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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Landesmann
Band: 14 (1865), ab Seite: 72. (Quelle)
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Landesmann, Heinrich (Dichter und Schriftsteller, geb. zu Nikolsburg in Mähren 9. August 1821). In der Literatur bekannt unter dem Pseudonym Hieronymus Lorm. Ein Sohn des geachteten Wiener Kaufmanns C. Landesmann (gest. zu Wien im März 1856), dem Letteris in den „Wiener Mittheilungen“ 1856, Nr. 14, S. 56, als einem „Manne von vielseitiger Bildung, als großem Kenner und Pfleger der hebräischen Literatur und als einem Freunde der Armen“, einen beredten Nachruf widmet. Heinrich war in seiner Kindheit so schwach und leidend, daß es sehr zweifelhaft schien, ob er am Leben zu erhalten sein werde. Aber die Sorgfalt und Pflege der Mutterliebe leisteten auch hier Ueberraschendes und das Kind erholte sich in unerwarteter Weise. Mit seinem sechsten Jahre begann L. die Schule bei St. Anna in Wien zu besuchen, zu deren besten Schülern er zählte. Schon war er in das Gymnasium getreten, als der Besuch eines ausgezeichneten Arztes im Elternhause Veranlassung wurde, daß der Knabe die Fortsetzung des Schulbesuchs unterbrach. Der Anblick des Knaben hatte den erfahrenen Arzt zu dem Rathe veranlaßt, jede geistige Anstrengung so viel als thunlich zu vermeiden und sofort wurde der Schulbesuch eingestellt, an dessen Stelle ein mäßiger Privatunterricht zu Hause trat. Dieser hatte mehrere Jahre gedauert, der Gesundheitszustand des Knaben schien eben nichts mehr besorgen zu lassen und als er zwölf Jahre alt war, bezog er die polytechnische Schule in Wien. Als er aber das 13. Jahr vollendet, befiel seinen Körper ohne vorhergegangene Ursache mit einem Male eine Lähmung, welche ihn über ein Jahr unter den grausamsten Schmerzen an das Krankenbett fesselte. Aller Unterricht fiel nun weg und was den Knaben am tiefsten berührte, auch jener in der Musik, für die er ein hervorragendes Talent beurkundete, welches unter der Leitung eines Meisters wie Fischhof [Bd. IV, S. 254] zu schönen Erwartungen berechtigte. Als es der Zustand des Knaben nur einigermaßen erlaubte, wurde er zum Gebrauche der [73] Bäder nach Teplitz gebracht. Die Wirkung derselben war keine vollständige, die Lähmung ward durch dieselben wohl gehoben, aber der Krankheitsstoff hatte sich auf die kostbarsten Sinne: das Gehör und das Gesicht geworfen. Im Alter von fünfzehn Jahren hatte L. das erstere völlig verloren, sein Sehvermögen aber wurde zwar nicht vernichtet, jedoch überaus geschwächt. Daß diese abnormen physischen Zustände auf sein intellektuelles Leben gerade im beginnenden Jünglingsalter, als sich alle Poren des Gemüthes der Welt öffneten, während die vorzüglichsten Sinnesorgane sich vor ihm verschlossen, nicht ohne mächtige Wirkung blieben, versteht sich von selbst. Dieß zu schildern, ist Aufgabe des Psychologen und eines Biographen, dem nicht, wie es bei diesem Werke der Fall ist, die engsten Schranken gezogen sind. Es war ein großer gewaltiger Kampf, den L. für die Dauer eines Menschenlebens auf sich nehmen mußte. Er hat ihn aufgenommen mit dem ganzen Aufgebot seiner sittlichen Kraft. L. war nun ganz auf autodidaktische Bildung gewiesen und hatte auch jetzt noch mit Hindernissen zu kämpfen, da Eltern und Aerzte ihm jedes Buch – alles Studiren als seiner Gesundheit gefährlich erklärend – entzogen, bis auch hier die Einsicht des Besseren den Sieg gewann, da man denn doch erkannte, daß die zerrüttete körperliche Maschine nur noch durch die geistigen Fäden einen freilich ganz wunderbaren Halt gewann. In jener Zeit also, in welcher unter so trüben Umständen, das mächtige Innenleben begann, erwachte in L. der Poet und später der grübelnde Denker. Im Alter von 16 Jahren schickte er bereits kleine Gedichte in Zeitungen, wo sie ihrer Sinnigkeit wegen freundliche Aufnahme fanden. Diesen so wie mehreren Arbeiten in Prosa begegnet man in den Jahren 1840 und 1841 im „österreichischen Morgenblatte“, dessen Redaction nach Oesterlein’s Tode damals Dr. Ludwig Aug. Frankl übernommen hatte. In diese Zeit, 1843, fällt auch die Entstehung des Gedichtes „Abdul“, einer, um sie am kürzesten und treffendsten zu bezeichnen[WS 1], „muhamedanischen Faustsage“. Abdul, eben der muhamedanische Faust, sucht gleich dem germanischen das Glück, der dunklen Erde himmlische Verklärung; er sucht es und findet es nicht im Hochgenuß der Liebe, nicht im trügerischen Glanze der prunkenden Paläste und wonnigen Gärten; nicht in der grabesstillen Einsamkeit der Wüste, die er, zur Entsagung entschlossen, aufgesucht. Endlich im letzten Todeskampfe findet er es. Er kann durch einen Wunsch die fliehenden Lebensgeister bannen, aber er hat das große Räthsel seines Lebens erkannt und das wahre Glück gefunden und dieses ist das Leben, aber das unendliche Leben, frei von den Fesseln des irdischen Geschickes, das Leben, welches erst mit dem Tode beginnt. In fünf reizenden Gesängen: Fata Morgana, das Abenteuer, der Bettler, der Eremit, das letzte Ziel, wird Abdul’s Kampf mit allem Aufgebot einer glänzenden Sprache und poetischen Bilderreichthums von dem Dichter geschildert. Dieser Dichtung folgten kleinere poetische Arbeiten, die zerstreut gedruckt erschienen sind und kritische Studien, die sich an die einzelnen hervorragenden Erscheinungen der verschiedenen Literaturen knüpften. Die Bewegung der Geister, welche sich in Oesterreich schon einige Jahre vor den Märztagen, freilich nur ganz im Stillen, vorbereitete, war auch an L. herangetreten und hatte ihn um so mächtiger erfaßt, als er im geistigen Verkehre zumeist auf [74] sich angewiesen, unbefangen die Verhältnisse betrachtete und zu einer reineren und richtigeren Auffassung kam, als jene, die mitten im Lärm des Marktes stehend, allen Stimmen und Stimmungen folgten. Seine seit Jahren fortgeführten kritischen Aufzeichnungen über österreichische Literatur-Erscheinungen in ein Ganzes zusammenfassend, bereitete er die Herausgabe des Buches: „Wiens poetische Schwingen und Federn“ (Leipzig 1846, Grunow) vor, in dessen Vorrede er im Hinblicke auf die Bestrebungen der Wiener Schriftsteller, dem Staatskanzler Metternich Censur-Erleichterungen abzuringen, es als innerste Ueberzeugung aussprach, daß die Versuche, Concessionen von einem System zu verlangen, das seine alleinige Stärke in seiner unerbittlichen Consequenz hat, auf unbewußter oder auch bewußter Selbsttäuschung beruhen. Daß bei einem Auftreten in so geharnischter Weise von einem längeren Verbleiben innerhalb der Grenzen des Staates, der diese unerbittliche Consequenz übte, keine Rede sein konnte, versteht sich von selbst. Also noch vor dem Erscheinen der Schrift übersiedelte L. nach Berlin, wo bereits sein Bruder ansässig war; um aber auch seine Familie in Wien den polizeilichen Nachforschungen nicht auszusetzen, trat er als Pseudonym Hieronymus Lorm auf, welchen er nun bleibend beibehielt. Selbst in der Wahl dieses Pseudonyms spiegelt sich L.’s unfreiwilliges Sichzurückziehen in den Bann seines eigensten Denkens, seiner geistbelebten Einsamkeit. Lorm nennt sich eine der Gestalten in James Romanen, zu der sich L. in ungewöhnlicher Sympathie hingezogen fühlte; Hieronymus aber ist der erste und einzige Heilige, der über die Einsamkeit schrieb, deren Kelch bis zur süßen und bitteren Hefe ohne eigenes Verschulden und in so jungen Jahren zu leeren L. bestimmt war. In Berlin setzte L. seine kritischen Arbeiten über deutsche Literatur fort, welche in der damals, 1847, von Kühne herausgegebenen Zeitschrift „Europa“ unter dem bescheidenen Collectivtitel: „Das literarische Dachstübchen“ erschienen. Diese Arbeiten fanden in literarischen Kreisen Anklang und selbst an Anträgen von Buchhändlern, zur Herausgabe derselben, fehlte es nicht, jedoch die Verhandlungen darüber zerschlug das Jahr 1848, das plötzlich Kehraus mit der literarischen Beschäftigung der Nation machte. Auch das von L. im Jahre 1847 in Berlin geschriebene und bei dem dortigen Hofbuchhändler Alexander Duncker unter dem Titel: „Gräfenberger Aquarelle“ (Berlin 1848) erschienene Buch, worin L. in seiner frischen Weise in humoristischer und anekdotischer Form ein Bild der sittlichen Verderbniß unter den höheren Ständen zeichnete, ging im Revolutionsgetöse des 48ger Jahres unbeachtet vorüber. Im April 1848 – der Weg in’s Vaterland war frei geworden – kehrte L. nach Wien zurück und sah, in eigenthümliche Stimmung versetzt, die trotzig erhobenen Gestalten derjenigen an, die, als er in freiwillige Verbannung ging, noch so gebückt einhergeschlichen waren, die, als ihnen die Schmach des schimpflichsten Geistesdruckes auf ihre Stirnen gekerbt wurde, kein lautes Wort der Selbstbefreiung gewagt hatten. In Wien setzte L. seine journalistische Thätigkeit fort und war, um mit Wilhelm Chezy in den „Erinnerungen aus seinem Leben“ zu reden, einer von den Tapfern, welche in der unter Stadion’s Fittigen gegründeten „Presse“ dem demokratischen Wahnwitz die Stirne boten“. Später gab er alles politische [75] Mitsprechen auf und trat als Feuilletonist und literarischer Kritiker, 1850, in das Redactionsbureau der Wiener Zeitung. Chezy sagt von L.: „Hieronymus Lorm war eine Reihe von Jahren hindurch Feuilletonist der Wiener Zeitung und der erste Feuilletonist der Kaiserstadt“. Er hat die kleinen Tagesplaudereien, der Erste, in die Journalistik eingeführt, und wie vordem in der Presse unter der Ueberschrift „Wochen-Chronik“, so erschienen sie in der Wiener Zeitung unter „Am Kamin“. Neben diesen den Leser angenehm beschäftigenden Plaudereien brachte aber L. im letztgenannten Blatte auch eine Folge von Literaturartikeln, auf welche er unendlich viel Fleiß, Aufmerksamkeit, Lesegeduld und den ganzen Einsatz seines Geistes, oder was dafür gelten will, verwendete und deren er bereits so viele geliefert, daß sie wohl die stattliche Folge von 6–8 Bänden bilden dürften. Sein Bestreben dabei war kein geringeres, als der deutschen Literatur Aufmerksamkeit in Wien zu verschaffen, wo sämmtliche Journale mit unendlicher Gleichgiltigkeit und Indolenz und von der edlen Ansicht geleitet: sie seien nicht dazu da, um dem Lebenden unbezahlte Reclame zu machen, schweigend über sie hinweggingen, aber heuchlerische Feuilletonthränen weinten, wenn ein berühmter Schriftsteller starb, dem sie, so lange er lebte und mochte er darüber vor Hunger vergehen, nicht die kleinste Notiz über seine Werke vergönnt. Von diesen zahlreichen kritisch-literarischen Studien seien hier nur beispielsweise angeführt: „Die Charakteristik Saphir’s“, nach seinem Tode im Abendblatt der Wiener Zeitung; – „Charakteristiken Stifter’s“, nach dem Erscheinen der „bunten Steine“ und des „Nachsommer“; – „Ueber Realismus und Idealismus, in Bezug auf Julian Schmidt“, zu Anfang des Jahrganges 1857; – „Humor in Deutschland. Zum hundertjährigen Geburtstage Jean Paul’s, in der österreichischen Wochenschrift 1863, Bd. I, S. 353; – „Wiener Belletristik“ (über Foglar, Stift u. A.), ebenda S. 449; – „Lyriker aus Oesterreich“ (über Pollhammer und Bekk), ebd, S. 741; – „Neuere humoristische Literatur“ (über Brachvogel, Silberstein), ebd, S. 801; – „Bogumil Goltz und die Frauen“, ebd, S. 658; – „Heinrich Kleist und seine Kritiker“, ebd. 718; – „Deutsche Romane und Novellen“ (über Arthur Stahl, Brachvogel, Wickede, Franz von Nemmersdorf[WS 2]), ebd. 161; – „Zur Göthe-Literatur“, ebd. Bd. II, S. 449; – „Geographische Romane“, 1864, Bd. III, S. 15; – „Deutsche erzählende Literatur und Novellistik und ausländische Belletristik“, ebd, S. 653, 688, Bd. IV, S. 1458, 1486, 1615, 1643, u. m. a. Diese kritischen, von Zeit zu Zeit sich fortsetzenden Studien mochten seiner Zeit das Gerücht, das in literarischen Kreisen ging, L. arbeite an einem kritisch-ästhetischen Werke über österreichische Poeten und Schriftsteller, das sich an sein Buch „Wiens poetische Schwingen und Federn“ anschließen sollte, veranlaßt haben. Das Gerücht hat sich bisher nicht verwirklicht. L.’s übrige durch den Druck veröffentlichte Arbeiten sind: „Abdul“ (Berlin 1852, Alexander Duncker, 12°.), als Buchausgabe und mit dem Namen Heinrich Landesmann, weil es mit diesem in den Grenzboten abgedruckt war; – „Am Kamin. Erzählungen“, 2 Bände (Berlin 1852, 8°.); – „ Erzählungen des Heimgekehrten“ (Prag 1858, Karl Bellmann, 8°.), Reiseskizzen in novellistischer Form; [76] – „Intimes Leben“ (Prag 1859, Kober, g°.); – „Novellen“, 2 Bde. (Wien 1864, K. Schönewerk, 8°.). Mitten in die angeführten Arbeiten fiel im Jahre 1855 ein Feuilleton-Roman für die „Presse“ unter dem Titel „Ein Zögling des Jahres 1848“, von dem der Redacteur des Journales selbst später eine Buchausgabe in 3 Bänden veranstaltet hat und der in dritter Auflage unter dem Titel „Gabriel Selmar“ (Wien 1863, bei Marggraf) ausgegeben wurde. Bemerkenswerth aber für die geistigen Zustände Wiens dürfte folgende Thatsache sein: während die obenerwähnten novellistischen Schriften L.’s, mit denen er sich einen Ehrenplatz in der schöngeistigen Literatur – wenn er auch nicht in Julian Schmidt’s preußisch-deutscher Literaturgeschichte steht – erschrieben hat. in Wien, ja in Oesterreich so gut wie unbekannt geblieben sind, hat dieser „Zögling des Jahres 1848“, mit welchem er nur eine vergängliche Feuilleton-Unterhaltung zu liefern beabsichtigt hatte, seinen Namen im Publicum erst bekannt gemacht hat; denn auf die engeren literarischen Kreise, bei denen er sich durch seine kritisch-ästhetischen Arbeiten längst Geltung verschafft, darf der Name Publicum doch nicht ausgedehnt werden. Lange früher, ehe L. mit seinen novellistischen Schöpfungen vor die Oeffentlichkeit trat, hatte er sich auf dramatischem Felde versucht und sein einactiges Lustspiel: „Der Herzensschlüssel“ wurde bereits im Mai 1851 im Wiener Hofburg-Theater gegeben, wo es eine sehr beifällige Aufnahme fand, öfter wiederholt, wie auch dann in Berlin und auf anderen Bühnen mit Erfolg gegeben wurde. Nach langer Pause folgte diesem gelungenen Versuche das dramatische Sittenbild: „Die Alten und die Jungen“, zum ersten Mal am 1. April 1862 gegeben, seitdem Repertoirestück geblieben und auf den Bühnen in Berlin, Dresden, Karlsruhe u. s. w. eingebürgert. Das dreiactige, anfangs als Trauerspiel, später auf Wunsch der Direction in ein Schauspiel umgearbeitete und dadurch in seinem Lebensnerv geknickte Schauspiel: „Das Forsthaus“, im October 1864 zum ersten Male auf dem Hofburg-Theater gegeben, hatte keinen günstigen Erfolg. Mit Ausnahme Emil Kuh’s, der im Feuilleton der Wiener „Presse“ (1864, Nr. 275) eine kleine aber geist- und tactvolle Studie über Lorm’s Stück veröffentlichte war das Verhalten der Wiener Kritik in diesem Falle derart, daß es ein grelles Licht auf unsere literarischen Zustände warf. In Frankreich würde kein Schriftsteller oder Journalist einem Collegen von Lorm’s Bedeutung, ja überhaupt irgend einem Collegen gegenüber eine solche Verletzung des Anstandes sich erlauben, wie es bei der kritischen Verurtheilung des Forsthauses in Wien der Fall war; dadurch aber hat nicht der Dichter, wohl aber das Ansehen der Kritik schwer gelitten. L.’s poetische Arbeiten, deren einige in früherer Zeit und zuletzt in Emil Kuh’s „österreichischem Dichterbuch“ abgedruckt waren und mit sinniger Tiefe eine vollendete, gerundete Form verbinden, sind nicht gesammelt. Auch soll – wie dem Herausgeber von zuverlässiger Seite mitgetheilt wird – L. eine Folge philosophischer Versuche, entstanden in den Gedankenkämpfen seiner Einsamkeit, in seinem Pulte druckfertig liegen haben. Daß ein so fein beobachtender und zugleich tieffühlender Geist wie L. auch auf diesem Felde nur volle Garben gebunden haben dürfte, ist kaum zu bezweifeln. L.’s literarische Charakteristik folgt weiter unten in den Quellen. Seit 1856 verheirathet, wie es Chezy in [77] seinen Erinnerungen meldet, lebt L. Jahr ein Jahr aus in der pannonischen Quellenstadt (Baden bei Wien), seinen Studien und literarischen Arbeiten hingegeben. Eine Schwester L.’s ist an den Dichter der Schwarzwälder Dorfgeschichten, Dr. Berthold Auerbach, verheirathet.

Chezy (Wilhelm), Erinnerungen aus meinem Leben. Erstes Buch: Helmina und ihre Söhne (Schaffhausen 1863, Fr. Hurter, 8°.) Bdchn. I, S. 315–321. – Jahrbuch für Israeliten 5616 (1855–1856). Herausgegeben von Joseph Wertheimer (Wien 1855). Neue Folge, zweiter Jahrg., S. 191, im Aufsatze: „Ehrentafel österreichischer Juden“. – Zur literarischen Charakteristik Lorm’s. Ueber sein „Am Kamin“: Blätter für literarische Unterhaltung[WS 3] 1857, S. 665, von H(ermann) M(arggraff); – Deutsches Museum von R. Prutz, 1858, 2. Semester, S. 774. – Ueber sein „Intimes Leben“: Blätter für literarische Unterhaltung 1861, S. 90. – Ueber das Gedicht „Abdul“: ebenda 1852, S. 735. – Ueber seine „Erzählungen eines Heimgekehrten“: ebenda 1858, S. 702. – Marggraff charakterisirt Lorm als Novellisten: „L.’s Erzählungen sind eigentlich psychologische Studien in erzählender Form, scharfsinnige Versuche, psychologische und gesellschaftliche Probleme an lebendigen Menschenexemplaren zu erörtern und zu lösen. In dem Dogma, zu welchem man das realistische Princip jetzt auch in der Dichtung erheben möchte, wurzeln sie nicht; der Verfasser bemüht sich vielmehr bei Vermeidung alles von der sogenannten Romantik Ueberkommenen dennoch das so verschrieene Recht subjectiver Freiheit und Natur zur Geltung zu bringen und das wirkliche Leben noch auf anderem Gebiete als auf dem Dorf zu zeichnen, das in der Literatur nachgerade anfängt um so lügenhafter zu werden, je mehr es die einzige deutsche Wirklichkeit zu sein beanspruchen möchte. Der Verfasser .... verschmäht es, effectreich zu erfinden und die Neugier auf die Folter zu spannen, aber er weiß sinnvoll und sinnig zu combiniren und eigenthümliche Situationen zu schaffen, aus denen sich die Fäden für die Darstellung eines tieferen Seelen- und Gemüthslebens herausspinnen lassen. In seinen Erzählungen behandelt L. nicht erschütternde, hochtragische Conflicte, nicht religiöse, confessionelle und politische Streitfragen, sondern die innerlichen Vorgänge, die im stillen und geheimen Grunde des Gemüthslebens stattfinden, die Conflicte zwischen Herzen und Herzen, Seelen und Seelen.“ – Julian Schmidt hat nach dem Erscheinen der „Gräfenberger Aquarelle“ dieselben ihrer humoristischen und realistischen Darstellung wegen in einer Weise gelobt, wie es ihm selten in den Sinn kam ein Buch zu loben. Nun aber, obwohl er in seiner Geschichte der deutschen Literatur manches Duodeztalentchen, das sich mit dem wirklichen Talente L.’s nicht im Entferntesten messen kann, als literarischer Vormund freundlich behandelte, so nimmt es Wunder, daß er seines einstigen Schützlings nicht mehr gedenkt. – Daß auch Gottschall in seiner Geschichte der deutschen Literatur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts L.’s nicht gedacht, ist nicht minder bedauerlich. Dieses Uebersehen L.’s in den deutschen Literatur-Geschichtswerken veranlaßt einen Kritiker von Lorm’s „Novellen“ im Feuilleton der Wiener „Presse“ (1864, Nr. 194) zur folgenden freilich in ihrem Schlusse auch zu weit gehenden Apostrophe. „Da Hieronymus L. ein Wiener, kein Berliner, Münchener, Stuttgarter Autor ist., so haben sich unsere Literatur-Geschichtsschreiber nicht im mindesten um L. gekümmert und selbst in Wien gingen die Stimmführer der Kritik über die meisten Bücher, die L. erscheinen ließ, hinweg zur Tagesordnung der Theater-Besprechungen über. Nur dann, wenn ein dramatisches Werkchen L.’s das Lampenlicht erblickte, erhielt diese literarische Persönlichkeit gleichsam erst die Existenz-Berechtigung und L.’s Herren und Damen, welche sich aus den Coulissen hervorbewegten, protegirten vielleicht beim Publicum die Helden und Heldinen der L.’schen Romane und Novellen. So viel steht für uns fest, in mehreren seiner kleinen erzählenden Productionen hat L. entschiedener ein poetisches Vermögen bekundet, als mancher „dramatische Dichter“ in Oesterreich durch seine feisten Trauerspiele; ja aus manchem bloßen Feuilleton L.’s grüßte Einem ein tiefsinnigerer Geist, als in den pomphaften Wölbungen vieler wissenschaftlicher Bücher, wo nicht selten das Grauen wohnt, sichtbar ist.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: bezeichen.
  2. Reitzenstein, Franziska Freifrau von (ADB).
  3. Vorlage: Unter-.