RE:Dikaiarchos 3

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,1 (1903), Sp. 546563
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3) Peripatetiker.

I. Leben. Antike Quellen: Der dürftige Artikel im Lexikon des Suidas (vgl. dazu Flach Rh. Mus. XXXV 209) und Gelegentliches [547] bei den alten Schriftstellern. Neuere Litteratur: Vossius De historic. graec. (Leipz. 1838) 80ff. (hier findet sich die wichtigere ältere Litteratur über D. verzeichnet). Osann Beiträge zur gr. und röm. Litt.-Gesch. II 1ff. Fuhr Dicaearchi Mess. quae supers. (Darmst. 1841) 13ff. (breit angelegte, jetzt vollständig veraltete Monographie). Müller FHG II 225ff. (wir citieren die Fragm. des D. nach dieser Sammlung). Di Giovanni Storia della filosofia in Sicilia I (Palermo 1873) ] 80ff Holm Gesch. Sic. im Altert. II (1874) 269ff. Zeller Philos. d. Griech. II³ 2, 889ff. Ferri Rendiconti dell’ acc. dei Linc. IV 236ff. D., des Pheidias Sohn (Suid.), war aus dem sicilischen Messene gebürtig (Athen. XI 460 f. XV 666 b [= Schol. Arist. Pac. 1244]. Zenob. II 15. Suid.). Er gehörte offenbar dem dorischen Teile der Bevölkerung dieser Stadt an, wie wohl aus den mannigfachen Beziehungen, die er zu Sparta hatte (vgl. u.), geschlossen werden darf. Als junger Mann studierte er in Athen bei Aristoteles (Cic. De leg. III 14. Athen, a. O. Suid.). Bei Cic. Tusc. I 41 heisst er condiscipulus et aequalis Aristoxeni, bei Suidas (s. Ἀριστόξενος) σύγχρονος des tarentinischen Philosophen. Damit ist sein Zeitalter bestimmt. Genauere chronologische Angaben über ihn fehlen. Seine ἀκμή wird wohl spätestens 310 v. Chr. anzusetzen sein (vgl. Müllenhoff Deutsche Alt.-Kunde I² 236. Rohde Kl. Schrift. II 133, 2). Über sein Verhältnis zu Aristoteles liegt uns ein merkwürdiges Zeugnis vor. Themist. orat. XXIII 285 c zählt ihn denjenigen Männern bei, die den grossen Stagiriten auf das feindseligste angegriffen hätten. Man hat an dieser Notiz Anstoss genommen, und Zeller a. O. 889, 3 hat die Vermutung ausgesprochen, dass bei Themistius eine Namensverwechslung vorliege, die entweder auf den Autor selbst oder auf einen Abschreiber zurückzuführen sei (er vermutet, dass statt D. zu schreiben sei Demochares). Allein zu einer solchen Annahme liegt kein hinreichender Grund vor. Man muss nur die Angabe des Themistius richtig bewerten und sich die alles vergröbernde Manier der alten Literarhistoriker vergegenwärtigen, die, wenn Lehrer und Schüler gewisse Differenzen in ihrer Lehre und Anschauung aufwiesen, flugs ein Zerwürfnis oder gar eine tiefgehende persönliche Feindschaft construierten. Von diesem Gesichtspunkt aus ist die angebliche Feindschaft zwischen Platon und Aristoteles, die zwischen diesem und Aristoxenos, und nicht minder die Ranküne, mit der D. seinen Lehrer verfolgt haben soll, zu beurteilen. In litterarischer Fehde stand D. auch mit Theophrastos (Cic. ad Att. II 16; vgl. v. Arnim Hermes XXVII 127ff. Diels Dox. 187, 4. Hirzel Dialog I 465, 1. II 136. 208, 4), ohne dass dieserhalb eine persönliche Feindschaft beider Männer zu supponieren wäre. Trotz seiner selbständigen Stellung den beiden Scholarchen des Peripatos gegenüber hat D. doch bei dem ganzen urteilsfähigen Altertum als echter Peripatetiker gegolten. Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er in der Peloponnes, speciell wohl in Sparta (Cic. ad Att. VI 2). Von hier aus dürfte er die grosse Studienreise unternommen haben, auf welcher er fast alle bedeutenderen Landschaften Griechenlands besuchte, um an Ort und Stelle Höhenmessungen vorzunehmen (vgl. [548] Plin. n. h. II 162 und unten S. 561). Weiteres Detail aus seinem Leben ist uns nicht bekannt.

II. Schriften. Litteratur: Fuhr a. O. 18ff. und Müller a. O. II 227ff. (seine Fragmentsammlung ist nicht vollständig; über dieselbe vgl. Crusius Anal. crit. ad paroem. Graec. [Leipzig 1883] 83, 2. 149, 3). D. war ein äusserst productiver Schriftsteller; das Altertum hatte von ihm culturhistorische, historische, staatswissenschaftliche, litterarhistorische, philosophische und geographische Schriften. Dieselben wurden von den nachfolgenden Generationen bis an den Anfang des 2. nachchristlichen Jhdts. fleissig gelesen und benüzt. Nachweislich haben Aristokles und Hegesandros unseren Peripatetiker ausgeschrieben (vgl. Susemihl Alex. Litt. I 528, 66. 489). Eifrige Benutzer hatte er an Eratosthenes (s. u. S. 560), Panaitios (Cic. de fin. IV 79), Poseidonios (vgl. u. S. 549. 560) und Cicero. Aber auch noch Josephos (vgl. u. S. 549) und Plutarchos (vgl. Hirzel Dialog II 193 Anm. 209 Anm.) haben ihn fleissig studiert. Besonders hat der erstere von diesen beiden mehr aus der ergiebigen Quelle des D. geschöpft, als die meisten heutzutage ahnen. Wir besitzen von der reichen Schriftstellerei des D. leider nur noch dürftige Bruchstücke, die uns eben gerade ahnen lassen, wie viel wir durch den Untergang seiner Werke verloren haben.

A. Die culturhistorischen, historischen und staatswissenschaftlichen Schriften.
a) Βίος Ἑλλάδος: ,Culturgeschichte Griechenlands‘ in drei Büchern (Suid.). Nachdem Marx, Buttmann, Naeke und Osann alle möglichen und unmöglichen Aufstellungen über die Ökonomie dieses Werkes gemacht, hat Müller unter teilweisem Vorgang Fuhrs a. O. 85ff. durch Heranziehung des gleichnamigen und offenbar gleichartigen Werkes des Iason (vgl. Müller Script. de reb. Alex. frg. 159) und durch eingehendere Berücksichtigung der vorhandenen Reste des dikaiarchischen Werkes den wahren Sachverhalt erkannt (vgl. FHG II 227ff.). Darnach lag dem Βίος Ἑλλάδος folgende Disposition zu Grunde: er begann mit einer Schilderung der primitiven Zustände der Menschheit: des glücklichen Urzustandes (ὁ ἐπὶ Κρόνου βίος), des Hirtenlebens und des Ackerbaues. Höchst interessant ist D.s Auffassung des sog. goldnen Zeitalters; allerdings seien unter Kronos die Menschen glücklicher gewesen; aber nicht etwa weil sie körperlich, geistig und moralisch vollkommener gewesen, als die späteren Geschlechter, sondern weil sie auf die höchsten Güter verzichtet, die nur durch potenzierte psychische und physische Anstrengung zu erlangen seien. Mühen und Sorgen wären ihnen erspart geblieben, weil sie keine höheren Aspirationen hatten; Krankheiten wären sie weniger ausgesetzt gewesen, weil sie sich weniger anstrengten und auf einfachere Nahrung angewiesen waren; Kriege und Zerwürfnisse habe es nicht gegeben, weil es an jedwedem würdigen Streitobject gefehlt. Hiernach wird man wohl D. als Verfechter des Satzes vom allmählichen Fortschritt der Menschheit ansprechen dürfen (frg. 1–6, vgl. dazu Graf Leipz. Stud. VΙΙΙ 45ff. E. Weber ebd. X 119ff. Dümmler Akadem. 237 und allem voran die schönen Ausführungen Hirzels Abh. d. k. Sächs. Gesellsch. d. Wiss. [Philol.-hist. Cl.] 1900, 88ff.). Auf die Schilderung [549] der primitiven Zustände folgte eine ausführliche Beschreibung der Cultur des Orients, deren höheres Alter gegenüber der griechischen Cultur mit Recht betont wurde (frg. 7. 8; vgl. dazu v. Gutschmid Kl. Schrift. I 235. 239. 362. IV 454. V 100). Nach Darlegung des Einflusses der orientalischen Cultur auf Hellas wandte sich der Schriftsteller seiner eigentlichen Aufgabe zu, der Darstellung der nationalgriechischen Cultur (frg. 9 über die Begriffe πάτρα, φρατρία, φυλή vgl. dazu Kutorga Mél. Gr.-Rom. I 62ff. Dümmler Kl. Schrift. II 374ff. – frg. 12 über die dorische Tetrapolis – frg. 14 über das Orakel in Elis – frg. 15 über die übermässige Verwendung der κρόταλα in der älteren Zeit – frg. 16 über die Benützung der Medeia des Neophron durch Euripides – frg. 18 über den Unterschied zwischen Dareios und Philippos im Felde). Ich habe mich im Vorstehenden darauf beschränkt, die sicheren Fragmente des Βίος Ἑλλάδος anzuführen. Bei Müller findet sich ausserdem noch viel Unsicheres und Falsches. Frg. 7. 8 und 12 werden als aus dem ersten Buche des Βίος Ἑλλάδος, frg. 18 als aus dem dritten stammend angeführt. Bei den frg. 1. 2. 5. 15. 16 ist der Βίος Ἑλλάδος ohne nähere Indication als Fundstelle angegeben. In den frg. 3. 4. 9. 14 wird D. schlechthin citiert, doch kann es keinem Zweifel unterliegen, dass sein Βίος Ἑλλάδος gemeint ist. Bei frg. 6 findet sich das Lemma Δικαίαρχος ἐν τοῖς περὶ τῆς Ἑλλάδος; mit Recht hat Buttmann dasselbe, von dem Inhalt des Bruchstückes ausgehend, als ungenauen Titel der griechischen Culturgeschichte angesprochen. Sicher falsch sind frg. 10 und 11 (über Herakles) von Osann, Fuhr und Müller auf den Βίος Ἑλλάδος bezogen worden; beide Stücke enthalten absolut nichts, was für diese Zuweisung spräche (über frg. 11 vgl. u. S. 554). Ebenso steht es mit frg. 13 u. 17, welch letzteres vielmehr der πολιτεία Σπαρτιατῶν unseres Schriftstellers entstammt. Fälschlich hat Müller schliesslich noch frg. 19 (das Bruchstück der Schrift περὶ τῆς ἐν Ἰλίῳ θυσίας) zum Βίος Ἑλλάδος gezogen (vgl. u. S. 552).

Wie aus frg. 18 ersichtlich, führte D. seine Darstellung bis auf die Gegenwart herab. Die spärlichen Reste des Werkes lassen den reichen, alle Seiten des griechischen Culturlebens umfassenden Inhalt noch recht wohl erkennen. Die hohe Bedeutung des dikaiarchischen Werkes bestand einmal darin, dass es eine unerschöpfliche Fundgrube für culturhistorische Belehrung war, andrerseits, dass es zu einer Reihe ähnlicher Darstellungen die Anregung gab. Bereits erwähnt wurde Iasons Βίος Ἑλλάδος. Origineller war die römische Culturgeschichte des M. Terentius Varro, die den Titel hatte: De vita populi Romani.

Natürlich wurde D.s Schrift infolge ihres stofflichen Reichtums von den späteren Schriftstellern stark ausgebeutet: so von Poseidonios (vgl. Schmekel Philos. d. mittl. Stoa 454, 1); desgleichen von Cicero und Plutarchos (Hirzel Dialog II 208, 4ff.). Deutliche Spuren der Verwertung des Abschnittes über die orientalische Cultur finden sich bei Josephos in den Büchern gegen Apion (vgl. Gutschmid a. O. IV 389. 415). Eindringende Quellenanalyse bei den drei zuletzt genannten Autoren dürfte noch manches Stück des Βίος Ἑλλάδος zu Tage fördern.

[550] Vgl. im allgemeinen noch Dümmlers Vortrag Culturgesch. Forschung im Altertum (Verh. der 42. Philol.-Vers. [Leipzig 1894] 57ff. 64ff. = Kl. Schrift. II 443ff. 454ff.). Über einzelnes s. L. Schmidt Ethik d. Griech. I 37. Wendling De pepl. Aristot. (Strassb. 1891) 16. v. Wilamowitz Herm. XXV 208, 2. Leo Griech.-römische Biogr. (Lpzg. 1891) 99

b) Πολιτεῖαι, ‚Staatsverfassungen‘ (Müller a. O. 241). Ein verfassungsgeschichtliches Sammelwerk in der Art der aristotelischen Politien. Erwähnt werden daraus bei Cic. ad Att. ΙΙ 2 die πολιτεῖαι Πελληναίων, Κορινθίων und Ἀθηναίων. Eine weitere Politie, die πολιτεία Σπαρτιατῶν, führt Suidas mit der Bemerkung an, dieselbe sei infolge einer gesetzlichen Bestimmung in Sparta jährlich einmal öffentlich vorgelesen worden (vgl. hierüber Bernhardy Griech. Litt. I⁵ 123). Von den drei ersten Verfassungen ist nichts mehr erhalten, dagegen dürfte auf die πολιτεία Σπαρτιατῶν frg. 17 M. zurückgehen (vgl. im übrigen noch über die letztere u. S. 551).

c) Τριπολιτικός. Diese Schrift hat die abenteuerlichsten Vermutungen über sich ergehen lassen müssen, bis Osann (a. O. II 8ff.) im wesentlichen das Richtige sah. Die Aufstellungen der früheren Gelehrten finden sich verzeichnet und hinreichend widerlegt bei Passow De Dicaearchi Trip. coni. (Prgr. Breslau 1829) = Opusc. acad. 166ff., der selbst die höchst geistreiche, aber bei näherem Zusehen unhaltbare Vermutung vorträgt, D.s Tripolitikos sei eine Gegenschrift auf den berüchtigten Τρικάρανος des Anaximenes (vgl. Bd. I S. 2096) gewesen (dagegen Osann a. O. 9ff.). Osanns Ausführungen haben sich in der Hauptsache angeschlossen ausser Fuhr a. O. 29 Müller a. O. 242ff. und Zeller Philos. d. Gr. II³ 2, 892ff. Nicht eben schwerwiegende Bedenken dagegen erhoben F. Schmidt De Heracl. Pont. et Dic. Mess. dial. deperd. (Breslau 1867) 37ff. und Hirzel Dialog I 465, 1. Osann nimmt zum Fundament seiner Deutung die Stelle des Phot. Bibl. Cod. 37 p. 8a, 2ff. Bkk. Hier lesen wir, dass ein anonymer Autor aus byzantinischer Zeit (nicht Petros Patrikios, wie Mai und Osann wähnten; vgl. Krumbacher Gesch. d. byz. Litt.² 239) einen Dialog περὶ πολιτικῆς schrieb. Von demselben wird des näheren berichtet: περιέχει δὲ ἡ πραγματεία λόγους ἕξ, ἐν οἷς καὶ ἕτερον εἶδος πολιτείας παρὰ τὰ τοῖς παλαιοῖς εἰρημένα εἰσάγει, ὃ καὶ καλεῖ ΔΙΚΑΙΑΡΧΙΚΟΝ. ἐπιμέμφεται δὲ τῆςΠλάτωνος δικαίως πολτείας. ἥν δ’ αὐτοὶ (die Sprecher des Dialogs) πολιτείαν εἰσάγουσιν, ἐκ τῶν τριῶν εἰδῶν τῆς πολιτεας δέον αὐτὴν συγκεῖσθαί φασι, βασιλικοῦ καὶ ἀριστοκρατικοῦ καὶ δημοκρατικοῦ, τὸ εἰλικρινὲς αὐτῇ ἑκάστης πολιτείας συνεισαγούσης, κἀκείνην τὴν ὡς ἀληθῶς ἀρίστην πολιτείαν ἀποτελούσης. Der anonyme Verfasser der Schrift περὶ πολιτικῆς liess also seine πρόσωπα διαλεγόμενα über die verschiedenen Staatsformen disputieren und erklärte für die beste, die aus der Vermischung des königlichen, aristokratischen und demokratischen Elementes hervorgegangene. Diese Staatsform ist jedoch keineswegs eine Erfindung unseres Anonymos, wie man aus den Worten ἕτερον εἶδος πολιτείας παρὰ τὰ τοῖς παλαιοῖς εἰρημέναι εἰσάγει eigentlich schliessen müsste. Denn sie findet sich bereits bei Panaitios und [551] aus ihm bei Polybios VI 2–10 und Cicero de rep. I 45. II 65 (vgl. Susemihl Alex. Litt. II 73, 53). Offenbar ist Photios, wie oft, so auch an unserer Stelle im Ausdruck ungeschickt und unklar. Vielleicht verstand seine Vorlage unter den παλαιοί die älteren staatswissenschaftlichen Schriftsteller der Hellenen wie Platon und Aristoteles (so lassen sich wohl am einfachsten die Bedenken Hirzels Dialog I 319, 3 beseitigen). Die von ihm empfohlene Verfassung nennt nun der Verfasser περὶ πολιτικῆς: εἶδος πολιτείας Δικαιαρχικόν. Das kann doch schlechterdings nichts anderes heissen als ,die dikaiarchische Staatsform‘. So konnte jene Politie aber blos genannt werden, wenn D. sie entweder aufgebracht oder wenigstens wissenschaftlich begründet hatte (δικαιαρχικόν in dem Sinne von ubi regnat iustitia ist schlechterdings unmöglich). Wenn wir uns umschauen nach dem Werk, in welchem D. die Vorzüglichkeit der dreigemischten Verfassung dargelegt haben könnte, so bietet sich uns von selbst der Τριπολιτικός (scil. λόγος) dar, dessen Aufschrift durch das eben Ausgeführte volles Licht empfängt. Erwähnt wird der Τριπολιτικός von den Alten nur zweimal: 1. bei Cic. ad Att. XII 32 (frg. 22), wo blos der Titel genannt wird, und 2. bei Athen. IV 141 a (frg. 23), wo ein längeres Bruchstück aus der Schrift mitgeteilt wird. Dasselbe handelt von den spartanischen Phiditien und bildet seinem ganzen Charakter nach einen Teil einer breit angelegten Schilderung der spartanischen Verfassung. Osann vermutet nun, dass der Τριπολιτικός aus einem theoretischen und einem praktischen Teile bestanden habe; in dem letzteren – zu welchem frg. 23 gehöre – habe D. eine Schilderung des spartanischen Staates gegeben, dessen Verfassung sich im wesentlichen mit der von ihm proclamierten ,besten Staatsform‘ deckte. Ähnlich verfuhren bekanntlich Polybios und Cicero in ihrer Behandlung des Gegenstandes (vgl. o.), und erhält dadurch die an sich schon recht probable Hypothese Osanns eine gewisse Stütze. Eine andre Frage ist es, ob der zweite, praktische Teil des Τριπολιτικός identisch war mit der von Suidas angeführten πολιτεία Σπαρτιατῶν, wie Osann glaubt. Die Möglichkeit dieser Annahme muss jedenfalls zugegeben werden. Freilich die Art, wie die πολιτεία Σπαρτιατῶν von Suidas erwähnt wird, scheint eher dafür zu sprechen, dass sie ein selbständiges Werk war, wie die πολιτεία Ἀθηναίων, Πελληναίων oder Κορινθίων (so urteilt auch Holm a. O. 272). Was die Form des Τριπολιτικός betrifft, so hat Osann es sehr wahrscheinlich gemacht, dass er ein Dialog war (vgl. a. a. O. 29ff. und Schmidt a. O. 35ff.). Dagegen ist es ganz unsicher, ob, wie Osann a. O. conjiciert, das Stück D. bei Plut. quaest. conv. VIII 2, 2. 3 p. 718f. (frg. 27) aus dem Τριπολιτικός hergeholt ist (vgl. u. S. 553). Geradezu falsch jedoch ist die Vermutung desselben Gelehrten, dass Polyb. VI 2–10 direct auf D. zurückgehe. Sowohl dieser Abschnitt des polybianischen Geschichtswerks als Cic. de rep. I und II gehen unmittelbar auf Panaitios zurück (vgl. Schmekel Philos. d. mittl. Stoa 64ff.), der seinerseits allerdings der Staatslehre des D. gar manches entlehnt hat.

d) Ὀλυμπικός und e) Παναθηναϊκός. Am natürlichsten ist doch die Annahme, dass wir es auch [551] hier mit Gesprächen zu thun haben, die, wie der Κορινθιακός und Λεσβιακός (vgl. u. S. 556) von dem Orte, bezw. der Gelegenheit der Unterhaltung, ihren Namen empfingen. Was den Ὀλυμπικός betrifft, so scheint sich aus der Stelle Cic. ad Att. XIII 30 (volo aliquem Olympiae aut ubivis habitum πολιτικὸν σύλλογον more Dicaearchi familiaris tui) zu ergeben, dass er ein politisches Gespräch war, das, wie Hirzel Dialog I 319 hübsch ausführt, von Vertretern der verschiedenen griechischen Staaten, die sich zu den Festspielen in Olympia zusammengefunden hatten, geführt wurde und das Lob der heimatlichen Verfassungen zum Gegenstand hatte. Vielleicht war der Παναθηναϊκός ebenfalls ein politisches Gespräch. Nichtsbesagendes Detail geben frg. 46 und 47. Die älteren, durchweg unwahrscheinlichen Vermutungen über unsere Dialoge hat gesammelt Fuhr a. O. 78. 100.

f) Περὶ τῆς ἐν Ἰλίῳ θυσίας. Einmal citiert bei Athen. XIII 603 a {Δικ. ἐν τῷ π. τ. ἐν Ἰλ. θυσ.). Wie der Titel besagt, handelte die Schrift von dem Opfer, das Alexandros d. Gr. vor der Schlacht am Granikos in Ilion feierte (Arr. anab. I 11, 7ff. 12, 1ff.). Ausser dem Titel hat uns Athen. a. O. noch ein Stück aus der Schrift aufbewahrt, das von der Liebe Alexanders zum schönen Eunuchen Bagoas erzählt (frg. 19). Ohne stichhaltige Gründe hat Müller a. O. 241 die Selbständigkeit dieser Schrift in Abrede gestellt und sie für einen Abschnitt des Βίος Ἑλλάδος erklärt. Mit Recht erkennt dagegen Hirzel (Dialog I 319) die Selbständigkeit der Schrift an; derselbe äussert die Vermutung, dass dieselbe ein Dialog gewesen, an dem sich Alexandros beteiligte, oder eine historische Novelle mit vielen Gesprächen untermischt. Dass unsere Schrift ein Dialog gewesen, ist in der That hochgradig wahrscheinlich; gegen die Teilnahme Alexanders am Gespräch spricht indessen der Inhalt des frg. 19. Die Tendenz der Schrift lässt sich nicht mehr ermitteln (oder war das Sujet περὶ ἔρωτος?). Droysen Gesch. d. Hellen. III² 2 2, 194 erblickt in unserer Schrift eine publicistische Verherrlichung des Opfers zu Ilion, eine Annahme, die mir mit dem ganzen Charakter der dikaiarchischen Schriftstellerei im Widerpruch zu stehen scheint (vgl. aber O. E. Schmidt in Ilbergs N. Jahrb. VII 626).

B. Die literarhistorischen und grammatischen Schriften, a) Βίοι (näml. φιλοσόφων). D. und sein Freund Aristoxenos sind die Begründer der litterarischen Biographie. Während aber dieser eine grosse Anzahl selbständiger Einzelbiographien lieferte (vgl. Leo Gr.-röm. Biogr. 102), schuf D. ein grosses biographisches Werk, das aus mehreren Büchern bestand (Diog. Laert. III 4 citiert Δ. ἐν τῷ α περὶ βίων). Dasselbe findet sich blos einmal ausdrücklich angeführt, nämlich an der eben angezogenen Stelle des Diogenes Laertius (frg. 24), aus welcher hervorgeht, dass D. im ersten Buche seiner βίοι über Platon handelte. Ohne Bedenken können wir aber noch zwei weitere Stellen des Diogenes, wo Äusserungen D.s über Platon vorgebracht werden, auf die Platonvita unseres Autors zurückführen (Diog. Laert. III 38 = frg. 25; 46 = frg. 26). Wir sehen aus diesen Fragmenten, dass D. nicht nur das [553] Leben des Platon besprach, sondern auch an dessen Schriften ästhetische Kritik übte (vgl. Hirzel Dialog I 414). Müller zieht ferner hierher Plut. quaest. conv. VIII 2, 2, 3 (p. 7181) [frg. 27], eine Stelle, die Osann, wie oben bemerkt, glaubte auf den Τριπολιτικός beziehen zu müssen. Den βίοι werden weiterhin wohl sicher entstammen diejenigen Fragmente des D., die über Pythagoras handeln und sämtlich zu einem βίος dieses Philosophen zu gehören scheinen (frg. 29–32). Mit Recht weist Müller (a. O. 244) dieser Pythagorasvita noch zwei auf die Seelenwanderung bezügliche Notizen aus D. bei Phlegon de mirab. 4. 5 zu, da D. nachweislich in dem Βίος Πυθαγόρου die Lehre von der μετεμψύχωσις ausführlich erörtert hat (vgl. frg. 30). Aus den dürftigen Resten der Pythagorasvita ist noch soviel zu erkennen, dass D., der eifrige Verfechter des βίος πρακτικός, Pythagoras als praktischen Philosophen, d. h. als den grossen politischen Reformator schilderte, als welcher dieser dann bei den Späteren fortlebte (vgl. Rohde Rh. Mus. XXVI 561ff. = Kl. Schrift. II 110; Psyche II² 418. Leo a. O. 113). Ferner giebt es eine Anzahl den Fundort nicht näher indicierender Citate aus D. über die sog. sieben Weisen, Diog. Laert. I 40 = frg. 28 a und 41 = frg. 28 b; wozu noch das neue Bruchstück kommt im Ined. Vatic. publ. von v. Arnim Herm. XXVII 120 (vgl. auch 126ff.). Man wird wohl auch diese Fetzen am besten in dem grossen biographischen Werk des D. unterbringen (vgl. Bohren De sept. sapient. [Bonn 1867] 3ff., s. auch v. Gutschmid Kl. Schrift. V 208. E. Meyer Gesch. d. Altert. II 717 Anm.). Auf eine Lebensbeschreibung des Xenophanes scheint zu führen eine kurze Äusserung D.s über diesen bei Dem. de eloc. 182 (frg. 33). Die beiden verstümmelten Citate aus D. im Herc. Akad. Ind. stammen wohl sicher aus den Βίοι: Col. II 5 S. 19 Mekl. (Abschn. über Platon) und Col. XI 18 S. 30 Mekl. (Vita des Chairon). Vermutungsweise hat Mekler Col. V 1 S. 22 D.s Namen in den Text gesetzt. Genaueres über die Anlage der Βίοι lässt sich nicht feststellen. Vielleicht darf aber aus dem Umstand, dass Platons Leben im ersten Buche stand, geschlossen werden, dass der Anordnung des Stoffes nicht das Princip der Chronologie zu Grunde gelegt war.

b) Περὶ Ἀλκαίου. Wie die drei erhaltenen Fragmente zeigen, war diese Schrift ein exegetischer (nicht kritischer!) Commentar zu den μέλη des Alkaios. Frg. 34 handelt über das Kottabosspiel und giebt Aufschluss über den Ursprung und die Bedeutung des Wortes λατάγη (vgl. dazu O. Jahn Philol. XXVI 218); frg. 35 constatiert, dass die Alten sich kleiner Becher bedient (vgl. hierzu Hermann Schrader (Philologe) Philol. XLIV 249); frg. 36 enthält D.s Interpretation des Wortes λεπάς bei Alkaios frg. 51 Bergk PLG III⁴ p. 170]. Dass D. seinem Commentar einen βίος des Dichters vorausschickte, darf wohl angenommen werden. Die Schrift wurde von den Gelehrten und Litteraten des alexandrinischen Zeitalters eifrig studiert; so entnahm ihr Hegesandros gar manches für seine Ὑπομνήματα (vgl. Susemihl Alex. Litt. I 489), und Aristophanes von Byzantion polemisierte gegen verschiedene Interpretationen, die in ihr vorgetragen waren (p. 274 Nauck).

[554] c) Arbeiten über Homeros (vgl. Sengebusch Hom. diss. I 84ff.). Dass D. über Homer geschrieben, bezeugt Plut. non posse suav. viv. 12 p. 1095 a. Aber nirgends findet sich eine von den hierhergehörigen Schriften namentlich citiert. Dagegen giebt es eine Reihe von Stellen, wo D. über die homerische Dichtung und in ihr Vorkommendes spricht. Frg. 48 (= Athen. I 14 d) handelt über den Ursprung der bei Hom. Od. VI 100ff. erwähnten ὄρχησις ἡ διὰ τῆς σφαίρας. Im frg. 33 (= Schol. Hom. Od. I 333) wird abfällige (ästhetische) Kritik geübt an der Darstellung der Penelope in der Odyssee I 333ff. (vgl. Schrader Porph. qu. Hom. ad Od. pert. rell. 18. 29ff. und 187ff.); frg. 11 giebt eine sachliche Erklärung zu Il. VI 396. Eine merkwürdige Notiz enthält das Anecd. Rom. (ed. Osann 5), wonach D. verlangt haben soll, τὴν ποίησιν (nämlich des Homer) ἀναγινώσκεσθαι Αἰολίδι διαλέκτῳ (vgl. dazu E. Meyer Gesch. d. Altert. II 394 Anm. und Ludwich Homervulgata [Leipzig. 1898] 145, 1). Schliesslich gehört noch hierher Cic. de orat. III 137, jene interessante Stelle über die von Peisistratos veranlasste Redaction der homerischen Gedichte. Meines Erachtens ist es Düntzer Jahrb. f. Philol. XCI 738ff. vollständig gelungen, D. als Quelle für diesen Passus zu erweisen. Nur durfte er hierbei nicht speciell an den Βίος Ἑλλάδος denken. Die genaue Erwägung der auf Homeros bezüglichen Fragmente unseres Peripatetikers führt vielmehr zur Vermutung, dass er die homerischen Epen in ähnlicher Weise bearbeitet habe, wie den Alkaios. Dann würden die Nachricht über die peisistratische Redaction und die Äusserung über den aeolischen Dialekt Homers (frg. 33 b) der ,Einleitung über Homeros und seine Dichtung‘ entnommen sein, dagegen frg. 11. 33. 48 dem eigentlichen Commentar angehören, der natürlich, ebenso wie der zu Alkaios, rein sachlich war. Freilich bei frg. 48 muss es zweifelhaft bleiben, ob es wirklich aus dem Homercommentar stammt oder aus einer agonistischen Schrift. Absichtlich unerwähnt gelassen habe ich bisher die auf D. bezügliche Angabe bei Apoll. Dysc. de pron. p. 48, 7 Schneid.: φασὶ δὲ καὶ τὸν Ἀρίσταρχον ἀσμένως τὴν γραφὴν τοῦ Δικαιάρχου (nämlich ἑῇ statt φίλῃ Il. III 244) παραδέξασθαι. Diese Stelle ist eine wahre Aufspeicherung von Irrtümern und Schiefheiten (s. Ludwich Aristarchs hom. Textkritik I 71); speciell die angebliche Lesart des D. – der sich sonst nachweislich nie mit Textkritik befasst hat (vgl. Schrader Quaest. perip. [Hamburg 1884] 9) – ist in Wahrheit nichts anderes als eine Lesart des Zenodotos (s. Schol. Hom. Il. III 244). Beiläufig bemerke ich hier, dass der Δικαίαρχος Λακεδαιμόνιος γραμματικός, ἀκροατὴς Ἀριστάρχου bei Suidas (Hesych. Mil. ed. Flach p. 51, 12) eine pure Grammatikererfindung ist. Wahrscheinlich ist sie durch die eben berührte Stelle des Apollonios Dyskolos veranlasst. Vgl. Osann a. O. 117ff. Fuhr a. O. 60, 30. Müller a. O. 245ff. Daub Studien zu den Biogr. des Suid. (Freiburg 1882) 96. v. Wilamowitz Eur. Herakl. I¹ 133, 19.

d) Ὑποθέσεις τῶν Εὐριπίδου καὶ Σοφοκλέους μύθων. Auch dieses Werk ist mit einer Unmenge der verkehrtesten Vermutungen überschüttet worden. Erst Schrader in seinen Quaest. Peripatet. [555] (Hamburg 1884) hat die Wahrheit erkannt. Die zahlreichen schiefen oder halbschiefen Einfälle der Früheren hat derselbe gesammelt a. O. 4ff. Er selbst nahm zum Ausgangspunkt seiner methodisch ganz ausgezeichneten Untersuchung die Stelle des Sextus adv. math. III 3, wo von den verschiedenen Bedeutungen des Wortes ὑπόθεσις die Rede ist. Zunächst bedeutet es nach Sextus soviel wie δραματικὴ περιπέτεια. In diesem Sinne sei es verwendet worden von D., der ὑποθέσεις τῶν Εὐριπίδου καὶ Σοφοκλέους μύθων geschrieben habe. In der Recapitulation des Abschnittes umschreibt Sextus die Bedeutung von ὑπόθεσις noch durch δραματικὴ διάταξις. Hieraus lässt sich die Tendenz und der Inhalt der ὑποθέσεις des D. bestimmen. Sie waren keine Excerpte aus den Dramen des Euripides und Sophokles, sondern Untersuchungen über den diesen zu Grunde liegenden mythischen Stoff. Speciell war D. bemüht darzulegen, inwieweit die beiden Dichter die traditionelle Form der Sagen abänderten, und welche Gründe sie dazu bestimmten. Seine Thätigkeit hier war also eine ästhetisch-kritische. Dass D. auch Aischylos in den Bereich seiner Untersuchungen gezogen, ist eine unbewiesene und unbeweisbare Behauptung Richters De Aeschyl., Sophocl., Eurip. Interpret. Graec. 48. Direct falsch aber ist die Annahme, D. habe ὑποθέσεις zu Aristophanes verfasst. Das ist schon um deswillen unmöglich, weil die Komoedien des Aristophanes keine Bearbeitungen griechischer Sagen waren (s. Schrader a. O. 8). Spuren der Benutzung der dikaiarchischen ὑποθέσεις finden sich spärlich in den späteren Hypothesen zu Euripides. S. die erste Hypothesis zur Alkestis, die allerdings nur im Laur. 32, 2 die Aufschrift trägt: ὑποθέσεις Ἀλκ. Δικαιάρχου (über dieselbe vgl. Schrader a. O. 10) und die erste Hypothesis zum Rhesos, wo sich aber auf D. blos die Worte ὁ γοῦν Δικαίαρχος – διφρήλατος beziehen (Schrader a. O. 10). Mit Unrecht trägt noch bei Kirchhoff Eurip. trag. gr. Ausg. die ὑπόθεσις der Medeia die Überschrift: ὑπόθεσις Μηδείας. Δικαιάρχου, da für das letztere Wort jedwede hsl. Beglaubigung fehlt. Möglich, dass noch frg. 38 M. aus den ὑποθέσεις des D. stammt; dagegen zieht Müller, Fuhr folgend, ganz verkehrt hierher frg. 37 und 39, die, wie Schrader richtig urteilt (a. O. 8), vielmehr zu den Διονυσιακοὶ ἀγῶνες gehören. Warum endlich frg. 40 auf die ὑποθέσεις zurückgehen soll, ist schlechterdings nicht abzusehen. Vgl. im allgemeinen ausser den Quaest. Perip. Schraders noch Bergk Griech. Litt.-Gesch. III 179, 6. v. Wilamowitz Eurip. Herakl. II 133. Schrader Philol. XLIV 253.

e) Περὶ μουσικῶν ἀγώνων. Citiert bei Phot. Lex. s. σκόλιον: Δ. ἐν τῷ περὶ μουσικῶν ἀγώνων (frg. 43; vgl. Schol. Plat. Gorg. 451 E. und dazu L. Cohn Jahrb. f. Philol. Suppl. XIII 813). Verstümmelt ist die Aufschrift bei Schol. Aristoph. Nub. 1364, wo im Cod. Ravenn. und Venet. überliefert ist Δ. ἐν τῷ περὶ μουσικῶν. Dass dieser Titel keine Berechtigung hat und mit G. Dindorf nach μουσικῶν einzusetzen ist ⟨ἀγώνων⟩, beweist der Inhalt des unter jener Spitzmarke beigebrachten Citates aus D. (frg. 44), das nicht über Musiker, sondern von einer musikalischen Institution handelt. Natürlich war περὶ μουσικῶν ἀγώνων ein [556] selbständiges Werk und nicht, wie man früher vielfach ohne jeden stichhaltigen Grund annahm, ein Abschnitt des Βίος Ἑλλάδος. Es behandelte die Schrift, wie der Titel besagt, die musischen Agone, d. h. die künstlerischen Wettkämpfe auf dem Gebiet der Musik, Poesie und Orchestik (s. Art. Agones Bd. I S. 839). Von den beiden mit Ursprungsangabe versehenen, eben erwähnten Fragmenten, handelt frg, 43 über die drei Arten von Gesängen beim Gelage (vgl. hierzu Engelbrecht De scol. poes. [Wien 1882] 20ff. und Reitzenstein Epigr. und Skol. 3ff.), frg. 44 über die Sitte bei Einzelgesängen während des Gelages einen Lorbeer- oder Myrtenzweig in der Hand zu halten. Vielleicht ein Unterteil des Werkes ερὶ μουσικῶν ἀγώνων waren die nur einmal (Schol. Arist. Av. 1403) angeführten Διονυσιακοὶ ἀγῶνες (die mit dem Cult des Dionysos zusammenhängenden musischen Agone). In dem hieraus erhaltenen Bruchstück (45) wird behauptet, Arion habe die ersten χοροὶ κύκλιοι aufgestellt. Weiter gehören ohne Zweifel in die Διονυσιακοὶ ἀγῶνες hinein die von Müller falsch placierten frg. 37 (über die Einführung des dritten Schauspielers durch Sophokles), frg. 39 (über die Niederlage des Sophokles mit seinem Oed. Tyr.), frg. 41 (über die Söhne des Aristophanes und ihre Bühnenthätigkeit) und frg. 42 (didaskalische Notiz über die Frösche des Aristophanes); vgl. über diese Zuteilungen Nauck Arist. Byz. frg. 254. Meineke Hist. comic.7ff. Schrader Quaest. perip. 8. In einen nicht näher zu bestimmenden Teil des Werkes gehören frg. 49 (über den delischen Kranichtanz) und frg. 50 (über den Flötenspieler Tellen; vgl. Meineke a. O.). Über frg. 48 s. u. S. 554. Die Μουσικοὶ ἀγῶνες wurden im Altertum fleissig benützt. Von den einschlägigen Notizen bei Athenaios und anderen Schriftstellern geht viel mehr als man gemeinhin ahnt auf D. zurück. Wacker ausgeschrieben hat unsere Schrift Artemon von Kassandreia, den seinerseits wieder Didymos stark expiliert hat. Von hier ist dann wieder manch wertvolles Stück dikaiarchischer Erudition in das Sammelbassin des Athenaios hinübergewandert (s. Bapp Leipz. Stud. VIII [1885] 142ff. und Scherer De Ael. Dion. musico [Bonn 1886] 30).

C. Philosophische Schriften, a) Περὶ ψυχῆς. Cic. ad Att. XIII 31 erwähnt diese Schrift mit den Worten: Dicaearchi περὶ ψυχῆς utrosque velim mittas et καταβάσεως. Wie zu καταβάσεως der Acc. librum, so ist zu utrosque zu ergänzen libros, und steht hier liber natürlich in der Bedeutung ,Schrift‘. Cicero a. O. spricht also von zwei Schriften D.s über die Seele. Andererseits redet Plut. adv. Col. 14 p. 1115 A von den Büchern περὶ ψυχῆς wie von einem Werke. Die sich hieraus ergebende Differenz wird am leichtesten und einfachsten beseitigt durch die Annahme, dass das Werk über die Seele aus zwei selbständigen Untersuchungen bestand, die unter dem Generaltitel περὶ ψυχῆς zusammengefasst waren. Man hat längst die Vermutung ausgesprochen, dass der Κορινθιακός und Λεσβιακός die beiden Teile waren, aus denen sich eben unser Werk zusammensetzte; beide Schriften beschäftigten sich nämlich in eingehender Weise mit der Lehre von der Seele (vgl. Schmidt De Heracl. Pont. et Dic. [557] Mess. dial. dep. 40ff.). Ihrer Form nach waren sie Dialoge; ihren Namen hatten sie von dem Ort, wo das fingierte Gespräch stattfand. Beide Dialoge zerfielen in je drei Bücher. Genaueres über den Inhalt des Κορινθιακός erfahren wir von Cic. Tusc. I 21 (vgl. über die Stelle Diels Dox. 203. Reinhardt Jahrb. f. klass. Philol. CLIII 475). Darnach verfocht D. in demselben den Satz, dass die Seele mit dem Körper identisch oder die Kraft des lebendigen Körpers sei. Das lesbische Gespräch dagegen brachte den Nachweis, dass die Seele vergänglich sei, was ja im Grunde nur die Consequenz der im Κορινθιακός vorgetragenen Doctrin ist (vgl. Cic. Tusc. I 77). Neuerdings hat Hirzel Dialog I 319, 1 gegen die Identificierung des Κορινθιακός und Λεσβιακός mit dem Werk περὶ ψυχῆς Bedenken geäussert, die aber meines Erachtens nicht stichhaltig sind. Mir scheint für die im obigen vorgetragene Ansicht besonders der bisher noch nicht genügend gewürdigte Umstand zu sprechen, dass Cicero, der am 29. Mai 45 den Atticus um Übersendung der beiden Schriften περὶ ψυχῆς bittet, ein paar Monate darauf im ersten Buch der Disp. Tusc. (vgl. Schanz Röm. Litt. I² 319ff.) D.s psychische Doctrin bespricht und als deren Quelle den Κορινθιακός und Λεσβιακός angiebt; offenbar waren das doch die utrique libri περὶ ψυχῆς, um deren Mitteilung er Freund Atticus ersucht hatte. Auf den Κορινθιακός gehen zurück die Angaben der Doxographen u. s. w. über D.s Lehre von der Beschaffenheit der Seele, namentlich der Satz, dass die Seele die ἁρμονία τῶν τεσσάρων στοιχείων sei (frg. 4). Zum einzelnen vgl. Osann a. O. 35ff. (manches schief). Zeller a. O. II³ 2, 889. Schmekel Philos. d. mittl. Stoa 134. 136. Reinhardt a. O. 475. Rohde Psyche II² 169, 1. Über die künstlerische Form der beiden Gespräche Hirzel a. O. I 318ff.

b) Περὶ φθορᾶς ἀνθρώπων. Nur einmal citiert von Cic. de off. II 16 mit den Worten: est Dicaearchi liber de interitu hominum. Über diese Schrift teilt uns Cicero a. O. mit, dass D. in ihr die verschiedenen Ursachen des Untergangs grösserer Menschenmassen (z. B. Fluten, Pestilenzen, Hungersnöte, Auftreten reissender Tiere, Kriege) durchging und zu dem Resultate gelangte, dass weitaus mehr Menschenleben durch Menschenhand vernichtet worden wären, als durch elementare Gewalten und Ereignisse. Indessen ist es kaum recht glaublich, dass D., nur um dies zu beweisen, die ganze Untersuchung angestellt habe. Berger Gesch. der wiss. Erdk. d. Griech. III 55 weist auf die grosse Übereinstimmung der von Cicero aus unserer Schrift mitgeteilten Gedanken mit Aristot. meteor. I XIV 7ff. hin und knüpft daran die Vermutung, dass D.s Abhandlung περὶ φθορᾶς ἀνθρώπων in nächstem Zusammenhange mit Aristoteles Lehre von den Umbildungen der Erdoberfläche und der Einwirkung derselben auf die Erdbewohner gestanden habe. Ob die von Censorin. IV 3 angeführte Meinung D.s qua semper humanum genus fuisse creditur aus unserer Schrift oder einer anderen entnommen ist, muss völlig dahingestellt bleiben. Absurd ist die von Osann a. O. 40ff. zuerst vorgetragene, später von Müller (zu frg. 68, das übrigens zu streichen ist) und F. Schmidt gebilligte [558] Conjectur, nach welcher die Schrift περὶ φθορᾶς ἀνθρώπων blos ein Teil des Buches περὶ ψυχῆς gewesen sein soll. Vgl. im allgemeinen noch Fuhr a. O. 18. 22, 7. Zeller a. O. 890, 2. Schmekel a. O. 43, 2. Hirzel a. O. I 319, 1 g. E.

c) Cic. de div. II 105 erwähnt einen magnus Dicaearchi liber, der darüber handle nescire ea ⟨quae Ventura sint⟩ melius esse quam scire. Aus der Art, wie die Erwähnung geschieht, muss geschlossen werden, dass jener liber eine selbständige Schrift war, ähnlich etwa wie der plutarchische Tractat Εἰ ἡ τῶν μελλόντων πρόγνωσις ὠφέλιμος, von dem Stobaios uns einige Reste aufbewahrt hat (frg. XV Dübn.). Einen engeren Zusammenhang beider Schriften vermutet Hirzel Dial. II 209 Anm. Wenig einleuchtend ist die Idee Schmidts a. O. 42, der unsere Schrift mit dem gleich zu besprechenden Werk περὶ μαντικῆς identifiziert und das Ganze als Teil der Schrift περὶ ψυχῆς ansieht.

d) Περὶ μαντικῆς. Auf ein solches Werk führt wenigstens die Notiz Ciceros de div. I 5 (frg. 69): Dicaearchus Peripateticus cetera divinationis genera sustulit, somniorum et furoris reliquit (vgl. auch Aet. Plac. 416 a 1 Diels = frg. 70). Hieraus ersehen wir, dass D. den Ursprung und das Wesen der Mantik eingehend untersucht hat. Dass dies in dem Werk über die Schädlichkeit des Vorauswissens oder in der unter e besprochenen Κατάβασις εἰς Τροφωνίου oder gar in der Schrift περὶ ψυχῆς geschehen, ist höchst unwahrscheinlich. Am natürlichsten ist jedenfalls die Annahme, dass D. seine mantische Doctrin in einem selbständigen Werk über diese Disciplin niedergelegt habe. Über seine mantische Doctrin und ihr Verhältnis zu seiner Psychologie vgl. Zeller a. O. II³ 2, 891. Di Giovanni Storia della filosofia in Sic. 1 (Pal. 1873) 80ff. Rohde Psyche II² 310, 1. Hirzel a. O. II 103 Anm. Übrigens folgte Kratippos dem D. in der Beschränkung der Divination auf die Weissagungen aus Träumen und dem Zustande der Begeisterung (Cic. a. O. I 5).

e) Ἡ εἰς Τροφωνίου κατάβασις ,Hinabstieg in die Höhle des Trophonios zu Lebadea‘ (von Cic. ad Att. XIII 32 kurzweg Κατάβασις genannt). Die Schrift bestand aus mindestens drei Büchern, da Athen. XIV 641 E Δικαίαρχος ἐν πρώτῳ τῆς εἰς Τροφωνίου καταβάσεως citiert. Mit diesem Werk trat D. in die stattliche Reihe der Verfasser von Καταβάσεις ein (Rohde Gr. Rom.² 279, 3). Erhalten sind aus seiner Κατάβασις blos drei Fragmente (71–73), die leider wenig geeignet sind, uns über den Inhalt und die Absicht der Schrift sichere Aufschlüsse zu geben. Aus frg. 73 ( = Cic. ad Att. VI 2) scheint so viel hervorzugehen, dass der Kern der Schrift aus der Rede eines gewissen Chairon (über denselben unsichere Vermutungen bei Osann a. O. 109ff. Hirzel a. O. I 320, 1 und Mekler Acad. phil. ind. Herc. [Berl. 1902] XXI 1) bestand, welche die Erzählung eines Hinabstieges in die Höhle des Trophonios zum Gegenstand hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach war unsere Schrift ihrer Form nach ein Dialog (s. Schmidt a. O. 32). Frg. 71 ist das Bruchstück einer Beschreibung eines opulenten Diners. Einer Betrachtung über den Luxus bei den Hellenen gehört frg. 73 an. Speciell wird [559] hier als die Ursache der verfeinerten Lebensweise der Küstenreichtum Griechenlands angegeben; denn das Meer erwecke und befriedige durch den Handel und den Fischfang die Luxusregungen im Menschen. Frg. 72 schildert die Enttäuschung, die ein Athen zustrebender Wanderer empfinden müsse, wenn er erfährt, dass das Colossalmonument, das sich zuerst seinen Blicken präsentiert, nicht einem Miltiades oder Kimon, sondern der Lustdirne Pythionike zu Ehren errichtet worden sei. Das Fragment hebt an mit den Worten: ταὐτὸ δὲ πάθοι τις ἂν ἐπὶ τὴν Ἀθηναίων πόλιν ἀφικνούμενος ; wir haben es also mit einem Vergleich zu thun; leider ist uns der verglichene Gegenstand unbekannt, der dieselbe Enttäuschung hervorrufe, wie das Denkmal der Pythionike.

Von den vielen Vermutungen, die unsere Schrift hat über sich ergehen lassen müssen, hat am meisten für sich die O. Müllers (Orchom. 150), der in der Κατάβασις eine Tendenzschrift erblickt, deren Spitze gegen den Humbug der Priester des Trophonios mit ihrem gröblichen Bauchdienste gerichtet war. Man hat gemeint, dass frg. 73 zu dieser Ansicht nicht stimme. Wie, wenn unser Dialog von der Betrachtung des Luxus bei den Hellenen ausging und Chairon dann erzählte, was er bei den schlemmerhaften Priestern des boiotischen Gottes erlebt, wobei natürlich auch ihr Orakelunfug in helle Beleuchtung gesetzt wurde? Höchst geistreich ist die Vermutung O. Müllers, dass mit der in frg. 72 geschilderten Enttäuschung über das riesige Kenotaph der Pythionike verglichen gewesen sei die Enttäuschung, die jemand (wohl Chairon) empfunden, als er an Ort und Stelle die Betrügereien und Schmarotzereien der Trophoniospriester kennen gelernt habe. Abzulehnen ist jedenfalls die zuerst von Rohde Gr. Rom.² 281 Anm. ausgesprochene, dann von Christ S.-Ber. Akad. Münch. 1901, 103 wiederholte Ansicht, nach welcher die von Timarchos erzählte Κατάβασις εἰς Τροφωνίου in Plutarchs Dialog de gen. Socr. 22ff. eine Imitation der dikaiarchischen Κατάβασις sei (vgl. Ettig Leipz. Stud. XIII 314ff.). Im übrigen vgl. Osann a. O. 107ff. Fuhr a. O. 131. Schmidt a. O. 31f. Hirzel a. O. I 320. Interessant ist übrigens, dass D. in seiner Ansicht über die Schädlichkeit der Lage am Meere deutliche Beeinflussung durch Platon zeigt (vgl. Leg. V 747 und Holm a. O. 270).

f) Brief an Aristoxenos, erwähnt von Cic. ad Att. XIII 32, jedoch ohne Hinweis auf den Inhalt der Schrift; doch darf man wohl annehmen, dass sie philosophischen (musikwissenschaftlichen?) Inhalts war.

D. Geographische Schriften. Als geographischer Schriftsteller wird D. ausdrücklich angeführt von Polybios bei Strab. II 104, Strabon selbst I 1 und Plinius in den Autorenverzeichnissen von Buch IV, V und VI (vgl. über dieselben Wagner Erdb. des Timosth. von Rhod. [Leipz. 1888] 29). Den Titel seines geographischen Hauptwerkes lernen wir aus Joh. Lydus De mens. p. 147, 1 Wünsch (frg. 52) kennen, wo citiert wird: Δικαίαρχος ἐν Περιόδῳ γῆς. In den Rahmen dieses Werkes fügen sich ohne Schwierigkeit alle die geographischen Bruchstücke unseres Peripatetikers ein, die der genaueren Ursprungsangabe ermangeln (frg. 53–57). Frg. 52 handelt [560] über den Nil (vgl. dazu Berger Gesch. der wiss. Erdk. d. Griech. III 49); frg. 53 enthält die Behauptung, dass die Erhebungen und Senkungen der Erde über und unter den Meeresspiegel keine Instanz seien gegen die Annahme der Kugelgestalt der Erde. Frg. 54 handelt über die Gestalt der Oikumene, welche um die Hälfte länger als breit sei (vgl. dazu Müllenhoff Deutsche Altertumsk. I² 237ff. und Berger a. O. 48). Frg. 55 erwähnt die von D. vorgenommene Zerlegung der bewohnten Erde in eine südliche und nördliche Hälfte durch eine Teilungslinie, die er sich von den Säulen des Herakles durch Sardinien, Sicilien, die Peloponnes, Karien, Lykien, Pamphylien, Kilikien und weiter durch den Taurus zum Imaosgebirge gezogen dachte (vgl. Müllenhoff a. O. I² 238. III 308. Berger a. O. 51. Günther Gesch. d. antik. Naturw. 78. 88). Frg. 56 giebt die Entfernung von den Säulen des Herakles bis zur Peloponnes auf 10 000 Stadien an [= 7000 Stadien von den Säulen des Herakles bis zur sicilischen Meerenge + 3000 Stadien von hier bis zur Peloponnes; Polybios’ Polemik gegen diese Aufstellung bei Strab. II 105] (vgl. Müllenhoff a. O. I² 238 und Berger a. O. 53). Frg. 57 über den Πορθμός. Weiterhin dürfte der Περίδος γῆς zuzuteilen sein das bei Müller nicht verzeichnete Fragment D.s über die Ebbe und Flut bei Aetios ΙΙΙ 17, 2 (p. 382, 12ff. Diels; vgl. auch die Anmerkung von Diels zu dieser Stelle). Schliesslich hat Berger a. O. 44 mit glücklichem Scharfsinn erkannt, dass die bei Kleomedes Cycl. theor. I 8 mitgeteilte Erdmessung von Lysimachia in letzter Linie auf D. zurückgeht. Natürlich schlägt das in die Περίoδος γῆς. Das Werk, das, wie die Reste zeigen, eine strengwissenschaftliche, originelle Leistung war, fand bei den späteren die gebührende Beachtung. Eratosthenes schloss sich D. in mehr als einem Punkte an (so übernahm er von ihm das Diaphragma; vgl. Berger Die geogr. Fragm. des Eratosth. [Leipz. 1880] 173); ebenso Timosthenes (vgl. Wagner a. O. 38. Susemihl Alex. Litt. I 661). Fleissig benutzt hat auch Poseidonios die Περίoδος γῆς (vgl. Wagner a. O. 39). Übrigens ist er der Mittelsmann bei Kleomedes I 8.

Dass D. zur Veranschaulichung seines Erdbildes und seiner Zweiteilung der Oikumene der Περίoδος γῆς eine Karte beifügte, ist von Haus aus wahrscheinlich. Zum Überfluss erwähnt aber Cic. ad Att. VI 2 ausdrücklich geographische Tafeln unseres Peripatetikers (Peloponnesias civitates omnes maritimas esse hominis non nequam, sed etiam tuo iudicio probati, Dicaearchi, tabulis credidi; diese tabulae haben natürlich nichts mit der im folgenden berührten Κατάβασις εἰς Τροφωνίου zu thun). Diog. Laert. V 51 beweist speciell für D. nichts.

Neben dem eben besprochenen Hauptwerke kennen wir noch eine geographische Specialarbeit D.s. Suidas citiert sie unter dem Titel Καταμετρήσεις τῶν ἐν Πελοποννήσῳ ὀρῶν. Allein dieser Titel ist zu eng, da, wie feststeht (vgl. Berger Gesch. d. wiss. Erdk. d. Gr. III 53), D. sich keineswegs auf die Berge der Peloponnes beschränkte, sondern auch an Bergen anderer Landschaften Griechenlands seine Messungen vornahm (Pelion, Olympos, Atabyrios auf Rhodos, Höhe [561] von Akrokorinth). Die Schrift dürfte die Aufschrift gehabt haben Καταμετρήσεις τῶν ἐν Ἑλλάδι ὀρῶν, und wird der suidanische Titel als Sondertitel des Teiles aufzufassen sein, der den Höhen der Peloponnes gewidmet war. Dass die Καταμετρήσεις ὀρῶν einen Teil der Περίοδος γῆς gebildet, ist kaum glaublich; aber sehr gut konnte D. in diesem Werk gelegentlich auf die in den Καταμετρήσεις mitgeteilten Resultate seiner Höhenmessungen Bezug nehmen (vgl. frg. 53). Wichtige Nachträge zur Müllerschen Fragmentsammlung giebt Berger a. O. 53, 6. 7. Nach Plin. n. h. II 162 hat D. seine Höhenmessungen mit königlicher Unterstützung vorgenommen (regum cura permensus montes). Über das von ihm angewandte Verfahren erfahren wir Näheres aus der von Müller ausgelassenen, bedeutsamen Stelle Theons von Smyrna p. 124, 19ff. Hiller. Die genaue Interpretation derselben führt zu der Annahme, dass sich D. bei seinen Bergmessungen der Dioptra bedient habe (vgl. Cantor Vorles. über Gesch. der Math. I² 243. Tannery Géom. Grecque I [Paris 1887] 56; über die Dioptra selbst s. Cantor a. O. 356ff.).

III. Charakteristik Dikaiarchs. Die alten Autoren stimmen in dem Lob unseres Peripatetikers überein. Besonders gerühmt wird seine tiefe Gelehrsamkeit; so wird er von Varro de r. r. I 2, 16 doctissimus homo genannt, von Cic. ad Att. II 6 ἱστορικώτατος (vgl. auch ad Att. II 2; Tusc. disp. I 41), von Plin. n. h. II 162 vir in primis eruditus. Mit seinem vielseitigen Wissen verband er die Kunst der schönen Darstellung. Cic. de offic. II 16 hebt seine copiositas anerkennend hervor. Was ihn aber in unseren Augen so ausserordentlich bedeutend erscheinen lässt, ist einerseits die Energie und Selbständigkeit seines Denkens, andererseits sein streng wissenschaftlicher Sinn. Ohne Zweifel gehört D. zu den gescheitesten Köpfen des Peripatos. Charakteristisch an ihm ist die Richtung auf das Reale, Praktische. Mit unverkennbarer Vorliebe machte er sich an solche Aufgaben, die mit dem praktischen Leben in Zusammenhang standen und ein actuelles Interesse hatten. Seine Hauptarbeitsgebiete waren, wie der Überblick über seine Schriftstellerei zeigt: Culturgeschichte, Geographie, Philosophie, Staatswissenschaft und Litteraturgeschichte. Auf all diesen Gebieten hat er Hervorragendes geleistet; seine culturgeschichtlichen und geographischen Arbeiten verdienen sogar das Praedicat bahnbrechend. Er war der erste, der eine auf ausgedehnte Vorarbeiten gestützte, alle Seiten des griechischen Lebens umfassende, wissenschaftliche Culturgeschichte lieferte. Hierbei ist besonders anerkennenswert die wirklich historisches Verständnis documentierende richtige Erfassung des Verhältnisses zwischen der älteren orientalischen und der jüngeren hellenischen Cultur. Was seine geographischen Studien anbelangt, so kann man kühn behaupten, dass ohne ihn ein Eratosthenes nicht möglich gewesen wäre. Seine Bedeutung als Geograph liegt einmal darin, dass er das reiche Material, welches durch die Makedonierfeldzüge der Erdkunde zugeströmt war, in seiner Περίοδος γῆς und der dazugehörigen Erdkarte systematisch verarbeitete, sodann in der Methode und Planmässigkeit, mit der er selbst [562] noch vorhandene Lücken auszufüllen unternahm (man denke vor allem an seine planmässig vorgenommenen trigonometrischen Höhenmessungen). Auch in der Philosophie bewährte sich D. als originellen Denker. Das zeigen seine häufigen, zum Teil tiefeinschneidenden Discrepanzen von der officiellen, durch Aristoteles festgelegten Lehre des Peripatos. Am stärksten weicht D. in der Psychologie von der Doctrin seines Lehrers ab. Im schroffen Gegensatz zu ihm und dessen Nachfolger leugnete er die von diesen verfochtene Substantialität und Unsterblichkeit der Seele. Er ist überzeugter Materialist, wie sein Freund, der geniale Aristoxenos von Tarent. Eine lebhafte Polemik entspann sich zwischen unserem Philosophen und Theophrastos über die Frage nach der besten Form des Lebens. Während der Eresier dem βίος θεωρητικός, dem beschaulichen, der wissenschaftlichen Forschung gewidmeten Leben, den unbedingten Vorzug gab, erklärte D. den βίος πρακτικός für den bei weitem vorzüglicheren. Zur Erhärtung dieser Ansicht wies er auf die sieben Weisen hin, die keineswegs, wie Platon geglaubt, weltfremde Grübler gewesen seien, sondern Männer des praktischen Lebens. Ebenso habe Pythagoras mit seiner reformatorischen Thätigkeit mitten im praktischen Leben gestanden. In seiner Staatslehre schloss sich D. enger an die Theorie des Aristoteles an, insofern als seine beste Verfassung – die Krasis von Demokratie, Aristokratie und Monarchie – nur eine Modifikation der von Aristoteles aufgestellten besten Staatsform – der πολιτεία im eminenten Sinne des Wortes – darstellt. Höchst erspriesslich waren endlich D.s Bemühungen um die Litteratur der Hellenen. Auch hier bewährte er sein Talent für zusammenfassende historische Darstellung (Βίοι und Ἀγῶνες μουσικοί, die man doch wegen ihres Inhalts am besten den literarhistorischen Arbeiten beizählt). Daneben leistete er Bedeutendes als Ästhetiker und Exeget hellenischer Dichter (Ὑποθέσεις, Περὶ Ἀλκαίου, Commentar [?] zu Homeros). Kurz, D. war einer der talentvollsten Vertreter der von Aristoteles begründeten Arbeitsmethode.

IV. Pseudepigrapha. Fälschlich wurden früher unserem D. beigelegt drei in Prosa abgefasste Bruchstücke einer Schilderung hellenischer Städte und Landschaften, die in zwei Pariser Hss. (I u. II im Cod. Paris, gr. suppl. nr. 443 aus dem 12. Jhdt.; II und der Anfang von III im Cod. Paris, gr. 571 aus dem 15. Jhdt.) als namenlose Stücke stehen (abgedruckt bei Müller FHG II 254ff. und Geogr. gr. min. I 97ff.). Dass diese Fragmente nicht von D. herrühren können, zeigen schon die in ihnen enthaltenen Zeitanspielungen, die sich auf die Mitte des 3. vorchristlichen Jhdts. beziehen (vgl. Fabricius Bonn. Stud. Kek. gew. [Berl. 1890] 58ff.). Als wahren Urheber dieser Elaborate hat Ch. Müller FHG II 232 mit Hülfe einer Stelle des Paradoxographen Apollonios (mir. hist. 19) einen Herakleides (s. d.) mit dem Zunamen ὁ κριτικός festgestellt. Ebensowenig hat etwas mit unserem Peripatetiker zu schaffen die ebenfalls in dem Cod. Par. gr. suppl. nr. 443 erhaltene, in schlechten iambischen Trimetern abgefasste Beschreibung Griechenlands, die in der Hs. die Unterschrift hat Δικαιάρχου ἀναγραφὴ Ἑλλάδος. Ihr Verfasser ist, wie bereits der alte Baseler [563] Conrector Kirchner (s. Sauppe Philol. XI 390) erkannte, Dionysios des Kalliphon Sohn, der sich seine Autorschaft durch ein Akrostichon (vgl. v. 1ff.) gesichert hat. Genaueres über denselben s. Art. Dionysios.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
Band S XI (1968), Sp. [S_XI 526]–[S_XI 534]
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S. 546 zum Art. Dikaiarchos 3:)

Peripatetiker des 4. Jhdts. aus dem sizilischen Messene lt. Suda (fr. 1). Nach der einzigen erhaltenen Zeitangabe (fr. 2) war er Altersgenosse des [527] Aristoxenos, dessen Lebenshöhe ihrerseits auf den Regierungsantritt Alexanders des Großen etc. etc.