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Genusse des Blutes Christi bleiben so träg und kalt und lassen das Ich so hoch leben. Ich weiß ja schon, daß die Römischen nicht überall so gut sind, aber es ist doch auch das unter ihnen, was uns so vielfach beschämend entgegentritt.

 Meine liebe Schwester, kannst Du viel beten; wir sind so reich und mächtig, – oder soll ich lieber sagen, wir wären es, wenn wir besser beten könnten. Ich bin noch nicht ruhig genug beim Beten, und das liegt am mangelnden Glauben.

 Vorigen Sonntag hörten wir eine gewaltig ernste Predigt. Aber es ist doch schwer, daß man nicht gewiß weiß, wer die „geringsten Brüder“ sind, und wir müßten’s doch wissen.

 Jetzt muß ich noch schnell mein Pensum lernen, wir verhören uns immer abends im Familienzimmer. Beim Spinnen sage ich den Jakobusbrief auf. Nicht wahr, Du betest für mich, meine liebe Schwester; Sonderlich um viel Weisheit mußt Du bitten, und daß ich mich besser opfern könne und mehr lieben.

 Grüße die Schwestern.

In treuer Liebe Deine Therese.


An ihre Schwester Marie in Polsingen.
Neuendettelsau, den 15. Jan. 1884

 Meine liebste Schwester, Gott grüße Dich an diesem 18. Januar, da Du schon so alt bist und bist doch mein allerjüngstes Schwesterlein. Ja, über eine kleine Weile, da bist Du schon fünfzig und ich dann bald achtzig – wie ist es so dahingeflogen, das kurze Leben! wie ein Weberschifflein, sagt Hiob – und wir werden in einen Zustand kommen, da wir die Flucht der Zeit nicht mehr zu beklagen brauchen, weil sie ohne Ende ist. O Schwesterlein, wie kannst und magst Du noch traurig sein! Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des höchsten reichem Segen, so wird er täglich bei Dir neu...

 Nun laß Dir eine merkwürdige Geschichte erzählen: Ich habe mit mehreren Schwestern in der Weihnachtszeit so den Gedanken besprochen, es sollte für die bayerischen Pfarrerstöchter etwas geschehen. Es war so ein Gedanke, zuerst von

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Therese Stählin: Auf daß sie alle eins seien. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1958, Seite 16. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Auf_da%C3%9F_sie_alle_eins_seien.pdf/18&oldid=- (Version vom 1.8.2018)