Kleinrussische Novellen/Natur

Georg Adam: Ein Jahrhundert kleinrussischer Litteratur Kleinrussische Novellen
von Olga Kobylanska
Eine Unzivilisierte
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[1]
Natur.


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Sie war über die Zwanzig und groß.

„Kleinrussisch“ vom Scheitel bis zur Sohle, hatte sie nur rötliches Haar, welches bei den Kleinrussen zur Seltenheit gehört, aber die Züge hatten Rasse, und die fast melancholische Trauer, die sich auf allem ausprägt, was an diese unglückliche Nation gemahnt, war auch bei ihr ein Grundzug des Charakters. Ihre Augen, groß, etwas unbeweglich und von feuchtem, schimmerndem Glanze, blieben auch dann traurig, wenn der Mund lächelte.

Um dieser ihrer Augen willen nannte man sie „die russische Madonna“. In Einsamkeit und in einem fast üppigen Glanze aufgewachsen, kannte sie weder das Leben, noch wußte sie etwas von seinen düsteren Seiten. Sie kannte es bloß aus Büchern, aus welchen sie sich bis zum Überdruß voll las.

[4] Tolstoj war ihr Gott, und Schewtschenko[1] kannte sie fast auswendig. Träge wie ihr Volk, empfand sie nicht viel Bedürfnis nach Arbeit, und in ihrer Lebensweise glich sie jenen exotischen Pflanzen in den Treibhäusern, die von den Stürmen außer ihrer Umgebung nur träumen. Und sie hatte viel zusammengeträumt.

Ihre Phantasie entfaltete sich zu einer Blüte, auf deren Kosten alle anderen Triebe erstickten und nie an das Sonnenlicht gelangten. Obwohl gefühlvoll bis zur Krankhaftigkeit, verspottete sie ein bloßes „Züchten von Gefühlen und Gedanken“.

Über alles liebte sie die Natur.

Sie streifte im Gebirge umher, ohne Begleitung oder Waffe, wie ein Mann. Die ganze gebirgige Umgegend der kleinen Stadt, in der sie lebte, war ihr bekannt wie ihr Gemach, und eine der schönsten und wildesten Partien bildete den ganzen Sommer hindurch das Ziel ihrer Spaziergänge.

Ihr von Natur aus kraftvoll angelegtes Wesen verlangte mehr als „Zimmerschönheit“ und ein ruhiges, verweichlichtes Leben. Instinktiv fühlte sie das Dasein der Stürme, und es gab Momente, in denen sich [5] ihre Seele voll leidenschaftlichen Ansturmes darnach sehnte. Sie liebte den Kampf, wie man prächtige, farbenreiche Gemälde und eine berauschende Musik liebt, und ebenso hatte sie ihn in ihrer Vorstellung. Eine undeutliche Begier nach dem Gefühle von Sieg machte sich zeitweise bei ihr geltend; allein im Nichtsthun aufgewachsen, nie angespornt und gekräftigt, sondern verzärtelt, verfeinert, schlief ihre Kraft und verkümmerte und ging über in eine krankhafte, unmotivierte Sehnsucht.

So war sie.

Sie träumte von einem Glücke, dessen bunte Fülle ersticken müßte.

Sie erwartete es täglich, lebte beständig in Erwartung von etwas Neuem, Fernem. Gleich einer Sonnenblume stand ihr Gemüt einem unbekannten Etwas offen. – – –

Im Walde lag sie im Moose langgestreckt und suchte zwischen den Wipfeln der Tannen den Himmel.

Das war schön.

Mitunter verfolgte sie den Flug des Adlers oder einen Weih, wie der seine stillen Kreise zog und gleich einem schwarzen Punkte in den Lüften hing.

[6] Gierig verschlang sie die Laute des Wassers und bildete sie um zum Lachen. Klang vielleicht nicht das Fallen eines Baches über Fels und Stein wie halblautes Lachen? Wenn man sich hineinhörte …

Ein andermal vertiefte sie sich ganz in das Rauschen des Waldes, und das Antlitz verhüllt, bildete sie sich ein, sie läge am Meeresstrande.

So müßten die Meereswellen rauschen, so wie der Fichtenwald, genau so … nur vielleicht etwas lauter.

Es war ihr Lieblingswunsch, aufs Meer hinauszukommen, es einmal bei Sturm zu sehen oder bei Sonnenaufgang oder bei Mondlicht. Das mußte eine andere Art Schönheit sein, als das Gebirge; unruhig und voller Abwechslung, verlockend und prächtig. Das Gebirge in seiner stoischen, düsteren Ruhe stimmte schwermütig und weckte immer mehr ein Schönheitsverlangen, als daß es ein solches zu stillen vermochte.

So träumte sie auch von den Fjorden da oben im Nordland … Hie und da klang durch den Wald die trauervolle Dumka[2] eines einsam reitenden [7] Huzulen[3], und das bereitete ihr stets einen Hochgenuß.

In den Schluchten zwischen steilen Felswänden erklang das Echo. Und sie stellte es sich vor als einen großen Vogel, der im unachtsamen Fluge an harte Felswände schlüge und endlich ermattet zu Boden niedersänke. – Darauf folgte dann die Stille. – – –

Manchmal weinte sie vor Trauer.

Über die Tannen raste der Sturm und schüttelte und bog sie und machte sie um so kräftiger. Um so stolzer hoben sie ihre Wipfel am nächsten Morgen und ließen sie vom Sonnenlicht vergolden. Das alles gab ein Recht, sich bis in die Wolken zu erheben und stolz zu sein.

Auch sie liebte die Kraft, und doch! – – –

Einmal brachte man ihrem Vater ein Gebirgspferd zum Ansehen.

Es war ein prachtvoller, langgestreckter Hengst, schwarz wie eine Kohle, mit einem Halse wie ein Bogen, großen Nüstern und hervorstehenden, funkelnden Augen; der reiche Schweif fegte fast den Boden.

[8] Sie stand beim Fenster und sah zu, wie es in seiner Wildheit sich bäumte und unbändig schien. Ein junger und schöner Huzule, den sie schon öfters in ihres Vaters Kanzlei gehen sah, hielt das Tier und gab sich alle Mühe, es zum Stillstehen zu zwingen, um auf Wunsch seine Hufe auch von unten betrachten zu lassen.

Es schien ihm das nicht zu gelingen.

Eine plötzliche, unwiderstehliche Lust überkam sie, das Tier zu bändigen. Ihre Blicke glommen auf, und die feinen Nasenflügel erzitterten. Es regte sich etwas in ihr, was an Thatenlust gemahnte, und trieb sie hinaus.

Sie lief so, wie sie im Zimmer stand, mit bloßem Kopfe, auf den Hof. Als sie jedoch fünf Schritte vor dem Tiere stand und es sich just in diesem Momente bäumte, erschrak sie derart, daß die Kniee unter ihr erzitterten und sie erblaßte.

Einige Minuten später lag sie ermattet im Lehnstuhl, und ihre schönen, blassen, beringten Hände lagen müde im Schoße und hoben sich vornehm und unbeweglich von dem schwarzen Spitzenkleide ab …

Bah! – was war ihr?

[9] Das war ein lächerliches Auflodern, eine unzeitgemäße Regung plebejischer Instinkte, die aber dank ihrer feinen Lebensweise keine Zukunft hatten.

Sie hatte sich vor der Dienerschaft blamiert.

Ihre Lippen krümmten sich in Selbstironie.

Sollte die Natur thatsächlich ununterdrückbar sein?

Ihre Großmutter väterlicherseits war nämlich eine Huzulin. Schön, aber dennoch Bäuerin! Da pflegt es immer unbewachte Augenblicke zu geben, in denen die Instinkte emporschwellen und keinen Damm kennen.

Aber ihre Mutter war eine vornehme Dame von gewählten Formen und strengen Sitten, und die Schönheit war bei ihr kein bloßer Zufall. Sie war erarbeitet und „das Schlußergebnis einer Arbeit von Geschlechtern“. – Sie hatte entschieden die Natur ihrer Mutter; sollten aber bei ihr Nachklänge großmütterlicher Regungen vorhanden sein, dann konnten es nur Dissonanzen sein. – – –

Es war ihr übrigens nicht so sehr um das Pferd zu thun. Sie wollte auch einen Blick auf den Menschen werfen, der daneben stand. Einmal kam ihr der Gedanke in den Sinn, ihn zu malen. Er [10] hatte rein slavische Züge; überhaupt – er hatte etwas Eigenes an sich. Etwas Anziehendes, Zwingendes, etwas, das ihre Aufmerksamkeit erweckt hatte. Gewöhnlich sah sie ihn nur an ihrem Fenster vorbeigehen – d. h. zu ihrem Vater gehen. Aber sie hätte einmal seine Augen und seinen Mund aus der Nähe sehen mögen … Nur einmal – dann hätte sie weiter aus dem Gedächtnisse gemalt.

Ja, es gab Augenblicke, in denen sie fähig war, Großes zu leisten, gespannt war wie ein Bogen, der Pfeile absenden soll in weite Ferne. Aber das dauerte nie lange. Sie schrumpfte in sich zusammen und ward träge. Das Warten machte sie matt und verstimmte sie. In solchen Momenten suchte sie die Natur auf.

Dort holte sie sich Kraft und Ausdauer. Dort feierte sie ihre goldenen Stunden des Sieges – z. B. wenn sie eine hohe, gefährliche Spitze erklommen, einen steilen Fels, wenn sie einen Adler aus der Nähe betrachtete, seine schwarzen, funkelnden, feindseligen Augen, seine lauernde, vornüber gebeugte Haltung. – – –

Ganz besonders liebte sie den Herbst.

Aber nicht jenen, der nur feuchte, dämmerige [11] Tage, gelbes Laub und kalte Stürme bringt, sondern jenen, der an Schönheit dem Frühling gleichzustellen ist. Der helle, warme Tage aufweist und einen klaren, blauen Himmel. Im Gebirge ist der Herbst stets wunderbar.

Die wilden Karpathen! – sie kannte ihre stolze, verschlossene Schönheit, und auch ihre eigenartigen Bewohner, die Huzulen. Kannte alle Geheimnisse des Waldes …

Im September ziehen sich von Baum zu Baum Spinnengewebe, fast endlos, und leuchten in der Sonne; und im Walde ist es still – still … Die Bäche rieseln ernst und eilig zu Thal, und ihr Wasser ist kühl, und an ihren Ufern blühen keine Blumen mehr.

Im Thale ist es etwas anders.

Dort scheint die Luft voll von Asterngeruch, und auf allem liegt leichte Schwermut. Das ist die Melancholie alles Fertigen, die allem ihr Gepräge aufdrückt.

Dies ist die Schönheit, in der sie schwelgt, in der sie ihre Seele badet, und die sich in ihren großen, erwartungsvollen Augen spiegelt.




[12] Es war nach einem Gewitter.

Die Sonne war im Untergehen und der Himmel wolkig und nur im Westen hell gerötet.

Die Berge, von Nebelmassen phantastisch umzogen, stachen scharf und blaudunkel vom Himmel ab.

Auf einem dieser bewaldeten Berge stand eine neue Huzulenhütte.

Stämmige Fichten breiteten ihre Arme über ihr aus; sie schüttelten unmutig die stolzen Wipfel, und einzelne, große Regentropfen fielen lautlos ins Moos.

Ringsum Stille; nur wie gedämpftes Meeresrauschen scholl es durch die unabsehbaren Wälder. – –

Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne drangen hie und da in das Dickicht des Waldes und spielten für kurze Augenblicke als goldig zitternde Schatten auf den Zweigen; und dann ward es im Walde völlig dunkel.

Die Thüre der Hütte öffnete sich, und heraus trat, etwas gebeugt, ein junger Huzule, eine Axt nachlässig über der Schulter haltend, und sah sinnend in die Ferne.

Er war schlank, elastisch und überaus kraftvoll

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Die Thüre der Hütte öffnete sich, und heraus trat, etwas gebeugt, ein junger Huzule … (S. 12.)

[13] gebaut, wie alle seine Stammesgenossen, und sein Antlitz von eigenartiger Schönheit. Düster sinnend, um den Mund fein und in der oberen Partie slavisch, d. h. etwas breit, ohne der Schönheit Abbruch zu thun.

Sein schwarzes Haar war der Sitte gemäß bis zu den Brauen geschnitten und verdeckte die Stirn.

Seine Tracht hob die Schönheit seines Körpers: Blutrote Beinkleider und ein schneeweißes, um Hals und Ärmel gesticktes Hemd, dessen weite Ärmel die Kraft der sehnigen Arme unverhohlen zeigten. Brust, Hals und Handgelenke waren mit Silber- und Messingketten und Kreuzen geschmückt, und am breiten, buntfarbigen Ledergürtel hingen kleine Fingerhüte und Münzen, staken eine Pfeife und einige Waffen.

Forschend blickte er in die vor ihm liegende Schlucht, aus der weißliche Nebelmassen empordampften, die wie zerrissene Schleier die Baumwipfel umhüllten.

Er mochte immerhin blicken und forschen: das, woran er dachte, tauchte aus jener grünen Tiefe nicht auf. Schleier um Schleier zog langsam über die Schlucht, und dann versanken auch die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bergen … Unmutig spuckte er [14] durch die Zähne, schritt zu einer neben der Hütte gestürzten großen Tanne und schlug, weit und kräftig ausholend, die Axt in sie ein. Dann setzte er sich auf diese, die Arme auf die Kniee stützend, und vergrub das Gesicht in die Hände. – – –

Etwas Böses hatte sich seiner bemächtigt.

Und dieses Böse, das war sie, die wunderschöne rothaarige Hexe, der er im Walde begegnet. … Hexe? … Er hatte ihr ja gesagt, daß sie dem Bilde der Mutter Gottes, welches in der Dorfkirche hänge, gleiche; und doch! … und doch war sie keine Mutter Gottes …

Die Mutter Gottes hat kein rotes Haar, die Mutter Gottes hält niemanden zum Narren, nachdem sie einen so sehr gefesselt wie sie ihn, die Mutter ist heilig, während sie … ach!! – – –

Vor drei Tagen war das alles vorgefallen, und seit der Zeit ist er wie wahnsinnig.

Sogar im Traume sieht er sie. Sein Blut kreist ihm wie toll durch die Adern, in den Schläfen hämmert es, und vor den Augen hat er Funken …

Sie ist keine Mutter Gottes, diese Hexe! Diese wunderschöne, berückende rothaarige Hexe!

[15] Wie er sie liebt, wie er sich nach ihr sehnt! Er ist vor Sehnsucht krank, er möchte weinen wie ein Knabe und möchte sie totschlagen vor Zorn, weil er sie nicht hat! Warum begegnete er ihr nirgends? Warum? – – –

Es hatte so traurig begonnen und so herrlich geendet …

Es war so.

Zuerst hatte ihn der Aufseher „wegen Übertretung des Forstgesetzes“ unten in der Stadt bei den Herren angeklagt, und zwar, weil er eine Tanne (dieses beinahe morsche Zeug da, auf dem er saß) eigenmächtig umgehackt hatte. Die hatten ihn dafür Strafe zahlen lassen und, wie sie sagten, wegen ungebührlichen Betragens vor Gericht achtundvierzig Stunden lang festgehalten.

Lebhaft stand alles vor seiner Seele.

Es hatte nichts geholfen, als er ihnen auch den Beweggrund jener Handlung vorhielt. Er brauchte einfach Holz für seine Koliba[4], in der er mit seiner Mutter den Sommer über wohnte und Aufsicht hielt über seine Schaf- und Pferdeherden. Da ihm das [16] „Klafterholz“ ausgegangen war, und er unumgänglich nötig welches brauchte, hatte er die Axt an jenen Baum gelegt … an einen einzigen Baum in jenem Urwalde …

Natürlich war er aufgebraust, als die Herren seine Entschuldigung ruhig und teilnahmslos verwarfen und nur auf das zu antworten erlaubten, was man ihn frage. Dann wollte er die doppelte Strafe zahlen, auf daß sie ihn nur nicht aufhalten sollten. – Die Mutter wäre daheim am Waldberge mit den Hunderten von Schafen und den zahllosen Pferden allein und könne sich auch nicht in Stücke reißen und noch weniger das alles zum Flusse jagen und tränken. Sie könne auch nicht mehr reiten wie in jungen Tagen, und am allerwenigsten seinen Hengst, dem allein alle übrigen Pferde folgten. Sie sei schon eine alte Frau und koche ihm nur Essen und spinne. Das sollten sie verstehen! - - -

Die Herren hatten einander nur angelächelt. Als er seine Bitte wiederholte, und zwar heftig, und, sie trotzig und herausfordernd ansehend, mit dem Fuße stampfte, da ging der Teufel los.

Sie nannten ihn einen übermütigen Vogel, der [17] den Käfig brauche … einen, der das, was der Kaiser gebot, mit Füßen trat … und der bald auch an Gott nicht glauben werde … weil er Hunderte von Schafen und Pferden besitze …

Er knirschte mit den Zähnen vor Zorn.

Sogar den Kaiser haben sie hineingemengt! - und den Herrgott! – Wer ritt jeden Sonntag in die Kirche, wenn nicht er? – Und was den Kaiser anbelangt, so war der ja weit und sah nicht, was hier um eines einzigen Baumes willen geschah … Bettelvolk! … alle diese Herren … Knechte, die dienten … sie wollten ihn … den einzigen Sohn des reichsten Huzulen … besudeln …

Das hatte er ihnen alles gesagt und dann seine achtundvierzig Stunden abgesessen …

Ihre ihm vorgelegte Kost wollte er nicht anrühren … die könnten sie sich selber behalten, meinte er; von der seien sie auch so spindeldürr und blaß und häßlich.

Aber dann wurde er freigelassen … Herrgott! …

Aber das war nicht die Hauptsache, und an das wollte er ja auch gar nicht denken.

Er hatte nach alledem die Stadt, in der es heiß [18] und staubig war und die voller Menschen wimmelte, im Sturmschritt durcheilt, und als er den ersten Weg betrat, der ihn zu seinem Heim führte, und die gewohnte Waldkühle seine Glieder umfloß, war all sein Groll gegen die „unten“ verschwunden. Er brauchte nicht mehr zu eilen; es schritt niemand hinter ihm, der ihn zur Umkehr zwingen konnte! …

Links von dem Bergwege, den er ging, gähnte eine bewaldete Schlucht, rechts zog sich ein felsiger Waldberg, einer Wand gleich, steil hoch. Einige hundert Schritte vor ihm lag dicht am Schluchtrande ein Felsblock, der sich von dem felsigen Waldberge in einer wilden Frühjahrsnacht abgelöst hatte und nun dalag – gleichsam ein Ruheplatz für Wanderer.

Dort wollte er sich einen Augenblick niedersetzen und seine Pfeife anzünden.

Er saß nicht lange. Aus der Schlucht, und just in der Nähe des Felsblockes, stieg ein Mädchen herauf. Es erfaßte mit kräftiger Hand die bei dem Steine wachsenden Farne, schwang sich herauf und blieb dann stehen.

Es war nicht vom Bauernstande, das hatte er auf den ersten Blick erkannt. Sein Kopf war in ein [19] rotes Seidentuch gehüllt, dessen Enden von rückwärts zusammengebunden waren und Gesicht und Hals freiließen. Das Gesicht war perlmutterweiß … und schön … und die Augen groß und glänzend und unendlich traurig …

Schweigend starrten sie sich einen Moment an …

„Wünsch’ gute Gesundheit, Frau!“ grüßte er endlich zaghaft und erhob sich.

„Gott grüße dich!“ hatte sie in etwas ermüdetem Tone geantwortet und ihm zugenickt wie eine Bekannte … Dann zog sie das Seidentuch vom Kopfe, wischte sich damit die leichtverschwitzte Stirn, umging ihn langsam und schritt weiter auf dem steilen Bergweg. –

Er folgte ihr.

Sie war von hohem, geschmeidigem Wuchs und wiegte sich im Gehen leicht in den Hüften.

Rotblonde, dicke Flechten, gegen das Ende zu aufgelöst, hingen ihr über den Rücken.

„Mein Gott, rotes Haar,“ dachte er sich. „Wie eine Hexe – ein solches hat kein einziges Mädchen bei uns im Dorfe – alle sind schwarz. Was sie sich nur nach mir sehnen werden … bin ja schon [20] einen ganzen Monat vom Dorfe fort, und hier herauf kommt keine!“ –

Er lachte mutwillig auf.

Die vor ihm Schreitende sah sich erschrocken um.

„Wohin gehst du?“ fragte er und trat an ihre Seite.

„Hinein in den Wald.“

Ihr Blick streifte ihn von der Seite; sie öffnete die Lippen, um noch etwas zu sagen, schwieg aber, während ein kaum merkliches Lächeln ihr melancholisches Gesicht erhellte. Er musterte sie eine Weile scheu, dann sah er wieder in einer ihm eigenen Weise, halb düster, halb sinnend, vor sich hin und fragte:

„Du bist von unten aus der Stadt?“

„Ja.“

„Dort giebt es eine Menge schöner Häuser, aber auch viel Menschen. Die Stadt ist groß. Bei uns im Dorfe wohnt nur der Herr Pfarrer in einem großen Hause; wir brauchen sie nicht.“

„Warum solltet ihr nicht auch größere Wohnungen brauchen?“ fragte sie.

„Wozu? Sind wir denn Herren? Die unten - sind Herren!“

[21] „Die Stadt da unten ist sehr klein,“ meinte sie belehrend, „es giebt hundert- und abermals hundertmal größere Städte!“

Er pfiff vor Erstaunen auf und schüttelte bedächtig mit dem Kopfe.

„Frau!“

„Sage zu mir nicht Frau; ich bin nicht verheiratet.“

„Du hast keinen Herrn?“

Sie schüttelte mit dem Kopfe, während ihre großen Augen ernst an seinen Lippen hingen.

„Kannst ja einen Herrn aus der Stadt nehmen, sind ja ihrer viele wie Drohnen. Nimm einen Herrn vom Amte!“

Sie schüttelte abermals mit dem Haupte, während ein kaum merkliches Lächeln ihre Mundwinkel verzog.

„Nicht? Freilich, wenn du ihm nicht folgst oder das sprichst, was er nicht mag, kann er dich auch auf achtundvierzig Stunden einsperren. Das verstehen sie gut, diese – Herren! Ich komme eben von ihnen.“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, erzählte er ihr in empörtem Tone sein Erlebnis.

Sie betrachtete ihn die ganze Zeit hindurch aufmerksam. Als er zu erzählen aufgehört und nach [22] einer kurzen Pause den „Herren“ unten noch einen Fluch nachmurmelte, lachte sie leise auf.

„Warum lachst du? Es ist gar nicht zum Lachen!“

„Man muß die Dinge verstehen, Mensch,“ sprach sie nun ernsthaft.

„Bin ich denn auf den Kopf gefallen, oder hab’ ich Giftschwämme gegessen? Doch eher die unten!“ antwortete er.

„Weder die unten, noch Du oben. Du hast sie aber nicht verstanden. Deine Gedanken sind Herz, ihre Gedanken sind Kopf. Sie denken nach Gesetzen und werden dir haarklein beweisen, daß du unrecht gehandelt hast, jene Tanne abzuhacken, trotz des mächtigen Waldes. Bei dir, siehst du, ist es anders. Man muß stets zum Kopfe um Rat gehen.“

Er spuckte weit vor sich durch die Zähne.

„Der Teufel mag sie holen! Sie sind alle Verdreher; alle diese hungernden Röcklinge. – Gott hat doch für alle Menschen den Wald erschaffen; das können sie nicht leugnen und werden es mir auch nicht weismachen, und mögen sie hundertmal Herren sein und schreiben und lesen können. Daß mich das Unglück traf, ertappt worden zu sein – na – das [23] habe ich nur der unglücklichen Stunde zu verdanken, in der ich die Tanne abhackte!“

„Es giebt keine glücklichen oder unglücklichen Stunden,“ meinte sie.

„Oho!“ protestierte er.

„Glaube mir. Wenn du studiert hättest, würdest du derlei Unsinn nicht reden!“

Seine Augen funkelten auf.

„Du glaubst, wenn man lesen und schreiben kann, hat man schon den Herrgott beim Fuße erwischt? Auch die Heiligen sind noch da. Ich sage ja nicht - gescheidt sind ja die Leute, die lernen; aber sie sind auch schlecht!“

„Mitunter ja; aber glaube nicht, daß Unwissenheit besser macht.“

„Was weiß ich?“ sprach er. „Wie Gott einen erschafft, so ist man; wie einem das Schicksal beschieden wird, so lebt man; wenn einem die Zeit ausgeht, so stirbt man. Ich kann gescheidt sein, wie ich will: wenn Gott es will, so kann ich doch sterben!“

„Gewiß – dagegen läßt sich nichts thun.“

„Siehst du? – Und wenn sie, die Gescheidten, so gut sind, weshalb nimmst du nicht einen zum Herrn?“

[24] Er sah sie schadenfroh an.

„Das ist etwas anderes. Das ist etwas, was ich wollen oder nicht wollen kann. Es gefällt mir keiner sehr gut. Ich bin sehr reich; ich hab’ sie alle in der Hand.“

„Gerade wie ich die Mädchen im Dorfe,“ sprach er flüchtig stolz und mehr wie zu sich selber. „Ich bin auch reich; unsere Leute sagen „der Reichste“. Die Mädchen sterben alle nach mir.“

Sie lachte.

Er faltete verletzt die Stirn.

„Was lachst du immer?“

„Ich lache nicht über dich.“

Er beruhigte sich.

„Es ist wahr,“ sprach er dann, „wenn man reich ist, kann man schon über alle lachen. Ich lache ja auch über alle. Ich kümmere mich um niemanden.“

„Über mich möchtest du auch lachen?“ fragte sie übermütig und wie infolge innerer Eingebung und sah ihm voll ins Gesicht.

„Über dich?“ Er blickte sie beinahe erschrocken an; dann lächelte er leicht errötend. „Eh – das geht nicht so,“ meinte er.

[25] „Weshalb nicht?“

„Ich weiß nicht – aber du bist so – so –“

„Wie bin ich?“ fragte sie ernst.

„So – ich weiß nicht – so wie das Bild der Mutter Gottes in unserer Kirche …“

Sie lachte wieder; nicht sehr herzlich, aber doch; dann verstummten beide. – – –

Schweigend schritten sie eine Zeit lang weiter.

Er war schön und kräftig gebaut, und sie bewunderte ihn heute wie schon früher.

Einmal kam ihr der Gedanke in den Sinn, wie er wohl wäre, wenn er ein Mädchen liebte, und weiterhin fiel ihr, sie wußte selber nicht weshalb, der Satz ein: „Von starkem Arme geborgen zu sein …“

Sie hielt viel auf physische Kraft und körperliche Schönheit, und wenngleich sie selten „liebte“, so empfand sie immer Wohlgefallen an schönen, kräftigen Menschen. Wenn sie sich müde fühlte, so empfand sie oft eine wehmütige Sehnsucht, ein Bedürfnis, sich an der Brust irgend jemandes auszuruhen. Dieser jemand hätte aber kräftig und kühn sein müssen. Vor allem – kühn.

Sie mäßigte ihre Schritte.

[26] Sie waren lange und schnell gegangen. Nach den tiefen Atemzügen und der Röte, die sich auf ihre Wangen legte, schloß er, daß sie müde war.

„Du bist müde geworden,“ sprach er, „kannst nicht mit mir Schritt halten. Ich bin zu schnell gegangen.“

„Ja,“ klang es ermüdet zurück.

Er ging plötzlich langsam.

„Du sprichst unsere Sprache so schön,“ fing er dann an.

„Ich bin dasselbe, was du bist – auch eine Kleinrussin. Warte ein wenig; ich bin müde. Wenn ich zu angestrengt gehe, schlägt mir das Herz zu stark und vor den Augen flimmern tausend Funken.“

Sie preßte beide Hände an die Schläfen.

Er war vor ihr stehen geblieben.

Einen Moment lang sahen sie einander an; es war, als züngelten plötzlich Flammen aus beider Augen und vereinigten sich zu einem Feuer.

Sie senkten die Blicke. – Sie sah sich scheu um.

War das dieselbe, ihr so wohl bekannte Gegend?

Doch. Dieselbe dunkelgrüne Schlucht, derselbe felsige Berg da rechts mit seinen kerzengeraden Tannen, dazwischen hinein zarte Weißbirken … üppige Farne [27] wucherten aus dickem Moose, und hier und da schlanke Glockenblumen … Leise, eintönig rauschte der Wald.

Schattige Kühle legte sich um ihre Glieder. Irgend ein Waldvogel hatte in ihrer Nähe aufgekreischt; sie war ängstlich zusammengefahren.

„Du fürchtest dich?“ fragte er beklommen.

„Nur heute. Sonst niemals.“

„Du bist also täglich hier? Und weshalb fürchtest du dich heute?“

„Ich weiß nicht … ich fühle mich weniger einsam, wenn ich ganz allein im Walde bin.“

„Wie kommt das?“

„Ich weiß nicht … ich weiß – wirklich nicht …“

„Was thust du hier?“

„Nichts. Ich komme nur so hierher. Ja – manchmal male ich die Tannen … gewöhnlich höre ich zu, wie die Bäume rauschen. Sie rauschen wie das Meer, nur um vieles schwächer. Du weißt nicht, wie das Meer rauscht … gehört habe ich es auch nicht, aber ich weiß, wie es rauscht … horch!“

Beide horchten mit angehaltenem Atem.

Hörbar schlug jedem einzelnen das Herz.

[28] Sie sah sich abermals ängstlich um … so wild und einsam schien es ihr noch nie wie heute; das reiche Waldgrün schien sie geradezu zu ersticken.

„Fürchte dich nicht … ich bin ja hier im Walde … schau’ nicht hinter dich … es ist nicht gut …“ meinte er in seltsam gepreßtem Tone.

Schweigend und geradezu eilig schritten sie den steilen Weg hinauf.

Um ihre Lippen lag ein Zug wahnwitziger Entschlossenheit, und die Augenlider waren gesenkt. Ihre langen, dunklen Wimpern stachen von den schneeweißen Wangen seltsam ab.

„Bald geht die Sonne hinter die Berge,“ unterbrach er erregt die Stille und strich sich sein Stirnhaar hastig zur Seite. Es wurde ihm heiß.

„Als ich fort, das heißt hierher in den Wald ging, schlug es drei. Zusammen gehen wir gute zwei Stunden; in der Stadt kann es fünf sein.“

Bei diesen Worten, die sie fast mit zuckenden Lippen gesprochen, zog sie eine kleine Uhr aus ihrem Seidengürtel, blieb stehen und sah mit großer Aufmerksamkeit auf dieselbe.

„Ah! Du hast eine Uhr? Von Gold? Zeige sie mir!“

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Schweigend und geradezu eilig schritten sie den steilen Weg hinauf. (S. 28.)

[29] Er trat dicht an sie heran. Beide sahen mit Spannung auf das kleine, goldene Ding.

Das geht, als ob es eine Seele hätte,“ sprach er. „Was für gescheidte Leute es doch auf der Welt giebt, die so etwas machen können … mein Gott, mein Gott! … Du mußt wirklich reich sein, weil du eine solche Uhr hast. Ist dein Vater ein großer Herr? – Wer bist du?“

Sie lächelte wieder.

„Du weißt nicht, wer ich bin?“

„Nein.“

„Aber du hast mich ja doch gesehen … erinnere dich!“

„Ich habe dich niemals gesehen.“

„Erinnere dich!“

„Aber wenn ich es dir sage!“

„Also … als du dein schönes Pferd in den Advokatenhof brachtest … und es zum Stehen zwangst … kam ich heraus … erinnerst du dich?“

Er sann eine Weile nach.

„Ich weiß nicht …,“ sprach er gedehnt und erstaunt, „aber ich habe dich nicht gesehen … es kam jemand heraus … das weiß ich … aber [30] es war jemand in schwarzer Kleidung … an dein Gesicht erinnere ich mich nicht.“

Sie blickte von ihm fort und lächelte.

„Wenn du nicht weißt, wer ich bin, so thut es auch nicht viel zur Sache. Ich habe dich oft gesehen, oft genug!“

„Du lachst wieder über mich!“

„Nein!“

„Also wer bist du?

„Was kümmert das dich? Übrigens“, fügte sie plötzlich mit einem melancholischen Lächeln hinzu, „bin ich eine, die kein Glück hat … weißt du … in manchen Dingen.“

„Reich und kein Glück?“ sagte er ungläubig und lachte auf. „Schau’, vielleicht hat es dir jemand abwendig gemacht, das kommt vor. … Aber du bist jung …, fuhr er fort und trat noch dichter an sie heran, währenddem er, ohne zu wollen, mit seiner Hutkrempe ihr Stirnhaar berührte.

Sie sah auf, und in demselben Augenblick ergoß sich eine tiefe Röte über ihr Gesicht.

„Ja … ich bin jung … und wieviel Jahre zählst du?“

[31] „Zu Demetrius werde ich sechsundzwanzig. Ich …“

Plötzlich hielt er inne. Wie Feuerflammen schlug auch ihm eine glühende Röte ins Gesicht, bis in die Stirn hinauf, und mit funkelnden Augen starrten sie einander an.

„Du!“ stieß er bebend aus.

„Was ist?“ klang es kaum hörbar zurück. Sie hatte die Blicke gesenkt.

„Du bist schön,“ sprach er in verändertem, klanglosem Ton.

Leichtes Zittern überfiel ihre Gestalt. Sie sah wieder auf. Sein Gesicht ward weiß, als ob der letzte Blutstropfen daraus fortgewichen wäre, und zeigte Spuren tiefster Erregung. Die Augen schienen Funken zu sprühen.

Ein erzwungenes Lächeln erschien auf ihren Lippen, dann erstarb es. Sie konnte seinen Blick nicht ertragen. Sie fühlte sich plötzlich von einem ihr bisher völlig fremden Gefühl erfaßt … und Thränen traten ihr in die Augen. Sie schritt weit von ihm bis an den Rand der Schlucht und meinte eilig, ohne sich zu besinnen: „Gehen wir weiter!“

Und weiter schritten sie auch in den Wald, der [32] immer stiller und stiller ward und in dem sich höchstens Laute eines rieselnden Baches durchbrachen. Rasch glitt sie am Schluchtrande dahin, sich leicht unter den über den Weg hängenden Tannenzweigen neigend, während er erregt fragte:

„Es gefällt dir also im Walde?“

„Ja.“

„Warum? Man sieht ja nichts.“

„Eben weil ich nicht sehe, was ich sonst sehe.“

„Nun, so komm’ mit auf meinen Berg; dort wird es dir noch besser gefallen; dort kommt kein Mensch hinauf, nur manchmal an Feiertagen mein Vater. Dort wohne ich mit meiner Mutter seit fast zwei Monaten und es besuchte uns kaum ein Mensch. – Willst du?“

„Du bist der einzige bei deinen Eltern?“ fragte sie, ohne auf seine Worte zu achten.

„Ja – aber kommst du?“

„Das geht doch nicht!“

„Und warum nicht?“

„Weil es nicht geht.“

„Weil du nicht willst?“

Sie schwieg. [33] „Weil du nicht willst? – Du hörst?“

„Ach – was dir einfällt!“

Sie lächelte gezwungen, während ihre Augen vor Aufregung fast unheimlich leuchteten. –

„Sieh’ doch, wie dicht hier die Bäume wachsen, die Luft wird geradezu feucht; man sieht den Himmel beinah’ gar nicht … o Gott!“

„Du fürchtest dich doch!“

Sie schüttelte das Haupt, die Augen voll seltsamen Glanzes nach ihm gerichtet. Zurück wollte sie noch immer nicht; sie wußte nicht, weshalb. Sie war auch weit davon entfernt, mit ihm bleiben zu wollen … sie fühlte mit einem Male, daß der Wille nie wahrhaft frei ist … Narr, der sie noch vor zwei Stunden war!

„Geh’ nicht so dicht an den Rand – du wirst fallen!“

Sie gab keine Antwort.

„Hörst du? Ach! Du fürchtest dich vor mir! Ich thue dir nichts. Deine Uhr brauche ich ja nicht. Komm doch näher an mich; meine Brustkette da mit den Kreuzen ist mehr wert, als deine Uhr. Komm, ich schenke sie dir! … und mehr noch könnte ich [34] dir schenken … auch meinen schwarzen Hengst mit dem geschnitzten Sattel … Komm nur!“

Es war, als hörte sie ihn nicht.

Eilig, mit geröteten Wangen und fieberhaft glänzenden Augen, schritt sie mühsam empor. Immer dichter und dunkler wurde der Wald, immer wilder. – Der Weg, steiler und schmäler, führte bis zu einer Wiese. Bis dorthin wollte sie noch. Bis dorthin, auf jeden Fall, um jeden Preis, und erst dann zurück. Atemlos – schien es – in höchster Spannung schritt er wortlos neben ihr. – – –

Nun standen sie oben.

Ihren Blicken bot sich eine wunderbare Aussicht.

Gewaltige bewaldete Berggipfel, blau-dunkle Schluchten, Urwälder, grasreiche Wiesen, alles gleichsam in Bläue gehüllt. – Und das alles lag nicht in der Ferne; nein, in nächster Nähe türmte sich Berg an Berg, getrennt nur durch Tiefen; darüber ein reiner, wunderbar reiner blauer Himmel.

Alles das von überwältigender Schönheit … All dieser farbenprächtige Raum, dieses überreiche, intensive, fast dunkelblaue Grün …

Ringsum stille Einsamkeit und Rauschen der Wälder.

[35] Ein weithin reichendes, eintöniges Rauschen. – –

Einen Moment lang stand sie überwältigt von dieser üppigen Schönheit; sie schien seine Nähe vergessen zu haben.

Er saß neben ihr auf dem Boden.

Er schien die Schönheit der Umgebung gar nicht zu bemerken oder zu fühlen; er sah nur sie.

Sie stand so hoch und geschmeidig da und war so wunderbar schön!

Ihr prachtvoller Körper schien’ ihm im Sonnenglanz durch die leichte, lichte Kleidung entgegenzuschimmern. Er sah genau alle seine Formen und Umrisse, fühlte sie so, wie man die Nähe einer starkduftenden, betäubenden Pflanze fühlt. – Das Blut kreiste ihm wie toll durch die Adern.

Plötzlich wandte sie den Kopf um und richtete ihre schimmernden, weitgeöffneten Augen nach ihm. Was verhielt er sich so still?

„Es ist so schön hier,“ meinte sie und sah sich halb verlegen, halb ängstlich um.

„Ja, aber setz dich!“

„Ach nein, ich muß schon fort.“

[36] „Fort? Weswegen?“ Er sprach das wie ohne Bewußtsein.

„Ja!“

„Wozu?“

„Ich muß doch … “

„Setz dich ein wenig!“

„Ich will nicht!“

„Warum nicht?“

„Weil …“

„Aber setz dich!“

Das klang wie befehlend.

Eine Art Übermut, die das Gefühl der Furcht gar nicht kennen will, regte sich in ihr, und sie lächelte und flüsterte:

„Wenn ich es aber nicht will?“

Ein eisig kalter Ernst legte sich auf seine Züge. Er hob sich auf ein Knie, legte beide Arme um ihre schlanke Gestalt und zog sie an sich.

„Du bist so schön … so schön!“ sprach er in erstickenden Tönen.

Bei seiner Berührung ward ihr, als ob ein unerklärliches Etwas wie ein elektrischer Strom von ihm [37] auf sie überginge und tausend Flammen nach ihr züngelten. Aber sie wollte sich wehren.

„Was fällt dir ein? Was willst du?“

„Nichts.“

„Dann lasse mich.“

„Du bist so schön, so schön!“

Eine wilde Aufregung bemächtigte sich ihrer. In tiefen Zügen hob sich ihre Brust, und das Herz schien seine Hülle sprengen zu wollen. Sie fühlte, wie etwas ihre Widerstandskraft unterwühlte, wenn er sie an sich zog.

„Mensch, lasse mich!“

Einen kurzen Moment rang sie mit ihm, stumm und fast automatenhaft. Seine Augen glühten, und er war leichenblaß. Er ließ sie nicht los.

„Wenn ich dich aber bitte … siehst du … bitte …“ murmelte er immer von neuem. „Du bist so schön … so schön …“

Ihr schwindelte, und sie vermochte nicht mehr zu reden.

Knieend hing er sich um ihre Hüften, und seine Arme umklammerten sie geradezu eisern. Das Antlitz barg er mit leidenschaftlicher Geberde in die Falten [38] ihres Rockes, und langsam, aber kräftig zog er sie herab. Sie verlor all ihren Willen.

Ein Lächeln, flüchtig, unbestimmt, überflog ihr Gesicht, das schneeweiß sich tief und tiefer neigte, und, der Gewalt einer unbekannten Macht unterliegend, glitt sie langsam, gleich einer gebrochenen Palme, und fast ohne Besinnung zu Boden. – – –

Blendend und wie siegestrunken flammte die Sonne im Westen in überreicher Goldfülle auf, und das zartlichte Gewölke verwandelte sich in glühende Röte rings um sie. – – –

So war also das Ganze! – – –

Und jetzt sitzt er da wie vergiftet, wie zum Hohne und Gelächter, und muß sich zu Tode nach ihr sehnen!

Er, der Reichste, der Schönste, er, nach dem im Dorfe alle Mädchen sterben – er sehnt sich vergeblich! –

Das ist ihm nie passiert.

Er knirscht mit den Zähnen und schlägt mit der Faust auf den Stamm.

Wie schön, wie wunderbar schön ist sie! Während des kurzen Schlafes vorhin hat er von ihr geträumt. An alles weiß er sich nicht genau zu [39] erinnern, nur an das, daß sie sich dicht an ihn geschmiegt hat und es ihm bei ihrer Berührung in den Gliedern wie eine Sonne aufgestrahlt hat. Dabei hat sie so leise aufgelacht wie damals, als er ihr gesagt, daß nach ihm alle Mädchen „sterben“. Auch hat sie ihn aufgefordert, mit ihr auf eine Höhe zu steigen, wo es einem schon schwindelt.

„Du mußt mich suchen,“ hatte sie ihm auch unter anderem gesagt, und diese Worte hatte er sich ganz genau gemerkt; sogar den Tonfall ihrer Stimme. Heute Morgen hatte er sich auf seinen wilden Hengst gesetzt und war wie toll den Weg geritten, den er mit ihr zurückgelegt.

Vielleicht saß sie dort irgendwo und malte die Tannen und hörte zu, wie der Wald rauscht?

Aber er hatte sie nicht gefunden.

Einmal schien es ihm, als ob etwas Menschenähnliches durch den Wald ginge, und er horchte mit angehaltenem Atem nach allen Seiten, stand regunglos wie ein Tiger auf der Lauer … aber es war ein Hirsch, und das Pferd wäre ihm fast vor Schreck in den Abgrund gesprungen … Das hatte er von jenem Ritt.

[40] Damals war alles so schön, so wie eine Sonne, wenn sie am höchsten steht. Er will, daß es wieder so schön wird. Er liebt sie ja … ja, jetzt ist die Reihe an ihn gekommen, zu sterben!

Er lacht, während sein Herz voller Zornesthränen ist. – – –

Damals ging sie mit Blicken fort, als sei die Welt für sie mit einem Male anders geworden, als sei sie ein anderer Mensch geworden. – Sie war schneeweiß, und ihre großen, traurigen Augen glänzten so seltsam … Herr Gott! –

„Liebst du mich?“ hatte er sie gefragt.

Sie antwortete nicht gleich, sagte aber nach kurzem Besinnen mit einem matten Lächeln: „Nein.“

„O, du liebst mich!“

„Vielleicht!“

„Warum vielleicht?“

„Weil … weil das etwas anderes ist.“

Foppte sie ihn, daß sie nicht mehr erschien? Würde sie thatsächlich niemals mehr kommen?

Das war unmöglich.

Die Mädchen im Dorfe kamen unzählige Male, wenn sie einen liebten, zum Beispiel ihn! Voller [41] stolzer Ungeduld schüttelte er den prächtigen Kopf, und ein gedämpfter Wutschrei entrang sich seinen Lippen. – – Ja, er war wild.

Er fühlte, wie seine Seele gleichsam zertragen war und nicht mehr ineinander paßte. Kaum, daß er sich um seine Pferde kümmerte und sie zum Tränken jagte. –

Was thun? – Was thun, um sie zu sehen und abermals zu haben?

Aber wenn er sie noch einmal in seine Hände bekommt, dann muß sie hinauf zu ihm; gutwillig oder nicht. Sie muß. Er will es.

Er wird mit ihr ganz allein oben wohnen. Sie ist ja gern allein. Hier kann sie vom Morgen bis zum Abend dem Rauschen der Wälder zuhören – niemand wird sie stören. Er wird zu ihr kommen dürfen, denn sie ist dann sein, aber Fremde …

Er faltete drohend die Stirn.

Das sollte nur einer wagen! Der würde mit zerschmettertem Haupte hinunter in irgend einen Abgrund fliegen, daß ihn auch die Geier nicht fänden.

Mit Huzulen ist in der Liebe nicht ratsam zu spaßen. Aber sie würde es gut haben bei ihm.

[42] Alle Teppiche, die seine Mutter daheim, unten, in der Truhe für ihn aufbewahrte, würde er hinauftragen. Alle die bunten Seidentücher, Seidenstoffe, die Silbermünzen, die buntfarbigen, prächtigen Wollgürtel, alle die reichgestickten, schneeweißen Hemden, die Felle von Bären, die er selber erlegt, alle gestickten Pelze, alles das würde er ihr hinaufbringen und sie damit umgeben. – Seinen schwarzen Hengst mit dem silbergeschmückten und geschnitzten Sattel, den er noch von seinem Großvater erhalten, würde sie auch bekommen, denn zu Fuß dürfte sie selbstverständlich nicht gehen. Ein echtes Huzulenweib thut das nicht.

Nur sollte es ihm nicht einfallen, sich unter ihr zu bäumen, wie er das mit Vorliebe bei jeder Brücke that, denn dann wäre das gleich sein letzter Augenblick. Er würde ihn sofort niederschießen; so wie die goldhaarige Stute, die irgend ein Herr einmal zu ihm auf die Weide gegeben. Er wollte ihr eine Wunde am Fuße reinigen, und sie schlug ihn dafür mit den Hinterfüßen in die Seite, daß er fast zwei Wochen wie ein Krüppel im Hause hocken mußte. Er hatte sie dann bezahlt, vielleicht auch überzahlt, aber sie hatte auch das Ihrige bekommen! –

[43] Ja, er ist gut, wenn er gut ist … aber wenn er böse ist … Er wühlt im Haar und reibt sich die Stirn und brütet unaufhörlich, wie er sie bekommen könnte. Er wird schon etwas herausdenken.

Ihr rotes Seidentuch hat er ja bei sich, das ihr aus dem Gürtel herausgefallen war und das sie vergessen hatte, mitzunehmen. Wie das duftete! Weiß Gott, zwischen welchen Kräutern es gelegen! Damit kann er ja auch zur alten Huzulenwahrsagerin gehen. Die hilft bestimmt, und wenn sonst nichts hilft. Aber vorläufig will er mit Weibern nichts zu thun haben. Will selbst etwas ausdenken. -

Die Thüre der Hütte öffnete sich und seine Mutter kam heraus und rief ihn zum Abendmahl.

„Ich mag nichts essen,“ antwortete er mißmutig, ohne den Kopf zu erheben.

„Gott sei mit dir, mein Sohn,“ antwortete sie ernst, „aber ich merke, daß sich eine Krankheit an dich machen will. Christus mag sie fernhalten … die guten Heiligen mögen sie schlagen.“

Mit bekümmertem Gesicht befühlte sie seine Stirn und versuchte, ihm in die Augen zu schauen.

Er wich ihren ängstlich forschenden Blicken aus.

[44] „Siehst du?“ rief sie in triumphierender Bitterkeit, „sie haben dich dort unten verdorben. Gott lohne es ihnen. Laß mich deiner Stirn das Unreine aussaugen.“ Und küssend sog sie den bösen Blick aus seiner Stirn heraus.

„So, jetzt wird es besser werden; und später will ich wieder Kohlen löschen und die Hütte mit Kräutern räuchern. Ach,“ jammerte sie, „unglücklich die Stunde, in der du den Baum abgehackt. Krank bist du mir heimgekehrt und mit gesenktem Kopfe. Die Flöte rührst du nicht an und halb issest du nur. Die Heiligen werden das Böse schlagen, werden es auf deine Feinde werfen. Nun, komm’ herein ... was willst du da mit der Axt?“

„Hinein in den Wald.“

„Wozu?“

„Ich will noch eine Fichte fällen.“

„Bist du wahnsinnig geworden? Gott soll dich bewahren!“ rief sie entsetzt aus.

„Zum zweiten Male willst du verhaftet werden – und erkranken? Laß ab, Duschko[5], laß ab. Noch klebt die Folge der bösen Stunde an dir, noch bist du nicht ganz rein.“

[45] „Ich werde gehen, Mutter, ich muß gehen,“ antwortete er düster und senkte das Haupt, das Angesicht mit beiden Händen verhüllend.

„Ich“, fuhr er fort, „will noch eine Umzäumung hier bei der Koliba für die Schafe machen. Es könnten welche erkranken, und da magst du sie gleich unter den Augen haben, während ich draußen im Walde bei den anderen oder bei den Pferden bin. Das thue ich, Mutter. Diesmal aber steige ich den Berg bis zum Flusse hinab, wo ich Forellen fange, und will dort eine Fichte aushacken. Dort ist der Wald dichter, als überall, und die Stimme der Axt wird sich verlieren. Ich hacke den Baum bis zum Erdboden aus und verdecke den Stumpf mit Moos. Dort bereite ich mir die Pflöcke und werfe die Späne ins Wasser; mögen sie mich dann unten anzeigen! Ich fürchte mich nicht!“

Die letzten Worte sprach er mit finsterer Entschlossenheit und erhob sich.

„Und jetzt gehe ich, Mutter; bleibt gesund und harrt nicht vor Mitternacht auf mich.“

„Wenn es durchaus sein muß, dann gehe,“ sprach verstimmt die Alte; „aber besser wäre es, [46] du bliebest daheim. Auch das Gewitter kann noch umkehren; es hat heute nicht ganz ausgetobt.“

„Nein. Es kehrt heute nicht zum zweiten Male ein; dort blinkt bereits der Abendstern, auch haben wir heute Vollmond!“

„Dann geh’ mit Gott. Das Abendmahl hebe ich dir auf und will bis zu deiner Ankunft spinnen und für dich beten.“ – – –

Rasch schritt er den bekannten bewaldeten Berg hinab, ungeduldig trockene Zweige oder Holzstücke, die im Wege lagen, mit dem Fuße von sich stoßend. Tiefe Stille herrschte im Walde, und nur sein kräftiger Tritt oder hier und da ein ausgestoßener Fluch, wenn er schlecht getreten, unterbrachen sie.

„Und ich bekomme sie doch!“ dachte er mit unheimlicher Freude. „Ich steige hinnuter zum Flusse und hacke, wo just der Wald gelichtet ist und besucht wird, die gesündeste Tanne aus. Dann geht einer und meldet mich unten bei den Herren an; die werden mich abermals achtundvierzig Stunden festhalten wollen; ich aber gehe zum Advokaten und drehe mich dort so lange, bis sie kommt!“

Vielleicht ist sie seine Tochter? … Aber nein, [47] sie scherzte nur, als sie sagte, daß sie ihn dort oft genug gesehen habe! Weshalb hatte er sie nicht gesehen? Und weshalb hatte er seine Frau gesehen? Diese strenge, schreckliche Frau, die stets nur ihre Augen auf seine Füße gerichtet hielt, wenn sie in die Kanzlei kam und er dort anwesend war. Das kann nicht ihre Mutter sein … sie kann dorthin nicht gehören, sie muß jemand anderer sein … Sie spricht kleinrussisch, während ihre Mutter weiß Gott was für eine schreckliche Sprache gesprochen. Er haßt sie.

Er weiß nur das eine: Er bleibt dort beim Advokaten so lange, bis sie irgendwo zum Vorschein kommt; und dann geht er ihr nach … und dann wird sie schon sein werden müssen.

Alles andere kümmert ihn nicht, und an alles andere will er gar nicht denken.

Immer rascher und eiliger wird sein Schritt. Er hat nicht mehr weit zum Ziele. Durch den sich bereits lichtenden Wald blinken Fluten des Gebirgsflusses im Mondschein auf. Nur noch einige Schritte und er befindet sich an Ort und Stelle.

Dicht vor ihm am Fuße des Berges floß der Fluß; heute durch das Gewitter angeschwollen, bewegte [48] er sich in großen, schäumenden Wellen, die, schmutzigmatt, im Mondlicht unheimlich schimmerten.

Er blieb, an eine Fichte gelehnt, stehen und sah weit vor sich in die Ferne. Schöner und sehnsuchtweckender denn je lag eine ganze Gebirgskette vor seinen Blicken. Vom magischen Mondlicht, von Millionen flimmernder Sterne beleuchtet, war sie von märchenhafter Schönheit.

Ob er das großartige Schöne in der Natur merkte oder fühlte? Er war den prächtigen Anblick, den das Gebirge bot, von Kindheit an gewöhnt, taghelle, lautlos schweigende Sommernächte waren ihm bekannt, denn er hatte mehr als eine wachend bei seiner Pferdeherde zugebracht; – und doch! – und doch wurde sein Herz, als sein Blick über die in blaue Nebel gehüllten Gipfel schweifte, von tiefer und unerklärlicher Sehnsucht erfaßt!

Und da zu seinen Füßen wogten und murmelten die Wellen etwas Trauriges; ihre Laute weckten in seinem Herzen … Thränen. Ja, es ward ihm schwer und einsam, und er wußte selber nicht, wie es kam, daß er zu singen begann … Ein echtes Kind seines Volkes, suchte er Erleichterung im Gesange. Er sang in langgezogenen Tönen eine jener [49] trauervollen kleinrussischen Weisen, „Dumka“ genannt, welche der Ausfluß aller Trauer und allen Schmerzes dieser unglücklichen Nation sind:

Wer ein Elend überstanden,[6]
Dem zehn andre sich gleich fanden!
Ich vergesse alle Leiden,
In der Dumka find’ ich Freuden!

Laß dir, lieber Freund, es sagen,
Übers Los darfst du nicht klagen;
Will ins Aug’ die Thrän’ dir dringen,
Mußt du dir die Dumka singen.

Meine Dumka, meine liebe,
Wie weckst du so neue Triebe!
Klingst du traurig, so auch freust du
Dennoch! und den Mut erneust du!

Dumka, Dumka, die Kleinrussen
Dich aus alter Zeit noch kennen,
Denn vom Dnjepr bis zum Sane
Schwingst du deine goldne Fahne!

Wie in Freude, so im Leide,
Im Gebirge, auf dem Felde,
Dumka – dich nur hör’ ich klingen,
Dich, nur dich will jeder singen!

Ob im Zwilchrock, ob im Fracke,
Bei der Feder, bei der Hacke:
Jeder Russe singt dich gerne,
Hältst du doch den Schmerz ihm ferne!

[50] Er schleuderte seinen Hut vom Kopfe zur Erde, als steckten alle traurigen Gedanken darin.

Ihr rotes Seidentuch hatte er im Hierhergehen um den Hals geschlungen. Der starke Duft, der demselben entströmte, und der ihm überhaupt an ihr aufgefallen war, bewirkte, daß sie nur noch lebendiger vor seiner Seele stand. Sehnsucht und ein heftiges Begehren nach ihr erwachte noch wilder als bisher in seinem Herzen.

Er wandte sich mit dem Rücken zum Flusse.

Die dem Ufer am nächsten stehende Tanne hatte den ersten Schlag erhalten. Anfangs kamen die Schläge langsam, gleichmäßig; später rascher, wuchtiger. So hackte er über eine Stunde und gönnte sich keinen Moment der Ruhe. Eine Art Fieber hatte sich seiner bemächtigt. Unaufhörlich dachte er an sie. Sie stand so lebendig vor seiner Seele in ihrer ganzen hinreißenden Schönheit und mit all ihren Worten und ihrem Lächeln. Er lebte gleichsam noch einmal alles durch mit ihr.

Wie schön, wie wunderbar schön war sie!

Und dann der Traum!

Er lag ihm noch in den Gliedern. Noch fühlte

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So hackte er über eine Stunde und gönnte sich keinen Moment der Ruhe. (S. 50.)

[51] er schier ihr Anschmiegen, fühlte ihre weichen, warmen Glieder …

„Du mußt mich suchen!“ hörte er plötzlich dicht in seiner Nähe rufen. Er fuhr zusammen und hielt im Hacken inne. Fast in demselben Momente wiederholten sich die Worte: „Du mußt mich suchen!“

Ja, das war ihre Stimme … ihre Stimme!

Ehe er sich fassen konnte, krachte und schwankte die Tanne und hätte ihn im Stürzen fast niedergerissen, wenn er nicht rechtzeitig zur Seite gesprungen wäre. Er erschrak wie nie im Leben, und alles Haar stieg ihm zu Berge. – Was bedeutete das?

Er sah sich um und starrte nach dem Wasser … von dorther hatte es geklungen, so laut und so deutlich … Aber nichts regte sich. Welle um Welle, nicht allzurasch und auch nicht langsamer, kamen immer von neuem, und die Tanne – die ins Wasser gestürzt war – umspülend, nahmen sie sie langsam und majestätisch auf ihren Rücken …

Alles andere verhielt sich so still, so erwartungsvoll still … Die Bäume da am Rande, ja, der ganze Wald – alles, als ob es sein müßte, um irgend etwas wahrzunehmen.

[52] Die Fluten funkelten im Mondlicht unheimlich, und über ihnen zogen bläuliche Nebelgestalten, nein, sie waren überall, sie hatten sich angesammelt, als wollten sie alles ersticken und überwältigen.

Er fröstelt vor wahnwitziger Angst und möchte wie ein Tier aufbrüllen, aber plötzlich denkt er an Gott. Er bekreuzigt sich einmal, zweimal, dreimal – mehreremal – hernach reißt er wie infolge einer plötzlichen inneren Eingebung das Seidentuch vom Halse und schleudert es geballt ins Wasser.

Mit einem Male ward ihm alles klar.

„Sie ist eine Hexe – eine Hexe!! o heilige Mutter Gottes … o alle Heiligen!“ – Wohin war er da geraten? Mit wem hatte er sich zu schaffen gemacht?

Er denkt mit der größten Feindseligkeit an sie.

Er möchte sie totschlagen, auf der Stelle, zermalmen, zertreten wie einen Hund, wie einen Wurm … und ein Rätsel nach dem anderen löst er nunmehr mit Blitzesschnelle …

Nicht vergeblich hatte sie rotes Haar. Nicht vergeblich roch sie nach Kräutern. Nicht vergeblich war sie so wunderschön, glich sie der Mutter Gottes, denn nur dadurch konnte sie fesseln!

[53] Nicht vergeblich strich sie im Walde umher. Welcher Christenmensch geht in den Wald, um zuzuhören, wie er rauscht?

Und weswegen wollte sie nicht sagen, wer sie sei? Und weswegen sollte sie damals am Hofe gewesen sein, da er sich an ihr Gesicht nicht erinnern konnte? Und dann: sie hatte kein Glück! Nur die von Gott gänzlich Verstoßenen haben es nicht … etwas Glück giebt Gott stets einem jeden mit. Sie wollte ihm das seinige abwendig machen. Ha, ha, ha!

„Du mußt mich suchen!“ hatte sie im Traume gezischelt. „Ja, suchen!“ damit er hierherkam, ihrem Rufe, weiß Gott wohin, folgte, irre gehe und in die Klauen ihrer Sippschaft falle und sein Glück auf sie übergehe! Weswegen fragte sie, ob er der einzige Sohn sei? Nur die einzigen Söhne haben besonderes Glück.

Und weswegen versprach sie nicht damals, wiederzukommen, wenn sie thatsächlich ein Mädchen und ein christliches Menschenkind war? Weshalb fürchtete sie sich nicht im Walde, wenn sie ganz allein war? Und vor ihm that sie, als ob sie sich fürchtete! Er war doch kein Dobusch[7]!

[54] Als er ihr sagte, daß man im Walde nichts sehe, sagte sie, daß sie im Walde sehe, was sie sonst nicht sehe. Und immerfort hatte sie ihn mit ihren großen, schimmernden Hexenaugen angestarrt; ja, so lange, bis er toll geworden! Der Blitz möge sie treffen!

Er möge sie treffen und jede Spur von ihr von der Erdoberfläche vertilgen. Oder sie soll versteinern oder lebendig von wilden Pferden zertragen werden oder in die Erde versinken; ja, von irgend einem Felsen soll sie stürzen und in die Erde versinken! –

Er ist fast ganz beruhigt. Er schreitet nach Hause und ist so nüchtern, so ganz „der Alte“, daß er fast lachen möchte. Ihm ist auch noch ein anderes Licht aufgegangen. Alles das mußte ihm begegnen, denn er hatte seine neue Hütte da oben bezogen, ohne sie vorher weihen zu lassen! – – –

Aber gleich morgen geht er zum Popen. – –

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  1. Kleinrussischer Volksdichter.
  2. Kleinrussisches Trauerlied.
  3. Kleinrussischer Gebirgsbewohner.
  4. Bezeichnung der Huzulen für ihre Berghütte.
  5. Seelchen, Herzchen.
  6. Dies ist ein echtes Volkslied, übersetzt von Simiginowitsch Staufe.
  7. Berühmter kleinrussischer Räuberhäuptling.