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Erdbeerbeete – wie oft haben wir dort unser Naschmaul befriedigt. Steh doch einmal auf und tritt hier auf diese Seite. Siehst du dort das weiße Haus zwischen den beiden Linden stehen – dort bin ich geboren worden. (Schweigt bewegt.)

Hannchen (halb leise für sich). Sei mir gegrüßt, du stille Heimath meines Freundes.

Alsdorff. Und dicht dahinter ist das Feld, wo für die Ewigkeit gesäet wird. Dort sind zwei Gräber, da an der hohen Pappel, – die du hier siehst, – dort schlummert mein Vater und meine gute Mutter. – Ich bin seit langen Jahren nicht dort gewesen – aber heute Abend vielleicht gehe ich einmal hin. Willst du mich begleiten?

Hannchen (bejaht weinend).

Alsdorff. Dort wollen wir knieen und uns den Segen der Verewigten holen und Muth für unsere letzte Wanderung. (Geht mit Hannchen zur Bank, er setzt sich, sie steht neben ihm, die Hand auf seiner Schulter.)

Alsdorff. Wie das Schicksal doch mit unsern Wünschen spielt. Hättest du meinen Vater gekannt, den milden und doch ernsten Mann, mit dem ehrwürdigen weißen Haare, mit der freundlichen Gabe der Ueberredung – wie er ein Freund der Armen und Bedrängten, der Trost der Nothleidenden nur segnend durch das Leben wandelte – mein höchster Wunsch war, ihm dereinst zu gleichen, ähnlich ihm, ein treuer Freund einer kleinen Anzahl von Menschen zu sein. Und immer war es dieser Ort, mein Geburtsort, wo meine Träume mich in meiner Wirksamkeit herumführten. Ich hatte so viel Hoffnung, meine Wünsche erfüllt zu sehen – es hat sich alles anders gestaltet und sie bleiben ewig unerfüllt.

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Roderich Benedix: Das bemooste Haupt oder Der lange Israël. J. J. Weber, Leipzig 1846, Seite 90. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Roderich_Benedix_-_Das_bemooste_Haupt_(Leipzig_1846).pdf/90&oldid=- (Version vom 26.5.2020)