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BLKÖ:Stadion-Warthausen, Franz Seraph Graf

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Stadelmann, Georg
Band: 37 (1878), ab Seite: 1. (Quelle)
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Franz Seraph von Stadion in der Wikipedia
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Stadion-Warthausen, Franz Seraph Graf (Staatsmann, geb. zu Wien 27. Juli 1806, gest. ebenda 8. Juni 1853). Von der fridericanischen Linie; der drittälteste Sohn des Grafen Johann Philipp Karl (s. d. S. 37), aus dessen Ehe mit Maria Anna Gräfin Stadion-Thannhausen. Mit seinem Bruder Rudolph wurde er in den Gymnasial- und philosophischen Fächern zu Hause unterrichtet. Das Vorhaben, ihn im Theresianum erziehen zu lassen, mußte bei dem heftigen Widerwillen des Jünglings gegen dieses Institut aufgegeben werden. Er bewahrte diese Antipathie gegen das nur für Söhne adeliger Eltern bestimmte Institut bis in die späteren Jahre, und gab ihr noch als Minister Ausdruck, indem eine seiner ersten ministeriellen Amtshandlungen gegen das Theresianum gerichtet war, welchem er den exclusiv aristokratischen Charakter benahm. Nach dem im Jahre 1824 erfolgten Ableben seines Vaters begab sich der damals 18jährige Jüngling auf das Schloß Jamnitz in Mähren, und von dort aus bezog er die Wiener Hochschule, an welcher er die juridischen Collegien regelmäßig besuchte. Unter den Lehrern waren es namentlich zwei, welche auf den jungen Grafen Einfluß gesbt, nämlich der Professor der Philosophie Rembold [Band XXV, Seite 273], der später durch den Freimuth seiner Vorträge sein Lehramt einbüßte, und dessen Lehren auf Stadion’s Weltanschauung nachhaltigen Einfluß gesbt, und ein Correpetitor in den juridischen Fächern Dr. Leopold Anton Dierl, ein tüchtiger Jurist, dessen zahlreiche rechtswissenschaftliche Abhandlungen Stubenrauch’s „Bibliotheca juridica“ (S. 77, Nr. 783–820) aufzählt, und mit dem der Graf noch in späteren Jahren in persönlichen Beziehungen verblieb. Von Kindheit an kam der Graf mit der Sprache etwas schwer fort; dieses Fehlers sich bewußt, versuchte er auch demselben abzuhelfen, was ihm aber nie ganz gelang, daher der Verkehr mit ihm dadurch sehr erschwert wurde. Man mußte ihm immer auf die Miene sehen, um aus den Bewegungen derselben seine mehr gelispelten, oft kaum verständlichen Worte und Sätze zu verstehen. Nach beendeten Studien betrat der Graf, 21 Jahre alt, die öffentliche Laufbahn im Staatsdienste, und zwar als Conceptspraktikant bei der niederösterreichischen Regierung. Nach schon einem Jahre wurde er 1828 zum galizischen Gubernium übersetzt, kam von dort 1829 zum Kreisamte von Stanislawow, und am 15. Mai 1830 als überzähliger und unbesoldeter Kreiscommissär zu jenem von Rzeszow. Aus dieser Zeit ist ein Charakterzug des Grafen zu berichten, welcher weiter keines Commentars bedarf, und seine sonst nur Engländern eigene Kaltblütigkeit und Lebensverachtung beweist. Als nämlich Stadion in Galizien amtirte, brach im Lande die [2] Cholera, die damals noch ungekannte Seuche, aus, welche Alles mit Furcht und Entsetzen erfüllte. Als sie sich auch in Rzeszow zeigte, und bald die ersten Opfer forderte, blieben diese verlassen. Niemand, aus Furcht vor Ansteckung, wagte es, sich einer Leiche zu nahen, und selbst der Todtengräber weigerte sich, seine Pflicht zu verrichten. Da gab der 24jährige Stadion ein heroisches Beispiel, er packte eine der Choleraleichen, lud sie auf seinen Rücken und trug sie auf den Friedhof hinaus. Das Beispiel war gegeben, und der Bann des Schreckens gebrochen, die Todtengräber verrichteten nun ordnungsmäßig ihren Dienst. Nach vierjähriger Thätigkeit in Galizien, kam der Graf am 13. März 1832 gleichfalls als überzähliger und unbesoldeter Gubernial-Secretär nach Innsbruck. Ungeachtet einer seiner Vorgesetzten in die Qualificationstabelle des Grafen die Bemerkung schrieb: „Zu jedem weiteren Avancement unfähig“, denn der Graf hatte sich bei der ihm eigenthümlichen Weise die Dinge eben anders anzuschauen und aufzufassen, als die herkömmliche Weise es mit sich brachte, in den Augen seines nur den schnurgeraden Weg wandelnden Vorstehers mitunter zu starke Blößen gegeben, kam er doch schon in kurzer Zeit danach als k. k. Hof-Secretär zur Allgemeinen Hof-Kammer nach Wien, wo er bereits am 12. Mai 1834[WS 1], also noch nicht 28 Jahre alt, wirklicher Hofrath wurde. Sieben Jahre hatte er am Hofrathstische und im Berathungssaale gearbeitet, als er am 29. Februar 1841 zum Gouverneur des österreichischen Küstenlandes – Triest, Istrien, Görz und Gradisca – ernannt wurde. Der Graf zählte damals 35 Jahre; nicht eben zu viel für einen Posten, der ebensoviel staatsmännischen Tact als Verantwortlichkeit gegenüber einer strammen Centralbehörde erforderte. Man bezeichnet die Zeit der Thätigkeit des Grafen im Küstenlande als die glänzendste Periode seines Lebens – und das ist sie auch gewesen, die schwierigste und wichtigste bleibt aber die noch wenig gewürdigte und durch die Unwahrheiten der polnischen Actions-Partei entstellte in Galizien. Wie der „zu jedem weiteren Avancement unfähige Stadion“ im Küstenlande auftrat, bezeichnen am treffendsten die Worte eines hochgestellten Beamten, dem es damals an Stadion’s Seite mitzuschaffen gegönnt war: „Es war“, sprach dieser aus, „als ob erst bei seinem Auftreten die Provinz an Oesterreich gekommen wäre“. Er faßte zunächst ebenso den mercantilen Aufschwung der stets bewegten See- und Handelsstadt wie die intellectuelle Hebung des bis dahin ziemlich verwahrlosten Volkes ins Auge. Von den damaligen Beamten kannte jeder das Land höchstens aus den Acten seines Bureautisches, der Graf lernte es vor Allem durch den Augenschein kennen; er bereiste das ganze Land nach den verschiedenen Richtungen, hielt sich in den ärmsten Ortschaften wochenlang auf, trat mit dem Volke in unmittelbaren Verkehr, lernte seine Anliegen, seine Bedürfnisse, seine Noth, Verwahrlosung und Unwissenheit kennen, und gewann aus eigener Einsicht sofort die Ueberzeugung, daß vor Allem zwei Dinge Noth thun: Regelung des Gemeindewesens und Förderung der Volksschulen. Im Hinblick auf Ersteres kannte er die Langsamkeit der Regierungsmaschine aus der bisherigen amtlichen Thätigkeit. Wollte er also ein neues Gemeindestatut schaffen, so bedurfte es erst der Bewilligung von oben, und es vergingen Jahre, ehe die Sache [3] in Fluß kam, wenn sie überhaupt in solchen kam. Er packte also die Sache von anderer Seite an. Das Land Istrien war im Jahre 1814 wieder erworben worden. Die bei dieser Gelegenheit von dem damaligen Regierungs-Commissär, dem Grafen Saurau, entworfenen Grundzüge, die aber auf dem Papier geblieben und nie verwirklicht worden waren, genügten für die Pläne des Grafen. Nun machte er sich sofort an die Ausführung. Wie ein Beamter unter Beamten arbeitete er mit seinen Räthen. Dabei sah er sich nach tüchtigen Arbeitskräften um, nahm diese, wo er sie fand, und kümmerte sich nicht weiter um ihre politische Farbe, wenn sie nur dem Zwecke entsprachen, für den er sie ausersehen. Ein sprechendes Beispiel dafür bietet seine Verwendung dall’Ongaros [Bd. III, S. 134][WS 2], der freilich das Vertrauen des edlen Staatsmannes mit Verrath lohnte. So nahm er in das seiner Bearbeitung übergebene Lesebuch für die Volksschule, die Geschichte von dem weißen Bäcker und dem schwarzen Rauchfangkehrer, welche nun und nimmermehr zu einander passen, auf, und schmuggelte mit diesem Gleichnisse, mit welchem das Verhältniß zwischen dem Italiano und Tedesco angedeutet sein sollte, in das Volksbuch eine Maxime beständiger nationaler Verfolgung ein. Die Volksschule und ihre Hebung das war Stadion’s Lieblingsgedanke, in dessen Verwirklichung er in dem damaligen Referenten in Schulsachen, Gubernialrath Ignaz Beck, einen gleichgesinnten Genossen und energischen Mithelfer fand. Innerhalb zweier Jahre wurden an 60 Schulbücher in vier Sprachen: in deutscher, italienischer, serbisch-illyrischer und croatisch-illyrischer Sprache hergestellt. Man denke sich Stadion’s erhebendes Selbstgefühl, als er eines Tages unerkannt einem Caplan gegenübersteht, der unter Gottes freiem Himmel einem Haufen bettelarmer, aber reinlich gekleideter Knaben und Mädchen Schule hielt, und dieser dem sich darüber wundernden Herrn entgegnet: „Wir Priester, die wir ein Herz fürs Volk haben, danken es dem neuen Statthalter, daß unser Erzbischof uns erlaubt hat, selbst den Kindern Unterricht zu ertheilen, wo sie keine ordentliche Schule und Lehrer haben“. Seine Gemeindeordnung, wodurch ein neues gesundes Leben in die Grund-Elemente des Staatswesens kam, hatte er auf eigene Verantwortung „provisorisch“ eingeführt. Seine Schulbücher druckte, verkaufte, verschenkte er, ohne sich um die Studien-Hofcommission in Wien und ihr Staunen über solch Gebaren weiter zu kümmern. Und wie es in diesen zwei Richtungen vorwärts ging, so auch in der andern. Als eine Krisis im Geldmarkt die ganze Handelswelt in Triest auf das bedenklichste traf, und dieselbe den schwersten Verlusten preisgab, wenn nicht schleunige und ausgiebige Hilfe geschafft wurde, wies Stadion, „nicht etwa aus eigener Machtvollkommenheit, sondern mit höchster Ueberschreitung derselben“, wie sein Biograph bemerkt, aus dem Triester Cameral-Zahlamte die benöthigten Millionen an, welche später auch bis auf den letzten Heller zurückgestellt wurden. Aber durch diese Maßregel war die Gefahr beschworen. Es ist dieß ein Fall, der in der Geschichte der österreichischen Gouvernements-Verwaltungen wohl einzig dasteht. Und wie mit der Hofkanzlei, der Studien-Hofcommission, der Hofkammer, so machte der Graf auch mit der Obersten Polizei- und Censur-Hofstelle, welche damals auf Oesterreichs Völkern wie ein Alp lag, wenig [4] Federlesens. Die Polizei wurde in Triest mit Energie gehandhabt, aber sie war nur ein Schrecken der Uebelwollenden und Uebelthäter, ohne für Gutdenkende und besonnene Fortschrittsmänner eine Fessel oder Plage zu sein. Wie Triest in mercantilischer Hinsicht ein Freihafen war, so war es unter Stadion, wie Helfert schreibt, auch in geistiger Beziehung trotz Metternich und Sedlnitzky eine Freistätte. Die Wiener Bücherverbote schienen im Emporium der Adria keine Geltung zu haben. In den Lesesälen des Tergesteums lagen Zeitungen, Zeitschriften, Druckwerke auf, die man an keinem öffentlichen Orte Wiens zu lesen bekam. Es kann unmöglich hier ins Einzelne eingegangen werden. Stadion Vater und Stadion Sohn warten noch auf ihren Biographen, wie deren die Staatsmänner Preußens, denen dieses seine Größe verdankt, bereits gefunden. Und ausführlicher behandelt schon Freiherr von Helfert in seiner so stoffreichen, wie fesselnd geschriebenen „Geschichte Oesterreichs vom Ausgange des Wiener October-Aufstandes 1848“ auch Stadion’s Thätigkeit. Noch sei über Stadion’s Wirken im Küstenlande im Allgemeinen bemerkt, daß er sich die Regelung des städtischen Armenwesens sehr angelegen sein ließ; daß über seine Anregung der Monte di pietà (Leihhaus) von der Gemeinde wieder hergestellt wurde; der Sanitätsdienst wesentliche Umgestaltungen erfuhr, und die Reform der Quarantäne-Einrichtungen angebahnt wurde. Alles dieß aber ging minder durch schwerfällige Regierungs-Erlässe und ewiges Drängen und Treiben von oberer und oberster Stelle vor sich. Der ganze Regierungs-Apparat spielt kaum merkbar aber in eingreifendster Weile. Stadion regierte weniger vom Acten beladenen Bureautische oder aus dem Rathsaale mit Feder und Tinte, als von seinem Salon aus bei Thee und Cigarre, in welchem sich allwöchentlich Gesellschaft von Personen aller Farben und Stände einfand, mit denen im allgemeinen Gespräche Gegenstände verhandelt wurden, welche dem Grafen besonders am Herzen lagen, und über welche er die Ansichten der Betheiligten und Nichtbetheiligten vernehmen wollte, und so gewöhnlich in ungeschminkter Weise verschiedene Ansichten, dabei aber auch manchen neuen, gut zu benützenden Gedanken, die Anregung mancher trefflichen Idee zu hören bekam. Unter solchen Umständen wuchs der Ruf des Staatsmannes, der sich bald über die Grenzen der seiner Leitung anvertrauten Provinz hinaus erstreckte. An den Namen Stadion knüpften sich schon in den Tagen seiner Verwaltung im Küstenlande die Hoffnungen jener Oesterreicher, welche ein freies, aber starkes und auch im Auslande geachtetes Oesterreich wollten, denn Triest war damals doch nur eine grünende Oase in der geistigen Wüste des Großstaates. So kam es denn auch, als nach den Ereignissen des Sechsundvierziger-Jahres, nachdem die Bauern in Galizien die Edelleute todtzuschlagen begonnen hatten, und nun ein Mann gesucht wurde, der den Schwierigkeiten der Situation in dieser Provinz gewachsen war, daß man zunächst an den Gouverneur Istriens, den Grafen Franz Stadion, dachte, der ja schon in seinen jüngeren Jahren im Lande amtirt und so dasselbe bereits kennen gelernt hatte. Es galt die entfesselten Geister einerseits zu bannen, anderseits aber neue, bessere Elemente in einer Provinz zu wecken, die sich, was man immer für sie that, bedrückt wähnte, [5] weil man den Ausschreitungen einer Partei, welche ihre Herrschaft immer nicht aufgeben wollte, nämlich jener des kleinen galizischen Adels (der sogenannten Szłachta hodaczkowa, eines durch eigene Versumpfung und ewiges Revolutionmachen heruntergekommenen Bruchtheils der edlen polnischen Nation), einen festen Damm entgegensetzte. Es war eine Riesenaufgabe zu lösen, denn alle Elemente waren geradezu aufgewühlt. Der Nicht-Pole lebte in beständiger Angst, erschlagen zu werden. Die Regierungsmaschine arbeitete, um sich eines Bildes zu bedienen, mit Hochdruck, aber man mußte dabei immer fürchten, daß die Kessel platzen, und wo man den Wirkungen einer Vernichtung steuern wollte, eine Vernichtung anderer Art beginne. Unter solchen Umständen erhielt am 21. April 1847 Graf Stadion den Ruf zur Leitung der galizischen Angelegenheiten. Stadion selbst war mit schwerem Herzen an seine neue Bestimmung gegangen, er ahnte es, mit welchen Hindernissen er zu kämpfen haben werde und dann waren ihm die von ihm emporgezogenen Verhältnisse in Istrien, wo man ihn allmälig verehren gelernt, lieb geworden. Verfasser dieser Skizze – es kann nur eine solche sein, des Raumes und Zweckes dieses Lexikons wegen – hat diese Tage mitgelebt, und das Ringen des Hercules Stadion mit dem Briareus: polnische Szłachta – polnische Emigration – russische Emissäre – Schlendrian und Uebergriffe mancher dienstlicher Organe miterlebt. Eine genaue Aufzeichnung seiner Thätigkeit in Galizien überstiege die Grenzen dieses Werkes. In den Quellen aber (S. 14) theilt er in chronologischer Ordnung die sorgsam gesammelten Materialien zur Geschichte von S.’s galizischer Verwaltungsperiode im Jahre 1848 für Jenen mit, der es einmal unternehmen wollte, das leuchtende Bild Stadion’s in einem biographischen Werke, wie er es verdient, aufzurichten. Wenige Jahre nach Stadion’s Tode hat Rudolph Hirsch das prächtige, in den Quellen angeführte Büchlein über ihn herausgegeben. Das Büchlein, so flott geschrieben, ist ein kleines Juwel, und gibt ein treffendes Porträt des Menschen Stadion, das freilich mehr eine umschriebene Skizze als eigentliche Biographie ist, da die Belege und Documente fehlen, welche das alles erhärten, was darin als leichte, fließende Causerie mitgetheilt ist, und da Hirsch wohl mehr den Menschen – der freilich über und über ein Original – als den Staatsmann schildern wollte, wofür ihm die Lust und wohl auch die Fähigkeit fehlten. Nun also der Graf ging nach Galizien, wo sich alle Classen der Bevölkerung, die Regierung und die nationale Bewegungspartei, der grundbesitzende Adel und der durch die Schlächtereien des Jahres 1846 zu fürchterlicher Bedeutung gelangte Bauer nicht nur mißtrauisch und feindlich, ja geradezu erbittert gegenüberstanden. Dazu wollte es das Mißgeschick, daß der Graf an eben dem Tage, am 31. Juli 1847, in Lemberg eintreffen sollte, an welchem Wiszniowski, einer der Führer des bewaffneten Aufstandes im Jahre 1846, und Kapuściński, der Mörder des Bürgermeisters Markl von Pilsno, ihre Schuld am Galgen büßten. Ehe Stadion in Lemberg einfuhr, erfuhr er, was dort vorgehen solle, und fand noch glücklich den Ausweg, statt direct in die Hauptstadt sich zu begeben, eine kleine Rundreise im Lande zu machen. Gewiß aber erscheint es ungeheuerlich, den neuen Gouverneur in dem Augenblicke in die Provinz reisen zu lassen, [6] in welchem der Henker seine Arbeit verrichtet. Wie vordem im Küstenland, griff Stadion in Galizien die Sache an. Nachdem er nach Wien einen ausführlichen Bericht über die Lage, in welcher er das Land gefunden [siehe in den Quellen: Materialien zur Geschichte der Verwaltung Galiziens unter und durch Stadion Nr. 1] erstattet, umgab er sich sofort mit Vertrauensmännern aus allen Schichten der Bevölkerung. sorgte für Hebung der unter dem polizeilichen Drucke bis zur Unwürdigkeit herabgesunkenen Presse und nahm allmälige Aenderungen in der schwerfälligen, durch Jahrzehnte verrosteten Verwaltungs-Maschine vor. Er begegnete namentlich bei einem Theile der Beamten den größten Schwierigkeiten, da ihn diese seiner gesunden reformatorischen Ideen wegen, welche in ihren alten verrotteten Schlendrian nicht paßten, sowie ob der Art und Weise, wie er – nicht ihnen entgegentrat, sondern sich um sie weiter nicht kümmerte, und – selbst amtshandelte, anfeindeten, und wo nicht offenen, so möglichst passiven Widerstand entgegenstellten.. Stadion schilderte diese bureaukratischen Uebelstände in einem besonderen Memorandum, welches in der Schrift: „Galizien in diesem Augenblicke“ S. 19 u. f., und in Frankl’s „Sonntagsblättern“ 1848, Seite 308, wörtlich abgedruckt steht. Daß ihm mit Ausnahme derjenigen, welche sein Vorgehen förderten und unterstützten der Troß der Schreiber feindlich gegenüberstand, ist wohl leicht begreiflich, und in Galizien wiederholte sich nur in noch entschiedenerer Weise, was er auch im Küstenlande zu erfahren genug Gelegenheit gefunden. Auch war es dem Grafen in Lemberg nicht anders möglich geworden, seine Maßnahmen zu treffen, als indem er ein paar der tüchtigsten Kräfte seines Triester Präsidialbureaus Oettl und Karl Fiedler nach Lemberg berief. Wie Stadion’s reformatorische Thätigkeit in Galizien sich entwickelt hätte, wenn nicht die Märztage dazwischen gekommen wären, wer kann es sagen? Eine gedrängte, rein objective Zusammenfassung der Maßregeln des Grafen Stadion in Galizien wird das sicherste Bild seiner Verwaltung in dem von der polnischen Revolutionspartei immer wieder irregeführten Lande geben. Kaum hatte der Graf das Land betreten, als er persönlich dasselbe in die entferntesten Winkel bis in jene unglücklichen Gebiete bereiste, welche im Jahre 1847 von Typhus und Hungersnoth schwer heimgesucht worden waren. Wie er zunächst die Maßregeln traf, um sich mit den Zuständen des Landes genau bekannt zu machen, und den vorhandenen Uebelständen im gesetzlichen Wege abzuhelfen, ist bereits oben erwähnt; hier lassen wir nun eine Darstellung seines Verhaltens folgen, nachdem in Wien die März-Revolution gesiegt, die Fortsetzung derselben in Galizien begonnen, Graf Stadion von der Wiener Regierung im vollen Sinne des Wortes im Stiche gelassen worden, und rein auf seinen staatsmännischen Tact angewiesen war, eine Provinz der Monarchie zu erhalten, die alle Bande, mit denen sie an den Gesammtstaat geknüpft war, zu zerreißen strebte. Jene Polen, welche im Frühling 1848 von Lemberg nach Wien deputirt worden waren, um die Erlangung gewisser Rechte, die in einer Petition zusammengestellt waren, zu betreiben, mißbrauchten ihren Aufenthalt in der Kaiserstadt zu Unwahrheiten gegen den Grafen, dem sie vorwarfen – Feindseligkeiten gegen die Nationalen gesbt, vor [7] den constitutionellen Freiheiten Scheu gehegt, an der Aufrichtigkeit eines Versprechens einer Constitution gezweifelt und dem Streben der Entwicklung eines constitutionellen Lebens Hindernisse in den Weg gelegt zu haben. Ebensoviele Entstellungen der Wahrheit als Behauptungen. Die folgende objective Darstellung der wirklichen Ereignisse gibt das richtige Bild der ganzen Sachlage. Nachdem die Kunde von den Ereignissen in Wien nach Lemberg gelangt war, theilte der Graf dieselben den Beamten seines Bureaus mit, erst aber nachdem er im Besitze der amtlichen Mittheilungen sich befand, veröffentlichte er die kaiserlichen Erlässe in der „Lemberger Zeitung“. Das geschah am 22. März. Den Tag zuvor hatte er die Verleger und Schriftsteller der Hauptstadt um sich versammelt, um sie von der Aufhebung der Censur in Kenntniß zu setzen, wobei er hinzufügte: „daß, nachdem ein Preßgesetz noch nicht erlassen sei, er daher, da eine schrankenlose, durch kein Repressivgesetz gezügelte Presse unabsehbare Folgen nach sich ziehen würde, gegen irrelgiöse, unmoralische und aufregende Machwerke die Censur selbst ausüben werde. Die Vorgeladenen erklärten sich mit dieser von ihnen selbst anerkannten, unter den damaligen Umständen gebotenen und von jedem Vaterlandsfreunde nur zu billigenden Maßregel einverstanden; aber schon fünf Tage später nahmen diese von einer bereits im ganzen Lande agirenden, Alles unterwühlenden, aus Posen. Congreßpolen und Frankreich herbeigeeilten Actionspartei aufgehetzten Verleger und Autoren ihr Zugeständniß zurück und der Graf gab die Presse frei. Was diese leistete, bezeugen die Flugblätter jener Tage, welche den Glanz der errungenen Freiheit in ekelerregender Weise besudelten. Die im Princip ausgesprochene allgemeine Volksbewaffnung konnte der Graf, wenn er nicht bei der damals herrschenden Volksstimmung blutige Scenen herbeiführen wollte, unmöglich sofort ins Leben treten lassen. Er bewilligte aber die Errichtung einer Nationalgarde in Lemberg, wo jedoch nur an zuverlässige Bürger die Waffen abgegeben wurden, auf dem Lande aber sollte, um Unheil zu verhüten, die allgemeine Volksbewaffnung vorderhand nicht zur Ausführung kommen. Es galt nämlich die Edelleute vor den Bauern zu schützen, die in der übelverstandenen Maßregel leicht die gräßlichen Scenen des Jahres 1846 widerholen konnten; hatten sich ja doch in Tarnow bereits Bauernwühler in Begleitung zahlreicher Bauernhaufen mit weißen Binden eingefunden, welche anfragten, ob sie wieder anfangen sollten? Indessen hatte eine Versammlung, welche in Tarnow unter Vorsitz des Fürsten Sanguszko stattgehabt, den Beschluß gefaßt, daß, da weder Leben noch Eigenthum in Galizien sicher sei – eine von der damaligen Actionspartei zur Aufregung der Gemüther erfundene Behauptung – die Robot vollkommen ohne alle Bedingungen und Entschädigungen aufgehoben werden müsse. Ferner kam man überein, eine Deputation von Adeligen, Bürgerlichen und Juden nach Wien zu entsenden, welche die schleunigste Entfernung mißliebiger Beamter und dictatorische Maßregeln zur Aufrechthaltung der Ordnung verlangten. Die bisher durch Anwendung ganz gemäßigter, mit den Forderungen der März-Tage im vollen Einklange stehender Maßregeln, wie es jene des Grafen Stadion waren, erhaltene Ruhe, wollte jener Partei, die nun den Augenblick, loszuschlagen, [8] gekommen sah. nicht passen. Eine zweite in Krakau abgehaltene Versammlung schloß sich den Bestimmungen der Tarnower an und die Deputation reiste nach Wien. Diese oben erwähnte plötzliche Großmuth des polnischen Adels stand mit dem bisherigen Gebaren desselben gegen den Bauer und Unterthan in einem so grellem Widerspruche, daß es nicht erst des staatsmännischen Blickes des Grafen bedurfte, die Arglist dieser Verfügung zu entdecken, mit welcher, nachdem durch kaiserliches Manifest die Ablösung aller Frohnen beschlossen war, kein anderer Zweck verbunden war, als einerseits die kaiserliche Verfügung in Schatten zu stellen, anderseits aber eine allgemeine Schilderhebung vorzubereiten. Auch hatte sich, um der Wahrheit getreu zu bleiben, nur ein ganz kleiner Theil des Adels zu einer solchen Schenkung bereit gefunden. Der Graf wies demnach diese Schenkung als eine unberechtigte zurück. Indessen hatte sich in Lemberg ein revolutionäres National-Comité, die sogenannte Rada narodowa (National-Rath), gebildet, welches sich mit amtlichen Befugnissen eigenmächtig ausgestattet hatte, Verfügungen traf, welche die legalen Gewalten lahmlegten, und die Aufregung in der Hauptstadt, wie durch ihre Filialen in den kleineren Städten, und im ganzen Lande in Bedenken erregender Weise steigerten, so daß Alles um Leben und Eigenthum zitterte. Dieses National-Comité hatte die Demonstrationen am Grabe des im Frühjahr 1847 hingerichteten Wiszniowski und andere aufregende Scenen arrangirt, kurz es drohte Alles außer Rand und Band zu gehen, wenn nicht der Mann, dem die Leitung der Provinz anvertraut war, gegen diese Gesetzlosigkeiten vorging. Er mußte Alles auf eigene Faust, anordnen und ausführen lassen, da man in Wien, wo die Dinge ohnehin in hohen Wogen fluteten, nicht mehr Zeit hatte, an die ferne Provinz zu denken, die man überdieß in den Händen eines erprobten, ja freisinnigen Staatsmannes wußte. Der Graf verfügte sonach die Auflösung der Rada narodowa und aller im ganzen Lande verbreiteten Winkelcomités und verbot die demonstrativen Processionen zum Grabe Wiszniowski’s. Nun erschienen an allen Stadtecken Lemberg’s riesige Placate, in welchen der Graf als ein Verräther, als ein zweiter Suwarow gebrandmarkt wurde. Der Graf begnügte sich, statt aller Antwort, mit der mündlichen Anordnung, die Placate von den Wänden, an denen sie sich befanden, herabzureißen. Indessen betrieb er in Wien die Aufhebung der Robot durch die Regierung, damit die bäuerliche Bevölkerung den Act kaiserlichen Wohlwollens vollkommen kennen lerne und baldigst in den Genuß der ihr damit gewährten Wohlthat trete. Zu gleicher Zeit hatte er in wohlwollendster Sprache einen Erlaß an die Bauern herausgegeben, der die radicale Partei, die sich so immer ein Bret nach dem andern unter ihren Füßen hinwegziehen sah, nur noch mehr erbitterte. Das sind die in Galizien verübten Verbrechen des Grafen Franz Stadion. Der Graf hatte mit staatsmännischer Umsicht und Gewissenhaftigkeit den Weg zwischen den von Sr. Majestät verliehenen Freiheiten und jenen Maßregeln, welche die erregte Stimmung eines durch eine Actions-Partei von außen verführten und aufgeregten Volkes mäßigten, und in die legale Bahn einlenken sollten, eingehalten, aber es war aller Liebe Mühe umsonst gewesen. Die unten in den Quellen, verzeichneten Materialien zeigen es, wie [9] all sein Ringen gegen Lüge, Verrath, offenen und heimlichen Aufruhr, Radicale, Demokraten, Emissäre und sogenannte Vaterlandsfreunde ein fast vergebliches gewesen. Doch das Eine, und das ist in jener Zeit, in welcher der Wahnsinn zur Methode geworden, und man vor keinem Mittel zurückschrecken durfte, um den losgelassenen Elementen der Revolution wirksam zu begegnen, das wichtigste: „So lange Stadion in Galizien geblieben, war kein Blut vergossen, keine Flinte war losgeschossen worden, ja es hatte, so lange Stadion in der Provinz geblieben, keine größeren Ausschreitungen, keinen Aufstandversuch in Lemberg mehr gegeben. Ausführlicher schildert Helfert’s in den Quellen citirtes Werk Stadion’s Thätigkeit in Galizien (S. 26–35). Aber unter den Verhältnissen, wie sie damals lagen, war Stadion’s längeres Verbleiben in Galizien unmöglich: auch war in den letzten Tagen des Mai, als die Zustände in Wien sich in immer grellerer Weise entwickelten, an ihn in vertraulicher Weise eine Einladung ergangen, nach Innsbruck, wo damals der Hof sich befand, zu kommen, denn der Graf sollte mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraut werden. Heimlichst, man sollte es kaum glauben, und doch ist es wahr, und in möglichster Eile, traf der Graf seine Vorbereitungen zur Abreise, betraute den Vice-Präsidenten des Guberniums mit der Führung der Geschäfte, und verließ auf Umwegen am 4. Juni Lemberg, wo jedoch bald seine Abreise bekannt geworden war. Indessen war in Wien, wo bereits alle Verhältnisse gelockert waren, von der Actionspartei, welche ein Ministerium Stadion fürchtete, Alles aufgeboten worden, um den Namen Stadion möglichst unpopulär zu machen. Besonders waren es die Mitglieder jener schon erwähnten polnischen Deputation, welche in Wien auf Erledigung ihrer Petition harrte, die kein Mittel scheuten, den Namen jenes Mannes zu verdächtigen, dem das Land für seine Mäßigung in schwersten Zeiten ewig Dank wissen sollte. Hier ist es am Platze, eines Umstandes zu gedenken, den die polnische Actionspartei nie verwinden konnte, und aus welchem aller Ingrimm gegen Stadion entspringt. Das ist nämlich Stadion’s sogenannte „Erfindung der Ruthenen“ [man vergleiche über die Anfänge dieser Angelegenheit in den Quellen-Materialien die Actenstücke Nr. 44, 45, 48]. Die Ruthenen, auch Russinen genannt, waren von den Polen, neben denen sie in einem Lande wohnen, immer unterdrückt, und ihnen die vom Kaiser Joseph eingeräumten Rechte theils verkümmert, theils entrissen worden. Als Graf Stadion sich mit den Zuständen des Landes Galizien vertraut gemacht, und auch das an den Ruthenen begangene Unrecht aus Acten und Verhandlungen kennen gelernt, setzte er die Ruthenen einfach in die ihnen gesetzwidrig vorenthaltenen Rechte wieder ein. Diese Zurückerstattung gesetzlicher Rechte und die Ermöglichung ihrer Ausübung gegenüber den Polen, die ihren alten Druck auf ihre ruthenischen Stammverwandten nun nimmer ausüben konnten, wurde von der polnischen Partei alsbald in ihrer ganzen Rückwirkung empfunden, und in ihrer Ohnmacht, das Gesetz und Recht aus dem Wege zu schaffen, erfand sie den schaalen Witz: „Stadion habe die Ruthenen erfunden“, den auch die Pamphletisten des Achtundvierziger-Jahres, welche immer mit der Revolution gingen, gedankenlos nachlallten. Aber ein Witzwort reicht nicht aus, um [10] geschichtliche Wahrheiten auf die Dauer zu verhüllen. Also Graf Stadion hatte Lemberg verlassen und war am 11. Juni in Innsbruck eingetroffen, wo er die Bildung eines Cabinets abgelehnt hatte. Nach kurzem Aufenthalte in Chodenschloß im Kreise der Seinen kehrte er nach Wien zurück, wo er auch auf eine Einladung Pillersdorf’s, in sein Ministerium einzutreten, ablehnend sich verhielt. Indessen hatten die Wahlen für den constituirenden Reichstag stattgefunden, Graf Stadion war in zwei oder drei Landbezirken gewählt worden, und hatte die Wahl für Rawa im Żolkiewer Kreise Galiziens angenommen. An der ersten vorberathenden Sitzung des österreichischen Reichstages am 10. Juli 1848 hatte bereits Stadion theilgenommen. Die Ruthenen, die in ihm mit Recht ihren Retter und Heiland sahen, wählten ihn zu ihrem Führer. Seine Demission als Gouverneur hatte der Graf noch im Juni eingegeben, und war die Erledigung den gewöhnlichen amtlichen Weg gegangen, worüber der darob am 25. Juli interpellirte damalige Minister Doblhoff keine Auskunft zu geben im Stande war. Als es sich um die Wahl zum Vice-Präsidenten des constituirenden Reichstags handelte waren neben Strobach auf Stadion die meisten Stimmen gefallen. Im Reichstage nahm der Graf seinen Sitz im Zentrum, ihm zur Rechten saß ein böhmischer Advocat Dr. A. Eckl, der aber selten anwesend war, so daß nach dieser Seite der ehrsame Mathias Herndl, ein Krämer aus Grein in Oberösterreich, saß, und Stadion’s nächster Nachbar wurde. Dieser, gegen den Grafen durch die Presse aufgereizt, legte einen Unwillen und eine Erregtheit an den Tag, die weit das Maß der Ungezogenheit überschritt. Graf Stadion sah eines Tages sich gezwungen, seinem Widersacher, den er früher nie gesehen, ihm nie etwas zu leid gethan, mit Ruhe zu sagen: „Aber, Herr Herndl, wenn Ihnen meine Nachbarschaft so zuwider ist, warum vertauschen Sie nicht Ihren Sitz mit einem anderen“? – „„Das hab’ ich auch eh’ schon versucht, fünf Gulden hab’ ich hergeben wollen, aber glauben S’ denn, ’s geht mir Einer?““ Auf der anderen Seite hatte der Graf einen Freund, den steierischen Abgeordneten Cajetan Grafen Gleisbach [Bd. V, S. 217, im Texte] zum Nachbar. Das Erzählte möchte genügen, um Stadion’s Stellung im Reichsrathe und in Wien zu kennzeichnen. Doch besaß er auch viele Freunde und Anhänger in der Versammlung, namentlich alle die Getreuen, welche aus Triest, Görz, Istrien sich hier eingefunden hatten, und den Grafen und seine unvergeßliche Wirksamkeit in jenen Landen nicht vom Hörensagen, sondern aus eigener Erfahrung kannten. Stadion’s eigentlich parlamentarische Thätigkeit im constituirenden Reichstage ist, da ihm die Gabe der Rede fehlte, von geringem Belange, und Alles darauf Bezügliche aus den fünf Bänden der stenographischen Protokolle des österreichischen Reichstags ersichtlich. Die Angriffe in der Presse gegen ihn setzten sich fort und unterminirten seine Stellung, seinen Einfluß, ja es ging so weit, daß es bedenklich war, mit ihm öffentlich zu erscheinen, was er auch selbst wußte. Schreiber dieses begegnete dem Grafen eines Tages auf dem Stephansplatz, und begleitete ihn eine Strecke. Mit einem Male bemerkte der Graf leise: „Sehen Sie nur, aber vorsichtig, wie grimmig uns Alles anschaut. Ich glaube, es ist besser, wir trennen uns. Grüßen Sie mich [11] ganz gleichgiltig und verlieren Sie sich in der Menge“. Und so geschah es. Die Gestalt des Grafen war an und für sich durch ihre Höhe und nachlässige Eleganz auffallend, durch die zahllosen, aber immer doch kenntlichen Caricaturen bis in die Hausmeisterlöcher bekannt. Im Reichstage selbst hatte man ihn wegen seiner Verwaltung in Galizien in Anklagestand versetzt. So ein Attentat auf die gesunde Vernunft war nur in jenen Tagen, wo Verrath, Blödsinn, Felonie und alle entfesselten Leidenschaften das große Wort führten, möglich. Unter Versuchen, tüchtige Kräfte an sich zu fesseln, dann aber ein größeres Organ für seine Partei zu gründen – es war dieß das Journal des „österreichischen Lloyd“ – gingen die Tage dahin bis zum 6. October. an welchem leicht begreiflicher Weise auch S.’s Leben auf das schlimmste gefährdet war. Noch am 6. October hielt sich der Graf selbst nicht für gefährdet, erst eine vertrauliche Warnung ließ ihn auf seine Rettung bedacht sein. Sie war im Reichstage ihm zuerst zugekommen, und der junge Graf Clam-Martinitz, einer der Beamten seines Präsidial-Bureaus in Lemberg, hatte die Mahnung erhalten, den Grafen fortzubringen. Die Flucht des verkleideten Grafen war glücklich am 7, Abends gelungen. Nachdem der Graf die Residenz im Rücken hatte, begab er sich zunächst nach Stražnic in Mahren, auf die Herrschaft seines Schwagers des Grafen Magnis, wo er sich jedoch verborgen hielt. Nach einigen Tagen fuhr er nach Prag. um dort Fühlung mit den böhmischen Abgeordneten zu suchen. Um die Mitte October fand er sich in Olmütz ein. In Olmütz trat der „Oesterreichische Correspondent“ ins Leben, an dem der Graf nun mittelbaren Antheil nahm. Der Graf verkehrte viel mit Abgeordneten, die sich allmälig da eingefunden hatten, dann mit dem Fürsten Felix Schwarzenberg, der sich mit der Zusammenstellung eines Ministeriums, dessen Bildung die mannigfaltigsten Schwierigkeiten darbot, beschäftigte. An Stadion als Minister des Innern, war damals noch nicht gedacht, und vielmehr Dr. Alexander Bach dafür in Aussicht genommen worden. Da verkündigte die Wiener Zeitung vom 22. November 1848 das neue Ministerium, das Tags vorher vom Kaiser Ferdinand genehmigt worden. Unter Präsidentschaft des Fürsten Felix Schwarzenberg als Minister des Aeußern [Bd. XXXIII, S. 41] bestand es aus Stadion für das Innere mit provisorischer Leitung des Portefeuilles für den Unterricht, Kraus Finanzen [Bd. XIII, S. 150], Cordon Krieg [Bd. II, S. 443], Dr. Alexander Bach, Justiz [Bd. I, S. 105] (nachdem Helfert [Bd. VIII, S. 254] abgelehnt), Bruck [Bd. II, S. 165] und Thinnfeld. Stadion’s Name in der Reihe der Minister brachte allenthalben eine freudige Ueberraschung hervor. So rasch hatte in jenen Tagen die öffentliche Meinung gewechselt. Man sah in ihm den Antagonisten Metternich’s, man erinnerte sich nun aller Einzelnheiten seiner freisinnigen Administration im Küstenlande, seiner mit Mäßigung verbundenen Energie in dem immer und immer complotirenden Galizien, kurz Alles begrüßte auf das freudigste, daß nach dem Aeußeren der wichtigste Zweig der Staatsgeschäfte, jener des Innern, dem Grafen Stadion anvertraut worden. Eine ausführliche Darstellung der nun folgenden Wirksamkeit des Grafen, der ja zum großen Theile des so wohl unterrichteten Freiherrn von Helfert dritter [12] Theil seiner „Geschichte Oesterreich vom Anfange des Wiener October-Aufstandes 1848“ gewidmet ist. ist hier nicht möglich. Vollenden konnte er in der kurzen Spanne Zeit, die ihm gegönnt war, nichts. Die Thätigkeit des Grafen im Kremsierer Reichstage wirkte aufregend; die kriegsgerichtlichen, sich immer wieder erneuernden Todesurtheile, insbesondere jenes Messenhauser’s, den er retten wollte, niederdrückend; die Annahme der Hilfe Rußlands zur Bewältigung der Revolution in Ungarn, gegen welche Stadion Alles – vergeblich – versucht, vernichtend auf ihn. Schon als er nach Auflösung des Kremsierer Reichstages nach Wien zurückgekehrt, zeigten sich für den aufmerksamen Beobachter Spuren des Leidens, das ihn eben in dem Augenblicke für immer einer Thätigkeit entreißen sollte, die in ihrem Ausgange für Oesterreich gewiß andere Folgen gehabt hätte, als es die sind, an denen es zur Stunde blutet. Indessen nahm das Leiden des Grafen, nur von den ihm näher Stehenden wirklich bemerkt, immer mehr überhand. Der Graf selbst fühlte, daß ihm Erholung und Ruhe vor Allem nöthig sei, und berief seinen altbewährten Freund und Jugendgenossen Paul Grafen Coudenhoven, damals Regierungsrath in Wien, zu sich, der auch im April 1849 den Grafen nach Baden brachte. Der Graf kehrte nicht mehr in sein Bureau zurück. Den damaligen Zustand des Grafen, den Verlauf der Krankheit, die Bemühungen seines Freundes Coudenhoven, der beigezogenen Aerzte, berichtet kurz, anschaulich und erschütternd Rudolph Hirsch in der schon erwähnten Schrift (S. 106 u. f.). Die Hirnerweichung mit ihren vernichtenden Folgen zeigte sich immer sichtbarer, vier Jahre hatte er so eigentlich nur vegetirt, nicht gelebt. Am 8. Juni 1853, im Alter von erst 47 Jahren, hatte der edle Staatsmann, der Großes für Oesterreich gewollt, und mitten im Aufbau seiner Pläne und Entwürfe durch die unerbittliche Macht des Schicksals war hinweggerissen worden, seine Seele in Wien ausgehaucht. An einem Samstag, den 11. Juni, fand um 1/26 Uhr in der Pfarrkirche zum h. Johann in der Praterstraße die feierliche Einsegnung Statt, dann wurde die Leiche in die Familiengruft zu Klentsch in Böhmen überführt. Stadion war todt und die Wiener Journale brachten die einfache Todes-Nachricht. Die Wiener Zeitung, der es geziemt hätte, an diesem Tage den schwärzen Rand anzulegen, schwieg. Nur in einem Blatte, im Journal des „Oesterreichischen Lloyd“, stand in der Nummer vom 9. Juni 1853 ein Nachruf, der aus der Feder des Publicisten Eduard Warrens stammte. Warrens war einer von denen, die dem Grafen aus Triest nach der Metropole gefolgt waren, als sich dieser mit Männern von Geist und des Vertrauens zu umgeben suchte, um mit ihnen in der neuen Zeit den Aufbau des von ihm im Geiste geplanten verjüngten Oesterreich zu beginnen. In dem Nachrufe aber, welchen Warrens dem Grafen widmet, heißt es: „Man hat das Sterben auf dem Schlachtfelde als das glücklichste verherrlicht. Wenn der Tod in das vollpulsirende Leben hineinschmettert, wenn er das Herz, welches voll Thatkraft und Enthusiasmus pocht, in einem Nu zum Stillstand bringt, wenn er selbst zum Beweis wird, und zum Zeugniß für den Gefallenen, zum Ruhm für seinen Namen, zum Stolz für seine Anverwandten, zur Lorbeerkrone für seinen Sarg: so preist man [13] des Hingeschiedenen Loos als ein beneidenswerthes. Es war kein solcher Tod der gestern dem Manne beschieden war, an dessen Bahre heute Oesterreich steht. Und doch war er ein Held, wie kein besserer je den letzten Athemzug im Schlachtgetümmel ausgehaucht, ein Ritter mit einem blanken Schild, auf welchen nie ein Schatten gefallen. Doch ging er in die Schlacht für sein Vaterland und starb für Oesterreich, wie er für Oesterreich gelebt hatte. Große historische Katastrophen pflegen irgend ein hervorragendes Opfer zu verlangen, das sie mit einem tragischen Glorienschein umgeben. Sie gehen selten vorüber, ohne eine außerordentliche Persönlichkeit mit einem außerordentlichen Unglück heimzusuchen. Nach Jahrhunderten noch blicken spätere Geschlechter mit jenem Interesse zu diesen Gestalten hinauf, welche das Herz der lebenden Welt am engsten verbinden mit dem Herzen der Todten. Der Kranz, den ein heiliges Unglück jenen bleichen Häuptern aufgesetzt, ist ein unverwelklicher. Ihr trauriger Blick leuchtet durch ferne Jahrhunderte. Ihr Schicksal macht Herzen schlagen und Augen weinen, in entfernten Ländern und entfernten Zeiten. Die Geschichte öffnet ihr Haus unparteiisch den großen Glücklichen wie den großen Unglücklichen, aber in dem Hause der Dichtung, haben die Letzteren den höchsten und den vornehmsten Platz. Welches Auge wird trocken bleiben bei der Nachricht, daß Franz Seraph Graf Stadion gestern geendet hat? Das war vor wenigen Jahren noch der erste Mann unter allen jüngeren Männern Oesterreichs. Als nach dem galizischen Aufstande für den schwersten Posten der beste Mann gesucht wurde, da mußte die Wahl auf ihn fallen. Als bei dem Ausbruche der Revolution der Hof sich nach einer Stütze, der Adel sich nach einem Führer umsah, der conservative Theil der Nation nach einem Staatsmanne, dem zu vertrauen und zu folgen war, da suchten alle Augen, nach einer stillschweigenden Uebereinkunft ihn. Nachdem das alte System umgestürzt, und die alten Staatsmänner mit demselben vom politischen Schauplatz verschwunden waren, da war Niemand im Civildienst der Krone, der an öffentlichem Ansehen ihm gleichstand. Erst später machte die mächtige Gestalt des Fürsten Felix Schwarzenberg sich neben ihm geltend. Aber sie verdunkelte ihn nicht. Jeder dieser Staatsmänner hatte eine ihm eigene Größe. Doch Fürst Schwarzenberg hieß mit Recht Felix. Er endete erst, als er vollendet hatte. Er drückte den Stempel seines Geistes seiner Epoche auf. Er fand die Zeit, um die Kraft seines Willens in mächtigen Thaten auszudrücken. Er fand die Gelegenheit, sich selbst seinem Vaterlande ganz zu geben. Graf Stadion war so glücklich nicht. Er kam eben heraus aus jener kurzen Periode, wo nichts zu erreichen war, als durch Vorsicht, als durch Rücksichten, durch ein tactvolles Vorgehen auf schwierigem Terrain, durch ein geschicktes Laviren bei einem gefährlichen Wind, und kaum in die andere Epoche eingelaufen, wo ihm freie Hand zum Schaffen gelassen war, da erlahmte sie. Das breite Fundament der Staatseinheit, welches er zuerst legte, der große schöpferische Gedanke einer österreichischen – nicht einer französischen – Centralisation, sein Gedanke – sie überdauerten sein Wirken, sie bilden das große bleibende Denkmal dieses edlen Geistes, in der Geschichte des Landes, welches er so treu geliebt hat. Es darf einer späten Nachwelt nicht [14] allein überlassen bleiben, die Thaten des Grafen Franz Stadion zu würdigen. Das vollendete Thun eines Staatsmannes liegt sicher aufgehoben für die Betrachtung des späteren Geschichtsschreibers. Wo aber ein Leben in seiner Mitte gebrochen, ein großes Wirken, als es noch Hälfte war. aufgehalten worden ist, da bedarf es eines Commentars der Mitlebenden, damit es nicht mißverstanden werde. Die Erfüllung dieser ernsten Pflicht soll nicht versäumt werden.“ [Diese ernste Pflicht erfüllte Warrens, der so ganz dazu befähigt war, leider nicht. Auch ihn überraschte vor der Zeit der Tod, und so ist er der Mit- und Nachwelt eine Arbeit schuldig geblieben, die viel Licht in manche Schatten, die Verständniß in manches Unbegriffene, die Lösung in das Chaos der Verwirrung gebracht, welche jene Zeit kennzeichnet, in welcher der Wahnsinn zur Methode geworden war.]

I. Materialien zur Geschichte der Verwaltung Galiziens unter Franz Graf Stadion. Die polnische Umsturzpartei in Galizien war um die Mittel, ihre Zwecke zu fördern, nie verlegen. Nie aber hat sie mit größerer Niedertracht das Wirken eines Staatsmannes entstellt, dem diese Provinz so Vieles zu danken hat, und der in einer Zeit, in welcher in Wien, Prag und Pesth des Blutes genug geflossen, in welcher der Aufruhr auch in Galizien in hellen Flammen aufgelodert war, keinen Schuß hatte thun, keinen Tropfen Blutes hatte vergießen lassen, wie es bei Grafen Stadion der Fall gewesen. Das systematische Lügengewebe, welches die im Jahre 1848 aus Galizien in Wien anwesenden Polen – natürlich gibt es auch da, aber nur sehr wenige Ausnahmen – gegen den Grafen gesponnen; wurde längst verurtheilt. Wie sehr der Graf darunter moralisch litt, kann Schreiber dieses bezeugen, der seit Juni bis zum 5. October in täglichem unmittelbaren Verkehre mit S. gestanden. Bald nach der Erkrankung des Grafen im Frühling 1849, nachdem eine Heilung von den Aerzten aufgegeben ward, war es meine angelegentlichste Sorge, mich mit den Materialien der Stadion’schen Verwaltung in Galizien bekannt zu machen, und so nahm ich von Allem, was darauf Bezug hatte, Copien in der Absicht, eine Biographie des Grafen zu schreiben. Aber damals war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Später nahm mich das biographische Lexikon so in Anspruch, daß ich den Gedanken an andere Arbeiten aufgeben mußte. Damit aber das Material für einen späteren Biographen des Grafen, der ja wohl, wie sein Vater, einen solchen finden wird, nicht verloren gehe, so stelle ich die knappen Auszüge dieses Materials, mit den amtlichen Bezeichnungen, hier zusammen. Sie in den amtlichen Archiven und Registraturen aufzufinden, wird nun wohl nicht schwer fallen. 1847. 1) Bericht an die Oberste Polizei-Hofstelle, Nr. 15723, 25. December 1847, 6 Bogen. Die Begnadigung Smolka’s, Rayski’s und noch 14 Anderer, Motivirung derselben (Bog. 1) – Zustand des Landes, der Beamten, Kreisämter (S. 3, 4, 5) – Uebergriffe des Bauers, der Regierung, Straflosigkeit der ersteren (S. 6, 7) – Ankunft des Grafen ohne Wissen der Hinrichtung W. und K. (S. 7, 8) – Verfügungen des Grafen (S. 9, 10) – Beamtenunfug, Zustand der Kreisämter (S. 12. 13) – Aufregung der Edelleute wegen der Robot (S. 14) – Bestrafung jener Bauern, welche gemordet etc. (S. 15, 16) – Hochverrathsproceß (S. 16) – Die Regierung möge Milde üben (S. 16) – Aufhebung des Sequesters von Czartoryski (S. 17) – Begnadigung der Obgenannten 16 (S. 18) – 1848. 2) Kreisschreiben, Nr. 3702 vom 20. März 1848. Da an der Schenkung der Frohnen nur wenige Edelleute Theil genommen – daß eine Schenkung ohne Entgelt durchaus nicht in der Frage gelegen – daß es sich herausstellt, daß diese falsche Nachricht von der Umsturz-Partei promulgirt wird, um den Landmann aufzuregen – daß solche Leute (die Aufwiegler) festzunehmen – daß aber Alles zu thun, um die Scenen des Jahres 1846 zu vermeiden. – 3) Präsidialerlaß vom 21. März 1848, an Gołuchowski und Sacher. Uebung der Censur, damit nicht irrelgiöse, unmoralische Schriften erscheinen, und Personen im Privatleben und ihrem häuslichen Thun verunglimpft werden. –4) Bericht nach Wien an Freiherrn von Pillersdorf, [15] Nr. 3870, am 26. März. Wird um ein provisorisches Preßgesetz gebeten, da der Zustand der Provinz ein solches unerläßlich macht. Gesteht ein, daß das gegenwärtige. Auskunftsmittel nicht ausreicht. Weist auf die Preßgesetze in Belgien, England und Frankreich hin, deren eines als Vorbild dienen könnte. – 5) Präsidialerlaß, Nr. 3937, vom 26. März. Zurücknahme der Verfügung (sub Nr. 3), wonach durch eine liberale Censur den Uebergriffen der Presse gesteuert werden konnte. – 6) Kreisschreiben, Nr. 4024, vom 29. März. Wird den Kreisämtern angeordnet, sich betreff der Frohnschenkung ganz passiv zu verhalten; nur wo dem Grundherrn das freie Verfügungsrecht gebricht, wird das ah. Patent vom 1. September 1798 in Erinnerung gebracht. – Abstellung solcher unbefugter Schenker entweder an die Grundherrschaft oder das Kreisamt. – Wird dem Kreisamte jedes zwangsweise Einschreiten betreff des Geschenkten untersagt. – 7) Entwurf eines provisorischen Wahlgesetzes für Galizien, für die zusammentretende National-Versammlung der Königreiche Galizien und Lodomerien, 20 §§. – 8) Kreisschreiben, Nr. 4238, vom 1. April. Angabe der Gründe an den Zloczower Kreisvorsteher, warum die Errichtung einer Nationalwache nicht zulässig. Noch fehlt eine Norm – der Landmann könnte mißtrauisch werden, und, da Emissäre den Umstand benützen und Unruhe im Lande stiften, zuletzt glauben, es sei gegen die Regierung oder gegen ihn gerichtet. Uebrigens ist die Ruhe aufrecht erhalten. – 9) Kreisschreiben, Nr. 4388, 4417 und 4418, vom 5. April. Betrifft die Errichtung des von Poniński organisirten Comités, wird die Unzulässigkeit desselben in einem constitutionellen Staate nachgewiesen, und sich auf den Erlaß des Ministers des Innern vom 28. März bezogen, worin die Errichtung von Comités, um politische Angelegenheiten förmlich zu berathen und zu verhandeln, vom Gesetze ausdrücklich verboten wird. – 10) Kreisschreiben, Nr. 4374, vom 3. April, an den Tarnopoler Kreishauptmann. Die Errichtung von Nationalgarden betreffend (wie Nr. 8 in Zloczow) – Die Errichtung von politischen Comités betreffend (wie Nr. 9). – 11) Kreisschreiben, Nr. 29700, vom 5. April. Betreffend die Berechtigung der Grundherrschaften zur unentgeltlichen Frohnerlassung – theilt das Patent vom 1. September 1798 mit. – 12) Petition der Polen vom 6. April 1848. – 13) Kreisschreiben vom 7. April 1848, Nr. 4287. Betrifft die Bewaffnung der Nationalgarde im Czortkower Kreise (wie Nr. 8 und 9). – 14) Kreisschreiben vom 8. April, Nr. 4577. Zustand des Landes – Umsturzversuche der demokratischen Partei – Verwendung der mobilen Colonnen – falsche Gerüchte um die Aufmerksamkeit zu täuschen – Eingreifen der polnischen und Militärstellen. – 15) Kreisschreiben vom 11. April, Nr. 4478, 4669. An den Rzeszower Kreishauptmann – wird die Bildung eines Vereins abschlägig beschieden. – 16) Kreisschreiben, Nr. 4635, vom 11. April, an Gubernialrath Baron Sala. Verbot der Bildung der National-Garde und der Comités, bis nicht Näheres darüber die Regierung bestimmt. – 17) Kreisschreiben vom 11. April, eigentlich „Kundmachung“. Warum die Errichtung einer Nationalgarde vorderhand unzulässig. Bezieht sich auf das kaiserliche Wort vom 15. März, und den Ministerial-Erlaß vom 26. März l. J. – 18) Präsidialbericht an Pillersdorf, Nr. 4893, vom 12. April. Schilderung des Zustandes des Landes. Vorkehrungen, welche, um die Ruhe zu erhalten, das Gouvernement getroffen.– 19) Kreisschreiben, Nr. 33551, 16. April 1848. Organisation der National-Garde in Lemberg. – 20) Kreisschreiben, Nr. 33103, 16. April. Eid für die National-Garde. – 21) Präsidialschreiben, Nr. 5031, an die Kreisämter. Wer in die Nationalgarde aufzunehmen und nicht aufzunehmen ist. – 22) Präsidialerlaß, Nr. 5188, 19. April. Erklärt die Bildung einer Studentengarde als zulässig. – 23) Präsidialbericht, Nr. 5219, 20. April, und Brief von Pillersdorf, vom 17. April. Graf S. erhielt in Folge seiner Schilderung galizischer Zustände, unumschränkte Vollmacht. Die Robotauflassung ist zu erkunden, die Servituten verbleiben aber. Die Nationalgarde ist im ganzen Lande zu organisiren. – 24) Präsidialerlaß, Nr. 5336, 21. April. Enthält die Bestimmungen der Wahl zu Regierungscommissären für die Nationalgarde-Comités – Wie die Garde zu organisiren – Wahl der Officiere in die Garde – Abzeichen der Garde. [16] – 25) Patent der Robotablösung vom 17. April. Mit der Kundmachungs-Präsidialverordnung vom 22. April. Z. 5219. – 26) Präsidialbericht an B. Pillersdorf, Nr. 5397. Errichtung der Nationalgarde, wie sich der Adel solche dachte – Unfug der Rada narodowa – Bemühungen der Umsturzpartei (S. 2, 3) Rada narodowa (S. 4) – Ihr Benehmen bei der Verkündigung der Schenkung der Frohnen (S. 5, 6, 7) – Die Zahl der Emigranten mehrt sich mit jedem Tage. – 27) Präsidialerlaß, Nr. 5363, an Kreishauptmann Losert. Verbot der Bildung von Comités, wie Nr. 9, 10, 15, 16. – 28) Kreisschreiben vom 23. April. Z. 5380. Aufklärung betreff der Errichtung eines Aufnahmscomités zur Nationalgarde – Ferner findet die Abrichtung, bis solche vollendet, von Militärs statt, dabei ist aber von einer Unterordnung der Garde unter das Militär keine Rede. – 29) Proclamation vom 23. April. Da man den galizischen Landtag hintertreiben will, wird derselbe erinnert, sich durch unberufene Wühler nicht abhalten zu lassen zusammenzutreten. – 30) Kreisschreiben Nr. 5418, vom 24. April. Wird auf öfteres Ansuchen der Grundbesitzer bei Verkündung der Robotschenkung den Kreisämtern aufgetragen, den Landleuten mitzutheilen, daß auch die Gutsherren den Wunsch nach einer Erleichterung der Lasten S. M. ausgesprochen, wonach sie darin einen Grund finden sollen, denselben mit Achtung und Ehrerbietung zu begegnen. – 31) Kundmachung vom 26. April 1848. Wird die Eröffnung des Landtages auf den folgenden Tag den 27. April verschoben, und deßhalb der Schluß der dazu bestimmten Localitäten des Osoliński’schen Instituts angeordnet. – 32) Beilage zur Lemberger Zeitung Nr. 48. Veröffentlicht, um den Entstellungen zu steuern, das Kreisschreiben Nr. 4413 und 4577 (siehe Nr. 14) – Veröffentlicht ferner die Eingabe, welche der Adel betreff der Cucylower Angelegenheit vorgelegt und worin Entfernung der Beamten – Aufhebung der Gendarmerie – Einberufung der Urlauber – Entbindung der Ortsrichter vom Eide des Jahres 1846 – Ueberwachung der Behörde durch Gutsbesitzer (in polnischer Sprache) verlangt wird. Graf Stadion’s Antwort darauf in deutscher Sprache – Eid der Dorfrichter. –33) Lemberger Zeitung Nr. 49, 26. April. Vorhaben des Gouverneurs, zu seinem Rathe auch Mitglieder der Rada narodowa beizuziehen, zu welchem Zwecke er Dr. Smolka ersucht, einige zu wählen und einzuladen. Das übermüthige Benehmen derselben am 25. beim Gottesdienste und Nachmittags bei der Vorberathung zum Landtag bewog den Gouverneur, diesen Club zu schließen und jeden Verkehr mit ihm abzubrechen. – 34) Kundmachung vom 26. April. Enthält den Schluß und die Auflösung des Clubs „Rada narodowa“, und die Gründe dieser Maßregel. – 35) Präsidialbericht an B. Pillersdorf, Nr. 5556, vom 27. April. Ausführliche getreue Schilderung der Zustände in Galizien; des Einflusses der „Rada narodowa“ – Der Ohnmacht der Regierung den Fanatikern gegenüber – Die Wirkung der Wiener Presse auf Galizien. – 36) Präsidialbericht an B. Pillersdorf, 29 April. Z. 5680. Zeigt an die Bildung des neuen Beiraths, die Elemente, woraus er besteht: Griechisch-katholischer Weihbischof Zachimowicz, griechisch-katholischer Domprediger Malinowski, zehn Edelleute. sieben Doktoren, drei Israeliten, Gołuchowski, Bürgermeister Widman. Einige gehören zur Bewegungspartei. Die Einwirkung dieses Rathes wird detaillirt. Die ersten Vornahmen desselben. – 37) Kreisschreiben, Nr. 5626, 2. Mai. Bestimmungen, welche die Organisirung der Nationalgarde betreffen. – 38) Lemberger Zeitung, Nr. 51, 2. Mai. Veröffentlichung des vom Grafen Stadion beigezogenen Beirathes – Nennung seiner Glieder – Organisirung desselben – Fragen, die zunächst zur Berathung kommen – Interessantes Actenstück polnischer Justiz – Katzenmusik in Stanislawow. – 39) Präsidialerlaß vom 5. Mai, Z. 5931. Bestimmt das Verhältniß der zu bildenden Vereine zu den Regierungsbehörden; wonach ersteren durchaus kein legaler Charakter beizulegen und jeder Eingriff in die Rechte der Regierung zurückzuweisen kommt. – 40) Kreisschreiben vom 10. Mai, Nr. 6086. Untersagt den Beitritt von Beamten zur „Rada narodowa“, da dieselben dadurch in eine schiefe Stellung ebenso zur Regierung wie zum Lande gerathen würden. – 41) Kreisschreiben, Nr. 6087, vom 10. Mai. Betrifft die bis zum 15. Mai fällig gewordenen Leistungen, wonach diese abzutragen oder abzudienen sind, und ein ebenso die Herrschaft, wie [17] den Landmann höchst human behandelndes Auskunftsmittel in Anwendung gebracht wird, je nachdem die Rückstände in Frohnschuldigkeiten oder Getreideschüttungen bestehen. – 42) Präsidialerlaß vom 18. Mai, Nr. 6630, an Kreishauptmann Neusser. Betreffend den von dem Cameralrath Zulawski der galizischen „Rada narodowa“ entgegen organisirten Ruthenen-Verein. Weist auf das Verbot (Nr. 40) hin. Zulawski trug die schwarzgelbe Cocarde. – 43) Kreisschreiben vom 22. Mai, Nr. 6843. Bezeichnet die Bildung von ruthenischen Vereinen als eine loyale, untersagt aber den Beamten, daran Theil zu nehmen. – 44) Kreisschreiben vom 23. Mai, Z. 6918. Betrifft die Rückstände jener Unterstützungsbeträge, welche aus dem Staatsschatze vorgeschossen und an die Unterthanen vertheilt worden. – 45) Kreisschreiben, Nr. 6917, vom 23. Mai. Betrifft die Rückzahlung der im baaren Gelde aus dem Staatsschatze erhaltenen Unterstützungsbeträge. – 46) Präsidialerlaß vom 24. Mai, Z. 6852. Betrifft die Bildung ruthenischer Vereine; jede Feindseligkeit gegen die polnische Partei ist zu vermeiden. Beamte haben sich keinem Vereine anzuschließen. Die Berufung auf Grafen S., als hätte er die ruthenischen Vereine organisirt, wird als Lüge bezeichnet. – 47) Lemberger Zeitung, Nr. 61, vom 24. Mai. Enthält das Kreisschreiben Nr. 6535 vom 18. Mai, betreffend die Schmähungen der Regierungsorgane durch die Umsturzpartei. – 48) Kreisschreiben. Nr. 6736, vom 26. Mai. Betrifft jene Unterthanen, welche bei Einbringung von Urbarialrückständen Schwierigkeiten erhoben, und sonach der Wohlthat des Erlasses vom 10. Mai, Z. 6087 (Nr. 41), nicht theilhaftig werden können. – 49) Kreisschreiben vom 26. Mai, Nr. 6988. In Puncte, die sich auf strittige Roboten und unterthänige Leistungen beziehen, ist nicht näher einzugehen. Machen Unterthanen oder Gemeinden Ersatzansprüche an Dominien, so ist auch wie oben vorzugehen; sollten sie erneuert werden, sind Vergleiche zu versuchen etc. – 50) Präsidialerlaß vom 26. Mai, Z. 6959. Wird den Beamten der Beitritt zu Clubs und politischen Vereinen, als mit ihrer Stellung unvereinbar, untersagt. – 55) Lemberger Zeitung, Nr. 64, vom 31. Mai. Theilt aus der Breslauer Zeitung, Einiges aus der Lemberger „Rada narodowa“ mit, worin letztere auf die empörendste und entehrendste Weise die Regierungsorgane schmäht. – 52) Kreisschreiben vom 16. Juni, Nr. 8088. Die Aufforderung der „Rada narodowa“, dem Ministerialerlasse, betreffend die Anlegung der Depositen beim Staatsschuldentilgungsfonde keine Folge zu geben, ist weder zu erwiedern, noch sonst zu berücksichtigen, da die „Rada narodowa“ nur ein Privatverein. [Bereits am 4. Juni 1848 hatte Stadion Lemberg verlassen und war nie wieder in dieses Land zurückgekehrt.]
II. Zur Charakteristik des Grafen Franz Stadion. In seiner „Geschichte Oesterreichs vom Ausgange des Wiener October-Aufstandes 1848“ sagt Freiherr von Helfert an einer Stelle: „Stadion war in frühesten Jahren nicht von der Schwäche freizusprechen, in seinem Thun und Lassen ein Original sein und vielleicht mehr noch, als ein solches gelten zu wollen, und wenn ihm um dieser Eigenschaft willen Viele nachsagten, er habe von jeher in seinem Kopfe ein Rädchen zu viel gehabt, so mochten sie nicht so ganz Unrecht haben“. Wie weit Freiherr von Helfert diese „frühesten Jahre“ ausdehnt, oder eigentlich wie hoch er sie hinaufrückt, spricht er nirgends aus. Auch mag der erste Theil seines Satzes mit der Einschränkung stehen bleiben, daß Stadion nicht als Original gelten wollte, sondern wirklich eines war. Wie sich der Graf nie um Thun und Lassen Anderer im mindesten kümmerte, so ging er, was seine Person betrifft, auch von der Ansicht aus, man werde ihm gegenüber die gleiche Maxime beobachten. Und das war sein Hauptfehler. Nicht nur daß er in seiner Stellung überhaupt mehr den Gegenstand der Beobachtung Anderer bildete, insbesondere weil er sich in seiner von der gewöhnlichen stark abweichenden Art, ohne sich weiter um Jemanden zu kümmern, ganz gehen ließ, lenkte er nur um so mehr die Aufmerksamkeit Anderer auf sich, und weil diesen dann Manches an ihm unbegreiflich oder doch sonderbar erschien, schüttelten die Schablon-Menschen den Kopf und meinten, im Oberstübchen des Grafen sei es nicht ganz richtig, weil es eben nicht gerade so möblirt war, wie das ihrige. Graf Stadion wollte nichts weniger als für ein Original gelten, er war es in der That durch und durch. Dieser originale Zug geht durch die ganze Stadion’sche [18] Familie. Bei der ungewöhnlichen geistigen Begabung, welche ein Erbtheil dieses Hauses, und bei der ironischen Seelenstimmung, welche bei mehreren Sprossen dieses Geschlechtes sich kundgibt, hat sich eine geistige Richtung bei derselben herausgebildet, welche mit der Art zu denken und zu handeln anderer Menschen wenig oder gar nicht zusammenstimmt. Und dieß war auch vorherrschend bei Graf Franz Stadion der Fall, bei dem sie jedoch, ohne zu wollen, zum Ausdrucke kam. Schon sein Vater und Großvater waren nichts weniger als Schablon-Menschen. Wie sonderbar klingt es doch und läßt mit Fug und Recht auf einen Mann von eigenthümlicher Sinnesart schließen, wenn Stadion’s Großvater, Graf Franz Conrad, zu seinen beiden Söhnen Friedrich Lothar und Johann Philipp Karl, als sie bei ihrer Abreise auf die Universität bei dem Vater sich beurlaubten, zu ihnen spricht: „Lehren gebe ich Euch nicht auf den Weg, deren achtet Niemand. Sorget nur, daß man nicht dereinst den Kutscher oder Hausknecht für Erhaltung der Familie anrufen muß!“ Das Verhältniß der beiden Brüder Friedrich Lothar, Franzens Oheim, und Johann Philipp Karl, Franzens Vater, war selbst ein eigenartiges. So viel Geschwisterliebe, als hier zwischen beiden Brüdern bestand, könnte heut zu Tage hinreichen, um die Brüder der Familien eines kleinen Herzogthums damit zu versorgen. Auch waren Ohm und Vater durch und durch Originale und bei Stadion’s Vater kam noch hinzu, daß er sich durch seinen mehrjährigen Aufenthalt in England und bei der Begeisterung, welche er für das Brittenvolk empfand, gewisse Lebensgewohnheiten eigen gemacht, welche auf dem Continente fremdartig erscheinen. Wie der Vater so ähnelte auch der Sohn seiner äußeren Erscheinung nach sehr einem englischen Vollblut-Aristokraten und Vieles in Beider Lebensweise trug englischen Typus. Seiner äußeren Erscheinung nach war der Graf von hoher, schlanker Gestalt, immer in knapper Gewandung. Die Stirne wie die eines Denkers – und der Graf dachte mehr als er sprach – war hoch gewölbt und das Haupt mit einem leichten Kranz von feinem, braunem Haar bedeckt, welcher die kahle Stelle des Hauptes nicht zu verbergen vermochte. Die ganze äußere Erscheinung des Grafen war eine solche, daß sie eben dadurch daß sie nicht auffallen wollte, sofort auffiel. In seinem Verkehre war er ganz eigenartig und dies besonders durch seine Gewohnheit, in kurzen, knappen, oft unvollendeten Sätzen zu sprechen, so daß er seine Gedanken mehr andeutete, als klar aussprach und man also sehr auf sein Mienenspiel achten mußte, um ihn gut zu verstehen. So wie er sprach, schrieb er auch; nie in langen, gebundenen Sätzen, sondern immer aphoristisch. In seinem Wesen war er gewöhnlich kühl, sehr zurückhaltend, aber wenn er sich ausnahmsweise gehen ließ, übermäßig, ja ausgelassen lustig. Die Anekdote, welche Rudolph Hirsch von ihm erzählt und die den Grafen in dieser Hinsicht trefflich charakterisirt, ist gewiß nicht erfunden. Bei einem Besuche, den Stadion seinem Schwager, dem Grafen Magnis in Schloß Straßnitz gemacht, war auch die Mutter des erwähnten Rudolph Hirsch anwesend. Der Graf benahm sich damals so übermüthig, daß Frau Hirsch, ohne sich durch die Excellenz und Erlaucht des Grafen einschüchtern zu lassen, die Bemerkung machte: „Euere Erlaucht belieben so eigenthümlich zu scherzen und so wunderliche Dinge zu reden, als ob Sie noch ein – Student wären!“ Stadion lachte ganz unbändig über diese Wahrheit und war weit entfernt, der Sprecherin über ihren Freimuth zu zürnen. – Sonst besaß der Graf eine Kaltblütigkeit und in entscheidenden Fällen eine Selbstbeherrschung, die man anstaunen mußte. Als der Reichstag in Kremsier tagte, riefen den Grafen eines Tages, damals bereits Minister des Innern, Geschäfte nach Wien. Es hieß, die Windischgrätzschen Todes-Urtheile ließen ihm keine Ruhe und er wolle denselben Einhalt thun. Nach Anderen wollte er Messenhauser’s Schicksal mildern. Der Zug, der den Grafen, einige der Beamten seines Bureaus, die er mitnahm, und mehrere Abgeordnete, die zur ministeriellen Partei gehörten, nach Wien bringen sollte, fuhr in der Nacht ab. Es herrschte eine Kälte von 20 und mehr Graden. Der Zug war in bester Bewegung. Der Graf mit seinen Leuten und die Abgeordneten befanden sich alle in einem Waggon, als mit einem Male ein furchtbarer Stoß, der die Inhaber der Waggons zum Theil zu Boden riß und ein darauffolgendes Krachen, verbunden mit wüstem Geschrei und Rufen, verkündeten, daß eine Katastrophe geschehen sei. In der That, der Zug war vor einer Haltstation auf einen auf unrechtem Geleise stehenden Zug angefahren, [19] die vorderen, glücklicher Weise leeren Waggons des Zuges waren zu Splittern zerschmettert, und gerade der Waggon, in welchem der Graf mit seinen Getreuen saß, war der Erste, der unversehrt geblieben. Vom Weiterfahren war keine Rede mehr. Auf der provisorischen Haltstation kein Unterkommen. Man mußte etwa eine kleine halbe Stunde weit marschiren, bis man an einen Ort gelangte, wo etwas zu erhalten war. Es war Nacht, eisige Kälte herrschte und nun wanderten an 20 und mehr Bahnreisende, in der Mitte von ihnen der Graf, auf dem Bahndamme in der Richtung nach dem bezeichneten Wirthshause, wo sie ein warmes Zimmer und vielleicht einen heißen Punsch oder Kaffee bekommen sollten. Auch dieses Ziel ward erreicht. Eine geheizte Stube nahm die ganze Gesellschaft auf. Jeder bestellte Thee, Kaffee, Punsch; auch der Graf bestellte einen Thee. Der Wirth war ein Radicaler schlimmster [WS 3]Sorte. Daß der Graf sich unter seinen Gästen befand, konnte nicht verborgen werden, war auch kein Grund da, es zu verbergen. Mit wüthenden Blicken maß der Wirth den Grafen. Alle erhielten, was sie bestellt, nur der Thee des Grafen blieb aus. Da auch Andere bereits Thee erhalten hatten, fiel es auf. Es stellte sich allmälig heraus, der radicale Wirth wollte dem verhaßten Minister nichts verabreichen. Wiederholte Erinnerungen des Grafen, ihm den Thee zu bringen, blieben erfolglos. Der Graf erhielt nichts und blieb, da er alle Anbote seiner Gefährten, deren jeder bereit war, ihm sein Getränk abzutreten, entschieden ablehnte, ohne Labung. In den Mienen des Grafen zuckte es ein paar Male auf, endlich aber schien ihn die Sache zu belustigen. Wie peinlich der Vorfall die sämmtlichen Begleiter des Grafen berührte, läßt sich kaum sagen. Nachdem die Hindernisse der Weiterfahrt beseitigt waren, was wohl an die zwei Stunden gedauert, brachen Alle auf, erwärmt und gesättigt, nur Graf Stadion hatte nicht einen Tropfen Warmes getrunken, keinen Bissen Warmes genossen. Er ging wie die Uebrigen, nicht eine Sylbe kam über seine Lippen, der radicale Wirth aber blickte dem Grafen mit einer Selbstgenügsamkeit nach, als hätte er den großen Treffer gemacht. Welche Genugthuung nahm sich der Graf? Den nächsten Tag erging an die Polizei der Befehl, den Wirth, der genau bezeichnet worden, vorzuladen und ihm vorzuhalten: Seine Pflicht als Wirth sei es, seinen Gästen, ohne Unterschied ihrer politischen Richtung, wenn sie bezahlten, das Verlangte zu verabreichen. Sollte er sich auf einer Unterlassung dieser seiner nächsten Pflicht als Wirth betreten lassen, so werde ihm die Wirthshaus-Gerechtigkeit ein für alle Mal entzogen werden. Dieser ganze Vorgang kennzeichnet den Grafen, der damals als Minister des Innern und somit oberster Chef der Polizei, über den ihm in bitterster Stunde zugefügten pöbelhaften Affront eines Pfahlbürgers sich hinwegsetzend, den ganzen Vorgang von der legalen Seite auffaßte und ohne sein eigenes verletztes Ich weiter zu berücksichtigen, dafür sorgte, daß Anderen nicht Aehnliches geschah, wie ihm geschehen. Er kannte zu gut, wie in jenen Tagen die leidige Politik alle Leidenschaften aufgerüttelt und diese in gemeinen Naturen auch den gemeinsten Ausdruck fanden. – Im Geschäftlichen besaß der Graf einen Scharfblick, um den er zu beneiden war. Schon der vorstehende Fall beweist, wie er wie hier den Nagel immer auf den Kopf zu treffen wußte, und eine Sammlung von seinen Verfügungen, die nicht immer actenmäßig concipirt wurden, sondern von den Lippen sofort zur Ausführung gelangten, wäre eine Blumenlese im Codex der Staatsweisheit, wie sich eine ähnliche aus den Anordnungen anderer Minister nicht immer zusammenstellen ließe. Wie der Graf, der überhaupt weniger vom Actentische, der übrigens von ihm nur die erbaulichste und lehrreichste Geschichte zu erzählen wüßte, als vielmehr aus dem Salon und oft durch Impromptus aus dem gesellschaftlichen Verkehr regierte und Anordnungen traf, oft mit einem Humor und mit Geistesblitzen Maßregeln von Wichtigkeit ausführte oder deren Ausführung veranlaßte, davon nachstehende Thatsache. Die bekannte Waghorn’sche „Ueberlandspost“ befand sich noch in den ersten Anfängen. Der Graf durchschaute ihre Wichtigkeit, aber wo fand er ein wirksames Mittel, um die Centralstellen in Wien im Vormärz dafür zu interessiren? Denn wenn das Ganze den gewöhnlichen Instanzenzug gehen sollte, so gingen Jahre darüber hin, ehe ein endgiltiger Beschluß gefaßt wurde. Als ihn nun eines Tages einer der Herren [Verfasser meint, es war Herr von Schwarzer] besuchte, welcher eine der ersten Fahrten mitgemacht und ihm über die Fahrt Mittheilungen machte, da [20] fiel ihm der Graf in die Rede: „Halt, da fällt mir ein, wie wäre es, wenn Sie etwas mitbrächten, wodurch man die Phantasie, oder noch besser, den Gaumen der Wiener anregen und begeistern könnte? Zum Beispiel frische Datteln!“ Das Wort war gesprochen, die Datteln kamen und wurden in eleganten Kästchen mit Waghorn’scher Eile in aller Frische nach Wien geschickt, um die Tafeln einiger Fürstlichkeiten und Excellenzen zu zieren. „Frische Datteln!“, riefen die Damen entzückt, „frische Datteln“, ging es mit freudigstem Erstaunen von Mund zu Mund – und das Loos der Ueberlandpost war in kürzester Zeit entschieden. Wie viele Züge solcher Art ließen von dem Grafen sich erzählen! – Wie er einerseits, wenn es galt, den Grand seigneur spielte, anderseits aber, und das war seine gewöhnliche Art, in schlichtester Weise, nach jeder Seite hin, fortlebte, ist allgemein bekannt, und so zart, ja verzärtelt sein Körperbau erschien, er war auf eine Weise abgehärtet, daß ihm Strapazen und Entbehrungen zu ertragen nicht schwer fiel. Aber in diesem Puncte, in welchem er offenbar zu weit ging und sich mehr zutraute, als sein nicht starker Körper auszuhalten im Stande war, ferner im unmäßigen Genuß von starkem, schwarzem Kaffee und starken Cigarren, die vom Momente des Erwachens bis zum Einschlafen nicht aus seinem Munde kamen, sind zunächst die Ursachen jenes Leidens zu suchen, das ihn vor der Zeit dahingerafft und wozu er, nach dem ihm angeborenen erschwerten Sprechen und wenn er erregt war, dem Stottern zu schließen, von Kindheit an disponirt war. Was man von Ausschweifungen und dergleichen gesprochen, gehört völlig ins Bereich der Fabel und treffend bemerkt in dieser Hinsicht Herr von Helfert: der Mann, auf den damals Aller Augen gerichtet waren, schien sich diese Sache, wie seine anderen privaten Angelegenheiten mit einer gewissen Methode zurechtgelegt zu haben, die weder ihn selbst, noch das, was ihm höher stand als er selbst, seinen Beruf und seine Pflicht gefährden konnte. „Was ihm höher stand als er selbst, sein Beruf und seine Pflicht“, das ist das punctum saliens in Stadion’s Leben. Sein staatsmännischer Beruf, seine amtliche Pflicht, welche nichts als die Größe und Achtung gebietende Machtstellung Oesterreichs im Auge hatten, diese waren der Angelpunct seines Schaffens, Denkens, Befehlens und Ertragens; das war der Stern, zu dem er immer wieder emporschaute und ihn ängstlich suchte, wenn der politische Wolkenhimmel ihn verdeckte. Und wie er selbst war, ein Gleiches galt von seiner amtlichen Umgebung. Von dieser verlangte er dieselbe Opferwilligkeit, dasselbe rückhaltlose Aufgehen im Berufe, wie es bei ihm der Fall war. Seine specifisch österreichische Gesinnung verleugnete er in keinem Momente seines Lebens. Als die berüchtigte Caricatur erschien, die ihn in ganzer Figur aber vom Kopfe bis zu den Füßen wie ein Schlagbaum schwarzgelb angestrichen zeigte, lächelte er darüber. „Mich freut es“, meinte er, „daß mich diese Leute nach meinem politischen Glauben richtig auffassen. Ich bin ein Schwarzgelber.“ Ob er im Hinblick auf diese seine politische Richtung auch seine Tracht anpaßte, müssen wir dahingestellt sein lassen. Gewiß ist es, er trug immer einen enganliegenden, dunkelgrünen Leibrock – die Staatsuniformen sind meist von grüner Farbe – dunkle Beinkleider und eine erbsengelbe Piquetweste. – Es ließen sich noch manche interessante Pointen zur Charakteristik des Grafen beibringen, es sei aber hier auf Helfert’s Darstellung in dem mehrgenannten Werke, vornehmlich auf dessen Parallele mit dem Minister Schwarzenberg und auf das Capitel „Persönliches und Aeußerliches“ in dem Buche von Hirsch hingewiesen. Der Graf mag, wie jeder Mensch, in Dem und in Jenem geirrt, in seinen politischen Vorausberechnungen sich getäuscht, Manches für minder schwerwiegend angesehen und dadurch um einen sicher erwarteten Erfolg gebracht worden sein, aber auch die vorstehende Charakteristik kann nicht würdiger geschlossen werden, als mit den Worten, welche Freiherr von Helfert dem Grafen Stadion und dem Fürsten Schwarzenberg am Schlusse der Parallele widmet und welche lauten: „Das Eine aber dürfte sich jedenfalls behaupten lassen, daß, wenn Oesterreich das Glück gehabt hätte, dieses leuchtende Paar staatsmännischer Dioskuren länger zu behalten, unsere Monarchie vielleicht neue Provinzen gewonnen, aber gewiß keine seiner alten verloren hätte.“
III. Quellen zur Biographie. Hirsch R(udolph), Franz Graf Stadion (Wien 1861, Eduard Hügel, kl. 8°.). [Eine kleine, vortreffliche und bald nach ihrem Erscheinen auszugsweise in vielen Journalen (Krakauer Zeitung 1861, Nr. 116–120. – [21] Der Fortschritt 1861, Nr. 122 und 123 u. A.) mitgetheilte Schrift. Hirsch, der jahrelang unmittelbar unter den Augen des Grafen gedient, schildert uns, so zu sagen, denselben im Schlafrocke, wodurch der Gesammteindruck der Persönlichkeit im Ganzen etwas beeinträchtigt wird; aber der eigentliche Kern bleibt unangegriffen und läßt die ganze Bedeutenheit des von Vielen noch heute gar nicht verstandenen Staatsmannes ahnen.] – Helfert (Jos. Alex. Freiherr von), Geschichte Oesterreichs vom Ausgange des Wiener October-Aufstandes 1848 (Prag 1872, Tempsky, 8°.), III. „Die Thronbesteigung des Kaisers Franz Joseph I.“ S. 1: „Bildung des Ministeriums Schwarzenberg-Stadion“; S. 16–50 [eine eingehende, mit Liebe entworfene, mit geistvollem Blick ausgeführte, scharf nuancirte Charakteristik des Staatsmannes, der noch, wie seiner Zeit die Hardenberg, Stein, Münster, seinen Biographen finden dürfte, für den die vorhin bezeichneten Quellen einzelne, wenig bekannte Materialien verzeichnen.] – Ebeling (Friedrich W.), Zahme Geschichten aus wilder Zeit (Leipzig 1851, Christian Ernst Kollmann, 8°.) S. 7 u. f.: „Graf Stadion“. – Ergänzungsblätter. Herausg. von Dr. Fr. Steger (Leipzig und Meißen, gr. 8°.) Bd. IV, S. 689. – Die Grenzboten. Herausg. von Ignaz Kuranda (Leipzig, 8°.) 1847, Bd. III, S. 174: „Aus Lemberg. Zur Charakteristik des Grafen Franz Stadion“. – Dieselben Bd. IV, S. 449: „Aus Wien. Erzherzog Stephan und die Grafen Stadion“. – Helfert (Freiherr von): „Die Wiener Journalistik im Jahre 1848“ (Wien 1877, Manz, 8°.) S. 38, 110 u. f., 117–119, 192, 204–207, 254, 257 u. f. – Bauernfeld. Gesammelte Schriften (Wien 1873): „Aus Alt- und Neu-Wien“ S. 292. – Springer (Anton): „Geschichte Oesterreichs seit dem Wiener Frieden 1809“ (Leipzig 1863, Hirzel, gr. 8°.) Bd. I, S. 305, 316 und 327. [Der Objectivität halber muß auch diese Quelle angeführt werden!!]. – Wiener Zeitung (gr. 4°.), 13. Mai 1861, Nr. 109, Abendblatt. S. 434: „Franz Graf Stadion“. [Anläßlich der Schrift von Rudolph Hirsch.] – Der österreichische Volksbote (Wiener polit. Blatt), Herausg. von Schrittwieser (nur nomineller Herausgeber, der wirkliche Herausgeber und Redacteur war Adolph Bäuerle) 1849, Nr. 133 und 134. – Gerad’ aus. Politisches Abendblatt für’s Volk (Wien, 4°.), 18. Juli 1848, Nr. 57: „Die Bureaukratie im Reichstage. I. Graf Stadion“. [Einer jener blödsinnigen Artikel, die in der Aera 1848 überall wie Pilze aufschossen.] – Reichstags-Gallerie: „Geschriebene Porträts der hervorragendsten Deputirten des ersten österreichischen Reichstages“ (Wien 1848, Jasper, Hügel und Manz, 8°.). Zweites Heft, S. 53. [Die Autorschaft dieser Reichstags-Gallerie wurde Adolph Neustadt zugeschrieben. Neustadt selbst protestirte dagegen. Wer es immer sei, den Minister Stadion hat er nicht nur unähnlich porträtirt, er hat eine Frazze und kein Porträt gezeichnet. Der Haß gegen Alles, was Gesetz und Ordnung, schärfte den Stift, die Leidenschaft führte den Griffel und so entstand nicht eine boshafte, sondern eine böswillige Caricatur.] – Allgemeine Theater-Zeitung. Herausg. von Adolph Bäuerle (Wien, gr. 4°.), 1848, S. 836. [Graf Stadion war in der Häfner’schen „Constitution“ (Nr. 127) nicht nur in böswilligster Weise persönlich angegriffen, sondern waren im genannten Blatte über ihn Dinge gesagt worden, welche gerade das Gegentheil von Thatsachen aus dem Wirken des Grafen enthielten. Der Graf, der gegen alle bisherigen Angriffe sich schweigend und achselzuckend verhalten, war gegen diese Ausgeburt der Lüge im Häfner’schen Blatte entrüstet und zum ersten Male entschlossen, dieselbe zu beantworten. Wer diese nichts weniger als glückliche Erwiederung ausgearbeitet, ist mir nicht bekannt; Schreiber dieses aber erhielt den Auftrag, sie an Häfner zu übergeben und ihre Drucklegung zu erwirken. Wie die äsopische Figur Häfner’s sich mir gegenüber, als ich mein Postulat vorgebracht, geberdete, ist nicht zu beschreiben; ich weiß nur, daß wenn es in seiner Macht gelegen hätte, er mir meinen Kopf vor die Füße gelegt haben würde. Er verweigerte entschieden die Aufnahme des Artikels. Meine Versuche, S.’s Entgegnung in einem anderen der damaligen den Ton angebenden Blätter zu unterbringen, scheiterten sämmtlich: so entschloß ich mich denn endlich, um ihn, da es der Graf so haben wollte, doch in die Oeffentlichkeit zu bringen, ihn in der „Theater-Zeitung“ zu veröffentlichen, wo er aber nur als Quellenmaterial für spätere Arbeiten stehen mochte.] – Wiener Zeitung 1848, Nr. 255, Anhang S. 727: „Stadion“. [22] [Ein Artikel mit einem Triangel △ bezeichnet, welcher den damaligen, in den Blättern erschienenen verleumderischen Gerüchten über ein Ministerium Stadion energisch entgegentrat.] – Presse (Wiener politisches Blatt) 1865, Nr. 4. in der Rubrik: „Eingesendet“. [Stadion’s Anordnung, daß die Rubrik: „Religion“ als von der Personal-Beschreibung unabhängig, in den Pässen auszulassen sei.]
IV. Porträt. Holzschnitt, ohne Angabe eines Zeichners und Xylographen, in dem bei R. von Waldheim in Wien 1872 erschienenen Werke: „Das Jahr 1848. Geschichte der Wiener Revolution“, 2. Band von Moriz Smets (4°.), S. 121. [So viel dem Herausgeber bekannt, das einzige Bildniß Stadion’s, das in die Oeffentlichkeit gekommen. Ein Beamter des Stadion’schen Cabinets, Namens Mehofer, entwarf eine Bleistift-Zeichnung, wovon der Herausgeber dieses Lexikons eine Copie anfertigte. Dieses Bildniß ist sehr ähnlich ausgefallen.] – Da im J. 1848 die politische Caricatur in Oesterreich zum ersten Male auftauchte, wurde auch der Graf, aber mit geringem Glücke, carikirt, so z. B. im „Wiener Charivari“ 1848, Nr. 77, vom 17. September: „Der Grund, warum Stadion von Hubicki in Anklagestand versetzt wurde“ [vergleiche über Hubicki dieses Lexikon Bd. IX, S. 377]. – Witzigere Caricaturen brachte hingegen ein čechisches Spottblatt, dessen Titel mir entfallen, in welchem einmal das Ministerium Stadion-Schwarzenberg vor dem auf dem „Belagerungszustand“ überschriebenen Schaukel-Pferde reitenden Fürsten Windischgräz ins Gewehr tritt; das andere Mal aber Windischgräz, während er hinter dem Rücken die Knute hält, den beiden Ministern Stadion und Schwarzenberg die Ruthe übergibt. – Auch Elfinger-Cajetan und, wenn ich nicht irre, Zampis versuchten sich in Caricaturen des Grafen und von Zampis mochte die berühmte Charge ausgeführt worden sein, welche den Grafen in seiner hageren, hohen Gestalt, wie einen österreichischen Schlagbaum vom Kopfe bis zum Fuße schwarzgelb angestrichen darstellte. Als der Graf die Caricatur sah, lachte er und bemerkte: „Das bin ich wirklich, aber innerlich, nicht äußerlich“. – Auf einem polnischen Flugblatte, das pamphletartige Verse enthielt und im Jahre 1848 zu Lemberg aus der Osoliński’schen Druckerei hervorging, befindet sich auf der ersten Blattseite das Bildniß Stadion’s im groben Holzschnitt, mehr Caricatur als Porträt, aber ziemlich ähnlich. Die beiden Stäbe, welche Stadion in der Hand hält, bedeuten die Inful der griechisch-unirten Bischöfe der Ruthenen, deren Sache Stadion energisch und mit Recht in die Hand genommen; das zweite Werkzeug ist eine Sense, eine sinnlose Anspielung auf die Waffe. mit welcher der Bauer in den Jahren der Bewegung seine Quäler, die Edelleute, niedermähte, an welcher grauenvollen Thatsache Stadion nie Theil genommen, ein Stadion überhaupt nie hätte Theil nehmen können. – Ein Bildniß des Grafen aus dem Jahre 1843, aufgenommen, ohne daß der Graf je dazu gesessen hätte, denn er hatte allen solchen an ihn gestellten Zumuthungen zur Herstellung einer Lithographie oder eines Kupferstiches beharrlich Widerstand geleistet, soll in Triest erschienen sein. Herausgeber bemühte sich um Erlangung dessen, jedoch vergebens, und vermuthet, nicht ohne Grund, daß es nie existirt habe.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 1824.
  2. Vorlage: [Bd. IV, S. 135].
  3. Vorlage: schlimster