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Kriegsbriefe eines neutralen Offiziers/Drei Tage in den deutschen Stellungen

In deutschen Kriegslazaretten Kriegsbriefe eines neutralen Offiziers
von Karl Müller
Kämpfe im Oberelsaß
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Drei Tage in den deutschen Stellungen
I

Sie sehen, alles, was wir auf der Kriegsakademie gelernt haben, müssen wir in diesem Kriege umlernen. Wir hatten uns den Feldzug als frischen und fröhlichen Bewegungskrieg wie im Jahre 1870 gedacht, und nun liegen wir schon seit drei Monaten, eingebuddelt bis an die Ohren, in der Erde und graben, graben und bauen, bauen noch immer zu. Unsere Infanterie ist zur Pioniertruppe ausgebildet worden. Und zum Schützengrabenkrieg haben wir Flachländer sogar auch noch den Gebirgskrieg erlernen müssen. Mit diesen Worten ungefähr schloß Herr General v. T..., in dessen Operationsgebiet ich mit dem Berichterstatter eines großen deutschen Blattes während drei Tagen verweilte, eine längere Erläuterung [185] über die gegenwärtige Kriegführung und über die ihm und seinen Truppen gestellte Aufgabe.

Unser dreitägiger Aufenthalt in den deutschen Stellungen im französischen Grenzgebiete bot uns Gelegenheit, die verschiedenartigen Formen des gegenwärtigen Stellungskrieges in einem dreißig Kilometer langen Frontabschnitt, sowie die mannigfaltigen Befestigungsanlagen, die darin ausgeführt werden, kennen zu lernen. Der Stellungskrieg, der vom Ärmelkanal bis zum Sundgau geführt wird, wechselt in seinen Formen von Abschnitt zu Abschnitt, je nach Geländegestaltung, nach der operativen Lage und der taktischen Aufgabe der Parteien. In dem einen Abschnitt gilt es, sich mit der Sappe an den Feind heranzuarbeiten, in dem andern liegen sich, nachdem diese Arbeit getan ist, die Schützenlinien in starken Erdwerken auf kurzen Entfernungen, zuweilen auf hundert, auf fünfzig Meter und sogar noch näher gegenüber. Alte Kriegsmittel, wie: Handgranaten, Minenwerfer und Feuerschlangen, die in die feindlichen Schützengräben hinüber geschleudert werden, kommen neben der Brennzünder-Granate, dem Schrapnell, dem Maschinengewehr und dem Infanteriegewehr wieder zu Ehren, und die älteste Schutzwaffe, der Schild, hat in der Gestalt des modernen, mit Schießscharte versehenen Stahlschilds, der in die Brustwehren der Schützengräben oder der Beobachtungsstände eingebaut wird, seine Wiederauferstehung gefeiert. [186] Es gibt aber in der langen deutsch-französischen Kampffront neben den Abschnitten, in denen der stehende Krieg zum eigentlichen Festungskrieg geworden ist und wo sich die Kampflinien auf Rufweite gegenüber liegen, auch Gebiete, in denen der Bewegungskrieg nicht völlig verdrängt ist, wo vielmehr die durch das Gelände und durch taktische Verhältnisse gebotene Entfernung zwischen den vordersten Linien Truppenbewegungen und Unternehmungen ermöglicht und eine Verbindung von Stellungs- und Bewegungskrieg erfordert.

Während ich in den Weihnachtstagen auf einer schmalen Front den Sappenangriff auf eine waldige Bergkuppe und auf einen kahlen Bergkamm bis ins einzelne genau kennen gelernt hatte, bot sich mir in den Tagen vom 7., 8. und 9. Januar die Gelegenheit, einen größeren Abschnitt zu begehen, der mit allen Mitteln der Kriegstechnik zu einer fortlaufenden Kette von Befestigungsanlagen ausgebaut ist und fortwährend noch durch Ergänzungsarbeiten verstärkt wird, so daß er mit einer verhältnismäßig kleinen Truppenmacht gegen einen mehrfach überlegenen Gegner erfolgreich gehalten werden kann. Das Gebiet, von dem hier die Rede ist, ist überaus abwechslungsreich; auf dem einen Flügel zeigt es mehr offenes, welliges, von Bachläufen durchzogenes, weite Schußfelder bietendes Gelände, das nach Westen in ein breites, ebenes Flußtal verläuft, auf dem anderen Flügel stark eingeschnittene, schluchtartige Waldtäler und ausgedehnte [187] Waldungen mit bedeutenderen Bodenerhebungen, die an eine eigentliche Gebirgslandschaft anschließen, die Ausläufer der Vogesen. Dieser sehr verschiedenartigen Geländegestaltung entspricht auch eine große Mannigfaltigkeit der Befestigungsmittel. Die Vorposten- und Hauptstellungen bilden eine vielfach gebrochene Linie, die sich dem Gelände anschmiegt. Die Entfernungen der Vorpostenlinien vom Feinde wechseln von vierhundert Metern bis zu zwei Kilometern, lassen also für kleinere und größere Erkundungsunternehmungen Spielraum und gestatten es, dem Angriffsgeist der Truppe gelegentlich Lust zu machen.

Die Befestigungsarbeiten, die auf der dreißig Kilometer langen Front des von uns besuchten Heereskörpers ausgeführt sind oder noch weiter ausgebaut und vervollständigt werden, fallen zu einem sehr großen Teil ausschließlich der Infanterie zu. Die deutsche Infanterie als Pioniertruppe weist einen erstaunlich hohen Grad der Durchbildung auf. Die von Infanterieoffizieren entworfene technische Anlage der Befestigungswerke und deren Ausführung durch die Truppe sind mustergültig. In dem sieben Kilometer breiten Regimentsabschnitt des einen Flügels im wechselnden, doch vorwiegend offenen Gelände ist die Hauptstellung hauptsächlich durch stark profilierte Schützengräben befestigt, die bei einem feindlichen Angriff, unter dem Schutze der Vorposten durch die Schützenlinie besetzt werden. Durch Lauf- und Verbindungsgräben sind die Schützengräben so mit [188] der weit rückwärts in den Unterständen in Bereitschaft liegenden Truppe verbunden, daß die Besetzung rasch und vollständig gedeckt erfolgen kann. Die ständige Besatzung der Schützengräben besteht nur aus einer dünnen Kette von Bewachungs- und Beobachtungsposten, die in den in die Schützengräben eingebauten Unterständen Schutz und Unterkunft finden. Die fortlaufende Linie des Schützengrabens ist von Zeit zu Zeit von einer Schulterwehr durchbrochen, die gegen Flankenfeuer schützt. Besondere Unterstände sind für die Verwundeten eingebaut. Beim Bau der Schützen- und Laufgräben und der Schulterwehren ist darauf Rücksicht genommen, daß der Rücktransport der Verwundeten hinter die Linie gegen Sicht und Feuer gedeckt und bequem erfolgen kann. Zu diesem Zwecke sind auch besondere Zeltbahren erstellt worden. Hinter den Schützenlinien befinden sich in bestimmten Zwischenräumen in den Boden eingegraben, die von den Schützengräben aus durch Verbindungsgräben erreichbaren Latrinen, Einrichtungen, die durchaus nicht nebensächlicher Art sind. Der Reinhaltung der Schützengräben wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Wo die Lauf- und Verbindungsgräben, welche die Schützengräben mit den rückwärtigen, in Waldstücken oder hinter Anhöhen angelegten Bereitschaftsunterständen verbinden, vom Feinde eingesehen sind, werden sie als gedeckte Gänge gebaut oder als Tunnels angelegt. Besonders die Straßen, welche die Laufgräben durchschneiden, werden [189] durch Tunnels unterführt. Auf diese Weise werden sämtliche Anmarsch- und Abmarschwege zu und von der Hauptstellung gegen Sicht gedeckt.

Vor der Hauptstellung ist ein dreifacher Gürtel von Drahthindernissen errichtet, bei deren Anlage besonders darauf Bedacht genommen wird, daß sie aus Flankierungsgräben für Schützen und Maschinengewehre bestrichen werden können. Vor diesen Drahthindernissen ist das Gelände überdies noch mit einem Netz von sogenannten Stolperdrähten überspannt, deren Name deutlich genug bezeichnet, was sie bedeuten und bezwecken. Es sind dünne, fast unsichtbare, ungefähr eine Hand breit über den Boden gespannte Drähte, die den in der Gefechtsaufregung anstürmenden Angreifer unfehlbar zu Fall bringen. Die Entfernungen nach den verschiedenen Angriffsrichtungen sind durch weiß gestrichene Entfernungsböcke von hundert zu hundert Meter im Gelände bezeichnet, zur Erhöhung der Genauigkeit des ruhigen wohlgezielten Schützenfeuers, auf das bei den Deutschen so großes Gewicht gelegt wird. Alle vor der Front liegenden natürlichen Hecken sind mit Draht verspannt, Straßen- und Wegsperren sind so angelegt und vorbereitet, daß die Zugänge in die Stellungen in kürzester Frist geschlossen werden können. Weitere Annäherungshindernisse sind durch die Stauwehren vorbereitet, durch die an geeigneten, vorzugsweise flankierendem Feuer ausgesetzten Stellen die Talmulden unter Wasser gesetzt werden können. Zur Zeit [190] unserer Besichtigung waren infolge der seit vielen Tagen anhaltenden starken Regengüsse alle Gewässer so angeschwollen, daß sie ohnehin auf weite Strecken über die Ufer getreten waren und die tiefer gelegenen Geländeteile überflutet hatten.

Die Feldwachen sind in Unterständen, die Posten ebenfalls in solchen oder hinter Schutzschilden, die in den Boden oder in die Brustwehren eingegraben werden, untergebracht. Für einzelne besonders ausgesetzte Sicherungs- und Beobachtungsposten werden sogenannte Schützenlöcher in den Boden eingegraben. Stark vorgeschobene Feldwachen mit großem Schußfeld sind an Stellen, wo es gilt, einen überraschenden Angriff aufzuhalten, als kleine bastionierte Stützpunkte ausgebaut und durch geschlossene Drahtverhaue geschützt. Für die Umdrahtung eines einzigen solchen Stützpunktes sind rund fünfhundert Meter Stacheldraht verwendet worden.

Ein besonderes Gewicht wird auf die Unsichtigkeit aller Befestigungsanlagen gelegt. Die im freien Felde errichteten Schützengräben und Unterstände, Stützpunkte, Beobachtungsstände, Lauf- und Verbindungsgräben sind so angelegt, daß sie sich nicht oder möglichst wenig vom natürlichen Boden abheben und bis auf kürzeste Entfernung kaum erkennbar sind. Anderseits sind an geeigneten Stellen Scheinstellungen und Scheingräben errichtet, die das Feuer des Feindes auf sich ziehen sollen. [191] Die in der Hauptstellung liegenden Ortschaften sind in die Befestigung einbezogen. Hier kommen alle Mittel der Ortsbefestigung zur Anwendung. Auf dem einen Flügel ist ein zum größten Teil zerstörtes Dorf zu einem starken Stützpunkt, zu einer kleinen Festung umgewandelt. Die halb zerstörte Kirche mit dem Kirchhof und seiner Umfassungsmauer bildet eine Zitadelle, von der aus die hinter Schutzschilden eingebauten Maschinengewehre und die hinter der verstärkten Kirchhofmauer gedeckten Schützen den Dorfeingang und das Vorgelände wirksam bestreichen können. Hindernisgräben und Drahtverhaue, sowie Straßensperren vervollständigen die Befestigung. Ein kleiner Teil der Bevölkerung des seinerzeit vollständig ausgeräumten Dorfes ist zurückgekehrt und lebt in harmlosem Verkehr mit den deutschen Soldaten. In einem anderen Regimentsabschnitt liegt ein vollständig unversehrtes Dorf etwas vorgeschoben zwischen Hauptstellung und Vorpostenstellung. Es ist in ähnlicher Weise zu einem selbständigen geschlossenen Stützpunkt umgewandelt. Die Bevölkerung ist seit drei Monaten völlig von der Welt abgeschlossen. Ihre Verpflegung erfolgt durch Vermittelung der deutschen Heeresverwaltung. Überall, wo französische Dörfer in oder vor den deutschen Stellungen liegen, werden sie je nach Umständen entweder geräumt und die Bewohner abgeschoben, oder es wird zur Verhinderung des feindlichen Nachrichtendienstes jeder Verkehr streng unterbunden. [192] Hinter der Hauptstellung befinden sich, in Wäldern oder hinter Höhen versteckt, die Mannschaftsunterstände für die Bereitschaftstruppe, teils in den Boden eingebaut, teils als Blockhäuser erstellt. Sie sind splittersicher und so stark gebaut, daß sie gegen Feldartillerie genügenden Schutz gewähren. Die Bedachung besteht aus einer dreifachen Lage von Holzstämmen, zwischen denen Lagen von Erde und Laub eingeschoben sind. Besonders stark sind die Batterieunterstände und Munitionsstände der Artillerie ausgebaut. Die Mannschaftsunterstände bieten Raum für fünfzehn bis zwanzig Mann, größere Unterstände werden vermieden, damit bei einer Beschießung durch schwere Artillerie, deren Volltreffer die Decken durchschlagen könnten, nicht allzu große Verluste eintreten. Eine einzige in einen Unterstand einschlagende schwere Sprenggranate vermag vierzig bis fünfzig Mann kampfunfähig zu machen. Die Verteilung der Mannschaft in kleinere Unterkunftsräume erscheint daher sehr zweckmäßig. In einem der von uns besuchten Abschnitte sind nicht weniger als einundneunzig Unterstände gebaut worden, die zur Unterbringung eines Bereitschaftsbataillons bestimmt sind. Alle Unterstände sind mit Holzverschalungen versehen, heizbar, mit Pritschen, Stroh oder Laub ausgerüstet. Die Räume der Kommandostellen entbehren nicht einer einfachen, aber wohnlichen Einrichtung. Verbandräume für Verwundete, Pferdestallungen, Unterstände für Befehls- und Beobachtungsstellen, die unter sich, [193] sowie mit den Vorgesetzten durch ein ausgedehntes Fernsprechnetz verbunden sind, ergänzen diese Befestigungsanlagen. Die An- und Abmarschwege sind durch Strohwische und ähnliche auch nachts leicht erkennbare Markierungen kenntlich gemacht. Während unserer Besichtigung des einen Regimentsabschnittes knatterte es drüben in dem ausgedehnten, einige hundert Meter vor der deutschen Front liegenden Walde, dessen Name in den amtlichen Mitteilungen der obersten Heeresleitung über die August- und Septemberkämpfe oft genannt worden ist, unaufhörlich. Dort scharmutzieren die deutschen Erkundungspatrouillen fortwährend mit den französischen Feldwachen und Postierungen. Ruhig arbeiten die Leute in den Stellungen weiter, als ob es eine Hasenjagd wäre. Diese kleinen Gefechte gehören zum täglichen Brot und bilden eine die Truppe antreibende Abwechselung in den ermüdenden, gleichmäßigen Befestigungsarbeiten. Unter der Führung des Regiments-Kommandeurs Oberst K... hatten wir die Stellungen abgeschritten. Der Oberst versicherte uns beim Abschied, daß er mit seinem Regiment einem vierfach überlegenen Gegner stand zu halten sich anheischig mache, und daß jede seiner Kompanien in ihrer verstärkten Stellung einem feindlichen Bataillon die Spitze zu bieten vermöge. Das scheint mir keine Übertreibung, sondern der Ausdruck eines festen Willens und des aus sich selbst und auf die Tüchtigkeit der Truppe abstellenden Vertrauens zu sein.

[194]
II

Wesentlich verschieden von den oben beschriebenen Feldbefestigungen sind teilweise die in den benachbarten waldreichen Regimentsabschnitten ausgeführten Befestigungsarbeiten. Es ist ausgesprochene Waldbefestigung. Auch hier gab uns der Regiments-Kommandeur, Oberst v. V... das Geleite. Neben Schützengräben und Drahtverhauen, die auch hier vielfach zur Anwendung kommen, wird in diesem Abschnitt, dem Gelände entsprechend, vom Baumverhau, Astverhau und Blockhausbau reichlich Gebrauch gemacht. Alle Waldränder und besonders die Waldausgänge sind durch starke Baumverhaue gesperrt. An Stelle des in die Erde eingebauten Unterstandes tritt hier mehr das aus Balken gezimmerte, mit Schießscharten versehene Blockhaus. Die vorspringenden Waldecken sind als starke Schulterpunkte ausgebaut, von denen aus das Gelände frontal und die Waldränder flankierend unter Feuer genommen werden können. Waldwege und Waldschneisen sind durch Sperren geschlossen und besonders stark verdrahtet und verhauen, ebenso die durch den Wald führende Eisenbahnlinie. Die über sie führende Brücke ist als starke Brustwehr ausgebaut, von der aus die Linie auf eine weite Strecke in der Längsrichtung bestrichen werden kann. Von den Waldrändern aus wird sie auch flankierend unter Feuer genommen. Neben dem gewöhnlichen hochgespannten Drahtverhau und den Stolperdrähten, die auch hier vielfach verwendet sind, [195] sahen wir da noch eine besondere Art von niedergespannten Stacheldrahtverhauen, die namentlich an solchen Stellen angelegt sind, die ein vorrückender Gegner als Feuerstellung benutzen könnte. Der Waldausgang ist an der Stelle, wo die Hauptstraße in den benachbarten Regimentsabschnitt hinüberführt, durch eine Art von Torburg geschlossen worden, die vom Regiments-Kommandeur auf den Namen Porta Westphalica getauft worden ist. Das Sperrverhau ist hier besonders stark gemacht.

Eigenartig sind die Baumkanzeln oder Schützenkanzeln, Plattformen, die in eine Baumgruppe hinter dem Waldrande eingebaut, auf Leitern erreichbar, mit Brustwehren und Schießscharten für fünf bis zehn Schützen ausgestattet und sorgfältig verkleidet sind. Sie dienen gleichzeitig als Beobachtungsstände. Als ich oben auf einer dieser Kanzeln stand, dachte ich an den Falkenhorst unseres schweizerischen Robinsons. An sinnreichen Erfindungen ist in dieser Waldbefestigung kein Ende. Oberst von V. darf besonders stolz darauf sein, daß auch diese zum Teil mit schweren Holzstämmen ausgeführten Werke ausnahmslos unter seiner und seiner Offiziere Anleitung angelegt und ausschließlich durch seine Infanteristen, ohne irgend welche Mithilfe von Pionieren, ausgeführt worden sind.

Noch stärker ist ein anderer Waldabschnitt befestigt, zu dem mich Herr General v. T. persönlich an einem anderen Tage unseres dreitägigen Besuchs hinführte. Hier allerdings haben die Pioniere [196] das Wort gehabt. Sie haben einen aus der Hauptstellung vorspringenden Wald zu einer wahren Festung umgebaut, an der der alte Vauban seine Freude haben könnte. Rings um den ganzen Wald läuft, zweihundert bis dreihundert Meter hinter dem Waldrand, ein undurchdringliches Astverhau, teils als liegendes, teils als stehendes Verhau gebaut. Im Innern sind zwei überaus starke große Blockhäuser mit bastionierten Schanzen, mit Wall und Graben und Pallisaden, einem Pfahlwerk aus oben zugespitzten Pfählen, errichtet, wahre Robinson-Burgen, rings umgeben von geschlossenen Drahtverhauen. Die Ein- und Ausgänge sind unterirdisch angelegt. Alles Alte wird in diesem Kriege wieder neu. Verschiedene kleinere Werke ergänzen diese Waldbefestigungen.

So ist, immer dem Gelände angepaßt, auf der ganzen sechs Stunden langen Front, die diesem Heereskörper zur Befestigung und Besetzung zugewiesen ist, ein Ring von Schützengräben, Stützpunkten, Hindernisanlagen, Verhauen, Wassergräben, Überschwemmungsgebieten, Schulterpunkten, Erdschanzen, Blockhäusern, Flankiergräben, Schützenkanzeln, Unterständen, Brustwehren aus Stahl, Erde und Holz errichtet worden. Das kann nicht davor sicherstellen, daß nicht gelegentlich eine kleinere Erkundungsabteilung durchschlüpfen könnte. Selbst der scharf geregelte Patrouillengang, der deutscherseits als notwendige Ergänzung der Sicherung betrieben wird, kann das nicht ganz verhindern. Vor kurzem ist in der Tat eine französische [197] Patrouille von einem Offizier und acht Mann hinter diese Linie geraten, hat sich verirrt und ist, nachdem sie mehrere Tage und Nächte herumgeirrt war, in vollständig erschöpftem Zustande viele Stunden hinter der deutschen Front gefangen genommen worden. Verhindern aber läßt sich durch diese Truppenaufstellung und Befestigungsanlage ein Durchbruch größerer Kräfte. Die Franzosen haben vor einigen Wochen mit stärkeren Truppenmassen einen Angriff versucht, sind aber trotz starker Überzahl blutig zurückgeschlagen worden. Das Gefecht ist von der deutschen Heeresleitung als schöner Erfolg gebucht worden.

Ein schluchtartiges Waldtal, das als äußerste Flügelstellung des ganzen hier an das Gebirge anschließenden Abschnittes taktisch besonders wichtig ist, ist durch niedergelegten Wald und Versumpfung des Talgrundes, der überdies aus den Waldrändern flankierend beherrscht wird, zu einer abschließenden Talsperre umgewandelt worden. Auch hier haben die Pioniere die Hauptarbeit getan. Aus unserer Durchfahrt war eben eine Abteilung dieser Truppe bei der Mahlzeit versammelt. Ich muß meine Pioniere grüßen, sagt der General zu mir, läßt halten, steigt aus und bietet ihnen den Morgengruß mit den Worten: Guten Morg’n, Pioniere! — Guten Morg’n, Exzellenz, hallt die Antwort im Chor zurück, und über die arbeitsharten Gesichter leuchtet ein freudiger Schein. Mit kurzen Worten drückt ihnen der General seine [198] Befriedigung aus über die von ihm besichtigten Arbeiten. Der deutsche Offizier ist karg mit dem Lobe. Um so wirksamer ist es, wenn es gespendet wird. Wenn eine Truppe Anspruch auf lobende Anerkennung hat, so sind es vor allem auch die deutschen Pioniere. Was die Pioniertruppe in diesem Feldzug leistet, im Eisenbahnbau, im Wiederherstellen zerstörter Bahnen, Straßen und Brücken, in Befestigungswerken, in technischen Arbeiten aller Art, die, wo es sein muß, rücksichtslos und mit Todesverachtung unter dem feindlichen Feuer ausgeführt werden — das ist unerreicht und unübertroffen und wird einst in der Kriegsgeschichte einen hervorragenden und ehrenvollen Platz einnehmen. Es steckt eine unerschöpfliche Arbeitskraft und ein nie erlahmender Arbeitsgeist in dieser Truppe. Nichts ist ihr zu viel, keine Aufgabe zu hoch gestellt. Im Kugelregen und Granatenhagel tut sie ihre Arbeit mit der gleichen Ruhe und Selbstverständlichkeit, wie auf dem Übungsplatz der Friedensgarnison.

Wiederholt bietet auf der Hin- und Rückfahrt der General auch den arbeitenden Infanteristen seinen Gruß: Guten Morg’n, Leute und empfängt den Gegengruß: Guten Morg’n, Exzellenz! Diese Art des Verkehrs des höchsten Vorgesetzten eines Heereskörpers mit seiner Truppe ist keine leere inhaltlose Förmlichkeit. Ich will meiner Truppe kein Fremder sein, die Leute sollen ihren General kennen, sagt mir Herr General v. T. auf der Heimfahrt. Das ist nicht ohne Bedeutung. [199] Auf der Heimkehr begegneten wir in einem Dorfe zwei Maschinengewehrzügen, die dem Heereskörper neu zugeteilt worden und eben angekommen waren. Auch sie werden vom General kurz begrüßt. Sie sind ihm ein hochwillkommener Zuwachs. Maschinengewehre hat man nie genug, ganz besonders im Stellungskriege, wo das Flankierungsfeuer eine so wichtige Rolle spielt. Und das Flankierungsfeuer der deutschen Maschinengewehre übt, wie alle Augenzeugen bekunden, eine fürchterliche Wirkung aus.

Die Schilderung der Befestigungsarbeiten wäre unvollständig, wenn nicht auch noch eines Beobachtungsstandes gedacht würde, in dem zwei Scherenfernrohre aufgestellt sind. Der Stand ist auf einem hochgelegenen Punkte mit sehr großer Fernsicht in die Erde eingegraben, so daß er im Gelände vollständig unsichtbar ist. Die wunderbare Fernrundsicht ist in einem großen Panorama aufgenommen, das im Innern des Standes aufhängt. Im weiten Umkreise, bis auf die Entfernung von dreizehn Kilometern, kann das geübte Auge des Beobachtungsoffiziers durch das Scherenfernrohr jeden einzelnen Soldaten erkennen. Der Offizier stellt das eine Fernrohr auf eine in der Luftlinie zweiunddreißig Kilometer entfernt liegende große französische Stadt ein. Ihre Türme und Dächer heben sich aufs deutlichste vor unseren Augen ab, als ob die Stadt zu unseren Füßen läge.

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III

Gute Beobachtung und ein scharf geregelter Patrouillengang, dessen Ergebnisse rasch durch Fernsprecher an die höheren Kommandostellen weiter geleitet werden, sind die Mittel, die es ermöglichen, rechtzeitig und am rechten Orte die nötigen Kräfte zu versammeln und einzusetzen, um eine Durchbrechung des sechs Stunden langen Frontabschnittes zu verhindern.

Vor einigen Wochen haben die Franzosen einen heftigen Angriff gegen die Mitte und einen Flügel der Stellung gemacht. Sie bereiteten ihn vor durch ein wütendes Granatfeuer auf ein französisches Städtchen, das vor der deutschen Hauptstellung liegt und das sie mit deutschen Truppen belegt glaubten. Nicht weniger als dreizehnhundert Granaten wurden auf den Ort abgegeben, mit dem Ergebnis, daß eine Anzahl Häuser zerstört und beschädigt, drei Einwohner getötet und einige verwundet wurden. Die Deutschen erlitten keinen Mann Verlust. Die nutzlose Beschießung soll unter der Bevölkerung des französischen Städtchens starke Erbitterung hervorgerufen haben. Mit überlegenen Kräften, die deutscherseits auf ungefähr eine Division geschätzt werden, griffen sodann die Franzosen die deutsche Stellung an und hatten anfänglich einen Erfolg zu verzeichnen. Dank der gedeckten Annäherung durch Wälder gelang es ihnen, an einem Punkte die deutsche Hauptstellung zu gefährden. Aber es gelang der Führung der deutschen Streitkräfte noch rechtzeitig, [201] die nötigen Reserven, einige Bataillone und zwei Feldbatterien hinter der Front zu verschieben und an der gefährdeten Stelle einzusetzen. Dabei zeichnete sich ein Landsturmbataillon, das sonst als Etappentruppe hinter der Linie stand, aber nun in die Gefechtsfront vorgezogen wurde, durch seine mutige Entschlossenheit aus, so daß seinem Eingreifen ein wesentlicher Anteil an dem schließlichen Erfolge der Deutschen zugemessen werden muß. Ein neues Beispiel dafür, daß der deutsche Landsturm auch als Gefechtstruppe verwendbar ist. Durch einen flankierenden Gegenstoß wurde der Angriff der Franzosen pariert und abgewiesen. Die französische Feldartillerie, deren Tüchtigkeit sonst deutscherseits große Anerkennung findet, versagte hier.

Die technische Überlegenheit des französischen Feldgeschützes, dessen Brennzünder auf siebentausendfünfhundert Meter gestellt werden kann, gegenüber dem deutschen Feldgeschütz wird von den deutschen Artillerieoffizieren ohne weiteres zugegeben. Auch die Schießtüchtigkeit der französischen Feldartillerie wird anerkannt, wenn es sich um das Schießen auf bekannte Entfernungen handelt. Bei überraschenden Gefechtslagen, die eine schnelle Entschlußkraft und ein rasches Einschießen auf unbekannte Entfernungen erfordern, soll sich dagegen die französische Feldartillerie weniger gewandt und geschickt gezeigt haben. In der artilleristischen Gefechtsführung erkennen die Deutschen den Franzosen keinen Vorsprung und keine Überlegenheit [202] zu. An dem günstigen Ausgang des Gefechts, dessen Schauplatz wir besuchten und das seinerzeit in der amtlichen Mitteilung der deutschen Heeresleitung als bedeutender Erfolg verzeichnet wurde, hatten zwei deutsche Batterien, die unter sehr schwierigen Geländeverhältnissen durch einen Wald vorgezogen und in Tätigkeit gesetzt werden konnten, einen entscheidenden Anteil. Es gelang der überlegenen französischen Artillerie nicht, sie zu entdecken und zu beschießen. Dagegen nahmen die Batterien die französische Infanterie unter ein wirksames Nahfeuer. Der französische Angriff wurde zunächst zum Stehen gebracht. Mit feurigem Angriffsgeist und großer Tapferkeit war die Infanterie vorgegangen. Aber als der Angriff nicht im ersten Anlauf glückte, hielt sie nicht durch, eine Erscheinung, die im bisherigen Verlaufe des Feldzuges nicht vereinzelt dasteht. Als am folgenden Tage die Deutschen, die inzwischen Verstärkungen herangezogen hatten, zum Gegenangriff auf die zahlenmäßig immer noch stark überlegenen Franzosen vorgingen, wichen diese unter bedeutenden Verlusten zurück. Sehr hitzig war das Gefecht auf dem äußersten Flügel in dem früher erwähnten Waldtale, das an einer Stelle von einem Felsenschlosse beherrscht wird, das im Sturm genommen wurde. Beim Angriff auf dieses Schloß erlitten auch die Deutschen Verluste, von denen die frischen Kriegergräber zeugen. Hier haben sich bayrische Landwehrleute und ein badisches Landsturmbataillon ausgezeichnet. Hier [203] liegen vier tapfere Bayern vom ... Landwehr-Infanterieregiment, ... Kompanie, so heißt es auf einem der vielen Grabkreuze. Hier liegen zwei tapfere Landsturmleute, Ludwig G. und Johann H. vom Landsturmbataillon ... M ..., Baden, so liest man auf einem anderen.

Beim Sturm auf das auf einem Felsenkopfe erbaute Schloß hat auch der Besitzer seinen Tod gefunden. Wahrscheinlich hat er durch die Fensterläden den Gang des Gefechts beobachtet. Er wurde mit durchschossenem Kopfe aufgefunden. Die Fenster des Zimmers, wo er aufgehoben wurde, weisen zahlreiche Löcher von Infanteriegeschossen auf. Die Blutlache, in der der Schloßherr tot lag, als die Deutschen das Schloß besetzten, ist noch an einem großen roten Flecken auf dem Boden des Zimmers erkennbar. Der Aschenbecher mit der halb verbrannten Zigarre steht noch unberührt auf einem Spieltischchen. Jetzt liegt in dem Schlosse eine deutsche Feldwache. Feldwachtkommandant ist ein bildschöner, junger Leutnant von neunzehn bis zwanzig Jahren. Sein Bruder — so erzählt mir beim Abstieg der uns begleitende Generalstabsoffizier — ist der jüngste Leutnant des deutschen Heeres. Er ist beim Kriegsausbruch als vierzehneinhalbjähriger Kadett und Offizierstellvertreter ins Feld gezogen, hat sich durch verwegene Taten und tapferes Verhalten das Eiserne Kreuz zweiter und erster Klasse erworben — das Kreuz erster Klasse ist eine seltene, nur für außergewöhnliche Leistungen verliehene Auszeichnung— [204] und ist auf Neujahr im Alter von fünfzehn Jahren zum Leutnant ernannt worden.

Auf dem Gefechtsfelde, wo der Generalstabsoffizier uns den Verlauf des Gefechtes mit anschaulicher Lebendigkeit schilderte, liegt in einem wunderschönen großen Parke ein anderes französisches Schloßgut, dessen Besitzer sich mit seiner Familie verzogen hat. Das Schloß birgt reiche Kunstschätze an alten Bildern, Standuhren, kostbaren Vasen und Möbeln. Da seine Belegung mit Offizieren oder Truppen nicht unbedingt notwendig war, ist auf Anordnung der höheren Truppenführung das ganze Schloß samt dem Park streng abgesperrt worden und wird jetzt von deutschen Wachtposten bewacht. Ein deutscher Offizier ist zum Schloßverwalter ernannt und führt uns mit dem Schlüsselbunde in der Hand in den schönen Gemächern herum. Wenn nach dem Kriege Monsieur le Baron und Madame la Baronesse, die, nach dem in einem Raume hängenden Bilde zu schließen, einmal eine Frau von vollendeter Schönheit gewesen sein muß, mit ihren Kindern in ihr Besitztum zurückkehren, so werden sie die Möbel und Kunstschätze unberührt an Ort und Stelle wieder finden. Das elegante Modehütchen der Frau Baronin liegt noch auf der Chaiselongue, wo sie es bei der etwas überstürzten Abreise hat liegen lassen. Die Spiele, mit denen sich die zwei Kinder des freiherrlichen Ehepaares, ein Knabe und ein Mädchen, die Zeit vertrieben, liegen in lieblicher Unordnung in den Gängen herum wie [205] einst. Alles soll, wenn es nach dem Willen des jetzt in diesem Gebiete kommandierenden Generals geht, vollständig unberührt bleiben.

Seit jenem letzten verunglückten Vorstoße haben die Franzosen in dieser Gegend keine ernstliche Unternehmung mehr gewagt und verhalten sich ziemlich untätig. Dagegen haben ihnen die Deutschen die Neujahrsfreude gestört durch eine kräftig durchgeführte Unternehmung größeren Umfangs, die sich besonders gegen die beiden Flügel der französischen Stellung richtete. Dabei wurden etliche Gefangene gemacht. Die Deutschen sind wie Feuer und Flamme und gehen mit einem Drange drauf, der nicht immer ganz leicht zu zügeln und in den rechten Bahnen zu halten ist, sobald es einmal wieder gilt, an den Feind zu kommen und den Spaten mit dem Gewehr zu vertauschen.

Aus einem seltsamen Briefwechsel, der zwischen den deutschen und französischen Linien dieses Frontabschnittes geführt wird, mag hier noch einiges mitgeteilt werden. Als uns Herr Oberst v. V. durch seinen Regimentsabschnitt führte, erzählte er uns, daß ihm am Tage vorher eine Patrouille, die von einer Erkundung zurückkehrte, einen von einer Französin unterzeichneten Zettel, der an einem Baum angeheftet worden war, mitgebracht habe. Darin wurde der Oberst unter Schmähungen aufgefordert, seine Stellung zu räumen, die Russen stünden vor Berlin, die deutsche Armee werde in kurzem zerschmettert sein. Das alte Gerede. Der Oberst schrieb seine Antwort, die an Deutlichkeit [206] nichts zu wünschen übrig ließ, auf einen großen Bogen Papier, den er durch die gleiche Patrouille an den gleichen Baum heften ließ. Auf den Ton der Ergebung war die Antwort nicht gestimmt.

Diese Art von Briefwechsel ist nicht vereinzelt. Am 8. Januar, dem zweiten Tag unseres Aufenthalts in den Stellungen dieses deutschen Ersatzheereskörpers, brachte ein Feldwebel von einem Patrouillengang die Nummer des Petit Parisien vom 6. Januar mit, die ebenfalls an einen Baumstamm geheftet worden war, in der Absicht, sie den Deutschen in die Hände zu spielen. Es ist gewiß bemerkenswert, daß in diesen Zeiten des sonst so langsamen und gehemmten Postverkehrs eine Pariser Zeitung am dritten Tage nach ihrem Erscheinen in die vordersten Stellungen der deutschen Kampffront gelangt. Das Blatt enthielt außer französischen, englischen und russischen Siegesmeldungen an seiner Spitze einen Leitartikel aus der Feder des bekannten Abbé Wetterlé ancien député au Reichstag allemand, wie er sich selber unterzeichnet. In dem Artikel verkauft dieser Herr das Fell des noch nicht erlegten elsaß-lothringischen Bären, polemisiert gegen den Gedanken eines elsaß-lothringischen Pufferstaates, verlangt die gänzliche Wiedervereinigung Elsaß-Lothringens mit Frankreich und unterbreitet dem französischen Volke und seiner Regierung seine Ratschläge für die künftige französische Verwaltung des Landes und die nach der Annektierung einzuschlagende Sprachen- und Schulpolitik. Über [207] dem Kopfe des Blattes stand mit Bleistift geschrieben: Vous nous avez déclaré la guerre, vous êtes vaincus.

Ich sah auch Briefe von Französinnen an ihre im Felde stehenden Angehörigen, aus denen sich bemerkenswerte Schlüsse auf die wirtschaftliche Lage in Frankreich ziehen lassen. In einem Briefe vom 27. Oktober schreibt eine Schwester aus einem Städtchen im französischen Vogesengebiet an ihren im 43. Bataillon der Chasseurs eingeteilten Bruder: Alles ist teuer und es gibt nichts mehr zu verdienen, ich weiß nicht, was aus uns werden soll, wenn das noch andauert. (Tout est hors de prix et il n'y a plus de gain, je ne sais pas ce que l'on deviendra, si cela dure encore.) In einem späteren Briefe vom 16. November schreibt die nämliche Person aus dem gleichem Orte an den Bruder: Wir bezahlen 90 Centimes für vier Pfunde Brot, Fr. 1,50 für das Kilogramm Zucker, Fr. 1,40 für das Pfund Käse. Speck und Fleisch ißt man nicht mehr, man begnügt sich mit gutgefettetem Gemüse mit Ochsenschmalz, das mit Speck vermischt wird. — Es ist kaum anzunehmen, daß seit Mitte November diese Verhältnisse besser geworden und die Lebensmittelpreise im französischen Operationsgebiet heruntergegangen sind.

IV

Unser Aufenthalt in der deutschen Stellungsfront an den Ausläufern der Vogesen fiel in eine Zeit der schlimmsten Witterung. Unaufhörliche [208] Regengüsse hatten den undurchlässigen Lehmboden in klebrigen Morast verwandelt. Um so mehr waren wir überrascht von den Vertretern des Gesundheitswesens im Stabe des Generals von T ..., dem Generaloberarzt und dem Stabsarzt, zu vernehmen, daß der Gesundheitszustand der Truppe ganz vorzüglich sei. Die Truppenführung und die Militärsanität haben, sich gegenseitig unterstützend, in vorbildlicher Weise alles getan, was geeignet ist, den Gesundheitszustand der Truppe zu fördern und schädliche Einflüsse abzuhalten und zu bekämpfen. Bei der Anlage der Befestigungswerke wird auf die Entwässerung des Bodens planmäßig hingearbeitet. Die Entwässerungsfrage ist eine der größten Sorgen der leitenden Offiziere. Durch Erstellung von Ablaufgräben und Abzugskanälen, von Wasserlöchern und Wasserfängern ist ein großer Teil der Schützengräben, Unterstände, Blockhäuser und Schanzen trocken gelegt, an anderen Orten sind die Entwässerungsarbeiten noch im vollen Gange. Viele Schützengräben sind faschiniert oder mit Latten verschalt, die Grabensohle ist oder wird mit Holzgitterwerk, mit Bohlen oder Faschinen belegt, damit sie auch zur Regenzeit trockenen Fußes begangen werden kann. Anfänglich bekamen manche Leute in den Schützengräben von der Nässe geschwollene Füße. Durch die Entwässerungsarbeiten ist dieses Übel beseitigt worden.

Daß gesonderte Latrinengräben angelegt sind, wurde schon erwähnt. Der Latrinenfrage, der [209] Reinlichkeitsfrage überhaupt, wird nicht nur in den Schützengräben, sondern auch in den Ortschaftsquartieren stetige Aufmerksamkeit geschenkt. Die typhusverseuchten Dörfer dieses französischen Grenzgebietes sind von den deutschen Soldaten rücksichtslos gereinigt worden, die ungeordneten Misthaufen, die sonst überall vor den Haustüren lagen, diese Typhusherde erster Ordnung, sind entfernt und an ihrer Stelle junge Tannenbäume angepflanzt worden, die der Straße ein freundlicheres Aussehen verleihen. Die Einwohner wurden gezwungen, Latrinen oder Aborte, die in den meisten Häusern unbekannte Luxusgegenstände waren, für ihren eigenen Gebrauch oder für die Soldaten anzulegen. In der ganzen Landschaft war zur Friedenszeit der Typhus endemisch, wie die in den Gemeinde- und Kreisarchiven aufgefundenen französischen Amtsberichte feststellen. Die Bevölkerung wird jetzt auch zur regelmäßigen Straßenreinigung angehalten. Den durch die Wegschaffung der Misthaufen breit und stattlich gewordenen Straßen und Dorfplätzen haben die deutschen Soldaten heimatliche Namen beigelegt. Man liest da auf den Tafeln an den Straßenecken: Zittauerstraße, Dresdenerstraße, Friedrich-Augustplatz, Kaiser Wilhelm-Platz, und dergleichen. Für jede Gemeinde ist eine Gesundheitskommission, bestehend aus einem Arzt, einem Truppenoffizier und einem Unteroffizier eingesetzt, zur ständigen Kontrolle über die Befolgung der von den Militärärzten vorgeschlagenen, [210] von der Truppenführung verfügten Gesundheitsvorschriften. Durch alle diese Maßnahmen ist es gelungen, den Typhus sowohl in der einheimischen Bevölkerung als auch in der Truppe einzudämmen und bis auf vereinzelte Fälle auszurotten. Ein Regiment war zum Beispiel mit einem Stande von fünfzig Typhuskranken in sein Revier eingerückt, jetzt ist es typhusfrei.

Wesentlich zur Erhaltung und Förderung des Gesundheitszustandes trägt die reichliche und gesunde Ernährung der Truppe und ihre Ausstattung mit warmer Winterkleidung bei. Die Leute haben meist ein geradezu blühendes Aussehen und gedeihen an Körperumfang. Aus der Heimat fließt der Strom der Liebesgaben unaufhörlich. Es gibt Truppenteile, bei denen der letzte Mann mit jedem Stück der Winterkleidung dreifach versehen ist. Noch jetzt treffen durch die Feldpost verspätete Weihnachtsgeschenke ein. Die reichliche Ernährung und die Freigebigkeit der in der Heimat zurückgebliebenen wohlhabenden Bevölkerungsklassen kommen nicht nur der Truppe selbst, sondern auch dem Lande zugute. In dem einzigen Monat November ist, wie mir vom General mitgeteilt wurde, aus einer Division die Summe von 1 700 000 Mark Ersparnisse nach Hause geschickt worden, während 200 000 Mark aus der Heimat bei der Truppe eintrafen. Das macht einen Überschuß von 1 500 000 Mark, die ins Land zurückgeflossen sind. Viel Elend und Not wird damit verhütet. [211] Eine vernünftige Abwechselung des Dienstes zwischen Marsch, Exerzierarbeit und Pionierarbeit tut ein übriges, um die Truppe bei guter Gesundheit und Stimmung zu erhalten. Der Oberst eines Regiments teilte uns mit, daß seine zur Pionierarbeit verwendeten Mannschaften von ihren Quartieren bis zu den Befestigungsstellungen und zurück einen regelmäßigen Tagesmarsch von zwanzig Kilometern hin und her zurückzulegen haben. So bleiben die Leute trotz Schützengraben und Stellungskrieg marschtüchtig und beweglich.

In einem Maße, wie man es im Felde nicht für möglich halten sollte, wird für Badegelegenheit gesorgt. Der Stabsarzt im Hauptquartier dieses Heeresabschnittes arbeitet mit wahrer Begeisterung und unermüdlicher Tatkraft für die Errichtung von Truppenbädern. In jedem Dorfe, womöglich in jedem Kompanierevier wird ein kleines Soldatenbad errichtet. Große Waschzuber werden als Badewannen verwendet. Das Material und die fachkundigen Leute zur Herstellung einer Wasserleitung und Heizungsanlage finden sich überall. In einem sauberen französischen Städtchen, wo ein größerer Truppenteil untergebracht ist, ist in einer zurzeit nicht betriebenen Bierbrauerei ein umfangreiches Soldatenbad errichtet. Nicht weniger als zweiunddreißig Mann können hier gleichzeitig ein Brausebad nehmen, die großen Maischbottiche dienen für Vollbäder. Der erfindungsreiche balneologische Stabsarzt schwärmt sogar für die Errichtung eines Schwimmbades [212] und versicherte mir, daß er in wenigen Tagen ein solches eröffnen werde. Vorläufig hat er so viele Wannenbäder errichtet, daß jeder Mann des gesamten Heereskörpers mindestens alle vierzehn Tage sein Vollbad nehmen kann. Auch für Schwitzbäder ist gesorgt. Bei einem so hohen Stand der Körperkultur und der Gesundheitspflege wird es verständlich, daß trotz der elenden Witterung der letzten Wochen, trotz Vorpostendienst und anstrengenden Pionierarbeiten im nassen Lehmboden der Gesundheitszustand der Truppe geradezu ausgezeichnet ist, besser sogar als in der Garnison. Tatsächlich bleibt der Krankenstand hinter dem des Garnisondienstes zurück. Die deutsche Militärsanität darf mit Fug und Recht die Anerkennung beanspruchen, daß sie, nicht nur durch ihre aufopfernde Hingebung in der Verwundeten- und Krankenpflege, auf den Verbandplätzen und in den Kriegslazaretten, sondern auch durch ihre Krankheiten vorbeugende Fürsorge und ihre rege Tätigkeit an der Front zu den Erfolgen des deutschen Heeres nicht unwesentlich beigetragen hat.

Die Abstinenz findet im Felde keinen guten Boden und wird von den Militärärzten, soviel mir bekannt geworden, eher verpönt als empfohlen. Zweckmäßigerweise war während der Zeit der Mobilmachung die Verabreichung geistiger Getränke auf den Bahnhöfen strenge verboten. Im Felde dagegen, zumal zur Winterszeit und ganz besonders im Stellungskriege wird ein mäßiger Alkoholgenuß von den Militärärzten als gesundheitfördernd [213] empfohlen, und mancher vorher abstinente Arzt soll seit dem Beginn des Feldzuges für sich selbst und für die ihm anvertraute Truppe der Abstinenz Valet gesagt haben.

Dem vorzüglichen Gesundheitszustand der Truppe entspricht auch ihre Gemütsstimmung und geistige Verfassung. Man sieht keine verdrossenen Gesichter. Der frische, fröhliche soldatische Geist, die gute Kameradschaft, das anständige Betragen und die gute Haltung der deutschen Soldaten im Felde müssen jedem aufmerksamen Beobachter angenehm in die Augen fallen. Felsenfest ist die Zuversicht und der Glaube an den Sieg beim letzten Manne. Eine von solchem Geiste beseelte Truppe ist unter der Führung eines so fähigen und pflichtbewußten Offizierskorps, wie es das deutsche ist, den größten Aufgaben gewachsen, und so ist das stolze Wort jenes Regimentskommandanten, daß er in diesen vorbereiteten Stellungen einer vierfachen Übermacht Stand zu halten vermöge, kein leerer Schall.

Die drei Tage, die ich im Stabsquartier und in den Stellungen des vom General v. T. befehligten Heereskörpers im Gebiet der Ausläufer der französischen Vogesen verbracht habe, haben mich einen genauen Einblick tun lassen in die Mittel und Wege, deren sich die neueste Kriegsführung für den Stellungskrieg bedient, und im Verkehr mit diesem Offizierskreise hat sich meine Achtung vor der soldatischen Tüchtigkeit, dem hohen Bildungsstand, der ernsten Pflichtauffassung, der glühenden Vaterlandsliebe und der liebenswürdigen [214] Kameradschaft des deutschen Offizierskorps verstärkt und vertieft. Mit Liebe und Verehrung blicken die Offiziere dieses Stabes vom Leutnant bis zum Stabsoffizier zu ihren General empor, der ihnen das Beispiel zäher Ausdauer gibt. In der niedrigen, mit Grün geschmückten Stube des mehr als einfachen Dorfwirtshauses, das diesem Stabe als Offizierskasino dient, herrscht der Ton echt vornehmer Gesinnung, gepaart mit einem ungezwungenen soldatischen Frohsinn, der den fremden Gast bald heimisch werden und sein Herz wärmer schlagen ließ.