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« Kap.12 William Penn
Ohne Kreuz keine Krone
Kap.14 »
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Dreizehntes Kapitel.


§. 1. Vom Geize, als der zweiten Hauptleidenschaft des Menschen; – Bestimmung und Erklärung desselben. §. 2. Er bestehet erstlich in einem Verlangen nach unerlaubten Dingen. §. 3. Wie in dem Beispiele mit David als er Urias Weib begehrte §. 4. So auch mit Ahab, der Naboth’s Weinberg an sich zu bringen suchte. §. 5. Zweitens bestehet der Geiz in einem unerlaubten Begehren erlaubter Dinge. §. 6. Er ist ein Kennzeichen der falschen Propheten. §. 7. Der Geiz ist entehrend für die Religion. §. 8. Ein Feind der Obrigkeit. §. 9. Er macht die Menschen zu Betrügern. §. 10. Er leitet zur Unterdrückung. §. 11. Beispiel des Judas. §. 12. Auch des Simon Magus. §. 13. Endlich bestehet der Geiz [241] noch in nutzloser Anhäufung des Geldes. §. 14. Der Geitzige ist eine Volksplage. §. 15. Seine Heuchelei. §. 16. Das Gold ist sein Gott. §. 17. Er muß sparen, sollte es ihm auch das Leben kosten. §. 18. Christus und seine Jünger verdammen den Geitz. §. 19. Sünde und Gericht des Ananias und der Sapphira. §. 20. Wilhelm Tindal’s Abhandlung über diesen Gegenstand, nachgewiesen. §. 21. Peter Charron’s Zeugniß gegen den Geitz, angeführt. §. 22. Abraham Cowley’s witzige und scharfe Satyre über denselben.


§. 1. Ich komme nun zur Abhandlung der zweiten Hauptleidenschaft des Menschen, nämlich des Geitzes oder der Habsucht; eines Uebels, das wie eine ansteckende Krankheit in der Welt wüthet, und mit allen schädlichen Wirkungen begleitet ist, welche die Menschen, sowohl einzeln als in gesellschaftlicher Verbindung, unglücklich und elend machen. Dieses Laster ist mit dem, wovon ich eben geredet habe, mit dem Stolze, so innig verbunden, daß man selten das eine ohne das andere antrifft; indem Freigebigkeit dem Stolzen fast eben so gehässig als dem Geitzigen ist. Ich bestimme den Geitz, den der Apostel „die Wurzel alles Uebels“ nennt,[1] auf die Art, daß er in drei Hauptzweigen erscheint; erstlich: in einem Begehren unerlaubter Dinge; zweitens: in einem unerlaubten Begehren erlaubter Dinge, und drittens: in unnützer Anhäufung des Geldes und anderer Dinge, wodurch der Gebrauch und die Wohlthat des einen oder andern entweder einzelnen Personen oder der allgemeinen Gesellschaft [242] unnöthigerweise entzogen wird. Zuerst werde ich Das erörtern, was die heilige Schrift darüber sagt, und die Beispiele anführen, die sie uns zur Warnung gegen dieses Laster aufstellt, und hernach meine eigenen Gründe nebst einigen Zeugnissen achtbarer Schriftsteller beibringen. Daraus wird dann erhellen, daß das Kreuz Christi das Herz des Menschen ebensowohl von der Liebe zum Reichthume als von jeder andern Sünde, in welche er gefallen ist, befreien müsse.

§. 2. Was, erstlich, das Begehren unerlaubter Dinge betrifft, so ist dieses ausdrücklich von Gott selbst in dem Gesetze verboten, das er Moses auf dem Berge Sinai als eine Richtschnur des Lebens, wornach sein Volk, die Juden, wandeln sollten, in den Worten gab: „Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Hauses. Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibes, noch seines Knechtes, noch seiner Magd, noch seines Ochsen, noch seines Esels, noch alles dessen, was dein Nächster hat.“[2] Dieses bestätigte Gott durch Donner und Blitz und andere schauerliche Zeichen, um das Volk mit desto größerer Ehrfurcht zu erfüllen, damit es diese moralischen Vorschriften annehmen und halten, und die Uebertretung derselben desto schrecklicher finden möchte. – Micha brach zu seiner Zeit in die laute Klage aus: „Sie reißen zu sich Aecker, und nehmen Häuser, welche sie gelüstet;“[3] sie nahmen aber auch ein elendes Ende. Daher heißt es auch: „Wehe Denen, welchen mit Begierde gelüstet!“ Dieses ist der Punkt, welchen wir zu betrachten haben, und wir finden viele merkwürdige Beispiele davon in der [243] Schrift, von denen ich nur zwei in der Kürze berühren will.

§. 3. David, dieser sonst so gute Mann, fiel aus Mangel an Wachsamkeit. Die Schönheit der Ehefrau des Urias war eine zu harte Versuchung für ihn, da er, von seiner geistlichen Wache abgelockt, entwaffnet und wehrlos war. Nichts konnte ihn nun von seinem Vorhaben mehr zurückhalten. Urias mußte zu einer verzweifelten Unternehmung angestellt und einer Gefahr ausgesetzt werden, der er schwerlich mit dem Leben entgehen konnte. Dieses geschah, um die Befriedigung der unerlaubten Neigungen Davids auf eine Art zu beschleunigen, die nicht geradezu das Ansehen einer offenbaren Ermordung hatte. Der Kunstgriff gelang; Urias blieb im Gefechte, und seine Wittwe ward unverzüglich Davids Weib. Hieraus ging nun Davids Habsucht offenbar hervor. Aber kam er auch ungestraft damit durch? Nein, sein Verbrechen zog ihm schwere Gerichte und scharfe Züchtigungen zu. „Seine Freude ward bald in Angst und Bitterkeit des Geistes verkehret. Seine Seele wollte sich nicht trösten lassen, und die Fluthen der Trübsal gingen über sein Haupt. Seine Seele verschmachtete in ihm. Er war wie in Koth versunken; er schrie; er weinte; seine Augen glichen Thränenquellen. Seine Schuld lag schwer auf ihm; seine Sünden, die roth, wie Scharlach, waren, mußten weiß, wie Schnee, gewaschen werden, oder er war auf ewig verloren.“[4] Endlich trug jedoch seine Reue den Sieg davon. – Siehe! was für traurige Folgen diese Art der [244] Lüsternheit und Habsucht nach sich ziehet; was für Elend und Kummer sie begleitet! Und o! möchte doch Allen, die sich von einer solchen Habsucht hinreißen lassen, ein Gefühl von Davids Reue und Kummer tief in ihre Seelen dringen, damit sie auch Davids Heil und Erlösung erführen! „Richte mich wieder auf!“ schrie dieser gute Mann, denn er war sich ohne Zweifel eines vorigen bessern Zustandes bewußt. Ja, möge sein Fall Auch andern zur Warnung dienen, und sie lehren, in heiliger Furcht und Wachsamkeit zu leben, damit sie nicht auch sündigen und fallen. Denn David fiel durch Unbedachtsamkeit und Unwachsamkeit; er stand nicht auf seiner Hut, und hatte sich vom Kreuze entfernt. Das Gesetz in seinem Herzen war in dem unglücklichen Augenblicke nicht seines Fußes Leuchte und ein Licht auf seinem Wege. Er hatte seinen sichern Zufluchtsort, seine feste Burg verlassen; er sah sich überrascht; und gerade diesen Zeitpunkt seiner Unwachsamkeit benutzte der Feind, und überwältigte ihn.

§. 4. Das zweite Beispiel liefert uns die Geschichte von Naboth’s Weinberge. 1)[WS 1]Ahab und Isebel begehrten ihn; und derselbe Geist, der ihnen diesen unerlaubten Gedanken einflößte, gab ihnen auch Mittel und Wege an die Hand, ihn auszuführen. Naboth mußte sterben, weil er ihnen seinen Weinberg nicht verkaufen wollte. Um ihren Zweck zu erreichen, beschuldigten sie den schuldlosen Mann der Gotteslästerung, und fanden auch zwei falsche Zeugen, zwei Kinder Belials, die gegen ihn zeugeten. So mußte Naboth unter dem Vorwande des Namens Gottes, und unter dem Scheine des reinsten Eifers für seine Ehre, das Leben verlieren. Er [245] ward zu Tode gesteinigt; und sobald Isebel die Nachricht von seinem Tode erhielt, sagte sie zu Ahab: „Stehe auf, und nimm den Weinberg ein; denn Naboth lebt nicht mehr, sondern ist todt.“ Gott aber verfolgte Beide mit strengem Gerichte. „Auf der Stelle, da die Hunde das Blut Naboth’s gelecket haben,“ sagte Elia im Namen des Herrn, „sollen auch Hunde dein Blut lecken. Ich will Unglück über dich bringen, und deine Nachkommen wegnehmen.“ Und von seinem Weibe, Isebel, der Mitschuldigen an dieser Habsucht und Mordthat, fügte Elia hinzu: „Die Hunde sollen ihr Fleisch an den Mauern von Jesreel fressen.“ Hier sehen wir die Schändlichkeit dieser Art Habsucht, und auch die gerechte Bestrafung derselben. Möge es Jeden abschrecken, der ein Verlangen nähret, unerlaubte Dinge, die Rechte und Besitzungen Anderer, an sich zu bringen! Denn Gott ist gerecht, der ein solches Begehren unfehlbar endlich bestrafen wird. Jedoch ist vielleicht die Anzahl solcher Menschen, die nach dem unerlaubten Besitze des Eigenthumes eines Andern trachten, nicht groß, denn Viele thun es darum nicht, oder scheuen sich, ihr Begehren laut werden zu lassen, weil sie die Gesetze fürchten. Hingegen giebt es nur zu Viele von einer andern Gattung, welche gegen die eben erwähnte Art der Habsucht zu eifern scheinen, um durch ihren vorgeblichen Abscheu vor derselben die Beschuldigung eines andern Geitzes von sich abzulehnen, den wir jetzt betrachten wollen.

§. 5. Diese zweite Art der Habsucht oder des Geitzes, welche die allgemeinste ist, bestehet in einem unerlaubtem Begehren erlaubter Dinge, vornehmlich des [246] Reichthums. Geld zu besitzen, ist an sich eine erlaubte Sache; aber die „Geldliebe oder der Geitz ist die Wurzel alles Uebels,“ wenn anders der Mann Gottes wahr redet. Auch ist Reichthum nicht unerlaubt; allein Diejenigen, „die da reich werden wollen, fallen in mancherlei Versuchungen und Stricke, und in viele thörichte und schädliche Lüste, welche sie ins Verderben bringen,“[5] wenn derselbe Apostel auch hierin die Wahrheit sagt. Er nennt den Reichthum ungewiß, um die Thorheit und die Gefahr Derer zu zeigen, die mit ihren Herzen danach trachten. In Gottes Augen ist der Geitz ein Greuel, und er hat Allen, die sich desselben schuldig machen, große Gerichte angekündigt. Dem Volke Israel warf Gott ehemals den Geitz als eine Ursache seiner Gerichte vor. „Ich war zornig über die Untugend ihres Geitzes, und schlug sie,“ sagt der Herr;[6] und an einem andern Orte: „Denn sie geitzen allesammt, Kleine und Große, und beide, Propheten und Priester, lehren allesammt falschen Gottesdienst. Darum will ich ihre Weiber den Fremden geben, und ihre Aecker Denen, die sie verjagen werden.“[7] Auch klagte Gott, „daß ihre Augen und ihr Herz nur auf ihren Geitz gerichtet waren.“[8] Diese Klagen über ihren Geitz erneuerte und wiederholte Gott durch Ezechiel in den Worten: „Und sie werden zu dir kommen in die Versammlung, und vor dir sitzen, als mein Volk, und werden deine Worte hören, aber nicht darnach thun; sondern sie werden dich anpfeifen und gleichwohl fortleben nach ihrem Geitze.“[9] Darum forderte Gott es auch bei [247] der Wahl der Obern als eine Haupteigenschaft ihres Charakters, „daß sie den Geitz hassen sollten;“ weil er das Elend voraussah, das in einer Gesellschaft oder in einem Staate daraus erfolgen würde, wenn geitzige Menschen die oberste Gewalt in Händen hätten; indem diese sich nur zu leicht durch Eigennutz verleiten lassen, ihre Privatabsichten auf Kosten der öffentlichen Wohlfahrt zu befördern. David flehete, „daß sein Herz zu den Zeugnissen des Herrn und nicht zum Geitze geneigt werden möchte.“[10] Und Salomo sagt: „Wer den Geitz hasset, der wird lange leben,“[11] und er rechnet es für einen Fluch, wenn Jemand ihm ergeben ist. Lukas warf den Pharisäern das Laster des Geitzes als ein Zeichen ihrer Gottlosigkeit vor, und Christus sagt in diesem Evangelisten zu seinen Jüngern: „Sehet zu und hütet euch vor dem Geitze;“ dabei führt er einen Grund an, der trefflichen Unterricht enthält: „Denn Niemand,“ sagt er, „lebt davon, daß er viele Güter hat“.[12] Bei einer andern Gelegenheit stellt Christus den Geitz mit Ehebruch, Mord und Gotteslästerung in eine Klasse.[13] Es ist daher nicht zu bewundern, wenn der Apostel Paulus dieses Laster so häufig rügt. In seiner Epistel an die Römer stellt er den Geitz mit aller Ungerechtigkeit zusammen.[14] An die Epheser schreibt er, „daß der Geitz unter ihnen auch nicht einmal genannt werden müsse.“[15] Den Kolossern empfiehlt er, ihre Glieder zu tödten, und indem er verschiedene Sünden, als: Hurerei, Unreinigkeit, etc. benennt, beschließt er die Aufzählung derselben mit dem Geitze, den er Abgötterei [248] nennt; eine Sünde, die, wie uns bekannt ist, Gott aufs höchste beleidigt. Ja, dieser Apostel nennt den Geitz oder die Liebe zum Gelde „eine Wurzel alles Bösen,“ und sagt uns, daß Einige, die darnach trachteten, „vom Glauben abgeirret sind, und sich selbst mit vielen Schmerzen durchstochen haben.“ „Denn Diejenigen, welche reich werden wollen,“ sagt er, „fallen in Versuchung und Stricke, und in viele thörichte und schädliche Lüste.“ Darum rief er seinem geliebten Freunde Timotheus zu: „Aber du Gottmensch! Fliehe Solches! Jage der Gerechtigkeit nach; der Gottseligkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld und der Sanftmuth.“[16]

§. 6. Petrus hatte dieselbe Gesinnung; denn er gab den Geitz als ein Hauptkennzeichen an, woran die falschen Propheten und Lehrer, die unter den Christen entstehen würden, zu erkennen wären, „welche,“ sagt er, „aus Geitz mit erdichteten Worten an euch handthieren (oder Handel mit euch treiben) werden.“[17] Endlich hinterläßt uns der Verfasser der Epistel an die Ebräer unter andern wichtigen Gegenständen, die er mit warmen Eifer einschärft, noch die Ermahnung: „Der Wandel sei ohne Geitz.“ Doch läßt er es bei dieser allgemeinen Vorschrift nicht bewenden, sondern fügt noch hinzu: „Und laßt euch begnügen an dem, das da ist; denn Gott hat gesagt: Ich will dich nicht verlassen, noch versäumen.“[18] Können wir nun aber hieraus nicht auch schließen, daß die Ungenügsamen, die nach Reichthum trachten, Gott verlassen? Dieser Schluß scheint vielleicht hart, allein er folgt ganz natürlich daraus; da [249] solche Menschen, die mit dem, was sie haben, nicht zufrieden sind, sondern immer mehr verlangen, und daher, wenn es nur möglich ist, auch reich zu werden suchen, offenbar nicht in dem Vertrauen und Aufsehen auf die göttliche Vorsehung leben, zu welcher sie ermahnet sind, und ihnen folglich Gottseligkeit mit Genügsamkeit verbunden, kein großer Gewinn zu seyn scheint.

§. 7. Und wahrlich! es ist eine Schande für den Menschen, besonders für den Religiösgesinnten, daß er oft nicht weiß, wann er genug hat; wann er mit Gewinnen aufhören und sich begnügen soll; und daß er, obgleich ihm Gott eine reiche Ernte oder Einnahme nach der andern zufließen läßt, doch diese Wohlthaten nicht als Beweggründe ansiehet, sich endlich aus dem Gewühle der Welt zurückzuziehen, sondern dieselben vielmehr als Einladungen betrachtet, sich noch tiefer in die Geschäfte des Lebens einzulassen; als wenn er, jemehr er habe, auch desto mehr erwarten könne. Er erneuert daher seine Begierde und strengt sich mehr als jemals an, um seinen Theil davon zu tragen, so lange es noch etwas zu erjagen giebt. Gerade als ob Unruhe und nicht Abgeschiedenheit, Gewinnsucht und nicht Genügsamkeit, die Pflichten und die Quellen des Trostes eines Christen wären. Möchte doch dieses besser erwogen werden! Denn da der Geitz den Augen und der Wachsamkeit der Gesetze mehr als andere Laster entzogen ist, so ist er aus Mangel an gesetzlicher Aufsicht und Einschränkung desto gefährlicher.

Es ist nicht zu leugnen, daß sehr viele Menschen nicht des Unterhalts, sondern des Reichthums wegen, [250] Geld zu gewinnen suchen. Es giebt Einige, die eifrig darnach trachten, es aber auch bald wieder verschwenden, wenn sie es erlangt haben. Dieses ist allerdings auch strafbar; allein bei weitem nicht so verwerflich, als wenn Jemand das Geld bloß um des Geldes willen liebt, welches in der That eine der niedrigsten Leidenschaften ist, wovon das Herz eines Menschen gefesselt werden kann. Dieß ist ein größeres, und für die Seele verderblicheres Laster, als in dem ganzen Verzeichnisse der sündlichen Begierden des Menschen zu finden ist. Würde dieses recht erwogen, so müßte es Jeden zu der ernsten Untersuchung anleiten, in wiefern die Versuchung zur Geldliebe einen Eingang in sein Herz gewonnen habe; und zwar um so mehr, da die Fortschritte, die dieses Laster in dem menschlichen Gemüthe macht, fast unmerklich und seine Wirkungen daher desto gefährlicher sind. Tausende halten vielleicht eine solche Warnung gegen den Geitz bei ihnen am unrechten Orte, und sind doch nichts destoweniger dieses Uebels schuldig. Wie kann es auch anders seyn, wenn man siehet, wie oft Diejenigen, die anfänglich wenig oder nichts besaßen, nachdem sie sich Summen erworben haben, noch mit derselben Sorge und ängstlichen Scharfsichtigkeit, mit welcher sie dieselben zusammenscharreten, beständig fortwirken, um diese Summen zu vermehren, zu verdoppeln oder zu verdreifachen. Heißt dieses ein ruhiges und angenehmes Leben führen? Oder heißt dies auch wohl reich seyn? Sehen wir nicht, wie diese Leute so früh auf sind, und erst so spät zur Ruhe kommen? Wie ihre Gedanken beständig auf ihre Geschäfte gerichtet und mit einer Menge von Gegenständen angefüllt sind? Wie sie dabei hin und her eilen, [251] als ob sie beschäftigt wären, einem unschuldig Verurtheilten das Leben zu retten? Und dieses Alles um eine unersättliche Leidenschaft zu befriedigen, die eben so verderblich für die Menschen als Gott zuwider ist, der den Reichthum dazu giebt, daß man ihn wohl anwenden, nicht aber, damit man mit seinem Herzen daran hängen solle; denn darin bestehet der Mißbrauch, den die Menschen davon machen. Soll endlich aber ein so beständiges Sorgen, scharfes Nachdenken und thätiges Streben, um Geld zu gewinnen, bei Denen, die Zehnmal mehr besitzen, als sie anfänglich hatten, und viel mehr, als sie verzehren können oder nöthig haben, nicht offenbar Geldliebe verrathen, so weiß ich doch nicht, wie Jemand seine Liebe zu irgend einer Sache auf eine andere Art deutlicher an den Tag legen könnte.

§. 8. Bei obrigkeitlichen Personen ist der Geitz immer der Regierung gefährlich; da er zu Bestechungen verleitet. Darum mußten Diejenigen, die Gott verordnete, Solche seyn, „die ihn fürchteten, und den Geitz haßten.“ Dann schadet er der menschlichen Gesellschaft vornehmlich dadurch, daß er den alten Geschäftsleuten eingiebt, die jungen Anfänger nicht aufkommen zu lassen. Und eine Hauptursache, warum viele Menschen zu wenig erwerben, und genöthigt sind, wie Sklaven zu arbeiten, um ihre Familien zu ernähren und ihr Auskommen zu finden, liegt unstreitig darin, daß die Reichen nicht nachlassen, zu scharren, sondern immer noch reicher werden wollen, und deswegen auch die kleinern Erwerbsquellen der geringern Klasse an sich ziehen oder verstopfen. Es wäre daher zu wünschen, daß man einen Maßstab festsetzen möchte, nach welchem Jeder die [252] Dauer und Ausdehnung der Grenzen seiner Geschäfte bestimmte, und nach deren Erreichung er sie dann unter Diejenigen seiner Untergebenen, die es verdienten, vertheilte. Dieses wüde den Jüngern die Mittel gewähren, sich ihren Lebensunterhalt zu erwerben, und den Alten Zeit verschaffen, darauf zu denken, wie sie eine Welt verlassen wollen, in der sie so geschäftig gewesen sind, und sich um ihr Loos in jene Welt zu bekümmern, um weiches sie bisher so unbekümmert waren.

§. 9. Für die Regierungen entspringt aus dem Geitze der Unterthanen noch der Nachtheil, daß er diese verleitet, ihre Obern durch Einführung oder Verheimlichung schlechter oder verbotener Waaren, durch Bewirkung oder Beförderung des Umlaufs falscher Münzen, durch Schleichhandel, unrichtiges Maß oder Gewicht, und auf viele andere Weise zu beeinträchtigen und zu betrügen.


§. 10. Nicht selten hat auch der Geitz schon die zerstörendsten Uebel in Familien angerichtet. So sind, z. B. dadurch, daß Güter oder Gelder den Händen solcher Menschen anvertrauet wurden, deren Geitz sie vermochte, einen eigennützigen und ungerechten Gebrauch davon zu machen, schon oft große Verluste und Unterdrückungen entstanden. Ja, es war nur zu oft schon der Fall, daß solche geitzige Verwalter des Vermögens Anderer, den rechtmäßigen Eigenthümern, selbst mittels des Geldes, das sie ihnen hätten auszahlen sollen, den Besitz ihres Vermögens streitig machten, oder dasselbe an sich zogen.

[253] §. 11. Doch dies ist noch nicht Alles. Der Geitz macht die Menschen sogar zu Verräthern an der Freundschaft. Denn, wo Bestechung angewendet werden muß, um eine Schandthat zu verüben, oder Jemand ins Elend zu stürzen, da läßt sich der Geitzige unfehlbar dadurch gewinnen, auch an seinem Freunde verrätherisch zu handeln. Ja der Geiz mordet oft Leib und Seele. Diese, indem er das Leben aus Gott in ihr zerstöret; denn, wo die Geldliebe das Gemüth des Menschen beherrscht, da löscht sie alle Liebe zu etwas Bessern aus. Und Mörder des Leibes wird der Geitzige ebenfalls aus Liebe zum Gelde, die ihn zu Meuchelmorden, Vergiftungen und falschen Zeugnissen, u. s. w. verleitet. – Ich will zum Beschlusse noch die Sünde und das Schicksal zweier Geitzigen, des Judas und des Simon Magus, berühren.

In des Judas Herzen war der Same der Religion unter die Dornen gefallen; seine Geldliebe hatte ihn erstickt. Aus Stolz und Aerger suchten die Juden Jesum zu tödten; allein es gelang ihnen nicht, bis der Geitz ihnen die Hände bot, ihr Vorhaben auszuführen. Sie sahen, daß Judas den Beutel trug, und vermutheten, daß er auch wohl daß Geld liebte. Sie beschlossen daher, ihn auf die Probe zu setzen, und thaten es auch. Man ward über den Preis einig; und Judas überlieferte seinen Herrn und Meister, der ihm nie etwas zu Leide gethan hatte, in die Hände seiner grausamsten Feinde. Um ihm jedoch Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, müssen wir auch bemerken, daß er das Geld, welches er für seine Verrätherei bekommen hatte, wieder zurückgab, und, um Rache an sich selbst zu üben, hinging [254] und sich erhenkte. Eine gottlose That! Ein scheußliches Ende! Aber was sagt ihr nun? ihr Geitzigen? Was denkt ihr von euerem Bruder Judas? – War er nicht ein böser Mensch? – Handelte er nicht entsetzlich gottlos? – O! gewiß! werdet ihr sagen. Würdet ihr so gehandelt haben? – Nein! auf keinen Fall! Aber die Juden sagten dasselbe von Denen, welche die Propheten getödtet hatten; und dennoch kreuzigten sie Jesum, den Sohn Gottes, der gekmmen war, sie zu erretten und selig zu machen, und es auch würde gethan haben, wenn sie ihn angenommen und den Tag ihrer Heimsuchung nicht verworfen hätten. Laßt euch die Augen salben, und vom Staube der Erde reinigen; damit ihr desto besser in euerem Gewissen lesen und desto deutlicher erkennen könnet, ob nicht auch ihr, aus Geldliebe, den Gerechten in euerem Innern verrathen habt, und dadurch Brüder des Judas in seiner Ungerechtigkeit geworden seid? – Ich rede für die Sache Gottes und gegen einen Götzen; darum ertraget mich mit Geduld. – Habt ihr nicht mit euerem Trachten nach eueren geliebten Reichthümern dem Geiste Christi widerstrebt? ja, habt ihr nicht diesen guten Geist in euch selbst unterdrückt? O! „Untersuchet euch selbst; prüfet euch selbst; oder erkennet ihr euch selbst nicht? Denn wenn Jesus Christus nicht in euch ist,“ wenn Er nicht in euch die Herrschaft hat, und über Alles in der Welt von euch geliebt wird, „so seid ihr Untüchtige,“[19] oder Verworfene, und befindet euch in einem verlornen Zustande.

[255] §. 12. Der andere Geitzige ist Simon, der Zauberer, der auch ein Gläubiger war; allein sein Glaube hatte, seines Geitzes wegen, nicht tiefe Wurzel schlagen können. Er hätte gern mit Petrus einen Handel abgeschlossen, damit er die göttliche Gabe hätte wieder verkaufen und auf diese Art einen guten Handelszweig daraus machen können. Er schloß von sich auf Petrus, den er ohne Zweifel für einen Mann hielt, der den Kniff, die Menschen zu berücken, noch besser als er selbst verstände, der doch in Samaria für die große Kraft Gottes galt, bis die wahre Kraft Gottes durch Philippus und Petrus offenbar ward, und das Volk aus dem Irrthume riß. Aber was antwortete Petrus dem Simon, und was für ein Urtheil sprach er über ihn aus? „Daß du verdammet werdest mit deinem Gelde!“ sagte der Apostel, „du wirst weder Theil noch Anfall (Loos) an diesem Worte haben; denn ich sehe, du bist voll bitterer Galle und verknüpft mit Ungerechtigkeit.“[20] In der That ein schauderhafter Ausspruch!

Außerdem dient der Geitz auch noch der Verschwendung und nimmt oft seinen Ursprung aus derselben. Denn wenn einige Menschen viel haben, so lassen sie viel aufgehen, und machen sich durch üppige Verschwendung wieder arm. Solche sind dann immer geitzig nach Gewinn, um desto mehr ausgeben zu können, welches jedoch Mäßigkeit verhüten würde. Und wollten nur die Menschen in den Ausgaben für ihren Tisch, für ihre Häuser, Möbeln, Kleider, für ihre Spiele und andere Vergnügungen sich einschränken, oder könnten sie durch genaue Anwendung weiser Gesetze und [256] durch eine bessere Erziehung davon abgehalten werden, so würden sie nicht so sehr der Versuchung ausgesetzt seyn, mit solchem Eifer nach Geld zu trachten, als sie gewöhnlich thun, weil es ihnen dann an den Gelegenheiten, es zu verschwenden, mangeln würde; denn der Geitzhälse, die das Geld nur um des Geldes willen lieben, giebt es doch wohl eigentlich nur wenige.

§. 13. Dieses leitet mich zur Betrachtung der niedrigsten Gattung des Geitzes, welche die abscheulichste von Allen ist; nämlich: der Anhäufung des Geldes, oder der Aufbewahrung desselben, um weder sich noch Andern damit zu nützen. Die Menschen, welche von dieser Art des Geitzes gefesselt sind, gehören zu Denen, von welchen Salomo sagt, „daß sie bei großem Gute arm sind,“[21] welches in den Augen Gottes eine große Sünde ist. Gott klagt über Diejenigen, „die den Raub der Armen in ihren Häusern haben.“ Er sagt, „daß sie sein Volk zertreten und die Person der Elenden zerschlagen.“[22] Diese grämen sich, weil sie das ihnen Geraubte nicht wieder sehen. Aber der Herr segnet Die, „welche sich der Dürftigen annehmen;“[23] und er befiehlt Allen, „ihr Herz nicht gegen ihren armen Bruder zu verhärten, und ihre Hand nicht vor ihm zu verschließen, sondern ihm gern zu geben und zu leihen;“[24] und zwar nicht allein dem geistlichen, sondern auch dem natürlichen Bruder.

Der Apostel Paulus gab dem Timotheus vor dem Angesichte Gottes und Jesu Christi diesen Auftrag: „Den Reichen dieser Welt gebiete, daß sie nicht stolz sind, auch nicht auf den ungewissen Reichthum hoffen, [257] sondern auf den lebendigen Gott, der uns Alles reichlich zu genießen giebt; daß sie Gutes thun und an guten Werken reich werden.“[25] Reichthümer sind nur zu leicht im Stande, das Herz zu verderben; was aber dagegen schützt, ist die Ausübung der Mildthätigkeit. Wer sie nicht dazu anwendet, der gebraucht sie nicht zu dem Zwecke, wozu sie ihm gegeben wurden, und liebt sie nur um ihrer selbst willen, nicht des Nutzens wegen, den er damit stiften kann. So ist der Geitzige mitten unter seinen Schätzen arm. Er leidet Mangel, weil er sich vor Ausgaben fürchtet, und seine Furcht nimmt nach dem Verhältnisse zu, wie seine Hoffnung, zu gewinnen, sich vermehrt. Auf diese Weise dient die Freude seines Herzens ihm zur Qual. Er gleicht unter Allen am mehrsten dem Knechte, der sein Pfund im Schweißtuche verbarg; denn er hat seine Pfunde, seine Schätze, in Säcken verwahrt, im Gewölbe, unter dem Fußboden, hinter den Wänden, oder auch in Schuldverschreibungen und Pfandbriefen versteckt, wo sie verborgen und wie vergraben liegen, ohne irgend Jemand nützlich zu seyn.

§. 14. Ein solcher Geitziger ist ein wahres Ungeheuer; ohne Menschengefühl, und, gleich den Polen, beständig kalt. Er ist ein Feind des Staates; denn er saugt das Geld aus. Ein Krankheitsstoff im politischen Körper, der den Umlauf des Bluts hemmt, und daher durch irgend ein Reinigungsmittel der Gesetze fortgeschafft werden sollte; denn dieses Laster greift das Herz an und zerstört den Zusammenhang aller Glieder. – Der Geitzige [258] haßt alle nützliche Künste und Wissenschaften als überflüssige Dinge, aus Furcht, daß die Erlernung derselben ihm etwas kosten möchte. Daher ist sein Herz eben so sehr als sein Geldbeutel gegen Erfindsamkeit und Kunstfleiß verschlossen. Er läßt Häuser einstürzen, um nur nicht die Ausgaben für Reparaturen zu haben. Und was seine schmale Kost, seine abgetragenen Kleider und seine schlechten Möbeln betrifft, so rechnet er sich diese Stücke zur Mäßigkeit an. O! was für ein Ungeheuer ist ein solcher Mensch, der aus Liebe zum Gelde, aber nicht aus Liebe zu Christo, das Kreuz gegen sich selbst aufnehmen kann.

§. 15. Doch macht er auf seine Weise auch Anspruch auf Religion; denn er klagt unaufhörlich über die Verschwendung der Menschen, um seinen Geitz dadurch zu bemänteln. Siehet er Jemand eine kostbare Salbe auf das Haupt einen guten Menschen ausgießen, so ist er gleich bereit, an die Dürftigkeit der Armen zu erinnern, um seine Sparsamkeit zu zeigen und gerecht zu scheinen. Kommen die Armen aber zu ihm, so weiß er seinen Mangel an Mildthätigkeit damit zu bedecken, daß er entweder die Gegenstände des Mitleids für unwürdig erklärt, oder auf die Ursachen ihrer Armuth anspielt, oder vorschützt, er könne sein Geld auf Solche, die es besser verdienten, und zu weit edlern Zwecken verwenden. – Er, der nur äußerst selten seine Börse öffnet, damit er nichts daraus verliere.

§. 16. Ein solcher Mensch ist elender als der Allerärmste; denn er lebt in beständiger Furcht, das zu verlieren, was ihm doch keinen Genuß gewährt, wohingegen [259] die Armen sich nicht fürchten dürfen, Etwas zu verlieren, dessen sie sich nicht erfreuen. So ist er arm durch Ueberschätzung seines Reichthumes; und gewiß ist er elend, da er mit vollem Geldbeutel in einem Speisehause Hunger leidet. Doch wer weiß, ob er nicht, da das Geld sein Gott ist, vielleicht dafür hält, es sei unnatürlich, den Gegenstand seiner Anbetung zu verzehren!

§. 17. Was endlich dieses Laster noch verabscheuungswürdiger macht, ist, daß es dem Menschen das Leben verkürzt; und ich habe selbst Einige gekannt, die durch ihre Geldbegierde sich vor der Zeit ins Grab brachten. Diese konnten, ihrem Grundsatze getreu, sich nicht entschließen, die Ausgabe für einen Arzt zu bewilligen, der vielleicht den armen Sklaven das Leben gerettet hätte, und starben also, bloß um Kosten zu ersparen; – eine Standhaftigkeit, die sie zu Märtyrern der Geldliebe erhebt!

§. 18. Laßt uns nun aber auch sehen, was für Beispiele wir in der heiligen Schrift antreffen, die solchen niederträchtigen Schatzsammlern und Geldverbergern zur Bestrafung dienen. Wir finden, daß einst ein gutscheinender Jüngling zu Christo kam, und nach dem Wege zum ewigen Leben fragte. Christus sagte ihm, „Er kenne ja die Gebote.“ Seine Antwort war: „er habe sie von Jugend auf gehalten.“ Es scheint, er war kein ausschweifender Mensch. – Dies sind auch die Geitzigen gewöhnlich nicht, weil Ausschweifungen mit Kosten verbunden sind. – Doch Christus erwiederte: „Eins fehlt dir noch. Geh! verkaufe Alles, was du hast, und [260] gieb es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und dann komm und folge mir nach, und nimm das Kreuz auf.“ Christus griff ihn auf der empfindlichsten Stelle an; er traf sein Herz, das er durchschauete. Und nun zeigte es sich, in wie fern er das erste Gebot: „Gott über Alles zu lieben,“ gehalten hatte; denn wir finden, „der Jüngling ward traurig und ging betrübt hinweg;“ und die Ursache seiner Traurigkeit, die uns dabei angegeben wird, war die, „daß er viele Güter hatte.“[26] Bei ihm trafen zwei einander entgegenstehende Wünsche zusammen; der eine war auf den Besitz des Reichthumes, der andere auf die Erlangung des ewigen Lebens gerichtet; und welcher von beiden behielt die Oberhand? – Ach! leider war seine Anhänglichkeit an die irdischen Güter stärker als sein Verlangen nach dem ewigen Leben. Aber was bemerkte Christus bei dieser Gelegenheit? – „Wie schwerlich,“ sagte er, „werden die Reichen in das Reich Gottes kommen;“ Und gleich darauf fügte er hinzu: „Es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme;“[27] das heißt: wenn ein solcher geitziger Reicher, dem es schwer wird, mit dem, was er besitzt, Gutes zu thun, ins Reich Gottes kommt, das ist mehr als ein gewöhnliches Wunder. O! wer wollte denn reich und geitzig seyn! – Ueber solche Reiche sprach Christus das Wehe aus, indem er sagte: „Wehe euch, ihr Reichen! Ihr habt eueren Trost dahin.“[28] Wie? haben die Reichen denn keinen Trost im Himmel zu erwarten? Nein! Keinen. Es sei denn, daß sie sich entschließen, aller Anhänglichkeit an ihren Reichthum zu entsagen, sich von der [261] Welt loszureißen und von ihrem eitlen Wesen sich befreien zu lassen; so daß sie das, was sie besitzen, unter ihren Füßen haben, und das Geld ihr Diener, aber nicht ihr Herr sei.

§. 19. Das zweite Beispiel, daß ich anführen will, ist die schauderhafte Geschichte von Ananias und Sapphira. Es war nämlich im Anfange der apostolischen Zeit gebräuchlich, daß Diejenigen, welche das Wort des Lebens annahmen, Alles, was sie besaßen, darbrachten und zu den Füßen der Apostel niederlegten, wovon auch Joses, mit dem Zunamen Barnabas, ein Beispiel gab. Unter Andern verkauften auch Ananias und sein Weib Sapphira, als sie sich zu der Wahrheit bekannten, ihr Eigenthum; behielten aber, aus Geitz, einen Theil von dem dafür gelöseten Gelde, den sie nicht in die gemeinschaftliche Kasse wollten fließen lassen, für sich zurück, und brachten den andern Theil, als daß Ganze, den sie zu den Füßen der Apostel hinlegten. Allein Petrus, ein gerader und kühner Mann, sagte in der Kraft und Majestät des heiligen Geiste: „Anania! warum hat der Satan dein Herz erfüllet, daß du dem heiligen Geiste lügest, und entwendest etwas vom Gelde des Ackers? Hättest du ihn doch wohl mögen behalten, da du ihn hattest; und da er verkauft war, war es auch in deiner Gewalt. Warum hast du denn Solches in deinem Herzen vorgenommen? Du hast nicht Menschen, sondern Gott gelogen.“[29] Und was hatte dieser Geitz und diese Heuchelei des Ananias zur Folge? – Als er Petrus so reden hörte, „fiel er nieder und gab seinen Geist auf.“ Ein gleiches Loos traf seine Frau, die um den Betrug wußte, [262] zu welchem der Geitz sie beide verleitet hatte. Auch lesen wir, „daß über die ganze Gemeine und über Alle, die es hörten, eine große Furcht kam.“ Dieses sollte aber auch der Fall bei Denen seyn, die es jetzt lesen; denn da dieses Gericht Gottes erfolgte, und für uns aufgezeichnet ward, damit wir uns vor ähnlichem Uebel hüten mögen, was für ein Ende wird es denn mit Denen nehmen, die, als Bekenner des Christenthumes, – einer Religion, welche die Menschen lehret, der Welt zu entsagen und Alles dem Willen und Dienste Christi und seines Reichs aufzuopfern, – nicht bloß einen Theil, sondern das Ganze ihres Vermögens zurückbehalten, und sich nicht von der geringsten Sache um Christi willen trennen können. Ich bitte Gott, daß er die Herzen meiner Leser zu einer ernsten Erwägung dieser Gegenstände geneigt machen wolle! Es würde dem Ananias und der Sapphira ein solches Gericht nicht widerfahren seyn, wenn sie als in der Gegenwart Gottes und nach der völligen Liebe, Wahrheit und Aufrichtigkeit gehandelt hätten, wie ihnen gebührte. Möchten daher doch Alle sich des Lichtes bedienen, das Christus ihnen verliehen hat! Möchten sie in diesem Lichte untersuchen und sehen, in wie fern sie sich noch unter der Gewalt der Ungerechtigkeit des Geitzes befinden! Denn, wollten die Menschen nur gegen die Liebe zur Welt auf ihrer Hut stehen, und sich weniger von sichtbaren und vergänglichen Dingen der Erde fesseln lassen, so würden sie bald anfangen, ihre Herzen auf Dasjenige zu richten, was oben im Himmel und von ewig dauernder Natur und Beschaffenheit ist. Dann würden sie auch anfangen, „ein mit Christo in Gott verborgenes Leben“ zu führen; ein Leben, daß über die Ungewißheit [263] der Zeit und über alle Unruhen und Veränderungen der Sterblichkeit erhaben ist. Ja, möchten die Menschen nur erwägen, wie schwer es ist, Reichthum zu erwerben, und wie ungewiß, ihn zu behalten; wie viel Neid er erweckt; und daß er weder Weisheit verleihen, noch Krankheiten heilen, noch das Leben verlängern, und noch vielweniger Frieden im Tode gewähren kann. Ja, die wirklichen Vortheile, die der Reichthum dem Menschen verschafft, erstrecken sich in der That kaum weiter, als auf Nahrung und Kleider, die man doch auch, ohne reich zu seyn, erlangen kann. Und die gute Anwendung, die bessere Menschen davon machen, bestehet darin, daß sie dem Elende und den Bedürfnissen Anderer damit abhelfen; indem sie sich als Haushalter der reichen Gaben der göttlichen Vorsehung betrachten, die von ihrem Haushalten Rechenschaft geben müssen. Ich sage, wenn wir solchen Betrachtungen ihr gehöriges Gewicht in unsern Gemüthern verstatteten, so würden wir uns nicht so eifrig bemühen, vergängliche Schätze zu sammeln, und noch vielweniger sie ängstlich verbergen und aufbewahren. Und o! möchte das Kreuz Christi, dieser Geist und diese Kraft Gottes im Menschen, doch mehr Raum in unsern Seelen gewinnen, damit wir dadurch immer mehr und mehr der Welt gekreuzigt würden, so daß auch uns die Welt gekreuzigt wäre, und, wie in den paradiesischen Tagen, die Erde wieder der Fußschemel, und die Schätze der Erde die Diener, nicht die Götter des Menschen wären! – Es haben schon Viele gegen das Laster des Geitzes geschrieben, von denen ich hier drei anführen will.

§. 20. Wilhelm Tindal, jener würdige Apostel der englischen Reformation, hat eine vollständige Abhandlung [264] darüber unter dem Titel: Das Gleichniß vom ungerechten Mammon, herausgegeben, worauf ich den Leser verweise. Der zweite Verfasser ist:

§. 21. Peter Charron, ein, besonders wegen seines Buches über die Weisheit, berühmter, französischer Schriftsteller. Er hat ein Kapitel gegen den Geitz, worin er sagt: „Reichthum lieben und daran hängen, ist Geitz; doch macht nicht allein diese Liebe und Anhänglichkeit, sondern vielmehr das allzueifrige Streben und Trachten nach Reichthum eigentlich den Geitz aus. Das Verlangen nach Reichthum, und das Vergnügen, welches wir in seinem Besitze finden, gründet sich bloß auf unsere Meinung davon. Das unmäßige Verlangen, reich zu werden, ist wie ein Krebsschaden in der Seele, der mit giftigem Brande unsere natürlichen Neigungen verzehrt, und uns mit bösartigen Säften anfüllt. Sobald dieses Verlangen sich unserer Herzen bemächtigt hat, erlöscht alle wahre und natürliche Zuneigung zu unsern Eltern und Freunden, sogar zu und selbst; indem Alles, was nicht auf Gewinn Bezug hat, uns als nichtig erscheint. Ja, wir vernachlässigen und vergessen endlich, um der vergänglichen Dinge willen, uns selbst, unsern Körper und Geist, und, wie daß Sprichwort sagt‚ „verkaufen das Pferd um Heu anzuschaffen“.“

„Der Geitz ist die schändliche und niedrige Leidenschaft gemeiner Thoren, welche Reichthum für das edelste Gut des Menschen halten, und Armuth als daß größte Uebel scheuen? Diese, nicht zufrieden mit den nothwendigen Dingen des Lebens, wägen die Güter der Erde in einer Goldwage, da doch die Natur uns lehret, sie nach dem Maßstabe des Bedürfnisses zu messen. Welche Thorheit [265] kann aber wohl größer seyn, als Dasjenige zu verehren und anzubeten, was selbst die Natur, als Etwas unsers Anblickes Unwerthes, unter unsere Füße gelegt hat, um uns zu zeigen, daß es eher verachtet und mit Füßen getreten als angebetet werden müsse. Dieses hat die Sünde des Menschen den Eingeweiden der Erde entrissen und ans Licht gebracht, um sich damit zu tödten. Wir durchwühlen das Innere der Erde, um Etwas hervorzubringen, wofür wir kämpfen und streiten können, indem wir uns nicht schämen, den Dingen, die in den niedrigsten Theilen der Erde liegen, einen so hohen Werth beizulegen. Die Natur scheint schon durch die Beschaffenheit des Bodens, in welchem das Gold seine Bildung erhält, gewissermaßen das Elend Derer, die es lieb gewinnen, vorher verkündigt zu haben; denn sie hat es so geordnet, daß in den Gegenden, wo man es findet, weder Gras noch Pflanze, noch irgend etwas Brauchbares wächst oder gedeihet, als habe sie uns dadurch andeuten wollen, daß in den Gemüthern, in welchen die Liebe zu diesem Metalle eine Vorherrschaft gewinnt, kein Funken von wahrer Ehre und Tugend aufkommen könne. Und was kann auch niedriger seyn, als wenn der Mensch sich Dem unterwirft, und Dem sklavisch gehorcht, was ihm unterworfen und dienstbar seyn sollte? Der Reichthum ist des Weisen Diener, aber des Thoren Herr. Denn dem Geitzigen dienet sein Reichthum nicht; sondern Er dienet ihm. Man kann von ihm sagen: er hat Güter, wie man von Jemand sagt: er hat das Fieber; denn so wie Jemand nicht das Fieber, sondern das Fieber ihn besitzt, so besitzen und beherrschen auch den Geitzigen seine Güter, und er nicht sie. Ist wohl etwas schändlicher, [266] als wenn der Mensch das liebt, was weder gut ist; noch Jemand gut machen kann? das so gemein ist, daß es sich auch in den Händen der gottlosesten Menschen befindet? das oft sehr gute Sitten verdirbt, aber nie zu ihrer Veredlung dienet? ohne welches schon so viele Weise glücklich waren, und wodurch so viele Gottlose zu einem elenden Ende gebracht werden? Kurz, was ist scheuslicher, als Lebendige an Todte binden, wie Mezentius that, damit ihr Tod desto schmachtender und grausamer seyn möchte? nämlich, den Geist an den Auswurf und Abschaum der Erde binden, um seine Seele mit tausend Qualen zu ängstigen, welche die beständigen Begleiter einer leidenschaftlichen Liebe zum Gelde sind; oder sich in den Banden und Schlingen so schädlicher Dinge verwickeln, welche die heilige Schrift Dornen, Diebe, die das Herz des Menschen stehlen, Stricke des Teufels, Abgötterei und die Wurzel alles Bösen nennt. Und wahrlich! wenn alle üble Wirkungen des Neides und Verdrusses, die der Reichthum in den Herzen der Menschen erzeugt, recht erkannt und erwogen werden, so muß man ihn eher hassen und fliehen, als lieben und suchen. Die Armuth muß freilich Vieles entbehren, der Geitz entbehrt aber Alles! Der Geitzige ist keines Menschen Freund, aber sein eigener größter Feind!“ – So sagt Charron, ein weiser und großer Mann. Mein drittes Zeugniß nehme ich aus einem Schriftsteller, der wahrscheinlich Einigen seines Witzes wegen sehr gefallen wird. Möge man aber auch seine moralischen Bemerkungen und seine reife Beurtheilung eben so sehr schätzen.

[267] §. 22. Abraham Cowley, ein witziger und talentvoller Mann, liefert uns folgende Bemerkungen über den Geitz: „Es giebt zwei Gattungen des Geitzes. Die eine ist nur eine Bastardart, und bestehet in einem eifrigen Streben nach Gewinn, nicht aus Liebe zum Gelde selbst, sondern um das Vergnügen zu haben, dasselbe auf allen Wegen den Stolzes und der Ueppigkeit wieder zu verschwenden. Die andere Gattung ist die wahre Art des Geitzes, und wird mit Recht so genannt, denn sie bestehet in einer rastlosen und unersättlichen Begierde nach Reichthum, und zwar aus keiner andern Ursache, und zu keinem andern Zwecke oder Gebrauche, als um ihn anzuhäufen, zu bewahren und beständig zu vermehren. Der Geitzige der ersten Gattung ist dem gierigen Strauße gleich, der jedes Stück Metall verschlingt; doch aber in der Absicht, sich davon zu nähren; daher er sich denn auch alle Mühe giebt, es zu käuen und zu verdauen. Der Andere gleicht der thörichten Krähe, die nur Geld stiehlt, um es zu verstecken. Der Erstere thut der menschlichen Gesellschaft viel Schaden; doch einigen Personen zuweilen auch Gutes. Der Letztere hingegen nützt Niemand, ja, auch sich selbst nicht. Der Erstere kann seine Handlungen weder vor Gott und den Engeln, noch vor vernünftigen Menschen entschuldigen; der Andere kann für Das, was er thut, auch keinen Schatten von Entschuldigung vorbringen; er dient dem Mammon als Sklave, ohne Lohn. Der Erstere weiß sich noch bei Einigen beliebt, ja, sogar beneidenswerth zu machen; der Letztere ist allgemeiner Gegenstand des Hasses und der Verachtung. Es giebt kein Laster, auf welches man so viele Sinngedichte gemacht hätte, und das besonders [268] von Dichtern durch Satyren, Fabeln, Allegorien und witzige Anspielungen in ein so verhaßtes Licht gestellt und von allen Seiten so scharf getadelt worden wäre, als der Geitz. Doch erinnere ich mich keiner feinern Bestrafung desselben, als der des Ovids in folgender Zeile:

– – – – – – – – Multa
Luxuriae desunt, omnia avaritiae.


Dem Luxus mangelt Vieles; dem Geitze aber Alles.

Diesem Ausspruche möchte ich noch ein paar Worte beifügen, und ihn so geben:

Der Armuth mangelt Manches; der Ueppigkeit sehr Viel;
Allein des Geitzes Mangel ist ohne Maß und Ziel.

Auch sagt Jemand von einem tugendhaften und weisen Manne: Indem er Nichts besitzt, hat er Alles. Dieser ist also der wahre Gegenfüßler des Geitzigen, der, indem er Alles hat, doch Nichts besitzt. Und o! wer kann wohl elender seyn, als Derjenige, der, im Ueberflusse schmachtend, des Himmels Segen sich selbst zum Fluche macht? Fühlt nicht der arme genügsame Bettler beim Genusse einer geringen Gabe sich glücklicher, als der unersättliche Reiche, der bei allen seinen Schätzen doch unaussprechlich arm und elend ist? –

Es wundert mich, daß man noch kein Gesetz gegen den Geitz gemacht hat. Doch was sag’ ich? gegen ihn? – Für ihn, zu seinen Gunsten, wollt’ ich sagen. Denn da man für alle Arten Wahnsinnige öffentliche Vorsorge trägt, so würde es unstreitig auch sehr angemessen seyn, wenn der König einige Personen ernennete, die das [269] Vermögen der Geitzigen während ihrer Lebenszeit verwalteten, – denn ihre Erben bedürfen gewöhnlich einer solchen Vorkehrung nicht, – und deren Geschäft es wäre, dahin zu sehen, daß es ihnen nicht an dem nöthigen Unterhalte mangelte, den ihr Stand und ihre Lage erforderten; weil sie so grausam sind, sich diesen selbst zu versagen. Wir helfen ja müßigen Tagedieben und verstellten Bettlern; warum wollten wir uns denn nicht um diese wirklich armen Leute bekümmern, die man übrigens, dünkt mich, in Rücksicht auf ihren Stand, auch mit gehöriger Achtung behandeln müßte. – Ich möchte unaufhörlich über diese Menschen reden, aber das Viele, was sich über sie sagen ließe, erstickt mich, und es geht mir fast eben so, wie ihnen: der Ueberfluß macht mich arm!“

Dieß sei genug vom Geitze, – diesem an der Seele nagenden Wurme und Krebsschaden des Geistes.

  1. 1. Tim. 6, 9. 10. Ephes. 5, 3. 5.
  2. 2 Mos. 20.
  3. Micha 2, 2.
  4. Ps. 51.–77.–42, 7.–69, 2. 14.–6, 6. 7.
  5. 1 Tim. 6, 9. 10.
  6. Jes. 57, 17.
  7. Kap. 6, 13. Kap. 8, 10.
  8. Kap. 22, 17.
  9. Ezech. 33, 31.
  10. Ps. 119, 36.
  11. Sprichw. 28, 16.
  12. Luk. 12, 15.
  13. Matth. 7, 21. 22.
  14. Röm. 1, 29.
  15. Ephes. 5, 3.
  16. 1 Tim. 6, 9. 10. 11.
  17. 2 Petr. 2, 3.
  18. Ebr. 13, 5.
  19. 2 Kor. 13, 5.
  20. Apost. Gesch. 8, 9–24.
  21. Spr. Sal. 13, 7.
  22. Jes. 3, 13, 14.
  23. Ps. 41, 1.
  24. 5 Mos. 15, 7. 8. 9.
  25. 1 Tim. 6, 17. 18.
  26. Mark. 10, 19–23.
  27. Kap. 10, 23–25.
  28. Luk. 6, 24.
  29. Ap. Gesch. 5.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Die Zahl erscheint ohne weitere Erklärung oder Zusammenhang in der Vorlage.
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Ohne Kreuz keine Krone
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