Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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mythische Gestalt von unübertrefflicher Schlauheit, Sohn des Aiolos
Band III A,1 (1927) S. 371376
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Sisyphos. 1) Σίσυφος, CICΦΟC auf der hellenistischen gepreßten Kanne (50. Berl. Winckelm.-Progr. 90), allein stehende mythische, ursprünglich erhabene Gestalt, die mehr und mehr zum Träger volkstümlicher Schalksgeschichten und so zum Typus unübertrefflicher Schlauheit wird. Nur locker in Heroengenealogien eingefügt.

A. Die Klugheit ist von alters her die hervorstechende Eigenschaft des S. Homer Il. VI 152 nennt ihn κέρδιστος, Hesiod frg. 7 αἰολόμητις, beides zweifellos als hohes Lob gemeint, [372] Alkaios (Oxyrh. Pap. X nr. 1233 fg. 1 = Diehl Suppl. Lyr.³ 7. 6) sagt, S. ἀνδρῶν πλεῖστα νοησάμενος rühmte sich, dem Tod zu entfliehen, mußte schließlich doch καὶ πολύιδρις ἐῶν zum Acheron. Theognis 702ff. preist seine πολυΐδρεῖα und πολυφροσύναι, durch die er sogar den Hades überwand. Pind. Ol. XIII 52 feiert Σίσυφον πυκνότατον παλάμαις ὡς θεόν. Wird er von den Älteren in vollem Ernst ob seiner Weisheit bewundert und ist er sicher als solcher zum Stammvater des Bellerophon und der lykischen Fürsten in deren offiziellem Stammbaum bei Hom. Il. VI 152 und zum König von Korinth (s. u. S. 375) gemacht, so ist er den Späteren mehr der schlaue Betrüger. Deshalb wird er zum Vater des Odysseus gemacht; s. unter C 2 u. S. 375. Σισυφίζειν = πανουργεύεσθαι καὶ δολιεύεσθαι καὶ δολίως τι πράττειν Bekker Anecd. I 64. Μηχαναὶ Σισύφου Aristoph. Ach. 390. 2, Spitzname für durchtriebene Kerle wie Derkyllidas (Xen. hell. III 1, 8. Ephoros bei Athen. XI 500), Demosthenes (Aischin. II 42).

B. Sicher nachweisbar ist S. nur in der Nordostecke der Peloponnes, während er für Mittelgriechenland nur aus einer Reihe von dort ansässigen Söhnen vermutet werden könnte (s. u. D. S. 376). Als seine Heimat bezeichnet Homer πόλις Ἐφύρη μυχῷ Ἄργεος ἱπποβότοιο, womit unmöglich Korinth gemeint sein kann (Bethe Theban. Heldensagen 181), obgleich sicher seit Eumelos (Paus. II 1, 1) diese Identifikation allgemein ist bis auf eine Stimme bei Steph. Byz. s. Ἔφυρα p. 290 l. 7–9 Meineke. Korinth hat nach den Ergebnissen der amerikanischen Ausgrabungen seit 1891 nur primitive, dann aber nicht mykenische, sondern erst wieder geometrische Tonware, ist also zwar uralt, wie auch sein vorgriechischer Name (Fick Vorgriech. Ortsn. 74. 101) bezeugt, hat dann aber eine lange Unterbrechung erfahren und ist erst im 8. Jhdt. zu Bedeutung gelangt. Deshalb sagenlos, hat Korinth seit seinem Aufblühen fremde Sagen sich angeeignet wie die der Medea (Groeger De Argonautic. fab. hist, Bresl. Diss. 1889, 22–32) und des Oidipus von Sikyon (Bethe Theban. Heldenl. 153), so auch die Nachbarn Bellerophon und S. Wenn der korinthische Epiker Eumelos (Paus. II 3, 11) dichtete, daß Medea dem S. die Herrschaft über Korinth übertragen habe, so zeigt das deutlich, daß S. ursprünglich hier nicht heimisch war (Theopomp. in Schol. Pind. Ol. XIII 74e hat beide Verhältnisse erotisch ausgestaltet). Ein ähnlicher lokalpatriotischer Versuch ist bei Nicol. Damasc. 41, FHG III 378 erhalten; S. habe den Tod des Königs Korinthos gerächt und so die Stadt erworben. Nicht korinthischen Ursprungs und bedenklich ist die Wendung, S. habe sich Akrokorinths mit Gewalt bemächtigt und als Raubburg benützt, nur in Schol. Stat. Theb. II 380. vielleicht Verwechslung.

Bei der gewiß von Korinth ausgegangenen Gleichsetzung von Ephyra und Korinth ist es nicht erstaunlich, wenn S., nach Homer der Herr von Ephyra, später sogar Gründer von Korinth genannt wird (Apollod. bibl. I 85) und Korinth γῆ Σισύφου bei Euripid. Medea 1381 heißt, und wenn der Bürger Korinths Σισύφ(ε)ιος, Sisyphius, Sisypheius, Σισυφίδης heißt. (Euripid. Medea 405), [373] weitere Stellen bei Wilich in Roschers Myth. Lex. IV 966, 35ff. So galt denn S. auch als Stifter der seit 581 gezählten, von Korinth veranstalteten Isthmischen Spiele in mythischer Zeit: S. habe Melikertes, mit dem sich dessen Mutter Ino, vor dem wahnsinnigen Gatten Athamas fliehend, ins Meer gestürzt hatte, am Isthmos bestattet und auf Geheiß der Nereiden ihm die Spiele gestiftet (so Pindar in einem verlorenen Isthm. Gedicht frg. 5 nach der Rekonstruktion von Bethe Genethliacon Gottingense 1888, 32 aus den Hypotheseis zu den Isthm. bes. II p. 349. 6–14 Abel. Apollod. III 29. Hyg. fab. 2. Serv. Aen. V 241. Schol. Stat. Theb. I 12. IV 59 [= Myth. Vat. II 79, 21]. Schol. Hom. Il. VII 86 AD. Paus. I 44, 7). Demgemäß sollte S. auf dem Isthmos auch begraben sein nach Eumelos, doch scheint dies Grab nach Paus. II 2, 2 so wenig alt gewesen zu sein, wie das des Neleus. Auch das Σισύφειον auf Akrokorinth unter der Peirene ist schwerlich ein altheiliges Heroon gewesen, da Strabon, der es allein erwähnt VIII 379, hinzusetzt ἰεροῦ τινος ἢ βασιλείου λευκῶν λίθων πεποιημένου διασῶζον ἐρείπια οὐκ ὀλίγα.

Auch die Quelle Peirene auf Akrokorinth ist zu S. in Beziehung gesetzt: er habe sie sich vom Flußgott Asopos schenken lassen als Lohn für seine Mitteilung, daß Zeus dessen Tochter Aigine geraubt. Paus. II 5. 1. Schol Euripid. Med. 69, s. u. C 3 a.

C. Die Geschichten von S. erläutern meist seine Schläue, durch die er den Tod sogar überwand und die Schlauesten überlistete, oder sie wollen seine Hadesstrafe erklären.

1. Theognis 702–712 führt unter den Weisesten zwischen Rhadamanthys und Nestor den Aiolossohn S. an, der auch aus dem Hades πολυΐδρείῆσιν wieder heraufkam, indem er Persephone mit listigen Worten überredete, die den Menschen den Verstand nimmt und Vergessen gibt – kein anderer ersann das – aber der Heros S. kam πολυφροσύναις zurück ans Licht. Das klingt gar nicht danach, als wollte der Dichter an eine skurrile Schnurre erinnern, in welcher Form allein uns sonst die Geschichte erhalten ist. Wie Herakles mit Gewalt, Orpheus durch Kunst, so hat S. durch Klugheit den Tod überwunden. Im gleichen Sinne spricht Alkaios Oxyrh. Pap. X 1233 fg. 1 = Diehl Suppl. Lyric³ 7. 6. J Zwei andere Sagenformen liegen kontaminirt vor im Schol. Hom. Il. VI 153 AD, dessen Quellenangabe ἡ ἱστορία παρὰ Φερεκύδῃ ohne Gewähr ist. a) S. fesselt den Tod; kein Mensch stirbt; schließlich befreit ihn Ares (und übergibt ihm den S). b) Als S. sterben soll, beauftragt er sein Weib Merope, nicht das Übliche in den Hades zu schicken: da sendet Hades den S. wieder hinauf, um es von Merope zu fordern; doch der bleibt oben (bis er schließlich aus Altersschwäche stirbt und nun mit Steinwälzen im Hades bestraft wird).

Des Aischylos Σ. δραπέτης dürfte diesem erläuternden Titel nach die letzte Schnurre behandelt haben, also wirklich ein Satyrspiel gewesen sein. Es wird nur in der Tragödienliste des codex Mediceus erwähnt. In welchem Verhältnis dazu bei Schol. Aristoph. Pac. 73 und [374] Hesych. s. θώψεις erwähnte Σ. πετροκυλιστής stand, ist zweifelhaft, zumal meist nur Σ. zitiert wird, frg. 225-232. Dieterich Nekyia 77 vermutete wegen frg. 228 orphische Beziehungen.

2. S. überlistet den Erzdieb Autolykos (s. d.), der ihm dauernd Rinder stiehlt. S. brennt seinen Rindern unter die Hufe ein Zeichen ein und erweist so die ihm gestohlenen unter der Herde des Autolykos als sein Eigentum. Scol. Sophokl. Aias 190. Schol. Hom. Il. X 266 Twnl. Serv. Aen. VI 529. Tzet. Schol. Lykophr. 344. p. 132 Chl. (der Hesiod. frg. 112 zitiert, aus dem vermutlich die ganze Erzählung stammt). Hygin. fab. 201. Bei Polyaen. VI 52 weiter ausgeführt. Diese gewiß einst selbständige Schnurre von den beiden Schlauesten ist an jenen Stellen kontaminiert (war es schon bei Hesiod.?) mit der Zeugung des Schlaukopfs Odysseus. Nach Schol. Sophokl. Aias 190 legt Autolykos selbst dem S. als dem Schlauesten seine Tochter Antikleia bei, um den Allerschauesten - Odysseus - zu zeugen, und gibt sie dann dem Laërtes. Nach Schol. Hom. Il. X 266 Twnl. Tzetzes und Hygin verführt oder vergewaltigt S. die Antikleia.

Verbunden sind beide Geschichten auch auf der hellenistischen gepreßten Tonkanne des Dionysios bei Robert 50. Berl. Winckelm. Progr. 90. Odysseus als Sohn des S. bei Aischylos frg. 175. Sophokl. Aias 190; Philoktet 417; frg. 142 Euripid. Kykl. 104; Iph. A. 524; Lykophr. 344. 1030.

Ich vermute, diese Zeugung des Odysseus war auch der Inhalt des Satyrspiels Σ., das Euripides 415 mit Alexandros Palamedes Troades nach Aelian. var. hist. II 8 aufgeführt hat, weil die drei Tragödien eine inhaltlich zusammengehörige Trilogie bilden und Odysseus im zweiten und dritten Stücke eine große Rolle als der Verschlagenste spielte. Über den Sophokleischen S. ist gar nichts bekannt.

S. stiehlt dem Eurystheus die von Herakles ihm zugeführten menschenfressenden Rosse des Diomedes und gibt sie seinem Sohne Glaukos: Probus zu Verg. Georg. III 267 mit Zitat aus Asklepiades τραγῳδουμένων libro primo.

3. Bei Hom. Od. XI 593 sieht Odysseus unter den Schatten neben Minos, Orion auch drei Büßer Tityos, Tantalos und S., denen der jagende Heraklesschatten im Glanze seiner Waffen gegenübergestellt ist. Orphischen Einfluß mit v. Wilamowitz Hom. Unters. 199 kann ich darin so wenig wie Rohde Rh. Mus. L (1896) 600 = Kl. Schr. II 285 erkennen, glaube auch nicht an die verallgemeinernde ethische Deutung von v. Wilamowitz, daß S. das Bild ‚ewigen Wollens und Nichtvollbringens, zielloser Mühe‘ sei. Dies widerspricht stracks dem ausgeprägten Charakter des S. Da bei Tityos Hom. Od. XI 580 der Grund seiner Strafe, Frevel gegen Leto, ausgesprochen ist, haben wir kein Recht, Tantalos und S. anders zu beurteilen. Auch sie sind Götterfeinde und werden dafür gestraft wie Ixion, Typhoeus, Atlas, Prometheus. Bei dem letzten ist die ewige Wiederholung der Qual dieselbe wie bei Tityos. Tantalos, S. Wie für diese so stand auch für S. nur die Strafe fest, ihre Begründung wurde auf verschiedene Weise nachgeholt.

S. wird bestraft, a) weil er dem Flußgott [375] Asopos verraten habe, daß dessen Tochter Aigina von Zeus geraubt war: Apollod. bibl. I 85. Paus. II 5, 1. Schol. Lykophr. 174 p. 84 Sch., angedeutet auch Schol. Hom. Il. VI 153. Vielleicht ist diese Geschichte an S. nur deshalb angehängt, um ein Motiv für seine Strafe zu finden. Da aber Asopos in Phleius wohnt (Diodor. IV 72) und dort Zeus die Aigina raubt (Schol. Hom. Il. I 180 B. VI 153 AD. Schol. Lykophr. 174 p. 84 Sch.), so konnte sie doch immerhin als mit S. dem Herren von Ephyra im Winkel von Argos verbunden gewesen sein. Freilich lassen Apollod. III 157, Schol. Hom. Il. VI 153 den Asopos auf der Suche nach Korinth zu S. kommen, und Steph. Byz. s. Ἐπώπη und Κόρινθος sagt, so hieße Akrokorinth, weil S. von da den Raub gesehen;

b) weil er den Tod betrogen hat (s. unter C 1), Alkaios Oxyrh. Pap. X 1233 fg. 1 = Diehl Suppl. Lyric.³ 7. 9, Schol. Hom. Il. VI 153 AD. Dafür wird auch Asklepios bestraft: Euripid. Alkestis 5;

c) weil er ‚deorum consilia hominibus publicavit‘, Serv. Aen. VI 616; vgl. Tantalos.

d) cum inter duo maria montem positum S. crudeli latrocinio occupasset Schol. Stat. Theb. II 380 (?);

e) weil er an Tyro, der Tochter seines Bruders Salmoneus, Schandtaten verübte, Hyg. fab. 60 + 239 + 254: S. schwängert seine Nichte, damit deren Söhne nach Apolls Orakel ihn rächten; doch Tyro tötet aus Liebe zu ihrem Vater diese zwei Söhne; darauf hat S. offenbar Tyro gestraft, doch ist hier eine Lücke im Text, auf die dann S. Höllenstrafe folgt.

Die Art der Höllenstrafe des S. beschreibt Hom. Od. XI 593–600 als eine qualvolle (593. 599f.): mit beiden Händen trägt er einen gewaltigen Stein und stößt ihn mit Händen und Füßen sich stemmend einen Hügel hinauf, von wo er immer wieder hinabgestoßen wird. Dargestellt seit den sf. Vasen regelmäßig auf Unterweltsbildern, auch von Polygnot in der delphischen Lesche, Paus. X 31, 10, s. die Sammlung bei Wilisch in Roschers Myth. Lex. IV 970, 65ff.

D. Genealogie. Homer (Il. VI 153) nennt den S. in dem offiziellen Stammbaum der lykischen Fürsten (s. o. Bd. III S. 246, 42ff.) Sohn des Aiolos, Vater des Glaukos, Großvater des Bellerophon, der als argivischer Heros zum Heroen von Ephyra im Winkel von Argos gut paßt. Von diesem stammen die lykischen Fürsten, deren einer, Glaukos, sich dieser Abkunft vor Diomedes rühmt. Hesiod hat im 1. Buche des Katalogs frg. 7, 3 den S. neben Athamas, Kretheus, Perieres, Salmoneus als Sohn des Aiolos genannt. Aus ihm Euripides Aiolos frg. 14. Apollod. bibl. I 51, vgl. Paus. X 31, 3. Horat. carm. II 14, 20. Serv. Aen. II 79 scheint verwirrt. Mutter des S. ist bei Apollod. bibl. I 51 Enarete. Als S.s Gattin erscheint die Atlastochter Merope, eine der Pleiaden bei Apollod. bibl. I 85. Eratosth. Catast. 27. Hyg. Poet. Astr. II 21. Ovid. fast. IV 175. Serv. Georg. I 138.

Mit Antikleia hat S. den Odysseus, mit Tyro zwei Knaben gezeugt.

Ferner werden als Söhne des S. genannt Minyas (Schol. Hom. Il. II 511), Almos (Schol. Apoll. Rhod. III 1094. Paus. IX 34, 10 und II [376] 4, 3) oder Olmos (Steph. Byz. s. Ὄλμωνες· κώμη Βοιωτίας ἀπὸ Ο’. τοῦ Σ. Ornytion, der Vater des Phokos (Paus. II 4, 3) oder Ornytos (Scymn. 457. Schol. Hom. Il. II 517. Schol.Euripid. Or. 1094), Thersandros, der Vater des Proitos, dessen Tochter Maira (Verfasser der Νόστοι nach dem Kommentar zu Polygnots Unterweltsbild in Delphi bei Paus. X 30, 5, vgl. II 4, 3), die nach Schol. Hom. Od. XI 326 (Pherekydes ?) Mutter des Lokros ist. Sie alle gehören also nach Mittelgriechenland. Dahin (Parnass) setzt Od. XIX 394 auch den Autolykos, und Odysseus hat Beziehungen zu Boiotien (Lykophr. 786, dazu Holzinger). Das legt die Vermutung nahe, daß S. auch hier einst lokalisiert gewesen sei.

Endlich werden Metabos (Steph. Byz. s. Μεταπόντιον), Porphyrion (Schol. Apoll. Rhod. III 1094), Athamas (Steph. Byz. s. Ἀργύννιον) Söhne des S. genannt. Einen großen Stammbaum korinthischer Fürsten von S. über Ormytion, Thoas bis auf die Söhne des Propodas, unter denen die Dorer gegen Korinth zogen, gibt Paus. II 4, 3.

Alle bisherigen Deutungen des S., gesammelt von Wilisch in Roschers Myth. Lex. IV 967, sind wertlos.

[Bethe. ]