Auf daß sie alle eins seien/Briefe von 1883–1891 (Rektor Friedrich Meyer)

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Auf daß sie alle eins seien
Briefe von 1891–1909 (Rektor Hermann Bezzel) »
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Briefe aus der Zeit der Zusammenarbeit mit Rektor Meyer 1883–1891


Aus der Chronik des Mutterhauses


1883 11. 3. Heimgang von Frau Oberin Amalie Rehm
1883 7. 4. Wahl der Diakonisse Therese Stählin zur Oberin
1883 22. 4. Einsegnung zur Oberin
1884 Aufbau des Mutterhauses
1885 6. 1. Heimgang der Mutter
1885–1887 Bau der Laurentiuskirche
Umbau des „Betsaals“ zum Altersheim
1887 29. 6. Einweihung der Laurentiuskirche
1887 Bau des Doktorats (jetzt Wilh.-Löhe-Str. 7)
Dr. Hermann Dietlen 1878–1925
1889 Bau des Diakonats (jetzt Wilh.-Löhe-Str. 9)
Diakonus Anthes 1887–1890
Diakonus Meier 1890–1894
1890 20. 8. Einweihung des Neuen Magdaleniums
1890–1891 Umbau des Ostflügels am Mutterhaus
1890 Beginn der Verhandlungen über den Ankauf von Bruckberg und Himmelkron
1890 10. 11. Begräbnis von Schwester Emilie Ries, verunglückt in Kitzingen bei der Rettung eines Kindes; letzte Amtshandlung von Rektor Meyer
1890 19. 11. Beginn der Arbeit in Himmelkron: Gemeindepflege, Kindergarten, Hausindustrie (als Station)
1891 Pastor Amelung wird als Rechnungsbeamter und Organist berufen
1891 5. 6. Heimgang von Rektor Meyer nach schwerer Leidenszeit
7. 6. Beerdigung auf dem Anstaltsfriedhof


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Einführung

 Am 11. April 1883 war Oberin Amalie Rehm nach schweren Leidenstagen heimgegangen. Es bestand kein Zweifel, daß Schwester Therese Stählin durch ihre ununterbrochene Mitarbeit im Mutterhaus seit 1855, durch ihr tiefes Verständnis für die Gedanken des Gründers, durch ihre begeisterte Hingabe an seine Ziele, durch ihr bereitwilliges Eingehen auf die Eigenart und Gabe des Nachfolgers die berufene Oberin sei. Die nachfolgenden Briefe zeigen, wie sie die mütterliche, seelsorgerliche Führung der ihr anvertrauten Schwestern als die wichtigste Aufgabe erkannte. Aber auch an der äußeren Fortentwicklung des Werkes, an seiner Wirtschaftsführung und finanziellen Leitung nahm sie neben dem Rektor wesentlichen Anteil. Erst allmählich erweiterte sich der Kreis der Mitarbeiter: 1876 trat Pfarrer Ludwig Draudt (ab 1883 Konrektor) dem Rektor zur Unterstützung in der schulischen und pfarramtlichen Arbeit zur Seite; ab 1887 wurde noch ein Diakonus angestellt.

 Auch in dieser Periode nahm das Werk einen steten und gesunden Fortgang. „Daß Meyer mit ganzem Willen, aufs Große und aufs Kleine gesehen, Nachfolger Löhes sein wollte und war, ist seine Größe und seine Schranke. Für die Diakonissenanstalt ist diese Treue ein unschätzbarer Vorteil geworden. So konnten sich Löhes Grundsätze einleben und ausleben.“[1] Das gottesdienstliche Leben wurde durch den liturgisch hervorragend begabten Rektor auf der gegebenen Grundlage verständnisvoll gefördert. Er erbaute 1887 die Laurentiuskirche für die größer gewordene Gemeinde. Das Schulwesen gewann bedeutend an Ausdehnung, was zur Erweiterung des Mutterhauses nötigte. Die Zahl der Stationen vermehrte| sich beträchtlich. Noch zu Lebzeiten von Rektor Meyer wurden Verhandlungen wegen Erwerb neuer Filialen (Bruckberg und Himmelkron) eingeleitet. An all diesen Fortschritten nahm die Oberin tätigsten Anteil. Sie suchte auch die Schwesternschaft durch mündliche und schriftliche Berichte auf dem Laufenden zu erhalten und sie dadurch zu innerster Anteilnahme am Ganzen des Werkes anzuregen.

 Die Sorge um das Leben des schwer leidenden Rektors und geliebten Hirten durchzieht ihre Briefe zu Ende dieser Periode. Am 5. Juni 1891 ging Rektor Meyer heim.


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Briefe von 1883-1891


An eine Schwester.
Neuendettelsau, 1. März 1883

 Meine liebe Schwester, jetzt sind unsere Gedanken alle von der einen großen Sache beherrscht, daß wir unsere liebe, teure Frau Oberin für dieses Leben verlieren werden. Aber nein, wir verlieren sie ja damit nicht, wir gehören zu ihr und sie zu uns, auch wenn sie uns in die Heimat vorangeht. Aber es ist so große, ernste Zeit. Und schon dürfen wir Erstlingsfrüchte unseres heißen Sehnens und Flehens schauen. Es ist alles so friedevoll, unsere liebe, teure Kranke so rührend still und anspruchslos bei sehr schwerem Leiden. So war sie ja immer im Leben. Herr Rektor ist viel bei ihr. Und es ist alles im Haus wie von heiligem, stillem Ernst und Schmerz durchzogen und jedes sehr bescheiden und treu auf seinem Posten.

 ...Wir sollen auch in keiner Not verzagen, wir wollen stark sein, meine Schwester. So und nicht anders durfte es kommen, um Dir Deinen alten Menschen im Lichte zu zeigen; so und nicht anders mußtest Du geführt werden, daß Deine Natur zermalmt werde und der neue Mensch reifen könne. Laß uns stark sein und nur Ihm in die Hände fallen, daß Er mit uns mache, was Er will. Die Frische und Freudigkeit ist doch nicht bloß etwas Natürliches, das nicht zu erlangen wäre, wenn es nicht durch Schöpferhand in uns gelegt ist, sondern die Freude ist eine Frucht des heiligen Geistes, und wir sollen umkehren und werden wie die Kinder, also auch einfältig fröhlich werden wie die Kinder. Ich weiß, daß es verschiedene Zeiten im Leben gibt. Aber: „Keiner wird zuschanden, der dein harret.“ Und alles müssen wir bekommen, was wir brauchen zu unserem heiligen Dienst; und allen alles werden, das sollen wir doch auch in unserem winzigen, bescheidenen Maße. Gott wird Dir auch Weisheit schenken, denn das hat Er verheißen allen, die Ihn darum bitten. Laß uns nur nicht bitten, wie die Meereswogen getrieben und gewebet werden, mit zweifelndem Herzen. Und wir werden Ihm noch danken für all die schwere Zeit.

Deine Therese.


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An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 5. März 1883

 Meine liebe Schwester Charlotte, unserer lieben, teuren Frau Oberin geht’s nicht besser; die Schwäche nimmt zu, das Reden wird ihr schwer; aber der Geist ist immer frisch und klar, und sie ist immer so gar liebenswürdig und freundlich, so herzgewinnend. Heut war’s ein wehmütiger Geburtstag, aber man durfte doch einen Augenblick hinein und ihr die Hand reichen. Viele Schwestern aus Fürth und Nürnberg gehen ab und zu; das ist dann für die Weggehenden ein Abschied fürs Leben. – Es ist so wunderbare Zeit. Neben diesem Ernst und Schmerz redet Gott diese Sprache zu uns mit dem Kirchbau. 6000 Mark sind uns vermacht, und nun sind auch 10000 Mark für diesen Sommer versprochen, wie reich und gut ist Gott! Ich bin jetzt voll Begeisterung für den Kirchbau. Der Ingenieur Gab aus Nördlingen war hier und hat gesagt, daß der Umbau der Kapelle zum Schulhaus sehr leicht ausführbar wäre und mit wenig Kosten. Da war ich so froh und dankbar; denn dieser erste Schritt mußte vor allem geschehen.

 Grüße die Schwestern recht schön.

Deine alte Schwester Therese.


An Schwester Elisabeth von Oldershausen in Ansbach.
Neuendettelsau, 1. Mai 1883

 Meine liebe Schwester Elisabeth, ich weiß, daß Ihr mein gedenkt, und ich danke Euch herzlich dafür. Ich kann nicht viel schreiben, wie mir’s geht; ich darf nur ein wenig merken, daß meines himmlischen Erziehers Hand mich führt und mich ja wohl in eine neue Klasse Seiner heiligen Schule bringen wollte, aber das konnte Er nicht, ohne mir zu zeigen, daß ich noch ein ABC-Schütze bin und noch gar wenig gelernt habe. Ach, nur nicht einen Augenblick allein möchte Er mich lassen! Das helft mir beten.

 Meine Schwester, Dir schreibe ich zum Geburtstag einen Spruch, den gib Deinen Schwestern weiter, und die sollen ihn auch weitergeben. Ich meine den: „So wir im Lichte wandeln, wie Er im Lichte ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde.“

|  Am Freitagabend kommt die Frau Oberin von Frankfurt mit dem Zug, der um 5.13 Uhr in Kloster Heilsbronn ist. Wenn gerade jemand Zeit hat, sie auf der Bahn zu grüßen, wäre es vielleicht eine Aufmerksamkeit, die sie freuen würde.

 Behüt Dich Gott, und grüß mir all Deine Hausgenossen, und freu Dich mit mir auf den – ewigen Frühling.

Deine Therese.


An Schwester Elisabeth von Oldershausen.
Neuendettelsau, 19. Juni 1883

 Meine liebe Schwester Elisabeth, Du bist jetzt doch hoffentlich wieder fröhlich; Sieh, laß es uns nur lernen, daß Verlegenheiten Knospen sind, – und noch einen höheren Flug laß uns nehmen als diesen: glauben, daß Gott die Liebe ist und alles zum Besten führt. Es ist ganz gewiß, daß aus all diesen Nöten etwas Gutes kommt und daß wir recht von Herzen danken werden... wir wollen doch nach immer mehr Vervollkommnung ringen auch in der äußeren Gestaltung des Berufslebens. wenn Ihr erst wieder eingezogen seid und Deine neuen Schwestern sich eingelebt haben, dann laß mich ein paar Tage zu Dir kommen und mit Dir leben. Ach, nicht als ob ich etwas Gescheites wüßte, aber ich möchte es doch.

 Laß uns ganz still werden und uns Seiner Liebe freuen. Aber Ihr müßt auch recht viel beten, Ihr Ansbacher Leut, daß allenthalben unter uns Sein Name verherrlicht werde.

Deine sehr alte Therese.


An ihre Mutter.
Neuendettelsau, 6. August 1883
 Meine liebe Mutter, nun möchte ich Dir ein wenig erzählen, wie es mir in meinem neuen Beruf geht. Du hast es ja doch nicht vergessen, daß ich im Frühjahr bei Dir war und daß es mich da so ganz besonders zu Dir zog, ehe ich in die neue Zeit hineinging, die ich mit so viel inneren Schmerzen und Nöten begann. Du hast es ja auch nicht wissen können, daß Du mich für so etwas erzogen hast. Recht daran denken mag ich immer noch nicht; ich tue halt den Tag über meine Arbeit| und lebe von Gottes Gnade und bin froh, daß man mich im Himmel einmal nimmer Oberin heißt. Aber ich bin sehr getrost und freudigen Geistes, und Gott ist sehr gnädig und barmherzig.

 Früh morgens frühstücken wir um 61/4 Uhr; dann halten wir Morgenandacht; dann habe ich noch eine Weile in meiner Stube zu tun, und dann gehe ich regelmäßig hinaus in den Wald, um eine Weile allein zu sein und mich für alles, was kommt, zu stärken. Um 9 Uhr habe ich etlichemale den Diakonissenschülerinnen eine Stunde zu geben. Im übrigen stehen sie unter der Leitung von Schwester Berta Wieland, worüber ich sehr, sehr froh bin. Um 10 Uhr ungefähr kommt die Post und bringt die Einläufe. Da ist uns schon oft recht, recht bange gewesen, und ich bin immer froh, wenn die Post wenig bringt. Ich bin noch nicht stille und gelassen genug und fürchte mich noch zu viel vor schweren Nachrichten. Morgen sind es fünf Wochen, daß unser lieber Herr Rektor fort ist; ich bin sehr froh, daß die Zeit bald vorüber ist. Gott hat uns aber gnädig geholfen; Schwester Marie Regine Braun ist ja klug, wenn auch ich’s nicht bin. Wir arbeiten sehr freundlich und friedlich zusammen, überhaupt bin ich Gott sehr dankbar für unsere guten Schwestern, für die doch auch viel Takt und Selbstverleugnung bei der großen Veränderung nötig war. Schwere Dinge gibt es ja fast immer, und wenn ein Berg erstiegen ist, so steht dann gleich wieder ein neuer da; aber wir sollen nur auch kühnlich das Steigen lernen, wenn’s auch ein wenig Atemnot gibt. Gott hilft ja immer wieder durch.

 Wenn Herr Rektor da ist, kommt er gewöhnlich im Lauf des Vormittags, um die Einläufe zu besprechen. Oder es kommen auch sonst allerlei Leute, mit denen etwas zu verhandeln ist. Nachmittags bin ich immer mit den Ferienschwestern eine Stunde zusammen. Da lesen und betrachten wir etwas aus Gottes Wort. Die Ferienschwestern sollen möglichst viel Erquickung mit wegnehmen, um für den Beruf aufs neue gestärkt zu sein. Ich muß auch darauf bedacht sein, daß sie sonst ordentlich ausruhen, unsere Betten in gutem Stand sind etc.

 Mit Rechnen und Schreiben vergeht dann gewöhnlich der übrige Teil des Tages, oder ich habe im Feierabendhaus oder sonst wo zu tun...

Deine dankbare Therese.


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An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 8. Sept. 1883

 Meine liebe Schwester Charlotte, komm nur hieher, sobald Du kannst und willst, wir leben ganz nett und gemütlich zusammen. Das Haus ist gegenwärtig von Schülerinnen leer, aber Schwestern sind da und werden noch viele kommen. Heute treffen die Ersten von den Einzusegnenden ein. Sie werden alle elf in den Blauen Saal einlogiert, und die Vorbereitungsstunden werden sie wieder im Betsaal des Feierabendhauses haben.

 Heute morgen hat Frau Professor Lichtenberg der Schlag gerührt. Vielleicht darf sie diesmal heim, die müde, fromme Pilgerin. – Frl. von Borcke will ihr Haus[2] bald vermieten. Kürzlich kamen zwei Fräulein, von denen die eine blind, die andere verwachsen ist, und fragten, ob keine Möglichkeit wäre, hier zu wohnen; sie wollten gerne lebenslänglich hier sein. Sie hatten auch schon zu Frl. von Borcke gesagt, es sollte eben hier ein Haus gebaut werden, wo solche einzelstehende Damen wohnen könnten. Da habe Frl. von Borcke gelächelt und geantwortet, das Haus stehe vielleicht schon. Der Herr Jesus wolle es nur in Seine selbsteigenen Hände nehmen!

 Das Waschhaus am Blödenhaus[3] ist schon bald fertig, der Rohbau nämlich. – Frl. von Bassewitz ist hier, wohnt bei Frl. von Borcke und geht dann nach Petersburg...

In treuer Liebe Deine Therese.


An eine Schwester.
Polsingen, den 4. November 1883

 Meine liebe Schwester, weil Dein hoher Geburtstag naht, so möchte ich nicht versäumen, Dir zu demselben einen herzlichen Glückwunsch zu senden. Gott erhalte Dich in seiner Gnade bis zum letzten Atemzug! Du darfst doch sagen: „Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche.“ Und was als schwerer Druck auf Dir lastet, das gehört auch mit in den heiligen Erziehungsplan Gottes. Laß uns nur glauben und beten und der Barmherzigkeit Gottes alles zutrauen. Mir ist schon oft beim Sakrament so eine Gewißheit geworden in Betreff meiner Familie. Vielleicht darfst Du das auch noch erleben.

|  Wir haben hier reiche, gesegnete Tage. Heute predigte Herr Rektor vom Töchterlein Jairi und dem kranken Weibe, und dann gingen wir zum Sakrament. Es sind auch Schwestern von Heidenheim und Öttingen hier. Ach, daß uns das Sakrament ganz verneuerte und verklärte: Es muß doch auch unsere ganze Genossenschaft dadurch noch umgestaltet werden, wir wollen nur recht sorgsam und treu, ein jedes an seinem Teil, mit den empfangenen Gnaden umgehen.

 Am Dienstag geht’s nach Nördlingen, am Mittwoch nach Gunzenhausen und Ansbach, am Freitag heim – alles, so Gott will.

 Grüße alles recht herzlich und dankbar.

In treuer Liebe Deine Therese St.


An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 23. Nov. 1883

 Meine liebe Charlotte, wie hast Du mich erfreut mit dem Spinnrädchen! Hab innigen Dank dafür! Ich sitze wirklich abends im Familienzimmer und spinne, – viel ist’s ja nicht, aber es freut mich doch so. Und Gertrud[4] ist so animiert dadurch, daß sie sich ein Spinnrädle von der Holzschüpfe gesucht hat und will sich’s richten lassen. Und für den schönen Flachs danke ich Dir auch recht herzlich, was wird da alles unser Haus davon bekommen!

 Meine liebe Schwester, wie geht es Dir wohl? Ach, laß uns Mut behalten und Freudigkeit! Es darf doch unsere Seele nicht eine Sekunde länger im Schmelzofen sein, als Seine Liebe es verordnet hat. Laß uns doch nur Eine Sprache haben: „Dennoch bleibe ich stets an dir.“ Wenn ich doch mehr Glauben hätte! Ich merke doch so deutlich, wie Gott alles in Seine Hand nimmt, warum traue ich’s Ihm nicht für jeden kommenden Fall, der mich ängstigen will, zu? – wie viel Erquickung finde ich doch in dem Buch von Mutter Barat, der Stifterin des Ordens vom Sacré coeur! Aber es bleibt mir ein trauriges Rätsel, warum sie in der andern Kirche so viel mehr können, so viel besser sind, so eine heiße Liebe und so viel Demut haben, und wir bei unserer reineren Lehre und bei dem| Genusse des Blutes Christi bleiben so träg und kalt und lassen das Ich so hoch leben. Ich weiß ja schon, daß die Römischen nicht überall so gut sind, aber es ist doch auch das unter ihnen, was uns so vielfach beschämend entgegentritt.

 Meine liebe Schwester, kannst Du viel beten; wir sind so reich und mächtig, – oder soll ich lieber sagen, wir wären es, wenn wir besser beten könnten. Ich bin noch nicht ruhig genug beim Beten, und das liegt am mangelnden Glauben.

 Vorigen Sonntag hörten wir eine gewaltig ernste Predigt. Aber es ist doch schwer, daß man nicht gewiß weiß, wer die „geringsten Brüder“ sind, und wir müßten’s doch wissen.

 Jetzt muß ich noch schnell mein Pensum lernen, wir verhören uns immer abends im Familienzimmer. Beim Spinnen sage ich den Jakobusbrief auf. Nicht wahr, Du betest für mich, meine liebe Schwester; Sonderlich um viel Weisheit mußt Du bitten, und daß ich mich besser opfern könne und mehr lieben.

 Grüße die Schwestern.

In treuer Liebe Deine Therese.


An ihre Schwester Marie in Polsingen.
Neuendettelsau, den 15. Jan. 1884

 Meine liebste Schwester, Gott grüße Dich an diesem 18. Januar, da Du schon so alt bist und bist doch mein allerjüngstes Schwesterlein. Ja, über eine kleine Weile, da bist Du schon fünfzig und ich dann bald achtzig – wie ist es so dahingeflogen, das kurze Leben! wie ein Weberschifflein, sagt Hiob – und wir werden in einen Zustand kommen, da wir die Flucht der Zeit nicht mehr zu beklagen brauchen, weil sie ohne Ende ist. O Schwesterlein, wie kannst und magst Du noch traurig sein! Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des höchsten reichem Segen, so wird er täglich bei Dir neu...

 Nun laß Dir eine merkwürdige Geschichte erzählen: Ich habe mit mehreren Schwestern in der Weihnachtszeit so den Gedanken besprochen, es sollte für die bayerischen Pfarrerstöchter etwas geschehen. Es war so ein Gedanke, zuerst von| Schwester Marie Morneburg ausgehend, der auf ein Zeichen des göttlichen Wohlgefallens zu warten hatte. Da krieg ich am Sonntag abend von einem Pfarrer, den ich nicht kenne, einen Brief des Inhalts, es sollte doch für die bayerischen Pfarrerstöchter etwas geschehen, sie sollten ein Asyl, ein „Vaterhaus“ haben, dahin sie sich flüchten könnten. Er habe den Gedanken einer Dame mitgeteilt, die habe ihm 100 Mark dazu gegeben. An Adolf[5] habe ich geschrieben, da habe ich ihm mitgeteilt, daß ich mich mit Gedanken trüge, die sich mit den seinigen berührten, wie wunderbar! Daß Gott auf ein leises Geflüster Seiner Kinder gleich so antwortet: Trage die Sache auch auf dem Herzen und bringe sie vor Gott. Ein anderes Mal schreibe ich mehr darüber. Ich grüße alle recht schön. Und habe nur immer Mut und Vertrauen und unversiegbare Freude. Am Montag, so Gott will, reise ich nach Willmars. Gedenke mein.
Deine ältere Schwester.


An ein junges Mädchen.
Neuendettelsau, 18. Januar 1884

 Mein liebes Kind, nun grüße ich Dich auf Deiner neuen Station, die eine Vorstation für den Diakonissenweg sein wird – nicht wahr; Nun koch und sied und brate, und versalze und verbrenne nichts, und koch alles mit Liebe, denn ich behaupte immer, das spürt man, wenn die Speisen auf den Tisch kommen.

 Mein liebes Kind, nun laß Dich an mein Herz nehmen, und Du sollst mir auch immer alles sagen können, was Dich bewegt und drückt. Ich glaube, ich habe Dir noch nichts geschrieben auf Deine Klage hin über die Gefallsucht. Mit einem Male ganz brechen, das geht nicht, mein Kind. So ist’s uns von Gott geordnet, daß wir müssen täglich und stündlich im Kampfe leben und unter viel Demütigung den Heiligungsweg gehen. Aber das ist unser Trost: es kann uns nichts schaden, wenn wir nur fest an Jesu hangen bleiben und uns immer unter den Einfluß Seines heiligen Blutes stellen. Manche derartige Versuchung weicht auch mit den Jahren. Schau auf Jesum am Kreuz und stell Dir Seine heilige Schmerzensgestalt vor, da muß die Eitelkeit weichen.

|  ...Denk Dir nur, ich spinne jetzt an den Abenden, und Schwester Gertrud und Schwester Johanna[6] auch, wir haben auch allerlei Pläne. Vielleicht wird auf unser Haus ein Stockwerk gesetzt, die Industrieschule soll vergrößert, ans Hospiz etwas angebaut werden, und, so Gott will, fangen wir auch bald die Kirche an. – Lern nur alles, was möglich ist, auch spinnen.

 Schau nur immer auf die eine große Hauptsache: Jesus ist unser Heiland, Er hat uns Vergebung der Sünden gebracht und will uns ewig selig machen. Dafür sollen wir immerzu danken und uns dessen immerzu freuen. Es ist alles klein und gering im Vergleich mit dieser einen großen Sache. Laß uns nur unsere Seele in Händen tragen und vorsichtiglich, genau nach der Richtschnur des göttlichen Wortes, wandeln. Gott segne Dich auf allen Deinen Wegen!

Deine Mutter Th.


An ein junges Mädchen.
Neuendettelsau, 2. August 1884
 Mein liebes Kind, es ist mir lieb, daß Du mir ehrlich geschrieben hast über Deine innere Stellung zum Diakonissenberuf. Laß uns darüber ganz einfältig die richtige Anschauung aus Gottes Wort nehmen. Du weißt, was 1. Kor. 7 geschrieben steht, und das kann nun doch niemand leugnen. Es ist auch meine innerste Überzeugung, daß es für uns Frauen etwas Idealeres nicht geben kann als ein richtiges Diakonissentum mit seinem innersten Zentrum, der Idee der Gottverlobtheit. Ich betone: ein richtiges Diakonissentum, und bin mir dabei bewußt, daß weder ich noch die Mehrzahl meiner Genossinnen den Beruf erfaßt haben, wie es eigentlich sein müßte, wir sind arme Kinder einer armen Zeit, es ist alles klein und gering und schwach. Aber die Sache an sich bleibt in ihrer Größe und Schönheit. Unser Heiland, der die Menschenherzen kennt, auch die Jungfrauenherzen, sagt, daß der Punkt von der Ehelosigkeit nicht von jedermann gefaßt werde. Auch sagt St. Paulus von einer Verschiedenartigkeit der Begabung. Fühlst Du deutlich und erkennst es, daß Dein Sehnen| und Trachten nach Familienglück geht, so mußt Du freilich den Gedanken an den Diakonissenberuf aufgeben. Vielleicht bist Du auch nicht gesund genug für denselben. Ein frommes, reich begabtes Menschenkind schrieb mir einmal ihres Herzens Gedanken, und dazu gehörte: „Ich bete, daß Gott mich in die Ehe führt, seit ich aus der „weiblichen Einfalt“ weiß, daß man das darf.“ Gott hat sie hineingeführt und ihr auch ein Maß zeitlicher Trübsal dazu gegeben, sie auch in der Ehe zur Vollendung reifen lassen; sie ist nun schon bald zwölf Jahre daheim, übergib Dich Deinem Heiland, der wird Dich recht führen, Er weiß ja, wie wir sind. Lies in Gottes Wort, was von diesen Dingen geschrieben steht, und lies auch die eben erwähnte „weibliche Einfalt“ von Löhe.

 Übrigens, mein liebes Kind, ist weder Ehe noch Diakonissentum unser eigentliches Ziel. „Jesus, Jesus, nichts als Jesus soll mein Wunsch sein und mein Ziel.“ Seine Hand ergreife, und Er wird Dich recht führen. Laß Deinen Willen in Seinem Willen ruhen.

 Gott segne Dich und schenke Dir ein reines Herz, das für die höchste „Minne“ erglüht.

Deine treue Vize-Mutter Therese.


An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 20. Sept. 1884

 Liebe Schwester Charlotte, so viel, so viel hat mich in der letzten Zeit bewegt: der Tod von Frau Lichtenberg, jetzt die Einsegnung, dann unser großer Bau[7], der sehr schön vorwärts geht, aber eben doch nicht so geschwind fertig wird. Manche Sorge beschwert mich, aber Er ist ein Helfer in allen Nöten: –

 Der Pastor von Kopenhagen freut sich so, einer Einsegnung beizuwohnen; ein Bischof von Schweden ist auch da. Der abendliche festliche Tee ist morgen im neuen Hospizsaal[8]. Gott behüte Dich, meine liebe Schwester!

Deine Therese.


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An ihre Schwester Ida.
22. November 1884

 Meine liebe Schwester, ich danke Dir noch einmal recht von Herzen für die schönen Stunden, die ich bei Euch verleben durfte.[9] Es war doch ganz besonders schön, und ich freue mich, daß ich habe dabei sein dürfen. Ich bin glücklich heimgekommen. Von Wicklesgreuth bin ich zu Fuß gegangen, es war ganz schön. Das Leben in der Familie ist harmloser als das unsere. Es ist doch ein rauherer Weg für uns, aber ich bin dankbar, daß ich gerade diesen geführt bin, und bin sehr froh und glücklich dabei. Ich finde aber, daß sich die häßlichen weiblichen Eigentümlichkeiten oft in unserm Stande ungehinderter entfalten als in der Familie...

In dankbarer Liebe Deine Therese.


An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 28. Nov. 1884

 Meine liebe Schwester Charlotte, manchmal bitte ich, daß ein Engel die verschiedenen Stationen besucht und ihnen einen Friedensgruß überbringt. Das ist dann besser, als wenn der Postbote einen kleinen Brief bringt. Aber zum Advent möchte ich mich doch auch mit so einem papierenen Gruß einstellen. Es geht Euch ja hoffentlich gut, und Ihr tragt in der Kraft Gottes die Not des täglichen Lebens, deren Lauf ja mit jedem Tag kürzer wird, wir wollen uns getrost hindurchringen, hindurchbeten und jetzt auch mit mancherlei heiligem Klang hindurchsingen. Es ist ein kleiner Anhang zu unserem Gesangbuch gedruckt worden, damit wir in den Festzeiten noch etliche alte Lieder zu denen im Gesangbuch hätten.

 Vorige Woche bin ich beim 88. Geburtstag in Augsburg gewesen. Marie und Luise waren auch da. Es war ganz wunderschön, am schönsten der guten alten Mutter Demut. „Ach, daß so einer armen, vergessenen Frau dies alles zuteil wird! Ich kann nichts tun zu Gottes Ehre, aber ich will dankbar alles annehmen.“ Eine rührende Dankbarkeit ist so etwas besonders Charakteristisches an unserer lieben Mutter.

 Wir sollen mancherlei Neues übernehmen, werden nicht alles können. Doch sind etliche hoffnungsvolle Blaue da. Nächste| Woche, so Gott will, ziehen die kleinen Roten auch in ihre Stuben ein. Den neuen Schlafsaal wollen wir erst zur Weihnachtsbescherung benützen. Die Grünen schlafen noch im Hospiz.

 Gott segne Dich, meine liebe Schwester! Er wolle unsere Herzen brennend machen in Liebe zu Ihm.

Deine getreue Mitpilgerin Therese.


An ihre Schwester Mina.
Neuendettelsau, 8. Dezember 1884

 Liebe, gute Tante Mina, da sollte es heute ein langer Brief werden zum Geburtstag, aber er wird wahrscheinlich doch nur kurz; das tut aber den Wünschen, die er enthält, keinen Eintrag. Liebe Tante Mina, Gott schenke Dir ein fröhliches, dankbares Herz, das immer nur von Gottes Wohltaten zu erzählen weiß. Ich habe schon recht den Unterschied unter den Menschen kennen gelernt: die einen haben immer zu klagen, die andern immer zu danken. Schließlich hat unser Klagen nur im Hochmut seine Wurzel, wie die Dankbarkeit ihren Grund in der Demut hat. Wir wollen miteinander immer dankbarer werden für alles, was uns Gott schickt, auch für das Leiden.

 Es war doch ein wunderschöner Tag neulich, der 19. November. Gott segne unsre liebe Mutter, die uns doch stets ein Vorbild in der Demut und Dankbarkeit gewesen ist.

 Heute ist der Gärtner mit etlichen hinausgegangen, um die Weihnachtsbäume und Tannenzweige und Moose zu holen. Das ist bei unsern vielen Anstalten immer ein großes Geschäft. Wir wollen diesmal in dem neuerbauten Schlafsaal der Grünen Schülerinnen, der noch nicht bezogen wird, die Christbescherung halten. Herr Rektor mahnt immer, den „Schnickschnack“, wie er sagt, zu beschränken, damit man Stille habe, sich aufs Fest zu bereiten und still das Kindlein in der Krippe anbeten zu können.

 Nun ist Fräulein Rehm auch heimgegangen, ganz sanft und still. Ich mußte es mir neulich so vorstellen, wenn von einer zahlreichen Familie zuletzt nur wenige, zuletzt nur ein einziges Glied übrig bleibt, wir wollen nur ja recht heimisch werden droben, damit uns die Erde nicht mehr fesselt, wenn es Zeit ist, daß wir die Erde verlassen. Heute wird Herr Pfarrer Fischer| in Theilenhofen begraben, er besuchte einst den seligen Schwager Heinrich, da hab ich ihn zum erstenmal in meinem Leben gesehen. Er ist ja unser treuer Dettelsauer Freund die langen Jahre gewesen. Damals wußte ich nicht, was die Worte bedeuteten, die der selige Heinrich, als der Besuch uns verließ, gesprochen: „Das sind nun die Leute, die im Lande so verschrieen sind.“

 Ich danke Dir auch noch nachträglich am Ende meines Lebens, daß Du mich in meiner Kindheit herumgetragen hast. Ich kann mich doch noch erinnern, wie ich auf Deinem oder Idas Arm in die obere Stube getragen wurde, wo ich gebadet wurde.

 Gott schenke uns in Gnaden ein gesegnetes Fest!

Deine Therese.


An Schwester Sophie Toennießen.
Neuendettelsau, 13. Dez. 1884

 Meine liebe Schwester Sophie, bald werden wir glücklich mit allen Einrichtungen im Haus am Ziele sein, wenn Du dann kommst, dann darfst Du in einer der neuen Stuben schlafen, von denen man eine prächtige Aussicht hat. Weißt Du, was ich dieser Tage dachte? Lach mich halt nicht aus! Ich dachte, ich wollte Dir vorschlagen, wenn Du einmal gut bei Kasse wärest, in eine der neuen Stuben einen Diwan zu stiften. Der ersetzt dann Bett und Sofa, und Du schliefest und ruhtest auch einmal gut darauf, zumal im Bewußtsein, ein solch gutes Werk vollbracht zu haben – so es Dir eben gelegen sein sollte! Außerdem nimm’s für einen Scherz.

 Gott behüte Dich, meine liebe Schwester Sophie! Grüße alle Schwestern. Gott segne Euch am heiligen Fest und immerdar!

Deine Therese.


An Schwester Selma Trautwein.
Neuendettelsau, 13. Dez. 1884
 Meine liebe Selma, nun geht die heilige Vorbereitungszeit schon bald zu Ende. Erkennt doch ja recht, ihr Kinderlehrerinnen, daß Ihr es sonderlich gut habt. Ihr dürft Euch so viel und gründlich mit dem heiligen Stoff beschäftigen. Das ist ein| Segen für die eigene Seele, wenn man’s nur versteht, das Herzkrüglein richtig unterzustellen, daß auch ein Tröpflein von dem, was man andern bietet, da hineinfällt. Das Kindlein in der Krippe und ringsumher die Kinderlein in der Schule und die große Selma dazu, auch zum Kinde geworden und kindlich das einige Kind anbetend, so muß es doch sein.

 Schwester Gertrud fängt schon an, Betten zu richten für unsere Weihnachtsgäste. Bringt nur ein recht fröhliches Herz mit, daß jedermann unter uns davon angesteckt werde, wer etwa noch nicht den Freudengeist angezogen hätte...

In treuer Liebe Deine Therese.


An die Ihrigen
Neuendettelsau, 31. Dezember 1884

 Meine liebe Mutter und Schwestern, ich denke, Ihr wißt es, daß ich Euch von Herzen dankbar bin für alle Liebe. Ich habe mich recht gefreut über das Paket mit seinem reichen Inhalt, denn wenn etwas zum Austeilen darin ist, dann ist’s nur desto schöner.

 Wie schön, daß Du, liebste Mutter, beim Sakrament warst am Fest. Der Herr Jesus ziehe uns nur alle ganz nahe zu sich – o wenn wir’s nur einmal ein wenig begreifen könnten, wie lieb Er uns hat!

 Jetzt bin ich sehr im Gedränge vieler Arbeit, und Ihr verzeiht wohl die Kürze des Briefes... Ein gutes, fröhliches Neujahr wünsch ich Euch in herzlicher dankbarer Liebe. – Wir haben gegenwärtig so viel Krankheit unter den Schwestern; es ist recht schwere Zeit.

 Dir, liebe Mutter, geht’s hoffentlich wieder gut. Morgen feiert die Großmama im Rektorat ihren Geburtstag – auch den 88ten.

Eure Therese.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, 2. Januar 1885
 Meine liebe Schwester, wie hat mich heut Deine Karte bewegt! Ich habe es neulich mit dem Unwohlsein gar nicht so ernst genommen. Aber jetzt ist mir recht bange; wenn eintritt, was man lange vorausgesehen, so ist’s eben doch ein tiefer,| großer Schmerz, wie schön, daß die liebe Mutter an Weihnachten das Sakrament gefeiert! Ich erfahre doch wieder etwas. Du hast freilich viel zu tun, aber Gott wird Dir auch reichlich lohnen alles, was Du uns und der guten Mutter tust. Grüße die liebste Mutter recht herzlich.
In treuer Liebe Deine Therese.


An ihre Schwester Ida.
3. Sonntag n. Epiph. 1885

 Meine liebe Schwester, eben habe ich in alten Briefen gelesen. Auf einem Blättchen von der lieben seligen Mutter an mich stehen ein paar Stellen über die Demut, die ich Julie vorlesen soll. Vorher schreibt die liebe Mutter: „Es kann ja wohl ein jeder in seinem Verhältnis es brauchen, ich ganz besonders.“ Das Wort heißt: „O Demut, Demut! In welcher Schule kann der Mensch dich recht lernen als in der Schule dessen, der gesagt hat: Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“

 Es ist mir jetzt so leid, daß ich die meisten Briefe nicht mehr habe. Jetzt erscheint einem erst alles so wertvoll und teuer. Ach, meine liebe Schwester, laß mich Dich noch einmal in herzlicher Liebe umarmen und Dir danken für alles, was Du der lieben Mutter getan. Jetzt komme ich mir erst recht arm vor... Nun ist ein großer Riß geschehen, aber das Heimweh und Sehnen soll ja nicht ungestillt bleiben. Gott behüte Euch!

Eure Therese.


An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 27. Jan. 1885

 Meine liebe Schwester Charlotte, hab recht herzlichen Dank für Deinen lieben Brief und für das schöne Buch, das wir jetzt immer bei den Mahlzeiten gebrauchen.

 Ja, unser liebes Mütterlein, nun ruht sie von all ihrer Arbeit. Manchmal ist mir das Herz noch recht weh. Man weiß doch immer erst recht nach dem Tode, was uns gegeben war, auch durch andere Menschen, – solang wir sie besitzen, erkennen wir’s noch nicht. Und das ist in erhöhtem Maße bei dem einzigartigen Gute der Mutter der Fall.

|  Nächste Woche, so Gott will, reise ich mit Herrn Rektor nach Erlangen, Hersbruck und Fürth. Er scheint auch daran zu denken, selbst einmal nach Oberlauringen zu gehen. Ich kann mir nur nicht recht denken, wann, da er in der Passionszeit gewiß nicht fortgeht...

 Drüben auf dem Kirchenfeld liegen die Steine zum neuen Heiligtum, aber noch sind die Pläne nicht zurück. In unserem Hause wird ohne unser Zutun leise der Anfang gemacht zu einem Asyl für Damen. Es ist mir sehr recht, daß wir Fräulein von W. ins Haus nehmen konnten. Macht’s einmal zum Gegenstand einer Abendunterhaltung, wie wir am besten und praktischsten die Räume in der Kapelle verwerten können.

 Morgen wird der Bezirksbaumeister kommen, dann wird die Anlegung des projektierten Wirtschaftshofes besprochen. Du mußt an alles auch denken und betende Hände darüber aufheben, aber noch mehr bitten, daß wir inwendig ausgebaut, geläutert und gereinigt werden und unserem liebsten, treuesten Heiland nicht mehr so viel Schande machen.

 Gottes Engel mögen bei Euch aus- und eingehen und Euch auf all Euren wegen begleiten!

In treuer Liebe Deine Therese.


An eine junge Freundin in Cannes.
Neuendettelsau, 30. Januar 1885

 Mein liebes Kind, wie interessant muß es am Meer sein! Unsere selige Doris bat einst Herrn Pfarrer Löhe, als er nach Cannes reiste, ihr ein „Müsterlein“ vom Mittelmeer mitzubringen. Da hat er richtig sich einst am Ufer hinübergeneigt und einen Schilf herausgeholt, den hat sich Doris dann eingerahmt.

 ...Am Morgen des Epiphaniastages ist mein liebes, teures Mütterlein im 88. Jahr ihres Lebens selig heimgegangen. Das ist ein großer Riß und Schnitt im Leben. Aber wir wissen, daß wir die Unsern ja nicht verloren haben, wenn sie hinüberziehen in die Heimat.

|  Gott segne Dich in Cannes und überall, wo Du an Seiner Hand wandelst. Er erhalte Dich nur bei dem Einigen, daß Du Seinen Namen fürchtest.
Ich bleibe allezeit Deine mütterliche Freundin Therese.


An Schwester Adele Cullaz.
Neuendettelsau, den 5. Mai 1885

 Meine liebe Schwester Adele, es war arg schön in Einersheim. Mit einer rührenden Liebe und Sorge haben die Leute das neue Häuslein eingerichtet und auch an alles gedacht. Die Station ist so besonders schön, weil die Gemeinde so bei der Sache beteiligt ist, die Gemeinde als solche, und weil Herr Dekan alles in so fester, frommer Hand hat. Nun habt Ihr für eine Station mehr zu beten. Ich habe recht empfunden, was es doch für eine Verantwortung für uns ist, wenn den Schwestern so viel Liebe und Vertrauen entgegengebracht wird...

Behüt Euch Gott! Deine Therese.


An Schwester Babette Gößwein.
Neuendettelsau, 18. Mai 1885

 Meine liebe Schwester Babette, du wirst doch nicht zu krank sein, um ein Brieflein empfangen zu können; wie gern möchte ich zu Dir eilen und mich an Dein Bett setzen und Dich trösten... Ich möchte Dir das Wort sagen: „Wie mich mein Vater liebet, so liebe ich euch auch. Bleibet in meiner Liebe.“ Nicht wahr, Du weißt es ja felsenfest gewiß, daß Dein Heiland Dich liebt, daß Er uns alle Sünde vergibt und daß wir Sein sind in alle Ewigkeit. Da kannst Du gut krank sein. Und will’s Gott, kommst Du dann bald hieher, um Dich völlig zu erholen. Dann wollen wir Dich recht lieb haben und uns miteinander freuen, daß wir solch einen barmherzigen Heiland haben.

 Ich gedenke Euer aller jetzt besonders. Das Leid bindet die Herzen zusammen, und wir wissen, daß wir in alle Ewigkeit zusammengehören.

Eure Therese.


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An Schwester Babette Gößwein.
Neuendettelsau, 16. Juni 1885

 Meine liebe Schwester Babette, das ist eine rechte Herzensfreude, daß ich Dich als Genesende in Oberstaufen begrüßen darf. „Siehe, ich mache alles neu“, dies Wort, an das ich mich so oft halte, erfülle sich auch an Dir für die ganze noch übrige Lebenszeit. Nun soll noch mehr als bisher alles Ihm gehören. Versenke Dich doch in den stillen, einsamen Tagen recht in Seine Liebe. Ich möchte Dir raten, die letzten Reden des Herrn in der Oberstaufer Waldluft zu betrachten und in Deinem Herzen recht die Freude zu erwecken über Seine unaussprechliche Liebe. Kannst Du denn dann allein reisen? Und wann kommst Du hieher? Komm nur bald, hier ist auch gute Luft für Leib und Seele. Es ist doch eine Freude, wieder ins Leben zurückzukehren und nun nach so einem ernsten Abschnitt ganz neu anzufangen.

 Unser lieber Herr Rektor ist eben zurückgekommen von seiner Marienberger Reise. Da war im Kloster ein Paramentenkongreß, und er hat sich offenbar erquickt am Zusammensein mit gleichgesinnten Brüdern. Auf dem Rückweg hat er auch Hof und Kulmbach besucht.

 Willst Du jetzt, liebe Schwester Babette, in den stillen Bergen fleißig Deine Hände und Dein Herz aufheben zu den Bergen, von welchen uns Hilfe kommt? Willst Du auch treulich unser und der ganzen Sache, der wir dienen möchten, gedenken? Ich bin manchmal so traurig, wie wenig, wie wenig entspricht die Wirklichkeit dem echten Diakonissentum! Wie hält so jeder sein Eigenes fest! Laß uns miteinander sterben, damit wir leben.

 Gott behüte Dich. In treuer Liebe bleibe ich

Deine Therese.


An Frau Philippi, Schwester von Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 9. September 1885
 Verehrte, liebe Frau Philippi es ist mir ein Herzensbedürfnis, Sie in diesen Tagen zu grüßen. Daß unsere liebe Charlotte morgen eingesegnet wird, ist, denke ich, auch Ihnen eine Herzensfreude. Aber sie ist in großen Ernst gekleidet, diese| Freude, und so muß es uns recht sein. Sie werden sich’s ja auch denken, liebe, verehrte Frau Philippi, daß wir Sie dabei nicht vergessen können, die Sie so schwer leiden, während wir feiern. Aber die gute Hand des Herrn hat auch Ihnen einen köstlichen Weg vorgezeichnet in Seiner Nachfolge, und er ist wohl um so köstlicher, da er so geradean zum Ziele führen wird. Sie haben eine gute Reise angetreten. Jede Station auf derselben sei Ihnen erhellt von dem Lichte Seines Angesichtes, und das Blut Seiner heiligen Wunden träufle Balsam und Frieden bei jedem schmerzlichen Schritt in Ihre Seele. Charlotte soll frisch gesegnet zu Ihnen kommen und Ihnen dienen als Schwester und als Diakonissin, und unsere Liebe und unsere Gebete sollen Sie auch umgeben. Ich möchte Ihnen so gerne das Wort sagen, das mir so eine Freude und staunenswert ist, ich meine das: „wie mich der Vater liebet, so liebe ich euch auch.“ Das Glück, von Ihm so geliebt zu sein, möge von Ihnen tiefinnerlich empfunden werden.

 Ich schreibe Ihnen am späten Abend, da es ganz still geworden ist, nachdem viel Leben und Bewegung den Tag über war und noch mehr unser morgen wartet. Die irdischen Feste sind bei aller Schönheit doch noch voll Mühsal und Beschwerden. Dort feiert man ohne jegliche Mühe! Und dort wird die große Gemeinschaft mit ungezählten Scharen unserer tiefen Stille und dem Glück der Stille keinen Eintrag tun.

 Gott behüte Sie, liebe Frau Philippi! Ich möchte Ihnen auch noch einen herzlichen Dank sagen, daß Sie so gütig und freundlich unseres Kirchenbaus gedacht.

In Liebe und Verehrung Ihre Therese Stählin.


An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 16. Sept. 1885
 Meine geliebte Charlotte, nun ist sie schon hinüber, Deine liebe Schwester, und wir legen die Hände zusammen und danken. Es ist mir alles so wunderbar, wie gnädig von Ihm, daß ihr noch schwerere Leiden erspart geblieben, und wie barmherzig, daß Du doch noch recht gekommen. Nun wird sie sich so freuen, im Lichte alles anschauen zu können, und wir strecken uns auch aus und sehnen uns nach dem vollkommenen Licht. Ich möchte gern einmal noch etwas mehr von Deiner Schwester| wissen. Sie ist uns doch hier bei dem einmaligen Besuch sehr eng verbunden worden. Es ist auch so viel Teilnahme bei der Todesnachricht gewesen.

 Ich habe schon manchmal mit meiner Schwester besprochen, wie es sein wird, wenn so eins nach dem andern dahinzieht. Eins wird ja das Letzte sein. Es war mir heut morgen so weh und sehnsüchtig und heimwehartig im Wald draußen. Ich mußte mich so in vergangene Zeiten versenken, weil heute der Geburtstag von Emma Merz ist. Sie wäre fünfzig Jahre alt und starb mit dreiundzwanzig. Ich zeig sie Dir einmal droben. Sie war eine hochgemute Seele.

 Ich sende Dir nur heute diesen kurzen Gruß. Deine Seele wird wund sein, aber Du weißt auch, daß wir alle miteinander Ihm gehören und gehören hinauf, wo Er ist und wo unsere geliebten Vorangegangenen sind. Ebr. 12, 1. 2.

Deine Therese.


An Schwester Elisabeth von Oldershausen.
Neuendettelsau, 13. November 1885

 Meine liebe Elisabeth, gestern bin ich mit Caroline Meyer und Marie Preller in Dürrenmungenau gewesen, wir wollten Herrn Paul Löhe[10] in einer Angelegenheit um Rat fragen, die uns schon manchmal beschäftigt hat. Wir tragen uns nämlich mit dem kühnen Gedanken, den Boten Schneider abzuschaffen und die Botenangelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Wir wollten dann aber nur bis Kloster fahren und müßten in Nürnberg einen guten Freund, eine Art Spediteur haben, der uns die Sachen besorgt und sie zur Bahn schickte, natürlich gegen etwas Vergütung. Die Sache ist noch nicht reif, aber ich glaube, daß wir recht handeln, wenn wir die Sache selbst in die Hand nehmen. Sprich doch auch gelegentlich einmal mit der einen oder andern Schwester darüber.

 Meine liebe Schwester, behalt mich auch lieb in Nürnberg, nicht wahr? Weißt Du, ich habe zuweilen so ein „veranstaltlichtes“ Gefühl im Herzen. Es ist doch nur schön in der Welt wenn man warm und innig und auch harmlos lieben kann.

Deine Therese.


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An Schwester Elisabeth von Oldershausen.
Neuendettelsau, 8. März 1886

 Meine liebe Elisabeth, es ist mir ein rechter Vorwurf, daß ich Dir so lange nicht geschrieben, und Du hast doch so viel erlebt. Meine Schwester, ich habe das in meinem kleinen Leben so erkannt, daß wir zu einer neuen Station auf unserm Himmelswege nur durch Schmerzen gelangen können, wenn sie dann hinterlegt ist, die Schmerzensstrecke, und der saure Tritt getan, dann möchte man Seine Hände küssen und ist so froh um einen neuen Strahl Seines Lichtes über Seine Gnade und Weisheit. Seine heilige, starke Liebe hat es auf unser Vorwärts und unsere Vollendung abgesehen.

 ...Das Luisle können wir nicht mit Schwester Helene von Meyer ins Feierabendhaus lassen. Herr Rektor hat das entschieden abgelehnt. Und ich meine, wir dürfen’s schon wegen der Konsequenzen nicht. Da kämen sonst schließlich manche Schwestern mit irgend einem Appendix, und es bestehen darüber doch auch Grundsätze in unserer Hausordnung, die wir nicht einfach umgehen können.

 ...Menschen haben wir keine, sollen nur immer Stellen besetzen ohne Leute! – Wir bauen dem Herrn Doktor ein Haus. Es ist vielleicht schon fertig, wenn Du das nächste Mal kommst.

 Grüß mir Deine Schwestern schön, und Gott schenke Euch eine heilige, gesegnete Zeit.

Deine Therese.


An eine Schwester.
Gunzenhausen, 29. 4. 1886
 Meine liebe Schwester, es ist mir solch ein Schmerz, wenn Du nicht glücklich bist. Es paßt zu Dir eine gedrückte Stimmung gar nicht. Es ist aber die Ursache, wenn ichs recht verstehe, nicht Dein äußeres Erleben, sondern es muß etwas zwischen Dir und Deinem Heiland stehen, sonst könnt’s nicht so sein. Meine Schwester, ich weiß es ja doch, daß uns nichts fehlt, wenn wir Ihn haben, wirklich haben. Der Auferstandene, der die Jünger mit so viel Freude erfüllen konnte, auch einen trübseligen Thomas zum Jauchzen bringen, der kann doch auch all Deine Wunden heilen, wir müssen Ihn nur beikommen| lassen und für den österlichen Friedensgruß offen sein. Ach, es kommt mir sonderbar vor, daß ich Dir etwas „predigen“ soll und bin solch ein armer Mensch, wie Ihr alle nicht seid. Aber es ist doch so, wie ich gesagt.

 Ich bin in der Nachtwache in Gunzenhausen. Meinem Bruder geht’s besser. Grüße Deine Schwestern, und sags Dir selbst einmal, was Du oft andern zugerufen: Sursum corda!

Deine Therese.


An Schwester Selma Trautwein.
Neuendettelsau, 28. Juli 1886

 Liebe Frau Selma, gestern kam ein Bäuerlein zu Herrn Konrektor, brachte ihm 200 Mark für die Anstalt, da er voriges Jahr ein Gelübde getan, wenn ihn Gott von seiner Krankheit wieder genesen lasse, wolle er das opfern. Und 6 Mark seien die Zinsen dazu. Das ist doch rührend.

Behüt Dich Gott! Deine Therese.


An Schwester Elisabeth von Oldershausen.
Neuendettelsau, 28. Juli 1886

 Meine liebe Elisabeth, gestern Abend bekam ich Deinen Brief. Ich hatte mich gerad gestern so um Dich gesorgt; da war ich so froh am Abend um Dein Aussprechen. Ich finde Dein Heimweh, wenn’s nicht maßlos wird, nicht unrecht. Es ist mir so ein Schmerz, daß so schnell Gras über den Toten wächst und die Herzen treulos sind. Ich hatte in der letzten Zeit so oft Heimweh nach unserm lieben seligen Herrn Pfarrer. Laß uns miteinander oft und viel hinüberschauen und, die daheim sind, sehnsüchtig grüßen, warum sagst Du, sie kümmern sich nichts um uns? Das weißt Du doch nicht. Sie werden sich treu und ernstlich kümmern, hat doch sogar der reiche Mann seiner Brüder gedacht, wir wollen aber beim sehnsüchtigen Hinüberschauen fröhlich die Hand am Pflug haben und noch etwas zu schaffen suchen in dieser Welt, – es soll ja alles für drüben sein.

 ...Heute haben sie das Maßwerk für zwei Fenster eingesetzt in der neuen Kirche. Das sieht so schön aus. Und das Dach wird mit Ziegeln gedeckt.

|  Grüße Deine Schwestern.

Gott wird’s machen,
daß die Sachen
gehen, wie es heilsam ist.

In treuer Liebe Deine Therese.


An Schwester Charlotte Kollmann nach gemeinsamen Ferientagen.
Neuendettelsau, 28. August 1886, St. Augustini Tag.

 Meine liebe Charlotte, nun ist alles wieder so gar anders. Doch „der Dettelsauer Wald ist auch schön“, und er dient wohl öfter als ein anderer Wald als unbegrenzte Kapelle, aus der viel Beten, Loben und Danken aus der Tiefe in die Höhe steigt.

 Ich hatte eine gute, schnelle Fahrt, war ganz vertieft in Margaretens Tagebuch und hatte dazwischen nur den Wunsch, ich möchte im Sonnenschein nach Schillingsfürst kommen. Da „ward es um den Abend licht“, und das Ende eines Regenbogens senkte sich hinter dem grünen Wald auf die nach Frieden ringende Erde. Ich schlief im großen Schloß, aß mit den beiden durchlauchtigen Seelen und hatte ein paar herrliche Vormittagsstunden mit der geliebten Prinzeß. Ein Brief von Herrn Rektor empfing mich dort, ich solle doch bis Samstag bleiben. Ich tat es aber nicht, sondern eilte heim, und es war mir licht und froh zu Sinn. Und so sei’s bei Dir auch! Gestern war gleich noch Probeschwesternstunde ohne Diktat mit einer sehr eindringlichen Rede an die jungen Schwestern.

Gott behüte Dich! Deine Therese.


An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 20. Apr. 1887

 Meine liebe Schwester Charlotte, nun kommst Du bald, und darauf freue ich mich, denn es gibt so viel, was ich gern treuen Menschen ins Herz lege. Eine reich und tief bewegte Zeit liegt hinter mir, und ich sollte nur danken, nur danken, daß Gott alles so gnädig und väterlich geführt. Die „Angst“ gehört nun einmal zur Signatur dieser Weltzeit und muß getragen und vom Osterfrieden immer aufs neue überwunden werden.

|  ...Gestern bei der Haubenfeier hat Herr Rektor so ein gutes Wort gesagt: das Wort Gottes redet mit einem jeden Menschen die Sprache, die gerade für ihn die rechte, die verständliche ist. Gott redet mit den einzelnen Menschenherzen, wie sie es bedürfen. Etwas von dieser Art sollen wir Menschenkinder in unserem winzigen Maße uns auch schenken lassen, die Menschen zu verstehen suchen, hinhören, wie sie es meinen, sie ausreden lassen etc. Gott weiß mit den Müden zu rechter Zeit zu reden; davon sollen wir auch etwas lernen.

 Gestern wurde schon mit dem Einglasen der bunten Fenster in der Kirche angefangen.

Behüt Dich Gott! Deine Therese.


An Schwester Elisabeth von Oldershausen.
Neuendettelsau, 1. Mai 1887

 Meine liebe Elisabeth, weißt Du noch, wie wir vor zwei Jahren an Deinem Geburtstag nach Schillingsfürst fuhren? Wir sollten die Umgestaltungen dort sehen. Schillingsfürst ist mir so eine besonders liebe Station, ich glaube, ich spüre die vielen Gebete, die über dem Elisenstift gewaltet. Und nun haben wir in den zwei Jahren viel durchlebt und sind wohl auch beide noch etwas tiefer eingedrungen in das Geheimnis von Sünde und Gnade. Nimm das als meinen Geburtstagswunsch, meine Schwester, daß Du mögest tiefer und immer tiefer in dies Geheimnis eindringen. Mir liegt das so im Sinn, daß ich möchte diese eine große Hauptsache so in meinem Leben dominieren lassen, daß mir all das andere äußere Getriebe dagegen gering erscheint; ich möchte aus diesem Mittelpunkt heraus leben, willst Du darin mit mir einen Weg gehen?

 Nicht wahr, Du betest auch ernstlich in dieser pfingstlichen Zeit, sonderlich an dem großen Bittag, dem Himmelfahrtsfest, daß der Geist unter uns Seine reinigende, läuternde, verklärende Macht erweise. Das Wort kann ja nicht leer zurückkommen, steht im Propheten geschrieben; also müßten auch unter uns große, tiefgehende Wirkungen des reichlich verkündigten Wortes sein.

|  Die Tage hat Herr Konrektor mit mir ein Gespräch gehabt und gesagt: „Mir ist’s doch immer, als bekämen wir Bruckberg noch.“ Das war mir merkwürdig, weil ich mich gerade an dem Tag sehr mit Bruckberg innerlich beschäftigt hatte. Mich jammert neuerdings so, daß wir keinen Raum haben, um Sieche aufzunehmen. Mit denen hatte unser seliger Herr Pfarrer so großes Mitleid. Und die Alten haben so viel für Sieche gesorgt. Ja, ich hätte des Geldes wegen schon Mut für Bruckberg, aber wir haben ja immer keine Menschen! – Jedenfalls glaube ich, daß neue, große Aufgaben unser warten, sowie das große Werk des Kirchbaues vollendet ist.
In treuer Liebe Deine Lebensgefährtin Therese.


An Schwester Selma Trautwein in Gunzenhausen.
Neuendettelsau, 25. Mai 1887

 Meine liebe Selma, nun laß Dir etwas sagen: wir sind wieder einmal in Verlegenheit wegen Menschen. Und da mußt Du nicht erschrecken, wenn wir Dir Dein Kathrinchen nehmen und fürs erste nur eine „Freiwillige“ Dir geben, die aber schon Kinderschule halten kann. Katharine sollte am Pfingstdienstag nach Erlangen gehen. Dort errichten sie nämlich in der Augenklinik eine Kinderstation. Da soll jemand hin, der die Kinder lieb hat, die armen, kleinen Würmlein, die an den Augen leiden. Wir dachten nun, Kathrinchen passe hin und es wäre für sie eine gute Weiterführung...

 Liebste Selma, ich wünsche Dir des Geistes spürbares Wehen in den heiligen pfingstlichen Tagen. Die Kirche wird am 29. Juni eingeweiht; da laßt Ihr Euch dispensieren und kommt herüber. Es wird ein sehr großes Fest werden, und wir beraten jetzt schon viel wegen der äußerlichen Zurüstungen.

Mit herzlichem Gruß Deine Mutter.


An Schwester Charlotte Kollmann, zur Zeit in Ferien.
Neuendettelsau, 13. Juli 1887
 Meine liebe Schwester, ich gönne Dir so Deine Freiheit und Sorglosigkeit, Dein „otium“, wie Herr Pfarrer einmal unsere Ferien genannt hat. Aber denke Dir, ich gehe morgen| auch ein wenig fort. Auf einmal klappte ich auch um, und Herr Rektor sagte, es wäre für die Sache gut, wenn ich ein wenig verschwände! So treffe ich morgen mit Marie Hedwig in Weißenburg zusammen, und wir pilgern miteinander nach Weimersheim zu unserer ältesten Schwester Berta und wollen in ihrem schönen stillen Pfarrhause ausruhen.

 Im lieben neuen Kirchlein ist nun schon viel Schönes gepredigt worden, aber denke Dir, daß ich noch nicht genug darin daheim bin. Jetzt reißt’s noch so an meinem Herzen bei der Verwüstung der alten Kapelle, in der jedes Stücklein für mich eine Geschichte hat. Es ist alles ganz dumm, aber der ganze Mensch ist eben dumm. Die Kapelle wird nach dem gezeichneten Plan umgebaut. Es wird ja recht sein so. Denk auch daran, daß alles recht wird nach Gottes willen.

 Auf dem Weg zum Tierarzt starb kürzlich unser Pferd, Braun genannt, von dem mir die junge Marie Vosseler erzählte wie von einem Menschen, was es alles für Tugenden gehabt.

 Die Fluren stehen so wunderschön, und der Wald ist so schön, aber meine Seele ist so dürr und ausgetrocknet, ich kann mich nicht eintauchen in den ewigen Freudenquell. Hoffentlich kannst Du es und kommst reichlich erquickt zurück.

Behüt Dich Gott! Deine Therese.


An Schwester Charlotte Kollmann.
Weimersheim, 20. Juli 1887
 Meine liebe Schwester Charlotte, Marie denkt Tag und Nacht nichts anderes, als daß wir Dir von hier aus einen Brief schreiben müßten... Ja, es ist doch etwas Gutes um ein wenig Ausspannung, und doch habe ich Ende der Woche genug davon, wir genießen unsere Freiheit und unser Zusammensein in vollen Zügen. Es ist eine herrliche Gegend hier. Ein stilles Pfarrhaus hat mir ohnedies etwas unbeschreiblich Anziehendes. Gestern waren wir in Kattenhochstadt, wo unser ältester Bruder Vikar war und sich vor dreißig Jahren seine Braut geholt. Dort liegt der ehrwürdige Dekan Brandt begraben, der Gründer des Windsbacher Waisenhauses. Auf seinem Grabstein steht:|
Die Gnade hat ihn gesucht,
die Gnade hat ihn getragen,
die Gnade hat ihn getröstet,
die Gnade hat ihn heimgeholt,
die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit ihm.

Alle Tage fast gehen wir auf den nahen Flüglinger Berg und legen uns in der tiefen Einsamkeit unter die Bäume. Gestern bekamen wir einen gemeinsamen Brief vom lieben Vater in Dettelsau. Nächsten Samstag kehre ich, so Gott will, zurück, werde mich wohl in Nürnberg ein paar Stunden aufhalten. Gelt, denk recht daran, daß der Umbau der Kapelle recht wird.

 Mit Marie Wägemann war ich am Willibaldsbrunnen, wo einst die Heiden getauft wurden...

In treuer Liebe Deine Therese.


An Schwester Frieda von Soden.
Neuendettelsau, 22. Sept. 1887

 Meine liebe Frieda, wir sind hier recht in voller Arbeit. Nach dem wunderschönen Einsegnungstag zerstreuten sich die Schwestern allmählich, jetzt ist die Zahl im Hause klein, und das ist gut, denn wir hausen in Stube 11. Das Familienzimmer ist mit der Bibliothek vereinigt; heut wurden die alten Kirchenbänke hineingetragen. Das wird so schön und gemütlich werden.

 Am Montag ist Herr Diakonus Anthes gekommen. Bitte recht ernstlich, daß alles gut wird.

Deine Therese.


An Schwester Selma Trautwein.
Neuendettelsau, 17. Okt. 1887
 Meine liebe Selma, nun hab ich Dir nach Gunzenhausen wohl noch keinen so wichtigen Brief geschrieben als diesen: wir wollen Dich versetzen, liebe Selma, und zwar in die Küche des Heilig-Geist-Spitals. Du denkst am Ende, wir seien nicht recht bei Trost, Du habest doch nicht Dein Lebenlang Kochkunst studiert. Aber laß es nur gut sein, wir sind schon doch bei Trost. Du sollst nicht selbst kochen, es ist eine sehr gute, brave Köchin da, die alles besorgt. Du sollst an die Stelle der bisherigen Speisemeisterin kommen, die Vorräte verwalten| etc. Die genaue Instruktion haben wir noch nicht, aber die, die die Sache kennen, meinen, Du paßtest und würdest auch etwas anbahnen bei den alten Leutlein, und Herr Rektor sagt, es läge ihm doch schon ein halbes Jahr im Sinn, Dich einmal zu versetzen. Man denkt, Deine Lunge ist auch nicht für permanentes Kinderschulhalten gemacht.

 Nun wird’s ein großes Geschrei in Gunzenhausen geben, aber wir wollen ja, daß dort alles seinen guten Gang weitergeht, und möchten Schwester Henriette K. an Deine Stelle tun. Die Sache muß bald vor sich gehen; am 1. oder 3. November mußt Du die Küche übernehmen und mußt Dich vorher noch ein wenig in der Nürnberger Spitalküche umsehen.

 Die Sache hat uns viel Studium gekostet; zweimal wurde Sprechstunde gehalten. Es wird ja jetzt so recht sein... Meine liebe Selma, es wird mir fast sauer. Aber es wird ja recht sein.

Deine Mutter.


An Schwester Selma Trautwein.
Neuendettelsau, 20. Oktober 1887

 Mein liebes Kind, ich verstehe alle Deine Gefühle und bin selbst etwas angesteckt davon. Aber laß uns nur frei und stark sein. „Mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit.“

 Es ist schon ein großes Schreiben gekommen, noch ehe die offizielle Anzeige abgegangen, mit der Bitte, Dich an der Altmühl zu lassen. Es tut meinem Mutterherzen wohl (dem Vaterherzen ging’s vielleicht auch so?), das Selmakind so loben zu hören. Aber davon lebt man nicht, und darauf stirbt man nicht. Da legt man’s lieber ganz beiseite. Ich denke mir, es wird Freitag werden, Simon und Judä, bis Du abziehen kannst. Schwester Henriette übergibst Du alles. Ich lasse sie dringend bitten, alles aufzubieten, daß man Dich nicht vermißt. Das muß auch Dein Wunsch sein. Deine Gehilfin Lieschen lasse ich herzlich bitten, auch an ihrem Teile alles daran zu setzen, daß wir nicht zu Schanden werden. Gott wird Dir geben, was Du bedarfst. Es ist mir selber alles recht wunderbar. Aber der Herr Jesus nehme es nur alles in Seine selbsteigenen Hände...

Deine Mutter.


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An Schwester Selma Trautwein.
Neuendettelsau, 16. Nov. 1887

 Meine liebe Selma, der erste Geburtstag im Spital zum Heiligen Geist! Das sind doch wunderbare Dinge, die über Dich gekommen sind. Nun soll der werte Heilige Geist Dich immer näher zu sich nehmen, immer mächtiger Dich durchdringen und immer wirksamer zu Dir reden. Ich danke Dir für Deinen Brief, der mir samt den vorausgehenden Nachrichten ein großer Trost war, denn es bangte mir eben doch ob der unbekannten neuen Küchenwelt. Gott sei Dank für alles! „Du Hilf in allen Nöten!“ Halt nur einmal im Lauf der Zeiten mit den alten Weiblein Kinderschul’. Das dürfte noch fruchtbarer sein als bei den Kleinen, von denen niemand weiß, wieviel sie mit durchs Leben tragen und wieviel sie auf dem Weg verlieren werden. Die Alterchen halten vielleicht den dargebotenen Schatz auf der kurzen Wegstrecke fester.

 Denk nur, gestern kam der Herr A. von Bruckberg an, um sich an richtiger Quelle nach all den Gerüchten zu erkundigen, die jetzt kursieren. Ein Mann hätte ihm berichtet, es wäre nun Polsingen aufgehoben, und jetzt müßte man’s betreiben, daß wir nach Bruckberg ziehen. Ferner wäre ein Herr erschienen, um, angeblich in unserem Auftrag, die Stahlquelle zu untersuchen. Du mußt auch den lieben Gott darum bitten, daß Er uns Bruckberg zuwendet.

Deine Mutter.


An Schwester Selma Trautwein.
Neuendettelsau, 21. Febr. 1888
 Meine liebe Selma, ich komme eben vom Grabe unseres lieben seligen Herrn Pfarrers, der heute vor achtzig Jahren geboren ist. Ich bin so froh, daß er daheim im Frieden ist; ich bat den Herrn, ihm heute eine sonderliche Erquickung zuzuwenden auch für das, was er an meiner Seele getan. Meine liebe Selma, wollen wir an unserm kleinen, geringen Teile sein Erbe bewahren helfen, an unserem Teile für die Ausgestaltung seiner Ideen mithelfen! Wie hätte er sich gefreut über die vielen Schwestern in seinem lieben alten Nürnberg! Wie brannte seine Seele für den Gedanken, daß ein Strom barmherziger Liebe von diesem Orte ausginge! „Eine Macht des Guten werden im Lande“, das war’s, was er unserer Genossenschaft als Ziel und Aufgabe stellte. Liebe Selma, wenn| auch Dein gegenwärtiger Beruf nicht imstande ist, Dir eine volle Befriedigung zu geben – ich begreife das sehr wohl –, so darfst und sollst Du doch an der Gesamtaufgabe mitwirken, und wenn jetzt gerade von Dir ein besonderes Maß von Selbstverleugnung gefordert wird, so laß Dich das nicht verdrießen, ergreif’s fröhlich aus der guten Hand Deines Heilandes und – hab Geduld. „Die Kinder Gottes können warten.“ Wenn Du Dir jetzt Erfahrungen sammelst, so wird das alles einmal noch zum richtigen Austrag kommen.

 Ich las dieser Tage mit großer Bewegung die Aufzeichnungen über die letzten Tage des seligen N. Wie kann der Herr doch Wunder tun mit Seiner Gnade, und wie wird doch erst im Angesicht des Todes eines Menschen wahres Bild offenbar! Wie viele sind vielleicht auch unter uns, die ihren Schatz in irdischen Gefäßen noch tragen, und weil sich das Gefäß oft gar so irdisch ansieht und mancherlei Unebenheit an dem Gefäß ist, so erkennen wir oft den Schatz nicht. „Herr, öffne uns die Augen!“

 Ich grüße Dich in herzlicher Liebe und bleibe Dir immer gut.

Deine Therese.


An eine Schwester.
Neuendettelsau, Sonntag Okuli 1888

 Meine liebe Schwester, nun übergebe ich Dir unsere H., daß Du sie „aufnehmest in dem Herrn“. Möge sie ein Segen sein für Euer Haus und selbst dort gesegnet werden! Und den besonderen Wunsch und die brünstige Bitte hab ich zu Gott, daß der Feind nie etwas zwischen Eure Seelen bringen dürfe, oder, wenn es geschehen, daß der gute Geist Gottes es sofort wieder in Ordnung bringe.

Herzlichen Gruß an alle Schwestern! Deine Therese.


An Schwester Regine Meisinger.
Neuendettelsau, 23. März 1888

 Liebe Regine, zum Eintritt in die heilige Woche möchte ich Dich grüßen und Dir für diese Woche etliche Gebetsaufgaben geben. Unterm Kreuze ist gut beten. Da Er sich selbst uns gibt, wie sollte Er uns nicht alles schenken? Aber Du mußt recht ernstlich bitten.

|  Erstlich erbitte doch für diese Woche eine sonderlich gnädige Heimsuchung des Geistes, daß niemand unter uns, sonderlich niemand von den Schwestern, unberührt bleibe von Seiner Gnade.

 Zum andern bitte doch um die Stärkung des heiligen Geistes, daß niemand unter uns einen Bann auf sich lasten lasse, sondern durch ehrliches, einfältiges Bekenntnis die Last von sich tue.

 Zum dritten erbitte für die ganze Kirche und sonderlich auch für unsere Gemeinschaft die Einigkeit, um die der Heiland selbst im hohepriesterlichen Gebete betet.

 Ein wenig Frühlingssonne scheint jetzt durch die Fenster, Gott sei Dank. Aber wärmer und heißer treffe uns der Sonnenstrahl Seiner wunderbaren Liebe vom Kreuze her.

 Gott behüte Dich, und Er selbst segne Dir die große heilige Woche.

Deine Therese.


An Schwester Babette Gößwein.
Neuendettelsau, Donnerstag vor Pfingsten 1888

 Liebe Schwester Babette, was Deine Frage anlangt, ob die Kinder Dich Mutter nennen dürfen, so muß ich sagen, daß ich darüber jetzt etwas anders denke als weiland in der Blauen Schule. Ich habe da einfach wieder gesagt, was ich von Herrn Pfarrer gehört, der allerdings gemeint, es sei doch keine echte Wahrheit dahinter. Seit ich aber selber die Lebensverhältnisse mehr aus eigener Erfahrung kenne und weiß, wie viel Kinder niemals eine wirkliche Mutter haben kennenlernen, seit ich weiß, daß es doch eine wirkliche Treue und Hingabe auch außerhalb der Blutsverwandtschaft gibt, seitdem denke ich anders, wenn die Kinder so gewohnt sind, laß sie’s nur weiter sagen. Sorge nur, daß Dich niemals der große Ehrenname Lügen straft in dem Sinn, daß Du nicht all Dein Sorgen und Denken, all Dein Lieben und Beten auf die Kinder gehen lässest.

 Laß den Pfingstgeist Dein Herz erfüllen und erfleh’ ihn auch für die Dir anvertrauten Schafe.

In herzlicher Liebe Deine Therese.


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An Schwester Frieda von Soden.
Neuendettelsau, 19. Juli 1888

 Meine liebe Schwester, ich denke, Du bist doch ein wenig mutiger und getroster. Es geht alles vorüber, die guten Tage und die bösen; auch in Reichenhall eilt die Zeit wie ein Weberschifflein, und ich hoffe, Gott schenkt Dir wieder Gesundheit und Kraft... Und Du betest um Reinigung und Läuterung unserer ganzen Sache und Gemeinschaft? Sieh, Du mußt jetzt in Deiner Stille durch Gebet mehr dem Ganzen dienen als in der Arbeit. Ist’s zu viel verlangt, wenn ich öfters um ein Stück Paradiesesfriede und Paradiesesglück für die Dettelsaue bete? Wo so viel Sakramentsgenuß ist, könnte es doch wenigstens zuweilen so vorweg genommen werden. Ach, eine heilige Schar, die „selbstlos liebt“, wie müßte das schön sein!

Deine Mutter.


An Schwester Frieda von Soden.
Neuendettelsau, 7. nach Trinitatis 1888
 Meine liebe Schwester, eben komme ich vom Kirchhof und habe an Herrn Pfarrers Grab Deiner gedacht. O mich verlangt so darnach, daß Du noch einmal gesund wirst. Aber Dein Seelenfrieden und Dein ewiges Heil soll mir obenan stehen. Trag nicht so schwer an Deiner Einsamkeit, Jesus ist ja bei Dir. Schau Dir die schöne Gotteswelt an, und singe und lobe inwendig. Traurig mußt Du nicht sein, auch nicht durch Heimweh traurig. Sieh, wir denken ja Dein, und ewig gehören wir zusammen, und „es gibt nur ein Trauriges“, sagt Chrysostomus, „das ist die Sünde.“ Die Sünde aber ist vergeben. Nicht wahr, das glauben wir fest, und der Feind soll’s uns niemals zweifelhaft machen. Sieh doch diese stille Zeit als eine rechte Gnadenzeit an; da kannst Du viel priesterliches Werk tun. Ach ja, bete viel herunter zwischen Deinen Bergen von den Bergen, von denen uns Hilfe kommt. Bete recht brünstig um die Einigkeit der Kirche und um völlige Harmonie in dem kleinen Bruchteil der Kirche in Dettelsau. Versenke Dich in Joh. 17. Da wollen wir uns manchmal begegnen mit unseren Gedanken. Gedenk auch recht brünstig der B. S. Es liegt mir so auf der Seele, daß wir sie doch auch richtig versorgen, weil sie unausstehlich ist und leicht die| Güte mißbraucht, könnte man in Gefahr kommen, zu wenig zu tun. Sie ist ja doch ein armer Mensch trotz allem.

 Schreib mir nicht; Du sollst möglichst all Deine Zeit im Freien zubringen und nichts tun. „Ich bin der Herr, dein Arzt.“ Amen.

Deine Mutter.


An Schwester Babette Gößwein.
Neuendettelsau, 7. September 1888

 Liebe Schwester Babette, es war eine sehr schöne, reiche Woche, die sich jetzt zu Ende neigt. Herr Rektor nahm mit den Schwestern das Einsegnungsgebet durch. Bitte auch Du recht ernstlich um Segen zum Sonntag. Am Montag, so Gott will, reise ich mit Herrn Rektor und Schwester Amélie von Brück nach Kaiserswerth. Herr Rektor soll dann noch nach Nauheim, und ich soll mit Schwester Amélie etliche Magdalenien besehen, weil wir ein neues bauen und manches anders einrichten wollen. Das alte wird dann wahrscheinlich eine zweite Industrieschule. Es sind sehr viele Schwestern hier, aber da die Schulen weg sind, ist ja Platz.

 Wenn ich doch Deinen Kindern auch eine Freude machen könnte!

 Grüße die Schwestern recht herzlich.

Deine Therese.


An eine Schwester.
Auf der Reise nach Kaiserswerth.
September 1888

 Liebe Schwester, wie schön sind die Weinberge und die fruchtbeladenen Bäume, die wir sehen! Die Erde ist wahrlich voll der Güte des Herrn, und der Mensch soll dankend, lobend, hoffend und sehnend durch diese vergängliche Welt gehen, was wohl der Herr Jesus über die Kaiserswerther Konferenz denkt? Diese Frage legten wir uns auf dem Wege vor. Ich für meinen Teil höre gerne fromme Männer, wenn sie etwas Gescheites reden. Aber dann denk ich auch wieder: Wenn du nur schon wieder daheim wärest!

Deine Therese.


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An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 6. Oktober 1888

 Meine liebe Charlotte, von unserer großen Reise sind wir sehr glücklich wieder zurückgekommen, und ich habe seitdem schon wieder eine kleinere machen müssen nach Neuwetzendorf und Fürth. – Es soll Dich nie reuen, daß Du in die Diakonissensache hineingeschlüpft bist. Es ist doch Gottes Hand und Segen sichtbar dabei, und ich habe auf der Reise tiefgehende Eindrücke empfangen von der Tragweite und Bedeutung der Sache für Gottes Reich. Recht heimlich und traut war’s auch in Dresden. Die meinen’s so gut mit uns. Inzwischen hat uns auch eine Schwester aus Kopenhagen besucht, an der sich meine Seele ergötzt hat. Recht zu denken gab mir die Äußerung, die sie einmal tat: „Ich habe nie wieder solche Demut gefunden wie unter den Schwestern des Straßburger Diakonissenhauses.“ (Dort wurde sie nämlich vorbereitet.) Wie schön ist’s, wenn das von einem Hause gesagt werden kann!

 Wir haben nun das neue Semester begonnen, und ich habe zweimal bei Tisch Hausordnung verlesen. Bald soll angefangen werden, das „Diakonat“ zu bauen. Für’s Magdalenium haben wir einen schönen Gedanken von Dresden mitgebracht, nämlich das Ganze in Kreuzform zu bauen. Das jetzige Magdalenium soll dann Industrieschule Nr. 2 werden. Und was ich noch sehnlich wünsche? Eine richtige Kinderschule am Ort, daß wir dann Kinderschulschwestern richtig ausbilden. Es ist unsere bisherige Praxis kaum mehr zu verantworten. Nun, das wären Bauten auf Jahre hinaus!

Ich grüße Euch alle in herzlicher Liebe. Deine Therese.


An Schwester Sophie Toennießen.
Neuendettelsau, 31. Januar 1889

 Liebe Schwester Sophie, wir haben so fröhlich und schön feiern dürfen. Ich möchte aus Dankbarkeit auch fröhlich und willig die kleinen täglichen Plagen auf mich nehmen.

 Gott sei Dank ging es doch unserm lieben Herrn Rektor immer so, daß er die große Arbeit bewältigen konnte. An unserm| Herrn Konrektor Draudt hat unser Haus je länger je mehr eine überaus wertvolle Stütze. Er ist jetzt in alles so eingelebt, auch in die finanzielle Verantwortlichkeit. Viel Not und Sorge hatten wir letzte Zeit wieder mit Stellenbesetzung. Das ist so schlimm, daß wir in der Tat eine ganz neue Weise ersinnen müssen, um, so weit das in unserer Macht liegt, zu helfen.

 Unsere gute Schwester M. B. nimmt zusehends an Körperkraft ab. Aber es ist so schön, wie ihr inwendiger Mensch ausreift. Neulich sagte Schwester Berta zu ihr: „Wie ist’s einem denn zu Mut so direkt vor den Pforten der Ewigkeit?“ Da antwortete sie: „Alles erscheint einem wie eine große Nebensache.“ – Ja, so ist’s.

 Es gäbe viel zu erzählen von hier, aber ich hab halt keine Zeit. Jetzt ist’s halb acht Uhr, und ich muß zu einer Stunde ins Magdalenium, die ich jede Woche einmal dort halte, und dann noch zu einer Besprechung mit Herrn Rektor etc. etc.

Grüße die lieben Schwestern. Deine Therese.


An Schwester Regine Meisinger.
Neuendettelsau, 4. Febr. 1889

 Liebe Schwester Regine, ich habe eben einen Brief vollendet, den ich allerdings nur im Gehorsam gegen Herrn Rektor geschrieben – an die „Töchter Dettelsaus“. Da hab ich’s versucht, ein wenig etwas von unserem eigentlichen Glück zu sagen. Es bekümmert mich, daß trotz aller Gnadenströme, die von der ewigen Liebe auf uns fließen, es doch so wenig wirklich glückliche Menschen gibt, wenigstens kommt es mir so vor. Ich glaube, es liegt das mit daran, daß wir die Hauptsachen nicht als Hauptsachen nehmen, ich meine die feststehenden ewigen Dinge, und daß wir hingegeben sind an die wechselnden, wandelbaren, untergeordneten Sachen, „wer nicht glücklich ist, ist nicht fromm“, hat unser seliger Herr Pfarrer so oft gesagt. Ich weiß schon, man kann sich’s nicht geben, und das Unglücksgefühl hat oft allerlei Ursachen, über die wir nicht immer Herr sind. Aber dennoch sollte mehr Glück unter uns sein. Nun vollends wir „Diakonissengeschöpfe“, wir sollten von Glück und Freude und Dank überströmen.

|  Ich glaube, daß man auch bei der Kindererziehung viel beitragen kann zu einem glücklichen späteren Leben. Abgesehen von den Hauptsachen, auf die es dabei ankommt, soll man doch ja auch keine Launenhaftigkeit und unbegründete Verdrossenheit bei den Kindern dulden.

 In letzter Zeit beschäftigt mich auch zuweilen der Gedanke, daß wir doch bei der Kindererziehung uns recht die Weisheit erbitten sollen, die den richtigen Unterschied macht in der Behandlung der Fehler und der Sünden. Daß ein Kind einmal, was man so nennt, „über die Schnur haut“, ungezogen sich benimmt etc., ist ja nichts Schweres. Aber wenn man Lüge oder verstecktes Wesen wahrnimmt, da soll man mit großem Ernst und heiliger Strenge eingreifen. Ich würde als ein Ziel, das unter allen Umständen zu erstreben ist, das Doppelte stellen: die Kinder müssen gehorchen, aufs Wort gehorchen, und sie müssen wahr und aufrichtig sein und sich geben, wie sie sind.

 Grüße die Schwestern und auch alle Deine Kinder.

In treuer Liebe Deine Therese.


An Schwester Elisabeth von Oldershausen.
Neuendettelsau, 11. Mai 1889

 Meine liebe Elisabeth, ich möchte Dich doch gerne jetzt manchmal am Sonntag grüßen und dadurch mit Dir in lebendiger Geistesgemeinschaft feiern. Ich ertappe mich immer wieder über einem so „Zuleben“, das wie eitel Tod ist, und es ist doch die Zeit jetzt vorsichtig zusammenzunehmen, sonst überfällt uns doch das Ende ungerüstet und plötzlich. Laß uns darin auch einander behilflich sein, daß wir uns bereiten.

 Morgen ist Jubilate. Herr Rektor wird noch einmal predigen, dann geht er auf lange fort (nach Nauheim). Ach, wenn’s noch einmal würde, wenn die frühere Kraft käme mit der Fülle der Erfahrungen, die er selbst machen durfte, und wir, durch all die Zucht bereitet, nun wirklich ein „Werk des Amtes“ würden, einfältig offen für alles, was Gottes Barmherzigkeit uns durch den Dienst des Amtes zuführt: Vor vielen Jahren hatte ich solch eine Sehnsucht, es möchte noch einmal Frühling werden unter uns, – und es ist in gewisser| Weise ein neuer Frühling gekommen –, aber jetzt regt sich noch einmal das heiße Verlangen: noch ein Frühling, aber mit dem Hintergrund all der Erlebnisse, die wir an Seiner Hand gehabt, noch ein Frühling in Dettelsau, in der Genossenschaft, in den Schulen, auf allen Stationen, so schön, wie er jetzt draußen hingegossen ist über die Gotteswelt, die uns wie ein schönes Bilderbuch die Gewißheit Seiner Verheißungen schauen läßt.

 ...Wir wollen miteinander in unserm kleinen Kreise die Harmonie anbahnen helfen, die in der Ewigkeit unser unaussprechliches Glück sein wird.

In inniger Liebe Deine Therese.


An Schwester Elisabeth von Oldershausen.
Neuendettelsau, 18. Mai 1889

 Meine liebe Schwester, es sollte doch, wenn’s recht zuginge, so jede Woche etwas wirkliches austragen für den inwendigen Menschen, und wenn der Samstagabend kommt und der Sonntag mit seinen Segnungen vor der Tür steht, dann müßte die arme Seele jedesmal etwas durstiger sein nach den ewigen Dingen. Ist doch auch jede Woche mit ihrem Getriebe dazu angetan, uns das Irdische und Vergängliche unwerter zu machen.

 Heut wollte sichs schon recht wie Verzagtheit in mir regen ob der schweren Dinge unter uns und ob meiner Ohnmacht, sie zu tragen. Aber es darf der Unglaube nicht siegen. Jesus führt Sein Werk zum Ziele und nimmt uns, die wir doch Ihn wollen, mit auf dem Siegeswege.

 Von Nauheim lauten die Nachrichten beruhigend. Frau Rektor hat mir einen so lieben Brief geschrieben. Ihre feine, fromme Seele lernt man immer erst wieder richtig kennen bei tiefergehenden Aussprachen. Mein Herz wird recht herumgeworfen zwischen Furcht und Hoffnung. Wir dürfen ja dem Heiland alle Güte und alle Barmherzigkeit zutrauen und auch die Vergebung unserer Sünden glauben. Es ist allenthalben durch Krankheitsnachrichten von Schwestern ein starker Ruf zur Buße zu hören, wie sehnt sich doch oft meine| Seele, daß die Gabe der Heilung möchte in reicherem Maß gegeben werden! Vielleicht wäre sie da, wenn nicht alles Heil von den Ärzten erwartet würde.

 Herr Konrektor hat über den Simson gepredigt. War das ein Mann! Ein verfehltes Leben nannte Herr Konrektor sein Leben trotz seiner hohen Begabung. Ach, unser Leben ist klein und gering; aber wenn’s doch nicht einst hieße: Verfehlt!

Deine Therese.


An Schwester Charlotte Kollmann.
Polsingen, 28. August 1889

 Meine liebe Charlotte, heute steht St. Augustinus im Kalender, und daraus folgt, daß morgen Dein Geburtstag ist. Wir Polsinger Leut wollen auch nicht fehlen unter den Gratulanten; – ach, das weißt Du, daß ich Dir so viel Gutes wünsche, als nur ein Mensch dem andern wünschen und gönnen kann. Und wir wollen die übrige Strecke des Weges miteinander pilgern zum seligen Ziele, das Sein Erbarmen uns gezeigt.

 Ich befinde mich hier im lieben Polsingen sehr wohl, mache ganz ungewöhnliche Exkursionen und ruhe und schlafe, daß die „Erholung“ mit allen Kräften betrieben wird. Ich wollte, es würde jetzt eine Weile permanent schön und wir könnten einen Plan ausführen, über den ich noch mehr entzückt bin als meine bedächtige Schwester. Ich habe solch ein Verlangen, unser Pfarrhaus in Weiltingen wiederzusehen. Das sollte ein kleines Reislein nächsten Montag werden, wenn Gott und Schwester Marie es erlauben...

 Grüße alle im Haus. In herzlicher Liebe

Deine alte Lebensgefährtin Therese.


An eine Schwester.
Neuendettelsau, 11. November 1889
 Meine liebe Schwester, schreib mir doch gleich, wie es Dir geht, recht einfach und klar. Herr Rektor sorgt sich um Dich, weil er denkt, Du bleibst nachts lange auf. Ist das so? Und ist das denn nötig? Bitte, schreib mir Deinen ganzen Tageslauf. Was für Unterricht gibst Du? Sieh, da meine ich, man| müßte doch recht einfach sein, was Du nicht leisten kannst, verlangt doch kein Mensch von Dir. Da darf man doch einfältig sagen: Das kann ich nicht... Wenn es Dir zu schwer ist, so kann man ja an einen Wechsel denken. Doch muß uns das auch gezeigt werden, wir lassen uns ja bei den Besetzungen ganz von Gottes Wink und Weisung leiten. Nicht wahr, Du verzagst nicht, auch wenn es innerlich trüb und dunkel aussieht: Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, und wenn nicht Not und Elend unsagbar groß wäre, wozu hätte es solcher Veranstaltungen bedurft? Gott wird Mensch, um zu leiden und zu sterben.

 Sage den Schwestern herzlichen Gruß.

Deine Mutter.


An eine Schwester.
Neuendettelsau, den 20. Nov. 1889

 Meine liebe Schwester, wie freue ich mich mit Dir, daß Du so gesegnet worden bist! Ich dachte heut schon ganz frühe an Dich, und da kam mir’s so in den Sinn, als sollte ich Dir etwas sagen. Vielleicht ist’s ganz unnötig, aber Du verstehst mich auf alle Fälle nicht falsch. Ich meine dies: nach solch großen Nöten und solch großer Hilfe ist große Vorsicht notwendig. Man ist – wenigstens nach meiner Erfahrung – wie aus dem Ei geschlüpft und muß sehr behutsam einhergehen. Kleine Untreuen, kleine Rückfälle in Sünden trüben das wiedergewonnene Verhältnis, und es ist alles so zart, so überaus zart in den Dingen des inneren Lebens. Nicht wahr, Du hältst es nicht für anmaßend, daß ich Dir das geschrieben?

 Wolltest Du mir einiges besorgen? Ich bin immer schüchtern mit Aufträgen, und doch kann man ja hier nicht das Nötige haben, wenn man irgend eine Idee ausführen möchte...

 Ich freue mich, wenn Herr Rektor wieder zurück ist. Es ist eine unaussprechliche Gnade, daß er wieder so viel kann.

In Treue und Liebe Deine Therese.


An Schwester Sophie Toennießen.
Neuendettelsau, 20. Nov. 1889
 Mein liebes Sophiechen, eigentlich geniere ich mich ein wenig, mit dem, was ich im Sinne habe, zu Dir zu kommen. Ich hätte halt gern Deine Mithilfe erbeten bei der Sache,| die ich noch vor Weihnachten in Ordnung bringen möchte. Wir haben jetzt, nachdem Bruder Schmidt mit seiner Familie schon lange ausgezogen ist, die ganze Wohnung von der Bäckerei gemietet, und ich will sie zu Schwesternzimmern einrichten. Da das aber in meiner Kasse nicht vorgesehen ist, so bin ich etwas in Verlegenheit und möchte doch die Zimmer nicht noch länger unfertig und unbewohnbar lassen, würdest Du und könntest Du mir ein wenig dazu helfen? Du darfst es mir ja auch abschlagen, wenn Du es nicht gut kannst. Dann verzeih mir meine Bitte.

 Ich liebe die trüben Novembertage, sie kommen mir immer so ahnungsreich und geheimnisvoll vor. O liebe Schwester, wenn wir einmal einen tiefen Blick tun dürften in das Geheimnis der Menschwerdung! Ich wünsche Dir, daß Du diesmal Advent und Weihnachten feiern dürftest, wie Du’s noch nie gefeiert. O wenn wir die große Gnade und Ehre erfassen würden, dann wäre uns alles andere gering.

 Gegenwärtig unterrichten wir wieder einen Bruder für Polsingen. Er heißt auch Leonhard, wie der erste, den wir dies Frühjahr vorbereiteten, ist auch ein geistlich erweckter Mensch, wenn auch nicht so schön beanlagt wie Leonhard Bertlein. Es ist so eine große Freundlichkeit Gottes, daß er uns gerade zu der Zeit, da wir’s so nötig hatten, diese zwei Leonharde zuschickte.

 Wir sind jetzt immer in recht warmer Fühlung mit dem Diakonissenhaus Philadelphia in Amerika. Schwester Magdalene Steinmann, die in der Blauen Schule war, ist dort eingetreten und bereits eingesegnet und hat ihr Amt als Probemeisterin angetreten. Es scheint nun ein fröhliches Wachstum dort zu beginnen, und mir ist’s eine solch große Freude, daß wir wenigstens indirekt für den fernen Westen Handreichung tun durften. Wie würde sich der liebe selige Herr Pfarrer über die Sache gefreut haben! wenn die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf mit Macht herein. So ist’s in allen Fällen. Behüt Dich Gott, liebes Sophielein, bald singen wir: „Wie soll ich dich empfangen.“ Möchte auch allen Deinen Kranken ein heller Schein in die Herzen gegeben werden. Grüße alle!

Deine Therese


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An Schwester Regine Meisinger.
Neuendettelsau, 9. Dez. 1889

 Meine liebe Regine, ich wünsche Dir eine reich gesegnete Advents- und Weihnachtszeit. Ach, wir wollen uns doch unserem Heiland ganz ergeben und all unsere Zuflucht zu Ihm nehmen in allen großen und kleinen Anliegen, wie geborgen können wir uns doch fühlen, daß wir einen solchen allmächtigen Gott und Helfer haben! Bete nur immerzu um Stärkung des Glaubens für Dich und mich und für unsere ganze Gemeinschaft. Es ist ja alle Hilfe und aller Reichtum da, nur daß wir im Glauben zugreifen und nicht zu schüchtern und nicht zu träge sind.

 Daß es unserm lieben Herrn Rektor wieder so gut geht, dafür können wir gar nicht dankbar genug sein. Es ist eine große, unverdiente Gnade...

 Laß Dir doch bei den Kindern das recht angelegen sein, daß Du sie nach ihrer Eigenart studierst. Kinder wollen verstanden sein, wir Alten auch. Es ist in uns allen ein tiefes Verlangen, verstanden zu werden. Dem müssen wir Rechnung tragen im Verkehr mit Jungen und Alten.

Behüt Dich Gott! Deine treue Mutter Therese.


An Schwester Selma Trautwein, München, Asyl.
Neuendettelsau, 13. Dezember 1889
 Meine liebe Selma, hier schicke ich Dir ein Büchlein, das Du lesen wollest. Es war mir merkwürdig, daß ich dies Büchlein in die Hände bekommen mußte, nachdem mich seit Jahren die Sache mit den schlechten Häusern bewegt hat. Meine Selma, ich wünsche Dir nie ermüdende Geduld in Deinem Beruf. Der tiefe Blick in die göttliche Geduld, den Du tun mögest, sei Dir immer neue Stärke in der Geduld mit den armen Seelen. O wie viel Täuschung muß auch Schwester Amélie hier im Magdalenium erleben! Und doch, und doch! Laß uns nicht müde werden. Satan soll nicht das letzte Wort reden auf diesem Gebiet. Es ist mir doch wie ein göttliches Siegel zu dieser Arbeit, daß gerade in der letzten Zeit solch ein neuer, frischer Wind weht. Dich hat Gott nach München gerufen, uns hat Er zu dem Haus getrieben, das nun dasteht,| wir wissen selbst kaum, wie. Im Magdalenium ist alles so vollgepfropft, wie es noch nie war.

 Jetzt feierst Du die erste Advents- und Weihnachtszeit in München. Die Tage sprachen wir davon, wie wir einst die „Zweiglein der Gottseligkeit“ im Walde suchten und wie Du gerufen: „Hui Moab, mache dich zur Ausbeute!“ Weißt Du’s noch?

 ...Ich bin heute so besonders dankbar. Es ist alles anders, wenn der Friede der Absolution Leib und Seele durchströmt. Und wir dürfen immer von diesem Frieden leben.

In herzlicher Liebe Deine Therese.


An Schwester Sophie Toennießen in Marienberg.
Neuendettelsau, 21. Dezember 1889

 Liebe Schwester Sophie, einen herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstag, den Du auch so in der Nähe des Christkindleins feiern darfst. Ja, wir wollen immer ganz nah am Kripplein sein und den Trost der Menschwerdung einsaugen, daß wir ganz davon durchtränkt werden. Ich bin eben im Wald gewesen, wollte am Vorabend meines Geburtstags noch ein wenig Stille haben und auch noch „Zweiglein der Gottseligkeit“ einsammeln. Es ist wunderbar schön draußen, wie wenn die Natur ein Geheimnis einhüllte, das bald offenbar werden sollte. Mir kam es so wunderbar vor, daß Gott alle Seine großen Werke nicht ohne die Menschen tun will. Er brauchte sie ja nicht, aber Er will sie brauchen, der wunderbare Gott! Was soll’s doch einmal für ein Danken geben, wenn wir alles im Licht erkennen; aber wir wollen doch schon anfangen im dunklen Tal, damit wir’s dort können.

 Mit Bruckberg sind die Verhandlungen eingeleitet. Ich kann nur bitten, Gott wolle es ganz in Seine gnädige Hand nehmen. Aber wenn Er es uns zugedacht hat, wohl damals schon, als der alte Markgraf es für seinen Sohn baute, dann wollen wir auch nicht faul sein, sondern frisch zugreifen. Das Liebste bei allem ist mir dann immer, daß noch eine Stätte der Anbetung mehr gestiftet wird. Im Schloß ist ein schöner Betsaal schon fix und fertig. Herr Konrektor hat neulich die Orgel| gespielt, als die Kommission zur Besichtigung dort war, und Bauwart Stapfer hat Wind gemacht.

 Herr Rektor ist wieder so frisch wie je, nur daß sein Haar bald ganz weiß sein wird und daß hie und da sich das Herz bemerkbar macht. Aber wie hat Gott dieses Leid gewendet! Herr Konrektor ist uns je länger je mehr der „treue Gehilfe“ am Werk, der uns ein heiliges Beispiel, sonderlich in der Demut und Selbstverleugnung und Pflichttreue gibt.

 Grüße Frau Domina vielmals. Wenn Bruckberg gekauft wird, muß sie einmal mit Schwester Marie Regine hinüberfahren, wenn sie uns wieder besucht. Hab noch einmal vielen Dank!

Deine Therese.


An eine Schwester.
Neuendettelsau, 18. Jan. 1890

 Liebe Schwester, ich wünsche Dir speziell für den Pflegedienst immer einen Engel an die Seite, der Dir hilft und Dich an alles erinnert, worauf es ankommt, übrigens ist es etwas Eigenes um die Krankenpflege. Jede weiblich angelegte Natur fühlt sich wohl dabei, und es hat etwas überaus Befriedigendes, all die kleinen Bedürfnisse der hilflosen Kranken zu bemerken und sie zu stillen.

 Ich habe bemerkt, daß Dir eine schöne Gabe der Ordnung zu eigen ist, die halte ich für alle Berufe als eine Grundbedingung irgendwelcher wirklichen Leistung. Ich halte es schon für etwas Großes, wenn unsere Schwestern überall, wo sie hinkommen, gründliche Ordnung verbreiten. Das ist auch ihr Beruf, aber, versteht sich, nicht der wesentliche. Möchte Dir die Gnade geschenkt werden, die Hauptsache zu tun, Deine Kranken zum Heiland zu weisen ohne viel Worte durch die Art und Weise, wie Du dienst.

 Lies insonderheit die Krankenheilungen, und lausche es dem Heiland ab, wie Er mit den Kranken verkehrt.

Deine Therese.


Aus einem Schwesternkapitel.
Am 20. Januar 1890
 Durch die ganze Heilige Schrift zieht sich das Gleichnis der Brautschaft, der Hochzeit, der Ehe. Gott will mit Seinem| Volke, mit Seiner Kirche in dem Verhältnis eines Bräutigams zu seiner Braut stehen, und alle irdische Ehe und Brautschaft hat wohl als höchsten Zweck den einen, dies ewige, wunderbare Verhältnis abzuschatten. Eph. 5, 23 ff.

 Aber noch von einem andern Bund wissen wir, den Gott, nachdem die Zeit erfüllet war, mit der einzelnen Seele schließt: es ist der Bund in der heiligen Taufe, wie Israel ein königliches, priesterliches Volk sein sollte und Sein Eigentum vor allen Völkern, so wird jede einzelne Seele zur Königin und Priesterin und zu Gottes Eigentum geweiht in der heiligen Taufe. Er will mit jeder einzelnen Seele, die Er in der heiligen Taufe erwählt hat, in dies unaussprechlich nahe und innige Verhältnis treten.

 Dies einzigartige Verhältnis ist aber selbstverständlich kein Vorrecht einzelner Menschen, etwa solcher Menschenkinder, die als Jungfrauen durchs Leben gehen. Alle, alle, sie mögen in oder außer der Ehe leben, Männer oder Frauen heißen, sollen Gott verlobt sein.

 Die gottverlobte Seele wacht ängstlich darüber, daß kein Mensch und keine Sache in ihrem Herzen einen Platz einnehme neben Jesu. Er muß der König sein, und die Liebe zu Ihm muß die Herrschaft haben. Sie kann nicht anders, als alles in Beziehung zu Ihm setzen. All ihre Weisheit und Klugheit auch für das irdische Leben quillt aus dem Verhältnis zu Ihm, und eine Beurteilung außerhalb des Zusammenhanges mit Ihm, etwa sogenannte praktische, nüchterne, geschäftliche Lebensanschauungen, wenn sie nicht in der engsten Verbindung mit Ihm bestehen können, kennt sie nicht.

 Ein weiterer Zug der gottverlobten Seele ist das rückhaltlose Vertrauen zu ihrem Seelenfreunde, der es ewig gut mit ihr meint und bei dem sie wohl geborgen ist. Aus diesem Vertrauen folgt die Gelassenheit der Seele in allen Stücken, denn sie weiß: ein anderer sorgt für mich, und alles unruhevolle Treiben und Abmühen in der Menge der eigenen Wege hat für mich ein Ende. Hieraus folgt mit Notwendigkeit als normaler Zustand der des stillen Glückes und der tiefinnerlichen Zufriedenheit.

 Doch ist noch nicht die Zeit der gefahrlosen Sicherheit hereingebrochen. Das weiß die Seele; sie weiß, daß Satan und| seine Dämonen einhergehen und es auch auf sie abgesehen haben. Sie weiß, daß noch die Sünde in ihr ist; sie weiß, daß noch tausendfältige Gefahr sie umringt. Deshalb ist mit der Freude noch gepaart Furcht und Zittern, deshalb gilt’s mit aller Kraftanstrengung zu wachen, das Auge auf’s Ziel gerichtet zu haben und die Seele alle Stunden in Händen zu tragen.

 Und wenn die Gefahr der eigenen Untreue, der falschen Sicherheit die Seele zu übermannen droht, so ist Er treu; Er wird ihr Versuchung schicken und Anfechtung. Dann muß die Seele unter Schmerzen ihr heiliges und gewisses „Dennoch“ sprechen lernen: „Dennoch bleib ich stets an Dir.“


An Schwester Regine Meisinger.
Neuendettelsau, 27. Januar 1890

 Meine liebe Schwester Regine, ich bitte immer wieder, daß man sich wegen Bruckberg zu ernstem Gebet vereint: daß nur Sein Wille geschehe. Nachdem der Besitzer uns ein Angebot von 80000 Mark gemacht, schon vor Wochen, haben wir ihm jetzt ein viel niedrigeres gemacht und harren nun der Antwort.

 Behüt Dich Gott! Der gute Geist spreche allezeit zu Dir tröstend und mahnend und warnend, und Du habe ein feines Ohr, Ihn allezeit zu vernehmen.

In herzlicher Liebe Deine Mutter.


An Schwester Regine Meisinger.
Neuendettelsau, April 1890

 Meine liebe Regine, ich bin so dankbar, daß Herr Rektor ohne Störung oder doch fast ohne Störung den Konfirmandenunterricht hat zu Ende führen können. Nun beschäftigt uns das große Anliegen um einen guten, frommen Diakonus, da Herr Anthes uns anfangs August verlassen wird. Bete auch ernstlich in dieser Sache.

 Wenn Du hierher kommst, gehe ich recht weit mit Dir spazieren in unserm stillen Wald. Er ist mir immer eine große Wohltat.

In mütterlicher Liebe Deine Therese.


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An Schwester Frieda von Soden.
Neuendettelsau, 16. April 1890

 Meine liebe Frieda, es war so schön an der Konfirmation. Der liebe Herr Rektor konnte doch alles zum Ziele führen, und heut hat er das Semester eröffnet. Gestern war mir mein Herz so bewegt: ein Pfarrer von Himmelkron war hier, ein frommer, ernster, sehr gescheiter Mann, wie mir schien. Der bittet um zwei Schwestern zum 1. November. Seine Frau hat bisher eine ganze Industrie in Händen gehabt, hat den Leuten Garn besorgt zu Filetarbeiten und dieselben dann versandt; dadurch ist dem armen Dorf aufgeholfen worden. Jetzt kann sie’s nicht mehr; da soll eine Schwester, eine richtige Industrieschwester hin, die den Armen des Dorfes in dieser Weise dient. Das große Schloß in Himmelkron, sagt der Pfarrer, sollen wir kaufen und eine Zweiganstalt hineinlegen. Das ist nun das sechste Schloß, das wir kaufen sollen. Am gleichen Tag waren die Bruckberger Herren mit einem Berliner Agenten hier. Nun beschäftigt uns auch sehr der Nachfolger des Herrn Diakonus. Morgen schon will sich ein Herr vorstellen, an den man denkt. Viel ist da zu beten, liebe Schwester.

 Grüß alles schön. Und Gott segne Dich tausendmal.

Deine Mutter.


An Schwester Marie Wörrlein.
Neuendettelsau, 28. April 1890
 Meine liebe Schwester, nun ist’s doch viel schneller gegangen mit Deiner guten Mutter, als Du gedacht, und es ist immer ein Schmerz, wie man ihn vorher nicht gekannt hat, wenn das Kindesherz vom Mutterherzen sich für dieses Leben losreißen muß. Aber wie viel Trost hast Du bei Deinem Schmerz! Es ist ein unbeschreibliches Glück, eine fromme Mutter gehabt zu haben. Und zum andern kennst Du den, der sagt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Und zum dritten bekennst Du mit der Kirche: „Ich glaube eine Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben.“ Da kann man schon getrost weiterpilgern Ihm entgegen, der uns droben die Stätte bereitet, und auch denen entgegen, die im Vaterhause auf uns warten. Meine liebe Schwester, laß uns, je mehr nahstehende Seelen wir im Himmel wissen, desto freier werden| von irdischen Banden und himmlisch gesinnt werden, wie Er uns haben will. Grüße alle die Schwestern, und sei Du ganz innig gegrüßt von
Deiner Therese.


An Schwester Käthe Hommel im Feierabendhaus.
Kempten, Sonntag Rogate abends 1890

 Liebe Schwester Käthe, ich danke Dir recht schön für Deinen Brief, um den ich recht froh war. Es geht mir gottlob recht gut auf der Reise, nur fühle ich das zunehmende Alter und die abnehmende Elastizität. Man sollte doch bei den Besuchen auch etwas geben können, und ich habe namentlich von dem Memminger Besuch den Eindruck, daß mir’s nicht geschenkt war, das Rechte zu treffen. Die Schwestern waren aber gut, und ich freute mich dort über manches. Ihr müßt aber schon immer recht beten, daß solch eine Reise doch nicht vergeblich sei. Gestern mittag kam ich hieher nach Kempten. Ich machte gleich gestern Besuch bei einer Dame, von der man mir in Memmingen sagte, daß sie gern wegen entlassener weiblicher Sträflinge reden wolle. Dieser Besuch war mir sehr wertvoll. Ihr Mann ist Landgerichtsdirektor, Altkatholik, die Frau voll Interesse und Verständnis für alles, was wir treiben. Sie war heut gleich wieder bei mir und fragte, wie sie es wohl anfangen müsse, um einen Magdalenenverein ins Leben zu rufen. Hier ist seit einiger Zeit eine merkwürdige Bewegung unter den Altkatholiken. Mehrere Übertritte zu unserer Kirche haben stattgefunden, andere stehen noch bevor. Aber wie ist mir mein Herz so weh gewesen heut im Gottesdienst! Den Leuten sollte doch mehr geboten werden. Da wurde zuerst unter all den schönen Liedern, die wir im Gesangbuch haben, das allerwässerigste und ungesalzenste gesungen. Dann stimmte ein Männerchor ein Lied an – ich weiß nicht, was es war, verstand keinen Text, es war, wie wenn der Frühling besungen würde. Dann ging ein Teil der Männer zur Treppe herunter und zur Türe hinaus. Dann sang wieder die Gemeinde: „Jesu, meine Freude“, aber nur einen Vers, dann betrat ein Pfarrer mit Schnurrbart die Kanzel. Der Segen wird vom Altar gesprochen. Von der Predigt konnte man ja schon etwas mitnehmen.

|  Es waren heut noch drei Memminger Schwestern hier, ich bleibe morgen noch hier. Am Dienstag mittag fahre ich nach Lindau, am Freitag nach Augsburg, am Montagmittag hoffe ich daheim zu sein. Es ist hier und in Memmingen ein rechter Zusammenhang zwischen den Schwestern und den Pfarrern und auch zwischen den Schwestern und der Gemeinde.

 Meine Gedanken sind natürlich sehr viel mit unserem zukünftigen Diakonus beschäftigt. Gott wird uns ja nicht zuschanden werden lassen mit unserem Bitten und Flehen. – Es ist eine ganze Fülle von Eindrücken, die solch eine Reise bringt, und ich wünsche mir viel innere Stille zum richtigen Aufnehmen.

In treuer Liebe Deine alte Lebensgefährtin Therese.


An Schwester Frieda von Soden.
Neuendettelsau, 23. August 1890
 Meine liebe Frieda, ich bin freilich sehr, sehr glücklich, daß unser lieber Herr Rektor wieder da ist. Wir hatten aber am Anfang manche Sorge. Er hatte ein paarmal nachts recht beängstigende Affektionen – vom Herzen aus, oder Asthma, man weiß es nicht bestimmt. So trug der 10. August einen sehr ernsten Charakter, aber es ist seitdem schon wieder viel Segen und Kraft von unserm lieben Hirten ausgegangen. Am 20. August wurde das neue Magdalenium geweiht. Ein großer Segenstag! Du wirst Dich wundern und freuen über das schöne, große Haus. Und heut hat man das Dach des Waschhauses der Industrieschule aufgerichtet. Demnächst wird das Isolierhaus begonnen. Es ist ein Schaffen und Drängen allüberall, daß mir’s wunderbar zu Mute ist. Am 2. September soll Schwester Marie Peitzner im Nürnberger Spital als Oberschwester eingeführt werden. An demselben Tag soll die Gemeindepflege in der Vorstadt St. Peter übernommen werden. Am 3. September kommt der neue Herr Diakonus Maier, von dem wir viel Gutes hören. Am 4. September reist Herr Konrektor mit mir nach Himmelkron! Am 9. September will Herr Rektor, wenn er wohl genug ist, Schwester Sophie Renner nach München begleiten zur Übernahme der neuen Krippe. Es ist so viel Bewegung unter uns, daß man recht auf der Hut sein muß, daß man stille bleibt. Dabei ziehen seit| Wochen mehrere Herren in der Gegend herum und messen das Terrain wegen eines Eisenbahnbaues.

 Bete noch recht ernstlich für die Ökonomie. Es ist jetzt bestimmt, daß Bruder Leonhard Bertlein sie übernehmen soll. Bete auch recht, daß wir wegen Himmelkron und Bruckberg Klarheit bekommen. Ich wäre dafür, daß wir nach Himmelkron männliche und nach Bruckberg weibliche Blöde täten.

Gott behüte Dich! In inniger Liebe Deine Mutter.


An Schwester Elisabeth von Oldershausen.
Neuendettelsau, 13. September 1890
 Liebe Schwester Elisabeth, hier zog der neue Herr Diakonus ein, hat am Sonntag eine warme, einfache Antrittspredigt gehalten und ist von Herrn Rektor der Gemeinde vorgestellt und am Altar gesegnet worden. Den Tag nach der Ankunft des Herrn Diakonus reiste ich mit Herrn Konrektor nach Himmelkron, wo ich sehr tiefe, nachhaltige Eindrücke empfangen habe, als ob dort alles auf uns wartete. Ich möchte wohl mit Dir einmal dorthin gehen, wo Geschichte und Sage, Kirche und Welt, Natur und Kunst in wunderbarer Verschlingung eine Welt geschaffen haben, die merkwürdig ist. „Ich hoffte immer“, sagte Pfarrer Langheinrich, „ein Prinz käme; nun soll Dettelsau der Prinz sein, der Dornröschen aus seinem Schlaf erweckt und erlösend und befreiend wirkt.“ Ich muß Dir schon bald einmal das alles mündlich erzählen können, was ich da in mich aufgenommen, ich muß es auch an jemand hinreden, der es versteht. Auf dem Rückweg ging ich nach Bayreuth, zu allererst zu dem „Haupt“ unseres dortigen Freundeskreises und sagte ihm, es läge uns daran, zu wissen, wie unsere Freunde zu der Sache stünden. Er sagte, es wäre ihm innerlich gewiß, daß da etwas würde, nur stimmt er mit Herrn Rektor überein, daß man langsam vorangehen solle. Am andern Morgen ließ mich Herr Bergrat in seiner überschwenglichen Güte an die Bahn fahren, da kam Freund Felbinger an den Wagen und sagte: „Wird etwas aus Himmelkron, dann sichere ich Ihnen hiemit 300 Mark zu.“ Mit diesem Samenkorn zog ich heim. O wenn Du den Kreuzgang sähest, der noch teilweise erhalten ist dort! Ein Bild stellt die Kirche| dar, wie sie über den Wogen und Wassern steht und nicht untergehen kann, wenn gleich „das Meer wütete und wallete.“ An der Grabstätte der „weißen Frau“ und an ihrer „Martersäule“ bin ich auch zweimal gewesen. Der Pfarrer sagt: „Ach, was sind 40000 Mark, wenn man damit einer Gemeinde aufhelfen könnte!“ Der glühende Wunsch, seiner Gemeinde zu dienen, ist nämlich bei ihm das treibende Prinzip von allem...
Deine Therese.


An Schwester Frieda von Soden.
Neuendettelsau, 2. Oktober 1890

 Meine liebe Frieda, heute war Herr Pfarrer Braun da, der Freimundschreiber, ein Neffe von Schwester Marie Regine, der sagte: „Wir wollen für jeden Tag Gott danken, da wir Herrn Rektor noch haben.“ Er ist solch ein gescheiter Mann, der Herr Pfarrer Braun, und ich mag ihn so gern. – Recht viel muß ich jetzt an Himmelkron denken. Ich glaube, das ist der Ort, wo wir endlich noch ein Filial gründen sollen. Fromme Zisterzienserinnen haben da vor Zeiten ein beschauliches Leben geführt, Töchter des oberfränkischen Adels. Ein wunderbar schöner Kreuzgang ist noch teilweise erhalten. Es scheint jetzt alles nach Himmelkron zu weisen. Hilf uns Licht und Weisheit erbitten, daß wir Gottes Weg und Willen erkennen. – Der neue Herr Diakonus hat solch eine schöne Singstimme und hält die Liturgie so feierlich. Das ist auch eine Freundlichkeit Gottes, denn Herr Rektor kann doch nicht mehr so, und Herr Konrektor ist nicht musikalisch. – Ich gebe in der Blauen Schule eine Stunde wöchentlich, in der ich das Leben Jesu durchnehme. Das ist mir eine rechte Freude.

In herzlicher Liebe Deine Mutter.


An Schwester Frieda Küchler im Kindergarten Neuendettelsau.
Himmelkron, 19. November 1890,
am Tag der lieben heiligen Elisabeth.

 Meine liebe Frieda, von Himmelkron aus der erste Schwesternbrief nach Dettelsau! Ich kann mir nicht helfen, es dünkt mich doch hier wie keimendes, sprossendes Leben. Gottes Güte und Macht wolle es versehen!

|  Wir sind glücklich gestern angekommen, von Frau Pfarrer in Trebgast mit dem Wagen erwartet. Nachher soll die feierliche Einführung im kleinen, traulichen Häuschen sein. Als wir eben hieher wollten, ruft’s hinter mir meinen Namen. Da stand richtig Bauwart Stapfer von Dettelsau da zu unserer Freude, was ich nun heute will mit meinem Briefe an Dich, das ist Folgendes:

 Sei doch so gut und kaufe bei Bruder Heider hundert Renzsche Bilder (suche sie aber aus für die Kinder), und kaufe bei Stürzenbaum Spielsachen, billige, nette, brauchbare für die Kinderschule; drei Mark darfst Du aufwenden. Ich ersetze Dir alles, auch Porto, wenn ich wiederkomme. Vielleicht gibt’s auch im Haus die eine oder andere abgelegte Puppe. Schau, daß Du ein wenig was zusammenbringst, und mach ein hübsches Paket an Schwester Henriette Kalbskopf in Himmelkron bei Trebgast, je eher, je lieber. Ein Mägdlein hier hat schon die Sorge ausgesprochen: „Muß man bei der Schwester den ganzen Tag beten und darf gar nicht spielen?“ Da möchte man sie doch überzeugen, daß sie „auch“ ein wenig spielen darf.

 Bauwart wußte nichts Genaues von Herrn Rektors Befinden; vielleicht höre ich morgen etwas in Kulmbach. Ich ging doch mit Sorge fort. Grüß alles schön, und besorg mir das gut für mein liebes Himmelkron.

Deine Therese.


An Schwester Selma Trautwein in München.
Neuendettelsau, 18. Dezember 1890
 Meine liebe Selma, es ist alles so aus dem Geleise gekommen, daß Du diesmal auch keinen Brief zu Deinem Geburtstag bekommen hast, – es fing da auch schon Herrn Rektors Krankheit an, und Du wirst vielleicht auch von ihm keinen Brief mehr bekommen haben. Ja, es ist alles so anders geworden hier, und es ergeht an uns die ernste Aufforderung, den Glauben zu bewähren in schwerer Zeit. Herr Rektor steht alle Tage einige Stunden auf, läßt sich auch manches von dem Lauf der Dinge berichten, aber es ist doch solch ein Zustand anhaltender Schwäche, und man hat doch so den Eindruck von einem Kranken, und er selbst fühlt sich so gar nicht fähig und| mutig zu irgend etwas, weder in pastoraler noch in geschäftlicher Beziehung, – siehst Du, das ist eine Heimsuchung, die ernst und schwer ist, und wir müssen recht anhalten im Bitten für den lieben, teuren Kranken und für die Seinen und für uns, daß die von Gott gewollte Frucht dabei ausreife. Dennoch und grad unter diesen Verhältnissen ist große Freude darüber, daß Er gekommen ist und Seine Herrlichkeit offenbar werden wird.

 ...Was meinst Du dazu, liebe Selma, wenn Deine und die Diakonissenhaus-Vorstandschaft sich einigte darüber, daß eine Schwester von denen, die für die Gemeinde bestimmt sind, sich um die Verlorenen insonderheit annähme, also in die Gefängnisse und Krankenhäuser, so oft es nötig ist, ginge, und wenn diese Gemeindeschwester Du wärest?...

Deine Mutter.

 P. S. Diesen Brief schrieb ich, ehe ich von Schwester Karoline Kienlein einen Brief hatte. Sie hat mir nun auf meinen Vorschlag geantwortet und gemeint, daß er undurchführbar sei. – Heute fand ich Herrn Rektor viel frischer als die Tage, das hat mich auch wieder mutiger gemacht.


An die Schwestern der Gemeindestation in Ansbach.
Neuendettelsau, Sonntag nach Weihnachten 1890

 Meine lieben Schwestern, ich danke Euch recht innig für Euer gütiges Geschenk zu meinem Geburtstag. Gott vergelte Euch alle Eure Liebe: wie ernst bei uns die Weihnachtsfeier war, habt Ihr gehört. Ich habe ein großes, tiefes Weh im Herzen, werde aber innerlich so herumgeworfen: wenn’s momentan ein wenig besser geht, regt sich wieder die Hoffnung; aber das Durchschlagende ist doch, daß mich alles wie Abschiedsweh ansieht. Ach, wie wollte ich Ihm danken, wenn Er noch einmal das Leben fristete und noch einmal unsern liebsten Vater in Kraft seines Amtes walten ließe! Wir sind’s freilich nicht wert. Herr Konrektor hat heut in der Predigt unserm Schmerz Worte geliehen; das hat mir sehr wohlgetan... Wir wollen desto fester und treuer jetzt zusammenstehen, da wir so geschlagen sind.

 Herr Konrektor ist sehr treu und steht für alles ein. Er ist ein ehrwürdiger Charakter, ein Vorbild für uns alle im selbstlosen Dienen.

Eure Therese.


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An die Schwestern.
Dienstag in der Stillen Woche 1891

Meine lieben Schwestern!

 Es mag wohl manchen unter Euch auffällig gewesen sein, daß wir gerade in einer Zeit, da Ihr sehr begierig auf Nachrichten von hier gewesen seid, die neue Einrichtung mit den Zirkularbriefen unterbrochen haben. Vielleicht begreift Ihr aber auch, daß des hinterlegten Winters schwerer Druck und tiefes Leid uns nicht schreibselig gemacht hat. Auch war es schwer, eine Gesamtempfindung in einem allgemeinen Brief sich abspiegeln zu lassen, schwebten wir doch in Bezug auf unseren teueren Hirten vielfach zwischen Furcht und Hoffnung und wurden innerlich umhergeworfen. Nun fangen die Frühlingslüfte an zu wehen, und es regt sich auch wieder Freude und Hoffnung und Kraft und Mut. Es geht unserm lieben Herrn Rektor entschieden besser, und Gott, der so viel getan und gegeben bisher, wird auch noch mehr Hilfe darreichen und alles wohl hinausführen zu Seines Namens Ehre. Aber wir wollen diesen Winter 90/91 nicht vergessen, der so wunderlich und so erschütternd eingeleitet wurde durch den plötzlichen Tod unserer unvergeßlichen Schwester Emilie Ries. Dann kam so ein Leid nach dem andern, daß wir spüren mußten: Gott hat sich vorgenommen, einmal mit besonderem Ernst mit uns zu reden. Seine Güte ist es, daß wir nicht gar aus sind. – Daß drei liebe Schwestern in so kurzer Zeit nacheinander aus unserer Mitte abgerufen wurden, das ist noch nicht dagewesen. Es sind nun gerade 50 Schwestern, die heimgegangen sind unter uns. Im Lauf des Winters wurden trotz unseres Schwesternmangels zwei Stationen übernommen: das Marienheim in Himmelkron, Leipheim in Schwaben. Und dieses Frühjahr soll auch noch ein schon länger gegebenes Versprechen erfüllt und in der alten Reichsstadt Dinkelsbühl eine Diakonissenarbeit begonnen werden. Die Schwester soll dort in einem ehemaligen Karmeliterkloster ihr Domizil haben.

 Seit kurzem gehört zu den Angestellten unseres Hauses auch ein Herr Pastor Amelung, der uns helfen soll vor allem beim Rechnungswesen und Unterricht.

 Ihr wißt, liebe Schwestern, daß seit Jahr und Tag überlegt wird, wie den noch immer vorhandenen Nöten in Bezug auf Räumlichkeiten in unserem Mutterhaus abgeholfen wird.| Die Küche leidet ja, seit alles so groß geworden ist, sehr unter dem Mangel eines geeigneten Kellers, größerer Vorratsräume etc. Seit Jahren ist uns von der Regierung befohlen, andere Schlafräume für unsere Schülerinnen herzustellen; seit Jahren leiden wir unter dem Mangel einer Badeeinrichtung im eigenen Haus etc. Wir glauben nun, das Rechte getroffen zu haben, indem wir den kleinen östlichen Flügel einlegen, darunter die nötigen Keller graben und den Flügel selbst breiter, höher und länger wieder aufbauen. Dadurch, und wenn wir noch das alte Magdalenium zu Zwecken des Mutterhauses verwenden, kommen wir zu dem erwünschten und ersehnten Ziel. Nach den sonderlichen Schwierigkeiten, die gerade dieser Bauplan mit sich brachte, war es uns wie ein überaus wohltuendes, gnädiges Amen unseres himmlischen Vaters zu unserm Vorhaben, als uns am 12. März die Nachricht zuging, ein Fräulein in Nürnberg habe uns 5000 Mark im Testament vermacht.

 Dieses Testament ist schon im Jahre 1882 gemacht worden, das Fräulein selbst im Lauf des vorigen Monats gestorben, uns aber mußte gerade an dem Tag die Nachricht zugehen, denn am 13. März legten die Arbeiter die erste Hand an, den Flügel einzulegen, zunächst die eiserne Treppe abzuschrauben. Jetzt, indem ich das schreibe, ist die Arbeit des Einlegens schon fast beendet und Stube 17 und 18, in welchen seit 35 Jahren so viel gelehrt und gelernt worden ist[11], sind von der Erde verschwunden!

 Und nun leben wir in der Stillen heiligen Woche, und es war mir heut morgen, als ich draußen einsam ging und alles so gar still war auf der Dettelsauer Flur und im geliebten Wald, als empfände ich etwas in meinem kleineren Maße von dem, was durch die Seele unseres Herrn Pfarrers gegangen sein muß, als er einmal mit der seligen Frau Oberin und mir von Reuth herüberwanderte. Es war Montag in der Stillen Woche, da stand Herr Pfarrer auf einmal still, schaute über die erwachende Frühlingswelt hin und sagte: „Die ganze Natur trieft vom Andenken der Karwoche.“ Ja, laßt es stille werden in unser aller Herzen, meine lieben Schwestern, es fließt| auch nur aus der inwendigen Stille eine wirkliche Kraft zu gesegneter Arbeit. Laßt uns nichts so sorgfältig pflegen und hüten als die ununterbrochene Gemeinschaft mit unserm unsichtbaren Freunde. Ach daß alles, was unter uns unserem ewigen Könige noch mißfällt, immer mehr ausgetan würde, auch alle Mutlosigkeit, auch alles heimliche oder offenbare Verzagen, wir müssen die Fahne hochhalten und trotz alles Elendes mit erhobenem Haupt dem ewigen Sieg entgegenringen. Wie klein, wie klein sind unsere Angelegenheiten, die uns oft so niederdrücken, wenn wir sie unter das Licht des Kreuzes und des Ostersieges stellen! Wir gehen ja freilich dahin unter einer Fülle von Eindrücken und äußeren, mitunter auch schweren Erlebnissen. Aber die eigentliche Geschichte, die sich dabei abwickelt, ist doch nicht das, was vor Menschenaugen sichtbar ist, sondern es ist auf unsere Seelengeschichte abgesehen, und die Hauptsache bleibt, was Gottes Geist unter den oft verwirrten äußeren Dingen an uns erreichen will zu unserer Läuterung und Vollendung. Wir wollen Ihm stillehalten. Wie wird uns alles so heimatlich berühren im Vaterhaus, und wie werden wir erst merken, wie fremd wir in der Fremde hier unten waren.

 Und nun schenke uns Gottes Erbarmen einen heiligen, gesegneten Karfreitag und ein fröhliches Osterfest, daß wir’s merken, daß Sein Geist uns berührt und Seine Gnade uns heimgesucht hat.

Eure Therese.


An Schwester Regine Meisinger.
Neuendettelsau, 4. April 1891

 Meine liebe Regine, morgen ist Konfirmation, und es wimmelt von Menschen. Unser liebster Herr Rektor wird einen schweren Tag haben. Heute ging’s ihm recht gut, er ließ sich im Rollstuhl ausfahren und besah sich den Bauplatz, was Gott vor hat, wissen wir nicht. Es wird immer in den Gottesdiensten um Genesung gebetet...

Deine Mutter.


An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 10. Apr. 1891
 Meine liebe Charlotte, ich bin so traurig über unsere überaus wenigen Diakonissenschülerinnen. Schwester Berta Wieland| jammert immer, daß die Zahl nicht einmal für die Hausarbeit reicht. Und wir werden sie nicht einmal alle behalten können. Das wäre mir eine große, sehr große Freude, wenn Emilie Burger käme. Ich habe eine große Sympathie für sie, ohne sie näher zu kennen.

 Ich bin heut sehr niedergeschlagen. Herr Rektor hatte wieder eine sehr schwere Nacht, wenn uns doch Gott wollte Seinen Willen klar zu erkennen geben: Ach, wie ist alles so schwer, so schwer! Aber Jesus lebt, und Er ist auferstanden. „Ob alles bricht, Gott verläßt uns nicht, größer als der Helfer ist die Not ja nicht.“ Wir wollen nur alle desto fester und treuer auf unserem Posten und auch zusammenstehen...

 Pastor Amelung gibt die Singstunden und Geschichtsstunden etc. Er ist ein gescheiter Mann.

Grüße die Schwestern. Deine Therese.


An Schwester Karoline Meyer zum 25jährigen Jubiläum als Küchenschwester im Mutterhaus.
Neuendettelsau, Himmelfahrtsmorgen 1891

 Liebe Schwester Karoline, ich habe Dir etwas dichten wollen zu diesem Tag, aber es wollte nicht gehen unter den gegenwärtigen Umständen. Ich habe etwas singen wollen von dem aufgefahrenen Heiland, der segnend die Erde verließ und der 25 lange Jahre hindurch Dir die Hände gefüllt und gestärkt hat, daß Du viel Volks hast speisen können und daß wir durch Gottes Gnade konnten gesättigt werden „mit Wohlgefallen“. Ich wollte etwas sagen davon, daß es auch Dir selbst nicht mangeln sollte während Deiner „Wüstenwanderung“ an himmlischem Manna und am Wasser aus dem Felsen und daß Du nicht „darben“ solltest im letzten Stündlein, da uns alles genommen wird und alles dahinfällt. Das sage ich alles jetzt halt bloß in Prosa, aber es ist doch das gleiche Wünschen und Bitten vor Gott.

 Und nun stärke Dich Gott im zweiten Vierteljahrhundert und lasse es Dir an Freude und Lust nicht mangeln, immer und immer wieder die Hungrigen zu speisen, die Alten und die Jungen, die Seßhaften und unsere „Brüder und Pilgrimsleute“,| die in der alten und dann in der neuen „Handwerksburschenvilla“ Deine Hilfe begehren. Schon ist der neue Keller bald fertig, und, wills Gott, ziehst Du in Deinem Jubeljahr in die neue Küche ein. Die macht Dir Gott selber zum Jubiläumsgeschenk. Es mußte damit gerade so lange dauern. Aber während da drüben im östlichen Flügel alles „neu“ gemacht wird, wollen wir unablässig bitten, daß Er in unseren Herzen und in unserer Gemeinde alles neu mache laut Seiner Verheißung: „Siehe, Ich mache alles neu“, wir werden sie schauen dürfen, die Erfüllung dieser Verheißung, wenn wir durch Seine unaussprechliche Gnade eingehen dürfen in den ewigen Hochzeitssaal und da „zu Tische sitzen“ ohne vorausgehende Mühsal in der Bereitung der Speisen. Da wollen wir nah beieinander sitzen und uns zuweilen erinnern an all die „kleinen Dinge“ dieses Erdenlebens, an all die kleinen „Leiden, die nicht wert sind der Herrlichkeit, die an uns soll geoffenbart werden“.

 Am schönen Himmelfahrtsmorgen 1891 in herzlicher Liebe und Treue geschrieben

Deine Therese.


An Schwester Selma Trautwein.
Neuendettelsau, 12. Mai 1891

 Liebe Selma, es wird bei unserm liebsten Vater vielleicht nur noch wenige Tage dauern, und wir müssen auch bitten um Erlösung. Ach, mir ist alles wie ein Traum, was haben wir gehabt diese achtzehn Jahre! Aber es ist mir, als wäre alles erst gewesen.

Gott behüte Dich! Deine Mutter.


An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, Pfingsten 1891 (17. Mai)

 Liebste Schwester, o Ihr Lieben, fleht doch um Linderung, wenn’s mit Seiner Weisheit stimmt, um baldige Erlösung. Heut nachmittag war die Not zum Herzbrechen. Er ließ mich rufen, und ich saß mit Frau Rektor lang neben ihm, und man kann nichts helfen. Pfingsten ist, und der Tröster ist da! Aber die Not ist sehr groß, und wenn er von uns genommen, ist sie auch groß. Aber der Tröster bleibt.

Deine Therese.


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An Schwester Charlotte Kollmann.
Neuendettelsau, 29. Mai 1891

 Liebste Charlotte, komm nur morgen; es ist mir sehr recht, wenn Du kommst. Unser liebster Vater hatte heut nachmittag viel Unruhe, während er vormittags so gar still – mir schien es fast, schon wie sterbend – dalag. Es ist große Zeit jetzt; ich möchte recht stille sein, daß Sein Geist wirken und wehen kann. Betet nur immer und immer wieder um Seines Geistes allmächtige Wirkung an allen Seelen. Heute morgen hat Herr Rektor ein herrliches Bekenntnis abgelegt, daß er auf das, was er gelehrt und gepredigt, auch sterben wolle. Frau Rektor hat’s gleich nachher wörtlich aufgeschrieben.

In herzlicher Liebe Deine Therese.


An Schwester Magdalene Wucherer.
Neuendettelsau, 2. Juni 1891

 Meine liebe Schwester, es war mir wie ein Trostes- und Freudentropfen, der in unsere Trübsal hereinfiel, als Dein lieber Brief kam. Wir stehen an einem großen Abschnitt unserer Anstaltsgeschichte, und trübe Bilder können auftauchen, wenn wir an die Zukunft denken. Da ist es süßer Trost, wenn der Herr uns sagen läßt, auch durch solche Liebesopfer sagen läßt: Ich will bei euch bleiben und Meinen Segen nicht von euch wenden. Mir ist gerade jetzt der Gedanke an die Gründung von Filialen ein überaus tröstlicher. Deshalb hab herzlichen Dank für Dein Opfer. Ich habe es auch schon nach Himmelkron wissen lassen. Es wird Herrn Pfarrer Langheinrich eine Ermutigung sein, wenn ein so großes Geschenk auf einmal kommt.

 Aber nun ist unser nächster Blick nicht nach Himmelkron in Oberfranken gerichtet, sondern nach der Himmelskrone, die unserm liebsten Hirten zuteil werden soll, wenn er ausgelitten und ausgestritten hat. Noch immer verzieht der Herr, noch immer ist’s, wie wenn die Seele zurückgehalten würde von dem Flug nach der ersehnten Heimat. O wie wird er getröstet werden, unser lieber Vater, nach so viel Leid! Die arme Frau Rektor kann fast nicht mehr und die armen, lieben Kinder. Uns allen aber segne der Heiland diese Zeit der Heimsuchung, daß Er nicht umsonst die Frucht bei uns suche.

|  Jesu Liebe erquicke Dich reichlich und lasse uns beide erfahren, was uns der teure Hirte so einpflanzen wollte, das Geheimnis von Sünde und Gnade, damit wir ganz gedemütigt und ganz getröstet seien.
Deine Therese.


An die Schwestern in Himmelkron.
Neuendettelsau, 4. Juni 1891

 Meine lieben Himmelkroner, da gehe ich jetzt immer hin und her zwischen Rektorat und Diakonissenhaus und schaue und frage nach unserem liebsten sterbenden Vater und besorge dann wieder ein Geschäft und gehe dann wieder hin. Er sehnt sich unaussprechlich heim. Eben singen sie drüben in der Stunde bei Herrn Pastor Amelung: „Laßt mich gehen, laßt mich gehen“. Es liegt auf der ganzen Gemeinde das große Weh des Scheidens, und dabei tut alles still seine Arbeit. Gestern abend sangen wir Schwestern insgesamt ihm vor dem Haus: „Herzlich lieb...“ und: „Ach Herr, laß dein lieb Engelein...“ Ihr werdet kaum mehr eine andere als die Todesnachricht empfangen.

 Ach, es tritt uns hier ja für den Augenblick alles andere in den Hintergrund. Aber es war mir doch ein Trosttropfen und wie ein gnädiges Wort des Herrn: „Ich will die Sache weiter segnen und alles selbst in die Hand nehmen“, als mir am Samstag eine Schwester schrieb, sie wolle mir mitteilen, daß demnächst 1000 Mark für Himmelkron mir geschickt würden. Zudem lagen gestern im Gotteskasten 50 Mark für den gleichen Zweck. Ihr müßt dafür sorgen, daß dem lieben Herrn Pfarrer Langheinrich doch keine Unruhe die Freude an der Sache verdirbt. Ach, Gottes Werke wollen von uns, Seinen Handlangern, in heiliger Stille ausgeführt werden. Das hat uns der liebe Herr Rektor so vorgelebt. Ich kann nun natürlich von mir aus allein nicht sagen, wie eine Konferenzberatung über Bruckberg ausfallen wird. Aber nachdem wir jetzt mit Himmelkron angefangen, darf jedenfalls dieses nicht beeinträchtigt werden. Die besondere Zeit, in der wir hier seit Herrn Rektors Krankheit leben, hat eben das Zögern und die Zurückhaltung mit bewirkt, das konnte nicht anders sein. Aber ich erkenne auch dies als unter der göttlichen Leitung stehend, und: „Er führet es alles herrlich hinaus“. Er tut alles allein,| wir aber müssen auch ganz trauen. Bitte, grüße Herrn Pfarrer. Der liebe Sterbende sagte zu Frau Rektor: „Ich – lasse – alle – Geistlichen – grüßen, – alle – Schwestern, – alle, – alle.“ Gott behüte Euch!
Eure Mutter.


An Schwester Elisabeth Meyer nach dem Heimgang ihres Vaters, Rektor Meyer.
Schwarzburg/Thüringen, 17. Juni 1891

 Mein Herzenskind, der erste Brief gehört Dir, möchte ich doch immer fester und wärmer Dich ans Herz nehmen, Du teures, vielgeliebtes Vermächtnis Deines, unseres heimgegangenen Vaters. Wie lieb und gut ist es von Dir, daß Du mir die Briefe anvertraut; ich habe eben darin gelesen und danke Dir so. Wie reich bist Du, wie reich sind wir. Nun laß uns auch bis ins einzelnste bewahren, was wir empfangen haben.

 Wir sind gestern unter strömendem Regen hier eingezogen. Es ging aber alles so gut und einfach von statten, wir fuhren über Lichtenfels und Probstzella nach Blankenburg, von da nahmen wir uns einen Einspänner und fuhren in einer Stunde hieher nach Schwarzburg. Wir wohnen bei Frau Jahn gegenüber der Post, Schwarzburg in Thüringen. Heut morgen saßen wir am Ufer der rauschenden Schwarza und fingen an, den Propheten Hesekiel zu lesen. Später stiegen wir auf den Trippstein. Alles ist bedeckt von herrlichen Wäldern, und über der ganzen Gegend liegt eine tiefe Stille und ein mir überaus wohltuender Friede. Ich bin sehr dankbar für alles und hoffe, daß sich meine Nerven wieder beruhigen. Dann soll’s mit Seiner Hilfe ein mutiges Weiterarbeiten geben, bis ich auch heim darf zu Ihm, den unsere Seele liebt, und zu den teuren Vätern, die mich zu Ihm gewiesen. Ach Lisbethchen, der Schmerz und das Heimweh muß ausgehalten werden, aber es ist doch viel Trost und Freude dabei. Grüße Schwester Adelheid und die Grünen Kinder.

In treuer, unwandelbarer Liebe Deine Therese.


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An Schwester Elisabeth von Oldershausen.
Neuendettelsau, 20. Juli 1891

 Meine liebe Schwester, nur einen warmen Gruß soll Dir S. mitbringen. Sei nicht so traurig, meine Schwester, Jesus lebt! Das hat uns unser seliger Vater so oft zugerufen. Jesus ist uns nahe, so haben die leidenswilligen Seelen allezeit Trost genug. Ach, wir wollen unsern treusten, unsichtbaren Freund ehren durch grenzenloses Vertrauen. Vorhin hab ich noch solch einen schönen Brief von Bodelschwingh gelesen. Er sagt so etwas, als wäre Herrn Rektors Tod der empfindlichste Verlust für die Sache der Diakonie überhaupt. Wie mich das freut, wenn sie unsern demütigen seligen Hirten so anerkennen jetzt!

 Gott behüte Dich!

Deine Therese.



  1. Lauerer, Die Diakonissenanstalt Neuendettelsau 1854 bis 1954. S. 42.
  2. Heilsbronner Straße 21
  3. Jetzt Pfortenhaus der Pflegeanstalt
  4. Gertrud Hahn, Haushaltschwester im Mutterhaus und Organistin.
  5. Ihr Bruder, Präsident des Oberkonsistoriums.
  6. Schwester Johanna Prey, Pfortenschwester.
  7. Aufbau des Mutterhauses. Korr.-Bl. 1884.
  8. Korr.-Bl. 1884, S. 36.
  9. 88. Geburtstag der Mutter.
  10. Neffe von Pfarrer Löhe, Gutsbesitzer in Dürrenmungenau.
  11. Schulzimmer der Grünen und der Blauen.


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