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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Neswadba, Joseph
Band: 20 (1869), ab Seite: 204. (Quelle)
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Nestroy, Johann[BN 1] (Schauspieler und Possendichter, geb. zu Wien 7. December 1802, gest. zu Gratz 25. Mai 1862). Ein Sohn des Wiener Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Johann Nestroy (gest. 1834); für die Laufbahn seines Vaters bestimmt, erhielt N. eine sorgfältige Erziehung. Die Schulen besuchte er in Wien, wo er auch an der Universität den Rechtsstudien oblag. Zugleich mit diesen betrieb er fleißig Musik und Gesang, zu welch letzterem ihn eine schöne Baßstimme befähigte. Für die Schauspielkunst zeigte er frühzeitig eine große Vorliebe und er besuchte nicht nur gern die Wiener Theater, sondern trat auch auf Liebhabertheatern öfter auf. Mit den Rechtsstudien mochte er sich nimmer recht befreunden und am [205] römischen Recht scheiterte seine Ueberwindung. Er begab sich zu Hofcapellmeister Weigl, sang Probe, sagte den Pandekten Lebewohl und wurde sofort engagirt. So betrat N. am 22. August 1822, noch nicht 20 Jahre alt, als Sarastro in Mozart’s „Zauberflöte“ zum ersten Male öffentlich die Bühne. Der Erfolg war ein günstiger gewesen. Er arbeitete nun sorgfältig an seiner Ausbildung weiter. Die Direction, seine besondere Eignung für die Spieloper erkennend, ließ ihn nun in mehreren Singspielen, wie z. B. „Der Dorfbarbier“, „Der junge Onkel“, „Der Schnee“, „Das Ständchen“, „Die Strickleiter“ u. a., auftreten, beschäftigte ihn aber auch mitunter in heroischen Opern, wie „Der Blaubart“, „Richard Löwenherz“, „Othello“, „Mahomed“ u. a. Ende 1823 nahm N. ein Engagement an der deutschen Oper in Amsterdam an, wo er zum ersten Male als Komiker in der Posse sich versuchte. Nur ein Jahr blieb N. in Amsterdam, er ging nun nach Brünn, wo er mit großem Beifalle in mehreren Opern, den Don Juan, Sarastro, Papageno, sang und auch als Komiker in einer Gesangsposse auftrat, nämlich als Klaus in: „Die falsche Catalani“. Von Brünn ging er nach Lemberg, von da nach Preßburg und im Jahre 1826 nach Gratz, wo er ausschließlich im komischen Fache beschäftigt wurde. Das Gratzer ständische Theater stand damals unter des Directors Stöger Leitung, der eine vortreffliche Posse unterhielt. Zugleich mit Nestroy befanden sich Wenzel Scholz und Karl Rott an dieser Bühne. Während seines Gratzer Engagements machte Nestroy zu Zeiten Ausflüge zu Gastspielen nach Wien, wobei es auch vorkam, daß er in Tragödien auftrat. So gab er einmal im Jahre 1828 in der „Jungfrau von Orleans“ den Lionel, in der „Maria Stuart“ den Burleigh, in den „Zwei Nächten in Valladolid“ den Don Garcia, Rollen, in die den nachmaligen grotesken Komiker Nestroy hineinzudenken der gegenwärtigen Generation, die ihn als Nazi, Lumpacivagabundus, Jupiter, Gott Pan nicht sobald aus dem Gedächtnisse verlieren wird, schwer fallen dürfte. Einem glücklichen Umstande verdankt N., daß er den bisherigen Schauplatz seiner Thätigkeit, Gratz, mit Wien vertauschte. Der Secretär des Josephstädter Theaters, Franz (recte Adler), nachmals des Directors Carl Factotum, bat Nestroy, in seinem im März 1831 stattfindenden Benefice mitzuwirken. Nestroy sagte zu und gab den Sansquartier[WS 1] in den von ihm frei nach Angely bearbeiteten „Zwölf Mädchen in Uniform“ und den Adam im „Dorfbarbier“. Der Erfolg war ein durchschlagender. Director Carl hatte schon den Scholz für das von ihm dirigirte Theater an der Wien gewonnen, er wollte auch Nestroy sich nicht entgehen lassen. Nach längeren Unterhandlungen, da auch das Hof-Operntheater um Nestroy sich bewarb, schloß dieser am 23. August 1831 mit Director Carl den Vertrag, demzufolge er eine Monatsgage von hundert Gulden bezog. Nestroy blieb nun an dieser Bühne als Schauspieler und Possendichter – seine Wirksamkeit in letzterer Eigenschaft folgt weiter unten – bis zum Frühjahre 1845, in welchem Carl dieselbe schloß und ganz in das von ihm schon im December 1838 angekaufte Theater in der Leopoldstadt übersiedelte. In diesem letzteren spielte nun Carl mit der vereinigten Gesellschaft der zwei Theater an der Wien und in der Leopoldstadt, denn ersteres hatte der [206] Eigenthümer, Baron Ruschofsky an Pokorny, bisherigen Director des Josephstädter Theaters, verkauft, der nun als minder glücklicher Rivale Carl’s mit seiner Josephstädter Theatergesellschaft dort Vorstellungen gab. Im Leopoldstädter[WS 2] Theater – oder, wie es nach seinem im Jahre 1847 bewerkstelligten Umbaue genannt wurde, Carl-Theater – wirkten nun der Director Carl [Bd. I, S. 327], Nestroy und Scholz, denen sich im Jahre 1851 noch der von Director Carl mit einer Jahresgage von 6000 fl. gewonnene Komiker Karl Treumann zugesellte. Nestroy’s Beliebtheit als Komiker, auf das Glücklichste secundirt von seinen Possen, in denen er sich die Rollen, die eben nur er spielen konnte, an den Leib schrieb, steigerte sich von Jahr zu Jahr. Das Carl-Theater mit seinen drei Komikern Nestroy, Scholz, Treumann, denn Carl selbst spielte nur mehr ausnahmsweise – war eine europäische Sehenswürdigkeit. Die jährlichen Ferien benützte Nestroy zu Gastspielen. Im Juni 1854 befand er sich eben auf einem solchen im Friedrich Wilhelmstädter Theater in Berlin, wo er in der Rolle des Kampl in der gleichnamigen, von ihm gedichteten Posse Furore machte, als ihn der Zustand Carl’s, der schwer leidend nach Ischl gebracht wurde, veranlaßte, sein Berliner Gastspiel zu unterbrechen und nach Wien zurückzukehren. Dort übernahm er, als Carl am 14. August in Ischl seinem Leiden erlag, provisorisch die Leitung des Leopoldstädter Theaters. Der letztwilligen Verfügung Carl’s zu Folge durften seine Erben das Theater nur ein halbes Jahr fortführen; hatte bis dahin sich kein Käufer oder Pächter gefunden, so mußte das Theater in ein Zinshaus umgebaut werden, zu welchem Zwecke Carl eine Summe von 160.000 fl. baar deponirt hatte, mit welcher der Umbau nach einem Plane, den er selbst noch bei seinen Lebzeiten hatte entwerfen lassen, ausgeführt werden sollte. Noch vor Ablauf der gegebenen Frist hatte Nestroy sich bereit erklärt, die Direction des Theaters zu übernehmen. Am 2. October 1854 wurde mit den Erben ein Pachtcontract auf zehn Jahre, jedoch mit dem Vorbehalt geschlossen, daß nach Ablauf von fünf Jahren es jedem der beiden Contrahenten freistehe, zu erklären, es sei mit Ablauf des sechsten Jahres der Contract zu Ende. Am 1. November 1854 übernahm Nestroy definitiv die Bühnenleitung, dieselbe mit seinem Stücke: „Mädel aus der Vorstadt“ eröffnend, bei welcher Gelegenheit die neue, von Lehmann gemalte Courtine mit den Bildnissen der verstorbenen Directoren und Dichter des Leopoldstädter Theaters zum ersten Male benützt wurde. Mit Umsicht und von allen Parteien hochgepriesener Humanität leitete Nestroy seine Bühne; im Jahre 1857 erlitt er durch den am 6. October erfolgten Tod seines vieljährigen Freundes und Collegen Scholz einen herben Verlust. Anfangs April 1858 eröffnete er mit 27 Personen seiner Gesellschaft in Triest im neuerbauten Armonia-Theater eine Reihe von 12 Gastvorstellungen. Wiederholte Anträge zu Gastspielen in Pesth, wozu ihm Director Gundy einmal die fabelhafte Summe von 8000 Gulden angeboten, lehnte N. ob der damals herrschenden politischen Stimmung entschieden ab. Es blühte zu jener Zeit in Pesth die Nationaltracht-Manie, mit der Unsitte, den Trägern deutscher Hüte dieselben „anzutreiben“, und das Absingen der Nationalhymne, des „Szózat“, war an der Tagesordnung. Den ersten [207] Antrag schlug Nestroy aus mit der Entschuldigung: er könne nicht kommen, da er sich soeben einen neuen „Cylinder“ gekauft; den zweiten mit einem Wortspiele auf das „Szózat“, „er wolle nicht mehr gastspiel’n, er hab’s ja a so satt“. Mit verdientem Erfolge hatte Nestroy sein Theater dirigirt und schon anfangs Februar 1857 erklärt, daß er am 31. October 1860 seine Wirksamkeit sowohl als Director wie als Schauspieler beschließen, und in’s Privatleben sich zurückziehen wolle, war er ja doch schon den Sechzigen nahe und hatte das Komödiespielen wirklich „so satt“. In der That hatte er aber während seiner sechsjährigen Direction Erstaunliches als Director und Schauspieler geleistet. Jedoch muß hier ausdrücklich bemerkt werden, daß an Nestroy’s Theater-Directorium seine langjährige Freundin Marie Weiler einen nicht unwesentlichen Antheil in der Geschäftsführung und eigentlichen Bühnenleitung hatte. In den 2074 Vorstellungen, welche unter seiner Direction stattgefunden hatten, war er selbst 1421 Mal aufgetreten. Zur anberaumten Frist legte er seine Direction nieder und zog sich nach Gratz zurück, wo er sich in der Elisabethstraße ein Haus gekauft und in demselben, den Sommer über aber in Ischl, wohnte. Zu Wohlthätigkeitsvorstellungen trat er noch manchmal auf und auch seinem ehemaligen Collegen Treumann, der sich in Wien am Donau-Quai ein Holztheater gebaut, versagte er den Liebesdienst, in zwei längeren Gastspielen mitzuwirken, nicht. Das erstere eröffnete Nestroy am 4. Februar 1861 und schloß es am 23. März d. J.; das zweite begann er am 4. December 1861 und schloß es am 4. März 1862. In Gratz spielte er nach seiner Rückkehr noch einmal am 29. April 1862 zu einem wohlthätigen Zwecke in seiner eigenen Posse „Umsonst“ und schloß mit den letzten, von der Bühne gesprochenen Worten: „Alles umsonst“ seine theatralische Laufbahn. Kaum vier Wochen darnach, am 25. Mai Vormittags um 103/4 Uhr traf ihn der Nervenschlag, dem er auch nach längerem Todeskampfe, nicht volle 60 Jahre alt. erlag. Im Vorstehenden ist Nestroy’s Laufbahn als Schauspieler und Theaterdirector in kurzen Umrissen gezeichnet. – Als Possendichter begann N. in einigen Jahren, nachdem er sich der Bühne zugewendet, und zwar zum ersten Male im J. 1827, in welchem er für das Gratzer Theater „Die Verbannung aus dem Zauberreiche, oder dreissig Jahre aus dem Leben eines Lumpen“ schrieb. Ein Capellmeister, Namens Kinsky, sollte die Musik dazu componiren, brachte sie aber nicht zu Stande. Nestroy’s Verlegenheit wuchs mit jedem Tage und in seiner Noth wendete sich N. an den mit ihm zugleich an der Gratzer Bühne engagirten Rott, der glücklicher Weise Musik verstand und in aller Eile eine gefällige Musik zu dem Stücke schrieb, von dem das „Lumpenlied“ noch bis heute im Volksmunde sich erhalten hat. Später componirte Capellmeister Adolph Müller [s. d. Bd. XIX, S. 328, Nr. 2], der durch eine Reihe von Jahren zu den meisten Possen Nestroy’s die Musik componirt, eine neue zu dem Stücke. Das nächste Stück, welches nun Nestroy schrieb, war das im Jahre 1829 zur Aufführung gelangte: „Der Tod am Hochzeitstage“. Nach einer dreijährigen Pause und indem er bereits bei Carl am Theater an der Wien engagirt war, folgte im Jahre 1832 die große Ausstattungsparodie: „Der gefühlvolle Kerkermeister, oder Adelheid, die verfolgte Wittib“, mit Musik von Adolph Müller, wozu [208] das am Hof-Operntheater dargestellte Ballet „Adelheid“ die Veranlassung gegeben hatte. Im nämlichen Jahre folgten noch „Nagerl und Handschuh, oder die Schicksale der Familie Maxenpfutsch“, Musik von A. Müller, welche Parodie fünfzigmal hintereinander gegeben wurde, Carl spielte den Ramsamperl, welche Rolle erst später Nestroy übernahm, der sie im Jahre 1854 mit der des Kappenstiefel vertauschte; – „Zamperl, der Tagdieb“ (auch Zampa, die Gipsbraut), – „Staberl als confuser Zauberer“ und „Die Zauberreise in die Ritterzeit“, alle drei mit Musik von Adolph Müller. Ein im Anbeginn des Jahres 1833 in Gemeinschaft mit Frei gearbeitetes Zauberspiel: „Der Zauberer Februar“, war ohne Bedeutung; hingegen mit dem nächstfolgenden, mit dem am 10. April d. J. zum ersten Male aufgeführten „Der böse Geist Lumpacivagabundus“ beginnt eigentlich erst Nestroy’s Aera, die drei Jahrzehende dauerte. Diese Posse, zu der gleichfalls A. Müller die Musik componirt, war auch die erste, welche von Nestroy im Drucke erschien, unter dem Titel: „Lumpacivagabundus, der böse Geist, oder das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufz.“ (Wien 1833, 2. verb. Aufl. 1838, mit 2 alleg. ill. Bildern, gr. 12°.; dritte Auflage 1859 als 55. Heft des „Wiener Theater-Repertoirs“). Diese unverwüstliche Posse, deren komische Kraft sich bis heute bewährt, wurde am Abende der ersten Aufführung von den Wienern wenn gerade nicht abgelehnt, doch kalt aufgenommen; erst mit der dritten Aufführung begannen die Wiener zu lachen und lachen, wie alle Welt, noch heute zu diesem derben starkknochigen Volkslustspiele, das in viele Sprachen, in’s Englische, Französische, Italienische, Russische, Böhmische, Ungarische, übersetzt worden und Jahre lang in Amerika volle Häuser gemacht hat. In diesem Jahre schrieb N. noch die Parodie zu Meyerbeer’s „Robert der Teufel“: „Robert der Teixel“, mit der Musik von A. Müller; im Jahre 1834 folgten sich rasch aufeinander: „Der Zauberer Sulphurelektromagnetikophosphoratus, oder die Fee Wallpurgisblockbergiseptemtrionalis“; – „Müller, Kohlenbrenner und Sesselträger“; – „Die Familie Zwirn, Knieriem und Leim, oder der Weltuntergangstag“ (des Lumpacivagabundus zweiter Theil); – „Die Gleichheit der Jahre“, mit dem Vorspiele; „Die Fahrt mit dem Dampfwagen“, die Musik zu allen, mit Ausnahme zur zweiten und letzten, auch von Ad. Müller. Nun folgten sich Jahr um Jahr seine Possen, von denen einzelne ungeheuere Einnahmen erzielten und die Runde durch alle Bühnen Deutschlands und überhaupt dorthin, wo deutsche Sprache gesprochen wurde, machten, 1835: „Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab“, Parodie zu Holtei’s „Lorbeerbaum und Bettelstab“; – „Eulenspiegel, oder Schabernak über Schabernak“, gedruckt unter gleichem Titel, Posse in 4 Aufz. (Wien 1848, Wallishausser, gr. 12°.; zweite Auflage in Heft 32 des „Wiener Theater-Repertoires“); – „Zu ebener Erde und erster Stock“, zu allen dreien die Musik von A. Müller, letzteres gleichfalls gedruckt, unter dem Titel: „Zu ebener Erde und erster Stock, oder die Launen des Glückes. Localposse mit Gesang in 3 Aufz.“ (Wien 1838, Wallishausser, gr. 8°., mit großen alleg. ill. Bildern); – im Jahre 1836: „Der Treulose“, ein Lustspiel, das aber damals wie in seiner späteren Umarbeitung im Jahre 1854, wenig Anklang fand; – um so größeren „Die beiden Nachtwandler aber das Nothwendige und das Ueberflüssige“ Musik von Müller, und „Affe und [209] Bräutigam“, aus Anlaß der Klischnigg’schen Productionen geschrieben; – im Jahre 1837: „Eine Wohnung ist zu vermiethen in der Stadt, eine Wohnung ist zu verlassen in der Vorstadt, eine Wohnung ist zu haben in Hietzing“; – „Moppel’s Abenteuer“, ein Gelegenheitsschwank, und „Das Haus der Temperamente“, zu allen dreien wieder die Musik von A. Müller und von denen letzteres Stück wieder entschiedenen Erfolg hatte; – im Jahre 1838: „Glück, Missbrauch und Rückkehr, oder die Geheimnisse des grauen Hauses“, Posse in 5 Aufzügen, unter gleichem Titel gedruckt (Wien 1845, Wallishausser, gr. 16°.); – „Der Kobold, oder Staberl im Feendienste“; – „Gegen Thorheit gibt es kein Mittel“, zu allen die Musik von A. Müller und erstere von einem durchgreifenden Erfolg; – im Jahre 1839 brachte er nur ein, aber mit gleichem Erfolge aufgenommenes Stück: „Die verhängnissvolle Faschingsnacht“, Posse mit Gesang in 3 Aufzügen, zur Aufführung, welche unter gleichem Titel (Wien 1841, Wallishauser, gr. 12°., mit alleg. illustr. Bilde in gr. 4°.) im Drucke erschien; – im Jahre 1840: „Der Färber und sein Zwillingsbruder“; – „Der Talisman“, Posse in 3 Aufzügen, gedruckt unter gleichem Titel (Wien 1843, Wallishausser, gr. 12°., mit alleg. ill. Bilde in gr. Qu. 4°.) und „Der Erbschleicher“, zu allen dreien gleichfalls die Musik von A. Müller; – im Jahre 1841: „Das Mädel aus der Vorstadt“, ein wahres Cassenstück und eine der glücklichsten Arbeiten Nestroy’s. Nun erscheint ein „Rudolph Prinz von Corsica“, romantisches Schauspiel in 5 Aufzügen, unter Nestroy’s Stücken, eine Angabe, die Herausgeber dieses Lexikons für eine irrige zu halten geneigt ist; – im Jahre 1842: „Einen Jux will er sich machen“, Musik von A. Müller, eine köstliche Posse, unter gleichem Titel gedruckt (Wien 1841, Wallishausser, 8°.; zweite Auflage 1862 als Nr. 79 des „Wiener Theater-Repertoirs“), deren gleichzeitige Aufführung mit Halm’s „Sohn der Wildniß“ den von Nestroy bereits beeinflußten Wienern den Witz zu zwei neuen Possentiteln: „Der Jux in der Wildniß“ und „Einen Sohn will er sich machen“ eingab. Ohne Belang ist die in diesem Jahre entstandene Scenenreihe: „Ereignisse im Gasthause“, wie auch die auf die „Memoiren des Teufels“ geschriebene Parodie: „Die Papiere des Teufels“, Musik von A. Müller, kein Glück machte. Ein gleiches Los hatten im Jahre 1843 das am 12. Mai zur eigenen Benefiz geschriebene „Quodlibet verschiedener Jahrhunderte“ und die am 18. November d. J. aufgeführte Posse: „Zur Ruhe“, wie denn auch die im nämlichen Jahre gegebenen „Liebesgeschichten und Heirathssachen“ eben keinen nachhaltigen Erfolg erzielten. Eine um so günstigere Aufnahme fanden im Jahre 1844 „Die Eisenbahnheirathen“, gegeben am 4. Jänner; – „Hinüber und herüber“, am 16. März, und „Der Zerrissene“, am 9. April, diese letztere dem französischen l’homme blasé nachgebildet, eine der glücklichsten Schöpfungen Nestroy’s, eine im grotesken Style gehaltene Satyre auf die aus völligem Mangel an sittlichem Gehalte entsprungene Blasirtheit der gegenwärtigen Generation, unter gleichem Titel gedruckt (Wien 1845, Wallishausser, gr. 12°., mit alleg. ill. Bilde); – eine günstige Aufnahme fanden auch im Jahre 1845: „Die beiden Herren Söhne“; – „Das Gewürzkrämer-Kleeblatt“ und „Unverhofft“, Posse mit Gesang in 3 Aufzügen, zu allen dreien die Musik von A. Müller, letztere unter dem gleichem Titel (Wien 1846, Wallishausser, gr. 12°., mit alleg. ill. [210] Bilde) im Drucke herausgegeben, es war auch das letzte Stück, welches Nestroy für das Theater an der Wien geschrieben; – das im Jahre 1846 zur Ausführung gebrachte Stück „Der Unbedeutende“, Posse mit Gesang in 3 Aufzügen, unter gleichem Titel gedruckt (Wien 1849, Wallishausser, 8°.), ist wieder eine der gelungensten Schöpfungen N.’s, während die im nämlichen Jahre aufgeführte Posse: „Der fliegende Holländer“ unbeachtet vorüberging; – im Jahre 1847: „Der Schützling“, ist die letzte Posse Nestroy’s, zu der Adolph Müller, wie zu allen bisher genannten, die Musik schrieb; – nun folgten: „Liebesgeschichten und Heirathssachen“ und die auf Hebbel’s „Judith“ geschriebene Parodie: „Judith und Holofernes“, welche alle drei sehr günstigen Erfolg hatten; den glänzendsten jedoch die für die Eröffnung des neuen Carl-Theaters, die auf den 10. December 1847 festgesetzt war, nach dem Französischen frei bearbeitete einactige Posse: „Die schlimmen Buben“. Im Jahre 1848 erregte seine Posse: „Die Freiheit in Krähwinkel“, Posse mit Gesang in 2 Abtheilungen und 3 Aufzügen, unter gleichem Titel gedruckt (Wien 1849, Wallishausser, 8°., mit 3 Bildern), wohl in Folge der pikanten Zeitanspielungen Furore. Nun folgten sich in der Zeit von 1849 bis 1856: „Der Tritsch-Tratsch“; – „Lady und Schneider“. im Februar 1849 gegeben, ohne zu gefallen, wie die im November d. J. aufgeführte Posse: „Höllenangst“; – „Mein Freund“, im Jahre 1850, welche wieder sehr gefiel; – „Die verwickelten Geschichten“, welche bei ihrer ersten Aufführung eben so wenig Erfolg hatten, als bei ihrer späteren im Jahre 1858, nachdem Nestroy sie umgearbeitet hatte; – „Die lieben Anverwandten“; – „Alles will den Propheten sehen“; – „Die Theatergeschichten“; – „Sie sollen ihn nicht haben“, sämmtlich Possen ohne nachhaltigen Erfolg, bis der im Jahre 1853 zur Aufführung gebrachte „Kampl“, dessen Titelrolle Nestroy selbst in seiner grotesken Weise spielte, ein glänzendes Kassenstück wurde. Nun trat Nestroy selbst die Direction des Carl-Theaters an und während dieser Zeit feierte seine Muse. Von 1854, in welchem Jahre im August er sie übernahm, bis zu seinem Austritte schrieb er nur noch „Umsonst“, am 7. März 1857 gegeben, in welchem Stücke er auch noch wenige Wochen vor seinem Tode zum letzten Male gespielt, – „Frühere Verhältnisse“, zuerst am Quaitheater gegeben, und den nach einer Posse von Kalisch in Berlin für Wien umgearbeiteten „Gebildeten Hausknecht“, der am 11. November 1858 zum ersten Male in die Scene ging. Außerdem stellte N. noch mehrere Quodlibets, als z. B. der unzusammenhängende Zusammenhang, – Caricaturen-Charivari, – die zusammengestoppelte Komödie u. dgl. m., zusammen und hat eine Menge Stücke anderer Autoren, z. B. „Die Vorlesung bei der Hausmeisterin“, „Orpheus“, die „Tannhäuser-Parodie“, für seine Bühne fast vollständig umgearbeitet. Nach einer nur oberflächlichen Berechnung ergab es sich, daß Nestroy’s Possen im Laufe der 22 Jahre, 1832–1854, in Wien allein einen Brutto-Ertrag von 800.000 fl. C. M. eingeliefert haben. Der Ausruf: Nestroy’s Talent war ein wahres Californien für die Theater-Casse“ hat sonach seine volle Berechtigung. Eine Posse Nestroy’s, die bereits im Jahre 1858 von ihm geschrieben gewesen, hat sich in seinem Nachlasse vorgefunden. Sie führt den Titel: „Hier werden Nähterinen gesucht“, war nach einer Berliner Posse, betitelt: „Zeitvertreib“, bearbeitet, bestand aus [211] einer Scenenreihe von die Grenze des Zulässigen erreichenden Conflicten zwischen Officieren und Nähterinen, und war reich mit den witzigsten Pointen ausgestattet. Bald nachdem er sie vollendet, erwachte in ihm selbst die Bedenklichkeit, sie zur Darstellung zu bringen, und schrieb er mit eigener Hand an den Rand des Manuscriptes das Todesurtheil des Stückes mit den Worten: „Ohne Zeugen hingerichtet am 12. Jänner 1858“. Später, als er seine Gastspiele bei Treumann begann, wollte er es doch damit versuchen und hatte es für jenes im Jahre 1862 bestimmt. Da stieg ihm aber das Bedenken auf, daß die für ihn geschriebene jugendliche Frauenrolle auf sein vorgerücktes Alter denn doch nicht mehr geeignet sei und so unterblieb aus diesem Grunde die Aufführung. Da es bereits der Direction des Quai-Theaters übergeben war, so sprach er nur noch den Wunsch aus, daß dieses Stück überhaupt gar nicht zur Aufführung kommen möge, und in Folge dessen wurde es durch Nestroy’s Erben von der Direction des Quai-Theaters zurückverlangt und befindet sich zur Zeit im Besitze der Erben, welche beschlossen haben, dem Wunsche des Verblichenen gemäß das Stück nicht zur Aufführung gelangen zu lassen. Im Vorstehenden ist Nestroy’s Lebenslauf und seine Thätigkeit als Bühnendichter geschildert worden. – Nun möge Einiges über ihn als Schauspieler – und eben als solcher ist er von der höchsten Bedeutung – folgen. Lange blieb Nestroy, den später ein feiner Kritiker mit scharfem Kennerblicke den „Hogarth der Bühne“ genannt, unbeachtet, als Baß- und Buffosänger war er auch trotz seiner guten Stimme und des komischen Elements, das er an sich trug, immer noch nicht an seinem Platze, er mußte sich erst selbst die Possen und in diesen die Rollen zurecht schreiben, um die unerschöpfliche Urkraft seiner grotesken Komik wirken zu lassen. Bevor Nestroy kam und tabula rasa machte mit den so lieblichen Feen- und Götterkomödien Raimund’s, da war noch der Wiener, nicht das Wiener Publicum, sondern der Wiener überhaupt, zahm und gemüthlich, und darin steckt die bemerkenswerthe Kraft der Nestroy’schen Komik, daß ihre Wirkung nicht auf die Bühne beschränkt blieb, sondern daß sie dieselbe eigentlich recht erst außerhalb der Bühne, im öffentlichen Leben, vornehmlich aber im socialen Verkehre, ja selbst und nicht gerade zum Vortheile, im Familienleben äußerte. Alles Ideale mit den Siebenmeilenstiefeln seines grotesken Humors niedertretend, travestirte er Sitte wie Unsitte, Biederkeit wie Verlorenheit, und hielt, wie Emil Kuh sagt, wenn er im Zuge war, seine ruchlos komische Kraft ganz spielen zu lassen, nie inne mit seiner alles verwischenden Persiflage, und wenn er mitten im Spiele die Wirkung einer auf die Spitze gestellten Scene, eines Witzes, eines Couplets witterte, und sollte diese die Grenzscheide des Erlaubten überschreiten, er hielt damit nicht mehr zurück, es juckte ihm in den Beinen, es kitzelte ihm in den Augen, bis er seine Absicht durchgeführt. Die grellsten Farben, damit sie auf die größte Entfernung wirkten, legte sich Nestroy für seine Palette zurecht, womit er dann die verkommenen Gestalten bemalte, die er in seiner zügellosen Phantasie schuf. Dazu gab er auch noch eine besondere Würze, die bisher in den Wiener Volksstücken kaum in Anwendung gekommen war: die Zote, und für diese Erfindung kann man ihm den mindesten Dank wissen. Unter ihm und besonders durch ihn entfaltete [212] sie ihre souveräne Macht, sie wurde die stete häßliche Genossin seiner ohnehin nicht schönen Muse, von der Emil Kuh treffend bemerkt, daß sie ihn an das Gemach einer berüchtigten Wiener Aspasia erinnerte, von der Kuh schreibt: „man mußte in diesem Salon sich umgesehen haben, wo alles durcheinander lag: die Möbel mit den Pretiosen, die erster Cavaliere mit den abgerissensten Dandies; über dem Flügel lag die Garderobe, kostbare Bildwerke unter dem Trumeaux, reichgalonirte Bediente trugen Eis und Confect herum, die Göttin selbst, die Haare mit Papilloten aus einer Prachtausgabe des Tasso gewickelt, lag mitten im Saale auf einem persischen Teppich, im lüstern derangirten Morgenkleide und verzehrte – warme Würstel“. Ja die Zote, von Nestroy eingeführt, bürgerte sich – wenn man so sagen darf, denn richtiger heißt es nistete sich – wie eckles Ungeziefer in allen – ja in allen – Kreisen der Wiener Gesellschaft ein und, was das Schlimmste ist, sie verdarb – das Volk, dem sie nun durch die Volkssänger[WS 3], die in Nestroy ihren obersten Gott erkannten – erst tropfen-, dann löffel- und zuletzt eimerweise eingeflößt wurde. Und da zeigt sich wieder die alte Wahrheit des Satzes: Quod licet Jovi non licet bovi. Die haarsträubende Demoralisirung des Wiener Volkssängerthums ist eines der Hauptübel, das Nestroy nicht beabsichtigt, aber leider veranlaßt hat; das verkommene und nunmehr völlig anrüchig gewordene Volkssängerthum hatte die immer noch fortschreitende Entsittlichung eines nicht zu kleinen Theils des einst so biederen, wackeren, gemüthlichen Wiener Kleinbürgers zur Folge, der jetzt nicht drei Sätze über die Lippen bringt, von denen nicht der eine mit einer Zote papricirt wäre. Aber nicht allein in diesen Kreisen, auch in den besseren, vielleicht selbst in den besten, wirkt dieses[WS 4] Uebel nach. Einzelne der sarkastischen Sentenzen Nestroy’s, die er mit einer vitriolscharfen Mimik und einer oft undefinirbaren Attitude begleitete, wurden zu „geflügelten Worten“ im Munde der Wiener, die der gelehrte Berliner Herr Büchmann in sein Werk nicht aufnehmen konnte, weil er sie – in Fournier’s „l’esprit des autres“ nicht vorfand. Jedes neue Stück Nestroy’s – und die meisten fallen in die vormärzliche Periode, in welcher man sich noch um Theater wie heute um ein Weltereigniß kümmerte – brachte ein förmliches Ragout von dergleichen Phrasen, die alsbald die Schlagworte der damals politisch Mißvergnügten, der blasirten Jeunesse dorée, deren nicht mehr weichen wollende übernächtige Frivolität Nestroy auch auf seinem Gewissen hat, und der Phrynen des Grabens, Salzgrieses u. dgl. m. wurden; ja und Phrasen wie „Das is classisch“ – „Ich bin der Mann, der für Geld Alles thut“ – „Das kennen mer schon“ – „Da hab i schon gnua“ – „Gott sei Dank, ich hab’s nicht nöthig“ – „Wer’s hat, kann’s thun“, und unzählige andere, die an und für sich ganz harmlose Sätze sind, aber in Begleitung einer bezeichnenden Mimik erst ihre Pointe – die Wespe unter dem Rosenblatte – ahnen lassen, wurden einheimisch auf der Straße, in der Kneipe, im Café und sei es nur gerade herausgesagt – auch im Salon. Und doch neben all dem Cynismus ist es nicht zu läugnen, daß in Nestroy eine tiefere Natur, ja ein wirkliches Genie steckte; es war ein urwüchsiger Baum, der komische Blätter und Blüthen trieb, die man freilich oft, um sie zu erkennen, abstäuben und säubern mußte. Dem „süßen Pöbel“ [213] im Olymp der Wiener Theater war jede Form der Nestroy’schen Satyre gut genug, auch die zotigste; der gebildete Zuschauer sonderte gar wohl den Kern der Nestroy’schen witzigen Anschauung von der oft schmutzigen Schale. In der vormärzlichen Zeit hielt er sich, so gut es thunlich war, von politischen Anspielungen und Extempores zurück, in der nachmärzlichen brachte er auch in dieser Sorte manch bleibender Erinnerung Würdiges mit. So sagte er in einer Aufführung des „Orpheus“ im Quai-Theater (1861) in der Eifersuchtsscene[WS 5], die Juno dem Jupiter macht, einmal: „I werd’ mir einen Lagueronniere anschaffen, der eine Broschüre über mein’ Unschuld schreibt“. Ein andermal extemporirte er ein köstliches Couplet auf die berüchtigten Küsse, welche preußische Officiere auf Louis Napoleon’s Hand gedrückt haben sollen. Darüber entstand Aufruhr in der diplomatischen Welt. Die preußische Sternzeitung, die Milchschwester der anrüchigen Kreuzzeitung, reclamirte und Nestroy verfiel anläßlich dieser Strophe in eine Geldstrafe. Nestroy wollte sich revangiren. Nun fand im Jahre 1862 die Krönung des Königs von Preußen Statt, bei welcher der König die Krone vom Tische des Herrn nahm, wie im Jahre 1866 er sie nahm, wo er sie eben fand. Um diese Zeit wurde im Carl-Theater Offenbach’s „Orpheus“ gegeben. Bekanntlich sitzt Jupiter, den Nestroy spielte, in dieser Operette auf dem Throne. Da wird dem Donnergott der Höllenfürst Pluto angemeldet und Jupiter will sich zu dessen Empfang mit dem ganzen Nimbus seines Olymps umgeben. Als Mercur naht, um ihm die Krone aufzusetzen, nahm sie Jupiter Nestroy aus Mercurs Händen und rief pathetisch: „Halt, die da setz’ ich mir selber auf“. Solcher zeitgemäßer drastisch wirkender Extempores Nestroy’s gibt es eine große Menge, sie charakterisiren ihn trefflich und ließen manchen auf der Hut sein, sich nicht lächerlich zu machen, weil ihn sonst Schalk Nestroy erbarmungslos züchtigte. Alles in Allem, so wenig man diesem seltenen Manne nach einer Seite Dank wissen kann, so ist doch nicht zu läugnen, daß mit ihm ein urkomisches Naturell, das sich alle Gestalten der Wiener Posse unterthan zu machen verstand und ihnen mit überraschender Kraft Wahrheit und Leben verlieh, zu Grabe getragen wurde. Seine Figuren waren freilich keine concreten Gestalten, ob Knieriem oder Jupiter, ob Sansquartier oder Holofernes, ob Nazi oder Kampl, sie waren alle Nestroy, aber dieser Nestroy war komischer als alle Gestatten, welche die Phantasie irgend eines Possendichters ersinnen mochte. Daher fand Nestroy auch keine Nachahmer, wie Raimund deren mehrere und auch Scholz ihn gefunden; Nestroy machte keine Schule, daher ist er wahrhaft unersetzlich und das Wiener Publicum kann mit dem Prinzen Heinrich bei 'Shakespeare ausrufen: „Ich hätte einen Besseren besser missen können“. – Noch einige Worte über Nestroy den Menschen. Als Schauspieler war er seinen Collegen gegenüber ein vortrefflicher Kamerad. Director Carl hatte bei seinem Hinscheiden ein omineuses Andenken hinterlassen, gewiß kein Auge, auch nicht seine lachenden Erben weinten ihm eine Thräne nach. Nestroy aber wurde tief und vom Herzen betrauert und die Gesellschaft, die er dirigirt, zählt die Jahre seiner Leitung zu den unvergeßlichen. So satyrisch, mißtrauisch, ja mitunter sonderbar er oft war, er besaß ein treffliches Herz, er sorgte väterlich für sein [214] untergeordnetes Personal, erhöhte freiwillig dessen Gagen, bewilligte dem Chor-Ballet und Orchester-Personal alljährlich mehrere Einnahmen, alles Dinge, die Carl nicht kannte, und wenn man sie ihm zugemuthet. mit cynischem Entsetzen zurückgewiesen hatte. Man legt Nestroy eine Phrase in den Mund, die nicht geringer lautet als: „Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste, selbst von mir und ich habe mich nie getäuscht“. Schon der zweite Satz derselben entkräftet das Ganze; ein Mensch, wie Nestroy sich in seinen Handlungen zeigte, konnte immerhin das Schlechteste von sich selbst glauben, er war es deßwegen noch immer nicht. In seinen häuslichen Verhältnissen war er wohl nicht glücklich. Von seiner Frau, von der er seit Jahren geschieden lebte, besaß er drei Kinder, Gustav, Beamter bei der k. k. Ferdinands-Nordbahn, Karl, k. k. Hauptmann im Geniestabe, und Maria, verehelichte Hauptmann Sluka; daß er aber zärtlicher Empfindungen und einer dauernden Dankbarkeit fähig gewesen, dafür spricht eine Stelle seines in der ganzen Fassung originellen letzten Willens, welche lautet: „Zur Universalerbin ernenne ich Maria Weiler (gest. 31. October 1862), die treue Freundin meiner Tage, welche durch aufopferndes Wirken das Meiste zur Erwerbung meines Vermögens beigetragen hat, so zwar, daß ich nicht zu viel sage, wenn ich behaupte, sie hat gegründetere Ansprüche darauf als ich selbst“. Diese einfache Stelle zeichnet vollkommen ein tiefdankbares Gemüth. Uebrigens wird durch das Testament das Recht keines Familiengliedes verkürzt. Noch sei zum Schlusse bemerkt, daß kaum ein Dichter so abweichende Urtheile erfahren hat wie eben Nestroy. Deßhalb werden in den Quellen, S. 220 u. f., zum Verständnisse dieses „Hogarth’s der Wiener Bühne“ einige der wichtigeren mitgetheilt. Nestroy ist, wie schon gesagt worden, am 25. Mai 1862 in Gratz gestorben, von dort wurde die Leiche, der man bis zum Bahnhofe ein ehrenvolles Geleite gegeben, nach Wien überführt, wo sie am 2. Juni 2 Uhr Nachmittags in der Pfarrkirche zu St. Johann in der Praterstraße feierlich eingesegnet und unter Begleitung einer unübersehbaren Volksmenge auf dem Währinger Friedhofe in der Familiengruft beigesetzt wurde. Die Grabrede hielt Anton Langer. Sein Grab, auf demselben Friedhofe, auf welchem Schubert und Beethoven ruhen, trägt die einfache Inschrift: „Johann Nestroy“. – Das Berliner Spott und Witzblatt „Kladderadatsch“ meldete Nestroy’s Tod in einem aus den Titeln seiner bekanntesten Stücke in ganz witzig sinniger Weise zusammengesetzten Partezettel folgendermaßen: „Der Witz war „Der Talisman“, der ihn in der „Verhängnißvollen Faschingsnacht“ dieses irdischen Daseins stets begleitete. Neid und Kabale, diese „beiden Nachtwandler“ und Begleiter jedes Verdienstes, verfolgten auch ihn, sobald es hieß: „Einen Jux will er sich machen“. Mancher, den er „Mein Freund genannt, griff ihn „Unverhofft“ an; Nestroy war dann „Der Unbedeutende“, der von der Kritik „Zerrissene“. Aber „gegen Thorheit gibt es kein Mittel“, und „Ein Mädel aus der Vorstadt“ steht oft höher als „Die Freiheit in Krähwinkel“, und der „Tritsch-Tratsch“ der „schlimmen Buben“ macht Einem oft „Höllenangst“. Nach so viel „Glück, Mißbrauch und Rückkehr“, nach allerlei „Liebesgeschichten und [215] Heirathssachen“ hat der geistvolle „Eulenspiegel“ des Wiener Lebens endlich „Nur Ruhe“ „zu ebener Erde“ gefunden. Er war als Schriftstellerund Darsteller ein „Schützling“ der echten Volksmuse, als Mensch gut und edel, niemals ein „Lumpacivagabundus“.

I. a) Biographien Nestroy’s [in alphabetischer Ordnung der Quellen; da mehrere von diesen einzelne Züge aus seinem Leben enthalten, wurden sie trotzdem, daß sich das biographische Detail in ihnen wiederholt, hier aufgenommen]. Austria, oder österreichischer Universal-Kalender für das Jahr 1848 (Wien, Klang, gr. 8°.) S. 190, im Aufsatze: „Die fünf Theater Wiens“. Von F. C. Weidmann. – BrockhausConversations-Lexikon. Zehnte Auflage, Bd. XI, S. 124. – Coursblatt der Gratzer Zeitung (4°.) 1862, Nr. 131, im Feuilleton: „Nestroy“, von D. Z. – Deutscher Bühnen-Almanach. Herausgegeben von A. Entsch, A. Heinrichs Nachfolger (Berlin 1863, Taschenform.) XXVII. Jahrg. S. 108–122: „Johann Nestroy, Dichter, Schauspieler und Theater-Director“. [Derselbe Artikel abgedruckt in: Wiener Theaterblatt „Der Zwischenakt“ 1862, Nr. vom 2. Juni.] – Didaskalia. Blätter für Geist, Gemüth und Publicität (Frankfurt a. M., 4°.) 1860, Nr. 306: „Johann Nestroy“. – Die Glocke (illustr. Blatt), herausg. von Payne, 1860, Nr. 99, S. 330: „Johann Nestroy“. – Hamburger Presse 1862, Nr. 66, im Feuilleton: „Johann Nestroy“. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber), XXXVIII. Band (1862), Nr. 967, S. 34: „Johann Nestroy“. – Klagenfurter Zeitung 1862, Nr. 124, im Feuilleton: „Johann Nestroy“, von D. Z. – Der Kobold (Gratzer Unterhaltungsblatt, 4°.) 1862, Nr. 2, S. 72: „Johann Nestroy“, von Karl Pfeiffer. – Kreisblatt für die Kreise Elberfeld und Barmen (4°.) 1862, Nr. 43: „Johann Nestroy“. – Männer der Zeit. Biographisches Lexikon der Gegenwart (Leipzig, Karl B. Lorck, 4°.) II. Serie (1862), Sp. 78. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Instit., gr. 8°.) Bd. XXIII, S. 380. – Morgen-Post (Wiener polit. Blatt) 1862, Nr. 145, im Feuilleton: „Nestroy“, von Sigm. Schlesinger. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt, Fol.) 1868, Nr. 1589 u. f., im Feuilleton: „Johann Nestroy“. Von Ludwig August Frankl. – Oesterreichisches Morgenblatt (Wien, 4°.) 1836, S. 304. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. VI, S. 565. – Oesterreichischer Volkskalender. Neunzehnter Jahrgang, 1863 (Wien, Leop. Sommer, 8°.) S. 103: Johann Nestroy. – Pietznigg, Mittheilungen aus Wien (Wien, 8°.) 1835, Bd. II, S. 191: „Johann Nestroy, Theaterdichter und Komiker“, biographische Skizze von G. A. Pabst [die erste Biographie des berühmten Komikers]. – Realis, Curiositäten- und Memorabilien-Lexikon von Wien. Herausgegeben von Anton Köhler (Wien 1848, gr. 8°.) Bd. II, S. 205. – Telegraf (Wiener polit. Volksblatt) 1862, Nr. 146, im Feuilleton: „Johann Nestroy“; Nr. 161, Abendblatt: „Nestroy“. – Unsere Zeit. Jahrbuch zum Conversations-Lexikon (Leipzig, Brockhaus, gr. 8°.) VI. Bd. (1862), S. 719. – Waldheim’s Illustrirte Zeitung (Wien, Fol.) 1862, Nr. 2, S. 14; Nr. 11, S. 122; Nr. 23, S. 268, und Nr. 25, S. 292 [letztgenannte Mittheilung über Nestroy’s Wirksamkeit als Possendichter ist von L. Rosner. Ueberdieß enthält schon die Theater-Zeitung von Ad. Bäuerle (Wien, gr. 4°.) 1854, Nr. 77, eine Uebersicht jener Stücke Nestroy’s, welche sich damals noch (1854) auf dem Repertoire befanden; es waren deren nicht weniger denn 26. Welcher deutsche Poet kann ähnliches aufweisen?]. – Wanderer (Wiener polit Blatt) 1862, Nr. 122, im Feuilleton: „Johann Nestroy“. – Weil (Philipp), Wiener Jahrbuch für Zeitgeschichte, Kunst und Industrie, und österreichische Walhalla (Wien 1851, Ant. Schweiger, Taschenb. 8°.) Erste Abtheilung. S. 153. – Znaimer Wochenblatt. Redigirt von M. Schima, 1854, Nr. 108.
I. b) Biographisches. [Einzelne Scenen aus seinem Leben – Episoden – Impromptu’s u. dgl. m.] Botzner Zeitung 1862, Nr. 13: „Eine Improvisation Nestroy’s“. – Didaskalia (Frankfurter Unterhaltungsblatt, 4°.) 1862, Nr. 152 u. 153: „Todesfurcht Nestroy’s“ [diese ging so weit, daß im Gespräch als darauf Bezügliches sorgfältig vermieden werden mußte, wenn man ihn nicht verstimmen wollte[. – Fremden-Blatt von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1860, Nr. 303: „Nestroy’s Abschied-Abend“ [bei dieser Gelegenheit trug [216] Nestroy einen von Anton Langer geschriebenen Epilog vor, in welchem die Titel seiner Possen textlich mit Witz und Humor verbunden sind. Der Epilog ist ebenda auch abgedruckt]; – 1861, Nr. 345, unter den Theaternachrichten [Widerlegung von Gerüchten über Nestroy’s Ausscheiden von der Bühne; über eine Benefizvorstellung, zu der er ein Stück – eine Art seiner eigenen Künstlerbiographie – geschrieben haben soll u. dgl. m.]; – 1862, Nr. 150: „Briefe eines Müssiggängers“ [enthält eine kleine Blumenlese von Zügen aus Nestroy’s Leben und einzelnen Impromptu’s]; – 1866, Nr. 268, in den „Wiener Plaudereien“ [wie sich Nestroy „Kibitze“ vom Halse schaffte]; – 1867, Nr. 57, Erste Beilage: „Schwänke aus der Theatergarderobe. Von ...r. II. Der Hausball“ [Episode aus Nestroy’s Leben]; Erste Beilage zu Nr. 58: „Schwänke aus der Theatergarderobe. Von ... r. III. Die große Rolle“ [aus Nestroy’s Leben]; Nr. 112, erste Beilage: „Nestroy unter den Land-Huszaren“, mitgetheilt von –ff–; – 1868, Nr. 338, erste Beilage: „Nestroy’s Vorlesung als Sansquartier in der Burleske: „Zwölf Mädchen in Uniform“ [die Gegenstände dieser in ihrer Art einzigen Vorlesung bilden die Stücke: Die Schuld, Die Jungfrau von Orleans, Hans Sachs, Der Sohn der Wildniß, Don Carlos und Griseldis]. – Die Gartenlaube von Ernst Keil (Leipzig, 4°.) 1866, S. 29: „Bilderschau in meinem Zimmer“. Erinnerungsblätter von Franz Wallner. – Laibacher Zeitung 1861, Nr. 47, in der Rubrik: „Vermischte Nachrichten“. – Morgen-Post (Wiener polit. Blatt) 1862, Nr. 150, im Feuilleton: „Vom Tage“ [Sigm. Schlesinger erzählt mehrere Züge aus Nestroy’s Leben]. – Neuigkeiten (Brünner polit. Blatt) 1858, Nr. 241, in den „Miszellen“ [ein Extempore N.’s]. – Ostdeutsche Post (Wiener polit. Blatt) 1861, Nr. 90: „Nestroy und die Pesther“. – Pester Lloyd (politisches Blatt) 1862, Nr. 18: „Preußen und Nestroy“. – Pracht-Album für Theater und Musik, herausg. von E. M. Oettinger, S. 5: „Ein Wiener Jemand“. – Seyfried (Ferdinand Ritter von), Rückschau in das Theaterleben Wiens seit den letzten fünfzig Jahren (Wien 1864, 8°.) S. 62 [Nestroy’s Eintritt in’s Carl-Theater], S. 75 [N.’s steigende Beliebtheit], S. 78 [über seine Posse: Glück, Mißbrauch und Rückkehr], S. 90 [Nestroys „schlimme Buben“], S. 92 [„Freiheit in Krähwinkel“], S. 94 [Nestroy’s Direction des Carl-Theaters], S. 312 [Nestroy’s „Lumpacivagabundus“]. – Theater-Zeitung, von Adolph Bäuerle (Wien, gr. 4°.) 1858, Nr. 106: über seinen Rücktritt vom Theater. – Vorstadt-Zeitung (Wiener politisches Volksblatt) 1863, Nr. 65: „Eine Geschichte von Nestroy“; 1864, Nr. 6, im Feuilleton: „Ein Liebesabenteuer Nestroy’s vor Gericht“. – Wiener Abendpost (Abendblatt der Wiener (amtlichen) Zeitung) 1867, Nr. 21, im Aufsatze: „Der Wiener Parnaß vor einem Vierteljahrhundert. V. Ein Ball bei Carl“. Nestroy im Frack, von Hermann Meynert. – Wiener Theater-Chronik 1862, Nr. 23: „Am Sarge Nestroy’s“ [Mittheilung vieler einzelner Züge aus N.’s Leben von Anton Langer, zuerst abgedruckt in der „Presse“ 1862, Nr. 147, im Feuilleton].
II. Nestroy’s Tod, Testament, Leichenbegängniß und Grab. Fremden-Blatt (Wien, 4°] 1862, Nr. 149: „Nestroy’s Partezettel“. – Nestroy’s Leichenbegängniß. Fremden-Blatt 1862, Nr. 152: „Nestroy’s Leichenbegängniß“. – Morgen-Post (Wiener polit. Volksblatt) 1862, Nr. 149: „Nestroy’s Leichenbegängniß“ [enthält auch den zu Gratz ausgegebenen Partezettel N.’s]. – Vorstadt-Zeitung (Wiener polit. Blatt) 1862, Nr. vom 29. Mai: „Nestroy’s Leichenbegängniß in Gratz“. – Wiener Zeitung 1862, Nr. 131 Abendblatt, im Wiener Wochenberichte Nachricht über Nestroy’s Leichenbegängniß. – Zellner’s Blätter für Theater, Musik u. s. w. (Wien) 1862, Nr. 46, S. 183: „Nestroy’s Leichenbegängniß“ [daselbst ist die Grabrede mitgetheilt, welche ihm der Redacteur des „Hans Jörgel“. Anton Langer, hielt]. – Zwischen-Akt (Wiener Theaterblatt) 1862, Nr. vom 3. Juni: „Nestroy’s Leichenfeier“. – Nestroy’s Grab. Nestroy ist in seiner eigenen Familiengruft beigesetzt. Der Deckel derselben führt die Inschrift: „Nestroy’s Familiengruft“. Der monumentale granitne Stein seines Grabes zeigt als Aufschrift nur die folgenden Daten: Johann Nestroy, geboren den 7. December 1802, gestorben den 25. Mai 1862. – Telegraf (Wiener polit. Volksblatt) 1862, Nr. 299, unter den Tagesneuigkeiten: „Nestroy’s Grab“. – Nestroy’s Testament. Fremden-Blatt von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1862, Nr. 159, in der Rubrik Theater und Kunst: „Nestroy’s Testament“ [wörtlicher vollständiger Abdruck seines mit [217] dem Datum 31. Jänner 1861 versehenen letzten Willens; nachgedruckt im Journal Presse (Wien) 1862, Nr. 156, und in der Breslauer Zeitung 1862, Nr. 269]. – Constitutionelle Oesterreichische Zeitung (Wiener polit. Blatt) 1862, Nr. 266, in der Wiener Tageschronik: „Nestroy’s Testament“. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1862, Nr. 152: „Nur Böses“ [über und aus Nestroy’s Testament]; Nr. 159, im Feuilleton: „Nestroy’s Testament“. – Wiener Zeitung 1862, Tagesbericht Nr. 127: „Nestroy’s Testament“ [die ersten Nachrichten über die Enttäuschung und das Befremden, welches hie und da Nestroy’s letzter Wille hervorgerufen hat. Auch der Erben wird in „rührender“ Weise gedacht, indem bemerkt wird, „sie seien leider zu ergriffen gewesen, um der Leiche des theuren Verstorbenen das letzte Geleite zu geben; während diese von Theaterarbeitern nach Wien gebracht wurde, suchten jene auf einer Reise nach Triest ihrer Schmerzen Herr zu werden, die Sorgen für das Leichenbegängniß der Direction des Treumann-Theaters überlassend“]; – dieselbe, Tagesbericht Nr. 138 [Anton Langer gibt mehrere Aufklärungen über das Testament Nestroy’s, über welches, sobald es kundgemacht worden, von mehreren Seiten Controversen erhoben wurden].
III. Zur Kritik und ästhetischen Ansicht über Nestroy als Possendichter, und Einzelnes zur Geschichte einiger Stücke N.’s. [Kaum über Jemand hat sich die Kritik so verschieden ausgesprochen, als über Nestroy, und doch fehlt eine richtige Anschauung der durch ihn hervorgebrachten Wirkungen bis heute. Im Folgenden ist keine nur halbwegs bedeutende Stimme unberücksichtigt gelassen.] Die Bühnenwelt, herausgegeben von Julius Pohl (Wien, Fol.) 1867, Nr. 6, im Aufsatze: „Einst und Jetzt“, von J. v. K. [in welchem eine Charakteristik der verschiedenen Wiener Possendichter Raimund, Langer, Elmar, Berg und auch Nestroy’s gegeben wird]. – Der Botschafter (Wiener polit. Parteiblatt) 1862, Nr. 149, im Feuilleton: „Johann Nestroy“ [Nestroy’s Charakteristik von Friedrich Uhl]. – Coburger Zeitung 1862, Nr. 130: „Ueber Nestroy“. – Donau-Zeitung (Wiener polit. Blatt) 1862, Nr. 130, im Feuilleton: „Johann Nestroy“. – Fremden-Blatt von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1860, Nr. 300, in der Rubrik Theater und Kunst: „Johann Nestroy“; 1862, Nr. 150, in den „Briefen eines Müssiggängers“. – Gottschall (Rud.), Die deutsche Nationalliteratur in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Literarhistorisch und kritisch dargestellt (Breslau 1861, Trewendt, 8°.) Zweite verm. u. verbess. Auflage, Bd. II, S. 250; Bd. III, S. 507. – Humorist. Von M. G. Saphir (Wien, 4°.) 1839, S. 306 u. f: „Nestroy und die Wiener Localposse“, von M. G. Saphir; – dasselbe Blatt, 1856, Nr. 273: „Wiener-Badner Didaskalien. Tutti-Frutti der Volksposse“. Von M. G. Saphir [Parallele zwischen Raimund und Nestroy]. – Morgen-Post (Wiener polit. Blatt) 1860, Nr. 120, im Feuilleton: „Nestroy und – sonst nichts“ (von Karl Hofmann?). – Neue freie Presse (Wiener polit. Journal) 1867, Nr. 1026, im Feuilleton: „Briefe eines alten Wieners an eine Freundin. Herausgegeben von Bauernfeld. VII. Brief. Wien, im Januar 1867“ [behandelt unter anderem auch den Darsteller und Possendichter Nestroy]. – Oesterreichische Zeitung (Wiener polit. Blatt) 1861, Nr. 46: „Nestroy“, von Aug. Silberstein; 1862, Nr. 251, im Feuilleton: „Johann Nestroy. Ein Nachruf“ [von Kompert?]. – Ostdeutsche Post (Wiener polit. Journal) 1862, Nr. vom 1. Juni, im Feuilleton von M.(ichael) K.(lapp). – Presse (Wiener politisches Journal) 1860, Nr. 279 im Feuilleton [anläßlich seines letzten Auftretens auf der Bühne, eine Charakteristik Nestroy’s als Dichter, Darsteller, Director und Mensch]; – dasselbe Blatt, 1862, Nr. 163, im Feuilleton: „Aristophanes-Nestroy“, von Em.(il) K.(uh). – Recensionen und Mittheilungen über Theater, Musik u. s. w. (Wien, 4°.) VI. Jahrg. (1860), S. 702: „Nestroy. Künstler-Silhouette“, von Emil Kuh. – Sonntagsblätter für heimathliche Interessen (Wien, Pfautsch, 8°.) I. Jahrg. (1842), Nr. 4: „Nekrolog der Wiener Volksmuse“ [eine kritische Vergleichung Raimund’s und Nestroy’s]. – Telegraph (Leipziger kritisches Blatt, 4°.) 1842, S. 746: „Eine Nestroy’sche Posse“, von G. S. (Gustav Schlesier?) [eine geistvolle Charakteristik der von Nestroy eingeschlagenen Possenrichtung]. – Das Vaterland (Wiener polit. Parteiblatt) 1860, Nr. 56, im Feuilleton: „Epilog und Prolog“ [ein kritischer Ueberblick dessen, was Nestroy geleistet]. – Der Wanderer im Gebiete der Kunst und Wissenschaft u. s. w. (Wien, 4°.) 1837, Nr. 296: „Johann Nestroy als Localdichter“, von Ermin. – Wiener Abendpost (Abendblatt der Wiener (amtlichen] [218] Zeitung) 1866, Nr. 228 u. 229, im Aufsatze: „Der Wiener Parnaß vor einem Vierteljahrhundert. II. Die Theater“, von Hermann Meynert [wohl die unbefangenste, treffendste und ausführlichste Charakteristik unter den vielen, die über Nestroy erschienen sind]. – Wiener Zeitung 1860, Abendblatt Nr. 181, S. 722. im Artikel: „Abendblätter“ von E.(ugen) O.(bermeyer); – dieselbe 1862, Tagesbericht Nr. 123: „Johann Nestroy“. – Zur Geschichte einzelner Stücke. Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber) 1844, Nr. 56, S. 64: „Der Zerrissene“, Posse von Nestroy [mit Costumefiguren und Scenen aus dem Stücke]. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1867, Nr. 974, unter den „Theater- und Kunstnachrichten“ [zur Geschichte des „Nazi“ in den „schlimmen Buben“]. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1864. Nr. 350 [Geschichte der Entstehung des Schusters im „Lumpacivagabundus“, von Anton Langer erzählt].
IV. Nestroy im Roman, Drama, im Gedicht. Nestroy’s Gedächtnißfeier. – Roman. Scholz und Nestroy. Roman aus dem Künstlerleben von C. Haffner. 3 Bände (Wien 1866, Markgraf u. Müller, 8°.). – Drama. Scholz und Nestroy. Genrebild mit Gesang und Tanz in 3 Abtheilungen und 9 Bildern von C. Haffner [nach dem Roman gleichen Namens von demselben Verfasser]. Musik von Capellmeister Kleiber [wurde am 15. Februar 1866 zum ersten Male im Theater in der Josephstadt gegeben]. – Gedichte [mit Ausschluß aller Bänkelsängerlieder]. Stix (C. F.), Nestroy im Himmel. Ein Erinnerungsblatt von (Wien, Verlag von Förster u. Bartelmus, gr. 4°.). – Telegraf (Wiener polit. Volksblatt) 1862, Nr. 152, im Feuilleton: „Fixsternlied, dem Verfasser des „Kometenliedes“ J. Nestroy gewidmet. Bei seinem Abtreten von der Bühne im Jahre 1860“. Von J. Weil. – Zu dem symbolischen Blatte Tewele’s hat Langer ein erklärendes Gedicht geschrieben, siehe unter den Bildnissen a). – Nestroyfeier. Fremden-Blatt. Von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1868, Nr. 338: „Die Nestroy Feier im Carl-Theater“.
V. Nestroy’s Bildnisse und Costumebilder in Stich, Lithographie, Holzschnitt und Photographie – a) Gedenkblätter. 1) Johann Nestroy als Schauspieler, Dichter, Director und Mensch, symbolographisches Lebensbild, componirt von Prof. Ferd. Tewele. Hierzu als erklärender Text: „Mein letztes Wort“, Epilog von Ant. Langer, gesprochen von Joh. Nestroy am 31. Oct. 1860 (Wien 1861, gr. Fol., colorirt und in Tondr., bei J. Dirnböck in Comm.). – 2) „Nestroy im Himmel“. Titel eines im Jahre 1862 im Verlage von Förster und Bartelmus in Wien erschienenen humoristischen Erinnerungsblattes, welches Nestroy’s Zusammenkunft im Olymp mit Carl, Scholz, Bäuerle, Saphir darstellt. Der das Bild begleitende poetische Text ist von C. F. Stix verfaßt. – b) Bildnisse. 3) Joh. Nestroy, Schauspieldichter, Schauspieler und vormals Director des Carl-Theaters. Nach dem Leben gezeichnet und lith. von A. Dauthage (Wien 1860, Jos. Bermann, Halb-Fol.) [davon bestehen auch Photographien im Visitkarten-Formate (ebenda)]. – 4) Unterschrift: Johann Nestroy, Schauspieler des k. k. priv. Theaters an der Wien. L. Fischer (lith. in Wien 1834, 8°. und auch Blätter in 4°.) [Nestroy’s erstes und sehr seltenes Bildniß]. – 5) Unterschrift: Nestroy. W. Klimt lith. C. W. Medau in Leitmeritz (4°.). – 6) J. Nestroy. (Lith.) von Kriehuber (Wien 1853, Neumann, Halb-Fol.). – 7) Gruppenbild: Nestroy, Scholz, C. Treumann (Wien 1853), Lith. von Kriehuber. – 8) Tritsch-Tratsch (Wiener Caricaturblatt, 4°.) I. Jahrg. (1858), Nr. 27, in der Folge: Wiener bekannte Persönlichkeiten. Nestroy’s Porträt im Holzschnitt o. A. d. Z. u. X. [ziemlich ähnlich]. – 9) Holzschnitt-Bildniß ohne Angabe des Zeichners u. Xylographen in Waldheim’s Illustrirter Zeitung 1862, Nr. 11, S. 121 [sehr ähnlich]. – 10) Johann Nestroy. Holzschnitt o. A. d. Z. u. X. im Oester. Volkskalender, 19. Jahrg. (1863) (Wien, Sommer, 8°.) S. 103 [sicher neben Kriehuber’s Lithographien das ähnlichste Bildniß Nestroy’s]. – c) Nestroy in colorirten Costumebildern der Theater-Zeitung. 11) Nestroy. Costumebild in ganzer Figur, als Dichter Leicht in „Kein Lorbeerbaum“ und Sansquartier in „Zwölf Mädchen in Uniform“. Schoeller del., Andr. Geiger sc., color. – 12) J. Nestroy als Norddeutscher Student. In der Attitude, als er die Worte spricht: „Deß fordert Geblüt!“ Schoeller del., Andr. Geiger sc. – 13) Madame Rohrbeck als Columbine, Herr Nestroy als Hanswurst in der Posse: „Der Doctor Nolens volens“ von Milius 1760. Schoeller del. – 14) Herr Scholz als Jonas Froschmaul und Herr Nestroy [219] als Amtsschreiber Nigowitz in der Posse: „Das Gut Waldegg“. Nigow.: Sapperment, ziehen Sie sich zurück, Sie treten mir ja auf den Fuß. Froschm.: Woher vermuthen Sie dieß? Schoeller del., Andr. Geiger sc., color. – 15) Scholz und Nestroy im Volksstück „Lumpacivagabundus“. Nestroy in der Titelrolle. O. A. d. Z. u. St. [Schoeller und Geiger?]. – 16) Nestroy und Scholz, Ersterer als Baldrian Zwickl, Letzterer als Cyprian Deckel in der Posse: „Hutmacher und Strumpfwirker“. Beide in der Attitude, als sie sich, einer den andern für wohlhabend haltend, gegenseitig anreden: „Euer Gnaden, ein armer Handwerksbursch bittet um ein Almosen. Schoeller del., Andr. Geiger sc. – 17) Herr Nestroy als Bedienter Hecht, Dlle Dielen als Genovefa und Herr Klischnigg als Affe in der Posse: „Der Affe und der Bräutigam“. Hecht (zum Affen sich wendend): „Billigen Sie unsern Bund?“ – d) N.’s Costumebilder in Lithographie, Stahlstich und Holzschnitt. 18) Nestroy als Fliege im „Orpheus“. Lith. von Dauthage (Wien, J. Bermann). – 19) Johann Nestroy als Hausmeisterin. Holzschnitt nach einer Photographie aus dem Verlage von Jos. Bermann (in Waldheim’s Illustr. Zeitung 1862, S. 20. – 20) Joh. Nestroy und W. Knaak als Jupiter und Styx in Offenbach’s komischer Oper „Orpheus“, Costumeporträt, nach der Natur gezeichnet und lithogr. von A. Dauthage (Wien 1860, J. Bermann, Qu. Fol.). – 21) Nestroy als Bursche (Nazi). Stahlstich o. A. d. Z. u. St., Costumebild, ganze Figur. – 22) Humorist, herausg. von M. G. Saphir (Wien, 4°.) 1858, Montagsblatt Nr. 10, enthält auf S. 3 Nestroy’s Porträt als Nazi in den „schlimmen Buben“ im Holzschnitt o. A. d. Z. u. X. – 23) Joh. Nestroy als Pan in der Operette „Daphnis und Chloe“ von J. Offenbach. Nach einer Zeichnung von F. Kanitz. Holzschnitt in der Illustrirten Zeitung (Leipzig, J. J. Weber),38. Bd. (1862), S. 33. – 24) Joh. Nestroy als Gott Pan. Holzschnitt nach einer Photographie aus dem Verlage von I. Bermann (in Waldheim’s Illustr. Zeitung 1862, S. 20). – 25) Nestroy in der Posse: „Zwölf Mädchen in Uniform“ als Sansquartier. Stahlstich, ganze Figur, Costumebild in Miniatur. Stich und Verlag von J. Sonnenleiter und Lechleitner. Druck von Kargl (Wien, 4°.). – 26) Nestroy als Sansquartier. Lithographirtes und colorirtes Porträt in ganzer Figur von M. Fritsch. – 27) Telegraf (Wiener polit. Volksblatt) 1857, Nr. 40. Aus der Posse: „Zwölf Mädchen in Uniform“ [Nestroy als Sansquartier Fräulein Zöllner als Corporal, Grois als Briquet; Nestroy’s Porträt vortrefflich]. – 28) Nestroy als Sansquartier in den „Zwölf Mädchen in Uniform“. Nach der Natur gez. u. lith. von E. Kaiser (Wien, Paterno, Halb-Fol., auch color. Exempl.). – 29) Nestroy als a) Sansquartier in „Zwölf Mädchen in Uniform“; – b) als Jupiter in „Orpheus“; – c) als Hausmeisterin in „Vorlesung bei der Hausmeisterin“; – d) als Knieriem in „Lumpacivagabundus“; – e) als Tratsch-Midl in „Tritsch-Tratsch“ – und f) in der Rolle in „Glück, Mißbrauch und Rückkehr“. Gut und ähnlich ausgeführte Holzschnitte im Oesterreichischen Volkskalender, 19. Jahrg. (1863) (Wien, bei L. Sommer, 8°.) S. 105 u. 107. – e) Andere Caricaturen N.’s. 30) Tritsch-Tratsch (Wiener Caricaturblatt, 4°.) Zweiter Jahrgang (1859), Nr. 22, S. 176, enthält ein Caricatur-Doppelporträt Nestroy’s mit der Ueberschrift: „Wie sich die Leute die Lage des Directors Nestroy jetzt (als Pächter des Carl-Theaters) und nach Ablauf seiner Pachtzeit denken. – 31) Nestroy als Caricatur. Ueberschrift: Zur Bundes-Execution. Unterschrift: Figaro: Michel, wo gehst du hin? Nestroy-Michel: Zu der Leich’! Holzschnitt (von Leop. Müller?) im Witzblatte „Figaro“ (Wien, 4°.) 1863, Nr. 58. – f) Photographien. 32) Nestroy-Album, enthaltend 12 Costume-Porträts von Nestroy’s beliebtesten Rollen und das Bildniß von Nestroy, sämmtlich von Klee photographirt (Wien 1862, L. T. Neumann, Visitkarten-Format). [Nestroy ist in diesem Album in folgenden Rollen dargestellt: als a) Knieriem in „Lumpacivagabundus“; b) Jupiter in „Orpheus“; c) Piz in „Umsonst“; d) Pan in „Daphnis und Chloe“; e) Knitsch im „Gebildeten Hausknecht“; f) Sansquartier in „Zwölf Mädchen in Uniform“; g) Blasius Rohr in „Ein graues Haus“; h) Gaugraf in „Tannhäuser“; i) Specht in „Ein Gaukler“; k) Frau Maxl in „Vorlesung bei der Hausmeisterin“; l) Tratsch-Midl in „Tritsch-Tratsch“; m) Willibald in „Die schlimmen Buben“.] – 33) Drei Costumebilder Nestroy’s, Photographien nach Stur (Wien, bei Jos. Bermann, Visitkarten-Form.). [220] – 34) Johann Nestroy als Jupiter in Offenbach’s „Orpheus“. Nach Stur’s Originalzeichnung photographirt (Wien 1862, Jos. Bermann, Visitk. Form.). – 35) Johann Nestroy, Costumebild als Hausmeisterin. Original-Photographie in Visitkarten-Format (Wien 1861, bei Jos. Bermann). – 36) Zwei Costumebilder Nestroy’s, Photographien nach Fritsch (Wien, J. Bermann, Visitkarten-Format). – 37) Darstellungen Nestroy’s als Gott Pan, Sansquartier und Fliege gibt es in colorirtem Bisquit, in Gußeisen und Guttapercha. – 38) Herr von Karajan, Präsident der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, besitzt eine Suite von etwa 20 Original-Aquarellskizzen, deren einige mit dem Namen Fischer bezeichnet sind, ganz in französischem Genre und geistvoll gedacht, welche Nestroy in den Rollen als Sansquartier, Robert der Deixl, als Wachter im Tell, Knieriem in Lumpacivagabundus, Nazi, Tratschmidl, Weinberl und in den Possen der Unbedeutende, Hutmacher und Strumpfwirker, Geheimniste des grauen Hauses, Talisman und Werthers Leiden darstellen.
VI. Urtheile über Nestroy den Dichter, Darsteller und den Menschen. Es ist eine ganz artige Blumenlese von Urtheilen über diesen Faun der Wiener Posse erschienen; nicht nur die Wiener Journalistik, welche tüchtige kritische Kämpen in ihren Reihen aufzuweisen hat, wie Emil Kuh, Kompert, Meynert, Schlesinger, Uhl u. A., auch die Matadore der deutschen Theaterkritik und selbst der Literaturgeschichte nahmen das Wort in Sachen Nestroy’s, und einige derselben, ohne Rücksicht, ob sie anerkennend oder verwerfend lauten, mögen hier eine Stelle finden, um das Bild des Mannes vollenden zu helfen, der in seiner Art eine Specialität war, die seines Gleichen bisher nicht hat. Es ist billig, die Fachkritik den Reigen eröffnen zu lassen. Rudolph Gottschall in seiner Literaturgeschichte widmet Nestroy nur einige Pinselstriche. Nachdem er über Raimund’s Possen gesprochen, welche, wie er schreibt, alle ein poetischer Hauch durchweht, deren Farben warm, deren psychologische Effecte oft ergreifend, und deren Grundlage stets sittlich, geht er zu Nestroy über. „Das von Raimund Gesagte“, schreibt Gottschall, „gilt bei Weitem weniger von den Possen Johann Nestroy’s („Lumpacivagabundus“, „Der Unbedeutende“, „Die verhängnißvolle Wette“ u. a.), welcher schon den Uebergang zur burlesken Posse bildet, frivol und dreist bis zur Zweideutigkeit in Charakteren, Situationen und Dialog, und seine Götter, die ihm eigenthümlich angehören, ohne alle idealen Attribute sehr anthropomorphisch gestaltet. Doch ist er, ohne Raimund’s humoristische Tiefe, witziger als dieser, ein Ostade und Teniers in kecker Auffassung der Volkscharaktere, und versteht es geschickt, mit den Hilfsmitteln der Bühne zu wirken.“ – Kompert, der bei Gelegenheit von Nestroy’s Tode in kurzem aber scharfem Umrisse den Uebergang von Raimund’s Feenspielen zu Nestroy’s Faunen-Spectakeln und von diesen zu Offenbach’s süßlichem Klingklang gezeichnet, und nachgewiesen, wie von Raimund’s poetisch duftigem Märchen „Der Verschwender“ zuletzt durch Offenbach die Producte einer unserem Volksgemüthe gänzlich fremden, überreizten und ungesunden Phantasie demselben Wien gewaltsam aufgepfropft worden, schließt nun seine Charakteristik Nestroy’s in folgender Weise: „Es war eine eigenthümliche Schickung, daß ihm das doppelte Talent der Gestaltungs- und der Darstellungsgabe von der Natur verliehen worden war. Die erstere übte ihren vollen dämonischen Zauber erst mittelst der zweiten aus. Sie bedingten sich beide so sehr in und durch einander, daß die eine ohne die andere nicht getrennt zu denken ist. Wem wird es entgangen sein, welche unheimliche Macht die Nestroy’sche Phrase und die Nestroy’sche Geberde in der Wiener Gesellschaft geworden. Nicht „unten“ allein, und wunderbarer Weise viel seltener in jenen Schichten, die wir mit „Volk“ tituliren, als vielmehr da „oben“, gerade in jenen Kreisen, die von dem Firniß der Erziehung und Bildung überzogen gedacht werden, hat sie ihre üppigsten Ableger gefunden, und wurde und wird am meisten gehegt. Seinem ganzen Wesen nach eine lebendige Travestie und Satyre auf gewisse Auswüchse überbildeter Civilisation, mußte Nestroy’s Genius gerade in seiner Phrase und Geberde von Jenen am richtigsten aufgegriffen werden, die ein angebornes Verständniß dafür mitbrachten. Daher die merkwürdige Erscheinung, daß die Söhne jener Väter, die noch von Schiller’schen Citaten überströmten oder Raimund’sche Couplets vor sich hinträllerten, daß die Söhne derselben Väter, die mit einem gewissen naiven Enthusiasmus sich der Thränen nicht schämten, die sie im Theater reichlich vergossen, [221] jetzt auf die Phrase und Geberde ihres Meisters Nestroy schwören. Wohin man horcht, tönt sie in ihrer vielbedeutenden Zweideutigkeit entgegen, wohin man sieht, grinst sie mit der stereotyp gewordenen Haltung des genialen Mimen dem Beschauer zu. Mehr als man ahnt, hat diese unheimliche Macht im Wiener Leben Platz gegriffen, und noch ist nicht abzusehen, wann sie zu ihrem Abschlusse gelangen wird. Es ist eben die Wirkung einer so genialen Potenz, wie die Nestroy’s, daß sie fortzeugend, selbst gegen ihren Willen, ihren verderblichen Weg fortsetzen muß; solche Kräfte sind mit einer Art elementarer Unwiderstehlichkeit ausgerüstet, die, was sie ergreift, mit sich fortreißt und auch festhält. Ja wir nehmen keinen Anstand, die Behauptung aufzustellen, daß ein großer, ja vielleicht der größte Theil jener geistigen Entnüchterung und Kühle, mit der das jetzige Wien, namentlich was die Bühne betrifft, an die Schöpfungen der Kunst herantritt, mit auf Rechnung jener Nestroy’schen Phrase und Geberde zu setzen sei, deren Macht Jeder an sich selbst erprobt hat. Und wenn wir selbst das Burgtheater, das vor allen dazu berufen ist, den heiligen Funken der Begeisterung auf seinem Herde zu wahren, hie und da die Bahnen verlassen sehen, um auch andere, nicht immer lobenswerthe Leckereien für den überreizten Gaumen aufzusuchen, sollte auch diese Erscheinung nicht aus jenem Geiste der Zeit zu erklären sein, der aus der Nestroy’schen Phrase und Geberde seine Nahrung sog? Sollte die flüchtige Hast, die man jetzt den classischen Meisterarbeiten unserer Väter gönnt, um bei der nächstbesten, dem Französischen nachgeschmiedeten Bluette noch zu bereuen, daß man sie eben gegönnt hat, nicht in unsichtbaren Canälen zu jenem Wege führen, den der eben zur Kirchhofsruhe eingegangene Altmeister vorgezeichnet hat? ... Nestroy war ein Product seiner Zeit, jener nüchternen, zersetzenden, nivellirenden Zeit, die mit hämischer Schadenfreude den Erscheinungen zu Leibe geht, und die Satyre der realistischen Eingenommenheit an alles Ideale legt. Die Natur hatte ihn so ausgestattet und ihrem Rufe mußte er folgen. Es ist eben die Zeit des Ueberganges, unter dem wir sowohl Politische als sociale und künstlerische Zustände leiden sehen, die zumeist solchen Charakteren zur Geburtsstätte dient. Wie verderblich der Genius dieses Mannes in seiner Sphäre im Großen und Ganzen gewirkt haben mochte, er folgte hierin nur dem Walten eines Naturgesetzes, das sich zur Heilung ungesunder Zustände derartiger Kräfte bedient. Unser Volksleben wird einst wieder die volle Röthe der Genesung erlangen, das Uebergangsstadium wird zum Abschlusse kommen, dann wird vielleicht aus jenen realistischen Zerrbildern Nestroy’s, die jedenfalls ein bedeutendes Blatt in der Culturgeschichte einnehmen werden, eine Saat aufgehen, deren volle Frucht – ein echtes „Volksstück“ sein dürfte!“ – Meynert über Nestroy. „Die Elfenwelt Ferdinand Raimund’s war kurz nach dem Heimgange ihres Schöpfers versunken, und Nestroy kam, der das Wiener Publicum mit derben Armen aus dem Raimund’schen Wolkenwagen hob und auf das Feld des Realen hinstellte. Es war ein ziemlich gewaltsamer, übergangloser Umschwung, von welchem der Wiener Geschmack sich hinreißen ließ, ein Sprung aus dem heißen Dunstbade in die Kühlwanne. Nestroy unterwarf die Wiener Volksbühne, bei welcher die Raimund’sche Empfindsamkeit den Charakter eines Nervenleidens anzunehmen drohte, einer Gewaltcur, die eine starke Krisis zur Folge hatte, aber ihren Zweck erreichte; er trieb durch derbe materielle Gegengifte den durch Raimund ihr eingeimpften Idealismus heraus. Es war eine Desinfection der eigenthümlichsten Art. Ein grober Philosoph, ein Porträtmaler, bis zur Grausamkeit wahr, griff er tief in den Vorrath menschlicher Gewohnheiten, Begierden und Thorheiten, oft bis in den unsauberen Schutt ihrer Fundamente, und seine satyrische Indifferenz gefiel sich dabei nicht selten in nahezu verletzenden Contrasten. Aus seinen Bildern stellte sich eine zwar nicht tröstliche, nichtsdestoweniger aber überzeugende Wahrheit heraus, und auch solche Gemüther, welche sich gegen den Uebergang sträubten, nöthigte sein sprudelnder, sarkastischer Witz durch eine Masse treffender und vielfach sehr geistreicher Beziehungen, sich ihm zu beugen. Der Geisterwelt machte Nestroy bloß anfangs einige Zugeständnisse, weil er einsehen mochte, daß die Raimund’schen Traditionen sich nicht auf einmal beseitigen ließen, aber seine Geister Lumpacivagabundus und dessen Anhängsel waren im Grunde nur Travestien der duftigen Wesen, die „Das Mädchen aus der Feenwelt“ und der „Verschwender“ in ihre Obhut genommen hatten, und so bald es ohne Aufsehen geschehen konnte, brach Nestroy entschieden und für immer [222] mit allem Wunderbaren, das selbst in der Form der Parodie für ihn ein unbequemer Zwang gewesen war.“ Nun erklärt Meynert die Ursache, welche Nestroy auf die neue Bahn getrieben, theils aus dem Verfalle des Lustspiels, das in Deutschland nie zu sehr geblüht, theils aus der Umgestaltung des höheren Drama’s in Ritter- und Tendenzstücke. „Auch Nestroy“, fährt nun Meynert fort, „ließ sich von dieser neuen Strömung fortziehen, ja er half sie zunächst erzeugen, vielleicht weil seinem scharfen Blicke die immer merklichere Abnahme eines schärfer markirten Volkslebens in Wien nicht entging. ... Die angedeutete neue Bahn betrat er in den Stücken „der Unbedeutende“, „der Schützling“ u. s. w. Das muthwillige Spiel, welches er bis dahin mit Gebrechen und Thorheiten getrieben, hatte jetzt freiwillig in seiner Schärfe nachgelassen und einer Art sittenschildernder Familientendenz Platz gemacht. Der vorher stets verneinende Zweifler und Spötter nahm die Miene an, sich noch in letzter Stunde zu dem Glauben an die Menschen bekehrt zu haben. Sein Witz wirkte auch in dieser Metamorphose ebenso glänzend, wie früher, war aber sichtbar bemüht, zugleich tiefere Eindrücke hervorzubringen. Das Publicum begrüßte seinen bußfertigen Liebling mit gewohntem Beifalle; dennoch ließ sich der Verdacht nicht unterdrücken, daß Nestroy wohl nur darum in die Mündigkeitserklärung des Volksstückes gewilligt hatte, weil er sich selbst altern fühlte.“ Was nun Nestroy den Darsteller, den Komiker betrifft, so schreibt Meynert, nachdem er vorher Wenzel Scholz mit wenigen, aber treffenden Zügen gezeichnet, „ein entschieden anderes, zum Theile der Komik Scholzens entgegengesetztes Gepräge hatte die Komik Nestroy’s. Die Natur hatte ihm bei weitem nicht so unmittelbar den Geleitschein zu dem komischen Berufe mitgegeben, als seinem Collegen Scholz. Carl, dem Nestroy zwar unentbehrlich, aber keine eigentlich beliebte Person war, hatte nicht ganz Unrecht, wenn er diesen einen „Verstands-Komiker“ nannte. Ja, Nestroy bedurfte bisweilen sogar fremder Fingerzeige, um einer Figur die richtige komische Seite abzugewinnen, merkwürdiger Weise auch bei Rollen, die er selbst geschrieben. Den Bertram in seinem „Robert der Teixel“ spielte er anfangs ohne Wirkung, und erst, als ihm dann Carl in Umrissen das Bild vorzeichnete, nach welchem jener Sohn der parodirten Hölle zu formen sei, fand Nestroy sich in der von ihm selbst geschaffenen Gestalt zurecht und hatte von da an mit Stück und Rolle außerordentlichen Erfolg. Erst durch Beobachtung und Erfahrung gelangte Nestroy dahin, aus seiner widerstrebenden Persönlichkeit komisches Capital zu schlagen, und gerade die Hindernisse, die sich in ihm selbst entgegenstellten, zuletzt in eben so viele neue wirksame Hilfsmittel zu verwandeln. Durch seine lange Gestalt, die er nach Umständen bald noch verlängerte, bald einknickte, durch seine schlotternden Bewegungen und mittelst frappanter Wechsel zwischen Schwerfälligkeit und Agilität überraschte und elektrisirte er sein Publicum. Großen Vortheil zog er aus seiner eminenten Zungenfertigkeit und in Rollen seiner eigenen Stücke überschüttete er den Hörer gleichzeitig mit einem Schwall von Worten und mit einem Feuerregen glänzender Einfälle. Aber beinahe beredter noch als seine Dialektik war sein stummes Spiel, mit welchem er alle Voraussetzungen des Censors durchkreuzte. Durch ein Aufzucken der Stirne und der Augenbrauen, verbunden mit einem Niederzucken der Oberlippe und des Kinns – ein Mienenspiel, das sich nicht schildern läßt – gab er seiner Rolle einen Zusatz von allerhand Gedankenstrichen, aus welchen sich noch ganz anderes heraushören ließ, als was wirklich gesprochen wurde, und da, wo die Darsteller der einstigen italienischen Kunstkomödie mit Worten improvisirt hatten, improvisirte er noch weit drastischer durch – Schweigen. Selbst die kühleren Naturen des britischen Eilandes, denen die hier empfangenen Eindrücke theilweise fremdartig und abenteuerlich vorkommen mochten, konnten ihren Beifall nicht zurückhalten. Ein Engländer, der zu jener Zeit in der „Times“ einen Brief über die Wiener Theater erscheinen ließ, sagte bei dieser Gelegenheit: über Scholz müsse man lachen, auch wenn er nicht spreche; über Nestroy müsse man lachen, auch wenn er nicht spiele, sondern bloß auf dem Theater stehe. Immer müsse man über Beide lachen, und was den Vortrag komischer Couplets anlange, so gebe es selbst in Frankreich keinen Komiker, der sich mit einem dieser beiden messen könne. Die Parodie der Oper „Robert der Teufel“ und Nestroy’s und Scholz’ Darstellungen in derselben halte er für das Non plus ultra aller Parodien.“ – Oettinger in seiner brillanten Weise schreibt über Nestroy: „Auch Wien hat seinen Boisrobert[1]. [223] Und dieser Wiener Boisrobert ist – Nestroy, denn auch dieser Nestroy ist eine Erscheinung, die, wenn sie einst vom Schauplatze ihrer bisherigen Wirksamkeit zurücktritt, schwerlich jemals wiederkommt. ... Nestroy ist vom Scheitel bis zur Schuhsohle eine Caricatur, jeder Zoll in ihm ist eine Charge, jedes Wort, jede Miene, jede Bewegung, jede Fiber, jede Faser, jeder Nerv ist eine ätzende und zersetzende Satyre, eine beizende, reizende Ironie, eine cannibalische Malice, eine blutritzende Persiflage, eine Casti’sche Travestie, eine jung-hegel’sche Verneinung alles Bestehenden, eine noch nie dagewesene Verhöhnung alles dessen, was bisher in der Kunst dagewesen ist. Ich zersinne mein Gehirn und finde keinen Caricaturenmaler, mit welchem ich Nestroy, diese zu Fleisch gewordene Charge, passend vergleichen soll. Er ist kein Hogarth, kein Gillray, kein Cruikshank, kein Goya; er ist kein Gavarni, kein Daumier, kein Cham, Nestroy ist eben mehr als jeder dieser Einzelnen: in ihm vereint sich der Geist und die Schärfe, die Lauge und die Kaustik, der Spott und der Hohn aller dieser Meister; er ist das geborne Onze-et-demi der Caricatur, eine Encyklopädie der Satyre, eine Quintessenz der Ironie, das Es-bouquet der Parodie, eine Incarnation des Philippon’schen „Journal pour rire“. Nestroy ist aber nicht bloß Darsteller: er ist auch Dichter, und fast jedes seiner Stücke, das sich seit dreißig Jahren auf allen Repertoiren erhalten, hunderte von Bühnen bereichert, und Millionen von Zuhörern ergötzt und erheitert hat, ist eine Abspiegelung seiner parodistischen Natur, eine schäumende Perle, die er wie Champagner aus seinem Innern herausschnellt; jedes seiner Stücke ist, wie jedes seiner Bonmots, urkomisch, schlagend, fesselnd, zündend wie er selbst. – Seid ihr mürrisch und lebensmüde, „prenez Boisrobert“. Wollt ihr wieder heiter werden und euch geistig vergnügen, seht allabendlich diesen Tausendsasa Nestroy. Wollt ihr Kranke euch gesund, wollt ihr als Gesunde euch krank lachen, „prenez Boisrobert“. Lachen ist mehr, als bloßer Zwerchfellkitzel; Lachen ist Hochgenuß, Lachen ist Tugend; denn so lange man lacht, sündigt man nicht. Ich selber war niemals tugendhafter, als an jenen Abenden, an welchen Nestroy’s unversiegbare Komik mich zum Lachen hinriß. Ich vergaß allen Groll, alle Bitterkeit; ich lachte über ihn und lachte über mich, daß ich noch lachen kann quand même …“ – Ganz im Gegensätze zu Oettinger’s Apostrophe auf Nestroy’s Darsteller- und Dichtergabe läßt sich erbarmungslos strenge Gustav Schlesier’s Urtheil über Nestroy hören – wenigstens scheint die Chiffre G. S. unter demselben im „Telegraph“, S. 747, welcher im Jahre 1842 in Leipzig, erschien, diesem seiner Zeit viel und mit Recht gewürdigten Publicisten anzugehören. Gust. Schlesier schrieb es, nachdem er eines Abends im Theater zu Hamburg Nestroy’s „Mädel aus der Vorstadt“ aufführen gesehen. Er schreibt: „Ein gutes Stück, von einer schlechten Gesellschaft aufgeführt, hat mich immer an eine gute Mahlzeit erinnert, die man mit zinnernen Löffeln zu verspeisen genöthigt ist; bei schlechten Stücken und guten Schauspielern ist aber der Gegensatz weit greller und erzeugt den größten Widerwillen. Ich kenne die Phasen nicht, welche das Hamburger zweite Theater seit seiner Entstehung durchlaufen hat, bin aber der Meinung, daß seine gegenwärtige Richtung, wenn sie die herrschende werden soll oder bereits ist, eine höchst verderbliche genannt und zu den entsittenden Elementen gezählt werden muß, die die Bildung und das Gefühl des Volkes vergiften. Die Nestroy’sche Posse an und für sich kann sich nicht rühmen, den Geschmack überhaupt vereinfacht und verbessert zu haben, so aber, wie sie hier auftritt, darf man sich nicht scheuen, ihr geradezu einen demoralisirenden Eindruck zuzuschreiben. Sie ist es, die in Verbindung mit der Schwärmerei für Iffland der Moral den Gnadenstoß ertheilt und jenen zerfahrenen blasirten Zustand erzeugt, den wir als das traurige Ergebniß moderner Bildung nicht bloß in einzelnen Individuen, sondern schon in ganzen Massen zu beobachten und zu beklagen haben. Nestroy und Iffland, das sind die beiden Pole, in deren Kreise der abgestorbene kalte Körper seine Zuckungen macht. Zwergfell und Thränendrüse, das sind die Endpuncte, auf die der Effect berechnet, über welche hinaus keine höhere Aufgabe, kein würdigeres Ziel; jenes in Bewegung und diese in Fluß zu setzen, dazu wird kein Mittel zu schlecht [224] gefunden. … Soll ich die Richtung benennen, die mir als Resultat jener beiden Factoren vorkommt, so finde ich keinen anderen Ausdruck für sie, als den des Sentimentalen und Zotigen, die Verschmelzung des Weinerlichen mit dem Gekicher. Das wahrhaft Tragische, wie das wahrhaft Komische ist darüber in Verfall gerathen. Wer einer Nestroy’schen Posse auf dem zweiten Theater in Hamburg beigewohnt hat, der wird sich nicht mehr über die bekannte Liebeserklärung, die zu Anfang des 18. Jahrhunderts in Paris in Gegenwart Louis XIV. von Arlequin im médecin galant vorgetragen und als das Gröbste der ungeschmückten Zote lange Zeit gehalten ward, wundern können. Wenn jener zu seiner Geliebten sagte: „Madame, vos yeux font plus de bruit dans le ciel, que mon bas ventre sur la terre, quand il est rempli des vents“, so lag in diesen Worten weiter keine Zweideutigkeit und keines Menschen Phantasie konnte in diesem grobnaiven Witze Stoff zum frivolen Nachgrübeln entdecken; hinter dem Gelächter machte sich der natürliche Widerwille gegen solche Zusammenstellung geltend, und das Gefühl für das Schöne und Erhabene trat unangetastet und neubelebt wieder hervor. Die Nestroy’sche Posse läßt solche Beispiele derber Komik weit hinter sich zurück und überbietet den Nachbeter Paul de Kock’s selbst durch ein beigemischtes Streben nach obscönen Zweideutigkeiten und einer ihnen entsprechenden Mimik, die weit entfernt ihren Stoff aus irgend einer Blöße des öffentlichen Lebens, ihn vielmehr aus der lichtscheuen Region großstädtischer Laster und Untugenden in den Glanz der Theaterlampen zieht. Die dreiactige Posse: „Das Mädchen aus der Vorstadt“ hatte zu ihrer eilften Vorstellung wiederum ein volles Haus; auf keinem Matrosentheater können unverschämtere Anspielungen und schlüpfrigere Witze vorgebracht werden, als in dieser Posse, die zum eilften Male mit großem Applaus über die Bretter ging. In Paris und London wird es nicht verblümter und schwülstiger gegeben, wie hier. Ich will glauben, daß die vielen jugendlichen Zuschauerinen längs des ersten Ranges nicht wußten, was sie thaten, wenn sie zu Dingen lachten, die selbst für Männer zum Erröthen waren; es scheint mir aber nach einem Blicke in das Wesen des erwähnten Volkstheaters im hohen Grade Zeit, denen Gehör zu schenken, die vor dem gänzlichen Verfalle der sittlichen Volksbühne gewarnt haben. Der deutsche Pickelhäring, der unbarmherzig verbrannt und zu Grabe getragen ward, hat sich bitter gerächt; er selbst ist todt, aber sein Geist spukt unter den verschiedensten Formen und Gewändern hohnlächelnd umher. Statt mit boshafter Neckerei, mit roher Geißel und dem Pritschholze, schleicht er im eleganten Frack und äquivoker Redensart und glattzüngiger Schmeichelei vor dem Publicum auf und ab. Auch er ist zum Cavalier geworden, zum Cavalier im Makintosh. Es ist zu beklagen, daß diejenigen Bühnendichter, die eine Reform des deutschen Theaters bezwecken, von dem Verfalle der Volksbühne zu sehr überzeugt schienen, um nicht lieber von unten auf einen Reactionsproceß zu beginnen, statt ihn mehr von oben herab zu bewirken, und daß gerade da, wo die Empfänglichkeit für eine solche Reform am größten ist, ihre Idee zu Grunde gehen muß, weil sich die eigentliche Volksbühne von Händen bedient sieht, die ohne Selbstkraft, immer noch ihre Zuflucht zur Nachbildung nehmen und vorzüglich dahin arbeiten, die deutsche Posse mit französischem Parfüm zu betäuben und statt eines drastisch witzigen Principe der frivolen Lüsternheit zu fröhnen.“ So ein anerkannter deutscher Publicist über Nestroy vor einem Vierteljahrhundert, als dieser eben im Zenyth seines Schaffens und seiner darstellenden Kunst stand – Die Worte Wallner’s, der nicht, wie Schlesier, bloß die Stücke Nestroy’s, sondern diesen letzteren als Dichter, Schauspieler und als Menschen genau kannte, mögen das Voranstehende mildern und das Bild eines in jeder Hinsicht merkwürdigen Menschen vollenden helfen. Wallner schreibt aber über Nestroy: „Ein größeres Original, nach allen Richtungen hin, als Nestroy war, hatte die deutsche Bühne wohl nie aufzuweisen. Geistreich, wie Wenige, war er in Gesellschaft so scheu und wortkarg, daß man einen Dummkopf vor sich zu haben meinte, und nur dann und wann raunte er einem Freunde oder einem neben ihm sitzenden näheren Bekannten ein Witzwort, meist sarkastischen Inhalts zu, welches an Schlagfertigkeit Alles übertraf, was im Verlaufe mehrerer Stunden gesprochen worden war. Freilich sind fast alle diese Bonmots so cynischer Natur, daß sich die meisten nicht wieder erzählen lassen. Nestroy hat ein [225] halbes Hundert Possen geschrieben, von denen eine namhafte Zahl, mustergiltig und mit großem Beifalle aufgenommen, über alle deutschen Bühnen ging. War das Buch einmal den bewährten Händen seines Directors Carl übergeben, hatte er seine Rolle in dem Stücke einstudirt, so kümmerte er sich nie mehr um dasselbe, und selbst bei der ersten Aufführung seiner Arbeiten ließ er sich den Erfolg der Scenen, in welchen er nicht selbst beschäftigt war, in der Garderobe wieder erzählen. ... Er arbeitete mit reißender Schnelligkeit, meist Vormittags im Bette liegend, mit Bleistift auf eine halbe Seite großer, in Bittschriftenformat zusammengelegter Bogen schreibend. An der leeren halben Seite wurden später Aenderungen. Couplets, Witzfunken u. s. w. notirt und das fertige Stück dann so der Direction übergeben. Nie bekümmerte er sich dann mehr um dasselbe, ebensowenig wie um die nöthige Ausstattung, Besetzung, Inscenesetzung u. s. w., er wußte das Alles bei Carl in den besten Händen. Täglich mit einer namhaften Rolle beschäftigt – als Director sagte er mir einst, er sei sein fleißigstes Mitglied – spielte er doch nur mit Widerwillen, kam erst in der letzten Minute seiner Verpflichtung nach, war in der Garderobe, fünf Minuten vor dem Auftreten noch der mißmuthige faule Nestroy, der sich aber, sobald er die Scene betrat, mit Blitzesschnelle in den genialen geistreichen Komiker verwandelte. Alle Scherze, Witzworte und Calembourgs Nestroy’s tragen den Stempel des ausgesprochensten Cynismus oder der bittersten Ironie, und doch war er persönlich einer der gutmüthigsten Menschen, der mit Willen keiner Katze weh thun konnte. Ein wunderbareres Gemisch von guten und schlimmen Eigenschaften, von Schüchternheit und namenloser Frechheit, von böser Zunge und weichem Herzen ward wohl noch nie unter einem Menschenhaupte vereinigt gefunden. Nie im Guten wie im Bösen hat uns je etwas an Nestroy überrascht; er stand unter dem strengsten Pantoffel-Regimente eines ihn schwer drückenden Verhältnisses, darin ausharrend bis zum Ende seines Lebens, während ein rascher Entschluß die klirrenden Ketten gesprengt hätte. Dagegen entblödete er sich nicht, durch offene Untreue tausend und abertausend Mal die Eifersucht seiner Gebieterin bis zur rasenden Flamme anzufachen. Bei Gastspielen ließ er sich ein kleines „Extraconto“ für seine geheimen Plaisirs anlegen, da er „der Frau“ von der Verwendung eines jeden verdienten Guldens strenge Rechenschaft ablegen müsse. Das gestand er selbst in größter Naivität ein, obwohl er Gelegenheit genug fand, Tausende von diesen Rechenschaftsgulden den Augen „der Frau“ zu entziehen.“

  1. [223] Boisrobert ist ein berühmter Schalk und komischer Poet aus der Zeit Richelieu’s. Als Richelieu zu kränkeln begann, verschrieb ihm einer seiner Leibärzte, der eine kleine Erschütterung des Zwerchfelle für den leidenden Cardinal zuträglich hielt, das lakonische Recept: „Prenez Boisrobert“.

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Nestroy, Johann [Bd. XX, S. 204].
    (Rosner, L.) Aus Nestroy. Eine kleine Erinnerungsgabe. Mit einem biographischen Vorworte (Wien 1873, L. Rosner, 12°., VIII u. 46 S.). [Bd. 28, S. 367.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Sansqartier.
  2. Vorlage: Leopolstädter.
  3. Vorlage: Volsksänger.
  4. Vorlage: diejes.
  5. Vorlage: Eifersuchtscene.