Kleinrussische Novellen/Eine Unzivilisierte

Natur Kleinrussische Novellen
von Olga Kobylanska
Eine Schlacht
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[55]
Eine Unzivilisierte.


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Magura hieß der Berg, unter dem ihre Hütte stand.

Und war bekleidet vom Fuße bis zum Gipfel mit dicht wachsenden Tannen.

Das reiche Grün, welches Magura düster erscheinen ließ, und ihre Steilheit, machten sie unzugänglich und bewahrten sie vor Besuchen neugieriger Sommergäste.

An Werk- wie an Feiertagen stand sie allein, vertieft in das Rauschen der eigenen Tannen, oder betrachtete die Gipfel der nachbarlichen Berge und versank in Gedanken über ihren nächsten Nachbarn …

Sein Name war Rung.

Er war von ihr getrennt durch eine Thalenge, durch die ein Bach eilte, und war ein prächtiger Riese, hoch und breit.

An der Nordseite, wo er mit jungem Walde dicht [58] bewachsen war, hob er sich sanft in die Höhe – an der westlichen Seite, wo er an Magura grenzte, war er steil wie sie und wie sie geschmückt mit lauter alten, dichtwachsenden Fichten.

Es schien, als ob beide für immer voneinander getrennt wären. Die Enge, die sie schied, barg eine Menge scharfen Gesteins, und der Bach – bei jedem stärkeren Gewitter anschwellend – bespritzte sie mit seinen kühlen Perlen, als erinnere er sie daran, daß er sich nicht verloren habe, daß er da sei und sie immer trennen werde …

An hellen Sommertagen gegen die Mittagszeit, wenn die Sonne stark brannte und der Himmel sich in lichtes Blau gleichsam auflöste – erhoben sich aus der Tiefe des Rungschen Waldes Habichte, zogen über seinen Gipfel in sanften Kreisen und verschwanden dann im dunkelgrünen Walde Maguras. Hier ließen sie sich auf das Gezweig ihrer Tannen für kurze Angenblicke nieder und riefen weit hörbar, daß sie von Rung kämen …

Sie nahm ihre Laute in sich auf und rauschte hernach etwas, so laut, daß auch die rings um sie waltende Stille aufhorchte …

[59] Wenn die Sonne aufging, war ihre ihm zugekehrte Wand von goldenem Lichte überflossen.

Alle Tannen, die da auf ihr wuchsen, badeten in diesem Tone. Und sie lachte ihn an …

Und er glänzte auch, aber vor Kühle.

Seine ihr zugekehrte Wand, abschüssig, stolz – auch in Tannen gekleidet von der Sohle bis zum Gipfel – war fast düster. Durchsichtige, kühle Tautropfen standen noch auf den Nadeln der Zweige, und seine Erde war bedeckt von Tau gleich wie von zartem Silbergewebe. Der zwischen beiden eilende Bach drängte sich dicht an die Magura, aber erwärmt – bog er aus, wandte sich unter die kühle Wand Rungs, jedoch nur, um, abgekühlt, abermals an die Magura sich zu drängen.

Erreichten die Strahlen der Morgensonne Rung nicht? – Warf sie selber den Schatten auf ihn?

Sie wußte es nicht.

Hier und da drangen auch zu ihm einzelne Strahlen. Sie fielen schräg zwischen seine Bäume als durchsichtig buntfarbige Streifen und bemühten sich, seine kühle grüne Tiefe zu erwärmen.

Wo sich die Wände beider gegen den Süden [60] wandten, wo sie sanft abfielen und sich in übergroßer Nähe fast vereinigten – da badeten beide im Lichte …

Hier wuchs in der Thalenge, die zu einem schmalen Streifen wurde, zwischen dem großem Gestein die prächtigste Arnika, die goldig-gelbe Blüte zur Sonne gekehrt, wie die Sonnenblumen; hier wucherten dünne blaß-lila Glockenblumen und üppige Disteln.

Der Bach bemühte sich, die Luft abzukühlen, aber diese, erwärmt und berauscht vom Harzgeruche der Tannen, machte ihn warm, entkräftete ihn bis zur Milde, und er ergoß sich sanft und fast unhörbar über Stock und Stein und verwandelte sich unbemerkt in fließendes Gold …

Hier dehnte sich ein dichter, alter Wald aus, und Rung und Magura, von ihrer Schönheit gegenseitig überwunden, wurden zur ebenen Erde und verloren sich in seiner dunklen Tiefe.

In der Thalenge zerschlugen Zigeuner Steine.

Das laut schallende Echo des Klopfens flog in rasender Eile den beiden nach … allein das ernste Rauschen des Waldes wehrte es ab.

Dort war ihr Paradies.

[61] Just hierher kam die Huzulin Paraska, Holz zu stehlen. Sie wußte da allerlei Verstecke und hätte sich zu verbergen vermocht, wenn sie jemand verfolgt hätte – allein, da sie niemand verfolgte und sie ruhig trockene Äste und anderes Brennmaterial sammeln konnte, so war sie ihrer Beute sicher und eilte niemals. Wenn sie genug von allem hatte, setzte sie sich auf einen großen Stein, zog ihre Pfeife hervor und stopfte sie. Rauchend ruhte sie aus.

So verbrachte sie oftmals wohl eine Stunde. Über das oder jenes sinnend, bemerkte sie kaum, wie die Zeit verstrich.

Ein Gefühl der Einsamkeit kannte sie nicht.

Die Stille, die um sie herrschte, war anderer Natur, als die in ihrer Hütte. Hier war sie gleichsam lebendig. Vor ihr – beinahe ihr zu Füßen – eilte der Bach. Über ihrem Haupte, hoch auf den Bäumen, kletterten raschelnd Eichhörnchen. Vom Walde her wurden von Zeit zu Zeit Schreie von Raubvögeln vernehmbar; in der Luft schwirrten Mücken, Libellen, tanzten Schmetterlinge – und das reiche Grün der Bergwände nahm den Blick für sich ein und erstickte jedes Gefühl der Einsamkeit …

[62] Mitunter sah sie, wie sich zwischen dem kleinen weißen Gestein eine schimmernde Schlange durchwand. In ihren Anblick eine Zeitlang bewegunglos versunken, spuckte sie zuletzt aus: „So klein war sie und so schlimm! – ärger als ein Wolf!“

Zwischen dem Rung und der Magura war sie gleichsam zu Hause.

Hier hatte sie auch mit wem zu plauschen. Zwischen ihren Wänden in eben dieser Thalenge zerschlugen Zigeuner Steine. Mit ihren muskulösen Händen zerklopften sie das scharfe Gestein vom frühen Morgen bis zum Versinken der Sonne. Ein älterer Zigeuner, eine Zigeunerin und ihr Knabe. Gleichsam häuslich hatten sie sich hier niedergelassen. Unweit von ihnen brannte Feuer. An hellen Tagen verlor sich die rötliche Flamme im Sonnenlicht, und nur der bläuliche Rauch verriet, daß sie hier loderte, sich gierig in die Höhe reckend … Hier kochten sie ihr Mittagsmahl.

Wenn sie in den Wald ging oder mit dem Holze zurückkehrte, mußte sie an ihnen vorbeigehen. Sie setzte sich zu ihnen; und da sie gewöhnlich hier ihre Pfeife anzündete, wobei sie öfters mit ihnen ihren [63] Tabak teilte, so gingen auch die Gespräche sehr lebhaft vor sich. Die Zigeuner kannten die kleinsten Begebenheiten aus ihrem Leben und sie hinwieder aus dem ihrigen. Jahraus, jahrein zerschlugen sie hier Steine, lebten fast ganz von dieser Arbeit, und sie ging zu jeder Jahreszeit zwischen den Rung und die Magura.

„Ihr wandert schon wieder in den Wald?“ rief mitunter der schwarze Zigeuner, sie mit seinen Augen unter dem Hute her anblitzend. „Wen sucht ihr denn?“

Und sie lachte: „Gold,“ sagte sie.

„Gold? Nicht einen ‚Goldenen‘?“

„Ja, ja, auch einen Goldenen! – ich hätte es fast vergessen!“ Und dabei lachte sie noch mehr.

„Ei, schaut nur her!“ sprach er, „unsere Huzulin wird uns noch verrückt“, und ausspuckend fluchte er mit verhaltenem Lachen der Frauennatur, daß die „Ruhe von ihr wie vom Teufel fliehe“.

„Schweige!“ ließ sich seine Frau vernehmen, ein schwarzes Weib, abschreckend wie eine Hexe, mit wirrem Haare, feurigen Augen und mit auf der Brust offenem Hemde. „Bald wird sie krumm von [64] dem Golde, das sie fast täglich schleppt, um etwas im Ofen brennen zu haben!“

„Dann mag sie sich den ‚Goldenen‘ holen und er wird für sie alle Lasten schleppen! Wäre es nicht besser, Paraska?“

„Die Füße mög’ er sich brechen, bevor er in mein Haus kommt!“ fluchte nun auch Paraska zum Scheine, setzte sich aber schon zur Zigeunerfamilie.

„So? Und noch gestern sagtet ihr, daß, wenn sich ein braver Mensch träfe, ihr ihn gleich zu euch ins Haus nehmen würdet!“

„Und wenn ich’s gesagt habe? Hab’ ich’s gesagt, so hab’ ich nicht gelogen!“ wehrte sie sich.

„Und wie sollte er sein? Vielleicht so wie ich?“ scherzte der Zigeuner fröhlich.

„Ach, so geht doch! … häßlicher Zigeuner!“ rief sie und spuckte aus.

Die Zigeuner brachen in Gelächter aus.

„Also wie sollte er sein, Parasotschka?“

„So laßt mich doch in Ruhe; bin ich denn eine Sudjilnetza?![1] Er mag sein, wie er ist; ich habe [65] darüber nicht zu entscheiden. Seid so gut und haltet den Mund!“

Und ihre Pfeife anzündend, lehnt sie sich kokett an das gesammelte Holz und, sich dem Genuß des Tabaks hingebend, erwartet sie die Zigeunerscherze.

Sie war Witwe und zählte über vierzig Jahre.

Brünett und fast noch schön, war sie schlank und fein gebaut. Lebhaft, graziös, schien sie um vieles jünger, und in ihren kleinen Händen stak Manneskraft.

„Jetzt stirbt sie schon langsam ab“ – erzählte sie einmal – „aber als ich jünger war! Manchmal hob ich einen Sack mit Kukurutz auf, schleuderte ihn aufs Pferd, daß sich sein Rückgrat einbog! … oder ich sammelte Holz, lud es auf mich, und nicht daß ich damit nach Hause ging – ich lief damit nach Hause! – Hier warf ich es zur Erde, daß die Hütte erdröhnte, und hatte während vier Wochen zu brennen. Die Leute wunderten sich, aber ich lachte.

Glaubt ihr das nicht? – Oder was legt’ ich für Heuschober zusammen! Aj, aj!“

[66] So schwelgte sie in eigenen Erinnerungen, und ihre ungewöhnlich lebhaften und klugen Augen leuchteten von innerem Feuer, während ihr Antlitz selber fast jung war.

„Ja, aber jetzt … jetzt werde ich immer schwächer und schwächer und alles nimmt ein Ende!“

Sie sagte es nicht traurig. Nicht im mitleiderregenden, weinerlichen Tone, sondern ernst, gedankenvoll. Es gab einen Anfang und muß demnach auch ein Ende geben; und jeden Schmerz mögen die Winde zertragen!

„Bei wem legtet ihr denn Heuschober zusammen?“ fragte der Zigeuner.

„Bei dem, der mich dazu gemietet. Beim gottseligen Herrn Kuba; beim Vater des jetzigen jungen Gutsherrn, der da über dem Flusse den kahlen Berg hat. Kennt ihr ihn nicht?“

„Doch. Er ist ein Rumäne. Er ist derjenige, der den Leuten Bier gezahlt, als er gewollt, daß man ihn zum Bürgermeister wähle; und der ihnen damals auch gesagt, daß er ihr Bruder sei …“

„Bruder?“ fragte sie und kniff die Augen zusammen.

„Und weshalb ist er jetzt kein Bruder, da [67] ein anderer gewählt wurde? Jetzt nennt er die Bauern ‚Schlangen‘! Aj, er ist ein häßlicher Mensch; nicht so wie sein Vater. Er geriet seiner Mutter nach – ja, er sagt es auch, daß er ein Rumäne ist. Sie ist aus der Moldau … sein Vater sprach mit uns kleinrussisch. Aj, wie gut war es doch, als sein Vater noch lebte und das Vermögen besaß! … Bei ihm legte ich im Gebirge Heuschober zusammen!“

Und nach einer Weile lebhaften Sinnens sprach sie:

„Bei anderen Schobern arbeiteten zwei Menschen, bei dem meinigen war nur ich allein. Glaubt ihr es oder nicht? Ich trug selber das Heu zusammen, trat es selber fest, baute die Schober breit und prächtig wie Häuser. Herr Kuba trat von der Seite heran, blieb stehen und sah zu. Beinahe eine Stunde schaute er zu. Wenn er sah, daß ich ganz müde ward, trat er zu mir heran und reichte seinen Tabak: ‚Stopfe dir deine Pfeife, Paraska … du bist meine beste Arbeiterin!‘“

„Und ihr, Paraska?“

„Ich setzte mich unter den Heuschober, lachte und rauchte.“

„Paraska, Paraska!“ drohte der Zigeuner verschmitzt.

[68] „O Iwan, Iwan … ich bin nicht von solchem Stamme!“, und ausspuckend steht sie auf und geht mit ihrer Last nach Hause.

Ihr Haus – das ist eine Bauernhütte, um die Fenster geweißt und rings herum mit einer Prispa, d. i. Lehmbank.

Beim Hause lag der Garten, und im Garten wuchs allerlei.

Da gab es Obstbäume, Gemüse, Sonnnenblumen, sogenannte „Landnelken“, starkduftend, und zwei volle Beete von großen leeren Astern. Der starke Duft von alledem war fast betäubend.

Sie war allein. Kinder hatte sie niemals gehabt, und so bereitete ihr jede einzelne Blume Vergnügen.

„Ich habe es gern, wenn von alledem so viel ist; das ist so schön!“ sprach sie, wenn jemand ihren Garten bewunderte. Und wenngleich in ihm nichts Besonderes wuchs, schien er ihr ein Paradies.

Am Sonntag Nachmittag legte sie sich unter einen Birnbaum, und um sie herum lagerten sich ihr Hund, ihre Katze und zwei-drei Hühner. So lag und schlief sie oder rauchte. Gesellschaft suchte sie nie. Sie liebte es nicht, mit den Erstbesten zu [69] reden. Zu den Nachbarn ging sie höchst selten, und wenn sie es that, so schaute sie den Platz, auf den sie sich zu setzen hatte, gut an oder z. B. den Bissen, der ihr gastfreundlich gereicht wurde.

„Paraska ist gar delikat,“ sprachen gleichsam verletzt die Rumänen-Nachbarn.

„Sie schaut sich im Hause um wie eine große Frau; besser thäte sie daran, sich bei sich umzusehen; da fände sie eher etwas, als bei uns.“

Allein, ihr war das gleichgültig. Sie ekelte sich - wenngleich es in den Hütten der Rumänen sehr rein war – und es war ihr gleich, ob sie damit jemanden verletzte oder nicht.

Schickte man sich an, sie mit etwas zu bewirten - stand sie auch schon auf der Schwelle.

„Ich vergaß, die Hühner in den Hof hereinzutreiben; es können mir noch welche verloren gehen!“ redete sie sich aus und eilte nach Hause.

„Wenn ihr ein Kindchen hättet, wär’ es bei euch fröhlicher!“ sagte ihr einmal eine Nachbarin.

„Vielleicht wäre es fröhlicher!“ antwortete sie, „allein, wenn’s ein häßliches Kind wäre … aj du lieber Gott! Nein, häßliche und schmutzige kann ich nun einmal nicht ansehen! …“

[70] „Aber so allein … ist euch traurig.“

„Mir ist nicht traurig.“

Und sie sprach die Wahrheit. Ihr war nie traurig zu Mute. Auch im Winter, wo sie wochenlang allein saß und keinen Menschen zu Gesichte bekam, war ihr nicht einsam zu Mute. Sie saß, spann, rauchte, redete zu ihrem Hunde, zur Katze, zu ihren zahmen Hühnern … sie lachte zu ihnen … schlug sich Karten auf und las ihr Schicksal daraus, that das Gleiche aus Kukurutzkörnern … und fühlte weder Trauer noch Einsamkeit.

An Winterabenden, wenn der Schnee an die kleinen Fenster ihrer Hütte schlug, wenn der Sturm mit seiner tonlosen Stimme heulte – saß sie zusammengekauert beim Ofen, die Pfeife im Munde, und horchte auf irgend etwas.

Ein starkes Rauschen überschwemmte die Luft, kam vom Rung und der Magura her, gleich wie von ganzen Wolken von Vögeln … und der Wind rang mit ihm …

Rung und Magura grollten miteinander … allein sie fürchtete nichts.

Klopfte jemand an die Thüre, so rührte sie sich nicht von der Stelle.

[71] „Wer ist dort?“ fragte sie mit gerader, mutiger Stimme und öffnete die Thüre nicht, bis sie nicht genau erfahren, wer gekommen und was er nötig hatte.

Gedanken sind bei ihr – Träume.

Alles, was sie ausdachte, erklärte sie auf die Art: „Das sagte mir Gott im Traume.“

Sie hatte auch eine Schwester.

Diese war älter, sie hieß Thekla, war ebenso schön und wie sie auch eine kinderlose Witwe – allein, sie vertrugen sich nicht. Auch wohnten sie nicht zusammen. Seit der Zeit, da Thekla sich bemüht hatte, von ihr den Sohn der alten Malwine abwendig zu machen, verlor sie das Herz für sie.

Übrigens war jene …

Scherzte einmal ein Mann mit ihr oder ein Bursche – flugs griff sie auch schon in seinen Gürtel und suchte nach Geld und Tabak … die Schamlose!

Wie oft gab der Herr Kuba ihr Tabak … ach du lieber Gott! – wohin wäre sie geraten, wenn sie gewollt hätte! Allein, sie hatte ein „Gesicht“ – war schamhaft …

In ihrem Hause sah es unordentlich und armselig aus.

[72] Eine lange Eichenbank, ein aus schwarz gewordenen Brettern zusammengeschlagenes Bett, ein ebensolcher Tisch, eine grobe, plumpe Kiste … auf einer langen, oben zwischen den Deckbalken angebrachten Stange nachlässig aufgehängte Kleidungsstücke – das war fast alles. Dafür waren aber die Wände beinahe voll. Da gab es bunte Bilder, farbige Papiere, auf die Wand ganz glatt aufgeklebt, Bänder, geschnitzte Holzkreuze, Lehmtöpfchen, getrocknete Blumen und Kräuter … und in den kleinen, schiefen Fenstern hochrotblühende Blumen, die sich vergeblich an die ungewaschenen Scheiben preßten, um ein bißchen Sonnenlicht auf sich zu fühlen …

Und unter alledem und immer belebt war – sie.

Sie saß und spann oder schnitzte etwas aus Holz: Kreuze, Löffel, Schüsselchen oder auch andere kleine Sachen; was ihr eben einfiel.

„Wer hat euch schnitzen gelehrt?“ fragte man sie einmal.

„Wer?“ gab sie erstaunt zur Antwort, „ich kann’s von selber. Ohne Beschäftigung zu sitzen ist langweilig. Ich nehme ein Stück Holz in die Hand und es kommt dann von selber irgend etwas heraus …“

[73] Eines Tages flüchtete sich zu ihr eine Frau vor dem Regen.

Als sie sah, wie schön die Huzulin spinne, und auch erfuhr, daß sie für Fremde spinne, brachte sie ihr Flachs und Geld und besuchte sie dann öfters. – Von Zeit zu Zeit schenkte sie ihr auch Tabak, als sie bemerkte, daß das Rauchen sie in eine redselige Stimmung bringe. Die Huzulin ward anhänglich an sie wie ein Kind, und als die Frau einmal für länger fortreiste und von jener erst nach Verlauf mehrerer Wochen und zufällig in der Stadt wiedergesehen wurde, war die Freude dieses Weibes so groß, daß es zu ihrem übergroßen Erstaunen sie mitten auf den Mund küßte!

„Es ist mir ordentlich leicht geworden, daß ich euch wiedersehe!“ sprach sie voller Freude. „Kommet zu mir auf Weichseln; sie sind gerade jetzt reif,“ lud sie die Frau herzlich ein.

„Soll ich euch auch Tabak mitbringen? Oder habt ihr vom Rauchen gelassen?“ fragte die Frau, scheinbar ernst.

„Aj, wo hab’ ich denn vom Rauchen gelassen!“ antwortete sie fast erschrocken, „jetzt liebe ich es fast mehr als früher!“

[74] „So? Dann komme ich und bringe euch ein Päckchen, und ihr bereitet mir einen großen Strauß von euren duftenden Blumen und Kräutern vor; es muß ja bei euch alles in schönster Blüte sein!“

„Und wie!“ prahlte sie. „Die Köpfchen bei meinen Blumen sind so groß und offen, daß … o du lieber Gott!“

Den anderen Tag nachmittags kehrte die Frau von einem Spaziergange heim und trat bei ihr ein.

Sie traf sie beim Nähen.

Eine Zeitlang hörte sie ihrem Plaudern zu und dann fragte sie sie: „Weshalb sehe ich niemals bei euch buntgestickte Hemden, Paraska? Die Huzulinnen tragen doch immer gestickte Wäsche?“

Sie ward ein wenig verlegen.

„S’ ist ja da … “ antwortete sie mit einem um sich suchenden Blicke, aus dem sofort zu ersehen war, daß es nicht da war; später fügte sie hinzu: „Jetzt hab’ ich euch erst recht angelogen: ich hab’ gar keine gestickten Hemden! Ich sticke nicht gerne. Auch als Mädchen that ich es nicht. Ich wusch die Wäsche schön rein, daß sie wie der Schnee rein blinkte – und trug sie so. Frauenarbeiten verrichtete ich nicht [75] gerne, und – ich sag’s aufrichtig – ich thue es auch jetzt nicht gerne. Glaubt ihr’s oder nicht?“

Das Aussehen ihrer Hütte bestätigte die Wahrheit ihrer Worte.

„Was arbeitet ihr mit Lust?“ fragte die Frau.

„Was? Männerarbeit. Benötigt jemand einen Rechen – ich mache ihn. Braucht man Holz – ich hacke es. Muß mit den Pferden zum Schmied gegangen werden – geh’ ich. Fällt irgend ein Faß auseinander – schlag’ ich es zusammen. Wie oft fing ich die Pferde des Herrn Kuba droben im Gebirge auf den Weiden ein. Aj, aj!“ Dann lachte sie lustig auf.

„Weshalb lacht ihr?“

„Weil ich mich erinnerte, wie es manchmal zugegangen war. Ich trieb Komödie!“ Ihre Augen leuchteten auf, änderten sich; sie verjüngte sich förmlich oder besser gesagt: sie hörte nicht auf, jung zu sein.

„Die Köpfe habt ihr den Burschen verdreht – nicht wahr?“

Ihre Mundwinkel zuckten mutwillig.

„Nun ja … sie wurden verrückt“, antwortete sie, und mit diesen Worten berichtete sie einen Teil ihrer Geschichte.

[76] Wie schön mußte sie gewesen sein! Und nicht nur von Angesicht, welches noch jetzt Spuren fast intelligenter, beim Landvolk dadurch ungewöhnlicher Schönheit trug, sondern auch von einer anderen, inneren Schönheit, voll von wildem, unentwickeltem Künstlertum und einer ewigen Jugend, die noch jetzt in jedem ihrer Worte und jedem Blicke ihrer klugen, leuchtenden Augen durchbrach; in jeder Bewegung ihrer schlanken Gestalt und am meisten in der lebhaften Bewegung ihres Kopfes, der, voller Koketterie mit einem rotgeblümten Tuche geschmückt, den Blick unbewußt an sich fesselte.

Sie hatte nichts von jenem groben „Etwas“ in sich, das mit dem Ausdruck „Bauernhaftigkeit“ bezeichnet wird und mit dem sich das feine Gefühl weder vereinigen, noch sonst vertragen kann.

„Verdreht!“ wiederholte die Frau, „und zuletzt nahmt ihr einen alten Witwer zum Manne; war’s nicht so, Paraska? Euer Mann war Witwer?“

Sie sah die Frau durchdringend an.

„Wenn auch! Ist denn ein Witwer kein Mensch? Nun ja,“ fügte sie dann hinzu, „ich heiratete ihn wohl; aber das war eben Gottes Wille und der Wille der Sudjilnetzi!“

[77] „Und euer Wille nicht?“ reizte sie die Frau.

„Weiß ich es denn? Wir kamen von entgegengesetzten Enden der Welt zusammen, um uns hier zu heiraten. Er ein vierzigjähriger Mann und ich ein neunzehnjähriges Mädchen. Ich hatte eben Glück gehabt. Das hat nicht ein jeder. Mancher ist so glücklos, daß man gut thut, ihn zu umgehen, damit nicht all sein Elend auf einen übergeht. Ich hatte Glück gehabt; von klein auf hatte ich’s gehabt!“

„Von eurem Glücke habt ihr mir nie erzählt, Paraska!“ sprach lächelnd die Frau.

„Ich habe nicht erzählt, weil man nicht gefragt hat.“

„Nun, dann erzählt einmal. Stopft euch die Pfeife … die Hände laßt ruhen und mich laßt zuhören.“

„Zu erzählen ist keine Kunst,“ antwortete sie gleichgültig. Dann stopfte sie ihre kurze Pfeife, zündete sie an, that ein paar kräftige Züge aus ihr, damit sich der Tabak gut entzünde, und begann dann zu erzählen.

Sie lebte von ihrem neunten Jahre bei ihrer Taufpate. In ihrem Dorfe daheim diente sie auch [78] bei fremden Leuten, aber da sie vor Arbeit niemals scheute, erging es ihr überall gut. Im fünfzehnten Lebensjahre verlor sie ihre Eltern.

Ihr Vater war ein bekannter Meister, welcher auch Kirchen baute; wie überhaupt ihre ganze Familie bekannt war. Zwei Söhne eines ihrer Onkel waren sogar berühmt. Sie waren beide sehr schön und hielten sich immer beisammen. Beide meisterten aus Holz Geigen, Sättel, verschiedene kleine und große, runde und eckige Büchsen, Flaschen, prächtige Hacken … und eines Tages gingen beide in den Wald, um einen Baum zu fällen. Der Baum brach und schlug sie tot. Auf der Stelle schlug er sie tot.

Man legte auch beide zusammen in ein Grab …

Das war furchtbar traurig …

Und wieder einer – ein Sohn von ihres Onkels Sohn – Andrij war sein Name und sie war seine Tante – das war schon der berühmteste von allen …

Einige Sachen, die er geschnitzt, nahm der Sohn des Kaisers zu sich. Von einem solchen Stamme ist sie – und nicht von den Bukowiner Huzulen, sondern von den galizischen.

„Eines Tages“, erzählte sie, „sagte mir die [79] Pate, daß man am letzten Fasching – von Sonntag auf Montag – alle Kleider, die man an diesem Sonntage trägt, beim Schlafengehen unter das Kopfpolster legen solle, und daß dann derjenige, der einem von Gott zum Manne bestimmt sei, im Traume erscheine …

Ich that, wie die Pate gesagt.

Und ich träumte.

Ich träumte, daß ich auf einen Berg stieg, auf dem Rücken Säcke trug, und in den Säcken stak Heu. Ich stieg auf einen hohen Berg, bis zur Brust im Grase, in einen Wald hinein – und der Wald war trocken. Er war ausgetrocknet bis auf den letzten Zweig, daß er fast rötlich schien, und darinnen war es so traurig und so still … ich sah mich um und bemerkte plötzlich ein Thor.

Aus dem Thore trat ein Mann, der war weder alt noch jung, und der hielt in der Hand einen Mond, den er hin und her drehte. Er blieb vor mir stehen, legte die Hände auf meinen Kopf und sprach: ‚Mein Kind: die Gedanken, die du hegst, hege auch weiter. Alsdann wirst du sieben Meilen und sieben Stunden gehen und deinen Bräutigam finden.‘ Dann verschwand er.

[80] Dies träumte mir.

Dann ging eine Zeit vorüber.

Ich saß nicht müßig. Ich arbeitete, plagte mich, diente … ich war kräftig … mein Gott, wie kräftig war ich doch! So lebte ich dahin und kannte keine Not. Nur litt es mich nicht lange an einem Orte. Immerfort zog es mich irgendwohin, immerfort hätt’ ich irgendwohin wandern mögen. In die Bukowina lockte es mich. Ja, ja, dorthin, zur Heuarbeit. Zur Sommerszeit bat ich meine Schwester Thekla, mit mir dahin zu gehen, aber sie wollte nicht. Sie trat in den Dienst und blieb dort kleben, als wär’ sie dort angewachsen. Aber ich trug mich stets mit dem Gedanken, in die Bukowina hinüberzugehen; so beschlossen es die Sudjilnetzi.

Und ich ging auch hinüber.

Gewaltsam beredete ich die Schwester, und dann gingen wir mit anderen Huzulen auf Heuarbeit in den Wiznitzer Bezirk und nach Ispas. Dorthin kam Gawrissan gefahren. Er kam vom hiesigen Gebirge aus Briasa[2]; er war ein reicher Rumäne, der Aufsicht hielt über die Stallungen und Weiden des Herrn [81] Kuba – und er beredete uns alle, die wir da waren, mit zur Heuarbeit zum Herrn Kuba in die Bukowina nach Briasa zu kommen.

Unter mir brannte der Boden: ich wollte gehen. Einige sagten, daß sie gehen würden, andere wieder wollten nicht. Die dritten überlegten es sich, und meine Schwester wollte davon nichts hören. Und ich – aj, du mein Gott! Ich wäre geflogen, so wie ich gestanden bin, auf der Stelle … glaubt ihr es oder nicht?

Da wandte sich Gawrissan nach mir und maß mich vom Kopfe bis zu den Füßen.

‚Und du – Mensch?‘

‚Ich gehe,‘ sagt’ ich.

‚Gut.‘

Alle, die sich entschlossen, mit ihm zu fahren, fuhren gleich den ersten Tag; die anderen, die seine Aufforderung ablehnten, kehrten nach Hause zurück, und mit ihnen auch meine Schwester. Späterhin … fand sie Gefallen an … demhier.

Und so arbeiteten wir denn beim Heu hoch oben im Gebirge auf den Wiesen des Herrn Kuba. Wir mähten, scharrten zusammen, häuften das getrocknete [82] Gras. Manche legten kleine Schober, manche bauten große. Hier legte ich derartige Schober zusammen, daß Gawrissan den Mund aufriß! Bei anderen arbeiteten sie zu zwei Menschen, bei meinem Schober arbeitete ich allein. Ei, wie war ich doch hurtig! Die Sonne brannte, wollte die Erde auflösen; kaum, daß es möglich war, die Augen gegen den Himmel aufzuschlagen, derart entströmte ihm blendende Hitze … aber meine Hände welkten nicht. Es war, als müßte mir das Blut jeden Augenblick aus den Wangen hervorspritzen, als hätte sich in ihnen Feuer verfangen und züngelte mir nach dem Gehirn … allein, ich ließ von der Arbeit nicht ab, bis ich mit allem fertig geworden …

Herr Kuba suchte uns auf. Jung war er und schön und kräftig wie ein Baum. Er kam stets zu Pferde. Er ließ es weiden, und selber warf er sich im Waldesrande ins Gras oder er legte sich auf die Erde unter einen Heuschober in den Schatten, schleuderte den Hut weit von sich und sah mich an!

Bei niemandem hielt er sich so lange auf, wie bei mir! Glaubt ihr’s oder nicht? …

Zuletzt zog er seinen Tabaksbeutel hervor und reichte ihn mir: ‚Rauche dir eins, Paraska!‘

[83] Und ich rauchte und wir plauderten. Er fragte und ich antwortete.

Er war ein guter Herr … er liebte es, wenn ich lachte!

Nach beendeter Heuarbeit wollten wir wieder heimkehren; ja, wir fuhren bereits.

Ein großer Wagen war dicht beladen mit unseren Leuten – mit lauter Huzulen – ich befand mich unter ihnen. Wir fuhren, die heitersten Schumkas[3] singend … Da plötzlich bemerkten wir, daß uns jemand auf dem Pferde nachsprenge. Es war Gawrissan.

‚Paraska soll bleiben!‘ rief er, ‚Paraska – zurück! Der Herr will es haben!‘

Man mußte stehen bleiben.

‚Geh’ doch grinsen!‘ stichelte mich ein junger Bursche, der sich fortwährend bemüht hatte, während der Fahrt neben mir zu sitzen – als ich mich entschlossen hatte, beim Gawrissan in den Stallungen des Herrn Kuba zu bleiben.

‚Beneidest du mich darum?‘ fragte ich ihn und brach in ein Lachen aus, in das alle übrigen mit [84] einstimmten. Er mochte vor Zorn geplatzt sein, als er zu Hause anlangte.

Und es erging mir gut beim Gawrissan.

Ich that meine Arbeit und war froh … so froh … ei du lieber Gott!

‚In dich ist der Kummer nicht verliebt!‘ sagte mir Gawrissan.

‚Ich möcht’ bei ihm auch nicht in den Dienst treten‘, sagt’ ich ihm. Ich verstehe es nicht, die Trauer auf den Mund zu küssen; ja, ich vermag es auch bis zum heutigen Tage nicht; glaubt ihr’s oder nicht?“

Wer hätt’ es nicht glauben mögen!

Aus ihren lebhaften dunklen Angen lachte die Sorglosigkeit, aus jeder ihrer Bewegungen, aus der Modulation der Stimme schlug Humor und ungeknickte Lebenskraft, während zu alledem sich eine Naivetät gesellte, die rührend war.

„War aus mir selber fröhlich. Nichts betrübte mich. Dazu war ich kräftig und stark, daß ich Felsen gesprengt hätte! Jetzt freilich … aber auch jetzt ließe ich mir nichts anthun, wenngleich meine Hände längst nicht mehr dieselben von einst sind! Aber auch [85] jetzt … wenn zum Beispiel jemand käme … nun, es sollt’s einer mit mir versuchen!“

Sie hob mit einer raschen Bewegung die kleine, zusammengeballte Faust in die Höhe und machte eine drohende Geberde.

„Ei, wer doch vor eurer Faust Furcht empfände!“ warf die Frau ein.

„Das ist mir einerlei; ich empfinde vor niemandem Angst. Meine Faust kannten in der Jugend alle gut; und auch damals, beim Gawrissan. Niemand vermochte sie mir zu öffnen. Auch zu zwei Menschen versuchten sie es und konnten es nicht. Kein Bursche, kein Mann – ich wettete darauf stets um meine Ringe.

Ein junger Schafhirt, ein Rumäne, der gleich mir beim Gawrissan bedienstet war – ein schöner, kräftiger Bursche, verlegte sich darauf, meine Faust um den Ring zu öffnen. – Er war schier toll nach mir!“ fügte sie mit gesenkter Stimme hinzu, während ein mutwilliges Lächeln um ihre Lippen aufleuchtete, und sie spie von sich.

„Du wirst meine Faust erst dann öffnen, wenn die Henne krähen wird!“ sagt’ ich zu ihm. Und er [86] antwortete bloß: ‚Schon gut, schon gut‘ und weiter sagte er nichts.

Es traf sich dann später, daß ich in die Tschabanija Salz trug.

Ihr werdet wohl wissen, was ‚Tschabanija‘ bedeutet? So heißt die ganze kleine Wirtschaft der Schafhirten, wo sie mit den Schafen den Sommer über wohnen, sie melken und allerlei Käse bereiten. Eine breite Hütte, zusammengeschlagen aus Tannenholz und gelegen auf einem der Berge inmitten grasreicher Wiesen.

Ich stieg von der Tschabanija herunter … allein … ringsum nur die dunklen, rauschenden Wälder, die Gräser, die einen fast erdrücken … stieg herunter und sang. Plötzlich vernahm ich, wie ein Echo geflogen kam … es kam laut und dehnte sich in die Länge … ‚u–ch–!‘

Ich horchte auf.

Dann sah ich auf den gegenüberliegenden Berg.

Hoch droben unter dem Walde breitete sich eine große Wiese aus. In ihrem Grase weideten weiße und schwarze Schafe, und aus ihrer Mitte lief – als rolle eine Kugel vom Berge herab – der Schafhirt. [87] Sein langes schwarzes Haar schlug ihm um Hals und Schultern …

Er hatte mich erkannt.

Und nun – bitt’ um Vergebung für dieses Wort – brüllte er wie ein Stier auf. Er war – wie ich’s schon vorhin sagte – nach mir toll geworden.

Ich schüttelte nach ihm die beiden Fäuste und lief dann fort.

Laufe mir nur nach, dacht’ ich mir, du holst mich ein, wenn du auf dem Kopfe springen wirst!

Allein, er war bald unten, und ich verbarg mich hinter dichtwachsenden Tannen … Er blieb stehen und sah sich nach allen Seiten um wie ein hungriger Wolf.

‚Ihi!‘ rief ich plötzlich hinterm Gesträuch und trat hervor. ‚Da bin ich ja, du blinder Ochs!‘

Er stürzte auf mich, ein wirklicher Wolf.

‚Jetzt wirst du die Faust öffnen!‘ sagt’ er zu mir und sah mich an wie der Teufel selber. Seine Augen sprühten Funken, und sein Gesicht änderte sich.

‚Ich werde sie nicht öffnen‘, sagt’ ich.

‚Du wirst sie öffnen.‘

‚Ich werde sie nicht öffnen.‘

‚Das werden wir sehen.‘

[88] ‚Wir werden es.‘

Da warf er sich wie ein Wahnwitziger auf mich und riß mir mit einem einzigen Ruck das Hemd auf der Brust auf. ‚Jetzt wollen wir sehen …‘ schnaufte er, ‚wer wie eine Henne krähen wird …‘ und drängte mich zu Boden.

Da ward ich wild … daß sich Gott erbarm’!

‚Du, du, du!‘ stöhnte ich bloß und begann dann zu ringen. Auf Leben und Tod rang ich mit ihm. Er war riesenstark und außer sich und bemühte sich mit aller Gewalt, mich auf die Erde zu schleudern; ich hingegen wehrte mich mit einer mir selbst unbekannten Kraftfülle.

‚Du wirst krähen, du wirst krähen …‘ stieß er immer von neuem hervor und packte mich bei der Gurgel, um mich endlich doch zu Boden zu werfen.

‚Du wirst krähen!‘ rief ich ihm zu und biß mit den Zähnen in seine Hand hinein, daß er aufheulte!

Er heulte auf, und ich sprang auf die Füße und stürzte mich auf ihn.

Er griff mich abermals an und diesmal mit einem Gesicht zum Erschrecken; wahrscheinlich wollte er mich ermorden, allein, ich wartete nicht darauf, [89] sondern versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht, nach welchem ich mich nicht mehr fürchtete.

‚Siehst du meine Faust? Siehst du sie?‘ brüllte ich. ‚Und meine Zähne, siehst du die auch? Zerfleischen werde ich dich – in Stücke reißen wie eine Hündin, zerfetzen … du, du, du!‘ Dabei trat ich ganz dicht an ihn, sah ihn an und verging fast vor Zorn!

Er stand blaß wie der Tod, ohne Hut – der war ihm vom Kopfe geflogen – und schwieg.

„Räuber!‘ sagt’ ich zu ihm, mit beiden Fäusten drohend, ‚glaubst du, mein Stamm sei der letzte? Schmach über dich!‘ Dann spuckte ich zornig durch die Zähne und ging fort.

Daraufhin hob er den Hut auf und kehrte auf seinen Berg zurück.

Ich war schon weit … weit auf dem Rücken des anderen Berges, als er auf der Schalmei[4] zu blasen begann. Er blies damals sehr traurig und späterhin – als er mit dem Gawrissan zusammengetroffen – erzählte er ihm, daß er geweint habe …

So waren diese meine Fäuste.“

[90] „Und ihr habt euch nicht gefürchtet, Paraska?“

Sie sah die Fragende mit noch funkelnden Augen an.

„Weshalb?“ fragte sie. „Das da mag sich fürchten!“ rief sie und ergriff mit einer stürmischen Bewegung ein kleines Hündchen, das zusammengekauert unweit von ihr schlief, und preßte es leidenschaftlich an sich. „Das da! wenn es mir zu viel bellt und ich wild werde und es anschreie; aber nicht ich!“ Dann lachte sie mit weichem Lachen und fügte hinzu: „Wer doch ein Narr wäre, sich zu fürchten!“

„Beim Gawrissan war ich zum Hornvieh aufgedungen.

Mir war nur die Arbeit beim Hornvieh und bei den Pferden lieb, die häusliche Arbeit kümmerte mich wenig.

Kurz darauf, als ich mit dem Schafhirten gerungen, schickte Herr Kuba aus der Stadt nach mir. Er gebot mir, zu ihm in die Stadt in den Dienst zu kommen.

Ich wollte nicht.

Ich sei keine Stadtmagd, hatte ich geantwortet, sondern eine Arbeiterin. Ich könne auch zurückkehren, von wo ich gekommen. Den Weg scheue ich nicht.

[91] ‚Paraska möge hierher kommen,‘ ließ er sagen, ‚hier bei mir dient ein Wirt aus ihrem Lande, der hat etwas Hab und Gut; der wird sie heiraten, und dann werden beide bei mir dienen!‘

‚Er mag freien, wen er will‘ – sagt’ ich – ‚ich werde nicht gehen!‘

Und ich ging auch nicht.

Er schickte abermals.

‚Nein‘ – sagt’ ich – ‚ich geh’ nicht. Was bin ich denn, um zu einem Manne zu gehen? Ist mir die Welt verschlossen?‘

Und damit trat Ruhe ein.

Man schickte nach mir nicht mehr und fragte auch nicht mehr nach mir – und es erging mir gut. Die Tage verflogen mir wie Vögel. Kummer kannt’ ich nicht. Was mir Gott auch gab – aber Glück gab er mir! Die Trauer wandten die Sudjilnetzi von mir ab, und – wie man zu sagen pflegt – wen sie lieb gewonnen, dessen Seele vergolden sie; ich hatte Glück!“

„Aus dir selber!“ fügte die Frau hinzu.

„Weiß ich’s denn? Ich war glücklich.

‚Wann wirst du weinen, Paraska?‘ fragte mitunter [92] Gawrissan und schüttelte dabei mit dem Haupte.

‚Wenn der Regen trocken fallen wird‘ – gab ich zur Antwort – ‚aber bis dahin gebt mir Geld auf Tabak!‘

Und er lächelte und gab Geld auf Tabak. Er war gut, der Gawrissan! Ich hätte ihn geheiratet – aber er hatte bereits eine Frau. Sie ging in schönen, breiten Röcken und wollenen Tüchern und war eine Hausfrau … schier ein Feuer! Sie verstand jede Arbeit und um verlorene Zeit trauerte sie wie um tote Kinder!

‚Paraska wird weinen, wenn sie sich mit dem Elend verheiraten wird,‘ sprach die Gawrissanin.

‚Ich heiratete Burschen nicht, von denen gegen fünfzehn um mich geworben, arme und reiche, junge und alte – und sollte das Elend heiraten? Aj, aj, das wird mich nicht verschlingen!‘

‚Das sieht man; dein Leben ist lauter Sonne.‘

‚Nun‘ – sagt’ ich – ‚Sonne oder nicht Sonne, aber es ist auch keine Trauer …‘

Einmal träumte ich einen Traum.

Ich saß – so träumte mir – unter einer [93] Hütte und spann weiße Wolle. Die Wolle war weiß wie der Schnee, der Fäden aus ihr wurde silbern, das Knäuel aber ward von so prächtigem Silber, wie ich es noch nie gesehen hatte.

Ich spann.

Plötzlich erschien eine Jüdin und schüttete mir in den Schoß viele, viele Semmeln!

Das träumte mir.

Und jetzt passet auf. In derselben Nacht, von Freitag auf Samstag, träumte Jurij bei Herrn Kuba in der Stadt, daß ich zu ihm gekommen wär’ und ihm eine Semmel gegeben hätte. Ja, und eine hätt’ ich mir behalten. Nun – glaubt ihr das oder nicht? Daraufhin … bemächtigte sich seiner ein starker Wunsch, um mich zu gehen, mich vom Gawrissan abzuholen … und … mich zur Frau zu nehmen. So hatten es ihm die Sudjilnetzi angethan.

Der Herr Kuba hatte ihm von mir schon lange vorher erzählt.

Er sagte ihm: ‚Wenn du Paraska zur Frau nehmen wirst, so werde ich dich bis an dein Lebensende bei mir behalten. Das Mädchen ist wie der Blitz; und es wird euch beiden bei mir gut ergehen.‘

[94] Ein andermal drillte er ihm wieder den Kopf: ‚Nimm die Paraska zur Frau‘ – sagt’ er – ‚sonst schnappt sie dir jemand anderer wie ein Raubvogel eine Henne vor der Nase weg.‘

Und er machte sich auf den Weg.

Er nahm mit sich auch einen Kameraden, der schon vorher einmal beim Gawrissan gewesen war und mich gut kannte.

So kamen sie beide zu uns nach Briasa zum Gawrissan.

Ich befand mich in dieser Zeit in einer Hütte auf dem Berge und war mit einer Arbeit beschäftigt.

Sein Kamerad kam (er selber – der Jurij – blieb im Dorfe unten beim Gawrissan zurück), blieb am Fuße des Berges stehen und rief mit weithin tönender Stimme: ‚Paraska he–j!‘, daß das Echo wach wurde.

‚Hej!‘ rief ich zurück.

‚Komm herab!‘

‚Was wollt ihr von mir?‘

‚Gieb mir Feuer zur Pfeife!‘

‚Und wo ist euer Feuerstein?‘

‚Ich verlor ihn.‘

[95] ‚Und meiner fiel ins Wasser!‘

Er fluchte dort unten, und ich lachte auf.

‚Kommst du nicht?‘

‚Ihr wollt ja Feuer …‘

‚Das wirst du mir schon zu Hause reichen. Deinetwegen ist Jurij gekommen. Komm’ nur schneller hinab, du Hexe!‘

Die Zunge mög’ es dir verhexen für deine Nachricht, dacht’ ich mir, und damit benahm mir etwas den Verstand. Nun war er gekommen … was sollte daraus werden?

Und ich weiß selber nicht, wie ich vom Berge herabgelaufen bin. Ich weiß nur so viel, daß ich meine Pfeife, die mir Herr Kuba selber geschenkt, verloren – und daß mich irgend etwas völlig verwirrt gemacht hatte … Und geschämt habe ich mich – aj Gott! Nun, aber es mußte hineingegangen werden. Ich trat ins Haus und … da saß er, wo sich die Bänke vereinigten!

Ihr müßt nämlich wissen, daß, wenn ein Bursche ein Mädchen auf alle Fälle zur Frau bekommen will, er sich bestreben muß, vor allen anderen auf der Stelle zu sitzen, wo sich die Bänke – wie sie an [96] den Wänden stehen – zusammenfügen. Dann bekommt er das Mädchen bestimmt zur Frau. Damals bin ich im Hause herumgegangen, als watete ich in der Erde bis zu den Knieen.

Ich sah nicht, wie er aussah. Ob er jung war oder alt. Ob sein Gesicht schön war oder nicht. Mich hatte etwas gleichsam mit Blindheit geschlagen! – wunderlich war mir zu Mute … schier todesartig!

Und er verzehrte mich mit den Augen.

Dann bestand er darauf, daß ich mit ihm gehe. Daß ich auf alle Fälle und unter allen Umständen mit ihm gehe. Sprach schon auch mit Gawrissan davon und mit der Gawrissanin; schon heulte auch der Schafhirt, mit dem ich mich geprügelt, in den Stallungen nach mir … schon hatte er allen selbst mitgeteilt, daß er meinetwegen gekommen, und wartete nur noch, daß ich mich auf den Weg mache …

Und ich ging – glaubt ihr es oder nicht?

‚Woraufhin gehst du eigentlich?‘ fragte die Gawrissanin.

‚Auf Gottes Güte‘ – sagt’ ich.

‚Nein, die wandelt unter den Menschen herum [97] wie die Unruhe!‘ brummte Gawrissan, dem es nicht recht war, daß ich ihn verließ.

‚Bald ist sie da, bald dort, und nirgends macht sie den Platz warm.‘

‚Ich werde den Platz warm machen, wo es mir recht sein wird!‘ sagt’ ich. ‚Wen hat das zu kümmern?‘

‚Und wenn dich Böses anstatt Gutes trifft?“

‚Es wird mir nichts Böses begegnen; ich trage meinen Kopf nicht in einem Sacke herum, um nicht zu wissen, was ich thue. Wenn es mir nicht gefallen wird, werde ich zu euch zurückkehren!‘

‚Da wäre es schon besser, den Ilija (so hieß der Schafhirt) zu nehmen. Das ist ein Bursche wie ein Bär; ist tauglich zu jeder Arbeit, während der …‘

‚Heirate ich ihn denn?‘ sagt’ ich ihr. ‚Ich gehe, weil … nun, weil es mich zu gehen gelüstet!‘

Gawrissan spuckte vor sich hin; ‚Pfui!‘ sagte er, ,das Mädchen ist verrückt geworden. Fürchtest du dich denn nicht – Mensch?‘

‚Weswegen? Die Welt gehört Gott und nicht ihm.‘

Und ich empfand keine Furcht.

Warum sollt’ ich nicht gehen? dacht’ ich mir. [98] Ich will gehen und etwas sehen. Vielleicht etwas sehr Schönes – und auch die Stadt. Dort wohnt Herr Kuba. Vielleicht schenkt er mir eine andere Pfeife, denn – Tabak schenkt er mir bestimmt! – und bei ihm werde ich nicht bleiben, wenn’s mir nicht gefällt … Er aber fragte jeden Augenblick: ‚Bist du schon fertig, Paraska? Gehen wir doch!‘ Ich ließ alle Arbeit liegen …

Und wir gingen. Als wir an dem Berge vorüberschritten, auf dem die Schafherden Herrn Kubas und Gawrissans weideten, blies Ilija in die Schalmei. Was er blies, war schwere Sehnsucht! Ich schritt auf den Berg hinauf und – werde ihn niemals vergessen …

Da stand er, der Bär, das Haupt umgeben von dichtem, schwarzem Haar, und um ihn herum weideten weiße und schwarze Schafe. Er stand ganz allein und ‚weinte‘ in die Schalmei!

Das that er, solange er uns sah; als wir aber seinen Blicken entschwanden, sandte er uns seine Stimme zwischen die Felswände nach … ‚u–ch!‘ daß es im Herzen wiederhallte.

Damals sah ich ihn auch zum letzten Male.

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Als wir an dem Berge vorüberschritten, auf dem die Schafherden Herrn Kubas und Gawrissans weideten, blies Ilija in die Schalmei. (S. 98.)


[99] ‚Was bedeutet das?‘ fragte Jurij und sah mich von der Seite an.

‚Der Schafhirt nimmt Abschied von Paraska,‘ sprach der Kamerad; ‚er liebt sie.‘

‚Weshalb nahmst du ihn nicht zum Manne?‘ wandte er sich dann zu mir, und hinter Jurij tretend, schnitt er auf diesen ein schiefes Gesicht.

‚Fühlt ihr Neid?‘ fragte ich.

‚Still, Eidechse …‘

‚Ich empfand keinen Wunsch nach ihm …‘

Und so gingen wir.

Ich schritt hinter den beiden wie ein Blinder hinter Sehenden. Wir gingen … Die beiden voraus und ich nach.

Ich hörte zu, was sie sprachen; und sie sprachen rumänisch, damit ich nichts verstehe, allein, ich verstand alles; ich lernte diese Sprache von Schafhirten, nur sprechen konnte ich sie noch nicht. Unter anderem sagte Jurij:

‚Führen wir sie über Gipfel und durch Schluchten, damit sie mir nicht auf und davon gehe!‘

Und ich erhob den Kopf und mein Blick überflog all die grünen Berggipfel … Dann lachte ich; [100] doch nein – nur mein Herz lachte, laut lachte ich nicht. Hej, hej, dachte ich bloß … ich bin nicht blind, und meine Füße treten die Erde erst neunzehn Jahre. Werd’ ich keine Lust zum Bleiben haben, find’ ich mich mit geschlossenen Augen zurück! Dann merkte ich mir genau den Weg, den wir gingen, und es war ein dunkler, räuberischer Weg.

Abends kamen wir in die Stadt und bei einer Hütte an. Hier verabschiedete sich der Kamerad von uns und ging seiner Wege. Jurij öffnete die Thüre.

‚Wir gehen also nicht zum Herrn Kuba?‘ fragte ich.

‚Warum sollen wir zu ihm?‘ antwortete er. ‚Glaubst du, ich habe dich für ihn gebracht? Ich weiß, daß er das gewollt, aber ich will es nicht! Er wird schon eine andere Magd finden; kümmere dich nicht darum!‘

‚Was hat mich das zu kümmern?‘ sagt’ ich und dabei dachte ich an die Pfeife. Er hätte mir eine gegeben!

Dann sprach Jurij: ‚Jetzt sind wir schon zu Hause; wirtschafte gesund; koche etwas zum Nachtessen …‘, und gab Eier, Milch und Butter heraus.

Du wirst nicht erleben, daß ich dir koche, dacht’ [101] ich mir; dann stand ich von der Bank auf, entledigte mich der schweren Kleidungsstücke und kochte etwas zum Nachtessen. Beim Nachtessen saßen nur wir zwei; weiter keine lebende Seele; weder Hund, noch Katze, noch eine Henne. Die Bissen blieben mir im Halse stecken … ich erstickte vor Scham.

Ich aß, halb abgewandt von ihm. Beim Nachtessen erzählte er mir, daß Gott das Paar erdacht habe.

Ich schwieg. Mochte es auch so sein, was kümmerte das mich? Dann gingen wir schlafen.

Er sagte, daß er müde sei … und ich … nun, was eben wahr ist … aber schwer war diese Nacht für mich und lang!

Ich träumte von der Gawrissanin. Immerfort zürnte sie mir und fragte: Weshalb gehst du eigentlich? Und auch vom Schafhirten träumte ich. Er stand allein unterm Walde zwischen weißen und schwarzen Schafen und blies in die Schalmei; und späterhin träumte ich, daß er sich bemüht habe, mir die Faust zu öffnen und mich zu Boden drückte … In der Frühe stand ich gleichsam als eine andere auf …

In der Frühe kamen sein Bruder, seine Familie [102] und seine Gevattern – eine ganze Gesellschaft – zu uns. Als sein Bruder mich erblickte, that er für eine Weile den Mund auf und sprach dann diese Worte: ‚Du hast gut dran gethan, Jurij, daß du dieses Mädchen gebracht hast!‘

Alle übrigen bildeten einen Kreis um mich und beredeten mich, Jurij zu heiraten. Ein Weib, welches mit Jurij in Freundschaft gelebt, reich gekleidet und die Brust ausgeschmückt mit silbernen Münzen, mit Stirnlöckchen und einem schneeweißen, teuren Handtuch am Kopfe, beredete mich am meisten dazu.

‚Nimm den Jurij zum Manne; ich werde mit dir wie eine Schwester leben.‘

Und auf alles Zureden sagte ich nur das: ‚Ohne Trauung werde ich mit ihm nicht leben.‘ Nur diese Worte hatte ich gesagt, und Jurij hörte sie. Kaum hatte er sie aber vernommen, als er auch schon nach der Mütze griff und zum Popen lief.

Jurij lief zum Popen, und ich ging im Hause und im Hofe herum und überlegte: Soll ich ihn heiraten? Oder soll ich fliehen? Gawrissan wird mich mit Freuden zurücknehmen, denn ich bin seine rechte Hand … aber dort ist auch der Schafhirt. [103] Der könnte ein häßliches Wort sagen … man müßte sich schämen … vor Scham in die Erde versinken … o, besser schon bleiben!

Und warum auch nicht bleiben?

War ich denn aus eigenem Antriebe hieher gekommen? So hatten es doch die Sudjilnetzi haben wollen! Außerdem war es ja hier gar nicht schlecht. Da war ein Haus, Geld, eine Kuh … das war da … während es ein Mädchenland nirgends gab!

So überlegte ich mir und blieb.

Zur Hochzeit bereitete ich alles schön vor – Fleisch, einen Hammel, Kolatschen und Schnaps, alles, was nötig war; und ging zur Trauung.

Ich ging zur Trauung, wie bis zu den Knieen in der Erde. Warum? weiß ich bis heute nicht.

Als wir von der Trauung zurückkehrten, fanden wir die Töpfe – leer! Die Gesellschaft, die zu Hause geblieben war, hatte alles aufgegessen; oder vielleicht hatte sie es gestohlen? … Gott weiß es. Daraufhin schürzte ich die Ärmel und bereitete ein zweites Mittagsmahl, und erst diesmal war alles, wie es sich gehörte. Ich verlebte mit Jurij siebzehn Jahre. Er war ein guter Mann und schlug mich niemals. Nur [104] die letzten drei Jahre kam ich mit ihm schwer aus. Er trank, arbeitete aber nichts. Hatte ich die Arbeit verrichtet, so war sie verrichtet, und that ich’s nicht, so blieb alles tot. Dann starb er.

Dieses Häuschen da, in dem ich jetzt lebe, haben wir uns beide erarbeitet; das andere mußten wir verkaufen – und es ist gut, daß ich es habe.“

Sie verstummte und klopfte die Asche aus der Pfeife.

„Und jetzt lebt ihr so einsam und allein, Paraska?“ begann die Frau nach längerem Schweigen.

„Ja,“ entgegnete sie und zuckte gleichgültig mit den Achseln.

„Und ist euch nicht bange, immer so allein zu sein?“

„Nein, es ist mir nicht bange. Ich habe zu thun … drinnen … und draußen … ich rauche, und es ist mir nicht bange.“ Dann wiederholte sie fast spöttisch: „Wo ist mir denn bange!“

„Und im Winter?“

„Im Winter auch nicht. Ich gehe ums Holz, spinne und schleuße Federn. Auch habe ich Karten, aus denen ich mir wahrsage. Ich wahrsage immer am [105] Sonntag-Nachmittag; dies ist der beste Tag; auch am Abend, wenn ich Zeit habe …“

„Wer lehrte euch, aus den Karten wahrsagen?“

„Ich kann es von selbst. Wenn ich allein sitze, denke ich über Verschiedenes nach. Manches sagen mir die Träume … manches Gott … manches errate ich von selbst … und es ist mir wohl dabei. Wenn nicht das Holz wäre, das mir so schwer zu erlangen ist, würde ich nicht wissen, was Not ist. Nur das Holz zu bekommen ist schwer. Es fällt mir schwer, es zu schleppen.“

Sie hatte etwas am Fuße und hinkte.

„Warum hinkt ihr, Paraska?“ fragte die Frau, die durch das Erzählen der Huzulin immer neugieriger geworden war.

Sie zog für einen Augenblick die Stirn in Falten.

„Daran ist dieser Verfluchte schuld,“ sprach sie, ohne den umdüsterten Blick zu erheben.

„Wer?“

„Der Sohn der alten Malwine und meine Schwester.“

„Wieso, Paraska?“

„So wie ihr’s seht!“

[106] „Erzählt doch.“

„‘s ist nicht gut anzuhören.“

Und dann erzählte sie es. Aus ihren jetzigen knappen Sätzen ergab es sich, daß sie mit diesem ‚Sohn der alten Malwine‘ gelebt und ihn geliebt habe, wenngleich das Wort ‚Liebe‘ nicht über ihre Lippen kam.

Ihre Schwester Thekla wollte den schönen jungen Rumänen (weiß Gott, wozu sie sich hier unter die Kleinrussen gemengt!) für sich gewinnen und verschwärzte sie vor ihm mit allerlei Verdächtigungen. Sie bestrebte sich, ihm zu gefallen, indem sie ihn so oft wie möglich ins Wirtshaus lud, ihm Branntwein kaufte, Geld schenkte, im geheimen seine Wäsche zum Waschen nahm und ihn manchmal sogar zur Nacht nicht nach Hause ließ.

Es kam schließlich dazu, daß sich beide besprachen, Paraska ums Leben zu bringen, um sich dann hier auf ihrem Hab und Gut breit zu machen! Er war ein armer Taglöhner, und sie besaß auch kein eigenes Haus. Sie mietete eine kleine Hütte, lebte wie er von ihrer Hände Arbeit, und was sie verdiente, ging auch bald wieder in alle Winde. Er also, der alten [107] Malwine Sohn (die alte Malwine war ein braves Weib, und die Karten, aus denen sie nun wahrsagt, hat sie von ihr bekommen), besprach sich eines Tages mit Thekla, sie, Paraska, in den Tod zu schicken.

Er schickte sie in die ‚Teufelsmühle‘, welche bei den schönen Wiesen, Schandru genannt, lag, damit sie sich erkundige, an welchen Tagen dort unentgeltlich gemahlen werde. Dann würde entweder er selber oder sie mit Mais dahin gehen und solchen mahlen lassen. Die ‚Teufelsmühle‘ sollte sehr gut mahlen, und an manchen Tagen würde dort für Arme umsonst gemahlen. Der Weg zur Mühle war, wie es hieß, sehr beschwerlich, und der Müller nahm von ärmlichen Leuten keine Bezahlung an, damit sie nur kämen und dann auch andere beredeten, hinzugehen. Von der Stadt lag diese Mühle vier oder vielleicht auch fünf Stunden entfernt …

Und sie ging. Sie ging, wie er gesagt.

Zuerst auf einem Wege, der sich zwischen schönen Wiesen und Weideplätzen so fröhlich und grün wie das Paradies dahinzog. Später auf einem schmaleren und beschwerlicheren Wege, der sich zwischen zwei Bergreihen verlief. Hier ging sie lange, ohne eine Hütte [108] oder ein Lebenszeichen von Menschen zu sehen, wie durch eine Wüste – bis sie endlich, endlich dahin gekommen, wohin er gewollt!

Sie war endlich aus den Bergreihen heraus, zwischen denen sie mutterseelenallein geschritten und keiner menschlichen Seele begegnet war; ja, und als sie von dort heraus war, trat sie auch gleich in einen Wald.

Und es war kein solcher Wald, wie er die Magura oder den Rung bedeckte – fröhlich wie ein Kind, in den man auch mit geschlossenen Augen hineingehen konnte –, der war so, als stünde er seit der Zeit, als noch die Gotteshand die Welt erschaffen. Er war alt, dicht wie ein Sieb … und finster … ach, du großer Gott! Sein Rauschen überschwemmte die Luft und war so laut, daß es einen zwang, auf die Kniee zu fallen und zu beten, damit einen nichts Böses packe. Und es gab keinen Weg, der durch diesen Wald führte; nur ein Bach lief geradeaus wie eine Schnur. Dieser Bach sollte sie bis zur Mühle führen; in ihm sollte sie gehen …

Sie ging in diesem Wasser.

Aus dem Wasser ragten große Steine, scharf und [109] kantig, und hinderten im Gehen; das Wasser war reißend, stellenweise vor Bosheit schäumend; seine Kälte drang bis an das Mark und brach die Füße! Trat sie jedoch aus demselben auf den Rand des Waldes, um ein paar Schritte im Trockenen zu thun und um sich zu erwärmen, mußte sie auch gleich wieder hinein: Am Waldesrande war die Erde durchfeuchtet, und es wuchs daselbst so viel Gestrüpp, daß es auch den menschlichen Verstand überwucherte. Dabei war es so hoch und üppig, so dicht und kräftig, und sie war barfuß! …

Da lag zum Beispiel ein Baum – dick wie die Hälfte ihrer Hütte, gestürzt durch weiß Gott wessen Hand. Sie wollte über ihn schreiten, er gab unter ihren Füßen nach, und unter dumpfem Krachen fiel sie in ihn bis zur Brust hinein! Er war morsch! Er war uralt, hatte seine Zeit ausgelebt, fiel zur Erde und moderte langsam unberührt im Staube, unberührt auch von den Strahlen der Sonne!

Hei, hei, was war das für ein Weg! Und diesen Weg ging sie – sie mag es gar nicht sagen, wie lange!

Sie trat aus diesem Walde wie aus einer kalten [110] Nacht heraus und trat zwischen zwei hohe Felswände, welche gleichsam auf eine Menschenseele harrten, um sie sogleich zu zermalmen. So dicht standen sie einander gegenüber.

Sie und vielleicht noch so eine wie sie konnten da nebeneinander gehen, aber sonst niemand. Und wie es da kalt war und frostig wehte … und warum nicht? Das Wasser war kalt, über dem Wasser herrschte Kühle, die Sonne wagte sich bis hierher auch nicht herein … und es kam, wie es kommen mußte.

Und warum kam dieses Unglück? …

Und war sie auch irre gegangen? Hatte sie einen falschen Weg eingeschlagen oder führte sie etwas Böses?

Er sagte, daß der Weg schlecht sei, sagte aber, daß er später weit besser werde, sie möge nur tüchtig vorwärts gehen, und in der Mühle würde sie schon ausruhen und übernachten …

Sie mußte also gehen. Ein beschwerlicher Weg war noch kein Unglück; vor einem schlechten Wege hatte sie auch keine Furcht, nur empfand sie Angst vor … vor … so etwas, was man nicht sieht

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Sie und vielleicht noch so eine wie sie konnten da gehen, aber sonst niemand. (S. 110.)


[111] und es fühlt … nach welchem man sich umsieht … allein, was sollte sie thun? Aber es sollte schon sein, wie es sein mußte.

Sie wollte schon ans Ziel kommen, hatte keine Ruhe, um diese Mühle endlich einmal zu erblicken! Es wurde ihr so seltsam zu Mute, so bange … sie begegnete niemandem … nicht einmal menschliche Spuren waren da … aj, gar menschliche Spuren!

Sie wollte rauchen, damit ihr das Herz leichter würde, denn auch das Herz ward ihr immer schwerer, als hinge sich etwas Häßliches daran – aber sie hatte keine Pfeife. Sie war ein paarmal hingefallen und die Pfeife war ihr aus dem Gürtel herausgeflogen!

Und so ging sie, die Ärmste.

Vielleicht würde die Sonne endlich doch einmal hereinleuchten, würde eine wärmere Luft hereinwehen! … Sie war so erfroren … inmitten des Sommers, am Tage, war sie bis an die Knochen erfroren. Glaubt ihr das jemand oder nicht? Welch ein Gespenst hatte hier eine Mühle aufgebaut? Welchen Nutzen brachte sie? Und wer würde diesen unmöglichen Weg gehen? Hier konnte man weder mit Pferden noch mit Ochsen, weder mit Wagen noch mit [112] Schlitten durchkommen. Hier war das Ende der Welt … und ein Paradies für Raubvögel und Bären … hier hörte alles auf …

Die Felswände gingen zu Ende.

Sie trat aus ihnen wie aus einem Thore heraus.

Sie trat heraus, blieb stehen und erstarrte.

Was lag vor ihr?

Vor ihr lag wieder Wald. Derselbe Wald, den sie hinter sich gelassen, dunkel, grenzenlos … kraftvoll wie für die Ewigkeit … und dabei still … nein, er war verzaubert … denn was war das für ein Rauschen, welches sich in den Lüften übereinandertürmte? Sie hatte solch ein starkes Rauschen nie vernommen, durch wie viele Wälder sie in ihrem Leben auch geschritten! Es erstickte, goß sich in die Ohren, brauste, und dabei war es doch so still … o großer Gott, o Christus! Diese Stille lockte einem die Seele aus dem Leibe, und man fühlte, wie man sie verlor … Und aus dem Walde unweit vor ihr erhoben sich zwei himmelhohe, spitze Felsen in die Höhe – der Naryw![5][113] Sie stand und starrte vor sich.

Sie sah, daß die Felsen vom Sonnenlicht vergoldet waren, daß die Sonne im Sinken war … über dem Walde hing die Nacht; und dann sah sie wieder den Wald …

Ihre Seele verdunkelte und erhellte es plötzlich, als durchzucke sie der böseste Blitz; dann fuhr es in sie wie ein Messer, und mit einem Male wußte sie es: das war die Teufelsmühle! das war ihr Rauschen, welches so die Luft überschwemmte, während sie mahlte …

Sie wimmerte auf.

Er hatte sie genarrt. Er schickte sie hierher, damit sie irre gehe, damit sie sich den Kopf zerbreche, ein wildes Tier sie zerreiße oder damit sie der Böse hole!

In ihr brauste der Zorn auf und entfesselte die Seele. Sie verlor auch fast die Besinnung. Wo war er, damit sie ihn totschlüge? gegen diese Felsen dort schleudere, daß er in tausend Stücke zerflöge, und die Raubvögel, die umherkreisten, ihm die Augen herausnähmen? … damit sie ihn mit eigenen Händen totschlüge oder zerdrücke wie eine Schlange – sie [114] schrie auf, sich mit beiden Händen in die Haare fahrend … Dann rannte sie gegen die erste beste Tanne und schlug mit dem Kopfe gegen sie … Sterben sollte sie! Sterben sollte sie gleich, nachdem es schon dazu gekommen war!

Dann sah sie sich um.

Und sie wußte nicht, ob sich die Welt in ihren Blicken verdunkelt hatte oder ob die Nacht herabkam.

Es kam die Nacht herab …

O Christus!

Und sie verfluchte ihn hier. Und in einer guten Stunde verfluchte sie ihn; Gott selber oder auch der Böse legte ihr diesen Fluch auf die Lippen, denn er ereilte ihn.

Sie preßte die Hände gegen den Kopf, um nicht den Verstand zu verlieren. Oder – vielleicht hatte sie ihn schon verloren? Sie wußte und wußte doch nicht, was mit ihr vorging. Was jetzt beginnen? Sollte sie hier nächtigen oder weitergehen? Sie wußte bereits, daß es hier keine Mühle gab, und daß alles, was sie sah und hörte, die Teufelsmühle sei! Und nächtigen oder zurückkehren war einerlei. Der Tod würde sie holen, wenn sie bliebe, und würde sie [115] mitnehmen, wenn sie ginge. Wie war es möglich, in dieser Hölle zu nächtigen, wo die Teufel bei Tage mahlten? … Dann stieg ihr plötzlich alles Haar zu Berge: wenn Mitternacht kommt, wird sie ohne Licht sterben! … Ach, wie ward ihr so schwer! In ihrer Brust schien sich alles Blut angesammelt zu haben vor Weh, Zorn und Angst. Um sie herum lag schwarze Dämmerung, und etwas senkte sich wie eine Wolke herab. Aus dem Walde gähnte Finsternis – der Tod. Aber es sollte nun schon sein, wie es zu sein hatte. Es war doch immer besser, umzukehren. Wenn sie zu leben und noch Tage und Stunden vor sich hatte – würde sie alles überstehen. Bis hierher hatte sie immer Glück gehabt, vielleicht würde es sie auch jetzt nicht verlassen. Die Füße schmerzten sie; sie zitterte vor Kälte und sollte wieder ins Wasser zurück! …

Wenn doch wenigstens der Mond schiene … aber wird sie zwischen den Felswänden etwas davon haben?

Als sie wieder aus dem Felsenthor heraus war, leuchtete auch schon der Mond. Aber nun sollte sie wieder in den Wald hinein. Es war da bei Tage [116] unheimlich zu gehen und gar erst, als die Nacht herabkam! … Lieber will sie davon nicht reden.

Und wieder watete sie im Wasser. Böse Stellen, welche sie bei Tage vorsichtig umschritt, waren ihr jetzt gleichgültig. Sie wußte nur, daß, wenn sie im Wasser ging, sie nicht fehl ging, und daß es ihr in der Seele leichter war, wenn sie das Murmeln und Geplätscher in der schwarzen Stille hörte.

Manchmal stahlen sich die Mondstrahlen durch das Gezweig, das dicht war wie ein Netz, und spielten für kurze Augenblicke auf dem Wasser; und das war das ganze Licht, das sie sah. In solchen Momenten gewahrte sie, wie sie geradeaus auf den oder jenen scharfen Stein zuschritt, der, aus dem Wasser herausragend, tölpelhaft harrte, auf daß sie sich an ihn stoße; allein, wo dachte sie noch an den Schmerz in ihren Füßen! Die hatte sie sich schon so wund gestoßen, daß, wenn es Tag wäre, man vielleicht sehen könnte, wie ihr Blut das Wasser gefärbt …

Dann fiel sie wieder in morsche Bäume bis zur Brust. Sie hatte sich die Hand zerschunden … da, da blieb noch ein Zeichen – und als sie sich aus einem Baume herausarbeitete, da war ihr über [117] die Hand etwas Feuchtkaltes geglitten, wovor es sie noch jetzt schüttelt. Nur an eines kann sie sich nicht entsinnen, sie ging wie ohne Bewußtsein –: ob der Wald auch bei ihrer Rückkehr gerauscht? Und ob da so stark wie drüben hinterm Felsenthor? Sie glaubt, er habe nicht mehr gerauscht … Und sie hatte sich ausgerechnet, daß, wenn sie aus diesem schrecklichen Walde herauskommen würde, gerade auch Mitternacht sein werde. Dann würde es sich auch entscheiden, ob sie leben oder sterben würde.

Sie schaute sich nicht um.

Ihr schien’s, als trüge sie etwas Schreckliches, Schweres auf den Schultern, welches sie jeden Augenblick zum Lachen kitzeln werde. Vielleicht trug sie auch etwas? Konnte sie es denn wissen? Gott weiß es.

Aus der Tiefe des Waldes drängte sich etwas gegen den Rand des Baches; durchsichtige, weißliche Gespenster. Sie schienen sich vom Erdboden zu erheben und dehnten sich im Gezweige aus. Manche drängten sich bis an ihre Brust und wollten sie ersticken, indes, sie hatte es bemerkt, schlug drauf los mit beiden Fäusten und ihr ward leichter.

Als sie aus dem Walde heraustrat und sich zum [118] ersten Male nach seiner Tiefe umschaute, da – Gott möge jeden davor bewahren! – kitzelte sie plötzlich etwas so stark, daß sie aus vollem Halse auflachte … nein, aufschrie. Und Gott gab, daß sich dieser Aufschrei zuerst im Walde verlor … dann laut und deutlich an ihr Ohr schlug und sie wieder zur Vernunft brachte. Irgend etwas wollte ihr den Verstand nehmen: das, was sie auf dem Rücken getragen, und was sie gekitzelt. Glaubt ihr das jemand oder nicht?

Nun aber begann sie auch zu laufen!

Sie lief, lief den ganzen düsteren Weg, wie er sich zwischen den zwei Bergreihen zog, bis sie zwischen die schönen Wiesen und Weideplätze kam. Hier standen hie und da Hirtenhütten, bei denen das Vieh, in kleine Herden zusammengedrängt, nächtigte, und erst hier ward ihr leichter. Hier leuchtete der Mond ganz taghell, und hier erblickte sie die Welt.

Sie sah die Berge, wie sie sie noch zu Mittag geschaut, den Himmel, mit den heiligen Sternen besät, und einmal bellte auch irgend ein Hund, der beim Vieh wachte, und das beruhigte sie wie eine menschliche Stimme.

[119] Überall lag Stille … das schreckliche Rauschen verlor sich, und man sah und fühlte: hier herrschte die Gotteskraft …

Aber von jetzt an vermochte sie nicht mehr zu laufen. Aus ihren Füßen schwand die Kraft, als hätte sie sich irgendwo verloren, und sie schleppte sich nur noch vorwärts.

Nächtigen wollte sie nirgends. Wie sollte sie dann auch in der Frühe durch die Straßen und an den Wohnungen bekannter Wirtinnen vorbeigehen? Was sollte sie von den blutenden Füßen, von den zerfetzten, kotbespritzten Kleidern erzählen, und daß sie wie ein Mädchen, ohne Tuch am Kopfe, heimkehre?

Und ihr schönes, rotes Tuch! … ach, ach, wo blieb das nur! Vielleicht war es gut in Teufelshänden aufgehoben …

Und sie schleppte sich langsam, langsam, wie eine Blinde oder wie eine Zerschlagene oder wie das Alter selber – bis sie sich endlich an ihre Hütte herangeschleppt. Als sie an das Thor heranhinkte, bemerkte sie in den Fenstern Licht. Er war zu Hause. Sie trat an das Fenster und blickte hinein … und sah: auf ihrem Bette lag ausgestreckt ihre Schwester, [120] mit verworrenem Haare … häßlich, häßlich, und schlief. Unweit von ihr, beim Ofen … saß er und nähte etwas …

Sie begann plötzlich zu zittern. Die Füße schwankten unter ihr, und aus ihrem Herzen stieg ihr etwas Schreckliches geradeaus in den Kopf. Es überkam sie die Lust, das Haus anzuzünden oder irgend etwas anzustellen, um ihn und sie aus der Welt zu schaffen … aber dann schwand diese Lust, wie von jemandes Hand abgewendet; sie fühlte keinen Schmerz und kein Weh mehr. Ihr ward alles gleichgültig. Sie war nur ermattet, entkräftet, sie fühlte Schmerz im ganzen Körper, und in den Füßen stach es wie Schlangenbisse – sie brach fast zusammen.

Im Kopfe sauste es ihr … das böse Waldrauschen hatte sich in ihrem Kopfe verfangen, und dazwischen summte es wie Bienenstimmen. Dann schleppte sie sich in den kleinen Schuppen, der, an das Haus angebaut, von einem alten Weichselbaum beschattet war, warf die Pelze von sich ab … warf sich auf dieselben, bekreuzte sich – und schlief ein. Als sie am nächsten Morgen erwacht und aufgestanden war, fand sie das Haus leer. Weder er noch sie war anwesend.

[121] Und sie schlief noch einen ganzen Tag und eine ganze Nacht, und als sie am nächst-nächsten Morgen aufstand, war sie fröhlich und kräftig wie damals, als sie sich auf den Weg in den Tod machte.“

„Und als er kam, Paraska?“ fragte die Frau.

„Als er kam,“ erzählte sie, „da fütterte sie gerade ihre Hühner. Als er sie erblickte, spie er aus.

‚Nun,‘ fragte er, ‚warst du in der Teufelsmühle; wann wird man mahlen?‘

‚Deine Sünden mögen dich zermahlen,‘ sagte sie ihm, mehr nichts.

Und sie sprach zu ihm während fünf Tage kein Wort.

Sie hieß ihn nicht bleiben und hieß ihn nicht fortgehen. Sie kochte ihm kein Essen, zündete kein Licht an, wenn er des Abends von der Arbeit kam, und als er am Sonntag klagte, daß er keine reine Wäsche habe, sagte sie bloß: ‚Ich bin nicht mehr da.‘ “

„Und Thekla?“

„Als Thekla bei ihr erschien, fühlte sie Schmerz, als ob hundert Schlangenzungen sie gestochen hätten. Sie sprang auf und griff nach der Axt. ‚Wirst du aus meinem Hause gehen, Hündin?‘ schrie sie auf.

[122] ‚Ei, schaut doch! Bist du verrückt?‘ rief diese zurück und starrte sie mit ihren Zwiebelaugen an …

‚Wirst du gehen? Wirst du gehen?‘ schrie sie immerfort dasselbe; ‚gleich giebt’s deinen und meinen Tod.‘ Und schon hob ihr etwas die Hand, um ihr die Axt in den Kopf zu tauchen, aber Gott gab, daß sie gegangen war, und die Sünde wandte sich von ihr ab.

Sie warf die Axt unter den Ofen und wischte sich den Schweiß von der Stirne ab … ach Gott!

Am fünsten Tage ging sie in die Stadt.

Er holte sie ein.

‚Gieb mir zwei Gulden,‘ sagte er ihr.

‚Ich gebe sie nicht.‘

‚Wirklich?‘ höhnte er sie.

Sie schwieg.

‚Du giebst sie nicht?‘

‚Ich gebe sie nicht.‘

Er spie vor sich und schob sich den Hut zur Seite.

‚Du giebst sie nicht?‘

‚Ich gebe sie nicht.‘

Da versetzte er ihr einen Schlag ins Gesicht. ‚Da hast es!‘

[123] Die Welt drehte sich mit ihr im Kreise, verfinsterte, verdunkelte sich. Funken tanzten vor ihren Augen auf und ab … und sie fiel nieder. Daraufhin ergriff er sie beim Fuße, warf sie über den Rücken wie einen Sack und trug sie nach Hause.

Hier schleuderte er sie unterm Hause auf die Lehmbank. ‚Stirb!‘

Als sie zu sich gekommen war und aufstehen wollte, konnte sie es nicht. Der Fuß war aufgeschwollen und schmerzte sie. Wer einen solchen Schmerz nicht kennt, der möge ihn auch nicht kennen lernen.

Und sie verfluchte ihn zum zweiten Male.

Und in einer guten Stunde verfluchte sie ihn; Gott selber oder auch der Böse legten ihr diesen Fluch auf die Lippen, denn er ereilte ihn.

Nach einer Woche kehrte er zurück.

Woher? Sie wußte es nicht. Sie fragte nicht. Schon hatte sie für ihn das Herz verloren und wartete nur noch, damit der Fluch in Erfüllung gehe.

‚Guten Abend,‘ sprach er.

‚Guten Abend.‘

Und das war auch das Ganze. Sie ging im [124] Hause herum … nein, schon hinkte sie und stützte sich auf den Stock, suchte sich Beschäftigung, und zu ihm sprach sie kein Wort, als hätte sie den Mund voll Wasser.

‚Ich möchte etwas essen, Paraska!‘ sagte er und warf sich ermüdet aufs Bett.

‚Iß, was du gekocht hast!‘ antwortete sie ihm.

Er aber lag da … lag eine zeitlang … und dann begann er zu weinen, gerade wie ein angeschossener Wolf, so heulte er.

Sie sagte nichts. Weine nur, dachte sie sich, solange bis du die Hölle unter dir ansgelöscht hast; ich habe für dich kein Herz mehr!

Die ganze Nacht weinte er.

Auch am nächsten Tage weinte er. Er ging herum, suchte seine Wäsche zusammen, spaltete ihr Holz und weinte dabei immerfort. Dann endigte der Tag. Abends sprach er: ‚Paraska, ich gehe in die Badestadt Dorna-Watra auf Arbeit in eine Brettsäge. Lebe wohl!‘

‚Gehet gesund!‘ hatte sie ihm darauf erwidert. ‚Gott helfe euch!“

Er ging und kehrte bis zur Stunde nicht mehr zurück.“

[125] „Was geschah denn mit ihm, Paraska?“

„Ei was!“ antwortete sie. „Er ging gar nicht nach Dorna-Watra. Er bestahl hier einen Juden, denselben, zu dem er immer mit Thekla auf Branntwein gegangen, und entfloh dann nach Rumänien.

Während der Flucht brach er sich eine Hand und verlor alles Geld. ‚So hat es dir Gott gegeben‘, sagte ich, als ich dies vernommen. ‚Du brachst mir den Fuß, und Gott brach dir die Hand.‘ Die alte Malwine, seine Mutter, weinte und erzählte, daß er für immer zum Krüppel geworden sei und betteln gehe. Nun, aber so hat er’s selber gewollt.“

„Ach, Paraska, ihr wußtet nicht einmal, wen ihr im Hause gehalten!“ sprach die Frau. „Er hätte euch noch ermorden können!“

Sie schüttelte mit dem Kopfe und lächelte: „Was hätte er auch von mir genommen? Ich bin arm, und meinen Körper hätte er nicht für Geld umgetauscht. Übrigens … ehe er mich erschlagen hätte, hätte ich ihn erdrosselt. Ich fürchte mich nicht!“

„Ihr fürchtet euch nicht … und doch! Er hat euch genarrt und verletzte euch den Fuß für immer!“

[126] „Nun,“ meinte sie und zuckte mit den Achseln, „so haben es auch vielleicht die Sudjilnetzi gewollt. Dafür strafte ihn auch Gott. Weil das eine ist, muß auch das andere sein.“

„Und wie ward es mit Thekla? Habt ihr euch mit ihr nicht ausgesöhnt?“

Sie spie vor sich und begann von neuem ihre Pfeife zu stopfen.

„Was hätt’ ich denn auch mit ihr sonst thun sollen? Sie näherte sich mir wieder … und so mochte ich ihr schon die Thüre vor der Nase nicht zuschlagen. Eine Schwester … mag sie nun einmal gut oder böse sein : … ist immer eine Schwester. Ich lebe mit ihr der Leute wegen. Die Leute sollten sich den Mund nicht mit unnützen Worten vollstopfen, aber ein Herz habe ich für sie nicht mehr. In einer Woche darauf, als ich sie totschlagen wollte, nahm sie ein blindes Kind, ein dreijähriges Mädchen, zu sich als eigen auf. Es war gewiß, das Gewissen ließ sie meinetwegen nicht in Ruhe oder vielleicht gab ihr Gott den Traum, die Waise zu sich zu nehmen. Und sie that gut daran, dem Willen Gottes zu folgen, denn vielleicht wird ihr dafür in jener [127] anderen Welt was Gutes zu teil. Und das arme blinde Engelchen … das lächelt so lieb zu ihr … starrt mit den lichtlosen Augen nach ihr … thut, als spinne es immerfort mit ihr zusammen. O, du teure Duschinka[6]! Vielleicht erspinnst du ihr noch den Eintritt in das Himmelreich!“

„Und dann, Paraska … dann bliebt ihr allein … nicht wahr?“

„Nun ja, … ich lebte fast allein,“ erwiderte sie etwas zaghaft. „Eines Tages nahm ich noch einen Meister bei mir auf … auch wieder einen Rumänen. Er war weder alt noch jung und ein Witwer. Ich dachte: Wird er mir gut sein, wird es auch ihm gut gehen; wird er aber irgend ein Übel auf den Mund küssen, so wird sich für ihn auch eine Thür im Hause finden.“

„Wie könnt ihr nur so gleich den ersten besten Mann ins Haus nehmen?“ fragte die Frau vorwurfsvoll. „Habt ihr denn keine Furcht? So ein alleinstehendes Weib wie ihr … und noch dazu nicht mehr so stark!“

Ihre Augen leuchteten auf, und ein fröhliches [128] Lächeln überflog ihr Gesicht. „Aj, aj, ein alleinstehendes Weib! Bin ich denn zuzweit zur Welt gekommen, um mich allein zu fürchten?“ antwortete sie. „Wer war mit mir, als ich mit Jurij ging? Kannte ich ihn? Er kam und ich ging. Und damals wußte ich nicht einmal, ob es mir bei ihm gefallen würde, und doch ging ich. Ich hatte Glück gehabt. Ich fürchte mich niemals. So gab es mir Gott, daß ich mich niemals fürchte. Immer[7] denke ich mir: was zu sein hat, wird auch so sein.“

„Nun, und wie wurde es mit dem Meister?“

„Nichts wurde es. Eine zeitlang ging es gut. In der Frühe ging er auf Arbeit und abends kehrte er heim. Abends spaltete er mir Holz, half bei der Arbeit drinnen und draußen, und es ging alles gut. Ich dachte: nun werd’ ich jemanden haben, dem ich mein Haus verschreiben kann, wenn ich sterbe! Allein, es wandte sich zum Bösen. Er fing an, betrunken nach Hause zu kommen. Das eine Mal, das zweite, das dritte Mal; das war schlecht. In der Nacht schlief er nicht, sondern warf sich unruhig hin und her und sprach sinnloses Zeug durcheinander, daß einem angst und bange wurde. [129] Er stand auf und schrie, manchmal wachend, manchmal im Schlafe; legte sich wieder nieder … stand wieder auf … ach Gott!

Er lag im Bette, und ich lag bei der Thüre auf der Bank. Lag zusammengekauert und schlief ganze Nächte nicht. Und Gott gab mir immerfort diesen Traum: er wird dich noch ermorden! Was war da zu thun?

Und ich dachte mir: ein Unglück hat mich aufgefunden und macht sich bei mir breit; mög’ es doch ersticken!

Ich grämte mich, schlief nicht, er aber trieb immerfort sein Unwesen. Und es war nicht genug daran; nein; er … begann mir den Kopf mit Dummheiten zu drillen. Darauf ward ich wild, wie er mich niemals gesehen – sagte ihm, aus welchem Stamme ich sei, und warf ihn aus dem Hause hinaus. Er kam dann noch während einer ganzen Woche jeden Abend und versuchte hereinzudringen; pochte und hämmerte an der Thüre – aber ich gab keine Antwort. Mög’ es dir im Kopfe herumpochen! dacht’ ich mir und rührte mich nicht vom Ofen. Was hab’ ich für eine Ursache, dich im Hause zu halten, wenn du mir nicht gefällst? Giebt es denn [130] keine anderen Menschen auf der Welt? Ich kann mein Leben auch allein leben, und wenn ich das nicht will, so habe ich keine Furcht, daß ich nicht jemanden finde. Ich finde schon, wen ich will.

Er scherte sich dann fort. Er begegnet mir manchmal, bald da, bald dort, traktiert mich mit Tabak und sagt mir jedesmal: Liebes Frauchen – sagt er mir – mir thut das Herz um euch sehr weh!

Und ich antworte ihm: Guter Meister – euch thut das Herz um mich weh – mir aber thut das Herz um euch nicht weh!

Und so ist es. Jetzt bin ich wieder allein. Ich lebe, wie es sich trifft. Einmal gut, das andere Mal schlecht; wie es schon die Zeit mit sich bringt. Etwas Ausgewähltes giebt es nicht. Und wie es auch sein mag – aber Glück hab’ ich immer. Auch Tabak habe ich immer. Mag es ein, zwei Kreuzer sein – aber ich habe sie.“

„Das ist mir aber auch ein großes Glück!“ warf die Frau mit unverhohlenem Spotte in der Stimme ein.

Doch jene sah die Sprechende mit ihren klugen Augen an.

[131] „Was für eines einem eben zufällt!“ sagte sie. „Trauern? Ich traure nicht, weil Gott mir um nichts zu trauern gegeben; ich würde das auch gar nicht treffen. Ich thue, was mir einfällt. Essen habe ich, froh bin ich auch – gut ist mir … und vielleicht wird’s auch noch einmal besser! Ein altes, altes Väterchen … ein schneeweißer Mann, sagte mir, daß ich ein großes Glück bei mir habe. Noch als Jurij lebte!

Eines Tages sammelten wir Weichseln.

An einem Samstag. Ich war oben auf dem Baume und Jurij auf der Erde. Er sammelte, was zur Erde fiel. Da kam ein altes Väterchen und bat um eine milde Gabe. ‚Trage ihm eine Schüssel voll Mehl heraus!‘ gebot Jurij. Ich war mit einem Satze unten und trug ihm das Mehl heraus.

‚Nun,‘ sprach er, ‚wenn du schon so barmherzig bist, daß du es mir schenkst – so trage es auch nach meinem Hause. Mein Haus liegt nicht weit von hier. Dafür will ich dir aus meinem Schicksalsbuche dein Schicksal herauslesen!‘

Ich trug ihm die Gabe in seine Hütte, und er zog aus einer Kiste ein dickes Buch und las mir [132] daraus. Las alles heraus, was bis dazumal war und was noch zu sein hatte. Er las heraus, daß ich nicht von hier sei, daß Jurij mir zum Manne bestimmt, daß ich ein Unglück mit meinem Fuße haben würde und noch vieles, vieles andere. ‚Du hast ein solches Glück‘ – sagte er – ‚welches dich nie verlassen kann; und so steht es dir bis an deinen Tod bevor: Glück, Heiterkeit, Freude. Die Trauer fehlt in deinem Leben. Lebe dein Leben gesund bis an die letzte Stunde.‘

Darum sag’ ich, daß ich Glück habe!“

Nach leichtem Sinnen sprach sie: „Wenn ich auf einen Menschen treffe, der gut sein wird und dem ich mein Haus hinterlassen kann, wenn mich der Tod holt … so werde ich ihn zu mir nehmen. Und wenn sich kein solcher trifft, bleibt es, wie es ist.“

„Nehmt eure Schwester zu euch.“

„Meine Schwester? Aj Gott! Da würde ich erst recht ohne Licht sterben. Nein; zu ihr zieht es mich nicht hin. Ich werde allein bleiben. Das Sonnenlicht wird mein Haus nicht meiden!“

*     *     *

[133] Und sie ist auch bis nun allein.

Sie wirtschaftet, macht sich in ihrem Hause und Garten zu schaffen, und ihr „Vieh“, der Hund, die Katze, die Hühner und zwei schöne, reingehaltene Ferkel, die Iwan und Paraska heißen, folgen ihr auf Schritt und Tritt. Manchmal geht sie auf Heuarbeit zu gut bekannten Bauern, und diese Arbeit, die ihr die liebste ist, bringt sie in die beste Laune.

Sonntags kleidet sie sich kokett und geht in die Kirche; nachmittags bekommt sie Besuch, und wenn das nicht, dann lehnt sie sich bequem auf die Prispa[8] am Hause, in ihrer gewöhnlichen Gesellschaft, und raucht ihre Pfeife.

Im Vorbeigehen rufen ihr bekannte Bäuerinnen zu:

„Kommt in die Stadt, Paraska!“

„Ich habe meinen Geldbeutel verloren und hab’ kein Geld, Branntwein zu kaufen!“ giebt sie scherzend zur Antwort.

„Kommt nur so zum Vergnügen, irgend etwas Schönes anzusehen!“

„Ich fürchte, daß mich jemand mit bösen Augen [134] besieht! ich habe Kinder“ und damit streichelt sie dasjenige, was ihr am nächsten liegt; die Katze, den Hund oder eines der Hühner.

Und die Bäuerinnen gehen beleidigt von dannen.

„Wie stolz Paraska thut!“ Aber trotzdem sind sie ihr gut. „Sie ist eine gute Nachbarin; kennt verschiedene Kräuter und hat auch eine geschickte Hand. Giebt sie etwas – gerät ihr alles.“

Eines Morgens stieg sie auf die Magura um Himbeeren und erstieg nach und nach den Gipfel. Als sie die Kanne voll hatte, wandte sie sich gegen die südliche Seite, von der abzusteigen leichter war. Da zog sich der Wald nur streifenweise, breiteten sich schöne, grasreiche Wiesen aus, und die Magura fiel sanft ab.

Sie befand sich gerade auf der höchsten Wiese und setzte sich nieder, um auszuruhen.

Sie war sehr befriedigt.

Für die Himbeeren bekommt sie Geld und wird sich dafür etwas anschaffen. Was? weiß sie noch nicht, aber irgend etwas wird sie sich kaufen.

Sie wischte sich den Schweiß von der Stirne. Das Tuch, welches um den Kopf gebunden war, fiel [135] frei über den Hals auf den Rücken und machte ihr heiß. Dann zog sie ihre Pfeife hervor, stopfte sie mit Tabak und rauchte.

Rings um sie war es grün.

Weit und breit sah man nur die Gipfel anderer Berge – denn die Magura war hoch – und den Himmel, der rein und blau und so licht war, daß die Lider sich unwillkürlich über die Augen senkten.

Hoch über alle anderen Gipfel ragte der Felsen Naryw.

Ihn umgaben unbegrenzte dunkle Waldungen, über denen fast immer bläuliche Nebel wie über sumpfigen Gegenden lagerten. Aus diesem Walde, nahe den stolzen Felsen, ragten zwei gleiche, einander gegenüberstehende Felswände wie ein Spalier, das gleichsam den weiteren Weg zu den Steinriesen wies.

Dort war die „Teufelsmühle“.

Und sie blickte lange dahin.

Sie spie von sich. Sie war ja doch dort gewesen! Verlor dort ihr wunderschönes hellrotes Tuch und eine funkelnagelneue Pfeife! Hui, welch eine Pfeife! Nur Herr Kuba kaufte solche Pfeifen. Dann lachte ihr Herz. Welch einen Schrecken stand sie in jener [136] häßlichen Mühle aus: fast hätte sie ihren Verstand dort gelassen! Nun … aber sie hatte Glück und alles nahm ein gutes Ende; hätte das aber jemand anderen getroffen … ach Gott! Der bliebe bis heute dort … So saß und sann sie über Verschiedenes nach; erinnerte sich an dieses und jenes, und als sie ihre Pfeife zu Ende geraucht, dachte sie an die Heimkehr.

Morgen ist Sonntag, und sie will auf den Rung um Schwämme gehen. Er liefert jahraus jahrein die prächtigsten Schwämme; sie will sich von ihnen ein paar Kränze trocknen, welche ihr einmal, wenn der Winter mit seinem Schnee kommt, gut zu statten kommen werden. Allein, zu Hause gab es Arbeit, welche für heute und morgen gemacht werden mußte. Auch mußte sie noch mit den Zigeunern zusammentreffen. Der alte Zigeuner bat sie, ihm ein paar Sechser zu leihen, wofür er ihr demnächst Holz aus dem Walde zu bringen sich verpflichtete. Wenn er überhaupt die Wahrheit sprach! Er log ja fast mit jedem Worte! Sie wollte ihm aber das Verlangte bei der Rückkehr geben; wollte schon auch heimkehren; die Zigeuner würden nach ihr ausschauen. Sie wissen, [137] von welcher Seite sie auf die Magura um die Himbeeren gestiegen ist und von welcher sie herabsteigen muß. Sie kannten sich hier aus wie die hungrigen Raubvögel!

Sie ist jedoch so müde und hat keine Lust, sich von der Stelle zu rühren. Wenn sie die Arbeit heute nicht verrichtet, kann sie morgen nicht um Schwämme gehen; aber … schlug denn schon ihre letzte Stunde? Und wenn es morgen schon mit dem Morgengrauen zu regnen anfinge? Und wenn es heuer überhaupt keine Schwämme gäbe? So ersann sie sich Entschuldigungen, narrte sich selber, um nur länger sitzen zu können.

Und es saß sich gut da.

Dann entdeckte sie weit von sich auf einer Wiese eine Koliba[9] und daneben weidendes Vieh.

War jemand in der Koliba? Oder stand sie leer? Es überkam sie eine lebhafte Lust, eine jugendliche Neugier, irgend etwas zu erfahren, hier in der Einsamkeit eine menschliche Stimme zu vernehmen. Sie rief aus voller Brust und mit ihrer hellen, [138] volltönenden Stimme: „Hej, hej!“ Aus der Koliba trat ein Mann heraus und sah sich um.

Hatte er sie entdeckt?

Sie wußte es nicht. Aber dafür drang bis zu ihr ein langes, sehnsuchtsvolles „hei! hej!“, welches sie an etwas aus längst vergangener Zeit erinnerte; aus längst vergangener Zeit, – als sie noch beim Gawrissan diente …

Ein undeutliches Gefühl eines erlebten Glückes übermannte sie für einen Moment und ging dann, ohne daß sie sich dessen bewußt wurde, in den Gedanken über: „Gut war Gawrissan!“

Dann streckte sie sich, ohne sich zu besinnen, ins Gras.

Sie möchte ein wenig schlummern. Sie stand so früh auf … und jetzt ging es gegen Mittag. Sie bleibt den Mittag über da; was hat sie auch für eine Ursache, nach Hause zu eilen? Was sie thut oder auch nicht thut, geschieht doch nur für sie allein und nicht für jemand anderen! Und wenn sie zu lange ausbleibt, werden sie die Zigeuner schon suchen und aufwecken. Der Zigeuner wird das Geld nicht lassen … Daß ihn doch! … Aber sie hat sie [139] alle lieb. Mag man sie wann immer anreden – stets sind sie heiter und zufrieden; und ihre Scherze, die sind echt zigeunerhaft, daß man sich die Seiten halten muß.

Sie streckte sich am Rande des Waldes und halb im Schatten aus.

Die Kanne mit Himbeeren schob sie etwas von sich und die Faust unter den Kopf schiebend, schloß sie die Augen.

Neben und über ihr tanzten in der Luft und über den Blumen, die in überreicher Fülle zwischen dem Grase wuchsen, zahllose Mücken und summten in zarter Harmonie. Unweit von ihren Füßen wimmelten im großen rötlichen Ameisenhaufen die Ameisen, und dort weiter, vielleicht drei Schritte von ihrem Kopfe, sonnte sich auf einem Riesensteine, den der Berg ans sich herausgeworfen zu haben schien, eine zusammengerollte Schlange. Im glühenden Sonnenlicht lag sie da mit halb geschlossenen Augen.

Weit und breit herrschte die Mittagsstille …

In ihr versanken alle Laute wie in einem unsichtbaren Meere, und das Rauschen des alten Waldes, in dem sich Rung mit Magura vereinigte, wogte in [140] üppigen Wellen in der Luft auf und nieder. Die Stille nahm es gierig in sich auf und belebte sich damit …

Hier war gut zu liegen.

Weiß Gott, weshalb so gut! Vor ihren geschlossenen Augen wechselten allerlei Farben. Gelbliche, rötliche … und so sonderbare! … erstanden und zogen vorbei, Bilder, unbestimmte und abgerissene Gedanken …

Ein Gedanke kehrte immer von neuem zurück: „Ich nehme ihn doch!“

Er bezog sich auf das, was sie in letzter Zeit überaus lebhaft beschäftigt hatte; auf den Meister, den sie aus dem Hause gejagt.

Er kroch alle Augenblicke zur alten Malwine, drillte ihr den Kopf, damit sie sie, Paraska, berede, ihn wieder zu sich ins Haus zu nehmen. Er könne ohne sie nicht leben, sagte er. Sie hätte ihm irgend etwas angethan, mit guten oder mit bösen Kräften, und nun ziehe es ihn immerfort zu ihr. Es möge kommen, was da wolle, aber trinken werde er nicht mehr; nur möge sie ihn aufnehmen!

Und die alte Malwine hatte ihr das alles erzählt [141] und sie tüchtig beredet, ihn aufzunehmen. Allein – sie wollte davon gar nichts hören. Litt sie Not ohne ihn? Höchstens, daß ihr der Gang ums Holz schwer ist. Aber er bat immerfort.

Neulich kehrte sie von der Stadt zurück, in die sie um „Körner“ für ihre Hühner gegangen, und sah: vor dem Hause lag ein Haufen gespaltenen Holzes! – und sie hat es auch gleich weggehabt, daß er es gethan …

In ein paar Tagen darauf kehrte sie von einer Arbeit heim, und was sah sie? Auf der Bank unterm Haus lag sein Pelz und standen – wie ein paar Kinder – seine neuen Stiefel.

Was hätte sie thun sollen? Sie übers Thor hinauswerfen? Da hätte sie einfach jemand gestohlen.

Es wäre zu gut, wenn er nicht mehr trinken würde; aufrichtig gesagt, ist er gar ein guter Mann. Die Hand hat er niemals an sie gelegt, und auch zur Arbeit ist er wie geschaffen. Er hatte schöne Kleider, zwei Pelze und mehrere Hemden …

Nimm ihn! vielleicht ändert er sich zum Guten! riet ihr immerfort der Traum; es wird leichter zu leben sein. Der Zaun steht nicht allein, sondern [142] muß gestützt werden, und mit einem Pflocke wird er nicht gestützt. – So wimmelte es ihr im Kopfe.

Und sie wird ihn noch einmal aufnehmen; wird noch einmal versuchen, mit ihm zu leben. Da er es so heftig wünscht … wer weiß … vielleicht wird es noch gut sein. Manchmal glaubt der Mensch, irgend etwas sei schlecht, indessen ist es doch gut. Und – was wahr ist: nicht sie bittet bei ihm um Aufnahme, sondern er bei ihr. Und wenn er wieder einen Sturm im Hause aufführt, wird sie sich Rat schaffen. Ihre Fäuste sind noch gesund, noch wird sie es vermögen, einen Betrunkenen zu Boden zu werfen. Aber wenn sie ihn einmal zu Boden geschleudert, dann … nun, er wird sich diesen Tag schon merken! … Sie ist gut, solange sie gut ist, aber wenn sie böse ist – will sie – aj Gott! …


*     *     *


Ein breiter Streifen des Sonnenlichts drang bis zu ihr und spielte auf ihrem Gesicht.

Sie lag im Halbschlummer.

Ihr war, als hörte sie ein entferntes, wunderliches Läuten, wie das Läuten von Glöckchen an den [143] Hälsen alter Schafe und Ziegen, und Pfiffe und Rufe der Hirten, durch die sie beisammengehalten werden.

Plötzlich befand sie sich bei Gawrissan.

Sie ging mit Jurij und seinem Kameraden, ging vorbei an dem Berge, auf dem die Schafherden Herrn Kubas und Gawrissans weideten. Dort befand sich der Schafhirt Ilija. Er stand in der Wiese am Walde mit seinem dichten, langen Haare, stand allein zwischen weißen und schwarzen Schafen, die aus dem Grase ganz klein erschienen, und weinte in die Schalmei.

Wie weinte er so schwer! Die Stimme der Schalmei tönte sehnsüchtig zwischen den Bergen, traurig und so gedehnt – ach Gott! und ihr war’s im Herzen, als ginge sie in den Tod. So schwer war es ihr – sie wußte nicht, weshalb!

Dann verstummte die Schalmei. Seine Stimme hatte sich irgendwo zur Erde gelagert, und rings um sie legte sich auf alles eine tiefe Finsternis. – Ihrer bemächtigte sich ein Angstgefühl, und sie faßte Jurijs Kameraden an der Schulter: „Rettet mich, Mann!“ Und er sprach: „Jetzt hat dich dein Glück erlassen. Von jetzt an wirst du ohne Glück auf der Welt leben!“

[144] Sie hatte vor Schrecken aufgejammert – und erwachte.

Nein – es herrschte keine Finsternis! Helllichter Tag umgab sie, und der Glanz der Mittagssonne machte alles golden.

Sie setzte sich auf, rieb sich die Augen, und gleichzeitig horchte sie. Aber nein; man hörte keine Schalmei. Um sie her lag es so still … und nur das Rauschen des Waldes wogte in den Lüften …

Das war ein häßlicher Traum und ein unwahrer!

Ihr Glück kann sie niemals verlassen. Das Väterchen hatte gesagt:

„Dein Glück ist derart, daß es dich niemals verlassen wird. In die Seele legte dir Gott dein Glück hinein, damit es dich niemals verlassen kann …“

Ein Alter wie er – wird nicht lügen …


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  1. Sudjilnetza bedeutet im Kleinrussischen „Schicksalsengel“. Der Meinung des kleinrussischen Volkes nach bestimmen gute und böse Engel in Gestalt der Vögel während der Geburt des Menschen sein Schicksal.
  2. Briasa: ein Huzulendorf im Hochgebirge Bukowinas.
  3. Schumkas, fröhliche Gesänge der Kleinrussen und meist humoristischen Inhalts.
  4. Schalmei oder Alpenhorn, ein drei bis vier Meter langes Rohr aus Fichtenbrettchen, mit Birkenrinde überzogen.
  5. So heißen die höchsten Felsenspitzen des Karpathengebirges in der Bukowina.
  6. Seelchen, Herzchen.
  7. im Original: Immmer
  8. Lehmbank am Hause draußen.
  9. Eine aus Brettern zusammengeschlagene Hütte, in der Hirten den Sommer über nächtigen.