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 Wir sind glücklich gestern angekommen, von Frau Pfarrer in Trebgast mit dem Wagen erwartet. Nachher soll die feierliche Einführung im kleinen, traulichen Häuschen sein. Als wir eben hieher wollten, ruft’s hinter mir meinen Namen. Da stand richtig Bauwart Stapfer von Dettelsau da zu unserer Freude, was ich nun heute will mit meinem Briefe an Dich, das ist Folgendes:

 Sei doch so gut und kaufe bei Bruder Heider hundert Renzsche Bilder (suche sie aber aus für die Kinder), und kaufe bei Stürzenbaum Spielsachen, billige, nette, brauchbare für die Kinderschule; drei Mark darfst Du aufwenden. Ich ersetze Dir alles, auch Porto, wenn ich wiederkomme. Vielleicht gibt’s auch im Haus die eine oder andere abgelegte Puppe. Schau, daß Du ein wenig was zusammenbringst, und mach ein hübsches Paket an Schwester Henriette Kalbskopf in Himmelkron bei Trebgast, je eher, je lieber. Ein Mägdlein hier hat schon die Sorge ausgesprochen: „Muß man bei der Schwester den ganzen Tag beten und darf gar nicht spielen?“ Da möchte man sie doch überzeugen, daß sie „auch“ ein wenig spielen darf.

 Bauwart wußte nichts Genaues von Herrn Rektors Befinden; vielleicht höre ich morgen etwas in Kulmbach. Ich ging doch mit Sorge fort. Grüß alles schön, und besorg mir das gut für mein liebes Himmelkron.

Deine Therese.


An Schwester Selma Trautwein in München.
Neuendettelsau, 18. Dezember 1890

 Meine liebe Selma, es ist alles so aus dem Geleise gekommen, daß Du diesmal auch keinen Brief zu Deinem Geburtstag bekommen hast, – es fing da auch schon Herrn Rektors Krankheit an, und Du wirst vielleicht auch von ihm keinen Brief mehr bekommen haben. Ja, es ist alles so anders geworden hier, und es ergeht an uns die ernste Aufforderung, den Glauben zu bewähren in schwerer Zeit. Herr Rektor steht alle Tage einige Stunden auf, läßt sich auch manches von dem Lauf der Dinge berichten, aber es ist doch solch ein Zustand anhaltender Schwäche, und man hat doch so den Eindruck von einem Kranken, und er selbst fühlt sich so gar nicht fähig und

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Therese Stählin: Auf daß sie alle eins seien. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1958, Seite 60. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Auf_da%C3%9F_sie_alle_eins_seien.pdf/62&oldid=- (Version vom 8.8.2016)