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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Bernkopf
Band: 1 (1856), ab Seite: 327. (Quelle)
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Bernbrunn, Carl;[BN 1][BN 2][BN 3] pseudonym: Carl Carl[WS 1] (Theater-Director und Schauspieler, geb. zu Krakau im J. 1787, gest. zu Ischl im Salzkammergute 14. Aug. 1854). In der k. k. Ingenieur-Akademie für den Militärstand erzogen, verließ er dieselbe als Fähnrich und machte den Feldzug von 1809 mit. Diese Laufbahn ward durch seine in demselben Jahre erfolgte Gefangennehmung unterbrochen, und bald hätte er zu Mantua das Schicksal Andreas Hofers getheilt, [328] wenn nicht hohe fürstliche Verwendung ihn gerettet hätte. Er ward gegen das Ehrenwort, nie mehr wider Frankreich zu fechten, entlassen. Schon damals empfand er einen unwiderstehlichen Drang zur Schauspielkunst. Er begab sich daher, noch den Officierscharakter führend, nach Wien, um im Josephstädter Theater einen ersten Versuch anzustellen. Aber der Ehrgeiz seiner Waffengefährten, die darin ihren Stand beschimpft sahen, bereitete ihm große Verlegenheiten. Obwohl er sein Debut, und zwar mit ziemlichem Erfolge, abgehalten hatte, mußte er doch eiligst Wien verlassen. Nun ging er nach München, um sich dort entschieden der Bühne zuzuwenden. Sein erstes Engagement fand er im sogenannten „Herzoggarten-Theater,“ sein erster Gehalt betrug pr. Woche 4 Gulden. In solchen Verhältnissen war er leicht begreiflich oft gezwungen, sich an die Milde guter Freunde und Collegen zu wenden. Unter diesen war es sein späterer Cassier Johann Held, der sich seiner am freundlichsten annahm. Aber B. war ein unternehmender, energischer Mann. Er wußte schon damals die Verkettung äußerlicher Umstände zu seinen Gunsten zu benützen; und so kam es, daß er, nachdem das „Herzoggartentheater“ abgebrannt war, und er ein neues Engagement beim „Isarthortheater,“ dem unter Baron de la Motte stehenden zweiten Hoftheater gefunden hatte, sich bald zur Höhe eines ungewöhnlichen Glückes emporschwang. Sein Spiel, mit dem er jugendliche Liebhaber und Naturcharaktere darstellte, seine technischen Bühnenkenntnisse, seine schnelle Auffassung und Energie, mit der er Alles die Bühne Betreffende anzupacken verstand, seine Laune und sein Witz, endlich seine Verheiratung mit der damals beliebten Schauspielerin Margaretha Lang (s. d.), machten ihn in kurzer Zeit zum unentbehrlichen Rathgeber des Intendanten, zum Liebling des Hofes und zum Mittelpuncte der theatralischen Abende. Er ward bald einziger und unumschränkter Regisseur des genannten Theaters. Seine eigentliche Force sollte er aber noch erproben. In Wien kam damals das neue Genre der Localpossen auf, die in den Sitten und Gewohnheiten des Volkes selbst, und namentlich der Wiener ihre Wurzel und das Geheimniß ihrer Wirksamkeit hatten. Gleich, noch mehr aber Bäuerle, waren die echten, glücklichen Repräsentanten dieser Richtung. B. erkannte mit dem ihm eigenen Scharfblicke und seinem Instincte für praktisches Wirken, daß er mit der Einführung dieser Localstücke in München einen Wurf thun könnte. Der Erfolg bestätigte seine Voraussicht. Noch mehr, – er selbst fand darin sein eigenstes, ihm am meisten zusagendes Rollenfach, obwohl er in dieser Beziehung erst von dem Intendanten darauf aufmerksam gemacht werden mußte. So sahen die Münchener Gleich’s „Herr Joseph und Frau Waberl“, Bäuerle’s „Die Bürger von Wien“. Durch die letzteren ward Bernbrunn auf seine „Staberliaden“ gebracht, die eine Goldquelle für ihn wurden. Der alte deutsche Hanswurst ward vom 19. Jahrhund. mit Jubel und offenen Armen empfangen. Von dieser Zeit an fand B. die Laufbahn seines ganzen künftigen Lebens bestimmt und sicher vorgezeichnet. Er war nun überall und in Allem „Staberl“. – „Staberl’s Hochzeit“, – „Staberls Reiseabenteuer“, – „Staberl als Freischütz“, – „Staberls Haß und Quinterls Reue“, – „Staberl als Fiaker“, – „Staberl als Klaubauf“ (Klaubauf in München was bei uns Krampus), – „Staberl als Philosoph“ u. s. w. folgten sich einander, und B. machte sich bei der Verfassung derselben, die theilweise eigene, immer aber von ihm beeinflußt war, nicht viel Kopfzerbrechen. [329] Aeltere Lustspiele, darunter Goldoni, mußten sich zu „Staberls“ zurechtlegen lassen. Noch in den letzten Jahren seines Lebens spielte er mit Vorliebe diese Rolle. Director des Isarthortheaters geworden, hatte er vollauf Gelegenheit, seine Fertigkeiten zu entwickeln. Unter anderm gründete er ein Schauspieler-Bildungs-Institut, das ihm sehr zu Statten kam. Die materiellen Vortheile seiner klugen Verwaltung blieben nicht aus; B. ward vermöglich, und noch genoß das Theater der pecuniären Unterstützung von Seite des Hofes. Später war es ihm auch gelungen, einen Plan wegen Unterdrückung des Isarthortheaters, der von der eifersüchtigen Hofbühne ausgegangen war, durch die Gunst des Königs zu vereiteln. – Im J. 1825 trat B. in eine neue Phase seines Lebens und Wirkens. Er schloß nämlich für das unter Palffy seinem Verfalle entgegengehende Theater an der Wien mit seiner Münchener Gesellschaft einen Spielcontract ab. In seiner Truppe befanden sich die Schauspieler Kunst und Dessoir. Sowohl er als Kunst hatten gleich in der ersten Vorstellung: „Die Räuber auf Maria Culm“ Gelegenheit, sich dem Publicum zum empfehlen. B. offenbarte da auch ein anderes glänzendes Talent, nämlich jenes, das ihm nie verlegen werden ließ, wenn es galt, sich so oder so auf Kosten der Kunst oder zur Verzweiflung eines Autors Theaterstücke zuzurichten und zurechtzulegen. Ein Beispiel für viele. In dem obenerwähnten „die Räuber auf Maria Culm“ hatte Kunst eine bedeutende Rolle. Aber kurz vorher ward er durch einen Unfall an der Hand verwundet, so daß er diese in einer Schlinge tragen mußte. Um die erste Vorstellung nicht aufzuschieben, befahl B. dem Theaterdichter Heigel, sogleich eine neue Scene zu dem Stücke zu schreiben, in welcher gesagt werden mußte, daß der Ritter so und so in einem Gefechte an der Hand verwundet worden sei. Sein Staberl ward auch in Wien eine „classische“ Figur. Mittlerweile sollte B. mit seiner Gesellschaft nach München zurück. Er erwirkte sich aber eine Verlängerung des Urlaubs, und wurde, als in Baiern der Thronwechsel vor sich ging, mit einem ansehnlichen Gehalte pensionirt (August 1826). Die schwankenden Verhältnisse des Theaters an der Wien, die ihn fortwährend in Collision mit den Gläubigern des Grafen Palffy brachten, drängten ihn endlich zu dem Entschlusse, mit diesem einen förmlichen Pachtvertrag abzuschließen, und den Rest seiner Gesellschaft von München nach Wien zu berufen. In Folge neuer Processe mit den genannten Gläubigern schloß er mit dem Josephstädtertheater, welches unter der Leitung der Frau von Scheidlin stand, einen Gesellschaftsvertrag. Diese erwarb für die gemeinschaftliche Bühne den Komiker Scholz (s. d.), dem im J. 1831 auch Nestroy (s. d.) folgte. Als Theaterdirector kam B. natürlich auch mit den Wiener dramat. Schriftstellern in Verbindung. Wie er es mit diesen hielt, möge die Behandlung darthun, welche Nestroy als Dichter von ihm erfahren; dieser, dem – nach den Erfolgen seiner Stücke – Carl einen großen Theil seines Vermögens zu verdanken hatte, bekam durch lange Zeit für jede seiner Possen nur ein Honorar von 20 fl. (!) für die 1., 7., 11. und 20. Aufführung. Im J. 1838 kaufte B. um ein Billiges das Leopoldstädtertheater und erzielte, da zu gleicher Zeit wieder der Pachtvertrag mit den Erben des Wienertheaters zu Ende gegangen war, einen noch billigeren Pachtschilling. Im J. 1842 engagirte er Madame Brüning-Wollbrück und brachte mit dieser, doch nicht auf die Dauer, das Vaudeville zur Geltung. Das Jahr 1845 trennte B. für [330] immer von der Direction des Theaters an der Wien. Es war dies sehr gegen seinen Willen und seine Berechnung geschehen. Vergeblich ließ er dem Käufer, dem Director Pokorny um 50,000 fl. mehr anbieten; B. ward auf sein Theater an der Donau gewiesen, dessen längst projectirten Umbau er auf das Eiligste betrieb. In 6 Monaten war das neue Schauspielhaus, nach ihm (Carl-Theater) genannt, fertig, und wurde schon am 20. Dec. 1847 eröffnet. Aber B.’s Unternehmungsgeist und Glück waren im Weichen begriffen. Das Jahr 1848, in welchem er die Rolle des Hannswurstes von der Bühne in’s öffentliche Leben übertrug, wirkte noch ungünstiger auf sein Institut, und der glänzendste Erfolg der bis an seinen Tod bewahrten Thätigkeit concentrirte sich in der Acquisition des Komikers Karl Treumann (s. d.). Im J. 1854 machte ein wiederholter Schlaganfall seinem Leben ein Ende. Es ist nicht leicht, die widersprechenden Meinungen über diesen Mann in ein kurzes Urtheil zusammenzufassen. Freunde und Feinde, die ihn umgaben, hatten meist beide Gelegenheit, entweder mit allem Rechte seine Lichtseiten darzustellen, oder seine Schattenseiten preiszugeben. Jedenfalls war er ein Mann mit nicht ungewöhnlichen Talenten, die sich in jener Sphäre, welche ihm zur Wirksamkeit angewiesen war, bis zu den höchsten Fertigkeiten steigerten. Sein Biograph Friedr. Kaiser nennt seine schätzenswerthen Eigenschaften: „Consequente eiserne Willenskraft, – Scharfsicht, – Geschäftspünctlichkeit, – rasche Fassung der Entschlüsse und Ausdauer in Ausführung derselben, ferner ein überaus höfliches, leutseliges Benehmen.“ Aber andererseits gab er auch nur zu häufig Gelegenheit, ihn zu verdammen, u. z. zunächst vom Standpuncte der Kunst und der Humanität, indem er erstere so oft mißbraucht hat, und ihm letztere gegenüber seiner Truppe fremd war. Ihm war die Kunst nur ein Mittel, Geld zu erwerben, und hier liegt der ganze Kern und das Geheimniß seiner Thätigkeit. Dieser sein steter Hinblick auf die Vermehrung der irdischen Güter führte ihn auch, gegenüber seinem Personale und Allen jenen, welche mit ihm in näheren geschäftlichen Verkehr traten, – und Geschäft war ihm auch der geistige Verkehr mit Dichtern u. Schriftstellern – zu Handlungen nicht zu entschuldigenden Geizes und Schmutzes; ja selbst in seinem Testamente legte er noch Beweise davon nieder; noch übers Grab hinaus erstreckte sich eine seiner „schätzenswerthen Eigenschaften:“ die „Geschäftspünctlichkeit.“ Es ist hier nämlich von jenem Puncte des Testamentes die Rede, in welchem er seine Erben ganz besonders aufmerksam macht, die Engagementsverträge mit den Mitgliedern des Theaters nie für bindender zu halten, als er selbst sie jederzeit gehalten hat! Was die Kunst durch ihn gewonnen oder verloren, wird eine spätere Geschichte der Literatur und Kunst wohl deutlicher sagen können; jetzt schon aber darf man der Meinung sein, daß die Kunst, wenn sie Zwecken ausschließlich zu dienen hat, wozu B. sie gebrauchte, jedenfalls in ihrem Ansehen und ihrer Würde verlieren müsse.

Kaiser (Friedrich), Theater-Director Carl. Sein Leben und Wirken – in München und Wien mit einer entwickelten Schilderung seines Charakters und seiner Stellung zur Volksbühne. 2. Aufl. (Wien 1854, Sallmayer u. Co.). – Gämmerler (Franz), Theater-Director Carl, sein Leben und sein Wirken. Mit einem farbigen Titelbilde (Wien 1854, J. B. Wallishausser). – Frankfurter Konversationsblatt vom 2. Juli 1842, Nr. 180. – Beilage zu Nr. 54 des „Adlers“ (herausgegeben in Wien von Großhoffinger) 1841: „Herr Director Carl, seine Bühnen, seine Schauspieler, seine Dichter.“ – Der Ungar, herausgeg. u. redigirt von Hermann Klein (Pesth 1842) I. Jahrg. Nr. 162: [331] „Daguerreotypen aus Oestreich; das Theater an der Wien“ von Heinrich Börnstein. – Ostdeutsche Post (Wien, Folio) 1854, in einer Nummer des Monats August: „Der verstorbene Director des Carltheaters. Auch ein Nekrolog.“ – Theaterzeitung 1854, Nr. 187 u. 189: „Nekrolog.“ Nr. 198 u. 199: „Carls Testament.“ – In jüngster Zeit wurde Carls Leben von Adolph Bäuerle in einem Roman bearbeitet, der viele wahrheitsgetreue Züge des Verstorbenen enthält.

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Bernbrunn, Karl (Theaterdirector Carl) [Bd. I, S. 327].
    Presse (Wiener polit. Blatt) 1868, Nr. 206, im Feuilleton. – „Fürst Metternich und Staberl“. – Tagespresse (Wiener polit. Blatt) 1870, Nr. 118, im Feuilleton: „Wie Director Carl dramatische Schriftsteller honorirte“. – Neues Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1867, Nr. 198, II. Beilage: „Verstorbene und Lebende. IX. Director Carl“. Erinnerungen von Friedrich Kaiser. – Coulissen-Geheimnisse (Wien 1868, Waldheim, gr. 8°.) S. 81: „Der Parapluimacher Staberl“. [Bd. 23, S. 361.]
  2. E Bernbrunn, Karl (Theaterdirector Carl) [Bd. I, S. 327; Bd. XXIII, S. 361].
    Kaiser (Friedrich), Unter fünfzehn Theater-Directoren. Bunte Bilder aus der Wiener Bühnenwelt (Wien 1870, R. v. Waldheim, 8°.). [Diese amüsante Schrift enthält die interessantesten Beiträge zur Charakteristik dieses Unicums von Gewissenlosigkeit und Bühnentyrannei. Der beigegebene Register bezeichnet genau die zahlreichen Stellen, die über ihn berichten.]. [Bd. 24, S. 377.]
  3. E Bernbrunn, Karl (pseudonym Karl Carl) [Bd. I, S. 327].
    Goedeke (Karl), Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung. Aus den Quellen (Hannover 1859 u. f., L. Ehlermann, 8°.) Bd. III, S. 832, Nr. 430. [Bd. 28, S. 327.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. siehe auch Karl, André.