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Autor: Paul Adler
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Titel: Elohim
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Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Hellerauer Verlag
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Erscheinungsort: Dresden-Hellerau
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[105]

INHALT
Elohim 9
Der Berg des U-Tao-Tse 37
Das unechte Buch der Johanniden 61
Der Tor Platon 85


[1] (Anm. WS Handschriftlich): Erstausgabe. Sehr selten. Marbacher Expressionismus-Kat. S. 77 [2]

[3]
PAUL ADLER
ELOHIM
[4]
Dieses Buch wurde in achtundert Exemplaren
bei E. Haberland in Leipzig gedruckt


Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
[5]
PAUL ADLER
ELOHIM






1914
___________________________
HELLERAUER VERLAG
DRESDEN – HELLERAU

[6] [7]

ELOHIM

          [8] [9] Wo die Ölbäume in der Sonne stehn, saß Einer im Mantel auf dem kühlen Brunnenrand und sagte zu dem Bewässerer, der ihn hier noch niemals gesehn hatte: „Laß die Qual.“ Der Mann sah ihn an; der Fremde sprach es noch stärker, wie in einem eindringlichen Befehl: „Komm mit mir, laß die Qual.“ – „Ich will es nur meinem Weibe sagen und denen im Dorfe, damit sie mich nicht suchen. Denn auf morgen sind wir alle gegeneinander verpflichtet.“ Da merkte er, wie jener es nun nicht noch öfter zu sagen wünschte: „Laß auch die und diese Qual.“

[10] Er folgte ihm hinter die Mauern, hier sah sie keiner. Da begegnete ihm ein Zweiter, der fragte und wies auf ihn kurz mit dem Finger: „Wen bringst du uns da, Asrael, weh.“ Der erste sah ihm in die Augen: „Einen Gärtner unter ihnen, Samuel, weh.“ Den er Samuel genannt hatte, der winkte ihm darauf und spöttelte mit den Brauen: „Der wird seine Wasser entbehren und den weißen Strahl, dort wo tags der Fettstrauch sprießt.“ Der mit Asrael Angeredete entgegnete darauf mit gesenktem Kopfe nur: „Weh.“

Danach gingen sie auf einer staubigen Straße, da kamen sie an einen Ort, von dem vier Ströme ausgingen. In dem Wasser des einen lag ein Kahn; die andern waren von gelöstem Salz, von Erdharz, von Öl. Nur der eine rauschte; die drei rauchten und waren stumm und erfüllten die Luft mit Schwefelhauch. Sie waren bitter, ohne Fische. Der Asrael Geheißene übersetzte jetzt seinen Fährgast in dem Nachen, daß die Wellen erklangen. Es schlug über ihnen in der Luft wie mit Flügeln. Der im Boote merkte nun zum erstenmal an der Blähung in seinen Ärmeln, daß er ohne Oberkleid war. Da, als sie nahe genug am Ufer fuhren, sah er eine Wache, von der nur die Augen aus dem Gezweig glänzten. Der Asrael Angerufene warf das lange Ruder hinüber und landete alsbald.

Drüben, hinter den schaumigen gelben Rohren, zogen jedoch immer mehrere, eingehüllt in schönfarbige Tücher, an ihnen vorüber. Alle begrüßten einander mit Jecheski-El, Jo-El, Penu-El [11] und lächelten heiter trotz ihrer zu einem kraftvollen Ernst zusammengezogenen Stirnen. Einige fragten den Führer wiederum wie an dem jenseitigen Ufer: „Wen bringest du hier, weh.“ Und der Führer erwiderte diesmal fast scherzend: „Einen unter jenen, weh.“ Nun blickten sie auch dem irdischen Mann freundlich in sein Gesicht und sagten dabei schnell im Vorbeieilen: „Es soll dir gelingen.“

Nun aber nahte ihm Einer von Riesenmaße; aus dessen Haupt wuchsen mächtige Stierhörner und auf seinen Schultern reiche Schwingen. Ein andrer hinter diesem trug in scharfen Adlerkrallen ein Gefäß mit aufgehobenem Deckel und darin schlummernd die Frucht des Granatbaumes, die das Leben gibt. Den Baum selbst sahn sie ganz nahe in seinem Garten stehn, vor seinen roten Kugeln hielten die neun hochgewachsenen Pfleger die Hand hoch. Rings an den vier Mauern standen die vier schrecklichen Wächter, ein besonderes Geschlecht mit vier beweglichen Mühlflügelarmen und mit harten Stierhufen.

Allein Einer in einem weißen Linnen glitt danach an Asrael heran. Er trug in seiner Rechten ein Horn, das ein dunkles Kreisstück aus dem Himmel schnitt, und er rief laut: „Imanuel! Imanuel! Wagen voll Sämännern und Wagen voll Saaten.“ Darauf sah man zahllose Räder voll grüner Spitzen von allen Hängen rollen.

Ein ihn noch Überglänzender blickte aus lodernden Augen unter einem Helme nach allen vier Seiten aus. Seine Stimme [12] klang wie eine bronzene Posaune, und er rief wimmelnde Behelmte hervor mit seinen Worten:

„Löcher! Höhlen! Finstere Höhlen der Erde und ihrer Adern und Steine!“

Der diesen weit übereilte, kam aus einer windschnellen Kugel, und sein Ruf war schon zugleich an seinem Ausgang wie seinem Aufgang, und er sagte:

„Lichter! Lichter! Blitze der Schwerter und Lampen der Werkmeister in den Städten!“

Hinter allen jedoch kam die Straße herab ein warmer Schein, der hüllte sämtliches in einen sich umarmenden Dunst voller Farben. Aus ihm kam wie aus einem Dornbusch eine Stimme ohne jeden Träger:

„Abend! Abend! Heiterstes im Abend und Segen am Tage und auch noch der Morgen!“

Jetzt aber standen sie ermüdet an einem Bach. Der sprudelte aus dem Boden wie eine Kugel von Zinn, und er nahm allen Staub von ihren Füßen, als sie sich nur dagegen hielten . . . Und nun ferne erblickten sie eine Mauer, die, unendlich, ein ganzes Land einschloß. Inmitten noch waren Burgen und Gärten, ein Gespann geflügelter Rosse befuhr die Mauer in ihrer Höhe, und eine Stimme fragte hinunter in ihren Raum: „Welches Volk mag dies wohl sein, dessen Früchte des Bodens mit Mauern umgürtet sind, und ihre Zinnen haben uns, weiß Gott, aus der Höhe gelockt?“ Ihm jubelte der Wächter:

[13] „Elohim! Elohim! Götter von den Kuppeln und Jeruschalajim hier auf der Erde!“

Das Gespann senkte sich wie eine Taube, und der vorn von dem Roßschweif stieg, glich in seinem obern Dritteil einem Jüngling und unter der Brust einem Leoniden. Seine Knöchel waren wie die des Löwen zum Sprunge besehnt, sein Kleid war ein lebendes Silber, und der Wächter rief vor ihm aus: „Sterne! Sterne! Sternenfall nach den Terrassen und Sternenfall nach dem Flusse! Und hier überall dicht regnende Sterne!“

Darauf sagte der Götterbote: „Zerbrich den Schmelz, der über dem Kupfer deines Tores ist, und hebe ihn hoch. Was erblickst du an seinen Rändern?“ Der Wächter schrie ihm entgegen: „Euern Glanz, eure Milch, ihr himmlischen Opale! Gepriesen, die ihr uns so beglücket, ihr Heerscharen, ihr hellern Unzahlen von Brüdern!“ Darauf gebot der Herabgelassene: „Schütte deinen Wein aus deinem Becher auf den Boden aus und spende ihn El und sage mir, was erblickst du in ihm?“ Der Wächter schrie: „Sein Bild, Raphael! Seine Hand, deinen erdachten seligen Leib schau ich darin! Deine Haare überwehn den feinen Duft eurer Wiesen zu uns Erdengöttern!“

Daraus fragte der Elohim den Wächter: „Willst du uns ein Gastmahl rüsten? So versammelt eure Beobachter! Und laß sie nicht ihren Ort noch die Stunde verkennen! Also nehmet auch hier diesen irdischen Mann mit euch, der bei mir steht, denn er wird uns von Nutzen sein.“

[14] Hierauf drängten sich die Elohim an die Fremden heran, in Kreisen, so wie sich die Planeten am Himmel stellen. Und auf der Höhe der Mauer lag eine steinerne Bucht, auch eine Regenmulde war dort und Stühle aus hellerm Gestein für die Beobachter. Auf diese setzten sie sich zum Rate nieder: zehen flügellose Elohim, die auf den Boten schauten, und neben ihnen der irdische Mann, dem nicht Trank noch Speise gereicht war. Als die Götter aber alle untereinander sich gelabt hatten, da fragte der mit Raphael Angeredete seinen Nächsten:

„Habet ihr nichts vernommen, Beli-El? Nichts von dem Neuen, das eure Ohren erfüllt hätte, oder so, daß euch dazu irgendeine Sorge entstand für eure Stadt, die doch so gut aufgemauerte? Wir fragen indessen nur, weil wir Rat wissen.“

Daraus rückten die Späher alle auf ihren Stühlen, zehen riesenhafte Elohim, die sich mitsammen mit Blicken und Achseln befragten. Und der irdische Mann stand nur wie ein verhandeltes Rind unter ihnen, so wie vor seinen Täuschern ein Farren steht, der noch kein Joch auf sich getragen hat. Und erst wenn die Sorge in seinem Herzen am höchsten ist, dann naht ihm sein Ersteher mit ruhigen Händen wie mit einem fetten Grasbüschel. Denn die Elohim entgegneten jetzt dem Herabgefahrnen: „Wir haben freilich vor dieser Mauer ein irdisches Rollen vernommen, gleich einem heranfahrenden Kriegsheer, und ein Getümmel wie von einem lärmenden Libanon, der in der Ferne hüpft. Auch hüpfte bei uns das [15] Wasser hier in der Zisterne, als ob ein Zittern aus dem untern Scheol herausdränge. Und es geschah, daß der eine Mann unter uns zu der Nacht sich erhob und seinen Nachbar erblickte[WS 1], wie er die Keller seines Hauses prüfte. Und auch diese Mauern um unser Land bogen sich wie die Baumruten. Dem Ähnliches haben wir niemals vernommen, und ist auch nicht gewesen, seitdem die Flut beruhigt ist; also daß uns vor der Rückkehr des Abgrundes bangt. Denn entgegen uns, den Elohim, kommt es hier herauf, entgegen dem Wirbel und unserm Schwunge, durch den wir auf die Erde versetzt wurden.“

Daraus erwiderte der Herabgefahrne:

„Ich freilich will es dir sagen, und du merke auf die Wahrheit, welche die Himmel verkünden.

„Es ist aber, daß Gott sich ein Volk erkoren hat: den Israel sich zu eigen, aus daß er ihm ähnlich sei. Darum hüpfen die Berge auf der Erde gleich Schafen; die erst noch Ebnen waren, wie hochgemute Lämmer! Sie sprechen: Weil El sich einen Sohn aus Ägypten erlöst hat, Gott seinen Geliebten von den Enden der Erde!

„Darum vernahmet ihr hier, wie sich ferne die Ecken dieses Lehms gegeneinanderbogen gleich einem ungesäuerten Teige, den der Herr an seinem einen Ende erfaßt hat, um ihn in den Backofen zu schieben. Und so wie in seiner Mitte die harten Blasen aufspringen, also springen jetzt hier die [16] marmornen Tore und Mauern auf, die euch inmitten dieser Scheibe bereitet sind.“

Es lachte aber eine Stimme aus einem Mauerloch, das bei den Elohim war, und sprach: „Wieso?“ Ihr begegnete Raphael:

„Sogleich will ich dir deine Zähne abstumpfen, du Ohne-El! Ihr Götter aber vernehmt den Zeugen!“ Und er wandte sich an den irdischen Mann mit dem Geheiß:

„Gib Zeugnis, denn du bist einer aus jenen Gesegneten.“

Und es erhob der irdische Mann seine Stimme, zum erstenmal hier in der Ferne ihre Kraft und ihre Färbung erkennend, so wie man einen Freund erkennt, und er redete scheu, so wie ein Mensch vor Göttern zu reden vermag:

„Isch iwri anochi – ein ebräischer Mann bin ich – nicht möge mir mein Herr eine so große Last aufladen, daß ich hier vor diesen reden soll. Ich verrichtete aber vor der Mauer ein Werk der Aussaat, da geschah es, daß mein Weib Riwka mit meinem Bruder Pekach zu mir kamen und fragten: Willst du dich nicht mit auftun, um das Heer zu sehn, das Volk, das der Herr aus Mizraim gebracht hat? Und es sind alles unsre Brüder mit unsern Schwestern, die heute zu uns gekommen sind, und alle ihre Herzen sind uns geneigt, und sie machen uns Geschenke. – Da senkte sich die Freude auch in mein Herz hinein, wie ein Saatkorn einsinkt, denn ich gedachte der Wahrsage meines Schwähers, des Midjaniten: [17] daß El lebt, und daß er uns maßlos wie die Sterne am Himmel machen will. Auch vernahm ich zu diesem noch von Kriegstaten, von Roß und Wagen, die El geschlagen und mit dem Wüstensand bedeckt hat. Doch mein Sinn ist nicht der eines Kriegers. Und nun gefalle es meinem Herrn nicht länger, mich noch zu prüfen, sondern mich wieder zurückzuentlassen in mein Dorf. Denn einen schweren Weg ließ mich mein Herr gehn.“

Und der Mann schwieg, doch ihm entgegnete Raphael: „Es ist gut, was du geredet hast.“

Und da jener nach seinem Führer suchte, sprach er zu ihm: „Suche deinen Führer nicht länger, Israelite! Tritt hinter mich, daß ich dich decke! Vorerst aber wird Einem noch Beschämung zuteil.“

Damit wandte er sein Auge gegen jenes Leck, aus dem die Frage getönt hatte, und er redete es an im Zorne: „Du Assel! Warum verbirgst du dich vor mir in deinem Spalt? Komm doch hervor und nenne mir deinen Namen, und wir wollen miteinander auslegen! Du sagst, daß diese Scheibe hier niemals bewegt werden kann. Weit gefehlt, sage mir vielmehr, wer sie erhält, daß sie nicht beständig in ihren Abgrund zusammenstürzt mit ihrer Kruste? Ist es, daß sie nur flattert wie eine Flugmaus, also magst du sie wohl endlich einmal hinabhaschen in deine Wohnung, die der Ewige – gelobt sei er – dir nun bald entleeren möge! Ist es aber, daß sie eine [18] Hand zusammenhält – so wie die Weisheit des Baumeisters gar viele Ziegel beisammenhält – warum sprichst du dann, daß Gott seine Hand nicht auch wieder aufraffen kann mit allem, was darauf ist; mit den Bäumen und mit dem Okeanos darum und in ihrer Mitte mit den befestigten Städten? Sind nicht seine Finger um euch hart gespannt zum Fallstrick? Gleich dem Vogelsteller, also fängt er in seinem Netze einen lebenden Schwarm, und niemand ist, der ihn befragt. Ja also hat der Herr heute diese Elohim auf seinen Teller gelegt wie Spätzlein, sie in seinen Mund zu bringen. Und ein Ende nimmt diese Verstoßung, und nicht bleibt ferner ein El einzeln, da Gott sich wieder zusammenzieht in die heilige Mehrzahl seines Schöpfernamens. Denn also hörtet ihr: Am Anfange schuf Elohim, und er schuf Himmel und Erde.

„Und die Erde – erfuhret ihr weiter – war wüst und öde, und der Abgrund jammerte vor Elohim. Und Elohim erbarmte sich der Erde, indem er das Oben vom Untern schied; und auch des Abgrundes erbarmte er sich, da er völlig leer war, und er gab ihm die Seele hin, den Menschen, dessen Herz in dem Abgrunde wohnt. Und Elohim sprach: Wir wollen einen Menschen machen nach unserm Bilde, und wir wollen uns in ihn versenken, um den Abgrund aufzufüllen. Allein die Fläche lag heiter da im Okeanos, wie mit ausgebreiteten Flügeln, als euer lichter Wohnsitz, ihr Genien, die ihr ihren vielen Kräutern und Tieren vorsteht; und [19] Elohim senkte seine Leiter auf die Erde, darauf ihr niederstieget; denn bald verloret ihr, da ihr nur mehr auf Füßen glittet, zumeist eure Flügel. Und ihr ersahet die Töchter der Erde, daß sie schön waren, und ihr wohntet ihnen bei, denn ihr wart liebevoll, und ihr zeugtet mit ihnen alle Helden und alle die ruhmvollen Geschlechter, die vor der Flut waren. Und am Ende erbautet ihr euch aus Gesteinen hier diese Stadt, die in den Himmel schaut.

„Aber damals geschah es, daß Gott alle Seelen aus dem aufgelehnten Abgrund zog bis auf den Noah mit seinem Haus – jedoch gab ihnen El seinen gewaltigen Namen kund? Damals verschöntet ihr diese alte Feste, ihr laset viel gelbes Metall und Holz aus der Flut aus, und ihr machtet sie zu euerm ruhigen Ansitz. Und El spannte seinen Bogen über euch hin zum Schutze. Danach schwärmtet ihr von hier aus, Herrscher die einen und die andern emsig und gestachelt wie die Bienen; und was ihr an euerm Wege Süßes fandet an Blüten und Nektar, das soget ihr aus, und wer euch entgegen wollte, den stachet ihr. Und du erfaßtest die Freiheit schnell, ein verwildertes Volk, doch dem ist nicht länger so, darum daß man dich wieder in deinen Bienenkorb tut.“

Und die Elohim saßen und zerrissen ihre Kleider, denn Raphael hatte sie besänftigt wie mit Brennesseln. Das Volk unten vor der Mauer sammelte sich vor dem Erz seiner Stimme, Unruhe in der Brust. Und Raphael redete jetzt von [20] der Mauer hinunter, laut, also daß es das Volk unten mit all seinem Schrecken vernahm:

„Nun auf, du Volk der Elohim, wende dich um auf deinem Wege, zerbrich deine Stadt und versammle dich neu in dem Ewigen! Denn deine Herrschaft über diesen Kot ist zu Ende, er ward dem Menschen übergeben. Denn Gott ist eifersüchtig, daß er sich die Lache erobere. Darum ist der Mensch zu euerm Gott geworden, ihr Elohim. Gottlos steht er da, über euch erhöht, und er setzet seinen Fuß auf den Nacken seiner Götter. Er wird euch vertreiben aus euerm Wohnsitz mit Angeln und mit Fußstricken und mit geflügelten Fallen und mit Rollen gleich heranrückenden Kriegswagen, und ihr müsset vor ihm weichen. So löset euch denn, ihr Götter, ziehet eure Straße, da El euch den Boten, seinen Sprecher, entgegensendet. Und nur die Sphäre hält euch gefangen, jener durchdringende Hauch, der zwischen Erde und Mond taumeln macht und von dem eure Haut durchtränkt ist. Du Beliel und du starker Melkart, und du, den sie Horus nennen, und du, von dem Japhet voll ist, Saturn, und du, Gott des Bernsteinlandes, gewaltiger Waßan! Kreuziget euch, hauet eure Säulen um und verbrennet sie, tuet fort von euch das verzweifelte Lächeln, Baalim und Astaroth! Denn nicht hier werden deine Kriege entschieden, Jerusalem! Eure Trägheit, sie gereicht dem Feinde zum Ergötzen, Elohim!

„Und höret noch auf das Wort, das von den Sternen herabfährt! Ihr umwalltet Jeruschalajim, doch vergaßet ihr [21] den Sprung, der aus der Hölle klafft. Nun aber fesselt eure Mauern, und daß auf dieser Stelle Moriah stehe, knüpfet die Türme an die Himmelswohner! Und der Wagen belade sich mit den Steinen, mit dem Abbruch der irdischen Stadt, mit allem, was ihren Grund reinigt. Werfet die Seile um den Nacken des kräftigen Stieres, die Stricke um das gewundene Horn, daß der Widder der Nacht aufschreit. Und der Melkart stöhne unter der Last, er hadere mit dem Riesen, wenn sie die Stadt aus ihren Schultern ziehn. Aber der Leviathan trägt euch leicht oben auf seinem Fischrücken durch das Himmelsmeer, bei der einsaitigen Harfe Klang.“ Und der Bote blickte nieder zu seinen Füßen. Da war keine Zustimmung noch eine zappelnde Hand in dem Netz seiner Worte gefangen, und kein Wellenring, so wie ihn die strömenden Fischlein rings um den guten Fischzug hervorbringen. Doch ihm begegnete ein greiser El mit der Klage:

„So ist es denn Fügung, daß sich diese Stadt einem drohenden Gestirn ergeben muß, und ihr Lager liegt tot da unter dem Monde: er sucht vergeblich seine weiße Gespielin. Ihre vielen Hügel sind verlassen, nicht mehr von ihren breiten Mauern gekettet; ganz schwarz liegen die Felder vor dem Blicke des Fremden; mit versengtem Gras sind sie nackt unter der Sonne, sie, die ein kühles Kissen waren. Warum legt ihr eure Leitern nicht mehr an Jerusalem an, ihr Sternengeister, warum eilt ihr nicht mehr hinunter in ihr geöffnetes Fenster? [22] Gereuet euch ihrer Umarmungen und aller Gelübde? Sie jedoch ist bei euch verblieben! Und gilt euch für nichts mehr das Opfer ihres Gehorsams? Die Wächter auf diesen Zinnen haben ihre Ergebenheiten niemals unterbrochen! Wie, oder vergaßest du gar selbst, o Götterbote, den Traum an dieser Mauer, den Traum des Jakob, als du auf- und niederstiegst in der Nacht mit so vielen Gefährten, und über euch auf der obersten Sprosse der Leiter stand Gott selbst, und er sprach zu jenem Schläfer: Ich bin der Gott deiner Ältern, die hier an dieser Stätte wohnten; du sollst dich von ihr verbreiten nach dem Aufgange und nach dem Untergange und nach der Mitternacht, sowie nach dem Mittag. Und alle Orte dieser Erde sollen von diesem aus gesegnet sein! Und Jakob sprach vor euch allen, das ist vor allen den Gestirnen der Ausdehnung, unter denen sein eigner Liebling Josef war: Dieser Ort ist schrecklich, er öffnet das Himmelstor! – Und nun, Raphael, rede, soll denn nach deinem Worte mein Ort wirklich zur Dürre werden als ein ungekrönter unter den Orten; als ein Berg, auf dem die Schafe weiden, oder gar als eine Wüste, über die der Speer des räuberischen El-Feindes geschwungen ist? Ist denn kein Trost in den Gestirnen mehr, kein Stern für die einfachen Hirten, die von alters in diesem Lande umherziehn? Oder habet ihr selbst, Himmlische, künftig die Sitten meiner Stätte verworfen?“

Also klagte noch lange Zeit der Gott des heiligen aber verlaßenen Landes; allein zu ihm winkte bereits goldenes [23] Schweigen der Himmelsbote mit seinem Stabe und mit den Worten:

„Wahrheit sage ich, doch es ist euch kein Kleines, von eurer Wurzel zu scheiden. Aber nicht sei euer Herz von Leid erfüllt, ihr Götter, wenn ihr die himmlische Feste gründet, die unbezwingliche; nicht blicket zurück nach euerm alten Orte, denn dem Israel ward er zum Lehen gegeben, aus daß er Gott hier zinse. An seiner Stelle wird sich der Tempel erheben, und Gott wird ihn seinem Gesalbten schenken, dem Psalmisten, und dem Prediger nach ihm und danach den frommen Sanhedrin, bis der Grund aus immer bersten wird. Lind lasset denen, die danach sind, die Sorge darum. Jedoch um den Sprung in euerm eigenen Jerusalem seid nicht bekümmert, um jenen Krebs, den euch die Assel gestochen hat. Sondern nehmet ihn mit vor Gott, um ihn vor ihm zu weisen!


„Und haltet euch bereit auf die folgende Nacht! Ein jeder stehe vor seinem Hause, mit dem Abbild des Hauses auf seiner Stirn, und die Linke mit dem Riemen aus die Brust gelegt. Denn wir im Himmel werden uns versammeln, eine zahllose Gemeinde, und wir werden unsre Finger spreizen, je zwei gegen drei, und die Priester, die unter euch sind, sollen in die Wolken lauschen und den Spruch wiederholen:

„Es segne dich der Herr und behüte dich!

„Es lasse dir der Herr sein Antlitz leuchten und sei dir gnädig!

[24] „Es wende dir der Herr sein Antlitz zu und gebe dir seinen Frieden!

„Und die Knechte Gottes sollen an die starken Türme die Hände anlegen in einer großen Zahl und sie mit Balken und Steinen in ihrem Innern anfüllen. Und dazu blaset das große Horn, auf daß sich die Quadern lösen und der Grund schmilzt und ausbricht wie ein geschwüriger Zahn aus dem Rachen, der nach ihm heraufleckt. Und an seiner Stätte ruhe ein Meer, salzig, bis das Volk vorgedrungen ist, das Heer, das Gott aus der Knechtschaft erlöst hat!“

Und der irdische Mann, der solches hörte, hinter Raphael stehend, wurde beklommen, und es erregte sich sein Herz, und er sprach: „Was hat über mich mein Herr beschlossen? Da ich doch nicht einmal die Staubwolke zu überleben vermag, die aus solcher Verwüstung aufsteigt!“ Doch der Herabgefahrne stärkte ihn mit den Worten: „Fürchte nichts, deine Augen werden solches nicht sehn.“

Und Raphael nahm ihn mit sich auf seinen Flügelwagen, auf den leichten, der wie ein Sturm auf den Wolken fährt. Und als er neben ihm auf dem Schweife des Rosses stand, da weinte der Mann nur und vermochte nicht, um sich zu blicken. Und der Wagen nahte einem Strome, der schimmerte nah wie ein unendlicher Edelsteinhaufen, so wie die Zinnen der Elohim gestrahlt hatten, und die Straße führte neben dem Strom hin, also daß das Auge bangte, da hineinzusehn. Und [25] Raphael beugte an dem Strome sein Knie und sprach, während der Wagen weiterfuhr: „O Trost der Straße, unendliche Täuschung! Strom, dessen Wellen auseinanderklaffen, daß Els Hand Raum zwischen ihnen hat und sein Geliebter hindurchschreitet trockenen Fußes! O Ding gleich jedem Dinge, Ding aus Unendlichkeiten! Und Körper des Menschen, aus Auge, Ohr und trägem Leib geschaffen, Körper, Meer, in dem alles Lebendige schwimmt, und du Sternennacht, Meer der Meere, vor der selbst dem Elohim bangt. Und Straße, dennoch gesichert an dem unendlichen Auseinanderstreben!“

Allein der irdische Mann hing nur noch gelähmt über den Wagenrand.

Und Raphael stand wieder aufgerissen in der Höhe. Seine Arme schossen wie Schlangen, und wie die Straße über den Strom setzte, sang er nach rechts und links überall hin mit den Gestirnseelen. Es ertönten aber Klänge, die den hebräischen Mann aufhorchen ließen, Klänge gleich der geschnittenen Rohrflöte und ihm befreundet hier in der unendlichen Wirrsal. Und er gehorchte gierig der Freude, so wie ein Schaf, dem der Hirte, bevor er es schlachtet, die Wolle durchfährt. Und es traten viel verwelkte Blüten vor seine Gärtnerseele und sein Weib Riwka mit seinem Bruder Pekach, wie sie ihn das Heer zu schauen einluden. Aber sein Zorn sammelte sich gegen El und gegen seinen Begleiter wie eine Regenwolke. Und er redete in dem Wagen:

[26] „Was ist es, das mein Ohr aufjubeln läßt und mein Herz bitter macht?“ Und Raphael sprach: „Es sind die Pfeifen. Hier ist das Meer der Klänge, die Gott näher als unten die Bilder stehn. Siehe, sie sind nach einem festen Maß angeordnet, und die Zahl ist ihre Seele. Und es ist wenig Körper an ihnen, kein Hier und Da, das dem Nichts angehört, und auch kein Ich, das sie von Elohim weit entfernt hält. Sie sind Götter, und sie erweisen sich dir auch noch dadurch, daß du sie nicht zu sehn, nur zu hören vermagst. Allein du kannst sie auch nicht greifen, vielmehr nur von ihnen ergriffen werden. Als Seelen suchen sie dich, traurig nur darum, weil sie von dir verschieden sind. Und das, was ein Knäblein neben einem gerüsteten Mann ist und wieder ein einzelner Gerüsteter neben dem Heere des Herzogs von Assur – und so wie das Recht in deinem Dorf beschaffen ist, wodurch alle Dinge daselbst sich immer in Ordnung befinden – also sind hier diese gereihten Pfeifen neben euern Pfeiflein. Und nur die Weisheit übertrifft sie noch an Seele.“

Und der irdische Mann hob die Lippe, überwältigt, und sprach: „So schlage sie El mit der Pest! Denn sie quälen mich, anders als Seelen tun!“

Und der Bote an die Elohim ward stumm, weise, des Abgrunds gedenk, an den Gott den Menschen gefesselt hatte. Danach fuhren sie durch das unendliche Rauschen wie durch einen Blätterwald. Und der Heraufgefahrne sprach: „Steh auf, denn ich muß hier aus meinem Wagen steigen, weil nun [27] Gott nahe ist.“ Darum stiegen sie jetzt von dem Schweif des Rosses, und sie gingen durch eine ausgedehnte sandige Wüste wie durch einen leeren Raum. Denn die Zeit wurde zu einem eingeschrumpften Alten, zu der Vergangenheit, die an ihrem Wege übrig blieb. Und der Mann verstummte, und auch der Elohim schwieg, hier in nichts mehr vom Irdischen unterschieden. Doch im Weiterwandern schwand auch der Sand des Weges dahin, wie zwischen Knochenfingern. Da klammerte sich der Elohim an den Israel, und er rief hastig: „Wirf deine Schuhe von dir ab! Dein Fuß kehre nackt ins Leere!“ Und der Mann war ihm gehorsam.

Da ergriff ihn Asrael und warf ihn empor; sein Fuß erklang, und er stand auf der Spitze eines furchtbaren Vulkans, in einem Steinfelde, an einem sich aufhellenden Ort. Der Mitgefahrne aber war verschwunden.

Und Asrael stieß den jüdischen Mann heftig vor den Thron, vor Gottes Herrlichkeit, in der die Elohim enthalten sind – die Erde aber ist zu den Füßen des Thrones als Schemel befestigt. Gott selbst ist unsichtbar und unhörbar und ergreift auch nicht, allein die Weisheit hat unter ihm den Thron aufgebaut, und die Elohim bilden ringsum sein sichtbares Bild wie ebensoviele ausgemeißelte Gestalten. Und darunter, in einer größern Tiefe, ist alles Wesen der Welt abgebildet: Mensch und Tier und Pflanzen, Mann und Weib, ein jedes nach seiner Art. Und eine Stadt öffnet darüber ihre Tore: Jerusalem.

[28] Und der jüdische Mann sah einen unermeßlichen Glanz vor sich, er zögerte lange; erst nach Jahrhunderten wagte er aufzusehn. Da erkannte er alle die erlauchten Elohim, die hier im Glanze standen mit noch zahllosen Heerscharen, und er sah auch drei Fürsten unter ihnen an den drei Eckpfeilern des Stuhles, doch an dem einen Pfeiler bei ihnen erblickte er den Heraufgefahrnen, seinen Führer. Das ganze Ebenbild Gottes aber flimmerte und bebte überall zugleich an allen seinen Enden, wie wenn ein Mann in die sieben Flammen des Leuchters sieht. Und es klang dazu wie ein Donner der Ferne. Aber die Sänger wandten sich in ihm um wie Sturzwässer, und der jüdische Mann vernahm das Sanktus der himmlischen Heerscharen in einem seltsamen fremden Mißklang:

„Kadosch, Kadosch, Kadosch, Deus Zebaoth! Plœnus est omnis mundus gloriae eius!“

Da beugte der jüdische Mann vor dem Throne das Knie, an seiner Schwelle, über die kein Jude jemals tritt, und er warf sich nieder und weinte und schrie laut:

„O Herr, du hast mich schwach erschaffen, und was soll ich vor dir? Gib mich doch meinem Lande wieder, das du mir verheißen hast, worinnen ich leben kann. Und entreiße mich hier der Steinwüste! Und was jene Auffahrt betrifft, so hat sie mein Herz zerschmettert. Ich war freigebig und gehorsam; für gütig galt ich und galt für klug, ehe diese hier kamen und mich mit sich entführten, dorthin, wo die Luft und [29] die Körper und die Seelen nicht die meinen sind. Und ich bin ins Elend gekommen binnen der langen Zeit; doch deine Verheißung ist dahin, und dahin ist meine Liebe für dich, Gott, meine Liebe zu den Elohim, die aus meinen Feldern in Baum und Blüte, in Strom und Tier, wohnten. Mit ihnen ist auch mein Schutzgeist vergangen, der Gott, der über all meinem Tun thront. Denn alle sind aufgefahren, gekreuzigt gleich jenem, und du nur hast den Nutzen davon! Und also fleh ich dich an, Gott, König der Könige und Held, einziger, in der Schlacht: drehe das Rad dieser Himmelfahrt zurück!“

Da antwortete Micha-El und trat aus der Herrlichkeit und sprach:

„Daß dir doch deine Zunge erlahme, du Aussatz, und dir die Sprache versage! Und daß du dastündest, nackt, mit den Schwären deines Herzens bedeckt, und jeder unsrer Blicke schlüge dich wie eine Geißel. Und laßt uns doch unser Schwert zücken, ihr Elohim, und diesen Abtrünnigen niederwerfen, verräterisch um so vielfacher als du, o Gott, ihn liebst. Und verflucht seist du Jehuda, der du die Sünde trägst bis in dein zehntes Geschlecht; weil dein Herr dich mit Nektar sättigen will, du speiest ihn wieder. Mit Gnaden überhäuft er dich, und du fragst: was sollen sie mir? Und die Hefe und das ungesiebte Volk stehn groß neben dir; um so viel höher überragen sie deine Schultern als die Säule aus dem Teiche ragt. Und daß dir doch besser geschehe nach deinem Begehr oder nach [30] deinem Verdienst, das dich in den untersten Scheol verweist! Denn wisse, alles, was der Mensch empfängt, ist nur Gnade. Und nur die Gnade stößt mein Schwert wieder in sein Heft zurück, daß ich es nicht ziehe und dich nicht auf ewig an deiner Seele schlage. Doch hüte dich, denn nicht als den ersten hätt ich dich heute verstoßen!“

Da antwortete Israel dem Elohim und sprach – und Stimmen riefen Jißra-El, das heißt: streite mit Gott – er rief aber:

„So wehe nun dir und auch über mich Wehe, daß ich so dastehe, nackt und geplündert vor Gott, und du streitest gegen mich! Und Gott empfängt eine ganze Stadt mit ihren Türmen und mit ihren Frevlern und den Guten, unter denen noch Unrecht und Eitelkeit ist, und sie steht an seinem Throne als ein himmlisches Jerusalem. Mit mir aber sollte Gott wie mit seinem Abergott rechnen? Dann schickt er Wehe über mich und Weh schickte er über alles Geschaffene, und seine Auserwählung, sie kommt jener Ächtung der unsteten Verruchten gleich, die die Gerechtigkeit an ihren Füßen zeichnet. Und daß er mich doch nicht auserwähle, daß er mich doch belassen habe bei meinen Werken, und wenn nicht aus Gerechtigkeit so doch aus Gnade! Aus Gnade sende er mich heim, oder er töte mich mit dem Schwert an meiner Seele, eh er mich mit dem Jammer dieses Steinberges schlägt.“

[31] Da antwortete Raphael und trat aus der Glorie und sprach:

„Laßt uns doch mit diesem Israel rechten, Elohim! Wir wollen erwägen, daß es der Abgrund ist, in den wir ihn geschickt haben und der uns mit ihm heraufkommt. Der Dämon redet aus ihm, der seine Gedanken verwirrt. Doch nicht mit Macht und nicht mit Heergewalt, also spricht der Herr, sondern durch meinen Geist werde er mein. Vergaßet ihr den Ort, vergäßet ihr die Stunde, die euch um ihn versammelt hält? Ja, dieses ist der Tag und ist sein Neues: daß Gott mit dem Menschen einen Bund schließt und ihm ein Unterpfand gebe.“

Da neigte sich Israel vor den gnädigen Worten mehrmals, und er sprach:

„Herr, Gott, barmherzig und gnädig, Wart der Langmut und Reicher an Wohltat und Treue. Reicher der Wohltat bis zu den Tausendsten, Verzeihung von Schuld und Missetat und Frevel. Und dennoch der Vergelter! Warum hast du mich mit Schmerzen erfüllt in meiner Geburt und mit meinem bösen Triebe von Jugend auf? Du hast meinen Kelch erfüllt mit der giftigen Wurzel wie einen Schierlingskelch; ich weiß nicht, ist es wahrhaft die Tiefe, die aus mir redet, oder ist es dein erhöhtes Wort, das mich vom Himmel hoch heimsucht, also daß mir der Geschmack an der stummern Erde verdorben ist. Allein ich hörte von deinem Wort, daß du mich unermeßlich machen willst, und daß du die Liebe bewahrst denen, die dich lieben, ins tausendste Geschlecht, und [32] also, Elohim, forder ich heute dein Wort von dir. – Oder ist die Schuld mein . . .?“

Da antwortete Gabri-El und trat ganz aus der Herrlichkeit mit dem Worte:

„Gesegnet sei, der da nahet im Namen des Herrn! Gegrüßt seist du Isra-El, Erster der Völker, denn du bist voller Gnade. Der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Nationen und auserwählt ist der Same deines Leibes. Also soll es geschehn. – Und warte doch nur ein Weilchen, bis auch aus deinem Steinfelde das Reis aufsprießt, die Rose, die nicht ackert und nicht säet und doch röter gekleidet ist als Babel mit all ihrem Purpur.“ Aber seine Stimme verstärkte sich:

„Und was verlangt denn dein Gott Großes von dir, Juda, als daß du ihn liebest und alle seine Gebote haltest mit ganzem Herzen und von ganzer Seele. Dir aber offenbart er seine Geheimnisse nicht.“


Und die Elohim, denen Michael gebot, bückten sich und steinigten den Israel, daß er blutig dastand – denn ein Mann von hartem Nacken war er, Übles hatte er geredet – und sein Blut floß von ihm wie ein rosenroter Mantel. Und alle die Elohim miteinander verhüllten sich und segneten ihn mit dem Abschiedsruf:

„Der Herr, der dir sein Angesicht zugewendet hat, er gebe dir seinen Frieden!“

[33] Und der ganze Berg blitzte und bebte zwischen allen seinen Steinen während einer langen Zeit; der Rauch stieg aus ihm auf wie die Wolke eines Weltbrandes, wie der Rauch eines Glutofens, darein die ganze Erde geschoben wurde. Und Finsternis war über der ganzen Erscheinung Gottes wie von beschirmenden Flügeln.

Allein ein Weg war in die Tiefe neu gerissen, von einem neuen Kegel.

Und auf dem Wege wandelte der Erstgeborene der neuen Elohim, der Engel des Sinai, der körperlose Gottesbote mit den Zügen Mosis unter seinen beiden Strahlenhörnern; und er blickte vor sich nieder zur Erde; dort erspähte er den Asrael, mit seiner Hand gegen einen Menschen erhoben, gegen einen von des Israel Brüdern. Und der Engel schaute um sich, hierhin und dorthin; und als er sah, daß da niemand war, da erhob er sich als ein Rauch und verjagte den Asrael von dem Brunnen neben den Ölbäumen; er erschlug ihn und verscharrte ihn, aus seinen Augen hinweg, unter dem Thron von Elohim, unterhalb des himmlischen Jerusalem. Und der Engel trat in das flimmernde Ebenbild Gottes ein, zitternd vor neuer Erwartung, an des abgründigen Michael Seite.

[34]


[35]

DER BERG DES
U-TAO-TSE

          [36] [37] Der heilige Vulkan krönte sich mit einem Wölkchen, als Nomotus, das ist der Maler der hundert Mönchsdinge, seine Schüler über die grünen Inseln verstreute und, wohl vertraut mit chinesischer Weisheit und Gotteslehre, hinüber in das Vaterland des U-Tao-Tse segelte, jenes ältelten und erhabenen Meisters, den die Götter mit einer vollkommenen Einsicht in ihre Werke begabt haben. Der Fremde studierte auf den zerfallenden Burgen und in den gewinnsüchtigen Städten des gesunkenen Reiches alle Wiederholungen und die geringen trauervollen Reste des vergangnen Wunderwerks; [38] ihn beunruhigten einige Nachrichten von des Meisters späterm, der philosophischen Weisheit gewidmeten Leben bis zu jenem geheimnisvollen Verschollensein an der Grenze des menschlichen Alters.

Vor allem las er von einem „aus dem Schoße der nassen Wolke hervortanzenden Wasserquell“, von einer Landschaft geborstenen Himmelseises und dem Tuschbild eines Heldengrabes aus der Urzeit, darüber die weißlichen Ballen, heiter und wie über den rohen Prunk dieses Toten spottend, an den Berghäuptern vorbeizogen.

Allein endlich gelang es dem Sorgsamen eine Kundschaft von des Heros letztem Werk, einem Gebirge, zu gewinnen. Dieser Berg war von U-Tao-Tse auf die Wand eines kaiserlichen Schloßes gemalt; er stellte sich mit zwei Gipfeln in der Gestalt zweier Wagschalen dar, jedoch eh er noch völlig vollendet schien, schritt U-Tao-Tse vor des Kaisers Augen mitten in sein eigenes Gemälde hinein, woraus alles, Bildner und Berg miteinander aus der Welt verschwanden. Zu jener Zeit war der große U-Tao-Tse bereits ohne seine Hände, die er sich, wie die Geschichtsschreibung behauptet, mit Willen hatte abhauen lassen, um nicht mehr der Sinnlichkeit seiner frühern Kunst zu verfallen. Allein die Legende, die der Sucher las, berichtete trotzdem von dem Wunder der gemalten Höhe. Sie wußte auch, daß diese Höhe in einem zerklüfteten Grenzlande noch bestand und daß sie mitunter, [39] von einem Pilger im Zusammentreffen mit gewissen Himmelszeichen erreicht, wieder in ihr altes Nichts zerfiel. Nur ihr Gletscher, den U-Tao-Tse bereits früher gemalt hatte, widerstand dem Untergang und mit ihm die unzugängliche höhere „Schale“ der „Wage“ . . .

Mit zwei Rossen, in einem strohenen Pilgerkleid, und nur wegen seiner eigenen Schwächlichkeit in Gefahren mit der athletischen Doppelkraft eines Mongolendieners beschützt, brach endlich Nomotus, den heimischen kurzen Dolch im Gürtel, nach den fabelhaften Himmelsbergen auf, wohin die zweideutige Sage den Tempel und einige flatternde Erinnerungen an den Heros verlegte.

In jener Provinz fand der Suchende Bogenschützen unter dem Drachenbanner, durch die Heide bis zu den Bergen hinrasende Barbaren. Ihr Oberster bedrohte ihn mit dem Tode, falls er seine Nachforschungen weiterhin bis zu den Pässen, woher die Befehle seines Götzen kämen, fortsetze.

Betrübt über den Verlust seiner vorzüglichsten Spur, ritt Nomotus beschwerlich die Ebne hindurch zu jenem ungebildeten Reichsteil, wo keine Haine und gezirkelte Parke die Reise in dem kühlern Schatten zuließen. So riß ihn, am andern Tage aufwärtsspähend, der Diener aus seinen Betrachtungen, um ihm ferne, von rosigen Wolken halb verdeckt, die ersten sonnenumflossenen Umrisse des Gebirges zu zeigen. Bei einem leibeignen Schmied vertauschte der Fremde seine schnellfüßigen, [40] wappengeschmückten Rosse gegen zwei abgenützte, aber bedächtig wandelnde Mischlinge. Dahinter, an einem Wasser mit schießenden Wellen in Wirbeln kam ihm, in papageienbemalter Seide und mit einem Emailstab schon von ferne glänzend, ein kleiner schwankender Greis auf einem um so riesenhaftern schneeweißen Maulesel entgegen.

Der Diener glitt mit einem Klagelaut und schnell wie ein aus dem Bache gegriffener Lachs auf den schmalen Pfad vor der Erscheinung nieder und ließ das Tier die Hufe bedächtig über seinen Leib hinwegheben; denn der Begegnende ritt, die beiden Beine nach der Sonne gekehrt, so wie die Götter reisen, und sein Gesicht war von einem ungeheuern weißen Bart bis in seine Augenwinkel hinein bewachsen, dazwischen von Myriaden kleinster Fältchen durchkreuzt, so wie das Antlitz des Himmelsgottes gemalt wird.

Der Maulesel legte die Schnauze und den gestreckten Hals wie ein Kissen unter die Schuhe seines Reiters und sah aus gehorsamen Augen zu ihm auf. „Großvater,“ rief ihn der Pilger an, „Abt oder Oberherr oder königlicher Priester, wie Euer Stab verrät! Habt Ihr in Euerm langen Leben jemals von U-Tao-Tse, einem kaiserlichen Maler der Sing-Zeit gehört? Man sagt, daß er hier zwischen diesen Wänden ruhe oder im Tal einen Tempel hat.“

„Ein abergläubisches Volk hat Euch irregeführt. Soweit mein Auge glänzt, soweit den Himmel die vier bewegten [41] Säulen tragen, liegt er nicht bestattet unter Tempeldächern.“

Der eingeborne Diener, der die geflügelten Worte und Zeichenreden der Götter kannte, wand sich wie ein Wurm auf dem Bauche. „Meine Kinder,“ so schallte es weiter aus dem Munde des Alten zwischen den schroffen Dolomiten hervor, „sie, die meine Hände behüteten, kennen seinen Ort. Der Himmel liegt in der Wagschale und über dem Schweigen der einsamsten Gipfel.“

„So muß ich umkehren und finde ihn nicht?“

„Dort, wo es steil immer höher geht, wo jetzt der Regenbogen wie ein rosiger Emailring an einem ausgestreckten Finger glänzt und die leisen Donner von dem unsterblichen Eis kommen, dort lebt noch sein Name; sein lebendiges Bild ist zu Stein geworden. Blick hinauf! Dort, wo der Falke fliegt, dort beherbergt er dich.“

„Ich will Euch hier erwarten“ klagte der Diener und hob seine langen Haare aus dem Staub. „Hier ist Götterland. Der Berg klingt wie eine Laute.“

„Von den Gipfeln spannen sich gleich Saiten Lichtes die klingenden Strahlen. Nimm die Saumtiere und warte unten nicht länger als zwei Tage! Komme ich nicht von dem Berg zurück, so halte mich für verunglückt oder von eigner Hand getötet. Nimm das Geld und meine Inselrosse als mein Erbe an und lebe bei deinen Eltern glücklich!“

[42] Nomotus entdeckte, an einer fernen Wand klebend, den jetzt wieder aufgestiegenen Greis. Dann klomm er selbst höher, den Rest des späten Tages lang; ein erhabener mächtiger Berg trat schon bei der ersten Zacke vor seine Augen. Die Beschwerlichkeit des Pfades und die dünne Luft raubten dem Pilger allen Atem. Da ein Nebel im Kreise braute und näher schlich, sah er noch in freiem Himmel mit sprühendem Gefieder den Phönixfalken schweben, wie er ihn in den Jahren weltlicher Ritterlust oft gemalt hatte: aus klaren Höhen die Taube zerfleischend, auch mit einem silberdurchwirkten Band an die Stange gefesselt, oder mit frechem Spott auf das Kahlhaupt eines traurigen Mönches zur Beschmutzung gesetzt. Er nahm ein Horn aus seinem Behälter und stieß dahinein, ob ihm die Versöhnung hilfreich entgegenkäme. Dann sprach er traurig und beklommen das freie Lufttier mit den Worten an:

So Gruß dir Geist, der du bist! • Du fliegst, wo es hoch ist • Du verlierst dich in den Hallen • des Lichts mit beglänzten Krallen • Also leit auch mich hinan, • der Sklavenschmach dir angetan • mit Hauben und närrischen Schellen • Doch senke die stolzen Wellen! • Um mich Abend und kühle Gruft, • keine Glocke, die mich ruft, • kein Erz zum verheißenen Schreine • Nun sterb ich wohl alleine • Meine Pulse jagen, mein Atem steht, • meine Hauche zagen, mein Blick vergeht • O Himmel mit weiter Gebärde, • vereng mir ein Grab auf der Erde!

[43] Nomotus blickte erwartungsvoll; der Falke stand und senkte sich unterhalb des Berghauptes, einen Bogenschuß von dem Orte seines Beschwörers entfernt. Hier reihten sich hochragende Zedern zu einem geraden, von roten Lackpforten überkrönten Weg, und an seinem Ende stand ein Gitter zu einem Geniengrab offen. Der Pilger erreichte jetzt sein Ziel mit geringer Mühe. Vor ihm lag mit aufgebrochenen Steinplatten ein zertrümmerter heroischer Sarkophag, und in einer fortlaufenden Umfriedung schlossen sich weiterhin gezirkelte Gevierte, doch ohne jedes menschliche Bauwerk an. Keine Bildsäule eines Gottes, kein Gewinde, aber auch kein Tier war hier offenbar. Nach allen Richtungen liefen die schlangengleichen Wege zwischen abenteuerlichen Koniferen nach den Hängen; allein ein jeder brach nach einigen zaghaften Krümmungen an einem abschüssigen und gänzlich unwegsamen Felsenstock ab. Nomotus erkannte, daß er sich auf einer weiten, nur von der Seite des gewiesnen Pfades her zugänglichen Hochebene befand, an deren Rand jetzt der zackige Kamm des erhabensten Berges, der jochähnliche „Balken“ der „Hohen Wage“, den Abend auf seinen vergletscherten Schultern trug. Dann gewahrte der Ankömmling zwischen den Wipfeln in den Lichtungen viele geschweifte und um einige leere Rampen gelagerte Holzdächer. Vor ihren Schwellen stieg von manchem steinernen Altar der Rauch in den ziehenden Nebel. Und darauf ersah er, daß die bedeutendsten der Pfade einige aneinandergerückte [44] Dörfchen mit Armen umschlossen; unter ihren ausschweifenden Drachenfirsten erwarteten sie gedrückt das Dunkel und die Wunder der Nacht. Dann, nahe dem Heldengrab, brachte ihn jeder Weg auf ein kahles Rund wie von einem alten Ringbau zurück. Allein nur Felsblöcke standen im Kreis der jetzt verschwundenen Umfassungsmauer; zwischen Farren und schlingenden Kräutern schienen in sie die Gesetze dieses abgelegnen Staates eingegraben. Nur einige wenige waren in kargen Zeichen, in scharfen Worten verfaßt; in den Granit der meisten waren wie in Tempelschreine Verse und Vermahnungen eingelassen. Die eine der Tafeln spielte grün aus kostbarem Jade, die übrigen leuchteten als durchscheinender Alabaster, als rote Bronze, als taubengraues Porzellan in dem Höhenlicht gegeneinander.

Nomotus fühlte in dem dicken Stroh seines Pilgergewands ein Knistern, das mit einem goldnen Schimmer für das Auge einherging. Es war die elektrische feuchte Bergesnacht, die der Gletscher herabsandte. Sein Bach schäumte aus einem unsichtbaren Tor mit einer lauten, durch das Schweigen ganz nahe gerückten Stimme. Als Nomotus in seine Wunder versank, hörte er aus den Dörfern den Ton vieler gesellten Bastschuhe nach der Grabstätte kommen. Er trat vom Wege zurück; und ein Kahlkopf stand allein in der umdunkelten Landschaft neben ihm und las unwillig von dem Jadeblock den Mythus des U-Tao-Tse, aus dessen Zeichen sich bereits ein [45] Schleier der beginnenden Feuchte legte. Es war aber noch in der Höhe eines Mannes das Folgende zu erkennen:

Der Kaiser zu dem Genius sprach • U-Tao-Tse, mein Gemach • sollst du mit Gärten und Spalieren • mir malen und mir zieren • Du bist mir lieb, doch du bist alt • und ohne Hände ungestalt • im Totensturm wirst du schauern • Drum will ich auf meinen Mauern • dir, heilger Weinstock, deine Glut, • in Ranken blau dein Traubengut, • bewahren. Das soll mich beschatten • Er erwidert: Keinen Wein, arme Matten.

Da er nun alleine saß, • des Malens er so ganz vergaß • Er nahm nicht Tinten und nicht Farben • zu Früchten und nicht zu Garben, • nicht zu Ackern und nicht zu Bauern, • nicht zu Stätten und nicht zu Mauern, • nicht zu Müllern und nicht zu Mühlen • und nicht zu Blumen und Spielen. . . Ganz versunken er da blieb • und ohne Hände er beschrieb • einen Berg auf das Gewände • Er erhöhte sich aus dem Gelände • Darunter sprangen die Marder, • die Luchse und die Geparden • Die Vögel schleppten sich Reiser • zu Burgen. So bauten die Menschen ihre Häuser. . . Wo der Berg stand, war eine Stufe, • von dort ertönten wilde Rufe • Ein Mann stand hier mit einem Stabe, • er verteilte damit eine Gabe, • Seide den Fürsten und Gold und Jade • Sie überfiel der Nomade. . . Daraus hob sich der Berg mit dem Nacken • voll von Warzen, unterm Joch mit Zacken • Nur die Götter halfen zum Ziele • der Höhe. Der Klagen waren viele • Noch war von Bächen [46] hier ein Gewimmel • und von Pilgern. Die Adler flogen am Himmel. . . Zuletzt hing sich der Berg an einen Balken • wie eine Schale; er wog einen Falken • Die Menschen wurden zu Zwergen • hier oben vor den höchsten Bergen • Sie siedelten dicht in dem Schlage • wie die Tauben. Der Berg hieß „Die Wage“.

Nomotus stand einsichtig, und der Bergnister führte ihn zu dem nächsten Felsblocke mit der Einschrift:

U-Tao-Tse den Weltherrn rief • zu seinem Bilde. Der widerrief • alles Flache, Angezwungne • Da schritt der ganz Durchdrungne • kühnen Wegs in sein Werk hinein • Auf sprang die Wand und ließ ihn ein • in die Wage; so sank die Schale • Eine Stimme rief laut: Hier male • deinen Leib in dein offenes Grab! • Flugs schlang ihn grob der Berg hinab, • doch das Grab ward gar bald entsiegelt • Jetzt nahten, taubengeflügelt, viel graue Mönche von rings herbei • Des Meisters Asche pickten zwei • (von Staub zwei ärmliche Körner) • Da sie stießen in tobende Hörner, • trugen Stärkere das Seelen-Ei • Die Wagenschale hob sich neu, • und ihr Balken stand hell am Himmel • Bald löste sich das Gewimmel • Die Schnäbel schlugen noch wie toll, • die Flügel stritten eifervoll, • die Hälse glänzten schon am Kern • des goldnen Dotters wie ein Stern • Nun hoben sie sich mit dem Raube, • und nun schlug der Phönix die Taube.

Als der Fremde diese Verse gelesen hatte, ward er betrübt, weil er der Seele des Kaisers keine gleich hohe Wiedergeburt [47] zuschreiben konnte; der Bergnister führte ihn zu dem nächsten verwitterten und überrieselten Block. Auf ihm zerfielen schon die Worte:

Am Wandsockel scharrten die Ratten • An der Wand verschwammen zu Schatten • das Licht wie in Farben der Meister • Der Kaiser stand fahl, ein Verwaister • Die Wahrheit zerfloß und das Bildnis • Der Wald ergoß sich zur Wildnis • Die Mauer, die schloß, war vergangen • Um Trümmer nur wand sich der Yang-wen. . . Er schweifte um Gräber und Mauern • Er gab sein Szepter um Trauern • Seine Ahnen verstieß er und büßte • Sein Volk entließ er zur Wüste • Zehn Jahre lang lebt er von Reise • Zehn Jahre lang lebt er ohne Speise • Hundert Jahr lang, im Lande der Schatten, • mit dem Tode er würfelte . . . und verspielte.

. . . Bis ihm einst der Unverhoffte,
Fô, erschien mit jenem Schilde,
Drin sich grau die Welten malten,
Die ihr Licht als Sterne strahlten.
Spiegel, sprach er, ist die Welle,
Spiegel sind das Aug, die Quelle,
Spiegel ist die Welt, nicht Schein.
Bild wirft Schatten, Schatten Sein . . .

„Ich bin hier in seinem Bild glasheller Schatten!“ rief Nomotus aus. Schon als Knabe liebte ich an der Wand [48] eines alten Tempels dieses Aquarell: den Wageberg mit dem zersplitterten Balken unter den Zacken des äußersten Schneegebirges. Hier ist die Schale der dreigipfligen Wage, hier horsteten die hindurchgeschrittenen Seelen, und dort hinten in der Schlucht strömt der kristallne Inhalt der erhöhten Schale, das grüne tiefgehende Eis, dessen Herrlichkeit wohl niemand mit Füßen durchwandern kann. Ja, dies ist die Erde, wie sie aus dem Geiste des schöpferischen, seiner Hände beraubten Meisters hervorgegangen ist. Hier springt das Wasser aus dem Gletscher, dort ist das Grab des Vereinigen von Schatten und Sein, hier in dem Grund sind alle Blöcke mit den Tafeln der bunten Begebnisse, die eine jede aus einem andern Gemüt einen verwandten Sieg verkünden. Wohl, es geschieht, großes Wesen, Menschgott, nach deinem Worte: Fläche und Tiefe sind nicht zweierlei. Bild fällt in den Spiegel und kommt aus dem Innern wie sein Urbild. Das Geschriebne und das kühn Erdachte sind beständiger als ihr Stoff, der von ihnen bedeckt schien. Indessen, wie soll ich mir die kahlen, götterlosen Plätze, wie diese Ruinen einer alten Schaustätte deuten? Ich wünschte es, sie in meinen Gedanken mit den großen mönchischen Vögeln zu bevölkern, die hier die Seele des Meisters und Falken in der Lust losschälten. Hier saßen sie vielleicht schon zu so vielen erhabnen Welttragödien auf der Urstufe, und ehe die Jahrhunderte diese Bänke zerbrechen konnten, [49] hat vielleicht in ihrer Mitte Fô das Schauspiel der großen Flut mit angesehn.“

„Kugelspielerin Dichtung,“ sagte der Kahlkopf, nicht ganz von der Rede erbaut, „und doch muß man ihr diesen Ball, der überall rund und von uns nirgends zu fassen ist, in den Lüften belassen. Denn nur in ihrem Spiel, nicht im besten Ernst vermag sie in die Höhe zu steigen. Diese Urstufen sind der Bau eines jetzt verschwundenen Volkes gewesen; vielleicht waren sie eine Opferstätte, wir wissen nichts Zuverlässiges darüber. Die Gedichte in den Blöcken wurden, vor vielleicht einem Jahrtausend, von den Begründern der Religion des U-Tao-Tse eingelassen. In der Zeit der rohen Pfeilhelden, damals, als der Tyrann Tü-mar-lück, dessen schwache Enkel du noch in der Ebne angetroffen hast, binnen den Phasen eines einzigen Mondes das unzerstörbare Reich verödete, hat ein Gelehrter, ein Anbeter des göttlichen U-Tao-Tse, seine Sekte hier heraufgeflüchtet. Es ist wahrscheinlich, daß sie das alte Grab und die Gevierte schon vorgefunden haben. – Du selbst hast erfahren, wie der spätere Barbar, von den Gläubigen aufrichtig oder mehr zu ihrem Schutze durch abergläubische Schrecken bekehrt, die Befehle ihres Hauptes angenommen hat. Von seinen Horden wagt keiner nach dem U-Tao-Tse die Straße zu ziehn oder gar über die Pässe empor zu klettern. Seit langem jedoch ist der starke Glaube bis auf einen einzelnen großen Mönch ausgestorben, der hier allen [50] als die Verkörperung des Gottes gilt. Von unserer eignen Hochfläche ist eine Wohnung durch den ewigen Gletscher getrennt, über dessen Schrecknisse wir mit ihm durch einen furchtlosen Bruder verkehren. Auch dieser naht ihm nur bis zu einem Stein im Umkreis seiner allunbekannten Schlummerstätte. Hier unterredet er sich mit seiner Stimme, oder er spricht mit ihm in dem Dunkel nebliger Frühlingsnächte. Jener kleidet sich, als der beständig auf seinem Berg Wandernde und als ein Armer zeit seines Lebens, in Stroh. Bis dahin, wo sein Leichnam den Barbaren zur Verehrung überliefert wird, sieht ihn im Tal keiner. Die Ankunft eines Pilgers wird uns jedesmal durch einen geheimnisvollen Würdenträger des Eises angekündigt, einen uralten und etwas geschwätzigen Greis, der in Aufzug und Art also erscheint, wie unten in China das Volk den Ältesten der Dinge, den Himmel, malt. Seine Erinnerungen reichen bis zu den lang vergangenen, hölzernen Göttern zurück; wir kühlere Beobachter vermögen mit ihm nicht zu streiten. Ihr kennt ihn, denn Ihr seid ihm selbst begegnet; wir haben euch miteinander durch eines der von den westlichen Völkern zu uns gebrachten Werkzeuge zum Fernsehn erblickt. Ohne eine solche vorgängige Betrachtung, und ohne daß der Greis dieses Berges ihm den Weg zeigt, kann niemand zu uns die Richtung finden und wird niemand hier oben als ein Freund angesehn. – Wir willen, daß Ihr Nomotus seid, der Insulaner, der auf der Suche nach dem Gotte zu uns gekommen ist.“

[51] „Aber bin ich auch wirklich bei seinem Volke?“ fragte der Berufene, während ein schneidender Wind bei seinen Worten einsetzte und zugleich der Schnee auf seinen breiten Pilgerhut, auf die Feldsteine und in das Gras zu seinen Füßen fiel. „Scheint Ihr mir doch mit einem Male wie feind und aller Götter Leugner und Bewältiger. Ihr habt mir das Wunder, dessen Spuren ich in dem Tal mit Andacht folgte, als eine hohe Einsicht in die Seele, als einen Verzicht auf ihr wohlgefälliges Haus und noch mehr erklärt. Enthüllt mir nun auch, warum ihr euch hier um leere Stätten versammelt habt, und ob ich in diese Hütten hineinschreiten darf, da man mir, wie es scheint, nicht die Gemeinschaft verweigert.“

„Ihr seid bei den Männern der Wage“, sagte der Kahlkopf. „Führet gegen uns, Meerumfangener, den Dolch alten Mißtrauens, so wie Ihr unsern Bruder, den Mongolen, vom Steige ausgeschlossen habt! Ihr dürftet eine jede der leerstehenden Hütten auswählen und zu Euerm Wohnort machen, und sei es die Wohnung des Mönches, wenn dieser gestorben ist. Die Früchte unsers kargen Bodens gehören allen; Ihr könnt jede baumwollene oder härene Tracht ohne Eitelkeit anlegen; denn Bast und Mantel, Stroh und Fasern bezeichnen hier nur Nacheiferung und von dem Träger an sich selbst gestellte Ansprüche. Zum Schlafe könnt Ihr Euch an jedem Herde des Berges niederlegen, wenn Ihr es nicht vorzieht, noch diese Nacht, da Euch das Kleid des Wandernden ziert, Euern [52] vielleicht noch weitern Weg zu gehn. Auch seid Ihr frei, hier an allen Künsten und Tätigkeiten teilzunehmen, die wir, mitunter in Gruppen, auf unsern Tennen ausüben, und wenn Ihr meine Instrumente nicht beschädigen wollt, könnt Ihr noch heute nacht, sofern es nicht schneit, die Dämonen am Himmel beobachten.

„Ich heiße Spinosus und bin aus weiter Ferne. Ich habe Ursache, zu vermuten, daß der alte Schutt dieses Berges auf geheimen Irrgängen lastet. Allein sei es darum! Nicht alles, was sich im Bereiche des U-Tao-Tse ausdehnt, muß sich Euch erklären, da es, schon mehrmals zerbrochen, immer wieder durch die zornige Begeisterung des Mönches neu aufgerichtet werden muß. Das Dorf, dagegen Ihr noch im Augenblicke Euern Fuß gewendet hält, umfaßt heute die beweglichen hölzernen Häuser der „Blumen“. Dies sind die kleinsten; ein Fingerhut nimmt von ihrem Raum eine ganze purpurne Hälfte ein und gegenüber, um an das Tal zu erinnern, ein Bild der wiederholenden Mühle. Vor ihm liegen die Herzsüchtigen. An der dritten Wand knarrt von außen der Lebensbaum, an der vierten reißt der ungefüge Wind an ihrer Laute. Statt jedes Ausgangs kriechen sie unter dieser Wand durch ein Erdloch aus dem Innern hervor wie Echsen.

„Dort, wo der Ginkgo seine herzförmigen Lappen in einer kleinen Kolonie ausbreitet, ist die freiere Niederlassung der „Tausend Hände“. Wer darin wohnt, in ihren luftigeren [53] Kammern, der verzichtet auf den Dienst der Saite und der Erinnerungen, aber auch auf die nach Wolken duftende Gipfelrose. Sie sind meist länger bewohnt und älter, auf dem Dach siedeln donnerfürchtige Fettkräuter. Zwei breite Pforten nehmen ihre offnen Hauptwände ein, ineinander verschiebbar. Die darinnen schlafen auf der lebenden Matte des Gebirges; wirre Zeichenbögen sind ihr einziger Gegenstand sowie ein grober Mantel und ein geschnittenes Schreibrohr, aus dem sie Welten ziehn. Allein jene unter den struppigen Kiefern scheren gleich mir ihre Köpfe. Sie arbeiten auf den Tennen und schlafen, wo sie sich gerade befinden, an dem nächsten Herde. Sie schrauben tagsüber ihre Werkzeuge, die zum Teil aus den fremden Westländern stammen, schleifen Gedanken und hämmern Gesetze. Von ihren Häusern kann ich dir, wie du siehst, nichts mitteilen, weil sie keine haben. Es sind häßliche Gesellen, ohne Liebe und trocken. Nur lose mit dem Berg verbunden, streben sie, unberuhigt, dem Mönch nach den Zeichen.

„Überall stehn Zypressen, Wacholder, Pinien und Sadebäume, Tannen und Zirbeln und Lärchen aus unserm ursprünglichen und unerklärlichen Felsstocke. Aus den Hainen steigt der zärtliche Dampf des Räucherwerks, nicht der Fettdunst geschlagener Tiere zu tausend Göttern. Vor den Hütten und darinnen stehn sie mit ausgebreiteten Händen, blicken die bronzeglänzenden Brüste herab, liegen auf dem Leib oder dem Gesicht, wenn die Sonne untergeht, oder der Mond oder [54] der Donner mit dem Wasser fallen, wenn der Gletscherbach stärker schäumt oder wenn Nachricht von einem Toten oder von einer Bewegung der Planeten am Himmel kommt. Auf ihren Wegen wandeln wir Strengeren, über jede Anbetung lächelnd. Was dir zuerst aufgefallen war, ist dies, daß wir statt Göttertempeln kahle Versammlungsplätze haben.

„Auf diesen Plätzen, Nomotus, erhoben sich noch zur Zeit des vorletzten großen Mönches die Schreine mit den Lotussitzen der „Erhabenen“. Gemäß seiner Vermahnung wälzte sich ein Erdbeben von der Küste heran in das Innere und zerstörte die Stadt Hang im Süden. Zehn Literaten und unter ihnen ein kaiserlicher Prinz flohen hier herauf zu den Reden der alten, das Gleichnis liebenden Sekte; und da ihre Augen von dem Untergang märchenhaften Glanzes getrübt waren und ihre Füße noch von der Erschütterung fester Wohnsitze bebten, zimmerten sie hier die beweglichen Hütten. Die Anhänger der vergangenen Herrschaft haben ihre Sitten übernommen; unter ihnen ist vielen der Jüngling teuer, der, jung an Jahren, wegen des Sturmes seiner Noten das Ansehn ihrer vier Alten genießt. Diese Saitenspieler sind am engsten mit den alten Bildergläubigen verbunden. Sie werden, wie ich vermute, deine ersten Freunde sein. Es bedurfte eines von mir geforderten Beschlusses und nächtlichen Angriffes, damit die von ihnen verehrten Bronzen von ihren Stengeln fielen. Ein [55] späteres Mal brach im Reiche, sowie ein glimmender Funken einen Wagen Heu entzündet, in vierzehn Provinzen zugleich der Aufstand aus. Da die Porzellangötter der Beamten und der kleinen Händler miteinander erzitterten, kamen auch zwei gedrängte Züge von Enttäuschten hierher auf unsern Berg und entwaffneten sich hier. Fünfzig niedere Richter, Gewerbetreibende und Priester blieben von all diesen hier oben zu einem Leben beisammen, das sie vor Not und dämonischer Üppigkeit, vor erlittenen sowie vor zugefügten Teufeleien bewahren sollte. Aus ihnen und aus ihres Gleichen sind der strenge Weng, der süße Li, der gerechte große Tapeng hervorgegangen. Die Stürme, die die Bedingungen des Volkes der „Hundertausend Familien“ in ihren Grundlagen erschütterten, die Bewegung der „Zwanzig Schwerter“ und die Dichtung des beschwingten Schmetterlings Fu-tse haben hier alle in unsern sanften Gipfelwinden den Ursprung genommen. Wir, die das Leid der verbrannten Städte und der zu Rauch gewordenen Flamme erlebt haben, tragen kein Verlangen nach Kunstwerken und ehernen Göttern mehr, und wer die Asche seiner Ahnen als Staub auf der Brust stampfender Pferde gesehn hat, ist, o Sucher, von der Leere des Grabes überzeugt.

„Darum versammeln wir uns hier, Saitenfreunde und Kahlköpfe, Aufrechte und zitternde Gottesfürchter, sooft die Bilder am Himmel wechseln, um die scharfen Pfeile unsrer ironischen [56] Vermahnungen zu spitzen und von allen, die unsern Berg bewohnen, zu hören, daß sie frei von jedem Zurück sind. Allein noch zur heutigen Nacht wird der Tyrann in den Sternen seinen rotscheinenden Arm zücken und von dem Mönch in die Bahn zurückgewiesen werden, und an dem Himmel wird Entzückung sein. Wenn der Gletscherquell in solchen Nächten wie aus dem Schoße der nassen Wolken hervor und nicht länger aus seinem Eistore tanzt, dann mache sich jeder im Schneesturm gefaßt, seine Schuhe zu binden und als ein Gott die eilige Leere anzugehn. Die Erden, erhabener Nomotus, und alle Gestirne tauschen ihre Stellungen, so wie die Beter ihren Fuß zurückziehn, und nur das Verewigte der Seele bleibt. Also viel vermag der Mensch.“


Noch während dieser starken Worte verfiel die ganze Landschaft, die Schöpfung des U-Tao-Tse, in zerbröckelnde Umrisse, und der Angesprochene hörte mit Bangen aus dem zerreißenden Fels den Laut des dem Aug verschwundenen, nun noch stärker lärmenden Gießbachs. Der Verlorne hatte Mühe, jenen, der noch eben sein Nächster gewesen war, in der Welt zu erraten. Dicke Binden schienen sich um die Augen, die Füße und die schwer atmende Brust des Einzigen zu legen; und gegen seinen Willen wurde er von Armen und Schultern, von harten Bärten und Kutten in die Mitte genommen und von dem festen Grunde des Berges abgedrängt. [57] Nur die gesellten, jetzt zahlreicher auffallenden Bastschuhe deuteten durch ihren Ton die Beschaffenheit des verschwindenden Wegs, Gras und Gestein, unter den sterbenden Flocken an. Von allen Seiten fuhren die Bewegungen der unsichtbaren Füße wie Schlangen nach ihrem Mittelpunkt zu, ihr neues menschliches Ziel beständig immer weiter gegen das Eis abziehend. Der Donner des Gletscherbachs blieb von tobender Stärke; und jetzt übertönte ihn, von Erwartung zu atembedrängender Angst wiederholt, der Knall der hervorbrechenden Lawinen. Zitternde Stimmen fragten, die eine ganz nah am Ohr, die andre ihre Hoffnung in jedem Einsamen des großen Untergangs wiederholend:

„Der große Mönch U-Tao-Tse ist gestorben. Wer schichtet unsern Berg? Wer verkörpert den Gott? Wer wandert auf dem Gletscher? Wer belebt die eisige höhere Schale der Wage?“

Die Lawinen donnerten lauter, die Stimmen fragten zornig und in Begeisterung: „Ist keiner, der sich wagt? Wer trägt die stolze Gefahr?“


Der große Mönch: U-Tao-Tse Nomotus drängte die hundert heftigen Schultern von sich fort und sagte, indem er einen Stab von einer unsichtbaren Hand an sich nahm, indessen der Berg unter seinen Füßen verloren ging, mit vernehmbarer und von einer Wand vierfach zurückgestrahlter Stimme: „Ich.“

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DAS UNECHTE BUCH
DER JOHANNIDEN

          [60] [61] Bedenket das auserwählte Volk der Johanniden! Gedenket des bezweifelten Stammes der Johanniden! Erinnert euch des Volkes, dessen Gedächtnis völlig umgangen ist! Entsinnt euch des Johannes, dessen Glanz dem Schaum seiner vier Meere glich!

Die Johanniden, das ist die Kinder des Johannes, waren ein morgenländischer königlicher Stamm aus Erzväterblut. In dem ersten Jahrtausend schon wohnte das von ihnen hergekommene große Volk, bereits länger als sein Gedächtnis reichte, in dem innern Asien, auf einer Ebene, die von vier [62] hellen Seen aufgemuntert und von den benachbarten wüsten Landstrichen durch schwer gangbare Gebiete abgeschlossen war. Schon viele ältere Reisende haben in diesem entlegnen Land die Stätte des irdischen Paradieses vermutet, eine Meinung, die durch ihre hier nachfolgend erzählten Geschicke fast wahrscheinlich wird.

Die Kinder des Johannes bildeten ein mächtiges Staatswesen; an seiner Spitze standen die „Unermeßlichen“, erbliche Großkönige, die sich sämtlich nach einem von ihnen aufs höchste verehrten Hohenpriester Johannes nannten. Trotz seiner hochgewachsnen Recken, und obwohl die Meinung von ihm bei den kriegerischen Nachbarn die höchste war, trat dieses Reich nicht durch besondere Kriegstaten hervor, vielleicht nur, weil es niemand in seiner vorzüglichen Sicherheit anzugreifen wagte. Indessen besaßen die Priesterkönige seit alters in ihren Hauptburgen eine Menge fremden Goldes, Münzen der umliegenden und einiger ausgestorbener Völkerschaften und Fürsten. Sie lebten ähnlich den alten Pontiern und Skythen in einem, nur freiem, Lehensbande; verstanden im Spiele den Pfeil auf Mongolenart abzuschnellen, und ihre Vornehmen errichteten wie die Inder marmorne Schlösser und Klöster auf ihrem Grund und Boden. Allein entgegen so vielen sarazenischen Sitten hatten die Johanniden, wie alle Besucher angaben, nur christliche Kirchen in ihrem Lande. Auch ihr Gottesdienst war in keiner Weise verfänglich und glich in allem Wichtigen [63] dem Dienst der östlichen Gläubigen. In ihren Münstern waren die Priesterköniglichen, Reiche sowohl wie Arme, und die Ritter nicht anders als das untergeordnete Volk, alle bunt durcheinander zu finden; hier lagen sie und bekreuzigten sich, und hier sangen ihre Priester die Messe, bis aus das Hochamt im Dome der Königspfalz, das dem Herrscher vorbehalten war. Alle Berichte stimmen darin überein, daß die Johanniden ein frommes Volk gewesen sind.

Die Johanniden waren jedoch auch glücklich; weltfroh, ohne Eitelkeit, den irdischen Genüssen hold, ohne darum in deren Abgötterei zu verfallen. Sie waren wohltätig und maßvoll, die Tugend zugleich und der Tugend Vorbild. Schon ihre Verfassung, auf eine edle Achtung alles Achtenswerten gegründet, unterschied sich aufs vorteilhafteste von dem niedern Sklavenwesen und den Greueln der umgebenden Kriegerstämme. Aus ihren Gesetzen war das meiste entnommen, was die rohen Sitten ihrer hunnischen Nachbarn auf ein Erträgliches milderte. Die Kinder des Johannes hatten Redner und Sänger, Chöre, die zu Ostern und zum Dreikönigstag das ganze Land durchzogen und reich bei allen Haustüren bedacht wurden; sie hatten wohlausgestattete oströmische Bäder und Theater.

Nach seiner Legende stammte dieses ferne Volk von dem Erzvater Abraham ab. Abraham hatte zwei Söhne: Isaak und den unechten Ismael; gemäß alter Überlieferung jedoch [64] war der Patriarch in seinem Alter noch mit einem chaldäischen Weibe vermählt, das ihm den ältesten Jochanan gebar. Von diesem Jochanan, dessen Leben aus unsrer Bibel nur zu erschließen ist, wurde dann der erste Johannes, der Hohepriester, gezeugt, und nach diesem Johannes nannten sich alle Priesterkönige. Sie erzählten, daß ein Rabe einst Wein und Brot von dem Opfer des Melchisedek entwendet und ihrem Urvater zugetragen habe. Doch waren die Nachkommen sonst eher zu klug als zu leichtgläubig und absonderlichen Fabeln im allgemeinen abgeneigt. In ihren Gesprächen, die sie über alle Dinge des Himmels und der Erde veranstalteten, blühten der Geist und die zierliche Rede wie Rosen in starren Hecken auf; in den Künsten des Pinsels standen sie auch den griechischen Hagiographen nicht nach, während sie in der Baukunst und der Gestaltung des Menschen aus dem Stein, auch in gar vielen Kleinwerken, wie ihren zierlichen Tragaltärchen, allen fremden Künstlern überlegen waren. Sie vermochten ihre Rosse, mit den starken Sehnen und den zarten Fesseln, ebenso trefflich zu zäumen, im Kreise zur Schau zu lenken und gegen den Gegner in Turnieren zu führen, wie sie ihnen aus Kupfer ganz feine und doch völlig widerständige Panzer zu stricken verbanden. Alljährlich am Johannistag veranstalteten die drei Könige auf einer blumigen Wiese einen Buhurt, bei dem die gewandteren Hunnenritter ihre Speere vergeblich stachen. In ihren Burgen, die gastlich ohne Gräben [65] jedermann offenstanden, herrschte mit Geigen und Minneliedern eine ritterliche Fröhlichkeit, doch ging kein Elender unbeherbergt von dem Außenhof. Auch waren ihre Bauern nicht gedrückt, sondern führten den Pflug frei gegen eine mäßige Abgabe; sie lebten mit ihren Herren vom Landertrag und von der Jagd, bei der sie jedoch alle zarten und unbewehrten Tiere verschonten. Auch ihr Handel warf ihnen ein Bedeutendes ab, da ihre beweglichen hölzernen Wunderwerke, ihre Metalle und eingelegten Steine, sowie die schmiegsamen, von keinem Ungeschick des Pfeiles durchlöcherten Raubtierfelle in allen Ländern gesucht waren. „Glücklich wie ein Johannide,“ so ging das Sprichwort von China bis nach dem sarmatischen Kieff, und „scharf wie ein Johanniderschwert,“ war eine Lobpreisung selbst bei den entfernten Lateinern.

Die Vornehmen dieses Reiches hegten viel Wild in ihren Gehölzen: Hirsche und elfenbeinfüßige Antilopen, Schakale und wilde Katzen, und die Adler und goldgelben Falken, die sich bei ihnen sämtlich wie in einem Parke vermehrten; woher es sich vielleicht auch herschreibt, daß ihre Lage für die des hebräischen Eden galt, in welchem der Mensch eine ähnliche sanfte Herrschaft über die Tiere errichtet hatte. Doch waren die johannidischen Jäger ganz kühn im Erlegen der großen Löwen und Panther, die zu ihnen aus den Nachbarwüsten kamen. Mit dem Löwen zusammen wurde der Priesterkönig abgebildet, und ein Leu kämpfte in dem grünen Feld [66] seines Banners. Trefflich war das Land jenseits der Wälder an den Seen beschaffen, die Erde fett und gewürztragend, die Bäume hochstehend, die Ölgärten und Auen von zahllosen dünnen, schon vor Jahrhunderten gegrabenen Wasserläufen durchsetzt. Kein Garten, der nicht von einem Vater angelegt war, keine Mühe, die nicht eines Ahnen vorsichtige Güte lange vorher verringert hatte.

Von den begüterten Johannidenrittern saßen nur wenige erst als das zweite Geschlecht aus ihren Höfen; die letzten hatte ein furchtbarer Krieg, die Folge ihres einzigen, durch eine Sekte erregten Aufstandes, in die verwüsteten Hufen eingesetzt. Dieser Zweikampf, allem Anscheine nach von beiden Seiten mit dem Willen der gänzlichen Ausrottung geführt, war die einzige heldische Begebenheit in ihrer nähern Geschichte. All der übrige Inhalt ihrer Lieder und altertümlichen Chroniken lag weit zurück; und vor dem römischen Aurelianos hatte nur ein gelber Chan einen Angriff auf ihre Gemeinschaft gewagt. Dieser Chan, in einer barbarischen alten Sprache der Blutstern genannt, war wie ein roter Strom aus dem Hirtenland, dem Zusammenwuchs der rauhen Gebirge her, in die gewerbfleißigen Reiche eingebrochen, lange bevor es irgendwelche nomadischen Eroberer im Westen gab. Hinter drei erklommenen Burgenringen zerschellte dann endlich der Schädelsammler nach einem längern Stillstand seinen Kopf an der innersten Johannidenfestung, an der „Herrlichen“, wie diese [67] Hauptstadt seit einem Jahrtausend genannt war. Während die andern Völker, zumeist vergeblich, gegen ihr Unheil mit den Waffen stritten, kämpften die Kinder des Johannes dagegen mit ihren Schwertern zugleich und mit ihrem Stolze. Kein Unterlegener durfte aus dem abgetrennten Land während seiner ganzen langen Besetzung in den verbliebenen Reichsteil reisen; die Straßen ringsum wurden verschüttet, ohne jede Rücksicht auf Nachteile oder Gefühle; der Bruder aus dem unterdrückten Gebiet galt den Johannidenhelden nur als ein Feind. Während ein ganzes Geschlecht heranwuchs, verteidigte sich die „Herrliche“ durch nichts als allein durch die Wahrung des großen Völkerhasses, der sich so auch bei den Geknechteten nicht sänftigte. Zuletzt aber, als der Eroberer schon zu einem beruhigten Herrscher geworden war, lockerte die Volksmutter ihre Grenzen neu und lockte zugleich den nun in nichts mehr überwältigenden Feind zu einer Entscheidungsschlacht, in der jetzt auch die Ausgestoßenen für sie siegten. So erreichte es die „Herrliche“, daß ihr höchster Gipfel selbst während ihrer langen Schmach nicht angetastet erschien und daß auch das Blut der spätern Johanniden, unvermindert durch das Blut der geringern Hunnen, in gleichen Adern floß. Diese Ereignisse geschahn zu einer unbestimmten Zeit vor der Einführung der Taufe in dem Lande; der Priesterkönig, unter dem die endliche Befreiung erfolgt war, fügte seiner Tiara ein zweites rotgoldenes [68] Diadem, eine Laubkrone hinzu, in der die Gestalt des Feindes erhalten blieb.

Die dritte, oberste Krone mit dem Kreuz in ihrem Laubwerk setzte erst der einundfünfzigste Johannes nach Annahme des neuen Glaubens auf. Der Vorgang dieser merkwürdigen Bekehrung ist in einem umfangreichen Teppich von Sagen ausgewoben und, wie man schon weiß, mit dem Priester Melchisedek und dem alten Bunde verknüpft. Wenn man den Johanniden Glauben schenken durfte, besaßen sie die Heilsbotschaft im Grunde als einen alten Schatz schon lange, ehe sie zu ihnen durch zwei Verfolgte gebracht worden war. Die beiden Bekehrer aber, Zadok und Zambur waren nur eigentlich ihre Verbreiter. Sie bewirkten, daß die zwei damaligen Könige, Vater und Sohn, das Buch herausgaben, das ihnen schon in der Nacht von des Erlösers Geburt ein Engel zugesungen hatte. Daß Brot und Wein, wie die Kinder des Johannes behaupteten, ihnen schon seit Abraham zustand, war eines ihrer bevorzugten Glaubensdinge. Die unnatürliche Art ihres Erwerbes aber hielten sie anscheinend durch die Einsetzung des Heilands für berichtigt. Zadok und Zambur nun galten den Johanniden, selbst am Ende ihres Reiches, für die beiden Vornehmsten aller heiligen Asketen; zu ihnen stiegen zahllose Gebete empor, und ihnen erhoben sich, zunächst dem dreieinigen Gotte, die drei Hauptkirchen, unter welchen wie Perlen voneinander gelöst ihre weißen Gebeine ruhten.

[69] Damals verwüstete, wie es hieß, ein ungeheuerer schwarzer Löwe das Land. Er ging umher in Sprüngen wie die Meerflut, und die ummauerten Städte barsten vor seinem Klange. Vielleicht bewirkte es sein Schrecken, daß dieses Nachttier mit dem Rachen gleich roter Flammenglut und dem dunkeln Vließ (denn auch der johannidische Leu ist schwarz) in ihr Wappen kam. Der zweiundfünfzigste Johannes, der jüngere jener beiden zur Herausgabe des Evangeliums überredeten Könige, erhielt das Tier in neun Nächten, in neunmal neun Träumen zu Gesicht. Neunmal legte er immer wieder den Pfeil darauf an, und ebenso oft verfehlte er es. Da nahm er, wie das Lied sagt, den Feind in seinen Schild hinein, um ihm in der Seligkeit in einem Endkampf entgegenzutreten. Darum pflegten auch die feingebildeten Johanniden der Spätzeit bei ihren Wettkämpfen jedesmal den zweiundfünfzigsten Schuß abseits zu richten. Die Könige aber bildeten nun den verfehlenden Pfeil in ihrem Gürtel ab; sie umwanden sein Abbild mit einem Purpurband, und aus diesem Dunkel strahlte in weißen Lettern das seltsame alte Wort TOSORS, jenes Wort, das die Johanniden danach in ihre Fahnen aufnahmen und das bei ihren Belehnungen in seinem fremdartigen Doppelsinn ausgesprochen wurde: Tosors, das heißt: Allzeit! und dann wieder: Vergeblich und Nimmermehr!

Alles, was danach die Priesterkönige an Erdenwerken unternahmen, gelang ihnen und schien von Geistern gesegnet. [70] Von ihren Mauern zertrümmerten sie die entgegenbewegten Türme mittels der verbesserten Katapulte, einer im Abendland unbekannten Erfindung, die bereits dem Kaiser Aurelianos verderblich gewesen war, zu der Zeit, als dieser Abkömmling slawischen Pöbels sich nach der Königin Palmyras auch noch der Johannidenherrn bemächtigen wollte. Desgleichen von dem griechischen Feuer hatten sie bereits damals, und eher als die Griechen selbst, einen zweckmäßigen Gebrauch unternommen. Aurelianos kehrte schwer verwundet zurück, ihn trug der Löwe zerfetzt in seinen Klauen, und dieser Caesar starb, wie man weiß, erschöpft am Jaxartes, noch eh er in sein aufgewiegeltes Heerlager hatte zurückkehren können. Keiner seiner Nachfolger auf dem Throne der östlichen noch westlichen Welt gedachte darauf länger der Johanniden. Wohl aber gedachte des Römers sein Besieger, der neunundfünfzigste Hohepriester, da er ihm in Karakorum, seiner Festung, einen runden Turm errichtete, mit Feinden und Kranzträgern unten im Kreis und mit einem vergoldeten Engel auf der Spitze; welches Denkmal dann erst nach späten Jahrhunderten zugleich mit jener Hauptstadt zerfiel. Seither hatten die Johanniden ihr Kriegswesen etwas vernachlässigen können. Statt der Reitereien und der schneidenden syrischen Kriegswagen besaßen sie eine als Weltwunder gepriesene Königspost, ein Überbleibsel vermutlich einer antiken Satrapenverbindung, die an einem jeden Neumond, von der Königsburg ausgehend, die bedeutendsten [71] Städte des Reiches miteinander verband. In diesen Orten regierten die Statthalter des Priesterkönigs, weltliche Große, die mit ihrem bis an den Gürtel reichenden Bart, mit der aufgesetzten edelsteingeschmückten Mitra, die Erinnerung an die alten Sassaniden bewahrten. Sie sprachen zugleich Recht und besorgten alle höhern öffentlichen Angelegenheiten der Handwerker, im Gegensatz zu den freien, nach einem Heerschild abgestuften und beherrschten Ritterbürtigen; nach ihren Anordnungen waren die Räuber und seltenen Diebe ergriffen, die Basiliken erhöht und der Straßengrund überall an den verkehrsreichern Orten mit Platten ausgelegt. Sie besorgten, daß die Kaufpreise von Brot und Öl stets aus einer angemessenen Höhe blieben und daß die vorhandenen Wasserleitungen, Nachahmungen der altrömischen künstlichen Flüsse, in Stand blieben. Zur Zeit des erwähnten späten Bürgerkrieges hatte es von solchen Wasserbogen noch an hundert in dem priesterköniglichen Reich gegeben, da an dreißig zerstörte als ein Dritteil davon in den Schriften erwähnt werden.

Wie sehr diesem Volke alles immer wieder zu seinem Besten geriet, kann schon aus den folgenden drei Legenden erschlossen werden. Ein Johannide bestieg einst seinen hohen, bis in die Wolken reichenden Turm. Er sah in dem Aufgang eine unbekannte Stadt gespiegelt, verkehrt aus ihren Dachspitzen stehend, und als er dem Wunder nachforschte, hatte [72] ganz ferne, am Wüstenrand, seine Zelte ein Räuberschwarm aufgeschlagen, den nun die Männer des Dorfes ohne Mühe vertrieben. Ein andrer, zur Zeit der Eroberer, schoß im Zorne den Pfeil gegen seinen widerspenstigen Sohn ab; der Pfeil verfehlte den Jüngling und traf hinter dem Garten in der Luft einen Raubvogel, der sich eben auf ein Lamm des Zornigen niederließ. Ein Ölbaum eines johannidischen Bauern wurde einst vom Blitz zerschlagen, ein danebenstehender vom Sturme des selben Unwetters entwurzelt. Als man die beiden Stämme beseitigte, fand man unter dem entwurzelten eine Schale, auf deren Wert erst eine Schrift in einer Höhlung des Blitzgetroffnen hinwies.

Unter dem vorletzten Priesterkönig waren aus der westlichen Fremde schmutzige Liedersänger, bekehrungssüchtige, schwärmende Mönche ins Land gekommen, an denen die Pest haftete. Doch starben sie zusammengedrängt in den ihnen zugewiesenen Ruinen, ohne daß sie dem Volk etwas Schlimmeres als ihre Toninstrumente hinterließen, die seither mit ihrer verdreifachten Saite bei jedem Rittermahle erklangen. Die Vögel, die bei den Johanniden im heißen Sommer nisteten, verließen sie auch während der Herbststürme nicht, und alle Bäche traten erst breit in die alles befruchtenden Kanäle, ehe sie dem Lande mit einem seiner eiligen breiten Wassern entflossen.

[73] „Maganah“, so hieß die große Burg des Priesterkönigs, lag, nicht weit von der Mitte des Landes entfernt, an einem fischreichen See. Es war eine weit ausgedehnte Pfalz, zur Hälfte aus Marmorblöcken erbaut, zur andern Hälfte aus durchscheinenden Tafeln. Von den fünfzehn, mit goldnen Ziegeln gedeckten Kuppeln ihres Hauptsaals überdachte die mittelste und größte den Dom, zwischen dessen Luken die Bilder der frühern Herrscher in goldnen und blauen Steinchen glänzten. Der Dom war an zwei Jahrhunderte alt, auch im Sommer nicht ganz erwärmt und stets nur an einer Seite erhellt, das Leben der großen Burg füllte ihn nicht aus, die Scharen erschienen nur gering in ihm. An der einen Seite der Kuppel, oberhalb der Hohenpriesterbilder, kehrte das Kreuz mit dem schwarzen Löwen, dem Reichswappen, in unzähligen purpurgoldnen Kreisen wieder. In einer Nische der Tiefe stand nach Westen gekehrt ein Altar, aus dem der Johannes zu Weihnachten und am Pfingsttag und im Juni, am Feste des Reiches, die Messe las. Schaurig erbebten an diesen Tagen die Wände von dem starken chaldäischen Gesang, dessen Responsen laut in die Öffnung der ausgemalten[WS 2] Kuppel stiegen und mit einer heftigen Inbrunst noch hoch darüber an die siebenfach ineinander geschlossenen Himmel schlugen. Unter dieser Kuppel ereignete sich am Johannistag ein ganz auffälliges dunkles Wunder, dessen gewöhnliche Wiederkehr in einem Zeitraum von dreißig zu fünfzig Jahren [74] als das wichtigste johannidische Ereignis, als die Bürgschaft ihres Glaubens sowohl wie ihres staatlichen Bestandes, angesehn wurde. Ein Engel, ein solcher des Aufruhrs, nach unsrer Lehre, fiel vom Himmel herab durch die offne Kuppel mitten unter ihre Gläubigen. Sein Antlitz war strahlend, doch schwarz und wie verbrannt von seinem tiefen Falle, so daß er einem Äthioperritter glich. Kaum aber hatte der Engel im Dom zwischen der Menge den Marmorboden berührt, so wurde er als eine tote Bleimasse vom Boden aufgehoben; also daß bereits eine ganze Säule aus dem meteorischen Erz hatte aufgetürmt werden können. Die Könige aber, unter denen sich dieses Wunder vollzog, überlebten es nicht lange. Dies war die einzige Trauer, die den Johanniden von Gott zugedacht schien.


An dem Johannistage des Jahres Eintausend nach Christi Geburt nun, dem zweitausendsten nach dem ersten Hohenpriester und dem letzten der Johanniden, fiel ein Engel wie zu den andern malen durch die Kuppelöffnung, doch war sein Angesicht nicht schwarz, und er versank nicht wie Blei, sondern er stand frei inmitten der Kirche, die Brust und das Antlitz von Silber, und wie eine Silbertrompete stieß er die Worte von sich: „Auf, du Volk des Johannes, erstes der Völker, meine Schwärze hat ein Ende, denn wir haben uns rein gewaschen!“ [75] Doch der letzte Johannes erkannte gar wohl die Versuchung des Hochmutes, von dem der Engel gleißte, und es gelang diesem nicht, den Königshof zu bekehren. Sondern nachdem ihn der Hohepriester angeblickt, verfiel auch er in schwarze Schlacke; und sowohl Silber wie Schlacke wurden als eine Kugel, als eine letzte Vollendung, der ragenden Säule aufgesetzt.

Danach aber kleidete sich der letzte Johannes in Trauer, er trat aus dem Dome hinaus auf den äußern Umgang, und er rang nach einem Worte, denn ihm war das Ende angekündigt. Und eine schwarze Wolke hüllte ihn ein, ihn und seine ganze Burg sowie seine drei Söhne mit seinem Ältesten, dem Melchisedek, der niemals die Mitra tragen sollte. Und das ganze Johannisland erzitterte allmählich unter den breiten, das Bekenntnis Tosors in ein Immer und ein Nimmermehr spaltenden Himmelsblitzen. Es wurde von einem mißfarbnen tobenden Gewölk eingeschlossen, in dem sich seine Geschicke beendigten . . .



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[76] In dem selben Jahre aber, vom Tage des heiligen Erzengels Michael an, wurde in Rom, in seinem Palaste, der heilige Vater Sylvester, ein Visionär, von einer Reihe schmerzlicher Offenbarungen heimgesucht. Die Wand seines lateranischen Schlafgemaches spaltete sich vor seinen Augen, und hereintraten die heiligen drei Könige in asiatischem Gewand, einmütigen Schrittes alle drei aus den sarazenischen Teppich zu, der vor dem Bette des Papstes gebreitet war. Und nachdem alle Räucherwerk an dem tragbaren Altärchen im Zimmer geopfert hatten, fielen sie auf die Kniee nieder, zuerst der Jüngste und zuletzt der Älteste mit dem eingestickten Worte Tosors an seinem Gürtel; dieser jedoch kehrte ein verbranntes Antlitz zu. Aus der Brust brachte er einen Brief hervor, aus dem in der griechischen, dem Sylvester bekannten Mittelsprache die einzigen Worte standen:

„Ich weiß, daß dieses Reich und daß wir alle mit unsern Kindern verloren sind, wenn sich nicht der Fels Petri zu unsrer Rettung bewegt.“ Der Papst befragte alle drei um die nähern Umstände des Schreibens und um ihre Herkunft; doch blieben die Erschienenen stumm und unverändert, so daß ihnen offenbar die Sprache versagt war. Allein schließlich verschwanden sie durch die Wand, unerwartet, wie sie gekommen waren.

In der darauffolgenden Nacht erwachte der heilige Vater, da er in seiner Aufregung nur noch leicht schlummerte. Da [77] sah er einen Hingesunkenen neben seinem Bett, der nicht sprach, aber schmerzlich seufzte. Er erhob zu ihm die Hände, und Sylvester sah vor sich das Antlitz eines gequälten Greises, dessen Haupt eine mehrfach gekrönte Mütze bedeckte und dessen Mund sich immer wieder zur Seite zog, um ein einziges Wort aus seiner Brust herauszubringen. Allein etwas, das der Papst geradezu für die Größe seines Unglückes hielt, erhöhte ihn so sehr, daß der heilige Bischof, Christi Vogt, ihn nicht bei seiner Hand zu erfassen wagte. Die Erscheinung seufzte darauf laut und starb in der Luft, sich zerteilend, dem Papst zu Füßen, als der Morgen hereinbrach.

Daraus verfiel Sylvester selbst in eine rätselhafte Traurigkeit. Er verweigerte die Speise, er fürchtete seine Kardinäle und die Römer draußen auf seinen Spaziergängen. Er unterließ alles, was seines höchsten Amtes war, er verwaltete nicht sein Bistum, noch die gesamte heilige Kirche, und indem er sogar auf sein priesterliches Recht des Altardienstes Verzicht leistete, ergab er sich wieder der Zahlenwissenschaft und der Erforschung der natürlichen Gesetze, seinen Jünglingsbeschäftigungen. Bis er eines Tages, diesmal durch die geöffnete Zimmerdecke, eine riesige Kugel aus dem Himmel stürzen oder vielmehr fortgerollt sah und eine zweite, der ersten angepaßte, offne Halbkugel, die stille stand, aber in ihrem Halbmesser so groß war, daß sie die andre gerade umfassen mußte. Die ganze Kugel jedoch hielt nur an einem haardünnen [78] und straffen, wie von einer unsichtbaren Spinne gesponnenen Faden fest. Bei näherm Hinblicken bestand sie aus keinem andern Stoff als aus Menschen, aus unzähligen Jünglingen und Männern, Kindern, Frauen und Greisen. Alle waren nur nackt und rangen gegen ihren Hinabfall in voller Verzweiflung, indem sie zu dem kaum merklichen Faden hinstrebten, doch war ihr Knäuel ganz unentwirrbar und hoffnungslos. Und wie der Papst ihnen zu helfen strebte, ohne daß er noch das Mittel ahnte, da sah er, wie ihre schönen Glieder sich lösten und ihre schönen Gesichtszüge verschieden, und der Papst fiel besinnungslos in seinem Gemach auf den Teppich nieder. Danach ließ er am folgenden Tag einige berühmte Kluniazenser zu sich kommen.

Die Kluniazenser belehrten ihn, daß er sich seines höchsten, ihm anvertrauten Amtes unkräftig gezeigt hätte. Seine Aufgabe war es, die Erscheinungen mit der geeigneten Materie zu taufen, oder wenn sie schon getauft waren, ihnen aus seinem noch ungeweihten Brot auf seinem Tischchen das heilige Abendmahl zu bereiten. Der heilige Vater war Priester, doch hatte er sich seiner Vorrechte, besonders seit seinen neuerlichen Studien, fast entwöhnt. Der Abt der strengen Kongregaten bat den Papst, drei seiner jungen, gewissenhaften Mönche zur Fortsetzung der zu lange versäumten Heidenbekehrungen über das Meer auszusenden. Sylvester erteilte dazu die Erlaubnis, und die Brüder bestiegen in Antium das erste gegen den [79] Osten abgehende Schiff; ihre Segel entführte der Sturm geradenwegs nach der sarazenischen Küste. Nachdem sie sich dort mit Hilfe einiger schnell erlernten Worte über die Lage des Landes klar geworden waren, in dem sie Aufnahme fanden (es war aber das Land Armenia), beschlossen sie, dem Rat seiner wenigen christlichen Bewohner folgend, in seiner Hauptstadt den Erzbischof anzugehn. Von ihm erfuhren sie, daß er ein nestorianischer Häretiker war und daß, weit im Innern, durch eine Wüste und viele Tagreisen von ihm getrennt, ein noch größeres christliches Land seines Bekenntnisses lag. Doch war von diesem Reich, dem der Johanniden, seit einem Jahre keine Kunde zu ihm gekommen.

Die Kluniazenser hielten darum miteinander kurzen Rat und wandten sich nach Eintritt des Frühlings weiter gegen die beschriebene Wüste zu. Geführt von einem der Ketzer, erreichten sie noch vor dem Glutmonde die alte johannidische Mark. Allein sie erstaunten ganz lebhaft, als sie an der Grenze nicht nur von niemandem empfangen wurden, sondern selbst bei jedem weitern Vordringen auf nichts als auf zertrümmerte Mauern ohne alle Bewohner stießen. Die ganze Gegend aber trug die Zeichen einer vor unbestimmter Zeit vorgefallnen Versteinerung an sich. In dem Grase lagen verstreute Metallkörner, sogar einiges Laub war mit Glanz überzogen, wie aus dem silbernen Alter der Welt erhalten; mehrmals fanden sich geronnene Schlacken, die die Gestalt von Gerüsteten [80] und von Waffen vor ihrer letzten Feuerhärtung trugen. Also daß die Kluniazenser sehr bald ihre Reise aufgaben und nach einer mönchischen Unsitte untereinander sowohl wie mit ihrem häretischen Führer in Unfrieden gerieten. Sie verzweifelten daran, aus dem rechten Wege in das rechte Land gekommen zu sein, und sie verteilten sich in verwundeter Hoffnung nach den umliegenden Heidenländern, aus denen danach keinerlei Kunde mehr von ihnen zurückkam.


Indessen wurde in Rom der Papst Sylvester so gramvoll, daß man in seinem Gemach die Fenster vergittern mußte, damit er sich nicht auf die Vorübergehenden hinauswerfe, und an seiner Stelle regierte die Kirche ein Vikar. Und als der Papst gar lange Zeit nicht besser wurde, brachte man ihn in Kloster. Dort sah er in seiner Zelle vor sich einen Mann, mit einem halblangen Kittel bekleidet, so wie in den Straßen Lohnarbeiter gingen. Der Mann war an einem Feuer beschäftigt, und als der Kranke näher zu ihm hinblickte, bemerkte er, daß jener hier in der Stille eine große Glaskugel goß. Und darauf nahm er das Rohr wie zum Spiel abermals auf und blies aus ihm eine andre Kugel heraus, der ersten ganz ähnlich. Doch nachdem er jetzt von dem Rohr seinen lebenden Atem abgezogen hatte, schwebte die zweite noch eine kurze Weile in der Luft und zerbarst alsbald, da sie [81] nur aus einem hohlen Schaume bestand. Und der Papst redete den Mann an, und da dieser ihm Antwort gab, so erkannte er, daß er einen wirklichen Geist vor sich hatte und nicht wie sonst einen Menschen, dem solche Körperlosigkeit nicht natürlich war. Darum sagte der heilige Vater zu seinem Heimsucher:

„Belehre mich, sofern du den Namen Christus nicht lästerst.“ Und jener Knecht erwiderte: „Ich lästere nicht. Doch um welche du klagst, sie sind wie diese Schaumkugel gewesen.“ Und er fügte noch hinzu: „Ich habe Gewalt vom höchsten Gotte. Niemand ist beständig, niemand ist zum Werke gut ohne seinen Arm, welcher Sanktus heißt.“ Und der heilige Vater fragte ihn dazu: „Was kann ich tun?“ Und der Geist erwiderte ihm: „Du hast zu lange Petri Schlüssel gehalten. Nimm sie und übergib sie deinem Nachfolger, welchen der Geist auserwählen wird. Und er halte fortan in seiner Hand jene durchsichtige Kugel, die helle Welt aus Glas. Du aber, du bist den Abschaumkugeln zum Papste bestimmt. Und deine Herrschaft ist nicht die geringere, denn siehe, aus einen Beständigen sind unzählige Vergängliche unter meiner Erddecke, bekehre sie: Bete du für sie und beglücke sie mit der Zuversicht. Stifte das Fest der Seelen für die Armen, die von den Flammen geschlagen werden! Eine Stunde unterhalb des Georgtores und eine halbe Stunde rechts von dem Standbild der alten Nymphe in der Campagna [82] ist ein See, der mir hier in dem ganzen italischen Lande am nächsten ist. Dorthin begib du dich ganz allein und wohne dort, und ich werde zu dir in den Nächten die schweifenden Scharen leiten, die deiner Schlüssel bedürfen. Und auch für die fremden drei Könige opfere dort den Leib aus Marien, das irdische Immerdar, sowie für die ungeheuere Anzahl von irrenden Seelen Chaldäas. Denn diese sind von mir infolge deiner Unfähigkeit in die Luft gehöht worden. Ihre Kugel schwebt kläglich, von keinem lösenden Fleisch und Blute berührt, zwischen dem Himmel und dem harten römischen Berg.“



[83]

DER TOR
PLATON

          [84] [85] Der Magus Platon stand vor der Gerechtigkeit des Königs Hieron, seines Oberherrn. Er erhob die Hand gegen die Bürger von Syrakus, denn diese hatten ihm durch eine Schar ihrer leichtfertigen Knechte seinen Turm berannt, das Lehen des sikulischen Königs, dem Platon gegeben, auf daß er darin seinen Untersuchungen nachgehn könne. Der Magier wies auf einem Blatte den ihm zugefügten Schaden nach; ihm entgegen standen der Ratsmeister der Stadt, der diese Verletzung, den Mauerriß und die teilweise Zerstörung des großen Wasserrades an der Ostseite, bestritt. Hieron verurteilte [86] die Bürger zur Schadensbesserung. Zur Buße des Unrechts jedoch mußte das unterhalb gelegne Dorf, der Stadtmauern Eigentum, für den Turm eine ewige Last von Fronden und Korngefällen übernehmen. Dann reichte der König dem Magier seine Hand mit dem goldnen Granatapfel drin zum Kusse hin. Platon verabschiedete sich ehrerbietig, er schritt hinab von der Herrenburg über den Rücken der mandelduftenden Hügel, auf Wegen, die gleich Kameelsätteln den Landbuckeln aufsaßen. Der Seher trug einen langen, mit der Seide der Fremde verbrämten Mantel. Sein entzweigeteilter, spitzer Bart schmiegte sich im Wind an seinen olivfarbnen Gürtel gleich dem Barte eines verhaßten Juden. Auf seinem Kopf trug Platon einen schweren und mehrfach gefalteten Bund, davon er sich niemals trennte. Denn in seinen Falten hatte er den kostbaren nachtfarbenen Stein der Weisen verborgen, das edelste Gut, das seinem Vater einst nach vierzig Jahren der Suche in der Gruft eines sidonischen Seekönigs zugefallen war.

Als Platon nun endlich vor seinen beschädigten Turm, vor die Wunde in seinem Wasserrade kam, kehrte schweren Fluges zugleich der mit Seelen gemästete Schlaf, Platons trübseliger Geier, heim. Böswillig war dieser, er beschmutzte das hölzerne Rad, in das die Horen immer von oben hinein einzeln ihre Krüge entleerten. Er saß auf einer Speiche zur Unzeit, den Stundengang hemmend, und erst das Geschrei [87] aller sechs Weiber zusammen, der Sklavinnen sämtlich des übergewaltigen Steinherrn, vertrieb ihn. Der Zauberer liebkoste den rohen Vogel zärtlich, seinen garstigen nackten Hals, die schmutzig-purpurnen Flügel, die vom Raube unreinen Krallen. Er nahm ihn als seinen Freund mit sich hinein in das Innere der an Wundern reichen Wohnung, indessen die Weiber daraußen mit verdoppelter Müh das jetzt schwerfällige, einst von Platon gewaltig und klug ersonnene Werk weiterbewegten: seine Wasseruhr, die den fronenden Syrakusanern also verhaßt war.

Von hier hindurch in das Innere des Turms war mit großer Gewalt ein mächtiger Balken getrieben, die Achse der bedeutsamen Stundenwelle; sie mahlte hier zwischen zwei groben Mahlsteinen das Getreide, das Platon zur Nahrung für sich und für seine Massenie benötigte. Doch schlug sie auch täglich mit ihrem Hammer auf eine eherne Glocke, wenn sie die Bewohner des Turms am Abend aus die sechste Hore zusammenberief. Diese Diener des gewaltigsten Jägers waren drei dunkelgefärbte Riesen, die Schatten dreier Könige der Vorwelt, die Platon alle mit Hilfe seines edeln Steines auf ihrer Flucht erreicht und ermattet und überwunden hatte. Hier wanden sie sich miteinander durch das Dunkel der innern Turmtreppe gleich drei purpurnen Wasserfällen aus der Mühle der Zauberin Hekate; wie große Schlangen, so glitten sie im Zwielicht aus dem Steinwerk und dem Gerümpel des Turmfußes [88] hervor. Sie alle bändigte in frühern Tagen des Magiers Hand, da er gegen ihren Biß wie gegen jeden Keulenschlag durch den herrlichen Juwel auf seiner Stirne geschützt war. Allmorgendlich schleppten sie ihm Mehl und zu seinen hölzernen Werken Balken und folgten ihm wie drei große Hunde auf seinen Gängen nach; allabendlich zitterten sie trotz ihrer vorweltlichen Kräfte vor Platons Geier, der ihnen, jedesmal unbemerkt, nahte.

Denn der Magus pflegte sie allezeit, sooft unten bei dem Rade die letzte Stunde anschlug, an die Wand seines Obergemaches zu werfen. Hier band sie mit starkem Baste das wahlverwandte Gemäuer; und je nach verschiedener Absicht verstand es Platon, sie gänzlich oder teilweise aus dieser Polypenumklammerung zu lösen, derart, daß sie als Riß oder als Bildnis und selbst als körperliche Säulen seine Befehle aushalten mußten. Doch immer, wenn sie schliefen, nahte ihnen mit schreckhaften Träumen der Geier, der ihre Eingeweide fraß, obgleich sie alltäglich nachwuchsen, einem Schicksale gehorsam, dem auch Platon unterlag . . . bis den Verzehrer an seinem Ende, da das Rad der letzten Hore zerbrach, der Pfeil erlegte.

Dieses alles bedachte in seinem lichtarmen Innern der Seher, als er an jenem Abende, von Hieron und von seiner Klage herkommend, das obere Verlies betrat. Es war ein ganz tagloser, durch keine kleinste Fuge eröffneter Raum, erhellt jedesmal [89] nur von seines Eigners gelbem Wachsfaden. In diesem Gefängnis traten vor den Schatten nur drei starke Mauerpfeiler heraus, durch eingeschobne Säulen gegliedert; von ihnen schwang sich in die Turmeshöhlung das dreifache spitze Gewölbe hinauf. An jene Steine, wo die Pfeiler glotzten, fesselte der Magier, ein starker und aus Ringplätzen geschulter Mann, auch heute seine Geknechteten.

„Wer diese Schatten“, also sprach Platon bei sich, „hier aneinander gedrängt in meiner Obhut sähe, wie sie alle der Schlag der Stunde nach meinem Gesetze herauf vor meinen Willen zwingt; hätte dann dieser Fremdling niemals im Lichte meine Mägde gesehn mit ihrem weißen Strahl, meinem blinden Mühlknecht: dürfte er nicht weislich behaupten, das Werk der Stunden gehöre den Schatten an? Ganz ähnlich ist mir, der ich in solcher Höhlung stecke, der Gang der ewigen Götter ungewiß. Auch nicht der Syrer, nicht der Agyptier und nicht jener rätselhafteste und ganz verschlossene meiner Sklaven haben mir ihn bisher in flachen Träumen zu zeigen vermocht. Doch da heute schon mein äußeres Werk beschädigt ist, will ich eilen. Ich weihe mich dem Unbekannten.“

Nach dieser Erwägung schritt der Magus, immer mit der Hand seinen Kopfbund wahrend, auf den ersten der gefangenen Könige zu. Der schlummerte wie ein unglücklicher Jüngling, unruhig, von treulosen Bildern verfolgt, und Platon löste ihm das Hinterhaupt aus dem Zwang seines gebeugten Ellbogens; [90] die ganze Gestalt richtete er ihm in die Höhe, und nachdem er auf seinen Scheitel den einen schweren Zwickel des Gewölbes wie auf eine dienende Säule geladen hatte, stützte er ihm mit einem Balken seine Achsel. Diese Vorsicht aber gebrauchte er, damit danach das Gewölb, unerwarteterweise zu einem Dritteil klaffend, nicht gleich einem Verletzten in sich zusammenfalle. Wie der Magier den Jüngling so vor sich hatte, blickte er ihm prüfend und traurig, wie ein Bruder nach vielen Jahren tut, in seine erschlafften Gesichtszüge. Dann strich er ihm gewalttätig über den Muskel seines freien Armes. Der Schatten zuckte damit mehrmals, jedoch in einer unerwünschten Art; Platon mußte den Arm immer wieder an den Leib zurückbringen. Endlich blieb auch die Elle ausgestreckt, die Finger entschlossen sich zum Krallen; sie zogen die Luft ringsum zu sich heran. Darüber freute sich der Magier, denn sein Werk schien ihm zu gelingen, und er sprach zu seinem Sklaven: „Adamas, dich drückt der Reif.“

Der Jüngling griff noch im Schlafe an seinen Kopf, und seine Hand suchte den Kronreif hervorzuziehn. Nun gebot ihm der Arzt, indem er den Balken, worauf jener gestützt war, auf seine Festigkeit prüfte:

„Adamas, wandle vor mir und kehre wieder an deinen Ort zurück!“

Und der Schatten tat genau, wie ihm geheißen war. Er ging auf und nieder in dem Verlies, und er nahm wieder seine [91] Stelle in dem Gewölbe ein. Jetzt lächelte Platon ein wenig, er rückte seine lebende Säule in ganze Ordnung, und er sagte: „Adamas, König, du weißt, was ich von dir verlange.“ Und der Schatten begann nochmals die Luft wie einen Widder zu krauen, und die Luft kräuselte sich zu einem Lämmchenvlies, danach zerschliß sie in Federn. Der Jüngling faßte jetzt die Luft fester, sie verwolkte sich und wurde blauschwarz. Sie segelte wie eine Trireme vor dem Winde. Nun ballte Adam die dünnen Wolken in seiner Faust zusammen, danach drückte er sie wie einen Schwamm aus, und ein kleiner Sprühregen ging in dem Turme nieder. Er rieb sie gegeneinander zwischen seinen trockenen Fingern, und ein Funke sprang aus ihnen hervor auf den Estrich. Der Magier rief lachend: „Genug, genug, ich weiß was du vermagst. Nicht solches knabenhafte Spiel wollt ich von dir, sondern – die Begebenheit!“ Darauf wuchs sich der Schatten ganz riesenhaft aus; das Gewölbe in seiner Höhe sprang davon zu einem Dritteil, so wie es der Gelehrte vorausberechnet hatte. Die äußere Erdenluft brach herein, ein voller und starker Schwall der gebirgigen Trinakris, mit zahllosen Gerüchen des Landes und der See beladen. Da sog Platon die starke Sphäre des fruchtbaren Dreiecks ein, und seine Augen wanderten durch die gesprengte Öffnung weit hinaus in das Land, das in seiner ersten Schöpfungszeit dastand. Eine Fülle von Tropfen erhob und senkte sich auf den Flügeln des Westwindes [92] Eurus, der vor Adam seinen Schlauch ablegte; und ein jeder Tropfen riß mehrere Samen mit sich in die Höhe. Die Erde, deren Dritteil, den Frühling, jetzt Platon vor Augen hatte, bedeckte sich mit Keimen, mit Sprossen und mit Blättlein, und zwischen den Blättlein erhöhten sich die Blüten, Dolden und Trauben, gleich Leuchtern mit Kerzen; und an einem jeden Docht einer jeden Kerze war ein kleiner Flügel brennend. Doch noch während die Flügel sich zu ihrer Paarung in die geschwängerte Luft erhoben, reiften ihnen die Blüten auf ihren Ständern nach, bis sie bald als rote Früchte von den Bäumen hingen. Währenddessen kämpften die Bäume alle mit ihren Stangen einen ausgebreiteten lustvollen Kampf wie Ritter in ihren Schranken; sie stritten, wer sich zu höchst vor den Dank der Sonne dränge. Da gab es schwere Niederfälle und gab es Katzen und Eichhorne, die wie die Röcke der bunten Wappenherolde mitten hindurch zwischen den Kämpfern schlüpften. Und es gab Überzählige, die wie Drachensaat immer neu dem Boden entsprossen; bis Platon Einhalt tat, indem er zu seinem Gefangenen sprach: „Räume jetzt ihre Fülle von mir hinweg.“ Daraus faltete der Schatten sie alle in seiner Hand zusammen wie ein Hauskrämer seine unverkaufte Leinwand wieder an sich nimmt.

Danach flogen die Vögel von den zerbrechenden Ästen auf, triebhaft in ungeheuern Schwärmen mit Schreien von [93] jeglicher Art. Und die Sänger unter ihnen nisteten sich innen unter dem Dache Platons, in seine steinernen Krabben ein. Das Gewölbe der äußern Luft widerhallte ähnlich von andern, unsichtbaren ihrer Bruderschaft, so wie ein weiter Dom von Menschenstimmen erhallt. Auch der Zauberer ließ seine Hand durch seine seit langem verlaßne Harfe wandern. Die Sänger aber entflogen geängstet; denn aus der Ferne schwang sich hinter Platons geflügeltem Diener ein ägyptischer Sperber mit einem Vöglein in seiner Kralle vor den Magus hin, seltsam blickend, als er es zerfetzt an Platons Füße hinunterwarf. Der Schlaf aber zankte um ein ermordetes Kalb mit einem heldenhaft blickenden Adler, der endlich die Beute auf seinen Fels, schroff über der Burg des Königs Hieron, trug. Dann, ehe noch Platon den Sperber in seinem Turme beherbergt hatte, stand ein goldgelber männlicher Löwe in der Stube. Er stürzte sich aus eine Hindin, die vor Platons Stuhle, an seinen Knieen, Schutz begehrte. Platon hob seine Hand gegen den Löwen, woraus dieser in Staub zerfiel. Der Schatten des Adam aber begann plötzlich vor einem unbekannten Dinge zu beben; da zitterte auch Platon und, seine klugen Vorsichten vergessend, sagte er schlicht: „Adamas, birg dich bei mir!“

Und Adam bewegte sich mit Gewalt, dankbar für den gewährten Schutz aus seinem Paradiese weg. An seine Stelle schob der Stein der Weisen den Tragbalken, die dienende der Säulen, [94] die er sogleich in hartes Gestein verwandelte. Adam schritt auf Platon zu, er legte sich neben die Hirschkuh. Er schlug langsam durch des Steines Kraft seine Augen auf, und Platon sah als Erster unter allen lebenden Menschen dem Erstmenschen in sein lebendes Auge. Das Auge aber war dunkel und groß, einem Rindsauge gleich, und ein Licht zitterte in seinen braunen Hintergründen gleich dem Spiegelbild eines flammenden Schwertes in einem Eisentor oder wie eine ferne unruhige Fackel, die man beim Überfall des Löwen zwischen der sinnlosen Herde umschwingt. Aus Platons Auge brach ihm entgegen ein stärkeres Feuer, gleich dem Feuer des guten Wächters, der den Unfall verkündet, auch wie die Lampe des kleinen Diebes, wenn dieser das fremde Unglück nützt. Und der Mensch widerstand nicht seinem Zauber. Von dem Turme des Platon hinaus und durch den neuen Riß im Gemäuer strahlte an diesem Abend der entzündete Wachsfaden des Denkers zu den Städten und Bauern und weit hinter die Fenster des sizilischen Königs, den dieser Schein verwunderte. Und es ward Abend und leiser Morgen, indessen das erbarmte Tier und sein Herr, der Mensch, bei ihrem Nachschöpfer lagen: eine magische Schöpfung, ein Tag.


Ja, Platon erhob sich am nächsten Morgen von seinem Lagern, neu gekräftigt, nachdem er den Adam von sich geschickt [95] hatte. Den Stein verbarg er wieder in seinem Kopfbund. Die Sonne lockte ihn unter die Menschen hinaus zu seinen Sorgen und Geschäften, denn ihn verwendete zu Krieg und Frieden der König Hieron; es war bereits später Abend, als Platon sich unruhvoll in seinen dämmernden Turm wagte. Auf der Treppe schon überfielen ihn die zwei Übriggebliebenen, um ihre Freiheit von ihm zu erlangen, da er ihren ersten aus seinem Bann entlassen hatte. Platon stellte sie wieder fest. Er war stark genug, sie auf die zwei aufrecht erhaltenen Pfeiler neben die Lücke zu werfen; doch brach jetzt das Licht durch die neu gesprengte Öffnung ein, die Adam bei seinem Weggang nicht wieder verschlossen hatte. Darum mußte der Magier erst eine dunklere Abendstunde abwarten, in der seine Schatten nicht mehr vor dem Tageslicht verblaßten. Erst als die schadhafte Wasseruhr mit einem Schlage zu den Füßen der Horen aufstöhnte, als die gesamte Trinakris verdummt war, sprach der Seher zu seinem Gefangenenvogt, dem veilchengefärbten Schlaf:

„Entlasse zu mir diesen Spitzbart, diesen Perückenkönig, den ich nach heftigstem Kampfe zu meinem Eigentum gemacht habe. Laß ab von ihm für heute, daß wir miteinander reden.“ Da entrauschte der Schlaf aus dem Gefängnis Platons hinaus, zu den freien Schatten, die ihm seit dem Mittag entgegenwuchsen. Der steinerne König aber erwachte unter der zweiten Wölbung. Er war halb aus rötlichem Wüstengestein, [96] auf Füße von rotem Lehm gestellt. Der Seher nahte ihm mit einer großen Achtung in seinen Geberden und sprach, indem er ihm ein entbranntes Wachslicht unter die Augen hielt:

„Du siehst, Memnon, Lidgefesselter, wie groß meine Macht ist. Wenn du nun deine schweren Wimpern zu erheben und deine harten Augensterne in meine lebendigen zu bohren vermagst, so blicke mich achtend an, wie ein König mit dem andern tut, der ihn als ehrhafter Sieger unterwarf. Weigere dich nicht hochmütig, mir deine Weisheit zu überliefern, weil du sie von deinen Göttern hättest! Halte dich nicht für zu gut, daß du mit mir redest! Denn auch ich bin weise und bin aus königlichem Blut; der Heros Solon ist mein Ahne, jener, der seine Gesetze von deinen Söhnen geholt hat. Ja, ich flehe dich an, Sohn der hohen Morgenröte, daß du dich mir endlich ergebest und mein Elend linderst, denn es ist auf dem Menschen unerträglichen Gipfel gestiegen. Ich schließe kein Auge mehr, und ich habe nur noch bewegliche Schatten vor Augen, ehe du mir nicht die Antwort gegeben hast, nach der ich wie nach einem Elixiere dürste. Rede, da du es doch wissen mußt! Wie steht es mit den Göttern? Woher kommen sie und wohin gehn sie? Wer ist der Unbekannte, vor dem sie zittern, der die Welt in ihre Kinderhände zum Spiele gibt? Du weißt es, Uranfänglicher, denn du hast, noch ehe alle Geschicke wurden, den Schleier von der Göttin Bild gezogen. Du freilich bist der Gezeugte des [97] Osiris, der Getragene der Eos. Antworte mir, Titane, rede zu mir, du Bildner der Menschen, in Bildern! Und laß deinen Finger von Gold nicht erzittern, jetzt wo der Augenblick nahe ist, da ich dir deine Freiheit wiedergeben kann. Schreibe, Weiser (und fürchte keine Zeugen) in die Luft, in den verfließenden Papyros ohne Zukunft.“

Da begann Memnon dem Jüngeren zu gehorchen und mit dem ausgereckten Finger die Luft zu teilen: Linien zu ziehn, Kreise und Schnitte des unermeßlichen Kegels, denen Platon jedesmal mit Hast nachfolgte. Und aus Gebilden, mit drei, vier und unzähligen Ecken begabt, bildete Memnon seinem Schüler die Idyllen vor, sie immer wieder verjüngend, zurückführend, bis er endlich auf das letzte körperliche Nichts, den Punkt, kam. Und Platon sprach zu seiner Statue: „Ich verstehe dich, daß du mir meine eigne Ohnmacht, dieses Nichts des Einzigen zeigen willst. Doch nicht die Flucht solcher wirren Lebenslinien, nicht mein eignes flüchtiges Leben verlangte ich von dir zu wissen wie von einem Fahrenden. Vielmehr, beschreibe mir innerhalb dieses Hauches die Fläche: sie, die wie eine blumige Hadeswiese vor dem Hermes ausgebreitet liegt. Und erkläre mir an jedem Dinge noch sein Drittes, welches allein aus dem Hades wächst und allein zu den Schatten fährt: die Tiefe, woraus erst der Leib der Göttin gebildet ist.“ Und der Schatten gehorchte seinem Befehlshaber; er bildete zwischen seinen Fingern neue Gestalten von Leib [98] und Seele, und nachdem er die Gedanken alle umschrieben hatte, meißelte er mit seiner Hand aus dem Rauche des verfliegenden Luftelementes die tiefen Wirklichkeiten, die Dinge. Doch als er seine Hand zum letzten Male auftat, da setzte sich flugs eine Siegesgöttin darauf mit offenen Fittichen: die Zeit. Und sie entflog schräg aufwärts, durch das Gemäuer, die Gebilde alle mit sich in einer neuen Fläche entführend, und sie verschwanden miteinander alle durch die gemauerte Wand, woher auch Adams Schöpfung gekommen war. Daraus kehrten sie von dort wieder als die Götter zurück. Sie glichen nicht mehr sich selbst, indessen waren sie jeder an einem Zeichen zu erkennen, das ihnen mit ihrer frühern Form gemeinsam war. Aber diesmal waren sie aus gewichtlosem Stoffe; als die Zeit abermals zurückwollte, vermochte sie sie nicht mehr in die Höhe zu heben.

Und die Götter waren die folgenden: der Sperber und die Astarte und der Hermes und der Geier-des-Platon und die Erde-mit-ihrem-Mond und Ährenkranz. Und danach waren die Götter von neuem: die Liebe, der Sieg und die Städtebaukunst. Und sie schlangen sich alle ineinander, so wie sich der Salamander in der Flamme windet; Platon entzog ihnen keinen seiner Blicke mehr, als er sah, wie sie sich sämtlich immer wieder auseinandergebaren so wie die Muscheln aus der Venuswärme, und wie sie aus einem einzigen Urstoff, den sie nicht bekannten, ans Licht kamen. Er wußte nicht, war es das [99] Wasser, welchem dieser Stoff in seinem Strömen glich, oder das Feuer, gleich dem er flammte, oder war er endlich die Luft oder die Erde, gleich denen er zäh schien oder schillerte. Oder war er vielmehr die selbe ewige Gottheit, die schon andre vor Platon entdeckt zu haben glaubten: die Zahl. Es war das Ein und All, was Memnon zwischen seinen Fingern verrieb und welches der Alchimist anstaunte. Platon erkannte dieses plötzlich in seiner eigenen Seele, worin es noch niemand gesucht hatte, und er gab ihm wie ein Spiegelbild sein inneres Antlitz zurück. Und es ward Abend, und es ward Morgen, daß Platon so voller Grauen in den Gespensterzug seiner Gesichtszüge blickte: eine Nacht, auch ein Tag.


Allein Memnon entfloh, als er den Platon so geistesschwach erblickte; nun war er nicht mehr zu halten. Die Kraft des Steines wirkte nur durch des Trägers Willen, und der Entzauberte brach mit seiner rötlichen Eisenschulter die zweite Wölbung, also daß jetzt nur noch ein einziger Pfeiler von dem unheimlichen Turm aufrecht stand. Und Platon wurde von der Furcht seines letzten Schattens erfaßt, denn den Jüngling vor diesem hatte er in Liebe befreit, und der Mann hatte ihn überwältigt; er floh tagsüber vor dem dritten, dem geheimnisvollsten seiner Knechte, dessen Namen er noch nicht kannte. Jedoch der König Hieron sandte ihn wieder in die Trümmer, [100] aus Neugier, was mit ihm geschähe; trotz dem alten Glauben, daß in den Ruinen die Geister der Bösen wohnen. Also kehrte nun Platon für den Abend wieder in seine Unheilstätte ein, und er entließ seine Mägde, deren Rad ganz geborsten war. Dann, an der Innenseite der Ruine, schmolz er mit seinem Wachsstock das Wachs von den fünf Siegeln des pfeilergefesselten Geistes, von seinen Lippen, den Fäusten und den beiden Lidern. Nur das Siegel aus einem fremden Stoff auf seiner Stirne vermochte Platon nicht zu lösen. Der Schatten belebte sich leise, er färbte sich an der Wand, er glich jetzt einem Bilde, wie solche die Leute des Hieron auf den alten Särgen der Seefahrer fanden. Noch waren seine Augen verschlossen, die Mienen wachsfarben, auf der Stirne und auf der Linken waren lächerliche blaue Striemen eingezeichnet wie von schnürenden Armbändern. Auf der Brust lag eine Palme, der ganze Leib jedoch war wie mit Urlehmen zusammengeklebt und schien noch im Schlaf eine körperliche Kraft zu bewahren. Und während Platon unmutig das Bild von dem Pfeiler ablöste, hörte er in dem Stein eine Stimme wie das Pochen des Geistes im lockern Gemäuer, wie ein Mäuerling pocht: Ω ανερ βαδιλεν γραφε εκεινον εν τον σον ερημον καγω δε ελεηδω. Das lautete: „O königlicher Platon, wirf doch den Schatten Jenes in meine Trümmer, und ich will dich erlösen.“ Worauf Platon erwiderte: Ον γαρ δν δυνραι δαιμον πιθηκε εν τω ερημω. „Nicht du vermagst [101] solches, böser Geist, Affe, der in der Wüste trügt! Nein, nicht jenen, noch auch dich will ich an die Wand malen!“

Nun aber bewegten sich die Lippen des gelösten Sklaven von der Wandfläche, und sie sprachen ein unbekanntes Wort aus. Der Magier erschrak, doch fragte er laut: „Wer bist du, fremder König, der im Morgen erblaßt?“ Ihm erwiderte das Bild: „Ich bin ein ebräischer König von einem dir unbekannten Volke, das beim Sonnenaufgang, am Rande der Wüste, wohnt. Und mein Name ist Salamon. Meine Macht war groß; ich häufte viel Schätze auf, und tausend Weiber umarmte ich, doch galten sie mir nichts vor der Weisheit. Und ich wußte Sprüche zu bilden, darinnen die Weisheit war, und auf Erden unter der Sonne geschah nichts, was ich nicht bereits gekannt hätte, aber alles Schöne erfand ich auch eitel. Und selbst die Sprache der Vögel erlernte ich allein unter allen Menschen. Solches geschah jedoch diesseits, in der Welt, ehe mein Gott mich schlug und mich in deine Hand gab, weil ich seine Gebote nicht achtete. Nun aber verkündige ich auch dir die Buße, die mein Gott, der Beleber der Toten, dir zugemessen hat.“

Da fragte ihn Platon: „Rede, welches ist der Name deines Gottes und ob auch er allen den Göttern gleicht, die zu uns, aus der Fremde, ihrem Elemente, kommen?“ Und der Geist entgegnete: „Er heißt der Ewige oder Der-Ich-Bin. Doch sein voller Name geht über keine Lippen, er ist ohne Schall.“ [102] Da schlug Platon an seine Stirne, doch verriet er nichts mit Worten. Er war besorgt, den mythischen Vogel gefangen zu erhalten, der so Goldenvorweltliches sang, damit dieser ihm nicht entwische. Und Salomo sang vor Platon:

„Hilf mir doch, daß ich wieder zu meinem Gotte komme! Siehe, du trägst auf deiner Stirn den amethystenen Baum, das Zeichen des Lebens und das Zeichen der Könige, das Zeichen, das fesselt, und das Zeichen, das wieder entfesselt und das selbst deine Speise in Gold zu verwandeln vermag. Und mit seinen Verästelungen bist du imstande, die Schachzüge und jeden Winkelflug aller guten Geister zu erraten, also daß dir von ihnen keiner entfliehn kann. Und auch mein Gott wird vor dir nicht sicher sein.

„Und tausche nun doch deinen Juwel mit mir gegen diese geschnittene Kuhhaut, die ich auf meiner Stirne trage, und darin der Name meines Gottes geschrieben steht. Gib deinen königlichen Talisman, mein Herr, gegen das Siegel Salomonis . . . O weiser Platon, was bist du doch einem Toren gleich zu halten!“


Und Platon faßte nach seinem Kopfbund und zugleich nach dem Zeichen Salamons; und die Gottheit verblendete ihn, also daß er den Wert aller Rinderherden des Hieron aufgab gegen ein schwarzes Gehäus, das aus einem einzelnen [103] Teil eines einzigen Rindes geschnitten war. Und Platon griff gierig nach den Tefillin, so wie der Schakal nach dem vergifteten Stücke des Rindes griff, an dem er verging; so wie der Weise des Waldes in das faule Fleisch der Fabel biß, das er dem schönstimmigen Raben abgelistet hatte. Denn Platon bedachte, daß nun auch der verwunschene morsche Pfeiler seiner Burg einstürzen müßte, und daß er darnach mit seinem befreiten Sklaven zusammen an Gott einen Teil erhielte.

Allein die beiden Talismane blieben von ihrer Erschaffung an unveränderlich, und der Gewaltige hatte über seiner Hoffnung das eine vergessen: daß mit den beiden Zeichen auch beide Kräfte die Träger tauschten. Als er daher das Siegel des gottliebenden Geistes auf seiner nackten Stirn fühlte, geriet Platon auch zugleich in die Gewalt des weltbeherrschenden Steines; und er wurde, nicht anders als er es mit seinen drei Schatten getan hatte, nun selbst von dem Demant der weißen Magie, von Salamon, an die Mauer gebannt. Alsobald fühlte er, wie es ihn in seinem Innern fesselte, nicht anders als die Mumie mit ihren Bändern und Streifen zusammenklebt. Und, nun gewiß, war es nicht mehr der Wurm des verfallenden Gemäuers, es war der furchtbare, von Platon selbst gemästete Schlaf, der heut zum Fraße der Seele zu seinem Bändiger zurückschwebte. Jetzt nun kehrten, indes der entfaltete Salamon zu Elohim rückflog, die Augen seines geprüften [104] Zwingherrn gleich trüben Sintflutmuscheln in den verrinnenden Mörtel wieder; und Platon entschlummerte als ein Schatten, mit dem Zeichen des unbekannten Gottes zwischen seinen Augenbrauen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: erbickte
  2. Vorlage: ausgegemalten