Seite:Therese Stählin - Auf daß sie alle eins seien.pdf/70

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

 Jesu Liebe erquicke Dich reichlich und lasse uns beide erfahren, was uns der teure Hirte so einpflanzen wollte, das Geheimnis von Sünde und Gnade, damit wir ganz gedemütigt und ganz getröstet seien.

Deine Therese.


An die Schwestern in Himmelkron.
Neuendettelsau, 4. Juni 1891

 Meine lieben Himmelkroner, da gehe ich jetzt immer hin und her zwischen Rektorat und Diakonissenhaus und schaue und frage nach unserem liebsten sterbenden Vater und besorge dann wieder ein Geschäft und gehe dann wieder hin. Er sehnt sich unaussprechlich heim. Eben singen sie drüben in der Stunde bei Herrn Pastor Amelung: „Laßt mich gehen, laßt mich gehen“. Es liegt auf der ganzen Gemeinde das große Weh des Scheidens, und dabei tut alles still seine Arbeit. Gestern abend sangen wir Schwestern insgesamt ihm vor dem Haus: „Herzlich lieb...“ und: „Ach Herr, laß dein lieb Engelein...“ Ihr werdet kaum mehr eine andere als die Todesnachricht empfangen.

 Ach, es tritt uns hier ja für den Augenblick alles andere in den Hintergrund. Aber es war mir doch ein Trosttropfen und wie ein gnädiges Wort des Herrn: „Ich will die Sache weiter segnen und alles selbst in die Hand nehmen“, als mir am Samstag eine Schwester schrieb, sie wolle mir mitteilen, daß demnächst 1000 Mark für Himmelkron mir geschickt würden. Zudem lagen gestern im Gotteskasten 50 Mark für den gleichen Zweck. Ihr müßt dafür sorgen, daß dem lieben Herrn Pfarrer Langheinrich doch keine Unruhe die Freude an der Sache verdirbt. Ach, Gottes Werke wollen von uns, Seinen Handlangern, in heiliger Stille ausgeführt werden. Das hat uns der liebe Herr Rektor so vorgelebt. Ich kann nun natürlich von mir aus allein nicht sagen, wie eine Konferenzberatung über Bruckberg ausfallen wird. Aber nachdem wir jetzt mit Himmelkron angefangen, darf jedenfalls dieses nicht beeinträchtigt werden. Die besondere Zeit, in der wir hier seit Herrn Rektors Krankheit leben, hat eben das Zögern und die Zurückhaltung mit bewirkt, das konnte nicht anders sein. Aber ich erkenne auch dies als unter der göttlichen Leitung stehend, und: „Er führet es alles herrlich hinaus“. Er tut alles allein,

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Auf daß sie alle eins seien. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1958, Seite 68. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Auf_da%C3%9F_sie_alle_eins_seien.pdf/70&oldid=- (Version vom 8.8.2016)