Wilhelm Löhes Leben (Band 1, 2. Auflage)/Drittes Kapitel

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Wilhelm Löhes Leben (Band 1, 2. Auflage)
Viertes Kapitel »
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Drittes Kapitel.
Stillleben in Fürth und erste Thätigkeit im geistlichen Amte
bis zum Abgang nach Kirchenlamitz.




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Stillleben in Fürth.
 Am 7. Juni 1830 erhielt Löhe endlich sein Universitätsabsolutorium. Seine nächste Aussicht war nun das Examen. „Ich habe zwar gar nicht Ursache“, meint er, „mit der Verwendung meiner Zeit, oder mit meinen Kenntnissen zufrieden und sicher zu sein. Jene meine Zeit habe ich lange falsch angewandt, bis ich lernte sie recht anwenden, diese meine Kenntnisse sind überall sehr mangelhaft, was besonders das Gedächtniswerk anlangt. Indeß, der mich aus Mutterleibe gezogen und bisher treulich geführt hat, wird barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte, wie ich ihn bisher erfahren, mich auch weiter führen. Fiele ich auch durch, so hätte ich doch auf dem Weg meines Studiums die ewige Perle gefunden und bin reich genug.“ Wie man sieht, war Löhe wegen des Resultates des Examens nicht ohne Befürchtungen, die freilich bei wenigen so unbegründet gewesen sein mögen als bei ihm. Es macht einen komischen Eindruck, wenn er seiner Angst vor dem Durchfallen Worte leiht. „Ich arbeite aufs Examen los“, schreibt er, „und meine oft, ich werde durchfallen, denn ein Durchgefallener hat uns versichert, es gebe in Ansbach närrische Bänke. Manchmal meine ich auch, ich könne wohl durchkommen. Unterdessen verläuft viel Wasser, und die Zeit kommt heran, wo der ernsthafte Spaß wird überwunden werden. Fall ich durch, so will ich unter die Heiden gehen.“ Für den Fall, daß er das Examen glücklich bestehen würde, bittet er seinen Freund Zeilinger, ihm zur Erlangung einer Stelle als Vicar oder| Hofmeister behülflich zu sein. „Hätte ich mehr gelernt und wäre gewiß, daß Gottes Wille nicht hieße: Du sollst durchfallen! so würde ich Dich bitten, meine elende Jugend und geringe Kraft irgend wo zu recommandieren, wo man etwa einen Vicarium, Hofmeister etc. braucht. Allein (mit H. Müller zu reden) ich hab nichts gelernt, so lang ich lerne, als den Vocativum, daß ich nämlich auf die vocem Dei warte. Will einstweilen, wie Samuel im Tempel, ruhig schlafen, bis die Stimme kommt: Samuel, Samuel! und bitte nur, daß ich dann nicht erst zu Eli, sondern alsbald zu dem mit Glauben und Freude laufe, der da gerufen hat.“ Unter solchen Gedanken, Hoffnungen und Befürchtungen gieng Löhe dem Examen entgegen, welches er vom 17.–24. October 1830 bestand. Er erhielt die Note II* „Sehr gut, dem Vorzüglich nahe“. Ein gewisses Aufsehen erregte seine zum Examen eingereichte Probepredigt über 1. Joh. 1, 8, die von dem gestrengen Herrn Examinator als herrenhutisch und mystisch bezeichnet wurde. Auf Grund derselben wurde dem Stadtpfarrer Dr. Fronmüller in Fürth, der Löhe zum Vicar annehmen wollte, gerathen, er möge sich einen anderen Candidaten zum Vicarius wählen, um Misgriffe zu vermeiden, denn Löhe’s Predigt habe von keiner ruhigen Durchbildung gezeugt. Besonderen Anstoß scheint folgender Satz erregt zu haben, der sich in der Predigt fand: „Die Sünder hat Er vom Fluch befreit, eingeladen zu seinem Reich, Sünder sind sein Himmelreich.“ Herr K. v. Raumer, Löhe’s väterlicher Freund, wünschte die Predigt, die bei den Examinatoren so viel Anstoß erregt hatte, zu lesen, und nachdem er sie gelesen hatte, erklärte er, wäre er Patron, so würde er Löhe sofort eine Anstellung als Pfarrer geben. In der That zeugt die Predigt von einer Reife des inneren Lebens und von einer Feinheit und Tiefe der Textbenützung, wie sie in Candidatenpredigten| selten gefunden werden dürfte, und wir glauben daher den Dank der Leser zu verdienen, wenn wir dieselbe in extenso als Anhang mittheilen.[1]

 Damals, wo größere Schaaren sich zum Studium der Theologie drängten als gegenwärtig, war für die examinierten Candidaten nicht sofort eine Verwendung bereit. So begann denn auch für Löhe eine längere Wartezeit. Ihm, der kein brennenderes Verlangen kannte, als dem HErrn im geistlichen Amte zu dienen, war es schmerzlich, müßig am Markte stehen und geduldig warten zu müssen, bis der HErr ihn für die Arbeit in seinem Weinberg miethen würde. In einem Brief an seinen Freund Kündinger gibt er seinem Schmerze Ausdruck darüber, daß er sich nun zu einem geistlichen Brachliegen verurtheilt sah. „Eins thut mir freilich wehe, daß man alle Sonntage mit allen Glocken läutet, und ich, wie ich glaube, auch zum Predigen berufen, muß meine Stimme und mein bischen Glauben in die Brust einsperren, und mir thut sich keine Thür noch Kanzel auf und wird mir keine Heerde vertraut, die ich zu Christo führen dürfte. Denn in der ganzen näheren Umgegend läßt mich kein Pfarrer mehr predigen. Es ist so Gottes Wille, jetzt soll ich schweigen, mich curieren lassen, studieren; seiner Zeit wird er mich auch aussenden. Und dann wird er mir geben, daß ich auf Leben und Tod predige, daß wir Menschen nur etwas werden, wenn wir vor der Liebe und Gnade JEsu zu Nichts geworden sind. Sein heiliger Wille geschehe.“

 Aber trotz seines Harrens wollte sich ihm keine Thüre aufthun; Aussichten, die sich zeigten, zerrannen bald wieder und hinterließen nur den Schmerz der enttäuschten Hoffnung. So hatte ihn z. B. sein edler Lehrer, Professor Krafft, für| die Verwesung einer Stelle im Decanat Schweinfurt empfohlen, die wegen eines Streites über das Patronatsrecht längere Zeit unbesetzt bleiben sollte, der Brief kam aber leider um etliche Tage zu spät, um Berücksichtigung finden zu können – zu Löhe’s größtem Leidwesen. „Das ist mein größtes Kreuz, daß ich stumm sein muß und licentiam concionandi, für die ich examiniert bin, nirgends üben kann. Denn auch kein Pfarrer der Umgegend läßt mich predigen, schlagen mir’s geradehin ab. Wenn die Glocken zusammen schlagen, weint mir das Herz, daß ich nicht predigen soll. So trifft die Gärtnershand des himmlischen Vaters jede Pflanze auf Erden, wo sie es am wenigsten meint nöthig zu haben, wo es am schmerzlichsten ist. Wohlan, lieber Vater, immer zu. Ich merk, ich muß von mir und anderen als noch mehr verachtet, noch mehr zu nichte werden, ehe Du mich brauchen kannst bei Deiner Heerde, in Deinem Weinberg. Und wenn Du mich gar nicht brauchen könntest? Ei nun, bin ich’s nicht, ist’s ein Anderer. Sein Reich kann ohne mich kommen. Zukomm Dein Reich! Ist’s ja auch selig, es selber aufzunehmen – o daß ich’s besser könnte, und seinem Kommen zu anderen zuzusehen.“
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 Müßig war indessen Löhe dennoch nicht. Er studierte fleißig, er predigte auch das Wort wo und wie er konnte, in der Familie und in dem Kreise von Freunden, der sich um ihn schaarte. In dieser Familienatmosphäre war ihm wohl, so daß er anderweitigen Umgang nicht sehr vermißte. Freund H. hatte ihn zu einer Zusammenkunft eingeladen. Löhe schrieb ihm wieder: „Von der Zusammenkunft, zu der Du mich freundlich einlädst, laß mich weg, mein lieber Bruder. Ich bin mönchisch, die Familie ist mein Orden, sei nur Christus der Abt und Sein Evangelium die Regel! Mit den Meinigen Hab ich, und sie mit mir, hie und da ein Leiden ausgestanden, drum freuen wir| uns so gerne mit einander. Wir sitzen stundenlang zusammen und reden nichts; wenn wir aber auseinander gehen, sind wir prächtig vergnügt gewesen. Komm Du nur fleißig zu uns u. s. w.“

 Man sieht, er lebte gerne mit den Seinen und war gewissermaßen Priester in seinem, durch die Verheirathung dreier Schwestern in Fürth ansehnlich erweiterten Familienkreise, dessen freudigen und traurigen Erlebnissen er die Weihe durch Gottes Wort und Gebet ertheilte. Wie geistig schön, namentlich in den ernsten Kreuzesstunden dieses Zusammenleben war, und wie kräftig Löhe an Kranken- und Sterbebetten der Seinigen des Amts des Trösters waltete, mag aus dem einzigen Fall entnommen werden, den wir nach Löhe’s eigener Beschreibung in einem Brief an seinen Freund H. im Folgenden mittheilen.


Fürth, 14. Juni 1830.

 Liebster Bruder!

 „Wir haben heute, geliebter Bruder, durch Gottes Gnade einen Tag, dessen Losung für uns lautet: ‚Weinet, als weinetet ihr nicht.‘

 „Vorige Woche haben die spielenden Kindlein in meiner jüngsten Schwester Hof ein schönes Grab gebaut, und heute morgen ist die Sage eingetroffen, daß dann bald Jemand begraben werde. Diesen Morgen etwa 8 Minuten vor 9 Uhr hat unser lieber Heiland unsern Conrad, den Aeltesten meiner jüngsten Schwester, mitten aus dem Leben herausgenommen. Seit etwa 14 Tagen war er mit Husten geplagt, ohne daß man bei der Fülle seiner Gesundheit an Gefahr dachte. Am Sonnabend überfiel ihn das Unkraut[2] innerlich sehr stark, doch| dachten wir an Gefahr nicht. Am Sonntag war das Knäblein besser, aber meine liebe Dorothea voller Angst; wie fielen ihr ihre Sünden so schwer auf, daß ich in ihrer Traurigkeit sie trösten mußte. Sie meinte: es sei Strafe von Gott, daß ihre Kinder so leiden müssen; ich sagte: es sei Gnade für sie und ihre Kinder, das solle sie merken auf die Stunde, wenn’s ärger würde, ich dachte dabei nicht an Conrads Tod. Es gab sich mit dem Knaben, gestern aß er wieder mit Appetit. Aber nach Mittag kam der Husten stärker. Dennoch gieng ich munter heim und dachte nichts, denn mein Herz war wieder gar kieselhart, wie ich denn oft vier Wochen meinen kleinen Glauben suchen muß, bis ich ihn finde. So legte ich mich nieder; aber heute Morgen 1/26 Uhr wurde ich eilends hinaufgeholt und betete: ‚Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden!‘ Frühmorgens hatte das Unkraut jämmerlich repetiert. Als ich kam, lag das Kind in leisen Zuckungen, die Mutter aber und der Vater beteten still und laut um ein seliges Ende. Ich fand mein Herz nicht bald, nur zuweilen fand ich ein Wort aus der Schrift, denn mein Herz ist gar hart. Nach einer Weile kam das Knäblein zu sich und rief den liebsten Namen, den es kannte, den einzigen, den es reden konnte: ,O Mama, o Mama!‘   doch war’s bald wieder weg, und der Kinnbackenkrampf schloß dem Kind die Lippen, und sein Verstand schwand. Nun kamen heftige Zuckungen, durchdringende Töne, fürchterlich für den, der nichts hat, als das todte Leben. – Meine Dorothea rief auf den Knieen JEsum an um Gnade, ich antwortete in Seinem Namen: ‚Barmherzig und gnädig ist Er auch im Schmerz; Er kommt im Schmerz, schrei nicht nach Ihm; Er ist schon vorhanden; Er hat das Kind erlöset, Er hat’s bei seinem Namen gerufen, es ist sein‘ u. s. w. Da hob mein Conrad immer mehr seine| Händlein zum Herzen, that einen Seufzer und verschied. Am 16. Abends war ich, wie gewöhnlich, bei meiner lieben Schwester, die Leute brachten viele schöne Blumen in den Sarg unseres Conrads, – und war ein prächtiger Abend. Ich hatte (anstatt einer Leichenrede) meiner Schwester über ,Die da weinen, als weineten sie nicht‘ Etwas geschrieben, und weil mir über’m Schreiben aus Lucas 18, 15–17 und Jesaias 49, 15 ein helles Licht über der Kinder Seligkeit erschienen war, war ich froh.

 „Am 17. Morgens regnete es. Meine Schwester gieng mit ihrer Elise auf den Kirchhof und schmückte ihrem Kinde sein Bettlein. Ich war Tags vorher schon draußen und fand alle weißen Rosen blühend, alle rothen abgefallen oder faul. Nach Tisch um 1 Uhr sollte die Leiche sein. Ich fand das Kind in seinem Särglein schön, wie einen Engel, liegen. Zu Häupten unter ausgelöschten Lichtern das Bild dessen, der für die Lämmer, wie für die Schafe ein guter Hirte worden ist im Blut des ewigen Testamentes. Auf dem Angesicht des Knaben, das weiß war, wie der Schnee, und so kalt, war es, wie ein heiliges Geheimnis, und sein Mund lächelnd fest geschlossen, als dürfe er, was ihn so selig mache, nicht sagen. Sein Kleidlein war weiß, als wär’s im Blut des Lammes gewaschen, und in seinen schönen vollen Händen hielt er ein Sträußlein Blumen, als wollt’ er’s verächtlich wegwerfen. Kurz, es war ein schönes Todtenbild. –

 „Nun fieng’s bald an zu läuten. Man packte Blumen und Alles in den Sarg, schraubte zu, deckte das Leichentuch darüber, und trug ihn heim. Das durchschauerte meine Schwester doch; aber St. Pauli: ,Der Tod ist verschlungen in den Sieg!‘ gab ihr ihre Stille wieder. –

 „Ich gieng hinaus und half den Schülern singen: ,Begrabt| den Leib etc.‘, und der Herr Pfarrer Gerlach segnete und tröstete, wie er konnte.

 „Am 18. und 19. war meine Schwester sehr matt, denn der Geist war willig, aber das Fleisch schwach. Am 20. legte sie sich und liegt noch. Sie war allerdings in Gefahr des Todes, und ihre Kinder in Gefahr, Waisen zu werden. Aber der treue Heiland wandte Nerven- und Gallenfieber ab. Dennoch war die Hand des HErrn ernst genug.

 „Am schönen Johannistag, da alle Gräber dieses Namens geschmückt waren, war ich mit den Kindern und Gustav auf dem Kirchhof bei meines Vaters Grab, dem schon etliche Jahre eine unbekannte Hand an diesem Tage auch einen Kranz bringt, bei Conrad’s Grab – und weil auch die Kirche mit Bäumen und Blumen aufs Fest geschmückt wurde und viele Leute unter den Gräbern herumgiengen, war es für die Kinder ein schönes Fest. – Aber wie wehe hätte es gethan, wenn ich nach einigen Tagen die Mutter auf diesen Kirchhof vor mir hätte begleiten sollen.

 „Am schönen Festmorgen gieng ich in die Communion, wo circa 520 Personen miteinander das Abendmahl genossen. Mittags gieng ich in Kraußolds Predigt, wo ich in allem Ernste fürchten konnte, es möchten die Emporkirchen vor Menge der Leute einstürzen. – Meine Schwester war heute so heiter, daß ich für die Nacht nur ärger fürchtete, und am andern Morgen fand ich auch das ganze Haus in Jammer, und meine Schwester selbst sagte, sie könne keinen solchen Anfall mehr aushalten.

 „O, wie war uns nun so angst auf die Sonntagsnacht, als die neunte und entscheidende. Wir alle und auch die Hausleute wurden ins Gebet getrieben. Am Nachmittage des Sonnabends kamen meiner lieben Schwester die Todesängsten,| der Kampf zwischen der noch übrig gebliebenen Liebe zum Leben und die Ergebung in JEsu Willen, sie weinte bittere Thränen. Vornehmlich ihrer jungen Kinder wegen war ihr das Sterben schwer, und weil sie, an Conrad’s Sterbelager so freudig, nun selbst so schwach war. Gott aber schenkte ihr die Gnade, daß sie wie bisher in den schwersten Anfällen, Fieber und Krämpfen meinen Trost aus Gottes Wort hören und bewahren konnte in einem feinen und guten Herzen, denn sie glaubte auch in dieser Angst fest an Jesu Verdienst und die Vergebung ihrer Sünden, doch kam der Kampf immer wieder. Die Lust zum Leben wollte ich ihr nicht stärken, denn sie rang nach Sterbensfreudigkeit; ich sagte: ,es ist Gottes Wille, daß Du in dieser Krankheit lernest, auch Dein Liebstes, Deine Kinder, dem HErrn in Seine Gnade zu über- und (für Dich) aufzugeben.‘ Doch konnte ich zuversichtlich hinzusetzen: ,Unser Gott wird aber die Mutter ihren Kindern, die Kinder ihrer Mutter aufs Neue leihen, – Du wirst diesmal nicht sterben, sondern leben und des HErren Werk verkündigen.‘ Ps. 118. Am folgenden Sonntag Nachts, da ich bei ihr blieb, und alle andern fort waren, da die Zeit des Fiebers, auf die wir uns fürchteten, kam, wurde sie allein ruhig und sprach: ‚Mein Wilhelm! ich bin nun ruhig. Ich kann beten: Herr, wie Du willst, so schicks mit mir im Leben wie im Sterben.‘ Ich: ,Das freut mich, daß Du den Glauben wieder hast, der die Welt überwindet.‘ –

 „Endlich, nachdem die schwere Nacht vorüber, krähte der Hahn, und endlich läutete es um 1/24 Uhr zum Morgengebet, und wie gerne beteten wir da: ,Vater unser etc.‘ und dankten dem, der auch über diese Nacht barmherzig und gnädig hingeholfen hatte.

 „Seitdem geht’s doch wieder besser, obwohl das Wechselfieber| noch geblieben ist, doch wird Gott auch dies wegnehmen nach Seiner Gnade und völlige Genesung schenken.
etc. etc. etc.

 „Lebe wohl und bete für

Deinen Löhe.“ 


 Außer der Zeit, die er im Umgang mit den Seinen verlebte, lag er mit Fleiß seinen Studien ob. Doch für die Muße eines eigentlichen Gelehrtenlebens war er nicht geschaffen. „Ich bin“ – schreibt er an seinen Freund Kündinger – „mehr im Praktischen als im Theoretischen. Ich besuche fleißig die Kranken, die mich holen lassen, und lerne dabei Vieles. Den Kranken zu Nutz habe ich ein schönes Tractätlein aus Bugenhagen und Luther in den Druck gegeben, sehr kurz, aber wie ich aus Erfahrung weiß, sehr brauchbar, um Kranke zur letzten Communion vorzubereiten. Dazu kommen meine schönen Kränzlein, wo auch das Leben nicht fehlt.“

 Hier sehen wir also den Kreis der Interessen und Thätigkeiten, die ihn damals beschäftigten. Insonderheit war er ein immer bereiter und viel begehrter Tröster der Kranken, wie oben erwähnt. „Ich geizte damals förmlich darnach, an Krankenbetten zu stehen“, sagte er später von dieser Zeit. Wie manchem Sterbenden hat er bereits als angehender Student mit Zuspruch und Fürbitte im ernsten Stündlein beigestanden. Er rühmt den Segen, den er für sich selbst von seinen Krankenbesuchen erfahren durfte. „Ich habe“ – sagte er – „mehr Geistesgemeinschaft mit den Kranken, an deren Bett ich stehe, als mit meinen lieben gesunden Freunden, wir sind zu lustig mit einander. Mit den Kranken werde ich innerlicher.“ Einmal wollte man ihn von einem Sterbebette zurückweisen, weil die Kranke keinen Verstand mehr habe und nichts mehr rede.| „Aber mein Verstand“ – sagte er – „ist noch vorhanden, um von Kranken noch etwas zu lernen.“ Auf Löhe’s Anrede erwachte in der That die Kranke aus ihrer Betäubung, gab noch mit lauter Stimme das Bekenntnis ihrer Buße und ihres Glaubens und sank dann wieder in ihren bewußtlosen Zustand zurück, um nicht mehr aus demselben zu erwachen.

 Auch sonst suchte Löhe praktische Thätigkeit im Dienst des Reiches Gottes. Wöchentlich zweimal hielt er die oben erwähnten Kränzchen, das eine Mal eine Missions-, das andere Mal, eine Erbauungsstunde. Das Missionskränzchen, schon im Jahre 1827 von ihm gestiftet, entwickelte sich aus kleinen Anfängen bald zu schöner Blüthe. Die Zahl der ersten Theilnehmer betrug einschließlich seiner selbst fünf Personen. Doch die Kleinheit dieses Anfangs war für ihn weder störend noch abschreckend. „Thun wir auch wenig“, hatte er als Motto in das Tagebuch des Missionsvereins geschrieben, „so thun wirs doch aus gutem Herzen. Thun wir nicht viel, so thun wir doch etwas. Thun wir nur Kleines, Sein Segen kanns zu Großem machen. Thun wir auch wenig an Anderen, so kanns doch uns selbst zur Erweckung dienen. Sind unser auch eine kleine Zahl, Er ist doch in unserer Mitte.“ Er vertraute, daß sein Senfkorn, das er im Glauben ausgesäet hatte, wachsen würde, und es wuchs. Als die Büchse zum ersten Mal geöffnet wurde, fand sich 1 fl. 30 kr. Inhalt. Dafür sollte Wolle angekauft und Strümpfe gestrickt, und der Erlös davon der Baseler Missionsanstalt zugewendet werden.

 Löhe’s jüngerer Bruder Max lernte eigens das Korbflechten, um mit seiner Hände Arbeit etwas für die Mission zu erübrigen. Es ist später getreulich der Tag vermerkt, an dem die ersten Fabrikate, ein Korb und ein Paar Strümpfe, mit gutem Vortheil zum Besten der Mission verkauft wurden. Nach einigen| Jahren war die Sache schon so gewachsen, daß monatlich 25 Fl. nach Basel geschickt werden konnten.

 Das Missionskränzchen bestand nachher noch lange Jahre im Segen.

 Auch das andere Kränzchen, welches namentlich Handwerker besuchten, erfreute sich zahlreicher Theilnahme. So groß war oft die Menge der Anwesenden, daß durch den in den engen Räumen sich entwickelnden Qualm zuweilen das Licht erlosch. Wir haben aus einer oben mitgetheilten Aeußerung gesehen, mit welcher Freude Löhe in dieser Thätigkeit lebte. Freilich ein noch höheres Genügen gewährte es ihm, wenn ihm dazwischen einmal in Betstunden oder an seltenen Sonntagen vergönnt war, das Wort in versammelter Gemeinde zu verkündigen. Sein kräftiges und entschiedenes Zeugnis weckte schon damals den Gegensatz. So hatte er in einer Pfingstpredigt über Joh. 3, 1–6 den Satz durchgeführt, daß alles Disputieren und Fragen der Klüglinge nichts nütze, und daß kein anderer Weg der Erkenntnis im Christenthum sei als Erfahrung, Neugeburt. Am anderen Tage hielt einer der Fürther Geistlichen G. eine wüthende Predigt über die Frömmigkeit der Mystiker und karrikierte zu großem Triumph der Gegner die Versammlungen und überhaupt die ganze Thätigkeit Löhe’s in nicht sehr schmeichelhafter Weise. Frühzeitig trug Löhe so schon seinen Antheil an der Schmach Christi. Er tröstete sich darüber, wie er andere in gleichem Fall tröstete, oder wohl auch vor der unter solchen Umständen nahe liegenden Gefahr des geistlichen Hochmuths warnte. „Es ist“, schreibt er einmal, „auch etwas Angenehmes für’s Fleisch in dergleichen Verfolgungen, weil es bei einer Partie zu Ehren bringt; schwerer und seliger scheints, etwa wie Hering für Koth auf der Gasse geachtet, auch eines Angriffs nicht werth gehalten zu werden. Die Welt hat vor| uns noch zu viel Respect, wir haben das weiße Kleid Herodis und den Speichel der Soldaten noch nicht.“

 Dies mag als Schilderung des Stilllebens Löhe’s in Fürth genügen, wenn wir noch die eine Bemerkung anreihen, daß er in jener Zeit die Pflicht, seinem Leibe Erholung zu gönnen, noch nicht so versäumte, wie später. Er machte damals, wenn auch nicht regelmäßige, doch häufige Spaziergänge. Indeß suchte er schon zu jener Zeit nicht den bloßen Naturgenuß, sondern verband gerne das Unterhaltende mit dem Belehrenden. Häufig wanderte bei seinen Spaziergängen ein Buch mit, mit dem er sich dann ins Gras legte, abwechselnd der Natur und seiner Lectüre sich freuend.

 Wir lassen beispielshalber einen Brief folgen, der zeigt, wie er seine Spaziergänge instructiv zu machen verstand.


 „Lieber Bruder!

 „Damit unser Briefwechsel doch wieder in Gang kommt, schreib’ ich Dir Dieses, und erwarte, was Du darauf zu sagen hast.

 „Daß es Frühling wird, und wir einen April haben, der seinem alten Ruhm Ehre macht, launenhaft und schön, das wirst Du an Himmel und Erden, über und um Hersbruck schon selbst bemerkt haben. Aber das will ich Dir eigentlich schreiben, daß ich zur Betrachtung dieses Frühlings zum wenigsten Ein Auge mehr bekommen habe in diesem Frühling; sonst gieng ich über die Frühlingsflur und dachte bei dem schönen Anblick an weiter Nichts, als an das Vieh, und wie viel Heu da für dasselbe wachse. Aber außerdem, daß ich in einem Liede lese:

„Daß Baum und Pflanze sich erhebt,
Sich Alles regt und Alles lebt,
Verdank’ ich Seinem Sterben!“

|  und:

„Erwäg’ ich blos, wie krank ich bin,
So schreit ich durch die Fluren hin
Voll Gram, verwünsch mein Wesen.
Doch hier und da ein kleines Kraut,
Dem Kranken heilsam, sagt mir laut:
Gott will, ich soll genesen!“

 „Außerdem, sage ich, daß ich nicht mehr allein ans Futter für’s Vieh denke, sondern an meine Kranken, die ich besuche, daß ihre Arzeneien auf den Fluren wachsen, und daß, was dem leiblichen Schaden gut ist, eine Predigt ist von der ewigen Genesung unserer Seelen; – außerdem scheidet auch mein leiblich Auge Kraut von Kraut und Gras von Gras, und ich verstehe das wunderbare ‚leminehu‘ (d. h. nach Seiner Art. 1. Mos. 1) mit seiner liefen Gottesweisheit besser, als sonst, – oder eigentlich, ich verstehe es weniger, als sonst, und nicht, sondern staune, bete an und spreche: ,Wie sind Deiner Gedanken so gar viele!‘ Vor acht Tagen dachte ich nämlich, daß es beim Spazierengehen besser sei, an die Pflanzen, als an die Luftschlösser zu denken, nahm den kleinen Schubert in die Tasche und fieng an, die Botanik im Schatten hinter dem weißen Häuslein auf dem Weinberg zu lesen, ich lernte da, an den Blumen und Blüthen nach Staubfäden, Blättern etc. unterscheiden (weiter Nichts) und konnte es auf dem Heimwege wirklich nicht glauben, daß Gott all’ diese Blümlein, deren doch jedes anders war, sollte gemacht haben, bis ich’s glauben und Seiner Weisheit und Gnade darüber heimlich Dank sagen konnte. Und nun geh’ ich seitdem nicht spazieren, ohne ein neues Blümlein oder Kraut zu finden und eine neue Freude:

„Ach, denk ich, bist Du hier so schön
Und lässest’s uns so lieblich gehn
Auf dieser armen Erden;

|

Was will doch wohl nach dieser Welt
Dort in dem reichen Himmelszelt
Und güldnem Schlosse werden?“

 „Indeß, damit Du eben nicht meinst, ich wandle hier auf lauter Rosen und Wiesenblumen, so will ich Dir auch melden, daß meine Schwester Dorothea, seitdem Ihr dagewesen, schon wieder krank gelegen und gestern der erste Tag gewesen ist, da sie wieder ganz auf war.

 „Wenn ich wieder etwas weiß, will ich Dir’s schreiben. Lebe wohl und heilig in Deinem Glauben! Der Friede der Versöhnung mit Dir und den Deinigen.

 Amen.

W. Löhe, 
Predigtamtscandidat.“ 


 Das Jahr 1830 war vergangen, ohne daß sich eine Aussicht auf Eintritt ins geistliche Amt für Löhe zeigte.

 Anfangs Januar 1831 aber wurde er von seinem Freunde Kündinger aufgefordert, eiligst zu ihm nach Streitberg zu kommen, und sich um die Verwesung der in der Nähe von Streitberg gelegenen, eben vacant gewordenen Pfarrei Unterleinleiter zu bewerben. Mit Freuden folgte er diesem Wink und eilte sofort nach Streitberg und von da nach Bayreuth, wo er dem Consistorium seine Bitte vortrug. Vom 8. Januar bis 11. Februar war er von Hause abwesend und versah während des größten Theils dieser Zeit die Geschäfte der Pfarrei Unterleinleiter. Es behagte ihm wohl inmitten der winterlich beschneiten Berge, die im Mittelpunkt der fränkischen Schweiz gelegen, in der schöneren Jahreszeit ein Anziehungspunkt für so viele Reisende sind. „Möchten diese Berge“, ruft er aus, „deren Höhen auch Dein sind, voll Jauchzens werden über der Botschaft Deines Friedens! Frieden des Glaubens laß| grünen, wie das Gras der Berge!“ – Die Freude der ersten Thätigkeit im heiligen Amte und der brüderliche Verkehr mit seinem Freunde Kündinger versüßten ihm seinen Winteraufenthalt in Leinleiter. Da durch den kurz vorher erfolgten Tod des Schullehrers auch die dortige Schule verwaist war, so hatte Löhe nicht blos die Geschäfte der Pfarrei zu versehen, sondern auch den Schulunterricht zum größten Theil zu geben. An Arbeit fehlte es also, namentlich für einen Anfänger im Werk des Amtes, nicht; doch wurde es Löhe leicht, dieselbe zu bewältigen, selbst wenn sie sich häufte. Die große, von Gott ihm verliehene Predigtgabe begann sich im Dienst dieser Gemeinde zu entfalten. Wie sehr schon seine damaligen Predigten durch Originalität und treffende Anwendung des Textes sich ausgezeichnet haben müssen, beweisen die hinterlassenen Dispositionen.

 Wir theilen als Beispiel die Disposition einer in Leinleiter von ihm gehaltenen Leichenpredigt mit.

 Thema: Der Tod ein Schlaf.
 (Joh. 11, 11. Luc. 8, 52. Matth. 27, 52.)

1. Der Tod wie der Schlaf bringt jedes Menschen Leib zur Ruhe, aber nicht also auch jedes Menschen Seele. (Das Wort der Jünger: „HErr schläft er, so wird’s besser mit ihm“, wird nicht überall wahr.)
2. Auf den Tod wie auf den Schlaf folgt ein Erwachen. Aber etliche wachen auf zur Auferstehung der Gerechten, etliche zur Auferstehung des Gerichts.
3. Es kommt nur darauf an, daß die Seele im Tod zu ihrer Ruhe kommt, denn davon hängt die Auferstehung ab.
4. Aber nur die Seele ruht, von der man sagen kann, sie sei in diesem Leben eine Freundin Jesu gewesen.| (Lazarus unser Freund schläft.) Solche Seelen schlafen einen sanften Schlaf, wie Adam, da ihm Eva geschaffen wurde. Der Leib wird bei der Auferstehung, die Seele den Leib als ihr zugehörig erkennen.
5. Aber nur der ist ein Freund Jesu, der auf Jesum im Glauben alles, auf sich selbst nichts hält etc.




 Die Gemeinde war Löhe sehr gewogen und bot alles auf, ihn als Verweser zu bekommen. Der abgehende Pfarrer wurde von Bevollmächtigten im Namen der ganzen Gemeinde ersucht, eine Bittschrift in diesem Sinn an das Consistorium zu richten, und zwei Männer erboten sich, trotz des tiefen Schnees, diese am ändern Morgen selbst nach Bamberg zu tragen. Als Rückantwort brachten sie die Aufforderung des Decans: Löhe solle am Sonntage Sexagesimä vor ihm in Bamberg predigen, damit er Gelegenheit erhalte, ihn kennen zu lernen. Er predigte auch zur vollen Zufriedenheit des Decans, der ihn beim Herabsteigen von der Kanzel mit einem: „res tuas feliciter egisti“ begrüßte und mit dem Zuruf: „porro agas“ entließ, nachdem er ihm noch versprochen hatte, ihn unter den vier Candidaten, die sich um die Verwesung von Unterleinleiter gemeldet hatten, am besten empfehlen zu wollen. Doch kaum in seiner Heimath wieder angekommen, erhielt Löhe am 19. Februar den abschlägigen Bescheid des Consistoriums, der damit motiviert war, daß nach neueren höchsten Bestimmungen einem erst im letzten Herbst aufgenommenen Candidaten ein selbstständiges Vicariat noch nicht anvertraut werden dürfe. Die Gemeinde Leinleiter war unterdessen, aber ganz ohne Vorwissen Löhe’s, mit einer erneuten und dringenden Vorstellung beim Oberconsistorium eingekommen, welche sie mit der Bemerkung unterstützte, daß Candidat Löhe| bereit sei, jährlich auf 40 fl. zu Gunsten der Intercalarcasse zu verzichten, um der armen Gemeinde die Last des ihr obliegenden Pfarrhausbaues zu erleichtern, und daß sie zu Löhe das beste Zutrauen hege, da er während einer Reise ihres seitherigen Pfarrers die Geschäfte der Pfarrei zur größten Zufriedenheit der Pfarrkinder versehen habe. Doch auch dieser Versuch war vergebens, und Löhe wieder in die Ungewißheit des Wartens zurückgeworfen. „Was weiter mit mir sein und werden wird“, schreibt er an seinen Freund Kündiger, „hat Der in Händen, der die Welt, warum also nicht auch meine Kleinigkeiten, auf’s Beste verwaltet. Will’s im Aufschauen zu Ihm noch auf dreien Wegen versuchen:
a. Der E-r Pfarrer hat zwar zu andern gesagt, ich sei ihm zu mystisch und zu wohlfeil. Er kann mir’s selbst auch sagen, ich schreib’ ihm.
b. B. in W. braucht einen wohlfeilen Vicar, wenn er nicht schon einen hat. Müller soll mich ihm offerieren. Wird’s nichts: Deo Gratias!
c. Gestern war ich in Nürnberg und besuchte auch meinen Freund Bäumler, der bei Seidel Vicar ist, der redete mir zu, mich ums heilige Kreuz bei Nürnberg zu melden. Ich sagte: ‚Red’ mit Deinem Decan, ob ich nicht nach Verbotenem lange, und schreibe mir.‘

 „Du siehst, mein Bruder, ich gehe dem Herrn von allen Seiten entgegen, vielleicht begegnet er mir auf keinem meiner Wege, auf seinem wird er mir ja begegnen. Ich laufe aus von der Welt, mein Ziel ist Himmelskron, mein Weg ist meine Wahrheit und mein Leben, nämlich Jesus.“

 Doch auch von diesen drei Thüren, durch deren eine wenigstens Löhe in die amtliche Wirksamkeit einzutreten hoffte, that sich ihm keine auf.

|  Einige Tage nach dem Datum des oben mitgetheilten Briefes schrieb er, wieder um einige Enttäuschungen reicher, an denselben Freund: „Das heilige Kreuz habe ich nicht bekommen, weil ich a. vernommen, daß der einzige, der sich gemeldet hat, schon vorher präsentiert war, und ich mich deshalb b. gar nicht gemeldet habe – bin also kreuzflüchtig geworden. In E. bin ich auch zu spät gekommen, der Nothnagel hat einen wahren Nothnagel an dem S. bekommen. Dagegen bin ich bei B. in W., ich kann’s noch nicht sagen, ob im Vorschlag oder Rückschlag. Wir könnens erwarten.“

 Ein Ersatz für diese ihm unerfüllt gebliebenen Aussichten und Wünsche, war es für Löhe, in Verhinderungsfällen andere Geistliche vertreten zu dürfen. So half er in der Osterzeit des Jahres 1831 seinem Freunde Kraussold aus, der damals Pfarrer in Aufseß war. Der damalige Gutsherr, der kürzlich verstorbene Freiherr Hans von Aufseß, mit Löhe lange Zeit eng befreundet, gieng mit dem Plane um, in Wüstenstein eine Pfarrei zu errichten, über welche er dann das Patronatsrecht zu erlangen suchen wollte, um Löhe für diese Stelle präsentieren zu können.

 Während die hierüber eingeleiteten Verhandlungen noch im Gange waren, wurde Löhe von seinen beiden Freunden Kündinger und Kraussold aufgefordert, seinem Schwager, dem 72jährigen Pfarrer Ebert in Fürth, seine Dienste anzubieten. Löhe fürchtete, daß Ebert seinen Antrag nur ungern annehmen würde, willigte aber doch ein und schrieb ihm folgenden Brief:


 Hochwürdiger Herr!
 Verehrter Herr Bruder!

 „Als ich verwichene Osterfesttage meinem Freund Kraussold im Amte aushalf, machte mir Herr von Aufseß nach der ersten| Predigt, welche ich oben hielt, einen unerwarteten Antrag, er wolle in Wüstenstein eine Pfarrei zu gründen und das Patronatsrecht zu erhalten suchen, wenn ich dann die dort zu gründende Pfarrei annehmen wolle. Meine Antwort war: ,Ich sei zu allem bereit, wozu ich einen bestimmten Ruf erhielte, er solle thun, was er nicht unterlassen zu können glaube, und mir seiner Zeit Nachricht geben.‘ Die arme, verlassene, verrufene Gemeinde ist im besten Einverständnis mit Herrn von Aufseß, sehnt sich nach einem Hirten, Decanat und Consistorium sind desgleichen für die Sache. Sie ist im Gang, der Ausgang aber ist ungewiß.

 „Der Plan ist: ,Ich solle nach Beendigung meines ersten Candidatenjahres als Verweser dorthin gehen bis auf Weiteres.‘

 „Damit nun der Verwesung keine weiteren Hindernisse in dem Wege stünden, wäre zu wünschen, daß ich zuvor unter Aufsicht eines älteren Geistlichen in der Seelsorge und den übrigen Geschäften arbeitete. Dies, sowie den bisherigen Gang der Sache haben mir diesen Morgen meine beiden Freunde Kündinger und Kraussold eröffnet und mich aufgefordert, Ihnen mit Vertrauen bei Ihrem zunehmenden Alter und öfter wiederkehrender Kränklichkeit meine jugendliche Unterstützung in Ihrem Amte anzubieten, Sie dagegen wiederum um Ihr Vertrauen und väterliche Leitung zu bitten.

 „Die beiden Freunde haben mir erlaubt, sie als Urheber dieses Gedankens zu nennen. Indessen schäme ich mich, daß ich ihn nicht seiner Zeit gehabt und Ihnen mit kindlichem Vertrauen entdeckt habe.

 „Es ist damit nicht gemeint, theuerster Herr Bruder, daß Sie mich zu Ihrem vollständigen Vicar machen, sondern mit Hintansetzung aller in eben benanntem Fall gewöhnlichen Bedingungen mir erlauben möchten, in den Fällen Ihr Vicar zu| sein, in welchen Alter oder Kränklichkeit oder andere Hindernisse Ihnen die Last Ihrer Geschäfte zu sehr erschweren. Mit welchem Herzen ich Ihnen diesen Antrag thue, sieht der, welcher die Tiefen des Herzens erforscht. Es ist keine irdische Rücksicht, nicht die Förderung, die ich etwa später wegen Wüstenstein zu genießen hatte (denn was mit Wüstenstein wird, das walte Gott, ich habe deswegen keinen Wunsch), nicht einmal das Zureden meiner Freunde, die ich doch liebe, sondern es ist die Liebe zum heiligen Amte, zu welchem ich wünsche berufen zu werden, – und ich darf sagen, auch die Liebe zu Ihnen, theurer Herr Bruder, die mirs zur Freude macht, Ihnen diesen Antrag zu thun, denn es ist wahr, daß ich Sie liebe, und wenn ich nichts hätte, als die Erinnerung, daß Sie mich, als ich nach Berlin abreiste, mit Thränen verabschiedeten, so hätte ich damit schon genug Grund, Ihnen dies in Liebe zu gedenken bis ins Grab.

 „Dieses ist meine Gesinnung gegen Sie jetzt und ists schon schon lange gewesen.

 „Ueberlegen Sie nun, ob mein Antrag für Sie annehmbar ist. Meine Verwandten, Schwestern und Schwäger wissen von diesem Briefe nichts, außer daß Wilhelm Fronmüller dabei war, als Kündinger und Kraussold mit mir sprachen. Geben Sie mir schriftlich oder mündlich, oder auf welchem Wege Sie wollen, eine offene Antwort, wie auch ich mit kindlicher Offenheit an Sie, wie an einen Vater geschrieben. Ich weiß, daß gerade in diesem Falle Gründe wider mich vorhanden sind. Hätte ich diese für unüberwindlich gehalten, so hätte ich Sie viel zu sehr geliebt, als daß ich Sie durch dies mein Schreiben der Antwort wegen absichtlich in Verlegenheit gebracht hätte.

 „Beiliegend finden Sie meine Note, damit Alles beisammen ist.

|  „Geschrieben habe ich deshalb, weil ich Ihnen damit zur Ueberlegung ungestörte Ruhe gönnen wollte und weil geschriebenes Wort überlegter zu sein pflegt als gesprochenes.

 „Uebrigens bin ich gewiß in jedem Fall Ihr und Ihrer herzlich von mir gegrüßten Frau Gemahlin herzlich liebender und ehrender

Wilh. Löhe. 
Predigtamtscandidat.“


 Mit großer Spannung wartete Löhe der Antwort auf diesen Brief, die aber fast eine ganze Woche ausblieb. „Viel Besinnens“, meinte er, „braucht der Mann, um seine so leichte oder für ihn vielleicht wegen besonderer Verhältnisse schwere Antwort zu geben.“ Zu der ihm bestimmten Stunde erschien Löhe bei Pfarrer Ebert, der zu seiner Ueberraschung seinen Antrag annahm. Er eilte, seinem Freunde Kündinger das Resultat mitzutheilen: „Als ich kam, war er sehr feierlich und erklärte mir, weil ich um offene Antwort in meinem, für ihn so ,schmeichelhaften‘ Briefe gebeten habe, so wolle er mir einleitend nur gerade heraus sagen, daß Kraussold und ich der Gemeinde schon sehr geschadet haben, und uns bei der Gemeinde: ich deswegen, weil ich in einer Predigt soll gesagt haben: ,Bis jetzt sei das rechte Evangelium hier noch nicht gelehrt worden, aber ich wolle es thun.‘ Ich antwortete: ,Was mich anlange, so sei die mir angeschuldigte Rede allerdings anmaßend genug, aber dafür auch gewiß erlogen, er solle mir das Lügenmaul stellen, so wolle ich ihm eins geben.‘ – So ich. Ob er mir geglaubt hat, weiß ich nicht. Er meinte, ich solle mich wegen des Mysticismus in Acht nehmen, und gab mir einen Haufen Ermahnungen. Uebrigens wolle er mich gerne unter seiner väterlichen Leitung haben, und werde er deshalb morgen gleich| zum Decanatsverweser fahren, um die Sache weiter zu fördern. Ich sagte: ,Ich wolle gerne ihm allen Gehorsam erzeigen und von ihm lernen, wolle auch in Predigten gerne einen anstößigen Ausdruck lassen und einen andern wählen und ihm deshalb meine für ihn zu haltenden Predigten alle schriftlich vorlegen und wörtlich halten; was aber meinen Glauben anlange, so könne ich denselben nicht verläugnen, und Gott werde mir Standhaftigkeit verleihen.‘

 „So stehts. Diese Woche kann der Mann kein Attest für die Ordination mehr zusammen bringen, das kostet zu viel Zeit und Mühe, als daß er nebenbei auch seine Leichen, Taufen, Confirmation etc. ohne Schaden halten könnte; aber nächste Woche. Und da wird also um die Ordination gebeten. Helf uns Gott.“

 Nun war also Löhe die Aussicht auf eine freilich geringe geistliche Wirksamkeit und zugleich die größere auf die Ordination eröffnet, um welche von Pfarrer Ebert und ihm sofort nachgesucht wurde.

 Bald erhielt Löhe die Einladung zur Ordination, die auf den 25. Juli anberaumt wurde. Dieser 25. Juli des Jahres 1831, der Tag des heil. Apostels Jakobus des Aelteren, war von da an in Löhe’s Leben ein unvergessener und bei jedesmaliger Wiederkehr feierlich begangener Tag. Die triumphierende Epistel des Tages von der Gewißheit der Seligkeit und der Seligkeit der Gewißheit des Gnadenstandes, Röm. 8, nannte Löhe das Hohelied seiner Jugend. Durch Gebet und wiederholtes prüfendes Lesen der Ausgburgischen Confession bereitete er sich auf seinen Festtag vor. Ein Brief, den er damals an Pfarrer Ebert in Fürth schrieb, zu dessen Unterstützung er ordiniert wurde, zeigt uns seine Stimmung und Gesinnung an jenem Tage.

|  Wir theilen ihn deshalb hier mit:

 Hochehrwürdiger Herr!
 Geliebtester Herr Bruder!

 „Sie wissen ja, daß ich am unterzeichneten Tage nach Ansbach zur Ordination eingeladen bin. Und weil ich zu keinem andern Zweck ordiniert werde, als um Ihnen die für Sie etwa wünschenswerthe Unterstützung in allen Fällen leisten zu können, so setze ich gewiß mit Recht voraus, daß Sie an diesem meinem Festtage einigen Antheil nehmen, und schicke Ihnen beiliegend diese wenigen Worte, die ich anstatt eines Lebenslaufs ins Ansbachische Ordinandenbuch schreiben will, – und schreibe Ihnen mit herzlichem Vertrauen noch Folgendes:

 „Weil ich als ein Lehrer der evangelisch-lutherischen Kirche ordiniert werden soll, so habe ich in den letzten Tagen mich ernstlich geprüft, ob ich auch mit dieser Kirche im Glauben einig bin. Schon früherhin habe ich die symbolischen Bücher als norma normata unserer Kirche – und mehrere Theile mehrmal – durchgelesen, und erst in den letzten Tagen wieder die Augsb. Confession, die Schmalkaldischen Artikel und Luthers kleinen Katechismus prüfend überdacht. Seit mehr als einem Jahre lese ich namentlich Luthers Werke mit Lust und Liebe; seine Zeit, sein Leben, sein Lernen und Arbeiten und das Werk der Glaubensreinigung, welches Gott durch ihn zu Wege gebracht hat, sind mir ziemlich vertraut geworden – und ich denke, ihn und die Seinigen in ihren Schriften, namentlich in den symbolischen Büchern, richtig zu verstehen. Dazu ist es schon länger, als ich Luthern und die symbolischen Bücher kenne, daß ich die heilige Schrift in der Grundsprache lese. Auch habe ich seit Jahren nicht aufgehört, zuerst mein eigenes und dann das Leben anderer zu studieren. Und nun ist mein| Urtheil dieses: ,Die Religion der Schrift ist es allein, welche für die Menschen paßt, ihre innern, ewigen Bedürfnisse stillt, die Sünde austilgt, das ewig Wahre, Gute und Schöne in ihnen zum Leben und fortgehenden Gedeihen und sie richtig und gewiß zu ihrem ewigen Ziele bringt. Und diese heilige, für den Menschen allein und ganz passende Religion haben die Reformatoren richtig verstanden und sammt ihren Schülern in den symbolischen Büchern nicht in dunkeln, schwebenden, mystischen Ausdrücken, sondern in klaren, deutlichen, jedem Gottesmenschen verständlichen Begriffen niedergelegt.‘ Bei dieser Ueberzeugung hoffe ich, mich mit gutem Gewissen zu einem Lehrer der evangelisch-lutherischen Kirche ordinieren lassen zu können, und Sie dürfen versichert sein, hochehrwürdiger und geliebtester Herr Bruder, daß ich in allen jenen Geschäften, welche Sie mir übergeben werden, keinen andern Glauben als den der evangelisch-lutherischen Kirche predigen werde. Mit diesem am Tage meiner Ordination gegebenen Versprechen hoffe ich, Sie meinethalben völlig zu beruhigen und Ihr Vertrauen zu mir zu mehren. Bin auch jederzeit bereit, von Allem, was ich sage, schriftlich und mündlich nach der heiligen Schrift und den symbolischen Büchern klaren Beweis und redliche Rechenschaft zu geben.
.
 „Was die Art der Predigt anlangt, so werde ich alles Ernstes streben, der Wahrheit in Darstellung aller Dinge treu zu sein, nichts zu übertreiben, sondern zu thun, wie geschrieben steht: ,Fürchte Gott, scheue Niemand.‘ Bischof Willibald von Eichstädt erzählt zuerst die Ordination seines Lehrers Bonifacius (s. dessen Vita Bonif.) und sagt sodann von dessen jugendlichen Predigten: ,Et vigori correptionis mansuetudo et vigor praedicationis mansuetudini non deerat; sed quem zelus accenderet vigoris, mansuetudo mitigabat amoris.| Divitibus ergo ac potentibus liberisque ac servis aequalem sanctae exhortationis exhibuit disciplinam, ut nec divites adulando demulceret, nec servos vel liberos districtione praegravaret, sed juxta apostolum omnibus omnia factus est, ut omnes lucrificaret.‘ Mögen diese Worte eine Beschreibung meiner eigenen Art und Weise sein! Uebrigens suche ich nicht blos das Gefühl zu erregen, sondern bin überzeugt, daß Denken, Wollen und Empfinden d. i. das ganze Wesen des Menschen durch Gottes Geist wiedergeboren, durchdrungen, geheiliget werden muß, und dazu möcht’ ich durch Alles, was ich thue und rede, mitwirken.

 „Es sei genug! Genug von dem, was ich will. Nur noch eine Bitte werde hier offenbar – die Bitte zu Gott:

 ,Daß sein guter gnädiger Wille durch das Verhältnis, in welches ich zu Ihnen trete, beiderseits an uns und der Gemeinde zu aller Seligkeit geschehen möge. Denn wie geschrieben steht, ist ja der Gottes-Wille – unsre Seligkeit!‘

 „Dazu diese Bitte an Sie, hochehrwürdiger Herr und Bruder. Ich habe Sie bei meinem vorletzten Besuch mit Rührung von der Kraft des Gebetes reden hören. O, so beten Sie heute noch einmal für mich, daß Gott um Christi willen mir einen reichen Ordinationssegen verleihen möge.

 „Gott gebe, daß ich Sie hinfort kindlich wie ein Sohn, und Sie mich wie ein guter Vater lieben mögen.

 „In treuer Liebe

Ihr
cand. ordinandus 
Wilh. Löhe.“ 

 25. Juli 1831.


|  Löhe wünschte bei der heiligen Handlung seinen Freund Kündinger gegenwärtig zu sehen, „denn“ – sagte er – „meine weiblichen Verwandten mitzunehmen, will mir trotz ihrer großen Lust nicht gefallen: sie wissen nicht, wie es einem zu Muthe ist, und denken blos an die Feierlichkeit, aber eines Bruders Gegenwart erfreut.“ Kündinger fand sich auch wirklich ein, und in seiner Gesellschaft sowie derjenigen seiner Mutter, seines Bruders und einer seiner Schwestern trat Löhe seine Reise nach Ansbach an.

 Dort angekommen, schrieb er in das Ordinandenbuch folgenden Lebenslauf, der namentlich wegen der Entschiedenheit, mit welcher Löhe hier seine Zustimmung zu den lutherischen Bekenntnissen ausspricht, merkwürdig ist und Mittheilung verdient.

 „J C. G. Loehe anni MDCCCVIIIvi die Februarii XXImo Fürthi natus, XXIVto baptizatus sum. Genitores erant Joannes Loehe, mercator Furthensis, anno MDCCCXVIto defunctus, et Maria Barbara, nata Walthelm, mater adhuc superstes. Post scholas Furthenses Noribergae, Gymnasii Lyceique discipulus, quinque fere annos versatus sum. Anni MDCCCXXVIti tempore auctumnali academiam Erlangensem adii theologiae operam navaturus. Sex aestatis a Christo nato MDCCCXXVIIIvae menses in academia Berolinensi me – tanquam somnia – praeterierunt. Anni proximi MDCCCXXXmi tempore paschali post tot annos, quos ad praeceptorum sedens pedes discendo peregi, Erlanga cum absolutorio missus in domus patriae silentium me recepi. Ejusdem anni auctumno post prius theologorum examen Onoldi institutum Candidatorum Bavaricorum numero adscriptus sum. Nunc dies instat ordinationis laetissimus. Quo ritu solenni inauguratus viribus hisce adolescentulis| G. M. Ebertum virum valde reverendum, pastorem patriae urbis secundum senem, adjuvare licebit.

 „Hoc nostro quoque tempore quum non desint qui, fide vitaque evangelica plane destituti, nihilominus clerici evangelico-lutherani ordinationem nomenque appetere ausi sint candidati, istorum in numerum referri me prorsus non desiderare non possum non hoc loco profiteri. Augustana Confessio – si mihi pauperculo horum venia verborum est – mea quoque confessio est; ceteri ecclesiae evangelico-lutheranae libri symbolici Augustanae concordes mihi quoque ‚norma sunt normata‘. Quicumque homines huic nostrae adversantur fidei, eos non odi, sed amplector amore sincero. Cum Augustino beato (Confess. XII, 14) supplex oro: ‚O si occidas eos gladio bis acuto (Ebr. 4, 12) et non sint – hostes Tui! Sic enim amo eos occidi sibi, ut vivant Tibi!‘ – Profecto, ne unum quidem mortalium odi, sed vehementer odi omnem doctrinam mortalem mortiferamque, cum Augustana abjicio, damno; veram Deo adjuvante doctrinam praedicabo, non obmutescam, donec ipse Dominus militantis ecclesiae militem me mitem in illud ecclesiae triumphantis silentium beatum susceperit! Itidem, ut sit fidei vita conformis summopere enitar, ‚ne forte, cum aliis praedicaverim ipse reprobus efficiar‘ (1. Cor. 9, 27).

 „‚Salutare Tuum exspectabo domine!‘ Gen. 49.

 „Scripsi D. D. Trin. VIII, qui antecedit ante diem

 St. Jacobo majori Apostolo dicatum 1831.

 Ev. Matth. 20, 20–23. Ep. Rom. 8,28–39.“[3]

|  Der nächste Tag war der Tag seiner Ordination. Mit Lesen der heiligen Schrift bereitete er sich auf die heilige Handlung vor. Hier war es auch, daß er auf seine Frage an Gott jene merkwürdige, dreifach bestätigte Antwort bekam, von der in dem Schriftchen, „Letzte Stunden“ etc. erzählt ist. Die hierher gehörige Stelle theilen wir aus jenem Schriftchen mit.
.
 „Ich bat“, so erzählte er, „Gott um ein Wort aus seinem Munde an meinem Ordinationstag. Ich schlug meine Bibel auf, und Hand und Auge gerieth auf die Stelle Jesaia 6, 8–10. Da dachte ich, der Text paßt nicht, der gefällt mir nicht, ich muß einen anderen haben. Da schlug ich ein zweites Mal die Bibel auf, und diesmal fiel mein Auge auf Apostelgesch. 28, 25–27. Da hatte ich zum zweiten Mal denselben Text. Aber in meiner Thorheit sagte ich: ,Erst recht mag ich den| Text nicht. Ich muß einen anderen haben. Da schlug ich zum dritten Mal die Bibel auf, und diesmal bekam ich die Stelle Joh. 12, 38–41. ,Da wurde es mir feierlich zu Muth, – sagte er, zumal ich nun las: ,Solches sagte Jesaias, da er seine Herrlichkeit, Jesu Herrlichkeit, sah.‘ Nun hatte ich genug, und ich sagte: ,Hier bin ich, HErr, sende mich.‘“
.
 Zur bestimmten Zeit gieng Löhe dann in die Humbertuskirche, wo Pfarrer Götz über Röm. 8, 38. 39 ihm in der Sacristei die Beichtrede hielt. „Hierauf gieng ich“ – so berichtet er in seinem Tagebuch – „nach der tröstlichen Absolution hinaus in die Kirche. Schnitzlein predigte über 2. Sam. 19, 24–30. Dann giengen wir zum Altar. – Ordinationsformel von Consistorialrath Fuchs gelesen, – Schwur, – etwa 3/411 Uhr Ordination-Handauflegung der Assistenten. (Götz: Römer 8, 38. 39. Schnitzlein: Halt im Gedächtniß Jesum Christ, der auferstanden ist von den Todten. Fuhrmann: Ich| bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.) Abendmahl von Herrn Götz gereicht, Gebet von C. R. Fuchs gesprochen. In die Sacristei, wo ich den Ordinationsschein erhielt. C. R. Fuchs hat mir recht wohl gefallen. Und Gott sei Lob und Dank. Amen.

 „ Das Wort, daß nicht später wieder genommen würde, was ich habe, fiel hart auf mich. Dazu auch was C. R. Fuchs als Gaben von Oben mir erbetete: ‚Klarheit, Herzlichkeit‘. Amen.“

 Nachdem die Feierlichkeit vorüber war, und Löhe mit den Seinen aus der Kirche gieng, nahm ihn seine Mutter mit sich, um ihm einen Fischerring (Ordinationsring) zum Andenken an diesen Tag zu kaufen, worüber Löhe noch in seinen letzten Lebenstagen erfreut war, wie jedesmal, so oft er es erzählte. Auch einen Kelch schenkte ihm seine Mutter an diesem Tage, auf welchem die Worte: „Wer will mich scheiden von der Liebe Gottes? Röm. 8, 38. 39“, eingraviert waren, während die Patene die passende Stelle Joh. 21, 15-17 als Inschrift trug. Wie oft und viel gebrauchte Löhe dies ihm so werthe Geschenk!

 Noch am Abend dieses Tages kam er wieder in seiner Vaterstadt an.

 Gehoben von dem Bewußtsein der in der Ordination empfangenen Gnade schreibt er an seinen Freund Kündinger: „Ganz ins Geheim sei Dirs gesagt und werde als inwendig in meinem Herzen ruhend weiter nicht besprochen; ich spüre eine Befestigung meines Glaubens seit meiner Ordination. Fahre fort, Herr Gott, heiliger Geist, im rechten einigen Glauben uns zu heiligen und zu erhalten, denn es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschiehet durch Gnade, Deine Gnade. Wir legen unser Herz vor Dich offen| hin, wir nehmen Deine Gnade als das köstlichste aller Kleinode auf, plauderns nicht aus, so wenig als jener, der in seinem Acker einen Schatz fand, sondern es heißt: Gott man lobt Dich in der Stille.“

 Nun konnte Löhe auch sein Vicariat bei Pfarrer Ebert antreten. Das Vicariat war freilich gering und nahm seine Kräfte in gar zu unbedeutendem Maße in Anspruch, als daß es ihn auf längere Zeit hätte befriedigen können. Doch zunächst war er mit seinen eigenen Worten zu reden froh, daß die Schwalbe, wenn auch kein Nest, so doch ein grünes Zweiglein gefunden habe, wo sie manchmal niedersitzen und ihrem Schöpfer und Erlöser ein armes Liedlein singen konnte.

 Noch liegt das Tagebuch vor, welches er über seine im Dienst des Pfarrers Ebert verrichteten Amtshandlungen führte. Aus demselben wird ersichtlich, was der Kreis der ihm aufgetragenen Geschäfte war. Er hatte in Vertretung des Pfarrers die diesen treffenden sonntäglichen Frühpredigten, ferner die dem zweiten Pfarrer zufallenden Collectenleichen, bei denen er zur Freude der Pfarrkinder und zum Misvergnügen des Pfarrers freie Ansprachen zu halten pflegte. Außerdem war ihm der Confirmandenunterricht einer Convertitin übertragen. Es lag am Tage, daß bei einer so karg zugemessenen amtlichen Thätigkeit Löhe sich nicht befriedigt fühlen konnte. Schon nach einigen Wochen schreibt er seinem Freund Kündinger: „Mit Ebert dauert meine Sache schwerlich lang. Er behandelt mich ins Angesicht freundlich, aber im Uebrigen schlecht, daß ich es schwer lange werde dulden dürfen und nach etlicher und vielleicht seinem eigenen Urtheil länger als genug schon geduldet habe.“ Wie schief und unhaltbar bald sein Verhältnis zu Pfarrer Ebert wurde, geht daraus hervor, daß derselbe mit einer Art von Eifersucht den Krankenbesuchen seines Vicars zusah und bei| einer gegebenen Gelegenheit nicht übel Lust hatte, sie gänzlich zu verbieten. Er war indessen klug genug, „über Nacht seinem Zorn Zaum und Gebiß anzulegen“ und die Krankenbesuche seines Vicars passieren zu lassen; dieser aber hatte in sicherer Erwartung des ihm drohenden Verweises bereits eine schriftliche Rechtfertigung seines Verhaltens verabfaßt, die er schweigend überreichen wollte, im Falle er wirklich den angedrohten Verweis erhalten hätte. Sie findet sich unter seinen hinterlassenen Papieren und mag hier mitgetheilt werden.


Rechtfertigung
wegen meiner Krankenbesuche,
ausgeschrieben
für
den hochwürdigen Herrn,
Herrn Pfarrer Ebert.
1. Ich bin nie zu einem Kranken gegangen, außer auf Begehren.
2. Ich bin nicht als Seelsorger, sondern als Mitchrist bei meinen kranken christlichen Brüdern gewesen.
3. Ich habe immer den Kranken gerathen, zur Stärkung ihres Glaubens sich von ihrem Beichtvater die Absolution sprechen und das heilige Abendmahl reichen zu lassen, habe also das beichtväterliche Ansehen viel mehr unterstützt.
4. Ich bin meines Wissens erst bei zweien von Ihren Beichtkindern und bei einem einzigen Beichtkinde des Herrn Pfarrer Gerlach gewesen und gerade von denen mit Thränen gebeten worden zu kommen. Die Namen thun nichts zur Sache. Die anderen waren Beichtkinder des alten Herrn Doctors, der Nichts dagegen hat, davon abgesehen, daß sein Herr Sohn mein Schwager ist.|
5. Ich habe aus Ihrem eigenen Munde vor erst wenigen Tagen gehört, daß es hier nicht möglich ist, daß ein Pfarrer alle seine Kranken besuche. Es muß also einem Pfarrer aus Liebe zu seinen Pfarr- und Beichtkindern lieb sein, wenn sie sich einander selbst besuchen und trösten.
6. Es hat’s nie Jemand verboten, daß ein Christ seinen kranken Mitchristen besuche und tröste. Darum thun es auch viele Christen ungehindert, z. B. der Herr Magistratsrath H., der auch keineswegs blos Herrnhuter besucht.
7. Es ist nicht nur ein Recht, sondern sogar eine Pflicht aller Christen, ihre kranken Mitbrüder zu besuchen. Denn Matth. 25, 43 ff. spricht Christus zu denen zu seiner Linken: „Ich bin krank und gefangen gewesen und ihr habt mich nicht besucht. Was ihr nicht gethan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht gethan.“ Kann eine Pflicht strenger ausgesprochen sein?
8. Es ist möglich, daß die Leute manchmal deshalb von mir einen Besuch verlangen, weil ich ein Theologe bin. Aber kann für mich das ein Hindernis werden, allgemeine Christenpflicht zu üben?
9. Wenn ich hier angestellt wäre, würde es allerdings eine Anmaßung sein, wenn ich in eines anderen angestellten Geistlichen Wirkungskreis eingriffe. Weil ich aber keinen bestimmten Wirkungskreis habe, so bin ich wie ein anderer Christ anzusehen, und seine Rechte und Pflichten sind ungekränkt die meinigen.
10. Ich habe schon so oft Sie versichert, Herr Bruder, daß ich Sie ehre und liebe, und daß ich die Person ohne Rücksicht auf die Ansichten liebe. So würde ich ja| ein großer Heuchler sein, wenn ich etwas thäte, um Sie zu betrüben. Ich bin vielmehr
Ihr ganz ergebener
Fürth, am Sonnabend W. Löhe,
vor D. D. p. Trin. XII. cand ord.
1831.


 Unter solchen Umständen war es begreiflich, daß Löhe sich sehnte, aus dieser unerquicklichen Stellung erlöst zu werden.

 Es mußte ihm daher ein Brief des Pfarrers Erb in Münchberg, in dem ihm ein Vicariat bei dessen Schwiegervater, Titular-Decan Sommer in Kirchenlamitz, angetragen wurde, höchst erwünscht kommen. Ueberdies war der Ruf auch dringend genug. „Sie kennen ohne Zweifel“, schreibt Erb an Fleischmann, „Löhe persönlich und kommen wohl öfter mit ihm zusammen. Ich bitte Sie daher, unwiderstehlich dazu in meinem Herzen getrieben, Sie möchten den lieben Löhe im Namen Jesu Christi beschwören, er möge auf so manches Angenehme in seiner Vatergegend verzichtend heraufkommen nach Kirchenlamitz, wo es gilt, das Wort und die Ehre Christi zu gründen und auszubreiten.“ „Dies“, sagt Löhe, „gab mir Anlaß ernst nachzudenken, das hiesige verzwickte Vicariat bei Ebert fahren zu lassen und alle anderen Aussichten, und nach Kirchenlamitz mich zu entschließen.“ Er schrieb deshalb an Pfarrer Ebert einen zwar freundlichen, aber offenen Aufsagebrief folgenden Inhalts.


Fürth, 12. September 1831.

 Hochwürdiger Herr!
 Liebster Herr Bruder!

 „Sie haben, wie man mir sagt, schon von Andern gehört, daß ich von hier weggehen will, und ich würde Ihnen deshalb schon früher Nachricht gegeben haben, wenn ich eher, als erst seit gestern spät am Abend, völlige Gewißheit gehabt hätte.| Jetzt habe ich sie, scheint mirs. Eine Reise, welche ich mit meinem Freund Pächtner ins Donaumoos morgen in aller Frühe antreten will, hindert mich, persönlich bei Ihnen zu erscheinen. Nehmen Sie einstweilen dieses Blatt gütig auf. Ich habe, wie Sie durch Kündinger schon wissen, gleich im Anfange, noch vor meiner Ordination, zwei Vicariate hintangesetzt, um Ihnen die versprochene Aushilfe zu leisten, und hätte gewiß auch diesen Ruf nicht angenommen, wenn meine Aushilfe, wie sie bis jetzt war, der Gemeinde oder Ihnen einen ernsten Nutzen hätte schaffen können. Es ist die reine lautere Wahrheit gewesen, wenn ich in meinem ersten Briefe schrieb, daß ich nur aus Liebe zum Amt und zu Ihnen mein Anerbieten mache. Die Ordination war es ganz und gar nicht, welche ich auf diesem Weg suchte, ich wäre ja beim Eintritt in jedes Vicariat ohne weiteres ordiniert worden, und es wäre, wie ich Ihnen gleich bei meinem ersten Besuche nachdrücklich versichert habe, z. B. Herr Pfarrer Sauer in Kraftshof gerne bereit gewesen, um selbige für ihn zu leistende Aushilfe beim Consistorium einzukommen. Es war pure Liebe zum Amte und zu Ihnen der Grund meines Anerbietens, und hoffte ich dagegen nur so viel Liebe und zarte Schonung, daß Sie nun im Falle nöthiger Aushilfe keinen andern als mich würden fordern lassen. Darum hat es mir wehe gethan, daß Sie durch Austausch Ihrer Functionen an Ihre Collegen meiner Aushilfe ausgewichen sind und meine Person, ja meine Ordination damit verachtet haben. Ich mußte ja daraus schließen, daß Sie eine andere Aushilfe lieber nehmen als die meinige, die gewiß aus gutem Willen wäre gegeben worden. Darum habe ich den Ruf nach Kirchenlamitz angenommen. Dort bittet man mich von mehr als von einer Seite zu kommen, und der Ruf ist beschämend liebreich, man will mir Arbeit genug und wiederum Ruhe| genug geben, meine liebe Theologie zu studieren. Dazu wünscht Herr Tit.-Decan Sommer einen altgläubigen Vicar, und habe ich seinerseits kein Mistrauen zu befahren. Ich habe liebende Freunde in der Nähe, und ob ich gleich nicht bei meinen Lieben bin, doch den treuen Gott und Heiland bei mir, warum sollt ich nicht Ja! sagen? Gestrebt habe ich übrigens nach dem Vicariat nicht; ich wußte nicht, daß ein Kirchenlamitz in der Welt ist. Ich sehe in der Art, wie ich dazu kam, die treue Führung dessen, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dach, ja kein Haar vom Haupte fällt.

 „Endlich danke ich Ihnen herzlich für die Gelegenheiten, welche Sie mir gegeben haben, meinen theuren Glauben vor hiesiger Gemeinde zu bekennen. Ich habe, hoffe ich, nach Kräften meinen Ordinationseid gehalten und die reine Schriftlehre nach den Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche ohne Rückhalt gepredigt; habe ichs irgendwo nicht kräftig genug oder nicht klar und deutlich genug gehalten, ach, so ist mirs herzlich leid. Ich weiß es aber nicht. Gott segne Sie! Mein Jesus werde auch noch Ihr Jesus. Er sei Ihnen mehr als ein bloßer Lehrer, Er sei Ihnen nach Johannes dem Täufer und Jes. 53 das starke, wunderbare Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, nach dem Ebräerbrief der ewige hohe Priester, der mit Einem Opfer auch uns hat ewig vollenden wollen, der auch für uns noch bittet und auch uns noch segnet!

 „Friede der Versöhnung sei mit Ihnen und Ihrem Hause, wenn nun die schweren Tage kommen, wenn kein Menschentrost Stand hält, ja Friede Gottes, der über alle Vernunft ist.

 „Dies ist das treugemeinte Gebet

  Ihres

W. Löhe, 
cand. ord.


|  Hierauf unternahm Löhe in Gesellschaft seines Freundes Pächtner die in diesem Brief erwähnte Reise ins Donaumoos. In den Jahren 1831 und 1832 war es ja bekanntlich, daß die evangelische Bewegung im Bistum Augsburg, welche schon einige Decennien angedauert hatte, mit dem Uebertritt des Pfarrvicars Lutz zur evangelischen Kirche zu einem Abschluß gelangte.

 Bei dem lebhaften Interesse, welches Löhe an allen Bewegungen und namentlich an allen Lebensregungen auf kirchlichem Gebiete nahm, gehörte nicht viel Aufforderung von außen dazu, daß er sich in Gesellschaft seines Freundes Pächtner zur Reise ins Donaumoos entschloß. Begeistert von dem, was er dort fand, und noch mehr von den Hoffnungen, die sich an das Vorgefundene für die Zukunft knüpfen ließen, kehrte er wieder zurück.

 „Im Donaumoos ists schön, lieber Bruder“, schreibt er nach seiner Rückkehr, „da kann ein Feuer angezündet werden, das von da bis ins Herz des katholischen Bayerns hineinbrennt.“ Doch lassen wir ihn selber die Erlebnisse und Eindrücke der Reise schildern. Nachdem er die Fahrt über Schwabach, Roth, Eichstädt bis Neuburg a. D. beschrieben, fährt er fort:

 „Am Donnerstag, den 15. September, fuhren wir dann bei frischem heiteren Wetter hinein ins Moos.

 „Am Horizont strecken sich lang die Häuslein der Colonisten hin, – zerstreute Schafe eines guten Hirten. Die Ebene ist weit, steril und arm; aber der Himmel über ihr glänzte so schön als über den Bergen von Eichstädt, und ich sah in ihm den freundlichen Gnadenhimmel, der sich über diese arme Ebene so reich entladen hatte. Die Ebene ist von etlichen Canälen durchzogen, durch welche das Moor trocken gelegt wird und zum Theil ist. Aber, wenns trocken ist, was ists? Einen| Schuh tief liegt doch der Torf, den sie ausstechen und wie Backsteine, höher als ihre Häuser zusammenschlichten. Es wächst nicht viel – und die Sonne hat Mühe, wenn sie bis gegen 10 Uhr hin die üblen Dünste zerstreuen will, die von diesem Moor aufsteigen. Nach und nach kamen wir zu den Colonistenhäusern von Karlshuld, die sich zu beiden Seiten der Chaussee weiter hinabstrecken als man sehen kann.
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 „Wir fuhren lang, ehe wir das kleine Thürmchen des Kirchleins sahen, dem gegenüber das Pfarrhaus und Schulhaus liegen sollten. Endlich sahen wir das hölzerne Pfarrhaus mit seinem schönen Gärtlein. Beim Eintritt ins Pfarrhaus kam uns Lutz, der Kleidung nach ein katholisches Pfäfflein, unansehnlich dem Aeußern nach, aber mit durchstrahlender innerer Herrlichkeit der Liebe entgegen und führte uns in seine Stube. Alles schön, reinlich, heilig, schöne Bilder an den Wänden, wie ich mir einst auch mein Pfarrhaus wünsche. Ich war sogleich daheim in seinem hölzernen Pfarrhäuslein, ich wußte nicht, daß ich bei einem Katholiken war, außer daß mich überall etwas Venerables, das man bei unsern Pfarrern nicht findet, und das devote Benehmen der übrigen Kirchkinder daran erinnerte. Lutz predigt in seinem scheunenmäßigen, zerbrochnen Kirchlein alle Sonntage im Segen – in evangelischer Lauterkeit und Einfalt. Seine Gelehrsamkeit besteht aus der Bibel und Luthers Schriften, sonst hat er wenig besondere Bücher. Etwa 60 bis 70 (ja er meint 100) Familien wollen mit ihm übertreten und warten ungeduldig auf die Zeit ihres freien Bekenntnisses. Er erzählte uns von dem Werke Jesu auf dem Moos, führte uns dann in sein armes Kirchlein und dann hinab zum Pfarrer Meyer in Untermaxfeld, der ein Proselyt aus Israel ist, aber noch nicht in gleichem Maße wie Lutz in der Gnade lebt. Gott wolle ihn hinanführen. Hatten hier zusammen einen schönen| Tag, wo ich auch durch Gottes Gnade ernsthaft vom Uebertritt redete.“

 Einen Tag und eine Nacht brachten Löhe und sein Freund Pächtner bei Lutz zu, am folgenden Tag verabschiedeten sie sich und traten die Rückreise nach Fürth wieder an.

 Von da an wandte Löhe der evangelischen Bewegung im Donaumoos sein unausgesetztes Interesse zu.

 Bei dem lebendigen persönlichen Antheil, den er an dieser Bewegung genommen, mußte ihn die betrübende Wendung, welche Lutzens Rückübertritt zur katholischen Kirche herbeiführte, mit tiefem Schmerz erfüllen. Die größere Nüchternheit aber, mit der er Dinge und Personen von Anfang an betrachtet hatte, bewirkte, daß bei der Kunde von Lutzens Abfall zur katholischen Kirche seine Enttäuschung weniger groß und sein Urtheil weniger herb war als das von so vielen Anderen. Er schrieb damals an Pächtner: „Mit einer gewissen Erschütterung, welche bei einer so zähen Natur, wie die meinige ist, nur selten kommt, habe ich die erste Nachricht von den Karlshulder Dingen gelesen. Georg wurde etwa noch mehr als ich erschüttert, desgleichen die übrigen Brüder des Oberlands, welchen ich die Sache auf unserer letzten Conferenz mittheilte. Nur Renzel lacht und meint, was zwar richtig, – daß unsere Kirche fester als so gebaut sei. – Aufrichtig und hintennach zu reden, muß ich Dirs nur gestehen, daß ich bei Lutz von Anfang an nicht die Erfahrung der göttlichen Gnade, aber die feste Erkenntnis und richtige Schätzung der einzelnen Lehren unseres Glaubens vermißte. In dieser nervenschwachen Zeit hält man alles gleich für einen Christen, wenns nur viele Rührungen und inwendiges Leben hat und von Buße und Glaube spricht; ich meines Theils achte dafür, das Festwerden des Geistes sei auch eine Gnade – nach dem Spruch: ‚Es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest| werde, welches geschieht durch Gnade!‘ Ich habe dem Lutz vorher so viel nicht getraut, seine Schriften haben mir nicht so besonders gefallen – darum bin ich rücksichtlich seiner ein milder Richter. Der HErr erbarme sich seiner und vergebe ihm den Herzstoß, welchen er – nicht wohl aus Bosheit, aber etwa aus Unbesonnenheit – unserer Kirche gegeben hat.“

 Er tröstete sich und seinen Freund Pächtner darüber, daß die Moosgemeinde das glänzende Licht nicht geworden war, welches man anfangs an ihr zu sehen vermuthete, mit dem Wort: „Es ist des HErrn Gnade, daß wir nicht gar aus sind.“

 „Gott bewahre nur“, schreibt er ein ander Mal, „das Nachthüttlein im Weinberg und gebe euch Weingärtnern Weisheit, Liebe und Kraft des Glaubens, dazu seinen Segen, ohne welchen nichts gedeiht.

 „Renzel, der frömmste und auch mir liebste unter Deinen Brüdern hier oben, hat recht geweint und meint nach vielem Beten: ,man werde zwar nie mehr einen Protestanten, aber dennoch einen Erlösten in Lutz finden, wenn er post tot discrimina rerum dereinst zu den Füßen des erscheinenden Heilands liegen werde.‘ Ich selbst neige mich dahin, dem Lutz weniger große Bosheit als vielmehr eine ungemeine Schwachheit des Gemüths und Verstandes zuzuschreiben. Er ist mir um so mehr in seiner ersten Wirksamkeit ein Beispiel, wie der HErr auch in dem Schwachen mächtig ist; in seinem Ende ein Beispiel, was aus dem Menschen wird, wenn er das göttliche Wort verliert, welches ja allen Sehenden ihres Fußes Leuchte und ein Licht auf ihren Wegen ist.“

 Löhe blieb durch seinen Freund Pächtner, der bekanntlich nach Lutzens Rücktritt zum Seelsorger von Karlshuld berufen wurde, von dem Ergehen dieser Gemeinde fortwährend unterrichtet. Einmal tauchte sogar der Gedanke auf, ihn zur Bewerbung| um das Karlshulder Vicariat zu veranlassen. Doch Gott hatte ihm inzwischen bereits anderwärts seine Stelle angewiesen und ihm eine offene Thür der Wirksamkeit gegeben. Kirchenlamitz war die ihm von Gott bestimmte Stätte seiner jugendlichen Thätigkeit für das Reich Gottes. Dort warf er zum ersten Mal das Netz des Menschenfischers in großem Segen aus und entfaltete jene mächtige Wirksamkeit, von der im nächsten Abschnitt die Rede sein wird.





  1. S. den Anhang am Schluß dieses Bändchens.
  2. Eine Kinderkrankheit, auch Gefraisch, Wesen etc. genannt.
  3. Zu deutsch:
     „Ich, J. C. W. Löhe, bin zu Fürth am 21. Februar 1808 geboren, und am 24. desselben Monats getauft. Meine Eltern waren: Johann Löhe, Kaufmann zu Fürth, 1816 verstorben, und meine noch lebende [125] Mutter, Maria Barbara geborene Walthelm. Nachdem ich die Schulen zu Fürth absolviert, brachte ich fünf Jahre in Nürnberg als Schüler des Gymnasiums und Lyceums zu. Im Herbst 1826 gieng ich auf die Universität Erlangen, um Theologie zu studieren; sechs Sommermonate des Jahres 1828 vergiengen mir wie ein Traum auf der Universität Berlin. In der Osterzeit des Jahres 1830, nachdem ich nun viele Jahre zu den Füßen der Lehrer sitzend, mit Lernen zugebracht hatte, erhielt ich das Absolutorium von Erlangen und zog mich in die Stille des väterlichen Hauses zurück. Im Herbste desselben Jahres wurde ich nach bestandenem ersten theologischen Examen in Ansbach unter die bayerischen Candidaten aufgenommen.
     „Nun ist der frohe Tag meiner Ordination vorhanden. Nach Empfang dieser feierlichen Weihe wird es mir vergönnt sein, den ehrwürdigen Greis G. M. Ebert, zweiten Pfarrer meiner Vaterstadt, mit meinen jugendlichen Kräften zu unterstützen.
     „Da auch in unserer Zeit es an Candidaten nicht fehlt, welche alles evangelischen Glaubens und Lebens baar, dennoch Ordination und Namen evangelisch-lutherischer Geistlicher zu begehren sich erdreisten, so kann ich nicht umhin, hier zu erklären, daß ich in diese Classe durchaus nicht gerechnet zu werden wünsche. Die Augsburgische Confession, wenn mir Armen diese [126] Worte erlaubt sind, ist auch meine Confession, die übrigen mit der Augustana übereinstimmenden symbolischen Bücher der evangelisch-lutherischen Kirche sind auch mir norma normata. Die Personen derjenigen, welche wider diesen unseren Glauben sind, haße ich nicht, sondern hege gegen sie aufrichtige Liebe, bitte aber mit dem heiligen Augustin flehentlich, ,o daß Du sie tödtetest mit dem zweischneidigen Schwert, Hebr. 4, 12, damit sie nicht mehr Deine Feinde seien. Ich wünsche, daß sie sich sterben müßten, auf daß sie Dir leben.‘ Gewiß ich haße keinen Menschen, aber ich haße von Grund der Seelen alle schädliche und verderbliche Lehre. Mit Gottes Hilfe will ich die wahre Lehre predigen und nicht verstummen, bis der Herr selbst mich, seinen friedliebenden Soldaten, aus der streitenden Kirche in die heilige Stille der triumphierenden Kirche aufnimmt! Desgleichen soll es mein ernstliches Bemühen sein, daß mein Leben meinem Glauben ähnlich sei, damit ich nicht, während ich anderen predige, selbst verwerflich werde. 1. Cor. 9, 17. Herr, ich warte auf Dein Heil. 1. Mose 49.
     „Am 8. Sonntag nach Trinitatis, am Tage vor St. Jacobi des Aelteren Tag.“


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