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Artikel „Leß, Gottfried“ von Carl Bertheau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 444–446, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Less,_Gottfried&oldid=- (Version vom 9. Dezember 2019, 13:39 Uhr UTC)
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Band 18 (1883), S. 444–446 (Quelle).
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Leß: Gottfried L., ein seiner Zeit bekannter und geschätzter lutherischer Theologe, wurde als einziges, spätgebornes Kind des Bürgermeisters Johann Matthias L. am 31. Januar 1736 zu Conitz in Westpreußen geboren. Wegen seiner großen Kränklichkeit wurde er in seinen ersten Lebensjahren besonders nachsichtig erzogen, doch prägte sich der fromme Sinn seiner Eltern dabei seinem Gemüthe unauslöschlich ein. Als er vom 14. Jahre an das Collegium Fridericianum zu Königsberg besuchte, erstarkte seine Gesundheit und unter tüchtigen Lehrern holte er früher Versäumtes bald ein. Er bezog darauf zunächst die Universität Jena, sodann Halle, wo Baumgarten besonderen Einfluß auf ihn gewann, der, für die Art, wie L. nun selbständig theologische Studien trieb, entscheidend ward. Baumgarten verwandte ihn bei der Herausgabe seiner „Nachrichten von merkwürdigen Büchern“ und suchte ihm in Halle eine Anstellung zu [445] verschaffen. Als sich das hinzog, ging L. im J. 1757 nach Danzig, wo der Rector des akademischen Gymnasiums Ernst August Bertling (vgl. Bd. II, S. 514) sich seiner annahm; hier ward er dann im J. 1761 außerordentlicher Professor der Theologie an dem genannten Gymnasium. Bald darauf unternahm er eine wissenschaftliche Reise nach England und Holland. Auf seiner Durchreise durch Hannover lernte ihn der Minister von Münchhausen kennen und bot ihm sogleich eine Stellung in Göttingen an. So trat dann L. nach Vollendung seiner Reise im Herbst 1763 als außerordentlicher Professor der Theologie und Universitätsprediger sein Amt in Göttingen an, in welchem er eine längere Zeit hindurch sich großen Ansehens erfreuen und einen weithin reichenden Einfluß ausüben sollte. Schon im J. 1765 ward er ordentlicher Professor, 1766 Doctor der Theologie, 1770 Mitglied der schwedischen Gesellschaft für Glauben und Christenthum (pro fide et christianismo) und im J. 1784 Consistorialrath. Obschon seine Gesundheit oft litt, was auch auf seinen Vortrag Einfluß hatte, – er war reizbar, äußerst lebhaft auch in seinen Geberden und seine Stimme hatte einen „klagenden Jammerton“ – war er ungemein fleißig und fand als Professor und als Prediger großen Beifall. Seine wissenschaftlichen Arbeiten wandten sich vor allem der Apologetik zu und im Zusammenhange damit der Moral; das Christenthum gegen den immer mehr einbrechenden Deismus zu schützen und seine Vortrefflichkeit zu zeigen, war sein Hauptbestreben; obschon er eigentliche Gelehrsamkeit schon als Schüler Baumgarten’s besaß und schätzte, so war sein Ziel doch zumeist ein praktisches, und dieser Zug ist auch an seinen dogmatischen Werken spürbar. Von besonderem Einfluß auf seine Anschauungen war eine längere Reise, die er um seine Gesundheit zu stärken, im Jahr 1774 nach der Schweiz und dem südlichen Frankreich machte. Auf der Rückreise kam er durch Paris, wo er auf der königlichen Bibliothek und in der Abtei St. Germain einige Handschriften des neuen Testamentes verglich (vgl. hierüber Michaelis, Orientalische und exegetische Bibliothek, Bd. 9, S. 140 bis 152). Mittheilungen aus seinem Tagebuch über den Zustand der Protestanten in Frankreich veröffentlichte er in Walch’s neuester Religionsgeschichte (Theil 6 im Anfange; vgl. aber auch schon Theil 5, S. 195 ff.). – Während er selbst den Glauben der Kirche festzuhalten bestrebt war und doch, ohne es wohl größtentheils selbst recht zu merken, ein Stück desselben nach dem andern aufgab, konnte er es je länger desto mehr weder denen, die am alten Glauben festhielten, noch den Aufgeklärten recht machen. Als die „Fragmente“ erschienen waren, bekämpfte er die in ihnen an der Geschichte der Auferstehung Jesu geübte Kritik in einer Monographie („Auferstehungsgeschichte nach allen vier Evangelisten nebst einem doppelten Anhange gegen die Wolfenbüttelschen Fragmente u. s. f.“, Göttingen 1779), einer Schrift, auf welche Lessing in den „so genannten Briefen an verschiedene Theologen“ zu antworten im Sinne hatte (vgl. Lessing’s Werke, Ausgabe Hempel, Bd. XX, 1. Abth., S. 793 und 801; das Fragment Bd. XVII, S. 191 ff., ist auch gegen L. gerichtet, bezieht sich aber nicht auf diese Schrift desselben). Um dieselbe Zeit aber wurde L. selbst mehrfach wegen seiner Heterodoxien und seines Latitudinarismus[WS 1] angegriffen; andererseits verspotteten ihn die fortgeschrittenen Geister als einen zurückgebliebenen. Daß er auch in seiner akademischen Thätigkeit nun die frühere Beliebtheit verlor, brachte ihn dann im Verein mit seiner kränklichen Reizbarkeit vollends dazu, sich nach einer anderen Stellung zu sehnen; und so nahm er im J. 1791 eine Berufung zum Consistorialrath und Hofprediger als Nachfolger von Koppe (Bd. XVI, S. 692) nach Hannover an, wo er nach dem Tode Johann Adolf Schlegel’s im J. 1793 auch Generalsuperintendent des Fürstenthums Calenberg und sodann im J. 1795 zugleich Director der Hoftöchterschule wurde. Hier hat er noch [446] einige Jahre unermüdlich und in Segen gewirkt. Er starb am 28. August 1797. – In Göttingen gab L. im J. 1779 mit Miller ein Gesangbuch heraus.

(J. Conr. Achatz Holscher[WS 2]), Gottfried Leß, ein biographisches Fragment, Hannover 1797. – Schlichtegroll, Nekrolog auf das J. 1797, Gotha 1801, S. 219–247. – Schlegel, Kirchen- und Reformationsgeschichte von Norddeutschland u. s. f., Bd. III, Hannover 1832, S. 488 ff. – Meusel, Bd. VIII, S. 165–171, wo ein ausführliches Verzeichniß von Leß’ Schriften sich befindet. – Richter, Allg, biogr. Lexikon S. 198 f. – Herzog und Plitt, Real-Encyklopädie für prot. Theologie und Kirche, 2. Aufl., Bd. VIII, S. 600 ff.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Theologische Bewegung; Siehe Wikipedia: w:Latitudinarismus
  2. Johann Konrad Achatz Holscher (1755–1840), Konsistorialrat, Theologe in der Region Calenberg