Eine löbliche Passion

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Autor: Franz Joseph Holzwarth
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Titel: Eine löbliche Passion
Untertitel:
aus: Katholische Trösteinsamkeit Bd. 7: Passionsbilder, S. 1-114
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Franz Kirchheim
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Erscheinungsort: Mainz
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Quelle: Exemplar der Stadtbibliothek Mainz auf Commons
Kurzbeschreibung: Bearbeitung des Heinrich von St. Gallen zugeschriebenen spätmittelalterlichen Passionstraktats
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[1]
I.
Die Passion.

Die Marter und das Leiden und das hohe Opfer, daß Christus sich selber für uns aufgeopfert hat dem Vater auf dem Altar des Kreuzes, bezeichnen in der alten Ehe oder dem alten Bund drei Figuren.

Die erste ist Abraham, der seinen eigenen Sohn Isaak mit Willen Gott opferte.

Er führte ihn auf einen Berg, und der Sohn kniete mit Willen zu dem Tode. Der Vater zuckte das Schwert und wollte seinen Sohn opfern und tödten; da kam der Engel Gottes und zeigte ihm einen Widder, der in einer Dornhecke mit seinen Hörnern hing, und hieß diesen an des Sohnes Statt opfern.

Nun merke! An der Stelle, da Isaak zum Tode hinkniete, da ward über viele Jahre der Tempel Salomonis hingesetzt; und an der Stelle, da der Widder hing in der Dornhecke, da ward das Kreuz Christi hingesetzt.

Die andere Figur war das Lamm, das Gott tödten hieß zur österlichen Speise.

[2] Die dritte Figur war Samson, der gebunden, geschlagen, aller seiner Kräfte beraubt und getödtet ward.

Nun sprechen die Väter von der Marter Christi also:

Der heil. Augustinus spricht: Christus nahm an sich alle unsere Gebrechen, ohne allein die Sünde. Mit diesen Gebrechen brachte er die Menschheit an das Kreuz, und er hing und starb daran, auf daß in uns alles Gebrechen ertödtet würde.

Sanct Ambrosius spricht: Unsere Sünden waren so groß und mannigfaltig, daß wir mit Nichten mochten behalten werden; es stürbe denn für uns der unschuldige Mensch, Gottes Sohn, am Kreuze. Denn es war dazu gekommen, daß der Mensch Gott nicht mochte gefallen, es würde dann so große Demüthigkeit in einem andern Menschen, die soviel Menschen zu Nutzen käme, als manchen zu Schaden kam die erste Hoffart.

Hieronymus spricht: O Mensch.! sieh’ an das Leiden Christi mit Ernst, wie lieblich, gedultiglich und freundlich Er dir in seinem Leiden Treue und Ehre erzeigt hat! Willst du nur, so macht sein Leiden dir hier alles dein Leiden süß.

Es spricht Gregorius: Christus war ein milder Herr, der alle Menschen wiederbrachte. Er war Gott und Mensch. Von der Gottheit wegen wollte er genugthun, von der Menschheit wegen [3] sollte er genugthun für den Menschen. Seine hohe Marter, sein heiliges Blut und sein reicher Tod brachten wieder den verdammten Menschen und riefen zurück den verdorbenen Menschen.

Auch spricht Sanct Bernhard: O Mensch, erkenne deine Seele, wie edel sie ist und wie schwer die Wunden gewesen sind, an denen Christus, des allmächtigen Gottes eigener Sohn, leiden und sterben mußte. Darum, armer Sünder, nicht verschmähe deine arme Seele, welche die höchste Allmächtigkeit mit so großem Leiden erlöst hat.

Und wieder spricht Sanct Bernhard: Die Wunden Christi sind voll Barmherzigkeit und Liebe, und an dem Kreuze wird der süße Geschmack gefunden von allen Denen, die ihn suchen mit rechter Wahrheit. Da leuchtet auf seine Liebe, da brennt sein Herz; da rinnt seine Güte, da fließt seine Gnade; da ist er den guten Menschen eine große Barmherzigkeit und den bösen Menschen ein brennender Ernst.

Darum gehe herzu, andächtige Seele, zur Matter deines Herrn und zu seinem heiligen Kreuze. Sieh ihn an mit betrachtendem Auge, hör’ auf ihn mit Aufmerksamkeit und drücke tief in dein Herz all’ die Marter, die um deinetwillen der reiche Gottessohn im Ueberfluß sanftmüthig und barmherzig erduldet hat!

[4]
II.
Der Herr nimmt Abschied von seiner betrübtesten Mutter.

Ehebevor unser Herr in seine Marter ging, begegnete er seiner heiligen, herzallerliebsten Mutter in Bethania. Daselbst hatte sie sein mit Schmerzen gewartet. Da Christus der Herr seine Mutter fand und ansah, da sagte er ihr alsbald von seinem Leiden und legte ihr Das aus in der Figur des gesegneten Kindes Isaak, von dem im vorigen Kapitel die Worte der heiligen Schrift entnommen wurden: „Der Vater hub auf seine Hand und zuckte das Schwert, daß er seinen Sohn opferte.“

Ein frommer Lehrer sagt, daß an dem Mittwoch vor der Marter die heilige Mutter Gottes so in großen Schmerzen war, daß sie desselben Tags oft unserm Herrn, ihrem lieben Sohne, zu Füßen fiel um dessentwillen, daß sie wußte, daß er noch eine gar kurze Weile bei ihr bleiben sollte, denn am nächsten Freitage darnach sollte er in ihrer Gegenwärtigkeit von den falschen Juden gegeißelt und auch gekreuzigt werden. Darum wollte der Herr vor seinem Tod seine edle Mutter trösten durch seine Gegenwärtigkeit und ging den ganzen Tag nicht von ihr; sondern er blieb bei ihr zu Bethania im Haus [5] der Martha und Maria Magdalena mit seinen lieben Jüngern und redete da süßiglich vor ihr.

Er predigte und sagte ihr all’ sein künftiges Leiden und wollte sie damit stärken , daß sie sich desto minder und lutzler seiner Marter und seines Todes betrüben möchte.

Als Maria, die liebe Jungfrau, diese Worte hörte, da hub sie an, ihren lieben Sohn und Herrn zu bitten, daß die Sache anders geschehen sollte, und warf ihm so heftige Sache vor und legte an ihn so jämmerliches Gebet, daß ihr der Herr antworten mußte. Er nahm eine Figur aus der alten Ehe und sonderlich das Wort: „Der Herr hat aufgezogen seine Hand und zuckte das Schwert, daß er opferte den Sohn“ und sprach:

„Meine liebe Mutter, du bittest, daß ich die Erlösung menschlicher Seligkeit anders schicke, denn daß ich die Marter und den Tod leide, und es ist billig, daß ich deine Bitte erhöre. Jedoch, liebe Mutter, nimm das andere Theil dawider, daß mein himmlischer Vater hat aufgezogen die Hand seiner väterlichen Liebe und will den Sohn opfern auf dem Altar des Kreuzes, daß er allda leide den Tod der bitterlichen Schmerzen um das Heil menschlicher Erlösung.“

Da saß Maria die Mutter Gottes und sah, daß sie wider diese Antwort nicht reden konnte, darum daß sie hörte, die Sache komme aus dem väterlichen [6] Willen; aber sie kehrte sich zu dem Erzengel Gabriel, der sie nie verließ und der allweg mit ihr redete, wie der heil. Augustinus spricht, und sprach zu ihm: „Ach gedenk, daß du als der Abgesandte alles himmlischen Hofes zu mir kamest und sprachest: „Ave, voll der Gnaden, der Herr ist mit dir!“ Nun, wie soll der Herr mit mir sein, seid mir mein Herr und mein lieber Sohn zu Hand soll sterben und jämmerlich genommen werden? Oder wie bin ich die Gesegnete unter den Weibern, so mir nun künftig ist worden der Tag, daß Viele der Juden mich heißen werden die Verfluchte unter allen Weibern.“

Der Engel antwortete ihr und sprach: „Tröste dich selbst, du süße Mutter! Es ist wahr, daß ich dich grüßte mit großen Freuden; aber nun tröste ich dich in deinen Leiden. Ich bekenne dir, edle Königin, daß du bist voll Gnaden; doch gefällt es dem Vater, daß du in diesen Tagen bist voll Leides. Merke, daß dein reiner Sohn, der ein Brunne der Gnaden ist, in diesen Tagen voll Leides werden muß. Darum wundere dich nicht, ob der Vater an dir gestattet und verhängt hat, daß du seiest mit Jammer durchgossen; denn in deiner Person und in der Person deines Sohnes ist durch den Propheten gesprochen: „O ihr Alle, die des Weges vorübergehen, sehet, ob je ein Schmerz sei gleich meinem Schmerz.“ Ich bekenne dir auch, edle Königin, daß ich sprach: „der Herr ist mit dir,“ daß dein lieber Sohn, Herr und [7] Schöpfer Himmels und der Erden, mit dir stetiglich ist mit besonderer Gnad’ und Süßigkeit, und doch in diesen Tagen von dir wird genommen mit Bitterkeit des Todes. So ward zu Elisäus gesprochen in deiner Person von Elia: „Weißt du, daß heute dein Herr will nehmen den Herrn?“ Ich bekenne dir auch, edle Königin, daß ich zu dir sprach: „du bist gesegnet unter allen Weibern,“ wie fast dich die Juden in der Zeit werden heißen die Verfluchte unter allen Weibern. Doch tröste dich selbst; denn von dir ist geschrieben: „Wer dir flucht, der sei verflucht, und wer dich segnet, der wird erfüllt mit Segen.“ Darum beschließ ich Königin deine Worte und spreche, daß in diesen Tagen nicht die Zeit des Trostes ist; denn so hat der himmlische Vater durch die Begierde seiner väterlichen Liebe, in der Er seinen eingebornen Sohn in die Welt gesandt hat, die Erlösung des menschlichen Geschlechtes geordnet.

Darum Maria anstatt der Freuden des Grußes bitt’ ich den Vater, daß er dich tröste in deinem großen Schmerze, denn recht als in des Vaters Hand ist das Schwert des Ernstes, von dem der Sohn sprach: Ich bin gekommen, das Schwert zu bringen auf die Erde. So muß in deinem Herzen das Schwert des herzlichen Schmerzes sein, wie dir Simeon geweissagt hat, daß deine Seele ein scharfes Schwert durchdringen muß. Nun tröste dich selbst, du süße Königin! Dein Sohn muß gefangen und [8] gegeißelt werden, die Kron von Dörnern muß sein heiliges Haupt, die dicken Nägel seine Hände und Füße, die schmerzhafte Marter seinen Leib und all sein Leben durchgraben bis in den Tod, wie das väterliche Urtheil es geordnet hat. Der Vater hat seine Hand aufgezogen von dem Sohn und will seiner nicht mehr schonen und hat ergriffen das Schwert der Gerechtigkeit und will, daß der Sohn sterbe mit Schand und Bitterkeit des Todes.“

Damit verließ der Engel Gabriel die trauernde Jungfrau.

Unterdessen saß Maria Magdalena bei den Füßen Jesu und hörte auf sein Wort. Da nun der Herr zu lehren aufhörte, da sprach Maria Magdalena zu ihm unter andern Worten: „Mein lieber Herr, ich bin fleißig, alle Tage deines Willens und Lebens Acht zu haben. Ich habe alle Die um Botschaft gebeten, die gen Jerusalem gehen; diese sagen mir herwider böse Märe, wie daß die Fürsten der Priester und die Schriftgelehrten in all ihrem Rath dichten und trachten, dich zu tödten.“

Zu diesen Worten antwortet’ ihr der Herr und sprach zu ihr: „Rufe her meine Mutter!“

Da nun die Mutter kam und sich andächtig setzte mit Maria Magdalena zu den Füßen Jesu, da sprach der Herr:

„Eine kleine Weile will ich bei euch sein; und zu einem Trost will ich Morgen den ganzen Tag bei [9] euch bleiben, eh daß ich gefangen werde von den Juden, und so viel es möglich ist, will ich euch genugthun mit meiner Gegenwärtigkeit.“

Von diesen Worten fiel Maria die Mutter Gottes und Maria Magdalena in solche Schmerzen, daß sie vor großem Weinen und Seufzen nicht bald antworten konnten. Doch hofften sie ihn zu erbitten, daß er sein Abendmahl auf den Donnerstag nicht nach Jerusalem verlege, sondern daß er zu Bethania bleibe, wo er vor den Juden sicher wäre. Da versagte es der Herr ihnen beiden; und Maria sagte zu ihrem Sohne: „Dein Will’ der geschehe.“

Darnach dieselbe ganze Nacht kniete Christus und bat den Vater um himmlische und göttliche Ehre. Dieselbe ganze Nacht kniete Maria und bat den Vater, daß er sich erbarme über ihren Sohn und sie tröste. Und dieselbe ganze Nacht kniete Maria Magdalena bis an den Tag und bat den Vater um Gnade.

Da nun frühe der Tag anbrach, da ging die Mutter des Herrn zu Maria Magdalena und fand sie kniend in großer Andacht und voll Zäher, und sprach zu ihr: „Geh’ und rede mit meinem Sohn, ob du ihn mögest erbitten, daß er seine österliche Speise hier mit uns esse, so will ich dieweil den himmlischen Vater bitten, daß er dein Gebet erhöre.“

Hier spricht Petrus Damianus: In Christus waren zwei Willen, der eine wollte die Marter und [10] den Tod recht schnelliglich haben und der andere nicht; der erste stand in der Vernunft, der andere in den Sinnen. Das bewähret Christus, da er sprach: das Fleisch ist schwach. So war es in Maria: Von der Vernunft wegen wollte sie den Sohn haben zu der Marter; aber von mütterlicher Liebe wegen wollte sie den Sohn haben von der Marter. Der Streit im Herzen der heiligsten Jungfrau war so groß, als da das Leben und der Tod streiten um einen Leichnam. Und was nun die Jungfrau wider die Marter wollte, das forcht die mütterliche Treue des Herzens. Dennoch stand in der Vernunft der väterliche Wille, dem sie sich ganz untergab.

Maria Magdalena ging zu dem Herrn und fand ihn kniend an seinem Gebet gegen den Aufgang der Sonne mit aufgereckten Händen. Da der Herr ihrer gewahr wurde, stand er auf von seinem Gebet; und sie trat zu ihm und sprach:

„Mein lieber Herr, erhöre das Gebet deiner unwürdigen Dienerin, die du dir ewiglich behalten und von der ewigen Verdammniß behütet hast. Ich bitte dich durch deiner Ehren willen, bleibe hier bis Morgen und iß mit uns das Abendessen und das Osterlamm, denn ich weiß und habe dessen gewisse Kundschaft, daß dich die Juden tödten wollen. Hier mögen sie weder dir noch den Deinen schaden.“

[11] Der Herr antwortete ihr und sprach: „Meine liebe Freundin! Mein Vater gebot mir zu dieser Zeit, die voller Gnaden ist, daß ich an dem Kreuze sterben soll. Das Gebot will ich nicht brechen, sondern ich will gehorsam sein. Denn so wird von mir geschrieben werden: Daß ich meinem Vater gehorsam bin gewesen bis in den Tod des Kreuzes. Dein Gebet mag ich nicht erhören, denn der Vater hat Urtheil über mich gegeben, um daß der Propheten Wort erfüllt werde.“

Hiemit ging Maria Magdalena wiederum zu der Jungfrau Maria und sprach zu ihr mit fließenden Zähren:

„Ich mag leider bei meinem Herrn nichts geschaffen. Gehe du hin, Mutter der Ehren, und bitte ihn selber, vielleicht wird der Herr gütig von deinem Gebet und wird unsern Willen erfüllen.“

Da saßen Maria die Mutter Gottes und Maria Magdalena bei einander und vergossen mancher heißen Zäher in bitterlichem Weinen. Ihr beider stille Stimm’, ihre klägliche Geberde, ihre überfließenden Zähren möchten alle Creaturen im Himmel und auf Erden erbarmt haben.

Maria stand auf von ihrem Weinen und trat zu ihrem Sohn mit solchen Worten und so reichen Sachen, daß der Herr der Mutter mit der Schrift und mit göttlichen Rechten antworten mußte. Die Jungfrau hub an zu bitten. Zum Ersten sprach sie:

[12] „Siehe an, mein geliebter Sohn, das ist der Leichnam, der dich getragen hat. Siehe an die Brüste, die du gesogen hast. Ich bitte dich in mütterlicher Treue und Liebe, in der du mich erhören sollest, mein Herr und Sohn. Erfinde einen andern Weg menschlicher Erlösung, der mit andrer Weise zugehe, denn mit deinem Tode! Und fragest du mich, wie Das sein möge, so sprich ich: Du bist die ewige Weisheit. Nun findest du wohl einen andern Weg, wie der Mensch zu Gnaden komme, ohne deinen bittern Tod, wenn du nur willst.“

Der Herr antwortet ihr und sprach: „Meine liebe Mutter, ich sollte dich billig erhören. Du begehrest, daß ich erfinde einen Weg, daß ich den Menschen erlöse in einer andern Weise, denn mit meinem Tod. So wisse, meine liebe Mutter! daß erfüllt werden muß, was von mir gesprochen ist. Ich sprach zu den Meinen, wir gehen hinauf gen Jerusalem, und des Menschen Sohn wird verrathen den Fürsten der Priester, und sie werden ihn verurtheilen in den Tod. Nun sprichst du, ich sei die ewige Weisheit. Da ich diese bin, so soll ich auch in der allervernünftigsten Weise, wie ich sie nur immer in meiner Weisheit finden mag, den Menschen erlösen und dem Vater wiederbringen. Nun will das meine klare Weisheit: recht wie der Mensch gefallen ist in den ewigen Tod darum, daß er meiner ewigen Weisheit begehrt hat, durch die Sünde theilhaftig [13] zu werden, so muß ich des bittern Todes für den Menschen sterben, daß ich ihn durch die Gnade zur Erkenntniß der wahren Weisheit wiederbringe. Und Das muß durch meinen Tod geschehen.“

Da nun Maria diese Worte vernahm, da hub sie zum andern Mal ihren Sohn zu bitten an und sprach:

„Mein lieber Sohn, ich höre, daß du ja leiden willst, so bitte ich nun, daß du dir ein Leiden auswählest, das linder und geringer sei. Und fragst du mich, wie das sein möge, so sprech’ ich, daß es genug sei an einem Blutstropfen zu der Welt-Erlösung. Darum, mein Herr, gib dich nicht so mannigfaltigem Leiden unterthan, denn ein Tropfen deines Blutes in väterlicher Gegenwärtigkeit stillet den Zorn Gottes ewiglich.“

Der Herr sprach: „Meine süße Mutter! dein Begehren wollte ich gerne erfüllen, aber ob das nicht widerspreche der Wahrheit, die der heilige Geist durch den Propheten geoffenbart hat, da er spricht: „Man hat mir all’ mein Gebein gezählt.“ Nun muß ein jegliches Bein in meinem Leichnam seinen besonderen Schlag haben. Das mag nicht geschehen mit einem einzigen Blutstropfen. Es muß wahr an mir werden, was in der Figur geschrieben ist: Alle Brunnen werden aufgethan und allem Volk des Himmels zufließen.“

[14] Da Maria merkte, daß sie an dem ersten und andern Gebet nichts erwarb, da hub sie zum dritten Mal zu bitten an und sprach:

„Mein allerliebster Sohn! gedenke daran, daß du den Engel Gabriel sandtest und mir sagen hießest, daß ich ohne Wehe wäre. Nun weiß ich wohl, daß Himmelreich und Erdreich zergingen, ehe daß deine Worte zergehen, denn du bist die höchste Wahrheit. Willst du nun aber die jämmerliche Noth über mich also ergehen lassen, daß ich soll und muß deine mannigfaltige Marter sehen? Wie stehen denn nun die Worte, die du mir bei dem Engel entboten hast? Siehe Sohn und Herr! ich bin bereit mit dir zu leiden; laß nur nicht deinen zarten Anblick verspeicheln und verspeien!“

Da antwortete ihr der Herr und sprach: „Meine süße Mutter, es ist wahr, daß wir dir von der ganzen Dreifaltigkeit Rath den Engel sendeten und hießen dir sagen, daß du wärest ohne Weh. Das war eine Zeit der Süßigkeit und der Gnaden, in der du jetzt voll werden sollest alles Jammers und der Schmerzen. Soll nun des Menschen Seele, die von der Sünde verunreinigt ist, vor dem göttlichen Auge rein werden, so muß mein Anblick werden wie eines aussätzigen Menschen Anblick, wie der Prophet gesprochen hat: „Wir haben ihn gesehen als einen Aussätzigen, der geschlagen und gedemüthigt ist“. So wird der Mensch von Innen rein, wenn meine Seele [15] gelästert und mein Anblick verspieen, verunreinigt und zerstoßen wird.“

Zu dem vierten Male bat Maria ihren lieben Sohn und sprach: „Mein allerliebster Herr und Sohn! Gedenke, daß du in dem alten Bunde geboten hast, man soll Vater und Mutter ehren! Nun bitte ich dich und ermahne dich der Ehren, die du mir von Rechtswegen zu erzeigen gebunden und pflichtig bist. Wenn du ja den Tod leiden willst, daß du dann einen andern Tod erwählest und nicht den Tod des Kreuzes, der so schändlich ist und dich in Aergerniß bringt gegen alle lebendigen Herzen. Es hat dir der Vater alle Dinge unterthänig gemacht und in deine Hand gegeben, darum kannst du dir wohl erwählen einen andern Tod, als den Tod am Galgen des Kreuzes.“

Der Herr antwortete der Mutter und sprach: „Meine liebe Mutter, ich bekenne wohl, daß deine Worte aus mütterlicher Liebe kommen; darum bin ich dir schuldig, mit Süßigkeit zu antworten. Es ist wahr, daß ich dich zu ehren gebunden bin, denn von dir habe ich die Menschheit. Aber viel mehr bin ich schuldig zu ehren und gehorsam zu sein dem Vater. Nun ward dem Adam geboten, daß er nicht esse von der Frucht vom Baume der Erkenntniß bei dem Urtheil des ewigen Todes. Das übertrat er und Eva und sie wurden schuldig des ewigen Todes. Da sie gebunden waren mit den Sünden, so konnten [16] sie sich nicht selbst entbinden, es sollte denn ein Mensch desselben Geschlechtes sein, der um die Sünden genug thäte. Da war Niemand, der Das konnte, noch von Recht sollte bis auf Mich. Ich bin Gott und Mensch. Von meiner Menschheit wegen soll ich genugthun und von meiner Gottheit wegen mag ich genugthun. Das Genugthun erfordert die Gerechtigkeit. Recht wie der erste Mensch reckte und streckte seine Arme zu dem verbotenen Holze, von dem er in den ewigen Tod fiel, also muß ich sterben und meinen Arm an das Holz des Kreuzes für den Menschen strecken, auf daß er von dem ewigen Tod erlöst werde. Es taugt und ziemt sich nicht anders, denn daß ich eines schändlichen Todes sterbe an dem Kreuze; von dem Baume, von welchem der Tod durch das Essen gekommen ist, von dem entspringt nun auch das Leben. Vom Holze des Baumes pflückte Adam die Frucht des Todes, vom heiligen Kreuze soll der Mensch meinen Fronleichnam pflücken recht als ein Brod des Lebens. So steht das Urtheil meines Vaters. Der hat aufgezogen seine Hand und zuckt das Schwert, daß er den Sohn opfere in den Tod. Nun tröste dich, liebe Mutter! Ich bitte meinen Vater, daß er dich tröste in der Trübsal, daß er dich und Die, so mit Treuen auf mich hoffen, nicht lasse.“

Von diesen Worten ward Maria die Jungfrau also betrübt, daß sie vor Schmerzen und Zähren [17] ohnmächtig ward und lange nicht ein Wort sprechen konnte. Den Jammer und das Leid konnte der Herr nicht ansehen und stund auf von der Mutter und rief Maria Magdalena und sprach: „Gehe hin zu meiner Mutter und laß sie dir empfohlen sein.“

Hier spricht Sanct Bernhardus, der heilige Lehrer:

„Das ist das erste Schwert, das Mariä Herz durchschnitt. Die Schärfe des Schmerzes überwog alle Kräfte ihres Lebens, daß durch ihr Herz, durch ihre Seele, durch ihren Leichnam und durch alle ihre Glieder solche Bitterkeit drang, wie noch kein mütterliches Herz weder vor ihr, noch nach ihr überfiel noch berührte.“

[18]
III.
Vom Verrath des Judas und Marien’s Klage.

Nach der Zeit, da dieß himmlische Gespräch zu Bethania zwischen Christo dem Herrn und seiner heiligen Mutter war, da warteten die Juden an dem Mittwoche den Morgens auf den Herrn, ob er in den Tempel käme. Und da er nicht kam, da meinten sie, er wolle fliehen. Und sie liefen bald in einen Rath und trachteten, wie sie Vorkehrung treffen könnten, daß er ihnen nicht entginge.

Nun wußte Judas und erkannte wohl, daß die Juden in einem heimlichen Rath waren, und er ging zu ihnen und sprach: „Ich weiß wohl, was ihr jetzt verhandelt und was euer Rath ist. Was wollet ihr mir geben, daß ich euch den Menschen in eure Hände gebe ohne viel Sorge und ohne große Arbeit?“

Dieser Rede wurden die Fürsten der Juden und die Aeltesten des Volkes alle gar froh und boten ihm dreißig Silberlinge. Judas sprach, er wolle sie nehmen. Und er wartete, bis man ihm das Geld gebracht hatte.

Dieses Geld war manche hundert Jahre verschlossen gewesen und war an alle Altväter gekommen, [19] von den Brüdern Josephs, da sie ihn nach Aegypten verkauften, bis an den König Salomo. Dieser gab dasselbige Geld in den Tempel, wie die Lehrer sprechen.

Als Judas das gute Geld ansah, da ward er gar froh und sprach:

„Höret mich! Ich habe euch verheißen, den Menschen zu übergeben, daß will ich auch halten. Ich will mit eurem Volk und euren Dienern gehen und will sie führen, daß sie ihn leicht fahen und greifen. Ich will ihnen ein Zeichen geben. Welchen ich küsse, denselben sollen sie anfallen, wenn er aber entkommt, so soll mir mein Geld dennoch bleiben.“

Hier spricht ein großer Lehrer also: O du schnöder Kaufmann! Wie gar um ein schnödes und leichtes Geld gibst die deinen Meister hin, meinen lieben Herrn, der dich gemacht hat zu einem Schaffner unter seinen Jüngern und zu einem Zwölfboten, der sich und das Leben der Seinen dir empfohlen hat!

Hier spricht Sanct Bernhard: O Mutter! hättest du das erkannt, daß dein lieber Sohn um ein solches schnödes Geld verkauft werden sollte! Du hättest vielleicht das Geld von Haus zu Haus erbettelt und hättest es dem Judas gegeben, auf daß dein lieber Sohn bei dem Leben geblieben wäre! O du böser Judas, du unseliger Schacherer! O du untreuer Dieb! Wollte dich nicht der Sohn erbarmen, dich sollte doch der Mutter erbarmt haben! [20] Was hat dir der süße Lehrer und liebe Herr gethan? Hat er deine Verrätherei damit verdient, daß er dich zu einem Herrn des Himmels machte? Oder hat dir die liebe Mutter etwas gethan? Du wußtest wohl, daß er ein unschuldiges Blut war, und ihr beider Leben wolltest du tödten mit Einem Tode. Böser Mensch! Nicht allein die Mutter oder allein den Sohn, sondern Sohn und Mutter hast du in den Tod gegeben!

Nun sehet an alle Geschöpfe, wozu Gott geworden ist! Man hat ihn verkauft um Geld, schnöd und lästerlich wird nun der Schöpfer Himmels und der Erde verkauft: die höchste Allmacht wird um einen Spottpreiß hingegeben. Nun wird verspottet die Ewigkeit! Die klare Gottheit wird gleichgeachtet den unvernünftigen Geschöpfen, die man kauft und verkauft, sie wird ausgegossen gleich dem Geschmeide!

Am Abend kam Judas nach Bethanien, und als ihn die Jungfrau Maria ansah, da empfing sie ihn gar lieblich und fragte ihn, wie es um ihren Herrn und Sohn stünde. Judas sprach: „Gar wohl.“ Sie wußte, daß Judas die Fürsten und Aeltesten wohl kannte, und sie hatte ihn gar lieb, darum empfahl sie ihm ihren Sohn und sprach:

„Mein lieber Jünger, ich empfehle dir meinen Sohn und Herrn.“

Judas sprach:

„Fraue! er ist mir allzeit wohl empfohlen.“

[21] Hier spricht Sanct Bernhard: O Maria, wie empfiehlst du das Lamm dem Wolf. Du wußtest nicht, daß der ungetreue Mann deinen Sohn in die Hände der Juden gegeben!

Zu einem Zeichen der Liebe setzte der Herr den Judas desselbigen Abends zwischen sich und seine heilige Mutter.

Du unseliges Mittel, das da zwischen deinem Sohne und dir Maria saß!

Als nun an diesem Mittwoch das Abendessen geschah, lehrte Christus vor seiner Mutter und seinen Jüngern und sagte ihnen ordentlich nach einander seine Marter und seinen Tod, und verlängerte die Rede bis nahe zur Mitternacht. Darnach begab er sich zum Gebet und rief den Vater an bis an den Tag.

Als nun der Tag anbrach, schickte sich der Herr an auf den Weg gen Jerusalem. Er rief dem heil. Petrus und Johannes und sprach zu ihnen: „Gehet und bereitet uns das Abendessen der österlichen Speise!“

Darnach rief er seiner süßen Mutter und nahm Urlaub von ihr. Und Maria die Jungfrau fiel in große Schmerzen und ging zu dem Herrn mit heißen Zähren und führte ihn ein wenig weg von den Jüngern und hub an also bitterlich zu weinen, daß der Herr von ihrem Weinen zu Trauern und Mitleiden bewegt wurde. Sie sprach:

„Mein herzallerliebster Sohn! Siehe an, meine Seele ist verwundet bis in den Tod! Sieh’ an mein [22] verwundetes Herz! Sieh’ an meine bitteren Zäher! Siehe an, wie alle meine Kraft erbebt vor großem Herzeleid! Erbarme dich, Sohn und Herr, über mich! Verliere ich dich, so verliere ich Alles. Erhöre, Herr, mein letztes Gebet und einzige Hoffnung! So du je gehen willst zu dem Tode, so laß mich zuvor sterben, daß ich nicht vor meinen Augen dich so jämmerlich verderben sehe.“

Der Herr antwortet ihr mit betrübtem Herzen und sprach:

„Meine liebe Mutter! merk! wenn ich dich erhöre, so muß deine Seele zu den Vätern in die Vorhölle fahren, denn Niemand mag in das ewige Himmelreich kommen, es werde denn die Pforte zuvor aufgethan. Nun muß mir meine Seite geöffnet und mein Herz mit dem Speer durchstochen werden, und wenn das Alles geschieht, so wird auch der Himmel aufgethan. Ich will zuerst sterben und den Himmel öffnen; darnach will ich zu dir kommen und dich lieblich führen in die Klarheit des Himmelreichs. Es wäre unbillig, daß ich dich der Vorhölle hingäbe, da du heilig empfangen und ohne Sünde in der Welt bist. Siehe zuerst an meinen Tod und habe Mitleiden mit mir, darnach wirst du mit mir herrschen ewiglich.“

Unter diesen Worten fiel Maria die Jungfrau ihrem liebsten Sohne zu Füßen mit heißem Weinen und großen Klagen. Da ward Christus selbst zum [23] Weinen gerührt, und er konnte den Jammer nicht ansehen und ging von seiner süßen, heiligen Mutter mit nassen Augen bis in die Stadt Jerusalem.

Aber Maria Magdalena und andere heilige Frauen blieben bei der Mutter des Herrn, und da Maria die Mutter wieder zu ihr selber kam und sah, daß ihr lieber Sohn und Herr zu Jerusalem war, da hub sie an zu dem himmlischen Vater zu rufen und sprach:

„O Schöpfer Himmels und der Erden und aller Geschöpfe, warum hast du mir Fruchtbarkeit gegeben, da du mir meinen lieben Sohn nun nehmen willst! O einige Hoffnung, wo ward je eine Mutter ihres Sohnes also beraubt! O barmherziger Vater! wo ist nun deine unergründliche Barmherzigkeit? O gerechter Gott! wo ist nun deine unmäßige Güte? O gerechter Gott! wie schwer sind deine Urtheile, daß du dich weder über deinen Sohn, noch über seine Mutter erbarmen willst! Wohin soll ich arme Mutter fliehen? Aller Trost hat mich verlassen. Der himmlische Vater schweigt, der Sohn geht in den Tod. Die Engel verstummen. Niemand tröstet mich in meinem Leid.“

Damit kehrte sich die Jungfrau zu den heiligen Frauen, wie der Lehrer Alexander in der Erklärung des hohen Liedes schreibt, und sprach:

„O ihr süße Töchter von Jerusalem! Sehet an mich elende Mutter! Ich war eine kleine Jungfrau in meines Vaters Hause, Leid und Trübsal war [24] mir unbekannt. Ich ward in den Tempel gegeben. Weinen, Klagen und Angst es kannte ich Alles nicht. Darnach gab mir Gott der Vater seinen Sohn, Den soll ich nun verlieren. Weinet Alle mit mir und sehet mich stehen in kläglicher Weise; denn der allmächtige Vater erkennt wohl, daß mein Herz in mir betrübt ist. Meine Kraft hat mich ganz verlassen.“

[25]
IV.
Von Einsetzung des heiligsten Sacraments.

Auf den ersten Tag der hohen Zeit, da die Kirche die Marter Christi ihres göttlichen Herrn und Bräutigams feiert, schreibt der heilige Evangelist Lukas: Als man die österliche Speise essen sollte, gingen die Jünger zu Jesu und sprachen: Wo willst du, daß wir dir das Osterlamm bereiten? Jesus antwortete ihnen und sprach: Gehet in die Stadt, da wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Wasserkrug, dem folget nach; und in welches Haus er geht, da sprechet zu dem Herrn des Hauses: Der Meister spricht, wo ist das Eßhaus, wo er die österliche Speise mit seinen Jüngern nehme? Zuhand wird er euch ein schönes, wohlbereitetes Eßhaus weisen. Daselbst bereitet die österliche Speise! Da gingen die Jünger in die Stadt und fanden Alles, wie es ihnen Jesus gesagt hatte, und sie bereiteten die österliche Speise. Und des Abends kam Jesus mit seinen Jüngern und saß zu Tische und sprach: Mit Begierde hat mich verlangt, mit euch dieß Osterlamm zu essen, ehe daß ich leide; denn ich sage euch, daß ich nicht mehr mit euch essen [26] werde, bis daß Neues wird vollbracht sein im Reich Gottes.

Hier spricht St. Augustinus, der heilige Lehrer, daß den Juden geboten war, das Osterlamm mit bittern Kräutern zu essen. Das hat eine Bedeutung für uns: Diese Kräuter sind dem Ansehen nach lustig, und sind doch bitter dem Geschmack nach. Also sollen auch wir thun, wenn wir das heilige, hochwürdige Osterlamm, Christum Jesum würdig wollen nehmen und empfahen, daß wir alle Wollustbarkeit dieser Welt, die doch wohlgefällig und auch lustig ist für unsere Augen, in unserm Herzen verschmähen. Wir müssen das bittere Kraut der Abtödtung nicht verschmähen, wenn wir die ganze Süße des heiligen Leibes Christi schmecken wollen. Zum Zweiten essen die Juden das Osterlamm stehend, zu einer Bedeutung, daß all unser Sinn, Herz und Gemüth über sich aufgereckt stehen soll, die Gütigkeit, Gnade und Süßigkeit zu betrachten, die von dem wahren Osterlamm gekommen ist. –

Da nun unser lieber Herr Jesus Christus das Osterlamm mit seinen Jüngern gegessen hatte und dem alten Bund damit ein Ende geben wollte, und aufsetzen die neue Ehe oder den neuen Bund; da nahm er das Brod in seine heilige und ehrwürdige Hände, und brach es, und segnete es, und gab es seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin, Das ist mein Leib, der für euch dargegeben und verrathen wird. Darnach [27] nahm er den Kelch, und dankte Gott und segnete ihn und gab ihn seinen Jüngern und sprach: Trinket Alle daraus, denn Das ist mein Blut, das für euch und für Viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Und ich sage euch, daß ich nicht mehr mit euch von der Frucht des Weinstocks trinken werde, bis daß ich sie erneuert mit euch trinken werde in meinem Reich. So oft ihr es thut, so thut es zu meinem Andenken.

Auf diese Worte antwortet St. Bernhard: Unser lieber Herr Jesus Christus hat uns ermahnt in diesen Worten, daß wir ein inniges Gedächtniß haben sollen des Abendmahls, das er mit seinen lieben Jüngern hielt, und auch alles seines bittern Leidens und Todes, so oft wir seinen heiligen Leib empfangen wollen.

Es spricht St. Ambrosius: Da unser Herr seine Augen aufwarf zu seinem himmlischen Vater, als er das Brod in seine heiligen Hände nahm und das Zeichen des Kreuzes segnend darüber machte und sprach: Das ist mein Leib: Da erschien in der Mitte des Kreuzes ein Spiegel der göttlichen Klarheit, darin drei Dinge gesehen wurden: zu dem Ersten alle die Priester, die von der Zeit unseres Herrn Jesu Christi bis auf den jüngsten Tag sind, zum Andern, daß Alle Diejenigen, welche das heiligste Sacrament würdig empfangen, Eins sind mit Christo, zum Dritten, daß alle Diese, die ihn [28] würdig empfangen, in den Gnaden bestehen und demnach das ewige Leben erhalten.

Aber den zarten Fronleichnam Christi würdig zu empfangen, dazu gehören drei Dinge.

Zu dem Ersten, daß der Mensch sich selbst, die Welt und alle Bosheit redlich überwunden habe; denn also steht geschrieben: Dem Ueberwinder werde ich geben das verborgene Himmelsbrod.

Zum Andern, daß der Mensch in Gott verwandelt sei, also daß seine Begierde und all sein Wille in Gott allein stehe.

Zum Dritten, daß der Mensch nur ein Schein hier sei in dieser Welt; aber mit Gott soll er ganz und gar Eins sein; wie das Brod nur ein Schein ist, wenn die heilige Wandlung vor sich gegangen.

Hier spricht Albertus Magnus, der selige Lehrer, daß in der Messe sechs Dinge von Christo sind, der Leichnam, das Fleisch, das Blut, die Seele, der Geist und die Gottheit. Durch den Leichnam sind wir seine Glieder, von seinem Fleisch haben wir die natürliche Kraft, von seinem Blut die Erlösung, von der Seele die Erfüllung der Gnaden, von dem Geist das beschauliche Leben, und von der Gottheit den ewigen Frieden. Also werden wir theilhaftig alles des Gutes, das in Christo ist.

Zum Andern sind bei der heiligen Messe gegenwärtig die seligen Seelen, wie St. Augustinus [29] spricht: wo der Leichnam ist, da sammeln sich auch die Glieder.

Zum dritten Mal so ist da gegenwärtig Unsere Liebe Frau, die Jungfrau Maria und alle reinen Jungfrauen, wie St. Bernhardus spricht. Das kommt daher, daß das hochwürdige, heiligste Sacrament einen gar so süßen, reinen Geschmack hat, der aufdringt durch die Chöre der Engel. Mit diesem reichen Geschmack zieht das heilige Sacrament alle reinen und frommen Herzen in den Himmel, daß sie da dem Lamme nachfolgen, wohin es geht, wie Johannes, der heilige Evangelist und Apostel, schreibt. Darum sprach der Lehrer Origenes: Herr, gib mir die süße Frucht meiner Seele, gib mir das lebendige Brod, das der heilige Geist gewirkt hat in Maria, entsprungen der göttlichen Liebe und zubereitet am Galgen des Kreuzes!

Nun siehe an die Liebe des Herrn in seinen letzten Zeiten! Wie groß die Noth und Angst war, dennoch gedachte er an uns und ließ uns das Beste, das Himmel und Erde haben.

Darum spricht der heilige Augustinus: Wir sollen loben den König, der da der Himmel und der Engel Speise ist. Und wir sollen loben den König der Himmel, der da unsere Speise ist. Wir sollen loben den König der Ehren, der unser Trost und unsere Speise ist hier und dort, der die Krippe erfüllt und den Altar in der Kirche und alle Seelen erquickt!

[30] Hier werden vollbracht alle Figuren oder Vorbilder des alten Bundes; wie der heil. Ambrosius spricht.

Gott ließ den Altvätern Manna vom Himmel regnen. Siehe das wahre Manna, die Speise zum ewigen Leben.

Der harte Felsen gab mildiglich Wasser.

Elias rief Feuer vom Himmel; wenn die heilige Wandlung auf dem Altare geschieht, so ist Derjenige gegenwärtig, der das Feuer der ewigen Liebe ist. Geh’ hin, o Seele, und genieße würdig und du brennst vor lauterer, göttlicher Liebe.

Melchisedech opferte Brod und Wein; hier hat der ewige hohe Priester geopfert.

Elias ward mit Brod und Wein auf einem Steine wunderbar gespeist; – o heiliges Gastmahl, in dem Christus genossen wird!

Habakuk brachte dem Daniel Speise in Babylon; der ewige Sohn Gottes selbst bringt sich uns zur Speise dar für’s ewige Leben.

König Assuerus machte eine große Wirthschaft allen seinen Fürsten. – Zum Hochzeitmahle des ewigen Königs sind wir gnädig geladen. Im Schatten des Kreuzes knien wir und werden erquickt, daß wir in Ewigkeit nicht hungern und dürsten.

Der Kaiser Octavianus sah, daß der Sohn der Jungfrau alle Speise und das ewige Leben war. Hieher gehört auch das geheimnißvolle Gesicht, das [31] Dionysius einst sah: daß drei Engel am Himmel erschienen, die bucken ein Brod. Aus diesem wuchs auf ein lebendiger Löwe, der that seinen Mund auf und zu einer Seite ging aus seinem Munde ein klares Wasser. Dieses Gesicht wird also ausgelegt: die drei Personen in der Gottheit wirkten die Menschheit Christi, das Brod der Engel. Wer das würdig genießt, wird stark wider den Feind, wie ein lebendiger Löwe. Christus wird auch genannt der Löwe aus Juda. Von ihm fließt aus das Leben und die Gnade in Diejenigen, welche des heiligen Sacraments theilhaftig werden; und so oft der Mensch dasselbe empfängt und würdig nimmt, also oft bringt ihm Gott einen Theil neuen Lebens und nimmt ihm einen Theil seines alten Lebens.

Hier spricht St. Augustinus: Ich hörte eine göttliche Stimme, daß der Herr sprach: Ich bin eine Speise der Großmüthigen im Glauben. Willst du mich empfangen, so mußt du in mich verwandelt werden.

Hierauf geht eine Erklärung des Papstes Innocenz, seines Namens des Vierten: Der Priester nimmt täglich in der heiligen Messe viel Weines und wenig Wassers. Seht, wie die Tropfen des Wassers verschwinden in dem Wein, daß man ihrer weder wenig noch viel schmeckt; also muß der Mensch verwandelt werden, der das himmlische Brod empfangen will.

[32] Christus hatte nun seinen heiligen Leichnam und sein theures Blut seinen Jüngern, dem Judas sowohl, als den Andern gegeben; dennoch mochte er ihn nicht mit seiner süßen Lehre, noch mit seiner Demüthigkeit belehren. Darum ward der Herr schwer betrübt und klagte seinen Jüngern und sprach zu ihnen: „Ich sage euch wahrlich, es ist Einer unter euch, der des Menschen Sohn verrathen hat zum Tode, daß geschieht, wie von ihm geschrieben steht. Wehe aber Dem, der des Menschen Kind verrathen hat; es wäre ihm besser, daß er nie geboren wäre.“

Dieser Rede erschracken die Jünger und sahe der Eine den Andern an. Da dieß der Herr merkte, so sagte er: „Welcher mit mir in die Schüssel greift, der ist’s, der mich verrathen hat.“ Da winkte Petrus dem Johannes, daß er den Herrn heimlich fragen sollte, wer dieser wäre. Da fragte Johannes den Herrn heimlich und sprach: „Herr, wer ist’s, der dich verrathen hat?“ Der Herr antwortete ihm und sprach: „Wem ich das eingetunkte Brod gebe, der ist’s.“ Und er nahm ein Brod, tunkte es ein und gab es dem Judas und sprach: „Was du thun willst, das thue bald.“ An diesen Worten vernahm Judas, daß der Herr seine Verrätherei wußte, und er besorgte, daß er ihn offenbaren würde, und wurde böser denn zuvor. Und als ihm der Herr das Brod gab, da fuhr der Teufel in ihn. Und Judas [33] lief von dem Tisch; aber die Jünger meinten, er ginge in einem Geschäfte, denn er war Schaffner.

Als nun Judas fortgegangen war, da hub Christus der Herr an und lehrte eine lange Predigt von seiner heiligen Gottheit und Menschheit und von seiner Zukunft.

Als er dann diese Lehre vollbracht hatte und es schon Nacht war, stand er vom Tische auf und kniete auf seine heiligen Knie nieder auf die Erde und neigte sein Haupt vor Gott dem Vater; und hob auf zu ihm seine Augen und heiligen Hände und betete laut, daß ihn die Jünger alle hörten. Und allererst bat er den Vater um die Klarheit seines Leibs und seiner Seele und um das ewige Leben ihm und allen seinen Jüngern und allen Denen, die durch ihre Lehre zu christlichem Glauben kommen, daß Alle Ein Ding mit dem Vater würden, wie er Eins mit ihm ist.

Petrus Damianus schreibt, daß unser Herr dreimal mit besonderer Kraft für seine Jünger und die, welche nach ihnen zu christlichem Glauben kommen, gebetet habe; das erste Mal nach der Taufe, als er getauft wurde von Johannes, wo er in den Jordan gegangen war, da kniete der Herr nieder in den Sand und bat den Vater, daß er den heiligen Geist Allen gebe, die in den drei Personen getauft würden.

Zum andern Mal kniete er auf dem Berg Thabor und bat den Vater um göttliche Klarheit [34] für seine Jünger und auch für Alle, die zu christlichem Glauben kämen.

Zum dritten Mal kniete er auf einen hohen Berg in Galiläa, wo er die Jünger die acht Seligkeiten lehrte, und bat den Vater, daß er ihnen den heiligen Geist gebe, auf daß sie diese Wahrheiten behalten könnten. Dieweil der Herr also betete, da war er in so großer Andacht gar sehr entzündet, daß der Berg unter ihm erbebte. Darnach lehrte er sie die acht Seligkeiten ordentlich nach einander.

Christus bat, wie die Lehrer sagen, nicht bloß um seine Jünger, sondern er bat auch um sich selber, daß ihn der Vater klärte mit der Klarheit, die er bei ihm hatte, ehe daß der Himmel und die Erde war.

[35]
V.
Christus am Oelberg.

Christus der Herr ging mit seinen lieben Jüngern aus dem Hause, darin er das heilige Abendmahl gehalten, über einen kleinen Bach, der Cedron hieß. Und von großer Noth und Sorge, die er auf die Nacht hatte, gedachte er, wie er so mit großer, bitterer Noth hernieder jämmerlich sollte geführt und gezogen werden. Da dürstete ihn sehr, denn seine Kehle und heilige Brust war ihm dürr und brennend, und er trank aus dem Bache, wie David im Psalter gesprochen hat: Von dem Bache hat er am Wege getrunken. Als er dann sein Gratias gesprochen, ging er mit den eilf Jüngern in den Garten, der unten an dem Oelberge war.

Des Ganges Christi ist ein Vorbild gewesen an Adam, wie der heilige Lehrer Ambrosius spricht:

Adam ward aus Erdreich gemacht und von Gott in das Paradieß geführt; Christus wurde von dem reinen Leichnam Mariä der Jungfrau geschöpft, und von dem heiligen Geist in denselbigen Garten geführt.

In dem Garten fingen die bösen Geister den ersten sündigen Menschen; in dem Garten sollte [36] gefangen werden der andere Mensch, der unschuldige, von dem der erste Mensch abfiel in den ewigen Tod.

Des ersten Menschen Schuld hub an in dem Garten, so hub das Leid des andern Menschen in dem Garten an.

Wo der böse Feind suchte, fand und betrog den ersten Menschen, da suchte der Herr hinwieder diesen ersten Menschen und überwand den bösen Feind.

Hier spricht der heilige Lehrer Augustinus, daß große Sachen darin liegen, warum der Herr in den Garten ging.

In dem Garten sind mancherlei Blumen, in Christo mancherlei Tugenden.

In dem Garten ist mancherlei Samen, in Christo mancherlei entfließende Gnade.

In dem Garten ist manch blühend Reis, in Christo das Leben der Menschen.

In dem Garten sind Bäume, die oben in den Kronen gar schön und in der Wurzel ungestalt sind; in Christo ist oben die lichte Krone der Gottheit, aber nach der Menschheit hin ist er in der Zeit der Marter eine aussätzige Gestalt.

Niemand verschmäht die süße Frucht der Bäume, weil die Wurzel ungestalt ist. Willst du oben die Frucht haben, so mache dich gleich der Wurzel; [37] freuen dich die Früchte, ei so freu’ und luste dich auch an der Wurzel.

Die Menschheit unsers Herrn ist uns ein Werk seiner Gottheit. Willst du dich zu der Krone schicken, daß dir die Frucht werde, so siehe an die Wurzel. Sie ist nicht schön, sie ist alltäglich gestaltet, sie ist verworfen, sie ist tief in der Erde, sie ist unter den Füßen der Leute, sie trägt schwer und erfreut sich doch reicher Früchte.

Siehe, so mußt du in die Marter deines Herrn eingehen; mußt ablassen von aller Hoffart menschlicher Gestalt und Schöne; mußt in den täglichen Werken treu und fromm dich halten; mußt Verworfenheit willig tragen vom Angesicht der Menschen, wenn der Herr dich in seine Einsamkeit beruft; mußt in den tiefen Grund aller Demüthigkeit hinabsteigen, und wenn sie dich verfolgen, mußt du dich willig zertreten lassen unter ihren Füßen. Aber reicher Frucht erfreue dich, geliebte Seele, wenn das Kreuz gar schwer auf dich drücken mag! –

Als nun der Herr seine lieben Jünger in dem Garten lassen wollte und zu ihnen sprach: Wohin ich gehe, dahin könnet ihr nicht gehen, aber ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander lieb habt, wie ich euch lieb gehabt habe; da sprach Petrus:

„Wo gehest du hin, daß ich dir nicht folgen kann? Nun setze ich doch meine Seele für dich.“

[38] Da sprach Jesus:

„Du wirst wohl deine Seele für mich setzen, aber ich sage euch, daß ihr Alle in dieser Nacht an mir werdet geärgert werden, denn es steht von mir geschrieben: Ich werde den Hirten schlagen und die Schafe der Heerde werden zerstreut. Wenn ich aber wieder erstehe, werde ich euch vorgehen nach Galiläa.“

Da antwortete ihm Petrus und sprach:

„Und ist es, daß sie Alle an dir geärgert werden, ich werde nimmer geärgert, denn ich bin bereit, mit dir bis in den Tod zu gehen.“

Da antwortete ihm Jesus und sprach: „Fürwahr, fürwahr sage ich dir, ehe daß der Hahn krähet, so hast du mich dreimal verläugnet.“

Aber Petrus sprach:

„Ja und muß ich mit dir sterben, ich verläugne dich nicht.“

Und so sprachen auch die anderen Jünger. Da sprach Jesus:

„Eure Herzen sollen nicht betrübt werden, noch sich fürchten. Glaubet ihr in Gott, so glaubet in mich. In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen, und wäre es anders, so hätte ich es euch gesagt. Ich gehe, euch den Weg zu bereiten. Wo ich bin, da sollet auch ihr sein. Habet ihr mich lieb, so haltet meine Gebote. Und ich werde den Vater bitten, daß er euch einen andern Tröster sende, [39] den Geist der Wahrheit. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen.“

Hier spricht St. Bernhard: O du süßer Tröster Jesu! Wie gar süß hast du sie getröstet und doch wie gar nahe ist ihnen die Trübsal gegangen! Sie hätten gerne gelassen den Vater und den Geist, sollten sie nur allein dich haben, daß du bei ihnen geblieben wärest. Wenn sie nur deine heilige Menschheit ansahen, so hatten sie, was sie begehrt, und wenn sie dich nur reden hörten, so waren sie ganz getröstet. Dein lieblicher Umgang gab ihnen herzliche Freude! –

Der Herr sprach nun zu ihnen: „Bleibet hier und wartet, bis ich gehe zu beten. Ihr sollet auch beten, daß ihr in der Versuchung nicht verlassen werdet.“

Nun nahm der Herr mit sich Petrus, Johannes und Jakobus, und führte sie von den andern acht Jüngern weg. Und der Herr stand vor ihnen und erzitterte an allen seinen Gliedern und sprach zu ihnen:

„Meine allerliebsten Freunde, seid stark und tröstet euch selbst, denn mein Geist ist betrübt bis in den Tod.“

Von der Rede des Herrn erschracken die drei Jünger, daß sie standen und erstummten und nicht wußten, was sie ihm antworten sollten. Und sie weinten bitterlich.

[40] Da sprach der Herr: „Wartet meiner, ich will beten gehen.“

Und er ging von ihnen so ferne, als man mit einem Steine werfen mag, und fiel da nieder kreuzling auf die Erde vor dem Vater und stand dann wieder auf und kniete auf seine heiligen, bloßen Knie mit aufgereckten Händen und rief den Vater in so großer Andacht an, daß er all’ erzitterte.

St. Bernhard spricht: In diesem Beten gedachte der Herr seiner Marter und seines künftigen Todes, daß er Blutstropfen schwitzte. So groß, meint der heilige Lehrer, und so mannigfaltig sei des Herrn Schweiß gewesen, daß er das Erdreich und alle seine Kleider feuchtete und naß machte, als ob sie mit einem Regen begossen wären. Es war an dem Herrn, als wie wenn nicht bloß seine Augen, sondern alle seine heiligen Glieder geweint hätten blutige Zäher, damit alle Glieder seiner Kirche rein zu waschen.

Die jämmerliche Geberde, die unmäßige Angst, die klägliche Noth des gesegneten Sohnes erbarmte den Vater in dem Himmel, und er sandte ihm einen Engel, der ihn tröstete.

Merke auf den blutigen Schweiß, wie viel sein gewesen ist, daß er durch das Kleid schlug und das Erdreich feuchtete. Merke auch, wie schmerzlich er gewesen ist, da er blutfarben herausquoll. Merke auch, mit welchem Jammer der Schweiß [41] rann, denn der Herr erzitterte am ganzen Leibe. Und merke auch, andächtige Seele, wie gar in großen Nöthen der Herr den blutigen Schweiß schwitzte, da diese Angst und Noth den Vater im Himmel erbarmet hat!

Hier spricht St. Bernhardus: O Herr, von wannen kam dir also große Trübsal und Traurigkeit; von wannen kam dir so große Angst, von wannen die große Noth? Du wärest doch lange gerne Gott dem Vater geopfert worden und hast auch nicht wider deinen Willen das Leiden an dich genommen. Sicherlich, Herr, erkenne ich, daß die Noth und der blutige Schweiß und die schwere Krankheit durch unsern Willen gekommen ist, um dessentwillen, daß du uns mit deiner großen Liebe reizest, zu dir zu eilen! –

Als nun der Herr Christus sein Gebet vollbracht hatte, stand er auf und ging zu seinen Jüngern und fand sie schlafend vor Traurigkeit. Da sprach er:

„Simon Petrus, schläfst du? Mochtest du nicht eine kleine Weile mit mir wachen? Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung fallet.“

Und er ging zum andern Male und betete und sprach:

„Herr, mein Gott, erhöre mich nach der Menge deiner großen Barmherzigkeit! Siehe mich an und kehre dein Antlitz nicht von deinem Sohne und [42] erhöre mich bald, denn ich bin in großen Nöthen. Siehe an meine Seele und erlöse sie und von meinen Leiden erledige mich!

Darnach sprach er:

„Mein Vater, dir sind alle Dinge möglich zu thun! Mag es sein, so nimm von mir den Kelch der Marter! Doch nicht mein Wille, sondern der Deine geschehe!“

Darnach stand der Herr wieder auf und ging zu seinen Jüngern und fand sie abermals schlafend. Da ging er zum dritten Mal von ihnen an sein Gebet und sprach die oben genannten Worte, und als er wieder zu seinen Jüngern kam, sprach er:

„Schlafet jetzt und ruhet!“

Das dreifältige Gebet unseres lieben Herrn Jesu Christi hat viele Vorbilder im alten Bunde.

Abraham bat um die Gerechten und Ungerechten. Moses bat um die Kinder Israels. Aaron bat um die Todten. Josua bat Gott um die Gerechtigkeit. David nahm an sich priesterliches Gewand und bat darin, und Gott rieth ihm, was er thun sollte.

Hier setzt Gregorius drei Sachen, darum der Herr gebetet, da er doch alle Dinge voraus wußte.

Die erste darum, daß jeder Mensch, wie gut und gerecht er ist, von Natur den Tod flieht. Christus gab damit zu erkennen, daß er nicht nur wahrer Gott, sondern auch wahrer Mensch war.

[43] Die andere Sache ist, daß der Mensch in allen seinen Anliegen zu Gott seine Zuflucht haben soll.

Die dritte Sache ist, er betete zu einem Zeichen, daß auch wir nimmer vom Gebet ablassen sollen. Der Mensch, der sein Leben in rechter Hut hat, betet allzeit, wie der, dessen Herz heimlich bekümmert ist mit göttlichen Dingen und der da Reu und Leid um seine Sünden hat.

[44]
VI.
Der Heiland wird gefangen genommen.

Der Verräther Judas ging zu den Fürsten der Juden und nahm viel Volks zu sich mit Laternen, Fackeln, Lanzen, Schwertern, Stangen, Kolben und andern grauslichen Waffen, und ging in das Haus, darin Christus sein heiliges Abendmahl gehalten hatte. Und da er ihn daselbst nicht fand, so drang er mit dem Volk in den Garten. Als nun der Herr Christus die Lichter von ferne sah, weckte er seine Jünger, die er gar lieblich gehütet hatte, und wie eine Henne um ihre Jungen um sie gegangen war, dieweil sie schliefen, und sprach zu ihnen:

„Stehet auf und sehet, der mich verrathen hat, der kommt.“

Von den Worten erschracken die lieben Jünger und fuhren auf; und der Herr sprach:

„Gehen wir ihnen entgegen!“

Hier spricht der liebe heilige Bernhard, daß der Herr, als er seinen Feinden entgegen ging, so gar wenig Kräfte in seinem heiligen Leibe hatte, daß er gestaltet war, als ob er halb todt wäre. Als er aber zu der Schaar der Juden kam und sprach: [45] Wen suchet ihr? und sie sprachen: Wir suchen Jesum von Nazareth, und der Herr ihnen die Antwort gab: Ich bin es! – und sie Alle hinter sich auf die Erde fielen und Judas mit ihnen; da erzeigte der Herr in diesen Worten: „Ich bin es“ die Gewalt seiner Gottheit, denn allein durch die Kraft seiner Worte war die ganze Schaar der ungetreuen Juden niedergeworfen, als ob sie ein Donnerschlag getroffen hätte.

Hier mag man mit dem heil. Augustin betrachten, wie die einzige Stimme Christi eine starke, gewappnete und erschreckliche Schaar ohne alle Wehr, mit der Kraft seiner verborgenen Gottheit niedergeworfen hat. Was wird er dann thun, wenn Er richten wird, wenn er Das gethan, da man ihn richten wollte! Was wird er vermögen, wenn Er regieren wird, da er das vermochte, als er sterben sollte!

Die Lehrer sprechen, daß diese Worte auch darum so kräftig waren, ob Judas und auch die Juden von der erschrecklichen Gotteskraft nicht noch zur Bekehrung erschreckt würden. Aber die blinden und harten Juden nahmen dennoch der göttlichen Gewalt nicht wahr, sondern sie blieben stetig in ihrer Bosheit.

Als der Herr sie wieder aufstehen ließ, sprach er abermals zu ihnen, sanftmüthig: „Wen suchet ihr?“ Sie sprachen: „Jesum von Nazareth.“ Der Herr antwortet ihnen gütig: „Ich hab’ es euch doch zuvor schon gesagt, daß ich es bin. Und ist es, daß [46] ihr mich suchet, so laßt diese geh’n.“ Damit meinte er seine lieben Jünger.

Darnach sprach der Herr Christus zu den Dienern der obersten Priester und Gleißner und der Aeltesten des Volkes:

„Ihr seid ausgezogen, mich zu fangen, wie zu einem Mörder mit Schwertern und Kolben; und da ich doch täglich im Tempel lehrte, da hieltet ihr mich nicht. Aber das ist Alles geschehen, damit erfüllt würde die Schrift der Weissagung. Und Das ist eure Zeit, denn ihr seid Söhne der Finsterniß; darum seid ihr in der Nacht gekommen.“

Und der allmächtige Herr und König Himmels und der Erde gab als Menschensohn den ungetreuen Juden Gewalt über sich.

Nun drang Judas recht aus dem Volke hervor, als ob er erst aus der Stadt käme, und eilte zu dem Herrn und sprach zu ihm:

„Gegrüßet seist du Meister“ und küßte ihn.

Der heil. Augustinus spricht, der Herr habe die Sitte gehabt, seine Jünger mit einem Kusse zu empfangen. Da Judas gegen den Herrn ging, sprach der Herr zu ihm: „Freund, wozu bist du gekommen?“ Und da ihn Judas küssen wollte, da neigte er sich lieblich zu seinem Verräther und sprach zu ihm: „Judas! mit einem Kuß verräthst du des Menschen Kind in den Tod.“

[47] Hier spricht der heil. Bernhard: Der Herr hat uns hier Allen ein Beispiel gegeben, daß wir allen unsern Feinden mit Willen gütig vergeben und freundlich mit ihnen sprechen sollen. Denn das gehört zu einem vernünftigen Leben, daß der Mensch alles Das thue, was er mit Recht thun soll.

Und wer seinem Feind nicht vergeben will, der empfängt, wie der heil. Bernhard lehrt, vier große Schandmale. Zum Ersten fällt der Mensch aus allen den Gnaden, die uns das Leiden Christi verdient hat, denn er fällt in Todsünde. Zum Andern, so werden ihm seine Sünden nicht vergeben. Zum Dritten, so wachen alle Sünden wieder auf, die er je gethan hat; und zum Vierten, so helfen diesem Menschen in dieser Zeit, da er Feindschaft hält, alle seine guten Werke nichts zum ewigen Leben, sondern die Hölle ist ihm offen durch seine Hoffart, in welcher er nicht verzeihen will.

Siehe, der Herr des Himmelreichs und Erdreichs nahm seinen Todfeind und ließ sich von ihm küssen.

Als Judas seinen Herrn geküßt hatte, schrie er die Juden an mit lauter Stimme: „Nehmet und greifet den Menschen und haltet ihn fest und führet ihn sicher.“ – Da liefen die Juden alle herzu und fingen Jesum. Sie legten ihm, wie etliche Lehrer meinen, einen Strick um den Hals, wie auch Samson vorbildlich gebunden ward mit Stricken und einer Kette.

[48] Einer von Denen, die mit Jesu waren, streckte seine Hand aus und zog das Schwert und schlug dem Malchus, welcher ein Knecht des Hohenpriesters war, das Ohr ab. Aber Jesus nahm das Ohr und berührte den Geschlagenen, daß er zuhand gesund ward. Und zu Petrus sprach der Herr: „Stoß dein Schwert in die Scheide, denn die mit dem Schwert fechten, verderben durch das Schwert. Weißt du nicht, daß ich meinen Vater erbitten könnte, daß er mir mehr denn zwölf Schaaren der Engel sende? Wie würde dann die Schrift erfüllt? Denn also muß es geschehen.“

Hier spricht der heil. Bernhard und St. Chrysostomus: Sobald der Herr gefangen ward, da flohen von ihm seine Jünger. Aber die frechen Juden, die grimmigen, und das böse Volk, banden ihn mit Stricken.

Derjenige, der den ersten Menschen um der Sünde willen gefangen legte, den zogen nun alle diese sündigen Juden, etliche bei den Armen, etliche bei dem Rock, etliche bei dem Strick, mit dem er gebunden war. Etliche schlugen ihn auf seine heilige Brust, Andere in sein edles Angesicht, Andere schlugen mit Prügeln auf das ehrwürdige Haupt. Und der Herr war also müd, daß er sich nicht helfen konnte. Da zerrten und stießen sie ihn hin und her. Oft ließen sie ihn fallen auf die Erde, und traten ihn mit Füßen, dann rissen sie ihn wieder auf [49] mit Raufen und Schlagen; sie spieen ihm in sein zartes Angesicht, sie rissen und rauften ihn beim Bart, und thaten ihm alle Marter an, die ein boshaftes Herz erfinden mochte.

In einer der Gassen war eine Grube, darin der Unrath geschüttet wurde. Auch in diese stießen sie den würdigen Herrn, daß sein inniglicher Anblick, seine Hände und Füße und all’ sein Gewand mit Koth übergossen ward.

Da nun die Gleißner und Schriftgelehrten inne wurden und sahen, daß der Herr Christus gefangen war, da wurden sie fast froh, und liefen Alle aus den Häusern, und ein Jeglicher wollte den Andern in besonderer Schande und Schwach überbieten.

Und wie sie ihn so jämmerlich aus dem Garten führten, dieweil weinte und betete der Herr über die Härtigkeit der Juden.

[50]
VII.
Jesus vor Annas.

Als der Herr Christus mit solchem Jammer in das Haus des Annas gebracht wurde, war es in der vierten Stunde der Nacht. Sie stellten ihn vor Annas, und dieser fragte den Herrn dreierlei Sachen: Das Erste, was er lehre, zum Andern, wer ihm die Gewalt gegeben, das Volk zu lehren, zum Dritten, warum er die Jünger gesammelt habe.

Auf das Erste antwortete der Herr und sprach: „Ich habe alle Tage öffentlich im Tempel gelehrt und nicht heimlich. Warum fragest du mich, frage Die, welche meine Lehre gehört haben, diese werden es dir wohl sagen, was ich gelehrt habe.“

Da Jesus der Herr also antwortete, da stand ein Knecht auf und schlug Jesu schwer an die Wange, daß der Herr zur Erde fiel. Und der Knecht rief:

„Antwortest du so dem Hohenpriester?“ Aber der Herr sah ihn sanftmüthig an und sprach milde zu ihm:

„Habe ich übel geredet, so gib Zeugniß von dem Uebel; habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich dann?“

[51] Hier wollen etliche Lehrer meinen, der Knecht, der Jesum an seine würdige Wange schlug, habe einen Blechhandschuh gehabt, dadurch das heilige Angesicht Christi verwundet wurde.

Darnach gab Annas Jesum in die Hände der Juden und sprach zu ihnen: „Hütet sein wohl in der Nacht.“

Die Knechte nahmen nun Jesum und verbanden ihm seine Augen mit einem stinkenden, unsaubern Tuch und banden seine heiligen Hände auf den Rücken, und Einer schlug ihn, der Andere raufte ihn bei seinem Bart, daß er oft mit Jammer und Schmerzen niederfiel auf die Erde. Dann liefen sie all’ hinzu und halfen ihm wieder auf mit Raufen und mit Schlagen.

Und das trieben sie so mit dem Herrn bis auf Mitternacht.

Darnach nahmen sie Jesum und setzten ihn auf einen Stuhl und knieten vor ihm nieder und spieen ihm unter seinen zarten Anblick und schlugen ihn auf sein heiliges Haupt und sprachen: „Weissage uns, wer hat dich geschlagen?“

Hier spricht Johannes Damascenus, der würdige Lehrer:

An dieser Stätte ward Alles verschmäht, was an Christus war.

Sie verschmähten seine heilige Gottheit, da sie ihn hießen weissagen.

[52] Sie verschmähten seine göttliche Allmächtigkeit, da sie ihn so jämmerlich schlugen.

Sie verschmähten seine heilige Seele mit ihren Schandworten.

Sie verschmähten seinen heiligen und würdigen Leib mit ihrem unbarmherzigen Schlagen. –

So zerrten sie den Herrn durch die Stunden der Nacht hin bis es gegen den Tag ging, da sie ihn zu Kaiphas führten.

[53]
VIII.
Jesus vor Kaiphas.

Als die Aeltesten des Volkes und die Gelehrten des Tempels versammelt waren, führten sie den Herrn gebunden in das Haus des Kaiphas.

Hierher folgte ihm Petrus nach von Ferne bis in das Haus, und er ging mit den Dienern hinein, daß er das Ende sähe.

Merke wohl, der heil. Petrus folgte von Ferne. Es war ihm der kühne Muth schon entfallen; schüchtern blieb er in der Ferne. So wirst auch du, christliche Seele, wie der heil. Petrus fallen, wenn du deinem Herrn nur von Ferne nachfolgst, wenn du schüchtern wirst und sehen willst, was es für ein Ende mit ihm haben werde. Muthig und entschlossen mußt du dich an deinen Herrn herandrängen, keine Gefahr fürchten. Den muthigen und entschlossenen Christen fürchtet der Teufel, und die Versuchung hast du schon überwunden, wenn du ihr entschlossen entgegentrittst.

Merke auch darauf, daß Petrus mit dem Schwall der Diener und des Volkes in das Haus hineinkam. Das war keine Gesellschaft für den Jünger des [54] allmächtigen Herrn. Wer mit der Welt schwimmen will, wird in den Fluthen des Verderbens seinen Untergang finden.

Da die schändlichen Juden unsern heiligen Herrn vor Kaiphas brachten, hieß dieser sie sagen und angeben, was Böses sie von ihm wüßten.

Die falschen Zeugen sagten auf ihn, daß er ein Zauberer wäre. Das wollten sie damit bewähren, daß er Viele gesund gemacht habe. Auch zeihten sie ihn, er wäre ein Ehebrecher, weil er die Ehebrecherin im Tempel erlöst habe, denn sie sagten, wäre er nicht ein Ehebrecher, er würde nicht solchen Leuten helfen. Sie zeihten ihn auch, er wäre ein Schalk, darum, daß ihm Maria Magdalena und andere heilige Frauen nachzogen. Sie sprachen auch, er wäre ein Heide und mit dem bösen Geist behaftet. Sie hießen ihn auch einen Lügner und falschen Propheten, einen Zerstörer ihrer Gesetze, der wider Gott, wider Moses, wider den Tempel und ihre Rechte wäre.

Als Kaiphas diese und andere Rede hörte, da sprach er zu Jesu:

„Antwortest du nichts wider Das, so sie dich beschuldigen?“

Jesus schwieg.

Da stand Kaiphas auf und sprach:

„Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du mir sagest, ob du Christus bist, der Sohn des lebendigen Gottes.“

[55] Er antwortete ihm und sprach:

„Ich bin es.“

Da zerriß Kaiphas sein Gewand und sprach:

„Was bedürfen wir mehr Zeugniß? Nun höret ihr aus seinem Munde wohl, daß er Gottes Sohn sei.“

Da schrieen sie mit lauter Stimme:

„Er ist des Todes schuldig.“

Da nahmen die Diener der Fürsten Jesum und verspieen und verunreinigten ihn also sehr, daß Christus davon jämmerliche Marter litt und man ihn fast nicht mehr erkennen mochte.

[56]
IX.
Von Petrus Verrath.

Petrus stand mit den Dienern beim Feuer. Da ersah ihn eine Magd, sie ging zu ihm und sprach:

„Du warest auch bei Jesus von Galiläa.“ Da läugnete er es vor Allen und sprach:

„Ich weiß nicht, was du sagst.“

Und als er zur Thüre hinausging, sah ihn eine andere Magd und sprach zu Denen, die da waren:

„Dieser war auch mit Jesus von Nazareth.“ Da läugnete er abermals mit einem Eide, er habe den Menschen nie erkannt.

Und darnach gingen die, so da waren, zu ihm hin und sprachen:

„Wahrlich du bist auch von ihnen Einer, denn deine Sprache verräth dich.“

Und Petrus der Jünger begehrte einen Eid zu schwören, daß er den Menschen nie erkannt noch gesehen habe.

Und alsbald krähte der Hahn.

Da gedachte Petrus an die Worte seines lieben Herrn und er ging hinaus und weinte bitterlich sehr.

[57]
X.
Johannes und die heilige Mutter.

Auch Johannes war in dem Hause des Kaiphas gewesen, und er ging weg, als man früh Morgens die Thore der Stadt öffnete und kam zu Maria der Mutter Gottes und sprach mit großem Weinen zu ihr:

„O meine Fraue und all’ meine Freude, was thust du, oder was gedenkst du, oder was gibt dir der heilige Geist, dessen du voll bist, zu verstehen von den Dingen, die da mit deinem lieben Sohne geschehen sind? O wie gar böse Märe habe ich dir zu verkünden! Aber mich zwingt die Noth und deine Liebe und die Liebe meines Herrn und Meisters.“

Da erschrack sie inniglich sehr, daß sie nicht bald Antwort zu geben vermochte. Doch fand sie mit großem Seufzen diese Worte und sprach zu ihm:

„Was hast du mir zu sagen? Warum weinst du so bitterlich?“

Johannes sprach:

„O meine süßeste Fraue! Die Sache ist groß, der Schmerz noch größer, und die Trübsal wird dir die allergrößte sein.“

[58] Maria sprach:

„Sag’ es mir, mein Allerliebster, und verziehe es nicht länger.“

Johannes sprach:

„O du meine allersüßeste Fraue, sobald ich dir gesagt habe, was geschehen ist, so wirst du die allerleidigste und aller Schmerzen und der Bitterkeit voll sein! Komme bald zu meinem Herrn, deinem allerliebsten Sohne, den die Juden gefangen haben und trachten, wie sie ihn tödten. Nimm wahr, Judas Iskarioth, Einer aus den Zwölfen, hat ihn seinen Feinden um dreißig Silberlinge verrathen; er kam mit der Menge der Gewaffneten und hat ihn böslich in die Hände seiner Feinde verrathen. Komme bald, ob du ihn noch lebendig findest!“

Als Maria diese Worte hörte, fiel sie auf die Erde nieder, und das Schwert Simeonis, dessen sie viel Jahre gewartet, empfing sie mit gar viel Schmerzen und Bitterkeit.

Da ward sie von Johannes und den heiligen Frauen aufgehoben, sie schlugen einen Mantel um sie und führten sie gen Jerusalem zu ihrem allersüßesten Sohne.

Sie weinte unaufhörlich durch die Straßen der Stadt und jammerte sprechend:

„Wehe! wehe! mein allersüßester Sohn, wo werde ich dich finden! Warum haben sie dich mir genommen, mein allerliebster Sohn!“

[59] Als sie zu dem Hause des Kaiphas gekommen waren, o wie gar gerne hätte sie ihn gesehen und mit ihm geredet. Aber Beides war ihr verwehrt, denn sie fanden das Haus verschlossen aus Furcht vor dem gemeinen Volke, das den Herrn gar lieb hatte und an ihn glaubte.

So mußte die Mutter Gottes, die Königin der Welt, vor dem Hause stehen, und es war ihr nicht vergönnt, zu ihrem göttlichen Kinde zu kommen.

Nun war es in der ganzen Stadt bekannt geworden, daß Jesus gefangen genommen sei, und es liefen die heiligen Frauen, die dem Herrn nachgefolgt waren, im größten Jammer herbei und umringten die schmerzhafte Mutter. Und es liefen auch viele gewappnete Juden herbei, all’ grimmig wüthend gleich den Wölfen gegen das sanftmüthige Lamm, das der Welt Sünden trägt.

Davon ward der Jammer der heiligen Mutter Gottes mannigfaltig gemehrt und sie mochte wohl, die allertraurigste Mutter, nicht unbillig den seligen Johannes fragen:

„Lieber Freund Johannes: Wer ist bei ihm? Wo ist Petrus und die anderen Jünger!“

Da antwortet ihr Johannes:

„O meine allerliebste Frau, du sollst mich nicht fragen; denn ich habe dir nichts zu sagen, das dir einige Tröstung bringen möchte, sondern allein das dir Schmerz bringt und dein Leid größert und mehrt. [60] Habe ich dir nicht gesagt, daß ihn Judas verrathen habe? nun hat Petrus seinen Meister in dieser Nacht dreimal verleugnet, daß er ihn nie gekannt habe und überdas sind die andern Jünger alle von ihm geflohen vor großer Furcht wegen der Juden, und er ist allein unter seinen gräulichen Feinden.“

Da Maria das gehört, da sind alle ihre Glieder erzittert und sie mochte sprechen:

„Ach wehe, wehe, mein allerliebster Sohn! wie viel Uebles ist so gar bald auf dich gefallen, so gar übel haben deine Jünger an dir gethan, die du dir sonderlich aus allen Menschen der Welt erwähltest und zu deiner Heimlichkeit gelassen; denen du viele andere Gutthat erwiesen hast! was thun dann deine grimmigen Feinde, die dich allweg gehaßt und alle deine Worte und Werke böslich ausgelegt haben?“

„O du mein allerliebster Sohn, in dir habe ich Alles Das gehabt, dessen meine Seele begehrt hat! Nun bitte ich dich, daß du von mir meine Seele nehmest, daß ich nicht gezwungen werde, deine unmäßige Marter zu schauen.“

Nun that man bald die Pforten des Hauses auf und sie führten den Herrn Jesus mit auf seinen Rücken gebundenen Händen gleich einem Dieb und todteswürdigen Mörder heraus. Er ging in der Mitte der Gewaffneten; denn diese waren aufgeboten aus Furcht vor dem gemeinen Volk, welches die obersten Priester mehr fürchteten, als den [61] allmächtigen Sohn Gottes, den sie gebunden und gefangen führten.

Hier merk’, ob Christus seine allerbetrübteste Mutter, die er dastehen gewußt hat, in so großem Schmerz wohl angesehen oder mit ihr geredet habe. Ich schätze wahrlich, daß er sie nicht angesehen; nimm’ wahr, er hat ihr sein von dem Anspeien der Juden also verunstaltetes Angesicht nicht zeigen wollen, daß er ihren Schmerz nicht mehrte; drum es zu glauben, daß er sein Angesicht von ihr zur andern Seite abgekehrt habe, und das ist sicherlich nicht ohne großen Schmerzen für ihn geschehen.

[62]
XI.
Der Herr vor Pilatus, wo ihn seine heilige Mutter in Trauern sieht.

Sie brachten Jesum zu Pilatus.

Der war nun der dritte Richter und bei ihm die vierte Stätte, da Jesus leiden wollte.

Als die Juden Jesum vor das Haus Pilati brachten, da sandten sie zu ihm und ließen ihn bitten, daß er zu ihnen vor das Haus käme und den Gefangenen abnehmen sollte. Da kam Pilatus unter seine Hausthüre gegangen und sprach: „Was gebt ihr diesen Menschen schuldig?“ Da sprachen die Juden: „wäre er nicht ein Uebelthäter, wir hätten ihn dir nicht hergebracht.“

Hier spricht Josephus der jüdische Lehrer: wen sie fingen und tödten wollten, denselben banden sie an eine eiserne Kette und führten ihn so zu Pilatus; und das war dann ein Zeichen, daß derselbige des Todes würdig war und daß man ihnen ohne alle Klage glauben sollte. Aber das wollte Pilatus hier nicht thun; denn er wußte wohl, daß sie ihn aus rechtem Neid tödten wollten: Darum sprach er:

Welche Klage habt ihr wider diesen Menschen? Da antworteten sie ihm und sprachen:

[63] Er hat alles Volk von Galiläa bis hieher verkehrt; er hat verboten, dem Kaiser den Zins zu geben und hat sich genannt Christum und einen König der Juden. –

Hier spricht der h. Augustinus, daß der Herr unter den Richter großes Leiden empfing; es wurde ihm härtiglich geantwortet, er war jämmerlich gebunden, fälschlich angeklagt.

Und der ward den Richtern übergeben, der selber das Recht und der Richter ist.

Der stand gebunden, der alle Dinge frei geschaffen hat.

Der ward fälschlich angeklagt, der selber richten und vergeben sollte.

Zu dieser Zeit, da der Herr Christus vor Pilatus Haus stand und eine große Menge des Volkes bei ihm, da kam gegangen Maria die Jungfrau, die Mutter des Herrn, und vergebens und von ferne sah sie ihren allerliebsten Sohn und Herrn gebunden bei Pilatus stehen. Da sprach sie zu Maria Magdalena: „Schau dort stehet mein Herr und mein Sohn, Gott und Mensch, und ist gebunden vor einem bösen Menschen, vor einem Heiden und vor einem Tödter der Menschen.“

Hier spricht ein Lehrer: O wie gar jämmerlich und kläglich ist das zu betrachten einer andächtigen Seele, da Maria hat angesehen ihren lieben Sohn. Wie gar hart und schwere Pein hat sie verschlossen [64] gehabt in ihrem Herzen und in ihrer Seele. Da mochte sie still und heimlich sprechen: „O mein Trost und mein Liebhaber, wie kläglich bist du heute erzogen, wie mit großem Streite kommst du heute wider die Ungläubigen, wider die Hölle und wider die Teufel! wie elendiglich und arm du dich heute erzeigest und doch bist du das höchste Gut, die höchste Ehre und die allerhöchste Weisheit. O seliger treuer Liebhaber deiner Schäflein! Wie siehest du sie heute in Elend, in Marter, in Pein und in Verschmähung. Du siehest heute wieder zurück auf den Fall der Engel und den Zorn deines Vaters. Du siehest heute manchen großen Sünder, der da über viele Jahre künftig sein wird, dessen Krankheit dir heute zu Herzen geht; o selige Hoffnung menschlichen Trostes! Wer will sich scheiden von deiner Verschmähung, wer will nicht Mitleid haben mit deiner Marter, seit du heute so treu arbeitest für alle Menschen, und bist doch der Verschmähteste und eine Scheuche aller lebendigen Augen!“ – Dieser selige Lehrer spricht nun zu der Person der Jungfrau:

O selige Mutter meines Gottes, wie gar treulich verschlossen und verborgen hast du betrachtet das Leiden deines Sohnes, das Elend, den Jammer und die Marter deines Herrn. Wie fast hast du es dir eingebildet in dein Gemüthe, wie fast hast du es verflochten in deine Seele und wie groß hast du es in dein Herz gedrückt, recht als ob du es selber [65] empfändest und aufnähmest. Sicherlich ich erkenne, daß du in großer mütterlicher Treue durchgossen bist mit Jammer, mit Leid und mit Leiden. –

Pilatus führte den Herrn in sein Haus und setzte sich nieder und ließ den Herrn vor ihm stehen und sprach zu ihm:

„Was sprichst du zu dem, was die Juden wider dich klagen?“

Und Jesus gab keine Antwort.

Da sprach Pilatus: Bist du ein König der Juden? Sag’ es mir!

Jesus der Herr antwortet’ ihm und sprach: Bin ich ein König, das habe ich empfangen in den Himmeln und auf der Erde. Denn wäre mein Reich von dieser Welt, so erlösten mich meine Diener aus den Händen der Juden.

Hier spricht St. Remigius:

Der Herr wollte erzeigen, daß er ein Königreich hätte; darum kamen die drei Könige aus dem Morgenlande, die ihn anbeteten als ihren Gott und ihn ehrten als ihren Herrn, die sich vor ihm neigten als ihrem Schöpfer und sich gegen ihn demüthigten als ihrem Erlöser.

Auch spricht Augustinus, daß Christus der Herr erzeigen wollte, daß er der Welt gewaltig wäre; darum er die Worte sprach:

Bin ich ein König, das habe ich nicht aus der Welt, sondern ich habe das empfangen in dem Himmel, [66] und ich bin also geboren und in die Welt gekommen, daß ich die Wahrheit sage, und wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Lehre.

Da sprach Pilatus zu dem Herrn: Was ist die Wahrheit?

Hierüber spricht der Lehrer Isidorus, daß viererlei Wahrheit ist.

Die erste, die Wahrheit der heiligen Schrift.

Die andere die Fleisch gewordene Wahrheit, der Sohn Gottes.

Die dritte heißt die gebildete Wahrheit, d. i. das Leben unseres Herrn, dem wir nachfolgen sollen.

Die vierte ist eine ungeschöpfte Wahrheit, d. i. Gott der Vater, von dem der Sohn sprach: Ich bin ein Zeugniß der Wahrheit. –

Pilatus stand darnach auf und ging zu den Juden heraus, denn es verdroß sie sehr, daß er so lange mit dem Herrn redete und sie besorgten, er werde ihn ledig lassen. Pilatus sprach zu ihnen: „Ich finde keine Sache des Todes an diesem Menschen.“ Und als die Juden hörten, daß die vorigen Klagen allesammt Nichts halfen, da sprachen sie: „er ist würdig des Todes; denn er hat alles Volk verkehrt durch Judäa und Galiläa bis hierher.“

[67]
XII.
Der Herr wird zu Herodes und wieder zurück geführt.

Aber Pilatus schickte den Herrn zu Herodes.

Als Herodes den Herrn Jesum ansah, da ward er gar froh und hoffte, etwas Zeichen und Wunder von ihm zu sehen; denn er hatte viel von den Wunderzeichen gehört, die er gethan, und fragte ihn mit viel Worten; aber Jesus gab ihm keine Antwort. Da verschmähte ihn Herodes mit den Seinen und hieß ihm ein weißes Gewand anlegen und sendete ihn wieder zu Pilatus. Da wurden Herodes und Pilatus Freunde; sie waren zuvor einander lang Feind gewesen. –

Hier spricht St. Bernhard, daß unter allen Dienern des Herodes Keiner war, der dem Herrn nicht besondere Schmach erzeigt hätte. Einer stieß ihn, Einer schlug ihn, Einer rauft ihn, Einer zog ihn bei dem Bart, Einer hin, der Andere her.

Auch spricht Chrysostomus:

Da sie Jesum wieder zu Pilatus führten, da riefen die Diener, die vor ihm gingen, schreiend zu dem Volke, das zu dem Feste in die Stadt gekommen [68] war: Sehet das ist der Verkehrer des Volkes, der da wieder unsern Bund gelehrt hat und spricht, er sei ein König! So reizten sie das Volk, daß es Jesum mit Steinen, Hölzern und Unflath warf.

Hier spricht ein Lehrer, daß das Gewand, das Herodes Christo im Spotte angelegt hätte, ein langes Tuch gewesen sei; in der Mitte schnitten die Diener ein Loch dadurch und warfen es also dem Herrn über das Haupt, daß es ihm vorn und hinten zu lange auf die Erde fiel. Hiedurch geschah es, daß ihm bei dem Führen das lange Tuch oft unter die Füße kam, so daß er ohne alle Gnad’ mit seinem gesegneten Antlitz in den Unflath fiel. Davon ward er so jämmerlich gestaltet, daß es hart zu erbarmen ist allen Menschen, die seiner großen Marter und seines bittern Todes theilhaftig werden wollen.

Die großen Fälle sah das Weib des Pilatus und der Herr erbarmte sie, und sie sandte zu Pilatus, daß er mit dem unschuldigen Blute nichts zu schaffen haben möge. –

Bei diesem jämmmerlichen Anblick des Herrn spricht Petrus Damiani: O König der Ehren, wie wirst du heute zu Schanden vor aller Welt! O lebendige Weisheit, wie wird dein heute gespottet! O hohe und reiche Allmächtigkeit, wie bist du heute untertreten. Wie mögen das deine große Engel ertragen, daß man aus dir einen Thoren macht. O edler zarter Mensch, o süße klare Seele, o Spiegel [69] aller Wonne, wie wirst du heute verworfen. Der König ist worden ein Knecht, Gott ist worden ein Narr, der Herr Jesus ist worden ein Wurm, und der Schöpfer ist getreten unter die schnöden Füße der Menschen. O alle Geschöpfe lasset euch erbarmen, daß man das himmlische höchste Gut also verwirft. Einer wirft ihn dem Andern zu, und von Niemand mag er aufgenommen werden.

So gräulich und schmählich ist der Schöpfer aller Dinge behandelt worden, daß es Himmel und Erde erbarmen möchte.

Hier gedenke, mit was bitterlichem Schmerz und Leid das jungfräuliche Herz Mariä durchgossen war, da man ihren lieben Sohn so jämmerlich von einem Richter zum andern führte.

Sie gedachte: Ich werde stehen und der Urtheile warten, die Pilatus wider meinen Sohn und Herrn geben wird. Ich werde hinter seinem Rücken ausgehen von Jerusalem. Ich werde auch mit zährenden Augen mit ansehen, wie er hinausgeführt wird, und wie man ihn martern wird, und wie man seine Hände und Füße durchlöchern, und wie man ihn ziehen und spannen wird an das Holz des Kreuzes. Und wenn Das geschieht, so werden sie ohne Zweifel weit von ihm weggehen gleich als von einem verfluchten Menschen. So werde ich dann näher zum Kreuze meines viel lieben Sohnes gehen. Und wenn mir mit ihm zu sterben nicht geziemt, so werde ich [70] doch meine Augen heften auf meinen am Kreuze hangenden Sohn, und werde schauen, wie er von dieser Welt ausgehe, und werde den Sterbenden nicht verlassen, den ich lebendig nie verlassen habe.

[71]
XIII.
Der heilige Herr Himmels und der Erde und der Mörder.

Als nun die Diener der Juden Jesum wieder zu Pilatus brachten, da rief Pilatus zusammen die Obersten der Priester, die Fürsten der Juden und die Gelehrten des Tempels und sprach zu ihnen: „Ihr habt diesen Menschen vor mich gebracht, als ob er ein Verführer des Volkes sei; und ich habe mich dessen versehen, daß er keine Sache auf sich hat, warum er sterben soll. Aber ich will ihn geißeln lassen.“

Da rief das Volk:

„Nimm ihn und kreuzige ihn.“

Aber Pilatus sprach:

„Ihr habt eine Gewohnheit, daß man euch zu Ostern einen Gefangenen ledig läßt. Welchen wollt ihr, daß ich ledig lasse, Jesum oder Barrabam?“

Da schrien sie Alle:

„Lasse uns Barrabam und kreuzige Jesum.“

Barrabas aber war ein Mörder.

Hier spricht der heil. Augustinus:

In der Zeit der Marter Christi war es billig, daß ein des Todes schuldiger Mensch von seinem [72] Tode los und ledig wurde, denn der Tod unsers Herrn sollte uns frei machen von unserer Strafe, die wir verschuldet.

Dieser todesschuldige Mörder Barrabas ist eine Figur für uns Christglaubige. Der Herr mußte sterben und Er wurde ledig gelassen. So werden auch wir erledigt, weil der Herr für uns, anstatt unser in den Tod der Sünder gegangen ist. O mein Herr und mein Gott!

Hier spricht aber auch der heil. Bernhard. Als Barrabas ledig gelassen und der heilige Herr behalten wurde da geschah Etwas, was unerhört ist, daß man den Unschuldigen tödtet und den Schuldigen frei läßt, den Bösen läßt und den Guten tödtet, den Menschen läßt und Gott tödtet.

Diese große Ungerechtigkeit mochte das Herz, der heiligen Mutter Gottes zertheilt haben, denn sie wußte ja wohl, daß ihr heiliger Herr und allerliebste Sohn in dieser Welt nie nichts gethan, denn Solches, das blos heilig war.

[73]
XIV.
Der unschuldige Herr wird gegeißelt.

Darnach nahm Pilatus Jesum und gedachte, wie er ihn beim Leben erhalten möchte. Er wollte ihn geißeln lassen, ob sie daran nicht genug hätten und sich zur Barmherzigkeit gegen ihn kehren würden. So ließ er ihn entblößen, an eine Säule binden und befahl, daß er gegeißelt würde. –

Da die Juden sahen, daß man den Herrn Jesu zu der Säule führen wollte, damit er daran gebunden würde, da liefen die schnöden Juden herzu und brachten die Stricke, mit denen der Herr die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel getrieben hatte, und mit diesen banden sie ihn an die Säule.

Hier spricht Chrysostomus: Die Züchtigung unsers Herrn war dreierlei, sie war stark, stärker, allerstärkst. Die Gerten zerrissen ihm die Haut; die Geißeln zerrissen dem Herrn das Fleisch; aber die eisernen Drähte zerrissen ihm also sein Fleisch, daß man an mancher Statt das bloße Gebein sah; wie der heil. Bernhard spricht: der Herr wurde so jämmerlich an der Säule geschlagen, daß oft das Fleisch an den Geißeln hing.

Dieser heilige Lehrer spricht weiter:

[74] Der Brunnen der Gerechtigkeit wird gegeißelt von den Bösen und um der Bösen willen, aus daß er die Größe seiner Liebe zeige, denn die fließenden Wunden sind ein Zeichen der höchsten Liebe. O wie gar überflüßig ist das kostbare Blut geflossen, über den Rücken und die unschuldigen Seiten des Sohnes Gottes, in dem gänzlich keine Schuld gefunden werden mochte.

Darum spricht auch der Prophet: Sie haben mich ohne alle Ursache geschlagen mit Geißeln. Aber der Herr wollte darum mit Geißeln geschlagen werden, daß er Uns von der ewigen Geißelung des Teufels erlöste. O gütiger Jesu, warum hast du dich nicht verschont, das du doch konntest als der Allmächtige, das dir doch geziemte als dem Sohne des himmlischen Königs! Auf diese Frage antwortet der heil. Bernhard in der Person Christi sprechend:

„Die Größe der Liebe hat mir Das zu thun nicht vergönnt. Nimm wahr! Die Flammen der Liebe, das menschliche Geschlecht zu erlösen haben mich also gebrannt, daß ich mich in keinem Dinge mochte schonen.“

O mein Gott, ist nun Dem also, wo ist dann meine entgeltende Liebe, mit der ich hinwieder dich lieb habe? Du hast dich meinetwegen in keiner Sache verschont, und ich will deinetwegen auch gar keine Widerwärtigkeit leiden! Ist nicht dieser Weg ungleich und gänzlich ungerecht?!

[75] Nun merke auf die Geduld des Heilandes, der in seiner Todesnoth wie ein Lamm stand, wie der Prophet schreibt: „Er war geduldig bis in den Tod.“ Das lehret auch uns geduldig sein in unsern Leiden, die doch so klein sind gegen die Marter unsers Herrn.

Er hat niemals etwas an uns gefunden, Das er lieb zu haben Grund gehabt hätte; und dennoch ließ er die Brunnen seines heiligen Leibes öffnen und sein kostbares Blut in Strömen fließen, daß er damit übergossen und überronnen war.

O Herr, dein heiliges Blut wasche ab meine Seele und meinen Leib!

O Herr und Gott, deine Entblößung tilge meine Schande! Deine Marter an der Säule der Geißelung meine Weichlichkeit und üppiges Leben!

[76]
XV.
Der König der Ehren wird mit Dörnern gekrönt.

Nachdem Jesus an der Säule geschlagen worden war, nahmen ihn die Diener der obersten Priester und legten ihm ein Purpurkleid an, und flochten ihm eine Krone von Dörnern und setzten diese auf sein Haupt. Sie nahmen Rohre und drückten sie damit in sein heiliges Haupt bis auf die Hirnschale hinein. Darnach gaben sie ihm ein Rohr in seine Hand und knieten vor ihm nieder, sprechend:

„Bist gegrüßt König der Juden.“ Und sie schlugen ihn mit ihren schnöden Händen in sein heiliges Angesicht.

Da ward sein heiliges Haupt ganz zerrissen und ungestalt. Da ward verkehrt die Weisheit des Herrn, da sie ihn unehrlich verspotteten, es ward verkehrt seine königliche Würdigkeit, da er mit Schanden geehrt und mit Dörnern gekrönt ward.

O die Hoffart, daß Adam der Schlange folgend wie Gott sein wollte, gab dem Engel das flammende Schwert in die Hand, daß Adam vom Paradieß vertrieben ward. Da muß der königliche Herr Himmelreichs und Erdreichs sein würdiges, [77] heiliges Haupt beugen um unsrer Hoffart willen, daß sie gesühnt und ausgetilgt werde!

Hier sprich, christliche Seele, mit dem heil. Bernhard: O mein allerliebster Herr, was hast du doch gethan, daß man dich so übel zurichtet! Dein Leiden steht für unser Leiden, deine Geißelschläge für unsere Noth, deine Dornenkrone für die Krone des Himmels, die wir verloren haben!

[78]
XVI.
Der ewige Richter wird verurtheilt.

Darnach nahm Pilatus den Herrn und zeigte ihn mit seinem zermarterten Leib und der furchtbaren Krone allem Volke, sprechend:

„Sehet an, welch’ ein Mensch!“

O meine Seele, erbarme dich und überdenk die Bitterkeit deines allerliebsten Herrn. Erwache und schaue, wer Jener sei, der dort steht.

Er hat eine Bildung wie ein König, und er ist verschmäht wie ein Verworfener.

Er geht gekrönt, und seine Krone ist ihm eine große Marter und Pein.

Er trägt ein königliches Gewand und wird darum nicht geehrt, sondern verspottet.

Ein Scepter trägt er in seiner Hand, damit haben sie ihm sein Haupt zerschlagen.

Es kniet vor ihm das Volk der Juden und schreit: Bist gegrüßt, König der Juden! Und dabei verspeien sie ihn und schlagen ihm in’s heilige Angesicht.

Nun, als sie ihn so ersahen, ertönte das gottesmörderische Geschrei:

[79] „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“

Aber Pilatus sprach:

„Ich finde keine Sache des Todes an ihm.“

Da antworteten die Juden:

„Wir haben ein Gesetz, nach dem er sterben muß, denn er hat sich Gottes Sohn genannt.“

Dieser Worte erschrack Pilatus und nahm Jesum und führte ihn wieder in das Rathhaus und fragte ihn:

„Von wannen bist du?“ – Aber Jesus gab ihm keine Antwort, um nicht, wie die Lehrer sprechen, durch Reden das Heil der Menschen zu verzögern. Da sprach Pilatus:

„Antwortest du mir nicht? Weißt du nicht, daß ich Gewalt habe, dich zu tödten oder ledig zu lassen?“

Jetzt antwortete ihm Jesus:

„Du hast keine Gewalt über mich, sie sei dir denn gegeben.“

Da gedachte Pilatus, daß er ihn entließe.

Aber die Juden schrien:

„Läßt du ihn, so bist du kein Freund des Kaisers, denn er hat sich einen König genannt und wider den Kaiser aufgelehnt.“

Der heil. Bernhard schreibt: Siebenmal habe Pilatus getrachtet, den Herrn zu befreien. Das erste Mal, daß er den Juden seine Unschuld vorwarf, sprechend: Ich finde keine Schuld an ihm. Das andere Mal, daß er das Gericht änderte, indem er ihn [80] zu Herodes schickte, daß der Herr erlöst würde. Das dritte Mal, daß er der Juden Falschheit strafte, da er sprach: ich finde keine Sache des Todes an ihm. Das vierte Mal, da er sprach: ich will ihn frei lassen. Das fünfte Mal, da er ihn dem Mörder gegenüber stellte, damit die Juden hiedurch Barmherzigkeit an ihm gewännen. Zum sechsten Mal, da er ihn an der Säule schlagen ließ, damit die Juden mit dieser Pein sich begnügen lassen sollten. Zum siebenten Mal, da er seine Hände wusch und sprach: „Ich will keine Schuld an dem unschuldigen Blute haben.“

Dieweil Pilatus noch auf dem Richtplatz stund, schickte sein Weib zu ihm und sprach: Habe nichts mit des gerechten Menschen Blut zu schaffen, denn ich habe im Schlafe viel seinetwegen gelitten.

Aber als Pilatus die Unfreundschaft des Kaisers nennen hörte, da fürchtete er sich, er werde von seinem Amt verstoßen werden. Und der unselige Mann ließ Jesum auf einen offenen Platz führen, und setzte sich auf einen Richterstuhl und sprach: „Ich Pilatus, ein Statthalter des Kaisers zu Rom im Lande der Juden, gib Urtheil über Jesum von Nazareth, daß man ihn tödten solle des lästerlichen Todes am Kreuze.“

Da nahmen den Herrn die Diener der Juden und erneuerten ihm alle seine Marter mit Verspotten und Verspeien, daß man keine rechte Gestalt an ihm sehen mochte.

[81] Also stand der Herr vor der Menge der Juden als ein aussätziger Mensch voll Unsauberkeit.

Und so sah ihn seine heilige Mutter. O was Schmerz hast du erduldet, allermildeste Frau und Mutter, da die ungetreuen Juden den Mörder losbaten und deinen heiligen Sohn an’s Kreuz verlangten, Pilatus sein fürchterliches Urtheil sprach! – und da mochte sie billig mit dem Propheten sprechen: „Wer gibt meinem Haupte Wasser und meinen Augen den Brunnen der Zähren, daß ich blutige Zähren weine über die große Pein und Marter, die heute mein allerliebster Sohn ohne alle Schuld ertragen muß.“

Dieser Jammer der betrübtesten Mutter ward übertäubt von dem fröhlichen Geschrei der Juden, und jeder Schrei, und jeder Blick auf den süßen Heiland durchstoch das Herz der Muttergottes mit dem Schwerte großen Mitleidens.

[82]
XVII.
Von dem ungetreuen Judas.

Da nun Judas sah, daß man Christum tödten wollte, da gewann er Reue und ging zu den Fürsten und Aeltesten der Juden und brachte ihnen ihr Sündengeld wieder und sprach:

„Ich habe gesündigt an dem gerechten Blut, das ich verrathen habe.“

Sie aber sprachen zu ihm:

„Was geht das uns an, da sieh du zu!“

Da warf er die Silberlinge in den Tempel und ging hin und erhängte sich selbst.

Aber die Juden nahmen die Silberlinge und sprachen:

„Es ist nicht ziemend, daß wir sie zu dem gemeinen Schatze legen, denn es ist Blutgeld.“

Jedoch kauften sie mit Rath darum eines Töpfers Acker zu einer Begräbniß der Pilger. Dieser Acker wurde Hackeldama genannt, das heißt, Acker des Blutes, und heißt so bis auf diesen Tag.

[83]
XVIII.
Der heilige Kreuzweg.

Als nun die Juden Jesum zum Tode zu führen anhuben, wollten sie ihm den Spottmantel abziehen und sein eigen Kleid ihm wieder geben. Aber da war das Gewand dem Herrn in seine tiefen Wunden hineingewachsen, daß sie es nur mit Gewalt von seinem heiligen Leibe reißen konnten, also daß dem Herrn von dem Abreißen härter geschah, denn da man ihm die Wunden zum ersten Male schlug.

So vergoß sein heiliger Leib wieder sein kostbares Blut und es wurde wahr, was durch den Propheten geschrieben steht:

„O wie gar jämmerlich ist das Gold verblichen, die edle Farbe ist verwandelt und die reichen Steine aller Tugend sind in alle Gassen zerstreut.“

Als sie dem Herrn den Rock angelegt hatten, luden sie auf seine heilige Schulter das schwere Kreuz, das, wie die Lehrer sagen, die Länge von fünfzehn Schuhen hatte.

Aber da sie ihn mit den zwei Schächern vor die Thore der Stadt brachten, entging Jesu alle seine Kraft, und er sank vor Krankheit unter dem Kreuz [84] nieder auf die Erde. Die Henkersknechte rissen ihn wieder auf, sie besorgten, er möchte ihnen unter den Händen bleiben, daß sie ihn dann nicht kreuzigen könnten. Da ließen sie ihn auf einem Steine rasten.

O wie mild und barmherzig da der Herr unter seiner fürchterlichen Dornenkrone hervorblickte!

Er sah auf die Haufen Volkes, die ihn umgaben; unter diesen gewahrte er einige Frauen, die vor Mitleid über ihn Thränen vergossen. Aber der Herr sprach zu ihnen:

„Ihr Töchter von Jerusalem, weinet nicht über mich; weinet über euch und eure Kinder, denn es werden noch die Tage kommen, da man sprechen wird, selig sind die Unfruchtbaren.“

Aber als die Knechte sahen, daß der Herr redete, fürchteten sie, er werde das Volk aufreizen, und sie rissen ihn wieder auf und trieben ihn voran, daß sie bald auf die Stätte kommen möchten, wo sie ihn kreuzigen wollten. Da kam ein Mann von Cyrene gegangen mit Namen Simeon, den zwangen sie, daß er dem Herrn das Kreuz tragen helfen mußte bis an die Stätte des Todes.

Hier spricht der heilige Lehrer Bernhard: Als der Herr sein Kreuz trug, da hub er an zu zeigen, daß der Anfang unserer Erlösung am Holze gewirkt werden sollte, wie Adam unter dem Baume in die Sünde gefallen ist. Für Adam war das Holz des Baumes der Weg, auf dem er zur Sünde kam. O [85] seliges Holz des Kreuzes, das der Herr und Heiland fand zu einem Wege unseres Heiles.

Hier spricht auch Johannes Damascenus: Christus lebte in dem Fleische ohne das Fleisch, in der Welt ohne die Welt, in der Zeit ohne die Zeit; und führte seine Menschheit ohne die Sünde in den Tod. Da er von hinnen wollt’, führte er die Menschheit, die er von Adam hatte, an den Baum des Kreuzes und ließ sie daran heften, daß er sich nicht rühren mochte vor Marter und Schmerzen. Das that er darum, daß durch das Leiden der alte Mensch wieder zur Gnade und Klarheit kommen sollte.

So ist dieses Werk Christi für uns ein Bild, daß unser Leben dem Leben Christi entsprechen soll, wie Remigius spricht: Unsere Sinne sollen entsprechen seiner Gefängniß, unsere tiefe Reue seiner Verschmähung, unsere heißen Thränen seinem rinnenden Blut, unser stetes Mitleiden der Tödtung seines Leichnams am Kreuze; unser geistliches Sterben soll gleichen seinem leiblichen Tode!

[86]
XIX.
Der heilige Herr wird entblößt und auf das Kreuz geworfen.

Da die Knechte den Herrn Jesum kreuzigen wollten, rissen sie den Rock von seinem heiligen Leibe, daß alle seine Wunden abermals aufgingen.

Nun stand er also entblößt vor allem Volke, und er zitterte vor Frost und den großen Schmerzen seiner Wunden.

Die natürlichen Meister sagen, daß in der Wärme eine große Wunde klein zu schätzen sei gegen die kleinste in der Kälte. So that dem unschuldigen Herrn der Frost an seinen Wunden also weh’, daß er an allen seinen Gliedern erzitterte.

Nun rissen sie ihn, wie Origenes sagt, an seinen Haaren rücklings nieder auf das Kreuz ohne alle Barmherzigkeit und streckten ihn darauf mit Händen und Füßen.

Da sah der Herr auf in den Himmel und sah den Vater an und mochte sprechen, wie St. Bernhard schreibt:

„Herr, mein Vater, siehe mich an und erbarme dich über mich! Siehe an, Vater, meine Armuth, mein [87] Leid, meine Demüthigkeit und meine große Arbeit und erlöse mich aus meiner Noth! Nimm wahr, o Vater, wie man deinen Sohn an den Galgen des Kreuzes spannt! Ich merke, Vater, daß du Gerechtigkeit willst und nicht Barmherzigkeit. Nimm wahr, ob ich dir möge genugthun, weil der Mensch deine Gnade verloren hat! Ich will mich wägen lassen auf der Wage des Kreuzes, mein Blut gegen des Menschen Sünde, meinen Leib und all’ mein menschliches Leben gegen deinen Zorn, den ich so groß über mir sehe. Ob ich aus Liebe an mich genommen des Menschen Schuld, so habe ich sie doch nicht selbst begangen, und ob ich mich des verlornen Menschen unterwunden, so lass’ ihn jetzt gerettet werden. Darum vergib Herr, heiliger Vater, und erbarme dich!“

[88]
XX.
Das unschuldige Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt, wird an das Kreuz genagelt.

Die Knechte nahmen die rechte Hand des Herrn und legten sie auf das Loch, das sie in den Kreuzbalken gebohrt hatten und schlugen einen harten Nagel durch sie hindurch. Dann nahmen sie die andere Hand und zogen sie mit Stricken auf das andere Loch, denn das war viel zu fern gebohrt und schlugen auch hier den harten Nagel ein. Darnach banden sie ihm Stricke an seine heiligen Füße und zogen sie auf das unterste Loch am Kreuze, das auch zu fern gebohrt war und schlugen den Nagel ein. Und also zogen sie dem Herrn seinen heiligen Leichnam auseinander, daß kein Glied an seiner Stelle bleiben mochte, sondern alle von einander getrieben und gerissen wurden. So wurde die Weissagung von dem Osterlamm erfüllt, die spricht: daß ihm kein Bein zerbrochen werden sollte. So wurden auch Jesu, dem wahren Osterlamm, die Gebeine nicht gebrochen, aber sie wurden ihm aus den Achseln und allen Gelenken also ausgezogen, daß sein heiliger Leichnam recht war wie eine aufgezogene [89] Armbrust. Und die dicken harten Nägel, die ihm durch seine Hände und Füße geschlagen waren, füllten ihm seine Wunden so aus, daß vor ihnen kein Blutstropfen hervorquellen mochte, so lange er mit dem Kreuze auf der Erde lag.

So mußte der Herr liegen, bis die zwei Schächer gekreuzigt und aufgerichtet waren.

O ihr zarten Glieder, die aus der seligsten Jungfrau Maria genommen waren, wie ist so viel Bewegung und Zittern unter euch gewesen, da man das allerheiligste Fleisch so entsetzlich zerdehnt und auseinandergerissen hat!

[90]
XXI.
Christus am Kreuz.

Jetzt richteten sie das Kreuz mit großem Geschrei in die Höhe, und da sie es in das Loch einsenken ließen, das sie gemacht hatten, da wurden dem Herrn von der Schwere seines heiligen Leibes seine Wunden alle aufgerissen und gaben mildiglich ihr Blut.

Da wurden die vier Bronnen aufgethan, aus denen das heilige Blut herniederfloß auf die Erde und diese von allen ihren Sünden rein wusch.

Die Schläge des Hammers, das Aufrichten des Herrn, das Schweben seines heiligen Leibes am Kreuze zwischen Himmel und Erde, das sah Alles Maria. Der Lehrer Origenes spricht über das Evangelium „Es stand die Mutter“ u. s.  w. in ihrer Person: „Ich will gehen und sehen, wie man meinen Sohn an die Säule schlagen wird, wie man ihn mit Dornen krönen, und wie man das Urtheil über ihn sprechen wird; wie man ihn ausführen und an das Kreuz nageln, wie man ihn dann aufrichten und wie er am heiligen Kreuze hangen wird. Ich will unter seine Augen treten und will warten, ob [91] ich nicht einigen Trost von ihm haben und empfangen werde.“

Hier spricht ein andächtiger Lehrer:

O selige Mutter meines Herrn! Was ist es, daß dich bewegt, zu deinem Sohne zu gehen unter den Galgen des Kreuzes? Wahrlich nichts Anderes, als mütterliche Treue und das Mitleiden deines lautern und reinen Herzens, das umgeben ist mit der Marter deines Liebhabers! O selige Jungfrau, wie ist dein Gemüth erhoben und wie gar sehr möchte deine Seele mit deinem lieben Sohne leiden, auf daß du von seiner Liebe nicht geschieden würdest!

O Frau der Welt! Was stehst du hier? Was wirkest du hier? Wer hat dich hergeführt unter den Galgen des Kreuzes? Was ist dir dieser Galgen? Wer hat dich Königin des Himmels und der Engel und Frau der Welt je erkannt, daß du so kühn gewesen seist, daß du dir nun vorgenommen, zu stehen unter dem Galgen des Kreuzes?

Fürwahr, mag die heiligste Jungfrau auf diese Fragen Antwort geben, sprechend:

Ich habe ja hier meinen eingebornen Sohn, meinen Herrn und allen meinen Trost.

Ja, allerliebste Frau, du stehst mit deinem Sohne an dem Kreuze. Und wie ihm sein Leben zerstört und verwundet ist, also hast du alle seine Wunden vereinigt gehabt in deiner betrübten Seele.

[92] Da Fraue der Welt ist dein Herz mit einer Lanze durchstochen!

Da ist es an das Kreuz genagelt!

Da ist es mit Dörnern gekrönt!

Da ist es verspottet, verschmäht, mit Essig und Galle getränkt und erfüllt mit mancherlei Schmerzen!

O du unaussprechliches Gegenbild der heiligen Liebe!

Der Sohn leidet sehr, und die Mutter hat großes und fast zuviel Mitleiden!


Es wurden mit dem Herrn zwei Schächer gekreuzigt, einer zur rechten und der andere zur linken Hand.

Und nachdem die Juden den Herrn gekreuzigt hatten, da liefen sie vor das Kreuz und bewegten und beugten ihre Häupter spottweise gegen ihn und sprachen: „Der ist es, der den Tempel Gottes wollt’ zerbrechen und in drei Tagen wieder aufbauen.“ Andere sprachen: „Andere Leute hat er gesund gemacht, aber sich selbst kann er nicht helfen.“

„Bist du der König der Juden, so steige herab vom Kreuze, so glauben wir dir.“

„Er hat auf Gott vertraut, der mag ihn nun erlösen! Er hat ja gesprochen, er sei Gottes Sohn.“

[93] So lästerten sie ihn. Dasselbe that auch Einer der gekreuzigten Schächer, der auf der linken Seite, mit Namen Dismas, und sprach:

„Bist du Gottes Sohn, so errette dich, und uns.“

Das verredete ihm der andere Schächer, der zur rechten Hand, genannt Gesmas, und sprach:

„Fürchtest du nicht Gott? und bist doch in derselben Verdammniß! Was dieser leidet, das leidet er unschuldig. Was aber wir leiden, des haben wir wohl verschuldet.“ Und dann sprach er zu Christo:

„Herr, wenn du in dein Reich kommst, so gedenke mein!“

Der Herr sprach zu ihm:

„Fürwahr, ich sage dir, noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“

O wie ein allersüßester Laut ist das dem Schächer gewesen!

Herr Jesu Christe, ich bitte dich, daß ich dir nicht schnöder als dieser Schächer werde, dem du, hangend am Kreuz, in deinem eigenen Leiden zugesprochen hast! Sprich auch zu mir: Fürwahr sag’ ich dir heute, das ist in diesem gegenwärtigen Leben, wirst du bei mir sein im Paradieß, das ist in deiner Gnade zum ewigen Leben! Herr, gib mir, daß ich dieselbe liebevolle Stimme wie der Schächer in meinen letzten Zeiten hören darf!

[94] Bernhardus spricht: Die Hände, die den Himmel gebildet haben, sind ausgespannt und an das Kreuz genagelt. Alle heiligen Glieder sind dem Herrn so verwundet, daß keines unversehrt geblieben ist. Und in dieser Qual und Aller Verspottung und Lästerung betet der Herr für seine Uebelthäter und spricht:

„Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie thun!“

Hier spricht Augustinus: Das Gebet hat solche Kraft, daß dazuhand Viele gewonnen würden in des Vaters Gnade, die doch an seinem Tode schuldig waren. Und hätte ihn Judas gebeten, auch er möchte noch zu Gnaden gekommen sein. Die Stimme des Gebetes des Sohnes sänftigt den Zorn des Vaters und dringt stets zu ihm, daß Er nicht anders, denn erbarmen kann.

Christus rief laut in seinem Gebete und weinte dazu von ganzem Herzen.

Hierüber spricht Bernhard. Der Herr Christus, hat an dem Kreuze wegen drei Sachen geweint:

Zum Ersten, weil seine Marter an so vielen Seelen verloren gehen sollte, – vielleicht auch an deiner Seele!

Zum Andern, weil er sah, daß seine lieben Jünger so gar elendiglich zerstreut waren.

Zum Dritten, weil der seine liebe Mutter, vor seinen Augen stehen sah und erkannte, daß sie in solchen Nöthen war, daß sie lieber todt, denn lebendig [95] gewesen wäre. Dieß ihr Leid that dem Herrn weher, als all’ seine eigene schmerzhafte Marter.

Das waren die drei Speere, die Joab in das Herz Absalons stach.

Selige Jungfrau Maria! wie verschlossen und heimlich hast du geredet mit deinem Sohne, und ihm zugesprochen in seinen Nöthen!

„O mein allerliebster Herr! wie gar elendiglich bist da aufgehangen.

O Herr Himmels und der Erde, nun bist du heute so arm, daß du nicht hast, wohin du dein Haupt legen magst!

O getreuer Hirt deiner Schäflein, für die du heute verschmäht und verurtheilt bist, sprich zu mir nur ein einziges tröstliches Wort!“

Der Herr sprach:

„Weib, das ist dein Sohn!“

„Johannes, nimm wahr, das ist deine Mutter!“

Zu diesen Worten schwieg die betrübte und traurige Mutter und Jungfrau Maria.

Was sollte sie sprechen; da der Schmerz und die Zäher ihr alle ihre Rede verschlossen. Und wie groß der Schmerz inwendig in ihrem Herzen war, so vergaß sie doch ihrer jungfräulichen Zucht niemals, daß sie ihre Arme ausgebreitet oder zur Erde gefallen wäre, sondern still und heilig war all’ ihr Schmerz und Jammer in ihrem keuschen und jungfräulichen Herzen verborgen.

[96] Nun sprechen die Evangelisten, daß es nach den Worten, als der Herr seine Mutter dem Johannes empfohlen hatte, finster ward in aller Welt und die Sonne ihren Schein nicht gab von der Sext bis zur Non, d. h. nach unserer Rechnung von eilf bis drei Uhr.

Und in dieser Finsterniß schrie Christus mit lauter Stimme:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“

In der Bitterkeit des Todes sprach Christus der Herr:

„Mich dürstet!“

Und dem göttlichen Herrn ward Essig und Galle dargereicht.

Hier schreibt Eusebius in der Römer Chronik: daß die Römer, auf daß in allen Landen von ihrer Barmherzigkeit geredet würde, befohlen und geboten haben, man solle jedem Mann, der den Tod erleiden muß durch Hinrichtung, einen kostbaren, starken Trank von Gewürz und andern guten Dingen zubereitet, zu trinken gehen, auf daß sie die Marter des Todes nicht so sehr empfinden sollten.

So haben auch die heiligen Frauen dem Herrn einen allerköstlichsten Trank bereitet und ihn zum Calvarienberg hinausgetragen, und als man den Herrn an das Kreuz nagelte, reichten sie den Juden das Gefäß, aber diese behielten es für sich und [97] gaben dem Herrn nur Galle und Essig, als ihn so bitterlich dürstete. Und von dem kräftigen Trank wurden sie ganz ungestüm, daß sie nun erst die allermindeste Erbarmung mit dem Herrn hatten.

So wurde Das, was ihm zur Linderung seiner Pein zukommen sollte, zur Vermehrung seiner Schmerzen.

O guter Jesu! Du hast mich so viel lieb gehabt, daß du nicht an deine Schmerzen, sondern an mein Heil gedacht hast; denn am Kreuze hast du nicht gesagt, mich schmerzt, sondern mich dürstet! Von dem Kreuz schweigst du, und von dem Durst rufest du!

„Ja, möchte der Herr antworten, mich hat das Heil eurer Seelen mehr zum Durste bezwungen, denn die Kreuzigung meines Leibes. Der Durst nach eurem Heil ist so groß in mir, daß die Pein des Kreuzes aufgehört hat. Und der Durst ist noch in mir, denn ich schreie noch täglich vom Himmel: mich dürstet! Und Niemand ist, der den Durst mir lösche! Ich habe allweg Durst und Begierde nach eurem Heil!“

Darum ist der ein harter Mensch, der dem Herrn, der also nach unserm Heile dürstet, so lange den Trank der Danksagung und der Andacht und der Bußwirkung versagt.

Hier spricht ein Lehrer, daß das Mitleid, das der Herr mit uns armen Sündern gehabt hat, [98] größer gewesen sei, denn der Schmerz seiner Marter.

Drum liest man nirgends, daß der Herr um sein eigenes Leiden, sondern in allweg aus Mitleid mit uns geweint habe.

Und so spricht der andächtige Lehrer St. Bernhard:

Warum hast du doch geweint, o guter Jesu, da es doch mehr zur Freude als zum Weinen war, da du das Heil in der Mitte des Erdreichs wirktest und die Sünden an das Kreuz nageltest und den Teufel, verdammtest und uns von dem ewigen Tode erlöstest.

Aber Jeremias meldet fragweise, sprechend:

Hat er nicht unnütze gearbeitet, seit er um unsere Sünde so gar genug gethan hat, angesehen die Größe seines Schmerzes und die Güte und Kostbarkeit seiner Marter, wodurch er wohl tausend Welten erlöst hätte und dennoch so wenig Menschen erlöst hat? Ja hierauf kann der Herr antworten: Nimm wahr! Ich habe angesehen das Erdreich und es war leer und öde, und den Himmel, und es daran kein Licht. Hab’ ich angesehen das Erdreich, so sind das die irdischen Menschen, die an der Betrachtung meiner Pein leer und eitel sind; und nicht allein die Sünder hab’ ich angesehen, sondern auch den Himmel, das sind die guten Menschen, die ein himmlisches Leben führen sollten und in denen ein [99] klares Licht sein sollte, aber sie haben keine Erkenntniß und kein Gedächtniß meines Leidens.

Drum schreit der Herr zu uns Christglaubigen durch den heil. Chrysostomus sprechend:

Ich bin durch euern Willen Mensch geworden, gebunden, verspottet, geschlagen und gekreuzigt. Wo ist die Frucht und Gabe, die um all’ meine Pein gegeben wird? Wo ist der Lohn des Blutes, das ich um euere Erlösung vergossen habe? O Mensch, über meine Ehre habe ich dich lieb gehabt! Wo ist die Wiedervergeltung oder Bezahlung der großen und vielfältigen Leiden? Es antworte ihm der andächtige Mensch, im Geiste also sprechend:

Gewißlich, Herr Christe, ist deine Wiedervergeltung in meiner Bußfertigkeit. O guter Jesu, meine Bußwirkung ist wahrlich deine Speise, und durch die Zähren meiner Reue wirst du getränkt. Mein Geist soll entzündet sein mit brennender Andacht und wird vor deinem Angesichte die allerbittersten Zähren ausgießen, Dir zum Mitleiden und mir zum Heile.

Hieronymus spricht, daß der Herr darum mit Essig und Galle getränkt worden, damit auch die Zunge nicht ohne Leiden sei, also daß alle seine Sinne genug thäten für die Sünde Adams.

Da Christus der Herr den Trank genommen, da sprach er:

[100] „Es ist vollbracht.“

Hier spricht Augustinus:

Es ist Alles vollbracht, das von ihm geschrieben ist.

Und Gregorius spricht:

Es ist Alles vollbracht, was der Mensch zu seiner Seligkeit bedarf.

Es spricht auch Hieronymus:

Es ist Alles vollbracht, was ihm der Vater befohlen hat.

Die Juden theilten unter dem Kreuze das Gewand des Herrn und besonders den gestrickten Rock, den ihm seine Mutter ohne alle Naht gemacht hatte. Darüber warfen sie das Loos vor den Augen des Herrn und seiner heiligen Mutter. Da war die Weissagung erfüllt, die da spricht: Sie haben all mein Gewand getheilt.

Hier spricht nun St. Ambrosius:

Als der Herr das Wort „Es ist vollbracht“ gesprochen hatte, da begann in ihm der bittere Tod zu ringen, und gar ungern schied seine heilige Seele vom Leibe; denn sie hatte ihn gar lieb gehabt, weil sie mit ihm aller Gnaden voll war und vereint mit der Gottheit und in ihm die große Würdigkeit empfangen hatte, daß alle Engel, alle Geister und alle heiligen Geschöpfe unter ihr waren.

[101] Da der Tod den ganzen Leichnam durchsucht hatte mit großen Schmerzen, da ließ der Herr Christus sein Haupt vor Wehklagen und Krankheit hängen und gab der Seele Urlaub, daß sie ausfahren mochte, und er schrie laut:

„Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Das Geschrei haben gehört die Chöre der Engel und sind betrübt worden.

Das Geschrei hat gehört der Tempel und der Vorhang des Tempels, der von oben bis unten zerriß.

Das geschah zu einer Bedeutung, daß Gott von den ungetreuen Juden alle Salbung der Könige und der obersten Bischöfe und Propheten genommen und ihren Bund zerrissen habe.

Das Schreien hat gehört das Erdreich und es erbebte; denn es trug gar schwer das Kreuz, daran sein Schöpfer hing.

Das Schreien haben gehört die Felsen und das Gestein; denn sie sind zerspalten zur Schande für unsere steinharten Herzen, welche kein Mitleiden mit Gottes eigenem Sohne haben.

Das Geschrei haben gehört die Gräber der Todten; denn sie haben sich aufgethan uns zu einem Zeichen, daß wir unsere Herzen aufthun sollen und reinigen durch eine lautere ganze Beicht, Reue und Genugthuung.

[102] Der heil. Augustinus schreibt auch von der Scheidung unseres Herrn und sagt:

Da nun der Tod seine Kraft an ihm vollbracht hatte, da stieß er des Ersten zu dem Herzen; von dem großen Stoße erbebte und krachte Alles, was in der Vorhölle war; zum Andernmal stieß der Tod an’s Herz, daß von dem Stoße erbebte alles Erdreich und alle sichtbaren Dinge, recht als ob Himmel und Erde zusammenbrechen wollten. Zum Drittenmal stieß der Tod so kräftig an das Herz Christi, daß der Vater im Himmel zur Barmherzigkeit bewegt wurde und den Menschen zu Gnaden annahm. Alle Planeten und alle Elemente empfanden den großen Stoß, den harten Stoß empfand Maria an ihrem Herzen. Von dem Stoße wurde es stille in der Vorhölle und stille in aller Creatur auf Erden. Auch alle Engel wurden stille, bis daß sie sahen, wie der Streit zwischen dem Herrn und Tod ein Ende nahm.

Da nun die Seele Christi aus dem würdigen Leichnam gegangen war, ließen sie ihn hangen mit kläglicher Weise, mit offenen Wunden, mit Blut übergossen, mit ausgerenkten Gliedern, mit geneigtem Haupte, mit bleicher Farbe, mit gebrochenen Augen und kläglicher Gebärde.

Den werthen Leichnam Christi soll ein jeglicher Mensch ansehen; denn dazu mahnt uns der heilige Geist, sprechend:

[103] „Gehet heraus, ihr seligen Töchter von Sion, und sehet an den König des Friedens in der Krone, mit der ihn seine Mutter, die Synagoge, gekrönt hat.“

[104]
XXII.
Dem Herrn wird die Seite eröffnet.

Die Fürsten der Juden gingen zu Rath, wie sie dem Herrn und den zwei Schächern ihr Gebein zerbrächen, damit sie desto früher stürben und nicht an dem hochzeitlichen Tage vor allem Volke, das zum Feste in die Stadt strömte, hangen sollten. So brach man denn den Schächern ihr Gebein, aber als sie zu Jesu kamen und sahen, daß er todt war, brachen sie ihm seine Gebeine nicht. Aber Longinus öffnete mit seinem Speer die Seite des Herrn, und als Maria, die treue Mutter, sah, daß das allerkostbarste Blut so überflüssig daraus floß, sind ihr alle Glieder erzittert, daß sie nicht mehr stehen mochte und sie sank vor großem Herzeleid unter dem Kreuze nieder.

O meine Seele betrachte, wie die Mutter Christi mehr gelitten in ihrem Herzen als je eine Mutter leiden mag.

O wie gar theuer sind wir erlöst, und wie gar kostbar abgewaschen! Wer mag es wagen, ein Sünder zu sein?

[105]
XXIII.
Grablegung.

Zu derselben Zeit kam ein edler Mann, genannt Joseph von Arimathäa, der auch ein heimlicher Jünger des Herrn war, und als er den Herrn Christum am Kreuze todt hängen sah, da wurde er sehr betrübt und ging mit Nikodemus, der auch ein heimlicher Jünger war, zu Pilatus und sie baten ihn, daß er ihnen erlaubte, den Leichnam zu begraben, und thäte er das nicht bald, so würde seine traurige und betrübte Mutter sterben vor großem Herzeleid, die doch wäre die edelste und reinste unter allem weiblichen Geschlechte. Und als ihnen Pilatus den Leichnam des Herrn schenkte, gingen Joseph und Nikodemus hinaus mit Leitern und sie lösten den Herrn vom Kreuze. Da stand die arme betrübte Mutter und wartete begierlich mit großen Schmerzen, ihn vom Kreuze herab in ihren mütterlichen Armen zu umfangen. Joseph empfing den heiligen Leichnam in einem schönen weißen Tuche und in diesem legten sie ihn nieder unter das Kreuz. Da fiel Maria die Jungfrau zu ihm nieder auf die Erde mit großem Herzeleid und kläglicher Geberde.

[106] O allertraurigste Mutter, du sahest ihn an in mütterlicher Liebe und feuchtetest sein Angesicht mit deinen fließenden Zähren. Du küßtest seine großen und tiefen Wunden oft und viel, aber o weh! du hast gesehen, daß das Leben aller Lebendigen mit dem erschrecklichen Tode getödtet, mit durchlöcherten Händen und Füßen, mit zerstochenem Herzen, mit gar zerrissenem Leibe auf deinem heiligen Schoos ruhete.

Ich verwundere es nicht, wenn alle Engel geweint hätten, die da gegenwärtig waren, da ihr Schöpfer und Gott so erbarmungswürdig auf dem Schoos seiner heiligen Mutter ruhete.

O wie ist das ein verhärtetes Herz, das nicht Mitleid haben mag mit dem Herrn und seiner betrübten Mutter.

Ja, spricht Bernhardus: o Eisen und nicht Herz, o Herz härter als Adamas, o steinernes und nicht menschliches Herz, warum wirst du nicht entzündet vor Liebe?!

O allerunseligstes Herz, warum hast du nicht wieder lieb Den, der dich bis in den Tod lieb gehabt?!

O die allerböseste Sünde ist die Undankbarkeit. O mein Gott, nimm von mir das undankbare steinerne Herz, Haben deine Wunden überwunden die Mächtigkeit des Teufels, zerbrochen die Pforte der Hölle, aufgethan die Thore der Seligkeit; und [107] mein allerbösestes, verhärtestes Herz mögen sie nicht zum Mitleid erweichen?!

St. Augustinus spricht:

Der Ritter empfindet die Wunden nicht, wenn er sieht, daß die Wunden des Fürsten größer sind, als die seinigen; so machte das Kreuz dem heil. Andreas seine Pein süß. Er sprach:

„O gutes Kreuz, dran mein Gott gelitten hat, du kommst mir zu Freuden; denn ich habe dein lange begehrt.“

Auch liest man, daß dem heil. Stephanus die harten Steine süß und lind waren, da er erkannte, daß die Wunden und die Pein, die sein Gott und Schöpfer für ihn gelitten, größer und härter gewesen, denn sein Schmerz.

Auch sprach der heil. Laurentius, da er auf dem Rost gebraten lag:

„Die Kohlen verleihen mir eine Kühle;“ denn inwendig war die göttliche Tröstung und das göttliche Feuer so groß in seinem Herzen, daß er des heißen Feuers nicht empfand und die Gluth des Rostes für Nichts schätzte.

Aber siehe, dein Herr Jesus Christus litt ohne Labung und ohne Trost, daß seine heilige Menschheit erseufzen mußte: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Willst du, o christliche Seele, mit süßem Troste gar nichts leiden?

[108] Gott, der über aller Menschen Herzen Gewalt hat, gab dem Joseph in den Sinn, daß er den Herrn in sein eigenes Grab legen sollte. So ließ er denn den heiligen Leichnam an die Stätte dieses Grabes tragen und die allerbetrübteste Mutter folgte nach, und ehe sie ihn in das Grab legten, nahm sie ihn auf ihren Schoos und hub an zu klagen:

Erbarmet euch mein, erbarmet euch mein, vorab Ihr, meine Freunde, daß ich sein Antlitz noch schaue und getröstet werde. Gebt ihn seiner armen Mutter, daß ich ihn doch todt habe, den ich lebendig nicht haben darf. Wehe mir, in wie viele Schmerzen ist verkehrt worden meine Freude, die mir Gabriel verkündet, da er sprach: Du bist voll der Gnaden! Und nun nimmt wahr, ich bin voll der allergrößten Schmerzen. O mein Sohn, ein Leben meiner Seele, mein einiger Trost, warum lässest du mich in so vielen Schmerzen! Schaffe, daß nun ich sterbe, die dich zum Tode geboren hat. Mir Armen ist süßer zu sterben, als das Leben des Todes zu führen. –

Aber nun legten die Freunde den heiligen Leichnam in das Grab und wälzten einen großen Stein vor die Thüre; seine heilige Mutter wäre am liebsten vor das Grab gesessen Tag und Nacht und hätte da seiner Auferstehung gewartet. Aber Johannes und die heiligen Frauen führten sie von dem Grabe.

[109] O wie viel oft hatte die allertraurigste Mutter hinter sich gesehen zum Grabe ihres Sohnes. O wie ist sie mit viel Klage gen Jerusalem gegangen, die Weinende geführt von Weinenden!

O Tochter Sion, größer als das Meer ist deine Trübsal!

Als Maria also weinend durch die Straßen Jerusalems geführt wurde, da kehrten sich Viele mit bewegter Gütigkeit zu ihr und Manche mochten sich der Thränen nicht enthalten.

Johannes führte die heilige Mutter in sein Haus und ehrte sie über seine eigene Mutter und tröstete sie; aber sie mochte von allen ihren lieben Freunden nicht getröstet werden; denn ihr Tröster lag im Grabe.

Aber hier magst du Wunder nehmen, daß Maria, die doch mehr Schmerzen gelitten als alle Menschen in der ganzen Welt je empfinden können, vor großen Schmerzen nicht gestorben ist.

Dessen sind drei Ursachen:

Die erste war die Nachricht der Auferstehung ihres Sohnes nach dem dritten Tage.

Die andere ist die Erlösung alles menschlichen Geschlechtes von dem Gefängnisse des Teufels.

Die dritte das ist der heilige Geist, der sie stärkte, daß sie in so vielen Leiden nicht verschied.

[110]
XXIV.
Christus steigt in die Vorhölle hinab.

Die zarte liebe Seele Christi fuhr zur Burg der Vorhölle, darinnen die heiligen Väter waren. Hier merk’, als die Seele des Herrn mit der Gottheit vereinigt hinabstieg zu den Orten der Finsterniß, sahen ihn an die höllischen Legionen und die Thorwarte der Hölle und fingen an zu fragen: „Wer ist, der so grausam stark herabkommt und leuchtet mit schneeweißem Schein, so hat uns die Welt nie einen Todten herabgesandt! Wer ist nur der, der so frei durch unsere Thore eingeht und unsere Peinigung nicht fürchtet! Der ist ein Einnehmer und Anfaller und nicht ein Schuldner. Er kommt zu richten und nicht zu bitten, zu streiten und nicht zu unterliegen, zu erlösen und nicht zu bleiben.“ Aber die Engel, die mit dem Herrn hernieder gingen, riefen zur Hölle:

Ihr Fürsten, erhebt eure Pforten und hebt auf die ewigen Thore und Pforten; es wird eingehen der König der Ehren!

Wider das erschollen die grausamen Stimmen und sprachen:

Wer ist der König der Ehren?

[111] Die Engel antworteten und sprachen:

„Es ist der starke Herr, der mächtige Herr im Streite, der Herr der Macht und der Stärke und ein König der Ehren.“

Bald von dem Gebote des Herrn sind alle Pforten zerbrochen.

Und der Herr ist eingegangen mit einer großen Schaar der Engel in die Vorhölle der heiligen Altväter.

Diese sprachen alsbald auf niedergefallenen Knien mit Weinen und Freude:

„O Begehrter, bist du gekommen, dessen wir warteten in der Finsterniß?“

„Bist du um uns abgestiegen zur Hölle, nicht solltest du uns zurücklassen, so du wiederum zum Himmel fährst.“ –

Also bitt’ ich dich, guter Herr Jesu Christe, wann meine Seele von ihrem Leibe scheidet, daß du bei mir seiest und mich führest zu deinen ewigen Freuden.


Nun spricht eine Seele, die das Leiden ihres treuen Liebhabers und Gemahls betrachtet:

O du allerliebster Herr! O du treuer Vater, ich habe gesehen in deinem großen Leiden und in deiner großen Verschmähung, durch wessen Willen das geschehen ist.

[112] Wahrlich da fand ich nichts anders, denn daß es durch meinen Willen geschehen wäre, auf daß ich erkennete, daß du mich lieb hast und errettest aus der Hand der Widerwärtigkeit und von der Welt Listigkeit mich errettest, die mich Tag und Nacht verfolgt mit ihrem falschen und ungetreuen Rath.

O du mein getreuer Liebhaber, mein Herr, mein Helfer, meine Zuflucht, mein Trost, meine Hoffnung, mein Behüter, mein Erlöser und all meine Begierde. Warum wolltest du so viel um meinetwillen leiden?!

Nun wäre es genug gewesen zu deiner Liebe, daß du um meinetwillen Mensch wurdest und mich lehrtest, wie ich erkennen sollte deine Huld, mit der du Hunger und Durst, Frost und Hitze und mancherlei Gebrechen erduldet hast. Wahrlich, Herr Jesu Christe, ich erkenne, daß ich dir diese Liebe nimmer vollkommen danken kann.

O wie soll ich nun der viel größern Liebe mich dankbar erweisen, daß du um meiner Sünde willen blutigen Schweiß geschwitzt hast am Oelberge und dich weg gabst in die Hände der Sünder, deiner Feinde, die dich verspien, verspottet, gegeißelt und gekrönt haben; daß du selber das Holz des Kreuzes getragen, dran du genagelt wurdest mit Händen und Füßen, daran du aufgegeben deine heilige Seele, dran dir aufgethan wurde deine heilige Seite und dein reines Herz mit einem Speer [113] durchstoßen, daß Wasser und Blut herniederfloß.

O Liebhaber aller Liebe, o Treu’ über alle Treue, o Licht meiner Augen, o Freude meines Herzens, o Tugend meiner Seele, o Lust meines Geistes, o Leiter meines Gewissens thu’ mir auf die Thüre deiner großen Gnade und den Fluß deiner Seite, daß ich daselbst trinke den Trank deines reinen und lautern Blutes und die Salben deiner Barmherzigkeit, damit ich bereit und geschickt werde zu einer milden und fließenden Dankbarkeit und zu einem steten emsigen Mitleiden deiner allergrößten Marter.

O Herr mein Lob, meine Ehre, mein Honigseim, meine Hoffnung und Freude, meine ewige Rast und Ruhe, wie du ausgießest das Licht der Sonne, so gieße aus die Sonne deiner Weisheit, deines Lichtes und Friedens über meinen Geist, damit gänzlich geläutert und gereinigt werde meine Begierde zur Erhebung deines Lobes, deiner Liebe, Ehre und Glorie, damit gedämpft und gezähmt werde das Fleisch und Kleid meiner Seele.

O Jesu Christe, du allerliebster Herr, wie soll ich mich erbieten, erzeigen und schicken zu deinem Lob? O meine süße Wonne und meine oberste Freude, gib, daß dein Tod, deine Marter, dein Blutvergießen, dein Verspotten, dein ängstlicher Schweiß, dein Verspeien, dein Jammer, dein Elend, [114] dein Hunger, dein Durst und alle deine göttlichen Werke nicht an mir verloren gehen, sondern ein sicherer Eingang seien aus dem Thale der Zähren, der Noth, Angst und gegenwärtigen Trübsal, ein Eingang zur Beschauung deines göttlichen Anblickes und zur Wohnung bei dir, mein Gemahl und Liebhaber, immer und ohne Ende. Amen.

O du König der Ehren und ewigen Glorie, Herr Jesu Christe, du starker Löwe von Juda, du Auferstehung und Sieger des Todes. Ich, dein armer Diener, bedenke deine fröhliche Urständ und die große Freude deiner heiligen Mutter Maria und aller Geschöpfe, die besondere Freude von deiner Auferstehung empfangen haben.

Ich bedenke die großen Freuden der Altväter in der Vorhölle, die du erledigt hast; ich bedenke deine besondere Liebe und Barmherzigkeit, die du erzeigt hast an deiner Liebhaberin, S. Maria Magdalena, die dich gesucht hat mit heißen Thränen.

O ewige Barmherzigkeit, erscheine mir und hilf, daß ich erstehe von meinen Sünden und Mich ganz ergebe in ein bußwürdiges Leben und darin mannhaft beharrend sei bis an mein Ende, also daß ich an dem jüngsten Tage mit den Auserwählten fröhlich erstehe. Amen.