Jüdische Altertümer/Buch III

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Jüdische Altertümer
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[135]
Drittes Buch.

Dieses Buch umfasst einen Zeitraum von 2 Jahren.

Inhalt.

1. Wie Moyses das Volk in beschwerlichen Märschen zum Berge Sinai führte.

2. Wie die Amalekiter und die benachbarten Völker die Hebräer mit Krieg überziehen, von ihnen aber besiegt werden und einen grossen Teil ihres Heeres verlieren.

3. Wie Moyses seinen Schwiegervater Jothor, der zu ihm an den Berg Sinai kommt, freudig empfängt.

4. Wie dieser ihm riet, das Volk zu teilen und Befehlshaber über je tausend und je hundert Mann u. s. w. zu setzen, und wie Moyses diesem Rat folgte.

5. Wie Moyses auf den Berg Sinai stieg, von Gott Gesetze erhielt und diese den Hebräern gab.

6. Von der Hütte, die Moyses Gott errichtete und weihte, damit sie in der Wüste die Stelle des Tempels vertrete.

7. Von der Kleidung der Priester und des Hohepriesters; vom Priestertum Aarons, den verschiedenen Reinigungs- und Opfer-Ceremonien; von den Festen und der Anordnung der einzelnen Tage, und von anderen Gesetzen.

8. Wie Moyses aufbrach und das Volk an die Grenzen Chananaeas führte, und wie er Kundschafter schickte zur Erforschung des Landes und der Grösse der Städte.

9. Diese kehren nach vierzig Tagen zurück und preisen die Macht der Chananäer gegenüber ihren eigenen geringen Streitkräften; das Volk, hierdurch entmutigt, will den Moyses steinigen und wieder in die Knechtschaft nach Aegypten zurückkehren.

10. Moyses, darüber aufgebracht, verkündet, Gott werde dem Volk während der vierzig Jahre, die es in der Wüste verbringen solle, zürnen, und die Israëliten würden weder nach Aegypten zurückkehren, nach Chananaea in Besitz nehmen.

[136]
Erstes Kapitel.
Wie Moyses das Volk in beschwerlichen Märschen zum Berge Sinai führte.

(1.) 1 Obgleich nun den Hebräern auf diese Weise eine unverhoffte Erlösung zu teil geworden war, schlug sie doch auf dem Marsch nach dem Berge Sinai der Umstand nieder, dass die Gegend sehr öde war und grossen Mangel an fester Nahrung wie auch an Wasser aufwies, sodass sie nicht einmal genügendes Futter für das Vieh, geschweige denn Lebensmittel für die Menschen bot. Sie war nämlich ganz trocken und hatte nicht die geringste Feuchtigkeit, um Früchte hervorbringen zu können. Durch eine solche Gegend mussten sie nun wandern, da sie keinen anderen Weg benutzen konnten. 2 Wasser hatten sie zwar auf Befehl ihres Führers an den Orten, die sie durchzogen hatten, mitgenommen; als dieses aber verbraucht war, mussten sie, um Wasser zu bekommen, Brunnen anlegen, und diese Arbeit war sehr mühsam wegen der Härte des Erdreiches. Und hatten sie dann endlich Wasser gefunden, so war es bitter und ungeniessbar, und dazu noch nicht einmal hinreichend. 3 Als sie so weiter marschierten, kamen sie eines Tages gegen Abend an einen Ort mit Namen Mar, der so hiess wegen des schlechten Wassers; denn Bitterkeit heisst im Hebraeischen Mar. Und da sie durch die langen Märsche, wie auch durch den Mangel an Nahrung, sehr erschöpft waren (es mangelten ihnen nämlich damals jegliche Lebensmittel), so blieben sie hier eine Zeitlang. 4 Denn es befand sich dort ein Brunnen, und wenn derselbe auch nicht für eine so grosse Menge Menschen genügen konnte, so trösteten sie sich doch schon damit, ihn wenigstens gefunden zu haben, da sie von Kundschaftern vernommen hatten, sie würden bei ihrem Weitermarsch gar nichts mehr antreffen. Doch war das Wasser des Brunnens bitter und nicht nur für Menschen, sondern selbst für das Vieh ungeniessbar.

[137] (2.) 5 Als nun Moyses sah, dass das Volk mutlos wurde, und er es mit den Worten nicht mehr trösten konnte (denn er hatte nicht bloss ein Heer von Männern vor sich, das der Macht der Verhältnisse tapfer hätte trotzen können, sondern ein Schwarm von Kindern und Weibern, die zu schwach waren, um sich vernünftigen Vorstellungen fügen zu können, übertäubte alle Regungen von Starkmut), geriet er in eine üble Lage, da er die Not, die alle litten, so empfand, als hätte er sie allein zu ertragen. 6 Denn sie wandten sich an keinen anderen als an ihn, und baten ihn flehentlich, die Mütter für ihre Kinder und die Männer für ihre Weiber, er möge sich ihrer annehmen und ihnen einen Weg zu ihrer Errettung zeigen. Daher richtete Moyses sein Gebet zu Gott und flehte ihn an, er möge dem Wassermangel abhelfen und das bittere Wasser in trinkbares verwandeln. 7 Und als Gott ihm die Erhörung seiner Bitte zugesagt, nahm er ein Stück Holz, das gerade vor ihm lag, spaltete es der Länge nach, warf es in den Brunnen und gab den Hebräern kund, Gott habe sein Gebet erhört und ihm verheissen, er werde ihnen Wasser nach Wunsch gewähren, wenn sie nur seine Befehle schnell und bereitwillig vollziehen wollten. 8 Auf ihre Frage aber, was sie thun müssten, um das Wasser trinkbar zu machen, befahl er, die stärksten Männer sollten Wasser aus dem Brunnen schöpfen, und wenn dann der grösste Teil des Wassers entfernt sei, werde das übrige trinkbar sein. Jene unterzogen sich der Arbeit, und so wurde das Wasser, durch die starke Bewegung gereinigt, bald geniessbar.

(3.) 9 Von da zogen sie weiter und kamen nach Elis, das von weitem wegen der Palmen, die dort standen, sehr schön aussah, in der Nähe aber sich ebenfalls als unwirtlich erwies. Denn es waren höchstens siebzig Palmbäume, die dazu noch schlecht gewachsen und wegen des Wassermangels sehr niedrig waren. Ferner war die ganze Gegend trocken und sandig; 10 die Quellen aber, zwölf an der Zahl, boten wenig Wasser dar, denn [138] sie hatten keinen starken Sprudel und spendeten auch nicht einmal immer Wasser. Und auch, wenn man im Sande grub‚ fand sich nichts vor; waren es aber wirklich einmal wenige Tropfen, so waren sie so trüb, dass sie als Trinkwasser nicht verwendet werden konnten. 11 Dazu waren auch die Bäume wegen Mangel an Wasser, das sie hätte anregen und erquicken können, zu schwach, um Früchte zu tragen. Infolgedessen machten die Hebräer ihrem Führer Vorwürfe und massen ihm die Schuld an ihrem Elend und ihrer Not bei. Denn sie hatten in den dreissig Tagen, die seit Beginn der Reise verflossen waren, alle mitgeführten Lebensmittel aufgezehrt, und dass sie nun nichts zur Stillung ihres Hungere vorfanden, waren sie nahe daran, ganz zu verzweifeln. 12 Und nur mit dem Gedanken an ihr gegenwärtiges Elend beschäftigt, vergassen sie alles, was Gott und des Moyses Tapferkeit und Weisheit ihnen bis jetzt hatten zu teil werden lassen, und wurden so heftig gegen ihren Führer aufgebracht, dass sie ihn steinigen wollten, gleich als sei er der Urheber ihres Unglücks.

(4.) 13 Als nun die Menge so heftig gegen ihn erregt war, trat Moyses im Vertrauen auf Gottes Hilfe und im Bewusstsein, dass er stets nur das Wohl seiner Stammesgenossen im Auge gehabt habe‚ mitten unter sie, obgleich sie heftig lärmten und Steine gegen ihn erhoben hatten. Und weil er von imponierender Erscheinung war und die Gabe besass, durch natürliche Beredsamkeit auf Volksmassen einzuwirken, versuchte er ihren Zorn zu besänftigen. 14 Er beschwor sie, über dem gegenwärtigen Ungemach nicht die früheren Wohlthaten Gottes zu vergessen und, obgleich sie jetzt Mangel litten, der reichen Gaben zu gedenken, mit denen er wider ihre Erwartung sie überhäuft habe. Sie sollten fest vertrauen, dass Gott sie aus ihrer jetzigen verzweifelten Lage befreien werde, 15 der sicher dieses Unglück nur deshalb über sie verhängt habe, um ihre Tugend und Standhaftigkeit zu erproben und zu sehen, ob sie seiner früheren Wunderthaten noch gedächten [139] oder dieselben in ihrer Not vergessen hätten. 16 Doch es zeige sich ja klar, dass sie Ungemach standhaft zu ertragen nicht vermöchten, noch auch der früher erworbenen Verdienste eingedenk seien, da sie Gott und seinen Willen, dem zufolge sie Aegypten verlassen hätten, jetzt so geringschätzten und selbst seinen Diener mit so unversöhnlichem Hass verfolgten, der ihnen doch bei Verkündigung dessen, was Gott ihm aufgetragen, nie die Unwahrheit gesagt habe. 17 Alsdann zählte er ihnen im einzelnen auf, wie schwer die Aegyptier geschlagen worden seien, weil sie gegen Gottes Befehl sie hätten zurückhalten wollen; wie ein und dasselbe Wasser den Aegyptiern blutig und ungeniessbar, ihnen dagegen süss und trinkbar erschienen sei; 18 wie das Meer vor ihnen zurückgewichen sei und ihnen einen Weg freigemacht habe zu ihrer Errettung, während ihre Feinde elend umkamen; wie Gott ihnen Waffen im Überfluss verschafft habe, da sie wehrlos gewesen, und wie er sie aus anderen schweren Gefahren unerwartet errettet habe. 19 Sie sollten daher an seiner mächtigen Vorsehung nicht verzweifeln, sondern in Geduld das weitere abwarten und bedenken, dass seine Hilfe nie zu spät komme, wenn sie auch nicht sofort erscheine, nachdem ihnen etwas Hartes zugestossen sei. Auch sollten sie wohl erwägen, dass Gott nicht deshalb zögere, weil er sie vergessen habe, sondern um ihre Standhaftigkeit auf die Probe zu stellen und ihre Liebe zur Freiheit, 20 sowie um zu erforschen, ob sie lieber für ihre Freiheit Hunger und Durst leiden oder aber lieber Sklavendienste thun wollten gleich den Tieren, die von ihren Herren zu deren Dienst und Nutzen gemästet werden. 21 Endlich sei er nicht um sein eigenes Wohl besorgt, denn für ihn sei es kein Unglück, wenn er ungerechterweise sterbe; vielmehr liege ihm ihr Wohlergehen am Herzen, da sie, wenn sie ihn steinigten, in Wahrheit Verächter Gottes sein würden.

(5.) 22 Auf diese Weise gelang es ihm, sie zu beruhigen, sodass sie von seiner Steinigung Abstand nahmen und [140] über ihren Anschlag Reue empfunden. Da er aber sah, dass sie, wenn auch nicht ohne ihr eigenes Verschulden, wirklich in grosser Not sich befanden, so beschloss er, sich im Gebete an Gott zu wenden. Und er bestieg eine Anhöhe und betete zu Gott (bei dem allein all ihr Heil sei), 23 er möge doch dem Volk Hilfe und Erlösung aus seiner grossen Drangsal gewähren und ihm verzeihen, was es unter dem Drucke seines Elendes verbrochen habe. Sei doch der Mensch von Natur aus geneigt, im Unglück zaghaft und widerspenstig zu werden. Darauf verhiess ihm Gott, er werde sich ihrer annehmen und ihnen die erbetene Hilfe gewähren. 24 Als Moyses dies vernommen hatte, stieg er wieder zum Volk herab, das ihn ob der Verheissungen Gottes erfreut sah, und dessen Trauer sich darum rasch in Freude verwandelte. Und Moyses trat in ihre Mitte und verkündete ihnen, er bringe ihnen von Gott Erlösung aus ihrer Drangsal. 25 Nicht lange danach kam eine grosse Menge Wachteln (diese Vogelgattung lebt vorzugsweise am Arabischen Meerbusen) über das Meer angeflogen, die, da sie müde vom langen Flug waren und überhaupt mehr als andere Vögel sich der Erde zu nähern wagen, sich bei den Hebräern niederliessen. Diese fingen sie mit den Händen, betrachteten sie gleichsam als Nahrung, die Gott selbst ihnen bereitet habe, und machten damit ihrer Not ein Ende. Moyses aber wandte sich zu Gott und dankte ihm, dass er seiner Verheissung gemäss ihnen so schnell geholfen habe.

(6.) 26 Bald schickte ihnen Gott nach dieser ersten Speise noch eine andere. Denn als Moyses seine Hände zum Gebet erhob, fiel Tau, und da derselbe an seinen Händen hängen blieb, vermutete er, Gott habe auch damit ihnen eine Speise beschert, und freute sich sehr darüber. 27 Weil er aber sah, dass das Volk die Substanz irrigerweise für Schnee hielt, wie er im Winter zu fallen pflegt, belehrte er sie, das vom Himmel Gefallene sei kein Tau, wie sie meinten, sondern eine Speise zu ihrer Ernährung und Erhaltung. Und [141] nachdem er selbst davon gekostet hatte, hiess er sie gleichfalls sich überzeugen, und sie folgten seinem Beispiele 28 und freuten sich der Speise, denn sie schmeckte angenehm und süss wie Honig. An Aussehen aber glich sie dem Gewürz Bdellium und an Grösse der einzelnen Körner dem Koriandersamen. 29 Sie wurde nun eifrig gesammelt, und jeder musste täglich ein Assaron (ein bestimmtes Mass) davon auf lesen; denn auf diese Weise werde es ihnen an Nahrung nicht mangeln. Es geschah das aus Vorsicht, damit nicht die Stärkeren, die mehr zu sammeln vermochten, den Schwächeren das Einsammeln ihrer Nahrung erschweren konnten. 30 Diejenigen aber, welche über das vorgeschriebene Mass hinausgingen, hatten davon doch keinen Nutzen. Denn sie fanden nicht mehr als ein Assaron, und was für den folgenden Tag aufgespart wurde, war ungeniessbar, da es dann bitter und voll von Würmern war. 31 Es war eine göttliche und unbegreifliche Speise, denn wer davon genoss, konnte jede andere Nahrung entbehren. Noch bis auf den heutigen Tag fällt in jener ganzen Gegend diese Substanz nieder, wie sie Gott damals dem Moyses zu Gefallen als Nahrung bescherte. 32 Diese Speise nennen die Hebräer Manna, denn in unserer Sprache ist „man“ die Fragepartikel, wenn wir fragen wollen: „was ist das?“ Die Hebräer aber freuten sich dessen, was vom Himmel fiel, gar sehr, denn sie genossen diese Speise vierzig Jahre lang, also in der ganzen Zeit, da sie in der Wüste lebten.

(7.) 33 Nachdem sie nun von da weitergezogen und nach Raphidin gekommen waren, litten sie argen Durst, weil sie an den vorhergehenden Tagen nur sehr vereinzelte Quellen angetroffen hatten. Und da sie sahen, dass das ganze Land überhaupt trocken und wasserarm war, und sie wieder in Not geraten würden, murrten sie aufs neue gegen Moyses. 34 Dieser aber entzog sich für kurze Zeit dem Ungestüm des Volkes und wandte sich zu Gott, den er flehentlich bat, er möge, wie er früher ihnen Speise verschafft habe, so auch jetzt den Trank [142] ihnen nicht versagen; denn wenn ihnen dieser fehle, werde ihnen die Speise allein nicht viel nützen. 35 Gott aber zögerte in seiner Güte nicht, sondern versprach dem Moyses, es werde sich ihnen eine wasserreiche Quelle zeigen, wo sie dieselbe am wenigsten erwarteten. Dann hiess er ihn mit seinem Stab auf den Felsen schlagen, den er zunächst erblicken werde; sie würden dann soviel Wasser erhalten, als sie wünschten, auch solle es ihnen ohne alle Mühe und Arbeit zufliessen. 36 Als Moyses dies von Gott vernommen hatte, kehrte er zum Volke zurück, das in gespannter Erwartung seiner harrte; denn es hatte schon von einer Anhöhe aus nach ihm ausgespäht, als er beschleunigten Schrittes vom Berge herabstieg. Und als er ankam, verkündete er ihnen, Gott wolle sie auch aus dieser Not erlösen und ihnen unverhoffte Hilfe senden; denn es werde Wasser aus einem Felsen hervorquillen. 37 Sie aber erstaunten hierüber, als wenn sie, von Durst und den Beschwerden des Marsches erschöpft, nun auch noch einen Felsen anhauen müssten. Und als nun Moyses mit seinem Stab auf den Felsen schlug, der sich sogleich öffnete und reichlich klares Wasser hervorsprudeln liess, 38 gerieten sie ob der Neuheit der Erscheinung in solches Erstaunen, dass schon vom blossen Anschauen ihr Durst gestillt wurde. Darauf tranken sie und fanden das Wasser lieblich und süss, ein wahres Geschenk Gottes. Und sie bewunderten den Moyses, den Gott so sehr ehrte; Gott aber brachten sie für seine grosse Fürsorge Opfer dar. Die heilige Schrift aber, die im Tempel aufbewahrt wird, erklärt uns, Gott habe dem Moyses vorherverkündigt, dass er auf diese Weise, dem Felsen Wasser entströmen lassen werde.

[143]
Zweites Kapitel.
Wie die Amalekiter und die benachbarten Völker die Hebräer mit Krieg überziehen‚ von ihnen aber besiegt werden und einen grossen Teil ihres Heeres verlieren.

(1.) 39 Als nun der Ruf der Hebräer sich weit und breit ausdehnte, und das Gerede über sie mehr und mehr zunahm, befiel die Eingeborenen eine grosse Furcht, und sie schickten Boten hin und her und ermunterten einander, ihre Streitkräfte zu vereinigen und auf die gänzliche Ausrottung jenes Volkes hinzuarbeiten. 40 Am meisten riefen hierzu die Bewohner von Gobolitis und Petra, welche Amalekiter hiessen und die kriegerischsten von den benachbarten Völkerschaften waren. Deren Könige reizten durch Boten ihr eigenes Volk sowohl, als auch die ringsum wohnenden Völker zum Kriege gegen die Hebräer auf, indem sie vorgaben, diese seien ein Heer von Fremdlingen, die der Knechtschaft der Aegyptier entronnen seien und nun kämen, um ihnen den Untergang zu bereiten. 41 „Wir dürfen sie,“ hiess es, „keineswegs verachten, sondern müssen sie, was das Sicherste und Klügste ist, bevor sie an Macht wachsen, sich ausbreiten und, durch unser Zögern kühn gemacht, uns zuerst mit Krieg überziehen, unterdrücken und für das, was sie in der Wüste getrieben, sie züchtigen, ehe sie an unsere Städte und unseren Reichtum ihre Hand legen. 42 Denn es ist viel vernünftiger, der Feinde Macht zu stürzen, sobald sie zu wachsen beginnt, als später ihren Fortschritt hemmen zu wollen, wenn sie schon erstarkt ist. Im letzteren Falle stehen wir da, als ob wir dem Feinde wegen seiner grossen Macht grollten, während wir im ersteren Falle ihm jede Gelegenheit zu Anschlägen gegen uns von vornherein abschneiden.“ So reizten sich die Völkerschaften gegenseitig durch Boten auf, und endlich ward beschlossen, die Hebräer mit Krieg zu überziehen.

(2.) 43 Moyses aber, der solche Feindseligkeit nicht erwartet [144] hatte, geriet durch die Rüstungen der Eingeborenen in grosse Verlegenheit. Und als es nun zum Kampfe kommen und das Kriegsglück versucht werden sollte, bemächtigte sich grosse Verwirrung der Hebräer, denn sie sollten, obgleich nicht hinreichend vorbereitet, mit einem gut geleiteten und gerüsteten Heere streiten. 44 Moyses aber sprach ihnen Trost zu und ermahnte sie, auf Gottes Hilfe zu vertrauen und wohlgemut zu sein. Er, der ihnen zur Freiheit verholfen, werde ihnen auch den Sieg über ihre Feinde verleihen, die ihnen jene wieder rauben wollten. 45 Sie sollten erwägen, dass ihr Heer doch nicht so klein und schwach sei, auch an Waffen, Geld, Lebensmitteln und allem anderen, was zur Kriegführung nötig sei, keinen Mangel habe, weil sie der Hilfe Gottes sicher seien. Der Feinde Heer dagegen sei klein, schlecht bewaffnet und schwach, und Gott werde nicht zulassen, dass sie von solchen Männern überwunden würden. 46 Auch sollten sie sich ins Gedächtnis rufen, wie mächtig der Helfer sei, dessen Beistand sie in so vielen und noch weit schlimmeren Gefahren kennen gelernt hätten. Denn hier hätten sie nur mit Menschen zu kämpfen, früher dagegen seien Hunger und Durst, Berg und Meer ihre viel gefährlicheren Gegner gewesen, und auch die hätten sie doch mit Gottes gnädiger Hilfe vollständig überwunden. Sie sollten daher freudigen Herzens in den Kampf ziehen, denn reiche Beute winke ihnen nach Besiegung ihrer Feinde.

(3.) 47 So feuerte Moyses den Mut des Heeres an. Alsdann berief er die Stammeshäupter und die Edelsten des Volkes, erst einzeln, danach alle zusammen, zu sich und ermahnte die jüngeren, den Befehlen der älteren zu gehorchen, die letzteren aber, dem Führer des Heeres den schuldigen Gehorsam nicht zu versagen. 48 So erwarteten sie denn gestählten Mutes und in der Hoffnung auf endliche Erlösung aus ihrer schlimmen Lage den Kampf und baten den Moyses, sie gradeswegs und unverzüglich gegen den Feind zu führen, damit ihr Eifer nicht erkalte. 49 Moyses wählte nun aus der ganzen Menge [145] die streitbarsten Männer aus und stellte sie unter den Befehl des Jesus,[1] Sohnes des Nave, aus dem Stamme Ephraïm, eines tapferen und abgehärteten Mannes, der im Denken und Reden energisch war, sich durch treue Verehrung Gottes auszeichnete (Moyses selbst hatte ihn hierin unterwiesen) und bei den Hebräern in hohen Ehren stand. 50 Dem schwächeren Teil der Bewaffneten aber übertrug er ausser der Sorge für das Wasser den Schutz der Frauen und Kinder sowie des Lagers im allgemeinen. Und die ganze Nacht hindurch rüsteten sie sich, setzten ihre Waffen in Stand und harrten ihrer Anführer, damit sie, sobald Moyses das Zeichen geben würde, sogleich in den Kampf ziehen könnten. Auch Moyses brachte die Nacht schlaflos zu und gab dem Jesus genaue Anweisung zur Aufstellung des Heeres. 51 Bei Tagesanbruch aber ermahnte er ihn, er möge im Treffen die Hoffnung rechtfertigen, die man auf ihn setze, und sich durch seine Kriegsthaten die Achtung seines Heeres zu erwerben suchen. Ebenso ermahnte er jeden einzelnen aus den Besten der Hebräer und entflammte dann auch die ganze Streitmacht zur Tapferkeit. 52 Und nachdem er das Heer also angefeuert und vorbereitet hatte, stieg er auf einen Berg und befahl dasselbe Gott und dem Jesus.

(4.) 53 Die feindlichen Heere trafen nun zusammen, und es kam zum Handgemenge. Auf beiden Seiten wurde wacker gestritten, und einer feuerte den andern an. So lange nun Moyses seine Hände ausgestreckt hielt, waren die Hebräer den Amalekitern überlegen. Als er aber wegen grosser Ermüdung seine Hände nicht länger ausgestreckt halten konnte (sobald er sie nämlich sinken liess, hatten die Feinde die Oberhand), 54 hiess er seinen Bruder Aaron und seinen Schwager Orus, den Mann seiner Schwester Mariamme, sich neben ihn stellen und seine Hände unterstützen; und sie sollten hiermit nicht nachlassen. So kam es, dass die Hebräer die Amalekiter [146] vollständig schlugen, und sie würden dieselben gänzlich aufgerieben haben, wenn die hereinbrechende Nacht sie daran nicht gehindert hätte. 55 Unsere Vorfahren aber hatten einen glänzenden und erfolgreichen Sieg erfochten, denn abgesehen von der gänzlichen Niederwerfung ihrer Feinde jagten sie auch den ringsum wohnenden Völkerschaften grossen Schrecken ein und gewannen dazu noch, gleichsam als Lohn für ihre Anstrengung, eine sehr reiche Beute. Denn in dem Lager der Feinde fanden sie nach dessen Einnahme ungeheure Schätze, die sowohl für den allgemeinen als für den privaten Gebrauch verwendbar waren und ihnen bei ihrer grossen Not sehr zu statten kamen. 56 Die Vorteile dieses Kampfes traten aber nicht allein in der Gegenwart zu Tage, sondern liessen sich auch für die Zukunft erwarten. Denn abgesehen davon, dass sie die Feinde unter ihre Botmässigkeit brachten, beugten sie auch deren Mut und flössten durch den herrlichen Sieg über die Amalekiter auch den umliegenden Völkern gewaltigen Schrecken ein. Zudem vermehrten sie ihren Reichtum. 57 Denn der Feind hatte eine Menge Gold- und Silbergeschirr, eherne Gefässe zum Küchengebrauch, geprägtes Gold- und Silbergeld, Gewebe, kunstvolle Waffen und andere Kunst- und Ausrüstungsgegenstände, ausserdem viel Vieh und allerhand Gerät, das ein Heer auf dem Marsche zu gebrauchen pflegt, zurückgelassen. 58 Die Hebräer aber wurden sich auch infolge des Sieges ihrer Tapferkeit mehr bewusst und vertrauten mehr als bisher ihren Kräften und ihrer Ausdauer im Ertragen von Mühen. Ja, sie waren überzeugt, dass niemand mehr ihnen widerstehen könne. Einen so grossartigen Erfolg hatte dieser Kampf gezeitigt.

(5.) 59 Am folgenden Tage liess Moyses den gefallenen Feinden die Rüstungen ausziehen, die Waffen, welche die Flüchtigen von sich geworfen, sammeln und verteilte an die, welche sich besonders hervorgethan, Belohnungen. Den Jesus aber lobte er vor versammeltem Kriegsheere, das Zeuge seiner herrlichen Thaten gewesen war. Von den [147] Hebräern war niemand im Kampfe gefallen, von den Amalekitern dagegen so viele, dass sie kaum zu zählen waren. 60 Um nun Gott das schuldige Dankopfer darzubringen, errichtete Moyses einen Altar und rief Gott den Siegreichen an. Dann verkündete er, die Amalekiter müssten gänzlich vertilgt werden, weil sie die Hebräer ohne Veranlassung mit den Waffen angegriffen hätten und dazu noch in der Wüste, wo sie ohnehin in grosser Drangsal lebten. Zum Schlusse gab er dem gesamten Heere ein Freudenmahl. 61 Das war also der erste Krieg, den die Hebräer nach dem Auszug aus Aegypten gegen herausfordernde Feinde geführt haben. Nachdem nun das festliche Mahl, mit dem die Hebräer den Sieg feierten, zu Ende gegangen, liess Moyses sie einige Tage sich erholen und ruhen; dann aber führte er sie in geordnetem Zuge weiter. 62 Und da er eine grosse Zahl Schwerbewaffneter hatte, kam er nur langsam vorwärts und gelangte erst im dritten Monat nach dem Auszug aus Aegypten zum Berge Sinai, wo, wie ich früher erwähnt habe, das Wunderzeichen an der Brombeerstaude und andere Erscheinungen ihm begegnet waren.

Drittes Kapitel.
Wie Moyses seinen Schwiegervater Raguel (Jothor), der zu ihm an den Berg Sinai kommt, freudig empfängt.

63 Als Raguel, der Schwiegervater des Moyses, von dessen Kriegsthaten Kunde erhalten, machte er sich auf, um ihm Glück zu wünschen. Moyses, seine Gattin Sepphora und seine Söhne nahmen ihn freundlich auf und waren über seine Ankunft sehr erfreut. Und nachdem Moyses Gott ein Opfer dargebracht, bereitete er dem Volke ein Freudenmahl nicht weit von jener Brombeerstaude, welche vom Feuer verschont geblieben war. 64 Die Menge liess sich, nach Stämmen geordnet, an der Tafel nieder. Aaron aber und Raguel sangen mit den Ihrigen Gott Loblieder als dem Urheber und [148] Spender ihres Glückes und ihrer Freiheit, 65 und auch priesen alle ihren Führer, weil durch seine Tapferkeit alles sich ihnen nach Wunsch gestaltet habe. Endlich erteilte Raguel in seiner Danksagung an Moyses dem Volke viele Lobeserhebungen, den Moyses aber feierte er ganz besonders‚ weil er für seiner Freunde Errettung so grosse Tapferkeit in Beschwerden und Gefahren bewiesen habe.

Viertes Kapitel.
Wie Raguel dem Moyses riet, das Volk zu teilen und Befehlshaber über je tausend und je hundert Mann u. s.  w. zu setzen, und wie Moyses diesem Rat folgte.

(1.) 66 Am anderen Tage bemerkte Raguel, dass Moyses mit Geschäften zu sehr überlastet sei. Denn er schlichtete alle Streitigkeiten, so oft dies begehrt wurde; alle wandten sich an ihn, da sie kein Recht erlangen zu können meinten, wenn Moyses nicht Schiedsrichter sei. 67 Und auch diejenigen, die bei dem Spruch verloren, nahmen dies nicht übel, weil sie die Entscheidung als nach strengem Recht gefällt anerkannten. Doch schwieg Raguel zunächst dazu, weil er niemand hindern wollte, den Schiedsspruch des erlauchten Führers einzuholen. Als aber die Menge sich entfernt hatte, nahm er ihn mit sich und gab ihm, als sie allein waren, seine Meinung kund in betreff dessen, was zu geschehen habe. 68 Er riet ihm nämlich, die unerheblichen Sachen anderen zu überlassen, selbst aber nur die wichtigeren Geschäfte zu erledigen und so für das allgemeine Wohl zu sorgen. Denn es würden sich doch gewiss noch viele Hebräer finden, die zur Rechtsprechung geeignet wären; für das Wohl so vieler Tausenden aber zu sorgen, verstehe niemand als Moyses oder ein ihm Gleichstehender. 69 „Da du,“ sagte er, „wohl weisst, wie hoch du über den anderen stehst und wie viel du im Dienste Gottes für ihre Sicherheit und ihr Gedeihen gethan hast, so lass sie [149] die Entscheidung ihrer Händel anderen übertragen. Du aber widme dich nur dem Dienste Gottes, und du wirst auf diese Weise nicht weniger zum Heile und Besten des Volkes leisten. 70 Befolge also meinen Rat hinsichtlich der Verwaltung, lass das Heer sorgfältig schätzen und teile es in Abteilungen von je zehntausend, dann weiter in solche von je tausend, fünfhundert, hundert, fünfzig, dreissig, zwanzig und zehn Mann. 71 Über die einzelnen Abteilungen aber setze Vorgesetzte, die aus ihnen ausgewählt sind und nach der Zahl ihrer Untergebenen genannt werden. 72 Diejenigen, die beim Volke als tugendhafte und gerechte Männer gelten, sollen in Streitsachen Recht sprechen und wichtigere Sachen zur Entscheidung derjenigen bringen, die an Würde höher stehen. Wird aber auch diesen die Urteilsfällung zu schwer, so sollen sie die Sache an dich verweisen. So wird dem Volke sein Recht, und du kannst in eifrigem Dienste Gottes Wohlwollen noch mehr auf dasselbe herabrufen.“

(2.) 73 Moyses liess sich diesen Rat Raguels gern gefallen und ordnete alsbald alles so an. Doch nahm er die Erfindung der Einrichtung keineswegs für sich in Anspruch, vielmehr gab er dem Volke den Urheber derselben kund. 74 Auch in seinen Büchern gedenkt er ausdrücklich des Raguel als des Erfinders der vorgenannten Einrichtung; denn er hielt es für wohlgethan, die grossen Verdienste anderer gebührend ins Licht zu setzen, deren Anerkennung und Hervorhebung zudem rühmlich sei. Hieraus kann man schliessen, wie gross die Uneigennützigkeit des Moyses war, wovon ich auch an anderen Stellen dieser Schrift gelegentlich berichten werde.

[150]
Fünftes Kapitel.
Wie Moyses auf den Berg Sinai stieg, von Gott Gesetze erhielt und sie den Hebräern gab.

(1.) 75 Moyses aber berief das Volk zusammen und sagte ihm, er werde auf den Berg Sinai sich begeben, dort mit Gott verkehren und ihnen seine Aussprüche überbringen. Und er befahl ihnen, das Lager bei dem Berge Sinai aufzuschlagen, damit sie Gott so nahe als möglich seien. 76 Nach diesen Worten stieg er auf den Berg Sinai, welcher der höchste Berg jener Gegend und wegen seiner Höhe und steilen Abhänge nicht bloss unwegsam ist, sondern auch kaum ohne Ermüdung der Augen betrachtet werden kann. Nach allgemein verbreiteter Sage wohnte hier Gott, und deshalb flösse der Berg Schrecken ein und sei noch nie bestiegen worden. 77 Dem Befehle des Moyses zufolge schlugen nun die Hebräer ihr Lager am Fusse des Berges auf und waren froh und wohlgemut, da sie hofften, Moyses werde mit herrlichen Verheissungen von Gott zurückkehren. 78 Und in Erwartung seiner Rückkehr hielten sie Freudenmahle, beobachteten Reinigungsvorschriften, die Moyses ihnen gegeben, und enthielten sich nach seinem Befehle drei Tage hindurch des Umganges mit den Weibern. Zu Gott aber flehten sie, er möge den Moyses gnädig aufnehmen und ihm solche Gaben verleihen, die ihr Dasein glücklicher machen könnten. Auch nahmen sie reichlichere Nahrung zu sich und schmückten und putzten sich nebst ihren Weibern und Kindern.

(2.) 79 So verbrachten sie zwei Tage in festlicher Schmauserei. Am dritten Tage aber vor Sonnenaufgang überzog das ganze Lager der Hebräer eine Wolke, wie sie eine solche nie erblickt hatten, und erfüllte den ganzen Raum, wo ihre Zelte standen. 80 Und während im übrigen der Himmel heiter war, erhob sich plötzlich heftiger Sturm, reichlicher Regen stürzte vom Himmel, und schauerliche Blitze, gefolgt von heftigen Donnerschlägen, verkündeten die Gegenwart Gottes, der in seiner [151] Huld nahe war und des Moyses Begehren entgegennahm. 81 Doch mag das jeder Leser aufnehmen, wie ihm beliebt; ich glaube nur das mitteilen zu müssen, was in den heiligen Büchern geschrieben steht. Als nun die Hebräer dieses sahen und das schreckliche Getöse vernahmen, ergriff sie Zittern und Angst, 82 denn sie waren an solche Ereignisse nicht gewöhnt, und das Gerücht, Gott besuche häufig den Berg, erfüllte ihre Gemüter mit grossem Zagen. Sie hielten sich darum niedergeschlagen und bekümmert in ihren Zelten und fürchteten, Gott habe in seinem Zorn den Moyses vernichtet, und das Gleiche werde auch ihnen geschehen.

(3.) 83 Als sich die Hebräer nun so ängstigten, erschien plötzlich Moyses bei ihnen, fröhlich und erhaben anzuschauen. Und wie sie ihn erblickten, schwand ihre Furcht, und Hoffnung erfüllte sie, zumal da der Himmel sich aufheiterte und das Unwetter sich verzog, als Moyses angekommen war. 84 Dieser berief das Volk zusammen, um Gottes Befehle zu vernehmen. Und als es sich versammelt hatte, betrat er einen hervorragenden Ort, von wo seine Stimme allen vernehmlich war, und verkündete folgendes: „Gott hat mich, o Hebräer, mit demselben Wohlwollen aufgenommen wie früher, und er ist selbst jetzt in eurer Mitte gegenwärtig, um euch Mittel und Wege zu einem glücklichen Leben und einer guten Staatsverfassung zu zeigen. 85 Deshalb beschwöre ich euch bei ihm und seinen herrlichen Werken, meine Worte nicht zu verachten, indem ihr nur auf meine Person Rücksicht nehmt und darauf, dass nur eines Menschen Zunge also zu euch spricht. Erwägt vielmehr die Erhabenheit der Worte, und ihr werdet daran die Majestät dessen erkennen, der sie ausgedacht und sich herabgelassen hat, zu unserem Besten mit mir zu reden. 86 Denn nicht Moyses, der Sohn des Amaram und der Joachebed, giebt euch diese Gebote, sondern der, der durch seine Allmacht zum Zwecke eurer Errettung das Wasser des Nil blutig gemacht und den Übermut der Aegyptier durch mancherlei Plagen gedemütigt hat; der [152] euch einen Weg durch das Meer bereitete; der euch Speise vom Himmel sandte, als ihr hungrig, und reichliches Wasser aus dem Felsen sprudeln liess, als ihr durstig waret; 87 von dem Adam empfangen hat, was Erde und Meer erzeugt; der den Noë aus der Sintflut errettete und dem umherirrenden Abram das Land Chananaea schenkte; durch den Isak seinen Eltern noch in deren hohem Alter geboren wurde; der den Jakob mit zwölf tugendhaften Söhnen beschenkte und dem Joseph die Herrschaft über die Aegyptier verlieh – er giebt euch durch mich diese Gebote. 88 Diese sollen euch heilig sein und teurer als eure Weiber und Kinder. Wenn ihr sie beobachtet, werdet ihr glücklich sein, das Land wird euch Früchte tragen, das Meer von Stürmen nicht erregt werden; eure Kinder werden euch glücklich geboren werden, und ihr werdet euren Feinden ein Schrecken sein. Ich habe Gott gesehen und seine unsterbliche Stimme gehört: so sehr liegt ihm euer Geschlecht und dessen Erhaltung am Herzen.“

(4.) 89 Nachdem er so gesprochen, führte er das Volk mit Weibern und Kindern heran, damit sie selbst von Gott vernähmen‚ was sie zu thun hätten, und damit nicht die Glaubhaftigkeit der Worte dadurch Schaden litte, dass sie nur von menschlicher Zunge verkündigt und so ihr Ansehen beeinträchtigt würde. 90 Und es drang die Stimme aus der Höhe zu aller Ohren, sodass jeder die einzelnen Gebote deutlich vernehmen konnte, die Moyses auf zwei Tafeln aufgezeichnet hinterlassen hat. Doch ist es nicht notwendig, dass ich dieselben Wort für Wort wiedergebe, weshalb ich nur ihren Sinn hier darlegen will.

(5.) 91 Das erste Gebot lehrt uns, dass nur ein Gott ist, und dass er allein zu verehren sei; das zweite schreibt vor, dass man keines Tieres Bild anbeten darf; das dritte, dass man bei Gott nicht leichtfertig schwören darf; das vierte, dass man jeden siebenten Tag heilig halten und an ihm von aller Arbeit ruhen soll; 92 das fünfte, dass man die Eltern ehren soll; das sechste, dass man nicht töten soll; das siebente, dass man nicht ehebrechen [153] soll; das achte, dass man nicht stehlen soll; das neunte, dass man kein falsches Zeugnis ablegen soll; das zehnte, dass man kein fremdes Eigentum begehren soll.

(6.) 93 Als nun das Volk von Gott selbst das vernommen hatte, was Moyses ihm schon mitgeteilt hatte, empfand es eine grosse Freude und zerstreute sich wieder. In den folgenden Tagen aber kamen sie oft zu seinem Zelte und begehrten, dass er ihnen die von Gott gegebenen Gesetze verkünden möchte. 94 Moyses willfahrte ihnen und schrieb ihnen vor, was sie in jeder Lebenslage zu thun hätten; hiervon werde ich an geeigneter Stelle noch sprechen. Den grössten Teil der Gesetze aber werde ich mir für ein anderes Werk aufsparen, worin ich diese gesondert behandeln werde.

(7.) 95 Unter diesen Umständen ging Moyses wiederum auf den Berg Sinai, nachdem er den Hebräern seine Absicht mitgeteilt hatte; und sie sahen ihn den Berg besteigen. Und da er hier lange verweilte (er war vierzig Tage abwesend), fürchteten die Hebräer, es möchte ihm ein Unglück zugestossen sein; von allen Übeln aber, die sie schon erduldet, würde sie keines so hart getroffen haben, als wenn sie hätten überzeugt sein müssen, Moyses sei gestorben. 96 Man äusserte verschiedene Vermutungen. Die einen glaubten, er sei von wilden Tieren zerrissen worden; zu diesen gehörten meist diejenigen, die ihn hassten. Die anderen meinten, er sei zu Gott heimgegangen. 97 Die Klügeren aber, denen keine von beiden Ansichten gefiel, hielten es wohl für möglich, dass er von wilden Tieren zerrissen worden, und sogar seiner Tugend wegen für wahrscheinlich, dass Gott ihn zu sich genommen habe, waren aber doch über sein Geschick nicht in Sorge. 98 Dagegen waren sie ihrer selbst wegen in grosser Trauer darüber, dass sie einen Führer und Ratgeber verloren haben sollten, wie sie ihn niemals wieder zu bekommen hoffen konnten. Und wenn sie auch die Erwartung hegen konnten, es sei ihm nichts Übles widerfahren, so konnten sie sich doch nicht enthalten, [154] betrübt und traurig zu sein. Mit Rücksicht auf Moyses’ Befehl aber, dass sie hier bleiben sollten, wagten sie auch nicht weiterzuziehen.

(8.) 99 Als nun bereits vierzig Tage und Nächte verstrichen waren, erschien endlich Moyses, ohne irgend eine Nahrung zu sich genommen zu haben. Bei seinem Anblick ergriff Freude das ganze Heer, zumal er ihnen auseinandersetzte, wie sehr Gott um ihr Wohlergehen besorgt sei. Gott habe ihm, sagte er, gezeigt, wie sie ihre Verfassung einzurichten hätten, um gut und glücklich zu leben. 100 Auch verlange Gott, sie sollten ihm eine Hütte bauen, in die er herabsteigen wolle, so oft es ihn verlange, bei ihnen zu sein. Die Hütte sollten sie auch auf ihren Zügen mit sich führen, sodass es fürder nicht nötig sein werde, den Berg Sinai zu besteigen; vielmehr werde Gott selbst zu ihnen kommen, um ihre Gebete zu erhören. 101 Und es sollte die Hütte so gross und von solcher Gestalt werden, wie Gott selbst es ihm vorgeschrieben; sie sollten sich also ungesäumt ans Werk machen. Nach diesen Worten zeigte er ihnen die beiden Tafeln, auf denen die zehn Gebote geschrieben standen, fünf auf jeder. Die Schrift aber war von Gottes Hand geschrieben.

Sechstes Kapitel.
Von der Hütte, die Moyses Gott in der Wüste erbaute und weihte, damit sie die Stelle des Tempels vertrete.

(1.) 102 Die Hebräer, erfreut über das, was sie gesehen und von Moyses gehört hatten, liessen es an Fleiss und Eifer nicht fehlen und trugen herbei Silber, Gold und Erz, Holz von bester Qualität, das der Fäulnis nicht so leicht unterlag, Ziegen- und Schaffelle in blau, scharlachrot, weiss und purpur gefärbt, 103 Wollstoffe von denselben Farben, Byssusleinwand, Edelsteine, die man in Gold gefasst als Schmuck zu tragen pflegt, endlich allerlei Räucherwerk. Aus solchen Stoffen erbaute man die Hütte, die sich in nichts von einem tragbaren Tempel [155] unterschied. 104 Als alle in regem Wetteifer, viele auch über ihr Vermögen hinaus beigesteuert hatten, bestimmte Moyses auf Befehl Gottes Baumeister zu dem Werke, die besten, die das Volk selbst ausgewählt hätte, wenn ihm die Wahl überlassen worden wäre. 105 Ihre Namen, die in den heiligen Büchern aufgeschrieben stehen, waren Beseleël, Sohn des Urus aus dem Stamme Judas und Enkel der Mariamme, der Schwester des Moyses, und Eliab, Sohn des Isamach, aus dem Stamme Dan. 106 Das Volk aber unterstützte das Unternehmen mit solchem Eifer, dass Moyses ihnen Einhalt thun musste und verkündigen liess, es seien nach Ansicht der Baumeister keine weiteren Beiträge mehr nötig. So begann also der Bau der Hütte. 107 Moyses gab die einzelnen Masse an, wie Gott sie ihm mitgeteilt hatte, sowie die Grösse und Menge der zum Opferdienste erforderlichen Geräte. Auch die Frauen wetteiferten miteinander in der Anfertigung priesterlicher Gewänder und anderer Gegenstände, die zum Schmuck der Hütte und zum Gottesdienst bestimmt waren.

(2.) 108 Als nun alles in Bereitschaft war, Gold, Silber, Erz und Gewebe, verkündete Moyses einen Festtag und ordnete an, dass jeder nach Kräften ein Opfer bringen solle. Darauf begann der Bau der Hütte. Zuerst mass er den Vorhof ab, fünfzig Ellen breit, hundert Ellen lang, 109 und richtete eherne Pfeiler auf, fünf Ellen hoch, zwanzig Ellen in der Längsseite und zehn in der Breitseite messend; jeder der Pfeiler trug Ringe. Die Pfeilerkapitelle waren von Silber, die Fussgestelle von Gold und zugespitzt wie Lanzenspitzen; der in der Erde befestigte Teil der Pfeiler aber war von Erz. 110 Durch die Ringe waren Seile gezogen, die am Anfange an eherne Nägel von der Länge einer Elle festgebunden waren, über die einzelnen Pfeiler liefen und in den Erdboden befestigt wurden, um die Hütte gegen den Ansturm der Winde zu sichern. 111 An drei Seiten umgab diesen Raum ein Vorhang von feinstem Byssusleinen, der von den Pfeilerkapitellen bis zum Fussgestelle herabfloss [156] und sich scheinbar von einer Wand nicht unterschied. An der vierten Seite aber, der Vorderseite des ganzen Baues, der fünfzig Ellen mass, befand sich das Thor von zwanzig Ellen Öffnung, an dessen beiden Seiten Doppelpfeiler nach Art eines Einganges standen. 112 Diese waren ganz mit geglättetem Silber überzogen ausser den Füssen, die von Erz waren. An jeder Seite des Einganges aber standen drei Pfeiler, die in die hölzernen Thorhalter fest eingelassen waren, und an denen das Gewebe aus Byssusleinwand herabgeführt war. 113 Über das Thor, welches zwanzig Ellen in der Breite mass und fünf Ellen in der Höhe, war ein Vorhang aus Purpur und scharlachrotem Zeug mit blauem Stoff und Byssus durchwebt ausgebreitet der mancherlei Stickerei, jedoch mit Ausschluss von Tiergestalten, trug. 114 Innerhalb des Thores stand ein ehernes Wasserbecken mit einem Sockel von demselben Stoff, aus dem die Priester ihre Hände wuschen und ihre Füsse übergossen. So war die Einfriedigung des Vorhofes ausgestattet.

(3.) 115 Die Hütte selbst stellte er in dessen Mitte nach Osten gewendet, damit die aufgehende Sonne ihre Strahlen darauf sende. Ihre Länge betrug dreissig, ihre Breite zehn Ellen; eine der Seitenwände sah nach Süden, die andere nach Norden, und die Rückwand nach Westen. 116 Sie erhob sich zu derselben Höhe, wie sie breit war. An beiden Seiten hatte sie je zwanzig Bretter, viereckig geschnitten, eineinhalb Ellen breit und vier Finger dick. 117 Von aussen sowohl wie von innen waren sie mit goldenen Platten beschlagen. An den einzelnen Brettern befanden sich je zwei Zapfen an den Fussenden, die von Silber waren und in entsprechende Löcher passten. 118 Die Westwand aber hatte sechs Bretter, welche alle aneinander passten und fest verbunden waren, sodass man die Fugen nicht bemerkte und das Ganze eine einzige Wand zu bilden schien. Von innen und aussen war sie mit Goldblech überzogen. 119 Die beiden Seitenwände hatten, wie gesagt, je zwanzig Bretter, jedes eineinhalb Ellen breit und vier Finger dick, sodass damit die dreissig Ellen ausgefüllt [157] waren. An der Hinterwand, die aus sechs Brettern von zusammen neun Ellen bestand, fügte man noch zwei Bretter von je einer halben Elle hinzu, welche die Ecken einnahmen und wie die grossen Bretter ausgestattet waren. 120 Die einzelnen Bretter aber hatten goldene Ringe‚ die nach vorn herausragten und in genauer Ordnung einander entsprachen. Durch die Ringe gingen vergoldete Riegel, jeder fünf Ellen lang, die die Bretter zusammenhielten, indem immer der eine mit dem anderen durch kunstgerechte Schraubenwirbel verbunden war. 121 An der Hinterwand aber ging durch alle Bretter eine einzige Stange, in welche auch die Riegel der Seitenwände eingriffen, sodass alles fest miteinander verbunden war. Auf diese Weise war dafür gesorgt, dass die Hütte gegen die Gewalt der Winde oder irgend einen anderen Anprall gesichert war und unbeweglich feststand.

(4.) 122 Im Inneren war die Hütte der Länge nach in drei Teile geteilt. Zehn Ellen vom Ende ab standen, wenig voneinander entfernt, vier Säulen, in derselben Ausstattung und von demselben Stoff wie die anderen und auf ähnlichen Fussgestellen ruhend. Der hinter diesen Säulen befindliche Raum war das Allerheiligste; der übrige Raum der Hütte war den Priestern zugänglich. 123 Diese Einteilung der Hütte sollte gleichsam das ganze Weltall darstellen. Denn das hinter den vier Säulen liegende Drittel, welches auch die Priester nicht betreten durften, war ein Bild des Himmels. Der zwanzig Ellen lange Raum, der nur den Priestern zugänglich war, war gleichsam Land und Meer, welches den Menschen freigegeben ist. 124 Vorn aber am Eingang standen fünf Säulen auf ehernen Fussgestellen. Die Hütte bedeckte man mit Teppichen, die aus Byssus‚ Purpur, blauen und scharlachroten Stoffen zusammengewirkt waren. 125 Der erste Teppich mass zehn Ellen im Geviert und ruhte auf den Säulen, welche, quer durch die Hütte angeordnet, das Allerheiligste abgetrennt hielten, das jedem Anblick entzogen war. Die ganze Hütte hiess das Heilige, der durch die vier Säulen abgeschlossene Raum das Allerheiligste. [158] 126 Der Vorhang des letzteren war schön verziert mit allerlei Blumen, welche der Erde entspriessen, und mit allem anderen durchwebt, was zum Schmucke dienen kann, mit Ausnahme von Tiergestalten. 127 Der andere Teppich aber, dem ersten an Grösse, Webart und Farbe ähnlich, bedeckte die fünf Säulen am Eingang; am oberen Ende jeder Säule mit Ringen befestigt, hing er nur bis zur Mitte der Säulen herab. Der übrige Raum war den Priestern zugänglich. 128 Vor ihm war ein Vorhang von Linnen in gleicher Grösse ausgebreitet, der durch Schnüre auseinander gezogen werden konnte, welche durch Ringe liefen, sodass man ihn schliessen und öffnen konnte. Im letzteren Falle gestattete er den Einblick ins Heiligtum, wie es an Festtagen zu geschehen pflegte. 129 An anderen Tagen aber und besonders bei Regenwetter diente er als Decke für den buntfarbigen Vorhang. Daher stammt der Gebrauch, auch an dem später erbauten Tempel die Eingänge mit leinenen Vorhängen zu verhüllen. 130 Ausserdem gab es noch zehn Decken von vier Ellen Breite und achtundzwanzig Ellen Länge, welche durch goldene Haken und Ösen so verbunden werden konnten, dass sie einen einzigen Teppich zu bilden schienen. Diesen breitete man oben über die Hütte aus, sodass er beide Seitenwände und die Rückwand bedeckte und bis auf Fussbreite an die Erde herabreichte. 131 Ferner hatte man noch elf weitere Teppiche, ebenso breit, aber länger als die vorhin erwähnten, denn sie massen dreissig Ellen. Sie waren aus Haaren gewebt, aber ebenso fein wie die von Wolle, und hingen am Eingang bis zur Erde herab. So bildeten sie eine Art Giebel, wozu namentlich der elfte Teppich verwendet wurde. 132 Darüber waren wieder aus Häuten verfertigte Teppiche gezogen, welche ebenfalls buntfarbig waren und Schutz gegen Hitze und Regen gewähren sollten. Wer das Ganze von ferne sah, geriet in Erstaunen; denn die Farben schimmerten so herrlich, dass man den Himmel selbst zu sehen vermeinen konnte. 133 Die aus Haaren und Häuten verfertigten Decken hingen wie ein Vorhang über die Thür [159] der Hütte herunter und hielten Sonnenbrand und Regen ab. So war die Hütte beschaffen.

(5.) 134 Man verfertigte ferner eine Lade aus starkem und fäulnisfreiem Holze, um sie Gott zu weihen. Diese Holzart heisst in unserer Muttersprache Eron. Die Lade war folgendermassen eingerichtet. 135 Sie war fünf Spannen lang und drei Spannen hoch und breit. Von innen und aussen war sie ganz mit Gold bekleidet, sodass man das Holz nirgends sehen konnte. Der Deckel aber war kunstvoll aus goldenen Platten zusammengefügt und so befestigt, dass er nirgends vorstand und überall gleichmässig passte. 136 An den beiden Längsseiten trug die Lade zwei goldene Ringe, die durch das ganze Holz gingen. Durch diese Ringe waren vergoldete Stangen gezogen, sodass die Lade, so oft dies erforderlich war, von einem zum anderen Ort getragen werden konnte. Denn man fuhr sie nicht auf Wagen, sondern die Priester trugen sie. 137 Auf ihrem Deckel waren zwei Bilder angebracht, von den Hebräern Cherubim genannt, das sind geflügelte Tiere, wie sie nie ein Sterblicher lebendig gesehen hatte. Moyses sagte, er habe sie am Throne Gottes dargestellt gesehen. 138 In diese Lade legte er die beiden Tafeln, auf denen die zehn Gebote geschrieben standen, fünf auf jeder Tafel und zwei und ein halbes auf jeder Seite. Die Lade selbst aber setzte er ins Allerheiligste.

(6.) 139 In das den Priestern zugängliche Heiligtum setzte er einen Tisch ähnlich dem delphischen, der zwei Ellen lang, eine Elle breit und drei Spannen hoch war. Seine Füsse waren von unten auf zur Hälfte fein ausgearbeitet, wie die Dorier sie zu ihren Betten verwenden. Der obere Teil aber nach der Platte zu war vierkantig. 140 Die Platte selbst war an jeder Seite etwa in einer Breite von vier Fingern ausgekehlt und rings von einer oben und unten vorstehenden Leiste umgeben. An jedem Fuss befand sich ein Ring dicht unter der Platte; durch die Ringe waren Stangen von kostbarem Holz gezogen, die mit Gold überkleidet waren und nicht fortgenommen werden konnten. 141 Denn an der Stelle, wo die Ringe an [160] dem Tisch sassen, war eine Aushöhlung, und die Stangen gingen nicht ganz durch, sondern endeten in zwei Spitzen, von denen die eine in die vorstehende Tischplatte, die andere in den Fuss eingelassen war. An diesen Stangen wurde der Tisch getragen. 142 Auf den Tisch, der im Heiligtum gegen Norden nicht weit vom Allerheiligsten stand, wurden zwölf ungesäuerte Brote gelegt und zwar in zwei Reihen zu je sechs Broten; die Brote waren bereitet aus zwei Assaron vom reinsten Mehl (ein Assaron sind sieben attische Kotylen[2]). 143 Auf die Brote setzte man zwei goldene Schalen voll Weihrauch. Nach sieben Tagen wurden an dem Feste, das wir Sabbat nennen, andere Brote aufgelegt. Den Grund dieses Gebrauches werde ich an anderem Orte mitteilen.

(7.) 144 Dem Tische gegenüber nahe der südlichen Wand stand ein Leuchter von eitel Gold, hundert Minen[3] schwer (was bei den Hebräern Kinchar, bei den Griechen Talent bedeutet). 145 Er war aus kleinen Kugeln, Lilien, Granatäpfeln und Kelchen, im ganzen siebzig an der Zahl, aus einem einzigen Fuss heraus in die Höhe gearbeitet und teilte sich in so viele Arme, als Planeten sind einschliesslich der Sonne. 146 Er ging nämlich in sieben Spitzen aus, die in gleichen Abständen von einander sich befanden und in einer Reihe standen. Auf denselben leuchteten sieben Lampen, ebenfalls so viele als Planeten sind, und sie sahen gegen Osten und Süden, da der Leuchter schräg stand.

(8.) 147 In der Mitte zwischen dem Leuchter und dem Tische stand ein Rauchaltar, wie die früher erwähnten Geräte aus nicht faulendem Holz und mit einer starken Platte überzogen, eine Elle im Gevierte breit und zwei Ellen hoch. 148 Auf ihm befand sich ein kleiner Kessel, der ringsum einen goldenen Kranz trug; der Altar aber war mit Ringen und Stangen versehen, an denen er von [161] den Priestern getragen werden konnte. 149 Vor der Thür der Hütte stand ein eherner Altar, dessen Untersatz von Holz war. Derselbe war auf jeder Seite fünf Ellen lang, ebenso viele Ellen breit und drei Ellen hoch, mit ehernen Platten überzogen und wie der goldene Altar verziert. Den Herd des Altars bildete ein netzförmiges Flechtwerk, und da der Untersatz nicht unter dem ganzen Altar herging, fielen die glühenden Kohlen durch dieses Flechtwerk zur Erde nieder. 150 Dem Altar gegenüber standen noch Schalen, Pfannen, Rauchfässer und Becken, alle von Gold; alle übrigen gottesdienstlichen Geräte waren von Erz. Also war die Hütte mit ihrem Zubehör eingerichtet.

Siebentes Kapitel.
Von der Kleidung der Priester und des Hohepriesters.

(1.) 151 Es wurden nun Gewänder für die Priester angefertigt, sowohl für alle anderen, die Chanaeae heissen, als auch für den Hohepriester, den man Anarabeches, das heisst „Oberster Priester“ nennt. Die Kleidung der gewöhnlichen Priester war folgende: 152 Wenn der Priester zum heiligen Dienste schreitet, gereinigt nach den Vorschriften des Gesetzes, „so zieht er zuerst das Mennachasen an, das heisst so viel als „Leibschurz.“ Es ist nämlich ein Schurz aus feinem Byssusgewebe, der um die Schamgegend gelegt wird, und in den man wie in Beinkleider hineintritt. Es reicht von der Mitte des Körpers bis zu den Hüften und wird hier mit besonderen Bändern festgeknüpft.

(2.) 153 Darüber zieht er einen leinenen Leibrock an aus doppeltem Byssusgeflecht, Chetomene genannt, das heisst „Leinen“, denn wir nennen den Flachs Chethon. Dieses Kleidungsstück ist ein Unterkleid, das bis zu den Knöcheln reicht, dem Körper fest anliegt und enge Ärmel hat. 154 Unter den Achseln wird es umgürtet von einem vier Finger breiten Bande, das von sehr feinem [162] Gewebe ist und der Schlangenhaut ähnlich sieht. In dasselbe sind Blumen aus Purpur, Scharlach, Hyacinth und Byssus eingewebt; der Einschlag aber ist nur von Byssus. 155 Von der Brustgegend an, um welche es einigemal geschlungen und geknüpft ist, wallt es herab bis zu den Knöcheln, so lange der Priester noch nicht mit dem heiligen Dienst beschäftigt ist; denn er trägt es gleichsam als Schmuck. Sobald er aber opfern und den Altardienst versehen muss, wirft er es, um nicht von ihm behindert zu sein, über seine linke Schulter. 156 Dieses Band nennt Moyses Abaneth; wir aber nennen es nach den Babyloniern Emian, denn so heisst es bei diesen. Der Leibrock hat nirgends einen Busen, aber am Hals eine weite Öffnung, und er wird mit Schnüren, welche vorn und hinten vom Saum herunterhängen, über beiden Schultern befestigt. Er wird Massabazanes genannt.

(3.) 157 Auf dem Kopfe trägt der Priester einen runden Turban, der nicht das ganze Haupt, sondern etwas mehr als die Hälfte davon bedeckt. Er heisst Masnaëmphthes, da er wie ein Kranz aussieht und aus Leinen nach Art einer dicken Binde zusammengedreht ist. Auch wird er am Rande oft gefaltet und gesteppt. 158 Über diesen Kopfbund wird ein Tuch befestigt, das bis zur Stirn herabhängt; es verbirgt die Nähte und das Unschöne der Binde und liegt dicht am Kopfe an. Auch wird es gut befestigt, damit es nicht während des Opferdienstes zufällig herabgleitet. Das ist die Kleidung der gewöhnlichen Priester.

(4.) 159 Der Hohepriester ist auf dieselbe Weise geschmückt, insofern als von den genannten Kleidungsstücken keines bei ihm fehlt. Darüber aber zieht er einen Rock aus Hyacinth an, der ein lang herabwallendes Gewand ist und in unserer Sprache Meeir heisst. Er wird von einem Gürtel umgeben, der dieselben Farben wie das oben erwähnte Band zeigt, aber noch dazu mit Gold gestickt ist. 160 Am unteren Saum des Rockes hängen Fransen, die wie Granatäpfel aussehen und zwischen denen goldene Glöckchen sehr zierlich angebracht sind, sodass zwischen je zwei Glöckchen ein Granatapfel und zwischen je [163] zwei Granatäpfeln ein Glöckchen hängt. 161 Der Rock besteht nicht aus zwei Stücken und hat also keine Nähte auf den Schultern und in der Seite, sondern er ist aus einem einzigen Faden gewebt; am Halse aber hat er eine Öffnung nicht der Quere nach, sondern einen Schlitz der Länge nach, der von der Brust bis zum Rücken zwischen die Schulterblätter reicht und von einer Borte eingefasst ist, damit man das Unschöne des Schlitzes nicht sieht. Ebenso ist die Öffnung des Rockes an den Stellen, wo die Hände herauskommen.

(5.) 162 Über diese Kleider zieht er noch ein drittes an, Ephud genannt, dem griechischen Schultermantel ähnlich, das so beschaffen ist: Es wird in der Länge einer Elle aus verschiedenfarbigen Stoffen und Gold zusammengewirkt, reicht bis zur Mitte der Brust, ist mit Ärmeln versehen und hat die Gestalt eines Unterkleides. 163 Die Lücke, welche dieses Kleidungsstück lässt, ist von einem handbreiten Latz ausgefüllt, der in denselben Farben und Gold wie das Ephud gewebt ist. Dieser heisst Essenes, was im Griechischen Logion, das ist „Orakel“, bedeutet, 164 und füllt genau die leere Stelle am Ephud vorn auf der Brust aus. Dem Ephud ist er durch goldene Ringe an jeder Ecke angeheftet, denen gleiche Ringe am Ephud entsprechen; zur Verbindung der Ringe untereinander dient ein hyacinthenes Band. 165 Damit übrigens an den Ringen keine freie Stelle durchscheine, sind dieselben mit hyacinthenen Streifen unterlegt. Dieser Schultermantel wird auf den Schultern von zwei Sardonyxen festgehalten, welche an jeder Seite einen goldenen Ansatz haben, damit sie als Agraffe dienen können. 166 In diese Steine sind mit hebraeischen Buchstaben die Namen der Söhne Jakobs eingraviert‚ sechs auf jedem Steine, und die Namen der älteren auf der rechten Schulter. Auch der Brustlatz ist mit zwölf grossen und prächtigen Edelsteinen geschmückt, einem so kostbaren Schmuck wie die wenigsten Menschen ihn besitzen können. 167 Diese Steine sind zu je drei in vier Reihen fest in den Stoff eingewebt; überdies sind sie [164] in Gold gefasst, welches spiralig mit dem Gewebe genau verbunden ist, damit sie nicht herausfallen können. 168 In der ersten Reihe stehen ein Sardonyx, ein Topas und ein Smaragd; in der zweiten ein Granat, Jaspis und Saphir; in der dritten ein Zirkon, Amethyst und Achat; in der vierten ein Chrysolith, Onyx und Beryll. 169 Auf jedem Stein steht der Name eines der Söhne Jakobs eingraviert, die wir für die Stammväter der einzelnen Stämme halten, in der Ordnung, in der sie der Zeit nach geboren sind. 170 Da aber die Goldringelchen zu schwach sind, um das Gewicht der Edelsteine zu tragen, so fügte man noch zwei grössere oben an dem Brustlatz hinzu, in welche kunstvolle Ketten eingreifen, die oben auf der Schulter durch goldene Spangen von durchbrochener Arbeit zusammengehalten werden. Die Enden dieser Ketten laufen über den Rücken und greifen in einen Ring am Saume des Ephud, wodurch der Brustlatz unbeweglich festgehalten wird. 171 An den Brustlatz schliesst sich ein Gürtel, in den erwähnten Farben und in Gold gestickt, der rund um den Leib geht, auf der Nahtstelle in eine Schleife verschlungen ist und dann frei herabfällt. An seinen beiden Enden sind Fransen angebracht, die von goldenen Röhrchen umschlossen sind.

(6.) 172 Der Kopfbund des Hohepriesters gleicht dem der übrigen Priester; über demselben trägt er aber noch einen anderen, der aus Hyacinth verfertigt ist. Die Stirn umgiebt eine goldene dreifache Krone, aus welcher goldene Knospen hervorragen, ähnlich denen, die an dem bei uns Sacchar, bei den pflanzenkundigen Griechen Hyoscyamus genannten Kraute sitzen. 173 Für diejenigen, die diese Pflanze wohl oft gesehen, ihre Beschaffenheit aber nicht behalten haben, weil sie ihren Namen nicht kennen, ferner für diejenigen, die ihren Namen wohl kennen, sie aber noch nicht gesehen haben, will ich eine Beschreibung derselben beifügen. 174 Die Pflanze wird oft über drei Spannen hoch, hat eine Wurzel wie eine Rübe (wenigstens kann sie hiermit am besten verglichen werden) und Blätter wie die des Senfes. Aus ihren Zweigen [165] entspringen Knospen, die fest an diesen sitzen und von einer Haut umschlossen sind, welche sie ablegen, sobald die Frucht hervorkommt. 175 Die Knospe hat die Grösse eines Gelenkendes vom kleinen Finger und gleicht einem Becher, was ich für diejenigen, die keine Kenntnis davon haben, noch näher erklären will. Die Knospe ist nämlich unten wie eine Halbkugel gestaltet und rundet sich schon vom Stengel aus, dann verengert sie sich allmählich und wird hübsch ausgehöhlt; hierauf erweitert sie sich wieder und hat Einkerbungen in den Lippen, wie sie die Mitte eines Granatapfels aufweist. 176 Dazu kommt noch eine Hülle, welche genau wie eine gedrechselte Halbkugel aussieht, in die Einkerbungen eingeschlossen ist, die ich oben erwähnt habe, und endlich in dornige und gespitzte Zacken ausläuft. 177 Unter dieser Hülle der ganzen Knospe verbirgt sich die Frucht, die dem Samen der Pflanze Sideritis sehr ähnlich ist. Die Blüte ist den knisternden Blättern des Mohns vergleichbar. 178 Dieser Pflanze also ist die Krone nachgebildet, die Schläfen und Hinterhaupt des Hohepriesters umgiebt; vorn an der Stirn nämlich hat sie keine Knospen, sondern eine goldene Platte, auf der in heiligen Schriftzeichen der Name Gottes eingraviert steht. Das war der Ornat des Hohepriesters.

(7.) 179 Es ist wunderlich, dass unser Volk fortwährend gehässig angegriffen wird, als ob wir die Gottheit, die unsere Feinde feierlich verehren, mit geringerer Verehrung behandelten. 180 Denn wenn jemand den Bau der Hütte, die priesterlichen Gewänder und die gottesdienstlichen Geräte betrachtet, wird er gewiss die Überzeugung gewinnen, dass unser Gesetzgeber ein gottgesandter Mann gewesen ist, und dass uns ganz mit Unrecht der Vorwurf der Gottlosigkeit gemacht wird. Und wer vorurteilsfrei und mit Überlegung nachdenkt, wird finden, dass jeder unserer gottesdienstlichen Gegenstände im Weltall seinesgleichen hat. 181 Denn die 30 Ellen lange Hütte ist in drei Abteilungen geteilt, von denen die zwei den Priestern zugänglichen das Land und das Meer [166] vorstellen, das allen Menschen freigegeben ist. Die dritte Abteilung dagegen, die Gott allein vorbehalten ist, bedeutet den Himmel, der den Menschen unzugänglich ist. 182 Die zwölf Brote aber, die auf dem Tische liegen, entsprechen den zwölf Monaten des Jahres. Der aus siebzig Teilen bestehende Leuchter bedeutet die Zeichen, durch welche die Planeten gehen, und seine sieben Lampen die Planeten selbst. 183 Die aus vier Stoffen gewebten Vorhänge bezeichnen die Natur der Elemente; der Byssus nämlich entspricht der Erde, aus der der Flachs hervorwächst, der Purpur dem Meer, das vom Blut der Fische gefärbt ist, der Hyacinth der Luft, und der Scharlach dem Feuer. 184 Ebenso bedeutet das Gewand des Hohepriesters, weil es von Leinen ist, die Erde‚ der Hyacinth aber den Himmel. Die Granatäpfel bedeuten den Blitz, der Schall der Glocken den Donner. Das Ephud, das aus vier Stoffen gewebt ist und unter dem Auge Gottes steht, zeigt die ganze Natur an, und das ihm beigewirkte Gold bedeutet nach meinem Dafürhalten den Lichtglanz‚ der alles überstrahlt. 185 Der Brustlatz in der Mitte des Ephuds entspricht gleichfalls der Erde, die in der Mitte der Welt gelegen ist, der Gürtel aber dem Ocean, der die ganze Erde umfliesst. Sonne und Mond bedeuten die beiden Sardonyxe auf den Schultern, die hier das Gewand des Hohepriesters zusammenheften. 186 Die zwölf Edelsteine aber kann man mit den zwölf Monaten vergleichen, oder auch den zwölf Sternbildern in dem Kreise, den die Griechen Zodiakus nennen. Der Kopfbund endlich scheint mir ein Bild des Himmels zu sein, da er von Hyacinth ist (er könnte sonst den Namen Gottes nicht an sich tragen), 187 und eine leuchtende goldene Krone sich an ihm befindet, entsprechend dem Glanze, der Gott umgiebt. Diese Erklärungen mögen vorläufig genügen; später werde ich noch auf vieles zurückkommen, das geeignet ist, die Weisheit unseres Gesetzgebers zu beleuchten.

[167]
Achtes Kapitel.
Vom Priestertum Aarons.

(1.) 188 Als nun die Hütte vollendet war, erschien Gott, bevor die Weihgeschenke geheiligt wurden, dem Moyses und befahl ihm, das Priestertum seinem Bruder Aaron zu übertragen, der wegen seiner Tugend dieser Ehre am meisten würdig sei. Darauf berief Moyses das Volk zusammen und stellte ihm die Tugend und Herzensgüte Aarons sowie die Gefahren vor, die er schon für ihr Heil bestanden habe. 189 Und da alle dem beipflichteten und seinen grossen Eifer anerkannten, fuhr Moyses also fort: „Ihr Männer von Israël, vollendet ist nun das Werk nach unseren besten Kräften und zu Gottes Wohlgefallen. Da jedoch die Hütte Gottes Wohnung sein soll, so müssen wir uns vor allem nach einem Priester umsehen, der den Opferdienst versehen und Gebete für uns darbringen soll. 190 Wenn ich die Entscheidung zu treffen hätte, so würde ich mich selbst dieser Ehre nicht für unwert halten, da uns die Liebe zu uns selbst von Natur aus eingepflanzt ist, und ich mir auch bewusst bin, was ich für euer Wohl schon gelitten habe. Nun aber hat Gott den Aaron dieser Ehre wert erachtet und ihn zum Priestertum berufen, da er niemand von euch kennt, der sich hierzu mehr eignete. 191 Dieser wird also das gottgeweihte Kleid tragen, die Sorge für den Altar und den Opferdienst übernehmen und Gebete für euch zu Gott senden, der sie bereitwillig erhören wird teils um seiner Fürsorge willen, die er für uns trägt, teils weil er sie gern von dem entgegennehmen wird, den er selbst sich erwählt hat.“ 192 Den Hebräern gefiel diese Rede, und sie stimmten der Wahl, die Gott getroffen, zu. Denn Aaron verdiente diese Würde am ehesten von allen sowohl seiner Abstammung wegen, als auch um seiner Prophetengabe und der Tugenden seines Bruders willen. Zu jener Zeit hatte er vier Söhne: Nabad‚ Abiu, Eleazar und Ithamar.

[168] (2.) 193 Was nun von den Mitteln zum Bau der Hütte noch übrig war, hiess Moyses zu Decken für die Hütte selbst, den Leuchter, den Rauchaltar und die übrigen Geräte verwenden, damit diese auf der Reise von Regen und Staub verschont blieben. 194 Darauf berief er das Volk wiederum zusammen und befahl, dass jeder einen halben Sekel[4] beisteuern solle. 195 Der Sekel ist eine hebraeische Münze, die so viel gilt als vier attische Drachmen. 196 Diesem Befehl kamen sie pünktlich nach, und es entrichteten die Steuer sechshundertfünftausendfünfhundertundfünfzig Personen, nämlich die Freigeborenen vom zwanzigsten bis zum fünfzigsten Jahre. Alles, was zusammengebracht wurde, wurde zum Besten der Hütte verwendet.

(3.) 197 Hierauf weihte Moyses die Hütte und die Priester, indem er sie folgendermassen der Reinigung unterwarf. Er liess fünfhundert Sekel[5] ausgelesene Myrrhe und ebensoviel Iris, halb so viel Zimmet und Kalmus (ebenfalls eine Art Gewürz) zerschneiden und zerstossen, damit ein Hin Olivenöl (Hin ist ein hebraeisches Mass gleich zwei attischen Choë) mischen, es nach Art der Salbenbereiter abkochen und eine wohlriechende Salbe daraus verfertigen. 198 Damit salbte Moyses die Priester selbst und die ganze Hütte und weihte sie so. Auch anderes kostbares Räucherwerk trug man herbei, um es auf dem goldenen Rauchaltar verdunsten zu lassen. Doch will ich mich über dessen Beschaffenheit nicht weiter auslassen, um den Leser nicht zu ermüden. 199 Zweimal täglich, vor Sonnenaufgang und gegen Sonnenuntergang, sollte man räuchern, und das gereinigte Öl in den Lampen sollte man nicht ausgehen lassen. Drei von den Lampen brannten den ganzen Tag auf dem heiligen Leuchter zu Gottes Ehre, die übrigen wurden gegen Abend angezündet.

[169] (4.) 200 Als nun alles besorgt und vollendet war, ernteten die Baumeister Beseleël und Eliab grosses Lob. Denn sie hatten nicht nur frühere Erfindungen in verbesserter Form angewendet, sondern auch selbst manches in geistreicher Weise erdacht und ausgeführt, was sonst unbekannt war. Beseleël aber galt als der tüchtigste von beiden. 201 Zum Bau wurde im ganzen eine Zeit von sieben Monaten gebraucht, und damit war das erste Jahr seit dem Auszug aus Aegypten zu Ende. Und im Anfang des zweiten Jahres, im Monat Xanthikos der Macedonier, den die Hebräer Nisan nennen, wurde zur Zeit des Neumondes die Hütte nebst allen von mir erwähnten Geräten geweiht.

(5.) 202 Gott aber zeigte sein Wohlgefallen an dem Werk der Hebräer, indem er sich in die Hütte niederliess und sie würdigte, seine Wohnstätte zu sein. So hatten die Hebräer reiche Genugthuung für ihre Arbeit. Seine Anwesenheit aber gab Gott auf folgende Weise kund. 203 Bei sonst hellem und heiterem Himmel lagerte sich bloss über die Hütte ein Nebel, der zwar nicht so dicht war, wie man ihn im Winter wahrnahm, aber auch nicht so leicht und fein, dass man hindurchsehen konnte. Aus dem Nebel fiel ein lieblicher Tau als Wahrzeichen der Anwesenheit Gottes für alle die, die nach ihr verlangten und daran glaubten.

(6.) 204 Nachdem nun Moyses den Künstlern, die den Bau so zierlich hergestellt, würdige Belohnungen gegeben hatte, schlachtete er im Vorhof der Hütte nach Gottes Vorschrift einen Stier, einen Widder und einen Bock als Sühnopfer. 205 Über die einzelnen Ceremonien des Opferdienstes und darüber, welche Opfertiere man ganz verbrennen musste und von welchen man einen Teil geniessen durfte, werde ich reden, sobald ich über die Opfer überhaupt mich verbreiten werde. Hierauf besprengte er mit dem Blute der Opfertiere die Kleidung Aarons, ihn selbst und seine Söhne, reinigte sie mit Brunnenwasser und salbte sie mit Öl, auf dass sie Gott geheiligt würden. 206 So behandelte er sieben Tage lang [170] sie selbst und ihre Kleider, und ebenso weihte er die Hütte und ihre Geräte mit der oben erwähnten Salbe aus Räucherwerk und mit dem Blute der Stiere, Widder und Böcke, die jeden Tag geschlachtet wurden. Am achten Tage aber sagte er dem Volke einen Festtag an und gebot, dass jeder nach seinem Vermögen opfern solle. 207 Und sie befolgten das Gebot und suchten in regem Wetteifer einander in den Opfergaben zu übertreffen. Als nun die Opfertiere auf den Altar gelegt waren, entstand auf diesem plötzlich von selbst Feuer‚ und eine Flamme ähnlich dem Zucken des Blitzes verzehrte alles, was auf dem Altar lag.

(7.) 208 Gleich nach diesem Wunder traf den Aaron ein grosses Unglück, welches ihn als Mensch und als Vater gleich schmerzlich berührte, das er aber dennoch tapfer ertrug, da er starkmütig und von dem Glauben durchdrungen war, es sei nicht ohne den Willen Gottes geschehen. 209 Seine beiden ältesten Söhne nämlich, Nabad und Abiu, brachten zum Altar Räucherwerk, welches Moyses verboten hatte, denn sie hatten sich desselben schon früher bedient. Da schlug plötzlich Feuer gegen sie, welches ihnen Brust und Angesicht verbrannte und von niemand gelöscht werden konnte. 210 Und so starben sie den Feuertod. Moyses aber befahl ihrem Vater und ihren Brüdern, sie sollten die Leichen aus dem Lager tragen und sie prächtig bestatten. Das ganze Volk nun betrauerte sie und war über ihren Tod sehr verstimmt; 211 den Brüdern aber und dem Vater gebot Moyses, von der Trauer Abstand zu nehmen und die Ehre Gottes ihrer Betrübnis überzuordnen. Denn Aaron trug schon das heilige Gewand.

(8.) 212 Moyses aber wies alle Ehren zurück, die das Volk ihm erweisen wollte, und widmete sich ausschliesslich dem Dienste Gottes. Auch stieg er nicht mehr auf den Berg Sinai, sondern ging in die Hütte, wenn er Gott um Rat fragen wollte. Er benahm sich wie ein einfacher Mann und wollte auch in allem dem Volk gleichen und sich nur dadurch von anderen unterscheiden, [171] dass er unablässig für des Volkes Wohlfahrt sorgte. 213 Ausserdem gab er dem Volke Lebensregeln und Gesetze, durch deren Beobachtung es Gottes Wohlgefallen bewahren und ein sündenfreies Leben führen könne. Gott selbst gab dazu dem Moyses den Auftrag. Nunmehr will ich mich zur Wiedergabe dieser Lebensregeln und Gesetze wenden.

(9.) 214 Zuerst jedoch will ich noch einiges auf die priesterliche Kleidung Bezügliche erwähnen, das ich früher übergangen habe. Denn Gott wollte jede Gelegenheit zu Betrug mit Prophezeiungen und Gaukeleien unmöglich machen, falls jemand sich verleiten lassen sollte, das ihm von Gott verliehene Ansehen zu missbrauchen. Die Entscheidung nämlich darüber, ob er beim Opfer zugegen sein wolle oder nicht, behielt Gott sich selbst vor, und es sollte dies nicht nur den Hebräern, sondern auch etwa zufällig anwesenden Fremdlingen mitgeteilt werden. 215 War nun Gott beim Opfer zugegen, so leuchteten die Steine, die, wie oben gesagt, der Hohepriester auf der Schulter trug (bekanntlich waren es Sardonyxe, über deren Natur ich wohl nichts zu bemerken brauche, da sie allgemein bekannt sind), hell auf; namentlich der auf der rechten Schulter befindliche, der eine Spange bildete, schimmerte blitzartig, obgleich er doch vorher keinen Glanz gezeigt hatte. 216 Diese Erscheinung wird gewiss bei allen Bewunderung erregen, die nicht, aufgeblasen von ihrer eigenen Weisheit, alle Religion verachten. Doch noch weit wunderbarer ist das, was ich jetzt berichten will. Denn durch die zwölf Steine, die der Hohepriester auf dem Brustlatz angenäht trug, verkündete Gott den Hebräern, wenn sie in den Krieg ziehen wollten, den Sieg. 217 Ehe nämlich das Heer sich in Bewegung setzte, leuchteten sie in solchem Glanze, dass das ganze Volk klar erkannte, Gott werde ihm Beistand leisten. Deshalb nennen auch die Griechen‚ die unsere feierlichen Gebräuche verehren, den Brustlatz Logion, das heisst „Orakel;“ das Wunder selbst können sie nämlich nicht [172] ableugnen. 218 Es hörten aber die Steine des Brustlatzes und der Sardonyx auf zu leuchten etwa zweihundert Jahre vor Abfassung dieses Werkes, als Gott die Übertretungen seiner Gesetze ahnden zu müssen glaubte. Hierüber mich zu verbreiten, werde ich später passendere Gelegenheit finden. Jetzt aber will ich in der eben abgebrochenen Schilderung fortfahren.

(10.) 219 Als die Hütte eingeweiht und alles, was die Priester betraf, gehörig eingerichtet war, glaubte das Volk, Gott werde jetzt mit ihm in demselben Zelte wohnen, und schickte sich an, ihn durch Opfer zu ehren und mit Lobgesängen zu feiern, als wenn es nun von allem Übel befreit, auf eine bessere Zukunft hoffen dürfte. Sowohl zu Hause als öffentlich brachte man in den einzelnen Stämmen Gott Opfer dar; 220 die Stammesoberhäupter aber thaten sich zu je zweien zusammen und stifteten einen Wagen mit zwei Ochsen (man hatte also im ganzen sechs Wagen), um die Hütte auf der Reise mitzufahren. Dazu gab auch jeder noch eine Schale, ein Becken und einen Weihrauchkasten. Letzterer hatte einen Wert von zehn Dareiken[6] und war mit Räucherwerk gefüllt. 221 Das Becken und die Schale aber waren von Silber und wogen zusammen zweihundert Sekel, von denen auf die Schale siebzig kamen; sie waren voll Weizenmehl, das mit Öl gemischt war, wie man es am Altar zum Opfer gebrauchte. Ausserdem opferte jeder ein Kalb, einen Widder und ein einjähriges Lamm als Brandopfer, und einen Ziegenbock als Sühnopfer. 222 Auch brachte jedes der Stammesoberhäupter noch andere Opfer dar, welche man Versöhnungsopfer nannte, nämlich an jedem Tage zwei Ochsen und fünf Widder nebst einjährigen Lämmern und Böcken. So opferten sie zwölf Tage lang, jeden Tag einer. Moyses aber stieg nicht mehr auf den Sinai, sondern er ging in die Hütte und empfing dort von Gott Anweisungen in betreff dessen, was zu thun sei, oder [173] in Bezug auf die Gesetzgebung. 223 Diese Anordnungen beobachtete das Volk durch alle Zeiten treu und fromm, weil es wusste, dass sie nicht die Erzeugnisse menschlicher Weisheit seien, sondern von Gott selbst herstammten. Und man wagte weder im Frieden aus Üppigkeit, noch im Kriege aus Not eines dieser Gebote zu übertreten. Doch will ich mich hierüber nicht weiter auslassen, weil ich vorhabe, in einem anderen Werke über die Gesetze zu schreiben.

Neuntes Kapitel.
Von den Opfern.

(1.) 224 Jetzt will ich einiger Gesetze gedenken, die über die Reinigung und über die Opfer erlassen sind‚ weil ich soeben von Opfern gesprochen habe. Es giebt zwei Arten von Opfern. Die eine wird für Privatpersonen, die andere für das gesamte Volk dargebracht, und jede Art wird auch auf eine besondere Weise verrichtet. 225 Das eine nämlich wird vom Feuer ganz verzehrt, und dieses nennt man Brandopfer; das andere wird zum Zwecke der Danksagung dargebracht und von den Opfernden bei einem Mahle verspeist. Zunächst will ich vom Brandopfer sprechen. 226 Will eine Privatperson ein Brandopfer darbringen, so schlachtet sie einen Ochsen, ein Lamm und einen Bock, von denen die beiden letzteren einjährig sein müssen; die Ochsen können auch älter sein. Alles, was zum Brandopfer bestimmt ist, muss männlichen Geschlechts sein. Nach Schlachtung der Opfertiere sprengen die Priester das Blut rings um den Altar, 227 dann reinigen sie dieselben, zerschneiden sie, bestreuen sie mit Salz und legen sie auf den Altar, fügen Holz hinzu und zünden es an. Dann legen sie die gereinigten Füsse und Eingeweide der Opfertiere zu dem übrigen hinzu, um es zusammen zu verbrennen. Die Häute kommen den Priestern zu. Auf diese Weise werden Brandopfer dargebracht.

[174] (2.) 228 Will man ein Dankopfer bringen, so schlachtet man Tiere von derselben Gattung, aber unversehrte und mehr als ein Jahr alte, männliche sowohl wie weibliche. Nachdem die Tiere getötet sind, besprengt man mit dem Blute den Altar, dann legt man die Nieren, das Netz, alles Fett sowie die Leber und den Schwanz des Lammes auf den Altar. 229 Die Brust und den rechten Schenkel erhalten die Priester, das übrige Fleisch aber wird in zwei Tagen verzehrt. Was dann noch übrig ist, wird verbrannt.

(3.) 230 In gleicher Weise wie mit den Dankopfern wird auch mit den Sühnopfern verfahren. Wer aber wegen Armut grössere Opfertiere nicht beschaffen konnte, opferte ein Paar Tauben oder ein Paar Turteltauben; die eine davon brachte man Gott als Brandopfer, die andere aber gab man den Priestern zur Speise. Von der Opferung dieser Tiere werde ich eingehender sprechen, wenn ich über die Opfer überhaupt mich verbreiten werde. 231 Wer nun aus Unwissenheit gesündigt hatte, opferte ein Lamm und eine Ziege von gleichem Alter. Mit dem Blute besprengte der Priester den Altar, jedoch nicht wie bei den oben erwähnten Opfern den ganzen Altar, sondern nur die Ecken desselben; die Nieren samt dem übrigen Fett und der Leber legte er auf den Altar. Die Priester behielten die Häute und das Fleisch für sich und verzehrten das letztere noch an demselben Tage an der Opferstätte, denn das Gesetz gestattet die Aufbewahrung für den folgenden Tag nicht. 232 Wer aber wissentlich sündigt, ohne dass jemand ihn dessen überführen kann, opfert nach der Vorschrift des Gesetzes einen Widder, dessen Fleisch die Priester noch an demselben Tage im Tempel verzehren sollen. Die Stammesoberhäupter opfern, wenn sie für ihre Sünden Sühne leisten wollen, ebenso wie Private, nur mit dem Unterschied, dass sie einen Stier und einen Bock als Opfertiere stellen.

(4.) 233 Ferner schreibt das Gesetz vor, dass man bei den privaten wie den öffentlichen Opfern vom reinsten Mehl [175] verwende, und zwar zu einem Lamm ein Assaron, zu einem Widder zwei und zu einem Stier drei Assaron. Dieses wird mit Öl gemischt und so auf dem Altar dargebracht. 234 Denn auch Öl wird geopfert, und zwar zu einem Ochsen ein halbes Hin, zu einem Widder ein Drittel und zu einem Lamm ein Viertel dieses Masses. Hin ist ein altes hebraeisches Mass, welches gleich ist zwei attischen Choë. In demselben Masse wie das Öl wird auch Wein verwendet, den man um den Altar herum ausgiesst. 235 Wer aber kein Opfertier darbringt, sondern seinem Gelübde gemäss Weizenmehl, legt eine Handvoll der Erstlinge desselben auf den Altar; das übrige behalten die Priester zu ihrem Genuss, indem sie es entweder in Öl kochen oder Brot daraus backen. Was aber der Priester selbst auf den Altar bringt, muss alles verbrannt werden. 236 Das Gesetz verbietet auch, ein Junges zugleich mit seiner Mutter an demselben Tage zu opfern, und ferner überhaupt die Opferung von Tieren, die noch keine acht Tage alt sind. Es wurden auch noch andere Opfer dargebracht für die Vertreibung einer Krankheit oder aus anderen Gründen, bei denen Opfergüsse und Opfertiere verwendet wurden. Erhielten von diesen Opfern die Priester einen Teil, so durften sie hiervon nichts für den folgenden Tag übrig lassen.

Zehntes Kapitel.
Fortsetzung der Vorschriften über die Opfer. Von den Bestimmungen über die Festtage.

(1.) 237 Das Gesetz gebietet ferner, aus öffentlichen Mitteln täglich morgens und abends ein einjähriges Lamm zu opfern; am siebenten Tage aber, der Sabbat genannt wird, schlachtet man in gleicher Weise zwei Lämmer. 238 Zur Feier des Neumondes schlachtet man ausser den täglichen Opfern noch zwei Ochsen nebst sieben einjährigen Lämmern und einem Widder, sowie einen [176] Bock als Sühnopfer, wenn man sich unwissentlich versündigt hat.

(2.) 239 Im siebenten Monat, den die Macedonier Hyperberetaios nennen, bringt man ausser den genannten Tieren noch einen Stier, einen Widder und sieben Lämmer dar, sowie auch noch einen Bock als Sühnopfer.

(3.) 240 Am zehnten Tage desselben Monats nach dem Neumonde fastet man bis zum Abend und opfert einen Stier, einen Widder und sieben Lämmer, und ausserdem einen Bock als Sühnopfer. 241 Dazu bringt man noch zwei Böcke heran, von denen man den einen lebendig über die Grenzen in die Wüste entsendet zur Austilgung der Sünden des ganzen Volkes, den anderen aber an einen reinen Ort ausserhalb der Stadt bringt und ihn dort mit seiner Haut gänzlich verbrennt, ohne ihn irgendwie zu reinigen. Damit zugleich verbrennt man einen Stier, den nicht das Volk, sondern der Priester auf seine eigenen Kosten stellt. 242 Nachdem dieser Stier und der Bock geschlachtet sind, bringt der Priester ihr Blut in das Innere des Heiligtums und besprengt mit dem darein getauchten Finger siebenmal das Dach 243 und ebenso oft den Boden, desgleichen das Äussere des Heiligtums und den goldenen Altar. Das übrige Blut trägt er in den Vorhof und sprengt es rings um den grossen Altar. Nachdem legt man die Extremitäten des Stieres und des Bockes, die Nieren, das Fett und die Leber auf den Altar; der Priester aber fügt noch aus seinen Mitteln einen Widder hinzu und opfert das Ganze als Brandopfer.

(4.) 244 Am fünfzehnten Tage desselben Monats, da es schon auf den Winter angeht, sollte jeder einzelne in den Stämmen nach Moyses’ Befehl ein Zelt errichten, um sich vor der Winterkälte schützen zu können. 245 Und wenn sie in ihr Vaterland kämen, sollten sie in der Stadt sich versammeln, die sie des Tempels wegen als die Hauptstadt betrachten müssten, und hier acht Tage lang ein Fest feiern, Brandopfer und Friedopfer Gott [177] darbringen und Büschel von Myrten-‚ Weiden-, Palmen- und Pfirsichzweigen in den Händen tragen. 246 Am ersten Tag sollten sie, Brandopfer darbringen von dreizehn Ochsen, vierzehn Lämmern und zwei Widdern, auch einen Bock als Sühnopfer hinzufügen. An den folgenden Tagen sollten sie ebenso viele Lämmer und Widder und einen Bock schlachten. Von der Zahl der Ochsen aber sollten sie an jedem Tage einen abziehen, bis man auf die Zahl sieben käme. 247 Am achten Tage aber sollten sie von aller Arbeit ruhen und Gott (wie oben bereits gesagt) ein Kalb, einen Widder, sieben Lämmer und einen Bock als Sühnopfer darbringen. Und so feiern die Hebräer nach väterlicher Sitte und Einrichtung dieses Fest, indem sie Hütten erbauen.[7]

(5.) 248 Auch gab er ein Gesetz darüber, dass man jährlich im Monat Xanthikos, den wir Nisan nennen und mit dem wir das Jahr beginnen lassen, am vierzehnten Tage nach dem Neumond, wenn die Sonne im Widder steht (denn in diesem Monat sind wir aus der aegyptischen Knechtschaft befreit worden), dasselbe Opfer darbringe, das wir, wie ich schon erzählt, beim Auszug aus Aegypten dargebracht haben. Dieses Fest, das wir Pascha nennen, feiern wir gemeinsam und lassen von den Opfertieren nichts für den folgenden Tag übrig. 249 Am fünfzehnten Tage folgt dann dem Pascha das siebentägige Fest der ungesäuerten Brote, an welchem man ungesäuertes Brot geniesst und täglich zwei Stiere, einen Widder und sieben Lämmer opfert. Dies sind Brandopfer, denen man noch einen Bock als Sühnopfer und zur täglichen Speise der Priester hinzufügt. 250 Am zweiten Tage des Festes der ungesäuerten Brote (es ist dies der sechzehnte Tag) verzehrt man einen Teil der neuen Ernte, die bis dahin niemand berührt hat, und indem man es für billig hält, Gott, den Spender dieser Gaben, zuerst damit zu ehren, bringt man ihm die Erstlinge der Gerste dar, und zwar auf folgende Weise. [178] 251 Man dörrt ein Gebund Gerstenähren, zerstösst sie, reinigt sie von Kleien und bringt ein Assaron davon zum Altare Gottes. Dann legt man eine Handvoll davon auf den Altar und überlässt das übrige den Priestern. Von da an ist es jedem gestattet, mit der Ernte zu beginnen. Mit den Erstlingen der Früchte opfert man Gott auch ein Lamm als Brandopfer.

(6.) 252 Sieben Wochen nach Beendigung dieses Festes, also nach neunundvierzig Tagen, an dem Feste, das die Hebräer Asartha nennen, das heisst Pentekoste (der fünfzigste Tag), opfert man Gott Brot, das aus zwei Assaron gesäuerten Weizenmehls gebacken ist, und dazu zwei Lämmer. 253 Und was Gott geopfert wird, wird nur zur Priestermahlzeit verwendet, und es darf nichts davon für den folgenden Tag übrig bleiben. Auch opfert man als Brandopfer drei Kälber, zwei Widder und vierzehn Lämmer, und als Sühnopfer zwei Böcke. 254 Überhaupt wird kein Fest gefeiert, an dem man nicht Brandopfer darbringen und sich aller Arbeit enthalten müsste; an allen Festen ist vielmehr beides nach Vorschrift des Gesetzes geboten, sowie die Abhaltung eines Mahles nach dem Opfer.

(7.) 255 Aus öffentlichen Mitteln wird weiterhin ungesäuertes Brot geliefert, zu dessen Bereitung vierundzwanzig Assaron Mehl genommen werden. Aus je zwei Assaron Mehl wird ein Brot gebacken am Vorabende des Sabbat; am Morgen des Sabbat aber werden die Brote auf den heiligen Tisch gelegt, je sechs und sechs einander gegenüber. 256 Dann werden zwei goldene Schalen voll Weihrauch dazu gegeben, und so bleiben sie liegen bis zum nächsten Sabbat, wo sie gegen andere ausgewechselt und den Priestern zur Speise überlassen werden. Der Weihrauch aber wird in heiligem Feuer verbrannt und durch neuen ersetzt. 257 Aus seinen eigenen Mitteln opfert der Priester täglich ein Assaron Mehl das mit Öl zusammengeknetet und leicht angebacken wird. Davon wirft er die eine Hälfte morgens, die andere abends ins Feuer. Hiervon will ich später eingehender [179] sprechen; für jetzt mag es bei dem Gesagten sein Bewenden haben.

Elftes Kapitel.
Von den Reinigungen.

(1.) 258 Moyses sonderte den Stamm der Leviten von der Gemeinschaft des Volkes ab und bestimmte ihn zum heiligen Dienst. Er reinigte sie mit Quellwasser und durch Opfer, welche bei solchen Gelegenheiten Gott dargebracht zu werden pflegen. Und der Fürsorge der Leviten vertraute er an die Hütte, die heiligen Geräte und die Decken der Hütte, und er befahl ihnen, den Priestern nach deren Vorschrift zu dienen. Denn sie waren Gott geweiht.

(2.) 259 Auch unterschied Moyses, welche Tiere man essen dürfe und welche nicht. Hierüber will ich jedoch bei späterer Gelegenheit mich verbreiten, desgleichen auch über die Gründe, warum er diese Vorschriften gab. 260 Den Genuss des Blutes aller Tiere verbot er, weil er glaubte, dass in ihm die Seele und der Geist enthalten sei. Weiterhin untersagte er den Genuss krepierten Viehes, auch des Netzes und Fettes der Ziege, des Schafes und des Rindes.

(3.) 261 Die Aussätzigen und an Samenfluss Leidenden schloss er aus der Gemeinschaft der anderen aus; desgleichen durften auch die Weiber während ihrer monatlichen Reinigung nur abgesondert wohnen bis zum siebenten Tag; alsdann galten sie wieder als rein und durften wieder mit anderen verkehren. 262 Auch wer ein Leichenbegängnis besorgt hatte, musste ebenso lange dem Verkehr mit anderen fernbleiben. Hatte jemand über diese Anzahl Tage hinaus die Verunreinigung, so musste er der Vorschrift gemäss zwei weibliche Lämmer opfern und eins davon verbrennen, das andere aber den Priestern geben. 263 In gleicher Weise mussten die opfern, die am Samenfluss litten. Derjenige, der im Schlafe den Samen verloren, wurde durch Waschung in kaltem [180] Wasser wieder rein, wie auch der, der seinem Weibe rechtmässig beigewohnt hatte. 264 Die Aussätzigen aber sonderte Moyses für immer von der Gemeinschaft der Gesunden ab, da sie mit niemand Umgang haben dürften und sich in nichts von Toten unterschieden. Wenn aber jemand durch Gebet von Gott die Befreiung von dieser Krankheit erlangte und sein gesundes Aussehen wieder erhielt, so dankte er Gott durch Opfer, wovon ich später reden werde.

(4.) 265 Daher machen sich diejenigen lächerlich, welche behaupten, Moyses sei selbst mit dem Aussatz behaftet gewesen und deshalb aus Aegypten geflohen, und auch die Hebräer hätten am Aussatz gelitten, und er hätte sie darum, nachdem sie aus Aegypten ausgewiesen, nach Chananaea geführt. 266 Denn wenn es sich so verhielte, würde doch Moyses sicher nicht zu seiner eigenen Schande ein solches Gesetz gegeben haben, da er doch sogar Widerspruch erhoben haben würde, falls ein anderer es erlassen hätte. Sehr viele andere Völker, unter denen sich Aussätzige befinden, lassen diese sogar zu Ehrenstellen gelangen, und, weit entfernt, sie mit schmachvoller Verbannung zu quälen, übertragen sie ihnen sogar hohe Stellen in der Militär- und Civilverwaltung und gestatteten ihnen, heilige Orte und Tempel zu betreten. 267 Es würde also den Moyses, wenn er wirklich an diesem Übel gelitten hätte, nichts gehindert haben, bessere Bestimmungen für die Aussätzigen zu treffen und sie nicht schmachvoller Verlassenheit zu überantworten. 268 Somit ist es klar, dass nur der Neid ein solches Gerede verschuldet haben kann. Moyses war ebenso wie seine Volksgenossen vom Aussatz rein, und er hat den mit dieser Krankheit Behafteten nur mit Rücksicht auf die Ehre Gottes derartige Bestimmungen vorgeschrieben. Übrigens möge jeder hierüber denken, wie ihm beliebt.

(5.) 269 Moyses verbot auch den Wöchnerinnen, den Tempel zu betreten oder etwas Geheiligtes zu berühren, und zwar bis zum vierzigsten Tage, wenn sie einen [181] Knaben geboren, dagegen doppelt so lange, wenn sie ein Mädchen zur Welt gebracht hatten. Überdies mussten sie, wenn sie nach Ablauf der genannten Zeit den Tempel betraten, ein Opfer mitbringen, das die Priester Gott darbrachten.

(6.) 270 Hatte jemand sein Weib im Verdacht des Ehebruchs, so brachte er ein Assaron Gerstenmehl herbei und legte eine Handvoll davon auf den Altar Gottes, während das übrige den Priestern als Speise zukam. Einer der Priester stellte darauf das Weib an das Thor, welches gegen den Tempel hin sieht, zog ihr den Schleier vom Haupte, schrieb den Namen Gottes auf ein Stück Haut 271 und hiess sie schwören, dass sie ihrem Gatten keinen Schimpf angethan, und dass, wenn sie die Schamhaftigkeit verletzt hätte, ihr rechtes Bein verrenkt werden und ihr Unterleib aufschwellen solle, sodass sie sterben müsse; dass aber, wenn ihr Gatte aus allzugrosser Liebe und daraus entstehender Eifersucht auf den falschen Verdacht gekommen sei, sie im zehnten Monat nachher einen Sohn gebären werde. 272 Nach Leistung dieses Eides löschte der Priester den Namen Gottes auf der Haut aus und drückte ihn in eine Schale aus. Dann nahm er Staub vom Tempel, wo er diesen gerade traf, streute ihn in die Schale und gab den Inhalt derselben dem Weibe zu trinken. War nun das Weib ungerecht angeklagt worden, so wurde sie schwanger und gebar zu rechter Zeit einen Sohn. 273 Hatte sie dagegen den Ehebruch wirklich begangen und den Gott geleisteten Eid falsch geschworen, so verrenkte sich ihr Bein, ihr Leib schwoll von Wasser an, und sie starb eines schmachvollen Todes. Das sind die Vorschriften, die Moyses seinem Volke in betreff der Opfer und Reinigungen gegeben hat. Diesen hat er noch folgende Gesetze hinzugefügt.

[182]
Zwölftes Kapitel.
Verschiedene andere Gesetze.

(1.) 274 Den Ehebruch verbot Moyses überhaupt, da er es für wichtig hielt, dass die Männer die richtige Ansicht von der Ehe hätten, und da er glaubte, dass von der rechtmässigen Erzeugung der Kinder das Wohl der Familie wie auch des ganzen Staates abhänge. Auch verbot das Gesetz es als grösste Schändlichkeit, dass man mit seiner Mutter, mit seiner Stiefmutter, seiner Tante, seinen Schwestern oder seiner Söhne Frauen sich fleischlich verginge; 275 denn Moyses hielt das für einen verabscheuungswürdigen Frevel. Ferner verbot er, mit einem Weibe zu verkehren, das seine monatliche Reinigung habe, oder gar sich mit Tieren abzugeben, oder in verkehrter fleischlicher Lust mit Angehörigen seines eigenen Geschlechts zu sündigen. Auf die Übertretung dieser Vorschriften setzte er die Todesstrafe.

(2.) 276 Den Priestern machte Moyses doppelte Reinheit zur Pflicht. Denn ausser der Befolgung der vorstehenden Bestimmungen gab er ihnen auch auf, keine Weiber zu heiraten, die sich früher preisgegeben hatten. Ferner durften sie keine Sklavin oder Kriegsgefangene ehelichen, oder solche Weiber, die von der Führung einer Schenke oder eines öffentlichen Gasthauses gelebt hatten, oder die von ihren früheren Ehemännern um irgend einer Ursache willen verstossen worden waren. 277 Der Hohepriester aber durfte auch keine Witwe zur Ehe nehmen, was den anderen Priestern gestattet war, vielmehr nur eine Jungfrau, die er bei sich zu behalten verpflichtet war. Ferner durfte der Hohepriester sich keiner Leiche nähern, wogegen es den übrigen Priestern erlaubt war, ihren verstorbenen Brüdern, Eltern und Kindern zu nahen. 278 Die Priester mussten auch körperlich rein und frei von jedem Gebrechen sein. Litt aber ein Priester an einem körperlichen Fehler, so erhielt er zwar von den Opfern seinen Anteil wie die übrigen, aber dem Altar zu nahen oder das Heiligtum zu [183] betreten, war ihm untersagt. Und nicht nur beim Opferdienst sollten die Priester rein sein, sondern auch sich bemühen‚ immerfort einen untadelhaften Wandel zu zeigen. 279 Deshalb mussten auch die, welche das heilige Gewand trugen, nicht nur von aller Schuld frei, keusch und enthaltsam sein, sondern sich auch, so lange sie im heiligen Dienst thätig waren, des Weines enthalten. Auch das zur Opferung bestimmte Vieh musste unversehrt und fehlerfrei sein.

(3.) 280 Diese Gesetze gab Moyses, damit sie noch bei seinen Lebzeiten beobachtet würden; doch gab er auch einige Vorschriften in der Wüste, die für später gelten sollten, wenn die Hebräer Chananaea in Besitz genommen hätten. 281 In jedem siebenten Jahr sollte auch der Acker ruhen und weder gepflügt noch bebaut werden, wie auch das Volk an jedem siebenten Tag ausruhte. Was die Erde aber in diesem Jahr von selbst trüge, sollte gemeinsames Eigentum sein und sowohl Fremden als Einheimischen zugute kommen und es sollte davon nichts aufbewahrt werden. Ähnliches sollte nach sieben Jahreswochen, 282 das heisst im fünfzigsten Jahr geschehen. Dieses fünfzigste Jahr nennen die Hebräer Jobel, und in ihm wurde den Schuldnern die Schuld erlassen und die Knechte in Freiheit gesetzt, die wegen Übertretung irgend eines Gesetzes die Todesstrafe verdient hatten, aber als Stammesgenossen anstatt mit dem Tode mit Knechtschaft bestraft worden waren. 283 Auch sollten die Äcker den früheren Besitzern wiedergegeben werden; hierbei wurde verfahren wie folgt. Wenn Jobel nahe war (dieses Wort bedeutet „Freiheit“), kamen der Verkäufer und der Käufer eines Grundstückes zusammen und schätzten die Früchte und die für den Acker gemachten Aufwendungen ab. 284 War der Fruchtertrag grösser als die Kosten, so nahm der Verkäufer den Acker ohne weiteres an sich; überwogen dagegen die Kosten den Ertrag, so wurde dem Käufer sein Schaden vergütet, und dieser gab den Acker zurück. 285 Waren aber Ertrag und Kosten gleich, so gehörte der Acker ebenfalls [184] ohne weiteres wieder dem früheren Besitzer. Dasselbe Recht galt hinsichtlich der in Dörfern gelegenen Häuser, während bezüglich der in Städten verkauften Häuser anders bestimmt wurde. Denn wenn innerhalb Jahresfrist der Kaufpreis dem Ankäufer wiedergegeben wurde, musste dieser das Haus wieder abtreten; war dagegen ein volles Jahr verstrichen, so behielt der Käufer das Recht des Besitzes. 286 Diese Gesetze empfing Moyses von Gott zu der Zeit, da das Volk am Berge Sinai lagerte, und er übergab sie den Hebräern schriftlich aufgezeichnet.

(4.) 287 Da nun Moyses alles auf die Gesetzgebung Bezügliche wohlgeordnet glaubte, richtete er sein Augenmerk auf das Heer, weil er schon damals daran dachte, das Kriegswesen zu ordnen. Er befahl daher allen Stammeshäuptern mit Ausnahme des Stammes Levis (die Leviten sollten als zum Dienste Gottes Geweihte von allen anderen Lasten frei sein), eine genaue Zählung aller vorzunehmen, die im kriegstüchtigen Alter standen. 288 Bei dieser Heereszählung ergaben sich sechshundertdreitausendsechshundertundfünfzig streitbare Männer, welche ein Alter von zwanzig bis fünfzig Jahren aufwiesen. An Stelle des Levis nahm Moyses unter die Zahl der Oberhäupter den Manasses, den Sohn Josephs, und an Josephs Stelle den Ephraïm auf. Denn Jakob hatte, wie ich oben erwähnte, von Joseph verlangt, dass er seine Söhne als Jakobs Söhne betrachten solle.

(5.) 289 Beim Errichten des Lagers setzten die Hebräer nun die Hütte in die Mitte, sodass auf jeder Seite die Zelte dreier Stämme zu stehen kamen, zwischen denen Wege sich hinzogen. Auch ein Markt wurde eingerichtet, und die Waren geordnet. Hier hatten auch alle Arten von Handwerkern ihre Werkstätten, sodass das Lager den Eindruck einer hin- und herwandernden Stadt machte. 290 Die der Hütte zunächst gelegenen Zelte bewohnten die Priester; diesen zunächst wohnten die Leviten, die im ganzen und unter Einrechnung aller Knaben, die wenigstens dreissig Tage alt waren, dreiundzwanzigtausendachthundertachtzig zählten. So lange nun [185] die Wolke über der Hütte lagerte, so lange blieben sie an demselben Orte im Glauben, dass Gott bei ihnen anwesend sei. Bewegte sich aber die Wolke weiter, so zogen sie auch selbst weiter fort.

(6.) 291 Moyses erdachte auch eine Signaltrompete, die er von Silber und in folgender Gestalt anfertigen liess. Sie war fast eine Elle lang und ihre Röhre war eng, etwas dicker als eine Flöte. Das Mundstück war so gross, dass es den Atem des Bläsers bequem aufnehmen konnte, und sie endigte wie eine Posaune in Glockenform. In hebraeischer Sprache heisst sie Asosra. 292 Solcher Trompeten wurden zwei angefertigt, die eine, um das Volk zur Versammlung zu rufen, die andere, um die Stammesoberhäupter zur Ratsversammlung einzuladen. Die letztere wurde von einem Priester geblasen. Wurden beide Trompeten zugleich geblasen, so musste das gesamte Volk zusammenkommen. 293 Sollte nun die Hütte fortbewegt werden, so verfuhr man also. Sobald die Trompete zum erstenmal ertönte, erhoben sich die, welche gegen Osten lagerten; erscholl sie zum zweiten Male, so setzten sich die in Bewegung, die gegen Süden lagerten. Darauf wurde dann die Hütte abgebrochen und in der Mitte getragen, sodass sechs Stämme ihr voranzogen und sechs ihr nachfolgten. Die Leviten aber umgaben alle die Hütte. 294 Das dritte Zeichen der Trompete galt denen, die gegen Westen, und das vierte denen, die gegen Norden lagerten. Dieser Trompeten bediente man sich auch, um die Opfer anzukündigen, sowohl am Sabbat als an den übrigen Tagen. Damals wurde auch zum erstenmal nach dem Auszug aus Aegypten das Opferfest Pascha in der Wüste gefeiert.

Dreizehntes Kapitel.
Das Volk murrt gegen Moyses und wird dafür bestraft.

295 Nicht lange danach brach man vom Berge Sinai auf und kam nach einigen Zwischenstationen, von denen ich [186] später berichten werde, zu einem Ort mit Namen Esermoth. Hier fing das Volk wiederum an, sich zu empören und dem Moyses die Übel vorzuwerfen, die es auf dem bisherigen Marsche zu erdulden gehabt hatte. 296 Sie hätten auf seinen Rat eine sehr fruchtbare Gegend verlassen, und anstatt glücklich zu sein, wie er ihnen versprochen, irrten sie jetzt im Elende umher, litten unter Wassermangel und würden auch wohl von Hunger aufgerieben werden, wenn sie das Manna nicht hätten. 297 Als sie den Mann so schmähten und lästerten, ermahnte sie einer aus dem Volke, sie möchten doch dessen eingedenk sein, was Moyses für das allgemeine Wohl geleistet hätte, und an Gottes mächtiger Hilfe nicht verzweifeln. Doch wurde dadurch die Menge noch mehr erregt und lärmte nur noch wilder gegen Moyses. 298 Als dieser sie nun in solcher Verzweiflung sah, versprach er, um ihnen wieder Mut zu machen, er werde ihnen eine Menge Fleisch verschaffen nicht nur für einen, sondern für mehrere Tage, obgleich sie so schändlich gegen ihn verführen. Und da sie ihm nicht glauben wollten, und einer ihn fragte, woher er denn für so viele tausend Menschen Fleisch nehmen wolle, antwortete er: „Gott und ich werden, trotzdem ihr so schlecht von uns redet, dennoch nicht ablassen, für euch zu sorgen, und ihr werdet sogleich den Beweis davon sehen.“ 299 Kaum hatte er dies gesprochen, da wurde plötzlich das Lager von allen Seiten mit Wachteln erfüllt, die die Hebräer sogleich sammelten. Gott aber strafte sie bald darauf wegen ihrer frechen Schmähungen, denn viele von ihnen gingen zu Grunde. Daher nennt man diesen Ort bis heute noch Kabrothaba, das heisst „Grabhügel der Leidenschaft.“

[187]
Vierzehntes Kapitel.
Moyses schickt Kundschafter aus, die nach ihrer Rückkehr aus Chananaea durch ihre Nachrichten das Volk verzagt machen.

(1.) 300 Von da führte Moyses sie an einen Ort, der „Engpass“ genannt wird, nicht weit von den Grenzen Chananaeas entfernt lag und unwirtlich war. Hier berief er das Volk zusammen, trat mitten unter sie und sprach: „Gott hat uns zwei Güter zu schenken versprochen, nämlich die Freiheit und den Besitz eines glücklichen Landes. Das eine besitzt ihr durch seine Güte schon, und das andere werdet ihr bald erhalten. 301 Denn schon befinden wir uns an den Grenzen Chananaeas, und kein König, keine Stadt und keine Volksmenge kann uns hindern, in dieses Land einzudringen. Rüsten wir uns daher zu tapferem Vorgehen, denn nicht ohne harten Kampf gegen kriegerische Völker werden wir dasselbe einnehmen können. 302 Senden wir also Kundschafter aus, um die Fruchtbarkeit des Landes und die Macht seiner Einwohner zu erforschen. Vor allem aber lasst uns einträchtig sein und Gott, unseren Beistand und Helfer, in Ehren halten.“

(2.) 303 Auf diese Worte entgegnete das Volk mit Lob und Beifall, und man wählte zwölf Kundschafter aus den würdigsten Männern aus, aus jedem Stamme einen. Diese durchforschten das ganze Land Chananaea von seiner Grenze gegen Aegypten an bis zur Stadt Amathe und zum Berge Libanon, und nachdem sie die Eigenschaften des Landes und seiner Bewohner ausgekundschaftet hatten, kehrten sie nach vierzig Tagen zurück. 304 Und sie brachten Früchte des Landes mit und flössten durch deren Pracht und durch ihre Berichte von dem Reichtum des Landes dem Volke Mut zum Kriege ein. Andererseits aber erschreckten sie es wieder dadurch, dass sie die Eroberung des Landes als schwierig darstellten, indem sie von seinen breiten und tiefen Flüssen [188] berichteten, die man nicht überschreiten könne, von seinen steilen und unersteiglichen Bergen und von seinen nicht bloss an Mauern, sondern auch an Befestigungswerken äusserst starken Städten. 305 In Chebron, meldeten sie, hätten sie dazu noch ein Riesenvolk angetroffen. Auf diese Weise flössten die Kundschafter, die wohl gemerkt hatten, dass in Chananaea die Schwierigkeiten bedeutend grösser seien als alle, die ihnen seit dem Auszug aus Aegypten begegnet waren, und die hierüber auch selbst sehr mutlos waren, eine gleich verzagte Stimmung ihren Volksgenossen ein.

(3.) 306 Als diese solche Reden vernahmen, verzweifelten sie wirklich an der Möglichkeit, jenes Land erobern zu können, und sie gingen aus der Versammlung heim und beklagten mit den Weibern und Kindern ihr Schicksal, gleich als ob Gott ihnen seine Hilfe wohl verheissen, aber in Wirklichkeit niemals geleistet hätte. 307 Auch schalten sie wieder über Moyses und seinen Bruder Aaron, den Hohepriester, und brachten die Nacht in Aufregung und mit Vorwürfen gegen beide hin. Am Morgen aber versammelten sie sich wieder und verstiegen sich zu dem Vorhaben, den Moyses und Aaron zu steinigen und wieder nach Aegypten zurückzukehren.

(4.) 308 Da traten von den Kundschaftern Jesus, der Sohn Naves aus dem Stamme Ephraïm, und Chaleb aus dem Stamme Judas plötzlich in ihre Mitte, suchten die Menge zu beruhigen und beschworen sie, Mut zu fassen, Gott keiner Lüge zu zeihen und denen nicht zu glauben, die durch eitle Reden über die Macht der Chananäer sie zu erschrecken suchten. Vielmehr sollten sie denen folgen, die sie zum Glück und zum Besitze jener Güter führen wollten. 309 Denn weder die hohen Berge noch die tiefen Flüsse würden ihnen Schwierigkeiten machen, wenn sie tapfer das Land angriffen, zumal da Gott ihnen beistehen und in der Schlacht für sie kämpfen werde. „Ziehen wir also, sagten sie, „wacker und ohne Angst vor Misserfolg gegen den Feind, und vertrauen wir der Führung Gottes, der uns den Weg zum Siege weisen [189] wird.“ 310 Mit solchen Reden suchten sie die Aufregung des Volkes zu besänftigen. Moyses und Aaron aber, warfen sich zur Erde und flehten demütig zu Gott nicht für ihr eigenes Wohlergehen, sondern dass er das Volk erleuchten und es in seiner gegenwärtigen Verwirrung und schlimmen Lage stärken und trösten möge. Da erschien sogleich die Wolke und liess sich auf die Hütte nieder als Zeichen der Anwesenheit Gottes.

Fünfzehntes Kapitel.
Moyses verkündigt den Hebräern, Gott werde sie in seinem Zorn vierzig Jahre in der Wüste lassen.

(1.) 311 Moyses ging hierauf vertrauensvoll zum Volke und verkündete ihm, Gott sei über ihr schmachvolles Benehmen erzürnt und werde sie dafür strafen, jedoch nicht so schwer, als sie für ihre Sünden verdienten, sondern wie wohlwollende Väter ihre Kinder zu strafen pflegten. 312 Denn als er in das Heiligtum eingetreten sei und weinend Gott gebeten habe, das Verderben vom Volke abzuwenden, habe Gott ihn daran erinnert, wie undankbar sie sich für seine vielen Wohlthaten benommen hätten, und dass sie jetzt wieder, durch die Ängstlichkeit und Feigheit der Kundschafter irre geführt, deren Worten mehr Glauben beigemessen hätten als seinen Verheissungen. 313 Doch wolle er sie deswegen nicht alle dem Untergang weihen, auch nicht ihr Geschlecht gänzlich vertilgen, das er allen übrigen Sterblichen vorgezogen habe; aber er werde sie nicht in den Besitz des Landes der Chananäer gelangen und sie dessen Reichtum und Überfluss nicht geniessen lassen, 314 vielmehr sollten sie zur Strafe für ihre Sünden vierzig Jahre lang ohne festen Wohnsitz in der Wüste umherirren. Dagegen wolle er das Land ihren Kindern übergeben und diese zu Herren über alle die reichen Güter machen, deren Besitz ihre Väter durch Leichtsinn verscherzt hätten.

[190] (2.) 315 Als Moyses dies auf Befehl Gottes verkündigt hatte, beklagte das Volk sein Unglück sehr und bat den Moyses, er möge bei Gott Fürbitte für sie einlegen, dass er sie von dem unstäten Leben in der Wüste erlöse und ihnen feste Wohnsitze anweise. Moyses aber entgegnete ihnen, Gott werde sich also nicht versuchen lassen, denn er entrüste sich nicht grundlos oder nach Menschenart, sondern er habe das Urteil in seinem weisen Ratschluss gefällt. 316 Man möge sich aber nicht darüber wundern und es für unglaublich halten, dass dieser eine Mann (Moyses) so viele tausend erregte Menschen besänftigen und sie zur Ruhe und Vernunft bringen konnte. Denn Gott selbst stand ihm bei und verlieh ihm die Gabe, durch Reden auf die Menge einzuwirken und sie zu bekehren. Auch hatte ja das Volk schon so oft in seinem Ungehorsam die Erfahrung gemacht, wie wenig ihm seine Widerspenstigkeit von Nutzen war, durch die es sein Unglück selbst verschuldete.

(3.) 317 Übrigens wurde Moyses nicht bloss zu seiner Zeit bewundert wegen seiner seltenen Tugend und wegen der ihm eigentümlichen Gabe, seinen Worten Glauben zu verschaffen, sondern auch heute noch giebt es keinen Hebräer, der nicht seine Gesetze befolgte, selbst wenn er sich unbeobachtet wüsste, gleich als sei Moyses selbst noch gegenwärtig, um die Ungehorsamen zu strafen. 318 Auch noch manches andere liefert den Beweis dafür, dass Moyses ein übermenschliches Ansehen besessen habe. Zum Beispiel konnten gewisse jenseits des Euphrat wohnende Menschen, die aus Verehrung für unseren Tempel oft gefahrvolle und kostspielige Reisen von vier Monaten Dauer unternahmen, um Gott zu opfern, dennoch keinen Anteil an den Opfern erlangen, da Moyses ihnen dies untersagte, weil sie mit unseren väterlichen Sitten und Gewohnheiten nicht vertraut waren. 319 Einige von ihnen mussten weggehen, ohne geopfert zu haben, andere, ehe die Opfer vollbracht waren; ja, die meisten kamen nicht einmal bis zum Tempel. [191] Sie alle wollten aber doch lieber den Gesetzen und Einrichtungen des Moyses sich fügen, als ihrem eigenen Willen gehorchen; und dabei hatten sie nicht zu fürchten, dass jemand sie daran hindern würde, vielmehr trieb sie nur ihr eigenes Gewissen dazu an. 320 So haben die Gesetze, die Moyses von Gott erhalten hat, ihm ein übermenschliches Ansehen verschafft. Daher kam es, dass, als kurz vor dem Ausbruch des von uns mit den Römern geführten Krieges unter dem Kaiser Claudius und dem Hohepriestertum Ismaëls eine Hungersnot über unser Land hereinbrach und ein Assaron Getreide vier Drachmen kostete, 321 sich der Fall ereignete, dass, als am Fest der ungesäuerten Brote siebzig Kor (das sind einunddreissig sicilische oder einundvierzig attische Scheffel[8]) Mehl geopfert wurden, trotz der Hungersnot kein Priester es wagte, auch nur ein Krümchen davon zu essen. Dazu bewog sie doch offenbar nur die Achtung vor dem Gesetze und die Furcht vor dem Zorn Gottes, den er auch über verborgene Sünden zu verhängen pflegt. 322 Deshalb ist es nicht zu verwundern, dass Moyses so Grosses geleistet hat, da seine Schriften noch heute eine solche Kraft und so hohes Ansehen besitzen, dass sogar unsere Feinde zugeben, Gott selbst habe uns unsere Lebensregeln durch Vermittlung des Moyses gegeben. Doch mag hiervon jeder halten, was ihm gutdünkt.


  1. Josua.
  2. Kotyle, zweihenkeliges Wassergefäss der alten Griechen; wie viel es enthielt, ist unbekannt.
  3. Mine als Gewicht = 436 Gramm.
  4. Sekel = ungefähr 3,16 Mark = vier attischen Drachmen à 79 Pfennige.
  5. Sekel war ausser Münze auch Gewicht.
  6. Dareikos (altpersische Goldmünze) = 23,50 Mark.
  7. Laubhüttenfest.
  8. 1 attischer Scheffel (medimnus) = 6 modii = 52,5 Liter.
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