Denn erstlich wurden mit diesem Nammen solche Personen beleget, welche so wol für sich selbst, als auch für andere, gewisse Regeln erfanden, und in Schrift verfasseten, durch deren Beobachtung ein aufmerksamer Leser geschikt seyn möchte, von den Schriften der Gelehrten aus eigenem Geschmak und Empfindung dessen was sublim und vortreflich ist, zu urtheilen; und die wahren Schönheiten der Sache so wol als der Schreibart, von einer blossen und elenden Nachäffung derselben zu unterscheiden. Diese Leute pflegten bey Durchlesung der Bücher, die Fehler und Mängel derselben behutsam abzusondern, und was sie verdrüßliches, gekünsteltes, dummes und abgeschmaktes enthielten, wol zu bemerken; so wie einer der zu Edimburg des Morgens durch die Strassen gehet, alle mögliche Vorsicht brauchet, und den Unflath den er auf seinem Wege antrift, ausspähet, nicht daß er die Farbe und Beschaffenheit desselben untersuchen, oder ihn ausmessen, vielweniger darein treten, oder ihn kosten wolle, sondern einzig, damit er so reinlich hindurch komme [109] als möglich ist.[59] Diese Leute scheinen das Wort Criticus, wiewol ganz irrig, in einem buchstäblichen Verstand genommen zu haben. Sie scheinen ferner geglaubet zu haben, das Amt eines solchen bestehe hauptsächlich darinn, daß er lobe was zu loben ist, und den Verdiensten der Scribenten ihr Recht wiederfahren lasse; und daß ein Criticus, der nur deswegen Bücher lieset, damit er Gelegenheit finden möge, zu tadeln und zu schelten,eine eben so barbarische Creatur wäre, als ein Richter, der sich entschlösse, ohne Unterscheid alle die vor seinen Richterstul kämen, gleich hängen zu lassen.

[110] Zum andern, hat man durch die Criticos diejenigen Personen verstanden, welche die alte Gelehrsamkeit wieder aus dem Grabe hervor gezogen, von den Würmern errettet, und die alten Handschriften von dem Staub gereiniget haben.

Es sind aber diese beyde Arten von Criticis schon vor einigen Jahrhunderten ganz ausgestorben; und es würde auch sonst nicht zu meinem Zwek dienen, wenn ich mich weitläuftiger über dieselben aufhalten wollte.

Die dritte und edelste Gattung sind die wahren Critici, deren Adel auch weit der älteste ist. Jeder wahre Criticus ist nemlich ein geborner Heros, und stammet in gerader Linie durch Momus und Hybris von einem himmlischen Geschlechte. Momus zeugete den Zoilus, Zoilus zeugete den Tigellius, Tigellius zeugete Et caetera den ersten dieses Namens, Et caetera zeugete Bentley, Rymer, Wotton, Perrault,[WS 45] und Dennis; Dennis zeugete Et caetera den Zweyten.

Und dieses sind diejenigen Critici, von welchen die gelehrte Welt zu allen Zeiten so unermeßliche Wolthaten empfangen hat, daß die Dankbarkeit ihrer Bewunderer sie deswegen auch vom Himmel hergeleitet, und denen gleich geschäzet hat, welche ein Hercules, Theseus, Perseus und andere grosse Wolthäter des menschlichen Geschlechts, der Welt erwiesen haben. Allein es ist leider an dem, daß auch eine mehr als menschliche Tugend den Verleumdungen böser Zungen unterworfen ist. [111] Denn man hat vorgegeben, daß diese Alten wegen ihrer Kriege mit den Riesen, Drachen, und Räubern, so sehr berühmte Helden, in Ansehung ihrer eigenen Personen, dem menschlichen Geschlechte viel schädlicher gewesen, als alle die Ungeheuer welche die erleget haben. Daher sie (sagt man,) die Verpflichtung welche man ihnen hatte, noch vollkommener würden gemachet haben, wenn sie nach vollbrachter Ausrottung alles andern Ungeziefers, es ihre Schuldigkeit zu seyn erachtet hätten, eben dieselbe Schärfe des Rechts gegen sich selbst zu gebrauchen. Hercules hat dieses auf eine großmüthige Art gethan, und sich dadurch weit mehrere Tempel und Opfer erworben, als die vornehmsten seiner Mitgesellen. Und daher mag es denn meines wenigen Erachtens auch kommen, daß einige dafür gehalten haben, es würde für die Gelehrsamkeit sehr ersprießlich seyn, wenn jeder wahre Criticus so bald er sein vorgeseztes Werk zu Ende gebracht, eine gute Portion Rattenpulver nähme, oder sich die Kehle zuzuschnüren, oder den Hals zu brechen belieben wollte; und daß aller Anspruch den einer auf die Ehre dieser so ruhmvollen Benennung immer machen möchte, durchaus ungültig seyn sollte, so lang er diese Operation nicht vorgenommen hätte.

Nun aus diesem himmlischen Ursprung der Critic, und aus der ganz besondern Aehnlichkeit, welche sie mit den Tugenden vorgedachter Halbgötter hat, läßt sich auch leicht bestimmen, worinn eigentlich das Amt eines wahren und ächten Critici bestehe. Er muß nemlich diese ganze grosse [112] Bücherwelt durchreisen, die in den Schriften der Autoren befindliche Ungeheuer von Irrthümern jägermäßig aufsuchen und verfolgen, die verborgenen Fehler aus ihren Löchern hervorziehen, wie den Cacus aus seiner Höle. Er muß sie vervielfältigen[WS 46] gleich den Köpfen der Hydrá, und sie auf einen Haufen zusammen scharren, wie den Mist aus dem Stall des Augias: Oder er muß eine Art gefährlicher Vogel wegscheuhen, welche die verkehrte Begierde haben, die besten Zweige von dem Baum des Erkenntnisses zu plündern, gleich den Stymphalischen Vögeln, welche die Frucht auffrassen.

Und dieses alles führet uns endlich auf die rechte und eigentliche Beschreibung eines wahren Critici. Sie ist diese: Ein wahrer Criticus ist eine Person, welche die Fehler der Scribenten entdeket und sammelt: Welches noch ferner durch folgenden Beweis unwidersprechlich kan dargethan werden. Wer immer die Schriften von allen Arten, womit diese alte Sekte die Welt beehret hat, untersuchet, der wird so gleich aus der ganzen Anlage und dem Innhalt derselben finden, daß die Gedanken ihrer Verfasser gänzlich und allein mit den Fehlern, Mängeln, Nachläßigkeiten und Irrtümern anderer Scribenten beschäftiget sind. Und es sey auch die Materie so sie verhandeln, welche sie wolle, so bleibt ihre Einbildung doch immer von den Fehlern anderer Schriftsteller so sehr eingenommen und angefüllet, daß die Quintessenz des Elenden so sie anmerken, nothwendig in ihre eigene Schriften herab distillirt; dergestalt daß das [113] Ganze einem nicht anders vorkömmt, als ein Abstractum, oder Auszug derjenigen Fehler, welche sie selbst critisiert haben.

Nachdem wir also kürzlich den Ursprung und das Amt eines Critici nach dem gemeinsten und edelsten Sinn, darinn das Wort genommen wird, betrachtet haben; so gehe ich izt weiter, diejenigen zu widerlegen, welche das Stillschweigen der Scribenten anführen, und daraus beweisen wollen, daß die nemliche Critic, wie sie izt gebrauchet wird, und von mir ist erklärt worden, etwas ganz neues sey, und daß folglich unsere Großbritannische und Französische Herren Critici bey weitem nicht von so altem und vornehmem Adel herstammen, als ich behauptet habe. Nun wenn ich im Gegentheil klar werde erweisen können, daß die alten Scribenten beydes die Person und das Amt eines wahren Critici eben so wie ich in meiner Beschreibung gethan, erkläret haben, so wird ihre grosse von dem Stillschweigen der Autoren hergenommene Einwendung zu Boden fallen.

Ich gestehe, ich habe auch selbst eine lange Zeit in diesem allgemeinen Irrtum gesteket, und würde mich aus demselben wol nimmer heraus gewikelt haben, wenn es nicht durch den Beystand unserer berühmten Neuern geschehen wäre, deren erbauliche Schriften ich mir, und meinem Vaterlande zum Besten, Tag und Nacht mit unermüdetetem Fleiß durchblättere. Sie sind es nemlich, die mit unbeschreiblicher Mühe manche nüzliche Untersuchung [114] angestellet, die schwachen Seiten der Alten auszuspüren, und uns ein weitläuftiges Register derselben gegeben haben. Sie, die nebst diesem unwidersprechlich dargethan haben, daß die sinnreichesten und artigsten Dinge, welche die Alten vorgebracht, lange seither von viel spätern Scribenten seyen erfunden, und ans Licht gebracht worden. Und daß die vortreflichsten Entdekungen welche diese Alten jemals in der Natur oder Kunst gemachet, alle insgesamt von unsern iztlebenden Genien der Welt seyen dargeleget worden. Welches denn klärlich zeiget, wie wenig Anspruch diese Alten auf Verdienste machen können, und die blinde Hochachtung gänzlich aufhebet, welche einige Schulfüchsische Ofenbrüter, die unglüklich genung sind, sich zu wenig mit neuern Sachen bekannt zu machen, für sie hegen.

Nachdem ich dieses alles überleget, und anbey die Natur des menschlichen Gemüths in Erwegung gezogen, so bin ich ganz natürlich auf die Gedanken gerathen, diese Alten, welche sich ihrer Unvollkommenheiten sonder Zweifel sehr wol bewußt gewesen, müssen nothwendig in ihre Schriften hin und wieder haben Stellen einfliessen lassen, wodurch sie nach dem Exempel ihrer Vorgänger der Neuern, der Tadelsucht des Lesers entweder durch Satyren oder Lobreden auf die Criticos, vorzubeugen, oder ihn einzunehmen, und von der Hauptsache abzuführen suchen. Und weil ich in den Locis communibus der Satyren und Lobreden auf die Criticos, vermittelst langen Studierens in den Vorreden und Zuschriften genugsam [115] erfahren bin, so hatte ich so gleich den Entschluß gefasset, nachzusehen, was ich durch fleißiges Lesen der ältesten Scribenten, und vornemlich derer, die von den frühesten Zeiten handeln, hievon entdeken möchte. Hier fand ich nun zu meiner grösten Verwunderung, daß obschon sie alle, bey Gelegenheit sich in ganz besondere Beschreibungen eines wahren Critici eingelassen, und dieselben je nach der Furcht und Hofnung darinn sie standen, eingerichtet hatten, doch alles was sie hievon berühret, mit der grösten Behutsamkeit geschrieben ist, dergestalt, daß sie alles bloß in Fabeln und Hieroglyphische Sinnbilder versteken. Und eben dieses ist sonder Zweifel auch der Grund, warum flüchtige Leser das Stillschweigen der Scribenten als einen Einwurf wider das Alter der ächten Critiker angeben, obschon die angebrachten Bilder so schiklich, und ihre Bedeutungen so natürlich und handgreiflich sind, daß man schwerlich begreifen kann, wie Leser von neuerm Geschmak und neuern Augen, sie übersehen können. Ich will von der grossen Menge dieser Bilder nur einige wenige anführen, und hiedurch verhoffentlich die Sache ausser allen Zweifel sezen.

Es ist merkwürdig, daß diese alten Scribenten, indem sie so Enigmatisch von der Sache handeln, doch alle auf einerley Hieroglyphe gefallen sind, und nur in einigen historischen Umständen von einander abgehen, je nach dem sie von ihren Neigungen und Wiz zu diesem Unterscheid sind verleitet worden. Pausanias hält dafür, daß man die Kunst wol zu schreiben, einzig [116] den Criticis zu danken habe. Und daß er hiedurch niemand anders als die ächten Criticos verstehe, ist meines Erachtens klar genung, wenn man die folgende Beschreibung lieset, welche er von ihnen giebt.[60] Dieses, (sagt er) sind gewisse Menschen die Vergnügen daran finden, daß sie das überflüßige und die Excrescenzen der Bücher abbeissen. Und nachdem die Gelehrten solches endlich wahrgenommen, haben sie beschlossen künftig selbst die faulen, erstorbenen saftlosen, und auch die allzugeilen Zweige von ihren Werken abzuschneiden. Dieß alles nun versteket er sehr künstlich in die nachfolgende Allegorie: Die Nauplier in Argien (sagt er) haben die Kunst ihre Weinstöke zu beschneiden von den Eseln gelernet, indem sie bemerket daß wenn ein Esel einen Reben abgefressen, solcher hernach viel schöner getrieben, und auch viel bessere Früchte getragen hat.[WS 47] Herodotus[61] der sich eben dieses Gleichnisses bedienet, spricht von der Sache noch deutlicher und bey nahe ganz ausdrüklich. Er ist nemlich kühn genung, die ächten Criticos der Unwissenheit und Bosheit anzuklagen, indem er uns offenbar (denn meines Bedunkens konnte wol nichts klarers seyn,) erzehlet, daß es in den westlichen Gegenden Lybiens, Esel mit Hörnern gebe. Welches Ctesias[WS 48] noch mehr erläutert, wenn er von eben dergleichen Thieren in Indien folgende Nachricht giebt: An statt daß alle andern Esel gar keine Galle haben, so findet sie sich hingegen bey diesen gehörnten Eseln in solchem [117] Ueberfluß, daß man ihr Fleisch nicht geniessen kann, weil es allzu bitter ist.

Indessen war die Ursach warum diese alten Scribenten nur figürlich und durch Bilder hievon gesprochen, wol keine andere, als daß sie sich fürchteten, eine so mächtige und schrekliche Partey wie die damaligen Critici waren, öffentlich und gerade zu anzugreifen. Angesehen auch bloß der Schall ihrer Stimme so gar fürchterlich war, daß ganze Legionen Scribenten davor würden gezittert, und ihre Federn aus den Händen haben fallen lassen. Denn so erzehlet uns Herodotus in einer andern Stelle ausdrüklich, daß einst eine ganze grosse Scythische Armee, durch ein panisches Schreken von dem Geschrey eines Esels in die Flucht getrieben worden sey. Daher kömmt es denn auch, daß einige tiefsinnige Philologi vermuthen, daß die grosse Furcht und Ehrerbietung, welche unsere Großbrittannische Scribenten vor einem ächten Criticus haben, von unsern Scythischen Vorfahren bis auf uns sey fortgepflanzet worden. Kurz, diese Furcht war so allgemein, daß mit Verlauf der Zeit diejenigen, welche ihre Gedanken durch Beschreibung der Criticorum ihrer Zeiten gern freymüthiger entdeket hätten, sich genöthiget sahen, das bisher gebrauchte Hieroglyphe wegzulassen, weil es die Sache gar zu merklich vorstellete; und sich solcher Figuren zu bedienen, die behutsamer und dünkler waren. So getrauet sich Diodorus wenn er von eben dieser Materie spricht, nicht etwas mehrers zu sagen, als daß auf den Hügeln des Helicons, ein gewisses Unkraut wachse, [118] dessen Blüthe so abscheulich stinke, daß es alle die daran riechen, vergifte. Und auf gleichen Fuß schreibet auch Lucretius.

Est etiam in magnis Heliconis montibus arbos,
Floris odore hominem retro consueta necare.

 Lib. 6.[WS 49]

Hingegen war Ctesias den wir vorhin angezogen, schon beherzter. Die ächten Critici seiner Zeit hatten ihn sehr scharf mitgenommen, und daher konnte er sich nicht enthalten, wenigstens der Nachwelt ein starkes Denkmal seiner Rache gegen die sämtliche Zunft zu hinterlassen. Seine Meinung ist so klar, daß mich wundert, wie es möglich gewesen, daß die, welche den ächten Criticis ihr Alterthum absprechen, sie nicht eingesehen haben. Denn da er das Ansehen haben will, verschiedene selzame indianische Thiere zu beschreiben, so bedienet er sich unter anderm folgender merkwürdigen Worte: Es giebt hier auch eine Art Schlangen, welche keine Zäne haben, und daher nicht beissen können. Ihr Gespey aber, wozu sie von Natur sehr geneiget sind, ist so beissend und fressend, daß alles worauf es nur fället, so gleich verderben muß. Diese Schlangen werden gemeiniglich an den Bergen gefunden, auf welchen die Edelgesteine wachsen: und sie lassen öfters eine vergiftete Feuchtigkeit von sich, daß wer darab trinket, dessen Gehirn sogleich durch die Naselöcher weggehet.

Es gab noch eine Art Critiker bey den Alten, welche zwar der Gattung nach von den vorgedachten [119] nicht unterschieden waren, wol aber der Grösse und den Graden nach. Es scheinet, daß diese bloß die Tyrones oder Schüler der erstern waren; weil sie aber ihre besondere Verrichtungen hatten, so wird ihrer öfters als einer eigenen Sekte gedacht. Die Uebung dieser jungen Studenten bestand meistens darinn, daß sie die Schaupläze fleißig besuchten, und sich gewöhneten die Fehler in den Schauspielen auszuspähen, welche sie sich denn wol merken, und ihren Vormündern ordentliche Rechnung davon ablegen mußten. Durch diese kleine Kurzweil wurden sie gleich den jungen Wölfen eingehezet, und endlich wenn sie herangewachsen, so hurtig und stark, daß sie auch das gröste Wild niederreissen konnten; denn die Alten so wol als auch die Neuern haben angemerket, es habe ein ächter Criticus die Eigenschaft mit einer Hure und einem Rathsherrn gemein, daß sie ihren Character, oder ihre Natur niemals ablegen, und daß ein graubärtiger Critikus ehedem gewiß eben derselbe gewesen, da er noch ein Gelbschnabel war, so daß seine izige Vollkommenheiten anders nichts als die verbesserten Talente seiner Jugend seyen. Gleich dem Hanf, von dem uns die Naturkündiger sagen, daß er die Kraft zu erstiken schon habe, wenn er auch bloß im Saamen genommen werde. Ich halte dafür, daß man die Erfindung oder wenigstens die Verbesserung der Prologorum in den Komödien, diesen jungen Criticis, deren Terentius öfters unter dem Namen Malevoli ehrenhafte Meldung thut, zu danken habe.

[120] Inzwischen bleibet es eine Wahrheit, daß es für die gelehrte Welt schlechterdings nothwendig war, diese ächten Criticos zu haben; denn alle menschliche Verrichtungen scheinen getheilet zu seyn, so wie es bey dem Themistokles und seiner Gesellschaft war.[62] Einer kann geigen, der andere kann aus einer kleinen Burg eine grosse Stadt machen, und wer nichts kann, der ist werth daß man ihn von dem Erdboden vertilge: Die Furcht vor dieser Strafe hat sonder Zweifel die critische Nation zu allererst hervorgebracht, und zugleich auch ihren heimlichen Verleumdern die erste Gelegenheit gegeben, auszustreuen, daß ein ächter Criticus eine Art Handwerker sey, den Werkstatt und Werkzeuge eben so wenig kosten als einen Schneider; und daß würklich beyderley Kunst und Instrumente eine grosse Aehnlichkeit haben. Die Hölle des Schneiders stelle das Buch vor, darein sich der Criticus seine Locos communes sammelt, und das Bügeleisen wäre ein Typus von desselben Wiz und Gelehrsamkeit. Es würden eben so viel Stüke von dieser Art erfodert, einen rechten Meister in der Critic zu ziehen, als von jenen, wenn ein Schneider einen Mann ganz ausstaffieren wollte. Beyde wären gleich tapfer, und führeten bey nahe gleich starke Waffen. etc.

Auf diese verhaßten Vergleichungen, läßt sich vieles gar gründlich antworten; und ich darf keklich sagen, daß die erste derselben grundfalsch ist. Denn im Gegentheil, es ist wol nichts gewisser, [121] als daß es weit mehrere Unkosten erfodert, ein freyes privilegiertes Mitglied von der Gesellschaft der ächten Critiker zu werden, als von irgend einer andern. Denn wie es, ein wahrer ausgemachter Bettler zu werden, einen reichen Candidaten zuvor noch den lezten Pfenning kostet, also muß es einem zuvor alle guten Eigenschaften seines Gemüths gekostet haben, ehe er ein wahrer Criticus werden kann. Ein Handel, daran in der That niemanden viel gelegen seyn dürfte, wenn die Sache, welche man dabey eintauschet von weniger Wichtigkeit wäre.

Nachdem ich also das Alterthum der Critic weitläuftig erwiesen, und ihre erste Reichsverfassung beschrieben habe, so will ich nun auch die gegenwärtige Beschaffenheit dieses Reiches untersuchen, und zeigen, wie genau dieselbe mit der alten Verfassung übereinkömmt.[63] Ein gewisser Scribent, dessen Werke schon vor vielen Jahrhunderten verloren gegangen, sagt in seinem fünften Buch im achten Capitel von den Criticis, daß ihre Schriften Spiegel der Gelehrsamkeit seyen. Dieses nehme ich im buchstäblichen Verstand, und glaube die Meinung unsers Verfassers müsse diese seyn, daß wer den Ruhm eines guten Scribenten davon tragen will, zuvor in die Bücher der Criticorum hineinschauen, und seine Erfindungen da als vor einem Spiegel verbessern müsse. Wenn man nun betrachtet, daß die Spiegel der Alten von Erz, [122] und sine Mercurio[WS 50] gemachet waren, so wird man gleich die zwo Haupteigenschaften eines ächten neuern Critici darauf applicieren können, und daher nothwendig schliessen müssen, daß dieselben zu allen Zeiten einander gleich gewesen, und auch künftig bis an das Ende der Welt einander gleich bleiben werden. Denn das Erz ist ein Sinnbild einer beständigen Dauer, und wenn es recht poliert ist, so wird es die Stralen, ohne Hülfe des Mercurii, von seiner eigenen Superficies[WS 51] zurükprellen. Es ist unnöthig, daß ich die andern Eigenschaften eines Critici besonders anführe, massen sie alle in den bereits gedachten enthalten, oder auch leicht auf dieselben können gebracht werden. Ehe ich aber meine Abhandlung beschliesse, will ich noch drey Grundregeln angeben, welche nicht allein dienen können, einen ächten neuern Criticus von einem Betrüger richtig zu unterscheiden, sondern auch allen denen vortreflich zu statten kommen werden, welche sich auf eine so nüzliche und löbliche Wissenschaft legen.

Die erste ist diese: Daß die Critik, zuwider allen übrigen Eigenschaften des Verstandes stets für das beste und vollkommenste in ihrer Art gehalten wird, wenn sie zum erstenmal, und also ganz neu und frisch aus dem Verstand des Critici herauskömmt. Sowie Schüzen das erste Zielen für das Beste halten, und selten fehlen werden, in das Weisse zu trefen, wenn sie nicht noch den zweyten Schuß zu thun gedenken.

[123] Die zweyte: Aechte Critiker werden daran erkannt, daß sie um die allerbesten Scribenten herumschermen; wozu sie blos durch den Instinkt angetrieben werden, wie eine Ratte zu dem besten Käse, oder eine Wespe zu den reifesten Früchten, getrieben wird. So wird der König wenn er zu Pferde ist, am ersten beschmüzet, und die welche ihm den Hof am besten machen wollen, besprizen ihn am allermeisten.

Die dritte: Ein ächter Criticus gleichet einem Hund bey einem Schmause, dessen Sinnen und Magen einzig auf das gerichtet sind, was die Gäste unter den Tisch werfen, und der deswegen niemals mehr murret, als wo es am wenigsten Knochen giebt.

So viel mag zu meiner Empfehlung an meine vornehmen Gönner, die neuern ächten Criticos genung seyn; und ich hoffe, daß ich durch diese Abhandlung mein voriges Stillschweigen, so wol als auch dasjenige so ich vermuthlich künftig beobachten werde, vollkommen gut gemachet habe. Nachdem ich mich auch um ihre ganze ansehnliche Zunft so verdient gemachet, so zweifle ich keineswegs an deroselben großmüthigen Nachsicht, und gütiger Begegnung. In welch getroster Hoffnung ich denn meine erste Materie wieder zur Hand nehme, und in Erzehlung derjenigen Begegnisse weiter fortfahre, welche ich so glüklich angefangen habe.


[124]
Vierter Abschnitt.
Fortsezung des Mährgens von der Tonne.

Ich habe den Leser mit vieler Mühe und Arbeit nunmehro auf einen Zeitpunkt gebracht, woselbst er von sehr wichtigen Veränderungen hören wird. Denn kaum hatte unser gelehrte Bruder eigen Dach und Gemach, so fieng er an eine vornehme Mine zu machen, und sehr groß zu thun; so gar daß ich befürchten muß, der geneigte Leser werde unsern Helden künftig schwerlich mehr erkennen, obschon er beliebet haben mag, sich vorhin einen ziemlich hohen Begrif von der Sache zu machen; so gar anders siehet derselbe izt in seiner Aufführung, Kleidung und Mine aus.

Er sagte zu seinen Brüdern: Er wollte ihnen hiemit zu wissen gethan haben, daß er der älteste unter ihnen, und folglich des Vaters einziger Erb wäre. Und bald darauf wollte er ihnen nicht weiter erlauben, ihn Bruder zu nennen, sondern verlangte, daß sie Monsieur Peter, hernach Vater Peter, und endlich gar Milord Peter an ihn kommen sollten.[64]

[125] Diese Hoheit erfoderte einen derselben gemässen Staat. Weil er aber bald einsah, daß hiezu ein grösseres Vermögen vonnöthen wäre, als dasjenige war, so er geerbet hatte, sann er lang nach, und endlich entschloß er sich, ein Projektmacher und Virtuose zu werden. In dieser Kunst glükte es ihm auch dergestalt, daß sehr viele berühmte Entdekungen, Recepte und Maschinen, deren man sich noch heut zu Tage mit bestem Erfolg bedienet, einzig von Lord Peters Erfindung sind. Ich will die vornemsten derselben welche ich habe finden können, anführen; jedoch ohne mich an die Ordnung der Zeit zu binden, nach welcher sie mögen erfunden worden seyn; weil ich sehe, daß die Scribenten darüber nicht einig sind.

Inzwischen lebe ich der Hofnung, daß wenn diese meine Schrift, in fremde Sprachen wird übersezet werden, (wie ich denn ohne Eitelkeit behaupten darf, daß sie es wegen der vielen mit unbeschreiblicher Mühe gesammelten Materien, wegen der getreuen und wahrhaften Erzehlung, und wegen ihrer ungemeinen Nuzbarkeit für das Publicum mehr als zu wol verdienet) die gelehrten Mitglieder der verschiedenen Academien, besonders aber derer in Frankreich und Italien, dieselbe gütig aufnehmen, und als ein nicht geringes Mittel die Wissenschaften empor zu bringen, ansehen werden. Wie ich denn ebenfalls den Ehrwürdigen Herren Patribus und Heidenbekehrern hier Anlas nehme zu melden, daß ich mich einzig ihnen zu gefallen, solcher Wörter und Redensarten bedienet, welche die Wendungen der Orientalischen [126] Sprachen, und vornemlich der Chinesischen am leichtesten annehmen können. Und izo fahre ich nicht ohne sonderbares Vergnügen über den grossen Nuzen welche der ganze bewohnete Erdboden von meiner Arbeit einernden wird, in meiner Erzehlung wieder fort.

Das erste Unternehmen Lord Peters gieng dahin, daß er sich bemühete, ein gewisses Stük Landes,[65] von welchem man sagte, daß es neulich in Terra australi incognita wäre entdeket worden, an sich zu bringen. Dieses kaufte er um ein sehr weniges von denen selbst, die es gefunden hatten, (wiewol einige zweifelten, ob die Verkäufer irgend einmal da gewesen wären,) theilete es in verschiedene Cantons ein, und verkaufte es also stükweise wieder an viele Kaufleute die Colonien dahin führen wollten, auf der Reise aber insgesamt Schiffbruch litten. Lord Peter verkaufte es demnach wiederum aufs neue, und hernach wiederum, und hierauf wiederum, und so immerfort, weil die Käufer alle das gleiche Schiksal hatten.

Seine zweyte Erfindung, war ein gewisses unfehlbares Mittel gegen die Würmer, und besonders gegen solche, die sich in der Milz gesezet hätten. Der Patient durfte drey Nächte hintereinander [127] nach der Abendmahlzeit nichts mehr zu sich nehmen, und wenn er zu Bette gieng, so mußte er sich in acht nehmen sich auf die eine Seite niederzulegen, ward er müde, so konnte er sich auf die andere wenden: Ferner mußte er, wenn er etwas anschauete, seine beyden Augen zugleich auf die Sache richten, und sich sorgfältig hüten, daß er ohne die gröste Noth, nicht oben und unten auf einmal Wind von sich liesse. Durch dieses Mittel sagte er, würden die Würmer unvermerkt durch die Transpiration oben zum Gehirn heraus gehen.[66]

Die dritte war ein gewisser Stul, welchen er zum gemeinen Besten aller derer aufrichtete, welche von der Hypochondrie und der Colic beschweret waren.[67] Als z. Ex. für Hebammen, kleine Politicos, verstossene Freunde, ausschreibende Poeten, glükliche und auch verzweifelnde Liebhaber, Kupler, geheime Räthe, Pagen, Fuchsschwänzer, Schalksnarren, kurz, für alle die in Gefahr stühnden, vor allzu vielem Winde zu bersten. In dem Stul war ein Eselskopf[68] so schiklich angemachet, daß der Patient leicht seinen Mund an eines von dessen beyden Ohren bringen konnte. Wann er nun solchen bis auf eine gewisse Distanz recht feste daran legte, so würde dem Patienten [128] gleich besser, und das Böse gieng wegen der verscheuchenden Kraft, welche die Ohren dieses Thieres haben, theils durch die Eructation, theils durch die Exspiration, theils durch die Evomition fort.[WS 52]

Noch ein anders sehr nüzliches Projekt, welches Lord Peter ins Werk sezete, war die Aufrichtung einer [69] Versicherungskammer für Tobakspfeiffen, Märtyrer des neuen Eifers, Sammlungen von Gedichten, Schatten - - - - und Flüsse. Diese Kammer sagte für allen Feuer-Schaden, welchen diese und andere Sachen leiden konnten gut. Daher unsere Löbl. Gesellschaften welche auf gleichen Fuß eingerichtet sind, klar einsehen werden, daß sie nur Copien von Lord Peters Original sind: wiewol beyderley Kammern ihren Stiftern so wol als dem gemeinen Wesen zu gröstem Vortheile gereichen.

Imgleichen ward Lord Peter auch für den Erfinder der Marionetten, [70] schönen Raritäten, und schönen Spielwerke gehalten, wobey ich mich nicht aufhalten will, massen der grosse Nuzen derselben mehr als zu bekannt ist.

Eine andere Entdekung aber, wodurch er gar sehr berühmt worden, war seine allgemeine Einpekelung: [71] Denn da er bemerket hatte, daß [129] durch die gewöhnliche Art einzupekeln, deren sich unsere Hausmütter bedienen, weiter nichts als Fleisch und einige Gattungen von Gewächsen, vor der Fäulung bewahret werden; so erfand Peter hingegen mit grossem Fleiß und vielen Kosten, eine Pekelbrühe für Häuser, Gärten, Städte, Männer, Weiber, Kinder und Vieh, darinn er diese Dinge eben so frisch und gut erhalten konnte, als Insekten in dem Ambra. Nun schien zwar diese Pekelbrühe in Ansehung des Geschmaks, Geruchs und Ansehens von derjenigen gar nicht unterschieden zu seyn, welche wir zu Einsalzung unsers Rindfleisches und unserer Heringe gebrauchen; (wie sie denn auch würklich gar öfters mit sehr gutem Erfolg hierzu ist angewendet worden,) allein in Ansehung ihrer ungemeinen Würkungen war sie etwas ganz anders; denn so bald Peter nur eine Messerspize voll von seinem Pulver Pimperlimpimp [72] hinein that, so richtete er Wunderdinge damit aus. Die Operation selbst geschah durch das Besprengen, wobey man sich nach gewissen Monds-Veränderungen richten mußte. War es ein Haus das man so einpekelte, so konnte man sicher seyn, daß es vor Spinnen, Ratten und Wieseln verwahret bliebe. War es ein Hund, so hinderte solches, daß er weder räudig, noch toll, noch hungrig ward. Ingleichen war es ein unfehlbares Mittel wider die Kräze und Läuse, heilte den Kindern die bösen Köpfe, und die Patienten konnten dabey ungehintert ihrem Beruf warten, es sey bey Tisch oder im Bette.

[130] Keines aber von allen den raren Stüken die Lord Peter besaß, schäzte er höher als eine gewisse Art Bullen,[73] welche durch ein besonderes Glük in gerader Linie noch von der Zucht der grossen Bullochsen abstammeten, die das göldene Vließ bewahreten, wiewol einige die sie genau wollen betrachtet haben, zweifelten, daß die Race vor aller fremden Vermischung genugsam wäre vergaumet worden; massen Lord Peters Bullen in einigen Stüken von ihren Vorfahren aus der Art geschlagen, und hingegen andere ganz ausserordentliche Eigenschaften bekommen hätten. Die Historie meldet, daß die Bullen zu Colchis, ehrene Füsse hatten. Dergleichen hatten Lord Peters seine nicht. Ob aber dieses von schlechtem Futter und einer übeln Dauung, oder von Zulassung einer andern Gattung, oder von einer angeerbten schwachen Zeugungskraft herrühre; oder ob vielleicht bey denen in diesen bösen lezten Zeiten immer mehr und mehr abnehmenden Kräften der Natur auch in diesem Stük eine Verschlimmerung erfolget sey, das läßt sich nicht wol bestimmen. So viel ist gewiß, daß Lord Peters Bullen an dem Metall ihrer Füsse, durch den Rost der Zeit viel gelitten hatten, indem dasselbe izo nur zu schlechtem Bley[74] geworden. Hingegen war ihnen das erschrekliche Brüllen, und die Eigenschaft, Feuer aus der Nase zu schnauben, von ihren Vorfahren noch angeerbt; [131] wiewol einige Verleumder vorgaben, daß dieß Feuerschnauben ein blosses Kunststükgen, und bey weitem nicht so gefährlich wäre, als es schiene; massen es von nichts anders herkäme, als weil diese Thiere insgemein lauter Raqueten und Schwermer frässen. Indessen hatten sie zwo besondere Eigenschaften, wodurch sie sich von ihren Vorfahren zu Jasons Zeiten gar sehr unterschieden, und welche ich sonst bey keinem andern Ungeheuer angetrofen, als nur bey dem, welches Horaz uns in diesen Worten beschreibet:

Varias inducere plumas;
 und
Atrum desinit in piscem.

Sie hatten nemlich würkliche Fischschwänze[75] und dennoch konnten sie bisweilen geschwinder fliegen als ein Vogel in der Luft. Peter brauchte diese Bullen zu verschiedenen Dingen: zuweilen ließ er sie brüllen, um die [76] bösen Kinder zu erschreken. Zuweilen schikte er sie in wichtigen Angelegenheiten aus; und es ist zu verwundern, ja unglaublich, welch einen starken sinnlichen Appetit sie bey diesen Anläsen nach Gold äusserten. [132] Diesem Trieb, der dem ganzen Geschlecht noch von ihren Voreltern die das göldene Vließ bewahreten, angeerbet war, folgeten sie mit solcher Raserey, daß wenn Peter sie ausschikte hier oder dort, auch wol nur ein Compliment zu machen, sie zu brüllen, zu speyen, zu rülzen, von vorne und hinten alles von sich zu lassen, und Feuer zu blasen pflegten, bis man ihnen ein Stük Gold in den Rachen warf. Alsdenn aber pulveris exigui jactu[WS 53] wurden sie so zahm wie die Lämmer. Kurz, es sey daß die Nachsicht und wol gar eine heimliche Aufmunterung ihres Herrn sie in diesem Betragen gestärket, oder daß bloß die Sympathie ihrer bleyernen Füsse mit dem Gold, oder beydes zugleich daran Schuld gewesen, so machten sie es nicht anders als eine Art unverschämter troziger Bettler: wo man ihnen kein Allmosen geben wollte, da erschrekten sie die Weiber, daß es ihnen unrichtig gieng, und machten die Kinder zu fürchten, daß sie die böse Krankheit erholeten, daher sie noch izo die Gespenster gemeiniglich Bettelbullen nennen. Endlich aber wurden Lord Peters Bullen der Nachbarschaft so gar unerträglich, daß einige Edelleute aus Nordwest[77] eine gute Anzal Engländischer Bullenbeisser an sie hezeten, welche sie ihre Zäne dergestalt fühlen liessen, daß sie ihre ganze Lebenszeit daran gedenken konnten.

[133] Ich muß noch eines Kunststükes von Lord Peter gedenken, welches ganz ausserordentlich war, und aus dem man besonders abnehmen kann, welch grosse Fähigkeit er besaß, und wie stark seine Erfindungskraft gewesen. So oft nemlich ein Schelm zu Newgate[WS 54] zum Tod verurtheilet war, und gehangen werden sollte, bot ihm Lord Peter für eine gewisse Summe Geldes einen [78] Pardon an; und wenn denn der arme Teufel mit Mühe und Noth so viel Geld zusammen brachte und überschikte, so bekam er von Sr. Herrlichkeit ein Stük Papier folgenden Innhalts zurük:

Allen Befehlshabern, Landvögten, Richtern, Kerkermeistern und Scharfrichtern etc. Nachdem wir vernohmen haben, daß N. N. sich unter euern oder der eurigen Händen befindet, und von euch respective zum Tod verdammet worden, als wollen und befehlen wir euch hiemit, daß ihr Angesichts dessen, besagten Gefangenen mit Frieden wiederum heim in sein Haus kehren lasset. Er mag nun wegen Mords, Sodomiterey, Strassen- oder Kirchenraubes, Blutschand, Verrätherey, Gotteslästerung, oder anderer Uebelthaten wegen verurtheilet seyn; wofür euch gegenwärtiges zu Vorweisung einer erforderlichen Vollmacht genung seyn mag. Und so ihr diesem unserm Befehl nicht gehorsamst nachlebet, so strafe GOtt euch und alle die eurigen in alle Ewigkeit! Gehabt euch wol.

Euer dienstwilliger 

Knecht aller Knechte.     

Kayser Peter. 

[134] Die armen Schurken welche hierauf traueten, verloren beydes ihr Geld und ihr Leben dazu.

Ehe ich weiter gehe, muß ich zuvor diejenigen welche die gelehrte Welt mit der Zeit in den Sold nehmen wird, über mein vortrefliches Werk Anmerkungen zu schreiben nachrichtlich erinnern, daß sie in Auslegung gewisser dunkeln Stellen behutsam gehen; angesehen alle die, welche nicht wahre Adepti sind, Gefahr laufen, sich dabey zu übereilen. Vornemlich ist solches bey einigen geheimnißreichen Stellen zu befahren, wo man aus Liebe zur Kürze gewisse Arcana zusammen gesezet hat, welche in dieser Anmerkungsoperation müssen gesöndert werden. Ich zweifle nicht, daß diese künftige Kunstrichter mir für eine so wolmeynende und nüzliche Nachricht verbindlichst danken werden.

Der geneigte Leser wird sich leicht vorstellen, daß so viele wichtige Entdekungen wie Lord Peters waren, von der Welt mit dem grösten Beyfall aufgenommen worden, obschon ich versichern kann, daß ich nur den wenigsten Theil derselben angeführet habe, weil meine Absicht nur war, solche auszuzeichnen, deren Nachahmung dem Publico den grösten Nuzen bringen würde; oder solche, woraus der Wiz und die Einsicht des Erfinders am deutlichsten erhellet. Es war daher kein Wunder, daß Lord Peter damals zu grossem Reichthum gelanget: Allein durch das viele und lange Nachsinnen, hatte er sich auch den Kopf dergestalt zerrüttet, daß es nicht mehr ganz richtig damit beschaffen war. Kurz, sein Hochmuth, seine Projekte [135] seine Betrügereyen machten ihn zum Narren, und er hatte die abentheuerlichsten Einfälle. Wenn der Paroxysmus am stärksten war, so nennete er sich selbst, (wie denen welche aus Hochmuth rasen, gemeiniglich zu begegnen pfleget,) einen Monarchen der ganzen Welt, und bisweilen wol gar den allmächtigen Gott.

Ich habe gesehen, (sagt mein Autor) daß er drey alte zugespizte Hute [79] genommen, und sie alle, drey Stokwerke über einander auf den Kopf gesezet. Dabey hieng ein grosses Bund Schlüssel an seinem Gürtel, und in der Hand hatte er eine Fischerruthe. Wenn ihn nun jemand in diesem Aufzug bey der Hand fassen und grüssen wollte, so reichte ihm Peter, gleich einem wolabgerichteten Wachtelhund, sehr artig den Fuß. Schlug einer diese Höflichkeit aus, so hub er den Fuß bis an dessen Kopf in die Höhe, und gab ihm damit einen verdammten Stoß ins Maul, welches seither immer grüssen hies; und allen vorbeygehenden, die ihm kein Compliment macheten, bließ er, (so stark war sein Odem) die Hüte vom Kopf in den Drek herunter.

Inzwischen liefen seine Sachen zu Hause sehr unordentlich, und seine beyden Brüder hatten keine gute Zeit. Der erste tolle Streich den er spielete, war, daß er einst an einem Morgen ihre beyden Weiber [80] und sein eigenes dazu, zum [136] Haus hinaus jagte, und an deren Statt drey Huren von der Gasse aufsuchen und kommen ließ. Eine Weile hernach vernagelte er die Kellerthüre, und wollte seinen Brüdern zu dem Essen nicht einen Tropfen zu trinken geben.[81]

Als er eines Tages bey einem Rathsherrn zu Mittag speisete, hörte ihn Peter das Rindfleisch, so wie seine Brüder auch zu thun pflegten, über alle massen heraus streichen. Rindfleisch, (sagte dieser Herr) ist die Königin unter allen Speisen. Es begreift die Quintessenz von Rebhünern, Wachteln, Wildpret, Fasanen, Tarten und Eyerkuchen in sich. Peter hatte den Einfall, er müsse sich diese Lehre zu nuz machen, und da er nach Hause kam, redete er zu seinen Brüdern, weil er kein Fleisch hatte, von seinem hausbakenen Brod eben so: Lieben Brüder, sagte er, Brod ist der Stab des Lebens. Das Brod enthält inclusive die Quintessenz von Rindfleisch, Schöpsenfleisch[WS 55], Kalbfleisch, Wildpret, Rebhüner, Tarten und Eyerkuchen: Und damit nichts mangle, so ist auch eine gehörige Portion Wasser[82] darunter gemischet, dessen rohes Wesen durch die Hebe gemiltert wird. Durch dieses Mittel wird es zu einem gesunden Saft, mit welchem die Masse des Brods ganz durchwürket ist.

[137] Diesen Lehrsäzen zufolg ward würklich des folgenden Tags bey der Mittagsmahlzeit ein Hausbrod mit so viel Ceremonien aufgetragen, als wenn ein Hochzeitschmauß wäre. Wolan meine Lieben, (sprach Lord Peter) laßt euch belieben, esset bis ihr genung habet, es ist ganz vortrefliches Schöpsenfleisch.[83] Langet selbst zu, oder ich will euch abschneiden, weil ich doch einmal im Schneiden bin. Zugleich ergrif er Messer und Gabel, und schnitt mit vielen Umständen zwey gute Stüke Brod ab, die er auf einem Teller seinen beyden Brüdern überreichte. Der ältere von ihnen konnte nicht gleich errathen, was Peter mit seiner Rede haben wollte, und fieng mit der grösten Höflichkeit an, das Geheimniß zu untersuchen. Mein Herr, sagte er, ich sollte fast meynen, daß hier einiger Mißverstand waltete. Ey, wie? antwortete Peter, ihr seyt artig. Nun lasset euere Possen immer hören, ihr habt den Kopf stets so voll davon. Nein ganz und gar nicht mein Herr, sagte jener; allein wenn ich mich nicht sehr betrogen habe, so beliebten Eure Herrlichkeit vor einer kleinen Weile etwas von Schöpsenfleisch zu gedenken, und ich wünschte wol von Herzen, dergleichen zu sehen. Wie? sprach Peter bestürzet, ich weiß gar nicht, was ihr haben wollet. - - - Hier schlug sich der jüngere Bruder ins Mittel, und wollte die Sache aus einander sezen. Mein Herr, sagte er, ich glaube mein Bruder ist hungrig und sehnet sich nach dem Schöpsenfleisch, welches Eure Herrlichkeit uns heut zur Mittagsmahlzeit zu geben versprochen haben. Ey was für Possen schwäzet ihr denn, antwortete Herr Peter; entweder ihr [138] seyt beyde Narren, oder doch von einer Laune, die mir izt gar nicht anstehet. Gefällt euch dieses Stük nicht, so will ich euch ein anders schneiden, obschon ich dieses für das beste an der ganzen Keule halte. Wie? mein Herr, fieng der erstere wieder an. Scheinet ihnen denn dieses eine Schöpskeule zu seyn? Ey, sagte Herr Peter, esset euer Fleisch, und verschonet mich mit solchen Unhöflichkeiten, wenn ihr wollet so gut seyn, denn izt kann ich dergleichen nicht wol vertragen. Hierüber war diesem die Gedult ausgegangen, und er konnte sich nicht länger halten. Bey G– sagte er, ich kann nicht anders sagen, als daß es meinen Augen, Fingern, Zänen und meiner Nase nicht anders als ein Stük Brod vorkömmt. Und der andere Bruder sezte hinzu: Niemals in meinem Leben habe ich eine Schöpsenkeule gesehen, die einem Groschenbrod ähnlicher gewesen als diese hier. Seht mir doch, schrie Peter voll Zorn. Nun ich will euch durch einen klaren Beweis überführen, was für blinde, eigensinnige, dumme Kerls ihr seyt: Höret nur:

Bey G - - - dieses ist wahrhaftes, natürliches Schöpsenfleisch, so gut als irgend eins in der Fleischbank. Und euch soll der Teufel holen, wenn ihr es für etwas anders haltet.

Ein so verteufelter Beweis ließ keinem fernern Einwenden mehr Plaz. Unsere beyden Ungläubige fiengen an sich zu begreifen, und ihre Einwürfe so geschwinde einzupaken, als sie nur immer konnten. In der That, sagte der erste, nach reiferer Ueberlegung der Sache - - - ja fiel ihm der andere in die Rede, nun habe ich der Sache besser [139] nachgedacht, Eure Herrlichkeit mögen wol recht haben. Sehr gut, sagte Peter, habe ichs nicht gedacht? Höre Junge, schenk mir ein Glas voll Wein ein. Nun, auf eure Gesundheit. Die zween Brüder waren sehr froh, ihn so bald wieder zu frieden zu sehen, sie bedankten sich auf das höflichste und sagten, sie würden Sr. Herrlichkeit sehr gerne Bescheid thun. Das sollt ihr auch, sprach Peter; ich bin nicht der Mann, der euch etwas billiges abschlägt, der Wein, wenn er mäßig getrunken wird, stärket das Herz. Hier ist ein Glas für euch; es ist guter unverfälschter Wein, wie ihn GOtt und die Rebe giebt. Nicht so ein verdammtes Gesöffe, wie man in den Weinschenken bekömmt. Als er dieses gesagt hatte, überreichte er wiederum einem jeden ein grosses Stük troken Brod, und hieß sie es austrinken. Sie durften sich, sagte er, kein Bedenken machen, es würde ihnen gewiß nichts thun. Die zween Brüder thaten was man bey so küzlichten Umständen insgemein zu thun pfleget. Erst sahen sie Lord Peter, hernach sich selbst untereinander eine gute Weile an, und da sie sahen wie die Sache vermuthlich ein Ende nehmen dürfte, entschlossen sie sich lieber nicht wieder aufs neue einen Streit anzufangen, sondern ihn sagen und machen zu lassen, was ihm beliebte. Denn er hatte würklich seinen Paroxysmus bekommen, und es würde nur ärger geworden seyn, wenn sie weiter mit ihm hätten disputieren wollen.

Ich habe für nöthig erachtet, diese wichtige Begebenheit mit allen ihren Umständen zu erzehlen, weil sie vornemlich zu der grossen und berüchtigten [140] Trennung [84] Anlaß gegeben, welche eben um diese Zeit unter diesen Brüdern erfolget ist, und seither nimmer aufgehört hat; wovon ich aber in einem folgenden Abschnitt handeln werde.

Indessen bleibet eine Wahrheit, daß Lord Peter, wenn es auch würklich zur guten Stunde heissen sollte, in seinem Umgang kaum auszustehen war. Er debitierte das abgeschmakteste Zeug, dabey war er äusserst eigensinnig und hartnäkig; eher würde er sich zu tode disputiert haben, als daß er jemals einen Irrtum gestühnde. Nebst diesem hatte er auch noch die Gabe, bey jeder Gelegenheit die gröbsten und handgreiflichsten Lügen vorzubringen, und dabey nicht allein ganz entsezlich zu schwören, daß dasjenige was er sagte, wahr wäre; sondern auch noch alle die in die unterste Hölle zu verfluchen, welche sich heraus nahmen im geringsten daran zu zweifeln. Einst schwur er, er hätte eine Kuh zu Hause, welche auf einmal so viel Milch [85] gäbe, daß er dreytausend Kirchen damit anfüllen könnte; und was noch ausserordentlicher war, diese Milch würde niemals sauer. Ein andermal erzehlete er von einer alten Pfosten, die seinem Vater zugehöret, und woran Holz und Nägel [86] genug wären, wol sechszehn Kriegsschiffe daraus zu bauen. Als man in einer Gesellschaft von gewissen Chinesischen Wagen redete, die so leicht und künstlich gemachet wären, daß [141] man damit auch über die Berge hinsegeln könnte, sagte Peter: Ey das ist kaum der Rede werth: Bey G - - - ich habe wol was anders gesehen, ich habe ein ganzes grosses Haus von Kalk und Steinen gesehen, [87] welches mehr denn zweytausend deutsche Meilen über Wasser und Land, wiewol nicht in einem Stüke, fortgereiset ist. Denn es mußte doch bisweilen auf der Reise auch ein wenig ausruhen. Und was das ärtigste war, so schwur er bey seinen Erzehlungen stets ganz entsezlich, daß er in seinem Leben niemals gelogen hätte. Bey G - - - sagte er zu jedem Wort, ich sage nichts als die reine Wahrheit; und den soll der Teufel holen, der mir nicht glauben will.

Kurz, Peter machte es so ärgerlich, daß die ganze Nachbarschaft anfieng öffentlich zu sagen, er wäre ein ausgemachter Bösewicht; [88] und seine beyden Brüder die seiner zulezt überdrüßig wurden, entschlossen sich, ihn zu verlassen. Zuvor aber baten sie ganz höflich, daß er ihnen eine [142] Abschrift von dem väterlichen Testament wollte zukommen lassen, welches nun eine sehr lange Zeit unter der Bank gelegen hatte, und ganz war vergessen worden. Allein anstatt ihnen diese Bitte zu gewähren, hieß er sie Hurensöhne, Spizbuben, Verräther, und was ihm für andere Schimpfnamen noch mehr einfielen. Inzwischen ersahen sie eines Tages, da Peter ausgegangen war, den Fortgang seiner Projekte zu besorgen, ihre Gelegenheit, suchten das Testament, und nahmen, nachdem sie es mit grosser Mühe gefunden hatten, eine genaue Abschrift davon: Sie sahen den Augenblik daraus, wie gröblich sie wären betrogen worden.

Ihr Vater hatte einem so viel vermacht als dem andern, und ihnen dabey auf das schärfeste befohlen, dasjenige so sie gewinnen würden, gemeinschaftlich zu besizen; dem zufolg war ihr erstes, daß sie den Keller aufbrachen, und etwas guten Wein heraus holeten, [89] ihre Herzen wiederum zu laben und zu stärken. Bey Abschreibung des Testaments hatten sie ferner einen ausdrüklichen Artikel gefunden, der ihnen die Hurerey, die Ehescheidung, und die Concubinen verbot. Hierauf jagten sie ihre Concubinen fort, und schikten wieder nach ihren rechtmäßigen [90] Weibern. Indem sie hiemit beschäftiget waren, kam ein Sachwalter von Newgate, und wollte so eben [143] Lord Peter um einen Pardonbrief für einen Spizbuben ersuchen, der den andern Tag sollte gehangen werden. Die beyden Brüder sagten ihm, er wäre ein rechter einfältiger Narr, daß er Pardon bey einem Kerl suchen wollte, der den Galgen wol zehnmal eher verdienet hätte als sein Client; entdekten ihm hierauf den ganzen Betrug auf eben die Art, wie ich solchen kurz vorhin beschrieben habe, und riethen ihm, seinem Freunde zu sagen, er möchte sich vielmehr um einen Pardon [91] von dem König bemühen.

Mitten unter diesem Gespräch und erfolgter Revolution, kam Peter und ein Haufen Dragoner [92] hinten nach; die nahmen alles was sie nur bekommen konnten, stiessen die beyden Brüder mit Gewalt und unter vielem Gespött und Fluchen zur Thüre hinaus, und liessen sie bis auf den gegenwärtigen Tag niemals wieder über die Schwelle kommen.


[144]
Fünfter Abschnitt.
Eine Ausschweifung nach der neuern Mode.

Wir, welche die Welt mit dem Titel der neuern Scribenten zu verehren beliebet; Wir, sage ich, würden wol nimmer im Stand gewesen seyn, unsere grosse Absicht, eines unsterblichen Ruhms, und immerwährenden Andenkens, zu erreichen, wenn unsere Bemühungen das allgemeine Beste des menschlichen Geschlechts nicht so sehr beförderten. Diesen Zwek, o grosses Rund der Welt, habe auch ich dein Secretär, dahin zielet mein kühnes Unterfangen:

- - - Quemvis perferre laborem
Suadet,& inducit noctes vigilare serenas.
[WS 56]

Zu diesem Ende habe ich vor einiger Zeit mit unglaublicher Mühe und Arbeit den Cörper der menschlichen Natur zergliedert, und über verschiedene so wol innerliche als äusserliche Theile desselben viele nüzliche Lectionen gehalten, bis er [145] endlich so sehr zu stinken anfieng, daß ich ihn nicht länger aufbehalten konnte. Hierauf habe ich mit grossen Kosten alle Gebeine auf das genaueste und in der natürlichsten Ordnung zusammen sezen lassen, so daß ich curieusen Liebhabern, vornehmen und gemeinen, das ganze Skeleton davon zu zeigen im Stand bin. Doch damit ich nicht mitten in einer Ausschweifung aufs neue ausschweife, wie doch einige Scribenten thun, indem sie ihre Digressionen Schachtelweise eine in die andere einsteken; so melde ich nur, daß ich bey sorgfältiger Zergliederung der menschlichen Natur eine ganz wunderbare, neue und wichtige Entdekung gemachet habe. Ich habe nemlich wahrgenommen, daß das allgemeine Beste durch zweyerley Wege befödert wird. Durch die Unterweisung, und durch die Belustigung, und in meinen anatomischen Vorlesungen, (welche vielleicht wol einmal ans Licht treten werden, wenn ich etwa einen guten Freund veranlassen kann, daß er mir eine Abschrift davon stihlet, oder daß jemand von meinen Bewunderern mir ungestüm genung wird angelegen seyn, daß ich sie selbst herausgebe) habe ich ferner bewiesen, daß es für die Menschen nach der izigen Beschaffenheit ihrer Natur weit vortheilhafter ist, wenn man sie belustiget als wenn man sie unterweiset, indem ihre Hauptkrankheiten dermalen Ekel, Schlaflosigkeit und Trägheit sind; es auch nebst diesem das Ansehen hat, als ob in dem Reich des Wizes und der Gelehrsamkeit wenig mehr übrig sey, welches zur Unterweisung Materie an die Hand geben könnte. Inzwischen habe ich dennoch einer alten und sehr berühmten [146] Regel nachkommen wollen, und mich bemühet die Sache aufs höchste zu bringen, angesehen ich dieses vortrefliche Werk kunstreich mit dem Nüzlichen und Angenehmen durchmenget, also daß allemal auf eine Schichte utile eine Schichte dulce folget.

Wenn ich bedenke wie unsere Neuern das schwache Licht der Alten durch ihren eigenen Glanz so gar sehr verdunkelt, und dieselben so weit aus der Mode gebracht, daß unsere sinnreicheste Köpfe würklich disputieren, ob die Alten wol jemals existirt haben? (Eine Frage, deren gründliche Erörterung wir von der gelehrten Feder eines berühmten und unverdrossenen Neuern, des Herrn D. Bentley zu hoffen haben.) Ich sage, wenn ich dieses bedenke, so muß ich höchlich bedauren, daß noch niemand von unsern vortreflichen Neuern auf den Einfall gerathen ist, uns in einem kleinen Handbüchlein das ganze System,[93] alles dessen zu liefern, was man wissen, glauben, sich vorstellen [147] und ausüben muß. Zugleich aber muß ich gestehen, daß vor einiger Zeit ein gewisser grosser Philosophus auf einer Brasilianischen Insel an so was gedacht, und ein curieuses Recept hiezu vorgeschlagen hat. Ich habe dasselbe nach seinem nur allzufrühzeitigen Absterben unter seinen [148] Papieren gefunden und aus besonders guter Neigung mittheile ich es hier unsern neuern Gelehrten: Um so viel mehr, weil wir es mit Recht als das unsere ansehen können. Hiernächst hoffe ich auch, es werde dasselbe über kurz oder lange wol einen Gelehrten von unserer Zunft anfrischen die vorgedachte nüzliche Arbeit zu unternehmen.

[149] Nehmet gute Editiones von allerhand Büchern in allen neuern Künsten und Wissenschaften in allerley Sprachen. Lasset solche in Franzband wol einbinden. Hernach distillirt sie in Balneo Mariae, giesset die Quintessenz von Mohnsaamen und drey Nössel Lethe daran welches in der Apothek zu bekommen ist. Thut das unreine und das Caput [150] mortuum fleißig weg, und lasset alles flüchtige wol verrauchen. Behaltet nur das so zuerst heraus läuft. Distilliret solches wiederum siebenzehn mal bis nicht mehr als ungefehr zwey Drachmen übrig bleiben. Lasset es ein und zwanzig Tage in einem hermetisch sigillirten Glas stehen, alsdenn machet euch über euern grossen Tractat her, nehmet alle Morgen früh nüchtern, nachdem ihr das Glas wol geschüttelt, drey Tropfen von diesem Elixier, und schnupfet sie wol in die Nase. Dieses wird sich binnen 14. Minuten in das ganze Gehirn, (dafern je eines vorhanden ist) verbreiten, und ihr werdet sogleich eine unzehlige Menge von Auszügen, Summarien, Compendien, Sammlungen, Medullen, Excerptis, Florilegiis, und dergleichen in euerm Kopf spüren; alle in der besten Ordnung, so daß ihr sie gleich werdet zu Papier bringen können.

Ich muß es gestehen, daß ich aus Vertrauen auf dieses Geheimniß; (denn sonst war ich mir meines Unvermögens ganz wol bewußt,) mich erkühnet habe, ein solches Werk zu unternehmen, an welches vor mir sich niemand zu wagen, das Herz gehabt, als nur ein gewisser Scribent, Homerus mit Namen. Ich habe aber an demselben sehr viele grobe Fehler entdeket, die man auch seiner Asche, dafern sie noch übrig ist, nicht verzeihen kann; obschon er übrigens für einen Alten noch geschikt genung war. Denn es ist klar, daß er ungeachtet uns einige versichern, sein Werk habe ein vollständiger Begrif aller göttlichen, menschlichen, politischen und mechanischen Wissenschaften seyn sollen, [151] [94] viele Dinge ganz und gar übergangen, und andere nur obenhin berühret hat. So ist z. Ex. seine Nachricht von dem Opere magno sehr mager und unvollständig, so ein grosser Cabbalist er nach dem Vorgeben seiner Schüler er auch immer gewesen seyn mag; und es scheinet daß er den Sendivogius, Böhmen, und die Anthroposophiam Theomagicam[95] nur schlecht muß gelesen haben. Ingleichem betriegt er sich gar sehr in der Materie von der Sphaera Pyroplastica. Es ist dieses ein Fehler, den man ihm unmöglich zu gut halten kann, und ich hoffe der Leser werde es nicht übel nehmen, wenn ich so gar sage: Vix crediderim Autorem hunc unquam audivisse ignis vocem. Eben so mangelhaft ist auch seine Mechanic.[96] Denn obschon ich seine Schriften mit [152] dem äussersten, unsern Neuern gewohnten Fleiß gelesen, so habe ich doch nicht die geringste Anweisung entdeken können, wie man einen Lichtknecht,[97] welches doch ein so sehr nüzliches Werkzeug ist, verfertigen soll; und aus Mangel eines solchen würden wir noch izt in der Finsterniß tappen, wenn uns die Neuern diesfalls nicht hülfliche Hand geboten hätten.

Endlich hat dieser Autor einen Fehler, der noch weit mehr getadelt zu werden verdienet. Ich meyne diesen, daß er in Ansehung der öffentlichen Geseze dieses Reiches, und in Ansehung der Lehre so wol als der Gebräuche der Engländischen Kirche so sehr unwissend ist. [98] In der That ist dieses ein Hauptfehler; welchen mein [153] wehrtester und geschikter Freund, Mr. Wotton, Baccal. Theol. in seinem unvergleichlichen Tractat von der alten und neuern Gelehrsamkeit, diesem Homer und mit ihm auch allen übrigen Alten mit gröstem Recht vorgerüket hat. Es ist dieses eine Schrift welche nicht hoch genung kann geschäzet werden, es sey daß man die glüklichen und sinnreichen Wendungen, welche darinn herrschen, oder die grosse Nuzbarkeit der wichtigen Entdekungen über die Fliegen und den Speichel, oder auch die arbeitsame fliessende Schreibart des Verfassers betrachtet. Und ich kann nicht Umgang nehmen, demselben hiemit öffentlichen Dank abzustatten, für die grosse Hülfe und Erleichterung die ich bey Verfertigung dieser gegenwärtigen Schrift aus seinem unvergleichlichen Tractat gezogen habe.

Nebst dem was wir bereits angeführet haben, wird der gelehrte Leser noch viele andere Mängel in Homers Schriften entdeken, die ihm aber billig nicht so streng angerechnet werden müssen. Denn da seit seinen Zeiten, und vornemlich in diesen drey oder vier lezten Jahren alle Theile der Wissenschaften einen so wunderbaren Zuwachs bekommen, so ist beynahe ganz unmöglich, daß er in Ansehung der neuern Entdekungen so viel gewußt habe, als seine Vertheidiger vorgeben. Wir gestehen, daß er den Compaß, das Schießpulver, und den Kreislauf des Geblüts erfunden: Allein ich fodere einen jeden seiner Bewunderer auf, mir in allen seinen Schriften eine vollständige Nachricht von der Milz zu zeigen. Ueberläßt er uns ferner nicht gänzlich, die Kunst der politischen [154] Wetten ins Aufnehmen zu bringen. Was ist unvollkommener und thut weniger Genüge als seine lange Dissertation von dem Thee? Und was seine bey uns so berühmte Methode, sine Mercurio zu saliviren, angeht, so kann ich aus eigener Erfahrung sagen, daß man sich sehr wenig Rechnung darauf machen darf.

Diese wichtige Mängel nun zu ersezen, habe ich auf vieles und langes Anhalten mich endlich bereden lassen, die Feder zu ergreifen; und ich getraue mir, den verständigen Leser zu versichern, daß ich nichts aus der Acht gelassen, was bey allen und jeden Vorfallenheiten des gemeinen Lebens von einigem Nuzen seyn kann. Ich darf keklich sagen, daß ich alles beygebracht und erschöpfet habe, wohin nur die menschliche Einbildungskraft steiget oder fällt. Vornemlich empfehle ich den Gelehrten, gewisse Entdekungen aufmerksam zu lesen, welche von andern gar nicht berührt worden sind. Ich will unter vielen andern izt weiter nichts anführen, als mein neues Mittel für die Halbgelehrten, oder die Kunst, ein seichter Leser und tiefgelehrter Mann zu seyn. Eine curieuse Erfindung von Mäusefallen. Eine allgemeine Vernunft-Regel, oder, jeder Mensch sein eigener Vorschneider. samt einer überaus nüzlichen Maschine Eulen zu fangen. Von welchen allen an verschiedenen Orten dieses Buchs ausführlich gehandelt wird.

Ich halte mich verbunden, so viel immer möglich, die Schönheiten und Vortreflichkeiten meiner Schriften selbst anzuzeigen, weil die vornemsten [155] Scribenten dieses gelehrten und politen Weltalters solches zu thun belieben, so oft sie der Abneigung eines critischen, oder der Unwissenheit eines geneigten Lesers abhelfen wollen. Ueber dieses sind auch nur unlängst verschiedene berühmte Stüke in gebundener und ungebundener Schreibart herausgekommen, wobey man versichert seyn kann, daß wenn die Verfasser aus besonderer Höflichkeit und Zuneigung für das Publicum nicht selbst beliebet hätten, uns von alle dem Erhabenen und Vortreflichen ihrer Schriften, umständliche Nachricht zu geben, wir gewiß sonst nicht das geringste weder von dem einen noch von dem andern würden entdeket haben. Was mich inzwischen selbst betrift, so kann ich nicht in Abrede seyn, daß alles was ich bisher von dieser Materie beygebracht, sich besser in eine Vorrede geschiket hätte; und daß solches der Mode, welche dergleichen ordentlich dahin verweiset, gemässer gewesen wäre. Allein ich finde für gut, mich hier des grossen und angesehenen Vorrechts zu bedienen, welches allemal der neueste Scribent hat; und fodere vermöge desselben, daß man mir als dem allerneuesten Scribenten eine ganz unumschränkte Macht über alle die vor mir gewesen, zustehe. In kraft dieses Titels verwerfe ich denn, und erkläre es, als eine höchst schädliche Gewohnheit, daß man die Vorreden zu Küchenzetteln machet. Ich habe es nemlich jederzeit für eine sehr grosse Unbesonnenheit gehalten, wenn ich gesehen, daß diejenigen welche Misgeburten und anders dergleichen für Geld sehen lassen, dieselben in einem grossen und nach dem Leben gemahleten Bildniß vor die Thüre hinaushängen. [156] Dieses hat mir würklich manchen Dreyer erspart. Denn dadurch ward meine Neügierigkeit völlig gestillet, und ich gieng niemals hinein, der Kerl möchte mir noch so beweglich zureden und schreyen, Herr, auf mein Wort, es wird gleich angehen.

Eben dieses Schiksal, haben zu unsern Zeiten, die Vorreden, Briefe, Vorberichte, Einleitungen, Prolegomena, Apparatus, und andere Erinnerungen an den Leser. Im anfang war dieses alles sehr gut. Unser grosse Dryden hat sich dieses Mittels eine lange Zeit bedienet, und die Sache so weit getrieben, als es nur möglich war; und zwar mit bestem Erfolg. Er hat mir vielmals im Vertrauen gesagt, die Welt würde nimmer auf die Gedanken gerathen seyn, daß er ein so grosser Poet wäre, wenn er es nicht selbst in seinen Vorreden so öfters und dergestalt versichert hätte, daß sie es unmöglich in Zweifel ziehen, oder jemals vergessen könnte. Es mag seyn. Allein ich befürchte nur, daß er seine Unterrichte am unrechten Ort angebracht, und die Leute in gewissen Stüken klüger gemacht, als er gern gewollt hat. Denn es ist etwas betrübtes zu sehen, mit was für einer verschmähenden Faulheit unsere izigen schläfrigen Leser vierzig bis fünfzig Seiten Vorrede und Zuschrift, (das gewöhnliche Maß unserer Neuern) überblättern, nicht anders als ob es lauter latein wäre. Wiewol auf der andern Seite auch nicht zu läugnen, daß sehr viele bloß dadurch zu Criticis und sinnreichen Köpfen geworden, weil sie sonst nichts anders gelesen. Und [157] in diese zwo Classen kann man meines Bedünkens alle heutigen Leser mit Recht eintheilen. Ich meines Orts bekenne mich zu der erstern, und da ich den Trieb der Neuern habe, mich über die Schönheiten meiner eigenen Werke herauszulassen, und die scheinenden Stellen dieser gegenwärtigen Schrift in ihrem vollen Licht zu zeigen, so hielt ich für das beste, solches in dem Werk selbst zu thun, und zwar um so viel mehr, als es, wie man siehet, würklich hierdurch einen nicht unbeträchtlichen Zuwachs bekommen hat. Ein Umstand den ein geschikter Scribent nicht leicht aus der Acht lassen muß.

Nachdem ich also einer löblichen und wol eingeführten Gewohnheit unserer allerneuesten Scribenten Genüge geleistet, durch eine lange Ausschweifung, welche eben niemand erwartet, und durch eine allgemeine Censur wozu mich niemand gereizet hat. Wie nicht weniger durch eine mühsame und geschikte Entwikelung meiner eigenen Vollkommenheiten, und anderer ihrer Fehler, wobey ich die schärfeste Gerechtigkeit gegen mich selbst, und alle erforderliche Redlichkeit gegen andere beobachtet habe, so wende ich mich nunmehro zu meinem und des Lesers gröstem Vergnügen wieder zur Hauptsache.

[158]
Sechster Abschnitt.
Fortsezung
des Mährgens von der Tonne.

Wir haben Lord Petern in einem offenbaren Friedensbruch mit seinen zween Brüdern verlassen. Beyde waren für immer aus seinem Haus verstossen, und mußten nunmehr ihr Glük in der weiten Welt suchen; wobey sie wenig oder nichts hatten, darauf sie sich verlassen konnten. Umstände welche sie zu recht geschikten Gegenständen des Mitleidens eines Scribenten machen, indem unglükliche Scenen stets die beste Gelegenheit zu grossen Begegnissen geben: Und hiebey läßt sich auch der Unterscheid zwischen der Aufrichtigkeit eines großmüthigen Scribenten, und eines gemeinen Freundes deutlich abnehmen. Dieser bleibet seinem Freund zugethan so lang sein Glük währet, so bald es ihm aber den Rüken kehret, verläßt er ihn. Ein großmüthiger Scribent hingegen thut gerade das Gegentheil. Er findet seinen Helden auf dem Misthaufen, ziehet ihn aus dem Koth heraus, und führet ihn stuffenweise auf den Thron; alsdenn verläßt er ihn plözlich, und wartet nicht einmal bis man ihm für seine Mühe danket. Diesem löblichen [159] Exempel zufolg, habe ich Lord Petern in ein prächtiges Haus gebracht, ihm einen Titel, und mit demselben auch Geld gegeben. Hier will ich ihn nun eine Zeit lang lassen, und mich dahin wenden, wohin mich die allgemeine Liebe ruft; zur Hülfe nemlich und zum Beystand der zween andern Brüder in ihren elendesten Umständen. Dabey aber werde ich keineswegs vergessen, daß ich ein Geschichtschreiber bin, sondern der Wahrheit wo sie mich hinführen und was immer begegnen mag, Schritt für Schritt folgen.

Unsere beyden ins Elend verstossene Brüder welche ihr Schiksal und Interesse so genau verband, zogen zusammen in ein Quartier. So bald sie ein wenig Musse hatten, fiengen sie an, das vielfältige Unglük und Elend, welches sie in ihrem vorigen Leben erfahren müssen, zu überdenken, und wußten nicht gleich, was für Fehlern in ihrer Aufführung sie solches Schuld geben sollten. Endlich besannen sie sich auf die Abschrift des väterlichen Testaments, welche sie so glüklich von ihrem Bruder mit weggebracht hatten. Diese zogen sie alsobald hervor, und nahmen dabey den festen Entschluß, alles was sie unrechtes bisher angenommen, abzuschaffen, und daß sie künftig in allem dem väterliche Willen mit dem allerstrengesten Gehorsam nachkommen wollten. Der gröste Theil des Testaments, wie sich der geehrte Leser noch wol erinnern wird, bestand in gewissen vortreflichen Regeln, wie sie ihre Kleider tragen sollten, Als sie nun diese Regeln miteinander durchgiengen, und bey jedem Punkt die Lehre, und [160] ihre Aufführung fleißig gegen einander hielten, so befanden sie, daß beydes wie Himmel und Erde von einander unterschieden wäre. Recht erschrekliche, und solche Uebertretungen, die dem väterlichen Gebot in jedem Stük schnurgerade entgegen waren. Sie entschlossen sich demnach beyde, ohne fernern Aufschub alles genau wieder in den Stand zu sezen, wie es der väterliche Wille erfoderte.

Hier aber muß ich den neugierigen Leser, welcher gemeiniglich das Ende einer Begebenheit ungedultig zu wissen verlanget, noch ehe wir ihn gehöriger massen dazu vorbereitet haben, um etwas zurükhalten, und melden, daß die beyden Brüder sich um diese Zeit durch besondere Namen zu unterscheiden angefangen. Der eine ließ sich Martin und der andere Hans[99] nennen. Beyde hatten unter der Tiranney ihres Bruders Peters in guter Freundschaft und Verträglichkeit beysammen gelebet; wie ordentlich zu geschehen pfleget, wenn ihrer zween einerley Noth haben. Leute die sich im Unglük befinden, gleichen denen, die im Finstern sind, und alle Farben für einerley halten. Nachdem aber die beyden Brüder weiter in die Welt kamen, und einer den andern bey Licht zu besehen anfieng, so würden sie gewahr, daß ihre Neigungen sie gar sehr unterschieden; und der gegenwärtige [161] Zustand ihrer Sachen gab ihnen mit einmal Gelegenheit, diese Wahrheit sehr deutlich zu erkennen.

Hier aber wird mich der strenge Leser mit Recht als einen Scribenten tadeln können, der ein kurzes Gedächtniß habe: Es ist dieses in der That ein Fehler, welchem die ächten Neuern nothwendig ein bischen unterworfen seyn müssen. Denn das Gedächtniß ist eine Fähigkeit des Gemüths, welche nur mit vergangenen Dingen umgehet, womit sich aber die Gelehrten unserer Zeit nicht abgeben, indem sie sich nur allein auf neue Erfindungen legen, und daher alles aus sich selbst, oder bey erfolgender Collision, wenigstens je einer von dem andern herausschlagen. Daher wir es auch für sehr vernünftig halten, unser schwaches Gedächtniß jederzeit als einen unstreitigen Beweis unsers grossen Verstandes anzuführen. Methodice zu gehen, hätte ich also dem geehrten Leser schon längst melden sollen, daß Lord Peter die Grille gehabt, und sie auch seinen beyden Brüdern in den Kopf gesezet, alles was nur Mode ward auf ihre Kleider aufzusezen, ohne jemals die erstern aus der Mode gekommene Zierrathen vorher wieder abzuthun. Daraus ward nun mit der Zeit ein solcher altfränkischer Mischmasch als man sich immer vorstellen kann, dergestalt, daß da sie mit einander zerfielen, man kaum einen Faden von dem Tuch ihrer Kleider mehr erkennen konnte; sondern alles war voller Tressen, Bänder, Franzen, Stikwerk [162] und Nestel,[100] (ich verstehe nemlich nur die silbernen Nestel;[101] denn die andern waren nach und nach weggefallen.) Nun dieser wichtige Umstand den ich oben vergessen hatte, schiket sich zum Glüke recht vortreflich hieher, da ich eben willens bin, von der Reformation zu reden, welche die beyden Brüder mit ihren Kleidern vornahmen, um sie wieder in ihren ersten dem väterlichen Testament gemässen Stand zu sezen.

Sie nahmen also beyde dieses grosse Werk einmüthig vor die Hand; und sahen dabey bald auf ihre Kleider, bald wieder in das Testament. Martin war der erste; er riß auf einmal eine ganze Hand voll Nestel weg, und als er das zweyte mal ansezete, mußten wol bey zwölf Ellen Franzen herunter. Nachdem aber dieses geschehen, hielt er eine Weile inne. Er sah ganz wol, daß noch vieles übrig war. Indessen war die erste Hiz vorbey, und er entschloß sich nun weiter bescheidener zu Werk zu gehen, nachdem es schon würklich nur wenig gefehlet, daß er beym Wegreissen der silbernen Nestel, (die der Schneider klüglich mit doppelter Zwirne angenehet hatte, damit sie [163] nicht herunter fallen sollten,) in das Tuch selbst gerissen hätte. Als er demnach auch eine Menge göldener Spize wegschaffen wollte, so trennete er mit gröster Behutsamkeit alle Stiche auf, und zog dabey, so weit er kam, die losgemachten Fäden auf das fleißigste aus; welches dann nicht wenig Zeit wegnahm. Hierauf kam es an die gestikten indianischen Figuren von Männern, Weibern und Kindern; wider welche, wie vorhin gedacht worden, des Vaters Testament ein ausdrükliches und scharfes Verbot enthielt. Diese brachte er binnen einiger Zeit mit vielem Fleiß und grosser Geschiklichkeit gänzlich heraus, oder machte sie ganz unkennbar. In Ansehung des übrigen, wo er sah, daß das Stikwerk so fest eingearbeitet war, daß er es ohne Schaden des Tuches selbst, nicht herausbringen konnte, oder wo es dienete, etwa ein Loch zu bedeken, oder zusammen zu halten, welches durch das beständige Herumzerren des Kleides von denen, die stets etwas neues darauf flikten, darein gekommen war, hielt er für das beste, es darauf zu lassen, weil er durchaus verhüten wollte, daß das Tuch selbst Schaden nehmen sollte; und glaubte, dieses wäre nach Beschaffenheit der Umstände die beste Methode der wahren Absicht und Meinung des väterlichen Willens zu entsprechen. Und das ist auch die genaueste Nachricht, welche ich von Martins Betragen bey dieser grossen Veränderung habe aufbringen können.

Bruder Hans aber, dessen Begegnisse so ausserordentlich sind, daß sie wol den grösten Theil [164] meiner noch übrigen Abhandlung ausmachen werden, dachte ganz anders und gieng auch ganz anders zu Werk. Das Andenken von Lord Peters Unbillen, erwekte bey ihm einen Haß und Unwillen, der ihn weit mehr antrieb als das väterliche Testament selbst, so daß dieses leztere nur das zweyte in der Absicht, und jenem als dem Hauptzwek untergeordnet zu seyn schien. Indessen ersann er für dieses Gemisch seiner Gemüthsbewegungen einen hübschen Namen; und ehrete solche mit dem Titel Eifer, welches vielleicht das nachdrüklichste Wort ist, so jemals in einer Sprache erfunden worden, wie ich solches in meinem vortreflichen analytischen Werk über diese Materie verhoffentlich gründlich erwiesen habe. Ich habe in demselben eine Histori-Theo-Physi-Logicalische Betrachtung über den Eifer angestellet, worinn ich zeige, wie derselbe zuerst aus einem Gedanken sich in ein Wort verwandelt, hernach aber in einem heissen Sommer, in eine Substanz ausgewachsen ist, die sich würklich greifen läßt. Das Werk macht drey starke Folianten aus, und ich gedenke solches nächstens, nach der neuern Mode auf Subscription druken zu lassen, in der gewissen Hofnung, es werde so wol der hohe als niedere Adel auf dem Land dieses nüzliche Werk auf alle Weise befödern, nachdem derselbe an gegenwärtiger Schrift bereits eine Probe hat, was ich zu thun im Stand bin.

Bruder Hans denn, dachte voll von diesem Eifer der Tiranney Peters mit heftigem Unwillen nach, und da ihn auch zugleich die Zaghaftigkeit seines Bruders Martins nicht wenig ärgerte, [165] so brach er in folgende Worte aus: Was? sagte er: Ein Schelm der uns den Trunk verschließt, unsere Weiber ausjagt, uns um das unsere betrügt, uns seine - - - Brodrinden für Schöpsenfleisch vorsezt, und uns endlich gar zur Thüre hinausstößt: Dem sollten wir zu willen leben? Hol ihn der Henker. – Ein Bub ist er; und auf allen Gassen wird er für einen solchen ausgeschrien. Nach diesem Eingang, wodurch er sich selbst sehr aufgebracht, und folglich in einen Stand gesezet hatte, der eben nicht der bequemste ist, eine Reformation vorzunehmen, grif er sogleich das Werk an, und that in drey Minuten mehr als Martin in so viel Stunden verrichtet hatte. Denn der geneigte Leser muß wissen, daß man sich den Eifer wol am meisten verpflichtet, wenn man ihm etwas zu zerreissen giebt. Und Hans der in den Besiz dieses Talents vernarret war, ließ ihm bey diesen Umständen den vollen Lauf. Daher fügte es sich, daß als er eine Hand voll Goldspizen etwas zu hastig herunter gerissen, er zugleich seinen ganzen Rok von oben bis unten entzwey riß. Und weil er im Fliken und Stoppen nicht sonderlich geschikt war, so wußte er sich nicht besser zu helfen, als daß er eine Heftnadel mit Bindfaden nahm, und sein Kleid damit zusammen heftete. Allein es war noch zehnmal schlimmer, (ich kann es nicht ohne Thränen melden) als er nun weiter zum Stikwerk kam. Denn weil er von Natur plump, und viel zu ungedultig war, so viel hunderttausend Stiche aufzutrennen, als wozu eine geschicke Hand und ein sehr geseztes Wesen erfordert wird, so rieß er in der Wut ein ganzes Stük [166] Tuch und alles was darauf war, weg, schmieß es in den Koth, und fuhr auf solche grimmige Art immer fort. Ach, sagte er dabey, lieber Bruder Martin, machs wie ich: Ich bitte dich um Gottes willen, reiß, zerr, und schmeiß alles weg, damit wir dem schelmischen Peter so ungleich sehen als immer möglich ist. Ich wollte nicht tausend Thaler nehmen, und das geringste Zeichen an mir leiden, woraus die Nachbarn muthmassen möchten, daß ich ein Verwandter von einem solchen Bösewicht wäre. Allein Martin welcher damals ganz besänftiget und gesezt war, bat ihn um aller Liebe willen, „er möchte doch seinem Kleid nicht Schaden thun; dann er würde kein solches wieder bekommen. Er sollte bedenken, daß sie bey Einrichtung ihrer Sachen nicht auf Petern, sondern auf die in dem väterlichen Testament vorgeschriebene Regeln sehen müßten. Er sollte überlegen, daß Peter stets ihr Bruder bliebe, was für Fehler und Unrecht er immer begangen hätte. Sie müßten sich also durchaus nicht einfallen lassen, gutes oder böses nur deswegen zu thun, damit sie ihm zuwider wären. Es wäre wahr, das Testament ihres Vaters wäre sehr scharf was das Tragen ihrer Kleider betrefe, allein es wäre ihnen auch in demselben mit gleicher Schärfe anbefohlen, daß sie verträglich und in guter Freundschaft und Liebe mit einander leben sollten. Und ist je, (fügte er hinzu,) überall noch eine Uebertrettung zu verzeihen, so wird gewiß viel eher eine solche seyn, welche unsere Freundschaft befördert, als eine andere, welche dieselbe ganz und gar zerstöret.“

[166a]

[167] Martin wollte in seiner ernsthaften Vorstellung fortfahren, und würde sonder Zweifel eine schöne moralische Lection gegeben haben, welche mir und dem Leser zur Ruhe Leibes und der Seelen ganz vortreflich würde gedienet haben, (denn dieses ist der wahre und eigentliche Endzwek der Sittenlehre.) Allein Hansen war die Gedult schon längst ausgegangen. Und gleich wie in Schulzänkereyen den Opponenten nichts mehr aufbringet als eine gewisse pedantische Kaltsinnigkeit des Respondenten, massen zween disputirende zwo Wagschalen gleichen, da die Schwere der einen, die andere leichtere in die Höhe bringt, macht daß sie auffliegt und oben anschlägt, eben so brachte die Wichtigkeit der Gründe die auf Martins Seite waren, Hansens Leichtigkeit auf, daß er auffuhr, und sich an seines Bruders Bescheidenheit gar sehr stieß. Kurz, Martins Gedult machte Hansen toll. Was ihn aber am meisten verdroß, war, daß er sah wie Martins Kleid wiederum so gut, und seines hingegen entweder bis auf das Hemd hinein zerrissen, oder auch an den Orten welche seiner Grausamkeit entgangen, noch stets mit Peters Livrey gezieret wäre.

In diesem Aufzug sah er aus wie ein besofener Stuzer, der sich mit Bauerflegeln herum gebalget; oder wie ein neuer Ankömmling zu Newgate, der seinen Mitgesellen keinen Willkommen geben will; oder einem entdekten Dieb, der den Börseweibern in die Hände gerathen; oder einer Kuplerin in ihrer Sammetjüppe, nachdem sie dem Pöbel übergeben ist. Einem von diesen [168] oder allen zugleich sah izt der arme Hans in seinem wunderlichen Mischmasch von Goldspizen, Franzen und Stikwerk ähnlich. Er würde von Herzen froh gewesen seyn, wenn sein Rok wie Martins seiner ausgesehen hätte, aber noch viel froher, wenn Martins Rok seinem gleich gewesen wäre. Weil er sich aber auf keines Rechnung machen konnte, so hielt er für das Beste, der ganzen Sache eine andere Wendung zu geben, und aus der Noth eine Tugend zu machen, nachdem er vorher wie der Fuchs in der Fabel, hundert Gründe vorgebracht, seinen Bruder zur Raison zu bringen, wie er es nennete, oder wie er es eigentlich verstand, ihn in denselben lumpichten und vermuzten Stand zu sezen, in welchem er sich befand. Da er aber sah, daß alles nichts helfen wollte, was blieb ihm anders übrig, als daß er tausend Lästerungen auf seinen Bruder ausspie, und vor Grimm und Haß ganz rasend wurde? Kurz, hier entspann sich zwischen ihnen beyden eine unversöhnliche Feindschaft. Hans zog ohne Verzug in eine neue Herberg, und nach wenig Tagen sagte man für gewiß, er wäre von Sinnen gekommen. Bald hernach kam er öffentlich zum Vorschein, und bestätigte diese Nachricht durch die selzamsten Grillen, welche jemals in eines Menschen Gehirn sind ausgeheket worden.

Nunmehro fiengen die Jungen auf der Gasse an, ihm allerley Namen zuzurufen. Manchmal hiessen sie ihn[102] Hans Kahlkopf, manchmal Hans [169] mit der[103] Laterne. Bisweilen Hans [104] aus Holland. Bisweilen den französischen Hugo.[105] Bald den Bettler Thomas[106], und bald den pochenden[107] Hans aus Norden. Und es war unter einer, oder etlichen, oder allen diesen Benamsungen zugleich, (welches der geneigte Leser selbst bestimmen mag,) daß er die so vortrefliche und allgemeine Secte der Aeolisten stiftete, welche annoch mit ehrerbietigem Andenken, unsern berühmten Hans für ihren Urheber und Stifter erkennet. Von deren Ursprung und Lehrsäzen ich der Welt mit einer umständlichen Nachricht aufzuwarten gedenke.

- - Melleo contingens cuncta lepore.


[170]
Siebender Abschnitt.
Eine Ausschweifung zum Lob der Ausschweifungen.

Ich habe etwa von einer Ilias in einer Nußschale gehört. Allein ich bin so glüklich gewesen, noch weit öfterer eine Nußschale in einer Ilias zu sehen. Von beyden hat das menschliche Geschlecht sonder Zweifel einen vortreflichen Nuzen gehabt; für welches aber die Welt die grössere Verpflichtung habe, ist ein Problem, dessen Auflösung curieusen Lesern hiemit überlassen wird, und einer genauen Untersuchung von ihnen höchst würdig ist. Die Erfindung des leztern hat die gelehrte Welt meines Bedunkens vornemlich dem starken Aufnehmen der Ausschweifungen unserer neuern zu danken, indem es mit den neuesten Verbesserungen in der Gelehrsamkeit dieselbe Beschaffenheit hat, wie mit unsern Speisen, welche unter Leuten von gutem Geschmak aus allerhand eingehaketem müssen gemachet werden, und meistens in Suppen, Fricasseen und Ragouts bestehen.

Es ist wahr, man findet eine Art verdrüßlicher, verleumderischer und ungezogener Leute, welche diese polite Neuerung äusserst mißbilligen. [171] Und was das Gleichniß von den Speisen angehet, so nehmen sie es zwar an, sind aber so dreiste zu behaupten, daß das Exempel selbst von einem verderbten und ausgearteten Geschmak herrühre. Sie sagen, daß die Gewohnheit, wol fünfzigerley Speisen in ein Gericht zusammen zu mischen, nur dem verschwelgeten Appetit, und einer schwächlichen Leibesbeschaffenheit zu gefallen, eingeführet worden, und wenn man daher sähe, daß einer in einer Schüssel von allerley Fleisch, nach dem Kopf und Gehirn einer Gans, einer Henne, oder eines Schnepfen herumfischet, so sey dieses ein gewisses Zeichen, daß er keinen guten Magen habe, und stärkere Speisen nicht vertragen möge. Ferner behaupten sie, daß Ausschweifungen in einem Buch fremden Truppen in einem Staat gleich seyen, welche Anlas geben zu vermuthen, die Nation habe selbst nicht viel Herz und Macht, und solche öfters entweder unter das Joch bringen oder im die wildesten Gegenden des Landes vertreiben.

Jedoch es mögen diese hochmüthigen Tadler einwenden was sie immer wollen, so ist offenbar, daß die Anzal der Scribenten bald gar zu sehr abnehmen würde, wenn sie sich die fatale Einschränkung müßten gefallen lassen, in ihren Büchern nichts anders vorzubringen, als was zum Zwek dienet. Es ist wahr, wenn die Umstände heut zu Tage noch wären, wie bey den alten Griechen und Römern, da die Gelehrsamkeit noch in der Wiege lag, und durch die Erfindung mußte aufgerichtet, ernehret und gekleidet werden, so [172] würde es eben nicht schwer seyn, ganze grosse Bücher ohne andere Ausschweifungen zu schreiben, als solche, die zur Erklärung der Hauptsache dieneten. Allein es ist den Wissenschaften gegangen wie es einer zalreichen Armee zu gehen pfleget die in einer fruchtbaren Gegend stehet. Erst findet sie einige Tage lang ihren Unterhalt von den Früchten des Landes selbst, da sie sich befindet. Hernach aber wird sie genöthiget, viele Meilen weit nach Fourage[WS 57] zu schiken, und solche Freunden und Feinden, ohne Unterscheid wegzunehmen. Da indessen die benachbarten Felder niedergetreten, dürr und unfruchtbar werden, und weiter nichts hervorbringen als Wolken von Staube.

Nachdem nun die Sache ganz anders worden als sie vor Alters war, und die Neuern dieses sehr wol einsahen, so haben wir in diesen unsern Zeiten einen viel kürzern und bessern Weg gefunden gelehrt und sinnreich zu werden, indem wir izo ohne mühsames Lesen und Nachdenken dazu gelangen können. Die allerbeste Art heut zu Tage mit den Büchern umzugehen, ist diese: Entweder thut man ihnen wie grossen Herren die Ehre an, ihre Titel recht auswendig zu lernen, und rühmet sich hernach, daß man sie sehr wol kenne. Oder, welches in der That noch besser, galanter und gründlicher ist; man durchlieset das Register, wodurch das ganze Buch regieret wird, wie der Fisch durch den Schwanz. Denn wer durch das grosse Thor in den Pallast der Gelehrsamkeit eingehen will, braucht viel Zeit und Weitläuftigkeit. Daher Leute die gern fortmachen, und das Ceremoniel [173] nicht lieben, ganz wol zu frieden sind, durch die Hinderthüre hineinzukommen. Denn die ganze Armee der Wissenschaften befindet sich auf der Flucht, und wird daher am leichtesten bezwungen, wenn man ihr in die Arrieregarde fällt. Also entdeken die Aerzte den wahren Zustand eines Patienten, wenn sie nur das betrachten was hinten von ihnen gehet. So erwischen die Leser die Wissenschaften, wenn sie die Nase ihres Wizes an die Posteriora eines Buchs halten, wie die Jungen die Sperlinge erwischen, wenn sie ihnen Salz auf die Schwänze streuen. So versteht man die Regel jenes Weisen, respice finem am besten. So findet man die Wissenschaften wie des Hercules Ochsen wenn man ihnen rükwerts nachspüret. Und so muß man die alten Wissenschaften wie ein paar alte Strümpfe auftrennen, und bey den Soken anfangen.

Hiezu kömmt noch, daß die Armee der Wissenschaften in diesen lezten Jahren vermittelst einer vielfältigen und strengen Kriegszucht so regulirt worden, daß alle Glieder derselben genau geschlossen stehen, also daß sie sehr geschwind und mit leichter Mühe kann gemustert werden. Diese Gutthat haben wir einzig den Auszügen und kurzen Begrifen zu danken, welche zu verfertigen, die neuern Väter der Gelehrsamkeit klugen Wucherern gleich, ihre Mühe und sauren Schweiß zum Besten ihrer Kinder angewendet. Denn die Arbeit ist ein Saamen der Faulheit, und es ist ein besonders Glük für unsere Zeiten, daß wir izo die Früchte davon einernden können.

[174] Da nun solchergestalt die Methode, ein kluger, gelehrter und sublimer Kopf zu werden, in ihre ordentliche Regeln und gehörige Form gebracht ist, so hat auch nothwendig die Anzal der Scribenten nach Proportion, und mithin auf einen solchen Grad steigen müssen, wobey es schlechter dings unmöglich ist, daß nicht immer einer dem andern in sein Gebiet komme. Nebst diesem hat man auch ausgerechnet, daß in der ganzen Natur wirklich nicht so viel neue Materie von einerley Art mehr übrig sey, woraus man ein einziges Buch von rechter gehöriger Grösse verfertigen könnte. Dieses lezte habe ich von einem sehr geschikten Rechenmeister, der es nach arithmetischen Regeln unwidersprechlich erwiesen hat.

Vielleicht aber werden diejenigen, welche die Unendlichkeit der Materie vertheidigen, dieses nicht annehmen, und ihrem Vorurtheile zufolg behaupten wollen, daß auch keine Art der Materie jemals könne erschöpfet werden. Den Ungrund dieses Einwurfs desto besser einzusehen, wollen wir das edelste Zweig des neuern Wizes welches vor allen andern aus weit die meisten und schönsten Früchte getragen, ein wenig untersuchen. Denn obschon uns die Alten auch etwas davon hinterlassen haben, so ist solches so viel ich weiß, doch niemals in ein System zusammen getragen und zum Gebrauch der Neuern übersezet worden. Daher wir zu unserm Ruhm sagen können, daß wir die Sache beydes erfunden und zur Vollkommenheit gebracht haben. Ich ziele nemlich auf den unter den Neuern sinnreichen Köpfen, so hochberühmten [175] Talent, allerley unversehene, angenehme und geschikte Gleichnisse, Anspielungen und Zweydeutigkeiten von den Schamgliedern beyderley Geschlechts, und ihrem eigentlichen Gebrauch zu erfinden und anzuwenden. Wie ich denn in der That nachdem ich wahrgenommen, wie schlecht sich andere Erfindungen halten mögen, wenn sie nicht in eben diese Canäle eingeleitet werden, auf die Gedanken gerathen, daß der glükliche Genius unserer Zeiten und unsers Landes, durch jene alte typische[108] Beschreibung der indianischen Pygmäen, die nicht über zween Fuß hoch gewesen, sed quorum pudenda crassa, & ad talos usque pertingentia, prophetisch sey vorgebildet worden. Nun habe ich mir die Mühe genommen, die leztern neuesten Werke, worinn diese Schönheiten besonders hervorstechen, genau einzusehen: Obschon aber diese Ader im Anfang so mildiglich geflossen, auch alle mögliche Mittel sind angewendet worden, sie zu erweitern, auszudehnen, und offen zu halten; (eben wie die Scythen die Gewohnheit und ein Instrument hatten, ihre Stutten aufzublasen, damit sie desto mehr Milch[109] geben möchten), so befürchte ich doch sehr, daß sie ihrer Vertrükung sehr nahe sey, und bald für immer aufhören werde zu fliessen. Also daß wir, wo möglich entweder neue Fonds des Wizes entdeken, oder auch hierüber, so wie bey andern Materien, mit blossen Wiederholungen werden zu frieden seyn müssen.

[176] Dieses wird also wol ein unwidersprechlicher Beweis bleiben, daß unsere Neuern sich auf die Unendlichkeit der Materie als einer unerschöpflichen Quelle nicht zu verlassen haben. Was ist daher anders übrig, als daß wir unsere lezte Zuflucht zu grossen Registern, und kleinen Compendiis nehmen? Man muß einen Haufen Stellen sammeln, und sie nach alphabetischer Ordnung in ein Buch eintragen. Und obschon man zu diesem Ende eben die Autores selbst nicht lang nachschlagen darf, so muß man doch die Criticos, Commentatores und Lexica desto fleißiger zu Rath ziehen. Vornemlich aber muß man sich an die sinnreichen Sammlungen glänzender Stellen, wiziger Blümchen, und besonderer Merkwürdigkeiten halten, welche einige die Siebe und Beutel der Gelehrsamkeit nennen; wiewol nicht ausgemachet ist, ob sie Kleyen oder Mehl von sich geben, und folglich ob wir dasjenige was durchgehet, oder das so zurük bleibet, höher zu schäzen haben.

Nach dieser Methode kann einer in wenig Wochen ein Scribent werden, und die wichtigsten und weitläufigsten Materien abhandeln, wenn nur das Excerpten-Buch voll ist, sey der Kopf gleich noch so leer. Und wenn ihr einem solchen Scribenten bloß die Nebenumstände in Ansehung der Ordnung, des Styls, der Grammatik und der Erfindung schenket, und ihm anbey das allgemeine Privilegium zugestehet, andere auszuschreiben, und Ausschweifungen zu machen wo er die Gelegenheit dazu siehet, so wird er weiter keine Ingredienzen in Verfertigung eines Buchs verlangen, [177] das in dem Laden des Buchhändlers ein recht gutes Ansehen machen soll, nett und reinlich daselbst, und mit einem Zettel gezieret, darauf sein Name schön geschrieben steht, in alle Ewigkeit aufbehalten, auch nimmer von den Studenten durchblättert und beschmizet, noch auch jemals mit Ketten der Finsterniß für immer in einer Bibliothek angefesselt zu werden; Stunde und Zeit aber erwarten wird, da es glüklich durch das Fegfeuer wird gereiniget werden, damit es von dar gerade in den Himmel steige.

In der That, wenn man uns nicht so viel zugestehen wollte, so könnte ich nicht sehen, wie wir Neuern jemals Gelegenheit haben könnten, unsere Sammlungen, die aus so viel tausend Titeln von verschiedenen Materien bestehen, an den Mann zu bringen. Die Welt aber würde in Ermanglung derselben ein unendliches Vergnügen so wol, als den vortreflichsten Unterricht entbehren, und wir selbst ohne Ruhm im Grab der Vergessenheit wie gemeine Leute vermodern müssen.

Ich habe die Hofnung den Tag noch zu sehen, da die Zunft der Scribenten vermöge dieser Grundsäze, alle ihre Brüder auf dem Felde[110] überleben wird. Eine Glükseligkeit, welche nebst vielen andern von unsern Vorfahren den Scythen auf uns gekommen ist, bey denen die Menge der [178] Federn so gar groß war, daß die [111] griechische Beredsamkeit sie nicht anders auszudrüken gewußt, als durch die Erzehlung: Daß man weit gegen Norden hin, fast nicht reisen könne, so sehr sey in den dortigen Gegenden auch selbst die Luft mir Federn angefüllet.

Die Nothwendigkeit dieser Ausschweifung wird ihre Weitläuftigkeit leicht entschuldigen, und ich habe sie anzubringen, den bequemsten Ort gewehlet, den ich in der Geschwindigkeit habe finden können: Sollte indessen der geneigte Leser eine bessere Stelle für sie wissen, so gebe ich ihm hiemit Vollmacht, sie hinzusezen wo er beliebet; und wende mich nunmehro mit gröster Munterkeit wieder zum Verfolg einer wichtigern Sache.


[179]
Achter Abschnitt.
Fortsezung
des Mährgens von der Tonne.

Die gelehrten Aeolisten[112] behaupten; die erste Grundursach aller Dinge sey der Wind: Daraus sey diese ganze Welt im Anfang entstanden, und darein müsse sie endlich auch wiederum aufgelöset werden. Eben der Hauch der in der Natur das Leben angeblasen und entzündet habe, der werde es auch wieder ausblasen und erlöschen.

Quod procul a nobis flectat fortuna gubernans.[WS 58]

Und das ists eben was die Adepti durch ihre Anima mundi, oder den Geist, den Odem, den Wind der Welt verstehen. Betrachtet man auch die ganze Natur nach ihren verschiedenen und besondern Theilen, so wird man finden, daß die [180] Sache würklich nicht kann geleugnet werden. Man nenne z. Ex. die Forma informans bey einem Menschen, Spiritus, Animus, Afflatus oder Anima, was sind alle diese Benennungen anders als so viele Namen des Windes, der in einem jeden zusammengesezten Wesen das regierende Element ist, und worein sie bey ihrem Untergange alle aufgelöset werden? Ferner was ist das Leben selbst, als wie es insgemein genennet wird, der Odem unserer Nase? Daher die Naturkündiger sehr wol angemerket haben, daß der Wind bey gewissen Geheimnissen welche ich nicht nennen mag, immerfort von grossem Nuzen ist, und zu den geschikten Beywörtern turgidus und inflatus Anlaß gegeben hat, so wol in Absicht auf die organa emittentia als recipientia.

So viel ich in alten Chroniken habe finden können, so bestehet ihr ganzes System auf zwey und dreyßig Punkten; welche alle anzuführen zu weitläuftig und zu verdrießlich wäre. Einige Hauptlehren aber welche sie aus diesen Grundsäzen folgern, kann ich nicht unberühret lassen. Unter denselben war eine der wichtigsten, daß weil der Wind bey allen zusammen gesezten Wesen das meiste ausmache, und auch an ihren Würkungen den meisten Antheil habe, so müssen nothwendig diejenigen Wesen die allervollkommensten seyn, welche mit diesem Primordio am reichsten versehen wären: daher folge nun ferner, daß der Mensch unter allen Geschöpfen das vollkommenste sey, weil die Weltweisen ihn so freygebig mit drey verschiedenen Animabus oder Winden begabet hätten; wozu die [181] Gütigkeit der weisen Aeolisten noch den vierten hinzugethan, der dem Menschen eben so nothwendig ist, und ihm eben so viel Zierde giebet, als die drey[113] andern. Auf solche Art sind ihrer gleich so viel als viel Himmelsgegenden wir zehlen. Und dieses hat den berühmten Cabbalisten Bumbastus[114] veranlasset, den menschlichen Cörper ordentlich in eine Stellung zubringen, die den vier Hauptwinden entspräche.

Hiernächst lehreten sie ferner; daß ein jeder Mensch eine gewisse besondere Portion Wind mit sich auf die Welt brächte, welche man die Quintessenz der andern vier nennen kann, indem sie von denselben ausgezogen ist. Diese Quintessenz ist in allen Zufällen des menschlichen Lebens von besonderm Nuzen: Vortreflich zu gebrauchen in allen Künsten und Wissenschaften, und durch gewisse Arten der Auferziehung kann sie noch gar sehr verbessert und vermehret werden. Wenn sie genung und so weit möglich aufgeblasen ist, so darf man sie nicht geizig bey sich behalten, hemmen, oder unter das Viertel sezen, sondern man muß ihr zum Besten des Nächsten freyen Lauf lassen. Um dieser, [182] und anderer eben so wichtigen Ursachen willen, behaupten die weisen Aeolisten, daß das Rülpsen die alleredelste Verrichtung einer vernünftigen Creatur sey. Weswegen sie sich auch verschiedener Methoden bedienet haben, diese Kunst ins Aufnehmen zu bringen, und desto nuzbarer zu machen. Zu gewissen Jahrszeiten konnte man sehen, wie ihre Priester in grosser Menge unter ihnen standen, und das Maul einem Sturmwind entgegen angelweit aufsperreten. Andere male sah man sie zu vielen hunderten in einem Kreise beysammen stehen, jeder mit einem Blasbalg versehen, den er seinem Nachbarn an den Hintern hielt, und so einer den andern aufbließ; bis er einem Faß gleich sah, dem zufolg sie auch ihre Leiber ganz eigentlich Gefässe nenneten. Wenn sie nun durch diese und andere dergleichen Methoden mit Wind genugsam angefüllet waren, so giengen sie unverzüglich weg, und liessen eine guten Theil davon ihren Schülern wiederum ins Maul. Denn es ist hier zu bemerken, daß sie glaubten, alle Gelehrsamkeit bestühnde aus demselben Element des Windes. Sie beriefen sich diesfalls auf den allgemeinen Saz daß alles Wissen aufblase, und hiernächst bewiesen sie es auch durch folgende Schlußrede:

Die Worte sind nichts anders als Wind;
Die Gelehrsamkeit bestehet aus Worten;
Ergo, ist die Gelehrsamkeit nichts anders als Wind.

Und daher kam es, daß ihre Philosophen den Lernenden alle ihre Lehren und Meinungen durch [183] Rülpsen beybrachten, in welcher Art des Vortrags sie eine wunderstarke und ungläublich mannigfaltige Beredsamkeit erlanget hatten.

Das vornehmste Kennzeichen aber, woran ihre grösten Gelehrten erkannt wurden, war eine gewisse äusserliche Geberdung, welche ganz ungezweifelt anzeigete, in was für einem Grad der Geist oder Wind die innere Theile bewegete. Denn indem der Wind und die Dünste nach einigem Grimmen fortgiengen, und durch ihre innere Gewalt und Convulsionen in dem Microcosmo des Menschen ein Erdbeben verursacheten, so zogen dieselben auch zugleich das Maul krumm, bliesen die Baken auf, und gaben den Augen ein recht fürchterliches Relief. Bey diesen Umständen wurden alle ihre Rülpse für heilig angenommen, (je säurer, je besser) und von ihren magern und hungrigen Zuhörern als die allervortreflichste Herzstärkung mit der grösten Begierde verschlungen. Und weil des Menschen Leben in dem Odem seiner Nase besteht, so liessen sie ihre besten, erbaulichsten und belebendesten Rülpse weislich durch eben dieses Vehiculum durchgehen, damit sie davon eine Tinctur bekämen, und desto besser würden.

Ihre Götter waren die vier Winde, welche sie als Geister verehreten, die die ganze Welt durchdringen und beleben, und von denen auch allein alle Inspiration herkäme. Der vornehmste aber unter denselben, dem sie den Dienst der Latria erwiesen, war der allmächtige Nordwind; eine [184] alte Gottheit, welche ehmals die Einwohner zu Megalopolis in Griechenland ebenfalls sehr hoch verehrt haben. Omnium Deorum (sagt[115] Pausanias) Boream maxime celebrant. Indessen, obschon dieser Gott für allgegenwärtig gehalten wird, so legten ihm doch die gelehrten Aeolisten eine besondere Wohnung, oder nach ihrer Art zu reden, ein Coelum Empyraeum bey, in welchem er noch näher gegenwärtig wäre. Diese Wohnung war in einem Land gelegen, welches den alten Griechen sehr wol bekannt war, und von ihnen Σκοτια,[116] oder das Land der Finsterniß ist genennet worden. Es sind zwar viele Streitigkeiten über diese Materie entstanden; so viel aber ist gewiß, daß die berühmtesten Aeolisten ihren Ursprung aus einem Lande haben, welches den gleichen Namen führet; von dannen ihre eifrigsten Priester zu allen Zeiten die vornehmsten Inspirationen herübergebracht, welche sie mit eigener Hand aus der ersten Quelle in gewisse Blasen aufschöpfen, und diese hernach unter ihre Anhänger in allen Nationen ausleeren, welche jederzeit mit der grösten Begierde darnach geschnappet, und noch schnappen, und so immerfort thun werden.

Was nun ihre Geheimnisse und Ceremonien betrift, so hatte es damit folgende Beschaffenheit: Es ist den Gelehrten bekannt, daß die Künstler der vorigen Zeiten ein Mittel erfunden hatten, wodurch man den Wind in Fässern und Tonnen führen [185] und aufbehalten konnte; welches auf langwierigen Seereisen von sehr grossem Nuzen war. Der Verlust einer so vortheilhaften Kunst ist heut zu Tage gar sehr zu bedauern, und ich weiß in der That nicht, warum Pancirollus[117][WS 59] derselbigen mit keinem Wort gedacht hat. Es war dieses eine Erfindung welche dem Aeolus selbst zugeschrieben wird, von dem die ganze Sekt den Namen führet, und diesem ihrem Stifter zu Ehren eine grosse Menge solcher Windfässer aufbehalten hat. Diesen Fässern nun schlagen die Aeolisten erst den Dekel aus, und sezen in jede ihrer Kirche eines: Alsdenn steiget der Priester an den Festtagen in dasselbe hinein, nachdem er sich auf die vorgemeldete Art wol vorbereitet hat. Und zugleich wird an das Hintertheil des Priesters eine geheime Röhre angeleget, die bis auf den Boden des Fasses reichet, vermittelst welcher ihm durch eine Klinse[WS 60] die gegen Mitternacht gehet, neuer Wind zugeblasen wird. Wenn dieses geschehen, so siehet man augenscheinlich wie der Priester nach und nach aufschwillet, bis er so dik wird wie sein Faß. In diesem Zustand schüttet er denn ganze Stürme von Wind über seine Zuhörer aus, nachdem ihm der Geist von unten selbigen einbläßt. Welches, da er so ex adytis & imis penetralibus herkömmt, nicht ohne schwere Mühe und heftiges Grimmen zugeht, und wobey der Wind indem er so fortbricht, auf der Gesichtsfläche des Priesters dieselbe Veränderungen verursachet, welche er auf der Oberfläche der See erreget. Erst wird sie schwarz, [186] denn giebt es Wellen, und endlich bersten sie in lauter Schaum.

Auf diese Art mittheilet der heilige Aeolist seine prophetischen Rülpse, seinen zitternden Schülern, von denen einige mit aufgesperrtem Maul nach dem H. Winde schnappen; indessen das andere zum Lob der Winde Lieder absingen, und so durch ihr gegenseitiges sanftes Brummen, die angenehmen Lüftchen ihrer begütigten Götter vorstellen.

Und eben diese Gewohnheiten sind der Grund warum einige Scribenten behaupten, daß diese Secte der Aeolisten sehr alt sey, indem die Offenbarung ihrer Geheimnisse mit derjenigen so genau übereinstimme, welche wir bey den alten Orakeln finden: Die Eingebung derselben kam ebenfalls von gewissen unterirrdischen Winden; die Priester empfiengen sie eben so peinlich, und auf das Volk hatten sie die gleiche Würkung. Zwar wurden diese Orakel bey den Alten mehrentheils durch Weibspersonen oder Priesterinnen geoffenbaret, und das nicht ohne Ursach. Denn die weiblichen Gliedmassen sind besser eingerichtet, dergleichen prophetische Windwirbel von unten aufzufangen; diese gehen da durch weitere Gefässe, und verursachen zugleich unterwegs einen Kizel, der, wenn man geschikt damit umgehet, sich öfters aus einer fleischlichen Entzükung in eine geistliche verwandelt. Inzwischen bekömmt die vorgemeldete tiefsinnige Muthmassung eben dadurch ein neues Gewicht; denn es ist bekannt, daß einige Gesellschaften der allervollkommensten Aeolisten unsrer Zeit, diese Gewohnheit [187] auch Weibspersonen[118] zu Priesterinnen zu haben, noch immer beybehalten; und es ist niemand in Abrede, daß dieselben ihre Inspirationen nicht durch eben die Canäle empfangen, durch welche sie ihre Vorfahren die Sibyllen ehemals empfangen hatten.

Und da der Geist des Menschen, wenn er seinen Gedanken einmal den Zügel läßt, nicht aufzuhalten ist, sondern natürlicher Weise auf beyde extrema von Höhe und Tiefe, von gut und böse zu springen pfleget; so bemerket man, daß der erste Flug seiner Einbildungskraft ihn zwar gemeiniglich auf Höhen führet, wo er sich lauter schönes, vollkommenes und erhabenes vorstellet. Allein wenn er sich da verstiegen, daß er selbst nicht mehr weiß wo er ist, und die Gränzen des Hohen und Tiefen nicht mehr gehörig unterscheiden kann, so fällt er denn mit eben der Geschwindigkeit auf einmal gerade in den tiefesten Abgrund herunter, und gleichet einem der von Osten nach Westen reiset, oder einer geraden und geschmeidigen Ruthe, welche sich durch ihre eigene Länge krumm bieget. Es mag nun dieses herkommen woher es will; von einer uns angebornen boshaften Neigung, jede schöne Idee auch von der umgekehrten Seite zu zeigen, oder daß unsere auf alles herabschauende Vernunft, gleich der Sonne, nur die eine Helfte der Erdkugel beleuchten kann, und die andere nothwendig im Schatten und in der Finsterniß lassen muß: Oder daß unsere Einbildungskraft, [188] wenn sie sich auf das beste und höchste der Dinge empor geschwungen hat, schwindelt, erschöpfet und müde ist, und also gleich einem Paradiesvogel mit einmal todt zur Erde fällt; oder daß diese meine metaphysischen Muthmassungen alle zusammen den Grund davon enthalten; so ist doch gewiß, daß der Saz selbst dessen Erklärung mich so viel Mühe gekostet, seine ungezweifelte Richtigkeit hat. Dieser nemlich; daß wenn die wildeste Leute sich etwa zu einem Gedanken, oder einer Vorstellung von GOtt oder einem höchsten Wesen erhoben, so haben sie dabey selten unterlassen im Gegentheil auch ihre Furcht mit gewissen Gespenster-Ideen zu unterhalten, die ihnen aus Mangel besserer, statt eines Teufels ziemlich gut gedienet haben. Dieses ist auch ganz natürlich: Denn es hat mit einem Menschen dessen Einbildungskraft sehr hoch gestiegen, dieselbe Beschaffenheit, welche es hat mit einem der dem Leib nach sich auf einer Höhe befindet. Wie sie beyde Vergnügen daran finden, Dinge die über ihnen sind, näher betrachten zu können, so erschreken sie auch beyde gleich vor der fürchterlichen Tiefe die sie unter sich sehen. Eben so sind die Menschen bey der Wahl eines Teufels gemeiniglich entweder auf ein würkliches oder nur eingebildetes Wesen gefallen, welches der Gottheit die sie verehreten, am meisten entgegen gesezet war. Und so hat auch die Secte der Aeolisten einen besondern Haß und Abscheu und eine heftige Furcht vor zwey bösen Wesen gefasset, zwischen welchen und ihren Göttern eine ewige Feindschaft war. Das erste ist das [189] Cameleon[119] ein geschworner Feind der Inspiration, welcher zur Verachtung ganze grosse Portionen von den Influenzen ihrer Götter einfrisset, ohne das geringste durch die Eructation wieder von sich zu geben. Das andere war ein ganz abscheuliches Unthier Moulinavent[120] genannt, welches mit seinen vier schreklichen Armen einen Krieg wider alle ihre Götter führet, und sich dabey geschikt zu wenden weiß, ihre Schläge auszuweichen, und dieselben mit Interesse wieder zu bezalen.

Dieses nun waren die Götter so wol als auch die Teufel der berühmten Secte der Aeolisten, welche noch bis auf diesen Tag eine so grosse Figur in der Welt machet, und von welcher die polite Nation der Lapländer ganz ungezweifelt herstammet. Daher ich nicht Umgang nehmen kann, derselben hier mit geziemender Hochachtung zu erwehnen, angesehen sie mit ihren Brüdern den Aeolisten unter uns, so sehr einerley Neigungen und einerley Interesse haben, daß sie nicht allein ihren Wind von den gleichen Kaufleuten en gros einhandeln, sondern ihn denn ihren Kundleuten auch wieder in gleichem Preis, und auf dieselbe Art wie die Aeolisten Stükweise verkaufen.

Ob nun aber das System welches wir hier dem geneigten Leser vorgeleget haben, ganz von unserm Hans erfunden worden, oder wie einige Scribenten dafür halten, von dem Original zu [190] Delphis abgeschrieben, und nach unsern Zeiten und Umständen vermehret und verbessert worden sey, kann ich so gewiß nicht entscheiden. So viel aber darf ich behaupten, daß Hans ihm zum wenigsten eine neue Gestalt gegeben, und es in das Model gegossen, wie es izo von mir ist beschrieben worden.

Ich hatte schon lang Gelegenheit gesuchet, einer Gesellschaft das Wort zu reden, für welche ich eine besondere Hochachtung hege, und deren Meynungen und Gebräuche die Bosheit und Unwissenheit ihrer Feinde sehr übel verstellet, und verleumdet hat. Denn ich halte dafür, daß Vorurtheile bestreiten, und die Sachen in ihr wahres und vortheilhaftes Licht sezen, eine der edelsten und besten menschlichen Handlungen sey. Daher ich mich dieser wichtigen Schuldigkeit jederzeit ohne allen Eigennuz, und nur allein zur Befriedigung meines Gewissens, zur Beförderung meines Ruhmes, und in Hofnung einigen Dank zu erholen, zu unterziehen pflege.


[191]
Neunter Abschnitt.
Eine Ausschweifung von dem Ursprung, und von dem Nuzen und Wachsthum der Tollheit in einem Staat.

Daß die berühmte Secte der Aeolisten ihren Ursprung unserm Hans zudanken hat; welchen ich als einen Mann beschrieben habe, der im Kopf nicht richtig, und dessen Gehirn aus seiner natürlichen Lage verrüket gewesen; welches wir gemeiniglich für eine Krankheit halten, und ihr den Namen Tollheit oder Raserey beylegen: Dieses, sage ich, soll ihrer Ehre und Ansehen, nicht im geringsten nachtheilig seyn. Denn wenn wir die allergrösten Thaten betrachten, welche von einzeln Personen jemals in der Welt sind verrichtet worden; als da sind, die Aufrichtung neuer Reiche durch die Macht der Wafen, die Erfindung und Ausbreitung neuer philosophischer Systeme. Die Einführung neuer Secten in der Religion etc. so werden wir finden, daß die Stifter derselben mehrentheils Leute gewesen, deren natürlicher Verstand von ihrer Diät, von ihrer Auferziehung, von gewissen herrschenden Neigungen, und von einem besondern Einfluß der Luft und des Climatis [192] unter welchen sie gelebet, die grösten Veränderungen gelitten haben. Nebst diesem befindet sich auch in dem menschlichen Gemüth etwas ganz besonders und eigenes, welches wenn gewisse Umstände von ungefehr dazu kommen, leicht Feuer fängt, das denn bey einem sehr geringen Anschein öfters in eine Flamme ausbricht, welche die allerwichtigsten Würkungen hat. Denn grosse Veränderungen rühren eben nicht stets von starken Armen her, sondern von schiklichen Umständen und von der Gelegenheit der Zeit; und es liegt nicht viel daran, wo das Feuer zuerst entstanden, nachdem der Rauch und Dunst davon einmal in den Kopf aufgestiegen ist. Die obere Revier eines Menschen ist eben so beschaffen wie die mittlere Revier der Luft. Von der Erde steigen Nebel auf, von Misthaufen stinkende Dämpfe, Dünste von der See, und Rauch von Feuer; und dennoch sind die Wolken welche daraus werden, von einerley Natur und von einerley Würkung. Und der Geruch welcher von einem Cloak aufsteiget, zeuget eine ebenso schöne und nüzliche Wolke, als der von dem auf einem Altar angezündeten Weihrauch. So viel, wie ich glaube, wird man mir leicht zugeben. Allein daraus folget nun, daß gleichwie die Luft niemals regnen läßt, als wenn sie überladen, und in Verwirrung gebracht ist; also auch der im Gehirn sizende Verstand mit Dünsten, die von den untern Kräften der Seele aufsteigen, muß angefüllet, und verwirret seyn, wenn seine Erfindungs-Kraft soll gewässert und fruchtbar werden. Nun obschon diese Dünste, (wie ich bereits angemerket,) von eben so verschiedenen Ursachen [193] herkommen, als die, welche in die Luft gehen, so sind doch die Früchte, welche daraus entstehen, beydes im Grad und in der Art nicht anders unterschieden, als nur nach Beschaffenheit des Bodens, darauf sie wachsen. Was ich hier sage, will ich mit ein paar Exempeln beweisen und erklären.

Ein gewisser grosser Prinz[121] warb einst eine mächtige Armee an, füllete seine Schäze mit unsaglichem Geld, rüstete eine unüberwindliche Flotte aus; und alles dieses, ohne seinen grösten Ministern und vertrautesten Lieblingen das geringste von seiner Absicht zu entdeken. Sogleich ward die ganze Welt hierüber stuzig: Die benachbarten Staaten erwarteten mit Schreken, wohin der Sturm sich wenden würde; und die kleinen Politici aller Orten, übten sich, die tiefsinnigsten Muthmassungen anzubringen. Einige glaubten, es wäre auf eine Universalmonarchie angesehen: Andere nach reiferer Ueberlegung fanden, dieser Prinz wollte den Papst absezen, und die Reformirte Religion, deren er einst zugethan gewesen, einführen. Noch andere aber, die tiefere Einsichten hatten, schikten ihn nach Asien den Großtürk zu stürzen, und das gelobte Land wieder zu erobern.

Mitten unter diesen Muthmassungen und Zurüstungen kam ein gewisser Staats-Chirurgus [122] der von den Symptomatibus auf die wahre Natur der Krankheit schloß, und die Cur unternahm. [194] Die Operation kostete einen einzigen Schnitt; er öfnete die Blase und ließ die Dünste heraus. Und es würde auch dieses Mittel unfehlbar geholfen haben, wenn nur der Prinz nicht unglüklicher Weise während der Operation gestorben wäre.

Nun wird der Leser vermuthlich sehr begierig seyn zu vernehmen, woher diese Dünste, welche die ganze Welt so lang in Furcht und Warten aufgehalten, ihren Ursprung genommen? Und was für ein verborgenes Treibrad, oder welche heimliche Treibfeder diese ganze grosse Maschine in Bewegung gesezet habe? Man hat nemlich nachher entdeket, daß an der ganzen Sache eine Weibsperson[123] Schuld gewesen; deren Augen dem Prinzen eine gewisse Geschwulst zugezogen, und die sich zum Unglük noch, ehe die Materie einen Ausgang fand, in ein feindliches Land begeben hatte. Was sollte der unglükliche Prinz bey so kizlichten Umständen anfangen? Umsonst versuchte er das von den Poeten in dergleichen Fällen vorgeschlagene Hülfsmittel von Corpora quaeque; denn

[WS 61]

Idque petit corpus mens unde est saucia amore:
Unde feritur, eo tendit gestitque coire.
 Lucret.

Alle friedlichen Bemühungen waren vergebens: Die gesammelten Saamenheilchen fermentirten, wurden [195] entzündet, traten in die Galle und stiegen durch den Rükgrath in das Gehirn: Nemlich dasselbe Principium welches einen Stuzer bewegt, einer Hure die ihn betrogen, die Fenster einzuschmeissen, veranlasset hingegen einen grossen Prinzen natürlicher Weise, mächtige Armeen ins Feld zu stellen, und von nichts anders als von Belagerungen, Schlachten, und Siegen zu träumen.

- - - - teterrima belli
Causa - - - - -
[WS 62]

Das andere Exempel habe ich irgendwo in einem sehr alten Scribenten gelesen. Es war nemlich ein mächtiger [124] Prinz, der hatte sich dreissig Jahre lang mit nichts anders ergözet, als Städte einzunehmen, und Städte zu verlieren, Armee zu schlagen, und geschlagen zu werden, Fürsten aus ihren Ländern zu vertreiben, und arme Einwohner von Haus und Hof zu jagen. Er hatte gebrennet, gesenget, geplündert; Fremde und eigene Unterthanen, Freund und Feind, Manns- und Weibspersonen gequälet und umgebracht. Man lieset, daß die Philosophen derselbigen Zeit überall ernsthafte Untersuchungen, so wol über natürliche als moralische und politische Ursachen angestellet hatten, um zu entdeken, wo sie eigentlich dieses Phaenomenon hinweisen sollen. Endlich bemächtigte sich der Dunst oder Wind, welcher das Gehirn dieses Helden erhizte und beständig circulirte, derjenigen Revier des Leibs, welche wegen [196] des [125] Occidentalischen Zibeths so berühmt ist, sammelte sich da in eine Geschwulst, und nunmehr hatte die Welt wieder Friede. So sehr viel ist daran gelegen, wo diese Ausdünstungen sich sezen, und so wenig hingegen, woher sie entstehen. Dieselben Dünste, welche, wenn sie aufwärts steigen, Königreiche erobern wollen, endigen sich wenn sie in den Anus herabfahren, in einer Fistul.

Izo wollen wir auch die grossen Erfinder neuer philosophischer Systeme betrachten, und nicht nachlassen bis wir gefunden haben, von was für einer Kraft der Seele, diejenige Neigung eines Menschen herrühre, nach welcher er sich in den Kopf sezen darf, neue Meinungen über Dinge die nach einem allgemeinen Geständniß unmöglich können erkennet werden, mit dem heftigsten Eifer zu behaupten und auszubreiten. Welches der Saame dieser Neigung sey, und was für einer Eigenschaft des menschlichen Gemüthes diese grosse Novatores die Menge ihrer Anhänger zu danken haben? Denn es ist bekannt, daß die vornemsten derselben so wol unter den Alten als Neuern von ihren Widersachern, ja gar von jedermann (nur ihre Schüler ausgenommen) unrecht für Leute gehalten werden, die in dem Kopf nicht richtig gewesen, oder ihren Verstand verloren hätten, indem sie in ihren Reden und Handlungen von den allgemeinen Regeln [197] einer unverstudirten Vernunft gänzlich abgiengen, und es mehrentheils nicht anders machten als ihre ungezweifelte Nachfolger in der neuen Academie zu [126] Bedlam, deren Verdienste und Grundsäze ich an seinem Ort besonders zu erklären gedenke: Von dieser Art waren Epicurus, Diogenes, Apollonius, Lucretius, Paracelsus, Cartesius, und andere, welche, wenn sie anizo, wol gebunden und von ihren Anhängern entfernet, in der Welt wären, gewiß in diesem unverständigen Weltalter die gröste Ursach hätten, sich vor Aderlässen, Ruthen, Ketten, finstern Zimmern, und Strohbetten zu fürchten; denn welcher Mensch von gesundem natürlichen Verstand hat sich wol jemals einbilden können, daß es in seiner Gewalt stehe, die Gedanken und Begriffe aller andern Menschen genau nach dem Maaß der seinigen, in der Höhe, Breite, Länge und Tiefe zu modeln. Dieses aber ist in der That das höfliche und bescheidene Unternehmen aller derer, die in dem Reich der Vernunft sich durch solche Neuerungen groß machen wollen. Epicurus hofte mit grosser Bescheidenheit, daß über kurz oder lang, alle verschiedenen Begriffe der Menschen, nach einem starken Stossen der spizigen und glatten, leichten und schweren, runden und vierekigten, sich endlich vermittelst gewisser Clinaminum vereinigen und durch ein ungefehres Zusammentrefen, einzig in die Begriffe der Atomen und des leeren Raums zusammen laufen würden, so wie diese bey dem Ursprung aller Dinge zusammen getrofen. Cartesius dachte nicht [198] weniger den Tag noch zu erleben, da alle Meinungen der Weltweisen, gleich den kleinern Sternen in seinem Romantischen System von seinem vortex würden verschlungen und inner demselben herumgeführt werden. etc.

Nun möchte ich gerne wissen, wie einer von dergleichen Einbildungen Bescheid geben könnte, wenn er meine Lehre von den Dünsten nicht zu Hülfe nimmt, die von den untern Kräften in das Gehirn steigen, dasselbe bezwingen, und solche Einfälle erzeugen, denen die Armuth unserer Muttersprache noch keinen andern Namen zu geben gewußt hat, als Tollheit und Unsinnigkeit?

Wir wollen deswegen nun untersuchen, woher es komme, daß es dergleichen grossen Philosophen und ihren Meinungen, niemals an einer beträchtlichen Anzal blinder Anhänger fehlet. Und meines Bedunkens ist auch die Ursach davon leicht anzugeben. Denn es befindet sich in der Harmonie des menschlichen Verstandes, eine gewisse besondere Saite, welche bey sehr vielen Personen genau den gleichen Ton hat: Wenn ihr nun diese geschikt zu stimmen wisset, und sie alsdenn in Gesellschaft solcher, derer Saiten zum Glük genau eben so gestimmet sind, künstlich streichet, so werden diese vermög einer geheimen Sympathie ordentlich und zu gleicher Zeit mitklingen. Und auf diesem einzigen Umstand beruhet alle Kunst oder vielmehr alles Glük in dieser Sache. Denn wenn es sich zuträgt, daß ihr im Gegentheil eure Saite in Gegenwart solcher berühret, derer Saite entweder [199] höher oder niedriger gestimmet ist, als die euere, so werden sie statt euerer Lehre beyzupflichten, euch fest machen, toll und unsinnig heissen, und euch mit Wasser und Brod speisen. Daher man ungemein behutsam gehen muß, damit man dieß edle Talent ordentlich nach Verschiedenheit der Personen und Zeiten gebrauche und einrichte. Cicero verstand dieses sehr wol. Denn als er an einen guten Freund nach England schrieb, und ihn nebst andern wichtigen Sachen warnete, daß er sich vor den Betrügereyen unserer Miet-Kutscher in Acht nehmen sollte, (welche schon damals eben so grosse Schelmen gewesen seyn müssen wie izo,) bedienet er sich folgender merkwürdigen Worte:[127] Est quod gaudeas, te in ista loca venisse, ubi aliquid sapere viderere. Denn frey herauszusagen, es ist eine unglükselige Aufführung, wenn man seine Sachen so übel anstellet, daß man in einer Gesellschaft für einen Narren gehalten wird, da man in einer andern einen weisen Mann vorstellen könnte: Und ich wünsche, daß einige Herren von meiner Bekanntschaft sich diese Anmerkung als eine nüzliche Erinnerung bestens empfohlen seyn lassen.

Dieses war eben der fatale Fehler, meines hochgeschäzten und tiefsinnigen Freundes, des Herrn Wottons; eines Manns der von Natur recht dazu gemacht zu seyn schien, grosse Projekte zu entwerfen und auszuführen; es sey, daß man seine Begriffe oder seine Mine betrachte. Gewiß, niemand [200] ist jemals aufgetreten, der schiklichere Leibes und Gemüths-Eigenschaften besessen, eine neue Religion fortzupflanzen als er. O möchten doch diese glükliche, aber auf die eitele Weltweisheit verkehrt angewendete Talente, in die Canäle der Träume und Erscheinungen eingeleitet worden seyn, wo die Verdrehung des Gemüths und Gesichts von so allgemeinem Nuzen ist, und wo sie eigentlich hingehöret. Nimmer würde die niederträchtige und verleumderische Welt haben vorgeben dürfen, es stünde nicht richtig in seinem Kopf, und er müßte unter dem Hut nicht recht verwahret seyn. Verleumdungen die selbst seine Mitbrüder die Neuern, recht undankbar einander so laut ins Ohr flüstern, daß ichs so gar oben unter dem Dach, wo ich dieses schreibe, hören mag.

Endlich, wer in die Quellen des Enthusiasmi, von welchen zu allen Zeiten so schlammichte Ströme hergeflossen sind, hinein zu schauen beliebet, der wird finden, daß dieselben stets eben so trüb und kothigt gewesen als ihre Ausflüsse. So viel mithin vermag eine Tinctur von diesen Dünsten, welche die Welt Tollheit nennet, daß sie ohne dieselben nicht nur zweyer grossen Glükseligkeiten, der Eroberungen nemlich, und der Systeme beraubet seyn würde, sondern daß sich auch so gar alle Menschen nur mit einerley Glauben behelfen müßten. Nachdem nun erwiesen ist, daß nichts daran gelegen sey, woher diese Dünste ihren Ursprung haben, sondern alles nur darauf ankomme, entweder nach was für Winkeln sie das Gehirn berühren und befeuchten, oder in was [201] für Theile des Gehirns sie aufsteigen, so bleibt noch der schwere Punkt übrig, daß ich dem curieusen und scharfsinnigen Leser bestimmt und genau zeige, wie es möglich sey, daß von einen und eben denselben Dünsten welche in das Gehirn einzelner Menschen aufsteigen, so gar sehr verschiedene Würkungen entstehen, die gerade einen Alexander den Grossen zum Alexander, einen Johann von Leiden[128] zum Johann von Leiden, und einen Cartesius zum Cartesius machen. Dieses ist wol die allersubtileste Materie, an die ich mich jemals gewaget; sie wird daher alle meine Gemüthskräfte erfodern; und ich ersuche den Leser, mir seine äusserste Aufmerksamkeit zu leihen, denn gleich izo schreite ich zur Auflösung dieser verworrenen Sache.

Es befindet sich in dem menschlichen Gemüthe etwas welches, * * * * * * * * * * * * * * * * * * Hic multa desideratur * * * * * * * * * * Und hiedurch wird meines Erachtens die Schwierigkeit vollkommen aufgelöset.

Nachdem ich also diese subtile Materie glüklich abgehandelt, so bin ich versichert, der Leser [202] werde mir in dem Schluß beypflichten, daß wenn die Neuern durch die Tollheit weiter nichts als eine Verwirrung und Verrükung des Gehirns verstehen, welche durch die von den untern Kräften in die Höhe gestiegene Dünste entstehet, diese Tollheit alsdenn gewiß die Ursach aller der grossen Veränderungen gewesen sey, welche sich zu allen Zeiten in dem Regiment, in der Philosophie, und in der Religion zugetragen haben. Denn das Gehirn, wenn es sich in seiner natürlichen Lage und Ruh befindet, disponiert seinen Eigenthümer ordentlich nach der allgemeinen Weise zu leben, ohne ihm die Gedanken einzugehen, daß er alle Leute zu Sklaven seiner Gewalt, seiner Meynungen und seiner Träume machen wolle. Und je mehr er seinen Verstand durch die Gelehrsamkeit modelt, je weniger ist er geneigt, ein Parteyführer zu werden, weil dieselbe ihn von seinen eigenen Schwachheiten so wol als von der eigensinnigen Unwissenheit des Pöbels überzeuget.

Wenn aber die Phantasie eines Menschen der Vernunft zwischen die Beine hinein kömmt, wenn die Einbildung sich mit den Sinnen raufet, und der allgemeine Verstand zur Thüre hinaus gestossen wird, so ist der erste Proselyt welchen er machet, Er Selbst; und wenn dieses einmal geschehen, so ist es alsdenn so schwer eben nicht, auch andere dazu zu machen, angesehen eine erhizte Einbildung jederzeit eben so stark von aussen als von innen würket. Denn was das Kizeln dem Gefühl ist, das ist der Phantasten Sprache und Träumerey den Ohren und den Augen. Diejenigen [203] Ergözlichkeiten, welche unsere Sinnen betrügen, und vor ihnen aus der Tasche spielen, machen uns im gemeinen Leben die beste Lust. Dieses hat auch seinen guten Grund. Denn wenn wir eine genaue Untersuchung anstellen, was insgemein durch die Glükseligkeit, in Absicht auf den Verstand und die Sinnen verstanden werden, so werden wir finden, daß alle ihre Eigenschaften und Zufälligkeiten in dieser kurzen Beschreibung eingeschlossen sind.

Die Glükseligkeit ist derjenige Zustand, da man ununterbrochen wol und geschikt betrogen wird.

Was erstlich den Verstand anlanget, so ist bekannt, welche grosse Vortheile die Erdichtung vor der Wahrheit aus hat. Und wir müssen den Grund davon auch nicht weit suchen. Die Einbildungskraft kann uns nemlich weit schönere Scenen, und wunderbarere Begebenheiten vorstellen, als weder das Glük noch die Natur sich jemals bemühen werden hervorzubringen. Und man darf es würklich den Leuten auch eben nicht so übel nehmen, daß sie sich für die Einbildung erklären, wenn man betrachtet daß der ganze Streit nur von würklich geschehenen und eingebildeten Dingen sey. Denn da kömmt es mithin bloß auf die Frage an: Ob man von Dingen die sich in der Einbildung befinden, nicht eben so wol sagen könne: sie existiren, als von solchen die im Gedächtniß ihren Aufenthalt haben? Welches wir allerdings mit ja beantworten, und so gar [204] behaupten, daß man es von den erstern noch weit eher sagen müsse als von den leztern, indem von jedermann zugestanden wird, daß die Einbildung die Gebärmutter, und hingegen das Gedächtniß das Grab der Dinge sey. Hinwiederum wenn wir diese Beschreibung der Glükseligkeit in Absicht auf die Sinne betrachten, so werden wir sehen, wie vollkommen sie auch hier eintrift. Wie kraftlos und ungeschmakt ist doch alles, wenn es uns nicht durch das Vehiculum der Verblendung vorgestellet wird? Wie verschrumpft ist nicht jedes Ding, welches wir blos durch den Spiegel der Natur anschauen? Also daß wenn wir sie nicht durch allerhand künstliche Media aufzufangen, und durch ein falsches Licht, gebrochene Winkel, Fürniß, untergelegte Folien etc. zu erhöhen wußten, so würde in der Glükseligkeit und dem Vergnügen der Menschen nur ein sehr grosses und unangenehmes Einerley herrschen. Wenn die Welt dieses recht überlegen wollte, wie ich hingegen aus gewissen Ursachen glaube, daß sie es schwerlich thun wird, so würde sie wol die Kunst von allen Dingen die schwächeste Seite zu zeigen und die Fehler zu offenbaren nicht weiter für ein Stük der grösten Weisheit halten: Denn diese Verrichtung kömmt mir nicht besser vor, als wenn man den Leuten die Masquen abreisset, welches gewiß weder in der Welt noch auf der Masquerade hübsch läßt.

So viel mehr Ruhe die Leichtgläubigkeit dem menschlichen Gemüthe verschaft als die Neugierigkeit, eben um so viel ist auch die Weisheit, welche sich nur bey der äussern Fläche der Dinge [205] aufhält, jener falschgerühmten Philosophie vorzuziehen, welche sich tief in dieselben hinein läßt, und hernach mit einer Mine und Geberdung als ob sie etwas großes ausgerichtet habe, zurükkömmt, uns zu sagen, sie habe entdeket, daß das innere nichts tauge. Die zween Sinnen welchen sich alle Gegenstände zuerst darstellen, sind das Gesicht und das Gefühl. Diese gehen bey ihrer Untersuchung niemals weiter als bis auf die Farbe, Gestalt, und Grösse, und was sonst für Eigenschaften aussen an den Cörpern theils durch die Kunst, theils von Natur befindlich sind. Alsdenn aber kömmt die allzudienstfertige Vernunft, mit ihren Werkzeugen zum Schneiden, Oefnen, Reissen und Stechen, und will uns unwidersprechlich erweisen, daß die Dinge nicht durch und durch also seyen, wie sie auswendig scheinen. Dieses ist meines Erachtens wol der äusserste Grad der unglükseligen Kunst die Natur zu verkehren; indem es eines ihrer ewigen Geseze ist, daß sie ihren besten Schmuk auswendig anleget. Damit also künftig alle unnöthige Mühe und Kosten, welche mit Anatomirung der Dinge verbunden sind, mögen ersparet werden, so nehme ich hier Anlaß den geneigten Leser zu versichern, daß mein Saz seine Richtigkeit hat, und daß bey allen den cörperlichen Wesen welche ich jemals gekannt habe, die auswendige Seite der innerlichen stets gar sehr vorzuziehen gewesen: Worinn ich auch nur unlängst durch einige neue Versuche noch mehr bin bestärket worden. Lezt vergangene Woche sah ich nemlich ein geschundenes Frauenzimmer, und ihr könnet nicht glauben, wie sehr diese Operation sie verstellt hatte; [206] und nur gestern noch ließ ich den Körper eines Stuzers in meiner Gegenwart ausziehen, da wir denn alle erstauneten, nur unter einem Kleid so viele unvermuthete Fehler zu finden. Ich ließ hernach das Gehirn, das Herz und die Milz öfnen, und bey einer jeden Oefnung zeigte sich klar, daß je weiter wir in der Operation fortfuhren, je mehrere und grössere Fehler hervorkämen. Woraus ich den richtigen Schluß folgere, daß ein Weltweiser und Projektmacher, welcher die Kunst erfünde, alle Risse und Unvollkommenheiten der Natur zu stoppen und zu löten, sich um das menschliche Geschlecht weit besser verdient machen, und uns eine weit nüzlichere Wissenschaft lehren würde, als die ist welche izo so hoch gehalten wird, da man sie nur zuentdeken und öffentlich zu zeigen bemühet ist, gleich jenem der die Anatomie für den Hauptzwek der Arzneykunst hielt. Ein Mann mithin, den Glük und Umstände in eine bequeme Station gesezt haben, die Früchte dieser edeln Kunst einzuernden, der sich mit Epicuro an den Schatten und Bildern die von der Oberfläche der Dinge in seine Sinnen auffliegen, begnügen läßt; ein solcher Mann schöpfet als ein wahrer Weiser das Beste von der Natur, wie die Sahne von der Milch ab, und überläßt der Philosophie und der Vernunft das Saure und die Hefen. Dieses ist der höchste Grad der Glükseligkeit, oder des Rechts wol betrogen zu werden; der ruhige und vergnügte Zustand, ein Narr zu seyn unter Schelmen.

Aber wieder auf die Tollheit zu kommen: Es ist offenbar, daß nach dem System welches [207] ich oben vorgelegt, alle Arten der Tollheit von einem Ueberfluß der Dünste herrühren. Wie nun einige Rasereyen die Kräfte der Nerven verdoppeln, also giebt es andere, welche dem Gehirn neue Stärke und Lebensgeister mittheilen. Nun trift es gemeiniglich ein, daß diese muntere und lebhafte Geister, die das Gehirn in Besiz nehmen, denen Gespenstern gleich sind, welche in andere wüste und leere Wohnungen ziehen, und weil sie da nichts zu thun antrefen, entweder verschwinden, und etwa ein Stük von dem Haus mit sich wegführen, oder auch wol daselbst verbleiben, und das Haus ganz zum Fenster hinaus schmeissen. Es ist dieses eine mystische Abbildung der zwo vornemsten Arten der Tollheit, welche einige Philosophen die die Sache nicht so genau untersuchet haben als ich, aus Uebereilung zwoen verschiedenen Ursachen nemlich die erste dem Mangel, und die leztere dem Ueberfluß der Geister oder Dünste zugeschrieben haben, da sie doch beyde nur von der leztern herrühren.

Hieraus erhellet nun meines Bedunkens, daß die Hauptkunst bey dieser Sache einzig darauf ankomme, daß man diesen überhäuften Dünsten etwas zu schafen geben, und hiezu klüglich die rechte Zeit zu wehlen wisse. Auf diese Art werden sie denn ganz gewiß einem Staat vortreflichen und allgemeinen Nuzen bringen. So wenn z. Ex. sich einer zu rechter Zeit in einen Abgrund stürzet, so wird er ein Held, und man nennet ihn einen Erhalter des Vaterlandes. Ein anderer unternimmt eben dieses. Allein weil er es zur unrechten [208] Stunde thut, so hält man ihn für unsinnig. Auf einem so geringen Unterschied beruhet es, daß wir den Namen eines Curtius mit Ehrerbietung und Liebe, und hingegen eines Empedocles seinen mit Haß und Verachtung anführen. Also bildet man sich auch gemeiniglich ein, daß der ältere Brutus sich nur zum Besten des Vaterlandes unsinnig gestellet habe. Allein es war nichts anders als der Ueberfluß eben derselben Dünste, welche er eine lange Zeit nicht recht angewendet hatte. Ingenium par negotiis[129] wie es die Lateiner hiessen, oder damit ich es auf das genaueste als möglich überseze, eine gewisse Art der Tollheit, die niemals in ihrem rechten Element ist, als wenn sie in Staatssachen gebrauchet wird.

Dieser und vieler andern eben so wichtigen obgleich nicht eben so curieusen Ursachen wegen, ergreife ich hier mit Freuden die schon längst gesuchte Gelegenheit, denen Herren Edward Seymour, Christoph Mußgräve, Johann Bowls, Johann Howe und andern Patrioten einen wichtigen und höchst nüzlichen Vorschlag zu thun. Ich ersuche sie nemlich, daß sie sich doch bemühen wollen, die Erlaubniß zu erlangen, dem Parlament eine Bill einzugeben, daß man über Bedlam und nächst dabey gelegene Oerter Commissarien sezen, und ihnen Vollmacht ertheilen möchte, Personen, Schriften, Acten etc. nach Belieben zu beschiken, eines jeden Studenten und Professors Verdienste und Geschiklichkeit zu untersuchen, und ihre [209] verschiedenen Neigungen und Aufführung auf das genaueste zu beobachten; als wodurch sie, wenn sie derselben verschiedene Talente gehörig unterschieden, und ihrem Zwek gemäß anwendeten, dem Staat die tüchtigsten Männer zu allerley Bedienungen im Civil-und Militar-Stand schenken würden. Ich will ihnen unmaßgeblich hier eine Methode vorschlagen, nach welcher sie meines Bedunkens zu Werk gehen könnten, und hoffe, der geneigte Leser werde mir es nicht verargen, daß ich mir diese wichtige Sache so sehr angelegen seyn lasse, indem ich gegen diese ansehnliche Gesellschaft, von der ich einige Zeit auch selbst ein unwürdiges Mitglied gewesen bin, jederzeit die gröste Hochachtung getragen habe.

Ist also z. E. ein Student, welcher sein Stroh darauf er liegt, in kleine Stüke zerreisset, fluchet und schwöret, in das Gitter beißt, mit dem Mund schäumet, und seinen Nachttopf den Zuschauern in das Gesicht giesset: Diesem geben die Herren Commissarien und Oberaufseher ein Regiment Dragoner, und schiken ihn nach Flandern zu seinen Mitbrüdern. Findet sich einer, der stets plaudert, sprudelt, gähnet, und immer in einem Ton ohne Ordnung und Verstand schreyet: Was für ein herrliches Pfund ligt da vergraben? Man säume doch nicht, und gebe ihm einen grünen Sak mit Papieren, und einen [130] Sechser in die Fike, und schaffe ihn nach Westmünster-Hall, damit er ein Advocat [210] werde. Sehet einen dritten: Dieser misset sein Behältniß gravitätisch aus; eine Person von grosser Vorsicht und Einsicht, obschon er stets im Finstern behalten wird; er gehet mit abgemessenen Schritten, und ersuchet euch mit gehörigem Anstand und Ceremonie um ein Allmosen; er redet viel von schweren Zeiten, von Auflagen, und von der Babylonischen Hure,[131] macht die Fensterläden vor seiner Celle ordentlich um acht Uhr zu, träumt von Feuer, von Spizbuben, Hofkunden und privilegierten Orten. Was würde ein so qualificirter Mann nicht für ein Ansehen machen, wenn er zu seinen Brüdern in die Stadt geschikt würde? Ein vierter ist in tiefen Gedanken, und beisset so oft es die Sache erheischet, an dem Daume. Seine Mine zeiget, mit was für wichtigen Geschäften, und grossen Vorhaben er umgehe, bisweilen geht er mit schnellen Schritten auf und ab, und siehet dabey starr auf ein Papier, welches er in der Hand hält. Er sparet die Zeit überaus, hat etwas dike Ohren; ein kurzes Gesicht, und noch ein kürzeres Gedächtniß. Er ruhet nimmer, hat und macht sich stets alle Hände voll zu thun, und auf die berühmte Kunst von wichtigen Nichtigkeiten zuflüstern, versteht er sich recht vortreflich. Er ist ein grosser Abgötter und Verehrer einsilbichter Wörter, und des Aufschubs; so sehr bereit einem jeden sein Wort zu geben, daß er es niemals hält. Einer der die gemeine Bedeutung [211] der Wörter vergessen hat, aber den Ton derselben sehr wol behält. Er ist dem Durchfall sehr unterworfen, denn immer hat er Angelegenheiten die ihn wegrufen. Wenn ihr vor das Gitter kommet, zu einer Zeit da er sich Weile nimmt, so sagt er: Mein hübscher Herr gebt mir einen Pfenning, ich will euch ein Lied singen, aber gebt mir den Pfenning erst. Daher kömmt das Sprüchwort, sein Geld um gute Worte ausgeben. Findet man hier nicht ein vollständiges System der besten Hofmanieren? Und ist es nicht immer Schade, daß alle diese vortreflichen Gaben so viel als verloren sind, weil sie am unrechten Ort angewendet werden?

Gehet hierauf weiter zu einem andern Loch, stopfet aber vorhin die Nase wol zu: Da werdet ihr einen trozigen, säuischen Menschen finden, der in seinem eigenen Koth scharret, und in seinem Urin blanschet. Was von ihm gehet, dämpfet aus, fliegt herum, und kömmt endlich wieder in ihn hinein. Dieses ist seine vornemste Nahrung. Von Farbe ist er garstig gelb, und hat einen dünnen Bart; er gleichet den Insekten, welche ihren Ursprung und Unterhalt von einem Excremente haben, wovon sie die Farbe und den Geruch annehmen. Der Student in diesem Behältniß ist sehr sparsam in Worten; aber desto freygebiger mit seinem Odem. Er streket gleich seine Hand aus, einen Pfenning von euch zu erhalten, und so bald er ihn weg hat, sezet er seine erste Arbeit wieder fort. Muß man sich nun nicht äusserst befremden, [212] daß die Gesellschaft zu Warwik-Lane [132] so schlecht bemühet ist, ein so nüzliches Mitglied zu bekommen, welches allem Ansehen nach eine der grösten Zierden derselben abgeben würde.

Noch einer läuft trozig auf euch zu, bläset die Baken auf, drehet die Augen halb zum Kopf heraus, und reichet euch seine Hand zu küssen dar. Der Zuchtmeister sagt euch, ihr möchtet über diesen Herrn nicht erschreken, denn er würde euch gar nichts übels thun. Er allein hat die Freyheit in dem Vorsaal herum zu spazieren, und der Sprecher an dem Ort wird euch sagen, daß diese vornehme Person ein Schneider sey, der aus Hochmuth toll geworden. Dieser wichtige Studiosus [133] hat noch viele andere Eigenschaften, darüber ich mich izo nicht aufhalten will: Unter uns: Er ist * * * * etc. und wenn man ihn * * * * * so muß mich alles betrügen, oder seine Artigkeiten, seine Geberdung, Mine etc. würden alsdenn ganz natürlich lassen, und sich an ihrem rechten Ort befinden.

Ich kann mich nicht einlassen, umständlich zu zeigen, was wir noch nebst diesen für eine grosse Menge artiger Herren, geschikter Musicanten, Poeten und Politiker durch diese Reformation gewinnen würden: Dieses aber soll ich nicht vorbey gehen, daß der Nuzen welchen das Publicum [213] hieraus zöge, nicht allein darinn bestühnde, daß es so viele Personen bekäme und gebrauchen könnte, deren Pfund anizt, wenn ich es sagen darf, ganz vergraben, oder doch sehr unrecht angeleget ist; sondern vornemlich auch darinn, daß eben diese Personen ihre Geschiklichkeiten auf das Höchste bringen, und jeder derselben in seiner Kunst ein Meister werden würde, welches wie ich verhoffe, aus dem was ich bereits gesagt schon erhellet, und noch mehr, auch nur aus nachstehendem einzigen Exempel erhellen wird. Ich selbst nemlich, der Erfinder dieser wichtigen Wahrheiten, bin ein Mann von einer sehr hartmäulichten Einbildungs-Kraft, welche daher mit meiner Vernunft überaus leicht durchgehet; wie ich denn aus einer langen Erfahrung weiß, welch ein schlechter Reuter diese leztere ist, und wie leicht sie herunter geschmissen wird. Daher meine guten Freunde mich auch niemals allein lassen, wenn ich ihnen nicht heilig verspreche, meine Speculationen auf diese oder eine andere Art zum allgemeinen Besten des menschlichen Geschlechts ausdämpfen zu lassen. Etwas das der geneigte, höfliche und aufrichtige Leser, voll von der neuern besondern Gütigkeit und liebreichen Zärtlichkeit die gemeiniglich mit seinem Amt verbunden ist, vielleicht schwerlich wird glauben können.

[214]
Auszug, Summa, oder kurzer Begrif dessen, was nach dem neunten Abschnitt im Manuscript folget.

Wie nemlich Hans und Martin sich getrennet, und jeder für sich gelebet; wie sie über Berg und Thal gereiset, allerhand unglükliche Begebenheiten gehabt, um ihrer gerechten Sache willen vieles gelitten, und grosse Dürftigkeit ausgestanden; wodurch sie zu erweisen gesucht, daß sie allein die rechtmäßigen Söhne ihres Vaters wären; da hingegen Peter ein Bastart sey. Wie Martin als er in Peters Landen keine Mittel sich zu erhalten gefunden, sich nach Norden gewendet, und von den Thüringern und andern Völkern sehr wol aufgenommen worden. Wie er daselbst die Pulver, Pflaster, Salben und Salbadereyen welche Peter so theuer verkauft, herunter gemacht; und wie das Volk sich erfreuet, daß es sein Geld ersparen können, und deswegen dem Martin häufig zugefallen. Wie auch viele grosse Herren ihm angehangen, und wie vornemlich einer, welcher an seiner Gemahlin nicht genung hatte, sondern noch die andere dazu verlangte, dem Peter aber für die Erlaubniß nicht so viel Geld geben wollte, [215] als er verlangte, bey Martin solches gar leichtlich erhalten. Wie viele grosse Herren in Norden mehr, sich nebst ihren Familien von Petern zu dem Martin gewendet. Wie Peter aus Rache wegen des Verlustes so vieler Länder und Einkünfte auf Martin losgezogen, und seine erschreklichen Bullen auf ihn losgelassen, wiewol ohne sonderliche Würkung. Wie er ihn und seinen ganzen Anhang für Verräther und Rebellen erkläret, und allen seinen Unterthanen befohlen, wider seine Feinde die Wafen zu ergreifen, zu morden, zu brennen, und zu sengen; daher viele grosse und blutige Kriege entstanden.

Wie Heinrich Großsprecher,[134] Herr von Albion, einer der grösten Renommisten seiner Zeit, den Martin herausgefordert, sich mit ihm in den Schranken zu schlagen, daher in England die Mode der Klopffechter[WS 63] aufgekommen, welche in diesem Land so berufen, und in andern so unbekannt ist. Wie Martin Herz genung gehabt, sich in diesen Zweykampf einzulassen; und wie sie sich nicht ohne sonderbares Vergnügen der Zuschauer geschlagen, und nachdem sie einander gute Stösse gegeben, beyde Ueberwinder seyn wollen, welches ihnen denn nachgehends von vielen andern vornehmen Personen ist nachgethan worden. Wie Martins Freunde ihm zum Siege Glük gewünschet, und wie die Freunde Heinrichs das Gleiche gegen diesen gethan, insonderheit Milord Peter, der ihm einen [216] schönen Federbusch [135] überschikte, welchen er und seine Nachfolger zum Andenken des ihm zu Ehren erfochtenen Siegs tragen sollten.

Wie Heinrich aus Hochmuth über den vorgegebenen Sieg, mit Petern selbst Händel gesucht, und wie sie einander wegen der Liebe eines schlechten Frauenzimmers [136] in den Haaren gelegen. Wie einige neugierige Unterthanen Heinrichs von Martin sehr wol gesprochen, und wie sie deswegen von Heinrich gezüchtiget worden. [137] Wie er denen begegnet, welche Peters Partey hielten, und wie er beyde fortgejaget, und mit Feuer und Schwerdt verfolget.

Wie dieser Heinrich nach vielen Großsprechereyen, Händeln und Ueppigkeiten endlich gestorben, und einen Nachfolger [138] gehabt, welcher sehr glüklich gewesen, und den Martin in Albion empor kommen lassen. Wie nach dieses Tod Albion einer Dame in die Hände gekommen, die in Peter überaus verliebt gewesen, und wie sie sich entschlossen, alle Anhänger des Martins und selbst dessen Namen auszurotten. [139] Wie Peter wieder [217] triumphiret, und von neuem seine Pulver, Pflaster und Salben verkauft, und sie für probat, hingegen alles was von Martin gewesen, für falsch ausgegeben. Wie sehr viele Freunde von Martin ihr Vaterland verlassen, und auf ihrer Reise in fremden Reichen mit Hansens Freunden bekannt worden, deren Moden und Lebensart sie angenommen, und hernach in Albion eingeführt, welches unterdessen einer andern gelindern und klügern Dame [140] war zu Theil worden. Wie diese ihr möglichstes gethan, daß sie es weder mit Peter noch Martin verderbe, und doch dabey auch Hansen gütlich gethan. Wie sie sich vergebens bemühet, die drey Brüder zu vereinigen, weil ein jeder Herr über den andern seyn wollte.

Wie sie alle drey fortgejaget, und selbst einen Laden aufgeschlagen, da man allerley Balsame, Salben und Pflaster fein und gut haben konnte, welche von geschikten Medicis und Apothekern die sie selbst gesezet, und die aus Peters, Martins und Hansens Büchern die besten Recepte ausgeschrieben hatten, waren verfertiget worden. Wie sie den drey Brüdern verboten, ihre Arzneyen zu verkaufen, insonderheit aber Peter, von dessen Erfindungen sie vielen Profit zog; damit sie nur ihren eigenen Mischmasch desto besser loß werden könnte. Wie diese Dame Elise, nach dem Exempel ihres Vaters, Petern das vorgegebene Recht der Erstgeburt nicht zugestanden, und sich selbst zum Haupt der Familie gemacht. Wie sie deßwegen [218] dennoch den Federbusch ihres Vaters, den er von Peter zugeschikt bekommen, getragen; welches auch ihre Nachfolger beständig gethan, ob sie gleich Peters geschworne Feinde gewesen. Wie Elise und ihre Medici, nachdem sie von einigen übeln Würkungen ihrer Arzneyen Nachricht bekommen, in ihrem Laden eine Aenderung vornahmen, und etliche schlechte und schädliche Salben die nach Peters Recepten waren gemacht worden, wegschmeissen wollen, und wie sie der Tod daran verhintert.

Wie hierauf ein Herr [141] aus einem kleinen Ort in Norden, Albion überkommen, welcher die Einkünfte davon noch höher bringen wollte, ob er gleich kaum geschikt war mit seinem wenigen Patrimonio recht Haus zu halten. Wie dieser neue Herr seine Stärke und Geschiklichkeit zu zeigen, mit Riesen und Windmühlen gestritten, und sich immer des Sieges gerühmet, ob ihm gleich öfters, wenn auch nicht das geringste zu besorgen gewesen, das Herz in die Hosen gefallen war.

Wie sein Nachfolger [142] nicht viel besser gewesen, und grosse Zerrüttungen verursachet, indem er allerhand neue Dinge bey seinen Unterthanen einführen wollen. Wie er in Norden einen solchen Apothekerladen, als wie in Süden aufzurichten gesuchet, und wie ihm solches mißlungen, weil man auf Hansens Arzney mehr hielt.

[219] Hier ist der Autor nicht wenig verlegen, daß er in seine Geschichte drey Sekten gebracht hat, als welches seinem Respekt gegen die Zal drey zuwider lauft. Diesem abzuhelfen entschliesset er sich, von Martin und seiner Arzney nichts mehr zu gedenken, und an deren statt der Madame Elise ihre zu sezen. Er erinnert dabey den Leser, daß durch Martins Freunde die neue Secte zu verstehen sey, welche von dieser Dame aufgerichtet worden. Nachdem er diesen Punkt gehöriger massen erkläret, so fährt er in seiner Historie fort, und erzehlet uns, was für Streit und Krieg zwischen Hansen und Martin vorgefallen, da bald dieser bald jener, zu nicht geringem Schaden des Landes, die Oberhand gehabt. Und wie sie endlich eins geworden, oben gedachten Herrn zu henken, welcher als ein Martyrer für Martins Freundschaft angesehen seyn wollte, ob er gleich gegen beyde untreu war, und allem Vermuthen nach, auf Peters Seiten hieng.


[220]
Kurzer Entwurf einer Ausschweifung von der Natur, dem Nuzen und der Nothwendigkeit des Kriegs und Zankes.

Weil diese Sache von grosser Wichtigkeit ist, so gedenket der Autor dieselbe in einem besondern Werk weitläuftig abzuhandeln, von welchem er hiemit nur einen kurzen Entwurf mittheilet.

Der Krieg ist ein Stand, in welchen die Natur alle lebendigen Geschöpfe gesezet hat, und besteht darinn, daß wir das was andere haben, und welches doch wir gern haben wollten, mit Gewalt zu nehmen suchen. Jeder Mensch der von seinen eigenen Verdiensten genugsam, von den Verdiensten anderer aber, nicht also überzeuget ist, hat ein natürliches Recht ihnen alles das zu nehmen, dessen er seiner Meynung nach eher werth ist als andere; und jedes Thier welches glaubt daß es einer Sache am meisten benöthigt sey, ist von Natur berechtigt, sich alles zuzueignen, was es zu seiner Nothdurft braucht.

[221] Das Vieh ist in diesen Anfoderungen viel bescheidener als die Menschen, und der Pöbel ist es mehr als die Leute von vornehmem Stand. Je mehr einer Anfoderung von dieser Art macht, je mehr Lerm richtet er in der Welt an, je glüklicher ist er, und je mehr verdienet er den Namen eines Helden. Die grossen Seelen, deren Bedürfnisse sich nach der Grösse ihrer Verdienste richten, haben das völlige Recht, von dem Volk alles das zu nehmen, was ihnen mangelt, und dieses ist der Grund ihrer Hoheit und Heldenstandes, und dessen unterschiedener Grade. Der Krieg ist folglich zur Ordnung unter den Menschen, zur Errichtung der Städte, bürgerlichen Gesellschaften, und ganzer Reiche höchstnöthig, und dienet auch nicht wenig die politischen Körper von allzuvielen Feuchtigkeiten zu befreyen. Weise Fürsten tragen beständig Sorge, auswärtige Kriege zu unterhalten, um hierdurch den innerlichen Frieden zu bestätigen; Krieg, Hunger und Pest sind die ordentlichen Mittel wider die Krankheiten, welche der allzugrosse Ueberfluß in den Staatskörpern verursachet. Der Autor verspricht auf jedes dieser Dinge eine Lobrede zu verfertigen. Der gröste Theil des menschlichen Geschlechts liebet den Krieg mehr als den Frieden. Dahin gehet die allgemeine Neigung der Menschen, und die welchen es an Vermögen und Muth fehlet, selbst Kriege zu führen, miethen andere um Geld, daß sie es an ihrer statt thun. Diese Neigung unterhält die Balger, die Desperaten, die Mörder, Banditen, Advocaten und Kriegs-Männer. Wie viel gute Künste würden nichts nüze seyn, wenn ein steter Friede wäre! Daher [222] kömmt es, daß bey den Thieren weder Schmiede, Ingenieurer, Obrigkeiten noch Wundärzte sind. Die Thiere, weil ihre Begierden sehr eingeschränket sind, können den Krieg gegen ihres gleichen nicht fortsezen, noch Armeen unterhalten, sie zu vertilgen. Diese Vorzüge gehören allein den Menschen. Die Vortreflichkeit der menschlichen Natur erhellet aus der Menge ihrer Begierden, Leidenschaften und Bedürfnisse die uns umgeben. Der Verfasser wird hievon in seiner Lobrede auf das menschliche Geschlecht weitläuftiger handeln.


[223]
Fortsezung
des Auszugs von der Historie Martins.

Wie Hans nachdem einer von seinen vertrautesten Freunden an des alten Herrn Stelle gekommen [143] war, sich wieder aufs neue mit Martin entzweyet, ihn fortgejagt, seine Boutique geplündert und über den Haufen geworfen. Wie dieser neue Herr es so arg getrieben als er nur konnte; Petern erschreklich geprügelt, sich mit Martin überworfen, und alle Nachbarn in Schreken gesezt. Wie sich Hansens Freunde in unzehlige Parteyen zerschlagen, das unterste zu oberst gekehret, und sich gegen jedermann unerträglich aufgeführet. Wie nach dem Tod dieses Herrn Hans von dem neuen [144] wieder ausgestossen, und Martin angenommen worden, welcher sich aller völligen Freyheit hat bedienen können. Wie Martin zur Dankbarkeit sich in allem nach dem Willen des neuen Herrn gerichtet, nur damit Hans nicht wieder empor kommen sollte. Die unterschiedenen Bemühungen welche Hans angewendet, sich wieder aufzurichten, [224] waren umsonst, bis nach des vorigen Herrn Tod ein grosser Freund von Peter [145] Nachfolger ward, welcher Hansen ganz gelind begegnete, um den Martin desto mehr zu kränken. Wie Martin hierüber sehr zornig worden, und einem Fremden [146] zum Erbe verhalf, wozu Hans ebenfalls Hand bot, weil er den alten Herrn wegen dessen grosser Freundschaft mit Peter, in dessen Schuz sich dieser arme Vertriebene begeben mußte, sehr hassete. Wie der neue Herr den Martin in alle seine Rechte wieder eingesezet, ihm aber auch untersaget, Hansen welchen er stets lieb gehabt, zu beleidigen. Wie Hans zu Martins grossem Mißvergnügen eine ganze Provinz in Norden bekommen, und wie Martin mit diesem fremden Herrn den er doch zu Hülfe gerufen, gar nicht zu frieden gewesen; weil er gesehen, daß man Hansens Freunde auch in Süden so ruhig gelassen. Wie eben gedachter Herr den Martin bewachen lassen, als er vor Zorn in ein hiziges Fieber fiel, und sich entweder erhängen, oder auf Peters Seite treten wollte, wenn man nicht alle Anhänger Hansens verhungern ließ. Wie man viele Vorschläge gethan, Martin zu recht zu bringen, und ihn wieder mit Hansen zu versöhnen, und gegen Peter zu vereinigen. Wie alle diese Vorschläge durch gewisse Freunde Peters, welche sich bey des Martins seinen heimlich aufhielten, [147] und [225] seiner Partey auf das eifrigste zugethan zu seyn schienen, zunichte gemachet worden. Wie Martin in einem heftigen Paroxysmus seines Fiebers, denen, die ihn bewachet, entlaufen, und öffentlich in seiner Aufführung, Geberden und Kleidern gleich wie Peter einhergezogen, ihm auch in allem so ähnlich geworden, daß ihn die Nachbarn kaum unterscheiden konnten: Vornemlich als er Peters Küraß angethan hatte, um in demselben mit Hansen zu streiten. Durch was für Mittel Martin wieder geheilet worden, etc. etc.

NB. Gewisse Dinge, welche hier vor dem zehnten Abschnitt weiter folgen, sind nicht in dem rechten Manuscript befindlich; und es scheinet als wären sie hergesezet, die Stelle dessen zu erfüllen, was man durch den Druk gemein zu machen hernach nicht für gut gefunden hat.


[226]
Zehenter Abschnitt.
Danksagung des Verfassers,

für die gütige Aufnahm seiner Schrift, etc.

Die ganz besondern Höflichkeiten, welche die beyden Nationen, der Autoren und Leser, einander in diesen lezten Jahren bewiesen haben, sind ein untrüglicher Beweis, daß wir in einem sehr politen Zeitpunkt leben. Es kömmt keine Komödie, Gedicht, noch Tractat heraus, da man der Welt nicht den verbindlichsten Dank abstattet, für die allgemeine gütige Aufnahm und den Beyfall womit man eine solche Schrift beehret, welche, wer weiß wo, wenn, wie, oder von wem ist aufgenommen worden. Dieser löblichen Gewohnheit zufolge, will ich hiemit ebenfalls Sr. Majestät, den beyden Parlamentshäusern, Ihren Herrlichkeiten den Königlichen geheimden Räthen; Ihren Gestrengen den Herren Richtern; einer ehrwürdigen Geistlichkeit; dem Adel, Bürgern und Bauern allen schuldigsten Dank abgestattet haben: Vornemlich aber meinen werthgeschäztesten Herren Brüdern und Freunden in Will’s Caffeehaus, in dem Greshamischen Collegio, zu Warwik-Lane, [227] Moorfields, Scotlandyard, Westmünster-Hall, und Guild-Hall: Kurz allen Einwohnern und Freunden, bey Hofe, an der Kirche, im Feld, in der Stadt und auf dem Land danke ich hiemit gehorsamst für die hochgeneigte Aufnahm dieses meines vortreflichen Werks. Ich erkenne die gute Meynung welche sie für dasselbe hegen, mit der vollkommensten Ergebenheit, und werde mich äusserst bestreben, alle Gelegenheit zu ergreifen, diese meine Erkenntlichkeit an den Tag zu legen.

Nicht weniger aber bin ich auch dem Schiksal verbunden, das mich in diese gesegneten Zeiten aufgehoben, da die Buchhändler und Scribenten einander so sehr glüklich machen. Denn ich kann wol behaupten, daß diese die zwo einzigen Parteyen in ganz England sind, welche Zufriedenheit äussern. Fraget einen Autor wie seine lezte Schrift aufgenommen worden? Recht sehr wol, antwortet er, GOtt sey es gedanket! Die Welt ist überaus gütig gegen ihn gewesen, er hat nicht die geringste Ursach sich zu beklagen. Und doch, er darf es betheuern, hat er sein Buch in einer Woche, und zwar nur Stükweise geschrieben, wenn er etwa ein Stündgen von seinen andern Verrichtungen hat erübrigen können, wie ihr gewiß aus seiner Vorrede des mehrern sehen werdet, dahin er euch verweiset, und bescheiden hinzufüget, daß ihr nur den Buchführer fragen möget. Kommet ihr denn zu diesem, und thut die gleiche Frage; so danket er dem Himmel, das Buch geht unvergleichlich gut ab. Er hat würklich [228] die zweyte Auflage unter der Presse, und nur noch drey Exemplare in seinem Laden. Wollt ihr etwas von dem Preiß abbrechen; ey, spricht er, nehmen sie es immer hin wie es ihnen beliebt, das soll den Handel nicht aufheben, es ist um ein andermal zu thun; ich hoffe, sie sprechen weiter zu. Und ich ersuche sie mein Herr, weisen sie mir auch ihre guten Freunde zu; ihnen zu gefallen mein Herr, will ichs denselben so viel ihrer seyn mögen, in dem gleichen Preiß lassen.

Nun betrachtet man nicht genugsam, was für Ursachen und Zufällen die Welt wol den grösten Theil dieser [vortreflichen][WS 65] Schriften, welche stündlich aus der Preße kommen, zu danken habe?

Ob einem regnichten Tag, einer durchschwelgeten Nacht, dem Anstoß eines Fiebers, einer Cur, einem müßigen Sonntag, einem glüklichen Spiel, einem starken Conto vom Schneider, einem leeren Beutel, dem Parteygeist, einem heissen Sommer, verstopften Leib, Mangel an guten Büchern, und einer gerechten Verachtung der Gelehrsamkeit? Inzwischen vermuthe ich, daß ohne diese und einige andere Begebenheiten, welche hier anzuführen allzuweitläuftig fallen würde, die Anzal der Scribenten und ihrer Werke sich so sehr vermindern würde, daß solches anzusehen recht erbärmlich wäre. Und zur Bestätigung dieser meiner Meinung, höre man nur was ein berühmter Troglodytischer Weltweiser spricht. Es ist gewiß, schreibet er, daß mit der menschlichen Natur einige Grane der Thorheit vermischet sind, welche nicht von ihr können getrennet werden. Nur stehet die Wahl bey uns, oh wir sie als eingelegte oder erhobene [229] Arbeit tragen wollen? Und es ist leicht zu begreifen, wie man sich insgemein bey dieser Wahl bestimmen werde, wenn man nur bedenkt, daß es mit unsern Gemüthskräften dieselbe Beschaffenheit hat, wie mit flüßigen Materien davon die leichtesten allezeit oben auf schwimmen.

Es ist in dieser berühmten Insul von Großbrittannien ein gewisser elender Scribent der sehr grosse Bücher schreibt, und dessen Character dem Leser nicht ganz unbekannt seyn kann. Er giebt sich mit einer verderblichen Art Schriften ab, die er zweyte Theile nennet; und bey jedem solchen zweyten Theil schreibet er sich denn insgemein: Der Verfasser des ersten. Nun sehe ich voraus, daß so bald ich die Feder werde nieder gelegt haben, dieser hurtige Werkmeister sie schon wird gestolen haben, und daß er mir eben so unbarmherzig begegnen wird, als er dem Herrn Dr. Blakmore,[WS 66] Herrn L’Etrange und andern die ich nicht nennen will, gethan hat. Ich nehme daher meine Zuflucht zu dem vornehmen Gönner des menschlichen Geschlechts, und gerechten Rächer alles Unrechts, dem Herrn Dr. Bentley, und suche bey ihm Hülfe: Ich bitte ihn hiemit auf das angelegenlichste, daß er diesen erschreklichen Mißbrauch in seine allerneueste Betrachtungen ziehen wolle; und wenn es sich zutragen sollte, daß mir für meine Sünden das Equipage eines Esels in Gestalt eines zweyten Theils sollte auf den Rüken geworfen werden, so ersuche ich ihn, mir die Bürde vor den Augen der ganzen Welt so gleich abzunehmen, und sie so lange mit sich in sein Haus [230] heimzunehmen, bis die rechte Bestie der sie zugehöret, sie wieder abholen wird.

Zugleich aber nehme ich Anlaß, hier öffentlich anzuzeigen, daß ich entschlossen bin, meinen gelehrten, und von so vielen Jahren her gesammelten Vorrath in diesem Buch ganz auszuschütten; weil meine Ader einmal offen ist, so will ich sie auch zum besondern Nuzen meines geliebten Vaterlandes, und zum allgemeinen Besten des ganzen menschlichen Geschlechts laufen lassen, bis auf den lezten Tropfen. Meine Gäste, deren ich eine so beträchtliche Anzal habe, sollen auf einmal alles haben, was ich ihnen vorzusezen im Stand bin; ich verachte die Mode von Herzen, da man die übriggebliebenen Broken in dem Speise-Schrank aufhebt. Was die Gäste nicht essen, mag den Armen gegeben werden, und die Hunde unter dem Tisch mögen die Beine nagen. Dieses ist viel edler gehandelt, als wenn man den Gästen den Ekel verursachet, und sie auf den andern Morgen wiederum zu einer elenden Mahlzeit von übriggebliebenen Broken bittet.

Wenn der Leser den besondern Nachdruk dessen, was ich in dem vorigen Abschnitt gesagt habe, gehörig betrachtet, so bin ich versichert, daß dasselbe in seinen Begriffen und Meynungen eine sehr merkliche Veränderung verursachen wird; und so wird er auch weit besser vorbereitet seyn, das übrige dieses wunderbaren Tractats recht zu verstehen und seine Annehmlichkeit zu empfinden. Man kann die Leser füglich in drey Classen eintheilen. [231] In Halbgelehrte, in Unwissende und Gelehrte. Und ich habe mich in meinem Werke nach dem Genie und Nuzen eines jeden sehr glüklich gerichtet. Der Halbgelehrte wird sehr stark zum Lachen gereizet werden: Dieses reiniget die Brust und Lunge, heilet die Milzsucht aus dem[WS 67] Grund, und ist unter allen Mitteln die den Urin treiben, das unschuldigste. Der unwissende Leser, der von dem Halbgelehrten kaum zu unterscheiden ist, wird veranlasset werden, zu staunen. Dieses ist ein vortrefliches Mittel für böse Augen, bringt die Lebensgeister in Bewegung, und befördert die Transspiration gar sehr. Der wahrhaftig gelehrte Leser aber, zu dessen Besten ich vornemlich wache wenn andere schlafen, und schlafe wenn andere wachen, wird hier Materie genung finden, darüber er Zeit seines Lebens nachzudenken haben wird. Es wäre sehr zu wünschen, und ich will hiemit den Versuch ganz unterthänig vorgeschlagen haben, daß jeder christliche Fürst aus seinem Land sieben recht gelehrte Männer nehmen, und sie sieben Jahre lang in sieben verschiedene Zimmer einschliessen wollte, mit dem Befehl, daß sie binnen dieser Zeit sieben weitläuftige Commentarios über mein gegenwärtiges wichtiges Werk verfertigen sollten. Ich wollte behaupten, daß so unterschieden ihre Auslegungen auch immer seyn möchten, sie dennoch alle ganz richtig, und ohne die geringste Verdrehung, aus dem Text fliessen würden. Inzwischen wollte ich innständig gebeten haben, daß dafern es Ihren Majestäten belieben möchte, diesen Vorschlag zu genehmigen, sie denselben so bald ins Werk sezeten als immer [232] möglich ist; weil ich noch gerne, ehe ich die Welt verlasse, das Vergnügen haben möchte, einer Glükseligkeit zu geniessen, welche wir Geheimnißreiche Scribenten sehr selten eher erlangen, als bis wir im Grab sind. Es sey, daß die Fama als eine dem Leib eingepfropfte Frucht schwerlich wachsen, und noch viel weniger reif werden kann, bis der Stok in die Erde kömmt; oder daß sie ein Raubvogel und wie andere dazu gewöhnt ist, daß sie nur dem Geruch des Luders nachziehet; oder daß sie vielleicht glauben mag, ihre Trompete klinge am besten und lautesten, wenn sie erhöhet auf einem Grabhügel stehet, wo das hole Gewölbe noch dazu einen schönen Wiederhall giebt.

In der That ist auch die Republik der dunkeln Scribenten, nachdem sie das vortrefliche Mittel zu sterben erfunden hat, sehr glüklich gewesen, ihren Ruhm stark zu vervielfältigen und zu verbreiten. Denn da die Nacht die allgemeine Mutter der Dinge ist, so messen weise Philosophen die Fruchtbarkeit aller Schriften nach dem Grad ihrer Dunkelheit ab. Daher ist es, daß die recht Erleuchteten, das ist, die allerdunkelsten Scribenten so unzehlige Ausleger bekommen haben; welche sie als gelehrte Wehemütter solcher Meynungen entbinden geholfen, die sie vielleicht niemals gehabt, von welchen sie aber dennoch mit Recht für die wahren Eltern gehalten werden; denn die Worte solcher Scribenten sind dem Saamen gleich, der ob er schon ohne Nachdenken bloß auf gut Glük hin ausgestreuet wird, dennoch wenn er in ein fruchtbares Land kömmt, so reichlich aufgeht, als der Säemann wol nimmer weder gehoffet noch geglaubt hat.

[233] Man erlaube mir also, zur Beföderung eines so nüzlichen Werks hier kürzlich einige wenige Punkte zu berühren, die denen sublimen Köpfen, welche bestellet werden sollen, an einem solchen vollständigen Commentarius über dieß Wunderbuch zu arbeiten, vortreflich werden zu statten kommen. Ich melde ihnen denn erstlich, daß ich in die Zahl O[WS 68] mit sieben multipliciert und durch neun dividiert, ein sehr grosses Geheimniß versteket habe. Ferner, wenn ein andächtiger Rosencreuzer drey und sechszig Morgen nach einander andächtig und mit einem starken Glauben betten, und sodann gewisse Buchstaben und Sylben, nach der in dem zweyten und fünften Abschnitt gegebenen Anweisung versezen wird, so kann er versichert seyn, daß diese Buchstaben und Sylben ein ganz unfehlbares Recept für das Opus magnum enthalten werden. Endlich wer sich die Mühe nehmen will nachzuzehlen, wie vielmal jeder Buchstabe in dem ganzen Buch vorkomme; anbey den Unterscheid dieser verschiedenen Zalen genau bemerken, und die wahre eigentliche Ursach eben dieses Unterscheids fleißig untersuchen wird, der wird durch die in dem Produkt enthaltenen Entdekungen für seine Mühe reichlich belohnt werden. Alsdenn aber muß er sich vor Bythus und Sige in Acht nehmen, und wol zusehen, daß er die Eigenschaften der Acamoth nicht vergesse; A[148] cuius lacrymis humecta prodit substantia, a risu lucida, a tristitia solida, & a timore mobilis.[WS 69] Wobey[149] Eugenius Philalethes einen Fehler geschossen, den man ihm nicht zu gut halten kann.


[234]
Eilfter Abschnitt.
Fortsezung
des Mährgens von der Tonne.

Nachdem ich bisher ziemliche Umwege gemachet, so begebe ich mich nunmehro mit Vergnügen wieder auf die gerade Strasse, und werde in einem ordentlichen Schritt darauf fortreiten, bis zum Ende meiner Reise. Ausgenommen wo mir diese oder jene Sehenswürdigkeiten noch etwa aufstossen sollten, da ich denn, (obschon ich izo nichts von dergleichen vermuthe,) den geneigten Leser ersuchen werde, mir Gesellschaft zu halten, und zu erlauben, daß ich ihn dahin führe, wo so etwas Sehenswürdiges sich finden mag. Denn es ist mit dem Bücherschreiben eben wie mit dem Reisen: Wenn einer nach Hause eilet, (welches aber mein Fall gar nicht ist, indem ich nie weniger zu thun habe, als wenn ich zu Hause bin,) wenn sein Pferd von einer langen Reise und schlechten Strassen müde, oder sonst eine Schindmähre ist, so rathe ich ihm daß er den geradesten und kürzesten Weg nehme, [235] derselbe mag auch noch so schlammicht seyn. Zwar ist es sehr verdrießlich, mit einem solchen Gesellschafter zu reisen. Er besprizet sich selbst, und seine Gefehrten, bey jedem Schritt. Alle ihre Gedanken, Wünsche und Unterredungen gehen nur auf das Ende ihrer Reise, und jedesmal da sie sich besprizen, stolpern, in ein Loch fallen, etc. wünschen sie einander zum T**.

Hingegen, wann ein Passagier und sein Pferd frisch und gesund sind, wenn er einen Beutel voll Geld hat, und es noch hoch am Tage ist, so nimmt er seinen Weg wo es am trukensten und bequemsten ist, und unterhält seine Gesellschaft so angenehm, als er kann. Bey der ersten Gelegenheit aber führet er sie mit sich dahin, wo etwa die Natur oder Kunst etwas schönes und angenehmes vorweiset. Geschiehet es, daß seine Gefehrten, entweder weil sie keinen Geschmak haben, oder müde sind, nicht mit wollen; so läßt er sie in aller Huren Namen fortreiten, und sucht sie hernach bey der nächsten Stadt wieder einzuholen. Wenn er daselbst anlanget, so reitet er zu, als wenn er unsinnig wäre. Männer, Weiber und Kinder laufen heraus ihn anzugaffen, und hundert kleine Rekel sind hinter ihm drein und bellen ihn an. Hauet er etwa den unverschämtesten von diesen mit seiner Peitsche, so geschieht es mehr zur Lust als aus Rache. Kömmt ihm aber ein grosser Bullenbeisser zu nahe, so kriegt der auch wol eines von dem Pferd, daß er mit grossem Geheul und lam wieder nach Hause hinket.

[236] Izo fahre ich fort, und will noch kürzlich die besondern Begebenheiten unsers berühmten Hansen weiter erzehlen. Der Leser wird sonder Zweifel sich seiner Umstände, Gemüthsneigungen, etc. so wie ich sie oben am Ende eines Abschnittes beschrieben habe, noch wol erinnern. Hiernächst aber, wenn er sich recht geschikt machen will, aus dem was folget, ein wahres Vergnügen zu schöpfen, so muß er sich die Mühe nicht dauern lassen, noch aus zween vorhergehenden Abschnitten einen kurzen Begriff auszuziehen; und sich den Innhalt derselben wol vorstellen.

Hans hatte nicht allein die erste Zerrüttung seines Gehirns so klüglich anzuwenden gewußt, daß er der Stifter der berühmten Aeolisten worden; sondern, indem er weiter auf allerley neue und selzame Einfälle gerieth, leitete ihn seine Einbildungskraft auf gewisse Begriffe, die zwar dem Anschein nach unverständlich genung, aber doch so beschaffen waren, daß sie stets voll Geheimnisse und Bedeutungen stekten; und es fehlete auch nicht an Liebhabern, welche sie vertheidigten und ausbesserten. Ich werde deswegen einige Exempel hievon, so wie ich dieselben entweder zuverläßig gehört, oder auch vermittelst meines unermüdeten Lesens, selbst in den Büchern gefunden habe, mit aller möglichsten Genauheit anführen, und sie so deutlich beschreiben als immer die Natur solcher hohen und schweren Dinge erlauben wird. Ich zweifle auch keineswegs, daß diejenigen deren Einbildungskraft gern alles in Typos verkehrt; die Schatten machen können ohne Licht, und [237] ihn hernach in eine Substanz verwandeln, ohne die Philosophie; derer vornemster Talent ist, Bilder und Gleichnisse in den Buchstaben, und hingegen was buchstäblich ist, in Figuren und Geheimnisse zu verkehren. Diese sage ich, werden hier zu ihrer Aufmunterung und Erbauung reiche Materie antrefen.

Hans hatte eine sehr schöne Abschrift von seines Vaters Testament, die mit grossen Buchstaben auf ein langes Pergament geschrieben war: Und weil er beschlossen hatte, ein recht gehorsamer Sohn zu seyn, so verliebte er sich in dieses Pergament [150] über alle massen. Denn obschon dieser väterliche Wille, wie ich öfters gemeldet, nichts anders als einige klare und deutliche Gebote enthielt, wie sie ihre Kleider tragen und halten sollten; samt angehängten Vermächnissen und Drohungen, je nachdem sie gehorsam oder ungehorsam seyn würden; so gerieth er doch auf den Einfall, die Sache wäre viel tiefer und dunkler, und es müßten deswegen nothwendig weit mehrere Geheimnisse darunter steken. [151] Ihr Herren, sagte er, Ich [238] will beweisen, daß dieses Pergament, Essen, Trinken, und Kleider, daß es der Stein der Weisen, und die wahre Universal-Arzney ist. Und dieser Phantasie zufolge, fieng er an sich desselben, theils in den allernöthigsten Angelegenheiten, theils aber auch bey den gemeinsten Begebenheiten dieses Lebens zu bedienen. Er hatte eine Kunst erfunden, es in allerley Gestalten zu verwandeln. Es mußte eine Schlaf-Müze abgeben, wenn er zu Bette gieng, und einen Regen-Schirm, wenn garstig Wetter war. Hatte er eine böse Zehe, so wikelte er ein Stükgen von dem Pergament darum: Stieß ihn das Fieber an, so ließ er ungefehr zween Zolle davon anzünden, und es sich unter die Nase halten. Und wenn er einen beschwerten Magen hatte, so schabte er eine Messerspize voll Pulver davon ab, und nahm es ein. Alles dieses waren lauter probate Mittel. Von eben diesem Rafinir-Geist kam es auch her, daß er im gemeinen Umgang sich lauter solcher Wörter und Redensarten bediente, die in dem väterlichen Willen standen; und es durfte ihm keine Sylbe entfahren, die nicht aus demselben [152] entlehnet wäre. Einst da er [239] in einem fremden Hause war, stieß ihn eine gewisse Nothwendigkeit an, die sich nicht wol aufschieben läßt. Und weil er sich nicht so geschwind als die Sache vor izo erfoderte auf eine Redensart aus dem Testament besinnen konnte, um nach einer benöthigten Gelegenheit zu fragen; so hielt er für besser und kürzer, lieber die bey dergleichen Fällen entstehende Ungelegenheiten zu erdulden. Und wenn sich auch alle Welt Mühe gegeben hätte, so würde sie ihn nicht haben bereden mögen, sich von der Ungelegenheit wieder zu befreyen; weil er bey Nachschlagung des väterlichen Testaments über diesen Fall gegen das Ende desselben eine Stelle gefunden, die ihm solches zu verbieten schien.

Er machte es zu einem Stük seiner Religion, niemals nach dem Essen Dank zusagen; und die ganze Welt hätte ihn nicht bereden mögen, daß er seine Speise, nach dem gemeinen Ausdruk, auch wie ein anderer [153] ehrlicher Christ genösse.

[240] Er fand ein sehr grosses Vergnügen an fliegenden Drachen,[154] und hatte einen ganz besondern Appetit nach einer brennenden Lichtschnuppe, die er mit einer Behendigkeit ergrif und verschlang, als man sich kaum vorstellen mag. Hiedurch unterhielt er in seinem Leib eine stete Flamme, welche ihm zun Augen, Naselöchern und Maul herausstralete, und machte, daß sein Kopf im Finstern leuchtete, wie der Schädel eines Esels, wenn die leichtfertigen Jungen ein Licht hinein sezen, und Sr. Majestät Unterthanen erschreken wollen. Er bediente sich daher auch keines andern Lichts sich selbst des Abends nach Hause zu leuchten; und pflegte zu sagen: Ein weiser Mann sey sich selbst zur Latern.

Wann er auf der Gasse gieng,[155] so hielt er die Augen fest zu; und so er mit dem Kopf wider eine Pfoste anrannte, oder in eine Pfüze fiel, (wie sich denn mehrentheils eins von beyden zutrug,) und ihn die muthwilligen Jungen darüber auslachten, so sagte er ihnen: Daß er sich dem Verhängniß, welches diesen Stoß oder Fall über ihn beschlossen gehabt, mit völliger Gelassenheit unterwerfe: Er wisse aus langer Erfahrung, wie vergebens

[240a]

[241] es sey sich demselben zu widersezen; und wer dieses thun wollte, der dürfte sich immer darauf verlassen, mit einer blutigen Nase, oder mit einem zerquetschten Bein davon zu kommen.

Also, (sagte er,) war es einige Tage vor der Schöpfung beschlossen, daß meine Nase und diese Pfoste einander begegnen sollten. Daher die Natur für gut befand, uns beyde zu gleicher Zeit in die Welt zu schiken, und uns zu Landsleuten und Mitbürgern zu machen. Hätte ich nun meine Augen offen behalten, so würde wol allem Ansehen nach, die Sache noch weit schlimmer abgelaufen seyn. Denn wie mancher stolpert und fällt nicht, mit aller Vorsichtigkeit die er anwendet? Ueber dieses sehen die Augen des Verstandes niemals besser, als wenn ihnen die leiblichen Augen nicht im Weg stehen. Daher ist es auch, daß blinde Leute ihre Tritte weit behutsamer und sicherer thun als andere, die sich allzusehr auf ihr gutes Gesicht verlassen, welches durch den geringsten Zufall in Unordnung gesezet; durch einen Tropfen, durch ein Häutgen gänzlich kann verderbet werden. Das Gesicht gleichet einer Latern, die unter einen Haufen vollgesoffener Kerls kömmt, welche die Gassen säubern. Sie wird zerstossen, und bringt ihrem Besizer noch eine gute Tracht Schläge zuwegen. Und dieses wurde nicht geschehen seyn, wenn die eitele Begierde gesehen zu werden, ihnen zugelassen hätte, daß sie im Finstern gegangen wären. Ferner, wenn wir die Anführung untersuchen, welche die Menschen von diesen so sehr gerühmten Lichtern haben, so werden wir finden, daß dieselbe noch weit schlimmer ist, als alles was ihnen sonst begegnen mag. Es ist wahr, ich habe mir die Nase an dieser Pfoste zerstossen, weil die Natur entweder [242] vergessen, oder nicht für gut gefunden hat, mich bey dem Ermel zu zupfen, und zu erinnern, daß ich mich in Acht nehmen sollte. Allein dieses lasse sich ja niemand; weder Iztlebende noch Nachkömmlinge lassen sich hiedurch ja nicht antreiben, daß sie ihre Nasen der Aufsicht ihrer Augen anvertrauen, wenn sie ihre Nasen nicht gerade einmal für allemal verlieren wollen. Denn o ihr Augen! ihr blinde Leiter! Was für elende Beschüzer unserer gebrechlichen Nasen seyt ihr! Ihr sage ich, die ihr bey dem ersten Anblik eines Abgrunds euch ganz darinn vertiefet, und denn unsere armen euch allzuwillig folgende Leiber bis auf den Rand des Verderbens nach euch ziehet. Aber ach! dieser Rand ist untergraben, unsere Füsse glitschen aus, und wir stürzen in die Tiefe, ohne daß nur ein barmherziger Strauch unsern Fall bricht. Erschreklicher Fall! Ein Fall den keine sterbliche Nase auszustehen vermag; des Riesen Laurcalco [156] seine ausgenommen, des Herrn von der silbernen Brüke. Elende Augen! Wol recht seyt ihr daher den Irrwischen zu vergleichen, welche die Menschen bey der Nacht durch dik und dünn führen, bis sie endlich in eine tiefe Pfüze, oder in einen garstigen Sumpf fallen.

Dieses habe ich als ein kleines Müsterchen von Hansens grosser Beredsamkeit und tiefen Einsicht in solche schwere Materien, anführen wollen.

Hiernächst war er ein Mann, der in Sachen welche die Andacht betrefen, besonders wichtige Anschläge im Kopf hatte, und sie sehr ins Aufnehmen [243] brachte. Er führte eine neue Gottheit ein, welche nachher ungemein viele Anbeter bekam. Von einigen wird sie Babel, von andern Chaos [157] genennet; und ihr gehörete ein alter Tempel von gothischer Bauart auf der Salisbürischen Ebne zu, der wegen vieler Reliquien und Wahlfahrten sehr berühmt war.

Wenn er einen leichtfertigen Streich [158] im Kopf hatte, so fiel er, wäre es auch mitten im Koth, auf seine Knie, stüzte die Augen gen Himmel und betete. Wer nun seine Buberey wußte, der gieng ihm aus dem Weg. Kam aber ein Fremder etwa aus Neugierigkeit herbey, ihn auszulachen, oder zu behorchen, so war er sehr geschwind, ihm in die Augen zu pissen, und ihn mit Koth zu werfen.

Im Winter [159] gieng er stets bloß, aufgeknöpfet und so dünne gekleidet als es möglich war, damit die ihn umgebende Wärme desto besser eindringen könnte. Im Sommer aber zog er sich sehr dike an, damit die Hiz abgehalten würde.

[244] Bey allen Staats-Revolutionen hielt er ordentlich um den obersten [160][WS 70] Henkers-Dienst an; und bey Verrichtung dieses Amts, worinn er eine besondere Geschiklichkeit erwies, bediente er sich statt der Masque, dergleichen andere seiner Collegen zu tragen pflegen, nur eines langen Gebetes.

Er hatte eine so musculose und subtile Zunge, daß er sie in die Nase hinauf drehen, und hierdurch eine sehr selzame Sprache formiren konnte; Auch war er der erste in Großbrittannien der dem Spanischen Gi, ga, Gi, ga, den rechten Accent zu geben bemühet war; und weil er nebst diesem lange Ohren hatte, die er stets spizte, so brachte er es in seiner Kunst so weit, daß es sehr schwer war, weder durch das Gesicht [245] noch durch das Gehör das Original von der Copie [161] zu unterscheiden.

Er war mit einer Krankheit behaftet, die derjenigen welche von dem Biß der Taranteln entstehet, gerade entgegen gesezet ist. Denn er ward rasend, wenn er eine Music, und insonderheit ein paar Sakpfeifen hörete. [162] Doch ward er auch allemal wieder gesund, wenn er darauf nur etliche mal in Westmünsterhall, Billings-Gate, oder in einer Schule da man Kostgänger hält, oder auf der Königlichen Börse, oder in einem Staats-Caffeehaus herum spazierte

Vor den Farben [163] fürchtete er sich zwar nicht, er hassete sie aber alle ganz entsezlich, und hatte daher einen grausamen Abscheu vor den Malern; dergestalt, daß er, wenn er in seinen Paroxysmis auf den Strassen gieng, die Taschen stets mit Steinen angefüllet hatte, und nach den gemaleten Schilden [164] an den Häusern und Buden warf.

Da er wegen dieser angenommenen Lebens-Art Ursach fand, sich sehr öfters zu waschen, so rannte er gemeiniglich, auch mitten im Winter bis über die Ohren ins Wasser hinein, kam aber [246] jedesmal eben so kothig, oder (wäre es möglich gewesen,) noch viel kothiger heraus als er hinein gegangen war. [165]

Er war der erste, der das Arcanum den Schlaf zu befödern, erfand, welches man durch die Ohren einnehmen muß. Es bestand aus Schwefel, aus Balsam von Gilead, und aus etwas Pilgrims-Salbe. [166]

Er trug ein grosses Ziehpflaster auf seinem Magen, durch dessen Hiz er sich in ein Seufzen [167] bringen konnte, wie wenn der Schneider mit dem heissen Bügeleisen über das Bret hinfährt.

Bisweilen stellete er sich an eine Eke der Gasse, und rief diejenigen welche vorbey giengen an: [168] Hört [247] doch mein lieber Herr, thut mir die Ehre, und gebt mir eine gute Maulschelle. Zu einem andern sagte er: Guter Freund, seyt doch so gut, und gebt mir einen derben Stoß in den Hintern. Madame, darf ich sie um eine kleine Ohrfeige von ihren hübschen Händen ersuchen. Braver Herr Hauptmann, ums Himmels willen, geben sie mir doch mit ihrem Spanischen Rohr, auf meinen armen Bukel eine gute Tracht Schläge. Und wenn er denn auf sein innständiges Bitten so viel Prügel erhielt als genug waren, ihm die Phantasie und den Bukel aufschwellen zu machen, so gieng er trostvoll nach Hause und fieng daselbst an zu pralen, wie viel er für das gemeine Beste ausgestanden hätte. Sehet nur diesen Streich, sagte er und wies seine blosse Schultern, ein verfluchter Janitschar hat mir ihn nur diesen Morgen um sieben Uhr beygebracht, da ich eben heftig im Streit war, und den Groß-Türk in die Flucht jagte. Liebe Nachbarn, dieses zerschlagene Haupt hier, verdient wol ein gutes Pflaster. Hätte der arme Hans seines Kopfs schonen wollen, euere Weiber und Waaren, Häuser etc. würden vorlängst dem Papst und dem König von Frankreich zur Beute geworden seyn. Und ihr liebe Christen, der Grosse Mogol war schon bis an die Vorstadt gekommen, und ihr habt es bloß diesem armen Bukel zu danken, daß er (GOtt behüte uns) nicht längst Männer, Weiber, Kinder und alles gefressen hat.

[248] Nichts war merkwürdiger, als die sonderbaren Würkungen des Abscheues und der Antipathie zwischen Hans und Peter [169] welche sie auch bis zur Affektation gegen einander zu treiben schienen. Peter hatte unlängst einige schelmische Streiche gemacht, wodurch er genöthiget war, das Haus zu hüten, und aus Furcht vor den Häschern dürfte er nur des Nachts ausgehen. Beyder ihre Häuser waren an den beyden äussersten Enden der Stadt gelegen. Und wenn sie die Lust ankam, oder ihre Geschäfte sie nöthigten auszugehen, so wehleten sie stets die ungewöhnlichste selzamste Zeit dazu, und nahmen, die unbekanntesten Wege welche sie nur finden konnten, damit sie sicher seyn möchten, einander ja nicht zu begegnen. Und dennoch fügte es sich ordentlich, daß sie einander antrafen. Die Ursach hievon ist leicht zu begreifen. Denn da Beyder Tollheit und Phantasterey auf einerley Fundament beruhete, so können wir sie füglich als zween Zirkel ansehen, welche gleich weit aufgemachet sind, und derer beyder Füsse in demselben Centro stehen. Man drehe nun anfangs diese Zirkel gleich noch so einander entgegen, den einen zur rechten den andern zur Linken, so werden sie doch in dem Umkreis da oder dort gewiß zusammen trefen. Nebst diesem hatte Hans noch das Unglük, daß er seinem Bruder Peter so sehr ähnlich war; beyde hatten nicht allein die gleichen Neigungen und das gleiche Temperament, [249] sondern auch ihre Gestalt, Grösse und Minen waren so sehr schwer zu unterscheiden, daß wol nichts gemeiner war, als daß ein Häscher etwa Hansen bey der Schulter faßte, und sagte: Msr. Peter, ihr seyt des Königs Gefangener! Oder daß einer von Peters besten Freunden Hansen um den Hals fiel, und zu ihm sagte: Lieber Peter, ich hin von Herzen erfreuet, daß ich euch hier antrefe. Ich bitte, schiket mir doch eine von euern besten Arzneyen für die Würmer. Dieses war, wie leicht zu erachten, für Hansen eine schmerzende Belohnung alles seines vorigen Leidens, und der Mühe, welche er angewendet hatte, damit er seinem Bruder in gar nichts ähnlich seyn möchte. Und einem Mann nach Kopf und Herz wie er war, mußte es nothwendig in der Seele weh thun, wenn er sah daß alles dem Zwek den er sich vorgesezt hatte, gerade entgegen gieng. Inzwischen mußten die armen Ueberbleibsel seines Kleides alles ausbaden. Es gieng kein Tag vorbey, daß er nicht ein Stük herunter riß. Er ließ sich durch einen Schneider den Kragen so enge machen, daß er ihn fast erwürgte, und ihm die Augen dermassen herausdrükte, daß man nichts als das Weisse davon [170] sah: Das wenige, so noch von der eigentlichen Substanz des Kleides übrig war, rieb er täglich zwo Stunden lang wider eine rauh bepflasterte Mauer, das übrig gebliebene Stik- und Nestelwerk gänzlich herauszubringen: Gieng aber [250] zugleich mit einer solchen Heftigkeit dabey zu Werk, daß er endlich in seiner Kleidung einem Indianischen Philosophus nicht unähnlich sah: Inzwischen mochte er auch würklich anfangen was er wollte, so erreichte er seinen Zwek dennoch nicht. Denn alte Lumpen haben stets etwas ähnliches mit einer Verbrämung von Franzen; bey beyden ist etwas flatterrichtes, daher sie in einer gewissen Entfernung oder im Finstern, oder auch von einem der kein gutes Gesicht hat, nicht wol können unterscheiden werden. Und so gieng es izt Hansen und seinen Lumpen ebenfalls. Anfangs sah man da etwas lächerlich flatterndes, und weil er im übrigen an Gestalt und Minen Petern so ähnlich war, so halfen ihm alle seine Bemühungen, wodurch er sich von Peter zu trennen suchte, nichts, indem stets eine solche Aehnlichkeit zwischen ihnen übrig blieb, wodurch öfters die Schüler und Anhänger von beyden betrogen wurden. . . . . . . Desunt nonnulla . . . . . . . . . . . . . . .

Wol recht, sagt das alte Sclavonische Sprichwort: es sey mit den Menschen eben so, wie mit den Eseln beschaffen. Wer sie fest halten wolle, der müsse sie geschikt bey den Ohren zu fassen wissen. Und dennoch glaube ich, die Erfahrung lehre, daß man wol sagen kann,

Effugiet tamen haec sceleratus vincula Proteus.[WS 71]

[251] Es ist daher sehr wol gethan, wenn wir die Maximen unserer Altfodern mit einiger Absicht auf die Zeiten und Personen lesen. Denn wenn wir die alten Geschichtbücher durchgehen, so werden wir finden, daß wol keine Veränderungen so groß gewesen, und so oft vorgefallen, als die welche die menschlichen Ohren betrofen haben: Ehedem wußte man eine curieuse Kunst, sie geschikt zu erhaschen, und fest zu halten, welche meines Erachtens izo mit Recht unter die Artes perditas gezehlet wird. Und wie kann es auch würklich anders seyn, nachdem diese Art von Geschöpfen in denen lezten Jahrhunderten nicht allein bis auf eine so traurige Kleinigkeit abgenommen hat, sondern auch noch der kleine Ueberrest derselben so sehr verdorben worden, daß wenn man sie fassen will, selbst die gröste Kunst darüber zu schanden wird? Denn wenn es geschehen können, daß ein Hirsch mit einem nur geschlizten Ohr diesen Fehler durch einen ganzen Wald verbreitet hat; was dürfen wir uns wundern, wenn ein so vielfältiges würkliches Beschneiden und Verstümmeln der Ohren dem wir und unsere Väter in diesen lezten Zeiten so sehr ausgesezt waren, die allergrösten Folgen nach sich zieht.

Es ist wahr, so lange unsere Insel unter der Herrschaft der Gnade gestanden, hat man viele Mühe angewendet, die Ohren noch einmal so groß wachsen zu machen. Man hielt dafür, daß je grösser sie wären, je mehr ziereten sie nicht allein den äusserlichen, sondern je ein desto merkbarerer Gnadentypus wären sie auch des innerlichen Menschen. Nebst diesem sind die Naturlehrer der [252] Meynung, daß, wo einige Theile an dem obern Leib des Menschen, als Nase, Ohren etc. merklich hervorragen, solches alsdenn sich ordentlich an den untern Gliedmaßen auch also befinde. Daher drängten sich in den damaligen heiligen Zeiten die Mannspersonen, je nachdem sie begabet waren, in allen Zusammenkünften hervor, ihre Ohren und zugleich die Revier wo sie standen, rechtschaffen sehen zu lassen, weil [171] Hippocrates sagt, daß eine Mannsperson welcher man die Ader hinter den Ohren zerschnitten, hiedurch untüchtig würde. Und das Frauenzimmer wollte alsdenn eben nicht zu hinterst stehen, sie zu sehen, und sich dadurch erbauen zu lassen. Diejenigen, welche bereits dabey gewesen waren, beobachteten dieselben vornemlich; in Hofnung, daß sie durch diese genaue Betrachtung Kinder von gleicher Art bekommen würden. Andere, die noch Candidatae Benevolentiae waren, konnten hier auswehlen, wie sie nur verlangten; und allemal entschlossen sie sich für den, der die grösten Ohren hatte sehen lassen, damit das Geschlecht nicht auslöschen möchte. Die andächtigen Schwestern aber, welche eine jede mehr als gemeine Grösse dieser Gliedmassen, für den Ausbruch eines frommen Eifers, oder für geistliche Excrescenzen ansahen, verehreten die Häupter welche damit versehen waren, nicht anders als wären diese Ohren deutliche Kennzeichen der Gnade. Eine Ehre, welche besonders dem Prediger wiederfuhr, als bey welchem sie insgemein von der ersten Grösse waren, und der es deswegen niemals [253] vergaß, sich alle Vortheile zu nuz zu machen, dieselben seinen Zuhörern rechtschafen zu entdeken, indem er ihnen in seinem Rhetorischen Paroxysmus bald das rechte, bald wiederum das linke Ohr vorzuhalten pflegte. Wie es denn von dieser Gewohnheit her ist, daß sie die ganze Operation des Predigens bis auf den heutigen Tag eine Vorhaltung nennen.

So weit gieng die Bemühung dieser Heiligen zur Vergrösserung der gedachten Gliedmassen. Und man hält dafür, daß sie ihren Zwek auf alle Weise würden erreicht haben, wenn im Verfolge der Zeit nicht ein gewisser [172] grausamer König entstanden wäre, der gegen alle Ohren die ein gewisses bestimmtes Maß überschritten, eine blutige Verfolgung anrichtete; da denn einige froh waren, ihre blühenden Sprößlinge unter ein schwarzes Band verbergen zu können, andere hiessen dieselben sich ganz unter eine Perruque verkriechen: Viele aber wurden geschlizt, beschnitten, oder gar bis an den Strumpf abgehaket. Allein hievon werde ich in meiner allgemeinen Historie der Ohren, welche ich nächstens ans Licht zu stellen gedenke, ausführlicher handeln.

Aus dieser kurzen Nachricht von dem Verfall des Ohrenstaates, in dem lezt abgewichenen Zeitalter, und aus der schlechten Bemühung, welche man sich izo giebt, ihnen wiederum zu ihrer [254] vorigen Grösse zu verhelfen, erhellet nun klar, wie wenig Rechnung darauf zu machen sey, daß man die Leute bey einem so kurzen, schwachen und schlüpfrigen Gliede fassen und halten möge; und daß man folglich die Sache nothwendig anders angreifen müsse. Nun wer die menschliche Natur mit gehöriger Vorsichtigkeit untersuchen wird, der wird noch verschiedene Handhaben an derselben entdeken. Eine solche bieten die sechs [173][WS 72] äusserlichen Sinnen dar; nebst noch einer Menge anderer, welche an den Leidenschaften, und auch einige wenige, die an den Verstandeskräften angeschraubt sind.

Von diesen leztern ist die Neugierigkeit eine, und zwar diejenige, welche sich am besten umgreifen und halten läßt. Die Neugierigkeit sage ich, für faule, ungedultige und grunzende Leser, der Sporn in die Seite, der Zügel in das Maul, und der Ring in die Nase. Bey dieser Handhabe muß ein Scribent seine Leser fassen: Und hat er sie einmal recht fest umgrifen, so hilft alsdenn alles wehren und widerstreben nichts. Sie werden seine Gefangene, so enge geschlossen als er nur will; und bleiben auch solche bis er entweder aus Müdigkeit oder Dummheit den Griff wieder fahren läßt.

Und daher habe auch ich, der Verfasser dieses Wunderbuchs, meine geneigte Leser über Vermuthen bey dieser Handhabe bis auf izt so vest halten können. Endlich aber muß ich dieselben nicht [255] ohne Widerwillen fahren lassen, und meine Leser derjenigen natürlichen Trägheit wiederum Preis geben, welche ihrer ganzen Zunft eigen ist. Nur dieses, mein vielgeliebter Leser, kann ich dir versichern, daß es mir gewiß nicht weniger leid thut als dir selbst, daß ich so unglüklich gewesen, die noch übrigen Stüke dieser Geschichte zu verlieren, oder dergestalt unter meine Papiere zu versteken, daß ich sie nicht mehr finden kann. Immer Schade! Denn es bestanden dieselben aus lauter neuen, angenehmen, und wunderbaren Zufällen, Wendungen und Begebenheiten, also, daß sie vollkommen nach dem delicaten Geschmak dieser unserer gegenwärtigen glüklichen Zeiten eingerichtet waren: Allein was ist zu thun? Ich kann mich leider! mit aller meiner Bemühung nur noch auf den Hauptinnhalt einiger weniger Capitel besinnen: Ich hatte zum Exempel eine vollständige Nachricht gegeben, wie Peter einen Schuzbrief von der Königlichen Bank erhielt, und wie er mit Hansen eins ward,[174] den Martin in eine Bütteley zu loken, und ihn da bis aufs Hemd auszuziehen. Wie Martin [256] ein mit vieler Mühe und Noth ihnen beyden entflohen. Wie ein neuer Befehl wider Peter heraus kam, und wie Hans ihn hierauf steken ließ, ihm seinen Schuzbrief stal, und sich desselben für seine eigene Person bedienete. Wie Hansens Lumpen bey Hofe und in der Stadt Mode worden: Wie er [175] auf ein grosses Pferd gestiegen, und Eyerkuchen [176] gegessen. etc. Allein die besondern Umstände von alle diesen und noch vielen andern Capiteln, auf die ich mich izo nicht mehr besinnen kann, sind leider verloren, und werden wol allem Anschein nach immer verloren bleiben. Es mögen sich also meine geneigte Leser, jeder wie er es für seine Leibesbeschaffenheit zuträglich finden wird, über dieses Unglük condoliren; nur beschwöre ich sie sämtlich bey derjenigen Freundschaft, welche von dem Titelblat an bis hieher, unter uns gedauert hat, daß sie sich durch unmäßiges Trauern über eine Sache die nicht zu ändern steht, an ihrer Gesundheit keinen Schaden thun wollen; da ich inzwischen noch das Ceremoniel eines zu Ende gekommenen, und in allen Stüken vortreflichen Scribenten beobachte; welches daher von niemand weniger als von einem politen Neuern kann unterlassen werden.

[257]
Beschluß.

Die Leibesfrucht allzulange tragen, macht eben so wol mißgebähren, als wenn solche allzuwenige Zeit getragen wird, obwol jenes nicht so öfters geschiehet als dieses. Eine Wahrheit, die sich vornemlich bey den Hirngeburten äussert. Es lebe der theure Jesuit [177] der zuerst das Herz gehabt, öffentlich im Druk zu bekennen, daß die Bücher eben so wie die Kleider, Speisen und Ergözlichkeiten, ihre besondern Zeiten haben, denen sie gerecht gemacht werden müssen! Und noch besser müsse es unserer edeln Nation ergehen, welche nebst andern auch diese Französische Mode aufs Höchste treibet! Ich hoffe es noch zu erleben, daß ein Buch welches seiner rechten Zeit verfehlet, eben so wenig wird geachtet werden, als der Mond bey Tage, oder die Heringe welche langsam nachkommen.

Niemand hat unser Clima genauer beobachtet als der Buchhändler, der das Manuscript von diesem Werk an sich gekauft hat. Er weiß es aufs Pünktgen, was für Sachen am besten abgehen in einem truknen Jahrgang; und was er hingegen im Buchladen voranlegen muß, wenn das Wetterglas auf stark regnicht Wetter herunter gefallen [258] ist. Nachdem er dieß mein Werk gesehen, und seinen Allmanach darüber zu Rath gezogen, sagte er mir: wie er nach Erwegung der Grösse und des Innhalts, als zwo Haupteigenschaften eines Buches, gefunden, daß es nicht eher abgehen würde, als nach einem langen Stillstand der Rechte; und auch dennzumal nicht, als nur in dem Fall, daß es ein Jahr würde, da die Rüben nicht wol geriethen. Die Noth trieb mich hierauf, daß ich ihn fragte, was etwa für eine Schrift diesen iztlaufenden Monat gut abgehen möchte? Er schaute nach Westen, und sagte: Ich vermuthe, wir werden schlecht Wetter bekommen. Wenn ihr fein geschwinde ein hübsches, kleines [178] Banter-Tractätgen verfertigen könntet, (aber nicht in Versen,) oder eine kleine Abhandlung von - - - es würde wie warme Semmel abgehen. Aber wenn sich das Wetter wieder aufkläret, so habe ich schon einen Autor bestellet, der etwas wider den Dr. Bentley schreiben soll, und ich bin versichert, es wird seine Liebhaber finden.

Endlich fanden wir doch ein Mittel, den Handel zu schliessen. Es ward nemlich verabredet, daß wenn ein Kundmann käme, und bey Anlaß dieser leztgemeldten Schriften zu wissen verlangte, wer der Verfasser dieses meines Werks sey, so sollte er ihm im Vertrauen und als ein guter Freund allemal denjenigen sinnreichen Kopf nennen, der in derselben Woche den Vorzug hätte. Und wenn Dürfeys lezte Komödie in Hochachtung seyn sollte, so wollte ich noch lieber, daß er der Verfasser meines [259] Werks heissen sollte, als Congreve. Dieses habe ich mit Fleiß melden wollen, weil mir der gegenwärtige Geschmak unserer geneigten Leser sehr wol bekannt ist; und weil ich öfters mit sonderbarem Vergnügen wahrgenommen, daß eine Fliege, wenn sie von dem Honigtopfe weggetrieben wird, sich gleich mit dem besten Appetit auf einen Quark sezet, und ihre Mahlzeit damit beschliesset.

Ich habe noch etwas weniges in Ansehung tiefsinniger Scribenten zu erinnern, deren Anzal in diesen leztern Zeiten so angewachsen ist: Und ich weis wol, daß die verständige Welt entschlossen ist, mich mit unter dieselben zu zehlen. Was nun diese Tiefsinnigkeit betrift, so stelle ich mir vor, daß es damit beschafen sey, wie mit einem Ziehbrunnen. Eine Person, die ein gutes Gesicht hat, wird auf den Grund desselben hinunter sehen können, wenn er auch noch so tief ist, dafern sich nur Wasser darinn befindet; da hingegen wenn nichts als Schlamm und Koth da ist, der Brunnen, obschon er auch nur anderthalb Ruthen hinuntergehet, doch für sehr tief wird gehalten werden, bloß deswegen, weil es erschreklich finster darinnen ist.

Nunmehro mache ich einen Versuch, der unter den neuern Scribenten etwas sehr gewöhnliches ist, nemlich von nichts zu schreiben; und da die Materie gänzlich erschöpfet ist, der Feder dennoch ihren Lauf zu lassen; welches einige den Geist des Wizes nennen, der nach dem Tod seines Leibs noch gern herum wandert. Und die Wahrheit zu sagen, die allerwenigsten scheinen wol recht zu wissen, wenn sie der Sache genug gethan haben, und schliessen sollen. Binnen der Zeit, da ein Autor sein ganzes [260] Buch geschrieben, sind die Leser und er, alte bekannte geworden, und scheiden daher sehr ungern von einander; so daß ich wahrgenommen, daß es zuweilen mit einer Schrift nicht anders ist, als wie mit einem Besuch, da die Abschieds-Ceremonien länger dauern als der Besuch selbst. Der Beschluß eines gelehrten Werkes gleichet dem Beschluß unsers Lebens, den man etwa mit dem Beschluß eines Gastmals zu vergleichen pfleget. Kaum will einer gerne fort, ut plenus vitae conviva[WS 73], eben wie die Gäste auch nach dem besten Schmaus gern sizen bleiben, sollte es nur seyn, um einen schweren Kopf zu bekommen, und den Rest des Tages noch zu verschlafen. Doch in diesem leztern Stük, bin ich von andern Scribenten sehr unterschieden; und werde hiernächst auch so gar stolz darauf seyn, wenn ich mit meiner grossen Mühe und Arbeit, bey diesen unruhigen [179] und verwirrten Zeiten, zur Ruhe des menschlichen Geschlechts etwas werde haben beytragen können. Wie ich denn auch gar nicht der Meinung bin, daß diese Bemühung von dem Amt und der Pflicht eines sinnreichen Scribenten so sehr entfernet sey, als einige dafür halten wollen; angesehen eine sehr polite Nation unter den Griechen,[180] dem Schlaf und den Musen dieselben Tempel zu bauen und zu widmen pflegten, weil sie glaubten, daß diese beyden Gottheiten die engeste Freundschaft unter sich geknüpfet hätten.

[261] Noch eine Gewogenheit habe ich mir schließlich von dem geehrtesten Leser auszubitten: Sie ist diese: daß er nicht verlangen wolle, in jeder Zeile und auf jedem Blat dieses Werks gleich unterrichtet oder belustiget zu werden, sondern daß er den Milz-Beschwerungen und einigen kurz währenden Anfällen der Dummheit des Verfassers so wie seinen eigenen etwas zu gut halte. Zu dem Ende ersuche ich ihn, nur gewissenhaft zu überlegen, was er von solchen Leuten halten würde, welche, wenn er bey schlechtem und regnichtem Wetter auf der Gasse gienge, bequemlich zum Fenster herunter seine Kleider critisirten, und über seinen Puz ein Gelächter aufschlügen?

Uebrigens habe ich, indem ich meinem Gehirn zur verfertigung dieses Werks seine verschiedenen Pflichten angewiesen, für gut befunden, die Erfindung zum Herrn, und die Ordnung und Vernunft zu Bedienten zu machen. Die Ursach dessen war, weil ich die besondere Eigenschaft an mir bemerkete, daß ich stets einen Reiz empfand sinnreich zu seyn, wo ich weder weise, noch gründlich seyn, noch sonst etwas sagen konnte, das sich zur Sache schikte. Ich habe aber die Gewohnheit der Neuern jederzeit viel zu lieb gehabt, als daß ich einen sinnreichen Einfall hätte weglassen sollen, wenn es auch noch so viel Mühe gekostet hätte, und die Umstände noch so unbequem gewesen wären, ihn anzubringen. Denn ich habe wahrgenommen, daß ich von siebenhundert acht und dreyßig wizigen Blümchen, und geistreichen Anspielungen, die ich mit ungläublicher Mühe durch unermüdetes Lesen gesammelt, [262] und in meine Locos communes eingetragen hatte, mehr nicht als ein geringes Duzend in die gemeinen Gespräche und Unterredungen zuziehen, zuschleppen und zu nöthigen im Stand gewesen bin. Von welchem Duzend noch die eine Helfte ohne alle Würkung war, weil sie vor den unrechten Leuten angebracht ward; und die andere hat mich ihrer loß zu werden, so viel Nachspürens, Strikelegens und Umwege gekostet, daß ich zulezt den Entschluß fassete, dieß Handwerk ganz aufzugeben: Nun eben dieser unglükliche Erfolg (wenn ich das ganze Geheimniß entdeken soll,) war es, der mir zuerst den Gedanken in den Kopf sezte, ein Scribent zu werden: Und ich habe hernach in Gesellschaft verschiedener meiner guten Freunde befunden, daß es eine allgemeine Klage ist, und daß die Sache auch eben dieselbe Würkung auf viele andere gethan hat. Denn wie oft geschieht es nicht, daß eine artige Rede im gemeinen Umgang keiner Achtung gewürdiget, so bald sie aber durch den Druk geadelt ist, für sehr schön gehalten wird? Ich habe mir also die Freyheit und Aufmunterung welche die Presse ertheilet, zu Nuze gemachet; und nachdem ich so über die Anläse und Gelegenheiten meine gesammelten Schönheiten auszulegen, vollkommen Meister war, so merke ich allbereit, daß die Ausgaben von meinen Merkwürdigkeiten, die Einnahm bald zu übersteigen anfangen möchten. Ich will also hier ein wenig inne halten, bis ich an dem Puls meiner Leser und meinem eigenen fühlen werde, daß es für uns beyde unumgänglich nothwendig ist, die Feder wiederum zu ergreifen.


[263]

Vollständige
und
wahrhafte Erzehlung
von dem,
lezten Freytag
unter den
alten und neuen Büchern
gehaltenen Treffen,
in
der Bibliothek zu St. James.

[264]
Des Verlegers
Bericht
an den Leser.

Gleichwie nachfolgende Schrift unstreitig denselben Verfasser mit der vorgehenden hat, also scheinet sie auch um die gleiche Zeit geschrieben zu seyn: Im Jahre nemlich 1697. da eben der berühmte Streit von der Gelehrsamkeit der Alten und Neuern entstanden war. Hiezu hatte eine gewisse Schrift des Herrn Wilhelm Temple über diese Materie, Anlaß gegeben; wider welche Herr W. Wotton eine Antwort heraus gab, mit einem Anhang von Dr. Bentley, worinnen er sich bemühete, das Ansehen Aesopi, und Phalaris, als zweener alten Autoren, welche Herr Wilhelm Temple gar sehr gerühmt hatte, gänzlich umzustossen. In diesem Anhang hatte Dr. Bentley die Ausgabe des Phalaris, welche Herr Carl Boyle, (anizo Graf von Orrery) ans Licht gestellet, sehr hart mit angegriffen. Dieser vertheidigte sich hierauf mit grossem Verstand und vieler Gelehrsamkeit, und Bentley antwortete weitläuftig. Nun verdroß es ganz London, daß einem Herrn von so grossem Ansehen und Verdienste als Herr Wilhelm Temple war, von diesen beyden [265] Schulfüchsen so grob begegnet ward, ohne daß er die geringste Ursach dazu gegeben hatte. Endlich da der Streit kein Ende nehmen wollte, kömmt unser Verfasser, und erzehlet uns, wie die Bücher in der St. James Bibliothek, sich als zwo Parteyen angesehen, die hiebey vornemlich interessirt wären, den Streit aufgenommen, und es auf eine entscheidende Battaille hätten ankommen lassen. Allein da das Manuscript wegen verschiedenen Ursachen an vielen Orten sehr mangelhaft ist, so finden wir keine Nachricht, auf welche Seite der Sieg sich gelenket habe.

Inzwischen muß sich der Leser in Acht nehmen, daß er nicht auf Personen deute, was hier in ganz eigentlichem Verstand nur von Büchern gesagt wird. So wenn z. E. Virgils Meldung geschieht, so darf man nicht die Person des berühmten Poeten verstehen, der diesen Nammen führet, sondern bloß eine gewisse Anzal papierne, in Leder eingebundene Blätter, worauf die Verse dieses Poeten gedrukt sind, u. s. f.


[266]
Vorrede des Verfassers.

Die Satyre ist eine Art Spiegel, darinn man insgemein alle andere Leute siehet, nur sich selbst nicht. Dieses ist die Hauptursach, warum sie von der Welt so wol aufgenommen wird, und daß so wenige Personen böse darüber werden. Inzwischen wenn auch das Gegentheil erfolgen sollte, so würde es nicht viel zu bedeuten haben. Eine lange Erfahrung hat mich gelehret, daß ich nie etwas übels von solchen Köpfen befürchten darf, welche ich hab bös machen können. Denn man sieht, daß der Zorn und das Rasen den Nerven des Leibs zwar Stärke beyleget, hingegen aber die Nerven des Geistes gerade schlaff, und alle Bemühungen desselben schwach und ohnmächtig machet.

Manches Gehirn vermag nicht mehr als einmal zu schäumen, und da muß der Besizer den Schaum sorgfältig aufheben, und mit seinem kleinen Vorrath gut wirthschaftlich umgehen. Vornemlich muß er sich in Acht nehmen, denselben wol niemals der Schwingruthe geschikterer Leute Preis zu geben. Denn da würde etwas daraus werden, welches weiter zu gar nichts taugte; und wo wollte der Besizer alsdenn neuen Schaum hernehmen?

Wiz ohne Wissenschaft ist eine Art Sahne, welche sich in einer Nacht bis oben ansezet, und von einer geschikten Hand leicht in Schaum kann gequirlet werden. Hat er aber einmal ausgeschäumet, so taugt das was übrig bleibt, zu nichts, als daß man es den Schweinen gebe.


[267]
Vollständige
und
wahrhafte Erzehlung
von dem
unter den Büchern
gehaltenen Treffen.

Wer die Chroniken [181] alter Zeiten mit gehöriger Aufmerksamkeit durchlieset, der wird die Anmerkung darinn finden, daß der Krieg ein Kind des Hochmuths, und der Hochmuth ein Kind des Reichthums sey. Der erste von diesen Säzen mag eingeräumet werden, allein den zweyten kann man so leicht nicht zugeben. Denn Hochmuth ist der Betteley und dem Mangel sehr nahe verwandt; entweder von Seite des Vaters, oder der Mutter, bisweilen auch wol von beyden. Und die Wahrheit zu sagen, so pflegen die Menschen einander selten anzugreifen, wenn alle genung haben. Die Ausfälle geschehen meistens von Norden [268] gegen Süden, das ist; vom Mangel zum Ueberfluß. Die allerälteste und natürlichste Ursach des Kriegs ist die Begierde und der Geiz. Und obschon diese mit dem Hochmuth verschwistert, oder ihm sonst nahe befreundet sind, so stammen sie dennoch unstreitig von dem Mangel her. Denn wir können, mit denen Scribenten zu reden, welche die Staatsverfassungen untersuchen, in der Republik der Hunde, (welche ihrem Ursprung nach, eine Demokratie zu seyn scheint,) gar deutlich wahrnehmen, daß ihr ganzer Staat sich nie ruhiger befindet, als nach einer eingenommenen allgemeinen und vollen Mahlzeit: Und daß hingegen innerliche Unruhen entstehen, so bald etwa ein Leithund sich eines grossen Knochens bemächtiget, darein er sich entweder mit etlichen wenigen theilet, oder ihn für sich allein behält: Denn so wird der Staat in dem ersten Fall zu einer Oligarchie, in dem leztern aber entsteht die Tirannie. Eben so ist es auch bey den Streitigkeiten, welche wir unter ihnen sehen, wenn etwa eine Hündin läufig worden: Denn da zum Besiz keiner ein Recht vor dem andern aus hat, angesehen bey einem so delicaten Fall nicht möglich ist, das Eigenthums-Recht einzuführen, so entstehet darüber so viel Eifersucht und Verdacht, daß der ganze Hunde Staat an einer solchen Gasse, in einen öffentlichen Krieg verwikelt wird, und jeder Bürger wieder den andern ist; bis etwa einer der mehr Herz, Geschiklichkeit und Glük hat als die andern, den Preis davon trägt. Welches denn den äussersten Groll und Neid, und das heftigste Murren wider den glüklichen Hund erweket. Imgleichen werden wir [269] finden, daß es dieselbe Beschaffenheit hat bey allen denen Kriegen, welche etwa eine solche Hunde-Republik, zum Schuz oder zum Truz, gegen Fremde unternimmt, und daß Armuth oder Mangel, (es mag nun ein bloß eingebildeter oder wahrhafter Mangel seyn, denn dieses thut hier nichts zur Sache,) den angreifenden Theil stets eben so stark zum Krieg anspornt, als der Hochmuth.

Wer nun dieß Gleichniß von der Hunde-Republik auf einen vernünftigen Staat, oder auf die Republik der Gelehrten ziehen oder zueignen will, der wird bald den allerersten Grund von der Uneinigkeit entdeken, welche sich zwischen den zwo starken Parteyen entsponnen, die izo gegen einander in den Waffen stehen; und zugleich wird er von dem Merito Causae einer jeden Partey leichtlich urtheilen können. Allein der Ausgang dieses Krieges läßt sich nicht eben so leicht bestimmen. Denn die erbitterten Häupter von beyden Theilen haben den Streit dergestalt erhizet, und die Forderungen welche man beyderseits machet, sind so ausserordentlich groß, daß nicht die geringste Hofnung zu einem Vergleich übrig bleibt.

Es ist aber dieser Streit (wie mir ein alter Mann der in der Nachbarschaft wohnete, erzehlet hat,) zuerst wegen eines kleinen Stükgen Landes, auf einem von den zween Hügeln des Parnassus, entstanden. Den höchsten und grösten derselben hatte ein gewisses Volk das man die Alten nennet, schon seit undenklichen Jahren im Besiz gehabt: [270] und den andern bewohneten die Neuern. Diese fiengen an, mit ihrer Stelle nicht zu frieden zu seyn, und schikten deswegen Gesandte an die Alten, die sich beschweren müßten, daß die Spize des Berges welche sie inne hätten, so sehr hoch wäre, daß ihnen dadurch die ganze Aussicht benommen würde, insonderheit wenn sie nach Osten sehen wollten. Den Krieg nun zu vermeiden, sollten sie eines von beyden wählen. Entweder möchten die Alten belieben, mit alle dem ihrigen auf den andern niedrigern Hügel herunter zu kommen, welchen die Neuern ihnen aus gutem Willen abtreten, und hingegen ihren höhern Plaz dafür einnehmen wollten. Oder dafer ihnen dieses nicht anstühnde, so sollten besagte Alten den Neuern erlauben, daß sie mit Haken und Schaufeln kommen, und mehr gedachten Hügel um so viel niedriger machen möchten, als sie für gut befänden. Hierauf antworteten die Alten, wie sie sich keiner solchen Gesandschaft zu einer Colonie versehen hätten, deren sie bloß aus Gnaden und Barmherzigkeit eine so nahe Nachbarschaft gestattet hätten. Sie wären, was ihren Hügel beträfe, Aborigines darauf; und was daher die Neuern von Wegziehen und Uebergabe desselben schwazten, wäre eine Sprache die sie nicht verstühnden. Hinterte ja die Höhe ihres Hügels die Aussicht der Neuern, so könnten sie, die Alten, nichts davor; bäten aber die Neuern möchten bedenken, ob dieß Unrecht, wenn es je eines wäre, ihnen nicht genungsam durch den Schatten und die Bedekung welche sie daher hätten, ersezet würde. Daß sie mit Haken und Graben den Berg niederer machen wollten, wäre [271] entweder eine Narrheit oder Unwissenheit, indem der Theil welchen sie bewohneten, aus einem ganzen Felsen bestühnde, der ihre Werkzeuge und Arbeit unnüz machen würde, ohne selbst den geringsten Schaden zu nehmen. Sie wollten also den Neuern den Rath geben, daß sie lieber ihren Hügel erhöhen möchten, an statt sich von Erniedrigung des Hügels der Alten etwas träumen zu lassen, welche Erhöhung ihres Wohnplazes sie ihnen nicht allein ganz gern erlauben wollten, sondern sich auch noch erböten, ihnen dazu auf alle Weise behülflich zu seyn.

Alles dieses verwarfen die Neuern mit heftigem Unwillen, und beharreten auf ihren ersten Anfoderungen: dergestalt, daß diese Uneinigkeit in einen langen und hartnäkigen Krieg ausbrach, welcher von dem einen Theil durch anhaltenden Muth, und die Dapferkeit gewisser Generale und ihrer Bundesgenossen; von den andern aber durch die Menge der Streiter, als welche nach einer jeden Niederlage so gleich mit frischen Truppen verstärket wurden, ist unterhalten worden. In diesem Streit sind ganze Bäche von Dinte erschöpfet, und die Erbitterung von beyden Theilen bis aufs Höchste getrieben worden. Denn es ist zu wissen, daß die Dinte in allen Treffen der Gelehrten das Hauptwaffen ist, dessen sie sich zum Auswerfen bedienen; und da solches vermittelst gewisser Werkzeuge geschieht, welche man Federkiele nennt, so pflegen dapfere Streiter von beyden Seiten eine unglaubliche Menge dieser Kiele mit einer solchen Hize und Geschiklichkeit auf einander abzuschiessen, daß [272] es nicht anders läßt, als ob es ein Treffen von Stachelschweinen wäre. Diesen gefährlichen Liqueur bereitete der Ingenieur welcher ihn erfunden, aus zwo Ingredienzien, aus Galläpfeln und Kupferwasser, um durch die Bitterkeit und das Gift derselben, die Gemüthsfassung der Streiter nicht allein einiger Massen abzubilden, sondern auch zuunterhalten. Und wie ehemals die Griechen, nach einem Treffen, wobey keine Partey der andern den Sieg zugestehen wollte, die Gewohnheit hatten, beyderseits Siegeszeichen aufzurichten, indem die, welche den Kürzern gezogen, die Kosten nicht ansah, damit ihre Anhänger nicht zaghaft würden, (eine löbliche und sehr alte Gewohnheit, die in der neuern Kriegskunst glüklicher Weise wieder aufgelebet hat) eben so hängen die Gelehrten nach einem scharfen und blutigen Disputat, gleicher gestalt von beyden Seiten ihre Siegeszeichen aus; es mag gleich verloren haben wer da will. Auf diesem Siegeszeichen stehet weitläuftig beschrieben, die Ursach des Streits; man giebt eine vollständige und unparteyische Nachricht von dem gehaltenen Treffen, und erweiset klar, daß der Sieg für diejenige Partey ausgefallen, welche sie aufgerichtet hat. Diese Siegesmale sind der[WS 74] Welt unter vielerley Namen bekannt. Sie heisen, Disputationes, Beweise, kurze Betrachtungen, Antworten, Gegenantworten, Repliquen, Anmerkungen, Einwürfe, Widerlegungen, Schuzschriften etc. Für einige Tage werden entweder sie selbst, oder ihre [182] Repräsentanten [273] an allen öffentlichen Pläzen zur Schau und zur Bewunderung ausgesezet; von dannen man hernach die vornehmsten und grösten in gewisse Magazine bringt, die Bibliotheken genennet werden, wo man ihnen für immer ein besonderes Quartier anweiset; und von welcher Zeit an sie den Namen der Streitschriften bekommen.

In diese Bücher ist eben der Geist, welcher die Streiter selbst beseelet hat, da sie noch am Leben waren, wunderbarer Weise eingeträufelt, und wird darinn aufgehoben; denn nach ihrem Tod wandert die Seele hieher, um ihre Bücher zu beleben. Zum wenigsten ist dieses die gemeinste Meynung. Inzwischen glaube ich, daß es mit den Bibliotheken als wie mit andern Kirchhöfen beschafen ist, von denen einige Naturkündiger behaupten, daß ein gewisser Geist, den sie brutum hominis nennen, um das Grab herumflattert, bis der Cörper verweset, und in Staub oder Würmer verwandelt ist, hernach aber verschwindet oder zergeht. Auf gleiche Weise mögen wir sagen, daß über jedem Buch ein unruhiger Geist so lang herum schwerme, bis es dem Staub oder den Würmern zum Raub worden, welches bey einigen binnen wenig Tagen, bey andern aber etwas langsamer zu geschehen pflegt. Und weil insonderheit die Controversbücher von den allerunruhigsten Geistern besucht werden, so hat man sie auch jederzeit in ganz absonderliche Behältnisse bringen müssen; wo sie so gar von unsern weisen Altfodern [274] mit eisernen Ketten angeschlossen [183] worden, damit sie genöthiget würden, Friede zu halten, und keine Feindseligkeiten unter einander auszuüben. Die erste Gelegenheit zu dieser Erfindung war folgende: Als die Schriften Scoti zuerst heraus kamen, brachte man sie in eine gewisse grosse Bibliothek, und wies ihnen ihren Plaz an. Kaum aber hatte sich dieser Autor daselbst niedergelassen, so legte er bey seinem Lehrmeister dem Aristoteles einen Besuch ab; da sie denn beyde die Abrede trafen, den Plato gewaltsamer Weise anzugreifen, und ihn von seinem Plaz, welchen er unter den Gottsgelehrten beynahe achthundert Jahre lang ungestört besessen hatte, zu vertreiben. Der Anschlag gieng würklich von statten, und die zween Eroberer haben hernach beständig an seiner Stelle regieret. Allein damit in Zukunft die öffentliche Ruhe der Bibliotheken nicht weiter gestört würde, so ward beschlossen, daß alle Streitschriften die etwas stark wären, an Ketten sollten gelegt werden.

Durch dieses Mittel hätte der öffentliche Friede in den Bibliotheken unfehlbar mögen beybehalten werden, wenn in den leztverwichenen Jahren nicht eine neue Art Controversbücher entstanden wäre, welche von einem überaus bösen Geist belebt waren; und dieses zwar wegen des oben erwehnten Streits welchen die Gelehrten um der höhern Spize des Parnassus willen, unter sich hatten.

[275] Ich erinnere mich, zur Zeit als diese Bücher zuerst in die öffentlichen Bibliotheken aufgenommen wurden, bey Gelegenheit zu verschiedenen dabey interessirten Personen gesagt zu haben: Ich wüßte gewiß, sie wurden Lermen anfangen wo man sie immer hinsezen würde, dafern man nicht die gröste Behutsamkeit anwendete; weswegen ich den Rath ertheilte, daß die vornemsten Helden von jeder Partey sollten zusammen gebunden oder auf eine andere Weise untereinander vermenget werden, damit ihre bösen Ausdünstungen, gleich zwey entgegen gesezten Giften, sich unter ihnen selbst verzehreten. Und mich dünket, ich bin weder ein falscher Prophet, noch ein übler Rathgeber gewesen, indem eben nichts anders als die Verachtung dieses meines Rathes, Schuld an der erschreklichen Bataille geworden, welche leztern Freytag in der Königlichen Bibliothek zwischen den alten und neuern Büchern vorgefallen ist.

Da man nun in allen Gesellschaften von nichts anders, als dieser Schlacht redet, und die ganze Stadt sehr begierig ist, nähere Umstände davon zu wissen, so habe ich mich auf innständiges Ansuchen meiner Freunde, entschlossen, eine vollständige und unparteyische Nachricht davon zu schreiben. Zumal da ich keinem Theil zugethan, und hiernächst auch mit allen denen Eigenschaften, welche von einem Geschichtschreiber erfodert werden, genungsam versehen bin.

Der Königliche Bibliothekarius,[184] ein dapferer, vornemlich aber wegen seiner Höflichkeit [276] [185] berühmter Mann, war einer der streitbarsten Vertheidiger der Neuern gewesen, und hatte in einem auf dem Parnaß vorgegangenen Scharmüzel das Gelübde gethan, zween Heerführer der Alten, welche einen engen Paß auf dem obern Felsen besezt hielten, mit eigener Hand herunter zu stossen. Allein, indem er sich bemühete hinauf zu klettern, ward er durch die Last und den Hang seiner eigenen Person gegen das Centrum, daran verhintert. Ein Schiksal, welchem die von der Partey der Neuern gar sehr unterworfen sind; denn weil sie überaus leichte Köpfe haben, so sind sie, was Speculationen und Anschläge betrift, sehr hurtig, und bilden sich nichts zu hoch ein, das sie nicht ersteigen könnten: Schreiten sie aber zum Werk, so fühlen sie an Körper und Füssen ein sehr schweres und niederdrükendes Gewicht.

Nachdem sich also dieser Held in seiner Rechnung gar sehr betrogen fand, hegete er einen grausamen Groll gegen die Alten, welchen er vornemlich dadurch äusserte, daß er den Schriften ihrer Gegner alle ersinnliche Vortheile angedeyen ließ, und ihnen stets die besten Quartiere einräumete; da hingegen jedes Buch, das sich unterstand die Partey der Alten zu nehmen, so gleich lebendig in einen finstern Winkel begraben ward, mit der angefügten Bedrohung, es gar zur Thüre hinaus zu schmeissen, wo es nur muchzen würde.

[277] Hierzu kam, daß damals die Bücher noch sonst in der grösten Unordnung unter einander standen; wovon man verschiedene Ursachen angab: Einige schoben die Schuld auf die Menge des gelehrten Staubs, welchen ein schlimmer Wind von den Fächern der Neuern dem Bibliothecarius in die Augen gewehet hätte. Andere behaupteten, es hätte derselbe den selzamen Appetit gehabt, die Würmer aus den alten Scholiasten herauszuklauben, und solche frisch und lebendig zum Fruhstük herunter zu schlingen; da sich denn einige in die Milz herunter gelassen, andere aber in sein Gehirn aufgekrochen, und in beyden Theilen grosse Verwirrung angerichtet hätten. Endlich gaben auch einige vor, weil er stets im Finstern in der Bibliothek herumzugehen pflegte, so hätte er sich gar nicht mehr zu orientiren gewußt; und daher wäre es sehr möglich gewesen, daß er bey Wiederhinsezung der Bücher einen Irrtum begangen, und den Cartes z. E. neben den Aristoteles hingestellet hätte. Der gute Plato hatte seinen Plaz zwischen Hobbes und den sieben Weisen bekommen, und Virgil ward auf der einen Seite von Dryden, und auf der andern von Whiters[WS 75] gepreßt.

Inzwischen wehleten die Bücher, welche die Partey der Neuern hielten, eines aus ihrem Mittel, dem sie auftrugen, die ganze Bibliothek zu durchgehen, die Anzal und Stärke ihrer Freunde zu untersuchen, und ihre Sachen gehörig anzuordnen. Dieser Abgesandte richtete alles aufs Fleissigste aus, und brachte ein Verzeichniß mit sich [278] zurük, woraus erhellete, daß ihre Macht sich in allem auf fünfzig tausend belief; meistens leichte Reuterey, schwer bewafnetes Fußvolk, und für Geld gedingte Truppen. Das Fußvolk überhaupt war sehr schlecht bewafnet, und noch übler gekleidet; die Reuterey hatte zwar grosse aber feige und unabgerichtete Pferde; nur hatten sich einige wenige, die mit den Alten Handel gepflogen, noch ziemlich gut ausgerüstet.

Da die Sachen so gähreten, nahm die Uneinigkeit sehr überhand; und man führete auf beyden Seiten harte Reden, und gerieth in völlige Hize. Einer aber der Alten, der sich ganz allein unter einer Reihe von Neuern befand, erbot sich mit aller Bescheidenheit, die Sache seiner Partey rechtlich zu vertheidigen, und mit tüchtigen Gründen zu erweisen, daß ihr der Vorzug gehöre; so wol wegen des langen Besizes darinn sie stühnden, als auch wegen ihrer Klugheit, ihres Alters, und vornemlich wegen der grossen Dienste, die sie den Neuern geleistet hätten. Allein diese läugneten alles und verwunderten sich insonderheit gar sehr, daß die Alten sich unterstehen dürften, ihr Alterthum mit anzuführen, da es doch sonnen-klar wäre, daß die Neuern, (wenn man hiervon reden wollte,) viel älter wären. Was die Verdienste angienge, so die Alten um sie haben wollten, so entsagten sie, die Neuern, denselben gänzlich: Es ist wahr, (sagten sie,) wir haben in Erfahrung gebracht, daß einige wenige von unserer Partey so niederträchtig gewesen, ihre Subsistenz von euch zu entlehnen: Allein die übrigen, welche [279] eine weit grössere Anzal ausmachen, und insonderheit wir Französische und Engländische Scribenten, sind so weit von der Nachahmung eines so schimpflichen Exempels entfernet, daß wir bis auf diese gegenwärtige Stunde sonst nicht sechs Worte miteinander gesprochen haben: Unsere Pferde sind von unserer eigenen Zucht: Unsere Waffen von uns selbst geschmiedet, und unsere Kleider haben wir uns selbst zugeschnitten und genehet. Von ungefehr stand Plato in dem Fach darneben, und als er den zerlumpeten Aufzug derer, welche so sprachen gewahr wurde; und daß ihre Aker-Mähren ganz ausgehüngert und überritten, ihre Schilde von faulem Holz, und ihre Harnische verrostet und nur mit Lumpen unterfüttert wären; fieng er an überlaut zu lachen, und schwur nach seiner lustigen Art, beym Jupiter, daß er ihrer Meynung wäre.

Nun hatten die Neuern ihre Sachen nicht so heimlich halten können, daß ihre Feinde nichts davon hätten erfahren sollen; denn diejenigen welche den Streit zu erst anfiengen, indem sie den Alten ihren Rang streitig machten, hatten von einem bevorstehenden Treffen zu dem es kommen würde, so laut geredet, daß Temple es hatte hören mögen. Dieser that solches den Alten sogleich zu wissen, welche hierauf ihre zerstreueten Truppen zusammen zogen, und sich entschlossen, nur defensivè zu gehen. Es desertirten bey dieser Gelegenheit viele von den Neuern, und giengen zu den Alten über; unter andern auch Temple selbst. Dieser Temple war unter den Alten auferzogen [280] worden, und lange Zeit mit ihnen umgegangen. Sie liebeten ihn auch von den Neuern am meisten, und er ward ihr gröster Verfechter.

So standen die Sachen, als sich eine sehr merkwürdige Begebenheit zutrug: Oben am äussersten Ende eines hohen Fensters wohnete eine Spinne, die von der unzählichen Menge Fliegen, welche sie gemordet und aufgefressen hatte, und wovon die Bälge unten im Vorhof des Pallastes zerstreuet lagen, wie etwa die Menschengebeine vor der Höle eines grausamen Riesen; bis zu der ersten Grösse aufgeschwollen war. Die Zugänge zu ihrer Burg waren mit spanischen Reutern und Pallisaden ganz nach der neuern Befestigungs-Art wol verwahret; man mußte erst durch viele Vorhöfe hindurch, ehe man mitten in die Burg hinein kam, wo sich die Commendantin selbst aufhielt; und von wannen die Fenster auf die verschiedenen Zugänge gerichtet, und die Pforten so angebracht waren, daß sie durch dieselben auf Raub so wol, als sich zu vertheidigen, Ausfälle thun konnte.

Hier hatte sie nun in Ruhe und Ueberfluß, und ohne die geringste Gefahr weder von oben für ihre eigene Person von den Schwalben, noch auch von unten für ihren Pallast von den Kehr-Besen, eine geraume Zeit gelebet; als es dem Schiksal gefiel, eine wandernde Biene herzuführen, deren die Neugierigkeit eine zerbrochene Scheibe wies, wodurch sie hinein kam, eine Zeit lang herumspazierte, und sich endlich auf ein Aussenwerk der gemeldeten Festung der Spinne niederließ. Dieses [281] konnte eine solche Last nicht ertragen, und sank daher bis auf den Grund darnieder. Dreymal bemühete sich die Biene aus allen Kräften davon zu kommen, und dreymal erbebete das Centrum der Burg. Die Spinne fühlete diese erschreklichen Erschütterungen, und glaubte anfangs nichts anders, als daß die Natur sich ihrem Untergange näherte, oder daß Beelzebub[186] mit allen seinen Legionen gekommen wäre, den Tod so vieler tausend seiner Unterthanen, welche sie umgebracht und gefressen hatte, zu rächen.

Nichts destoweniger faßte sie Muth, und nahm den Entschluß sich heraus zu wagen, und ihrem Verhängniß entgegen zu gehen. Indessen hatte sich die Biene von ihrem Nez wieder loß gemacht, und an einen sichern nicht weit entlegenen Ort gesezet, wo sie beschäftigt war ihre Flügel zu reinigen, und von den Spinneweben die noch daran hiengen, vollends zu befreyen. Mittlerweile war die Spinne herausgekommen, und als sie die schreklichen Oefnungen, den Ruin, und die Zerstörung ihrer Festung wahrnahm, kam sie beynahe ganz von Sinnen, tobete und fluchte wie ein toller Mensch, und schwoll vor Zorn dergestalt auf, daß sie hätte bersten mögen.

Endlich ward sie der Biene gewahr, und da schloß sie sehr weislich von den Würkungen auf die Ursache. Du verfluchtes Hurkind! schrie [282] sie, daß dich die schwere Noth! Bist du es denn, das mir hier diese Unordnung angerichtet hat? Kanst du nicht die Augen aufthun, und vor dich sehen? Denkst du denn vorn Teufel! daß ich sonst nichts zu thun habe, als dir hinten nachzuräumen? Gnädig, gnädig, Madam, erwiederte die Biene, die izo das Gewirre von den Flügeln loß und bey guter Laune war: Ich verspreche mit Mund und Hand, daß ich euch nimmer wieder zu nahe kommen will. Niemals in meinem Leben bin ich so übel dran gewesen. Bestie, rief die Spinne; wäre es nicht ein alter Brauch in unserer Familie, niemals von Hause zu gehen, mit einem Feinde zu streiten, ich wollte dich andere Manieren lehren. Ey, sachte doch, sachte, versezte die Biene, sonst möchtet ihr bersten, und die Materialien verschütten, die ihr wie ich sehe, wol alle zur Reparatur euerer Burg nöthig habt. Canaille, antwortete die Spinne, du willst mich noch scheren. Mich dünkt, du dürftest doch mehr Respekt vor einer Person brauchen, welcher die ganze Welt einen so grossen Vorzug vor dir giebt. Bey meiner Treu, sprach die Biene, das ist artig; recht sehr artig: Und lassen sie mich doch wissen, Madam, ich bitte sie sehr, warum ihnen die Welt den Vorzug so weit vor mir giebt?

Hierauf bließ sich die Spinne auf, bis sie das Ansehen kriegte, wie ein alter Magister, der zum zehenden mal disputirt, und fieng an, nach aller Kunst zu argumentiren, mit dem Vorsaz sich recht unnüz zu machen, ihre Beweisthümer nur stets anzuführen, hingegen die Antworten und Einwürfe [283] des Gegners gar nicht anzuhören, und durchaus Recht zu behalten.

Ich befürchte nur, sagte sie, daß ich wenig Ehre davon habe, mich mit einer so nichtswürdigen Creatur in Vergleichung zu bringen: Bist du nicht eine Landläuferin, welche weder Haus noch Hof noch sonst etwas eigenes hat? Du hast von deinen Eltern nichts, als ein paar Flügel, und dein Summen. Du suchst deine Nahrung nur mit Rauben und Plündern, als ein rechter Gaudieb; in Gärten und Feldern bist du dermassen ans Stehlen gewöhnt, daß es dir einerley ist, ob du eine Nessel oder eine Rose bestilest, wenn du nur stelen kanst. „Ich hingegen bin eine einheimische Creatur, und was ich brauche, das habe ich aus und von mir selbst. Hiernächst zeuget diese grosse Festung genungsam von meiner mathematischen Gelehrsamkeit; ich habe sie mit eigener Hand erbauet, und die Materialien dazu aus meinem eigenen Leib gezogen.“

Es ist mir lieb, antwortete die Biene, daß ihr mir zugestehet, ich habe wenigstens meine Flügel und meine Stimme auf eine ehrliche Weise bekommen. Denn so scheinet es, daß ich dem Himmel einzig diese beyden Stüke zu danken habe: Gewiß aber würde sie mir die Vorsehung nicht geschenkt haben, wenn sie dieselben nicht zu den edelsten Endzweken bestimmt hätte: Es ist wahr, ich besuche alle Blüthen auf dem Felde und in den Gärten; allein was ich davon sammle, damit bereichere ich mich ohne den geringsten Nachtheil ihrer Schönheit, ihres Geruchs oder Geschmaks. Nun was euch, und eure Geschiklichkeit in der Baukunst [284] und andern mathematischen Wissenschaften betrift, so habe ich eben nicht viel zu sagen. Ich lasse es gelten, daß in euerm Gebäude Arbeit und Ordnung genung mag anzutreffen gewesen seyn: Aber eine traurige Erfahrung für uns beyde, hat doch gezeiget, daß die Materialien dabey nichts taugen; und ich hoffe, ihr werdet überzeuget seyn, daß ihr künftig auf Dauer und Festigkeit nicht weniger zu sehen habet, als auf Kunst und Ordnung. Ihr rühmet euch, daß ihr keiner andern Creatur etwas zu danken habet, sondern alles aus euch selbst herausziehet: Das will sagen, (wofern man von dem, was etwa aus einem Gefässe ausrinnet, auf die Beschaffenheit dessen was zurük bleibt schliessen kann,) ihr besizet einen Ueberfluß von Unflat und Gift in euerm Leib. Und ob ich euch schon eure angeborne, eigenthümliche Portion von beyden diesen Stüken, gar nicht streitig machen, noch verkleinern will, so zweifle ich doch, daß ihr zum Anwachs oder Vermehrung derselben nicht einiger fremder Hülfe benöthigt seyt. Euer angeerbte Unflat vermehret sich durch die unreinen Ausdünstungen des Kehrsals, welche von unten heraufsteigen, und jedes Ungeziefer daß ihr fresset, bringt euch neuen Gift das andere zu tödten. So, daß der ganze Streit kurz auf diese Frage ankömmt: Welches von zweyen Wesen das edlere sey? Ob das, welches bey einer trägen Ruhe, und bey Betrachtungen die sich nicht über vier Zolle weit in die Ründe erstreken, bey einem ungemessenen Hochmuth, und bey der Pralerey was es nöthig hat, aus sich selbst zu nehmen; alles in lauter Gift und Unflat verwandelt, und dabey nichts anders hervorbringet, als Gift und Spinneweben? Oder vielmehr das Wesen, welches bey vielfältigem Herumreisen, [285] mit mühsamem Suchen, ungemeinem Fleiß und sorgfältigem Unterscheiden der Dinge, Honig und Wachs mit sich nach Hause bringt?

Dieser Streit ward mit einer solchen Heftigkeit, und mit so grossem Eifer und Geschrey geführet, daß die beyden Parteyen der Bücher welche bereits in den Waffen standen, eine Zeitlang stille wurden, und begierig den Ausgang der Sache erwarteten. Dieser erfolgte auch gleich: Denn die Biene, welche es überdrüßig ward so viel Zeit zu verlieren, flog straks hinweg auf ein Rosenbeet, ohne die Antwort zu erwarten, und verließ ihren Gegner gerade in der Fassung eines Redners, der sich bereits reuspert, und seiner Rede so voll ist, daß ihm der Bauch bersten möchte.

Bey diesen Umständen war Aesopus der erste, der das Stillschweigen unterbrach. Es war ihm vor kurzer Zeit von dem höflichen Bibliothecarius sehr übel begegnet worden, indem derselbe sein Titelblat zerrissen, die Helfte seiner Blätter übel verderbet, und ihn in ein Fach der Neuern fest angekettet hatte. Weil er nun hier voraus sah, daß man den Streit wol aufs höchste treiben würde; so hatte er alle seine Kunst angewendet, und wol tausenderley Gestalten angenommen, damit er von dannen kommen möchte. Endlich glükete es ihm: Er hatte sich in einen Esel verstellet, und in dieser Gestalt sah ihn der Bibliothecarius für einen Neuern an, welches ihm denn Zeit und Gelegenheit verschafte, gerade wieder zu den Alten zu entkommen, da die Biene und die Spinne [286] so eben anfiengen mit einander zu disputieren. Er hörte sehr aufmerksam, und mit dem grösten Vergnügen zu; und nachdem sie aufgehöret hatten, schwur er mit lauter Stimme: Niemals in seinem Leben hätte er zween ähnlichere und besser zutrefende Fälle gekannt, als diese beyden, den, oben am Fenster, und den, unten unter den Büchern.

Die Antagonisten, sagte er, haben ihren Streit vortreflich geführet: sie haben würklich alles gesagt, was man zum Behuf jeder Partey sagen kann, und die Materie ist pro und contra vollkommen erschöpft. Es bleibt nichts übrig, als daß wir die angehörten Gründe auf unsern eigenen Zwist appliciren; die Bemühungen jeder Partey, nebst dem Nuzen derselben, unter einander vergleichen, und richtig zueignen; so wird alles klar werden, und der Schluß, für die Neuern und uns, sich von selbst geben.

Denn saget mir meine Herren, war wol jemals etwas mehr nach der Neuern Art, als die Mine, das Bezeigen und die unerhörten Meinungen der Spinne? Sie redet zugleich für sich selbst, und für euch ihre Brüder, wenn sie ihren natürlichen angebornen Vorrath und grossen Verstand erhebet, wenn sie pralet, sie ziehe und spinne alles aus sich selbst heraus, und keinem andern Dinge ausser sich, etwas zu danken haben will. Und was thut sie anders, wenn sie endlich ihre grosse Geschiklichkeit in der Architektur, und den mathematischen Wissenschaften auskramet?

Auf dieses alles antwortet die Biene, die unser der Alten Advocat ist: Daß, wenn man den grossen Verstand und die Erfindungskraft der Neuern [287] aus ihren Werken beurtheilen soll, so könne man sich über ihre Pralereyen, des Lachens kaum enthalten. Führet immer Gebäude mit noch so viel Kunst und Ordnung auf; wenn ihr die Materialien dazu aus euerm eigenen Leibern; ich meyne aus den Eingeweiden eurer Neuern Gehirn heraus spinnet, so werden zulezt doch lauter Spinneweben daraus werden: Und dauern sie ja einige Zeit, so kömmt dieß Glük wie bey andern Spinne-Geweben einzig daher, weil man ihr entweder vergißt oder sich nicht um sie bekümmert, oder weil sie in einem finstern Winkel von niemanden wahrgenommen werden: Sonst weiß ich einmal nichts, darauf ihr Herren Neuern mit Grund, als auf das eurige, Anspruch machen könntet: Ausgenommen, noch ein ganz besonderes Talent zu zanken und zu schimpfen: Etwas, das seiner Natur und Wesen nach mit dem Gift der Spinnen gar sehr überein kömmt; und welches auch, wie bey diesen, ungeachtet alles Rühmens daß sie es gänzlich aus sich selbst heraus spinnen, durch die Nahrung welche ihr aus dem Ungeziefer und Gewürme dieser unserer Zeit ziehet, gar sehr unterhalten und vermehret wird.

Was uns Alten anlanget, so lassen wir uns mit der Biene begnügen, nichts für unser eigenes auszugeben, als unsere Flügel, und unsere Stimme; das will sagen, unsern Flug, und unsere Sprache. Das übrige alles, haben wir durch unsäglichen Fleiß, durch unermüdetes Nachforschen und sorgfältiges Durchsuchen aller Winkel der Natur erworben. Der Unterscheid ist nur dieser: Daß wir statt Giftes und Unflats, unsere Stöke lieber mit Honig und Wachs gefüllet haben, und dadurch den Menschen die zwey vortreflichsten Dinge schenken, Süssigkeit nemlich, und Licht.

[288] Man kann sich den grausamen Lerm kaum vorstellen, der auf diese Rede und umständliche Erklärung der Sache, welche Aesopus gegeben, unter den Büchern entstand. Beyde Parteyen faßten Feuer, und ihre Heftigkeit nahm mit einmal so sehr überhand, daß sie sich entschlossen eine Bataille zu liefern. Die Streiter eilten ganz aufgebracht an beyde Ende des Saals unter ihre verschiedene Fahnen zurük, und da hielten sie noch vor dem Treffen Kriegsrath. Die Neuern konnten sich über ihre Anführer kaum vergleichen; und hätte sie nicht die Furcht vor einem nahen Feinde genöthiget, einen Entschluß zu fassen, so würden hierüber allerhand Meutereyen entstanden seyn: Die Uneinigkeit war am grösten unter der schweren Reuterey, wo jeder gemeine Reuter von [187] Tasso und Milton an, bis auf Dryden und Whiters, das oberste Commando haben wollte; Die leichte Reuterey ward von Cowley[188] und Despreaux angeführet. Hernach kamen die Bogenschüzen unter des Cartes, Gassendi und Hobbes: Drey dapfere Generale, die ihre Pfeile mit einer solchen Stärke abschiessen konnten, daß sie weit über die Atmosphäre hinausfuhren, und nicht wieder zurükfielen, sondern sich, gleich dem Pfeil des Evanders,[189] in Luftzeichen, oder wie [289] die aufsteigende Raqueten in Sterne verwandelten. Paracelsus [190] brachte von den Schneegebürgen Rhätiens, eine Schwadron Pißpot-Schleuderer; auf sie folgte ein starkes, aus vielerley Nationen zusammengelesenes Corps Dragoner, unter Anführung ihres grossen Aga [191] Harweys: Einige derselben führten Sensen, das Waffen des Todes; andere Lanzen, und lange Messer, die alle vergiftet waren: Noch andere schossen Kügelchen von der allerschädlichsten Würkung, oder bedienten sich eines weissen Pulvers, welches keinen Knall von sich gab, und dabey unfehlbar tödete: Izo kam die Infanterie: Sie bestand aus verschiedenen Corps schwer bewafneten, und aus allerley Ländern zusammen geraften Fußvolkes, unter Commando des Guicciardini, Davila, Polydori Vergilii, Buchanans, Mariana, Camdens, und anderer: Die Ingenieurs hatten den Regiomontanus, und Wilkins, zu ihren Oberhäuptern: das übrige war ein verworrener Haufe unter Scotus, Aquinas und Bellarmin, alle sehr groß und stark beleibet, dabey aber ohne Waffen, ohne Muth, und ohne alle Kriegs-Zucht: Endlich beschloß noch den Zug ein unzehlicher Troß: Schelmen und Schnapphäne, die nicht einmal ihre Blösse [192] zu deken hatten, und der [290] Armee nur darum folgten, damit sie plündern könnten: Ihr Anführer war l’Etrange.

Die Armee der Alten, war lange nicht so zalreich. Homer commandirte die schwere, und Pindar die leichte Reuterey. Euclides war General über die Ingenieurs: Plato und Aristoteles führten die Bogenschüzen; Herodotus und Livius das Fußvolk, und Hippocrates die Dragoner: Den Zug beschlossen die Bundesgenossen unter Vossius und Temple.

Alles verkündigte eine nahe entscheidende Schlacht, als izt Fama, welche die Königliche Bibliothek oft besuchte, und vorhin ein eigenes Zimmer darinn hatte, eilends zum Jupiter aufflog, und ihn treulich berichtete, (denn bey den Göttern redet sie allemal die Wahrheit) was unten zwischen den beyden Parteyen vorgieng. Jupiter stuzte, und berufte so gleich einen Rath in die Milchstrasse zusammen: Als die Götter versammelt waren, machte Jupiter den Vortrag, und zeigte ihnen an, warum er sie hätte zusammen kommen lassen: Zwo mächtige Armeen, sagte er, von gewissen alten und neuern Geschöpfen, die man Bücher nennete, hätten ihn dazu veranlaset; eine Begegniß, dabey der Himmel nur allzusehr interessirt wäre. Momus, der Neuern Patron, hielt eine zierliche Rede zu ihrem Behuf, welche Pallas, die Beschüzerin der Alten beantwortete: Die Götter nahmen verschiedenlich Partey; und Jupiter befahl, daß man ihm das Buch des Verhängnisses herbey bringen sollte. So gleich [291] brachte Mercur dasselbe. Es waren drey grosse Folianten, worinn alle vergangene, gegenwärtige und zukünftige Dinge aufgeschrieben standen. Die Schlosse waren silbern, und doppelt vergöldet, die Dekel von himmlisch-türkischem Leder, und das Papier von einer Art, daß es hier auf Erde bey nahe für Hornpergament gehen würde. Jupiter las den Ausspruch des Verhängnisses leise vor sich, machte das Buch gleich wieder zu, und wollte von dem was er gefunden, niemanden etwas sagen.

Aussen vor der Thüre des Pallasts, warteten eine Menge leichter und sehr hurtiger kleinerer Götter, Jupiters ordentliche Bediente: Durch sie regieret er diese ganze untere Welt. Sie reisen in Caravanen, mehr oder weniger beysammen, und hängen durch eine subtile Kette, die an der grossen Zehe des Jupiters fest gemacht ist, wie die Sclaven auf den Galeeren, einer an dem andern: Dessen ungeachtet dürfen sie, es sey daß sie Befehle empfangen, oder von ihren Verrichtungen Bericht erstatten, niemals näher als an die unterste Stufe seines Throns kommen, wo sie sich beyderseits, Jupiter von oben, und Sie von unten, eines Sprachrohres bedienen, dasjenige was sie zu sagen haben, einander zuzuflüstern. Die Sterblichen nennen diese Gottheiten, Accidentia, und Eventus; die Götter aber heissen sie Causas secundas. Jupiter ertheilte izo einigen von diesen Göttern seine Befehle, welche so gleich auf die Zinnen der Königlichen Bibliothek herunter flogen, und nachdem sie daselbst sich einige Minuten lang berathschlaget hatten, giengen sie unsichtbarlich [292] in dieselbe hinein, und verrichteten da was ihnen war befohlen worden.

Indessen träumete dem Momus nicht viel Gutes; und weil er sich einer Propheceyung erinnerte, die seinen lieben Kindern, den Neuern, wenig vortheilhaftes versprach, so flog er straks zu einer gewissen feindseligen Göttin hin, die man Critik heisset. Sie hatte ihren Siz auf einem hohen, mit Schnee bedekten Gebürge in Nova Zembla. Hier fand sie Momus, ausgestreket auf dem Raub unzehlicher Bücher, die sie halb aufgefressen hatte, in ihrer Höle liegen. Zu ihrer Rechten saß der Hochmuth, ihr Vater, und zur Linken die Unwissenheit, ihre Mutter, die vor Alter blind war, und ihrer Tochter die Papiere, welche sie selbst zerrissen hatte, zum Kopfpuz gerecht machte. Hiernächst war ihre Schwester die Meynung: Leicht von Füssen, mit verbundenen Augen, und einem sehr harten eigensinnigen Kopf, dabey aber dennoch schwindlicht und äusserst veränderlich. Um sie herum spielten ihre Kinder, das Lermen, die Unverschämtheit, die Dummheit und Eitelkeit, das Habrechten, die Pedanterey und die Grobheit. Die Göttin selbst hatte Klauen wie eine Kaze. An Kopf, Stimme und Ohren gliech sie einem Esel; die Zäne waren ihr längst ausgefallen, und die Augen zogen sich tief einwärts, daß es ließ, als ob sie niemand als sich selbst beschauete. Zur Nahrung diente ihr der Ueberfluß ihrer eigenen Galle. Ihre Milz war so groß, daß sie wie eine Dütte von der ersten Grösse herausdrükte, und es waren auch würkliche Zizen daran, an denen ein Haufe der häßlichsten [293] Ungeheuer begierig saugten: Wobey das selzamste ist, daß die Milz durch das Saugen mehr zu- als abnahm.

Göttin, sprach Momus, könnet ihr ruhig hier sizen, indessen daß unsere getreuesten Verehrer den Augenblik in ein blutiges Treffen gehen, oder wol gar unter dem Schwert ihrer Feinde schon würklich erliegen? Wer wird uns in solchem Fall künftig mehr Opfer bringen? Wer unsern Gottheiten Altäre bauen? Eilends erhebt euch deswegen nach der Brittannischen Insel, den Untergang unserer Freunde wo möglich zu verhüten, indessen daß ich Factionen unter den Göttern stifte, und sie auf unsere Seite verleite.

Als Momus dieses gesagt hatte, wartete er nicht lange auf eine Antwort, sondern überließ die Göttin ihrer eigenen Rachbegierde. Rasend sprang sie auf, und redete, (wie in dergleichen Fällen zu geschehen pflegt,) so mit sich selbst: Ich bins, (sagte sie,) die den Kindern Weisheit, und den dummen Verstand giebt. Durch mich werden die Kinder klüger, als ihre Väter; Stuzer zu Staatsverständigen, und Schüler zu Richtern der Philosophie. Durch mich disputiren Sophisten, und entscheiden die schweresten Fragen in den Wissenschaften. Ich lehre die sinnreichen Köpfe auf den Caffeehäusern, wie sie die Schreibart eines Verfassers kritisiren, und auch seine geringsten Fehler entdeken sollen, wenn sie gleich nichts, weder von der Sache, noch von der Sprache verstehen. Durch mich verschwenden Gelbschnäbel ihren Verstand, wie sie ihr Vermögen verschwenden, noch ehe sie [294] solches in Händen haben. Ich bins, die dem Wiz und der Wissenschaft die Herrschaft entrissen, welche sie über die Poesie gehabt, und mich an ihre Stelle gesezet habe - - Und soll eine Handvoll neugebakener Alten sich wider mich auflehnen? - - - Aber kommet meine herzlieben Eltern, und ihr allerliebsten Kinder, und du traute Schwester, kommet, und sezet euch mit mir auf meinen Wagen. Laßt uns eilen, unsern getreuen, den Neuern beyzustehen: Schon spüre ich aus dem lieblichen Geruch, welcher mir in die Nase zieht, daß sie uns eine Hecatombe opfern.

Hierauf stieg die Göttin mit ihrem Gefolg auf den Wagen, welcher von zamen Gänsen gezogen ward: Sie fuhr über unzehliche Länder weg, und streute ihre Gaben an gehörigen Orten mildreich aus. Endlich langte sie in ihrem geliebten Großbrittannien an; und da sie über die Hauptstadt dieses Landes kam: Was für Ströme von Segen schüttete sie nicht über ihre beyden Seminarien, Gresham und Coventgarden aus! Und nunmehr erreichte sie die fatale Ebene von der St. James Bibliothek, gerade da die zwo Armeen den Angrif thun wollten. Sie gieng mit ihrer ganzen Caravane unsichtbarer Weise hinein, und sezte sich auf ein Gesimse das izt öde, vorhin aber von einer Colonie Moralisten bewohnt war. Hier verweilte sie ein wenig, und betrachtete die beyden in Schlachtordnung stehenden Armeen.

Aber nicht lange, so regete sich ihr zärtliches Mutterherz, und sie konnte diesen gewaltsamen Bewegungen [295] nicht widerstehen. Denn an der Spize eines Trupps neuerer Bogenschüzen erblikte sie ihren lieben Sohn Wotton, welchem die Parcen einen sehr kurzen Lebensfaden bestimmt hatten; Wotton, den jungen Helden, welchen ein unbekannter Vater von dem Geschlechte der Sterblichen, mit dieser Göttin in heimlicher Liebe erzeuget hatte. Er war der Liebling seiner Mutter, vor allen ihren übrigen Kindern aus; und gleich entschloß sie sich hinzugehen, ihm Muth einzusprechen. Zuvor aber befand sie für gut, nach alter löblicher Gewohnheit der Götter eine andere Gestalt anzunehmen, damit der Glanz ihrer Gottheit ihm seine sterblichen Augen nicht blenden, und seine übrigen Sinnen nicht betäuben möchte: Also verwandelte sie sich; und brachte ihre ganze Person in einen Octavband zusammen: Ihr Leib ward weiß und dürre, und zersplitterte vor Trukenheit in Stüke. Aus den dikern würden Seitendekel, und aus den dünnern Papier; auf welches ihre Eltern und Kinder einen schwarzen Saft von Galle und Ruß, in Form der Buchstaben künstlich aufsprizten; der Kopf, die Stimme und die Milz blieben unverändert, und was vorhin lederner Ueberzug bey ihr war, das blieb solches auch nach ihrer Verwandlung.

In dieser Gestalt gieng sie den Neuern entgegen, und sah darinn Bentley, Wottons vertrautestem Freunde so ähnlich, daß man sie nicht unterscheiden konnte. Dapferer Wotton, sprach sie, warum stehen unsere Völker hier müssig? Warum lassen sie ihre Hize so verrauchen, [296] und die Gelegenheit Ehre einzulegen, ungenuzet vorbeygehen? Fort: Laßt uns eilends zu den Generalen gehen, und ihnen sagen, daß sie unverzüglich den Angrif thun.

Als sie dieses gesagt, nahm sie das Häßlichste ihrer Ungeheuer, welches sich an ihrer Milz ganz voll gesogen hatte, und schleuderte es ihm unsichtbarer Weise ins Maul hinein: Straks kroch dasselbe dem Helden in den Kopf auf, drükte ihm die Augen heraus, daß er auf alle Seiten grausam herum schielte, und verrükte ihm bey nahe das ganze Gehirn: Hierauf gab die Göttin zweyen von ihren geliebten Kindern, der Dummheit und Grobheit, noch besonders Befehl, seine Person bey allen Begegnissen aufs Beste in Acht zu nehmen: Nach diesen Anstalten verschwand sie in einen Nebel; und nun merkte der Held, daß es die Göttin, seine Mutter gewesen.

Izo war die von dem Verhängniß bestimmte Stunde gekommen, und das Treffen gieng an. Ehe ich mich aber in die besondere Beschreibung desselben einlasse, muß ich mir nach dem Exempel anderer Scribenten, hundert Zungen, und eben so viel Mäuler, Hände und Federn wünschen, und dabey sagen, daß sie alle noch viel zu wenig wären, diesen Streit nach Würden zu beschreiben. Sage mir Göttin, die du über die Geschichte und ihre Verfasser gesezet bist, sage: Wer war der erste, der zu schlagen heranrükte?

[297] Paracelsus, an der Spize seiner Dragoner. Er erblikte Galenus auf dem feindlichen Flügel gerade vor ihm über, und schoß seinen Wurfspieß mit mächtiger Stärke auf ihn dar; aber der dapfere Alte empfieng ihn auf seinem Schilde, die Spize zerbrach an der zweyten Falte * * Hic pauca desunt. * * * * * * * * * *

Sie trugen den verwundeten Aga auf ihren Schilden zu seinem Wagen, * * * * * * * * * * desunt nonnulla. * * * * * * * * * *

Izo sah Aristoteles, den Baco mit grossem Grimm auf ihn zukommen. Er spannete also den Bogen, und zielete ihm nach dem Kopf. Der Pfeil flog verfehlete den dapfern Neuern, und pfiff über seinen Kopf hin. Hinter ihm aber traf er den des Cartes. Die stählerne Spize fand gleich einen Mangel an seiner Kopfrüstung; durchborete das Leder und das Cartenpapier, und fuhr bey dem rechten Auge ein. Der heftige Schmerz drehete den dapfern Bogenschüzen im Wirbel herum, bis ihn der Tod wie ein Stern von grösserer Kraft, mit sich in seinen Wirbel fortriß, * * * * * * * * Ingens Hiatus in MS. * * * * als izt Homer an der Spize der Reuterey erschien. Er ritt ein sehr wildes Pferd, das er selbst kaum bemeistern konnte, und welchem kein anderer Sterblicher nur nahe kommen dürfte. Er sprengte mitten [298] in die feindlichen Glieder hinein, und schlug alles nieder was ihm vorkam. Erzehle Göttin, wen er zuerst, und wen er zulezt erleget hat. Zuerst kam Gondibert auf ihn dar: Er war mit einer schweren Rüstung angethan, und ritt einen stillen, zamen Wallachen; berühmter wegen seiner Willigkeit nieder zu knien, so oft sein Reuter aufsizen oder absteigen wollte, als wegen seiner Geschwindigkeit. Gondibert hatte der Pallas gelobet, nicht von dem Schlachtfeld zurük zu kommen, bis er Homern[193] entwafnet hätte. Der tolle Mann, der seinen Gegner niemals gesehen, noch seine Stärke gekannt hatte! Ihn rannte Homer mit samt seinem Pferd zu Boden, daß er in den Koth fiel, und zertretten ward. Nun traf Denham die Reihe. Homer durchstach ihn mit seiner Lanze; einen muthigen Neuern. Er stammete väterlicher Seite,[194] von Apollo her, seine Mutter aber war von dem Geschlecht der Sterblichen. Er fiel, und blieb gleich auf der Stelle. Das himmlische Theil nahm Apollo, und verwandelte es in einen Stern; das irrdische aber blieb im Koth liegen. Hierauf war es an Whesley: Ein Schlag von Homers Pferd tödtete diesen, den Perrault hingegen hob unser Held selbst aus dem Sattel: Er that dieses mit grosser Stärke, und schmiß ihn so gewaltig an Fontenelle, daß ihnen beyden durch einen Schlag, das Gehirn aus den Köpfen heraussprizte.

[299] Vor dem linken Flügel der Reuterey, zeigte sich Virgil in einem prächtigen Harnisch, der ihm vollkommen gerecht war. Er ritt einen apfelgrauen Zelter, dessen gemessener Schritt die Würkung von lauter Feuer und Munterkeit war. Der Held sah sich unter dem feindlichen Heer, das gegen über stand, begierig nach einem Gegner um, an welchem er seine Stärke beweisen könnte: Nicht lange, so zeigte sich einer, der aus den feindlichen Schwadronen hervordrang, wo sie am diksten standen. Er saß auf einem falben Wallachen von ungeheurer Gestalt; das Lermen welches er machte, indem er herbey ritt, war grösser als seine Geschwindigkeit: Denn sein alter und magerer Gaul versprizte den Koth seiner Stärke, durch einen hohen Trab, wobey er wenig weit kam, zugleich aber machte, daß die Waffen des Reuters immer mit schreklichem Geräusch zusammen schlugen.

Nunmehr waren beyde so nahe gekommen, daß sie einander mit den Lanzen erreichen konnten, als der unbekannte Neuere erst mit seinem Feind zu sprechen verlangte: indem er das Visier seines Helms eröfnete, konnte man kaum ein Gesicht darinn wahrnehmen; nach einer Weile aber erkannte man, daß es des berühmten Drydens wäre. Der dapfere Alte stuzte; voll Verwunderung, und zugleich als einer, den seine Erwartung gänzlich betrogen hätte. Denn der Helm dieses Neuern war wol neunmal grösser als der Kopf selbst. Und dieser saß zu hinterst in einem Winkel darinn; wo er nicht anders aussah, als die Frau in dem Seekrebs; oder wie eine Maus unter einem Staats-Canopé, [300] oder auch wie ein alter Stuzer, der sich unter das Vortach einer Carre-Perüque versteket hat. Auch schikte sich die Stimme vollkommen zu dem Gesicht: Denn sie war schwach, und der Laut kam von Ferne. Dryden hielt eine lange Rede, worinn er dem guten Alten allerley Schmeicheleyen vorsagte, ihn Papa hieß, und durch eine weitläuftige genealogische Ausführung klärlich bewieß, daß sie nahe Anverwandte wären. Hierauf that er demüthig den Vorschlag, ihre Rüstung gegen einander auszuwechseln, als welches ihr beyderseitiges Hospitalitätsrecht in stetem Andenken erhalten würde. Virgil willigte darein, (denn die Göttin des Mißtrauens kam unsichtbarer Weise, und erregete einen Nebel vor seinen Augen) obschon sein Harnisch von Gold [195] war, und hundert Ochsen gekostet hatte; Drydens hingegen nur aus rostigem Eisen bestand: Allein diese glänzende Rüstung stand dem Neuern noch weit übler als seine eigene. Sie wurden auch eins, die Pferde zu tauschen: Als es aber zur Probe kam, war Dryden überaus erschroken, und konnte unmöglich auf des Alten Pferd hinauf kommen * * * * * * * * * * * * * alter hiatus in MS. * * * * * * * * * * * * * * * * Lucan erschien auf einem Pferd, welches voll Feuer, und von ausnehmender Schönheit war; dabey aber unbändig, daß es durchgieng, und seinen Reuter hintrug, wo es [301] gerne wollte: Er erschlug eine Menge von der feindlichen Cavallerie; bis Blakmore ein berühmter, aber um den Sold dienender Neuer, diesem Niedermezeln Einhalt zu thun, sich ihm heldenmüthig widersezte: Dieser schoß seinen Wurfspieß mit aller Macht auf ihn dar; allein das Waffen fiel zu kurz, und fuhr tief in die Erde. Lucan erwiederte den Versuch mit einer Lanze; aber Aesculap kam unsichtbarer Weise, und wendete die Spize ab. Braver Neuer, rief hierauf Lucan, ich merke daß eine Gottheit euch in den Schuz nimmt, denn sonst hat mein Arm noch niemals gefehlet. Aber was vermag ein sterblicher Mensch wider einen GOtt? Laßt uns also nicht weiter streiten, sondern einander Geschenke geben: Lucan gab also dem Neuern ein paar Spornen, und Blakmore dem Lucan einen Zaum. * * * * Pauca desunt. * * * * * *

[196]Creech: Allein die Göttin der Dummheit nahm eine Wolke, und gab ihr die Gestalt Horazens, als ob er bewafnet und zu Pferd wäre, und schon vor ihm herflohe. Wie froh war unser Cavalier, einen Feind vor sich zu haben, der schon die Flucht ergrief. Er verfolgte das Bild mit lautem Geschrey und heftigem Drohen; bis es [302] ihn endlich in die stille Höle seines Vaters [197] Ogleby verleitete, welcher ihn entwafnete, und ihm sein Ruhebettlein anwieß.

Hierauf schlug Pindar - - und - - - und Oldham, und Afra[198] die Amazonin von leichten Füssen. Er fuhr niemals gerade zu, sondern drehete sich mit einer unglaublichen Hurtigkeit, und Stärke, bald dahin, bald [199] dorthin, und richtete unter der feindlichen leichten Reuterey ein grausames Blutbad an. Als ihn Cowley gewahr ward, brannte er vor Begierde, ritt auf den stolzen Alten zu, und ahmete sein geschiktes Reiten und Tummeln des Pferdes so gut nach, als die Munterkeit seines Gauls, und seine eigene Geschiklichkeit, solches erlaubete. Izo waren sie ungefehr die Länge von drey Spiessen von einander, als Cowley den seinen zuerst warf: Aber er verfehlete seinen Gegner, und das Waffen fiel in der feindlichen Schlachtordnung ohne Würkung auf die Erde. Hierauf schoß Pindar einen so grossen und schweren Spieß nach Cowley, daß kaum zwölf Cavaliere [303] (wie wir sie izo in unsern verdorbenen Zeiten haben) denselben vom Boden aufheben konnten: Unterdessen schwang er denselben mit leichter Mühe, daß er durch die Luft pfiff, und den Neuern unfehlbar würde getödtet haben, wenn er zum Glük, das Schild, welches ihm [200] Venus geschenket, nicht vorgehalten hätte: Nun griefen sie beyde zum Degen. Allein der Neuere ward so voller Schreken und Verwirrung, daß er nicht wußte wo er wäre. Sein Schild fiel ihm aus der Hand. Dreymal wollte er fliehen, und dreymal konnte er nicht entkommen. Endlich kehrete er sich als ein armer Supplicant mit aufgehobenen Händen, zu seinem Feinde; und, Göttlicher Pindar (sprach er,) schenket mir nur das Leben, mein Pferd und meine Rüstung will ich euch gerne abtreten, und meine Freunde werden mich durch eine ansehnliche Summe ranzionieren, wenn sie hören werden, daß ich euer Gefangener bin: Schurke, antwortete Pindar, was schirr ich mich um deine Ranzion und um deine Freunde: Aber deinen Leib will ich den Thieren des Feldes, und den Vögeln unter dem Himmel zur Speise geben. Hiemit schwung er sein Schwert, und hieb durch einen gewaltigen Streich den unglükseligen Neuern mit einmal in zwey Theile: Das eine Theil fiel auf die Erde, und bewegete sich noch eine Zeit lang im Blut, bis es von den Pferden zertreten war; mit dem andern lief das erschrokene Pferd davon: Venus nahm dieses, wusch es sieben mal in Ambrosia, und rieb es hernach dreymal mit einem Amaranthen- [304] Zweige. Hiedurch ward das Leder glatt, und weich; die Blätter verwandelten sich in Federn, und wie sie schon vorhin vergöldet waren, so blieben sie es immerfort: Auf diese Weise ward aus dem Stük eine Daube, und die Göttin spannete sie mit vor ihren Wagen.

Hiatus in MS. * * * * valde deflendus. * * * *

Der Tag neigete sich allbereit, und die zalreichen Truppen der Neuern fiengen würklich an, allmählig auf einen sichern Abzug bedacht zu seyn, als noch ein Hauptmann von ihrem schwer bewafneten Fußvolk hervortrat: Sein Name war Bentley, und unter allen Neuern war keiner von so häßlichem Ansehen als er. Er war lang, und doch ungestalt, breit, und doch ohne Stärke, und Ebenmaß. Seine Rüstung war wol von hundert unschiklichen Stüken zusammen gesezet, und klang wenn er gieng, laut und dumpfe, wie ein Stük Blech, welches der Wind etwa von einem Glokenthurm herunterwirft. Sein Helm war von verrostetem Eisen, das Visier aber von Erzt, welches von seinem Odem befeuchtet, sich in Vitriol auflößte, dem es von der gleichen Quelle auch nicht an Galle [201] fehlete; also, daß man von seinen Lippen ordentlich einen schwarzen giftigen Dinten- [305] Saft herunter träufeln sah, so oft er von Zorn oder von der Arbeit erhizet ward. In seiner Rechten hielt er einen Dresch-Flegel, und damit es ihm niemals an einem Gewehr zum Angrif fehlen möchte, in seiner Linken noch einen Pißpot voll Unraths.

In dieser vollständigen Rüstung, gieng er mit schweren und langsamen Schritten auf den Ort zu, da die Befehlshaber der Neuern sich mit einander berathschlageten. Als sie ihn kommen sahen, konnten sie sich beym ersten Anblik seiner krummen Beine, und seiner buklichten Schulter, (welche auch Stiefeln und Harnisch nicht zu verbergen im Stand waren,) des Lachens nicht enthalten. Der General hatte ihm wegen seines ungemeinen Talents zu schimpfen, Dienste gegeben; welches auch der Sache der Neuern, wenn er es in gewissen Schranken anwendete, öfters sehr wol zu statten kam; andere mal aber mehr Schaden als Nuzen brachte. Denn wenn er nur im geringsten, bisweilen auch gar nicht beleidigt ward, so kehrete er sich gleich einem verwundeten Elephanten, gegen seine eigene Anführer, und wütete wider dieselben. Bentley befand sich eben ist in dieser Laune, denn er empfand nicht wenig Verdruß über die Vortheile der Feinde, und war mit keinem einzigen Officier bey dieser Sache zufrieden, als nur mit sich selbst. Er gab den Generalen der Neuern höflich zu verstehen, wie er mit aller Unterthänigkeit dafür hielte, Sie wären sämtlich ein ausgemachtes Schelmenpak, dumme Teufel, feige Memmen, ungehirnte Köpfe, nichtswürdige Kerle, die weder Gelehrsamkeit noch [306] Menschenverstand besässen etc. Würde man ihn zum General gemachet haben, so hätten die Sachen gewiß anders gehen sollen. Und diese verfluchten Hunde, die Alten, würden izt längst aus dem Feld geschlagen seyn: Ihr, fuhr er fort, lieget da auf der Bärenhaut; und wenn ich, oder ein anderer dapferer Neuer, einen Feind erlegen, so fehlet ihr nie, die Beute wegzuschnappen; aber ich will keinen Fuß weiter von der Stelle sezen, wenn ihr mir nicht alle schwöret, daß ich die Waffen desjenigen Feindes, den ich gefangen nehmen, oder tödten werde, ruhig besizen soll.

Als Bentley dieses gesagt hatte, machte ihm Scaliger ein flämisches Gesicht: Und elender Praler, sagte er, nur in deiner eigenen Einbildung beredt: Du schmälest ohne allen Verstand, und leugest bloß ins Gelache hinein. Dein boshaftes Temperament verkehret bey dir die Ordnung der Natur. Deine Gelehrsamkeit macht dich nur desto gröber. Dein Studieren nur desto stolzer und mürrischer, dein Umgang mit den Poeten nur desto niederträchtiger und dümmer. Die Künste, welche andere sittlich machen, befödern deine Grobheit, und machen dich unbiegsam. Bey Hof hast du gelernt ungezogen zu thun, und die Gesellschaft politer Leute hat aus dir einen Pedanten gemacht. Hiernächst ist auch wol in der ganzen Armee kein verzagterer Bernhäuter als du bist. Bleibe indessen nur unbesorgt: Niemand soll dir die Beute rauben: Mache sie nur erst: Du sollst sie gewiß behalten, das verspreche ich dir: Allein ich denke immer, das häßliche Thier wird noch lange zuvor, eine Speise der Raben und Würmer werden.

[307] Bentley hatte das Herz nicht, etwas zu antworten; sondern vor Zorn und Grimm halb ausser sich selbst, machte er sich fort, mit dem festen Entschluß, irgend eine Heldenthat zu verrichten. Zur Hülf und Gesellschaft, nahm er seinen allerliebsten Freund Wotton mit. Und das beste dünkte sie, etwas wider die feindliche Armee von einer Seite zu versuchen, wo sie etwan nicht zum Besten verwahret seyn möchte: Also nahmen sie erst ihren Weg über die todten Körper ihrer erschlagenen Freunde; lenkten sich hernach Rechts gegen ihre eigene Truppen, von da sie sich nach Norden wendeten, bis sie zum Grab Aldrovandi[WS 76] kamen, welches sie auf der Seite gegen Abend ligen liessen. Und nunmehro gelangten sie mit Zittern und Zagen an die äusserste Wache der Alten; und sahen sich sorgfältig um, ob sie nicht etwan das Quartier der Verwundeten, oder einige Feinde entdeken möchten, die ihre Harnische ausgezogen hätten, und von der übrigen Armee entfernet, nachläßig auf der Erde lägen und schliefen.

Es war eben so, als wenn zween Hunde, von ihrer natürlichen Gefräßigkeit, und durch die schlechte Bewirthung zu Hause, angetrieben werden, Gesellschaft zu machen, und bey nächtlicher Weile, wiewol mit grosser Furcht, die Heerde eines reichen Bauern anzufallen. Sie hängen die Schwänze unter den Bauch, streken die Zunge heraus, und schleichen so sachte und leise als möglich. Inzwischen siehet der Mond diese Schelmen, und scheinet ihnen gerade auf ihre schuld-vollen Köpfe; sie dürfen ihn nicht anbellen, so sehr sie [308] auch dazu gereizet werden; wenn sie sein glänzendes Antliz entweder am Himmel, oder in einer widerscheinenden Pfüze sehen: Der eine sieht sich auf der Gegend überall um; da indessen der andere herumläuft, und spüret, ob er nicht unweit den Hürden, etwan ein halb aufgefressenes Schaaf finden möchte, welches der satte Wolf, oder die Unglük bedeutenden Raben nicht weiter begehren.

Mit nicht weniger Furcht und Behutsamkeit giengen die beyden Herzensfreunde mit einander; als sie endlich von Ferne zween glänzende Harnische an einer Eiche aufgehangen, und ihre Besizer nicht weit davon auf der Erde gestreket, in tiefem Schlaf erblikten: Sie warfen das Loos, welcher von ihnen hingehen sollte, und es traf Bentley: Er gieng, und vor ihm her, Verwirrung und Schreken, indessen daß Grauen und Zittern hinten nachfolgeten. Als er näher gekommen war, siehe, da lagen zween Helden von den Alten, Phalaris und Aesopus, und schliefen: Bentley hätte sie gerne beyde aus dem Weg geräumet; daher er sich sachte hinzuschlich, und mit seinem Flegel schon nach des Phalaris Brust zielete. Aber die Göttin des Schrekens schlug sich ins Mittel, nahm den Neuern in ihre kalten Arme, und entriß ihn der Gefahr welche sie vorsah: Denn so eben regeten sich die zween schlafenden Helden, indem sie durch Träume beunruhiget waren. Phalaris träumete, wie ein elender Dichterling ein Paßquill auf ihn gemacht hätte, den er dafür in seinen ehernen Ochsen gesteket, woselbst er erschreklich brüllte. Aesopus hingegen, daß als er mit andern Generalen der [309] Alten, auf der Erde gelegen, ein wilder Esel los geworden sey, der sie getretten, und mit seinem Koth besudelt habe. Der erschrokene Bentley ließ also die zween Alten schlafen, bemächtigte sich aber ihrer Rüstung, und kehrete zurük, seinen geliebten Wotton zu suchen.

Dieser war unterdessen überall herum gegangen, etwas für sich aufzusuchen, bis er endlich zu einem kleinen Bächlein gekommen war, das von einer nahe dabey gelegenen Quelle entspringet, welche die Sterblichen Hippocrene nennen: Hier stand er nun stille, und weil er grossen Durst litt, so wollte er denselben aus diesem cristallenen Bach stillen. Dreymal versuchte er es, das Wasser mit unheiligen Händen zum Mund zu bringen, und dreymal floß es ihm alle durch die Finger weg. Hernach legte er sich auf die Erde nieder; allein ehe er noch seine Lippen an das klare Wasser gebracht hatte, kam Apoll, und hielt sein Schild zwischen den Bach und den Neuern vor die Quelle, daß Wotton nichts als nur diken Schlamm zu trinken bekam. Denn obschon sonst keine Quelle auf dem ganzen Erdboden so reines Wasser führet wie diese; so hat es doch auf dem Grund einen diken Saz von Schlamm und Leimen; weil Apoll solches ausdrüklich von Jupiter gebeten hatte, damit diejenigen möchten gestrafet werden, die sich unterstühnden mit unheiligen Lippen davon zu kosten, und jedem zur Warnung, weder zu tief herunter zu langen, noch sich allzuweit von der Quelle zu entfernen.

[310] Oben ganz nahe an der Quelle, ward Wotton zween feindliche Helden gewahr. Den einen konnte er nicht erkennen; in Ansehung des andern aber, dürfte er nicht lange zweifeln, daß es Temple, General unter den Bundesgenossen der Alten wäre: Dieser kehrete ihm den Rüken zu, und trank mit vollen Zügen von dem Quellwasser, welches er in seinen Helm aufgeschöpfet hatte. Denn er hatte sich dahin begeben, damit er von der Arbeit des Kriegs ein wenig ausruhen möchte. Als Wotton ihn sah, sprach er mit zitternden Händen und bebenden Knien, also zu sich selbst: O könnte ich diesen Verderber unserer Völker erlegen! Was für Ruhm würde ich mir bey unsern Generalen erholen! Aber sich ganz allein mit ihm einzulassen Mann[202] für Mann, Schild gegen Schild, Lanze gegen Lanze, wer von uns Neuern darf sich das unterstehen? Denn er streitet wie ein GOtt; und stets ist ihm Pallas zur Seite. Aber O geliebteste Mutter,[203] (ist es anders wahr, was die Leute sagen, daß ich ein Sohn einer so grossen Göttin bin) gieb, daß ich Temple mit dieser Lanze so gewaltig treffen möge, daß der Streich ihn zur Hölle schike, und daß ich unbeschädigt und im Triumph mit dem Raub seiner Waffen zurük kehren möge!

Den einen Theil dieser Bitte erhöreten die Götter, auf vielfältiges Ansuchen seiner Mutter und des Momus. Der andere aber ward durch einen widerwärtigen Wind, den das Verhängniß [311] geschiket[WS 77] hatte, in der Luft zerstreuet. Denn Wotton ergrief seine Lanze, schwang sie dreymal über den Kopf, und warf sie aus allen Kräften, welche er selbst besaß, und welche ihm seine Mutter die Göttin noch dazu schenkte: Sie pfiff durch die Luft, und kam bis an das Wehr-Gehenke des Temple, welches sie leicht streifte, und hierauf zu Boden fiel: Aber Temple fühlete sie nicht einmal, hörete sie auch nicht zur Erde fallen, und Wotton möchte wol zu der Armee der Neuern wenigstens mit der Ehre wieder entrunnen seyn, daß er seine Lanze ungerächet wider einen solchen Helden geschossen hätte; wenn nicht Apollo, ganz aufgebracht, daß eine Lanze durch Hülfe einer so häßlichen Göttin seinen schönen Quell sollte entweiht haben, in Gestalt - - sachte zu dem jungen Boyle gekommen wäre, der Temple begleitet hatte: Diesem zeigte er erst die Lanze, hernach den Neuern der sie geschossen hatte, und befahl ihm die That so gleich nachdrüklich zu rächen.

Alsobald gieng der junge Held in einer Rüstung, welche ihm die sämtlichen Götter geschenkt hatten, auf den Feind loß, der für Furcht zitterte, und nunmehr die Flucht ergrief.

Stelle dir, mein Leser, einen jungen Löwen in den Lybischen Feldern, oder in den Arabischen Wüsten vor, welchen sein alter Vater auf die Jagd schiket, entweder einen Raub aufzusuchen, oder seine Stärke zuüben, oder auch seiner Gesundheit zu rathen. Er lauft daher, und wünschet, daß ihm etwan ein blutdurstiger Tiger von den Bergen, oder ein ergrimmter Bär begegnen möchte: Geschieht es indessen, daß ihm ein wilder Esel [312] mit seinem groben Gebrülle beschwerlich fällt, so trägt zwar dieß großmüthige Thier anfangs Bedenken, seine Klauen mit so unedelm Blut zu besudeln. Allein wenn dieser verhaßte Ton zu lange währet, welchen Echo die alberne Nymphe so wie die übrigen ihres geschmaklosen Geschlechts, viel lauter und mit viel grösserm Vergnügen wiederholet, als die lieblichen Lieder der Nachtigall; so rächet er endlich die Ehre des Waldes, und jaget die lermende langöhrichte Bestie. So floh Wotton, und so verfolgte ihn Boyle: Aber der schwer bewafnete, und dazu von Natur träge Wotton konnte bald nicht mehr fort; als izt eben sein getreuer Freund Bentley herbey kam, mit dem Raub beladen, welchen er bey den Alten weggestolen hatte, als sie lagen und schliefen. Boyle betrachtete ihn genau, und bald erkannte er den Helm und das Schild seines Freundes Phalaris, welche beyde er unlängst mit eigener Hand neu gepolirt, und vergoldet hatte. Der Zorn blizte ihm aus den Augen; sogleich ließ er von Wotton ab, und rannte mit voller Wuth auf diesen neuen Feind loß: Gerne hätte er sich an beyden zugleich gerochen, als izt der eine dahin lief, der andere dorthin: Und wie etwa ein armes[204] Weib, das ihr Brod kümmerlich mit Spinnen gewinnt, wenn etliche ihrer Gänse aufs Dorf hinauslaufen, von einer Seite zur andern rennet, sie wieder zur Heerde zurük zu bringen, indessen daß sie laut schreyen, und auf das Feld hinausfliegen; also [313] verfolgte Boyle die beyden Freunde, und also flohen dieselben.

Endlich da sie sahen, daß ihre Flucht vergeblich war, vereinigten sie sich beyde mit grosser Dapferkeit, und stelleten sich gegen ihren Feind, geschlossen zur Wehr. Bentley schoß seinen Wurfspieß zuerst, in Hofnung seines Feindes Brust zu durchboren. Allein Pallas kam unsichtbar, nahm die Spize davon weg, und heftete eine bleyerne daran; das Waffen machte einen schwachen Ton auf dem Schild des Feindes, und fiel stumpf auf die Erde. Hierauf ersah Boyle seine Gelegenheit, nahm eine Lanze von ungemeiner Länge und Schärfe; und weil das getreue Paar Freunde geschlossen beysammen stand, drehete er sich rechts, und warf solche mit unglaublicher Stärke auf sie dar. Bentley sah sein Schiksal herannahen, und hielt seine Arme, den Leib zu beschirmen, geschlossen an beyde Seiten herunter; allein die Spize fuhr durch Arm und Seite hindurch, und hatte Stärke genung, auch noch den dapfern Wotton zu durchboren, welcher seinen sterbenden Freund halten wollte, aber sein Schiksal dabey mit ihm theilen mußte.

Wie ein geschikter Koch ein paar Schnepfen vereiniget, wenn er ihre zarten Seiten mit einem eisernen Spieß durchsticht, und Flügel und Beine nahe an den Leib zwinget; also war dieß Paar Freunde durchspiesset: Sie fielen, vereiniget im Leben, und eben so vereiniget im Tode; so sehr vereiniget, daß Charon sie unfehlbar für eine Person wird angesehen, und für das halbe Fahrgeld über [314] den Styx gefahren haben. Gehab dich wol du theures Paar; Orestes und Pylades unsrer Zeit: Ihr lasset wenig euers gleichen zurük: und ist es je möglich, daß euch mein Wiz, und meine Beredsamkeit glükselig und unsterblich mache, so sollet ihr es gewißlich werden.

Nunmehro * * * * * * * * * * * * * * * * * desunt caetera.


[315]
Schreiben
an einen Freund,
von der
Mechanischen Erzeugung
des Geistes.


Ein Fragment.


[316]
Vorbericht des Verlegers.

Nachfolgender Discurs ist zwar ganz, und ohne daß etwas daran fehlete, in meine Hände gekommen. Weil aber verschiedene Sachen darinn standen, welche man zu diesen Zeiten nicht wol ertragen mag, so habe ich ihn einige Jahre lang bey mir aufgehoben, und war Willens, ihn gar niemals herauszugeben. Endlich habe ich mit Hülfe und Rath eines gelehrten Freundes, dasjenige ausgestrichen, was am meisten hätte Anstoß geben mögen; und wage es nun, das übrige ans Licht zu stellen. Was den Verfasser anlanget, so weiß ich gar nichts von demselben: Ich kann auch nicht muthmassen, ob er eben derselbe sey, welcher die zwey vorhergehenden Stüke geschrieben hat; indem ich das Original zu verschiedenen Zeiten, und von verschiedener Handschrift bekommen habe. Der gelehrte Leser mag es selbst bestimmen, dessen Beurtheilung ich es hiemit gänzlich überlasse.


[317]
Von der
Mechanischen Erzeugung
des
Geistes.

An Tit. Herrn. T. H. Esq. abzugeben in seinem Logis, in der Academie der Beaux Esprits in Neu-Holland.

     Mein Herr!

Es ist nunmehro eine geraume Zeit, daß ich etwas im Kopf behalten, woran der Welt nicht allein sehr viel gelegen, sondern welches ich auch nicht länger verschweigen kann, wenn ich nicht Schaden an meiner Gesundheit leiden will. Kurz, und unter uns, mein Herr, ich kann es unmöglich länger zurük halten. Indessen bin ich eine lange Zeit nicht wenig angestanden, auf was für eine Art ich es am schiklichsten von mir lassen könnte. Ich bin deswegen drey Tage lang durch Westmünster-Hall, St. Pauls Kirchhof, Fletstreet etc. hin und her gelaufen, alle Titel durchzulesen, [318] und da habe ich keinen gefunden, welcher mehr Mode wäre, als der, Schreiben an einen Freund. Nichts ist nemlich gemeiner, als daß man lange Briefe daselbst sieht, welche an Personen und Oerter gerichtet werden, von denen man anfangs gedenken sollte: es wäre eben weder so gar nothwendig, noch so gar schiklich, Briefe an sie zu stellen. Dergleichen z. Ex. sind: Schreiben an meinen nächsten Nachbar; Briefe an einen Todfeind, an einen Unbekannten, an eine Standesperson in den Wolken etc. Welche auch nebst diesem von Sachen handeln, die man einem eben nicht mit der Post zu schreiben pfleget: als da sind: Weitläufige philosophische Abhandlungen: Dunkle und wunderbare Staats-Geheimnisse: Mühsame critische Untersuchungen; Unmaßgebliche Vorschlage an das Parlament, u. s. f.

Dieser Mode zufolgen, habe ich mein Herr, nicht das geringste Bedenken getragen: Und weil ich versichert bin, daß Sie diesen Brief zum Druk befödern werden, wenn ich mich gleich noch so sehr dawider sperrete, so ersuche ich sie, mir vor der ganzen Welt Zeuge zu seyn: Daß dieser Brief sehr eilfertig und ohne viel Nachdenken geschrieben worden sey: Daß ich ihn erst gestern zu Papier gebracht, nachdem wir beyde von ungefehr über diese Materie zu reden gekommen waren: Daß mir nicht recht wol gewesen, als wir von einander gegangen: Daß ich wegen zeitigen Abgangs der Post unmöglich Zelt gehabt, alles in gehörige Ordnung zu bringen und den Styl zu verbessern. Und was ihnen ferner etwa für [319] neuere Entschuldigungen der Eilfertigkeit, und Nachläßigkeit beyfallen mögen; dieselben bitte ich innständig mit anzubringen, nebst Versicherung, daß ich es mit sonderbarem Dank erkennen werde.

Wenn sie, mein Herr, an die Iroquesische Gesellschaft schreiben, so vermelden sie derselben meinen gehorsamen Respect, und versichern dieselbe, daß ich die Erklärung bewußter Phoenomenorum[WS 78] übermachen werde, so bald wir in dem Greshamischen Collegio, solche richtig werden bestimmen können.

Von den Gelehrten zu Tobinambou[WS 79] habe ich schon drey Posttage keine Zeile bekommen.

Dieses ist es, mein Herr, was ich ihnen bey dieser Gelegenheit melden, so wol habe sollen, als wollen: Izo erlauben sie mir, daß ich zur Verhandlung meiner Materie schreite, und nehmen nicht übel, daß ich den Brief-Styl so lang bey Seite seze, bis ich schliessen werde.

[320]
Erster Abschnitt.

Man lieset von Mahomet, daß ihm bey Anlaß eines Besuchs, welchen er einst im Paradiese ablegen wollen, verschiedene Fahrzeuge dahin zu gelangen, seyen angebotten worden: Feurige Wagen, geflügelte Pferde, und himmlische Senften: Allein er habe sie alle ausgeschlagen, und auf nichts anders gen Himmel reisen wollen, als auf seinem Esel.

So selzam dieser Entschluß Mahomets zu seyn scheinet, so ist ihm dennoch eine grosse Anzal andächtiger Christen hierinn nachgefolget; und zwar nicht ohne rechtmäßige Ursach. Denn da dieser Arabische Prophet, ein gut Theil seines Religion-Systems von den Christen entlehnet hat, so dürfen diejenigen, welche gern wollen, ja wol Repressalien gebrauchen. Und man muß zugeben, daß sich unsere Engländische Nation hiebey gar nicht versäumet hat. Denn obwol nicht leicht eine andere Nation in der Welt ist, welche eben so sichere und bequeme Fahrzeuge besizet, diese Reise zu machen, so giebt es doch sehr viele unter uns, denen hiezu keine andere Gelegenheit gefällt, als des Mahomets.

[321] Ich meines Orts hege für dieses Thier eine ganz besondere Hochachtung, angesehen ich dafür halte, daß es die menschliche Natur in allen ihren Eigenschaften und Verrichtungen auf das genaueste vorstelle. Daher ich alles, was ich bey meiner geringen Lectur von ihm finde, fleißig in mein Excerpten-Buch eintrage, und wenn ich Gelegenheit habe, etwas von dem menschlichen Verstand, von der Politik, Beredsamkeit, oder Gelehrsamkeit zu schreiben, so vergesse ich wol niemals diese Excerpten vor mich zu legen, welche ich sodenn mit sehr leichter Mühe applicire. Inzwischen kann ich mich doch nicht entsinnen, jemals weder in einem alten noch neuen Scribenten, unter den Eigenschaften eines Esels auch die Geschiklichkeit, seinen Reuter gen Himmel zu tragen, gefunden zu haben; ausgenommen die beyden Exempel, welche ich so eben angeführet habe.

Ich schliesse hieraus, daß die besondern Stüke, welche zu dieser vortreflichen Wissenschaft gehören, nur wenigen bekannt seyn müssen; daher ich der Welt einen angenehmen Dienst zu erweisen hoffe, wenn ich ihr einige Anweisung in derselben gebe, und dieses bin ich gesonnen, in folgender Abhandlung zu thun: Denn zu glüklicher Vollstrekung mehrgedachter Operation, werden so wol von dem Reuter, als von dem Esel gewisse besondere Eigenschaften erfodert, welche ich mich ins Licht zu sezen, möglichst befleissen werde.

Damit ich aber ja keine Partey beleidige, so will ich von dieser Sache, nicht wie bishero, im eigentlichen [322] Verstand reden, sondern mich künftig der Allegorie bedienen: doch so, daß der verständige Leser die Application ohne viel Kopfbrechen wird machen können, so oft es ihm beliebt: An statt Esel, wollen wir also, wenn es dem Leser gefällt, künftig lieber sagen, ein begeisterter, begabter oder erleuchteter Lehrer; und das Wort Reuter wollen wir an den Ausdruk vertauschen, ein fanatisches Auditorium, oder so etwas: Nachdem ich also den wichtigen Punkt darum es zu thun ist, fest gesezet habe, so wird mir izt obligen zu zeigen, durch was für Mittel ein solcher Lehrer zu seinen Gaben, oder zu der Begeisterung oder zu dem Licht gelanget; und durch was für eine Art von Gemeinschaft zwischen ihm und seinen Zuhörern, eben dieses Licht angebauet, und unterhalten wird.

Ich habe in allen meinen Schriften stets darauf gesehen, daß ich sie nicht bloß auf gewisse besondere Umstände der Zeit, des Orts, oder der Personen einrichten, sondern sie vielmehr für die ganze Natur, und für das menschliche Geschlecht insgemein, gerecht machen möge: Und von einem solchen allgemeinen Nuzen glaube ich, daß auch diese gegenwärtige Abhandlung sey. Denn unter allen andern Leibes- oder Gemüthsbeschaffenheiten kenne ich wol keine, zu welcher alle Nationen zu allen Zeiten eine so allgemeine Neigung gehabt hätten, als die fanatische Laune, oder die Enthusiasterey: Welche denn auch, da sie von gewissen Personen und Gesellschaften angebauet,und durch sie andern ist mitgetheilet worden, von Zeit zu Zeit solche Staatsveränderungen angerichtet [323] hat, welche in der Historie nicht wenig merkwürdig sind, gleich denen, so sich in den Geschichten von Arabien, Persien, China, Marocco und Peru, auch nur ein wenig umgesehen haben, nicht unbekannt seyn kann. Ferner hat sich dieselbe eine nicht geringere Gewalt auch in dem Reich der Gelehrsamkeit erworben; wo es schwer ist, auch nur eine einzige Kunst, oder Wissenschaft anzugeben, welche nicht ihre fanatische Nebenlinie habe: Dergleichen sind; der Stein der Weisen: Das grosse Elixier; Die Planeten-Welten: die Quadratura circuli: Das summum Bonum: Utopische Republiken; und verschiedene andere solche Dinge, die zu den untern oder geringern Classen dieser Gattungen gehören noch mehr, welche alle zu nichts anders dienen, als den Saamen der Enthusiasterey, der sich bey allen Menschen befindet, zu beleben, und zu unterhalten.

Allein so tief auch diese Pflanze in den Feldern der Staate, und der Gelehrsamkeit gewurzelt hat, so hat sie doch nirgends tiefere Wurzel gefaßt, und sich mehr ausgebreitet, als auf heiligem Grund. Daselbst hat man sie zwar mit dem allgemeinen Namen der Enthusiasterey beleget, wie sie denn wahrscheinlich mit ihr eben desselben Ursprungs seyn mag; dennoch aber hat sie Aeste von verschiedener und von ganz ungleicher Natur ausgeschlagen, welche vielfältig mit einander verwechselt worden. Man kann das Wort in seiner allgemeinen Bedeutung so erklären, daß es eine Erhebung der Seele, oder ihrer Kräfte über die Materie anzeiget. Diese Erklärung begreift die ganze Sache überhaupt: Ich bediente mich aber [324] derselben nur, in so fern sie auf die Religion kann zugeeignet werden, wo man befinden wird, daß es überhaupt drey Wege giebt, die Seele über die Sphäre der materiellen Dinge zu erheben. Der erste ist, die unmittelbare Eingebung, oder der prophetische Geist. Der andere ist die teuflische Eingebung, oder die Besizung: Der dritte kömmt von natürlichen Ursachen her; von einer erhizten Einbildungskraft, von der Milz, von heftigem Zorn, Furcht, Gramm, Schmerzen, und dergleichen.

Von diesen drey Arten haben andere Scribenten weitläuftig und hinlänglich gehandelt; daher ich nichts von denselben gedenken werde. Allein es ist noch eine vierte Art Enthusiasterey, oder des Ausgehens aus der Seele, in der Religion übrig, welche bloß die Würkung der Kunst, oder einer mechanischen Operation ist; wovon kein Scribent etwas gedacht, oder doch nur mit sehr wenigem Erwehnung davon gethan hat: Denn obschon dieses eine sehr alte Kunst ist, so war sie doch ehedem nur wenigen bekannt, und es währete lange, bis sie zu derjenigen Vollkommenheit gelanget ist, welche sie nachhin erhielt, nachdem sie so allgemein, und von so vielen Liebhabern ist angebauet worden.

Diese mechanische Operation ist es also, von welcher ich zu handeln gedenke, und zwar wie dieselbe izo von unsern Brittannischen Künstlern verrichtet wird: Ich werde dem Leser verschiedene hübsche Anmerkungen über diese Materie mittheilen, [325] und, trachten die gänzliche Beschaffenheit samt den Kunstgriefe dieser Begangenschaft bestmöglichst ins Licht zu sezen, indem ich sie mit Parallel-Exempeln erläutern und verschiedene neuere Entdekungen anführen werde, welche mir glüklicher[WS 80] Weise bekannt geworden sind.

Ich habe oben gesagt, daß es eine Art von Enthusiasterey in der Religion gebe, welche bloß eine Würkung der Natur ist: Da hingegen diejenige von welcher ich hier reden werde, ganz durch die Kunst zuwegen gebracht wird; welche indessen über gewisse Naturen und Constitutionen auch mehr vermag als über andere. Hiernächst ist ferner zu merken, daß es viele Dinge giebt, welche anfänglich zwar bloß durch die Kunst gewürket, hernach aber durch die Länge der Zeit ganz zur Natur werden. So erzehlet Hippocrates, daß unter unsern Vorfahren, den Scythen, eine Nation gewesen, welche man Spizköpfe[205] genennet hat. Diese entstand anfänglich von einer Gewohnheit, welche die Wehemütter und Ammen gehabt, die Köpfe der neugebornen Kinder zu drüken, zu streichen und zu binden; wodurch die Natur genöthiget ward, einen andern Weg zu suchen, und weil man ihr obenher Raum gelassen, in Form der Zukerstöke aufschoß. Hernach da sie so eine Zeit lange auf diesen Weg war eingeleitet worden, fand sie ihn endlich von selbst, und hatte der Beyhülfe der Ammen nicht weiter vonnöthen. Dieses war der Ursprung der Scythischen Spizköpfe, und so [326] ward die Gewohnheit, welche man sonst die andere Natur zu nennen pflegt, zur ersten. Nun hat sich unter uns, die wir unstreitig von diesem klugen Volk herstammen, würklich etwas sehr ähnliches zugetragen; denn zu unserer Väter Zeit entstand ein Geschlecht auf unsrer Insel, welches man Rundköpfe hieß, deren Nachkommen sich izo in alle drey Reiche häufig ausgebreitet haben. Anfänglich wurden dieselben ebenfalls bloß durch die Kunst hervorgebracht, vermittelst einer Scheere, einer runden Müze, und durch einiges Herausdrüken der Baken. Und diese Köpfe, die so in allen Versammlungen vollkommen sphärisch aussahen, fielen daselbst vornemlich dem Frauenzimmer ins Gesicht, welches denn einen solchen Eindruk auf ihre Einbildung machte, daß die Natur endlich den Wink verstand, und dergleichen von selbst hervorbrachte; also daß nun seit dieser Zeit ein Rundkopf bey uns, etwas eben so gewöhnliches ist, als bey den Scythen ehemals ein Spizkopf.

Zufolge dieser und anderer Exempel die ich noch mehr anführen könnte, wird also der Leser belieben, einen Unterscheid zu machen: Erstlich zwischen einer Würkung, welche anfangs durch die Kunst hervor gebracht, hernach aber natürlich geworden; und zwischen einer Wurkung, welche ursprünglich natürlich ist. Zweytens, zwischen einer Würkung, die ganz, und nach allen ihren Theilen natürlich ist, und zwischen einer solchen, welche die Natur bloß zum Fundament hat: dabey aber alles was darauf gebauet ist, gänzlich von der Kunst herrühret: Denn bloß das erste und lezte [327] dieser Stüke schlagen in meine vorhabende Materie ein; und dieser Unterscheid wird mir dienen, einige Einwürfe zu heben, welche wider das was ich hernach sagen werde, können gemacht werden.

Die Meister in dieser berühmten Kunst gründen sich überhaupt auf nachfolgenden Saz: Corruptio Sensuum est generatio Spiritus. Die Sinnen sind nemlich so viel offene Zugänge zu der Festung der Vernunft, welche bey dieser Operation gänzlich gesperret seyn muß. Und daher muß man alle ersinnliche Mittel anwenden, die Sinnen entweder abzuleiten, zu binden, zu betäuben, zu berauschen, und aufzuhalten, oder sie gar von ihren Posten wegzustossen. Und wenn sie so entweder abwesend, oder mit andern Dingen beschäftiget, oder in einen innerlichen Krieg unter sich selbst verwikelt sind, so ziehet alsdenn der Geist in die Festung ein, und herrschet darinn wie er es gut findet.

Was nun die gewöhnliche Methode anlanget, die Sinnen in einen solchen Zustand zu sezen, so werde ich solche so genau und umständlich beschreiben, als sich solches wird thun lassen: Denn da ich die Ehre gehabt, daß ich bey allen diesen Gesellschaften, zu ihren Geheimnissen bin eingeweihet worden, so hoffe ich, man werde mich für entschuldiget halten, wenn ich gewisse Gebräuche unberühret lasse, welche profane Leute nicht wissen dürfen.

[328] Ehe ich aber weiter kann fortgehen, muß ich hier einem gefährlichen Einwurf begegnen, und denselben wo möglich aus dem Weg räumen. Es giebt nemlich gewisse critische Köpfe, welche schlechterdings läugnen, daß der Geist, durch was für Mittel es immer sey, in die Versammlungen der Neuern Heiligen könne gebracht werden; weil sie in vielen Hauptumständen von denjenigen so gar sehr unterschieden wären, welche der Eingebung zuerst wären gewürdiget worden. Wir wissen, sagen sie: Erstlich, daß diese einmüthig bey einander gewesen sind,[WS 81] welches wol nicht anders verstanden werden könne, als daß bey ihnen eine vollkommene Eintracht, so wol in Ansehung der Glaubenspunkte, als auch des äusserlichen Gottesdiensts geherrschet habe: Da hingegen von den neuern erleuchteten nicht nur nicht zwey Conventicula sondern auch nicht einmal ihrer zween in einer und eben derselben Versammlung, eines Sinnes wären: Zweytens wenden sie ein, der Geist habe den wahren Heiligen in der ersten Kirche, die Gabe, fremde Sprachen zu reden,[WS 82] mitgetheilt; an statt, daß unsere Neuern von fremden Sprachen so wenig verstünden, daß sie nur nicht einmal die eigentliche Bedeutung der Wörter und Redensarten ihrer Muttersprache kannten: Und endlich sagen diese Grübelköpfe noch, daß diese leztern dem Geist würklich allen Zugang versperreten, indem sie sich so sorgfältig bedekten, und den Kopf so genau vermummeten. Denn sie sezen es als eine unstreitige Wahrheit voraus; daß [329] so lange ein Haupt bedekt gewesen, sich auch keine zertheilete Zungen darauf[206] gesezet hätten.

Ich antworte hierauf, daß die ganze Stärke dieser Einwürfe auf dem unrechten Verstand des Worts Geist beruhet. Diese Critiker verstehen nemlich durch dasselbe, eine übernatürliche Hülfe, welche von aussen hineinkömmt; und so haben sie recht, und man muß ihnen gewonnen geben: Allein da der Geist von welchem wir reden, gänzlich von innen kömmt, so fallen die Gründe dieser Gegner mit einmal gänzlich weg: Und eben deswegen haben auch unsere neuen Künstler gefunden, daß es schlechterdings nothwendig sey, den Kopf auf alle mögliche Weise wol zu verwahren, damit sie alle Transspiration verhintern, angesehen man wahrgenommen, daß das mechanische Licht durch nichts anders so sehr aufgezehret wird; wie wir vielleicht mit mehrerm an seinem Ort zeigen werden.

Damit wir also zur Erklärung dieses geistlichen Mechanismi kommen, so ist zu wissen, daß zur Erzeugung und Erregung des Geistes, die Versammlung das ihrige nicht weniger beytragen muß, als der Lehrer das seinige. Was jene anlanget, so besteht das Geheimniß darinn: Sie drehen die Augen gewaltig einwärts, und schliessen [330] die Augenlieder halb zu. Sodenn schaukeln sie auf ihren Stülen hin und her, und machen zuweilen ein langes Gebrumm, in eben der Höhe des Tones, in welchem der Lehrer seine Perioden beschließt, welche Zeit sie sich ordentlich dazu ausersehen. Und dieses alles ist eben nichts so selzames, daß man dergleichen nicht auch bey fremden Nationen antrefen sollte; Denn erstlich hatten die Yauguis[207] oder Heiligen in Indien, alle ihre Erleuchtungen ebenfalls unter künstlichen Verdrehungen und Zudrüken der Augen. Die Kunst durch Schaukeln auf einem Bret, oder auf einem Seil allerhand Entzükungen zu erregen, haben wir von unsern Vorfahren den[208] Scythen; bey denen es unter ihren Weibern noch bis auf den heutigen Tag im Gebrauch ist. Endlich wird die ganze Operation nach allen ihren Theilen von den Einwohnern in Irrland, noch mit einer beträchtlichen Verbesserung verrichtet; und man weiß, daß diese edle Nation unverdorbener geblieben als alle andern und von der Reinigkeit der alten Tartarn am allerwenigsten abgegangen ist: Es ist nemlich etwas sehr gemeines bey ihnen, daß sich ein Haufen Männer und Weiber zusammen thun, die sich von der Materie losreissen, ihre Sinnen betäuben, und begeistert werden, vermittelst einer ganz kurzen Tabakpfeiffe, welche in der Gesellschaft nach der Reihe herum gehet. Jedwede Person behält den Rauch in dem Mund, bis es wieder an sie kömmt, einen frischen Zug zu thun: Zugleich höret man [331] ein Concert von einem gewissen sehr artigen Gebrumme, welches durch den Instinkt, je nach Erforderung der Sache, von Zeit zu Zeit wiederholet und erneuert wird. Hiernächst bewegen sie ihre Leiber auf und nieder, daß Kopf und Füsse öfters mit dem Horizont parallel zu liegen kommen, und dabey stellen sie die Augen gerade, wie einer, der sich des Schlafes zu erwehren suchet. Woraus denn, und aus andern Symptomatibus mehr, klar erhellet, daß der Verstand seines Amtes völlig entsezet, und aller seiner Würkungen entlassen sey; hingegen die Einbildungskraft sich der Herrschaft bemächtiget habe, welche tausenderley Schwermereyen in dem Gehirn anrichtet.

Jedoch ich muß nunmehr zeigen, wie der Geist nach und nach, in die Versammlung kömmt: Wenn ihr die Augen also drehet, wie es die Kunst erfodert, so sehet ihr anfangs nichts: Nach einer kleinen Weile aber, erbliket ihr ein kleines schimmerndes Lichtlein, welches vor euch herum blinkert. Hernach wenn ihr den Leib öfters auf und nieder beweget, werdet ihr fühlen, daß die Dünste mit Macht empor steigen, bis ihr ganz wirblicht und dumm werdet, wie einer der des Morgens zu viel getrunken hat. Unterdessen thut der Lehrer das seinige ebenfalls. Er fängt mit einem lauten Gebrumme an; welches euch ganz durchdringet: So gleich wird dieses von der Versammlung erwiedert, und ihr findet euch durch einen starken Trieb genöthiget, es mitzumachen; ohne daß ihr recht wisset, was ihr thut. Die Interstitia werden von [332] dem Lehrer geflissen aufgefüllet, damit es keine allzulangen Pausen gebe, als wobey der Geist bald abnehmen, oder gar verschwinden würde.

Dieses ist alles, was ich von der Erzeugung des Geistes, so ferne die Versammlung Antheil daran hat, melden darf. Von der Methode des Lehrers aber, werde ich in dem folgenden Abschnitt weitläufiger und umständlicher handeln.


[333]
Zweyter Abschnitt.

Die hochberühmten, und mit der Gabe der Beredsamkeit so vortreflich ausgerüsteten Verfasser der neuern Reisbeschreibungen, pflegen die wichtige Anmerkung zu machen, daß der Hauptunterscheid, zwischen den wilden Indianern und uns, in Ansehung der Religion darinn bestehe, daß sie den Teufel, wir aber GOtt anbeten.

Indessen giebt es Leute, die diesen Unterscheid durchaus nicht zugeben wollen, sondern lieber glauben, daß alle Nationen den wahren GOtt anbeten; angesehen sie sämtlich ihre Andacht zu einem unsichtbaren Wesen zu richten scheinen, welches höchst gütig, und auch eben so mächtig sey, ihnen zu helfen. Vollkommenheiten, die wol in der That das Fundament der herrlichsten Eigenschaften sind, welche der Gottheit zugeschrieben werden.

Andere hingegen behaupten, daß diese Abgötter zwey Wesen verehren: Eines, von welchem alles Gute herkomme, und eines, welches alles Böse würke. Und ich halte bey nahe dafür, daß dieses der allergewöhnlichste Begrif ist, den sich die Menschen nach dem blossen Licht der Natur, von unsichtbaren Dingen, zu allen Zeiten gemacht haben: [334] Indessen wird es der Mühe wol werth seyn, zu untersuchen, wie beyde, die Indianer und Wir, sich dieser Idee bedienet, und welche Partey mehr Verstand dabey geäussert habe.

Was mich betrift, so glaube ich, der Unterscheid besteht in nicht viel anderm, als daß jene zur Andacht mehr durch die Furcht verleitet werden, und Wir hingegen mehr durch das Verlangen: Daß die Furcht jene beten, uns aber fluchen gelehrt habe. Was ich indessen an den Indianern lobe, ist dieses: daß sie sich bey ihrer Verehrung in Acht nehmen, ihre Gottheiten in die ihnen zukommende verschiedene Jurisdictionen einzuschränken, und niemals zugeben, daß dem weissen Gott eben der Dienst erzeiget werde, welcher für den schwarzen gehöret. Wir hingegen halten es ganz anders; und indem wir uns herausnehmen, durch das Auszirkeln und den Maaßstab unserer Vernunft, das Gebiet des einen Wesens zu erweitern, des andern aber zu verkleinern, so verrathen wir dadurch unsere grobe Unwissenheit, in Ansehung der Natur des Guten und des Bösen, und verwirren die Gränzen von beyden, auf die abgeschmakteste Weise. Indessen, nachdem die Menschen den Thron ihrer Gottheit in das Coelum Empyreum hinauf gesezet; und diesem Wesen alle diejenigen Eigenschaften, und Glükseligkeiten beygeleget haben, welche sie selbst theils besizen, theils am höchsten schäzen, und nachdem sie im Gegentheil das böse Principium, in das innerste Centrum verwiesen, mit Ketten gefesselt, verfluchet, mit schändlichern Eigenschaften begabet, als [335] der ärgste Bösewicht in der Stadt haben mag; und ihm noch einen Schwanz, Hörner, gespaltene Klauen, und schrekliche Augen beygeleget: so ist es in der That lächerlich, wenn eben diese Raisonneurs dessen ungeachtet, heftig zu streiten pflegen, ob gewisse Pläze und abgesonderte Oerter unter Gottes, oder des Teufels Gebiet gehören, und ob gewisse Gemüthsbewegungen, von dem guten oder bösen Principio gewürket werden?

Dum fas atque nefas, exiguo fine libidinum
discernunt avidi
- - - - - - -[WS 83]

So wenig erkennet man, daß Christus keine Gemeinschaft mit Belial hat etc.

Von eben der Art ist auch die Materie, welche wir izo vor uns haben. Man hat seit hundert Jahren gestritten, ob die Entzükungen und die Sprache unserer Enthusiastischen Lehrer in England, von einer Besizung oder Eingebung herrühre? Und auf beyden Seiten hat man eine Menge Beweisgründe aufgebracht, welche vermuthlich zu nichts dienen: Denn es bedünkt mich, daß es im Leben sey, wie in einer Tragödie; wo jedermann weiß, daß es ein grosser Fehler wider die Ordnung und Invention ist, eine übernatürliche Macht einzuführen, wenn es nicht die höchste Noth erfodert. Nichts desto weniger gehet der Menschen Eitelkeit öfters so weit, daß sie sich einbilden, das ganze Universum intereßiere sich für sie, auch in den allergeringsten Begegnissen. Ist einer glüklich über einen Graben gesprungen, so ist ganz gewiß [336] ein Engel vom Himmel gekommen, der ihn gehalten hat, damit er das schöne Kleid nicht besudeln möchte. Stößt er sich etwan mit dem Kopf wider eine Pfoste, so hat gewiß die Hölle einen Teufel abgeschikt, der ihn für seine Sünden also strafen sollte. Und wer kann es wol mit der gesunden Vernunft reimen, daß der Himmel oder die Hölle, sich darein mischen sollte, wenn ein Tropf vor einer Versammlung brummet, träumet, geifert, und allerhand wunderlich Zeug vornimmt? Ich werde mich also bemühen, den Leuten diesen Irrtum zu benehmen, und ihnen deutlich zu zeigen, daß dieß Geheimniß, geistliche Gaben zu verkaufen, nichts anders als ein Handwerk und eine Begangenschaft ist, welche man eben so lernet und ausübet, wie andere: Es wird dieses am besten aus der Beschreibung erhellen, welche ich hier von dem ganzen Proceß, (so wie er mir aus zuverläßigen Nachrichten, und aus eigener Erfahrung bekannt ist,) machen werde.

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * Hier folget in dem MS. die rechte ausführliche Beschreibung des geistlichen Mechanismi, welche mit sonderbarer Gelehrsamkeit ausgeführet ist; allein man hat wichtige Ursachen gehabt, dieselbe hier nicht mit druken zu lassen. * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

[337] Es wird nicht ausser dem Weg seyn, hier noch ein paar Worte beyzufügen, von der löblichen Gewohnheit, Wollengefütterte Kappen zu tragen. [209] Dieses ist nicht ein bloß wunderlicher Einfall, oder eine blosse Mode, wie einige dafür halten wollen; sondern vielmehr eine überaus nüzliche und kluge Erfindung. Diese Kappen verhintern nemlich, wenn sie vom Schweiß angefeuchtet sind, alle Transpiration; und indem sie die Hize zurükprellen, so machen sie, daß der Geist nirgend anders als zum Munde ausbrechen kann: Eben wie eine kluge Brandtenweinbrennerin, aus gleicher Ursach und mit gleicher Würkung ihren Brennkolben mit einem nassen Wische bedeket: Denn es halten gewisse grosse Gelehrte dafür, daß das Gehirn anders nichts als ein Klumpen kleiner Thierchen sey, welche sehr scharfe Zähne und Klauen haben, wodurch sie fest an einander hängen, und im Ganzen aussehen, wie der Kupferstich von Hobbeses Leviathan; oder wie ein Bienenschwarm der an einem Baum hänget, oder auch wie ein Aas, das zu lauter Würmgen geworden, und dabey seine erste Gestalt noch behalten hat: daß ferner alle Erfindung nur daher rühre, daß diese Thierchen etwan in gewisse Nerven im Kopf beissen, wovon drey Aeste in die Zunge, und zween in die rechte Hand gehen. Weiter behaupten sie: Diese Würmgen seyen von sehr kalter Natur, ihre Nahrung [338] sey die Luft, welche wir einziehen; ihre Excremente, Phlegma; und was wir sonst Husten und Schnupfen nennen, sey nichts anders als ein starker Durchfall, zu welchem diese kleine Republik gar überaus geneigt sey, wegen des Climatis darunter sie wohnet. Ferner, daß nichts anders im Stand sey, diese Thierchen auseinander zu bringen, oder sie anzureizen, in die vorgedachten Nerven zu beissen, als eine starke Hize: Sey nun dieser Biß sechsekigt, so bringe er Poesie hervor, sey er rund, so würke er Beredsamkeit, habe er die Gestalt eines Kegels, so werde der, so ihn empfängt, von Staatssachen schreiben, u. s. f.

Izo werde ich kürzlich beschreiben, wie die Stimme regieret werden muß, damit der Geist komme, und wol unterhalten werde: Denn ohne die Kunst jedem Wort, jeder Sylbe, ja jedem Buchstabe, den rechten Ton und Accent zu geben, ist die ganze Operation unvollständig, hat keine Würkung auf die Zuhörer, und nöthiget den Lehrer sich immer neue Mühe zu geben, wobey er doch nichts ausrichtet.

Die Ursach hievon ist diese, weil in der Sprache des Geistes, Jargon und Brummen die Stelle einnehmen, welche in der Sprache der Menschen Verstand und Vernunft inne haben. Denn in begeisterten Reden hat die nach der Grammatik eingerichtete Ordnung der Wörter nicht den geringsten Nuzen, sondern die Kunst und der Nachdruk bey einer solchen Rede, hänget gänzlich [339] von der Wahl und der Cadenz der Sylben ab: Eben wie etwan ein grosser Componist genöthiget ist, die Worte und ihre Ordnung so lange zu verändern und zu versezen, bis ein ganz dummes Zeug daraus wird, ehe er sie zu Music machen kann. Und deswegen haben auch einige dafür gehalten, daß die Kunst Jargon zu sprechen, sich niemals in grösserer Vollkommenheit befinde, als wenn sie die Unwissenheit zur Anführerin hat: welches auch Plutarch wie man glaubt, unter einem Bild zu verstehen giebt, wenn er schreibt, daß die besten musicalischen Instrumente von Eselsbeinen gemacht würden; wobey die grösten Critici behaupten wollen, daß das Wort eigentlich den Kinnbaken bedeute, wiewol andere lieber glauben, Plutarch habe das Os sacrum darunter verstanden. Ich will mich aber nicht unterfangen, einen so kizlichten Punkt auszumachen, sondern dem geneigten Leser überlassen, hierinn seinem eigenen Geschmak zu folgen.

Das vornehmste Ingrediens zu der Sprache der Begeisterung, ist eine zulängliche Dosis vom innerlichen Licht; das ist, ein gutes, mit theologischen vielsilbichten Worten, und dunkeln Schriftstellen wol angefülltes Gedächtniß, die man nach der Methode und vermittelst derjenigen mechanischen Operation, welche ich oben angeführt habe, wol digeriren und zueignen muß. Die, welche dieses Licht haben, gleichen den papiernen Laternen, welche ehedem von der alten Genever-Bibel gemacht, und von dem Lord-Maire, Sir [340] Humphrey Edwyn[210] so sehr genehmiget, und empfolen worden, daß er zu sagen pflegte; nunmehro würde die Schrift erfüllet, da es heißt, Lucerna pedibus meis, verbum tuum.[WS 84]

Nach diesem kömmt es bey der Ausübung dieser Kunst vornemlich darauf an, daß man die Stimme geschikt nach den Worten einzurichten wisse, welche der Geist eingiebet; dergestalt, daß jedes derselben die Ohren der Zuhörer in seiner nachdrüklichsten Cadenz berühre. Denn die Kraft und der Nachdruk dieser Beredsamkeit bestehet gar nicht, wie bey den alten Rednern, darinn, daß die Worte in eine Ordnung gesezt werden, woraus entweder eine verständige Sentenz, oder wolgesezte Periode entstehen, sondern vielmehr in einem nach der neuern Music eingerichteten langen Dehnen einzelner Sylben und Buchstaben. So siehet man, daß öfters ein einziger Selbstlauter die Leute seufzen macht, und durch die Music eines Liquiden, wird wol die ganze Versammlung von den neuern Heiligen zu gluchsen beweget. Doch dieses sind Kleinigkeiten, nachdem man erfahren, daß auch ein jeder nur undeutlicher Schall ebenso starke Würkungen hervorzubringen im Stande ist. Ein geschikter Werkmeister muß sich die Nase so gewaltig zu schneuzen wissen, daß es den Zuhörern ins Herz dringet, welche geneigt sind, die [341] Excremente seines Gehirns mit eben der Ehrfurcht anzunehmen, wie dasjenige, welches auf andere Weise davon fortgehet. Bey andern Rednern sind Ausspeyen, Husten, Rilzen, etc. grosse Fehler; ihm aber dienen sie statt der oratorischen Figuren und Blümchen, und machen in seinen Reden eine sonderbare Zierde aus. Denn da der Geist sich in allen diesen Dingen gleich mit befindet, so ist nichts daran gelegen, durch was für Vehicula er mitgetheilet werde.

Inzwischen ist es etwas sehr schweres, die Grundsäze dieser berühmten Kunst in gewisse bestimmte Regeln zu bringen: Es mag aber dennoch wol geschehen, daß ich mir einst die Welt verbindlich mache, durch Herausgebung meines critischen Versuches, Jargon zu sprechen; darinnen ich die Sache philosophisch, physicalisch und musicalisch abgehandelt habe.

Unter allen den Vortheilen aber, welche die Begeisterung von der Stimme erhalten hat, ist wol kein grösserer als der, den sie von der Kunst durch die Nase zu reden, beziehet, und welche unter dem Namen des Schnüpfelns so sehr viele Liebhaber gefunden hat. Der eigentliche Ursprung dieser Kunst ist nicht sehr bekannt; weil ich aber in das Geheimniß eingeweihet bin, und Erlaubniß erhalten es der Welt zu entdeken, so will ich eine so genaue Nachricht davon geben, als nur möglich ist.

[342] Diese Kunst hat gleich andern berühmten Erfindungen ihren Ursprung, oder doch zum wenigsten ihre Verbesserung und Vervollkommnung, einem ungefehren Zufall zu danken. Inzwischen beruhet sie doch auf richtigen Gründen, und hat seit dieser Zeit auf unserer Insel beständig gar sehr florirt. Darinn ist man einig, daß das Schnüpfeln zuerst aufgekommen, da die Sakpfeifen ins Abnehmen[211] geriethen; welche erst wegen des tödtlichen Hasses, den die Brüder gegen sie hegeten, eine zeitlang wakelten, und endlich mit der Monarchie gar fielen. Indessen erzehlet man die Geschichte also:

Noch war das Schnüpfeln nicht; als einem gewissen Heiligen von Banbury nachfolgendes begegnete: Eines Tages, als er sich tief unter die Hütten der Gottlosen hineingewaget hatte, fühlete er, daß sein äusserlicher Mensch in selzame Bewegungen gesezet, und von dem innerlichen gar sehr angespornet wurde; eine Wirkung welche bey den neuern Begeisterten nichts ungewöhnliches ist: Denn es halten einige dafür, daß der Geist sich eben so begierig vom Fleisch nehre als die Wespen von einer süssen Frucht. Andere hingegen glauben, es sey unter beyden ein beständiges [343] Reitspiel,[212] wobey eines bald das Pferd, bald auch wiederum der Reuter ist. Sie sezen hinzu, daß wenn das Fleisch der Reuter ist, solches allemal sehr grosse Spornen habe, und wenn es hingegen das Pferd ist, überaus hartmäuligt sey. Dem sey wie ihm wolle; so fühlete unser Heilige daß das Gefäß seines Leibes sich in allen Theilen aufschwellete, welches bey einer starken Begeisterung ordentlich zu geschehen pflegt. Da ihm nun, unglüklicher Weise, weder die Gelegenheit des Orts noch der Zeit erlaubte, dem Trieb durch Lesen, Beten und Betrachtungen oben her Luft zu machen, so war er genöthiget, ihm auf eine andere Art den Weg zu eröfnen. Kurz, er kämpfte so lange mit dem Fleisch, bis er es unter sich bekam, und endlich mit rühmlichen Wunden, alle von vornen, den Kampfplaz verließ. Nun hatte der Chirurgus diejenigen Theile, welche am meisten beschädiget waren, curirt; allein weil das Uebel von seinem Posten vertrieben ward, so zog es sich in den Kopf hinauf: Und gleich wie ein kluger General, der im Feld geschlagen, und aus den Trenchées vertrieben worden, sich mit forcirten Märschen in die Hauptvestung retirirt, und die Brüken hinter ihm abwirft; also zog sich das Uebel, nachdem es von seinem ersten Posten vertrieben war, gegen die obern Theile, und verschanzte sich daselbst; weil es aber sah, daß der Feind eine Attaque auf die Nase formirte, so warf es diese Brüke ab, [344] und retirirte sich vollends in die Hauptvestung des Gehirns hinauf.

Nun haben die Naturkündiger angemerket, daß in den menschlichen Nasen sich eine Idiosyncrasie befindet, wodurch geschiehet, daß je mehr sie verstopfet sind, je mehr die Stimme sich durchzuzwingen suchet, eben wie bey einer Flöte, die Music durch Zuhaltung der Löcher entsteht. Auf diese Art wird eine solche Nasenmusic dem Klang einer Sakpfeife vollkommen ähnlich; und man hat befunden, daß sie auch den brittannischen Ohren eben so angenehm klinget, als der Ton einer solchen: Wovon unser Heilige bald durch die Erfahrung überzeuget ward, indem er dieß sein neues Vermögen, bey der mechanischen Erzeugung des Geistes, mit dem besten Erfolg anwendete; denn in wenig Zeit hielt man keine Lehre für wahr und orthodox, wenn sie nicht durch die Nase gesagt ward. Sogleich suchte jeder Pfarrer es diesem Muster nach zu thun, und die welche es nicht zuwege bringen konnten, wurden durch einen lobenswürdigen Eifer angetrieben, eben das Experiment vor die Hand zu nehmen, durch welches der Heilige seine Geschiklichkeit erlanget hatte. Also daß man sagen kann, es haben die neuern Heiligen ihre Herrschaft dem Schnüpfeln eines - - - - zu danken, so wie ehemals Darius die seinige, dem Wiehern eines Pferds; und daß auch dieselbe Methode in beyden Fällen gebraucht worden sey; denn wir lesen, daß die persische Bestie[213] den [345] Tag vorher eine Stutte an dem Ort beleget habe, wo sie den folgenden hernach gewiehert hat.

Ich würde hier schliessen, wenn ich nicht gar wol einsähe, daß man gegen das, was ich über diese Materie beygebracht, einen sehr scheinbaren Einwurf machen kann. Gesezt nemlich, daß man mir auch alles was ich gesagt, vollkommen zugiebt; so kann man doch stets, nicht ohne Grund einwenden, daß bey dem mechanischen Enthusiasmus immer ein gewisses besonderes Temperament und eine gewisse natürliche Beschaffenheit, gleichsam zum Grund liege, worauf derselbe gebauet wird, und woran es andern Leuten, die nicht zu diesen Heiligen gehören, fehlet. Denn man gebe nur einmal auf die Minen, Geberden und Bewegungen solcher Leute, auch in ihren gemeinsten Verrichtungen, Achtung; so wird man finden, daß sie eine ganz besondere Art Menschen sind: Wie finster, wie dunkel und wie rußicht sind nicht die Prätendenten des innerlichen Lichts, hingegen von aussen? Nicht anders als wie die Laternen; je grösser das Licht darinnen ist, je mehr Rauch und Dampf geben sie von sich, und je mehr Ruß und Schmuz leget sich an die Seiten an. Hört man sie reden, und siehet dabey auf die Bewegungen des Mundes, so läßt es nicht anders, als ob man ein altes Oraculum vernähme, aus welchem man auch eben so klug wird, als vormals zu den alten Zeiten.

[346] Aus diesen und andern dergleichen Gründen wollen einige erhärten, daß mithin nothwendig ein übernatürlicher Geist in dem Gehirn dieser Heiligen seine Werkstatt habe, und sie begeistere: Andere schreiben die ganze Sache der Hize des Eifers zu, welcher auf die Hefen der Unwissenheit würke, und den Geist davon abziehe; so wie man durch die Hize des Feuers von andern Hefen ebenfalls gewisse Spiritus abziehen könne. Und noch andere wollen, daß wenn unsere irrdische Hütten wüste und einsam werden, wakeln, und baufällig sind, so nehme der Geist gerne Wohnung darinn eben wie man solches von andern wüsten und verlassenen Häusern auch zu sagen pflegt.

Damit ich nun die ganze Materie so viel möglich ins Licht seze, so will ich hier die Historie des Fanaticismi, von den ältesten Zeiten bis auf die unsere kürzlich, anführen. Finden wir in derselben einen Hauptpunkt, in welchem die berühmtesten von dieser Art Leute übereinkommen, so glaube ich, wir werden uns mit Grund daran halten, und ihn für den ersten Saamen, oder das Grund-Principium des Geistes annehmen mögen.

Die allerersten Spuren des Fanaticismi treffen wir in der Historie der alten Egyptier an, welche die Gebräuche einführeten, die in Griechenland, unter dem Nammen Orgya, Panegyres und Dionysia bekannt waren. Ob sie aber von dem Orpheus, oder Melampus angegeben worden, darum werden wir uns weder izt, noch vermuthlich [347] auch künftig jemals bekümmern. [214] Diese Feste wurden dem Osyris zu Ehren gefeyert, welchen die Griechen, Dionysius nenneten, und der mit dem Bachus dieselbe Person ist: Daher sich einige flüchtige Leser gleich eingebildet haben, daß die ganze Sache in lauter tollen Händeln versoffener Leute bestanden hätte. Allein es ist dieses ein grober Irrtum, welcher der Welt von gewissen neuern Scribenten ist aufgeheftet worden, die einen allzubuchstäblichen Verstand haben; und sich einbilden, weil man dem Alterthum rückwärts nachspüren muß, so müssen sie die Bücher auch von hinten anfangen, wie die Juden; gleich als ob die Gelehrsamkeit eine Art von Beschwörung wäre. Dieses sind diejenigen, welche ein Buch verstehen wollen, indem sie nur das Register durchsehen: Gleich als wenn einer der auf Reisen gewesen, uns einen Pallast beschreiben wollte, von welchem er weiter nichts, als das heimliche Gemach gesehen hätte; oder auch wie gewisse Wahrsager in dem nördlichen America, welche den Leuten ihr Schiksal vorsagen, indem sie ihnen in die Hosen guken.

Damals nemlich, als diese Geheimnisse eingeführt worden,[215] war noch kein Weinstok in ganz Egypten, sondern die Einwohner tranken lauter süsses Bier: Dieser Trank ist viel älter als der Wein, und hat die Ehre seiner Erfindung [348] und Ausbreitung, nicht nur dem Egyptischen[WS 85] [216] Osiris sondern auch dem Griechischen Bachus zu danken; welche auf ihren berühmten Heerzügen das Recept bey sich hatten, und solches den überwundenen Völkern mittheilten. Hiernächst ist auch Bachus selten oder gar niemals trunken gewesen, dann die Geschichte meldet, daß er der Erfinder [217] der Müze gewesen, welche er und alle seine Gefehrten beständig getragen haben, um dadurch die Dünste und das Kopfweh, nach starkem Trinken, zu vermeiden. Daher auch einige sagen, daß die grosse Hure, welche die Könige der Erde mit dem Wein ihrer Hurerey trunken macht, für sich selbst stets unberauscht bleibe, obschon sie den Becher, wenn er an sie kömmt, niemals vorbey gehen läßt; indem sie sich, wie es scheint, aufrecht erhält, vermittelst ihrer dreyfachen Müze.

Nun wurden diese Feste zum Andenken der berühmten Expedition des Osyris und seiner Gefehrten [349] gefeyert, wovon die Ceremonien so viele Bilder und Nachahmungen waren;[218] und folglich ist klar, daß alle die fanatischen Gebräuche an diesen Bachusfesten, gar nicht auf die Würkungen des Weins zu schieben sind, sondern nothwendig ein Fundament müssen gehabt haben, welches viel tiefer liegt.

Was für eines es aber gewesen sey, das können wir aus Betrachtung verschiedener Umstände, die bey diesen Festen vorkamen, abnehmen. Denn erstlich zog bey ihren Proceßionen Manns- und Weibsvolk alles untereinander. Sie schwermten auf Bergen und Einöden herum. Ihre Kränze waren von Epheu und Weinblättern; Sinnbilder der Vereinigung und des Zusammenhangens; oder auch von Tannen, woher der stark brennende Terpentin kömmt. Die Geschichte sagt ferner, daß sie sich den Satyren gleich gestellet, von Ziegenböken begleitet gewesen, und auf Eseln geritten wären; alles Gefehrten, die in der Galanterie sehr berühmt sind: Ihre Insignien waren gewisse curieuse Figuren, in Gestalt der virga genitalis, samt dem was dazu gehört; welche sie auf langen Stangen vor sich her tragen liessen; und die so wol Schatten und Abbildungen des ganzen Geheimnisses, als auch zugleich so viel Siegesmale waren, welche sich das Frauenzimmer unter ihnen aufrichtete: Endlich waren so gar in einer gewissen Stadt in Attica, alle Sinnbilder[219][350] abgeschaft. Man feyerte das Fest in puris naturalibus, und die dabey befindliche Personen liefen nicht in Haufen unter einander, sondern waren ordentlich in Paar und Paar, eingetheilet. Und zur Bestätigung unserer Vermuthung dienet auch noch, was wir von der Todesart des Orpheus lesen, welcher diese Geheimnisse mit einführen geholfen hat: Derselbe ward nemlich von den Weibern zerrissen, weil er ihnen seine Orgya[220] nicht hat erlauben wollen; welches andere also erklären, daß sie sagen: Er habe sich, vor Betrübniß wegen des Verlusts seines Weibes, selbst entmannet.

Wir übergehen viele andere Fanatiker, die weniger berühmt waren: Die vornehmsten aber, welche wir nachher antrefen, sind die verschiedenen Kezerischen Secten, welche in den fünf ersten Jahrhunderten entstanden sind; von Simon Magus[WS 86] und seinen Nachfolgern an, bis auf den Eutyches.[WS 87] Ich habe mir ihre Systeme durch unermüdetes Lesen bekannt gemachet; und aus Vergleichung derselben, mit den Lehren ihrer Nachfolger, bis auf die gegenwärtigen Zeiten, befinde ich, daß auch selbst die verschiedene Irregularität der menschlichen Gedanken ihre gesezte Gränzen hat; und zwar so, daß diese viel enger zu seyn pflegen, als man sich insgemein einbildet: Denn gleich wie sie sämtlich, auch bey ihren wildesten Ausschweifungen, dennoch einander öfters in ihre besondere Gebiete einlaufen, also haben sie auch einen [351] gewissen Hauptpunkt, darinnen sie zusammen trefen, wie die Linien im Centro; und dieser ist die Gemeinschaft der Weiber: Dieses Stük haben die Fanatiker wol niemals vergessen, und man wird in ihren Systemen stets einige Artikel antrefen, welche darauf abzielen.

Die lezten Fanatici, welche sich berühmt gemachet, sind die, welche in Deutschland, nicht lang nach Luthers Reformation aufstanden, und hervorwuchsen wie die Pilzen am Ende des Herbstes: Solche waren Johann von Leyden, David George,[WS 88] Adam Neuster[WS 89] und viele andere, deren Gesichte und Offenbarungen alle, zulezt ordentlich dahin ausliefen, daß jeder ein halb Duzend Schwestern mit sich herum führete, welche Gewohnheit sie zu einem Fundamental-Punkt ihrer Lehre machten. Denn das menschliche Leben ist eine beständige Schiffahrt; und wenn wir wollen, daß unsere[221] Schiffe glüklich durch die Wellen und Stürme dieser Welt hindurch kommen, so müssen wir uns, wie die Seeleute, wenn sie eine lange Reise vorhaben, mit einer guten Portion Fleisch versehen.

Aus dieser kurzen Untersuchung einiger Haupt-Sekten der Fanatiker, in den alten und neuern Zeiten, (denn die Mahometaner und andere, welche ich zum Behuf der Sache noch ferner anführen könnte, übergehe ich; und eben so auch noch verschiedene solche Sekten unter uns, als da sind, die Familie der Liebe, die lieblichen Sänger [352] in Israel, und dergleichen) und aus Betrachtung des bemerkten Fundamentalartikels ihrer Systeme, worinn sie alle so einmüthig übereinstimmen, läßt sich schliessen, daß das Principium der Gesichte und Offenbarungen, bey solchen Leuten von ganz körperlicher Natur sey. Denn die großen Chymici versichern uns, daß der stärkeste Spiritus von menschlichem Fleisch könne abgezogen werden; und da ferner, das Mark in dem Rükgrad, nichts anders, als eine Fortsezung des Gehirns ist, so muß dieses nothwendig eine freye und ungehinterte Gemeinschaft der obern und untern Kräfte verursachen; also, daß der Stachel des Fleisches zum Sporn des Geistes wird. Wie denn auch alle Medici der Meynung sind, daß der Kopf durch nichts so sehr angegriefen werde, als wenn gewisse kizelnde Dünste zurüke gehen, und in die Höhe steigen; wo sie gemeiniglich Tollheit und Raserey zu verursachen pflegen. Ein vornehmes Mitglied der Medicinischen Facultät hat mich versichert, daß er zur Zeit als die Quäker in unserer Insul zuerst aufgekommen wären, stets einen Haufen Weibspersonen zu Patienten gehabt hätte, welche der furor * * * *

Ueberhaupt sind alle begeisterte Personen, so wol von dem männlichen als weiblichen Geschlecht, von einer sehr verliebten Complexion: Der Eifer fängt sich bisweilen von eben den Ursachen an, von welchen andere Feuer auch entstehen; und nachdem er die brüderliche Liebe in Flammen gesezet, so gehet er sehr gern fort, auch die galante Liebe [353] zu entzünden: Man sehe nur, wie es diejenigen machen, welche ein Frauenzimmer nach der neuen Mode careßiren. Ihre Methode besteht ordentlich in einer andächtigen Verdrehung der Augen, welches man Liebäugeln nennet; und in einem künstlichen Jargon, und gelernten Klagen, wobey das Stillschweigen jedesmal aus Mangel anderer Materie, durch einen Seufzer, durch ein tiefes Athemholen, oder durch ein Krechzen unterbrochen wird; und endlich in Reden, wo weder Verstand noch Zusammenhang ist, und die sie nur stets widerholen. Dieses sind, wie ich glaube, die allervornemsten Regeln, einem Frauenzimmer ans Herz zu kommen: Wer weiß sich aber derselben wol mit mehrerer Geschiklichkeit zu bedienen, als unsere neuern Heiligen? Ja es haben, (die Sache noch näher zu beweisen,) so gar einige vollblütige Brüder von der ersten Classe, selbst erzehlet, daß ihnen mitten in ihren Begeisterungen begegnet, daß sie * * * * * * * * * * * * da denn auf die erfolgte Schwachheit, auch so gleich der Geist abgenommen hätte, und verflogen wäre; also daß sie genöthiget gewesen wären, ihre Reden zu beschliessen.

Endlich kann die Sache auch noch dadurch bestätiget werden, daß alle Weibspersonen, (welches zu verwundern,) die fanatischen Prediger so sehr lieben, ob sie gleich noch ein so übles Ansehen haben; welches, wie man insgemein glaubt, aus lauter geistlichen Absichten geschiehet. Allein [354] ich vermuthe nicht ohne Ursach, daß die Weibspersonen gewisse Kennzeichen haben, vermittelst derer sie von dem Vermögen der Männer weit besser urtheilen, als wir Männer unter uns selbst.

Dem sey wie ihm wolle: So viel ist gewiß, daß geistliche Intriguen, mit andern insgemein einerley Ausgang nehmen, obschon sie sich anders anfangen. Ihre Aeste mögen sich immer gegen den Himmel erheben, so bleibt doch die Wurzel in der Erde. Eine allzustarke Beschaulichkeit ist kein Werk für Fleisch und Blut: Sie muß natürlicher Weise in kurzer Zeit nachlassen, und wieder zur Materie herunter fallen. Diejenigen, welche einander unter dem Vorwand einer himmlischen Gemeinschaft allzuvertraut lieben, sind bloß eine neue Art Platoniker, welche in den Augen der Schönen, lauter Himmel und Sterne zu beschauen, vorgeben, und behaupten, daß sie auf nichts niedrigers sehen, oder denken. Aber beyden ist die gleiche Grube bereitet; und sie sind beyderseits ein wahres Gegenbild der Historie jenes Sternkundigers, der Gedanken und Augen auf das Gestirn geheftet hatte, indessen daß ihn seine untern Theile in eine Pfüze verleiteten.

Ich hätte noch unterschiedenes mehr hiervon zu schreiben: Allein die Post will gleich abgehen, und ich muß eilends schliessen. Ich verharre etc.

P. S. Diesen Brief wollen
Sie gleich verbrennen, wenn
Sie ihn gelesen haben.

[355]
Nachschrift
der
deutschen Verleger.

Den Vorschlag zur Beföderung der Religion, und Verbesserung der Sitten, welchen der Herr Uebersezer, der Vorrede zufolge, diesem Theil noch beyfügen wollen, bekömmt der geneigte Leser in einem folgenden: Verschiedene Umstände haben uns nicht erlaubt, denselben diesem gegenwärtigen einzuverleiben.


Ende des dritten Bands.

  1. Ein Brief über die Schwermerey.
  2. Der Leser wird bey der Stelle selbst hieran erinnert werden.
  3. Der Ritter William Temple.
  4. Engl. Banter. Eine Art verächtlichen Wizes, wovon unten ein paar Beyspiele vorkommen. Das Wort selbst ist sehr niedrig.
  5. E. a mere farce, and a Ladle: Der Wiz beruhet auf der Zweydeutigkeit des Worts farce, daß auch klein gehaktes Fleisch bedeutet.
  6. Milord John Sommers war Kanzler in England, und einer der berühmtesten Männer seiner Zeit. Hierbey war er ein grosser Patron der Gelehrten, weswegen ihm sehr viele Bücher zugeeignet worden.
  7. Die folgende Zueignungsschrift an den Prinzen Nachwelt.
  8. Der Verfasser verstehet die Regierung Wilhelms des Dritten.
  9. In dem obern Parlamentshause.
  10. Sehet die Apologie.
  11. Nota. Die Stelle aus dem Irenäus auf dem Titelblatt, welche ganz unverständlich zu seyn scheinet, ist eine Einweihungs-Formel, deren sich ehmals die Marcioniten zu bedienen pflegten.      W. Wotton.
  12. Scribenten die in einem übeln Ruffe stehen, apellieren gemeiniglich an die Nachwelt; dieselbe wird hier als ein minderjähriger Prinz vorgestellet, und die Zeit als dessen Hofmeister. Der Verfasser fängt hier in einem Styl an, der ihm sehr gewöhnt ist, indem er die Person solcher Scribenten annihmt, welche öfters Gründe und Entschuldigungen vorbringen, warum sie ihre Werke heraus geben, die sie besonders verschweigen, und deren sie sich schämen sollten.
  13. Virgils.
  14. Bentleys Episteln Phalaris.
  15. Von der alten und neuern Gelehrsamkeit.
  16. Das Alterthum.
  17. Die Auctores in usum Delphini etc.
  18. Vorreden und Zuschriften zu lesen.
  19. Ein schöner Spazierplaz in London.
  20. Ebenfalls ein solcher. Das Wörtlein unten befindet sich nicht in dem Grundtext; der Uebersezer mag es aus Versehen hingesezet haben: wenigstens ist Hidepark ein Spazierplaz in London, und nicht anderswo.
  21. Jacob der Erste. Ein grosser Doctor aber kleiner Monarch. Man hat folgenden Vers auf ihn gemachet:

    Rex erat Elisabeth, nunc est Regina Jacobus.

  22. Eine Provinz in Schottland.
  23. Xenoph.
  24. Die Kirche welche der Hof besuchet.
  25. Geld und Maitressen.
  26. Die Diebe pflegen in England noch auf der Leiter lange Reden zu halten.
  27. Schottland hieß vor Zeiten Caledonia. Die Presbyterianer haben daselbst die Oberhand, welche allen Zierrath aus ihren Kirchen verbannen; daher der Verfasser hier ihre schlechten Kanzeln lobet. Sie gehören mit unter die Nonconformisten.
  28. Verstehe der Marktschreyer.
  29. Die zwo wesentlichen Eigenschaften eines fanatischen Predigers sind, sein inneres Licht, und sein Kopf voll selzamer Grillen; und das zweyfache Schiksal seiner Schriften ist, daß sie verbrannt, oder von den Würmern gefressen werden.
  30. Das Caffeehaus zum Wilhelm war ehdem der Ort wo die Poeten gemeiniglich zusammen kamen.
  31. Ein diker Trank von Säkwein, Milchsahne, Muscatennuß, Zuker und Eyern.
  32. Er lebte tausend Jahre.
  33. Wottons Abhandlung von der alten und neuern Gelehrsamkeit.
  34. Hier scheinet der Verfasser den Styl eines l’Estrange, Drydens, und einiger anderer anzunehmen, welche, nachdem sie ihr Leben in allerley Lastern, Parteyung und Falschheit zugebracht, unverschämt genung sind, von Verdienst, Unschuld und Verfolgung zu sprechen.
  35. Zu den Zeiten Karls des Zweiten, trug man sich mit der Sage, daß man in einem Mehlfaß eine Schrift von einem Preßbyterianischen Complot gefunden hätte. Welches damals viel Aufsehens machte.
  36. Das Titelblatt in der Handschrift war so übel zugerichtet, daß man verschiedene Aufschriften oder Titel die noch weiter darauf befindlich waren, und deren der Verfasser hier gedenket, nicht mehr lesen konnte.
  37. Man sehe seinen übersezten Virgil.
  38. Durch die drey Söhne werden die drey Kirchen verstanden, die Römische, Lutherische und Reformierte. In so fern aber der Verfasser besonders auf sein Vaterland siehet, so hat er nebst dem Papsttum die Engländische Kirche, und die Preßbyterianer im Augenmerk.
  39. Die Kleider bedeuten den Glauben und die Lehre der christlichen Religion, welche von ihrem weisen und göttlichen Stifter, für alle Zeiten, Personen, Oerter, und Umstände gerecht gemachet ist.
  40. Die Schriften des neuen Testaments.
  41. Hierdurch werden die ersten Jahrhunderte verstanden, in welchen die Religion noch unverfälscht beybehalten, und das Heidenthum ausgerottet ward.
  42. Hierdurch wird ein Schneider verstanden.
  43. Das Bügeleisen.
  44. Eine Laus.
  45. E. Yard. Das Wort bedeutet eine Elle, und zugleich auch die Segelstange, oder die Raa, welche quer vor dem Mastbaum hänget; daher der Verfasser die Seeleute in seine Allegorie hinein zieht.
  46. Dieses ist eine Satire wider die Heuchler und Fanatiker, welche die Religion und das Gewissen stets zum Dekmantel ihrer Boßheit und Laster machen.
  47. Dieses ist der wesentliche Charakter der christlichen Religion. Ammianus Marcellinus, ein Heid, schreibet von ihr, Christiana Religio absoluta & simplex.      W. Wotton.
  48. Der erste weder zur Erbauung noch zum Wolstand dienende Prunk und Zierrath, der in die Kirche eingeführet ward, so wie Axelbänder ebenfalls weder Nuzen oder Symmetrie haben.
  49. Die Kunst der Papisten die h. Schrift zu erklären.
  50. D. i. Jure divino.
  51. Der Autor spottet hier der sogenannten Traditionen, oder der papistischen Aufsäze, welche die Papisten das ungeschriebene Wort GOttes nennen, und aus welchem sie ihre abergläubischen Gebräuche beweisen wollen. Dieser Beweis kömmt auf nichts anders heraus, als daß sie ihre Vorfahren hätten sagen gehört, wie diese von ihren Eltern gehöret, daß ihre Eltern auch hätten sagen gehört, wie ihre Vorfahren es hätten sagen gehört, daß die Apostel dieses sollten gesagt haben.
  52. D. i. Sie sollten sich vor der Hölle in acht nehmen, und deswegen das Feuer ihrer Lüste dämmen; vermuthlich zielet der Verfasser hier auf eine gewisse Stelle Petri, welche die Papisten ihr Fegfeuer zu beweisen, mißbrauchen. Das Codicill welches der gelehrte Bruder dem Testament angehänget hat, sind die Apocryphischen Bücher welche die Römische Kirche für Canonisch erkläret hat, weil es in ihren Kram dienet. Um es desto verständlicher zu machen, daß er diese Bücher verstehe, zielet er in der Allegorie auf eine Stelle des Buchs Tobias, da von desselben Hunde Meldung geschiehet. Man muß aber deswegen die Stellen welche die Papisten auf das Fegfeuer ziehen, eben nicht nothwendig in diesem Buch suchen. Der Verfasser hat hiedurch nur die Arocryphischen Bücher überhaupt andeuten wollen. In den Büchern der Maccabäer kömmt hingegen etwas vor, woraus sie ihre Gebete für die Todten zu erweisen meynen.
  53. Fernere Einführung des Kleiderprachts und der Kirchen-Zierrathen.
  54. Der Verfasser lachet hier den vielfältigen Unterschied aus, welchen die Papisten von dem Sinne der H. Schrift zu machen pflegen. Ingleichen verspottet er ihren Köhlerglauben und die Macht des Papsts.
  55. Die Anbettung der Bilder, welche mit der ehemaligen Vielgötterey der Heiden übereinkömmt. Die Papisten wollen solche entschuldigen, wenn sie sagen, sie erzeigten ihnen gar nicht einen solchen Dienst, welcher den Juden so ernstlich von GOtt wäre verbotten worden.
  56. Das Verbot, dem gemeinen Volk die H. Schrift in die Hände zu geben. Der Verfasser sagt, daß der feste Kasten darein die Brüder einig geworden, ihres Vaters Testament zu verschliessen, aus Griechenland oder Italien gebracht worden, weil das N. T. in der Griechischen, und die Vulgata in der Lateinischen Sprache geschrieben sind.
  57. Allerley Gebräuche, welche die Römische Kirche aus eigener Macht eingeführet hat.
  58. Die römischen Kayser, welche die Päpste in Schuz nahmen, und besonders Constantin der Grosse von welchem die Päpste vorgeben, eine Donation von St. Peters Patrimonio erhalten zu haben. Sie sezten sich in der Kayserlichen Hauptstadt vest, und richteten daselbst ihr eigenes Reich auf.
  59. Es hat das Ansehen, daß der Verfasser viele heutige Criticos, besonders unter den jungen Herren Magistris legentibus, durch seine Satire spät bereden wird, zu diesen alten Criticis über zu gehen. Sie naschen lieber im Dr - - den sie finden, und wenn sie ihn nicht finden, so tragen sie ihn wizig anders woher herbey, damit sie die Lust nicht missen müssen, darein zu treten. Ein Buch anderst zu lesen als nur in der Absicht Fehler zu entdeken, haben sie nie gelernet; und kaum entdeken sie, daß ein Scribent da oder dort etwas lächerliches oder ungereimtes gesagt hat, so ist ihnen gleich der ganze Mann und die ganze Schrift lächerlich. Das sind verächtliche Lumpen. Chacun (sagt Bayle) scait que les Epithethes, qui denotent une bonne ou une mauvaise qualité, n’appartiennent qu’à ceux qui par la frequente reiteracion des mémes actes ont contracté une bonne ou une mauvaise habitude. De sorte qu’il n’y a rien de plus malhonnête, ni de plus illegitime, que ce que font les Ecrivains emportez, qui n’ont pas plûtot trouvé dans le livre qu’ils refutent une proposition destituée de bon sens, qu’ils traitent l’Auteur de fou, d’insensé, de ridicule, d’homme qui n’a pas le sens commun. Nouv. Lettr. Tom. I. p. 155.
  60. In dem - - - Buch.
  61. In dem 4. Buch.
  62. Plut. in der Lebensbeschreibung des Themistocles.
  63. Eine Art zu citiren, deren sich grosse Männer bedienet haben. Siehe Bentleys Dissert.
  64. In diesem Abschnitt wird auf die Herrschaft gezielet, welche sich der Römische Papst angemasset, ingleichem auf die Macht und Güter, die er nach und nach durch allerhand Kunstgriffe bekommen hat.
  65. Dieses Land mag das Fegfeuer, oder den eingebildeten dritten Ort zwischen dem Himmel und der Hölle andeuten. Und der Verfasser giebt zu verstehen, daß diese Lehren von dem Heidenthum entlehnt wären.
  66. Der Ablaß und die Bussen welche die Pfaffen den Leuten auferlegen. Man kann sie so leidenlich haben als man will, wenn man nach Proportion Geld giebt.
  67. Die Ohrenbeicht.
  68. Ich sollte fast glauben, daß des Autor die Pfaffen darunter verstühnde.
  69. Die Indulgenzen.
  70. Die Gaukeleyen Proceßionen, etc. welche die Papisten mit ihren Bildern der Heiligen vornehmen.
  71. Das Weyhwasser.
  72. Die Consecration des Weyhwassers, das sonst von dem gemeinen Wasser nicht unterschieden ist.
  73. Die Päpstlichen Bullen.
  74. Der Verfasser zielet auf die bleyerne Siegel an den Päpstlichen Bullen; ihr Brüllen bedeutet die Bannstralen, die in Verfolg der Zeit nicht mehr so viel Würkung thun wollten.
  75. Die Päpstlichen Bullen werden sub annulo piscatoris ausgestellet, und das Siegel hänget an Riemen.
  76. Kayser, Könige, und Fürsten, so in die Päpstliche Ungnade fielen; ingleichen die Kezer und Schismaticos.
  77. Heinrich der VIII. warf zuerst das päpstliche Joch vom Hals.
  78. Die Absolution in articulo mortis; und die Römische Kanzeley-Taxe, nach welcher auch die gröbsten Bubenstüke um gar billigen Preis angesezet sind.
  79. Die dreyfache päpstliche Krone etc.
  80. Das Verbott der Ehe unter den Geistlichen, und die Erlaubniß des Concubinats.
  81. Die Versagung des Kelchs im H. Abendmal.
  82. Die Leyen müssen sich mit dem Brod zu frieden geben, weil die Priester ihnen sagen, das Blut Christi sey zugleich mit in dem Leib, den sie empfangen.
  83. Die Transsubstantiation.
  84. Die Reformation.
  85. Die Milch der Muter Mariä, welche die Papisten an so vielen Orten haben.
  86. Das Holz, und die Nägel vom Creuz Christi.
  87. Die Kapelle der Mutter GOttes zu Loretto, von welcher die Papisten vorgeben, sie wäre 1291. aus Nazareth bis in Dalmatien hinwegetragen, und drey oder vier Jahre darauf nach Loretto gebracht worden.
  88. Hierdurch werden die Mißbräuche, Unordnungen und das Verderbniß vorgestellet, welche vor der Reformation in der Römischen Kirche überhand nahmen. Die Reformatores sind hiedurch bewogen worden, eine Reformation nach Anweisung der H. Schrift vorzunehmen, welche ihnen ernstlich verboten war, die sie aber endlich so wol selbst bekommen, als auch andern in die Hände gegeben haben.
  89. Sie gaben den Leyen den Kelch wieder.
  90. Die Ehe der Geistlichen ward wieder eingeführet.
  91. Die Leute wurden angewiesen, sich nicht weiter auf erkaufte Indulgenzen und Absolutionen zu verlassen, sondern die Verzeihung ihrer Sünden einzig bey GOtt zu suchen.
  92. Der Papst braucht die weltliche Macht wider die Reformation. etc.
  93. Vid. Clio. d. i. Gnostologia in bacca lauri. Die Allwisserey in einer Schaf Lorbeer, oder die Hochedle, veste, und hochgelahrte Gnostologia, oder Allwisserey, als Oberhof-Marschallin und geheimde Räthin der neun Kunstgöttinnen, wie auch Vorsizerin, Zunftmeisterin, und Regiments-Quartier-Meisterin der hochpreißwürdigen lateinisch-gesinneten Genossenschaft, allen unlateinischen zur Verwunderung aus dem lateinischen Grundtext in unsere Hochdeutsche Helden-Frau-Muttersprache getreulich übersezet, mit einer Vorrede Rever. P. Fr. Alphonsi de lana caprina Carmeliter-Ordens, und Prof. Publ. auf der Hochlöblichen Uhralten Unverstet zu Abel, Theologi [147] consummatissimi, & de tota Ecclesia jam dudum meritissimi. Ich will dem geehrten Leser einige nachdrükliche Verse daraus mittheilen, darinnen von dem kleinen Begrif der Gelehrsamkeit gehandelt wird.

    Der Tag vertreibt die finstre Nacht,
    Es wird alle Tage was neues erdacht:
    Es ist su Mode bey unsern Leütgen;
    Erst warens Fontanschen, nu sinds kleene Deütgen.
    Sis hol mich der Deütscher ene brave Sache,
    Wenn ich kleene subtile Sächelgen mache;
    Denn wenn ich ha drey Helmer Stroh,
    So färb ich sie bunt, bald so, bald so,
    Das giebt mir ein Büchsgen zum Fiken-Uehrgen,
    So machens och unsere Herren Studirgen:
    Sie han sich lossen ä Büchsgen drihn,
    Da die kleen Künstgen alle nein gihn,
    Su kleen, su kleen, daß mans nikt glaubt,
    Ich häs ä paarmol uffgeschraubt,
    Und häs daheem meiner Frau gewiesen.
    Sie sagte, sie hätte ä mal vor diesen
    Geburt, daß vor veel hundert Johren,
    Ene Gräbin 365. Kinger geboren,
    Sie häts in ener ohlen Kronike gelesen,
    Sie wären och nik grösser gewesen,
    Sie waren aber alle gestorben;
    Ich denke die Künstgen sine och verdorben,
    Weil sie su kleen sinn abgeschungen,
    Ins Büchsgen met Gewalt gezwungen;
    Denn was su oft is abgezogen,
    Wird ganz verschoren und zerbogen,

    [148]

    Wie meen Schermesser hat erfahren,
    Das hab ich nu bey fufzehn Jahren
    In der Schleifmöhle offt gezogen ab,
    Biß es een Federmesser gab;
    Mich deucht wol, ist mir anders recht,
    Die Gelehrten machen och silch Gemächt:
    Wenn sie was kreyen in die Hänge,
    Su brengen sies alles in die Enge,
    Daß endlich bleibt nich mih davon,
    Als ä verdorrtes Skeleton;
    Das sall uff deütsch a Schelmgen heissen.
    Ich kan das Lachen kaum verbeissen,
    Wenn ener a Dukter su wollte abschingen,
    Es würde weder prediggen nuch singen,
    Wer wüllte sich denn nicht puklich lachen,
    Wenn die Kinger kleene Kesergen machen,
    Kleene Kurförstgen, Päpstgen und Pfäfgen,
    Schustergen, Schneidergen, kleene Aefgen,
    Wenn wir han des Gregorigs-Fest,
    Da machen sie sich lustig aufs allerbest,
    Da kan unser ener zu gutem Glük
    All Künste sehn in eenem Blik,
    Als wie die Dökgen im Spiegel-Häusgen,
    Da remlen die sich wie die kleenen Mäusgen;
    Und wer denn alls su hat gesehn,
    Kan vor ä grussen Allwisser bestehn,
    Ich dächte, wenn ich drinne wär,
    Ich lernte die Künste zehnmol ehr.
    Wenn ich was nehm in meine Hänge,
    Als wenn ichs bekuke die quer und die länge,

    [149]

    Und muß noch vor das Bisgen sehn,
    Vor meine Perschon sechs Pfenge gän.
    Ich kans wul, binch ä Schelm, betheüren,
    Ich könne selber och su leyren.
    So wüt ich denn in aller Kunst
    E Meester woren ganz umbsunst,
    Und dürfte nun zum Ungelük
    Mich scheren lossen beym Mesterstük.
    Wenn ich nun seh das Büchsgen an,
    Su is mei Siele keen Drükergen dran,
    Es fehl die Unruh und Gewicht.
    Bewegen sich deen Künstgen nicht,
    Su schister uf die Gnostologie!
    Es verluhnt sich warlich nicht die Müh,
    Mit allem Bettelment: Su stih
    Bis uff den lezten Nimmerstag,
    Wenn keener damit was machen mag.
    Duch still, ihr Leütgen von den Dingen!
    Kans ich gleich nich zurechte bringen.
    Ich ha och nich darauf stultirt,
    Weil unser enem mih nich gebührt
    Als nur ä bisgen dran zu gleüben,
    Su kan ich mih nich als alles liebes und gutes davon schreiben,
    Denn wenn ich anders sullte sagen,
    Su wurden mir die Staudenten meen Horn zerschlagen.

     Hans Omnes
     Nachtwächter zu Abel.

  94. Homerus omnes res humanas Poematis complexus est. Xenoph. in conviv. Und der Herr Jac. Friedr. Reimmann in dem Buch, welches vor einigen Jahren unter diesem Titel herausgekommen ist: Ilias post Homerum, h. e. incunabula omnium scientiarum ex Homero eruta, & systematice descripta. Lenig. 1726.
  95. Eine Schrift welche vor ohngefehr 50. Jahren ans Licht kam, deren Verfasser aus der Provinz Walles gebürtig, und sich zu Cambridge aufhielt. Er nennete sich Vaughan, wie aus der Wiederlegung erhellet, welche der gelehrte Henricus Moore ihr entgegen gesezet hat. Sie ist von einem so gar unverständlichen Innhalt, daß vielleicht ein solches Buch noch in keiner andern Sprache jemals geschrieben worden ist.
  96. Der Verfasser giebt die Mechanic Homers für allzuunvollkommen aus. Herr Reimann, welcher uns die Schäze dieses göttlichen Poeten gütigst eröfnet hat, fället ein besseres Urtheil davon. Er [152] sagt in seiner Iliade post Homerum, Cap. XIII. de Mechanice, §. VIII. „Es ist eine so grosse Anzal der Maschinen, deren Homer gedenket, daß wenn man nur die blossen Namen anführen wollte, ein ganzer Bogen nicht zureichen würde. Was für Gattungen von Gewehre, was für Werkzeuge, was für Hausrath nennet er nicht? Diese Materie füllete einen grossen Folianten aus, wenn man sie ganz abhandeln wollte.“ Er gedenket nur der Mühlen, Wagen, Pflugscharen und Mäusefallen, und vielleicht ist auch der Lichtknecht dem Homer nicht unbekannt, als Herr Swift glaubt, wenn nur hilfreicher Criticus solchen eruiren wollte.
  97. Eine kleine Maschine worauf man ein Stüklein Licht steket.
  98. Wotton zehlet in seinem Buch von der alten und neuern Gelehrsamkeit, die Gottesgelehrtheit und die Jurisprudenz unter die Stüke, worinn wir die Alten übertrefen.
  99. Luther und Calvinus. In einer Stelle der Vertheidigung des Mährgens von der Tonne hat man lieber das Original-Wort jak beybehalten, weil man geglaubt, die dabey angebrachte Nachricht des Verfassers werde dem deutschen Leser dadurch begreiflicher.
  100. Zur Zeit der Reformation hatten die Menschen-Sazungen in der Römischen Kirche dermassen überhand genommen, daß man sehr wenig von der wahren christlichen Religion sehen konnte.
  101. Die silbernen Nestel bedeuten diejenigen Lehren in dem Papstthum, welche die Macht und den Reichthum der Römischen Kirche befördern. Und überhaupt alle Pracht bey ihrer Kirchenverfassung und äusserlichen Gottesdienst.
  102. D. i. Calvinus von Calvus. kahl.
  103. So nennen die Engländer einen Irrwisch. Der Verfasser versteht hierdurch, alle die Fanatiker welche von einem innern Licht schwazen.
  104. Johann von Leiden, ein Stifter der Wiedertäufer.
  105. Die Hugenotten.
  106. So hieß man gewisse Sektirer in Flandern.
  107. Johann Knox, Reformator in Schottland. Knok bedeutet pochen, anklopfen.
  108. Ctesia Fragm. apud Photium.
  109. Herodot. im IV. Buch.
  110. Pecora campi. E. Im Felde Man hat die Zweydeutigkeit dieses Ausdruks im Deutschen nicht beybehalten können.
  111. Herodot. Lib. IV.
  112. Durch die Aeolisten verstehet der Verfasser die Quäker, Inspirirten, Molinisten, Quietisten, Phantasten, Enthusiasten, und dergleichen desinentia, welche alle Vernunft über den Haufen werfen wollen, und mit lauter Eingebungen pralen.
  113. Die Weltweisen haben dem Menschen drey Seelen beygeleget, Animam vegetativam, sensitivam, und rationalem; die Fanatici haben noch spiritualem hinzugethan, und aus diesen vieren haben sie noch eine Quintessenz herausgezogen, welche sie das innere Licht, und das innerliche Leben nennen.
  114. Paracelsus: Sein ganzer Name war: Christophorus, Theophastus, Paracelsus, Bumbastus.
  115. Lib. VIII.
  116. Schottland, wo sich die Presbyterianer am meisten aufhalten.
  117. Ein Scribent, welcher de artibus perditis etc. geschrieben.
  118. Die Quäker, bey denen auch den Weibspersonen erlaubt ist, in der Gemeine zu predigen, zu beten etc.
  119. Das sind die, welche die Inspiration läugnen.
  120. Die Ungläubigen.
  121. Heinrich der IV. in Frankreich.
  122. Ravaillac.
  123. Man hat vorgegeben, es wäre die Prinzeßin von Conde gewesen, in welche sich dieser Monarch verliebt, die sich aber, um ihre Ehre in Sicherheit zu bringen, in die Spanischen Niederlande retiriert.
  124. Ludwig der XIV.
  125. Paracelsus wußte durch die Chymie aus Menschenkoth ein wolriechendes Extractum herauszubringen, dem er den nachdrüklichen Namen Zibeta occidentalis gab.
  126. Das Tollhaus in London.
  127. Epist. Cic. ad Trebatium.
  128. Dieser war ein Schneider, der sich zu den Zeiten der Reformation zum Haupt einer grossen Secte der Fanaticorum aufwarf. Er machte zu Münster eine neue Regiments-Verfassung, und warf sich zulezt gar für einem König auf, wozu ihm ein Goldschmied behüflich war, welcher ihm in Versammlung des Volks ein blosses Schwert, gleich als aus göttlichem Befehl überreichte.
  129. Tacit.
  130. Was ein Advocat für eine Mietkusche bezalet.
  131. Dieses gehet auf die grossen Kaufleute unter den Quäkern und Presbyterianern, welche alle sehr gravitätisch thun, und das Geld lieben.
  132. Die Gesellschaft der Mediciner.
  133. Der Verfasser meynet hiedurch allem Ansehen nach einen Favoriten, welchen der Hochmuth unsinnig machet.
  134. Heinrich der VIII.
  135. Dieses ist der Titel: Beschüzer des Glaubens, welchen der Papst Heinrich dem VIII. gab.
  136. Anna Bolenia.
  137. Die Verfolgung Heinrichs des VIII. wider die Protestanten, und zugleich auch die, welche ihm den Vorzug vor dem Papst nicht zugestehen wollten.
  138. Der Prinz Edward der auf guten Wegen war, aber frühzeitig starb.
  139. Die Königin Maria, eine grausame Verfolgerin der Protestanten.
  140. Die Königin Elisabeth.
  141. Jakob der I.
  142. Karl der I.
  143. Cromwel.
  144. Karl der II.
  145. Jacob der II.
  146. Wilhelm der III.[WS 64]
  147. Es pflegt öfters zu geschehen, daß die Jesuiten und Pfaffen sich mit unter die Engländische Geistliche mengen, sich auch als Protestanten stellen, unter der Hand aber dem Staat und der Kirche allen Schaden zuzufügen trachten.
  148. Der Jargon gewisser alter Kezer. vid. Irenaeus.
  149. Vid. Anima magica abscondita.
  150. Es giebt viele so andächtige Personen, welche gegen die äusserliche Eigenschaften des Bibelbuchs sehr grosse Hochachtung tragen, wie die Mahometaner gegen ihren Alkoran.
  151. Es giebt gewisse Leute, welche nichts in der Bibel im buchstäblichen Verstand annehmen, sondern überall Geheimnisse suchen wollen. Andere wollen die Alchymie und den Stein der Weisen darinn finden, und Madame Dacier siehet dieses Buch als eine vollkommene Rhetorik an. Noch andere schlagen es [238] deswegen auf, damit sie sehen, was ihnen diesen oder jenen Tag begegnen werde, und stellen in eiteln Absichten Bibel-Lotterien an.
  152. Es ist lächerlich, wenn einige scheinheilige Leute alles wovon sie etwa reden, mit lauter biblischen Redensarten auszudrüken bemühet sind; und wenn sie hierinn einige Fertigkeit besizen, für geistreiche Redner und grosse Heilige angesehen seyn wollen. Man hört auch sehr öfters von solchen Predigten, die aus der Concordanz zusammen geschrieben sind, und da man bey den gemeinsten Redensarten, die Bücher, [239] Capitel, und Verse aus der Bibel allegirt; das ungegründete Urtheil fällen, daß sie recht geistreich gewesen.
    Dieses sagt ein Lutheraner; ohne Zweifel von seinen Lutheranern. Es geht uns also nichts an; und es ist überhaupt zu bemerken, das unser Verfasser diesen Fehler nur den Preßbyterianern und Fanatikern in England Schuld giebt.
  153. Die Engländische Kirche empfängt das H. Abendmal auf den Knien; dieses wollen die Preßbyterianer nicht thun.
  154. Der blinde Eifer enthusiastischer Köpfe.
  155. Dieses zielet auf die Prädestination: Hier aber fürchte ich, thut der Autor den Preßbyterianern groß Unrecht. Wenigstens lehret keine Reformirte Kirche so. Wird diese Lehre von Einfältigen oder Fanatikern mißbrauchet, so ist die Kirche selbst nicht Schuld daran. Wo ist eine Lehre, die nicht mißbraucht wird?
  156. Vid. Don Quichotens abentheurliche Geschichte.
  157. Die Englische Kirche beschuldigt die Preßbyterianer, daß in ihrem Gottesdienst keine Ordnung sey.
  158. Es ist bey den Scheinheiligen nichts gewöhnlicher, als daß sie ihre bösen Absichten unter dem Schein der Gottesfurcht verbergen; und wenn sie sich am andächtigsten stellen, muß man sich am ersten für ihnen fürchten.
  159. Sie affektiren, sich durch die Kleidung, Minen etc. zu unterscheiden.
  160. Sie sind heftige Verfolger, und zwar immer unter dem Schein der Andacht. etc. Cromwell und seine Anhänger kamen wie sie sich ausdrükten, GOtt zu suchen, als sie beschlossen den König zu tödten. Der sinnreiche Satyricus Rachelius schreibet in seiner siebenden Satyre, der Freund genannt, sehr wol:

    So geht es in der Welt: Noch wird an allen Orten
    Nichts als die Liebe nur geübet in den Worten.
    Ein Andachtsvoller Schalk spricht seinem Völklein zu:
    Ihr Lieben, liebet euch, die Lieb’ ist GOttes Ruh.
    Die Lieb’ ist das Gesez: Aus Liebe kan man kennen,
    Ob jemand GOttes Kind, und gläubig sey zu nennen.
    So spricht der liebe Herr, und ist doch selber wol,
    Von Grimm und bitterm Haß gestopft, gepfropfet voll.

  161. Der Autor zielet hiemit auf das leere Geschrey, welches die scheinheiligen Lehrer auf den Kanzeln machen; an statt daß sie ihre Zuhörer von den göttlichen Wahrheiten überzeugen sollten.
  162. Die Preßbyterianer leiden keine Kirchen Music.
  163. d. i. Hans war eben kein Feind von Verstellung und Scheinheiligkeit.
  164. Die Preßbyterianer leiden auch keine Bilder in den Kirchen.
  165. Die Scheinheiligen gleichen den Phariseern. Sie leben streng, fasten, und casteyen ihren Leib. Allein dieses macht sie noch nicht zu heiligen Leuten; ja sie werden eben hiedurch vieler Laster schuldig, indem sie sich auf ihre vorgegebene gute Werke verlassen, in einen geistlichen Hochmuth verfallen, und andere Christen neben sich verachten.
  166. Dieses stellet die Predigten der Fanatiker vor.
  167. Jedermann weiß, wie die Scheinheiligen sich angewöhnen, stets zu seufzen. Wahre Tugend und Frömmigkeit sezet ein Gemüth in Ruhe und Vergnügen.
  168. Der falsche Eifer verursachet bisweilen, daß sich die Heuchler muthwillig in Gefahr begeben, welches doch wieder die vernünftige und von GOtt gebotene Selbstliebe lauft. Die Eitelkeit nimmt daran Theil. [247] Denn von dem Volk für einen Märtyrer der Wahrheit gepriesen zu werden, ist etwas sonderbares und vortrefliches.
  169. Die Fanatici und die Papisten, obschon sie scheinen einander so sehr zuwider zu seyn, kommen doch in gar viele Stüken überein, wie Gelehrte solches gezeigt haben.
  170. Die Fanatici nehmen insgemein solche wunderbare Manieren und Minen an sich, daß man es ihnen gleich ansehen kann, wer sie sind.
  171. Lib. de aere, locis & aquis.
  172. Karl der II. welcher bey seiner Wiedereinsezung alle Lehrer der Dissentienten, die sich wegerten zur Englischen Kirche zu treten, ausjagte.
  173. Scaligers seinen mit eingeschlossen.
  174. Diese Stelle beziehet sich auf die Zeiten Jacobs des II. da die Papisten und Preßbyterianer ihre Gewissensfreyheit wieder bekommen. Bey der erfolgten Revolution kamen die Papisten wieder herunter, die Preßbyterianer aber sezten ihre gottesdienstliche Versammlungen in Kraft der Erlaubniß König Jacobs, ungehintert fort, ehe sie noch durch ein Gesez dazu berechtiget waren: Hierauf zielet der Verfasser vermuthlich, wenn er sagt: Hans habe Petern seinen Schuzbrief gestolen, und sich desselben für seine eigene Person bedienet.
  175. Sir Humphrey Edwyn, ein Presbyterianer und Lord Maire in London, war so kühn, daß er sich in seinem vollen Staat, und mit den Zeichen seiner Würde, in eine Versammlung seiner Glaubensgenossen begab.
  176. Eyerkuchen sind ein berühmtes Gericht, welches bey der grossen Mahlzeit eines Lord-Maire aufgesezet wird.
  177. Der P. Orleans.
  178. Was Banter sey, erklärt eine Anmerkung bey der Apologie des Mährgens von der Tonne.
  179. Dies war geschrieben vor dem Friedensschluß zu Ryswik.
  180. Die Bürger in Trezene: Pausan. L. 2.
  181. S. die Ephem. der Mar. Clarke. opt. Edit.
  182. Die Titelblätter welche öffentlich ausgehangen werden.
  183. In den Englischen und andern öffentlichen Bibliotheken, sind viele Bücher mit Ketten angeschlossen, damit sie nicht können gestolen werden.
  184. Dr. Bentley.
  185. Der Hr. Boyle sagt in der Vorrede zu seiner Ausgabe der Briefe des Phalaris: Der Bibliothecarius hätte ihm einen Codicem Manuscriptum abgeschlagen, pro solita humanitate sua.
  186. Beelzebub, nach einiger Erklärung ein GOtt der Fliegen.
  187. Tasso und Milton, zween grosse epische Dichter: Die selzamen und zum Theil lächerlichen Critiquen, welche die Neuern Kunstrichter unsrer Zeit über Miltons Poesie schreiben, sind zu bekannt, als daß wir etwas davon anführen.
  188. Cowley, ein guter Engländischer Poet; dessen Oden insonderheit gelobet werden.
  189. S. den Virgil: Der Autor lacht hier über die Wirbel.
  190. Paracelsus, ein berühmter Chymicus und Arzt aus der Schweiz. Er nahm ganz andere Säze an, als Galenus.
  191. Harwey, Leibmedicus Karls des Ersten. Er hat den Umlauf des Geblütes entdekt.
  192. Kleine Tractätgen; die nicht eingebunden, oder nur geheftet sind.
  193. S. Homer.
  194. Denhams Poesien sind ungleich; sehr gut, und sehr mittelmäßig; daher seine Feinde vorgaben, er hätte das Gedicht, the Cooper’s Hill, nicht gemachet.
  195. S. Homer.
  196. Creech hat den Lucrez in Englische Verse übersezet, welchen man mit grossem Beyfall aufgenommen hat: Hernach übersezte er auch den Horaz, weil er aber mit dieser Arbeit nicht so glüklich war, erhieng er sich selbst für Verdruß.
  197. Dieser hat den Homer und Virgil übersezt: Der Verfasser nennet ihn Creechs Vater, weil er vor ihm geschrieben hat. Durch die stille Höle verstehet er das Grab.
  198. Eine Engländische Poetin, welche etwa einen unglüklichen Versuch in gebundener Schreibart ans Licht gestellet hat. Darum sagt der Autor, daß sie von leichten Füssen sey.
  199. Dieses gehet auf die schöne Unordnung, welche man in den Oden Pindars bewundert.
  200. Cowley war in verliebten Gedichten glüklicher als in Pindarischen Oden.
  201. Das Wort in der Grundsprache, bedeutet Galle, und Galläpfel: hier ist es in dem leztern Sinne angebracht; man konnte aber denselben nicht wol ausdrüken.
  202. S. Homer.
  203. Er verstehet die oben beschriebene Mutter Critik.
  204. S. Homer.
  205. Macrocephali.
  206. Der Autor zielet auf die Gewohnheit der Presbyterianer und anderer Nonconformisten, welche den Hut in der Kirche stets aufhaben; darüber sich aber andere ärgern.
  207. Bernier, Mem. de Mogol.
  208. Guagnini, Hist. Sarmat.
  209. Diese Leute haben einen Abscheu vor alles was den Leib zieren kann, daher tragen sie solche Kappen.
  210. Vermuthlich mag dieser Lord-Maire so weit gegangen seyn, daß er auch die Laternen hat heiligen wollen.
  211. Es ist schon vorhin angemerket worden, daß die Enthusiasten in England die Music nicht leiden können. Der Autor sagt hier, die Sakpfeifen wären mit der Monarchie in Verfall gerathen, und damit zielet er auf die Zeiten Cromwels, in welcher lauter Fanatici herrscheten.
  212. Ein Spiel der Kinder.
  213. Herodot.
  214. Diod. Sic. L. I. Plut. de Iside & Osiride.
  215. Herod. L. 2.
  216. Vid. Diod. Sic. L. 1. & 3.
  217. E. Of the Mitre; Τῆς μίτρας: Vid. Diod. Sic. L. 4. Das Wort wird heut zu Tage gebraucht, eine Priester- oder Bischofsmüze anzudeuten: Dergleichen Kopfpuz aber trugen in den alten Zeiten, nebst dem Frauenzimmer, wollüstige Weichlinge; an Bachusfesten überhaupt. Juno wirft dieses dem Jupiter, beym Lucian vor, wenn sie sagt, er sey Μίτρᾳ αναδεδεμένος τὴν κομήν. Und Cicero dem Clodius, de Aruspic. Resp. 44. A mitra, a crocata, a muliebribus soleis, purpureisque fasciculis, a strophio, a psaltrio, a flagitio, a stupro est factus repente popularis, P. Clodius.
  218. Diod. Sic. L. 1. & 3.
  219. Dionysia Brauroria.
  220. Vid. Photium in Excerptis è Conone.
  221. E. our Vessels, die Schiffe, oder Gefässe unsers Leibs.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Lukrez: De rerum natura (Über die Natur der Dinge) I, 928–930
    Draus ich schöpfe, da freut’s, frischsprießende Blumen zu pflücken,
    Und sie zum herrlichen Kranz um das Haupt mir zu winden, wie solchen
    Keinem der Früheren je um die Schläfen gewunden die Musen.
         Übersetzt von Hermann Diels, 1924
  2. Francis Gastrell (1662–1725): The Principles of Deism Truly represented and set in a clear Light. London [1708], 2. Auflage 1709 Google
  3. Vorlage: genomman
  4. Vorlage: laüft
  5. Zitat aus: Marcus Annaeus Lucanus (39–65) Pharsalia I, 23. Übersetzt von Julius Krais: noch fehlt dir ein anderer Feind nicht. Des Markus Annäus Lukanus Pharsalia. Übersetzt im Versmaaße der Urschrift. Stuttgart 1863 S. 20 Google
  6. Anthony Ashley-Cooper, 3. Earl of Shaftesbury (1671–1713): A Letter Concerning Enthusiasm. London 1708 Google
  7. John Dryden (1631–1700) Dichter, Dramatiker und Kritiker
  8. Sir Roger L’Estrange (1616–1704), royalistischer Publizist
  9. John Eachard (1636–1697): The grounds & Occasions of the Contempt of the Clergy and Religion. 9. Auflage, London 1695 Google, deutsche Übersetzung: Untersuchung der Ursachen und Gelegenheiten welche zur Verachtung der Geistlichen Anlaß gegeben. Berlin 1740 Google
  10. Samuel Parker, Bischof von Oxford und Andrew Marvell (1621–1678), Dichter und Politiker führten eine Kontroverse über Parker’s Werk Ecclesiastical Polity (1670)
  11. Charles Boyle, 4th Earl of Orrery führte mit Richard Bentley, klassischer Philologe und königlicher Bibliothekar, eine Kontroverse um die Echtheit der von Boyle veröffentlichten Phalaris-Briefe.
  12. William King (1668–1712): Remarks on the Tale of a Tub. London 1704 Michigan
  13. William Wotton (1666–1727): A defense of the reflections upon ancient and modern learning, in answer to the objections of Sir W. Temple, and others. With observations upon the Tale of a tub. London 1705 E-Text jonathanswiftarchive.org und Scan 3. Auflage 1705 Google
  14. Lars Porsenna, angeblicher Belagerer Roms um 508 v. Chr
  15. Lucius Annaeus Florus (um 120): Flori Epitomae Liber primus IV.Wir sind dreihundert gleich-gesinnte Verschworene
  16. George Villiers 2. Duke of Buckingham (1628–1687)
  17. Johannes Minellius (1625–1693) niederländischer Philologe und Herausgeber.
  18. Thomas Farnaby (1574–1647) englischer Schulmann.
  19. Edmund Curll (1675–1747) Buchhändler und Verleger: A Complete Key to the Tale of a Tub. [1710] In: Miscellanies. By J. Swift. Edmund Curll, London 1711 Google
  20. Nahum Tate (1652–1715) englischer Dichter und Schriftsteller, ab 1692 Hofdichter.
  21. Thomas D’Urfey (1653–1723) englischer Schriftsteller.
  22. Thomas Rymer (ca. 1641–1713) Historiograph und Kritiker.
  23. John Dennis (1657–1734) Dichter und Dramatiker.
  24. Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiastical and Civil. London 1651, von Thomas Hobbes (1588–1679) englischer Staatstheoretiker und Philosoph.
  25. Horaz Oden III, 25, 8

    Dicam insigne, recens, adhuc
    indictum ore alio. ....
    Großes sing ich und Neues, was
    Nie gesungen ein Mund! … Übersetzt von Johann Heinrich Voß

  26. Vorlage: spendida bilis; edle Galle. Horaz, Satiren II, 3, 141
  27. ..... und zu oberen Lüften hinaufgehn, Das ist Arbeit und Müh’..... Vergil Aeneis VI, 128–129. Übersetzung von Johann Heinrich Voß (1822) Google
  28. Horaz Satiren I, 1, 31. … um einst als Greise zu leben im sichern. Des Horatius Flaccus Erste Satire, neu übersetzt und nebst dem Originaltexte … von Joh. Heinrich Voss, Fr. A. Wolf und C. Kirchner. Andreä, Frankfurt a. M. 1830, S. 14, 15 Google
  29. John Dunton (1659–1733) Verleger, Buchhändler, Herausgeber und Schriftsteller
  30. Lukrez: De rerum natura (Über die Natur der Dinge) IV, 526–527
    Denn daß der Ton wie der Schall ein körperlich Wesen hat, darf man
    Wohl nicht füglich bestreiten: sie können die Sinne ja reizen.
         Übersetzt von Hermann Diels, 1924
  31. mein und dein
  32. Grub Street – ehemals Straße im Londoner Stadtteil Moorfields, die im 18. Jh. für die Ansammlung mittelmäßiger, armer Schreiberlinge, angehender Dichter und Billig-Verleger bekannt war.
  33. Gresham College
  34. Will's Coffee House im Londoner Stadtteil Covent Garden war ein bekannter Künstlertreffpunkt um den Dichter John Dryden.
  35. Artephius (ca. 1150) Autor alchemischer Texte.
  36. Jehuda ha-Nasi (ca. 165–217)
  37. The Hind and the Panther. A Poem, in Three Parts, 1687 von John Dryden.
  38. Behälter für Flicken und Stoffreste.
  39. Lord Mayor = Bürgermeister
  40. Apostelgeschichte 17, 28: Denn in ihm leben, weben und sind wir; …
  41. totidem verbis und ff. syllabis und literis: die Anzahl der Worte, Silben bzw. Buchstaben
  42. Vorlage: interpretatioone
  43. Vorlage: Besemstiel – im ff. Text Besenstiel
  44. Vorlage: gegetragen
  45. Charles Perrault (1628–1703) französischer Schriftsteller und Kritiker.
  46. Vorlage: vervielfältitigen
  47. Pausanias Beschreibung von Hellas aus dem Griechischen übersetzt und mit Anmerkungen erläutert von Ernst Wiedasch. München 1838, II. Korinthiaka, 38, S. 345 Google
  48. Ktesias von Knidos griechischer Arzt und Geschichtsschreiber, der im späten 5. und frühen 4. Jahrhundert v. Chr. lebte.
  49. Lukrez: De rerum natura (Über die Natur der Dinge) VI, 786–787
    Auch auf dem hohen Gebirge des Helikon blühet ein Giftbaum,
    Der durch den widrigen Blütengeruch dem Menschen den Tod bringt.
         Übersetzt von Hermann Diels, 1924
  50. ohne Quecksilber
  51. Oberfläche
  52. Aufstossen, Ausatmen, Erbrechen.
  53. Vergil Georgica IV. 87 … durch Würfe von wenigem Staube ... Übersetzt von Wilhelm Binder (1856) MDZ München
  54. Londoner Gefängnis: Newgate-Gefängnis
  55. ostmitteldeutsch, österreichisch: Hammelfleisch
  56. Lukrez: De rerum natura (Über die Natur der Dinge) I, 141–142
    Freundschaft treibt mich dazu, mich vor keinerlei Mühe zu scheuen;
    Ja sie verleitet mich oft die heiteren Nächte zu wachen,
         Übersetzt von Hermann Diels, 1924
  57. Fourage: militärische Bezeichnung für Pferdefutter
  58. Lukrez: De rerum natura (Über die Natur der Dinge) V, 107.
    Möge jedoch Fortuna, die Lenkerin, uns es ersparen,
         Übersetzt von Hermann Diels, 1924
  59. Vorlage: Pancinollus. Guido Panciroli (1523–1599)
  60. sehr schmale Spalte
  61. Lukrez: De rerum natura (Über die Natur der Dinge) IV, 1044, 1051
    1044
    Und der Leib ist sein Ziel, der die Herzenswunde geschlagen.

    Denn wir fallen gewöhnlich auf unsre verwundete Stelle;
    Dorthin schießt uns das Blut, von wo wir die Hiebe empfangen;
    Ist in der Nähe der Feind, trifft diesen der rötliche Blutstrahl.
    Wem nun die Pfeile der Liebe die Herzenswunde geschossen,
    Mag sie ein Knabe versenden, der weibliche Reize zur Schau stellt,
    Oder ein Weib, das die Liebe aus allen Gliedern des Leibes

    1051
    Ausstrahlt, der geht los auf den Schützen und sucht die Verbindung,

         Übersetzt von Hermann Diels, 1924

  62. Horaz: Satiren 1, 3, 107–108
    [Nam fuit ante Helenam cunnus] teterrima belli / Causa
    [Denn vor Helena schon war das Weib] der verderblichsten Kriege / Anlaß
    übersetzt von Ernst Günther. Sämmtliche Werke des Quintus Horatius Flaccus. Leipzig 1854, S. 254 Google
  63. streitfreudige, auf publikumswirksames Disputieren abzielende Schriftsteller
  64. Vorlage: Wilhelm der II.
  65. Diese und ff. unleserliche Textstellen des Digitalisats wurden nach dem Exemplar MDZ München = Google korrigiert.
  66. Sir Richard Blackmore (1650–1729)
  67. Vorlage: dem dem
  68. englisches Original: in the Number of O’s
  69. A cuius lacrymis … (Irenaeus) von dessen Thränen benetzt die Substanz entstand, durch Lachen glänzend, durch Traurigkeit fest und durch Furcht beweglich (Kottenkamp Übersetzung des Tonnenmärchens)
  70. Joachim Rachel: Teutsche Satyrische Gedichte,Siebende Satyre, Der Freund, S. 76 unten
  71. Horaz: Satiren 2, 3, 71
    Immer entschlüpfet den Fesseln aufs neu der betrügliche Proteus.
    Übersetzt von Ernst Günther. Sämmtliche Werke des Quintus Horatius Flaccus. Leipzig 1854, S. 320 Google
  72. Julius Caesar Scaliger (1484–1558) Humanist und Naturforscher.
  73. 938
    Warum scheidest du nicht als gesättigter Gast von des Lebens

    Tafel, du Tor, und genießest die sichere Ruhe mit Gleichmut?
         Lukrez: De rerum natura (Über die Natur der Dinge) III, 938
         Übersetzt von Hermann Diels, 1924

  74. Vorlage: der der
  75. George Wither (1588–1667) puritanischer Satiriker und Dichter.
  76. Ulisse Aldrovandi (1522–1605) italienischer Arzt und Naturforscher.
  77. Vorlage: schiket
  78. Vorlage: Pboenomenorum
  79. Irokesen und Tupinambá indigene Volkstämme in Nord- und Südamerika. Stehen wohl für „unzivilsierte und götzendienerische“ Gesellschaften.
  80. Vorlage: glükicher
  81. Apostelgeschichte 2, 1.
  82. Apostelgeschichte 2, 3–4.
  83. Horaz, Oden I, 18, 10–11
    Wenn sie des Rechts und Unrechts Gränze kaum unterscheiden vor Begier
    Nach Lüsten.
    Quintus Horatius Flaccus Sämmtliche Werke. Übersetzt und ausführlich erläutert von J. H. M. Ernesti. 1. Band Oden. E. A. Fleischmann, München 1825, S. 75 Google
  84. Im englischen Original: Thy Word is a Lanthorn to my Feet, and a Light to my Paths.
    Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. Psalm 119, 105
  85. Vorlage:Egptischen
  86. Apostelgeschichte 8, 9.
  87. Eutyches (5. Jahrh.)
  88. David Joris (1501–1556) Wiedertäufer.
  89. Adam Neuser (um 1530–1576)