Das bemooste Haupt oder Der lange Israël

Textdaten
Autor: Roderich Benedix
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Titel: Das bemooste Haupt oder Der lange Israël
Untertitel: Schauspiel in vier Aufzügen
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Entstehungsdatum: 1838 (Uraufführung 1839, Erstdruck 1840)
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: J. J. Weber
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google = Commons
Kurzbeschreibung:
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[117]
Das bemooste Haupt
oder
Der lange Israël.


Schauspiel in vier Aufzügen.




1838.


[118]
Personen.

Präsidentin Roth, Witwe.
Amalie, ihre Nichte.
Marquis Dixième.
Hauptmann Billstein.

Alsdorff,      ╮ Studenten.
Hempel,      ╿
Volk,      ╿
Mantius,      ╿
Bärmann,      ╿
Justi,      ╿
Reuter,      ╿
Finke,      ╯

Strobel, Stiefelputzer.
Hannchen Nebe, Nätherin.
Bedienter der Präsidentin.
Kellner.
Studenten.

Der Ort der Handlung ist in den ersten drei Aufzügen in einer Universitätsstadt, im letzten auf einem Dorfe.


[119]
Erster Aufzug.
Zimmer bei der Präsidentin Roth.
Erster Auftritt.
Präsidentin, Marquis (kommen aus dem Nebenzimmer).

Präsidentin. Sie werden unerträglich mit Ihrem ewigen Mahnen und Erinnern, Herr Marquis; suchen Sie selbst das Herz meiner Nichte zu gewinnen, das ist die rechte Art eines Liebhabers.

Marquis. Sie scheinen Ihre Nichte sehr wenig zu kennen, Frau Präsidentin, Sie würden sonst nicht so sprechen.

Präsidentin. Wie so?

Marquis. Es gibt nur zwei Fälle. Entweder liebt Ihre Nichte, aber sicher einen Andern, als mich – oder sie liebt nicht – dann will sie eben so wenig etwas von mir wissen. In beiden Fällen also kann ich nur durch Ueberredung und etwas Zwang von Ihrer Seite zum Ziele gelangen.

Präsidentin. Und welchen Anspruch haben Sie auf meine Mitwirkung?

Marquis. Stimmen meine Wünsche nicht mit Ihren Plänen überein?

Präsidentin. Mein Herr!

[120] Marquis. Sie wünschen Ihre Nichte verheirathet zu sehen – gleichviel an wen, weil Sie fürchten, sie möchte Ihnen im Wege stehen.

Präsidentin (heftig). Woher wissen Sie das?

Marquis. Aus Ihrem eignen Munde, schöne Frau. Wozu Verstellung unter uns? Sie wissen recht gut, daß es mir verdammt schwer fallen würde, den Stammbaum meines elsässischen Adels nachzuweisen und kennen mein ganzes, ziemlich abenteuerliches Leben. Ich kenne dagegen eben so gut Ihre Umtriebe in gewissen Dingen – denn ich war ja oft Ihr Helfershelfer, sogar einmal Ihr Anbeter.

Präsidentin. Sie sind unerträglich!

Marquis. Nicht böse sein, schöne Frau. Warum sollen sich zwei Verbündete, wie wir, überwerfen, noch obendrein, da sich unser Interesse so sehr begegnet? Für Sie kam es sehr ungelegen, daß Amaliens Vormund seine Mündel Ihnen zur Einführung in die Welt übergab. Sie wollen sie um jeden Preis entfernen. Ich brauche eine junge, hübsche Frau, noch mehr aber ihre dreißig tausend Thaler – das paßt ganz vortrefflich.

Präsidentin (seufzend.) Leider haben Sie Recht. Ich muß schon etwas für Sie thun, um Ihr Schweigen über gewisse Dinge zu erkaufen. Hören Sie also. Sie wissen, ich liebe den Hauptmann, wir sind halb und halb verlobt; allein noch immer zögert er mit seiner Unterschrift und ich fürchte –

Marquis. Daß gewisse Blicke zwischen ihm und Ihrer Nichte –

Präsidentin. Das kümmert Sie nicht. Sprechen Sie in meinem Auftrage mit dem Hauptmann und schaffen Sie [121] mir seine Unterschrift – so stehe ich Ihnen für Amaliens Einwilligung.

Marquis. Es gilt. Ich sehe den Hauptmann kommen. Lassen Sie mich mit ihm allein.

Präsidentin. Wohl, ich gehe. Machen Sie Ihre Sachen klug – ich kann im Nebenzimmer alles hören. (Ab.)


Zweiter Auftritt.
Marquis (allein).

Also wirklich so sehr in den Hauptmann verliebt, Madame? Nun, ich nehme es Ihnen so übel nicht – er ist ein hübscher Mann. Aber er, wie bin ich mit ihm daran? Anfangs schien er wirklich Gefallen an der Präsidentin zu finden, allein seit Amalie hier ist, ist er etwas kopfhängerisch geworden. Halt! Dabei könnte man ihn am besten fassen. Wir wollen es versuchen.


Dritter Auftritt.
Hauptmann Billstein, Marquis.

Hauptmann (grüßend). Herr Marquis.

Marquis. Es freut mich, Sie wohl zu sehen, Herr Hauptmann.

Hauptmann. Ist die Frau Präsidentin sichtbar?

Marquis. Sie ist ausgefahren und hat mir einen Auftrag an Sie hinterlassen.

Hauptmann. Einen Auftrag?

[122] Marquis. Zuvörderst erlaube ich mir, Ihnen in meiner Person einen glücklichen Bräutigam vorzustellen.

Hauptmann. Meinen Glückwunsch!! Darf man die Braut wissen?

Marquis. Fräulein Amalie.

Hauptmann (rasch). Der Präsidentin Nichte?

Marquis. So ist’s.

Hauptmann (heftig). Nicht möglich!

Marquis. Warum nicht möglich?

Hauptmann (sich fassend). Ei nun, verstehen Sie mich recht – ein Ausdruck der Ueberraschung. Das hat sich ja recht schnell gemacht.

Marquis. Das eben nicht. Wir liebten uns längst im Stillen. Gestern war ich bei ihrem Vormunde, wo Alles schriftlich in Ordnung gebracht wurde.

Hauptmann (für sich). Eine bittere Lehre mehr in meinem Leben. (Laut.) Darf ich um Ihren Auftrag bitten?

Marquis. Die Frau Präsidentin ist etwas befremdet über Ihr Zögern in einer gewissen Angelegenheit.

Hauptmann. Je nun, man überlegt doch erst.

Marquis. Herr Hauptmann, lassen Sie uns als Männer offen sprechen. Sie kamen aus dem Felde zurück und fanden, daß die Präsidentin alte Ansprüche auf Ihr väterliches Vermögen geltend machte. Der Fürst, der Sie schätzt, und eben so die Präsidentin, meint, der Prozeß wäre am besten durch eine Verbindung zwischen den streitenden Parteien zu schlichten. Sie gehorchen dem Winke, machen der Präsidentin Ihre Aufwartung – Sie gefallen ihr – sie gefällt Ihnen – man nähert sich, man spricht sich aus – die [123] Sache scheint sich zu machen. Warum zögern Sie jetzt noch mit der Unterschrift des Ehevertrags, da Sie doch schon um die Hand der Präsidentin förmlich geworben, da Sie bereits ihre Zusage erhalten haben?

Hauptmann. Jetzt zögere ich nicht mehr – es war eine Grille – gleichviel – jetzt bin ich zu Allem bereit. (Heftiger.) Auf der Stelle, in diesem Augenblicke, wenn Sie wollen!

Marquis. Madame gab mir den Auftrag, als einem alten Freunde ihres Hauses, und ich vollführe ihn mit Freuden. Da es Ihnen also gefällig ist, gehen wir zum Notar.

Hauptmann. Ich bin bereit.

(Beide ab.)


Vierter Auftritt.
Präsidentin.

Endlich habe ich mein Ziel erreicht. Brav gemacht, Herr Marquis! Es war die höchste Zeit, denn den Prozeß konnte ich nicht gewinnen. Also mein ist jetzt das schöne Gut und – nun, warum soll ich es mir nicht selbst gestehen – der Hauptmann dazu ist mir nicht unlieb. Das Geschäft war gut: einen hübschen Mann und ein schönes Gut mit einem Schlage.


Fünfter Auftritt.
Präsidentin, Bedienter, gleich darauf Justi.

Bedienter (meldet). Herr Justi. (Ab.)

Justi (tritt ein).

[124] Präsidentin (kalt). Sie sind Herr Justi?

Justi. Zu Befehl.

Präsidentin. Ich habe Ihr Schreiben erhalten. Es thut mir leid, nichts für Sie thun zu können, allein ich habe durchaus keinen Einfluß auf die Besetzung von Stellen.

Justi. Ich bitte um Entschuldigung, Frau Präsidentin, – man sagte mir –

Präsidentin. Ja sonst, als mein Gemal noch lebte, konnte ich wol zuweilen eine Fürbitte einlegen – allein jetzt ist das vorbei.

Justi. Ich weiß doch, daß der jetzige Herr Präsident, Ihr Schwager, sehr auf Ihren geschätzten Rath Rücksicht nimmt. Sie würden durch Ihre Verwendung mich sehr glücklich machen. Mutter und Schwester bedürfen meiner Unterstützung.

Präsidentin. Bedaure wirklich, nichts thun zu können.

Justi. Meine Zeugnisse sind gut, durchgängig gut.

Präsidentin. Wie gesagt, ich bedaure. So viel ich weiß, ist auch die Stelle bereits vergeben.

Justi. Vergeben schon? An wen?

Präsidentin. An Herrn Hittorf, wenn ich nicht irre.

Justi. Nicht möglich – er ist ja im Examen beinahe durchgefallen.

Präsidentin. Darüber habe ich nicht zu entscheiden – ich wiederhole es Ihnen, ich habe durchaus keinen Einfluß und bedaure recht sehr.

Justi (geht niedergeschlagen ab).

[125]
Sechster Auftritt.
Präsidentin.

Einfältige Menschen, die nicht begreifen, daß man seinen Einfluß nicht umsonst verwendet. Ueberhaupt wird das wol bald aufhören, denn mein Schwager fängt an, sehr unfügsam zu werden. Doch nun zu andern Dingen. Mein Scharfblick hat mich nicht getäuscht. Der Hauptmann fühlt etwas für Amalien. Und sie für ihn? Wahrscheinlich, gewiß. Mein Glück ist, daß es noch zu keiner Erklärung zwischen ihnen gekommen ist. Allein um jeden Preis muß ich mir die Nebenbuhlerin vom Halse schaffen. Hm, der Marquis ist gut genug für dieses trotzige, eigensinnige Mädchen. Zwar hat sie sich bisher standhaft geweigert, seinen Bewerbungen Gehör zu geben – indessen – vielleicht hilft dasselbe Mittel, das bei dem Hauptmann angeschlagen hat. Ich will es gleich versuchen.


Siebenter Auftritt.
Präsidentin, Amalie.

Präsidentin. Eben recht, daß du kömmst, liebe Amalie. Ich stelle mich dir als Braut vor. Der Hauptmann hat so eben den Vertrag unterschrieben.

Amalie. Nicht möglich!

Präsidentin. Warum finden Sie das nicht möglich, Fräulein Nichte?

Amalie. Verzeihen Sie, liebe Tante, ein Ausdruck der Freude –

[126] Präsidentin. Nun es mag sein. Du wirst finden, daß wir sehr zusammen passen.

Amalie (zerstreut). O ja!

Präsidentin. Doch von dir zu sprechen, wirst du nicht endlich dem Marquis dein Jawort geben?

Amalie. Warum dringen Sie so auf diese Verbindung?

Präsidentin. Ich wünsche dich versorgt zu sehen – dein Vormund auch – und der Marquis scheint mir eine recht passende Verbindung für dich zu sein. Hast du etwas an ihm auszusetzen?

Amalie. Wie könnte ich das? Seit vierzehn Tagen erst bin ich bei Ihnen, ich kenne ihn noch kaum.

Präsidentin. Allein ich kenne ihn und hoffe, du wirst auf meine Empfehlung etwas geben.

Amalie. Gewiß, liebe Tante, und da Sie so sehr in mich dringen – Sie sollen noch heute meine Entscheidung haben.

Präsidentin. Gut, mein Kind. Du wirst dich wie ein verständiges Mädchen betragen und ich hoffe, daß dein Kopf noch nicht von Romanideen eingenommen ist. (Ab.)


Achter Auftritt.
Amalie.

Romanideen? Was nennt man so? Schienen nicht seine Blicke mir etwas zu sagen, das in meinem Innersten Anklang fand? Hatte ich Unrecht, aus der zarten Zurückhaltung seines Benehmens gegen mich das für gewiß zu folgern, was mein Herz wünschte. Und jetzt – noch ehe ich mir selbst [127] klar geworden bin – ist es schon vorbei? Er konnte sich an diese kalte, herzlose Frau verkaufen – er hat keinen Sinn für das, was allein glücklich macht. Sei es – ich will alles unterdrücken. Muß ich dem Drängen der Meinigen nachgeben, muß ich mich vermälen – warum nicht mit diesem Marquis? Ist mir doch alles gleichgültig geworden, ist mir es doch, als habe eine tödtende Kälte mein Herz erfaßt. Mag es darum sein. Ich dachte nicht, das Band für das Leben so kaufmännisch abzuschließen. (Ab.)


Verwandlung.
(Saal in einem gewöhnlichen Wirthshause. Hölzerne Tische und Bänke, Bierkrüge. Ein Kellner geht bis zum Schlusse ab und zu und bedient die handelnden Personen.)


Erster Auftritt.
Alsdorff (tritt ein).

Noch immer nicht. Bis sieben Uhr habe ich ihn bestellt und er kömmt nicht. Der Mensch ist doch ein schwaches Geschöpf. Bildete ich mir nicht ein, längst Herr meiner Gemüthsbewegungen zu sein, und jetzt treibt mich die Erwartung unruhig umher. Und um was? Um elendes Geld. Doch nein. Es ist meine letzte, langgenährte Hoffnung, die erfüllt werden soll oder nicht. Warum glaube ich so fest an das Nicht-erfüllt-werden? Je nun, ich bin das so gewohnt.

[128]
Zweiter Auftritt.
Alsdorff, Strobel.

Alsdorff. Endlich. Nun?

Strobel (reicht ihm schweigend ein Paket und einen Brief).

Alsdorff (sieht beides an, ohne es zu nehmen, ruhig). Ich weiß genug, wirf den Wisch in’s Feuer.

Strobel. Aber so lesen Sie doch erst, lieber Herr.

Alsdorff. Wozu noch lesen? Du bringst das Manuscript zurück – ich weiß genug.

Strobel. Aber es könnte doch in dem Briefe etwas Anderes stehen.

Alsdorff. Ich will dir sagen, was darin steht.

Strobel (macht den Brief auf und liest nach).

Alsdorff. Ew. Wohlgeboren sende anbei das Manuscript zurück und bedaure, davon keinen Gebrauch machen zu können. Hochachtungsvoll u. s. w.

Strobel. Weiß Gott, beinahe Wort für Wort.

Alsdorff. Siehst du, altes Haus, wenn man schon viel dergleichen Briefe erhalten hat, lernt man nach und nach den Styl auswendig.

Strobel (wirft das Paket zu Boden). I, so wollte ich doch, daß das heilige –

Alsdorff. Was machst du? Mein Manuscript.

Strobel. Ei, in’s Teufels Namen, der Bettel ist nichts Besseres werth.

Alsdorff (lachend). Meinst du?

[129] Strobel. Das ist nun schon der sechste Buchhändler, der es zurückschickt.

Alsdorff. Und der letzte.

Strobel. Warum das?

Alsdorff. Weil ich es keinem mehr anbieten werde.

Strobel. Ja so! Na, da mag es liegen bis – doch nein, ich will Fidibus daraus machen.

Alsdorff (lachend). Je nun, ob du es jetzt zu Fidibus machst – oder ob es erst als Maculatur zu der Ehre gelangt wäre, das gilt im Grunde gleich.

Strobel. Aber warum nehmen denn die Buchhändler das Werk nicht an? Ich bin fest überzeugt, es ist etwas Gutes und da müßten sie es doch drucken?

Alsdorff. Meinst du? O du bist noch weit zurück in der Aufklärung. Doch lassen wir das. Da liegt meine letzte Hoffnung und Geld muß ich haben.

Strobel. Ja, woher nehmen und nicht stehlen?

Alsdorff. Schaffe Rath. Ich habe es Hannchen versprochen – und wenn auch nicht – ich muß Geld haben.

Strobel. Ist es denn so eilig? Wir haben ja noch sechs Wochen Pump im Speisehause?!

Alsdorff. Was schwatzest du? Als ob ich je meinetwegen so gesprochen hätte. Wer hat mich gepflegt, als ich vier Monate schwer krank darnieder lag?

Strobel. Nun, Jungfer Hannchen – und ich auch ein bischen mit.

Alsdorff. Wer hat die theuren Arzneien besorgt, als meine Einnahmen aufhörten – und die Krankenspeisen und alles, alles?

[130] Strobel. Wieder Jungfer Hannchen.

Alsdorff. Nun? Und hast du vergessen, daß, als ich kaum gesund war, ihre Mutter erkrankte und nach drei Vierteljahren starb? Daß Hannchen, die Tag und Nacht bald arbeitete, bald die Mutter pflegte, doch nicht das Nöthige erwerben konnte? Daß meine Unterrichtsstunden in meiner Krankheit verloren gingen und ich ärmer bin, als je? Daß mein armes Hannchen alles verpfänden und verkaufen mußte, was sie nicht zur höchsten Nothdurft brauchte?

Strobel. Was werde ich es denn vergessen haben? Ich habe ja selbst die Fähnchen fortgetragen, eines nach dem andern. Herr, ich gehe sonst gern für Jungfer Hannchen – aber das ist mir sauer geworden.

Alsdorff. Und was fragst du noch? Hannchen muß morgen vierzig Thaler haben, die dringendste Schuld zu bezahlen. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet, mein Buch fertig zu bringen; ich freute mich, mit einem geringen Honorar dafür meine drückende Schuld gegen sie abtragen zu können – da liegt der Wisch, meine und ihre letzte Hoffnung ist vernichtet! (Geht auf und ab.)

Strobel. Ich bin immer zufrieden gewesen mit meinem Schicksale – aber zuweilen ist es doch verwünscht, so ein Lumpenhund zu sein.

Alsdorff. Es muß sein!

Strobel. Was?

Alsdorff (ohne Strobel anzusehen). Baron Störburg hat mir gestern sieben Louisd’or für den Pudel geboten.

Strobel. Was? Für den Leo?

[131] Alsdorff (weich). Führe ihn hin und laß dir das Geld geben.

Strobel. Den Leo?

Alsdorff. Mache, mache!

Strobel. Aber Herr – nein, den armen Hund können Sie nicht weggeben.

Alsdorff. Laß das Reden.

Strobel. Aber denken Sie nur, Sie haben den Hund so lieb – nein, es geht nicht. Wenn Sie nun des Morgens aufwachen und der Hund sitzt nicht mehr auf Ihrem Stuhle, vor Ihrem Bette und bellt Ihnen seinen guten Morgen entgegen.

Alsdorff. Strobel!

Strobel. Was? Und Leo soll nicht mehr mitgehen zum Mittagessen und ringsherum am Tische sich die Knochen einsammeln und andere Reste? Und er soll nicht mehr auf dem Bette liegen, wenn Sie Abends noch lesen, und dann sich auf die Thürschwelle legen, wenn Sie das Licht ausmachen?

Alsdorff. Halte das Maul!

Strobel. Und was wird Jungfer Hannchen sagen, wenn der Leo nicht mehr mitkömmt und ihr die Hand leckt und küßt und um sie herumspringt? Und wenn Sie mit ihr spazieren gehen, wer soll den Strickbeutel tragen oder den Regenschirm?

Alsdorff. Strobel, dich soll –

Strobel. Ach denken Sie nur, Herr, wie stolz der Hund mit dem Strickbeutel im Maule ging – immer zehn Schritte voraus – und wie er sich immer umsah, ob Sie auch nachkamen.

Alsdorff. Es muß sein.

[132] Strobel. Und was soll denn aus dem Hunde werden, der Sie so lieb hat? Der grämt sich ja zu Tode!

Alsdorff (immer weicher). Rede nicht lange und geh!

Strobel. Nein, Herr, das kann ich nicht. Was Sie wollen – aber den Leo führe ich nicht fort.

Alsdorff (auffahrend). So! Soll ich es selbst thun, was mir so schwer wird? (Weich.) Ich bitte dich, Strobel, thu’ es mir zu Liebe.

Strobel. Herr, die Thränen stehen Ihnen selbst in den Augen – Sie können, weiß Gott, den Hund nicht weggeben.

Alsdorff (gefaßt). Und was soll Hannchen machen?

Strobel. I, so wollte ich doch –

Alsdorff. Was?

Strobel. Daß der liebe Gott ein Einsehen hätte, und –

Alsdorff. Dukaten regnen ließe? Nicht wahr? Nein, Strobel, aus den Wolken, die an meinem Himmel hängen, fällt nur feuchter Thau. Jetzt geh’, thu’, was ich dir gesagt habe und bringe mir das Geld hierher. Willst du?

Strobel (nickt mit dem Kopfe).

Alsdorff (geht).

Strobel. Herr!

Alsdorff (an der Thüre). Was?

Strobel. Geht es denn nicht anders? Muß Leo fort?

Alsdorff. Weißt du ein anderes Mittel?

Strobel. Meine silberne Uhr –

Alsdorff. Ich brauche vierzig Thaler.

Strobel. Hole der Henker solche Lumpen, wie ich bin!

Alsdorff. Geh jetzt – du triffst mich später hier. (Ab.)

[133]
Dritter Auftritt.
Strobel.

Nein, es geht nicht – ich bringe es nicht über’s Herz – und der Herr auch nicht. Jungfer Hannchen und der Pudel und ich, wir haben den Herrn so lieb und nun ist das Kleeblatt zerrissen. – Aber Recht hat der Herr doch. Wenn Jungfer Hannchen Geld braucht, dann muß der Pudel dran. Du lieber Gott, das ist das letzte – wenn wieder so ein Fall eintritt, was machen wir dann? (Ab durch eine Seitenthüre.)


Vierter Auftritt.
Hempel, Volk (treten auf).

Volk. Wir sind zur Stelle, hier ist das Rütli.

Hempel (verwundert). Das Rütli?

Volk. Muß ich in platter Prosa mit dir reden? Verstehst du nicht die Anwendung des Dichters?

Hempel. Nicht immer, lieber Volk.

Volk. Nun wohl, hier ist die Kneipe.

Hempel (freudig, neugierig sich umsehend). Die Kneipe?

Volk. Was irrt dein Auge staunend so umher?

Hempel. Ei nun, ich habe von der Kneipe schon so viel gehört, und –

Volk. Und deine Phantasie schuf sich ein Götterparadies? Mein Freund, du irrst dich nicht. Wenn auch von außen nicht eben paradiesisch diese Mauern sind, so ist der Aufenthalt doch [134] paradiesisch. Und weil Ambrosia und Nektar man genießt, so ist die Kneipe das Elisium der Studenten.

Hempel. Ambrosia und Nektar?

Volk. O krasser Fuchs! O unpoet’sche Seele!

Hempel. Ja, ich kann dich nicht immer verstehen – du mußt es mir erklären.

Volk. Nun, Käsebrod und Bier. Jetzt sammle deinen Geist. Zum erstenmal betrittst du dieses Heiligthum; betrag dich gut, so gut ein Fuchs vermag, damit nicht Hohn und Spott dein Erbtheil werde.

Hempel. Du machst mich ganz ängstlich.

Volk. Sei still, ich höre schon die Brüder nahen.


Fünfter Auftritt.
Vorige, Reuter, Bärmann.

Reuter. Heda, Bier! Sieh da, unser Dichter. Pros’t, ihr Herren.

Volk. Re.

Hempel (schüchtern). Re.

Bärmann (lachend). Wer ist denn das?

Volk. Ein Fuchs, ihr Brüder, ist’s, der heut’ zum erstenmal sich als Student gerirt.

Reuter. Bärmann. Ein Fuchs? Laß sehen. (Drehen ihn um und besehen ihn.)

Reuter. Sieht noch ein bischen jüngferlich aus. Wird sich geben, alte Seele. Nun wie ist’s? (Singt:) „Was macht der Herr Papa?“

Die Andern (wiederholen im Chor, doch nur einmal).

[135] Hempel. Danke für gütige Nachfrage – er befindet sich wohl.

Die Andern. Göttlich, himmlisch! (Stärker und lachend.) „Was macht die Frau Mama?“

Hempel. Sie hat etwas Gicht.

Die Andern (noch stärker lachend). „Was macht die Mamsell Soeur?“

Hempel. Die Schwester? Ich habe keine Schwester.

Bärmann (lachend, schlägt ihn auf die Schulter). Bravo! Du bist ein göttlicher Kerl!

Reuter. Wo kommst du her?

Hempel. Von der Klosterschule.

Bärmann. Das hättest du nicht zu fragen brauchen – das sieht man ihm an.


Sechster Auftritt.
Vorige, Finke, Mantius.

Finke. Nun, ihr Kameele? Seid ihr noch trocken?

Mantius. Was gibt es Neues?

Bärmann. Einen Fuchs.

Finke. Holla, einen Fuchs! Wo?

Volk. Nun, bist du blind?

Reuter. Sehen wir aus, wie Füchse?

Finke. Still, ihr Kameele, nicht raisonnirt. Ihr seid alle noch Füchse, wenn ein bemoostes Haupt spricht. Doch sieh, da steht das Muttersöhnchen. (Fühlt ihm an das Kinn.) Liegt noch mit den Gänsen im Streite. Schadet nichts, kannst doch noch immer ein braver Kerl werden.

[136] Hempel. Das will ich auch.

Finke. Sieh, sieh, der Kerl hat Courage. Na, das ist brav von dir. Wir wollen dir’s schon beibringen!

Volk. Seid nicht so roh und schont sein zart Gemüth. Noch nicht gewohnt der derben, kern’gen Sprache, verletzt ihn leicht –

Finke. Bist du auch da, alter Jambenreiter? Und willst den Beschützer der Unschuld spielen? Die Rolle steht dir gut.

Reuter. Vorwärts, gesetzt, und das Glas zur Hand! Wir wollen den Fuchs einweihen, bis der lange Israel kommt.

Alle (setzen sich).

Hempel (halblaut zu Volk). Wer ist denn das, der lange Israel?

Volk. Respekt vor ihm, du neugebackner Mensch! Bemoostes Haupt ist hier sein Ehrentitel. Schon fünfzehn Jahr Student, ist er der Patriarch der Universität.

Hempel. Schon fünfzehn Jahre Student? Und hat noch nichts gelernt?

Finke. Was sagt das Kameel? Danke Gott, wenn du in fünfzehn Jahren so viel in deinen Strohkopf bekommst, als der lange Israel schon wieder vergessen hat.

Reuter. Jetzt setzt euch – und du Fuchs, stelle dich daher. Wir wollen dich einweihen.

Alle. Das Fuchslied, das Fuchslied! (Sie stimmen das Lied an: „Was kommt dort von der Höh!“ Noch in der Mitte der ersten Strophe tritt Alsdorff ein.)

[137]
Siebenter Auftritt.
Alsdorff, Vorige.

Alsdorff. Pros’t, ihr Herren!

Alle. Re, Re!

Alsdorff. Ihr schreit ja mörderlich. Was gibt’s denn?

Mantius. Was wird es geben? Das Fuchslied und einen Fuchs!

Alsdorff. Einen Fuchs? Bravo. Laß dich einmal betrachten.

Hempel (geht vor, die Andern folgen).

Alsdorff. Sei mir willkommen. (Führt ihn vor, sieht ihn lange an und legt ihm beide Hände auf die Schultern. Die Andern stehen im Kreise herum.) Also ein neuer Student? Hm, ein Gesichtchen wie Milch und Blut. Hast du auch schon bedacht, was du bei uns willst? Hast du dir überlegt, was ein Student ist und sein soll?

Hempel. Ich dachte –

Finke. Still Fuchs, wenn bemooste Häupter sprechen!

Alsdorff. Laß ihn reden, den Jungen, vielleicht weiß er etwas Gescheidtes. Nun, gib Antwort, was willst du hier bei uns?

Volk. Antworte, was der alte Göthe, im Faust, den Schüler sagen läßt. Hast du die Stelle wol im Kopfe?

Alsdorff (lachend). Sieh da, du poetischer Reminiscenzenjäger, der Einfall war nicht übel. Nun, wie heißt die Stelle?

Hempel (verlegen). Ich weiß nicht gleich.

[138] Volk. „Ich komme mit allem guten Muth,
Leidlichem Geld und frischem Blut;
Meine Mutter wollte mich kaum entfernen,
Möchte was Recht’s hier außen lernen.“

Allsdorff. Merke dir die Stelle, mein Junge, sie scheint mir ganz auf dich zu passen. Ich will dir noch eine kleine Erklärung dazu geben, doch nicht, wie Mephistopheles. Daß du etwas lernst, versteht sich von selbst. Doch um ein rechter Student zu sein, ist das noch nicht genug. Horch auf, ich will dir das erste und einzige Gebot aus dem Studentenkatechismus sagen. Das heißt: sei kein Philister. Weißt du, was das ist?

Bärmann. Philister gehören in die Naturgeschichte, und werden in zwei Klassen getheilt, in pumpende und nicht pumpende.

Alsdorff. Still, du Rhinoceros, wenn ich rede. Ein Philister ist ein Kerl, der nichts kennt, als sich und seinen Geldbeutel; der dem lieben Gott Buch und Rechnung führt über die Pfennige, die er einem armen Handwerksburschen gibt; der vor einem guten Rocke den Hut tiefer abnimmt, als vor einem abgetragenen; der Kunst und Wissenschaft für dummes Zeug hält, weil sie oft brodlos sind, – der um zehn Uhr zu Bette geht, weil dann der Nachtwächter bläst; der sich Sonntags pflichtschuldigst amüsirt, weil er ein reines Hemde angezogen, – der sich für fromm hält, weil er regelmäßig in die Kirche geht und der Frau Nachbarin neues Kleid bekrittelt, – dessen Lebenslauf mit einer Zeile zu beschreiben ist: er ward geboren, aß, trank, schlief – und starb. Sieh, das ist ein Philister. Solch ein Kerl mußt du nie werden, [139] niemals, in deinem Leben nicht. Darum lerne den Degen führen, daß du ein Mann wirst und vor einer blanken Klinge nicht in ein Mäuseloch kriechst, oder die Polizei rufst, wenn dich dein Nachbar einen Schafskopf schilt – aber werde kein Raufbold. Darum lerne ein Glas trinken, daß du etwas vertragen kannst und im Kreise munterer Gesellen nicht unter den Tisch fällst oder den Katzenjammer bekömmst, – aber werde kein Säufer! Halte dein Vaterland in Ehren und bete mir die Franzosen und Engländer nicht an, denn das deutsche Volk sollte das erste in der Welt sein, und wird es werden, wenn es frei und einig zum Selbstbewußtsein kommt und in stolzer Selbstachtung dem Auslande die offene Stirn bietet!! – Bedenke, wozu der Mensch da ist – nicht zum Essen allein und zum Arbeiten – das heißt ein Pflanzenleben führen. Freude braucht der Mensch – das heißt, was wir auf deutsch Freude nennen, – nicht etwa plaisir oder amusement! Lerne die schönste Ode auswendig, die je aus eines Dichters Feder floß, aus des unsterblichen, des deutschen Schillers Feder: „Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elisium,“ u. s. w. Mache Andern so viel Freude als du kannst und dir dabei mit; denn das Jauchzen der Lust ist dem lieben Gott ein schöneres Gebet, als das Schlagen an die Brust und das Zerknirschtsein. – Werde kein Weiberknecht, aber achte die Frauen, wie Schiller sie achtete, wenn er singt: „Ehret die Frauen“ u. s. w. Ueberhaupt lerne mir den Schiller auswendig und dazu den Jean Paul, dann kannst du ein Moralcollegium sparen. Sei als Jüngling ein Mann, und bewahre dir als Mann das Feuer des Jünglings, daß du nicht grämlich wirst über die Freuden der Jugend. Das alles thue, denn das heißt kein Philister sein – [140] und Philisterthum ist die eigentliche und wahre Erbsünde. – Und nun gehe und mache deinen Kameraden den Spaß, daß sie dich etwas hänseln.

Hempel (steht etwas verblüfft).

Volk (lachend). „Ihm wird von alle dem so dumm
Als ging ihm ein Mühlrad im Kopf herum.“

Hempel. Aber ich bin noch nicht recht klug in der Sache. Die haben mir schon manches anders gesagt, und der lange Israel sagt es mir nun wieder anders.

Alle (brechen in ein donnerndes Gelächter aus).

Alsdorff (laut und ernst, fast zornig). Halt! Lacht nicht! Wer hat dir den Namen gesagt, Fuchs?

Hempel (etwas verschüchtert). Da die Andern.

Alsdorff. Ich mag den Namen von niemand hören, am wenigsten von solchen Burschen, wie du bist. Ich heiße Alsdorff. Nun, sei nur ruhig, ich nehme es dir nicht übel. Du hast das in der Dummheit so herausgesagt. Aber der Spitzname thut mir weh. Du wirst das leicht begreifen, wenn ich dir sage, wie ich dazu komme. Seit zehn Jahren habe ich eine Braut, ein liebes, gutes Mädchen – (Weich) das ist sie, wahrlich – ich habe sie lieb, sehr lieb und breche jedem den Hals, der ihr mit einem Blicke nur wehe thut. Seit fünfzehn Jahren bin ich Student, und noch hat es dem Schicksal nicht gefallen, mir eine Stellung zu geben, daß ich mein Mädchen heimführen könnte. Schlechte Witzbolde fanden Aehnlichkeit zwischen mir und dem Jacob, der um die schöne Rahel vierzehn Jahre diente, und darum legten sie mir den Spitznamen bei. Ich habe ihn behalten, ich weiß, daß sie mich [141] so nennen, – doch in’s Gesicht thut’s keiner. Das merke dir und hüte dich ein anderes Mal.

Hempel. Ich habe es nicht böse gemeint –

Alsdorff. Schon gut, das ist abgemacht. Wenn nun die Andern dir andere Dinge gesagt haben als ich, so sieh, wie du durchkommst. Das Rechte und Wahre wird uns nicht in das Maul geschmiert. Selbst lernen gilt es und das Leben ist die beste Schule – besser wenigstens, als deine Klasse. Sapienti sat.

Mantius. Vorwärts Fuchs, her an den Tisch und wohl aufgepaßt.

Hempel (geht an den Tisch – die Andern setzen sich und beginnen das Fuchslied auf’s Neue).


Achter Auftritt.
Justi, Vorige.

Justi (tritt ein, sieht sich um und geht dann auf Alsdorff zu, mit dem er heimlich spricht. Nach nicht zu langer Pause, während welcher der Gesang fortdauert, fährt Alsdorff plötzlich auf).

Alsdorff. Halt da! Hört auf mit eurem Singsang, ich brauche euch weiter.

Alle (durcheinander). Was gibt’s! Holla! Rede!

Alsdorff. Geduld, einen Augenblick! (Geht nach der Thüre und gibt jemandem draußen einen Befehl.)

Die Andern (um Justi herum).

Bärmann. Was hast du, Bruder?

Reuter. Du siehst verdrießlich aus.

Mantius. Zum Teufel, rede doch!

[142] Justi. Nur Geduld, Alsdorff wird es euch sagen.

Alsdorff (kommt zurück). Jetzt seid ruhig und hört mich an. Ihre alle kennt die Präsidentin Roth?

Bärmann. Den Geizdrachen?

Finke. Den alten Geldsack?

Mantius. Die ist ja bekannt wie ein bunter Hund.

Alsdorff. Ihr alle wißt, daß, so lange ihr Mann lebte, die Besetzung aller Stellen für das untere Gerichtspersonal von ihr abhing. Sie ließ sich dafür bezahlen, vorgeblich zu milden Werken. Ihr wißt ferner, daß ihr Einfluß auf ihren Schwager, den jetzigen Präsidenten, noch immer der Art ist, daß die meisten Stellen von ihrem Einfluß abhängen.

Reuter. Leider wissen wir, es ist Schande genug.

Alsdorff. Justi hat sein Examen gemacht, hat trefflich bestanden und dann um die Actuariusstelle angehalten. Nach allem Recht mußte sie ihm werden. Doch rieth ich ihm selbst, der Präsidentin seine Aufwartung zu machen. Kann ich auch die krummen Wege nicht leiden, er braucht es für seine Mutter, seine Schwester. Heute war er dort und was denkt ihr wol?

Alle. Nun?

Alsdorff. Abgeschlagen! Hittorf bekommt die Stelle.

Finke. Was? Hittorf?

Volk. Er ist ja durchgefallen im Examen.

Bärmann. Der Kerl ist das größte Rhinoceros, was ich kenne.

Mantius. Und dabei ein schlechter Kerl.

Reuter. Und braucht’s nicht, hat Vermögen.

Finke. Da soll ja das Donnerwetter –

[143] Alsdorff. Ruhig! Ich könnte euch noch mehr sagen, ich habe Beweise von der saubern Wirthschaft, aber ich habe mir erst vor kurzem das Maul verbrannt. Ich frage euch jetzt nur: ist das nicht niederträchtig?

Alle. Nichtswürdig! Schändlich!

Finke. Hittorf muß mir vor die Klinge.

Alsdorff. Das magst du thun, doch hilft das weiter nichts. Allein um der hochgebornen Frau zu zeigen, daß wir wissen, wie die Sachen stehen, und daß sie ihr schändliches Handwerk nicht unbeobachtet treibt, schlage ich vor, sie soll ein Pereat haben.

Alle (lärmend). Pereat!


Neunter Auftritt.
Vorige, Strobel (mit einem kleinen Leierkasten).

Strobel. Pros’t, meine Herren!

Alle. Re, alter Philister!

Strobel (fängt an zu leiern).

Volk. Was soll denn das?

Alsdorff. Ihr sollt es hören. Die Präsidentin wohnt jetzt auf ihrem Landgute, eine Viertelstunde von der Stadt – bis wir dahin kommen, werde ich euch sagen, wie wir es machen.

Alle. Vorwärts, kommt!

Alsdorff. Du Fuchs, kannst du schweigen?

Hempel. O gewiß!

Reuter. Und wenn er das Maul nicht hält, soll ihn –

[144] Alsdorff. Genug, genug, du magst mitgehen! Vorwärts also!

Alle. Pereat! Pereat! (Lärmend und tobend ab; Strobel schließt, auf dem Kasten leiernd.)


Verwandlung.
(Freier Platz vor dem Landhause der Präsidentin. Rechts das Haus, vor demselben eine Gartenbank. Abend.)


Erster Auftritt.
Hauptmann Billstein, Präsidentin, Amalie (vom Spaziergange zurückkommend).

Präsidentin. Nein, lieber Hauptmann, ich kann Ihnen noch nicht ganz beistimmen. Wenigstens einige Monate des Winters müssen wir in der Stadt zubringen.

Hauptmann. Ich hoffe, daß der Reiz des Landlebens Sie die Stadt gänzlich vergessen machen wird. Lassen wir das bis später.

Präsidentin. Mit nichten, mein Freund, wir müssen darüber vorher einig sein.

Hauptmann. Nun, wir besprechen das näher. Vielleicht gebe ich ihnen nach.

Präsidentin. Ich hoffe es, doch es wird zu kühl für mich – gehen wir hinein.

Amalie. Der Abend ist so schön, lassen Sie mich noch einen Augenblick.

[145] Präsidentin. Wenn der Herr Hauptmann die Güte haben will, dir Gesellschaft zu leisten?

Hauptmann. Mit Vergnügen.

Präsidentin. So bleibt nicht zu lange. (Ab in’s Haus.)


Zweiter Auftritt.
Hauptmann, Amalie.

Hauptmann (führt Amalien zu der Bank). Würden Sie, mein Fräulein, auch nach der Stadt zurückverlangen?

Amalie. Ich denke, Herr Hauptmann, weder die Stadt noch das Land an und für sich besitzt so viel Reiz, daß man eins dem andern vorzöge. In glücklichen Verhältnissen befindet man sich überall wohl.

Hauptmann. O wie wahr haben Sie gesprochen. Doch was nennen sie glückliche Verhältnisse?

Amalie (freimüthig). Sie können nur durch Liebe und Anhänglichkeit hervorgerufen werden.

Hauptmann. Sie sprechen mir aus dem Herzen. Bei Ihren Worten gestalten sich alle die Lieblingsträume wieder vor meinem Geiste, denen ich so gern nachhing. Ich sehe mich an der Seite einer liebenden Gattin, umgeben von blühenden Kindern, fern von dem fremden Durcheinandertreiben der Menschen, nur lebend für meine Kinder und ihre Mutter. (Faßt unbewußt Amaliens Hand.) Oft habe ich mir diese Träume ausgemalt – ach es gibt keine größere Seligkeit als durch Liebe zu beglücken und beglückt zu werden.

Amalie (zögernd). Sie stehen ja nahe daran, diese Seligkeit zu erlangen.

[146] Hauptmann (sich vergessend). Nie, niemals!

Amalie (rasch). Sie lieben meine Tante nicht?

Hauptmann. O welchen Sturm erregen Sie in meiner Brust! Erlassen Sie mir die Antwort.

Amalie (für sich freudig). Er liebt sie nicht!

Hauptmann (faßt ihre Hand). Würden Sie in diesen Verhältnissen sich glücklich fühlen? Würde Ihnen das stille, aber reine Glück genügen?

Amalie (reißt sich los). Es wird spät – gute Nacht, Herr Hauptmann! (rasch ab).

Hauptmann. Was ist das? Sie reißt sich los und geht? Habe ich mich verrathen? Habe ich etwas gesagt, was mir selbst noch nicht klar ist? Warum bekämpfe ich den Gedanken, daß ich sie liebe, und warum steigt dieser Gedanke immer stärker in mir auf? Nein, nicht so – erst muß ich klar werden mit mir selbst, ehe ich mich den Verhältnissen opfere. Wenn sie mich liebte? Ha, das ist es, was mir fehlt. Könnte ich hoffen, glauben, daß sie mich liebte – dann wäre das Räthsel meines Innern gelöst. Wenn es möglich wäre, daß ich in ihren Blicken recht gelesen? Aber sie versprach sich mit einem Andern? That ich das nicht selbst? – – Wäre der Argwohn gegründet, der in mir aufsteigt, daß ein wohlberechneter Plan alle dem zum Grunde liegt? (Geht und bleibt stehen.) Nein, ich kann nicht hineingehen in dieser Aufregung. Die Präsidentin? Mag sie es übel nehmen – ich brauche Einsamkeit. (Ab.)

[147]
Dritter Auftritt.
(Es ist ganz dunkel geworden.)

Strobel (mit der Laterne und dem Leierkasten tritt auf, sieht sich überall vorsichtig um und winkt dann den Andern. Alsdorff, Bärmann, Reuter, Hempel, Volk, Finke, Mantius, Justi und noch einige Studenten treten auf und stellen sich um das Haus. Strobel präludirt kurz auf dem Leierkasten, und singt dann vor, die andern wiederholen im Chor Zeile für Zeile).

Schier dreißig Jahre bist du alt
Und denkst doch noch an’s Frei’n!
Ach geh’ doch in ein Kloster
Und bet’ ein Paternoster –
Das wird dir besser sein!

(Zum Schluß rufen alle durcheinander, stark und schreiend: pereat! pereat!)

Der Vorhang fällt.
[148]
Zweiter Aufzug.
Zimmer bei der Präsidentin.
Erster Auftritt.
Präsidentin, Amalie, Bedienter.

Präsidentin (steht vom Schreibtische auf). Diesen Brief sogleich an den Präsidenten. (Bedienter ab.) Genugthuung muß ich haben, vollgültige Genugthuung. O, ich verwinde diese Beschimpfung in meinem Leben nicht.

Amalie (an ihrem Arbeitstische). Beruhigen Sie sich doch, liebe Tante.

Präsidentin. Beruhigen? Um Gotteswillen, wie kann man so kalt sein bei einem so empörenden Ereigniß?

Amalie. Mein Gott, ich sehe dabei nichts so Fürchterliches. Studenten machen immer dumme Streiche. Warum suchen Sie nun hierbei eine absichtliche Beschimpfung?

Präsidentin. Weil ich weiß, daß es mir galt, weil ich weiß, warum es mir galt.

Amalie. Sie wissen?

Präsidentin. O nur zu gut – ich habe ihn wol erkannt, den Rädelsführer, bei dem Schimmer der Laterne – ich kenne ihn zu gut, den Menschen, der mir schon so manche unruhige Stunde gemacht hat.

Amalie (neugierig). Aber so erzählen Sie doch.

[149] Präsidentin (etwas abgekühlt). Genug davon. Das ist nichts für dich.

Amalie (für sich). Unbegreiflich!

Präsidentin. Es klopft? Wer geht denn so gerade zu, ohne sich melden zu lassen?

Amalie. Sie haben ja den Bedienten verschickt.


Zweiter Auftritt.
Vorige, Strobel (mit einem, in ein Tuch geschlagenen Kleide).

Strobel. Guten Morgen wünsche ich allerseits.

Präsidentin. Wer ist Er? Was will Er?

Amalie (aufstehend und das Kleid abnehmend). Ich weiß schon, er bringt mir ein Kleid von meiner Nätherin.

Präsidentin. Von deiner Nätherin?

Amalie. Von Hannchen Nebe.

Strobel. Ja, so ist es.

Präsidentin. Warum bringt sie denn das Kleid nicht selbst? Seit wann haben denn die Nätherinnen eigene Boten?

Strobel. Weil ihr der Weg zu weit ist nach Ihrem Landhause, und weil sie zu viel versäumt.

Präsidentin. Und wer ist denn Er?

Strobel. Wichsier, mit Verlaub, so was man sagt Stiefelputzer.

Präsidentin. Wie kommt denn Er zu solchen Bestellungen?

Strobel. Das thue ich meinem Herrn zu Liebe.

Präsidentin. Seinem Herrn?

Strobel. Ja, sehen Sie, mein Herr ist der Bräutigam [150] von Jungfer Hannchen, und da sie keine Magd hat, so mache ich ihr so die kleinen Ausgänge.

Präsidentin. Wer ist denn Sein Herr?

Strobel. Mein Herr ist Herr Alsdorff, Candidat der Theologie.

Präsidentin. So? Der saubere Patron, der schon seit fünfzehn Jahren Student ist und nichts gelernt hat und –

Strobel. Mit Verlaub, Madame, das ist gelogen. Mein Herr hat mehr im Kopfe als mancher, der auf dem Katheder sitzt.

Präsidentin. Aber Unfug treibt er und beleidigt anständige Damen.

Strobel. Ne, das thut er niemals.

Präsidentin. O, ich weiß nur zu gut, daß er es war, der gestern Abend – am Ende ist Er auch dabei gewesen?

Strobel. Bei was denn?

Präsidentin. Bei der Ungezogenheit, die gestern Abend unter meinem Fenster –

Strobel. Ne, davon weiß ich nichts.

Präsidentin. Schon gut, aber ich weiß es und werde Mittel finden, dem saubern Patron die nächtlichen Störungen zu verleiden.

Amalie. Aber liebe Tante –

Präsidentin. Laß mich –

Strobel. Wenn mein Herr etwas gethan hat, wird er wohl wissen, warum.

Präsidentin (spöttisch). Sein Herr, Sein Herr! Ist Er denn in Diensten bei dem Studiosus Alsdorff?

[151] Strobel. Ne, so eigentlich nicht. Ich bin bei Niemandem in eigentlichen Diensten, als bei der wohllöblichen Studentenschaft im Ganzen. Ich gehöre so zum Dienstpersonale bei der Universität.

Präsidentin. Warum nennt Er denn den Candidaten Seinen Herrn?

Strobel. Weil ich ihn lieb habe, weil ich ihn vor allen Andern und am liebsten, ja umsonst bediene, und er mir befehlen kann, was er will.

Präsidentin. Eine recht zärtliche Freundschaft.

Strobel. Sie sagen das so spöttisch, Madame, und haben es gar nicht Ursache, denn ich gehe durch’s Wasser und Feuer für meinen Herrn.

Präsidentin. Woher denn diese besondere Anhänglichkeit?

Strobel. Das kann ich Ihnen wol erzählen. Sehen Sie, ich war früher ein Kerl, der nichts taugte. Gelernt hatte ich nichts, als im Wirthshause sitzen und Branntwein trinken. Wie ich von den Soldaten los kam, wurde ich Stiefelputzer und da ging das Leben erst recht los. Den ganzen Tag war ich besoffen und wenn ich ein paar Kröten in der Tasche hatte, wurden sie verspielt und dabei hatte ich kein Hemd auf dem Leibe. Herr Alsdorff hatte mir schon ein paar Mal gesagt, ich sei ein schlechter Kerl, aber ich glaubte es ihm nicht. Nun hatte ich schon lange meine Hausmiethe nicht bezahlt. Endlich setzte mich mein Wirth heraus und nahm mir meine paar Lumpen. Das war des Morgens. Nachmittags begegne ich ihm am Flusse. Besoffen war ich [152] wieder – ich fing also mit ihm Krakehl an. Endlich packte ich ihn beim Kragen, weil er aber stärker war als ich, warf er mich bei der Balgerei in’s Wasser. Da kam just Herr Alsdorff vorbei. Er half mir wieder heraus, nahm dann seinen Stock und bläute mich jämmerlich durch, so was man Einen holzen nennt. Sehen Sie, das war der Anfang der Kur. Von dem Bade kriegte ich nun ein hitziges Fieber, und weil ich keine Wohnung hatte und nicht wußte wohin, nahm mich Herr Alsdorff mit auf seine Kneipe, das heißt, sein Zimmer. Er ließ mich in seinem Bette liegen, während er auf dem Sopha kampirte. Da habe ich nun vier Wochen gelegen und er hat sein Bischen Armuth mit mir getheilt und mir die Arzneien besorgt. So oft er mir etwas zu essen gab, gab er mir sehr offenherzig zu verstehen, ich sei ein schlechter, versoffener Kerl, der noch einmal hinter dem Zaune oder am Galgen umkommen müßte. Weil ich nun vier Wochen lang nichts zu thun hatte, als anzuhören, daß ich nichts taugte, so mußte ich es am Ende wol glauben. Dann hat mir mein Herr auch noch andere Dinge gesagt, die mir früher der Pfarrer in der Schule gesagt und die ich lange wieder vergessen hatte. Aber mein Herr sagte es mir so schön und so eindringlich, daß ich es weit besser einsah und behielt. Und als ich gesund wurde, war ich auch ein ordentlicher Kerl geworden. Sehen Sie, so hat mein Herr mir zwei Mal das Leben gerettet, denn ohne ihn wäre ich wol längst im Spital gestorben oder säße im Raspelhause. Und da habe ich es mir geschworen, ihn für meinen Herrn anzusehen, und ich thue für ihn, was ich kann, wenn es auch nichts weiter ist, als daß ich ihm die Stiefeln putze.

[153] Präsidentin (spöttisch). Er wird nicht viel zu putzen haben.

Strobel (ernst). Nein; mein Herr hat nur ein Paar Stiefeln und einen Flausrock. Aber auf dem dulde ich kein Stäubchen und in den Stiefeln können Sie sich spiegeln.

Präsidentin. Genug, genug, ich mag nichts weiter hören.

Strobel. Je nun, Sie haben mich ja erst gefragt.

Präsidentin. Schon gut. Was wartet Er noch?

Strobel. Ich möchte bitten, die kleine Rechnung –

Präsidentin. Das hat ja Zeit.

Strobel. Mit Verlaub, Jungfer Hannchen hat darauf gerechnet – sie braucht es.

Amalie (bittend). Liebe Tante –

Präsidentin. Nun, nun, ich will diesen Leuten nichts schuldig bleiben. (Nimmt die Rechnung und geht in das Nebenzimmer.)

Amalie (rasch und leise). Bleibt Hannchen heute zu Hause?

Strobel. Ja.

Amalie. Ich komme zu ihr.

Strobel. Schön, mein liebes Fräulein, ich werde es ihr sagen.

Amalie. War Alsdorff gestern Abend dabei?

Strobel (legt den Finger auf den Mund und sieht sich um).

Präsidentin (kommt zurück). Hier hat Er und nun mache Er, daß Er fortkommt.

Strobel. Mit Vergnügen. Allerseits guten Morgen! (Ab.)

[154]
Dritter Auftritt.
Amalie, Präsidentin.

Präsidentin. Unerträgliche Frechheit dieses Menschen!

Amalie (kalt). Ich habe seine Erzählung recht interessant gefunden.

Präsidentin. Das konnte ich erwarten von der empfindsamen Fräulein Nichte. Du wirst das ablegen müssen, wenn du mit dem Marquis vermält bist.

Amalie. Ablegen? Die wahrsten und schönsten Empfindungen?

Präsidentin. Sind nur in Romanen an ihrem Platze.


Vierter Auftritt.
Vorige, Hauptmann (küßt der Präsidentin die Hand).

Hauptmann. Wie haben Sie geschlafen?

Präsidentin. Schlecht. Haben Sie schon von der Beschimpfung gehört, die mir gestern Abend widerfahren ist?

Hauptmann. Ich habe davon gehört und bedaure recht sehr –

Präsidentin. Mit dem Bedauern ist es nicht abgethan. Ich erwarte, daß Sie mir Genugthuung verschaffen.

Hauptmann. Wie kann ich das?

Präsidentin. Indem Sie persönlich meine Klage bei den Gerichten gegen diesen Alsdorff unterstützen.

Hauptmann (lebhaft). Alsdorff?

Präsidentin. Er war der Rädelsführer.

[155] Hauptmann. Alsdorff? Welcher Alsdorff?

Präsidentin. Mein Gott, ein alter Student.

Hauptmann. Wissen Sie etwas Näheres von diesem Alsdorff? Es ist doch nicht der Sohn des Pfarrers von meines Vaters Gute?

Amalie (rasch). Derselbe.

Präsidentin. Woher weißt du das?

Amalie (verlegen). Mich dünkt, es von seinem Stiefelputzer einmal gehört zu haben.

Hauptmann. Das ist mir unangenehm.

Präsidentin. Wie so?

Hauptmann. Dieser Alsdorff war der Spielgefährte meiner Jugend. Wir wurden zusammen erzogen bis ich sechszehn, er neunzehn Jahre alt war. Dann kam ich in die Cadettenschule und er ging zur Universität. Ich habe ihn seit den fünfzehn Jahren nicht gesehen und nichts von ihm gehört, aber unvergeßlich bleibt mir unsere Freundschaft. Es sollte mir leid thun, gegen ihn gerichtlich auftreten zu müssen.

Präsidentin. Ich denke, Ihre Pflicht fordert, die Ehre Ihrer Braut –

Hauptmann (kalt). Sein Sie unbesorgt, ich kenne meine Pflicht. Doch werden Sie mir erlauben, ihn vorher persönlich zur Rede zu stellen.

Präsidentin. Nach Belieben. Doch hoffe ich, Sie werden das bald thun.

Hauptmann. Noch diesen Morgen – gleich – jetzt. Sie werden dann auf irgend eine Art Genugthuung haben.

Präsidentin. Nun so entschuldigen Sie mich für jetzt – nach Tische hoffe ich Sie zu sehen.

[156] Hauptmann (begleitet sie bis an die Thüre und bleibt dann sinnend stehen, mit dem Kopfe schüttelnd. Sein Blick fällt auf Amalien, die, wie in den vorigen Scenen, mit niedergeschlagenen Augen bei ihrer Arbeit sitzt. Er geht einige Schritte, Amalie dreht hastig den Kopf). Mein liebes Fräulein, warum ist Ihr Auge so trübe?

Amalie. Ich habe eine Bitte an Sie, Herr Hauptmann.

Hauptmann. Welche?

Amalie (immer ängstlich). Sie gehen zu Alsdorff, Sie werden mit ihm einen unangenehmen Auftritt haben – Ihre Pflicht – die Ehre – versprechen Sie mir, sich nicht zu schlagen.

Hauptmann. Amalie?

Amalie. Versprechen Sie es mir.

Hauptmann. Und weshalb?

Amalie. Wie Sie fragen. Soll es mir gleichgültig sein, den Mann, den ich – – achte und schätze, in Gefahr zu wissen? Ich sehe Sie im Geiste schon blutend – bleich – vielleicht gar todt – geben Sie mir Ihr Wort, sich nicht zu schlagen.

Hauptmann. Dieser dringende Ton, diese warme Theilnahme, Ihre Rede gestern Abend – o, eine Frage beantworten Sie mir: kömmt Ihr Gefühl recht tief aus Ihrem Herzen?

Amalie (sieht ihn zärtlich an). Ihr Wort! Ihr Wort!

Hauptmann. Dieser Blick spricht Wahrheit, dieser Druck der Hand – doch was rede ich – Sie sind Braut, unwiderruflich gebunden –

Amalie (reißt die Hand los und wendet das Gesicht ab).

[157] Hauptmann (immer dringender). Lieben Sie diesen Marquis? Sie antworten nicht? Wahrheit, ich bitte, ich beschwöre Sie!

Amalie (offen und fest). Nein.

Hauptmann. Und Sie konnten sich ihm versprechen.

Amalie. Die Ueberredung meiner Tante –. (Leise.) Ich that es, als Sie unterzeichnet hatten.

Hauptmann. Welchen Sturm erweckt dieß Wort in meiner Brust. Jetzt kann, jetzt darf ich nicht länger schweigen. Als ich in dieses Haus trat, um einen langen Streit durch eine Verbindung mit Ihrer Tante zu endigen, war mein Herz frei! Da kamen Sie, Amalie – ich sah Sie neben der Herzlosigkeit Ihrer Tante und mir wurde klar, wie sinnlos und thöricht ich handeln wollte. Fern von allem Umgang mit Frauen, im Felde aufgewachsen, verstand ich nicht, mich Ihnen zu nähern – kaum mit mir selbst einig über meine Gefühle, wagte ich nicht zu hoffen, daß Sie mich lieben könnten. Aber jetzt – Ihre unverstellte Theilnahme – wenn es dennoch möglich wäre? O, drehen Sie nicht den Kopf weg, lassen Sie mich in Ihren Augen die Antwort lesen auf meine Frage: lieben Sie mich? (Zieht sie leise an sich, sie läßt es schwach widerstrebend geschehen.) Lieben Sie mich?

Amalie (birgt ihr Gesicht an seinem Busen).

Hauptmann (sie an sich drückend). Amalie!

Amalie (macht sich los). Sie haben mich überrascht, haben meiner Schwäche ein Geständniß entlockt, das ich mir selbst nicht abzulegen wagte. Gönnen Sie mir Zeit, mich zu sammeln.

[158] Hauptmann. Sie wollen mich verlassen, in der seligsten Stunde meines Lebens?

Amalie. Denken Sie Ihrer, meiner Verpflichtungen.

Hauptmann. Ich zerreiße sie um jeden Preis, wenn du einwilligst, mein zu sein.

Amalie. Sie sind Mann. Handeln Sie als solcher, klug und besonnen. Ich verspreche Ihnen, meine Fesseln zu zerbrechen und sollte es mit Aufopferung meines Vermögens geschehen.

Hauptmann. Amalie?

Amalie. Und nun lassen Sie mich. Mißbrauchen Sie nicht die Schwäche des liebenden Mädchens, sich Gefühlen hinzugeben, die, wie die Sachen jetzt stehen, unrecht sind.

Hauptmann. Sie sollen sich nicht in mir getäuscht haben. Ich werde handeln als Mann. Sie haben ja mein Herz mit Muth und Hoffnung gefüllt. Lebe wohl Amalie, bald sollst du von mir hören! (Küßt ihr die Hand und eilt ab.)

Amalie (steht einen Augenblick und hält mit beiden Händen die Brust. Dann eilt sie an’s Fenster, sieht dem Hauptmann nach und geht langsam in das Nebenzimmer).


Verwandlung.
Bürgerliches Zimmer, ärmlich aber sauber.


Erster Auftritt.
Hannchen, dann Alsdorff.

Hannchen (kömmt herein, sieht durch das Fenster und setzt sich dann zu ihrer Arbeit). Wenn er nur käme. Strobel hat mir wirklich Angst gemacht, [159] da er mir von Unannehmlichkeiten sagte – horch, Tritte – das ist er. (Steht auf und eilt dem Eintretenden entgegen.)

Alsdorff (küßt sie). Grüße dich Gott, mein Hannchen.

Hannchen. Ich hatte Angst um Sie, lieber Fritz.

Alsdorff. Angst? Weshalb?

Hannchen. Sie haben gestern Unannehmlichkeiten gehabt – wußte ich doch nicht, was vorgegangen war?

Alsdorff. Sei nur immer ruhig; du weißt, ich thue nichts Unüberlegtes.

Hannchen (setzt sich. Alsdorff steht bei ihr oder geht auf und ab). Was haben Sie gehabt.

Alsdorff (nach einer Pause). Ich habe der Präsidentin ein Pereat gebracht.

Hannchen. Mein Gott, dieser einflußreichen Frau – was haben Sie gethan?

Alsdorff. Eben weil sie eine einflußreiche Frau ist – oder auch keine Frau – denn sie hat nichts Weibliches an sich. Ihr Geiz, ihre Habsucht machen sie zu einer Schande ihres Geschlechtes.

Hannchen. Aber Sie werden sich den größten Schaden thun.

Alsdorff. Mag es – ich kann nicht anders – jede Niederträchtigkeit empört mich. – Was blickst du immer nach der Thüre?

Hannchen. Wo bleibt denn Leo?

Alsdorff. Leo?

Hannchen. Sie gehen ja nie aus ohne den Hund, und ich habe Knochen für ihn.

[160] Alsdorff (abgewandt). Der Hund ist krank – er liegt zu Hause auf seinem Kissen. – Hier sind die vierzig Thaler, liebes Hannchen.

Hannchen. Wirklich? Wie haben Sie das möglich gemacht, armer Fritz?

Alsdorff. Es ist – – vom Buchhändler.

Hannchen (freudig). Ist Ihr Manuscript angenommen worden?

Alsdorff. Ich – stehe noch in Unterhandlung – das ist – so im Voraus.

Hannchen (steht auf, gibt ihm die Hand). Ich danke, lieber Fritz.

Alsdorff (sie bei der Hand haltend und ihr in’s Auge blickend, wehmüthig). Du dankst mir, gutes Mädchen? Ich habe keinen Dank um dich verdient.

Hannchen. Fritz!

Alsdorff. Ich habe dich an mich gezogen und bin doch nicht im Stande, dich fest zu halten –

Hannchen. Aber Fritz –

Alsdorff (immer weicher und bittrer). Deine Jugend hast du vertrauert in Hoffnung auf einen Menschen, der dir keine erfüllen wird.

Hannchen. Fritz – lieber Fritz –

Alsdorff. Ich möchte bereuen, dich um dein Lebensglück gebracht zu haben, und doch ist mir der Gedanke unmöglich, ohne dich zu leben.

Hannchen. Warum thun Sie mir so weh mit diesen Reden? Wissen Sie nicht, daß die Liebe des Mädchens nur [161] Dank ist – inniger Dank gegen den Mann, auf den sie vertrauungsvoll sich stützt?

Alsdorff. Ich bin dir keine Stütze, armes Mädchen.

Hannchen. Nicht? Soll ich es Ihnen noch sagen, wofür ich Ihnen Dank, unendlichen Dank schuldig bin? Wer hat in den bittern Jahren, wo Leiden und Kummer mich trafen, mich aufrecht gehalten? Wer hat mir Vater und Mutter und Geschwister ersetzt, wer ist mir einzig übrig geblieben in der Welt? Wer hat mir den Muth in die Seele gepflanzt und das Vertrauen auf eine höhere Lenkung, das meinen Blick in die Zukunft heiter macht? Soll ich Ihnen nicht danken für das Bewußtsein innern Werthes, das Sie mir verliehen?

Alsdorff. Mein gutes Hannchen!

Hannchen. Soll ich Ihnen nicht danken für Ihre treue Liebe, aus der allein die Freuden flossen, die ich hier noch gehabt habe? Und glauben Sie, daß es einen Preis in der Welt gäbe, wofür ich Ihre Liebe – meinen höchsten und einzigen Schatz aufopferte?

Alsdorff (zieht sie innig an sich). Du beschämst mich, Hannchen, höre auf, – ei seit wann hast du die Rollen umgedreht, daß ich von dir mir Muth und Stärke holen muß?

Hannchen. Ist es Ihnen unangenehm, auch von mir einmal etwas anzunehmen? Doch nein, das kann es nicht sein. Versprechen Sie mir, Fritz, nie wieder solche Reden zu führen.

Alsdorff. Hier, meine Hand – doch still, ich höre kommen.

[162]
Zweiter Auftritt.
Vorige, Strobel.

Alsdorff. Was willst du, Strobel?

Strobel. Ich bringe Geld und Grüße.

Alsdorff. Von wem?

Strobel. Von dem Fräulein bei der Frau Präsidentin.

Alsdorff. Grüße von dort?

Hannchen. Ich habe Ihnen noch nicht gesagt, daß das Fräulein und ich gute Freundinnen sind.

Alsdorff. Du und das Fräulein?

Hannchen. Sie wissen, daß meine gute Mutter früher Unterricht in weiblichen Arbeiten gab. Auch Amalie genoß diesen Unterricht und dabei lernte ich sie kennen und wir liebten uns. Als ihre Aeltern starben, nahm sie ihr Vormund zu sich auf sein Gut. Seit vierzehn Tagen ist sie hier und ihre erste Frage war nach der Jugendfreundin. Daß ich für sie arbeite, gibt uns Gelegenheit, unsern Umgang fortzusetzen, den sonst die stolze Präsidentin wol nicht dulden würde.

Strobel. Ja, da haben Sie Recht. Die Madame ist eine bitterböse Frau, – doch Herr, es will Sie Jemand sprechen auf dem Kaffeehause nebenan.

Alsdorff. Mich? Wer?

Strobel. Scheint mir ein Officier zu sein.

Alsdorff (drückt Hannchens Hand). Leb’ wohl, mein Hannchen, ich komme bald zurück.

Hannchen. Und wollen Sie gut sein und mich nicht mehr mit solchen Reden quälen?

Alsdorff. Du gute Seele – lebe wohl. (Ab.)

[163]
Dritter Auftritt.
Hannchen, Strobel.

Strobel. Das Fräulein will heute noch zu Ihnen kommen.

Hannchen. Ich danke, Strobel, für deinen Gang.

Strobel. Nicht nöthig, Jungfer Hannchen, Sie wissen, ich bringe Ihnen gern Moneten. Na, haben Sie nichts zu thun für mich? Nichts weiter auszugehen?

Hannchen. Nein, lieber Strobel.

Strobel. Kein Wasser zu holen? Oder Holz zu hacken?

Hannchen. Zum Abend, wenn du dann so gut sein willst.

Strobel. Was Sie wollen, mit Vergnügen. So empfehle ich mich jetzt. – Wer klopft denn?


Vierter Auftritt.
Vorige, Amalie (tritt ein).

Strobel. Ach, das Fräulein von da draußen.

Amalie. Guten Tag, mein liebes Hannchen.

Hannchen. Sieh, so rasch hätte ich mir deinen Besuch nicht vermuthet. Herzlich willkommen!

Strobel. Nun, ich lasse Sie allerseits in guter Gesellschaft. Und wenn Sie etwas zu bestellen haben, ein Briefchen oder dergleichen – ich stehe immer zu Diensten. Guten Morgen! (Ab.)

[164] Amalie (Hannchen umarmend). Ich komme zu dir, um mich auszusprechen. Ich bedarf der Theilnahme einer liebenden Freundin.

Hannchen. Du machst mich ängstlich. Sprich, erzähle.

Amalie. Ja, wo soll ich anfangen. Es treibt sich alles so in meinem Kopfe durcheinander –

Hannchen. Mir scheint es eher in deinem Herzen.

Amalie. Ach, du magst Recht haben. Noth und Entzücken, Freude und Hoffnungslosigkeit – alles wechselt in mir.

Hannchen. Freude und Hoffnungslosigkeit, Noth und Entzücken –? Das kann ja der beste Dichter nicht zusammen reimen. So rede doch!

Amalie. Sind und bleiben wir hier ungestört?

Hannchen. Ich erwarte meinen Freund zurück.

Amalie. So komm in das Gärtchen hinter dem Hause – ich will dich von Allem unterrichten.

Hannchen. Ich bin entsetzlich neugierig. Hier durch die Hinterthüre.

(Beide ab durch die Seitenthüre.)


Fünfter Auftritt.
Hauptmann, Alsdorff.

Alsdorff (zieht den Hauptmann nach sich). Hier herein, hier sind wir ungestört, nicht umgeben von der lästigen Neugier. (Ihn umarmend.) Mein guter, lieber Karl.

Hauptmann. Nach fünfzehn Jahren finde ich dich [165] wieder – o Fritz, das ist die erste, recht innige Freude nach langer Zeit.

Alsdorff. Sieh Karl, mein Leben ist arm, aber solche Augenblicke sind Ersatz für Vieles und halten lange vor.

Hauptmann. Mache mich nicht weich – Mensch – ich glaube du weinst.

Alsdorff. Warum soll ich nicht weinen? Freudenthränen sind das schönste Geschenk, das die Natur dem Menschen verlieh. – Wie bei deinem Anblicke die Jahre vor meinem Geiste schwinden. Ich sehe uns wieder Hand in Hand in der Laube sitzen, wo dein guter Vater uns erzählte von den Helden des Plutarch, ich sehe uns stehen vor deiner trefflichen Mutter, die uns ausschmälte ob unserer Wildheit und doch ihre Freude nicht verbergen konnte, daß ihr Sohn keine Schlafmütze geworden war. Ach sie sind todt, die Trefflichen – und meine Aeltern – es ist Alles dort hinüber.

Hauptmann. Still, still davon. Nur jetzt nicht von diesen heiligen Erinnerungen, mir knüpfen sich zu viel schmerzliche Gedanken daran. Es werden ruhigere Stunden kommen, wo wir uns im Geiste in dem Paradiese unserer Jugend ergehen können. Heute ist mein Gemüth von zu vielen, andern Dingen aufgeregt und ich muß Anderes und Nothwendigeres mit dir besprechen.

Alsdorff. Wohl – noch diesen Händedruck – und nun sprich.

Hauptmann. Zuvörderst, wie ging es dir seit unserer Trennung?

Alsdorff. Als du von Hause wegkamst, bezog ich die Universität. Bald darauf starben kurz hinter einander meine [166] Aeltern. Du weißt, sie waren niemals reich und das Wenige, was sie mir zurück ließen, reichte kaum hin, meine Studien zu vollenden und mein erstes Examen zu machen. Ich half mir fort durch Unterricht, bis sich mir eine Aussicht eröffnen würde. Meine Ansprüche sind nicht groß. Nur einen Platz wollte ich haben, wo ich wirken konnte, einen Platz wie mein guter Vater auf unserm Dorfe, wo ich der Freund, der Trost, die Zuflucht Aller sein könnte, die eines liebenden Seelsorgers bedürften. Doch – lag es an mir oder lag es am widrigen Geschick – bis jetzt habe ich meine Wünsche noch nicht erreicht.

Hauptmann. Und wie lebst du?

Alsdorff. Je nun, ich bin ein alter Student. Ich gebe Unterricht – und lebe.

Hauptmann. Aber wie?

Alsdorff (wehmüthig lächelnd). Wie ein armer, alter Student. – Von der zweiten Hälfte meines Lebens ein anderes Mal. Jetzt sprich, was hast du mir zu sagen?

Hauptmann. Du hast gestern Abend der Präsidentin Roth ein Spottständchen gebracht?

Alsdorff (nach einer Pause). Ja.

Hauptmann. Weshalb? Ich muß dich darüber zur Rede stellen.

Alsdorff. Was kümmert dich dieß Weib?

Hauptmann. Dieß Weib ist meine Braut.

Alsdorff. Nimmermehr!

Hauptmann. Alsdorff!

Alsdorff. Deine Braut mag sie sein, deine Frau soll sie niemals werden.

[167] Hauptmann. Was soll das heißen?

Alsdorff. Antworte mir ehrlich – liebst du sie?

Hauptmann. Nein – jetzt gar nicht.

Alsdorff. Und willst sie heirathen?

Hauptmann (achselzuckend). Verhältnisse.

Alsdorff. Die sollen und müssen sich heben lassen. Erzähle.

Hauptmann. Ein Prozeß um meines Vaters Gut – des Fürsten Wunsch, ihn durch eine Heirath beizulegen – mein Herz war frei, die Präsidentin nahm mich freundlich auf und –

Alsdorff. Nun? Und –

Hauptmann (seufzend). Ich habe gestern den Heirathsvertrag unterschrieben.

Alsdorff. Und seufzest schon jetzt? Das wird eine lustige Ehe werden.

Hauptmann. Ich seufze, weil – doch davon nachher –

Alsdorff (lachend). Nichts nachher, ich muß Alles wissen.

Hauptmann. Laß mich.

Alsdorff. Du wirst roth? Mensch, ich glaube, du bist verliebt?

Hauptmann. Alsdorff!

Alsdorff. Ei was, gestehe Sünder, du bist verliebt?

Hauptmann. Nein, verliebt bin ich nicht – aber ich liebe, ernst und aufrichtig.

Alsdorff. Und wen?

Hauptmann. Einen Engel.

[168] Alsdorff. Das wußte ich schon, ich frage nach ihrem Namen.

Hauptmann. Der Präsidentin Nichte – Amalie.

Alsdorff. Das ist in der Ordnung.

Hauptmann. Was?

Alsdorff. Daß die Nichte der Tante den Rang abläuft.

Hauptmann. Keine Possen, Fritz, mir ist sehr ernst zu Muthe.

Alsdorff. Ich treibe auch keine Possen. Ich freue mich, daß du so offen gegen mich bist, weil ich dir helfen kann.

Hauptmann. Du?

Alsdorff. Ja, ich. Auf deine Fragen wegen des Ständchens und was ich gegen die Präsidentin habe, antworte ich dir: ich gehe jetzt selbst zu ihr, das auszumachen und werde sie bestimmen, erstens, daß sie mir verzeiht, zweitens, daß sie dich deines Ritterdienstes überhebt, denn du würdest dich doch nicht gern mit mir schlagen, und drittens, daß sie den Vertrag zurückgibt und den Prozeß fallen läßt.

Hauptmann. Treibe keinen Scherz mit meinen Hoffnungen.

Alsdorff. Wer sagt dir, daß ich scherze?

Hauptmann. Wie könntest du –?

Alsdorff. Das ist vor der Hand mein Geheimniß. Nimm mein Wort, daß ich dich aus allen Fesseln der Präsidentin und deines Prozesses los mache.

Hauptmann. Du wärst mein Engel, wenn du das könntest.

Alsdorff. Halt, spare den Engel für deine Amalie. Mir ist der Name Freund der liebste. Kann ich dir helfen, und [169] ich denke es zu können, so trage ich nur eine alte Schuld ab gegen deinen theuern Vater.

Hauptmann (ihn umarmend). Freund!

Alsdorff. Jetzt geh’ – in wenig Stunden hast du Antwort.

Hauptmann (nimmt seinen Hut und sieht dabei durch’s Fenster). Himmel! Was sehe ich! Amalie!

Alsdorff. Wo? Wo?

Hauptmann. Da, im Garten neben einem jungen Mädchen, mit dem sie eifrig spricht.

Alsdorff. Also deine Amalie?

Hauptmann. Wie kömmt sie hierher?

Alsdorff. Sie ist bei meiner Braut.

Hauptmann. Deiner Braut? Ja, davon sind wir abgekommen. Wir sind hier in einem fremden Zimmer, – du wolltest mir erklären –

Alsdorff. Du sollst Alles wissen. Jetzt geh’ – die Frauenzimmer kommen herauf, sie sollen dich hier nicht finden. (Setzt ihm den Hut auf und führt ihn zur Thüre.)

Hauptmann. Aber Fritz –

Alsdorff. Fort, fort. Leb’ wohl auf Wiedersehen.

Hauptmann. Wann?

Alsdorff. In zwei Stunden.

Hauptmann. Leb wohl denn! (Ab.)


Sechster Auftritt.
Alsdorff (allein).

Also auf diese Weise, Frau Präsidentin, denken Sie Ihrem [170] Werke die Krone aufzusetzen? Mein armer Freund, du würdest schön ankommen mit dieser Frau. Gut denn, die Sache kommt mir gelegen und überhebt mich aller Zweifel. Jetzt muß sie, wie ich es verlange, oder ich setze meinen Kopf daran, sie zu entlarven.


Siebenter Auftritt.
Alsdorff, Amalie, Hannchen (aus der Seite).

Hannchen. Sieh da, mein lieber Freund, sind Sie noch er [Korrektur: hier]?

Alsdorff. Für jetzt, ja, doch ich gehe gleich, um nicht zu stören.

Hannchen. Wohin?

Alsdorff (leicht). Ich habe einen Brief erhalten von einem Hauptmann Billstein, mit dem ich ein Geschäft abzumachen habe.

Amalie (leise). Um Gotteswillen, liebe Freundin.

Hannchen. Nur ruhig. Lieber Fritz, wollen Sie mir wol aufrichtig sagen, was das für ein Geschäft ist?

Alsdorff (lachend). Das kann ich nicht – doch ist es eben nicht angenehm.

Amalie (herausplatzend). O wir wissen, Sie werden sich schlagen.

Alsdorff. Sie haben einen prophetischen Geist, ich gehe wirklich zu einem kleinen Kampfe.

Amalie. O meine Ahnung!

Hannchen (bittend). Fritz, können Sie das nicht vermeiden?

[171] Alsdorff. Ich kann und will nicht.

Amalie. O ihr wilden Männer, wenn ihr eurem falschen Götzen folgt, der sogenannten Ehre, seid ihr taub für die Stimme der Vernunft. Ihr denkt nicht an die Angst derer, die euch lieben, an ihren Kummer, ihre Verzweiflung, wenn –

Alsdorff (immer heiter). Mein Fräulein, Sie erzeigen mir viel Ehre, daß Sie so lebhaft Theil an mir nehmen.

Hannchen. Lassen Sie sich sagen – das ist Fräulein –

Alsdorff. Ich will Sie aus aller Verlegenheit ziehen. Sein Sie unbesorgt, es soll Ihrem Hauptmann kein Haar gekrümmt werden.

Amalie (verlegen). Ich verstehe nicht, mein Herr –

Alsdorff. Wie kann ein so schöner Mund die Unwahrheit sagen? Sie verstehen mich recht wohl.

Hannchen. Aber ich verstehe Sie nicht. Wie können Sie etwas wissen, was –

Alsdorff. Glaubst du denn, mein Kind, man studire umsonst Philosophie? Ich habe zu Hause zwei dicke Bücher, da steht alles d’rin von dieser Geschichte, was ich wissen will.

Hannchen. Unbegreiflich ist mir’s – sowol Ihr Scherz, als Ihr Wissen.

Amalie. Sie haben Recht, mein Herr, mich einer Unwahrheit zu zeihen, die mir die Verlegenheit auspreßte. Unsere Bekanntschaft wird auf sonderbare Weise geknüpft. Doch ist mir alles jetzt klar. Sie haben den Hauptmann, Ihren Jugendfreund, wie er mir sagte, bereits gesprochen und er hat Sie zum Vertrauten gemacht. Doch jetzt haben auch Sie die Güte, mir unumwunden die Wahrheit zu sagen, und ob und wie [172] Sie die Sache von gestern Abend abmachen werden, die mir schon so viele Angst bereitet hat.

Alsdorff. Nun denn, mein Fräulein, ich gehe jetzt, die Sache mit der Frau Präsidentin selbst zu verhandeln und dabei den Hauptmann aus gewissen Fesseln los zu machen, die ihn jetzt schwer drücken, was ich leicht begreife, da ich Sie gesehen habe.

Amalie. Mein Herr –

Alsdorff. Sein Sie unbesorgt. In zwei Stunden ist Ihr Freund frei und kann handeln wie er will.

Hannchen. Nun muß ich bitten; ich bin die Vertraute meiner Freundin, in alle ihre Geheimnisse eben erst eingeweiht, und vor meinen Augen spricht sie mit einem Fremden von eben den Geheimnissen und ich verstehe kein Wort davon.

Alsdorff. Was brauchst du auch zu verstehen, wenn ich mit schönen Damen Geheimnisse habe.

Hannchen. Fritz, Fritz, sein Sie nicht so leichtfertig!

Amalie. Mein Herr, ich bin Ihnen unendlichen Dank schuldig. Sie haben nicht nur eine drückende Last von meiner Seele gewälzt – Sie haben auch Hoffnungen in mir erweckt, an die ich nicht zu glauben wagte –

Hannchen. Nicht zu voreilig, Amalie, wenn Alsdorff auch das mir noch Unbegreifliche durchsetzte, dann bist du ja noch nicht frei.

Amalie (seufzend). Du hast Recht.

Alsdorff. Wie so? Sind Sie noch anders gebunden, als durch das Band, das Sie an den Hauptmann fesselt?

Hannchen. Fragen Sie doch Ihre Bücher, Herr Philosoph.

[173] Amalie. Da Sie so viel wissen, mag ich Ihnen auch das nicht verschweigen. Ich bin mit dem Marquis Dixième verlobt.

Alsdorff. Was Teufel, mit diesem Hasenfuß? Ich bitte um Entschuldigung – aber ich kann mir nicht denken, daß ein so schönes Mädchen diesen Windhund lieben kann.

Hannchen. Ei was, sie liebt ihn auch nicht. Verhältnisse, Ueberredung (drohend), etwas Eigensinn, Trotz –

Amalie (bittend). Hannchen!

Hannchen. Ich will auch einmal mitreden und die Wahrheit sagen.

Alsdorff. Hat Ihre Tante diese Verbindung angezettelt?

Amalie. So ist’s.

Alsdorff. Und Sie wünschen sie gelöst?

Amalie (schlägt die Augen nieder).

Alsdorff. Verstehe. Nun, ich habe mit dem Herrn ohnehin noch ein Wörtchen zu reden. Es ist doch derselbe, Hannchen, der auf dein Zimmer kam?

Hannchen. Derselbe.

Alsdorff. Hören Sie, mein Fräulein, versprechen will ich Ihnen nichts – aber es könnte geschehen, daß ich das so in einem hin mit abmachte.

Amalie. Hannchen. Wie könnten Sie?

Alsdorff (munter). Halt. Das ist mein Geheimniß. Richten Sie Ihr Köpfchen auf, bleiben Sie hier und hoffen Sie. Wie sagt der Faust des Göthe:

„Drum habe ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Wort und Mund
Nicht manch Geheimniß würde kund.“

[174] Ich werde meine dicken Bücher zu Rathe ziehen. Bisher habe ich geglaubt, ein alter Student sei ein unnützes Ding auf der Welt – ich merke aber doch, er kann zuweilen zu etwas gut sein. Also Muth und Hoffnung ist die Losung, und wenn alles gut geht – zur Belohnung – ein Kuß.

Hannchen (rasch). Von mir?

Alsdorff (lachend). Auch mit! (Ab.)

Der Vorhang fällt.
[175]
Dritter Aufzug.
Zimmer bei der Präsidentin.
Erster Auftritt.
Präsidentin (aus dem Nebenzimmer).

Alsdorff will mich sprechen? Wahrscheinlich, mich um Verzeihung zu bitten. Also auf diese Weise, mein weichmüthiger Herr Hauptmann, denken Sie die Sache beizulegen, um Ihren werthen Freund zu schonen!? Sie irren sich – ich lasse mich so leicht nicht versöhnen und will Rache haben an diesem Menschen. (Setzt sich und klingelt.)


Zweiter Auftritt.
Präsidentin, Alsdorff. (Bedienter öffnet die Thüre.)

Alsdorff (tritt mit kaum merklicher Verbeugung ein und bleibt in der Mitte des Zimmers, auf seinen Stock gelehnt, stehen).

Präsidentin (vornehm). Was wünschen Sie?

Alsdorff (ruhig). Mir scheint, Madame, Sie irren sich über die Ursache meines Besuchs. Sie sehen mich mit hochmüthigen Blicken an und denken mich verlegen zu machen – allein Sie denken falsch.

[176] Präsidentin. Mein Herr, was soll diese Sprache?

Alsdorff. Nur die Einleitung zu dem, was ich Ihnen zu sagen habe.

Präsidentin (etwas erstaunt). Ich weiß nicht –

Alsdorff. Nein, noch wissen Sie nicht, sollen es aber gleich erfahren. Bis jetzt meinen Sie vielleicht, ich sei gekommen, mich zu entschuldigen, daß ich Ihnen gestern Abend ein Ständchen brachte –

Präsidentin (aufstehend). Also Sie waren das?

Alsdorff. Ja, ich war das. Sie haben es auch recht gut gewußt, denn Sie haben ja den Hauptmann deshalb zu mir geschickt.

Präsidentin. Wie können Sie Ihre Ungezogenheit von gestern Abend entschuldigen?

Alsdorff. Davon ist vor der Hand nicht die Rede – ich habe das mit dem Hauptmann abgemacht.

Präsidentin (höhnisch). Und was haben Sie denn mit ihm abgemacht?

Alsdorff. Wie ich ihn von der Nothwendigkeit befreien kann, sich mit Ihnen zu verheirathen.

Präsidentin. Sie unterstehen sich –

Alsdorff. Die Wahrheit zu sagen? Ja. Ich thue das immer, das haben Sie wol gestern Abend gehört.

Präsidentin. Mit einem Worte, was wollen Sie von mir?

Alsdorff. Der Hauptmann und Sie passen nicht für einander, denn der Hauptmann ist ein braver Mann, und Sie – nun, ich will Ihnen weiter nichts Unangenehmes sagen. Ich ersuche Sie daher, den Hauptmann seines [177] Wortes zu entlassen und mir seine Unterschrift zurück zu geben.

Präsidentin. Ich begreife nicht –

Alsdorff. Wie ich dazu komme? Ich handle eines Theils im Auftrage des Hauptmanns, andern Theils aus eignem Antriebe, als Freund desselben. Ich kann ihm meine Freundschaft nicht besser beweisen, als wenn ich ihn von der Verbindung mit Ihnen los mache.

Präsidentin. Sie sind –

Alsdorff (immer kalt und ruhig). Unverschämt oder so etwas wollen Sie sagen – doch nicht so ganz, als Sie glauben. Kurz also, wollen Sie mir die Unterschrift zurück geben?

Präsidentin. Will Ihr Freund den Vertrag nicht erfüllen, so ist das eine Sache, die ich gerichtlich mit ihm abzumachen habe. Wenigstens kann ich Sie nicht als Vermittler dabei annehmen.

Alsdorff. Damit Sie das dennoch thun, ist vielleicht nur nöthig, daß ich Ihnen einige Dinge in das Gedächtniß zurückrufe, die Sie vergessen zu haben scheinen. Sie werden sich entsinnen, daß ich zwei Jahre lang bei Ihrem Manne, dem verstorbenen Präsidenten als – nun als Abschreiber gearbeitet habe. Da ist mir denn so mancherlei fast wider meinen Willen zur Kenntniß gekommen. Besinnen Sie sich erstens auf den hübschen Gewinn, den Ihnen die Verwaltung des Waisenhauses abwarf? Die Welt lobte Ihren Mann wegen seiner Uneigennützigkeit, daß er die oberste Leitung ohne Gehalt übernahm. Dafür aber floß heimlich die Hälfte der, für arme Waisen bestimmten Einkünfte in Ihren Beutel.

[178] Präsidentin. Mein Herr –

Alsdorff. Lassen Sie mich ausreden. Die Rechnungen deshalb besorgten Sie, denn Ihr Gemal war ein schwacher Mann und nur Ihr Geiz und Ihre Habsucht verleiteten ihn zu dieser Betrügerei.

Präsidentin. Womit –

Alsdorff. Lassen Sie mich ausreden. Zweitens wissen Sie wol auch noch, daß die Besetzung der Stellen für das untere Gerichtspersonal von Ihrem Manne abhing. Sie werden sich auch entsinnen, daß Sie dabei überall die Hände im Spiele hatten, daß die armen Teufel erst bluten und, vorgeblich für Ihre milden Anstalten, recht ansehnliche Beiträge geben mußten, ehe sie zu einer Stelle gelangten. Diese milden Beiträge flossen ebenfalls in Ihren unersättlichen Geldbeutel.

Präsidentin. Nun wird es mir –

Alsdorff. Lassen Sie mich ausreden. Sie werden drittens mir nicht ableugnen, daß der jetzige Präsident, Ihr Schwager, ebenfalls ein schwacher Mann ist, der sich mehr um die Schuhbänder und Hausthüren der Römer bekümmert, als um seine Geschäfte, und daß Sie Ihren Einfluß auf ihn zu erhalten wissen und mit Ihrer Fürsprache noch immer Handel treiben. Dabei sage ich Ihnen beiläufig, daß das Ständchen von gestern Abend bloß deshalb war, weil Sie den armen Justi um die Stelle gebracht haben, die ihm von Gott und Rechtswegen gehört.

Präsidentin (sich zusammen nehmend). Womit können Sie Ihre abgeschmackten Beschuldigungen rechtfertigen?

Alsdorff. Rechtfertigen? O, ich kann noch mehr, ich kann sie beweisen. (An der Thüre.) Strobel, komm herein!

[179]
Dritter Auftritt.
Vorige, Strobel (mit zwei großen Folianten).

Alsdorff. Kennen Sie diese Bücher, Madame?

Präsidentin (für sich). Ich bin verloren!

Alsdorff. In einer müßigen Stunde durchstöberte ich Ihres Mannes Bücherschrank, und dabei fielen mir diese Bücher in die Hand. Darin nun finden sich eine Menge Briefe, Rechnungen, ein Journal, Belege u. s. w., alle von Ihrer Hand geschrieben, welche meine Anschuldigungen beweisen. Sie hatten das recht klug gemacht – alles fein in Bücherdeckel geheftet. Hinten d’rauf steht: Cicero de legibus und Cicero de officiis. Wer suchte dahinter solche Spitzbübereien?

Präsidentin (vernichtet). Wie kommen Sie zu diesen Büchern?

Alsdorff (sehr ruhig). Ich habe sie gestohlen. Bei der Entdeckung war ich lange Zeit in Zweifel, was ich thun sollte. Ich weiß nicht, was mich trieb, genug, ich nahm die Bücher eines Abends mit nach Hause. Am andern Tage starb Ihr Mann. Anfangs wollte ich schweigen, da Sie aber bei dem neuen Präsidenten Ihren Handel fortzusetzen wußten, machte ich einen Bericht darüber. Dieser ist durch Ihren Einfluß unterschlagen worden und seit der Zeit hassen Sie mich. Dieß beweist Ihr Auftrag an den Hauptmann. Allein Sie bedachten nicht, daß ich Beweise in Händen habe, die Sie verderben können.

Präsidentin. Was muß ich Ihnen geben, daß Sie schweigen?

[180] Alsdorff. Wenn Sie mich beleidigen könnten, Madame, so hätte dieß Ihr Antrag gethan. Ich bin ein armer Mensch – Sie würden gern ein paar tausend Thaler für diese Bücher geben, und das wäre genug, um mein Lebensglück zu gründen. Aber von Ihnen Geld nehmen, von dem Gelde, worauf der Fluch ruht? Niemals. In meinem abgetragenen Flausrocke trete ich offen einher, in einem guten Kleide, das Sie bezahlt hätten, müßte ich die Augen vor Scham niederschlagen.

Präsidentin. Lieber Freund, bedenken Sie –

Alsdorff. Ihr Freund? Der Name kommt mir nicht zu. Ich bin nichts weniger als Ihr Freund. Aber bedenken und schweigen will ich.

Präsidentin. Um welchen Preis?

Alsdorff. Sie verstehen sich auf dergleichen Handel, da Sie doch einen Preis voraussetzen. Also: erstens, Sie verlassen diese Stadt, daß Ihre Einmischung und Ihr Einfluß aufhört. Zweitens geben Sie dem Hauptmann seine Unterschrift zurück und drittens lassen Sie den Prozeß um das Gut fallen.

Präsidentin. Nimmermehr!

Alsdorff. Die Bedingung ist unerläßlich.

Präsidentin. Wenn ich meine Leute rufe –

Alsdorff. Und mir die Bücher mit Gewalt abnehmen und mich zum Hause hinaus werfen lassen? Das sollte mir um die Gliedmaßen Ihrer Bedienten leid thun, die hier mit meinem Ziegenhainer in unangenehme Berührung gerathen würden. Also fügen Sie sich.

[181] Präsidentin (nach kurzem Kampfe mit sich selbst, setzt sich und schreibt, öffnet dann ihr Pult und nimmt Schriften heraus). Hier des Hauptmanns Unterschrift, hier die Belege des Prozesses und hier die Weisung an meinen Advokaten, die Klage zurück zu nehmen.

Alsdorff (empfängt die Papiere). Zuletzt –

Präsidentin. Noch nicht genug?

Alsdorff. Sie haben Ihre Nichte mit dem Marquis Dixième verlobt – die Verbindung muß ebenfalls gelöst werden.

Präsidentin. Also auch das noch? Daher kommen alle diese Sachen? Mein Herr, ich kann dazu nichts thun. Meine Nichte hat sich freiwillig verlobt.

Alsdorff. Ich kenne diese Freiwilligkeit. Doch mögen Sie Recht haben, darin nichts thun zu wollen. Ich werde es mit dem Marquis selbst abmachen.

Präsidentin. Sonach wären wir fertig?

Alsdorff. Ja.

Präsidentin. Und die Bücher?

Alsdorff. Bleiben vor der Hand bei mir, als Pfand, daß Sie Ihr Wort halten.

Präsidentin. Wer bürgt mir aber für Ihr Schweigen?

Alsdorff. Mein Wort.

Präsidentin. Ihr Wort?

Alsdorff. Sie sagen das so spöttisch, daß es mich beleidigt hätte, wenn Sie kein Frauenzimmer wären. Sie werden sich indeß mit meinem Worte begnügen müssen.

Präsidentin. Ich werde es müssen, ja, denn eine andere Bürgschaft ist doch von Ihnen nicht zu erlangen.

[182]
Vierter Auftritt.
Vorige, Marquis.

Präsidentin. Sieh da, Herr Marquis. Nun können Sie Ihr Geschäft gleich hier abmachen. (Zum Marquis, der ihr die Hand küßt.) Der Herr hat mit Ihnen etwas zu reden. (Leise.) Antworten Sie mit Pistolen und sein Sie meines Dankes gewiß.

Marquis (leise). Soll ich ihn ganz todt schießen oder bloß den Arm entzwei?

Präsidentin. Schießen Sie ihm die Zunge entzwei, das ist das Beste. (Ab.)


Fünfter Auftritt.
Vorige, ohne Präsidentin.

Marquis (besieht Alsdorff durch die Lorgnette, der ruhig, auf seinen Stock gelehnt, dasteht. Er spielt in dieser Scene den Franzosen). Nun, mon ami, worin kann ich dienen?

Alsdorff. Sie haben neulich auf dem Kaffeehause von einer Studentenbraut gesprochen. Wen meinten Sie damit?

Marquis. Ach so – sehen Sie, mon cher, das ist eine kleine, schnippische Nätherin, die, die –

Alsdorff. Die Sie durch diesen ehrlichen Mann (auf Strobel deutend) zur Thüre hinaus werfen ließ, als er eben dazu kam, wie Sie ungezogen wurden.

Strobel (trocken). Richtig, ich habe ihn hinaus geworfen.

[183] Marquis. Ma foi, c’était lui – ich kann mich nicht recht besinnen – und ich begreife nicht –

Alsdorff. Sie scheinen überhaupt etwas schwer von Begriffen zu sein, Herr Marquis. Allein Sie werden mich wol begreifen, wenn ich Ihnen sage, daß dieses Mädchen meine Braut ist, daß Ihre Beleidigungen mir gelten und daß ich Ihnen die Wahl lasse zwischen Degen und Pistolen.

Marquis. Das wäre ein Duell?

Alsdorff. Richtig, das haben Sie begriffen.

Marquis. Ich – ich – ich schlage mich mit keinem alten Studenten.

Alsdorff (aufflammend, tritt ihm näher, der Marquis weicht zurück, kömmt an einen Stuhl und setzt sich, weil er nicht weiter kann, darauf). Sie schlagen sich mit keinem alten Studenten? (Kehrt in die vorige Ruhe zurück, da er des Marquis Erbärmlichkeit sieht.) Wissen Sie denn, was ein Student ist? Sie wissen es nicht! Ein Student ist ein Mann, der die Wissenschaft, die herrlichste Blüthe des menschlichen Geistes, als treuer Gärtner pflegt, daß ihr Duft, die Wahrheit, segnend sich über die Welt verbreitet. In langen, durchwachten Nächten sammelt er die Schätze des Wissens, welche die Vorzeit uns hinterlassen, in seinem Geiste, und das todte Wort wird lebendig in seinem Innern. Mit Mühe und Fleiß ringt er nach seinem Ziele. Kennen Sie das Ziel, das er sich gesteckt? Sie kennen es nicht, denn Sie würden den Mann dann achten, der in seinem Innern das Bild trägt, wie er, gereift an Kenntnissen, an das Bette des Leidenden tritt, Trost und Hülfe bringt und die Freudenthränen der Kinder, denen er die Mutter, [184] der Gattin, der er den Gatten erhalten hat, als seinen schönsten Lohn betrachtet; oder wie er mit männlichem Muthe die Niederträchtigkeit bekämpft, den Unterdrückten, der Unschuld den kräftigen Schutz des Gesetzes angedeihen läßt; – oder wie er den von Leiden zu Boden Gedrückten mit den Worten der ewigen Wahrheit aufrichtet und als Lehrer und Freund aller Menschen dem schönsten Vorbilde nachstrebt, das je die Welt gezeigt hat. Sehen Sie, das ist ein Student.

Marquis. Mais monsieur, je le crois bien –

Alsdorff. Wissen Sie, mein Herr Marquis, was ein deutscher Student ist? Ein deutscher Student ist kein Schüler eines englischen College, der, nie der Ruthe entwachsen und dem Schülerkleide, in verba magistri, auf die Worte seines Lehrers schwört. Selbst denken, selbst prüfen ist das Zeichen des deutschen Studenten – nicht Nachbeten. Er ist kein französischer Student, der nichts besucht als die Vorträge seines Brodstudiums, den nicht die Wissenschaft, nicht die Wahrheit kümmert, sondern nur die praktische Anwendung. Ein deutscher Student umfaßt mit seinem Geiste alle Wissenschaft – ihm genügt es nicht, in seinem Fache geschickt zu sein, – kein Gegenstand des Wissens darf ihm ganz fremd bleiben. Wenn Sie das Wort verstünden: universitas literarum, dann würden Sie begreifen, was eine deutsche Universität, was ein deutscher Student ist.

Marquis. Permettez – moi, monsieur –

Alsdorff. Wissen Sie, was ein alter Student ist? Ein alter Student ist ein Mann, der viele Hoffnungen begraben hat, dem die schönsten Träume seiner Jugend unerfüllt geblieben sind, dem der Frühling geblüht und der Sommer [185] doch keine Früchte getragen hat. Gleich einem Baume steht er da, den der nahende Herbst seiner Blätter beraubt, – eines nach dem andern fällt ab – bald steht er blätterlos – aber der Baum ist eine Eiche – noch ist das Mark kräftig und der Saft ist nicht vertrocknet. Und kommt der Frühling wieder, treibt er neue Blüthen, neue Blätter. (Aufblickend.) Und der Frühling wird kommen, gewiß kommen und ihm wird kein Herbst mehr folgen. – – Sehen Sie, das ist ein alter, deutscher Student.

Marquis. Aber mein Herr –

Alsdorff. Ich weiß, Sie haben mich nicht verstanden – – ich habe eigentlich auch nicht für Sie gesprochen.

Marquis. Mais, ich achte und schätze tous les étudians

Alsdorff. Das gilt mir gleich. Hier handelt es sich darum, daß Sie sich schlagen müssen.

Marquis. Zwischen Ehrenmännern könnte man doch ein arrangement treffen.

Alsdorff. Lassen Sie hören.

Marquis. Wenn ich die Dame um Verzeihung bäte? Ich würde es thun aus Achtung für Sie.

Alsdorff. Nichts da. Sie haben mich in meiner Braut beleidigt und ich verlange Genugthuung. Es gibt nur ein Mittel, Sie aus dem Handel zu ziehen.

Marquis. Je ferai tout – reden Sie.

Alsdorff. Sie haben eine Braut?

Marquis. Ja.

Alsdorff. Fräulein Amalie?

Marquis. Si fait, oui.

[186] Alsdorff. Entsagen Sie ihr.

Marquis. Mais mon Dieu, – das Fräulein liebt mich, – sie wäre untröstlich.

Alsdorff. Ich habe schon einen Trost für sie in Bereitschaft.

Marquis. Aber bedenken Sie –

Alsdorff. Nichts ist zu bedenken. Heirathen werden Sie doch nicht. Denn wenn Sie nicht entsagen, schieße ich Sie todt.

Marquis. Diese Alternative –

Alsdorff. Sie haben die Wahl. Todt sein und nicht heirathen oder leben und nicht heirathen.

Marquis. Ja, wenn die Sache so steht –

Alsdorff. Sie willigen ein?

Marquis. Ich muß wol.

Alsdorff. So kommen Sie und stellen mir vor einem Notar ein Zeugniß aus, daß Sie selbst zurück getreten sind.

Marquis. Ich werde Ihnen das schicken.

Alsdorff. Nicht doch, ich gehe mit Ihnen, wir machen das gleich zusammen ab.

Marquis. Aber –

Alsdorff. Keine Ausflüchte. Ist es gefällig?

Marquis. Nun denn, so kommen Sie.

Alsdorff (im Abgehen). Strobel, die Bücher bringst du mit nach Hause.

[187]
Sechster Auftritt.
Strobel, Bedienter.

Strobel (hatte die Bücher auf einen Stuhl im Hintergrunde gelegt und sich darauf gesetzt. Er steht auf, nimmt die Bücher und eins davon fällt zu Boden. Mehrere Papiere fallen heraus. Er nimmt sie zusammen und legt sie wieder hinein).

Bedienter (tritt auf). Was macht Er noch hier?

Strobel. Er? Ich bitte mir es aus, daß Er höflich ist.

Bedienter. Keine langen Redensarten, packe Er sich fort.

Strobel. Was untersteht sich denn so ein windiger Pommadenritter. Wenn Er nicht still ist, werde ich Ihm das ungewaschene Maul stopfen.

Bedienter. Nun guter Freund, wir fürchten uns eben auch nicht.

Strobel. Der Henker ist Sein guter Freund. Wo möchte ich wol in diesem verdammten Hause einen Freund haben!

Bedienter. Packe Er sich fort und lasse Er Seine Grobheiten aus, wo sie hingehören.

Strobel. Hier gehören sie hin, wo der Bediente nicht einen Heller mehr taugt, als die Frau vom Hause.

Bedienter. Kerl, wenn Er nicht gleich geht –

Strobel. Nun, was denn? Will Er mich etwa hinauswerfen? Komme Er heran, wenn Er Courage hat!

Bedienter. Das würde sich passen für mich – mit einem Stiefelwichser –

[188] Strobel. Stiefelwichser? (Setzt seinen Hut auf, nimmt die Bücher unter den Arm und zieht seinen Ausklopfstock aus dem Stiefel.) Er mag ein Stiefelwichser sein – ich bin ein Wichsier! Weiß Er, was ein Wichsier ist? Er ist die rechte Hand der löblichen Studentenschaft, er ist ein Mann, der sein ganzes Leben dem Dienste anderer Leute widmet, der dafür sorgt, daß die Stiefeln zum Schuster kommen, wenn sie zerrissen sind, und kleine Offenherzigkeiten im Collegienrocke allenfalls selber zuflickt oder abgesprungene Knöpfe annäht. Ein Mann, der immer weiß, daß sein Herr nicht zu Hause ist, wenn die Leute kommen vom Stamme Judä; ein Mann, der den Taxator auf dem Pfandhause zu seinen genauesten Bekannten zählt, und der immer weiß, wenn sein Herr Geld braucht und wo es etwas zu pumpen gibt.

Bedienter. Schon gut, gehe Er nur!

Strobel. Weiß Er, was ein deutscher Wichsier ist? Er ist kein englischer Stiefelwichser, der Vitriolöl in die Wichse thut, daß das Oberleder nicht vierzehn Tage hält. Er ist auch kein französischer Stiefelputzer, der die Leute auf der Straße anfällt und für einige Franken oder Sous oder Silbergroschen, wie die Münze heißt, seine Bürste aus der Tasche zieht und auf der Straße Stiefeln wichst. Er ist ein Mann, der einen Flausrock zu behandeln weiß, daß er sechs Jahre hält, und vom schwarzen Frack nicht die Wolle abbürstet.

Bedienter. Nun ist’s bald Zeit.

Strobel. Weiß Er, was ein alter Wichsier ist? Ein alter Wichsier ist ein Mann, der schon viele Bürsten verbraucht hat, ein Mann, der genau weiß, wie viele Bären in [189] der Stadt angebunden sind und welche brummen, ein Mann, der schon viele Briefchen getragen hat und von allen Paukereien unterrichtet ist, aber keine ausplaudert, ein Mann, dessen Haare anfangen, grau zu werden, der aber immer noch Kraft genug in den Knochen hat, seinen Stock zu führen und nicht bloß Stiefeln, sondern auch naseweise Burschen zu wichsen. Verstanden, Musje? (Gibt ihm einen leichten Schlag mit dem Stocke und geht stolz ab.)


Verwandlung.
Zimmer bei Hannchen.


Erster Auftritt.
Amalie, Hannchen (treten auf).

Hannchen. Aus dem Zimmer in den Garten, aus dem Garten in das Zimmer. So sei doch ruhiger.

Amalie. Wie kann ich ruhig sein in diesen bangen Zweifeln?

Hannchen. Was hast du denn zu fürchten?

Amalie. Du fragst noch? Wenn sie sich schlagen – und wenn das auch nicht ist, stehen nicht meine liebsten Hoffnungen auf dem Spiele?

Hannchen. Ueber das Duell sei unbesorgt. Alsdorff war heiter, munter sogar – er wird sich nicht schlagen. Und was deine Wünsche betrifft, hoffe ich Alles. Nie versprach Alsdorff etwas halb, was er nicht ganz zu erfüllen vermag.

[190] Amalie. Ja, wenn er es vermag. Aber ich begreife die Möglichkeit nicht.

Hannchen. Ich auch nicht. Allein ich frage in solchen Fällen nie, ich vertraue felsenfest auf sein Wort und habe mich noch nie getäuscht.

Amalie. Könnte ich auch dieß Vertrauen haben!

Hannchen. Du kennst auch meinen Fritz nicht, und das ist gut; denn wenn du ihn kenntest, müßtest du ihn auch lieben.

Amalie (lächelnd). Meinst du?

Hannchen. Sieh, Amalie, es ist nicht die gewöhnliche Vergötterung der Verliebten, wenn ich meinen Fritz lobe, aber wahrlich, er ist ein seltener Mensch.

Amalie. Ein seltener Mensch – gewiß – aber ob auch unbedingt gut?

Hannchen. Hat auch dich die rauhe, äußere Schale getäuscht? O, könnte ich ihn dir zeichnen, wie er ist. Wie fest und unerschrocken er jedem Unrecht in den Weg tritt, wie er mit Kopf und Arm Jedem Hülfe bringt, der von Andern gedrückt wird, wie er das lauterste Feuer für das Schöne und Gute im Busen trägt, das selten nur, aber strahlend auflodert, wie er unter seinem rauhen Aeußern das zarteste, feinste Gefühl verbirgt und jede Rohheit ihm verhaßt ist.

Amalie. Aus dir spricht doch die Liebe!

Hannchen. Ja, die Liebe, die reinste und wärmste Liebe. Wüßtest du, wie ich ihn kennen gelernt, als er mich vor schnöden Beleidigungen einiger jungen Männer schützte, wie wir uns lieben lernten, wie ich an den Strahlen seines Geistes mich wärmte, wie mir in seinen Worten erst die Bedeutung des Lebens aufging. Ja, die Liebe spricht aus mir, denn [191] es ist die Seligkeit des Mädchens, den Mann zu lieben, vor dessen Gemüth und Geist sie sich in tiefer Achtung beugt, und das Bewußtsein, von ihm geliebt zu werden, gibt ein Bewußtsein innern Werthes, das über alle Leiden erhebt.

Amalie. Glückliche Schwärmerin!

Hannchen. Nur einen Fehler hat mein Fritz.

Amalie. Welchen Fehler?

Hannchen. Er ist arm, sehr arm.

Amalie. Und das nennst du einen Fehler?

Hannchen. Wol ist es ein Fehler, doch nicht der seinige, der seines Geschicks. Wenn auch diese Armuth unsern liebsten Wunsch verhindert, den, uns zu verbinden, auch diese Armuth zeigt ihn wieder als seltenen Mann. Wenn du wüßtest, wie ruhig er lieber entbehrt, als durch Schmeichelei oder sonstige Mittel sich etwas zu verschaffen, wie er mit unermüdetem Fleiße arbeitete und den Lohn seiner Mühe anwandte, um mir in den drückendsten Lagen meines Lebens zu helfen – (sie weinend umarmend). Ach, Amalie, das Band, das aus Dankbarkeit, Achtung und Liebe gewebt, mich an ihn fesselt, ist unzerreißbar und eine Trennung von ihm könnte ich nicht ertragen.

Amalie (ihr die Thränen trocknend). Beruhige dich – ich höre kommen.

Hannchen. Er ist’s, das ist mein Fritz.


Zweiter Auftritt.
Vorige, Alsdorff.

Alsdorff. Meine Damen, ich sage Ihnen guten Abend. Was ist dir, Hannchen, du hast geweint?

[192] Hannchen (reicht ihm die Hand).

Alsdorff. Was fehlt dir, sprich!

Hannchen. Nichts, wenn ich Sie habe.

Alsdorff. Aber diese Thränen –?

Amalie. Sein Sie unbesorgt, die Freude, nicht der Kummer preßte sie ihr aus.

Alsdorff. Nun, so frage ich nicht weiter.

Hannchen. Was bringen Sie?

Alsdorff (ein Papier hochhaltend). Eine Anweisung.

Hannchen. Auf was?

Alsdorff. Auf einen Kuß.

Amalie. Ich bitte, ich beschwöre Sie, sprechen Sie deutlicher.

Alsdorff. Ich denke, das war deutlich genug. Mein Fräulein, Sie sind frei. Hier ist die Entsagungsurkunde in allen Formen Rechtens.

Amalie. Wäre es möglich!

Alsdorff. Die andern Papiere hat der Hauptmann. Ihre Tante läßt den Prozeß fallen und hat ihn seines Wortes entbunden. Er ist augenblicklich zum Fürsten gereist, den er nur heute noch treffen kann. Hat er dort Alles in Ordnung gebracht, so denkt er das Uebrige hier in Ordnung zu bringen. An Sie, mein Fräulein, hat er mir die besten Grüße aufgetragen.

Amalie. Hannchen, es ist so – lies selbst, meine kühnsten Hoffnungen sind übertroffen.

Hannchen (triumphirend). Siehst du, Kleingläubige? Ich hatte Recht. Aber jetzt sagen Sie mir, Fritz, durch welche Zaubermacht –

[193] Alsdorff. Richtig – Zaubermacht. Mein Gott, ich habe die schwarze und die weiße Magie studirt.

Hannchen. Keine Possen, Fritz, Sie sehen, wir armen Frauenzimmer brennen vor Neugierde –

Amalie. Wirklich, ich wäre auch begierig zu wissen –

Hannchen. Erzählen Sie.

Alsdorff. Ei nun, ich nahm zwei von meinen dicken Büchern mit und habe daraus der Frau Präsidentin etwas vorgelesen. Das hat sie denn so gerührt, daß sie den Hauptmann frei gab.

Amalie. Und der Marquis, was sagte der?

Alsdorff. Der? Mais, oui, si fait, sonst nicht viel. Ich erzählte ihm von den Studenten, von unserm lustigen Leben und nebenbei machten wir das Geschäft ab.

Amalie. Ich sehe, mein Herr, es walten hier Geheimnisse ob, nach denen uns nicht zu fragen ziemt. Mag es sein, wie es will. Ich verdanke Ihnen mein Glück, und hoffe Gelegenheit zu haben, Ihnen meinen Dank zu beweisen. In das Haus meiner Tante setze ich keinen Fuß mehr und fahre noch diesen Abend zu meinem Vormund auf sein Gut. Bei meiner Rückkunft –

Alsdorff. Halt, so wohlfeil kommen Sie nicht weg. Wir sind um den Preis eines Kusses einig geworden und ich fordere meinen Lohn.

Hannchen. Meine Freundin hat mir das bereits für Sie gegeben, ich werde Sie nachher bezahlen.

Alsdorff. Nichts, nichts, mein Kind, deine Küsse gehören zu meinen rechtmäßigen Einkünften – von diesen [194] schönen Lippen aber denke ich eine außerordentliche, etwa eine Prinzessinsteuer zu erheben.

Amalie (zu Hannchen). Darf ich?

Hannchen. Je nun, was will ich machen?

Amalie (Alsdorff küssend). Dem Freunde meines Geliebten, dem Geliebten meiner Freundin, dem Manne, dem ich so unendlich viel schuldig bin, sei dieser Kuß das Zeichen meiner Achtung und Dankbarkeit.

Alsdorff. Es thut mir leid, mein Fräulein, daß ich diesen Kuß nicht für mich behalten kann – aber ich sehe dort zwei Lippen, die von Allem ihr Theil haben wollen.

Hannchen. Rechtmäßige Einkünfte, wie Sie sagten.

Amalie. Und nun laßt mich fort. (Drückt beiden die Hand.) Auf baldiges, frohes Wiedersehen! (Ab.)

Hannchen. Bald fange ich an, an Ihre Zauberkunst zu glauben, denn mit rechten Dingen geht das doch nicht zu.

Alsdorff (lachend). Das ist wahr, mit rechten Dingen ging es nicht zu, wol aber mit unrechten.


Dritter Auftritt.
Vorige, Strobel.

Alsdorff. Was bringst du, Strobel?

Strobel. Der Teufel mag wissen, ob es etwas Gutes ist. Guten Abend, Jungfer Hannchen. Der Pedell hat es zu Hause bei Ihnen abgegeben und da habe ich es hergebracht.

Alsdorff (öffnet das Schreiben, liest einmal leise, dann bitter lachend laut). „Das, wegen mehrerer Duelle unterschriebene consilium abeundi des Studenten Alsdorff wird hiermit wegen Beleidigung [195] anständiger Damen in Relegation verwandelt, und auf Betrieb und im Namen der Polizeidirection dem Alsdorff zugleich aufgegeben, binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt zu verlassen.“

Strobel. I, da soll ja gleich ein heiliges Kreuz –

Alsdorff. Ruhig Strobel! Nicht hier wird geflucht. Ich werde woanders reden.

Hannchen (die weinend auf einen Stuhl gesunken war). Fritz, mein lieber Fritz, was wollen Sie thun?

Alsdorff (im höchsten Zorn). Ist das ein rechtmäßiges Urtheil? Ist es nur in der Form Rechtens? Seit wann ist es erhört, daß ein Universitätsgericht ohne Verhör, auf bloße Requisition der Polizeibehörde verfährt; daß diese selbst auf die Klagen einer boshaften Frau – nein das übersteigt jede noch dagewesene Ungerechtigkeit! (Will fort.)

Hannchen (hält ihn). Und wo wollen Sie hin?

Alsdorff. Hin will ich zum Prorector, ihm sein Urtheil vor die Füße werfen, ihm sagen, daß er eine Memme und kein Mann ist – hin will ich, zum Polizeidirector, ihm die Wahrheit sagen, die schreiende Wahrheit, daß dieß eine empörende Ungerechtigkeit ist!

Hannchen (flehend). Thun Sie es nicht!

Alsdorff. Wie? Soll ich ohne zu reden, ruhig weichen?! Nimmermehr! Luft muß ich haben für das tobende Gefühl in mir – ich kann keine Ungerechtigkeit ertragen.

Hannchen (in höchster Angst). Sie werden sich vergessen, zu heftig werden, und –

Alsdorff. Man wird mich einsperren!? Mögen sie, es ist nicht ärger als dieß.

[196] Hannchen. Und ich?

Alsdorff (sieht sie eine Weile an, reicht ihr die Hand sagt dann sehr weich). Du hast Recht, das würde dir weh thun. Kann ich dich auch nicht glücklich machen – ich will dir wenigstens Kummer ersparen, so viel ich kann.

Hannchen (weinend an ihn geschmiegt). Mein lieber Fritz!

Alsdorff. Sei ruhig, Kind – hier blüht uns doch kein Glück. Längst schon hätte ich fort gesollt – jetzt muß, jetzt will ich gehen. Mit schwerem Herzen gehe ich – aber mit Muth und festem Vertrauen. Einmal wird es mir doch glücken, einmal doch wird das Geschick mir günstig sein. Bis dahin – lebe wohl!

Hannchen. Trennung? Nein, nein, ich kann mich nicht von Ihnen trennen.

Alsdorff (mit Thränen kämpfend). Mache mich nicht weich, Mädchen. Es muß sein. Gleich will ich fort, der Boden brennt mir unter den Füßen – keine Stunde länger in diesen Mauern! Grüße mir den Hauptmann, ich kann ihm kein Lebewohl sagen. Bald erhälst du Nachricht von mir.

Hannchen. Ich lasse Sie nicht, ich gehe mit Ihnen.

Alsdorff (bitter). Mit mir? In Noth und Sorge?

Hannchen. Mit dir, mein Fritz – in Noth und Sorge.

Alsdorff. Das ist unmöglich – das geht nicht.

Hannchen. Es wird, es muß gehen.

Alsdorff. Was sollten die Menschen davon sagen?

[197] Hannchen. Wer das reine Bewußtsein im Busen trägt, kann das Urtheil der Welt verachten.

Alsdorff. Du bist mir nur hinderlich.

Hannchen. Ihre Liebe ist stark, sie wird auch mich mit tragen.

Alsdorff. Ich wandere zu Fuß, weit vielleicht, in Hitze und Kälte, in Noth und Entbehrung – es geht nicht, mein Mädchen.

Hannchen. Soll ich nicht tragen können, was Sie ertragen? O, das Weib ist stark im Leiden. Ich gehe mit dir, ich muß mit dir gehen. Ich habe niemand mehr auf der weiten Welt, als dich, mein Fritz – du bist mir Alles, – Vater und Mutter, Freund und Geschwister – ich lebe nur in dir, ich will nur für dich leben, ich kann, ich will dich nicht verlassen!

Alsdorff (im schmerzlichsten Kampfe). Hannchen, laß mich allein gehen meinen trüben Weg. Wer weiß, wie bald wir uns wiedersehen.

Hannchen. Meinen Sie, ich könnte die Zeit der Trennung ertragen? Soll ich tagelang, wochenlang keinen Gedanken haben, als Sie mit Noth und Kummer kämpfend zu wissen? Sollen meine Gedanken das Bild meines Freundes im Elend täglich mit neuen frischen Farben mir vorführen? Ich kann es nicht, ich kann mich nicht von dir trennen. Nimm mich mit dir, Fritz! (Mit rührender Bitte.)

Alsdorff. Aber wie, als was wolltest du mich begleiten?

Hannchen (die Augen senkend). Als deine Freundin. Mögen die Leute die Köpfe schütteln, wenn sie uns zusammen [198] wandern sehen auf der Landstraße, mögen sie es unschicklich finden – es ist es nicht – und ich fühle, wir erreichen zusammen das Ziel.

Alsdorff. Sei mitleidig, Hannchen, erspare mir das fürchterliche Gefühl, dich in Noth und Elend zu sehen, in Noth und Elend um meinetwillen.

Hannchen. Der Schmerz der Zurückbleibenden ist stärker, als das Härteste, was uns treffen kann. Nimm mich mit dir, Fritz!

Alsdorff (nach kurzer Pause – entschlossen). Wohl, es sei! Es ist das Schrecklichste, was ich bisher erduldet – vielleicht ist es das Letzte. Aber nicht so – als mein Weib sollst du mit mir gehen. Der Diaconus ist mein Freund – er wird mir zu Liebe noch heute Abend den Segen über uns sprechen. Willst du?

Hannchen (ihn heftig umarmend). Alles, Alles, mein geliebter Freund!

Alsdorff (wehmüthig). Ich träumte mir den Tag als den schönsten meines Lebens, wo du mein Weib würdest – es ist der schrecklichste geworden.

Hannchen. Muth, mein Freund – verzage nicht – du hast noch dich und ein liebendes Weib – wahrlich du bist nicht arm.

Alsdorff. Genug! Ich treffe meine Anstalten, triff du die deinigen – in einer Stunde hole ich dich – – (fast weinend) zur Hochzeit ab! (Stürzt fort.)

Hannchen (wirft einen Blick nach oben, scheint einen Augenblick zu beten und geht seitwärts ab).

[199]
Vierter Auftritt.
Strobel (sieht ihnen nach, indem er die Augen trocknet).

Ich wollte, daß mich der Teufel lebendig holte! Der Pudel ist fort, Jungfer Hannchen will fort, mein Herr muß fort – was soll ich denn noch allein hier anfangen? Hätte mich mein Herr damals ersaufen lassen – mir wäre besser. Was soll ich nun machen? Gehen und einpacken helfen? Du lieber Gott, das wird bald gethan sein. (Will ab, bleibt stehen.) Aber halt! Soll mein Herr ohne Comitat fort? Mein Herr, das älteste, bemooste Haupt ohne Comitat? Das wäre eine Schande. Nichts da, ich gehe zu Volk und Reuter – die werden mir es schon besorgen. Mein Herr ohne Comitat – das wäre mir eine schöne Sache! (Brummend ab.)

Der Vorhang fällt.
[200]
Vierter Aufzug.
(Das Orchester geht in die Melodie über: „gaudeamus igitur“. Wenn die Musik schweigt hört man eine Strophe dieses Liedes hinter dem Vorhang singen. In Mitte der zweiten hebt sich die Gardine.)
Dorfwirthshaus.
Erster Auftritt.
(Alsdorff, Volk, Reuter, Hempel, Bärmann, Finke, Mantius, Justi und noch andere Studenten sitzen um einen Tisch mit Flaschen. Im Hintergrunde Strobel. Alle, außer Strobel und Alsdorff, haben auffallend große Trauerflöre um den Arm. Sie haben die Mützen auf dem Kopf. Einige sind in Kanonenstiefeln, die vom Ritte beschmutzt sind. Man kann auch das Aufstecken der Mützen auf den Schläger, wie es bei dem sogenannten Landesvater üblich ist, anbringen.)

Alsdorff (nach dem Gesange.) Und nun genug. Mittag ist vorüber. Ihr müßt noch nach der Stadt zurück und habt bis dahin sechs Stunden Weges.

Volk. Du mahnst uns an die Stunde, Freund! Weh dir, die Uhr schlägt keinem Glücklichen!

Alsdorff. Darum höre ich jede Stunde schlagen und du (lachend) weißt niemals, welche Zeit es ist.

Reuter. Jetzt, da ihr vom Abschiednehmen sprecht, fällt mir die ernste Bedeutung unseres Comitats erst recht auf’s Herz.

[201] Bärmann. Weiß Gott, wir sind so lustig mitgefahren –

Finke. Was lustig? Siehst du nicht die Trauerflöre an unsern Armen?

Mantius. Aber mußt du denn wirklich fort?

Justi. Läßt sich die Sache nicht anders machen?

Volk. Bleib bei mir, Max; ich kann’s nicht denken, daß mich der Max verlassen will.

Alsdorff. Macht mich nicht weich, ihr guten Jungen. Ihr habt Trauerflöre angelegt, aus Spott und Uebermuth zum Theil – mir aber –

Reuter. Mich soll der Teufel holen, wenn’s mir nicht vorkommt, als trügen wir sie in vollem Ernste.

Mantius. Der Himmel weiß, was jetzt aus der Universität werden soll, wenn du weg bist.

Justi. Wir waren so an dich gewöhnt.

Finke. Du warst das Muster eines bemoosten Hauptes.

Mantius. Das allgemeine Orakel –

Bärmann. Still! Ihr wißt Alle nichts. Ich kenne ihn länger; ich weiß, wie sein Wort galt bei jeder Ehrensache; wie manche er entschieden hat mit seinem Ansehen, und wenn es zum Schläger kam, wie er das Schlimmste verhütet hat. Ihr wißt nicht, wie manchem armen Teufel er durchgeholfen hat, indem er für ihn bettelte bei den reichen Bürgern; wie er selbst Kartoffeln aß, wenn seine Schützlinge guten Tisch hatten; wie manchen er durchgebissen hat bei dem Universitätsgerichte, der irgend einen dummen Streich gemacht hatte – ach, ihr wißt noch vieles nicht. Da steht der Wichsier, der weiß mehr, als wir alle.

[202] Strobel. Ja, ich weiß Alles, meine Herren, und ich sage: mit Herrn Alsdorff geht der beste Student weg, der je gelebt hat.

Alsdorff. Still, ich bitte euch, macht mich nicht weich. Der Abschied wird mir ohnehin schwer genug. Fünfzehn Jahre habe ich in der Stadt gelebt, manchen trüben Tag und manche frohe Stunde – mir ist jedes Haus, jede Straße bekannt und lieb geworden. Jetzt muß ich fort. – Manche Generation von Musensöhnen ist an mir vorüber gegangen, die meisten haben ihren Weg gemacht, sind in Amt und Würden – aber ich habe immer mit Freude auf das Studentenleben geblickt, von dem ich jetzt scheiden muß. Brüder – aus euch soll es hervorgehen das Fortschreiten der Menschheit, das Besserwerden der Zeit, und: wohl unserm Lande, sein Kern ist gut – der deutsche Student ist ein Ehrenmann. Hier an meinem Scheidewege bringe ich euch das letzte Glas: es lebe der deutsche Student hoch und hoch und drei Mal hoch!

Alle (stimmen das letzte Mal mit ein).

Alsdorff. Und nun laßt uns scheiden. Wenn ich ein gutes Andenken bei euch zurücklasse, habe ich doch nicht umsonst gelebt, und wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was ihr mir nachsagt, darf ich doch nicht mit Scham auf meine Jahre zurückblicken. Lebt wohl, lebt Alle wohl! (Reicht die Hände herum.) Manch gutes Wort habe ich zu euch gesprochen, laßt es nicht umsonst geredet sein. Bewahrt euch den Sinn für das Schöne, im Schönen liegt das Gute – bewahrt euch das Streben nach der Wahrheit – denn die Wahrheit ist das Gute, bewahrt euch den Sinn für die Freiheit, [203] die echte, wahre, denn die Freiheit ist das höchste Gut der Menschheit. Und nun lebt wohl!

(Posthörner von Außen.)

Alsdorff (am Fenster). Seht, eure Wagen sind angespannt. Die Postillone rufen. (In der Mitte.) Gebt mir die Hände. So – jeder von uns geht bald seinen eignen Weg. Aber einer trifft den andern wieder – möge dann der Bruder immer einen Bruder treffen, möge das Andenken an die schöne Jugendzeit das Feuer sein, das unser Inneres erwärmt, bis spät in die Zeit, wo das graue Haar uns mahnet, daß es noch ein anderes Wiederfinden gibt. Und nun geht – lebt wohl, lebt Alle wohl! (Reißt sich gewaltsam los und setzt sich auf einen Stuhl im Vordergrunde der Bühne. Die Andern stehen noch einen Augenblick, dann rufen sie: Lebe wohl und gehen still ab. Nach einer Weile hört man von zwei Hörnern die Melodie von Bertrand’s Abschied, die immer schwächer, endlich verhallt. Alsdorff steht auf und geht an das Fenster, um den abfahrenden Wagen nachzusehen.)


Zweiter Auftritt.
Alsdorff, Hannchen (kommt aus der Seite, wenn Alles ruhig geworden ist, tritt hinter ihn und legt ihm sanft die Hand auf die Schulter).

Alsdorff (dreht sich um).

Hannchen. Mein lieber Fritz!

Alsdorff (ihr die Hand gebend). Es war der letzte Abschied, liebes Weib. Der zweite Kreis meines Lebens liegt abgeschlossen auch hinter mir, die Jugendzeit und die Zeit des Jünglings. Jetzt beginnt der dritte – gebe der Himmel seinen Segen!

[204] Hannchen. Du bist so wehmüthig, lieber Freund!

Alsdorff. Der Abschied – und zudem – weißt du nicht, wo wir uns befinden?

Hannchen. Ja – ja, wie heißt doch gleich der Name.

Alsdorff. Laß den Namen, es ist das Dorf meiner Geburt.

Hannchen (lebhaft). Deine Heimath? O komm, führe mich herum; zeige mir die Plätze alle, die dir aus deiner Kindheit her noch merkwürdig sind, von denen du mir so oft erzählt hast. Sie sind mir alle werth und theuer – schon so lange habe ich gewünscht, sie zu sehen. – Komm, schlage mir die Bitte nicht ab.

Alsdorff. Abschlagen? Du kommst meinem Wunsche zuvor. Wohl denn, laß uns diese Nacht hier bleiben und morgen weiter ziehen. Jetzt komm, ich will dich führen.

(Beide ab.)


Dritter Auftritt.
Strobel (kommt nach einer Pause herein).

Bald hätte er mich erwischt, als er zur Hausthüre hinausging. Das hätte noch einen Lärm gegeben, denn er hätte mich doch ausgezankt. Jetzt glaubt er mich mit den Andern fort – und hat nicht einmal Abschied genommen. Na warte, ich bringe es dir heute noch an. Doch jetzt muß ich sehen, ob der Pudel etwas zu fressen hat. (Will ab in die andere Seite, horcht und läuft an’s Fenster.) Was ist das? Ein Wagen? Halloh! (Schwenkt die Mütze und läuft ab.)

[205]
Verwandlung.
(Schloßgarten mit weiter Aussicht, etwas verfallen.)


Erster Auftritt.
Alsdorff, Hannchen.

Alsdorff. Hier laß uns weilen, hier kann ich dir die Plätze zeigen, die mir noch in den Träumen meiner einsamen Spaziergänge vorschweben.

Hannchen (setzt sich auf eine Bank).

Alsdorff (steht neben ihr, mit der linken Hand auf seinen Stock gestützt, mit der rechten zeigend). Hier ist der Garten, in dem ich mit meinem Gefährten, – du hast ihn jetzt als Hauptmann gesehen, umher schweifte, wenn der Unterricht zu Ende war, den mein guter Vater uns gab. Der Garten ist verwildert, man sieht es wohl, daß kein Besitzer hier lebt. (Sehr lebendig und heiter.) Sieh, sieh, dort steht der alte Kirschbaum noch, auf dem wir – ach das muß ich dir erzählen! Dort wuchsen die herrlichsten Kirschen – aber immer wurden sie gestohlen! Karl und ich passen einmal Abends auf und erwischen die Kammerjungfer, die mit der Gartenleiter hinaufgestiegen war. Husch nahmen wir die Leiter weg, und nun hättest du die possirliche Angst der armen Französin sehen sollen, und wie sie uns in ihrer kauderwelschen Sprache bat, sie herunter zu lassen. – Dort ist auch der Platz, wo meine gute Mutter ihre Wäsche trocknete –; wie manches Mal habe ich ihr helfen die Leinen ziehen und die Klammern zugereicht. – Dort drüben wächst jetzt Kraut – da waren sonst [206] Erdbeerbeete – wie oft haben wir dort unser Naschmaul befriedigt. Steh doch einmal auf und tritt hier auf diese Seite. Siehst du dort das weiße Haus zwischen den beiden Linden stehen – dort bin ich geboren worden. (Schweigt bewegt.)

Hannchen (halb leise für sich). Sei mir gegrüßt, du stille Heimath meines Freundes.

Alsdorff. Und dicht dahinter ist das Feld, wo für die Ewigkeit gesäet wird. Dort sind zwei Gräber, da an der hohen Pappel, – die du hier siehst, – dort schlummert mein Vater und meine gute Mutter. – Ich bin seit langen Jahren nicht dort gewesen – aber heute Abend vielleicht gehe ich einmal hin. Willst du mich begleiten?

Hannchen (bejaht weinend).

Alsdorff. Dort wollen wir knieen und uns den Segen der Verewigten holen und Muth für unsere letzte Wanderung. (Geht mit Hannchen zur Bank, er setzt sich, sie steht neben ihm, die Hand auf seiner Schulter.)

Alsdorff. Wie das Schicksal doch mit unsern Wünschen spielt. Hättest du meinen Vater gekannt, den milden und doch ernsten Mann, mit dem ehrwürdigen weißen Haare, mit der freundlichen Gabe der Ueberredung – wie er ein Freund der Armen und Bedrängten, der Trost der Nothleidenden nur segnend durch das Leben wandelte – mein höchster Wunsch war, ihm dereinst zu gleichen, ähnlich ihm, ein treuer Freund einer kleinen Anzahl von Menschen zu sein. Und immer war es dieser Ort, mein Geburtsort, wo meine Träume mich in meiner Wirksamkeit herumführten. Ich hatte so viel Hoffnung, meine Wünsche erfüllt zu sehen – es hat sich alles anders gestaltet und sie bleiben ewig unerfüllt.

[207]
Zweiter Auftritt.
Vorige, Hauptmann, Amalie, Strobel.

Hauptmann. Und warum das?

Alsdorff (aufspringend). Karl, mein Fräulein!

Hannchen. Amalie!

Alsdorff. In der That, du hast mich sehr überrascht. Erkläre mir, wie kömmst du heute noch hierher?

Strobel (vortretend). Durch mich, wenn Sie es erlauben.

Hannchen. Strobel? Bist du auch noch hier?

Strobel. Ja, und ich denke noch längere Zeit hier zu bleiben.

Alsdorff. Rede, lieber, bester Karl!

Hauptmann. Gut, ich will reden. Warum bist du abgereist, ohne mich oder meine Braut etwas wissen zu lassen? Warum gehst du mit deinem Mädchen lieber stolz und trotzig in’s Elend, als daß du deinem Freunde deine Lage entdeckst? Sieh, wäre ich dir nicht schon seit heute Morgen auf der Fährte – ich hätte dir Steckbriefe nachgeschickt wie einem Diebe, denn du hast mich um das Vergnügen bestehlen wollen, dir meinen Dank abzutragen.

Amalie. Sie sind viel zu sanft, lieber Karl, noch derber, noch viel derber sagen Sie ihm die Wahrheit.

Hannchen. Aber Amalie!

Amalie. Geh, du Falsche, mit uns ist es aus.

Hauptmann. Doch genug mit den Vorwürfen – höre jetzt die Erfolge alles Geschehenen. Da der Fürst heute Morgen [208] verreiste, konnte ich ihn noch gestern Abend sprechen. Die Papiere der Präsidentin und einige Andeutungen reichten hin, ihn klar sehen zu lassen. Der Prozeß ist niedergeschlagen, ich bin Herr dieses meines Gutes und noch mehr, Herr meiner Hand.

Amalie. Erlauben Sie, das ist nicht an dem.

Hauptmann (reicht ihr die Hand). Richtig, ich war es bis heute Morgen. Hier dieser wackere Bursche (auf Strobel) war gestern Abend noch die vier Stunden bis zur Residenz zu Fuße gelaufen, um mich von Allem in Kenntniß zu setzen. Er kam um zwei Uhr Nachts an, ließ mich wecken – und erzählte mir Alles. Ich eilte nach der Stadt zurück, fuhr zu dem Vormunde meiner Amalie, wir wurden verlobt und reisten dir zusammen nach, um, wenn du willst, uns niemals mehr zu trennen.

Alsdorff. Wie? Ist das möglich?

Hauptmann. Ich bin Patronatsherr, die Pfarre ist erledigt, und war dir schon gestern zugedacht, als ich dich fand. Wenn du mir versprichst, neben der Liebe für deine Gemeinde noch etwas für mich übrig zu behalten, so ist hier die Bestallung.

Alsdorff (in höchster Freude). Karl, mein Hannchen, mein Fräulein!

Strobel. Sehen Sie, Herr, nun wird alles gut. Mir hat der Herr Hauptmann auch einen Posten versprochen, ich bleibe auch bei Ihnen. Und den Pudel habe ich auch mitgebracht, der Herr Hauptmann hat ihn zurück gekauft – nun sind wir wieder alle beisammen.

[209] Alsdorff. Mein wackerer Strobel – mein Freund – zu groß ist meine Freude – erlaßt mir den Dank. Nach jahrelangem Hoffen das schönste Ziel erreicht – es ist zu viel!

Hannchen. Siehst du, ich hatte Recht? Wir gingen unserm Glück entgegen.

Alsdorff (tritt in die Mitte, sehr kräftig und begeistert):

„Und ein Gott, ein heiliger Wille lebt,
Wie auch der menschliche wanke,
Hoch über der Zeit und dem Raume webt
Lebendig der höchste Gedanke –
Und ob Alles in ewigem Wechsel kreis’t,
Es beharret im Wechsel ein gütiger Geist!“
Der Vorhang fällt.