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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 33 (1877), ab Seite: 333. (Quelle)
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Seidl, Johann Gabriel (österreichischer Poet, geb. in Wien 20., n. A. am 21. Juni 1804, gest. ebenda 18. Juli 1875). Sein Vater auch Johann Gabriel, wie auch der Großvater beide Taufnamen führte, lebte als Hof- und Gerichtsadvocat in Wien, wo er in späteren Jahren die Würde eines Procurators der sächsischen Nation an der Wiener Hochschule bekleidete. Seine Mutter Anna war die Tochter des k. k. Straßenbau-Commissärs Lettner. Johann Gabriel war das einzige Kind dieser Ehe und da der Vater an den Actentisch gefesselt oder in den Gerichtsstuben beschäftigt, nur wenig Zeit übrig hatte, sich dem Knaben zu widmen, blieb derselbe meist der Obhut und Sorgfalt der Mutter überlassen, unter deren Aufsicht er auch den Unterricht in den Elementargegenständen erhielt. Neun Jahre alt, besuchte er das akademische Gymnasium in Wien, an welchem damals P. Innocenz Lang [Bd. XIV, S. 83] und Franz Xaver Schönberger [Bd. XXXI, S. 127] aus dem Orden der frommen Schulen thätig waren. Den mächtigsten Einfluß auf den Jüngling, der durch seine Fassungskraft und großen Lerneifer sich bald bemerkbar machte, übte aber sein Lehrer, P. Anton Rößler, gest. als Director des k. k. Josephstädter Obergymnasiums, der auch den dichterischen Genius S.’s erkannt und durch freundliche Aufmunterung geweckt hatte. Die Verhältnisse im elterlichen Hause waren jedoch wenig geeignet, das Talent S.’s zu fördern. Die Mutter war eine einfache, sorgsame, aber wenig umgängliche Hausfrau. Der Vater, wenngleich er der schönen Literatur, die er in seiner Jugend wohl auch geliebt, nicht feindlich gegenüberstehend, sie doch als Hinderniß für einen ernsten Lebenslauf betrachtend, war nichts weniger denn geneigt, die dichterische Gottesgabe seines Gabriel zu fördern. Dieser sollte sich dem Berufe des Vaters widmen, wobei es mit Gedichten nicht geholfen war. Während also im Elternhause das empfängliche Gemüth S.’s keine Nahrung fand, wußte er im Verkehre mit gleichgesinnten und talentvollen Schulkameraden sein Gemüth in Wallung, sein Herz frisch zu erhalten. Einer von Diesen aus dieser ersten Studienzeit, Franz Exner [Bd. IV, S. 115], hatte sich denn, auch gleich Seidl, über das Niveau der Alltäglichkeit hinausgearbeitet. Schon damals, während der Gymnasialstudien, hatte S. sich in rhythmischen Arbeiten versucht. In einer Sammelschrift. „Die Cicade“, war S.’s erstes poetisches Product, eine „Ode an die Sonne“ unter dem Pseudonym Emil Lediés, das Anagramm seines Namens, abgedruckt, später öffnete ihm die Dresdener „Abendzeitung“, in welcher Theodor Hell sein mildes Redactionsscepter führte, ihre gastlichen Spalten. Hell [334] hatte nämlich in seinem Blatte zu wörtlichen metrischen Uebersetzung des bekannten Ovid’schen Distichons, aus dessen Herolde: „Sappho an Phaon: „Si, nisi quae poterit forma te digna videri | Nulla futura tua est“ einen Aufruf erlassen und Seidl einige Lösungen dieser Preisaufgabe eingesendet, welche auch mit seinem vollen Namen abgedruckt wurden. Dieser Arbeit folgten bald andere im nämlichen Blatte und im „Berliner Gesellschafter“, in welchem insbesondere „Die Lieder der Nacht“, später in seiner ersten Sammlung von Gedichten aufgenommen und dreißig und mehr Jahre danach in neuer Auflage besonders gedruckt, die Aufmerksamkeit auf den hochbegabten, noch so jungen Poeten lenkten. In den philosophischen Studien, in welchen damals der Aesthetiker Franz Ficker [Bd. IV, S. 219], der geistvolle Deinhardstein [Bd. III, S. 207] und der gelehrte Sonderling, der Philolog Stein, den Ruhm der Facultät bildeten, entwickelte sich bald ein regeres Leben, denn S. lebte in einem Kreise talentvoller, vorwärtsstrebender Jünglinge, welche in der Folge sämmtlich den Dichterruhm Oesterreichs in hellem Glanze erstrahlen ließen. Es seien nur als theils unmittelbare Studiengenossen Seidl’s, oder doch als gleichaltrige Collegen und Besucher der Studienjahrgänge vor ihm oder nach ihm genannt: Ed. v. Badenfeld [Bd. I, S. 144], Bauernfeld [Bd. I, S. 186, Bd. XI, S. 365, Bd. XXII, S. 475, Bd. XXIV, S. 376, Bd. XXVIII, S. 325], L. A. Frankl [Bd. IV, S. 334, Bd. XI, S. 409, Bd. XXVI, S. 381], Hermannsthal [Bd. VIII, S. 396], Herloßsohn [Bd. VIII, S. 370], Halirsch [Bd. VII, S. 233], Nikolaus Lenau [Bd. XX, S. 324], Friedrich Halm [Bd. XIX, S. 421], Aug. Pfitzmayr [Bd. XXII, S. 193], Ritter v. Tschabuschnigg. Außerdem trat der junge Poet auch anderen Persönlichkeiten, welche das damalige geistige Leben Wiens repräsentirten, näher, wie z. B. dem schon erwähnten Deinhardstein, dann dem ewig lustigen Castelli [Bd. S. 303], dem bereits gefeierten Grillparzer [Bd. V, S. 338, Bd. XI, S. 419, Bd. XXVI, S. 384], dem Freiherrn von Hormayr [Bd. IX, S. 277] und dem jovialen Bäuerle [Bd. I, S. 118, Bd. IX, S. 470, Bd. XI, S. 364, Bd. XXII. S 470], welch letztere zwei, Ersterer die Spalten seines „Archivs“, eines damals in großer Achtung stehenden, halb wissenschaftlichen und halb Unterhaltungsblattes, Letzterer jene seiner „Theaterzeitung“, die eben damals in Aufschwung kam, dem jungen Poeten öffneten. Unter solchen günstigen Verhältnissen, regte die Muse freier ihre Schwingen und S. begann sich eben zu fühlen, als durch ein unerwartetes Ereigniß des jungen Poeten Leben plötzlich in einen Wendepunct trat. Am 16. October 1823 starb Seidl’s Vater, den schon im letzten Jahre schwere Verluste und bittere Erfahrungen niedergebeugt, der aber bei seinem verschlossenen Charakter sich Niemanden, selbst seiner Frau mitgetheilt hatte, so daß, als er starb, die Mutter und der damals 19jährige Sohn mittellos, mit einem Male sich selbst überlassen dastanden. Des Sohnes harrte nun keine geringe Aufgabe, nicht nur mußte er für seinen Lebensunterhalt sorgen, es fiel ihm dieselbe Pflicht zu für seine mittellose Mutter, die auf ein kaum nennenswerthes Witwengehalt angewiesen war, und für die gleichfalls mittellose Schwester, die seit Jahren im väterlichen Hause lebte. Während also S. die Studien fortsetzte, er [335] hatte nämlich noch zu des Vaters Lebzeiten die juridischen begonnen, gab er Lectionen, war aber zu gleicher Zeit ungemein fleißig thätig, wodurch die durch nicht sehr einträgliches Unterrichtertheilen gewonnene Einnahme öfter einen entsprechenden und wohlthuenden Zuschuß erhielt. Auf diese Weise wuchs der Kreis seiner literarischen Bekannten; durch Correspondenz knüpfte er Verbindungen in Deutschland an, kam in Berührung mit Dichtern und Künstlern, welche Wien besuchten, so mit Karl von Holtei und dessen ersten Gattin Luise von Rogée, mit Michael Beer, dem Bruder Meyerbeer’s, Helmine von Chezy, Pius Alexander Wolf, Karl Maria von Weber u. A. In der Ludlamshöhle, welcher S. auch angehörte, trat er in Verkehr mit allen damaligen Notabilitäten Wiens, wie er denn auch ein täglicher Gast des berühmten Neuner’schen „silbernen“ Caféhauses war, wo sich in den Zwanziger-Jahren Alles zusammenfand, was Wien an geistigen Potenzen besaß. Dabei besuchte er fleißig Theater und Concerte, schrieb lyrische Gedichte, Erzählungen, Kritiken, Correspondenzen, Gelegenheitsaufsätze, topographische Schilderungen u. s. w., wodurch sein Name nur bekannter und bei der gemüthlichen Form derselben immer beliebter wurde. In dieser Zeit verkehrte er auch viel mit dem schon erwähnten Ludwig Halirsch, mit Franz Fitzinger, der später als Naturforscher[WS 1] sich einen Namen gemacht und mit Anastasius Grün, dessen Liedermund eben als ich diese Zeilen schreibe (13. September 1876) der mitleidslose Tod geschlossen. Auch auf dramatischem Gebiete versuchte sich der Dichter damals. Im Jahre 1824 wurde sein dreiactiges, in Versen geschriebenes Volksmärchen „Der kurze Mantel“ im Theater an der Wien mit solchem Beifalle gegeben, daß sich 10 Aufführungen auf einander folgten. Mit Biedenfeld gemeinschaftlich schrieb er das im Theater an der Wien gegebene Melodram: „Die Unzertrennlichen“. Nun arbeitete er mit Halirsch gemeinschaftlich – also die Compagnie-Arbeit auf dramatischen Gebiete ist nicht, wie es bisher als feststehend galt, eine Erfindung der Franzosen, sondern sie datirt aus der Mitte der Zwanziger-Jahre und Halirsch und Seidl sind die Ersten auf diesem Gebiete – an mehreren Lustspielen, wie: „Schwärmer“, „Sansfaçon und Gleichgiltiger“, welche im 23. Jahrgange des von Kotzebue begründeten, bei Kummer in Leipzig erschienenen „Almanach’s dramatischer Spiele“ gedruckt erschienen, „Das Porträt der Schlossfrau“, das dreiactige Melodram: „Mantel und Becher“, wozu Franz Lachner die Musik schrieb und das zuerst in Pest, dann auch auf anderen Bühnen gegeben wurde; allein aber führte er die Bearbeitung des Opernbuches „Le macon“ aus, das als „Maurer und Schlosser“ noch heute auf dem Repertoir steht. Auch fällt in diese Periode des Dichters Liebeleben, dessen hier gedacht werden muß, weil wir demselben das Schönste verdanken, was Seidl bieten konnte, einen großen Theil seiner lyrischen Dichtungen in hochdeutscher Mundart und im Dialekte, denn das in seinen „Flinserln“ besungene: „schwarzaugate Dirndl mit’m nußbraunen Haar“ ist Therese Schlesinger, seine spätere Frau – die Muse aller seiner Lieder. Die mittellose Tochter eines verarmten, wegen seiner Verdienste um Armen-, Schul- und Gemeindewesen nachmals mit dem goldenen Verdienstkreuze begnadeten Wiener Bürgers, hatte er sie im Hause eines Wiener Großhändlers kennen gelernt. Seidl ertheilte den [336] Kindern des Großhändlers Unterricht, und sah das anmuthige Mädchen, doch bei seiner Mittellosigkeit und fernen Aussicht, dem Mädchen einen gesicherten Hausstand zu bieten, kaum die Blicke zu ihr erhebend. Aber wie schon oft, so geschah es auch hier, das Unglück ließ die Herzen sich finden und nun begann ein Liebeleben, von dem er selbst sang: „Um keinen Preis möcht er die Zeit durchmachen noch im Leben, um keinen auch wäre er bereit, sie wieder herzugeben“. Nun hatte sein Ringen und Streben, bald ein festes Ziel zu erreichen, einen bestimmten Zweck und darauf steuerte er los mit aller Kraft seiner Seele, mit allen Fibern seines Herzens. Endlich hatte er es erreicht; zu Anfang des Jahres 1829 erhielt er eine Professur am k. k. Gymnasium zu Cilli in Untersteiermark. Seidl zählte damals 25 Jahre, er hatte sein Ziel, wenngleich kein zu hoch gestelltes, aber immer doch anständiges, in verhältnißmäßig jungen Jahren und trotz der damals noch nicht so sehr wie später verpönten Schriftstellerei erreicht. An dem Tage, an welchem er seiner Vaterstadt Lebewohl sagen mußte, um an seine Bestimmung abzugehen, löste er, allen Bitten und Warnungen seiner Freunde entgegen, die ihm die Ehe als das Grab seines Dichtergenius schilderten, sein gegebenes Wort und führte das „schwarzaugate Dirndl“ zum Altar. Beim Hochzeitsmahle, im Hause der Verwandten seiner Braut, erschien Anastasius Grün, welcher in den Jahren seines Liebelebens der innigste Vertraute seiner Herzensangelegenheit gewesen, um ihn noch einmal zu umarmen und dann fuhr er mit dem Separat-Eilwagen – es war im Frühling 1829 – mit Mutter, Tante und Braut an den Ort seiner Bestimmung. Einige seiner Freunde waren ihm nach Neudorf, Wiener-Neustadt, ja bis nach Gloggnitz vorausgeeilt, um ihm das letzte Lebewohl zu sagen. In Gratz angelangt, lernte er seinen Mitbewerber um die Cillier Lehrkanzel, den Dichter Gottfried Leitner [Bd. XIV, S. 344], persönlich kennen, und am 29. April 1829 kam er in Cilli an, wo nun für Jahre seines Bleibens war. Während seines Cillier Aufenthaltes bot sich ihm wiederholt Gelegenheit, durch Bewerbung um eine höhere Lehrkanzel oder einen anderen einträglicheren Posten seine Lage zu verbessern, aber Rücksicht für seine Mutter, die jeder Veränderung einmal gewohnter Verhältnisse abhold war, hielt ihn ab, in dieser Richtung etwas zu thun, und so blieb er etwa 12 Jahre in Cilli, welches er innerhalb dieser Zeit nur einmal verließ, als er mit seiner Frau im Jahre 1838 Wien besuchte, wo ihm der herzlichste Empfang zu Theil wurde und er einen Bruder seiner Frau, Karl, den er als Knaben verlassen hatte, als angehenden Virtuosen wiederfand, es war der nachmals gefeierte Cellist Karl Schlesinger [Bd. XXX, S. 92, Nr. 4]. Wider alles Erwarten, obwohl er sich endlich auf Zureden seiner wohlwollenden Freunde doch zur Bewerbung entschlossen hatte, erhielt er am 2. Mai 1840 die Stelle eines wirklichen Custos am k. k. Münz- und Antikencabinete in Wien. In die Zeit seines Cillier Aufenthaltes fallen auch jene Arbeiten, welche Seidl’s Namen in Aller Mund gebracht und ihm eine bleibende Stelle auf dem deutschen Parnaß sichern, es sind dieß seine „Liedertafel“, die „Bifolien“, die letzten Hefte seiner „Flinserln“ und sein überall beifällig aufgenommenes Dramolet „Das erste Veilchen“. Aber auch noch eine Episode fällt in die Zeit stillen Behagens und gemüthlichen Schaffens, nämlich in den ersten Wochen 1840 tauchte plötzlich [337] das Gerücht auf, Seidl sei am 21. Jänner gestorben. Woher die Nachricht kam, die bald durch alle Blätter ging und welcher Nekrologe und elegische Gedichte auf des Lyrikers Hingang [siehe „Dresdener Abendzeitung“ 1840, Nr. 42: „Nachruf an Gabriel Seidl“, von Wilhelm Kilzer; dieselbe, Nr. 230: „Der Brief“, von Demselben; dieselbe, Nr. 174: „Unsere Wünsche. An G. Seidl“, von Sidony u. a.] folgten, ist niemals ermittelt worden. Gewiß aber ist es, daß diese verfrühte Todesnachricht mit seinen weiteren Geschicken in Verbindung steht, denn man wird kaum fehl gehen, wenn man annimmt, daß die Nekrologe erst recht auf den unten in dem Provinzstädtchen vergessenen Poeten aufmerksam machten und seine Berufung auf den Custosposten, wofür denn doch wieder der liebenswürdige Mäcen aller Kunst Moriz Graf Dietrichstein, Seidl’s Gönner, wesentlichst thätig war, zur Folge hatten. Seidl, der Mensch, war nun freilich nicht gestorben, wohl aber Seidl, der Poet, denn mit der Custosstelle hatte er, wenn auch nicht ganz der Dichtung entsagt, so nichts Poetisches mehr von Bedeutung geschaffen, denn seine später erschienene Sammlung „Natur und Herz“ ist doch nur eine lyrische Nachlese aus früheren Tagen, und seine gelehrten Arbeiten, so schätzenswerth sie sind, hätten Seidl’s Namen nicht über das Weichbild der Zunft hinaus bekannt gemacht. Da seine Ernennung zum Custos mitten in die Zeit des Lehrcurses fiel, so bat er, nur denselben vollenden zu dürfen, was ihm auch gewährt wurde. In diese letzten Tage fällt noch eine leider wenig bekannte, aber ganz allerliebste Arbeit, nämlich die Beschreibung merkwürdiger und malerischer Puncte und Gegenden Steiermarks und Tirols, deren Ausführung er für G. Wigand’s Kupferwerk „Das romantische und malerische Deutschland“ übernommen hatte und die, obgleich in wiederholter Auflage erschienen, lange nicht jene Würdigung gefunden hat, welche sie in der That verdient. Am 15. August 1840 traf S. mit den Seinen aus Cilli in Wien ein, um seinen neuen Posten zu übernehmen. Ließen auch seine amtlichen Verhältnisse, unter Vorgesetzten, wie der schon erwähnte Graf Moriz Dietrichstein [Bd. III, S. 303] und Hofrath Joseph von Raymond, und unter Collegen, wie Custos Bergmann [Bd. I, S. 313, Bd. XXII, S. 484][WS 2] und Eitl [Bd. IV, S. 20], nichts zu wünschen übrig, so war er denn doch, wenn er es auch selbst nicht zugestehen mochte. „Pegasus im Joche“, was auch ein anderer Dichter Karl Hugo Rößler [Bd. XXVI, S. 259] nach einem Besuche Seidl’s in der Witthauer’schen „Wiener Zeitschrift“ vom 15. Mai 1841, Nr. 42, S. 331–333 wehmüthig genug aussprach. In seiner neuen Stellung galt es zunächst, bei verhältnißmäßig knapper Besoldung in der ungleich theureren Hauptstadt des Reiches, den Hausstand in einer seiner Stellung angemessenen Weise aufrecht zu erhalten. Daher die Uebernahme der Redaction verschiedener Almanache, als da sind jene der „Aurora“, des weitaus besten und einer Pflanzschule jüngerer Talente Oesterreichs, dann der Taschenbücher: „Das Veilchen“, „Iduna“ und „Der Freund des schönen Geschlechts“, die sich trotz seiner Bemühungen nicht über gewöhnliche Buchhändler-, hier richtiger Buchbinder-Speculationen zu erheben vermochten, und dann des ihm von mancher Seite vorgeworfenen Censuramtes. Herausgeber dieses Lexikons ist weit entfernt, den Anwalt dieses Henkeramtes zu machen, dem im Vormärz [338] manche seiner eigenen Arbeiten und aus Concurrenz befürchtender Chicane, sogar ein „Lehrbuch der Geometrie“, das mit non admittiturerledigt wurde, zum Opfer fiel, aber bezüglich Seidl’s glaubt er doch bemerken zu müssen, wie es denn eigentlich mit dem Censuramte bestellt war. Das Censuramt war seiner Zeit quasi ein Vertrauens-Ehren- (!) Amt, dem sich der Beamte unterziehen mußte, wenn er nicht mißliebig und in seiner Laufbahn geschädigt werden wollte. Nun wenn es auch damals Censoren gab, welche mit Wonne Censoren wurden und am Gedankenmorde ihre helle Freude hatten, so gewiß ist es, daß Männer, wie Seidl, mit Seufzen an das ihnen aufgebürdete Geschäft gingen. Seidl und so auch Deinhardstein suchten durch freundliche Besprechung mit den Autoren selbst Manches zu retten, was sonst mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden wäre. Dieß glaube ich dem Andenken des Mannes schuldig zu sein, der eine durch und durch hochsinnige, edle Natur war und sich in seinem Censuramte nichts weniger als glücklich fühlte. In seiner neuen Beschäftigung mit Gegenständen des Alterthums, wurde er mehr von der Poesie abgezogen, als ihr zugewendet, und so entstanden, durch den Besuch der verschiedenen Theater Wiens, namentlich aber der kais. Hofbühne, der ihm als kais. Hofbeamten sehr erleichtert war, einige kleinere dramatische Arbeiten, von denen nur „’s letzte Fensterl’n“ und das Nachspiel „Drei Jahrl’n nach’m letzten Fensterl’n“, welche die Runde durch alle Bühnen, selbst über jene jenseits des Continents hinaus gemacht und sich bis zur Stunde auf dem Repertoir erhalten haben, so wie seine Uebersetzung der Ponsard’schen „Lucretia“ und der Napoleon Lancival’schen Tragödie „Hector“, letztere mehr in literar-historischen Interesse bemerkenswerth sind. [Die bibliographische Aufzählung der Schriften Seidl’s folgt auf S. 342.] Sonst ging sein Leben im gewöhnlichen Bureaudienste und im Verkehre mit seiner Familie, in welcher ein Knabe und ein Mädchen, neben der Mutter das Herz des Mannes ausfüllten, auf. An besonderen Ereignissen ist nur zu verzeichnen, daß er am 1. Februar 1848 zum correspondirenden Mitgliede der kais. Akademie der Wissenschaften ernannt worden, wozu er sich durch einige archäologische Arbeiten qualificirt hatte. Sonst ging das verhängnißvolle Jahr, dem er als Censor mit unleugbarer Befangenheit gegenüber stand, an S. in politischer Beziehung spurlos vorüber; seine Censorstelle hatte er, da die Censur aufgehört hatte, niedergelegt. Am 15. Jänner 1849 verlor er zu St. Pölten seine Mutter durch den Tod, er hatte sie nach dem grauenhaften 6. October mit ihrer Schwester dahin gebracht und sorgsamer Obhut anvertraut. Als darauf der neue Organisationsplan der Studien in’s Leben trat, versah S. im Schuljahre 1848/49 an der Lycealclasse des k. k. Josephstädter Gymnasiums in Wien die Professur der deutschen Sprachwissenschaft und im Jahre 1850 übernahm er in Gemeinschaft mit A. Stifter, Dr. H. Bonitz und J. Mozart die Redaction der ersten „Oesterreichischen Gymnasial-Zeitschrift“, an welcher er durch 26 Jahre bis an sein Lebensende mitgewirkt und nicht unwesentlich zur Gediegenheit dieses Fachblattes beigetragen hatte. Im Jahre 1851 von Seite des Unterrichts-Ministeriums aufgefordert, ein deutsches Lesebuch für die österreichischen Obergymnasien abzufassen, ergriff er im ersten Augenblicke mit Enthusiasmus diese Aufgabe. Bald aber überzeugte er sich, daß, wenngleich [339] es ein deutsches Lesebuch war, dasselbe im Hinblick auf die vielen Nationalitäten des Kaiserstaates nicht nach der Schablone gearbeitet werden durfte, sondern Manches berücksichtigt werden mußte, was die Lösung der unter allen Umständen höchst undankbaren Aufgabe wesentlich erschwerte und überdieß im Hinblicke auf die anberaumte kurze Frist, innerhalb welcher die Arbeit vollendet werden sollte, legte er dieselbe zurück, wodurch freilich auch nichts gewonnen wurde. Im October 1853, mit noch Einigen von Seite des kais. Ministeriums des Innern zur Verfassung eines neuen Textes zur berühmten Haydn’schen Volkshymne aufgefordert, legte er innerhalb acht Tagen denselben vor und war so glücklich, seinem Liede, vor allen anderen, welche eingereicht worden, den Vorzug gegeben zu sehen. In Anerkennung dessen wurde er mit kaiserlichem Cabinetsschreiben ddo. 27. März 1854 mit dem Ritterkreuze des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Das Gedicht selbst wurde in vielen hunderttausend Exemplaren verbreitet und in sämmtliche Landessprachen der Monarchie übersetzt, ein Prachtexemplar dieser Polyglotte aber mit einem schmeichelhaften Schreiben des Ministers des Innern am 16. December 1854 dem Dichter zugestellt. Eine ausführliche Paraphrase der Volkshymne im populären Tone brachte noch im nämlichen Jahre das dritte Heft der vom Vereine zur Verbreitung von Druckschriften für Volksbildung herausgegebenen „Abendstunden“. Aber in einem schrillen Mißtone sollte das Jahr 1854 ausklingen. Seine Gattin, mit welcher er am Tage, an welchem die Wiener die Kaiserbraut in festlicher Weise empfingen, am 23. April, Abends in stillgemüthlicher Weise blos im kleinen Kreise der Seinen die Feier seiner 25jährigen Ehe beging, wurde ihm nach dreiwöchentlicher schwerer Krankheit durch den Tod entrissen. Am 2. December starb sie, „die Muse seiner ersten Lieder, die treue Mutter seiner Kinder, rein wie Gold, ohne irgend ein Falsch, ohne alle Ansprüche an die Welt und dem gleichalterigen Gatten, weil mit ihm gealtert, jung und sympathisch wie vor und ehe“. Von nun an lebte der vereinsamte Gatte ganz seinen zwei Kindern, dem Sohne Karl und der Tochter Wilhelmine, welch letztere fortan in kindlicher Weise für die kleinen Bedürfnisse des Vaters sorgte. Der Sohn widmete sich den technischen Studien, hatte dieselben bereits vollendet, sich einen eigenen Hausstand gegründet, indem er das Mädchen seiner Wahl als Hausfrau heimführte. Aber nicht lange sollte ihm dieses Glück beschieden sein, denn schon im Jahre 1861, in der Vollkraft seiner Jahre, raffte ihn der Tod dahin, und es blieb die Witwe mit einem Töchterlein Wilhelmine zurück. Auch Seidl’s Tochter Wilhelmine verheirathete sich und Seidl lebte nun vorherrschend seinem Berufe als kais. Hof-Schatzmeister, welche Stelle ihm im Jahre 1856 cumulativ mit dem Posten eines Custos am k. k. Münz- und Antiken-Cabinetes verliehen worden war, bis dieselbe aus dem Status des kais. Münz-Cabinets ausgeschieden ward, worauf S. 1868 zum selbstständigen Schatzmeister ernannt wurde. Bis zum Jahre 1871 versah er sein Amt, und nach 42jähriger Dienstleistung trat er unter gleichzeitiger Verleihung des Ordens der eisernen Krone 3. Classe in den bleibenden Ruhestand. Noch feierte er im Jahre 1874 sein siebzigjähriges Geburtsfest, aus welchem Anlasse ihm der Ehren mannigfache erwiesen wurden, so unter anderen die Verleihung des Hofrathsranges und des Ehrenbürgerrechtes der [340] Stadt Cilli. In der letzten Zeit seines Lebens bereits kränklich, überlebte er seinen siebzigsten Geburtstag nur etwas über ein Jahr. Als Redacteur der Gymnasial-Zeitschrift war er bis an sein Lebensende thätig, denn mit bereits erlahmender Hand besorgte er noch an seinem Sterbelager die letzten Correcturen des Heftes, welches noch seinen Nekrolog enthalten sollte. Außer den bereits angeführten Auszeichnungen, wurden ihm im Laufe des Lebens noch mannigfache Ehren und Huldigungen erwiesen. So war er seit 28. Juli 1851 wirkliches Mitglied der kais. Akademie der Wissenschaften, dann hatten ihm der historische Verein für Kärnthen, jener für Steiermark, Kärnthen und Krain, der historische Verein von und für Oberbayern, das istituto di corrispodenza archeologica di Roma und noch verschiedene Humanitäts- und literarische Vereine ihre Diplome geschickt. Seidl war etwas über 71 Jahre alt geworden. An seinem 67. Geburtstage, am 20. Juni 1871, hatte er sein Testament verfaßt, dasselbe aber am 20. Juni 1873 eigenhändig in einigen Puncten abgeändert. Nachdem er es mit folgenden Worten eingeleitet: „Da ich die Tage immer näher rücken sehe, von denen es im Prediger Salomonis (12, 1) heißt: Sie gefallen mir nicht, und da die letzte Stunde, die uns Sterblichen allen zu schlagen hat, früher eintreffen könnte, als ich es ahne, so halte ich es, meinen Angehörigen gegenüber, für meine heilige Pflicht, schon jetzt bei noch vollem, klaren Bewußtsein meine letztwillige Anordnung hiemit ausdrücklich niederzuschreiben. § l. Meinen unsterblichen Theil empfehle ich der Barmherzigkeit Gottes. § 2. Meine irdische Hülle soll anständig, aber einfach, ohne alles Gepränge beerdigt, und für mein Seelenheil sollen nach christ-katholischem Gebrauche in der Kirche, wo meine Einsegnung Statt gefunden, mehrere heilige Messen gelesen werden. Ein in meinem Nachlasse vorfindiger, auf 300 fl. lautender Rentenschein, den die wechselseitige Rentenversicherungsanstalt „Janus“ statutenmäßig sogleich nach meinem Tode auszuzahlen hat, dürfte für Leichenkosten und Seelenmessen hinreichen.“ Zu Erben sind eingesetzt: die Tochter Seidl’s, Frau Wilhelmine Funke, und die Enkelin desselben, Wilhelmine Seidl. Frau Funke erhält auch die Bücher, Bilder, Pretiosen. Es heißt dann weiter im Testament: „Was meinen handschriftlichen Nachlaß betrifft, so steht es meiner Tochter frei, falls ein Herausgeber oder Verleger für ein oder das andere Manuscript (oder für eine Wiederauflage früher schon im Drucke von mir erschienenen Werke) sich finden sollte, darüber nach Ermessen zu verfügen.“ Was des Dichters äußere Erscheinung betrifft, so gibt uns Cajetan Cerri in der November-Nummer des Gratzer Muster- und Modeblattes „Iris“, 1850, eine trefflich gezeichnete Silhouette des Dichters, der damals 46 Jahre alt war und sich in der Folge kaum merklich verändert hatte. Cerri schildert den Dichter der Bifolien: „Groß, blatternarbiges Gesicht, kleines, lebendiges Auge, schwarzes Haar mit grauem vermischt, leichter Gang, freundliches, verbindliches Benehmen; im Ganzen eine wohlthuende, bescheidene, stillpoetische Erscheinung und eine kernige Natur im besten Mannesalter; spricht gern, anregend, nicht ohne beißende Satire, und begleitet seine Worte mit einer sehr lebhaften Mimik; durch und durch Patriot; vielseitige ernste Bildung. Als Dichter mit Recht sehr beliebt und geachtet, namentlich sind seine lyrischen Poesien tiefgefühlt, warm, gemüthlich [341] und ungemein musikalisch; die „Bifolien“ bleiben seine beste Sammlung; ist seit zwei Jahren fast ganz verstummt“. Was nun Seidl’s Stellung im deutschen Parnaß betrifft, so werden weiter unten in den Quellen S. 348 die Stimmen einiger Literaturhistoriker oder der Kritik überhaupt mitgetheilt, im Folgenden aber das Urtheil über Seidl, den Lyriker, gegeben, in so weit sich dasselbe innerhalb des halben Jahrhunderts, in welchem er schuf, zu bilden Gelegenheit bot und thatsächlich auch gebildet hat. Seidl ist sich als Lyriker seiner vollen Kraft bewußt und mit vollem Rechte bewußt gewesen. Und da er seine „Eigenheit“ [man vergleiche „Natur und Herz“ S. 250] kennt, beharrt er auf der seiner Individualität am meisten zusagenden Bahn, weil er darin das Trefflichste leistet, was er selbst zu leisten vermochte und überhaupt geleistet werden kann. Seidl hat sich sowohl von der romantischen, wie von der politischen Richtung der modernen Dichterschulen fern gehalten und man begegnet in seinen lyrischen und episch-lyrischen Ergüssen weder jener losen Moral und sobald beliebt gewordenen poetischen Liederlichkeit, die man den Anhängern der romantischen Schule und nicht immer mit Unrecht, häufig zum Vorwurfe macht, noch jener Tendenzsucht, worüber in nicht seltenen Fällen die eigentliche Poesie verloren ging. S. ist durch und durch eigenthümlich, sittlich ohne prüde, fromm ohne Pietist zu sein und aus seinen Gedichten spricht eine seltene Tiefe des Gefühls und eine wohlthuende Ruhe. Nicht eben bilderreich, ist ihm doch das Bild nicht fremd; mit innigstem Sinne für die Schönheiten der Natur ausgestattet, leiht er demselben auch liebliche Worte und Gedanken. Die Zeit, in der er lebte und eben zu dichten begann, war eine Zeit der Ruhe; die Menschheit hatte sich nahe an drei Decennien müde gekämpft, und jeder Einzelne freute sich, am heimischen Herde des Friedens genießen zu können. In dieser Zeit sang S. seine ersten Lieder. Es begann im österreichischen Dichterhaine eben zu singen und zu klingen und S. war eine der ersten Lerchen und so ein erstes Lied, wenn es überdieß ein treffliches ist, vergißt man nimmermehr. Andere Zeiten und Sorgen sind nun gekommen, ein entwürdigter Friede ist verhaßt, die Poesie des Hasses, des Zornes, der Verachtung ist laut geworden; um so lieber gedenkt man jener ersten Lerchen, weil sie an bessere Zeiten erinnern, und daher die bleibende Anerkennung Seidl’s, mitten in neu entstandenen Dichterschulen. Bei der in der Neuzeit auftauchenden großen Menge von Poeten, die mehr Mittelgut und schlechtes Zeug als Kunstwerke schaffen, hat sich die Theilnahme des Publicums für die Poesie sehr vermindert und das Loos der Nichtbeachtung hat auch manchen guten Dichter getroffen. Aber trotzdem, daß Seidl einer älteren Periode angehört, die sich überlebt zu haben scheint – wir betonen das, scheint“ – er ist nicht vergessen, nicht bei Seite geschoben, seine Dichtungen werden noch immer gern hervorgesucht, seine „Bifolien“, sein „Natur und Herz“ sind noch immer ein Schmuck des Salontisches, freilich mehr im Süden als im Norden, in welch letzterem Gemüthstiefe für Gefühlsduselei gilt. Schon vor Jahren stand in der „Halle’schen Literatur-Zeitung“ die barocke Behauptung: „daß alle unter dem Namen Lyrik bisher verstandene Poesie inhaltlos und einer so männlichen Zeit, wie der unserigen, unwürdig sei, und, um sie stofflich auszufüllen, Politik die beste Materie wäre“. Nun Seidl hatte es am besten bewiesen, daß es noch eine [342] Lyrik gibt, die der Politik entrathen kann, wenngleich nicht geleugnet werden soll, daß die Poesie, ewig wie die Zeit, immer nur ein Nachhall der Zeit sei und sich von den in einer solchen vorwaltenden Elementen, wenn sie wirksam sein soll, nie ganz loslösen dürfe. Seidl’s Lyrik ist ohne Politik, trotz alledem und alledem, ebenso gehalt- und inhaltreich, weil sie das rein Menschliche mit einem Zauber ohne Gleichen umkleidet. Wenn man Seidl’s Gedichte liest, so hört man eine Beichte von Gefühlen, so steht man der Selbstschau eines keuschen Gemüthes gegenüber, die des inneren Gehaltes nun und nimmer bar sein könne. Die Form seiner Dichtungen ist ebenso wechselnd, als durchgehends edel und dem behandelten Stoffe angemessen. Ihrer Reinheit und Zartheit wegen sind sie vornehmlich den Frauen – freilich denen des guten alten Schlages und nicht den Emancipations-Eulen unserer Zeit – lieb geworden, und wer jugendlichen Freunden der Poesie, namentlich jungen Freundinen derselben einen Dichter der Neuzeit ohne Bedenken in die Hand geben will, kann unbedingt S.’s „Bifolien“, „Natur und Herz“, „Liedertafel“ und Alles, was seinen Namen trägt, wählen. Einige seiner lyrisch-epischen Gedichte eignen sich besonders zur Declamation, ohne, wie das bei Saphir’schen der Fall, eigens in Absicht darauf gedichtet oder gearbeitet zu sein. Sie waren auch mit Vorliebe von bedeutenden Künstlern und Künstlerinen von denen wir beispielsweise: Anschütz, Lucas, Ludwig Löwe, Frau Hebbl-Enghaus, Amalie Mittel-Weißbach, Sophie Müller, Sophie Schröder, Luise Neumann, Julie Rettich, Fräulein Würzburg, jetzt Gabillon, nennen, zum Vortrage gewählt worden. Und auch die Weihe der Musik haben viele derselben empfangen, nicht um, wie dieß bei vielen Liedern Vogl’s der Fall, erst durch die Töne zu einem Inhalt zu kommen, sondern um die Lieblichkeit und Innigkeit dieses letzteren durch jene zu steigern. Ich habe mir die nicht geringe Mühe nicht verdrießen lassen, eine möglichst vollständige Liste jener Lieder Seidl’s zusammenzustellen, welche von den vielen Componisten, unter denen wir den besten Namen begegnen, in Musik gesetzt worden sind. – Der Vollständigkeit wegen, sei noch bemerkt, daß Seidl sich manchmal des eigenthümlichen Pseudonyms: „Meta Comunis“ bediente, welchen man gewöhnlich unter Gedichten in den kleineren Taschenbüchern „Iduna“, „Freund des schönen Geschlechts“ und „Das Veilchen“ begegnete.

Uebersicht der poetischen und gelehrten Arbeiten Joh. Gabr. Seidl’s. A. Werke poetischen Inhalts. 1) Selbstständig erschienen in chronologischer Folge. „Pannonia“. Festspiel zur Eröffnung des großen Theaters in Pest (Pest 1824, Landerer). – „Schiller’s Manen“. Bilder aus dem Dichterleben (Wien 1826, J. B. Wallishauser). – „Dichtungen“. Drei Theile (Wien 1826, 1827 und 1828, Sollinger [Liebeskind in Leipzig], gr. 12°.); 1. Theil: Balladen, Romanzen, Sagen und Lieder“; 2. Theil: „Lieder der Nacht“, „Elegien aus Alfons von Lamartine“, „Die Deutung“; 3. Theil: „Erzählungen“, Ansichten über Opern und Opernbücher“, „Der Maurer und der Schlosser“, romantisch-komisches Singspiel [dasselbe wurde im Wiener kais. Hof-Operntheater im Jahre 1826 aufgeführt; über die „Dichtungen“ vergleiche Theodor Hell’s „Wegweiser im Gebiete der Künste und Wissenschaften“ 1827, Nr. 6]; eine neue, 1836 erschienene Ausgabe ist nur Titel-Ausgabe. – „Wien’s Umgebungen“. Ein unentbehrlicher Wegweiser für Fremde und Einheimische (Wien 1826, Mörschner u. Jasper). – „Flinserln“, Oest’reichische G’stanz’ln, G’sangln und G’schicht’ln“, drei Hefte (Wien 1828 und 1830, Sollinger, gr. 12°.); zweite Auflage, vier Hefte (ebd. 1838, 16°.); dritte Auflage, als: „Gedichte in niederösterreichischer [343] Mundart“, erste Gesammt-Ausgabe (ebd. 1844, Sollinger, mit Titel-Vignetten von Alb. Schindler, gr. 8°.) [vergl. L. A. Frankl’s „Sonntagsblätter“ 1844, S. 280]. – „Faerni Fabulae“. Metrisch verdeutscht und mit biographischen und bibliographischen Erläuterungen versehen (Gratz 1831, Damian und Sorge, 8°.). – „Brosamlin“, ein Buch für Jünglinge (Wien 1836, H. Müller, mit 3 K. K.). – „Georginen“, gesammelte Erzählungen für Frauen (Gratz 1836 [Wien, Gerold], gr. 12°.). – „Bifolien“, Dichtungen (Wien 1836, J. P. Sollinger, 8°.); zweite Auflage (ebd. 1840, Pfautsch und Voß); dritte verbesserte, vermehrte und mit des Verfassers Bildniß und Facsimile versehene Auflage (ebd. 1843, 8°.); vierte Auflage (ebd. 1850) [vergl. Der Adler, von A. J. Groß-Hoffinger 1841, Nr. 275 und Literaturblatt, redigirt von Dr. Wolfgang Menzel (Stuttgart, Cotta, 4°.) 1838, Nr. 130]. – „Episoden aus dem Romane des Lebens“. Erzählungen und Novellen (Wien 1836, Tendler und Schäfer, mit Titelkupfer, 8°.) [vergl. Wiener Zeitschrift 1839, Beilage: Literaturblatt Nr. 20]. – „Novelletten“ (Wien 1839, Sollinger) [vergl. Menzel’s Literaturblatt 1838, S. 131 und Wiener Zeitschrift 1838, 4. Quartal]. – „Liedertafel“ (Wien 1840, Karl Gerold, gr. 12°.) [Inhalt: Widmung, ländliche Gedichte, Lenzcommando, Heimweh, Erinnerungen, Stimmungen, Tageszeiten, Nachklänge, Geständnisse, Carneval, Betrachtungen, Tändeleien, Reimspiele; vergl., darüber Theod. Hell „Blätter für Literatur und bildende Kunst“ 1840, Nr. 101; Blätter für literarische Unterhaltung (Leipzig, Brockhaus) 1841, Nr. 240, S. 970; Menzel (Dr. Wolfg.). „Literaturblatt“ 1841, Nr. 46 und Rosen, Jahrg. 1841, Literaturblatt Nr. 11]. – „Wanderungen durch Tirol und Steiermark“, zwei Bände mit 60 Stahlstichen (Leipzig 1840, G. Wigand, 8°.); zweite Auflage in Einem Bande (ebd. 1845) [ein ungemein anziehendes, ganz vom Geiste Seidl’s durchwehtes Wanderbuch). – „Laub und Nadeln“ zwei Bände (Wien 1842, Pichler, 8°.); zweite vermehrte Auflage (ebd. 1871, Braumüller), Inhalt: 1. Band: „Das goldne Ringlein“ – „Cornelia Fieramonti“ – „Der Invalide“ – „Das Ballkleid“ – „Schloß Nonsuch“ – „Zu den schützenden Stiefeln“ – „Das Nordlicht“ – „Die Kinder der Natur“ – „Arabella von Byrnsweck“ – „Meister und Schüler“ – „Das Schloß der Liebenden“ – „Sie ist versorgt“; 2 Band: „Die weiße Rose“ – „Der Capitalist wider Willen“ – „Der Cornel“ – „Die große Woche“ – „Schuld und Wahn“ – „Fra Pizzo“ – „Der alte Deserteur“ – „Die feindlichen Nachbarn“ – „Die Blaue“ – „Juane“ – „Die erste Cur“ – „Die Zwillinge“. – „Festklang aus Oesterreich zur Feier des 13. (1.) Juli 1842 in Petersburg“ (Wien (1842) J. P. Sollinger). – „Pentameron“ (Wien und Leipzig 1843, Tauer und Sohn). – „Hector“, Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Napoleon’s Plan von Luce de Lancival metrisch bearbeitet (Wien 1843, Pfautsch und Voß). – „Zur Jubelfeier der Verleihung des Theresien-Ordens an Erzherzog Karl“ (Wien 1843. J. P. Sollinger). – „Festgedicht zur Glockenweihe in der Karlskirche in Wien“ (Wien 1843, A. Mausberger). – „Der neue Adler auf dem Stephansthurme 1842“ (Wien 1843). – „Carniolia“, allegorisches Festspiel zur Eröffnung des Laibacher Theaters“ (Laibach 1846, J. Blasnik). – „Zur Secundizfeier Sr. Eminenz des Patriarch-Erzbischofs L. Pyrker von Felsö-Eör“ (Stuttgart 1846, J. G. Cotta, auch Erlau im nämlichen Jahre). – „ Worte des Dankes “ [zur Orgelweihe an der Karlskirche in Wien] (Wien 1847, J. P. Sollinger). – „ Zur Doppelfeier des Restaurationsfestes und des fünfzigjährigen Aufgebots-Jubiläums der Wiener Hochschule“ (Wien 1847, Bl. Höfel) – „ Almer “, innerösterreichische Volksweisen (Wien 1850, Gerold). – „ Lieder der Nacht “, zweite verbesserte und vermehrte Auflage (Wien 1851, J. P. Sollinger). – „ Natur und Herz “ [lyrische Nachlese], (Stuttgart 1853, Ed. Hallberger, 12°.); zweite (Titel-) Auflage (ebd. 1857, 12°.). – „ Volkshymne “, prachtvoll gedruckte Polyglotten-Ausgabe [durch ah. Handbillet vom 27. März 1854 als authentisch erklärter Text] (Wien 1854). Hier endlich, da sie sonst nirgends eingereiht werden kann, sei noch seiner in den früheren Jahren verfaßten, mehrere Male und anonym aufgelegten Schrift „Die Kunst sich und Anderen eine sorgenfreie Zukunft zu verschaffen“ (Wien, 8°.) Erwähnung gethan, die er im Interesse der wechselseitigen Renten- und Capitalien-Versicherungs-Anstalt [344] in Wien, zu deren Ausschußrath er wiederholt gewählt worden war, verfaßt hatte. – 2) In verschiedenen Taschenbüchern zerstreut gedruckt: In der „Aurora“: „Propertia Rossi“, Trauerspiel in einem Act (1830); – „Das Testament“. Bild aus dem Dichterleben (1834); – „Der Kampf um die Braut“, historischer Schwank (ebd.); – „Das Bawladschenhear“; – „A grausame G’schicht aus Wean“ (ebd.); – „Der Staatsfeind“, unter dem Pseudonym Meta Comunis (ebd.); – „Die Müllerin von Mainz oder das Lobgedicht (ebd. 1840); – „Der Sackpfeifer von Troyes“ (1844); – „Manuela“ (1845). – Im „Gedenke-Mein“: „Dr. Faust am Riedesberge“ (1833); – „Der Anna-Ball“ (1835); – „Das Gelegenheits-Gedicht“ (1836); – „Die Spieluhr“ (1838); – „Das verhängnißvolle Bild“ (1839); – „Kunst und Liebe“ (1841); – „Liebessehnsucht“ (1845). – Im „Immergrün“: „Das Ballkleid“ (1838); – „Die Verschlossenen“ (1840) und in Told’s „Fortuna“: „Die Liebe am Waldbrunnen und König Franz I. (1831). – In Dr. Märzroth’s „Jahrbuch für Humor und Satire 1846“: „Brausepulver“. Erzählung. – 3) Von Seidl redigirt und herausgegeben: „Calderon’s Schauspiele“, Taschenausgabe bei J. P. Sollinger in Wien. Die einzelnen Stücke mit einleitenden Sonetten versehen. – „Literarischer Nachlaß von L. Halirsch“, zwei Bände (Wien 1836, Gerold). [Im ersten Bande, Seite 1–42: Biographische Andeutungen, von Seidl geschrieben.] – „Aurora“, Taschenbuch 1828–1851 (Wien bis 1837 bei H. Buchholz, von 1838 bei Riedl’s sel. Witwe und Sohn), [Enthaltend auch außer oben angeführten Erzählungen in jedem Jahrgange Gedichte S.’s]. – „Freund des schönen Geschlechts“, Taschenbuch (Wien, Buchholz, später Riedl). – „Das Veilchen“, ein Taschenbuch für Freunde einer gemüthlichen und erheiternden Lecture (Wien, Riedl’s Witwe und Sohn). Dieses und das vorige seit dem Jahre 1828. – „Iduna“, Taschenbuch. Edlen Frauen und Mädchen gewidmet (Wien, Pfautsch, später Riedl’s Witwe). Dieses seit 1840. – 4) Durch Darstellung veröffentlicht: „Der kurze Mantel“, dramatisches Volksmärchen in drei Aufzügen und in Versen, 1824 im Theater an der Wien aufgeführt. – Der „Maurer und der Schlosser“, dessen schon unter den selbstständig erschienenen Dichtungen erwähnt wurde. – „Das erste Veilchen“. Dramolet in Reimversen. Aufgeführt in dem kais. Hofburg-Theater im Jahre 1831. – „Jeanette und Hannchen“, Lustspiel in zwei Aufzügen. Aufgeführt in dem Theater zu Gratz im Jahre 1840. – „Lucretia“, Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach M. Ponsard metrisch bearbeitet. Aufgeführt im kais. Hofburg-Theater im Jahre 1843. – „’s letzte Fensterl’n“, österreichische Alpenscene. – „Drei Jahr’ln nach’m letzt’n Fensterl’n“. Fortsetzung des vorigen. Beide dargestellt im Theater an der Wien 1843 und dann auf sämmtlichen Bühnen der Monarchie und des Auslandes. – „Das verlorene Kind“, Schauspiel in einem Acte und in Versen. Aufgeführt im Josephstädter Theater in Wien im Jahre 1844. – „Die Unzertrennlichen“, Lustspiel in zwei Aufzügen. Aufgeführt im Theater zu Klagenfurt 1847. – „Die Insel des Prospero“, nach Shakespeare’s[WS 3] „Sturm“, mit Ph. J. Riotte’s Musik, zu Brünn im Jahre 1834 gegeben. – „Die Freimannshöhle“, Oper. Musik von G. Preyer. Unaufgeführt. – „Die vier Menschenalter“, Cantate. Aufgeführt zu Wien, Salzburg, München, Frankfurt a. M., in der Heidelberger Schloßruine, zu Potsdam u. s. w. – Text zu Beethoven’s „Geschöpfe des Prometheus“. – Im Nekrologe Seidl’s von Wilhelm Hartl erscheint noch als Seidl’s Arbeit der Text zu Meyerbeer’s „Struensee“. Da nun Meyerbeer die Musik zu seines Bruders Michael Beer „Struensee“ geschrieben, so schrieb Seidl, um die Aufführung für Wien zu ermöglichen, (1854) dazu den verbindenden poetischen Text.
B. Arbeiten wissenschaftlichen Inhalts. [Diese finden sich nur in periodischen Blättern und gelehrten Fachschriften abgedruckt, selbstständig ist davon nichts erschienen, es wäre denn die metrische Verdeutschung der Fabulae Gabrielis Faërni, welche aber bereits unter den Werken poetischen Inhalts aufgeführt erscheint.] 1) Aufsätze und Abhandlungen historischen und topographischen Inhalts. In der „Steiermärkischen Zeitschrift“; „Maria Rast. Monographische Skizze“ [II. Jahrg., 1 Bd., S. 23]; – „Die untersteierische Schweiz“ [III. Jahrg., 1. Bd., S. 26]; – „Die Steinbrücke in Untersteiermark“ [III. Jahrg., 2. Bd. S. 51]; – „Das St. Mareiner Thal“ [V. Jahrg., [345] 1. Bd., S. 79]; – „Zur Geschichte der Stadt Cilli“ [VII. Jahrg., 2. Bd., S. 1]; – „Thomas von Cilli“, biographische Skizze [VII. Jahrg., 2. Bd., S. 26]; – „Dr. Jacob Neuner“, biographische Skizze [VII. Jahrg., 2. Bd., S. 26]; – „Heimatliches“ [I. Jahrg., 2. Bd., S. 135; VI. Jahrg., 1. Bd., S. 154]. – „Topographische Streifzüge“ [I. Jahrg., 2. Bd., S. 135; VI. Jahrg., 1. Bd., S. 154]. – Im „Aufmerksamen“ (Unterhaltungs-Beilage der Gratzer Zeitung): „Hermann Graf von Cilli“, historische Skizze [1842, Nr. 13]. – In der „Austria“, Universal-Kalender für 1848: „Ein Tourist des 17. Jahrhunderts über Oesterreich“ [S. 107 bis 131]. – In der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“; „Noch Einiges über den Bregenzer Wald“ [1843, Beilage Nr. 229. S. 1789]; – „Zur Kunde von Innerösterreich“ [1845, Nr. 123, S. 977]. – In der Zeitschrift „Das Ausland“: „Zur Kunde von Dalmatien“ [1846, Nr. 22 und 23]. – In Ad. Schmidl’s „Oesterreichische Blätter“: „Ueber Alb. von Muchar’s Geschichte des Herzogthums Steiermark“ [1845, Nr. 34–36]. – 2) Aufsätze und Abhandlungen archäologischen und numismatischen Inhalts. In der „Steiermärkischen Zeitschrift“; „Römersteine bei Teplitz“ [I. Jahrg., 2. Bd., S. 62]. – In der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“: „Zur Numismatik und Archäologie“ [1846, Beilage Nr. 7]. – In der Zeitschrift „Der Sammler“ (Wien): „Numismatisches“ [1843, Nr. 148 u. 149]. – In der „Wiener (amtlichen) Zeitung: „Numismatik und Archäologie“ (über Synopsis nummorum antiquorum qui in Museo Caesareo adservantur und über 12 römische Militär-Diplome). [1843, Nummer vom 3. September.] – In der Zeitschrift „Die Gegenwart“ (Wen. 4°.): „Arneth, Das k. k Münz- und Antiken-Cabinet“ [1846, Nr. 31]. – Im „Humorist von M. G. Saphir“: „Der Likaner Münzfund“ [Beiblatt Wiener Bazar 1845, Nr. 13]. – In Ad. Schmidl’s „Oesterreichischen Blättern“: „S. Mutzl’s Verwandtschaft der germanisch-nordischen und hellenischen Götterwelt“ [1846, Nr. 144]; – Ueber Malten’s „Ergebnisse der neuesten Ausgrabungen römischer Alterthümer in und bei Mainz“ und Labu’s „Interno all oscurissimo Dio Cauto Pate“ [1846, Nr. 150]; – „Chronik der archäologischen Funde in der österreichischen Monarchie“ [1846, Nr. 18, 19, 20, 45, 135, 136, 137; 1847, Nr. 242, 243, 244, 278, 280, 294, 295]. Daran schließen sich als Fortsetzung die unten im Archive und in Sitzungsberichten angeführten Beiträge. – In den „Wiener Jahrbüchern der Literatur“; „Epigraphische Excurse, Monumenta Celejana“ [CII. Bd., Anzeigeblatt S. 1 bis 34; CIV. Bd., Anzeigeblatt S. 35–52; CVIII, Bd., Anzeigeblatt S. 46 – 79 CXI. Bd., Anzeigeblatt S. 1–39; CXV. Bd., Anzeigeblatt S. 1–34; CXVI. Bd., Anzeigeblatt S. 37–63]; – „Ueber Arneth’s Synopsis nummorum antiquorum“ [C. Bd., S. 121–149]; – „Ueber Camesina’s Zwölf römische Militär-Diplome“ [CIII. Bd., S. 68–86]; – „Ueber Arneth’s das Niello-Antipendium zu Klosterneuburg“ [CV. Bd., S. 70–97]; – „Ueber Burkhard’s Agrippina“ [CXVIII. Bd., S. 203 bis 227]. – Im „Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen“: „Beiträge zur Chronik der archäologischen Funde in der österreichischen Monarchie“ [II. Bd. (1849), Heft 1 u. 2, S. 159–202; IX. Bd., S. 81–169]. Diese „Beiträge“ schließen sich an die oberwähnte in den Schmidl’schen en Blättern abgedruckte „Chronik“ und an die folgenden, in den Sitzungsberichten mitgetheilten an. – In den „Sitzungsberichten der philosophisch-historischen Classe der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien“: „Beiträge zur Chronik der archäologischen Funde in der österreichischen Monarchie“ [III. Bd., S. 81; VIII. Bd., S. 216]; – „Ueber den Dolichenus Cult“, mit 6 Tafeln [XII. Bd., S. 4–90 und XIII. Bd., S. 233–260, mit 2 Tafeln und 3 Xylographien]; – „Beiträge zu einem Namensverzeichnisse der römischen Procuratoren in Noricum“ [XIII. Bd., S. 62–89, mit 2 Tafeln]; – „Vorwort zur Abhandlung über des Titus Calpurnius„Delos“ [I. Bd., S. 258]; – „Das altitalische Schwergeld im k. k. Münz- und Antiken-Cabinete“ [III. Bd., S. 76; XI. Bd., S. 403–439 und S. 810–870]. – In den „Denkschriften der philosophisch-historischen Classe der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien“: „Ueber des Titus CalpurniusDelos“ [I. Bd., S. 207 bis 218]. – In der „Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien“: „Ueber Zell’s Handbuch der römischen Epigraphik“ [IV. Bd., S. 307–315]. – Der Vollständigkeit halber sei hier auch die von ihm verfaßte (die erste) Beschreibung der kais. Schatzkammer [346] angeführt, welche auf des Verfassers Kosten in deutscher und französischer Sprache in zwei Auflagen (1869 u. 1870) erschien und in einer Gesammtauflage von 70.000 Exemplaren innerhalb zwei Jahren völlig vergriffen war. Nur dem dringendsten Bedürfnisse entsprechend, besitzt sie weiters keinen wissenschaftlichen Werth. – 3) Arbeiten philologischen Inhalts. In der „Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien“: „Zur Erklärung deutscher Lesestücke“ [I. Bd., S. 81–96, 241–259, 414–425]; – „Bemerkung über Klopstock’s Wingoli“ [I. Bd., S. 823]; außerdem in den ersten 15 Bänden dieser gediegenen Zeitschrift zahlreiche Anzeigen über Werke der classischen, deutschen und romanischen Philologie; Zschokke’s „Erheiterungen“, Hormayr’s „Archiv“ u. s. w. enthalten seine Uebersetzungen aus Horaz, Sannazar, Rapin, Sarbiewius u. A.
Compositionen zu Seidl’s[WS 4] Dichtungen. Es wurde bereits in der Lebensskizze bemerkt, wie sangbar Seidl’s lyrische Dichtungen seien und wie sich viele der beliebtesten Componisten unserer Zeit, diese Eigenschaft würdigend, in seine lyrischen Lieder vertieften und mit dem Reize der weichen zum Herzen dringenden Sprache jenen der Töne und Melodien verbanden. Wir finden unter den Componisten Seidl’scher Lieder folgende Namen in alphabetischer Reihe: J. Abenheim, Chotek, J. Dessauer, A. Edenhofer, Eitzenberger, H. Esser, Fischhof, Hedwig, Hellmesberger, Hoven, Ipavitz, F. A. Kanne, J. C. Keßler, F. Kücken, Franz und Ignaz Lachner, Thomas Löwe, Meyerbeer, Ad. Müller, Nägeli, Nowottny , Preyer, Proch, B. Randhartinger, J. P. Riotte, E. Rottmanner,[WS 5], Franz Schubert, Robert Schumann, Simon Sechter, J. Tagwerker, V. A. Wagner, Edw. Wenzel, Wiesner, A. Zöllner. Meine energischesten Bemühungen, eine vollständige Uebersicht der in Musik gesetzten Gedichte Seidl’s zusammenzustellen, blieben beinahe ohne Erfolg. Hier gebe ich, was ich größtentheils mühsam aus meinen eigenen Aufzeichnungen anzuführen vermag. Es mag wohl die Hälfte der in Musik gesetzten Gedichte sein. Leider hat die neueste Ausgabe der Dichtungen Seidl’s auf diesen – nicht unwichtigen – Gegenstand gar nicht Bedacht genommen. Von Franz Xaver Chotek: „Ehre die Frauen“; – von H. Esser: „Der todte Soldat“, Ballade; – von Jos. Eitzenberger: „Bild aus alter Zeit“; – von Joseph Fischhof: „Flinserln“, Lieder in österreichischer Mundart: 1) „Schiffag’sang’l“; – 2) „Da lustigi Jaga“; – 3) „s’ Blinzeln“; – von J. L. Hedwig: „Grund“; – von Hoven: „Jägers Qual“, Op. 37; – „Die Uhr“, Op. 52; – „Aufschrift“; – „Feuer!“; – „Jungfer Kanne“ in der Suite: Sechs Lieder für vierstimmigen Männerchor, der Salzburger Liedertafel gewidmet, Op. 45; – von A. Ipavitz: „Vom lieben Monde“; – von J. C. Keßler: „Wiegeng’sangl“; – von Adolph Müller: „Wiegenlied“ (1823); – „Der Wanderer an den Mond“ (1826); – „Vier Schüsse“ (1829); – „Mondhelle“ (1834); – „Vergebliches Wandern“ (1843); – „Vöglein mein Bote“ (1844); – „s’ Almageh’n“ (in das Autographen-Album Ihrer Majestät der Kaiserin Elisabeth eingetragen); – von Gottfried Preyer: „Posthornklang“, Op. 3 (1835); – „Fragen“, Op. 4 (1835); – „Das Todtenlichtlein“, Op. 5 (1835); – „Berg und Thal“, Op. 9 (1837); – „Fischers Abendlied“, Op. 41 (1848); – „Vöglein mein Bote“. Op. 47 (1846); – „Die Brieftaube“, Op. 68 (1853); – von Heinrich Proch: „Schmiedlied“, Op. 33; – „Nachtscene“, Op. 64; – „Täuschung“, Op. 81; – von Benedict Randhartinger: „Schmiedlied“; – „Heilmittel“, Op. 51; – „Jägers Feierabend“; – „Da lustigi Jaga“, zwei Lieder; – von Riotte in Gemeinschaft mit Blumenthal und Seyfried die Musik zum Feenspiel: „Der kurze Mantel“; – von Simon Sechter: „Der Hirt am Felsen“, Op. 65; – von Franz Schubert: „Die Unterscheidung“; – „Bei Dir“; – „Die Männer sind mechant“; – „Irdisches Glück“, alle vier Op. 95 (1828); – „Widerspruch“; – „Wiegenlied“; – „Am Fenster“; – „Sehnsucht“, alle vier Op. 105 (1826); – „Nachthelle“, Op. 134 (1826); – „Nachtgesang im Walde“, Op. 139 (1827); – „Die Taubenpost“ (1828) gilt als Schubert’s letzte Composition; – „Grab und Mond“ (Sept. 1826); – „Der Wanderer an den Mond“ (1826); – „Das Zügenglöcklein“ (1826); – „Im Freien“, alle drei Op. 80 (1826); – von Robert Schumann: „Blondels Lied“. Op. 53, Nr. 1; – von V. A. Wagner aus den „Flinserln“: „Da Dickschäd’l“; – „s’ Blinzeln“; – von Eduard Wenzel: „Am tiefen [347] Meer“, nach Parry; – von Ferdinand Wiesner: „Die Klage“; – „Das Lied vom lieben Monde“.
I. Quellen zur Biographie Seidl’s. Album österreichischer Dichter (Wien 1850, Pfautsch und Voß, 8°.) erste Serie, S. 333–376. Von dem Herausgeber dieses Lexikons. [Die authentischen Lebensdaten dieser ersten ausführlicheren über Seidl erschienenen Biographie, dienten den allen folgenden, meist ohne Quellenangabe erschienenen, zur Grundlage]. – Brümmer (Franz), Deutsches Dichter-Lexikon (Eichstädt u. Stuttgart 1876, Krüll, 4°.) Bd. II, S. 349. – Die Donau (Wiener polit. Blatt). Von Ernst Schwarzer 1855, Nr. 145: „Ein Gedicht von J. G. Seidl“. Von L. J. S(emlitsch). – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1875, Nr. 204 und Nr. 259, Beilage. – Frankl (Ludw. Aug. Dr.), Sonntagsblätter (Wien, gr. 8°.) III. Jahrg. (1844), S. 280. – Gödeke (Karl), Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung. Aus den Quellen (Hannover 1859, Ehlermann, 8°.), Bd. III, S. 584. – Die Grenzboten (Leipzig, Herbig, 8°.) 1847, Bd. I, S. 159. – Hartel (Wilhelm), „Johann Gabriel Seidl. Nekrolog“ [Separatabdruck aus der „Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien“ (Wien, 8°.), VII. Heft, 1875] (Wien 1875, 8°.). – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber) VI. Bd. (1846), S. 62 [das daselbst angegebene Geburtsdatum des 20. Juni 1804 ist nicht richtig]. – Kehrein (Jos.), Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert (Zürich 1871, Leo Wörl, gr. 8°.) Bd. II, S. 141. – (Nürnberger) Correspondent von und für Deutschland 1875, S. 1688. – Libussa, Jahrbuch für 1856. Herausg. von Paul Alois Klar (Leipzig, 12°.) S. 307 u. f.: „Johann Gabriel Seidl“. Von Paul Alois Moldavsky [ps. für P. A. Klar]. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Zweite Abtheilung, Bd. VIII, S. 840, Nr. 3 [gibt auch unrichtig den 20. Juni 1804 als Seidl’s Geburtsdatum an]. – Moderne Classiker (Basel 1853, 12°.) 11. Band [mit nicht sehr ähnlichem Bildniß]. – Neue freie Presse vom 24. Juli 1875, N. 3919: „Johann Gabriel Seidl“. Von Johannes Nordmann. – Dieselbe (Wiener polit. Blatt) 1874, Nr. 3527, im Feuilleton: „Johann Gabriel Seidl“. Von Johannes Nordmann. – Neuer Plutarch, oder Biographien und Bildnisse der berühmtesten Männer und Frauen aller Nationen und Stände u. s. w. Vierte Auflage. Mit Verwendung der Beiträge des Freiherrn Ernst von Feuchtersleben, neu bearbeitet von Aug. Diezmann (Pesth, Wien und Leipzig 1858, C. A. Hartleben, kl. 8°.) Bd. IV, S. 128. – Ostdeutsche Post (Wiener polit. Blatt) 1856, Nr. 56. [Brief über Seidl’s Antheil an der Wiederaufnahme des fast vergessenen „Prometheus“ von Beethoven.] – Presse (Wiener polit. Blatt) 1875, im Local-Anzeiger Nr. 249: „Geibel und die Dialectdichtung“. [Mit einem gesunden Hiebe auf das befangene Gebaren norddeutscher Kritiker über süddeutsche Dichter.] – Allgemeine Theater-Zeitung. Herausgegeben von Adolph Bäuerle (Wien, kl. Fol.) 1854, Nr. 82: „Die von Seidl verfaßte Volkshymne“. – Ueber Land und Meer. Allgemeine illustrirte Zeitung (Stuttgart, Ed. Hallberger, Fol.) XXXII. Bd. (1874), S. 881 u. 883. – Unsere Zeit (Leipzig, Blockhaus, gr. 8°.). Neue Folge. XII. Bd. (1876), I. Th., S. 66.
II. Porträte. 1) Unterschrift: Joh. Gabr. Seidl. Stahlstich ohne Angabe des Zeichners und Stechers (12°). [wenig ähnlich.] – 2) Unterschrift: Facsimile des Namenszuges: Johann Gabriel Seidl, darunter: geboren zu Wien am 21. Juni 1804 Grillhofer del., C. F. Merckel sc., Leipzig (12°.). [In der Aehnlichkeit auch nicht besonders glücklich, woran jedoch der Kupferstecher Schuld tragen mag.] – 3) Unterschrift: Johann Gabriel Seidl. M. Grillhofer del., C. Kotterba sc. [Ohne Schnurrbart. Das beste Bildniß des Dichters. Es bestehen davon Abdrücke mit dem Facsimile des Namenszuges: Johann Gabriel Seidl; auch gibt es Exemplare mit dem Schnurrbart. Diese letzteren sind sehr selten und gesucht, denn es wurde nur eine ganz kleine Anzahl Exemplare davon aufgelegt.] – 4) Unterschrift: Johann Gabriel Seidl. Holzschnitt von N. F(rei?) in der von Nordmann redigirten „Neuen illustrirten Zeitung“ (Wien, bei Zamarsky, Fol.) 1874, Nr. 25. – 5) Holzschnitt [nach einer Original-Zeichnung von F. Weiß in „Ueber Land und Meer“, XXXII. Bd. (1874), Nr. 45, [Eines der besten Bildnisse [348] des Dichters.] – 6) Holzschnitt von A. P., in der Zeitschrift „Das Inland“ (Wien) 1874, Nr. 10. und 11. Brustbild in einem am unteren Halbmesser des Brustbildes sich hinziehenden Lorbeerkranze. [In Aehnlichkeit und Ausdruck ganz verfehlt.] – 7) Unterschrift: Facsimile des Namenszuges: Johann Gabriel Seidl. Dauthage 1856 (lith.). Gedr. bei Jos. Staufs in Wien (Wien, bei Jos. Bermann, Fol.), [Nicht besonders ähnlich]. – 8) Von Klič in seinen „Humoristischen Blättern“ 1874, Nr. 77, S 422, [Seidl in seinen letzten Tagen, sehr ähnlich.]
III. Seidl’s Handschrift. Adolph Henze in seinen „Handschriften der deutschen Dichter und Dichterinen“ mit 305 Facsimiles (Leipzig 1855, Bernh. Schlicke, 12°.), charakterisirt Seidl’s Schrift folgendermaßen: „Zart und kunstsinnig zuvorkommend und lieblich“, [Das dabei befindliche Facsimile gehört einer Unterschrift aus Seidl’s früheren Tagen an. Interessant aber ist die Aehnlichkeit zwischen den Schriften Seidl’s und Anastasius Grün’s.)
IV. Seidl im deutschen Stammbuche. In dasselbe schrieb der Dichter nachstehende, ihn ganz bezeichnende Verse: Mit dem Strom – unsäglich Mißbehagen | Gegen ihn – vergeblich Widersteh’n | Also gar vielleicht das Spiel zerschlagen? | Nein, auch das nicht! – Lieber bessern Tagen | Still, doch liedbereit entgegen seh’n.
V. Zur Charakteristik des Dichters J. G. Seidl. Zur literarischen Charakteristik Seidl’s. Gödeke über Seidl: „Seidl hat sich in vielen Gebieten der Poesie bewegt, am glücklichsten in der Ballade und in dem mundartlichen Gedichte; seine Novellen sind dürftig in der Erfindung und Ausführung, bloße Begebenheiten, ohne tiefere psychologische Ergründung. Als Lyriker gehört er zu den Vorboten einer neueren Richtung in Oesterreich, mit Anklängen an Byron und Heine, doch reiner, aber auch matter. Schon 1823 wurde von ihm ein dramatisches Volksmärchen im Theater an der Wien gegeben. Sein Dramolet „Das Veilchen“ wurde auf dem Burgtheater beifällig aufgenommen.“ [Der sonst so unbefangene und wohlunterrichtete Kritiker erscheint doch in Seidl’s Beurtheilung entweder sehr befangen oder nicht hinreichend mit seinen Arbeiten vertraut.] – Wolfgang Menzel schreibt über Seidl: „Seidl’s Dichtungen sind durch eine eigenthümliche[WS 6] Milde des Herzens charakterisirt, die zuweilen weiche Wehmuth wird, doch vorzugsweise mit Heiterkeit und Zufriedenheit gepaart ist. ..... Die Frühlings- und Waldlieder des Dichters, die kleinen Landschaftsbilder, in denen S. die Liebe zur Natur sich ausspricht, sind durchgängig sehr anmuthend durch ihre Einfachheit und durch die Wahrheit und Wärme, mit der sie eigenthümliche Seelenbestimmungen ausdrücken. .... Obgleich bei S. der Ausdruck der Empfindung das Uebergewicht hat über die Malerei der Phantasie, so bewährt er sich doch oft auch als ein Meister in der letzteren und schwelgt in der Fülle und Gluth der Farben. .... Wenn es das Amt der Dichter ist, den unbestimmbarsten Eindrücken, Gefühlen und Ahnungen Worte zu leihen, so bewährt sich auch hierin unser Verfasser als ein eingeweihter, und vielleicht würde er noch mehr damit erreichen, wenn er sich mehr der Empfindsamkeit enthalten wollte. .... In den zahlreichen Liebesliedern thut die Milde des Dichters außerordentlich wohl. Die seltene Ruhe, mit der er bei schmerzlichen oder süßen Erinnerungen verweilt, hat etwas ganz eigen Harmonisches und schließt mit der aufflammenden Leidenschaft doch keineswegs die stille Innigkeit aus“. .... – Hieronymus Lorm über Seidl. Unserem Principe gemäß, in den literarischen Charakteristiken Licht und Schatten walten zu lassen, geben wir im Folgenden auch Lorm’s im höchsten Grade befangenes, und was den die Censur betreffenden Schlußsatz anbelangt, ganz unrichtiges Urtheil über Seidl. Lorm schreibt: „Johann Gabriel Seidl gilt für den gemüthlichsten „aller österreichischen Dichter“. Tugend und Heldengröße, Haß und Liebe, Leidenschaft und Verzweiflung, Alles wird unter seiner Feder gemüthlich. Wenn er einen Napoleon besänge, es würde ein ehrwürdiger Pfarrer von Grünau daraus. Wenn man zuweilen ein Gelüste hat nach Philisterfreuden, mag man Seidl’s Gedichte lesen. Sucht man aber im Sonnenbrande eines bedeutenden Lebens und Strebens erquickenden Schatten, wird man ihn unter dieser Hecke nicht finden. Seine Gemüthlichkeit hindert ihn nicht, ein herzloser Censor zu sein, der die besten Gedanken der Jugend aus der Literatur ganz gemüthlich wegstreicht“ (!). – Seidlitz über Seidl: „Mit Seidl’s Namen ist der Begriff österreichische Poesie so innig verbunden, wie Frühling und Sonnenschein, [349] wenn man Eines ausspricht, denkt man unwillkürlich auch an das Andere. Es mag wohl sonderbar scheinen, daß ein Dichter, und ein so junger Dichter wie S., einen solchen Einfluß auf die Poesie einer ganzen Schule gewinnen konnte, und noch dazu ein Dichter, der seit Jahren mit nichts Größerem hervorgetreten ist, der entfernt von der Hauptstadt, von dem Sammelplatze der Literaten lebt, und nur einige kleine Gedichte in Zeitschriften sendet und zwei unbedeutende Almanache, Buchhändlerspeculationen ohne inneren Gehalt, redigirt. Und doch einen solchen Einfluß! Nehmt die Perücken ab Philister, vielleicht begreift ihr’s dann, wenn euer Schädel etwas weniger belegt ist. – Habt ihr eine Idee von dem Einsehen in die Gemüthswelt eines Volkes, von dem Erfassen aller jener zarten, leiseklingenden Saiten, welche der Urgrund einer volksthümlichen Poesie sind? Denkt euch nur einen Menschen, der den Ideenkreis, die Gemüthstöne seines Volkes so in sich aufgenommen, daß sich beide identificiren, stellt euch dieses recht deutlich vor, meine lieben Philister, und seid versichert, daß ihr dann das Problem gelöst habt, wieso S. solch bedeutenden Einfluß auf die österreichische lyrische Poesie gewonnen. Der Charakter des Oesterreichers ist der Charakter seiner Poesie, bald oberflächliche Lebensanschauung, bald wieder tiefes, sinniges Gemüth, nur an hohen Feiertagen etwas Kraft und Energie, niemals Schmerz. Statt Schmerz und Kraft und Energie setzt uns der Oesterreicher den erweichenden Pflaumenmus der Wehmuth vor, statt daß sein Auge im heiligem Feuer glühte, schließt es sich langsam zu einem seelenfrohen Lächeln. Den herzzerreißenden Schmerz um ein verlorenes, um ein nicht erreichtes Ideal kennt er nicht, denn sein Ideal ist der Frohsinn des Lebens. Man glaube aber darum ja nicht, daß er blind sei für das Große, faul für das Erhabene, stumm für das Edle. Nein, er kennt, fühlt und denkt dieses Alles, aber es liegt tief, unendlich tief in ihm vergraben und verborgen, verschleiert und –. Der Norddeutsche thut sich so viel auf sein Gemüth zugute, als wenn er der privilegirte Gemüthsfabrikant und Gemüthshändler wäre, und doch wahrhaftig – Maske, Täuschung! Das Gemüthliche liegt nicht in den blonden Haaren, in den theegewässerten, faden, sentimental verschwimmenden Aeugleins, nicht in dem langsamen, singenden Tone der Sprache, nicht in dieser affectirten Hingebung und stillen häuslichen Seligkeit, nicht in den vielen Deminutivworten, womit der norddeutsche Mann und das norddeutsche Mädchen um sich herum werfen, nicht in dieser coquetten Prüderie, die uns bei jedem Schritte begegnet, selbst nicht in dem behaglichen Stillleben der deutschen κατεξοχέν[WS 7] Philister, nein das ist nicht das Gemüthliche, auch nicht der Same desselben, ein Maskenkleid ist dieses Alles nur, worunter man Gemüthlichkeit vermuthet. Nicht weil es seine tiefste innere Natur mit sich bringt, nicht weil seine Anschauung dazu auffordert, hängt der Norddeutsche diesen Gemüthlichkeitslappen um sich; gehen wir tiefer, reißen wir das verhüllende Gewand ab, um den Kern zu sehen, und wir erschrecken, daß es nichts anderes ist als eine gewisse Zaghaftigkeit, ein gewisser Gleichmuth, der Alles, was man will, mit sich machen läßt. Das ist die vielgepriesene norddeutsche Gemüthlichkeit, und dieser sogenannten Gemüthlichkeit bürde ich die Schuld auf, daß Norddeutschland so langsam vorwärts schreitet. Scheint es doch wahrhaftig, als wenn diese Gemüthlichkeit in der norddeutschen Luft läge, die so neblig, so still, so trübsinnig über den Städten ruht, daß der Südländer in ein Todtengewölbe zu treten meint. Ich will nur Hannover, Braunschweig, Oldenburg nennen, o? wie todt! Im Süden wohnt die wahre Gemüthlichkeit, jenes heitere Leben, welches das Herz auf der Zunge trägt, welches heraus wirft, was es drückt, welches keinen Feind kennt, keinen Haß, keine Prüderie. So ist die des Oesterreichers, so ist die des wahrhaft österreichischen Dichters Seidl“. – Treffende Worte schreibt Johannes Nordmann über Seidl den Volks- (Dialekt-) Dichter: „Mit seinen Dichtungen in österreichischer Mundart .... stellte er sich einzig und allein auf den Boden der Heimat, und diese sind ein Schatz, den nur seine Landsleute zu heben die Zauberformel kennen. Er überragt aber als Dialectdichter um eine starke Kopfhöhe eine ganze Rotte von Dilettanten, welche das Volks-Idiom als Flagge aufhissen, mit dem sie ihre süßlichen und gedankenlosen Hervorbringungen zu decken suchten. Das ist bei S. nicht der dürftige Fall; er spricht und singt frisch und gesund aus dem Volke heraus, das er in allen seinen Eigenheiten belauscht hat, an denen er in der Reproduction des Liedes nichts durch ein vornehmes Künsteln verdirbt, die er gelegentlich [350] selbst in ihrer ganzen Unbeholfenheit von stammelnden Naturlauten rettet. Ich habe nicht die Liederbücher S.’s zur Hand, es klingt mir aber eine Dialektstrophe in den Ohren, die ich zur Charakteristik der Gattung hersetzen will: „Wär’ d’Gredl a Reh’l | Und ’s Bürschl a Hirschl, | So wär schier der ganze Wald | Voll Hirschl bald“. Wären Vergleiche überhaupt statthaft, so möchte ich behaupten, das die Oesterreicher mit Stelzhammer ihren Robert Burns haben; gleich hinter dem Franz von Biesenham aber steht Seidel und wiegt, um einen vollen Centner schwerer, als die als Volksdichter viel verrufenen Castelli, Klesheim und mehrere Andere, die sich gerne mit grünen Hosenträgern und rothen Brustlatz abconterfeien lassen. Ich glaube in kurzen Zügen angedeutet zu haben, daß Oesterreich ein Recht hat, einem Dichter von der Begabung S.’s die Ehre zu erweisen; und es ist bei dem klingenden Namen, den er auch in Deutschland hat, nicht zu befürchten, daß man uns den Vorwurf machen werde, wir treiben eitel Götzendienst mit unseren heimatlichen Notabilitäten.“ Im Hinblicke auf seine literarische Stellung im deutschen Parnaß schrieb Nordmann unmittelbar nach Seidl’s Ableben: „Er zählte neben J. N. Vogl zu den populärsten Poeten in Oesterreich, und viele seiner Lieder sind in den Singweisen hervorragender Compositeure in den Mund des Volkes übergegangen; darin bestände sein rühmliches Fortleben, wenn selbst sein Name in deutschen Literaturgeschichten nicht verzeichnet wäre. Man wurde aber auch im sogenannten „Auslande“ den österreichischen Dichter gewahr, und seine „Bifolien“ zählen zu den auserlesenen Gedichtsammlungen. Was J. G. Seidl auf dem Felde der Dialektdichtung hervorbrachte, hat den würzigen Duft der Alpennatur, woher er sich bei einem längeren Aufenthalte in Steiermark die Stimmung dafür holte. Auch seine Prosa hat einen vornehmen Charakter, und seine novellistischen Versuche und Erzählungen sind künstlerisch zergliedert und fesseln durch richtige Charakteristik und geistigen Inhalt. Er war Einer der Besten in Oesterreich, und sein Gedächtniß verdient geehrt zu werden“.


Ende des dreiunddreißigsten Bandes.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Dessen Bruder, Leopold Joseph Fitzinger, war Naturforscher.
  2. Vorlage: Bd. XI, S. 369, Bd. XXII, S. 484.
  3. Vorlage: Shakspeare’s.
  4. Vorlage: Seidel’s.
  5. Vorlage: Rotthammer.
  6. Vorlage: eigenthümlich.
  7. Eigentlich κατ' ἐξοχήν. Dazu die Liste griechischer Phrasen (Wikipedia).