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Artikel „Schlözer, August Ludwig“ von Ferdinand Frensdorff in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), S. 567–600, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schl%C3%B6zer,_August_Ludwig_von&oldid=- (Version vom 17. November 2019, 20:16 Uhr UTC)
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Band 31 (1890), S. 567–600 (Quelle).
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Schlözer: August Ludwig S. wurde am 5. Juli 1735 zu Jaggstadt (auch Gaggstadt geschrieben, östlich von Kirchberg an der Jaxt) im nordöstlichen Württemberg (Oberamt Gerabronn) geboren. Schlözer’s Vater, evangelischer Pfarrer gleich seinen Vorfahren, die schon in zwei Generationen in der Grafschaft Hohenlohe-Kirchberg gewirkt hatten, starb früh, so daß die Mutter, die von ihrem schmalen Einkommen noch drei Töchter zu ernähren hatte, genöthigt war, den Sohn ihrem Vater, Pfarrer Haigold in Ruppertshof, zur Erziehung zu übergeben, bis er zum Besuche der Stadtschule zu Langenburg reif war. 1745 vertauschte er diese Anstalt mit der Schule zu Wertheim. Als deren Leiter, sein Schwager Schulz, erklärte, daß S. bei ihm nichts weiter lernen könne, wurde sein Abgang zur Universität beschlossen. Es verstand sich von selbst, daß er Theologie wie seine Vorfahren und da, wo sie bis zur Reformation zurück ihre Vorbildung gesucht hatten, studirte. Nach fast dreijährigem Aufenthalte, von October 1751 bis Ostern 1754, verabschiedete er sich von Wittenberg mit einer Dissertation de vita Dei und siedelte, durch den eben aufsteigenden Ruhm des Orientalisten [568] Joh. David Michaelis bestimmt, zur Vollendung seiner Studien nach Göttingen über. Am 20. Mai 1754 wurde er durch den Prorector Ribov gratis ob paupertatem immatriculirt. Er hörte philologische Collegia, insbesondere Gesner, und alle Vorlesungen bei Mosheim und Michaelis. Schlözer’s Kinderjahre waren in die Zeit gefallen, da Hübner’s Fragen der Erdkunde Aufnahme in den Schulunterricht verschafften und die Litteratur der Robinsonaden die Köpfe der Jugend mit Reiseplänen und Abenteuerlust erfüllte. Hatte er in Wittenberg an eine Uebersiedlung nach Halle gedacht, um auf die dortige Missionsanstalt gestützt nach Malabar reisen zu können, so brachten ihn die Vorlesungen von Michaelis auf ein anderes Ziel. Zum gründlichen Verständniß der Bibel hörte er hier Reisen nach Syrien und Arabien empfehlen. Begeistert ergriff er den Gedanken, mit dessen Ausführung er seinem theologischen Berufe und seiner Reiselust zugleich dienen zu können hoffte, und studirte zur Vorbereitung Arabisch, Geographie und Statistik des Morgenlandes. „Zur Ausführung des Plans“ – so sagt er selbst – „gehörten wenigstens 1000 Louisd’or. Die hatte ich nicht. Aber wäre das nicht ein Tropf von einem jungen Manne, der nichts wagte, wenn er nicht die Kosten dazu vor sich auf einem Brette liegen fände?“ Mit einem kleinen vom Vater ererbten Capitale und geringfügigen Stipendien hatte sich S. eben nothdürftig durchschlagen können und mußte nach Beendigung seiner Studien auf eine Stellung bedacht sein, die ihm Unterhalt gewährte. Zwischen den weiten Zielen seiner Reiselust und der Sorge um das tägliche Brot fand seine praktische Natur immer den Ausweg, solche Stellungen zu übernehmen, in denen er wenigstens zugleich für die Ausführung seiner Reisepläne sich vorbereiten konnte. Eine erste Station der Art bildete Schweden; war es doch seit dem Auftreten Linné’s[WS 1] der Sitz der Naturgeschichte, von wo einer um den andern in die weite Welt ging. Pfingsten 1755 übernahm S. auf Michaelis’ Empfehlung eine Hauslehrerstelle bei dem Prediger der deutschen Gemeinde in Stockholm, Murray, und verweilte von da ab drei und ein halbes Jahr im Lande. In dem Murray’schen Hause allerdings nur die ersten 18 Monate, den Winter 1756/57 in Upsala, wo er im Deutschen unterrichtete und sich durch den großen skandinavischen Philologen Ihre in das Gothische und Altnordische einführen ließ. Nachher übernahm er im Hause des Stockholmer Großhändlers Seele, Agenten der Stadt Lübeck, die Führung der deutschen Correspondenz, überzeugt, daß kaufmännische Kenntnisse und Fähigkeiten das beste Mittel seien, um sich im Orient dauernd und selbständig zu behaupten. Von Niemanden als seinem Kopf und seinen gesunden Händen abzuhangen: das ist das Ziel seines Ehrgeizes. Seine Talente, seine frische lebensmuthige Natur, seine Fähigkeit, sich überall heimisch und nützlich zu machen, verschafften ihm Freunde, wichtige Verbindungen und seinen Unterhalt in so reichem Maße, daß er seine alte Mutter unterstützen und ein kleines Capital für die Zukunft sammeln konnte. Der schwedischen Sprache war er bald soweit Herr, um sich ihrer zu wissenschaftlicher Schriftstellerei zu bedienen; denn auch das ist für sein Wesen bezeichnend, wie früh er zur Feder greift und aus seiner Umgebung Stoff zu litterarischer Arbeit entnimmt. Aus den ziemlich zahlreichen Früchten des schwedischen Aufenthalts genügt es, die „Neueste Geschichte der Gelehrsamkeit in Schweden“ (5 Stücke, 1756–60), mit Berichten über neue wissenschaftliche Bücher und ältere und jüngere Gelehrte Schwedens, und zwei Bände Schwedischer Biographieen (1760–68), in denen Lebensbeschreibungen berühmter Schweden des 17. und 18. Jahrhunderts übersetzt sind, anzuführen. Der schwedisch geschriebene „Versuch einer allgemeinen Geschichte der Handlung und der Seefahrt in den ältesten Zeiten“ (Stockholm 1758), übersetzt von Gadebusch (Rostock 1761), beschränkte sich auf den phönicischen Handel und war aus Bochart’s, Gesner’s und Michaelis’ Untersuchungen [569] ausgezogen, eine Anfängerarbeit, die er aber doch wegen ihrer Beachtung des Colonialwesens auch später noch schätzte. In die Jahre, welche S. in Schweden verlebte, fielen die Kämpfe der Aristokratie gegen das Königthum, die stürmischen Verhandlungen des Reichstages, die Hinrichtung des Grafen Brahe. Daneben begannen bedeutsame Friedensanstalten damals ihr Wirken, das seit 1749 eingerichtete Tabellenwerk und die 1756 eingesetzte Tabellencommission. Der schwedische Aufenthalt regte bei S. das Interesse für Politik und Statistik an, führte ihn zur journalistischen Thätigkeit – dem Altonaer Postreuter schrieb er Berichte über wichtige Vorgänge des Staatslebens – und begründete die tiefe Abneigung gegen aristokratisches Regiment, die ihn nie verließ.

Nachdem er den Winter 1758/59 in Lübeck, Unterricht im Hause des Kaufmanns Kusel ertheilend und schriftstellerisch thätig, verbracht, kehrte er an die alte Stätte seiner Studien zurück, um sich durch Medicin und Naturwissenschaften, Rechts- und Staatswissenschaft gründlich zur Ausführung seines alten Planes vorzubereiten. Nach dem freien Leben in der großen Welt wollte es ihm anfangs in dem kleinen Göttingen wenig behagen. Der angestrengteste Fleiß hob bald über den Gegensatz hinweg; dazu kam der Verkehr mit den alten Lehrern und Freunden und die Anknüpfung neuer Beziehungen, insbesondere zu Roederer, seinem medicinischen Lehrer, mit dessen achtjährigem Töchterchen Caroline er Haller’s Alpen und Gleim’s Lieder las. Nach einem bewegten Abschiede von dem Freunde, den er nicht wieder sehen sollte, ging S. im August 1761 zum zweiten Male auf die Wanderschaft. Auch jetzt noch nicht nach dem Orient, aber doch nach einer dem gelobten Lande näher liegenden Station. Wieder war Michaelis der Vermittler, der Büsching, welcher für den Petersburger Akademiker Gerh. Friedr. Müller (A. D. B. XXII, 547) einen Hauslehrer und wissenschaftlichen Gehülfen suchte, an S. wies. S. nahm den Antrag seiner sehr bescheidenen Bedingungen ungeachtet an, denn „eine weite Reise machen mit den sehr wahrscheinlichen Aussichten zu noch viel weitern Reisen – wer war empfänglicher für solche Anschläge als ich?“ Michaelis hatte ihm nämlich vordemonstrirt, mit diesem neuen Project lasse sich der alte Hauptplan sehr wohl verbinden, und als auch Müller meinte, daß zur Verwirklichung der Orientreise sich in Rußland leicht Gelegenheit finden würde, hörte der sanguinische Reisende schon etwas von Förderung und Unterstützung, womöglich durch die russische Regierung heraus. Schlözer’s Fähigkeit, sich in fremde Verhältnisse rasch einzuleben, bewährte sich auch in Rußland. Binnen kurzer Zeit war er der Sprache mächtig und hatte er sich in die Quellen der russischen Geschichte eingearbeitet. Dies schnellfertige Wesen, selbst wenn es von Ungründlichkeit frei geblieben sein sollte, blieb nicht frei von Ueberhebung, und so kam es bei Schlözer’s erregter Natur bald zu Conflicten mit dem Akademiker Müller, dessen Haus er im Mai 1762 wieder verließ, mit Büsching, mit dem gefeierten Dichter Lomonossow, dessen historische Arbeiten und Verse er kritisirte. Seine Stütze in der Fremde wurde Taubert, der bei der Akademie ein angesehenes Amt bekleidete und sich der Gunst ihres Präsidenten, des Grafen Rasumowsky, erfreute. Auf seine Verwendung wurde S. besoldeter Adjunct der Akademie und Lehrer an der Erziehungsanstalt, die der Graf für seine Söhne und die einiger anderer Adelsfamilien begründet hatte. Die jungen Russen erwiesen sich lernbegierig, anstellig und dankbar, und nach dem Aufhören jener Schule nahm sich Kozlov, der Vater eines der Zöglinge, auf Taubert’s Vorstellung Schlözer’s gegen die Ränke der Akademiker, namentlich Lomonossow’s, an, die ihm seine für russische Geschichte und Statistik gesammelten Papiere vor einer Urlaubsreise mit Beschlag zu belegen gedachten. Die Kaiserin Katharina[WS 2], durch Kozlov mit Schlözer’s Schicksal bekannt gemacht, ließ durch ihren Geheimsecretär Teplov die Sache untersuchen, erhob durch Cabinetsordre [570] vom Januar 1765 S. zum ordentlichen Mitglied der Akademie und bestellte ihn zunächst auf fünf Jahre zum Professor der russischen Geschichte mit einem Gehalte von 850 Rubeln. Schlözer’s Verehrung für die Kaiserin, sein Glaube an die neue Welt unter Katharina II. stand seitdem unerschütterlich fest. Da aber von der Orientreise, dem alten Lieblingsplane Schlözer’s, die Kaiserin so wenig als sonst Jemand in Rußland etwas wissen wollte, zerschlug sich das Project, mit dem er sich mehr als neun Jahre getragen. Ohne ein großes Ziel, ohne einen alle Gedanken beherrschtnden Arbeitsplan konnte dieser feurige Geist nicht leben, und so hatte er, der sich voll Stolz einen Schmied seines eigenen Glückes nennt und die auf der Anciennetätsbrücke fortrutschenden Menschen verachtet, schon länger neuen umfassenden und selbstgestellten Aufgaben sich zugewendet. Das Land, in dem er sich aufhielt, seine Geschichte und Zustände hatten ihn von Anfang an zu gelehrten Forschungen angeregt, und mit verdoppeltem Eifer verfolgte er sie, seitdem er besondere Ursache zur Dankbarkeit gegen dies Land hatte. Nach dem Muster des Tabellenwerks, das er in Schweden kennen gelernt hatte, regte er die Anlegung von Kirchenlisten an und stellte selbst die Muster zu Verzeichnissen der Geborenen, Getrauten und Gestorbenen her. Gestützt auf Süßmilch, den Schweden Wargentin u. A. arbeitete er im Auftrage Taubert’s den Plan eines Tabellencomtoirs, eines statistischen Bureaus, für Rußland aus. Aber nur einzelne seiner Vorschläge gelangten damals und später zur Ausführung, und zu seinem Bedauern blieb man bei seinen Entwürfen stehen, anstatt sie durchzuarbeiten und zu vervollkommnen. Erfolgreicher, wenngleich das Ergebniß erst viel später hervortrat, war seine Thätigkeit auf dem ihm durch die Cabinetsordre der Kaiserin recht eigentlich zugewiesenen Arbeitsfelde der alten russischen Geschichte. Hier handelte es sich um eine kritische Sichtung und Feststellung der Thatsachen der ältesten Zeit, die in Aufzeichnungen überliefert waren, welche alle auf den Namen eines im 11. Jahrhundert lebenden Mönchs Nestor[WS 3] gingen. In zahlreichen und unter sich sehr abweichenden Handschriften verbreitet, die größtentheils in alter kirchenslavischer Sprache abgefaßt waren, bot der Nestor eine schwierige, aber auch lohnende Aufgabe für einen Arbeiter, der eisernen Fleiß mit kritischem Scharfsinn zu verbinden wußte. Das war keine Aufgabe für einen russischen Gelehrten der Zeit, für einen jungen Mann, der die Schule von Gesner und Michaelis durchgemacht hatte, ein lockendes Thema. Man begreift es, daß S., als er im Herbst 1767 auf Urlaub ging, alle übrigen Habseligkeiten in Kisten und Kasten verpackte, die beiden Folianten aber, die seine Annalen mit ihrem Variantenapparat enthielten, nicht von sich ließ, sie überall unter dem Arme mitschleppte und in der Koje unter sein Kopfkissen legte, um bei einem Schiffbruche diesen Schatz wenigstens retten zu können. Als er bei seinem ersten Urlaube im Juni 1765 anstatt drei Monate beinahe ein Jahr wegblieb, verbreiteten die Feinde geschäftig das Gerücht von seiner Nimmerwiederkehr; von der zweiten Urlaubsreise im Herbst 1767 kehrte er wirklich nicht mehr nach Rußland zurück, sondern erbat von Deutschland aus, see- und wegemüde wie er war und voll Sehnsucht nach festen und unabhängigen Verhältnissen, unter denen er seine Arbeitspläne ausführen konnte, seinen Abschied. Die Urlaubszeiten hatte er beide vorzugsweise in Göttingen verbracht, das er sich schon als zweite Heimath zu betrachten gewöhnt hatte. Schon 1764 hatte ihm die hannoversche Regierung auf Michaelis’ Fürsprache das Prädicat eines Professor extraordinarius beigelegt, das ihm auf seinen Reisen von Nutzen sein konnte, und dessen Beibehaltung auch nach Annahme einer amtlichen Stellung in Rußland gestattet. Den Entschluß, um seine Entlassung einzukommen, die ihm übrigens in gnädigen Ausdrücken unterm 4. Januar 1770 gewährt wurde, würde S. wol kaum gefaßt haben, wenn ihm nicht eine ordentliche Professur in sicherer Aussicht gestanden [571] hätte. Die Gewinnung Schlözer’s war eine der letzten Handlungen Münchhausen’s für Göttingen. Neben Münchhausen, von dem er nur in schwärmerischen Ausdrücken zu reden pflegte, nennt er sich Strube besonders verpflichtet, und wenn er die Begründer seines Glückes aufzählt, stellt er die drei Namen: Michaelis, Taubert und Strube zusammen. Am 14. Juni 1769 wurde S. zum ordentlichen Professor in der philosophischen Facultät mit einer Besoldung von 540 Thalern ernannt. Im November verheirathete er sich mit Caroline Roederer, die nach dem frühen Tode ihres Vaters (A. D. B. XXIX, 21) mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter, der Wittwe des Professors Wahl, in Göttingen lebte. Bald darauf erwarb er ein eigenes geräumiges Wohnhaus in der Paulinerstraße (Nr. 19). So war der Wanderer, der nach Salem zu wallen vorhatte, der an der Cultivirung des weiten Moscowiterreichs mitzuarbeiten gedachte, im Schatten der Göttinger Johannisthürme, sechzig Schritt von der Bibliothek entfernt, zur Ruhe gelangt.

Die Enge des neuen Lebens, in die S. eintrat, bedeutete nichts weniger als eine Einkehr in stille Gelehrtenthätigkeit, noch eine Abwendung von den Gegenständen seiner bisherigen Beschäftigung. Was er bisher für die Geschichte und Kenntniß Rußlands gethan hatte, war in Göttingen mit lebhafter Anerkennung aufgenommen. Heyne hatte seiner Probe russischer Annalen eine ausführliche Besprechung in den Gel. Anzeigen gewidmet; die philosophische Facultät ihm unter Kästner’s Decanat als fata gentium et linguas philosophico ingenio illustranti 1766 die Doctorwürde honoris causa verliehen. Der königlichen Societät der Wissenschaften gehörte er seit 1761 als Correspondent, seit 1766 als auswärtiges Mitglied an. Dankbar für all’ diese Anerkennung besprach er fleißig in den Gel. Anzeigen neue Erscheinungen der nordischen und russischen Geschichte, führte der Universität russische Studenten und der Bibliothek Geschenke russischer Bücher zu. Die Ernennung Schlözer’s zum Professor sollte nach der Absicht der Regierung sowenig ihn seinem bisherigen Arbeitsfelde entfremden, daß sie vielmehr gerade die Fortsetzung der russischen Arbeiten und ihre Publication in den Göttinger Schriften von ihm erwartete und Göttingen dadurch zu einer Vermittlerstellung auch für die Kenntniß der russischen Litteratur zu erheben hoffte. Die russischen Arbeiten von S. wurden denn auch in Göttingen zunächst fortgesetzt. Die 1768 erschienene „Probe russischer Annalen“ hieße richtiger eine Einleitung in den Nestor, denn die vier Abhandlungen, welche sie vereinigt, beschäftigen sich mit dem Leben und den Schriften Nestor’s, dem Begriff der alten russischen Geschichte, ihren Quellen und den Annalen insbesondere. Von einer Ausgabe des Nestor folgte nicht mehr als ein einen Bogen starker, auf Schlözer’s Kosten veranstalteter Probedruck: „Annales Russici“ (Göttingen 1769). Zur allgemeinsten Orientirung über russische Geschichte waren die zierlichen Bändchen „Tableau de l’histoire de Russie“ und eine „Geschichte von Rußland bis zur Erbauung Moskaus im J. 1147“ (Göttingen 1769) bestimmt. Einen rechten Gegensatz dazu bildet das „Neuveränderte Rußland oder Leben Catharinä der Zweyten“ (2 Thle. und 2 Thle. Beilagen, 1769–72): eine Sammlung von Actenstücken und amtlichen Darstellungen zur Beleuchtung der Reformen der Kaiserin, ein erster Ansatz statistischer Publicationen, wie sie S. später mit besonderer Vorliebe veranstaltete, unter dem Namen seines mütterlichen Großvaters, Haigold, edirt. Eine kleine Schrift: „Oskold und Dir“ (Göttingen 1773) mit dem Nebentitel: erste Probe russischer Annalen, behandelt ein Capitel aus Nestor, um die mangelhafte Kritik der früheren Bearbeiter russischer Geschichte darzuthun und eine Lanze mit Büsching zu brechen, der, ein Freund G. F. Müller’s von Petersburg her, von früh an sich zu S. in ein unfreundliches Verhältniß gesetzt hatte und jedem seiner Schritte mit der Miene überlegenen Besserwissens in den [572] Weg trat. Was Büsching in seiner Biographie Müller’s (Lebensbeschreibung denkwürd. Personen, Bd. 3) von S. Nachtheiliges zu berichten weiß, hat an dem Zeugniß Scherer’s, dessen Unglaubwürdigkeit Büsching selbst zugesteht, eine sehr unzuverlässige Stütze. Auch die Schrift: „Historische Untersuchung über Rußlands Reichsgrundgesetze“ (Gotha 1777), im wesentlichen eine Geschichte der Thronfolge in Rußland, ist von Polemik gegen Büsching, der ihm vorgeworfen hatte, über Dinge zu urtheilen, auch wo er sie nicht verstände, durchzogen. Im vortheilhaften Gegensatz zu dem Auftreten Büsching’s steht die hohe Achtung, mit der S. von den Verdiensten Büsching’s redet und der ehrenvolle Nachruf, den er ihm in dem Fragment seiner Selbstbiographie gewidmet hat. Die umfassendste Arbeit dieses ganzen Gebiets ist Schlözer’s allgemeine nordische Geschichte, im 31. Theile der allgemeinen Welthistorie (Halle 1771). S. hat noch einen weiteren Band der Sammlung, Bd. 50, die Geschichte Lithauens, besorgt (Halle 1785); während aber dieser nichts als eine Compilation ist, hat der die nordische Geschichte behandelnde Band zum Theil wenigstens selbständiges Verdienst, während er sich im übrigen darauf beschränkt, die Untersuchungen nordischer Forscher zu übersetzen. Das Buch erhielt warmes Lob; man stellte es den Werken von Mascov und Olenschlager an die Seite, und das in einem so kritisch ausgelegten Organe, wie den jungen Frankfurter gelehrten Anzeigen, zum nicht geringen Leidwesen des Mitarbeiters Herder, der mit seinem Freunde Heyne in Göttingen Schlözer’s Nord- oder Mordgeschichte und ihren compilatorischen Geist scharf verurtheilende Briefe wechselte. Oeffentlich angegriffen wurde sie durch den jungen Schweden Thunmann, Professor in Halle, der sich gegen Schlözer’s Mißgriffe hinsichtlich der Slaven des nördlichen Deutschlands wendete. Im übrigen gestaltete es sich zu einem der Hauptverdienste Schlözer’s, die Idee Leibnizens, die Völker nach ihren Sprachen zu gruppiren, auf die im russischen Reiche vereinigten Völker hier zuerst angewandt zu haben. Die fernere Beschäftigung mit der nordischen und russischen Geschichte mußte vor den Aufgaben in den Hintergrund treten, welche ihm der Beruf des öffentlichen Lehrers auferlegte. Schlözer’s Hauptvorlesung bildete in den ersten zwölf Jahren seiner akademischen Wirksamkeit die allgemeine Weltgeschichte. Bis 1782 laß er sie jedes Semester. Einen Vorschlag zu alterniren hatte Gatterer, der sich bis dahin im Alleinbesitz fand, abgelehnt. Die Folge war, daß Gatterer durch den neuen Collegen völlig zurückgedrängt wurde und eine Vorlesung, bis dahin vor 20 bis 30 Zuhörern gehalten, eine mehr als dreifache Zahl gewann. Unklug genug führte Gatterer auswärts und daheim öffentlich bittere Klage über diese Concurrenz. S. setzte dem eine „Species Facti“ anhangsweise in der Vorstellung seiner Universalhistorie Th. II (Göttingen 1773) entgegen, worauf Gatterer in einer Antwort auf die Schlözer’sche Species Facti (Göttingen 1773) replicirte, ohne die Sache zu verbessern. Die Studenten hörten eben lieber den frisch und kräftig neben aller Gelehrsamkeit auftretenden Docenten als den bloß gelehrten Mann. Mit Beginn der neunziger Jahre gab S. die universalhistorische Vorlesung, in der er seit 1783 mit Spittler alternirt hatte, auf und zog sich auf die statistischen und politischen Fächer zurück. Als Spittler 1797 Göttingen verließ, nahm S. die historischen Vorlesungen wieder auf, aber doch nur, um sie nach kurzer Zeit an Heeren zu überlassen. Neben der historia universalis weisen Schlözer’s Ankündigungen in den Anfangsjahren eine große Mannichfaltigkeit von Vorlesungen auf: neben mecklenburgischer, hamburgischer, göttingischer Geschichte eine Geschichte der Schweiz, Italiens, der nordeuropäischen Völker, Asiens, Arabiens, eine Geschichte der vornehmsten Erfindungen wie des Feuers, des Brotbackens, der Schrift, des Papiers und des Pulvers neben der des Handels und des Postwesens. Der Tod Achenwall’s bewirkte eine wesentliche Aenderung [573] in Schlözer’s Docententhätigkeit. Im Winter 1772/73 las er freiwillig an dessen Stelle über Statistik, Politik und neuere Staatengeschichte und erfreute sich großen Beifalls. Auf Pütter’s Vorstellung forderten ihn im nächsten Sommer die geheimen Räthe auf, damit fortzufahren, um allen Bedacht auf Wiederbesetzung der Stelle Achenwall’s aufgeben zu können. S., versucht der Sache eine großartigere Wendung zu geben, legte den Plan eines cursus politicus vor, und da die Unterhaltung eines statistischen Cabinets mit Münzen, Landesproducten, Zeitungen, Flugschriften, einen großen Aufwand erfordere, auch der Docent durch Briefwechsel und statistische Reisen sich auf dem Laufenden erhalten müsse, erbat er den Charakter und Gehalt Achenwall’s. Das erschien der Regierung denn doch zu voreilig; er erhielt eine mäßige Gehaltserhöhung, den Auftrag, die bezeichneten Vorlesungen Achenwall’s zu halten und, obschon das Bedürfniß des nächsten Wintersemesters Pütter’s Vorstellung ursprünglich veranlaßt hatte, Urlaub zu einer Reise nach Paris. Seit 1774 bildeten Statistik, Politik, neuere europäische Staatengeschichte oder historia omnis Europae, wie sie im Gegensatz zu der gleichfalls häufig vorgetragenen Geschichte des nördlichen Europa’s hieß, Schlözer’s regelmäßig wiederkehrende Vorlesungen. Ab und zu trat in den Cyclus das Reisecollegium, bald mit, bald ohne Zeitungscollegium. Ein 1777 veröffentlichter Entwurf belehrt über deren Zweck und Inhalt. Schon die lateinische Bezeichnung: ars exteras regiones utiliter visitandi gibt die nöthige Erklärung des ersteren; das Zeitungscolleg oder statistice novissima bestand nicht etwa in einem Vorlesen oder Kritisiren der neuen Zeitungen, sondern der Hauptsache nach in einer historisch-politischen allseitigen Erläuterung der wichtigsten gerade schwebenden öffentlichen Angelegenheit. Zu den genannten Vorlesungen gesellte sich später: allgemeines Staatsrecht, aus einem der Politik vorausgeschickten Abriß entstanden. Nach dem Aufgeben der Weltgeschichte zerlegte S. den politischen Cursus in zwei Theile, Verfassungslehre und Verwaltungslehre, und schloß der ersteren politische Encyclopädie und allgemeines Staatsrecht an. In öffentlichen Vorlesungen behandelte er nebenher hervorragende Einzelerscheinungen der Geschichte oder Materien der Volkswirthschaft, oft unter dem unmittelbaren Einfluß der Zeitereignisse: die französischen Colonieen in Nordamerika (1774), Cromwell[WS 4] (1781), die Revolutionen der vereinigten Niederlande (1786), die französische Staatsveränderung (1790), Banken (1788), das streitige Recht der Handelsschiffe im Kriege (1794), den Luxus (1801). Wiederkehrender Gegenstand öffentlicher Vorlesungen war die Lehre von den Staatsformen. In dem letzten Jahrzehnt seines Lebens ebbte die frühere Fluth und, wie es die litterarische Thätigkeit erklärlich macht, wurde die russische Geschichte und Statistik bevorzugt.

Schlözer’s Vorlesungen erfreuten sich eine Zeit lang des größten Beifalls. Seine Lehrgabe, seine nicht bloß aus Büchern stammenden Kenntnisse, der Blick, den er in fremde Länder und Verhältnisse gethan, seine feste, männliche, unter schwierigen Verhältnissen bewährte Persönlichkeit sammelte bald eine große und enthusiastische Zuhörerschaft um sein Katheder. „Die origines inventorum mußte ich diesen Sommer im öffentlichen großen Auditorio lesen; gemeiniglich waren über 300 Zuhörer“, schreibt er im September 1772 an J. Müller; und im December desselben Jahres: „In meiner Statistik sitzen hundert, die andern mußte ich abweisen.“ In einem Briefe an den preußischen Minister v. Zedlitz aus dem Winter 1778–79 spricht er von seinen mehr als 200 Zuhörern in 21/2 Privatcollegien – er las damals Weltgeschichte, Politik und Zeitungs- nebst Reisecolleg –. Zur richtigen Würdigung dieser Angaben muß man sich erinnern, daß die Gesammtzahl der Göttinger Studirenden von 1770 bis 1790 sich durchschnittlich zwischen 800 und 900 bewegte. Schlözer’s Vortrag wird von den Zeitgenossen als höchst lebendig und originell geschildert. Er suchte seine Zuhörer [574] nicht bloß zu belehren, sondern auch für seine Ideen zu gewinnen, sie zum Kampf gegen Geheimnißkrämerei, Schlendrian und jegliche Art von Willkür zu ermuntern. Er machte ihnen Muth zu eigenen Untersuchungen und Urtheilen. Den draußen Stehenden, die den jungen Docenten nur nach seinen litterarischen Fehden kannten, hält wohl ein Zuhörer für nöthig, zu berichten, daß S. auch ein bedeutender Gelehrter sei, und altklug setzt er hinzu: was noch nicht ist, kann noch werden. Auf empfängliche Gemüther wirkte er begeisternd. Schlözer der Große oder Montesquieu-Schlözer heißt er bei dem jungen Schweizer Joh. Müller, einem seiner frühesten Schüler, der durch ihn der Geschichte gewonnen wurde und seine erste Schrift, Bellum Cimbricum (Turici 1772), praeceptori olim jam amico widmete. In der Vorlesung über Cromwell, zu der sich die Menge drängte, daß man glaubte, es sei eine Feuersbrunst in der Nähe, rührte er durch seine Schilderung der Hinrichtung Karl’s I.[WS 5] die Zuhörer zu Thränen. – Um vollständig zu sein, darf aber auch der Niedergang nicht verschwiegen werden. Nachdem Spittler nach Göttingen gekommen war und die ersten Schwierigkeiten überwunden hatte, sank Schlözer’s Beifall sehr erheblich. In der Zeit, da seine Celebrität als Journalist auf ihrem Gipfel stand, klagten die Zuhörer wol über Wiederholungen und mangelhafte Anordnung des Vortrags. Auch soll die Zerlegung des cursus politicus der bis dahin 60–80 Zuhörer gefunden hatte, in zwei Theile ungünstig auf den Besuch eingewirkt haben. Der junge K. F. Eichhorn, den S. sehr in sein Herz geschlossen hatte, erzählt, wie er selbviert im Sommer 1800 die Vorlesung über Politik aufrecht erhalten habe. Doch hat S. die Docententhätigkeit auch im letzten Jahrzehnt seines Lebens noch erfreuliche Momente gewährt.

Mit der Lehrthätigkeit ging die schriftstellerische Hand in Hand. Gleich zu Anfang seiner Göttinger Wirksamkeit veröffentlichte S. eine „Vorstellung seiner Universalhistorie“ (Göttingen 1772), die neben dem Ideal – wir würden sagen: Entwurf oder Programm – einer Weltgeschichte eine Probe der Ausführung in der Weise giebt, daß die Hauptvölker der alten und neuen Geschichte nach einander in Umrissen geschildert werden. Das Büchlein ist der erste Wurf auf dem Gebiete der Universalgeschichte, deren Probleme ihn und andere Zeitgenossen viel beschäftigt haben. Noch zweimal ist er zu dem Thema zurückgekehrt, ohne jedoch je über die Form des Grundrisses hinaus zu gelangen. Die zweite veränderte Auflage der „Vorstellung“ erschien 1775; die dritte noch weiter umgestaltete erhielt den Titel: „Weltgeschichte nach ihren Haupttheilen im Auszug und Zusammenhange“ (2 Thle., Göttingen 1785–89) und wurde 1792–1801 neu aufgelegt. Ein richtiges Bild der Weltgeschichte zu gewinnen hält er es für erforderlich, die Ereignisse zweimal vorzuführen, erst ethnographisch, dann synchronistisch. Das Buch der Schicksale der Welt soll einmal nach der Länge, dann nach der Breite gelesen werden. Als Vorarbeit verlangt er eine geographische, historische und statistische Beschreibung aller beschreiblichen Völker des Erdbodens alter und neuer Zeiten; etwa 200 einzelne Völkergeschichten, deren jede, bloß Facta ohne Raisonnement enthaltend, sich auf einen halben Bogen zusammenpressen lassen und die Gesammtheit nicht mehr als ein einziges Buch von 4–5 Alphabeten in Anspruch nehmen wird. Aus dem Aggregat der zweihundert Völkergeschichten soll dann ein System, eine synchronistische Darstellung jedes Zeitalters hervorgehen. Läßt der ethnographische Theil erkennen, wie unsere Staaten entstanden sind, so der synchronistische, wie sich unsere Cultur entwickelt hat. Die Weltgeschichte nach seinem Plan beschränkt sich auf Alterthum und Mittelalter, einen nach Ausscheidung der neueren Geschichte, die der Specialgeschichte anheimfällt, 2000 Jahre umfassenden Zeitraum, der mit Cyrus beginnt, denn erst von da ab wird die Welt universalhistorisch, und mit der Entdeckung [575] Amerika’s endet. Christi Geburt bildet den Einschnitt, von dem er vor und rückwärts rechnet: eine Eintheilungs- und Zählungsweise, die so selbstverständlich geworden ist, daß man sich selten daran erinnert, daß sie erst durch S. in Gebrauch gebracht worden ist. Von seinem Programm hat S. in den genannten Schriften nur zweierlei ausgeführt: die Aufstellung eines Verzeichnisses der Hauptvölker, deren Geschichte zu bearbeiten sein würde, und eine Charakterisirung der wichtigsten Perioden und Vorgänge ihrer Geschichte. Das letztere ist der interessanteste Theil seiner Arbeit. Sie zeigt eine große Kunst des Zusammenfassens und scharfen Charakterisirens ganzer Völker und ganzer Zeitabschnitte. Er erstrebt Uebersichtlichkeit, leichte Behaltbarkeit des Stoffes und sucht ihr durch Tabellen, Karten, Abrundung der Jahreszahlen nachzuhelfen. Die pädagogische wie die statistische Ader Schlözer’s machen sich geltend. Zu dem synchronistischen Aufbau ist es gar nicht gekommen. Man ist deshalb noch nicht berechtigt, Schlözer’s universalhistorische Arbeiten gering zu schätzen. Sie haben auch den Beifall des deutschen Publicums gefunden, und wenn sie nach einem Menschenalter, wie S. selbst 1802 klagt, vergessen waren, so verdient doch seine originelle und würdige Ansicht von der Aufgabe der Weltgeschichte noch heute Beachtung. War er zur Statistik durch den Aufenthalt in Schweden, so ist er zur Universalhistorie durch den in Rußland angeregt worden. Und das ist für seine ganze Methode bedeutsam. Das Lernbedürfniß junger Leute, die nicht nach Art deutscher Schüler mit Daten und Zahlen bepackt werden durften, nöthigte ihn, die Universalhistorie gewissermaßen zu condensiren, Facta zweckmäßig auszuwählen und zusammenzustellen. Da es sich um den Unterricht junger Russen handelte, mußte er andererseits die Geschichte von Völkern berücksichtigen, die den bisherigen Bearbeitern der Weltgeschichte fern lagen. Form und Inhalt seiner Thätigkeit haben von den russischen Anfängen und Versuchen ihre Richtung empfangen. Das Ausziehen und Zusammenpressen von geschichtlichen Thatsachen wird ihm überall Bedürfniß. Eine pragmatische Handelsgeschichte von Leipzig, die ihm zur Hand kommt, benutzt er zur Herstellung einer „Kleinen Chronik von Leipzig“, von der allerdings nur ein erster bis 1466 reichender Theil erschienen ist (Leipzig 1766). Der Inhalt seiner weltgeschichtlichen Arbeiten ist ausgezeichnet durch die Erweiterung des Schauplatzes. Er geht aus von der Einheit des Menschengeschlechts; seine zerstreuten Theile haben in allen Zeitaltern ineinander gewirkt, oft durch Verbindungen, die nur dem Forscher kenntlich sind. Der extensive Standpunkt, den er einnimmt, hat seine Gefahren und seine Vortheile. Er verleitet zur Mißachtung der Völker, die nur auf einem kleinen Raume gewirkt haben, und zur Ueberschätzung der großen Staaten. Die Griechen sind ihm das feinste Volk der alten Welt, aber deswegen nicht das gescheuteste noch das erste Volk des Erdbodens. Die meisten griechischen Staaten waren klein und ohnmächtig und hatten eine unglückliche demokratische Regierungsform: beides setzte sie außer Stand, einen langen Zeitraum hindurch die Werke großer Staaten zu thun. Der weite Raum, den er überblickt, führt ihn aber auch zum Aussuchen des Gemeinsamen in den weltgeschichtlichen Erscheinungen, zu Parallelen und Combinationen, die, mögen sie mitunter auch bloß frappant sein, doch auf sonst übersehene Momente hinweisen. Hatte man bisher bloß politische Ereignisse in die Weltgeschichte gezogen, so dringt er mit Nachdruck auf die Berücksichtigung der culturgeschichtlichen Zusammenhänge, wenn er gleich diesen Ausdruck noch nicht kennt. „Erfinder sind die Lieblingsgegenstände der Weltgeschichte, Könige, falls sie nicht zugleich Erfinder sind, nützt sie bloß wie chronologische Krücken.“ „Die Gänge der Verbindung unter den Völkern suchte sonst der Weltgeschichtsforscher bloß auf Heerstraßen, wo Conqueranten und Armeen unter Paukenschall marschirten; nun sucht er sie auch auf Nebenwegen, wo unbemerkt [576] Kaufleute, Apostel und Reisende schleichen.“ In dem synchronistischen Theile war es recht eigentlich auf die historia inventorum abgesehen, die S. schon früh zum Gegenstand seiner Vorlesungen machte. Daneben legte er hohen Werth auf die Wanderungen der Pflanzen und Thiere, die Einbürgerung der Culturgewächse, der Hausthiere, eine Anregung, die er dem naturgeschichtlichen Studium in Schweden, dem großen Linné dankt, der Naturgeschichte und Weltgeschichte miteinander in Verbindung setzte. Hat S. also nach der einen Seite den Begriff der Weltgeschichte verengt, so hat er ihn nach der anderen erweitert. Ueber Gebühr, wird man hinzusetzen dürfen; denn nicht bloß die Revolutionen des menschlichen Geschlechts, sondern auch die des Erdbodens machen nach seiner Definition die Materie der Weltgeschichte aus. Und sehr zum Nachtheil der Arbeiten des Autors gereicht es, wenn er, der den Anfang der Weltgeschichte in die Gründung des persischen Reichs gesetzt hat, nun doch wieder auf die Skizzirung der Urwelt, dunkeln Welt und Vorwelt so viel Zeit und Kraft verschwendet, daß für das Folgende wenig übrigbleibt.

Zur richtigen Würdigung von Schlözer’s universalhistorischen Büchern darf man nicht vergessen, daß sie Grundrisse waren, deren Ausfüllung der mündlichen Rede vorbehalten blieb. Das wollte der Titel „Vorstellung seiner Universalhistorie“ besagen, an dessen einzelnen Worten eine von Herder verfaßte Recension der Frankfurter Gel. Anzeigen (Juli 1772) kleinlich herummäkelte. So entgegengesetzt auch der geschichtsphilosophische Standpunkt Herder’s und der Pragmatismus Schlözer’s, die ästhetische Geschichtsauffassung des ersteren und der didaktisch-praktische Zweck des letzteren sein mochten, die krause, springende, nörgelnde Kritik, die Herder Schlözer’s Buch angedeihen ließ, war nicht die berechtigte Form öffentlicher Besprechung. Die Vorwürfe, welche er in der ihm damals eigenen rhapsodischen Weise erhob, waren auch offenbar mehr als gegen die einzelne Schrift gegen den Autor als solchen gerichtet, der manchem, auch in Göttingen unbequem zu werden anfing. Man geht nicht irre, wenn man Heyne’s Hand mit im Spiele vermuthet, den Herder zu Anfang des Jahres 1772 von Bückeburg aus besucht hatte. Die Gegnerschaft, in der beide damals gegen J. D. Michaelis standen, übertrug sich auf dessen Schüler und Freund, „den leibhaften Ritter St. Georg aus Rußland“ neben dem „Erzengel Michaelis“. Schlagfertig antwortete S. in einem zweiten Theile der „Vorstellung seiner Universalhistorie“ (Göttingen 1773), der reichlich grob, auch nicht ohne einen denunciatorischen Beigeschmack, aber gründlich und treffend die Schwächen des Gegners geißelte. Die Freunde Herder’s, Hamann, Lavater, Claudius forderten brieflich und öffentlich zur Fortsetzung der Polemik auf, aber Herder meinte besseres zu thun zu haben, denn tollen Hunden als Christ zu antworten, zumal der Gegner in’s Ausland gegangen sei. Man wird dem Urtheil des Biographen Herder’s beistimmen müssen, der Schlözer’s Schrift als die im Grund verdiente Zurückweisung eines leichtfertigen Angriffs charakterisirt. Wenn R. v. Mohl im Interesse Schlözer’s die Schrift gegen Herder aus seinem Leben streichen möchte, so vergißt er, daß S. in diesem Falle der Angegriffene war, und der Angreifer, der gegen Heyne gemeint hatte, S. werde den Göttingern noch einmal viel zu schaffen machen, später in wiederholten Aeußerungen die Bedeutung des Mannes anerkannt hat, der kein anderer geworden war und sich nur consequent entwickelt hatte.

Zwischen den beiden mit dem Historiker S. sich beschäftigenden Recensionen hatten die Frankfurter Anzeigen eine pädagogische Schrift desselben Verfassers besprochen, in einem Tone, der die Mitte hält zwischen dem Lobe der ersten und dem höhnischen Tadel der zweiten. S., voll Antheil an allen Bewegungen der Zeit, konnte nicht von den Kämpfen unberührt bleiben, die dem Lieblingsthema des Jahrhunderts, den Erziehungsfragen, galten. Jahre lang hatte er [577] sich praktisch mit Unterrichten, Lehren, Erziehen beschäftigt, zum Theil unter Verhältnissen, in denen er selbst neue Mittel und Wege angeben mußte, um zum Ziele zu gelangen. In den ersten Semestern seiner akademischen Wirksamkeit hatte er auch über Pädagogik gelesen und dabei Joh. Peter Miller’s Grundsätze einer weisen und christlichen Erziehungskunst (Leipzig 1769) als Leitfaden benutzt. 1771 übersetzte er das Werk des Präsidenten de la Chalotais, Essai d’éducation nationale in dem „Versuch über den Kinderunterricht“ (Göttingen 1771) und begleitete es mit einer langen Vorrede und zahlreichen Anmerkungen, die alle gegen Basedow und seine Reformvorschläge, die Ausschließung der Religion, der Mathematik und der Geschichte vom Unterricht, die Aufnahme einer Belehrung über das Entstehen des Menschen, das kindische Wesen in der Behandlung der Unterrichtsgegenstände gerichtet sind. Um positiv zu zeigen, welche Unterrichtsweise er für zweckmäßig hält, hat er eine Reihe Kinderschriften verfaßt: „Le jouet des jolis petits garçons“ und „des petites filles“, „Neujahrsgeschenk aus Jamaica für ein Kind in Europa“ (Göttingen 1780), „Neujahrsgeschenk aus Westfalen für einen teutschen Knaben“ (1784) und eine „Vorbereitung zur Weltgeschichte für Kinder“ (1779). Die Bücher, zunächst für die eigenen Kinder geschrieben – Geschichtschreiber Dortchens und der russischen Monarchie, redet ihn J. Müller einmal an – sind von verschiedenem Werthe. Den Geschichtsbüchern fehlt der erzählende Ton. Nützliche Kenntnisse mögen sie immerhin verbreitet und auf die Gemüther der Kinder gewirkt haben. Ein Buch, das anfängt: Deutscher Junge, lerne dein deutsches Vaterland kennen, sonst bist du nicht werth ein Deutscher zu sein, und das ihn ermahnt: hasse nie einen Ketzer, der weiter nichts als Ketzer ist, der in Religions- oder andern Dingen eine andere Meinung hat wie du – aber wenn du hörst, daß einer theoretisch und praktisch lehrt: ich brauche keiner Obrigkeit zu gehorchen, da, deutscher Junge, wehre dich, schlage zu, haue ein was das Zeug halten will, ein solches Buch wird der junge Leser schwerlich vergessen. Daß aber die Wahl des Stoffes, die Geschichte des Johann von Leiden, und die Art seiner Behandlung für den pädagogischen Tact und Geschmack des Verfassers sprechen, darf man billig bezweifeln. Vortrefflich gelungen ist dagegen das Neujahrsgeschenk aus Jamaica. In Form von Reisebriefen wird eine Schilderung des fremden Landes, Handels, der Producte, der Schifffahrt gegeben, unversehens eine Vergleichung der verschiedenen Culturzustände angestellt, alles das in außerordentlicher Anschaulichkeit, obschon es doch nur aus Reisebeschreibungen zusammengestellt ist. Den größten Beifall unter Schlözer’s Kinderbüchern hat sich die Weltgeschichte erworben, die nach allgemeinen Betrachtungen über Welt, Geschichte, Entstehung von Staaten die Urwelt behandelt und bis zur Sündfluth gelangt. So seltsam uns dies Büchlein erscheint, „Gottes und des Publici Segen haben zur Freude des Verlegers und des Autors über dies Büchlein gewaltet“, so daß der erste Theil 1779 bis 1806 in sechs Auflagen erschienen und in verschiedene fremde Sprachen übersetzt ist. Der neunjährige Friedrich Wilhelm III. von Preußen, der auch mit dieser Speise genährt wurde, hat nach Zedlitzens Zeugniß an der von Regenten redenden Stelle, die unbekümmert um ihr Amt nur essen, trinken, schlafen und sich Plaisirs machen, auf französisch: un roi fainéant, zu deutsch: eine gekrönte Schlafmütze heißen, sich mächtig erfreut. Im rechten Gegensatz zu der spielenden und tändelnden Unterrichtsweise Basedow’s hielt S. auf ein strenges, regelrechtes Lernen und suchte an seiner Tochter Dorothea zu zeigen, daß selbst Mädchen einer gelehrten Erziehung fähig seien. Von früh auf nimmt er ihren Unterricht in seine Hand; triumphirend berichtet er den Freunden, daß das kaum anderthalbjährige Kind über 87 Wörter und 192 Ideen verfüge; daß es [578] 25 Monate alt und so klein als wäre es 15, mit seinen Eltern um den Wall spazieren gehe und discurire als wäre es sechs Jahre alt. Zu sieben Jahren sang und zu acht spielte Dortchen Clavier in einem öffentlichen Concerte. Das Wunderkinderthum hat es dem Vater offenbar damals angethan. Es ist sonst nicht zu verstehen, wozu er „das 1726 erschienene merkwürdige Ehrengedächtniß Christian von Schönaichs über den vierjährigen Christian Heineken von Lübeck“ nach fünfzig Jahren abgekürzt wieder abdrucken ließ (1779). Lesen lernt seine Tochter nach einer von ihm selbst verfaßten Fibel: „Dortgens Reise von Göttingen nach Franken und wieder zurück.“ Mathematik begann sie vor dem siebenten Jahre bei Joh. Nicol. Müller und Kästner stellte in der Vorrede zu dessen Vorbereitung zur Geometrie für Kinder (Göttingen 1778) das für Schülerin und Lehrer ehrende Zeugniß aus, das A. D. B. XXIX, 1 abgedruckt ist. Geschichte studirte sie unter Anleitung des Vaters aus den bändereichsten und trockensten Werken; schöne Litteratur wurde ihr ängstlich fern gehalten: aus der französischen Litteratur las sie die Henriade; als sie Lateinisch und Griechisch zu treiben begann, wurden die ehrbarsten Autoren vorsichtig ausgewählt. Im 17. Lebensjahre konnte sie sich in zehn Sprachen ausdrücken und über wissenschaftliche Gegenstände mit Männern unterhalten; aber Pütter ertheilt ihr gelegentlich ihrer Anwesenheit in Frankfurt 1790 bei dem großen Stelldichein der diplomatischen und gelehrten Welt, das die Kaiserkrönung Leopold’s II. herbeiführte, das Lob, daß sie zwar keine Antwort schuldig blieb, aber mit ihren gelehrten Kenntnissen keine Prätension machte, wie vielleicht manche andere an ihrer Stelle gethan haben möchte. Bekanntlich war sie damals schon seit drei Jahren in der philosophischen Facultät examinirt und promovirt. So ernsthaft die Prüfung verlaufen war, wie der in den Annalen von Jacobi und Kraut (1787) veröffentlichte Hergang des Examens beweist, die Sache selbst wurde doch durchgehends als ein Beweis der Eitelkeit des Vaters aufgefaßt und gab auswärts zu dem lächerlichen Gerücht Anlaß, S. lasse seine Tochter Collegia lesen. Von ihrer soliden Tüchtigkeit und Gelehrsamkeit zeugt die Beihülfe, die sie ihrem Vater bei seinen Arbeiten leistete. In seiner russischen Münzgeschichte (1791) hat sie alle Reductionen der Angaben aus der russischen Münzsprache in die dem deutschen Leser geläufige ausgeführt. Der Vater bezeichnete sie gern als seinen Antibasedow; vor den Gefahren des väterlichen Experiments ist sie durch ihren Geist und ihre vorzüglichen Anlagen, die ihr auch die guten Freundinnen wie Caroline Michaelis nicht absprechen können, nicht weniger durch ihre kräftige physische und geistige Constitution bewahrt geblieben. Ihnen hatte sie es zu danken, daß sie trotz einer Erziehung, der Kinderfreude und Kinderspiele fehlten, sich im weiteren Leben unverkümmert entwickelte und glänzend bewährte. – Der Kampf Schlözer’s mit Basedow wurde durch die Einmischung eines Göttinger Collegen verbittert. Eine so rücksichtslos und selbstbewußt in die Oeffentlichkeit tretende Persönlichkeit wie S. gab der Spottsucht reichliche Nahrung. Kästner’s Stachelreden haben nie geruht, seit S. in der Probe russischer Annalen die Mathematik für die unmittelbare Aufklärung einer Nation unfruchtbar genannt hatte. Kästner replicirte mittelst einer Rede: über den Gebrauch des mathematischen Geistes außer der Mathematik, die er in einer Sitzung der deutschen Gesellschaft vortrug, zu welcher er S. speciell eingeladen hatte. Hielt sich diese Rede noch rein sachlich, so ware eine jüngere, ebenda gehaltene: ob die Mathematik etwas zur Humanität beitrage? voll von versteckten Bosheiten, sprach von Gelehrten, die keine Staatsleute sind, wenn sie auch Peter Haigolde wären, von neueren Pädagogen, die mit runden Jahreszahlen jungen Leuten die Historie leicht zu machen suchen. Schon 1768 war der Conflict so arg geworden, daß S. sich mit einer Beschwerde an das Universitätscuratorium wandte. Es [579] beweist für die Werthschätzung, die ihm der den Frieden über alles liebende Münchhausen erwies, wenn er ihn ungeachtet dieses Conflicts 1769 zum Professor machte. Kästner, in milder Form angewiesen, sich künftig in besseren Schranken zu halten, ging gegen den, der nun sein College geworden war, alsbald von neuem vor, schrieb an den jungen Euler nach Petersburg in einem zu Schlözer’s Kenntniß gekommenen Briefe, S. habe sich früher in die Göttinger Societät der Wissenschaft durch bloß versprochene, aber nicht gelieferte Arbeiten eingelogen und verhinderte es, daß S. jetzt als ordentliches Mitglied der Societät aufgenommen wurde. Man versteht alle diese Kämpfe und Treibereien nur, wenn man zugleich all die kleinen und großen Gegnerschaften und Coterieen der Zeit und des Ortes kennt. Michaelis und S. standen zusammen, wie Kästner in der ersten jener Reden nicht ohne Absicht: berühmte Schriftausleger ohne den Geist der Religion und Geschichtschreiber ohne die Gabe zu erzählen neben einander nennt. Heyne, Gatterer, Kästner hielten ihnen gegenüber zusammen. Hatte Michaelis S. zum Kampfe mit Basedow angeregt, so secundirte nun Kästner Basedow in Versen und Prosa, verwies ihm Göttingens Pädagogen den zu nennen, der in Göttingen Niemanden als seine Frau gezogen habe, tröstete: Vielleicht ist Basedow ein Irrender, ein Ketzer, Doch edel, Menschenfreund und ganz gewiß kein Sch-wätzer, ein Wortspiel, das Glück gemacht haben muß, da es Herder ebenfalls verwendet, und ließ mit Anspielung auf Schlözer’s Hauslehrerstellung in Rußland ein Pasquill ausgehen unter dem Titel: Schreiben an den Utschitel von ganz Deutschland (Frankfurt und Leipzig 1772). Auf Schlözer’s Beschwerden erfolgten gewundene Ehrenerklärungen Kästner’s; der Gegensatz blieb und hatte für Schlözer’s Stellung zur Göttinger Societät wie zur Petersburger Akademie widrige Folgen.

Die pädagogische und polemische Thätigkeit Schlözer’s wurde durch eine erfolgreichere und würdigere Beschäftigung unterbrochen. Die Statistik, zu der er schon in Schweden und Rußland wichtige Vorarbeiten und Sammlungen veranstaltet hatte, wurde nach Achenwall’s Tode eines seiner wichtigsten und folgenreichsten Arbeitsgebiete. Wie die Stelle des Lehrers, dessen Vorlesungen er während seines zweiten Göttinger Aufenthalts eifrig gehört hatte, so übernahm er auch dessen Lehrweise. Achenwall’s „Staatsverfassung der heutigen vornehmsten Europäischen Reiche und Völker im Grundrisse“, ein beliebtes Compendium, das schon fünf Auflagen erlebt hatte, legte er zu Grunde und besorgte mit Sprengel zusammen die sechste Auflage (1781). Als er in den letzten Lebensjahren der Vorlesung den Titel: allgemeine und besondere Statistik gab, berücksichtigte er die Staatskunde von Frankreich, England, zuletzt die von Rußland besonders. Die Vorlesungen Schlözer’s fanden großen Beifall. Sie und die Politik nennt er seine einträglichsten Collegia; er rühmt gegen Zedlitz, kein Cavalier geht von Göttingen, ohne sie wenigstens par étiquette zu hören; auf anderen Universitäten kennt man jene beiden Collegia kaum dem Namen nach. Erst am Abend seines Lebens schreitet er zu einer Veröffentlichung: „Theorie der Statistik, Heft 1: Einleitung“ (Göttingen 1804). In der Hauptsache hält er auch hier an Achenwall’s Auffassung und Methode fest, vertheidigt sie gegen ungerechte Angriffe und sucht sie nur in Einzelheiten zu erweitern und zu verbessern. Die kleine geistvolle und anregende Schrift ist die erste selbständige Untersuchung des Begriffs der Statistik; wie sehr er damit einem wissenschaftlichen Bedürfniß entgegenkam, zeigte die große Nachfolge, welche Schlözer’s Vorgang in den nächsten Jahren fand. Im J. 1808 hat er in einer Reihenfolge von Artikeln der Gött. gel. Anzeigen Schriften über den Begriff der Statistik besprochen. In seinen Vorlesungen erörterte er zuerst den Begriff der Statistik und zeigte dann in einigen Proben die Anwendung, während die Lehrer der Statistik bis dahin [580] den entgegengesetzten Weg einschlugen. Die Statistik ist ihm wie den Früheren eine descriptive Wissenschaft, welche die „Merkwürdigkeiten“ eines concreten Staates aufsucht, nur daß er die das Wohl und Wehe eines Staates bestimmenden Factoren weniger eng nimmt, neben der politischen Verfassung die wirthschaftlichen Momente berücksichtigt, alles was sich unter die Formel vires unitae agunt bringen läßt. Auf die Ursachen der geschilderten Staatszustände einzugehen oder Folgerungen aus ihnen zu ermitteln, lehnt er als nicht zur Statistik gehörig ab; dieses weist er der Politik, jenes der Geschichte zu. Sein oft citirter Ausspruch: Geschichte ist eine fortlaufende Statistik und Statistik eine stillstehende Geschichte, hat eigentlich nur den Zweck, die angezweifelte Möglichkeit einer Statistik vergangener Zeiten zu rechtfertigen. Er preist das Zeitalter glücklich, in dem die Statistik nicht mehr Privat- und Kathederstatistik ist, amtlich betrieben wird und dadurch Zuverlässigkeit und Ansehen gewonnen hat. Im Interesse der Regierungen selbst empfiehlt er die Förderung statistischer Unternehmungen; denn den Platz, von dem die ehrliche Statistik verdrängt ist, nimmt ihre Bastardschwester, die Chronique scandaleuse, ein. Sondert er auch begrifflich streng Statistik und Politik, so ist ihm jene doch nur Mittel zum Zweck, sie verhält sich zur Politik wie Kenntniß des menschlichen Körpers zur Heilkunst. Die Politik bildet für ihn das Bindeglied mit den beiden anderen von ihm vertretenen Wissenszweigen, der Weltgeschichte und der Statistik. Weltgeschichte ohne Politik, wie sie die Anno-Domini-Männer trieben, war ihm von Anfang an unfaßbar, nur fähig, Mönchschroniken und dissertationes criticas hervorzubringen. Ist nun die Weltgeschichte eine systematische Sammlung von Thatsachen, die den gegenwärtigen Zustand der Erde und des Menschengeschlechts erklären, so nennt er Menschen und Länder umschaffen das Höchste aller Regierungskunst oder unhöflicher ausgedrückt: Regieren heißt dumme Menschen zu ihrem Besten zwingen. In diesem Sinne vertritt er Politik in Wort und Schrift. Mit Genugthuung führt er Zedlitz gegenüber das Wort von Sonnenfels in Wien an: wer echte freie Politik hören wolle, müsse nach Göttingen gehen. Was er Zusammenhängendes über Politik geschrieben hat, ist eigentlich nur ein erster Versuch, als Manuscript zum Gebrauch bei seinen Vorlesungen gedruckt. Es führt den Titel: „Allgemeines Staatsrecht und Staatsverfassungslehre“ (Göttingen 1793), und war als erster Theil eines Handbuchs gedacht, das weiter noch Staatskunst, Theorie der Staatskunde und europäische Staatsgeschichte umfassen sollte. Erschienen ist davon nichts als der dritte, oben S. 579 besprochene Theil. Das von manchen in diesem Zusammenhange angeführte systema politices ist nur ein für die Zuhörer 1771 ausgegebenes Vorlesungsschema von acht Octavseiten. Das von der Politik handelnde Bändchen ist dem von der Statistik äußerlich und innerlich sehr ähnlich. Nach einer Einleitung in die Staatsgelehrsamkeit und einer politischen Encyclopädie wird die Metapolitik – ein von S. gebildetes Wort zur Bezeichnung der Lehre von dem vorstaatlichen Zustande der Menschen –, dann allgemeines Staatsrecht und die Lehre von den Regierungsformen vorgetragen. So viel kräftig und originell Erfaßtes das Büchlein enthält – die zwölf Seiten, welche die Geschichte des Staatsrechts erzählen, wird man immer wieder mit Vergnügen lesen –, so wenig vermag sich der Autor von den Anschauungen der Zeit frei zu machen. Gläubig bleibt er bei dem Gesellschaftsvertrage stehen. „Der Staat ist eine Erfindung; Menschen machten sie zu ihrem Wohl, wie sie Brandcassen u. s. w. erfanden“; „der Staat ist eine künstliche, überaus zusammengesetzte Maschine, die zu einem bestimmten Zwecke gehen soll“. Aussprüche wie diese finden sich in unmittelbarer Nachbarschaft des von einer ganz anderen Erkenntniß zeugenden Satzes: Da sich noch kein einziges nur halbcultivirtes Volk ohne Staat – nach seiner Schreibweise: one [581] Stat – gefunden habe, müsse der Staat ein unentbehrliches Bedürfniß der Menschheit sein und mit im Plane des Schöpfers liegen und unstreitig sei in dieser Bedeutung alle Obrigkeit von Gott. „In dieser Bedeutung“ ist nicht ohne Bedacht hinzugefügt; denn mit größter Entschiedenheit bekämpft er die Lehre von der Göttlichkeit des Königthums. Mit dem von ihm so hoch verehrten K. F. v. Moser gerieth er darüber in einen Streit, der im Anhang des Allgemeinen Staatsrechts verhandelt ist, und Homer ist ihm auch aus dem Grunde unsympathisch, weil er durch Ilias II, 196 origo majestatis a Deo gestützt habe.

Schlözer’s theoretischen Schriften kam es sehr zu statten, daß er sie erst am Abend seines Lebens schrieb, als er eine lange akademische Erfahrung hinter sich und von dem Leben der Völker und Staaten soviel gelernt hatte, als sich durch sorgfältige Beobachtung aller öffentlichen Verhältnisse mit den damaligen Mitteln erlernen ließ. Wer über die Zustände fremder Völker und Staaten sich auf dem Laufenden erhalten wollte, war auf Reisen und Correspondenzen angewiesen. Lag es schon in der Natur der Dinge, zuerst jenes Mittel zu ergreifen, so kam für S. das individuelle Moment hinzu, daß wer so lange wie er auf Reisen im Auslande zugebracht hatte, sich schwer an das ermüdende Gleichmaaß des Lebens in einer kleinen Universitätsstadt gewöhnte. Das lange Stillsitzen griff ihn fast körperlich an; die Kerkerluft der Studirstube zehrte sichtbar an seinem Leben; auf Reisen lebte er wieder auf. Zweimal in den beiden ersten Jahrzehnten seines Göttinger Amtes hat er deshalb zu diesem Heilmittel gegriffen und sich je für ein Wintersemester Urlaub erwirkt, um eine größere Reise zu unternehmen. Es handelte sich dabei nicht um Ausruhen, sondern um Lernen: er wollte auf diesen „statistischen“ Reisen von Lebendigen lernen, was er von Todten nicht lernen konnte. Die erste, von Ende October 1773 bis Februar 1774 unternommene, hatte Paris zum Zielpunkt. Reisen der Gelehrten waren damals noch etwas so Ungewöhnliches, daß im Publicum von einer Reise nach Spanien oder nach Afrika gemunkelt wurde. Er hielt sich über einen Monat in Straßburg auf, wo ihn die Familie seiner Frau, die Oheime Roederer und andere, die Universität, namentlich Koch und Oberlin, und das Archiv mit seinen die französische Verwaltung illustrirenden Sammlungen fesselten. In Paris, wo er vom 17. December bis 31. Januar verweilte, machte er Bekanntschaft mit dem Historiker Mably, dem Philologen Villoison, dem Orientalisten de Guignes, den gelehrten Damen der Zeit und erhielt Empfehlungen an Girard und Pfeffel in Versailles, die, wenn auch jetzt nicht genutzt, sich später sehr wirksam erwiesen. – Die zweite größere Reise, im Wintersemester 1781 auf 82 veranstaltet, währte sechs Monate und ging nach Italien. Bei einem Manne, der sich eingestandenermaaßen nichts aus Gegenden machte und für Kunst eben nicht viel Sympathie hegte, könnte dies Ziel befremden, wenn er nicht für das ihn damals beschäftigende Unternehmen des „Briefwechsels“ sich gerade von dieser Reise hätte reiche Ausbeute versprechen dürfen. Er reiste in Begleitung dreier Göttinger Studirender und seiner elfjährigen Tochter Dorothea über Augsburg, Innsbruck, Verona, Venedig, Bologna nach Rom, wo die Gesellschaft Mitte Januar anlangte und acht Wochen verweilte. Dank dem Rufe Göttingens und dem eigenen litterarischen Namen wurden S. und seine Gesellschaft überall in Deutschland sehr ehrenvoll aufgenommen. In Rom sah er, was es Sehenswürdiges gab, und obschon er sich heilig vorgenommen hatte, nichts zu bewundern, ging ihm doch in der Peterskirche und Santa Maria Maggiore das Herz auf. Seinen Zweck, interessante Bekanntschaften zu machen und durch sie für sein Metier zu lernen, erreichte er vollauf. Er sprach den Cardinal von Bernis, den venetianischen Gesandten, gelehrte Abbés, römische Kaufleute und Banquiers, und verkehrte mit Exjesuiten, deutschen Künstlern und Schriftstellern wie Heinse, Hackert, Trippel, der von [582] Dortchen eine Büste verfertigte, Rehberg, der sie malte. Dem Papste wurden er und die Tochter in der Sacristei der Peterskirche vorgestellt, und wenn S. sich später auf die interessanten „historischen Intuitionen“ seines Lebens besann, zählte er dazu die Audienz bei Pius VI. am Vorabend seiner Reise nach Wien zu Joseph II. Noch nie glaubte S. auf einer Reise soviel gelernt zu haben; als die Taschen seiner Kleider schadhaft zu werden anfingen, meinte sein Göttinger Diener Schmincke, er habe zu viel für den Briefwechsel eingesackt. Die Rückreise ging rasch vor sich; nur in Florenz und Mailand wurde längerer Halt gemacht; dort hatte S. eine zweistündige Audienz beim Großherzog Leopold, hier lernte er den Grafen Firmian, den österreichischen Minister für die Lombardei, kennen – das ist ein Mann wie Münchhausen, lautet sein kurzes, aber bezeichnendes Lob. Die Rückkehr nach Göttingen, von der eine Augenzeugin, Caroline Michaelis, eine anmuthige Schilderung in einem Briefe vom 16. April 1782 hinterlassen hat, glich einem Triumphzuge. Befriedigt durfte S. auf die glückliche Vollendung der nicht gefahrlosen Reise zurückblicken. „1000 Louisd’or wollte ich nicht nehmen, daß ich die Reise nicht gethan hätte, aber für 2000 Louisd’or thäte ich sie nicht noch einmal.“ Ein Gelehrter, der nicht gereist war, erschien ihm als ein ärmliches Geschöpf.

Die theoretischen Schriften Schlözer’s über Politik und Statistik, auch wenn man die zu ihrer Ergänzung erforderlichen Vorträge hinzudenkt, wurden in ihrer Wirkung weit übertroffen durch die Verwerthung, welche seine Lehren durch das Mittel seiner Zeitschriften fanden. Sie begannen im Juli 1774 mit dem „Briefwechsel meist statistischen Inhalts“, der es nur auf 14 Stücke brachte und im Februar 1775 auf Verlangen des Verlegers, Dieterich in Göttingen, abgebrochen wurde. Die Vorlesungen über Statistik hatten die Idee angeregt, ob sich nicht dem mangelhaften Bilde, welches die Compendien von dem wirklichen Zustand der Staaten bei deren rasch sich folgenden Veränderungen gewährten, durch eine periodische Publication nachhelfen lasse, welche das jeweilig Neueste an statistischem Material veröffentliche. Staatskalender, Etats, Armee- und Schiffslisten, Berichte über Volkszählungen, kleine Druckschriften über ökonomische Anstalten und Verbesserungen, Broschüren u. dgl. bilden die Quellen des Briefwechsels. Für den heutigen Leser eine höchst nüchterne Lectüre, die selten durch polemische Bemerkungen oder litterarische Notizen unterbrochen wird. Als nach Jahresfrist S. mit einer neuen Publication in dem Verlage der Vandenhoeck’schen Buchhandlung zu Göttingen unter dem Titel: „A. L. Schlözer’s Briefwechsel meist historischen und politischen Inhalts“ hervortrat, war der alte Plan erweitert. Auch jetzt bildeten statistische Druckschriften, pièces volantes, wie sie Leibniz nannte und schätzte, Auszüge und Ausschnitte aus fremden Zeitungen, Uebersetzungen einen großen Theil des Inhalts, daneben waren aber Correspondenzen, Ausarbeitungen und kritisch-politische Untersuchungen aufgenommen. Die Zeitschrift, als deren Publicum sich der Herausgeber praktische Staatsgelehrte wie bloße Zeitungsleser gedacht hatte, erschien vom Februar 1776 bis Mai 1782 in sechzig Heften, von denen je sechs einen Band bildeten, und fand über alles Erwarten hinaus Anklang. Schon im November 1778 nennt S. seinen Briefwechsel ein viel gelesenes periodisches Werk, das ihm eine unglaubliche Summe abwerfe und anderthalb Jahre später: „mein wichtigstes Buch, das ich jetzo schreibe und je geschrieben habe, woran ich aber den wenigsten Antheil habe, ist mein Briefwechsel, eine Sammlung der wichtigsten Vorfälle, guter und dummer Verordnungen u. s. w. in und außer Europa, vorzüglich in Deutschland. Keine Woche vergeht, wo ich nicht, oft aus den unbekanntesten Gegenden Deutschlands, oft von Ministern u. a. Beiträge kriege“. So lästig die unermeßliche Correspondenz war, in die ihn das Journal verwickelte, von „dieser größten Delice seines [583] litterarischen Lebens“ konnte und wollte er nicht lassen. Vom Juni 1782 ab erschien die Fortsetzung unter dem Titel: „A. L. Schlözer’s Staatsanzeigen“ und brachte es auf 72 Hefte oder 18 Bände. Den Schluß bildet eine Notiz Schlözer’s mit dem Datum: am letzten Tage des Greueljahres 1793. Die in Aussicht genommenen neuen Göttingschen Staatsanzeigen sind nie erschienen. S. verwahrt sich im Vorbericht des Briefwechsels dagegen, eine Zeitung zu schreiben. Nicht, daß er gering von Zeitungen dächte. „Zeitungen – mit einem Gefühl von Ehrfurcht schreibe ich dieses Wort nieder. Zeitungen sind eines der großen Culturmittel, durch welche wir Europäer Europäer geworden sind; werth, daß sich noch jetzt Franzosen und Deutsche über die Ehre der Erfindung streiten“ (Theorie der Statistik S. 78). Aber er will Briefwechsel und Staatsanzeigen als ein Buch angesehen wissen, wie andere Bücher eines Universitätslehrers, für den das Bücherschreiben nur Nebensache ist. Diese Bücher sind nur zu ihrem kleinsten Theile von ihm selbst geschrieben. Er läßt den Einsendungen ihren edlen Rost, den starken Styl des Geschäftsmannes wie den niedlichen des Stylisten von Profession. Glossen in dem nachdrücklichen Styl des Herausgebers sind den Artikeln in dem Briefwechsel noch seltener, in den Staatsanzeigen häufiger beigegeben. Je lebhafter die politische Bewegung und Aufregung wird, desto mehr läßt er seine Stimme vernehmen; unter den Stürmen der französischen Revolution erscheinen eigene Artikel von ihm. Alles von ihm Herrührende ist mit seiner Chiffre versehen; sonst herrscht, soweit sie der Einsender verlangt, Anonymität. Die Liste der Mitarbeiter, die sich erkennen lassen, ist stattlich genug: Herzog Karl von Sachsen-Meiningen († 1782), Graf Firmian, Justus Möser, Christ. Friedrich Pfeffel unter dem Namen des Austrasiers (A. D. B. XXV, 613), der Ritter Lang, Scharnhorst, Graf Schmettow in Holstein, Pfarrer Sartorius in Kassel, der Vater des Historikers, Ernst Brandes (Staatsanz. 31, über geheime Verbindungen), Advocat Buch in Bentheim, Patje in Hannover, Häberlin, G. Ch. Oeder u. a. Von den Göttinger Collegen sind nur einzelne unter den Mitarbeitern vertreten wie Feder, Leß, Grellmann. Schlözer’s Reisen hatten dazu geholfen, ihm werthvolle Correspondenzen zu verschaffen. Koch und Lorenz, die zu dem statistischen Briefwechsel beisteuerten, hatte er in Straßburg kennen gelernt. Die guten Verbindungen, welche S. unterhielt, das Ansehen, welches sich seine Zeitschriften erwarben, führten ihm die werthvollsten Beiträge zu. Im October 1791 (Heft 64) veröffentlichte er das Testament Friedrich’s des Großen vom 8. Januar 1769 zur nicht geringen Verwunderung des Grafen Hertzberg, der wußte, daß König Friedrich Wilhelm II. es nach der Vorlesung unter strengen Verschluß genommen hatte. S. war ein sehr gewissenhafter Redacteur, äußerst verschwiegen und besorgte alle Geschäfte allein. Die Originale delicater Einsendungen behielt er zurück und sandte von ihm gefertigte Copien in die Druckerei. Der Inhalt der Hefte ist sehr mannigfaltig. Sollte dem Plane nach auch Geschichtliches, soweit es unbekannt oder ohne Detail und Präcision bekannt war, Aufnahme finden, und brachte die Zeitschrift auch hin und wieder Geschichtliches als „alte deutsche Sachen“, so herrscht doch das Actuelle, auf die unmittelbaren Vorgänge und Erscheinungen in Staat und Gesellschaft Bezügliche vor. Die Reformen der Zeit werden in referirenden und raisonnirenden Artikeln begleitet, die landrechtliche Codification in Preußen, das Creditwerk in Schlesien, die Toleranzedicte in Oesterreich. Er nennt das „Deutschland von seiner schönen Seite“. Einen breitern Raum beanspruchen die Odiosa, die Mißbräuche aller Art, die Zustände in den geistlichen Territorien Deutschlands, in den Reichsstädten; der Aberglaube, die Wunderkuren, der Luxus. Schlözer’s Zeitschriften wurden ein öffentliches Beschwerdebuch, in dem die tausendfältigen Schäden, welche die Rechtspflege und die Verwaltung namentlich der mittleren und kleinen Gebiete [584] des Reichs entstellten, zur Sprache gebracht wurden. Das erste Beispiel mächtig wirkender Publicistik in Deutschland, hatten sie ihre Leser auf den Thronen und an den Höfen so gut wie in den Bürgerhäusern und Studirstuben. Kein Geringerer als ein deutscher Fürst hat als ihren Zweck bezeichnet: Aufklärung und Duldungsgeist zu befördern, Bosheit und Dummheit zu entlarven und zu unterdrücken. Durch ganz Deutschland waren sie verbreitet; in Bozen wohnte der letzte Abonnent. Zeitweilig hatte die Zeitschrift einen Absatz von 4400 Exemplaren; einzelne Hefte mußten drei- und vierfach aufgelegt werden. Neben den Erfolgen der Publicität blieben auch ihre Nachtheile nicht aus. Auf Berichtigungen, das nothwendige Uebel der Toleranz und der Preßfreiheit, war S. von vornherein gefaßt. Welchen Werth man dem Organ überall beilegte, zeigen die Widerlegungen und Rechtfertigungen, welche von hochgestellten Personen und entfernten Theilen des Reichs einliefen. Schlözer’s Veröffentlichungen zogen ihm aber auch Angriffe und Grobheiten aller Art zu, nicht blos Mönche und Pfaffen verbreiteten Pasquille gegen ihn, hinter denen der alte Freund Kästner nicht zurückblieb, man suchte auch die Staatspolizei gegen ihn mobil zu machen. Schlimmer war, daß aller angewandten Vorsicht ungeachtet manch’ eitler und ehrgeiziger Scandalmacher, der sein Müthchen an der vorgesetzten Behörde zu kühlen wünschte, sich herandrängte und ihn mit lügenhaften oder einseitigen Berichten hinterging. In dem Glauben, der Wahrheit zu dienen, wurde er das Opfer der Privatrache oder ließ sich zu übereilten und ungerechten Urtheilen hinreißen. Nichts hat ihm mehr Angriffe zugezogen, als die Rolle des Briefwechsels in der Angelegenheit des Pfarrers Waser. In das Heft 31 vom Herbst 1779 hatte S. einen Artikel von ihm, den Ursprung und die Beschaffenheit des Kriegsfonds in Zürich betreffend, aufgenommen, in dem nicht undeutlich eine Verwendung dieses öffentlichen Fonds zu Privatzwecken behauptet war. Der Verfasser wurde verhaftet, seine Papiere mit Beschlag belegt, bei welcher Gelegenheit man eine von ihm entwendete wichtige Urkunde des Staatsarchivs fand. In der Untersuchung stellte sich heraus, daß der Autor, ein hochgebildeter Mann, Fälschungen und Veruntreuungen in größerer Zahl verübt hatte; durch die Entwendung der Urkunde über die Verpfändung von Kiburg erschien er als im Einverständnisse mit Oesterreich befindlich, das damals unter Joseph II. mancherlei alte Ansprüche zu erneuern suchte. Der gegen Waser eingeleitete Hochverrathsproceß endete mit einem Todesurtheil, das am 27. Mai 1780 vollzogen wurde. Da Waser, als er einen Fluchtversuch machte, einen Brief Schlözer’s mit sehr starken Ausdrücken über die in Zürich herrschende Heimlichkeit bei sich trug, und angab, S. eine Schrift: Zürich, wie es ist, nicht wie es sein sollte, zur Veröffentlichung übersandt zu haben, so wurde nun von allen Seiten S. für Waser’s Tod verantwortlich gemacht. Lavater, der mit S. bis dahin nur gelegentlich des Basedow’schen Streites in polemische Berührung gekommen war, wandte sich noch am Tage der Hinrichtung Waser’s an S. mit der Bitte um Aufklärung. Ein Manuscript der angegebenen Art war nie an S. gelangt, hatte wahrscheinlich nie existirt, sondern war von dem verlogenen und renommistischen Angeschuldigten blos zur Einschüchterung seiner Richter erfunden. Zwischen Lavater, der die Züricher Regierung zu entlasten suchte, und S. entspann sich ein längerer Briefwechsel; gleichzeitig erhielt S. durch Gleim alle Schriftstücke der Gegenseite. Er beschränkte sich nicht auf sein eigenes Journal; in Lichtenberg’s und Forster’s Göttingischem Magazine von 1781, das ein Porträt Waser’s brachte, lieferte er eine schneidende Kritik gegen den Versuch einer Vertheidigung der Züricher, die blos vorläufige zerstreute Anmerkungen zusammenstellen wollte, aber an Unvollständigkeit des Materials litt und die versprochene Fortsetzung nicht erhalten hat. Die ungerechte Beschuldigung, Waser’s Tod herbeigeführt zu haben, machte S. [585] nur noch erbitterter gegen die Züricher Aristokratenregierung. Noch das Heft der Staatsanzeigen (13) vom 24. August 1783 begann mit den Worten: Waser’s Blut raucht noch und muß rauchen wie Abel seines, so lange es Geschichte giebt! Die blutigen Worte dienten zur Einleitung einer hypothetisch mitgetheilten Angabe, auch der Idyllendichter Geßner habe für Waser’s Tod gestimmt, eine Nachricht, die die Staatsanzeigen (26) auf Grund eines Eingesandt der Allgem. deutschen Bibliothek vom December 1784 obendrein widerrufen mußten. Das Waser’sche Archiv, daran S. lange gesammelt, hat er nie geöffnet. – Wie sehr der ganze Handel S. geschadet, sieht man aus der brieflichen Aeußerung Goethe’s gegen Lavater: S. spielt eine scheußliche Figur im Roman, und ich erlaube mir eine herzliche Schadenfreude, weil doch sein ganzer Briefwechsel die Unternehmung eines schlechten Menschen ist (13. October 1780). Die Aeußerung ist unter dem unmittelbaren Eindruck der Lavater’schen Mittheilungen niedergeschrieben und hat später einer glimpflicheren Beurtheilung Platz gemacht, wenn er dem Herzoge Karl August 1784 S. als den deutschen Aretin bezeichnet. Schon das Jahr zuvor hatte er ihn in Göttingen persönlich kennen gelernt und wie die schnurgerechten Professoren, die S. mit ihm zu einer Abendgesellschaft lud, den Verfasser des Werther für einen soliden, hochachtungswürdigen Mann zu halten anfingen, wird auch Goethe sein früheres Urtheil corrigirt haben. An einer näher betheiligten Stelle, im Ministerium zu Hannover hat man aller Anfragen und Beschwerden ungeachtet, mit denen man infolge der Schlözer’schen Zeitschriften behelligt wurde, ungleich ruhiger gedacht. Gerade aus der Zeit nach 1780 sind Aeußerungen von G. Brandes bekannt, S. werde sich durch dergleichen bei seiner Sammlung unvermeidliche Auftritte nicht von der Fortsetzung zurückhalten lassen, da der Briefwechsel an seiner Nutzbarkeit und ausgebreiteten Autorität gewiß noch immer zunehmen werde. Der große Erfolg der Schlözer’schen Zeitschriften ist nicht zu verstehen, wenn man nicht Ort und Zeit ihrer Entstehung berücksichtigt. Die Universität Göttingen war gegründet und wurde gepflegt nicht bloß als ein Sitz der Gelehrsamkeit. Man dachte stets zugleich an die Verwendbarkeit, an die praktische Brauchbarkeit des Erforschten. Ein Ausspruch Schlözer’s: wir rücken wie in unserer Litteratur überhaupt, also auch auf unseren deutschen Universitäten den glücklichen Zeiten immer näher, wo hochgelahrt und gemeinnützig reine Synonymen sein werden, ist nicht zum wenigsten ein Ergebniß besonders Göttingischer Beobachtung. Die Preßfreiheit, die den Göttinger Lehrern eingeräumt war, diente eben diesem Zweck. S. wird nicht müde, Göttingen um deswillen zu preisen: in Göttingen haben die George und ihnen gleich unsterbliche Staatsbeamte der noch hie und da im Gedränge befindlichen Freiheit und Wahrheit einen Altar errichtet und bisher unter lautem Dank und Segen der Zeitgenossen, gewißlich auch der Nachwelt mächtig geschützt. Seit Schmaussens u. a. Zeiten wird hier Menschenrecht und Freiheit aber verbunden mit Ehrfurcht gegen Regenten … laut und stark auf Kathedern sowohl als in Druckschriften gepredigt. In zweifelhaften Fällen hat S. die Vorsicht gebraucht, über die Aufnahme eines Artikels in Hannover anzufragen. Die beruhigenden Zusicherungen, die er darauf empfangen, müssen ihn nicht über alle Besorgniß hinausgehoben haben; denn in stillen Betrachtungen über die wachsende Despotie in Deutschland dachte er bei der Ausgabe jedes neuen Heftes: dies ist vielleicht das letzte, eine Aeußerung, die im December 1783, zehn Jahre vor dem Ende seiner Zeitschrift gefallen ist. Die Blüthezeit seines Journals waren die beiden Jahrzehnte vor der französischen Revolution. Neben den deutschen Verhältnissen steht Frankreich im Vordergrund des Interesses. Die statistische Erforschung Frankreichs bildet den Gegenstand zahlreicher Artikel. Der „Austrasier“ kämpft mit Büsching über die richtigen Ziffern der Bevölkerungsgröße. Nach [586] seinem Besuch von Paris ist S. ganz verliebt in die Stadt und nicht minder in die Franzosen; sie sind ihm le premier peuple de l’univers und ihr Charakter das Bestreben, dem Nebenmenschen ein angenehmes Stündlein zu machen. Ueber ihre Staatsverfassung dachte er weniger günstig. Als er 1781 Achenwall’s Compendium der Statistik neu herausgab, fügte er den Worten des Autors: „Frankreichs Staatsverfassung ist so vortheilhaft eingerichtet, daß ein kluger König durch nichts aufgehalten wird, das Glück seiner Nation auf den höchsten Gipfel zu bringen“ weiter nichts hinzu, als: und zugleich so unvortheilhaft, daß ein unkluger König durch nichts aufgehalten wird, das Unglück seiner Nation auf den höchsten Gipfel zu bringen. Er führt einen unausgesetzten Kampf gegen die Despotie d. i. Unumschränktheit des Herrschers. Statistik und Despotismus vertragen sich nicht zusammen. Von der Preßfreiheit und der Publicität erwartet er den Fortschritt, die Genesung der Staaten. Einst hatten alle Staaten eine heilsame Beschränkung in ihren Reichsständen; aber sie sind fast überall zu „Monarchenbezüglern“ d. i. Beschränkern des Monarchen entartet und nur in dem glücklichen Albion sind sie zugleich Volksanwälte. In Deutschland vermißt er sie nicht, denn hier bilden die Reichsgerichte eine heilsame Schranke der Despoten.

Es waren friedliche Zeiten, als S. seine Zeitschrift begann; und als sie endete, brausten die Stürme der Revolution über die Länder. S., der den Großen der Erde so oft die Wahrheit derb und rücksichtslos zugerufen hatte, war nichts weniger als ein Schmeichler des Volkes. Er verkennt nicht, daß es unter Umständen ein Recht der Empörung giebt; die Engländer unter Jacob I. haben es geübt. Aber verdammlich ist eine Revolution zur Ertrotzung von Reformen. Er ist ein unerschütterlicher Anhänger der Monarchie. Nichts ist ihm so verhaßt, wie aristokratisches Regiment, fast noch mehr als die Demokratie, die gerade gut genug ist für Leute, die blos mit einander grasen. Die deutschen Reichsstädte vielleicht mit Ausnahme von Lübeck, die Hansa, die schweizerische Eidgenossenschaft müssen sich trösten, sie kommen bei S. nicht schlechter weg als die Griechen. Ihm ist der Satz einer englischen Thronrede von 1781 aus der Seele gesprochen: zum Genuß einer gesetzmäßigen Freiheit ist eine Monarchie nothwendig. Das deutsche Publicum, gewohnt für jede Volksbewegung Partei zu nehmen, war nicht wenig erstaunt, den Mann, dessen schneidige Feder Tyrannei, Heimlichkeit, Intoleranz unausgesetzt befehdet hatte, gegen Nordamerikaner, Holländer und Franzosen nach einander in immer gesteigerter Heftigkeit das Wort ergreifen zu sehen. Die nahen Beziehungen zu England hatten in Göttingen den nordamerikanischen Händeln von vornherein lebhafte Aufmerksamkeit zugewandt. Man hatte 1766 Franklin[WS 6] persönlich kennen gelernt. S. war mit ihm an Münchhausen’s Tafel zusammen getroffen. Englische und hannoversche Officiere, die nachher in Amerika kämpften, hatten in Göttingen studirt oder gelebt. Der Schlözer’sche Briefwechsel erhielt von ihnen Correspondenzen, die ein unparteiischer Beurtheiler amerikanischer Geschichte wie Fr. Kapp noch neuerdings als eine wahre Schatzkammer für die Kenntniß amerikanischer Zustände zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges bezeichnet hat (Histor. Zeitschrift XXXI, 242). Neben den referirenden Artikeln brachte der Briefwechsel zahlreiche raisonnirende Artikel über den Kampf. S., bemüht, die Begriffe des deutschen Publicums über die amerikanische Sache aufzuhellen, untersuchte nach Rechtsgründen die Ansprüche der beiden Seiten. Unbeirrt durch den Vorwurf, er zeige die Auffassung des englischen Ministeriums als die Wahrheit, weist er die Anerkennung eines Rechts zur Rebellion zurück, wenn er auch die Berechtigung Englands, die Colonien unbefragt zu beschatzen, bezweifelt. Dem Standpunkt, daß der Kleine, der groß geworden, sich der Subordination entziehen und auf [587] eigene Füße stellen dürfe, gesteht er Berechtigung zu – im Naturzustande jenseit Canada’s. Inmitten der rauschenden Freiheitshymnen, die auch in Deutschland erklangen, nachdem Amerika den Sieg errungen hatte, blieb er nüchtern und travestirte das Gedicht der Berliner Monatsschrift: die Freiheit Amerikas, bald durch die Lesart: der edle Kampf für Hancock und Contreband (statt: für Freiheit und Vaterland), bald durch die Aufnahme in seinen Jan von Leiden und die Aenderung: der edle Kampf für Freiheit und Schneider Jan. Mehr Zustimmung wird es finden, daß er der Schlußphrase des Sängers: „die eiserne Kette klirrt und mahnt mich Armen, daß ich ein Deutscher bin“, das Wort entgegensetzte: der größte Verleumder seiner selbst wird bald der Deutsche heißen. Hatte das Publicum die Parteinahme Schlözer’s für England sich aus seiner amtlichen Stellung erklärt, um wie viel mehr geschah das, als er 1786 eine Schutzschrift für den Oheim des regierenden Herzogs Karl von Braunschweig, Ludwig Ernst, schrieb, der seit 1766 als Feldmarschall in den Niederlanden gestanden hatte und dem Statthalter Wilhelm V. durch die Consultationsacte als Beirath zugeordnet war. In ihrem Kampfe gegen den Oranier verdrängte die patriotisch-städtische Partei den Herzog aus dem Dienste und beschuldigte ihn der schwersten Verletzungen der Republik. Die holländischen Unruhen hatten alsbald nach ihrem Ausbruch S. beschäftigt. 1784–86 erschien in Göttingen auf seine Veranlassung und von ihm eingeleitet eine Sammlung der auf die holländische Bewegung bezüglichen Flugschriften in Uebersetzungen unter dem Titel: Holländische Staatsanzeigen, herausgegeben von A. F. Lüder und Jacobi (Superintendenten in Kranichfeld) in sechs Bänden. Die Schrift Schlözer’s für den Herzog ging nicht aus freiem Antriebe vor; die braunschweigischen Minister Feronce und Graf (der spätere Fürst) Hardenberg hatten mit ihm im Herbst 1785 auf Schloß Hardenberg über die Uebernahme unterhandelt und ihm alle Actenstücke zugestellt. Was S. binnen kurzer Frist in angestrengtester Arbeit lieferte, war eine actenmäßige Vertheidigung des Herzogs, nicht eine Geschichte desselben, wie er selbst sagt. Aber mit einer wahren Begeisterung hatte sich S. des Gegenstandes bemächtigt, galt es doch die Rettung eines von den Patrioten verleumdeten politischen Charakters und einen Kampf gegen die ihm verhaßteste Herrschaftsform, die Aristokratie, die er so oft als die Kakistokratie gebrandmarkt hat. Ungeachtet seines großen Umfanges und seines urkundlichen Charakters erlebte das Buch rasch hintereinander drei Auflagen und wurde ins Französische und Holländische übersetzt. Der historisch-politischen Arbeit folgte ein kleines philologisches Nachspiel. Auf dem Titelblatte des Buches fand sich der Abdruck einer Gemme mit der griechischen Umschrift: Phokionos, und in Vorrede und Nachwort war der Herzog mit dem griechischen Feldherrn verglichen, den der Undank seiner Landsleute mit dem Tode des Sokrates belohnt hatte. Heyne, in seinem kritischen Gewissen durch das Bild wie durch Schlözer’s Urtheil über Phokion verletzt, bemerkte in einem akademischen Programm von 1787, ohne übrigens Schlözer’s Namen zu nennen, die Umschrift der Gemme bezeichne nicht den Dargestellten, sondern den Steinschneider, und das Urtheil über Phokion unterliege gerechten Bedenken. Da die Geschichte des Phokion um dieselbe Zeit noch von anderen Forschern untersucht wurde, mußte S. in der zweiten und dritten Auflage seines Buches Stellung zu diesen Arbeiten nehmen. War er auch die Gemme, die später als eine Arbeit erst des 16. Jahrh. ermittelt wurde, preiszugeben bereit, so blieb ihm doch Phokion der große, gute, unschuldige Mann, für den man ihn von jeher gehalten hat. Das ganze Vorkommniß zwischen S. und Heyne, von dem auch weitere Kreise, z. B. der eben in Norddeutschland verweilende Mirabeau Notiz nahmen, ist für die Stellung der beiden Männer nicht ohne Bedeutung. In dem Schriftwechsel, der sich zwischen ihnen entspann, brauchte [588] S. die Anrede: mein von jeher aufrichtig verehrtester, wenngleich mir von jeher erweislich ungünstiger Herr Collega! Der natürliche von altersher zwischen ihnen bestehende Gegensatz mochte verstärkt sein durch die Zornausbrüche, mit welchen S. des classischen Alterthums zu gedenken pflegte, noch mehr aber durch das ganze turbulente und rücksichtslose Auftreten, mit denen „unser politischer Pausback“, wie Heyne ihn einmal nennt, des letzteren umsichtiges Wirken für die Universität gewiß oft genug störte. In dem vorliegenden Falle wird man aber Schlözer’s Vorstellung, die neben anderen Gründen auch die Solidarität ihrer hübschen Töchter geltend macht, in dem Hauptpunkte nicht Unrecht geben können, daß eine private Berichtigung seines angeblichen Mißgriffs collegialischer und dem Rufe Göttingens vortheilhafter gewesen wäre.

Auf dem universalhistorischen wie dem staatswissenschaftlichen Gebiete hatte S. dankbar der Franzosen zu gedenken. Voltaire[WS 7], Goguet, Mably[WS 8] hatten ihm nicht nur Stoff für seine Arbeiten gewährt, in mannigfacher Richtung waren auch seine Gedanken, namentlich seine wissenschaftliche Methode durch sie beeinflußt. Höher als sie stellte er aber Montesquieu; in ihm erblickt er den Wiedererwecker des Staatslebens und der Staatswissenschaft. „Er streute britischen Samen in französischer Erde aus“. Bei dem „Erwachen Frankreichs war sein erstes Wort: das hat Montesquieu[WS 9], der Aufklärer, gethan! Die Einberufung der Reichsstände im J. 1788 pries er als die größte Begebenheit der Zeit, den Tag des Bastillensturmes als einen für die Franzosen nicht nur, sondern für die ganze europäische Menschheit unvergeßlichen Tag, über den Gottes Engel im Himmel ein Te Deum laudamus angestimmt haben. Auch wenn Excesse dabei vorgekommen sein sollten, Krebsschäden heilt man nicht mit Rosenwasser. Er ist aber unparteiisch genug, auch andere als triumphirende Referate in seine Staatsanzeigen aufzunehmen. Schon der Schlußbericht des Jahres 1789 zeigt die Spuren der Ernüchterung. Die Octoberauftritte hatte er streng verurtheilt, dagegen geeifert, sie die zweite Revolution zu heißen. Als die nähere Aufklärung über die vermeintlichen Heldenthaten des Volkes und die angeblichen Blutbefehle des Königs zu Anfang des Jahres 1790 kam, räumte er bereitwillig ein, durch Campe’s Berichte irregeführt zu sein und erst durch Mounier’s Veröffentlichungen die Wahrheit erfahren zu haben. Doch alle Ausschreitungen bringen ihn nicht von der Ueberzeugung ab: die Revolution war eine Nothwendigkeit, und ihre Wohlthaten verkennt er weder jetzt noch später. Im April 1791 veröffentlichte seine Zeitschrift die déclaration des droits de l’homme et du citoyen vom August 1789, die noch kein deutsches Journal in extenso und in originali mitgetheilt hatte, und prophezeit, aller ihrer Mangel- und Fehlerhaftigkeit ungeachtet werde die Urkunde ein Codex der ganzen, durch allgemeinere Cultur sich der Volljährigkeit nähernden europäischen Menschheit werden. Uns Deutsche, sagt er aber um dieselbe Zeit, bewahre der liebe Gott vor einer Revolution, wie sie in Frankreich erfolgt ist; und er wird uns auch davor bewahren, unsere glückliche, von so vielen unerkannte, von Unwissenden oft verlästerte Verfassung sichert uns diese Hoffnung. Die politischen Schäden in Deutschland verkennt er nicht; sie müssen und können gehoben werden ohne Revolution, ohne Einwirkung des Volkes. Er setzt seine Hoffnung auf die Regierungen: wo gibt es mehr cultivirte Souveräne als in Deutschland? Und fast noch mehr hofft er von der Thätigkeit der Schriftsteller, von Oeffentlichkeit und Preßfreiheit. Hatte schon sein Auftreten gegen die Ausschreitungen der Revolution, sein Dringen auf Mäßigung, auf Wahrheit bewirkt, daß man von seinen ehemaligen Bemühungen für die gute Sache redete, so wuchsen die Angriffe der revolutions- und franzosenfreundlicben Presse, je stärker er sich gegen Frankreich und für die Bewahrung Deutschlands vor jeder französischen Einmischung aussprach. „Siehe hier [589] ist mehr als Schlözer“ wurde ein Ausdruck der demokratischen Journale, wenn sie kräftige Angriffe auf die geliebten Franzosen bezeichnen wollten. Mochten die politischen Verhältnisse und die Stellung, welche S. zu ihnen einnahm, nicht ohne Rückwirkung auf den Absatz der Staatsanzeigen geblieben sein, ihr Aufhören haben doch andere Umstände herbeigeführt. Gegen Klagen, die von außen kamen und in Hannover Schutz gegen Schlözer’s Auftreten oder geradezu Einschreiten gegen seine Zeitschrift begehrten, hatte die Regierung, wenn sie den Herausgeber auch zur Vorsicht mahnen ließ, tapfer Stand gehalten und die Preßfreiheit der Göttinger Professoren gewahrt. Da kam S. in Conflict mit einem Northeimer Postmeister Dietzel, der den mit Miethsfuhren Durchreisenden eine angeblich auf Herkommen beruhende Abgabe abforderte. S., der in seinen Staatsanzeigen dies sogen. Stationsgeld als einen Mißbrauch gerügt und über einen persönlichen Conflict mit Dietzel in beleidigender Weise berichtet hatte, zog sich den Unwillen der Regierung zu, die ihm wegen Mißbrauchs der Censurfreiheit zur Privatrache durch Rescript vom 26. Februar 1794 die fernere Herausgabe der Zeitschrift untersagte und seine Censurfreiheit suspendirte. Der Stein des Anstoßes, das Stationsgeld, wurde durch besondere Verordnung anerkannt, die erst 1848 aufgehoben worden ist. Die damals in England und in Hannover sich verbreitende reactionäre Strömung äußerte sich auch in einer Mißstimmung gegen Göttingen, die sich soweit verstieg, Göttinger Lehrer, insbesondere auch Schlözer, revolutionärer und atheistischer Gesinnung zu beschuldigen, und an der Betheiligung von Göttingern an den Mainzer Vorgängen Nahrung fand: Umstände, die gewiß ebensoviel als das Northeimer Stationsgeld zu dem Einschreiten gegen die Staatsanzeigen und ihren Herausgeber, der schon lange manchem großen und kleinen Herrn im Reiche ein Dorn im Auge war, beigetragen haben.

Während der 17 Jahre journalistischen Wirkens hatten Schlözer’s wissenschaftliche Arbeiten so gut wie ganz geruht. Als er jetzt sich zu ihnen zurückwandte, knüpfte er zugleich an die Studien wieder an, von denen er einst ausgegangen war, an die russischen Arbeiten, „mein Feuer und Heerd, mein Monopol“, wie er sie genannt hat. Und was er in dieser letzten Lebensperiode vollbrachte, ist das wissenschaftlich bedeutendste, was ihm überhaupt gelungen ist. Die alte kritische russische Geschichte hatte er selbst einst für die vielleicht brillanteste Arbeit erklärt, deren er fähig sei, zugleich aber für die meist angreifende und geistverzehrende, die er aus dem Grunde, um etwa ein Decennium länger bei seinen Kindern bleiben zu können, bei Seite gethan habe. Den Siebzigen nahe fühlte er sich stark genug, sie wieder aufzunehmen. Alles andere warf er weg und kehrte zu seiner „alten Liebschaft“ zurück. Die beiden ersten Theile des „Nestor“ erschienen 1802, der dritte und vierte 1805, der fünfte 1809. An der Verzögerung des Abschlusses trug nicht Schlözer’s hohes Alter, sondern der Buchhandel die Schuld, der nach dem unter den Zeitverhältnissen erklärlichen schlechten Absatz der ersten Theile eines kritisch-historischen Werkes zaghaft wurde. Der in der slavonischen Grundsprache gegebene Text war von einer deutschen Uebersetzung und ausführlichen Anmerkungen und Erklärungen, die mitunter zu eigenen Abhandlungen auswachsen, begleitet. Die Arbeit fand im Inland und Ausland große Anerkennung. In Deutschland begrüßte man ein Werk, in dem zum ersten Mal die Grundsätze philologischer Kritik, bisher nur an den Ueberlieferungen des classischen Alterthums geübt, an einem Schriftsteller des Mittelalters erprobt waren. Joh. v. Müller, der das Buch in der Jenaischen Allgemeinen Litteraturzeitung besprach (1806, Nr. 56), empfahl das Werk des Veteranen der historischen Kritik, des unermüdeten scharfsichtigen Forschers, nicht bloß seines Inhalts, sondern auch seiner Logik wegen allen Historikern. [590] In Rußland förderte es den Ruf Schlözer’s auf die höchste Stufe. Kaiser Alexander[WS 10], dem das Buch gewidmet war, verlieh dem Verfasser den Wladimirorden 4. Classe und erhob ihn in den russischen Adelstand. Das ihm ertheilte Wappen zeigte im goldenen Felde den hochwürdigen Nestor mit einem aufgeschlagenen Buche; auf dem Spruchbande standen die Worte: memor fui dierum antiquorum. Bei der Wiederaufnahme der russischen Studien gedachte auch S. der alten Zeiten, die er einst in Rußland verbracht, und schilderte sie in dem 1802 erschienenen Buche: „A. L. Schlözer’s öffentliches und Privatleben, von ihm selbst beschrieben. Erstes Fragment.“ Leider umfaßt es nur die Jahre 1761–65, gehört aber durch die Fülle interessanten Stoffes und die Lebhaftigkeit der Darstellung zu dem Besten, was er geschrieben hat. Dem Buche wurde nicht minder lebhafte Anerkennung als dem Nestor zu Theil, auch hier hob man rühmend die erzieherische Kraft hervor. F. A. Wolf empfahl es in Winckelmann und sein Jahrhundert (1805) jedem künftigen Gelehrten zum Handbuch, da es die Erziehung und Bildung eines Mannes schildere, der im Kampf mit den Hindernissen der Zeit und den inneren Schwierigkeiten der Sachen durch angestrengte Kraft das Höchste in dem gewählten Kreise erstrebt habe. Derselben Periode Schlözer’s gehören noch die „Kritisch-historischen Nebenstunden mit einer eingehenden Untersuchung der Origines Osmanicae“ (Göttingen 1797) und die „Kritischen Sammlungen zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen“ (Gött. 1795) an. Mit besonderem Interesse war er stets den Colonien gefolgt; unter allen deutschen Colonisten glaubte er bloß den nach Siebenbürgen gezogenen Gutes nachsagen zu können. Durch einen Aufsatz der Staatsanzeigen, der sich mit ihrer Verfassung beschäftigte, aufmerksam geworden, hatten ihm deutsche Siebenbürger Mittheilung von ihren Rechten gemacht, die er in dem genannten Buche veröffentlichte und mit erläuternden Abhandlungen begleitete. Dankbar gedenken noch heute die Siebenbürgen dieses Werkes, und in der Glückwunschadresse, welche die Universität Göttingen bei dem Jubiläum des Jahres 1887 von der Evangelischen Landeskirche Augsburgischen Bekenntnisses in Siebenbürgen empfing, fehlte nicht die Erinnerung an die Verdienste Schlözer’s um ihr Land und ihre Geschichte. Herder hob in einer Anzeige der Erfurter Nachrichten neben der historischen die politische Bedeutung des Buches hervor, das in einer Zeit, da dem in Ohnmacht gesunkenen, sein Schicksal erwartenden Deutschland so mancher eingeborene Deutsche in ausländischen Phrasen Hohn spreche, in das Gedächtniß rufe, was die Deutschen durch das ihrem Charakter früh angebildete gute Gefühl von rechtlicher Ordnung, ausharrendem Fleiß, treuer Sittlichkeit für die praktische Cultur der Menschheit geleistet haben.

Eine politische Natur wie die Schlözer’s konnte durch die Vorgänge nicht unberührt bleiben, welche das letzte Jahrzehnt seines Lebens brachte. Er gehörte nicht zu den geschmeidigen Patrioten, wie Joh. v. Müller, die die Parole ausgaben: man muß sich umdenken, noch zu den Kosmopoliten, die im Anschauen Napoleon’s versunken in ihm die Größe des Menschengeistes anstaunten. Er hatte sich immer eine reichsmäßige Gesinnung bewahrt und Büsch, der für die Neutralität der Hansestädte im deutsch-französischen Kriege das Wort ergriff, in einem fulminanten, an die Pflichten Hamburgs gegen das Reich erinnernden Briefe die Frage vorgelegt: „Ihr Bruder wäre von einem just besoffenen Schuster halb todt geschlagen; der Schuster wäre aber der beste und zugleich der wohlfeilste Schuster in Hamburg; würden Sie den andern Tag doch wieder ein Paar Stiefeln bei ihm bestellen? Pfui der kaufmännischen Schmu!“ Als er im Frühling 1804 die „Theorie der Statistik“ veröffentlichte und auf die Bedeutung der Verfassungsform für das Volksleben zu sprechen kam, brach er in die Worte aus: „Deutsche als eine Einheit geträumt, eine der drei großen Nationen, fester [591] als die französische, cultivirter als die russische, sind bei ihrer ungeheuren Masse von Kräften in den letzten zwei Jahren der Spott von Europa geworden – einzig und allein wegen ihrer Regierungsform! Exoriare aliquis nostris … oder müssen auch wir, wir Nation, uns einen Corsen zum Retter von Schaden, Schmach und Schande wünschen?“ Er sah dann die des Vaterlands und aller Ehre vergessende Gesinnung immer weiter um sich greifen. In seiner nächsten Nähe errichtete die Gewaltherrschaft einen ihrer Throne. Er mußte König Jerome von Westfalen[WS 11] den Huldigungseid leisten, wenn ihm auch in Anbetracht seines Alters und seiner Kränklichkeit die bloß schriftliche Vollziehung gestattet wurde. Voll Gram verbrachte er seine letzten Tage. Im Mai 1808 starb seine Frau und mochte das Verhältniß unter den Eheleuten nicht immer das beste gewesen sein, der unerwartete Tod der kaum 55jährigen Frau ergriff ihn tief. Heyne schrieb damals an J. v. Müller, der ihr beider Vorgesetzter geworden war: „Schlözer war seit der Frauen Tod ganz herunter an Geist und Gesundheit; sein Gesicht ist fast erloschen … Ich habe mannigfaltige Auftritte mit ihm gehabt, aber bei allen seinen Eigenheiten ist er ein rechtlicher Mann, der auf seine Würde und auf die Würde der Universität hält und man kann auch von ihm sagen: „Sume superbiam quaesitam meritis.“ S. erholte sich noch wieder und wie er zeitlebens ein Mann von größtem Fleiße gewesen war, so las und schrieb er auch jetzt noch. Aus dem Jahre 1808 enthalten die Gött. gelehrten Anzeigen noch eine ganze Anzahl von Recensionen, aus dem Jahre 1809 noch einige, die letzte vom Juli aus seiner Feder. Zu seinem 75. Geburtstage verbot er sich in einem Rundschreiben alle Gratulationen, die herzlichen wie die diplomatischen, und erklärte, wie wenig Werth auf ein weiteres Dasein zu legen vermöge, wer wie er das lumpigte Menschenleben so lange kennen gelernt, an die jetzige Generation nur mit verbissenem Ingrimm denken und keine Erlösung mehr zu erleben hoffen könne. S. starb am 9. September 1809. Heyne zeigte den Tod mit den Worten an: In einer Zeit, in welcher die Namen berühmter Männer für die wissenschaftliche Cultur wichtiger als je waren, hat unsere Universität durch den Tod eines ihrer ältesten und berühmtesten Lehrer, unseres von Schlözer, einen empfindlichen Verlust erlitten. Durch das was er für Geschichte, Statistik und verwandte Kenntnisse geleistet hat, durch die Festigkeit, mit welcher er seine Geistesfreiheit behauptete, und durch die ausgezeichneten Ehrenbezeugungen, mit denen seine Verdienste sind anerkannt worden, wird sein Name unvergeßlich sein.

Unter den Charakterköpfen der Aufklärungsperiode, unter den hervorragenden Männern der Blüthezeit Göttingens ist S. unstreitig eine der eigenthümlichsten Erscheinungen. Von der Theologie ausgegangen, hat er den Erfahrungssatz bestätigt, daß aus einem Theologen alles werden kann. Da aber das ganze Lehrfach nach dem damaligen Zuschnitt der Wissenschaften mit der Theologie verbunden war, so liegt zwischen dem Punkte, von dem er ausging, und dem, welchen er erreichte, kein Widerspruch; denn um seine Stellung in Wissenschaft und Leben zusammenfassend zu bezeichnen, wird die eines Lehrers der zutreffendste Ausdruck sein. In den verschiedensten Lebenslagen, in immer mehr sich erweiternden Kreisen hat er als Lehrer gewirkt. Die wissenschaftliche Thätigkeit des Forschers allein hätte seiner praktischen Natur nie genügt. Es lag ihm immer daran, das Gelernte wieder zu lehren, zu verbreiten; und er lehrte, um die Zuhörer und Leser zu fördern und zu bilden, auf ihren Geist und auf ihren Charakter zu wirken. Er theilt noch den freudigen Glauben der Zeit, er könne was lehren, die Menschen zu bessern und zu bekehren. Eine reformatorische Natur strebt er, die eigene bessere Kenntniß zum allgemeinen Nutzen zu verwerthen. Wie ein rechter Lehrer ist er auch des Lernens nie müde geworden, [592] hat viel über die rechte Methode des Lehrens und Lernens nachgedacht und experimentirt, und nicht selten ist der Lehrer in ihm auch in seine Caricatur, den Schulmeister umgeschlagen. Er begann als Hauslehrer, nicht in den einfachen herkömmlichen Verhältnissen der deutschen Heimath, sondern in der Fremde unter schwierigen Verhältnissen. Die Kämpfe, die er hier bestand, um sich eine ihm zusagende Lebensstellung und Berufsthätigkeit zu verschaffen, haben für sein ganzes Leben nachgewirkt. Er hat dann als Universitätslehrer auf einer der ersten Lehrkanzeln gestanden, welche das damalige Deutschland kannte. Und wenn er hier nur zu der studirenden Jugend sprach, so wurde er in seinen Zeitschriften ein Lehrer des ganzen Volkes. Ein ungewöhnlicher Weg hatte ihn zur Universitätsstellung geführt, und nicht minder ungewöhnlich war die Verbindung der Thätigkeit eines Professors mit der eines Journalisten: beides Grund genug zur Anfeindung, aber auch Grund für ihn zum selbstbewußten Auftreten. Er hatte sich selbst seinen Weg gebahnt, seine eigenthümliche Stellung geschaffen. Die guten wie die schlechten Seiten des selfmade man vereinigten sich in ihm. Er war arbeitsam, nüchtern, schreckte vor keiner Schwierigkeit zurück. Er hat einen überaus großen Eigensinn, der alle Gefahr affrontirt, aber auch oft zum großen Fehler wird: so hat Michaelis, sein Gönner, den jungen S. geschildert. Schroff, rücksichtslos in seinem Auftreten, führte er eine herbe Sprache und eine noch herbere Feder. So scharfe Kritik er gegen Despotie in Geschichte und Leben übte, seine Familie und seine Umgebung haben reichlich von seinem despotischen Wesen zu leiden gehabt. Der älteste Sohn hat davon ein nachdrückliches Zeugniß hinterlassen. Das Finstere und Strenge seines Wesens war schon in seinem Aeußern ausgeprägt. Die von dem Braunschweiger Bildhauer Künckler 1810 modellirte Büste der Lübecker und der Göttinger Bibliothek mit der gerunzelten Stirn, den heraufgezogenen festgeschlossenen Lippen, der kurz und energisch heraustretenden Nase, verräth den finsteren und entschlossenen Mann. Den unvortheilhaften Eindruck erhöhte der den Augen fehlende Ausdruck. Von früher Jugend auf äußerst kurzsichtig, mußte er schon seiner Augenschwäche halber auf die Reisepläne verzichten, die ihn so lange beschäftigten. Schonungsloser Gebrauch verschlimmerte den Zustand seines Sehvermögens nur noch. Den jungen Mann hatte Michaelis in einem ungedruckten Briefe an Münchhausen so geschildert: „Sein Gesicht hat eine kenntliche Aehnlichkeit mit Karl XII., und ungefähr so sieht auch seine Seele aus. Selbst die niedergeschlagenen Augen und das Blöde im Reden von diesem Helden hat die Natur an ihm imitirt.“ Manches davon mochte sich im Laufe der Zeit verloren haben; aber seiner Schwiegertochter, Fräulein Platzmann in Lübeck, die Gedrucktes von ihm zu lesen wünschte, antwortete er selbst 1807: alle meine Schriften sind schwerfällig, ernsthaft, finster wie ihr Verfasser; und aus allen 52 Alphabeten, die er in 52 Jahren hatte drucken lassen, wußte er einer erwachsenen cultivirten Dame nicht einen Bogen zur nützlichen und zugleich anmuthigen Lectüre anzubieten. Wie keine Ader von Bel-Esprit in ihm war, so hatte er auch keinen Sinn für schöne Wissenschaften und Künste. Fand Klopstock, fand Homer keine Gnade vor seinen Augen, so hatten die jungen Hainbündler sicherlich nicht sich seiner Gunst zu rühmen. Vossens Hexameter war ihm ein Gräuel. Bürger, der 1771 in seinem Hause wohnte, nennt ihn einen harten unbiegsamen Mann, der dabei nicht ohne edles Sentiment sei. Bezeichnend hat er von sich selbst gesagt: er wundere sich, daß ihm so viele schöne Geister und namentlich wieder ein Kotzebue, ihre Gewogenheit schenkten, ihm, der selbst nichts weniger als schöner Geist sei. Er durfte sich an seinem Lebensabend auf bessere Männer berufen, auf Goethe, der dem Nestor und der Selbstbiographie Worte der Anerkennung widmete, auf Herder, der ihn einst so grimmig befehdet hatte und jetzt als einen philosophischen [593] die Geschichte weit umfassenden Denker pries oder in wortschäumender Zeit die Leser auf die Stimme eines Veteranen aufmerksam machte, „denn Veteranen nennen unsere Neulinge ihre Lehrer“, und mit dem Wunsche schloß: lasse der Himmel uns noch lange solche Veteranen, deren einige goldene Worte und scharfe Blicke mehr werth sind als lange Speculationen und malerische Tiraden. Eine geharnischte Natur, von ihrem ersten öffentlichen Auftreten an angefochten, hatte er seinen Lebensweg unter beständigen Kämpfen zurückgelegt und nicht viel Freunde aufzuweisen. Mit unerschütterlicher Treue hat er an seinem Lehrer Michaelis gehangen und mit ihm, einer nicht weniger angefeindeten Persönlichkeit, zusammengehalten. Noch nach seinem Tode ist er für ihn eingetreten und hat die unheilvoll verworrene Controverse zwischen Michaelis und Reiske in einem Aufsatze zu entwirren gesucht, den er für Caroline, die Tochter Michaelis’, schrieb und Reichardt’s Zeitschrift Deutschland 1796 veröffentlichte. Für die Tochter seines Lehrers, die Gefangene vom Königstein, verwendete er sich auch in einem Schreiben an den Kurfürsten von Mainz und erhielt vom Minister Albini eine günstige Antwort. Dem Andenken seines Lehrers erwies er den besten Dienst durch den Rath, dessen litterarischen Nachlaß, insbesondere die reichhaltige Briefsammlung der Göttinger Bibliothek zu übergeben. Von seinen Freunden ist sonst noch Beckmann zu nennen, der nur wenig jünger als S., gleich ihm von der Theologie ausgegangen war, seine Lehrjahre in Rußland bestanden hatte, gleich ihm von Kästner unablässig in Epigrammen verfolgt wurde. S. preist ihn als den Schöpfer zweier neuer Wissenschaften, der gelehrten Oekonomie und Technologie, und sein Zusammenwirken mit S., als dem Vertreter der Cameralwissenschaft, hat nicht wenig zu dem Flor Göttingens beigetragen. Ein Freund seiner Freunde, hat S. die Gegner, die persönlichen wie die litterarischen, die Schwere seines Zorns sattsam empfinden lassen. Den Zeus des historischen Himmels, welcher mächtige Blitze auf seine Gegner herabschleudert, hat ihn Meusel genannt. Beleidigungen, die ihm zugefügt waren, vergaß er nicht; er hat selbst gegen seinen Sohn geäußert, wer nicht nachtrage, habe auch für Dankbarkeit keinen Sinn. Beim Tode Kästner’s im J. 1800 war er gerade Decan und schrieb dem „vir multiplicis eruditionis scriptisque mathematicis clarissimus, verum bonis omnibus odiosus ob criminationes continuas“ einen grimmigen Nachruf in das Decanatsbuch. Er verfügte aber auch über die Waffe des beißenden treffenden Witzes und konnte einen satirischen Gedanken, wäre er noch so bitter, schwer unterdrücken. Hat es so seinem Charakter nicht an Flecken gefehlt, so haben doch selbst Personen, die ihm nicht sonderlich gewogen waren, das Gute und Tüchtige seiner Natur anerkannt. In einem kurzen Bericht über den Schlußband des Nestor, den die Götting. gelehrten Anzeigen nach Schlözer’s Tode brachten, führt der Referent die Erfolge seiner kritischen Thätigkeit auf seinen natürlichen Sinn für Grund und Wahrheit zurück, so wie ihm im Thun und Handeln das strenge Recht alles gewesen sei. Damit ist sehr richtig auf die Basis seines ganzen Wesens hingedeutet.

Was S. Bedeutendes in den Wissenschaften, die er vertrat, geleistet hat, liegt in dem Gedankengehalt, in der Anregung, in der Originalität seines Denkens und Schreibens. Man kommt in Verlegenheit, auf welches Werk man den Wißbegierigen, der ihn kennen lernen will, verweisen soll. Große systematische Werke, umfassende historische Darstellungen zu schreiben, war nicht seine Sache. Er hat in den Staatswissenschaften nur Grundrisse, in der Geschichte nur kritische Untersuchungen hinterlassen. Den ihm früh gemachten Vorwurf, ein Geschichtschreiber sein zu wollen, ohne doch die Kunst des Erzählens zu besitzen, hat er nie durch die That zu widerlegen vermocht. Bürger sagt sehr mit [594] Recht, S. scheine der historischen Kunst im großen über dem vielen Sammeln und Spitzenschnitzeln fast ganz zu vergessen. Er ist eine zu gedankenreiche und zu subjective Natur, um ruhig erzählen zu können. Ausrufungszeichen und Gedankenstriche werden massenhaft in seinen Schriften, die kritischen kaum ausgenommen, verbraucht. Gegen J. v. Müller, der seinen Stil vertheidigt hatte, wendet er sich in einer bekannten Aeußerung, in der keinerlei Coquetterie liegt. Es ist in seiner Schreibart wirklich nichts Musterhaftes; sie ist rein individuell, bewegt sich oft in glücklichen Wendungen, bezeichnenden Worten, neu geprägten Ausdrücken. Er klagt über die Armuth der Staatswissenschaft an deutschen Kunstwörtern. Nicht alle, die er selbst geschaffen hat, sind so glücklich wie „Justizmord“. Monarchenbezügler (o. S. 586), Unfactum für historische Unwahrheit, Thatsatz für factum historicum – erst zuletzt findet sich Thatsache – wird man nicht ohne Mißbehagen lesen. Sein Vortrag ist kurz und gedrungen; er spart die Worte, wie seine Feder die Buchstaben. Lange vor den modernen Rechtschreibern hat er das Dehnungs-h und die Doppelvocale weggeworfen; in seinen späteren Schriften auch das griechische ph durch f ersetzt. Etymologisirend schreibt er statt hindern: hintern und sparsam statt verdauen: dauen. Die moderne Abneigung gegen Fremdworte theilt er nicht; sein Deutsch ist reichlich mit französischen Phrasen durchsetzt. Von einem Gefühl für Einheit und Gleichmäßigkeit des Stils ist wenig bei ihm wahrzunehmen. Er fällt fortwährend aus der Rolle. Den Schlußsatz von Jesaias X, 14 übersetzt er in einem ernsten Zusammenhange: und keines der Länder regt den Fittig und keines öffnet mit Pipen den Schnabel. In seinem Jan von Leiden sagt er von den Münsteranern: sie sind ächte brave Deutsche, legen niemanden etwas in den Weg, aber purren lassen sie sich auch nicht. Sein Geschmack war offenbar mangelhaft entwickelt; wie wäre sonst ein Satz wie dieser seines Jan von Leiden möglich: „Deutscher Knabe, kommst du künftig einmal nach Italien, so wirst du eine Menge Büsten, ganz vortrefflich in Marmor gearbeitet, von den großen Schurken und Tyrannen des alten Griechenlands und Roms, von Themistocles und Alexander, von Cäsar und Caracalla zu sehen kriegen. Aber kommst du einmal nach Münster – schwerlich wirst du eine einzige Büste von diesem, wo nicht gleich großen, doch für dich Deutschen ungleich merkwürdigern holländisch-deutschen Schurken im ganzen Bisthum antreffen. So sind wir Deutsche!“ Aber Kraft und Originalität des Ausdrucks, Schärfe des Urtheils wird man nie in seinen Schriften vermissen. Oft begnügt er sich mit einer losen Zusammenstellung von Excerpten aus Schriftstellern, Chroniken, Urkunden, überläßt die Verwerthung dem Leser oder behält sie einer Zukunft vor, die nie gekommen ist; aber die kurzen Bemerkungen, die Zwischenrufe, die Einschaltungen, die er einstreut, sind oft werthvoller als lange Commentare. Seine Schriften – lautet ein Wort Herder’s – zeigen Lücken, die Gedanken wecken. Die Gliederung seines Vortrags hat unter der Genialität seines Wesens nicht zu leiden. Im Leben und in seinen Schriften ist er ein Mann der größten Ordnung. Er sendet keinen Brief ab, den er nicht copirt. Er sorgt für genaue Disposition seines Vortrags; es ist alles numerirt, in Ober- und Unterabtheilungen zerlegt. Um die Besserung der logischen Gliederung, um die zutreffendste, kürzeste und inhaltreichste Formulirung in seinen Lehrbüchern ist er fortwährend bemüht. Briefwechsel und Staatsanzeigen hat er mit einem genauen dreifachen Register versehen lassen und leere Räume auf den Umschlägen oder den Registerblättern zu Mittheilungen und Berichtigungen ausgenutzt.

S. hat viel und vieles geschrieben, in den verschiedensten Sprachen, in den mannichfaltigsten Formen. Stellt man seine sämmtlichen Arbeiten zusammen, es sind auffallend viele schmale Büchlein, oft mit complicirten Titeln, darunter; [595] Bücher in Sedezformat für die Toiletten der Damen, den Gebrauch der Kinder; viel vergängliches, vom Augenblick geboren und vom nächsten verschlungen. Aber an einigen wird sein Name für immer haften. Vor allem an dem Nestor. Wie er hier für eine alte Volksgeschichte die zuverlässigsten Quellen bereit legte, so hat er auch sonst die Völker in ihren Anfängen zu ergründen gesucht. Die Entdeckerlust ist von der Natur des Reisenden unzertrennlich. War es ihm nicht beschieden, in die Geheimnisse der Natur einzudringen, so hat er sich durch den Verhau alter Ueberlieferungen den Weg zur geschichtlichen Erkenntniß gebahnt. Wie den Ursprung der Russen, so hat er den der Polen, der Deutschen in Siebenbürgen, der Osmanen aus echten Quellen zu ergründen gestrebt. In dem Reize des Unbekannten liegt, wie es scheint, die Erklärung für die Hinneigung des sonst so praktisch gerichteten Mannes zu den Anfängen der Völker- und Staatenentwicklung; hatten sich doch auch seine Reisepläne in den Dienst der Erforschung eines der ältesten Bücher gestellt. Damit hängt auch weiter zusammen, daß sein historisches Interesse vorzugsweise den weniger bekannten Ländern und Völkern gilt. Ihn locken die großen weiten fremdartigen Verhältnisse des Nordens und Ostens, die von der kraftvollen Hand eines genialen Eroberers erfaßt werden müssen, wenn menschenwürdige Verhältnisse auf solchem Boden entstehen sollen. Die starke Monarchie, der aufgeklärte Absolutismus sind die Staatsformen, in denen er das Heil dieser Länder erblickt. Die Einheit des Menschengeschlechts, die Bedeutung aller Völker und Länder für den Gang der Weltgeschichte: Gedanken aus seinen schon oben (S. 575) verfolgten universalhistorischen Studien erwachsen, kommen hinzu, um ihn gegen die winzigen Staaten einzunehmen, die prätendiren, allein die Geschichte gemacht zu haben. Vor allem trifft sein Zorn die Griechen. Man weiß nicht, was ihm mehr zuwider ist an diesen Republiquetten, die Kleinheit oder die Staatsform. Ihm imponirt nichts als das Große und Weite. Und hatte noch die zweite Auflage seiner „Vorstellung“ von diesem Gesichtspunkte aus im Texte die Römer, nicht wegen des Umfangs ihres Reichs noch wegen seiner Cultur noch wegen ihrer Großthaten, sondern wegen der Verkettung ihrer Schicksale mit denen eines großen Theils der alten und mittleren Welt als das Hauptvolk anerkannt, dessen Geschichte die Grundlage der ganzen Weltgeschichte bilden könne, nachher in der Anmerkung hat er das zurückgenommen, da die Römer wohl für Südeuropäer das Hauptvolk sein mögen, aber nicht für Weltbürger. Ohne Sinn für moralische Größe, alles an äußeren Erfolgen bemessend, vermag er es die Worte niederzuschreiben: „mit unnachahmlichen Glücke bearbeiteten die Griechen alle schönen Künste, aber was haben sie in den höhern Wissenschaften selbst erfunden oder auch nur ausgebildet?“ Selbst das arme Wort Politik muß es entgelten, daß es von den Griechen stammt; es klingt ihm kleinstädtisch, und Worte wie Staatsgelehrsamkeit oder Staatsverfassungslehre preist er dagegen als Kernworte. Er ist nicht der erste oppositionelle Geist, der die großen Lehrer der Menschheit schmähte; dem Einfluß der classischen Studien hat auch er nicht zu schaden vermocht, aber die Angriffe reichten hin, um ihm selbst und seinem politischen Wirken bei den litterarischen Stimmführern Deutschlands zu schaden.

Die andere seiner Arbeiten, daran sein Name haften wird, ist der „Briefwechsel“ und seine Fortsetzung in den „Staatsanzeigen“. „Ja, ich habe Correspondenz mit allen Malcontenten in der ganzen Welt: da erhalte ich die geheimsten Nachrichten, Papiere und Documente; und wenn man mit den Leuten spricht, die unzufrieden sind, da erfährt man recht die Wahrheit“, läßt Goethe den Schuhu in den „Vögeln“ sagen. Es ist eine ansprechende Vermuthung Julian Schmidt’s, die Worte auf S. zu beziehen. Grade um die Zeit, da Goethe das Stück schrieb, hatte ihn die Waser’sche Angelegenheit gegen S. aufgeregt [596] (ob. S. 585); wir wissen aus seinen Briefen, daß er damals den Briefwechsel las; selbst das Aeußere Schlözer’s paßt zu jener Bezeichnung nicht uneben. Die Aeußerung Goethe’s zeigt, was sich Ungünstiges von Schlözer’s journalistischer Thätigkeit sagen ließ und auch gesagt wurde. Der Buchhändler Göschen z. B. sah in dem Aufschwung seiner Zeitschriften nichts als einen Beweis der Neugierde des Publicums. Aber der berechtigte Tadel, der alledem zu Grunde liegen mag, tritt doch zurück gegen das große Verdienst, das sich S. mit seiner Zeitschrift erwarb. Ernst Brandes, gewiß ein maßvoller Mann, sagt in den Betrachtungen über den Zeitgeist (1808), wo er von der Preßfreiheit und ihrer Verbreitung über die Staatsverwaltung mittlerer und der kleinen Staaten Deutschlands redet: S. brach durch seinen Briefwechsel die Bahn; er wirkte zuerst und nach ihm keiner wie er. S. kennt sehr wohl die Nachtheile, die sich an die Preßfreiheit hängen; er bedauert, daß sie weder reichs- noch landesverfassungsmäßig geordnet ist und läßt durch Feder die natürlichen Schranken untersuchen, die ihr zu ziehen sind. Er hat sie auch nirgends selbst verwerthet oder verwerthen lassen, um dem Unrecht oder der Unsitte Bahn zu brechen. Er gibt dem Kaiser was des Kaisers und Gott was Gottes ist. Vor der Religion bezeugt er die höchste Achtung; die Geschichte bezeichnet er als deren Dienerin. Daß er das Christenthum um seiner politischen Vorzüge willen schätzt, hat er mit den Männern der Aufklärungszeit gemein. Im Staat ist England sein Ideal; denn hier hat sich erhalten, was von Rechtswegen überall bestehen sollte. Ständische Verfassung ist ihm Menschenrecht, aus Eden von den Vorfahren mitgebracht. Auch der sanfteste Herrscher, der auf einem unumschränkten Throne sitzt, muß ein Tyrann werden. Er erklärt sich gegen die démocratie royale, gegen das suspensive Veto, für eine Erbaristokratie in einer Erbmonarchie als Schutzwehr gegen die Geldaristokratie. Von dem Wehrstande, diesem Stande der Ehre, dem ersten und unentbehrlichen Stande im Staate, spricht er mit höchster Achtung. Seinen zweiten Sohn hat er Soldat werden lassen, ein damals noch Aufsehen erregender Schritt. S. ist aber nichts weniger als martialisch gesinnt. Sein Rechtssinn leitet ihn durch die ganze Geschichte. Mit besonderer Freude hat er sich aus Tacitus die Stelle von den Recht und Frieden verehrenden Chauken gemerkt, die kein Deutscher besonders unserer Tage – schreibt er 1795 – dem Menschen- und Völkerrecht heilig ist, ohne eine kleine Anwandlung von Nationalstolz lesen kann. Er grollt Homer, der das Leben des Kriegers mit dem höchsten Glanze umgeben und Kriegsunholde gebildet hat. Zu der allgemeinen Vergötterung Alexander’s des Großen vermag er sich nicht zu erheben, und Karl den Großen, auf dessen Befehl 4500 Sachsenköpfe fielen, nennt er den fränkischen Septembriseur. Erschreckt sieht er das Recht des Stärkern um sich greifen und fragt bei der zweiten Theilung Polens den Grafen Hertzberg, was das droit de convenance der Cabinette vor den Thaten des Nationalconvents voraus habe? Er müßte kein Sohn des 18. Jahrhunderts sein, wenn er nicht von Menschenrechten spräche – aber voran stellt er ihnen die Menschenpflichten: ein Wort, das ihm nicht weniger als das von der Einheit des Menschengeschlechts (oben S. 575) die besondere Anerkennung Herder’s eingetragen hat. Ueber aller Humanität und allem Kosmopolitismus vergißt er nicht, daß er ein Deutscher ist. Stolz macht er sein Deutschthum geltend. Und der so praktisch denkende Mann wußte der Reichsverfassung des vorigen Jahrhunderts vortheilhafte Seiten abzugewinnen.

Gesinnungen wie diese waren in dem Lande und in der Stadt, in der er lebte, nicht neu und nicht vereinzelt vertreten. Vielleicht ist aber keine Persönlichkeit unter den hervorragenden Männer Göttingens so für den Ort und die Zeit bezeichnend wie die Schlözer’s. Wie hoch er selbst diese Stätte seines [597] Wirkens stellte, bezeugen Aeußerungen, in denen er Hannover ein wahres Freiheitsland nennt oder als ein Land lobt, in dem viel Nützliches für das gemeine Wesen gethan, aber wenig davon gesprochen und geschrieben werde; namentlich aber der Wahlspruch, zu dem er sich schon seit 1754 bekannte: „Extra Gottingam vivere non est vivere“. Bei diesem beliebten Citat darf nur nicht sein Zusatz: „in Rücksicht auf gelehrtes Leben“ vergessen werden; auch nicht, daß es doch Zeiten gab, da er anders dachte. Im J. 1774 bedauerte er von Paris an einen Ort zurückkehren zu müssen, „wo mir alles fatal und nichts lieb ist als mein Haus und was darinnen ist“. Die rasch errungenen großen Lehrerfolge scheinen damals durch die Anfeindungen der Gegner ausgewogen zu sein. Nach wenig Jahren war es anders. Als ihm im November 1778 der Minister v. Zedlitz einen Ruf nach Halle mit 800 oder wenn es sein müßte 1000 Thalern Besoldung antrug, lehnte er mit Rücksicht auf die höhere Ehre, Einnahme und Einfluß, die er in Göttingen genoß, ab. Sein Gehalt betrug damals zwar nicht mehr als 700 Thaler und ist auch bis zu seinem Lebensende nicht über 3280 Francs hinaus gestiegen, aber seine Jahreseinnahmen aus den Vorlesungen berechnete er 1778 auf etwa 1200 Thaler. Das Publicum, das in Göttingen seine Vorlesungen über Statistik und Politik hörte, war ein ganz anderes als ihm das damalige Halle gewähren konnte. Rehberg hat nicht mit Unrecht darauf hingewiesen, welchen Einfluß und politische Kenntniß den Göttinger Lehrern jener Zeit das Zusammenströmen so vieler Söhne aus den angesehenen Familien aller Staaten verschaffte. Außer der akademischen Thätigkeit fesselte S. die litterarische an Göttingen. Sein Briefwechsel würde durch die Verlegung nach Halle zu einem Wochenblatte herabsinken. Man braucht es nicht zu verhehlen, daß der finanzielle Gesichtspunkt dabei erheblich ins Gewicht fiel. In Göttingen erzählte man sich, daß seine Verlegerin, Anna Vandenhoeck, ihm einst beim Vorbeigehen an ihrem Hause schmunzelnd nachgerufen habe: „Da geiht min Briefwechselmann“, eine Aeußerung, die gewiß nicht gerade der morosen Erscheinung ihres Autors galt. Seine Jahreseinnahme aus der Zeitschrift stieg in der besten Zeit auf 3000 Thaler. Schon 1781 bezeichnet ihn Caroline Michaelis als sehr reich. Ihm wie anderen Göttinger Größen ist schon von Zeitgenossen der Vorwurf des Eigennutzes und der Geldsucht gemacht worden. Chr. Fr. Schlosser, der überhaupt nicht gut auf Göttingen zu sprechen ist, nennt ihn derb praktisch und erinnert sich aus der Vorlesung der drolligen Heftigkeit, mit welcher er die materiellen Interessen, die keines Vertheidigers bedürfen oder wenigstens keinen Professor begeistern sollten, gegen Beeinträchtigung von Seiten der Poesie und Philosophie verfochten habe. Unter den Strömungen der Zeit mochte er das für nöthig halten. Daß er von früh auf auf seine finanzielle Selbständigkeit bedacht und sich durch eigene Kraft ein Vermögen verschafft zu haben stolz war, läßt sich nicht läugnen, ebensowenig, daß er wie alles auch die Sparsamkeit auf ein System gebracht hatte. Daß er aber eigennützig gewesen wäre, ist aus seinen Personalacten nicht darzuthun. Zedlitz bezeugte ihm in der Verhandlung wegen Halle, er habe sich so galant bei der Sache betragen, als wahrhaftig noch kein Göttinger. Daß er die Ablehnung in Hannover ausgenützt habe, ist nicht wahrzunehmen. Auch bei dem Antrage, der ihm von Wien aus 1781 zu theil wurde, ist von einer Rückwirkung auf seine Göttinger Stellung nichts zu merken. Das Genauere über den Wiener Ruf ist übrigens nicht bekannt. Im Publicum erzählte man sich von einem Anerbieten des Adels und eines Gehaltes von 4000 Thalern. Der Sohn meint, die Verhandlung habe sich infolge zu hoher Forderungen Schlözer’s zerschlagen, setzt aber hinzu: zu seinem Glücke. Daß ein Antrag aus Wien zu einer Zeit, da die Waser’sche Angelegenheit doch gegen S. sehr benutzbar war, an ihn gelangen konnte, ist bezeichnend genug. 1782 [598] wurde er, der erste Protestant, in Innsbruck zum Doctor juris honoris causa promovirt. An höchster Stelle nahm man in Oesterreich Kenntniß von ihm. Die Aussprüche Maria Theresia’s und Joseph’s II. sind bekannt genug, während Friedrich der Große schwerlich von seiner Existenz gewußt haben wird. In Sachen der Preßfreiheit stellte S. Joseph II. über Friedrich, so sehr er auch sonst Friedrich dem Einzigen, wie er ihn stets nennt, ergeben ist. Eben weil er der Einzige ist, dürfen in Preußen Garantieen fehlen, die sonst für das Wohl der Staaten unerläßlich erscheinen. Der „Briefwechsel“ muß anerkennen, daß der Geist der Verschwiegenheit in den preußischen Staaten zu den vornehmsten Machtmitteln Friedrich’s des Großen gehört habe. Aber besorgt fragt S. doch den Grafen Hertzberg, ob nicht die Vernichtung der Stände in Preußen ein Unrecht gewesen sei, das sich früher oder später rächen werde. Die preußischen Staatsmänner haben große Stücke auf S. und seine Zeitschrift gehalten. Das Verhalten des Grafen Hertzberg ist dafür weniger geltend zu machen, da es erst aus der Zeit seines Verfalles datirt, als das Carmer’s, der ihm die einzelnen Theile des Landrechtsentwurfs zur Begutachtung, des Ministers Schulenburg, der ihm Handelslisten für die Staatsanzeigen übersendet. Bei seinem Interesse für die Verwaltung des Staates ist es erklärlich, daß er sich durch den Verkehr, in den sich preußische hohe Beamten mit ihm setzten. besonders geehrt fühlte. Unverhohlen äußert er gegen Zedlitz seine Bewunderung für die preußische Regierung, die alleractivste der Welt in unserem Säculum; Thätigkeit und Arbeitslust müsse bei keiner Regierung in der Welt mehr Nahrung und Werth haben als bei ihr, und er wünscht sich aufrichtig, selbst ein Rad oder Rädchen in dieser außerordentlichen Maschine zu sein. Gedanken an einen Uebertritt in praktische Thätigkeit haben ihm nie fern gelegen. Am Abend seines Lebens seufzt er darüber, daß er nach bewegten Jünglings- und Mannesjahren, die ihn in die Nähe und unmittelbare Anschauung großer Vorfälle gebracht, nun schon 18 Jahre sich nur in Zeitungen, Betrachtungen und Rückerinnerungen langweile. Er versäumt es selten in seinen Verhandlungen mit Staatsmännern auf die Kluft hinzuweisen, die den Theoretiker, „den Theoristen in seiner Studirstube“, von dem praktischen, in Geschäften stehenden Manne trennt. Er betrauert es, die Welt und die Menschen verlassen zu müssen, ohne sie kennen gelernt zu haben. Er hätte sich mit seinen Erfolgen trösten dürfen; denn es wird wenige Gelehrte der Zeit gegeben haben, die so tief und nachhaltig in das Leben eingegriffen haben wie er. An äußeren Ehren hat es ihm nicht gefehlt. Die hannoversche Regierung, maßvoll und zurückhaltend wie sie war, hat doch gezeigt, welchen Werth sie auf ihn legte. 1787 erhielt er mit der Nominalprofessur der Politik den Titel eines Hofraths, 1806 den eines Geh. Justizraths. Die ihm entzogene Censurfreiheit wurde ihm 1800 zurückgegeben. Den höchsten Gipfel seines Stolzes bildeten die ihm von der russischen Regierung erwiesenen Ehren. Das Studium des russischen Reiches und seiner Geschichte hatte ihn, den vormaligen Mitbürger, immer in eine Art von vaterländischem Enthusiasmus versetzt. Von den Beziehungen zu Rußland lange Zeit getrennt, empfand er nun, als er die alten Arbeiten wieder aufnahm und zum glücklichen Abschluß brachte, eine fast kindliche Freude über die endliche Anerkennung. Die russische Einrichtung in puncto des Adels ist ihm nun die einzige vernünftige in der Welt im Gegensatze des tudesquen pedantischen Menschenrechte kränkenden deutschen Adels. Aber der Stolz des Göttinger Professors verläßt ihn doch auch jetzt nicht. Als in derselben Zeit der Kurprinz Ludwig von Baiern bei ihm Staatsrecht privatim mit dreißig anderen und privatissime Cameralwissenschaften mit seinem Gouverneur, einem geheimen Rathe, hört, bezeichnet er das seinem in Rußland angestellten Sohne als erstes Beispiel der Art, unendlich glorieus für die Georgia Augusta. [599] Auch gesellschaftlich hat er seinen Stand zu repräsentiren sich immer angelegen sein lassen. Sein Haus gehörte zu den bevorzugten, in denen die Söhne Georg III., die die Vorlesungen Spittler’s zu meiden angewiesen waren, verkehrten. Vornehme Fremde versäumten nicht ihn aufzusuchen; Ausländer besuchten sein Haus mit Vorliebe. Wiederholt hielt er besondere Vorlesungen für Russen, für vornehme Ungarn. Es fehlte nicht viel, so hätte sich seine Tochter Dorothea mit einem in Göttingen studirenden Baronet verlobt. Als sie nachher die Braut des reichen Lübecker Senators Rodde wurde, war er nicht wenig stolz auf die Goldtochter. Aus der englischen Heirath war nichts geworden, weil S. die Tochter völlig sicher gestellt zu sehen wünschte. Wie wenig aller Vorsichtsmaßregeln ungeachtet das Gleiche bei der Lübecker Heirath gelang, ist bekannt. Es ist ganz im Geiste des Vaters gehandelt, wenn der Sohn die Anwendung der Lübischen allgemeinen Gütergemeinschaft auf das Heirathsgut seiner Schwester als den größten Rechtsmißbrauch charakterisirt, eine irrige Auffassung, der auch Ch. v. Villers seine Feder lieh. Wie Villers der Tochter ritterlich zur Seite stand, so hatte er in den letzten Lebensjahren das ganze Vertrauen des Vaters genossen. Nach dem Tode Schlözer’s wurde deshalb die Erwartung laut, Villers werde ihm durch eine vollständige Biographie ein würdiges Denkmal stiften. „In Europens Universalsprache“, ist in rheinbündischem Sinne hinzugesetzt, schwerlich in dem Sinne des Heimgegangenen.

Schlözer’s wissenschaftliche Stellung ist durch die Verbindung der Geschichte mit den Staatswissenschaften charakterisirt. War bisher die Geschichte in Lehre und Litteratur von Theologen oder Juristen vertreten worden, so setzte er sie in ihren natürlichen Zusammenhang mit den politischen Wissenschaften wieder ein. Sein weiteres Verdienst bestand dann darin, die Wissenschaft mit dem Leben in engste Verbindung gebracht zu haben. Ein weltläufiger Gelehrter, ausgerüstet mit der Herrschaft über zahlreiche Sprachen und der Kenntniß fremder Länder, mit eindringendem Scharfsinn, mit Rechtssinn und natürlichem Freimuth begabt, verwerthet er die Resultate seiner wissenschaftlichen Studien, um eine Heilung der mannigfachen Schäden in Staat und Gesellschaft zu finden. Er verbreitet liberale und patriotische Gesinnung im Staate, er hilft zur Bildung einer öffentlichen Meinung, aber man wird bei Betrachtung seines Lebens den Eindruck nicht los, als sei er ein Bürger derer, die da kommen werden, gewesen: ein Journalist vor der Zeit der Journale, ein Reisender vor der der Reisen, ein Culturhistoriker vor der der Culturgeschichte, vielleicht auch ein Oppositionsmann vor der Existenz einer politischen Opposition.

S. hinterließ fünf Kinder, zwei Töchter und drei Söhne. Ueber den ältesten Sohn, Christian, siehe unten; der zweite, Ludwig, geboren 1776, war Cadett beim Estorf’schen Dragonerregiment, diente nachher in der englisch-deutschen Legion und starb 1812 in französischer Kriegsgefangenschaft zu Verdun. Der jüngste Sohn, Karl, geboren 1780, wurde Kaufmann in Lübeck und russischer Consul; er ist der Vater des deutschen Gesandten beim Vatican, Kurd v. S. Von den Töchtern heirathete die jüngste, Elisabeth, geboren 1783, den Kammersecretär Gelbke zu Gotha; sie zusammen mit der Tochter eines französischen Emigranten, Fräulein v. Shée, die zu Anfang der neunziger Jahre in Schlözer’s Haus gekommen war, pflegte ihn in den letzten Zeiten seines Lebens. Ueber die älteste Tochter s. A. D. B. XXIX, 1. Es darf hier noch hinzugefügt werden, daß Fr. v. Rodde, nach dem Fallissement ihres Mannes in Göttingen lebend, die Ehre hatte, im Herbst 1813 die Befreier Göttingens im Namen der Stadt zu begrüßen. Gottingue ne pouvait pas être mieux représentée, hat ein Franzose, Benjamin Constant, gesagt.

[600] Die Hauptquelle ist: Christian v. Schlözer, A. L. v. Schlözer’s öffentl. und Privatleben, 2 Bde., Leipzig 1828, ungemein stoffreich, benutzt Briefe und sonstige Aufzeichnungen Schlözer’s, läßt aber durch subjective Einmischungen, zahlreiche Irrthümer viel zu wünschen übrig; Bruchstück einer Autobiographie von 1757–61, ebenda I, 463; über das Fragment 1761–65, oben, S. 590. – Briefe Schlözer’s in Michaelis’ Litter. Briefwechsel, herausg. von Buhle, Thl. I, (Leipzig 1794), in Briefen an J. v. Müller, herausg. von Maurer-Constant III (Schaffh. 1839); Heyne’s Briefe das., II. – Caroline, herausg. von Waitz I, 41, 165, 308 ff., 312. – Goethe’s Briefe (Weimarsche Ausg.), Nr. 1027, 1988. – Schiller an Körner I, 191. – Schiller’s Geschäftsbriefe, herausg. von Goedeke, Nr. 31. – Strodtmann, Bürger I, 88, III, 137. – Isler, Briefe an Villers, S. 22.
Allgem. Zeitung 1809, Nr. 294 u. 295. – Zeitgenossen IV, 2 von B. A. (Leipzig 1819); ebenda über Frau Dr. v. Rodde. – Heeren, Histor. Werke VI, 498 ff. (Göttingen 1823). – A. Bock, Schlözer (Hannover 1844). – R. v. Mohl, Gesch. u. Litt. der Staatswissensch. II, 439 (1856). – v. Kaltenborn in Bluntschli u. Brater’s St.-W.-B. IX, 241 (1865). – G. Waitz in Göttinger Professoren, S. 239 (Gotha 1872). – Zermelo, A. L. Schlözer, ein Publicist im alten Reiche (Berlin 1875). – H. Wesendonck, Die Begründung der älteren deutschen Geschichtschreibung durch Gatterer u. Schlözer (Leipzig 1876).
Wachler, Gesch. d. histor. Forschung u. Kunst II 1, 782, 858 (Göttingen 1816). – Schlosser, Gesch. d. 18. Jahrh. IV, 226 u. a. m. – Roscher, Gesch. d. Nat.-Oekonomik, S. 582 ff. (1874). – Wagner, Art. Statistik im St.-W.-B. X, 414 ff. – Wegele, Gesch. d. deutschen Historiographie, S. 766, 789 ff. (1885). – Wenck, Deutschland vor 100 Jahren, 2 Thle. (Leipzig 1887–90). – Weiland, Festrede. Göttingen 1889.
Herder’s Werke, herausg. von Suphan XVI, 57; XX, 303 ff. – Haym, Herder I, 601 ff. – K. F. Eichhorn, herausg. v. Schulte, S. 14. – Lang, Memoiren, S. 239. – Weber, Schlosser, S. 16. – Rehberg, Erwartungen der Deutschen, S. 76. – J. Bernays, Phokion, S. 7 ff. (Berlin 1881). – Frankf. Gel.-Anz. von 1772 (Deutsche Litt.-Denkm. des 18. Jahrh., Nr. 7), S. 102, 187, 392. – R. Boje, Im neuen Reich V (1875) 1, 244; Jul. Schmidt, das. X (1880) 1, 940. – Pütter, Göttinger Gel.-Gesch. II, 166; III, 100. – Akten d. königl. Universitäts-Curatoriums. – Ungedruckte Briefe von Schlözer.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Carl von Linné (vor der Erhebung in den Adelsstand 1756 Carl Nilsson Linnæus) (1707–1768), war ein schwedischer Naturforscher, der mit der binären Nomenklatur die Grundlagen der modernen botanischen und zoologischen Taxonomie schuf.
  2. Katharina II. (genannt Katharina die Große; 1729–1796), war ab dem 9. Juli 1762 Kaiserin von Russland, Herzogin von Holstein-Gottorf und ab 1793 Herrin von Jever. Sie ist die einzige Herrscherin, der in der Geschichtsschreibung der Beiname die Große verliehen wurde.
  3. Nestor von Kiew (1050–1113), war ein ostslawischer Mönch und Verfasser der ersten ostslawischen Chronik.
  4. Oliver Cromwell (1599–1658), war Lordprotektor von England, Schottland und Irland während der kurzen republikanischen Periode der britischen Geschichte.
  5. Karl I. (englisch Charles I.; 1600–1649), war von 1625 bis 1649 König von England, Schottland und Irland aus dem Haus Stuart.
  6. Benjamin Franklin (1706–1790), war ein nordamerikanischer Drucker, Verleger, Schriftsteller, Naturwissenschaftler, Erfinder und Staatsmann.
  7. Voltaire (1694–1778), war einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung.
  8. Gabriel Bonnot de Mably (1709–1785), war ein französischer Politiker und Philosoph in der Zeit der Aufklärung.
  9. Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu (1689–1755), bekannt unter dem Namen Montesquieu, war ein französischer Schriftsteller, Philosoph und Staatstheoretiker der Aufklärung.
  10. Alexander I. Pawlowitsch Romanow (1777–1825), war Kaiser von Russland (1801–1825), König von Polen (1815–1825) und erster russischer Großfürst von Finnland (1809–1825) aus dem Hause Romanow-Holstein-Gottorp.
  11. Jérôme Bonaparte (1784–1860), ursprünglich Girolamo Buonaparte, war der jüngste Bruder Napoléon Bonapartes.