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Drei Tage in den deutschen Stellungen Kriegsbriefe eines neutralen Offiziers
von Karl Müller
Bei der deutschen Schneeschuhtruppe
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[214]
Kämpfe im Oberelsaß
I
Bei Sennheim

Der Frührotschein leuchtete sturmkündend vom Schwarzwald herüber, als ich heute in der Morgendämmerung von Straßburg südwärts fuhr, Mülhausen zu. Ein breites, brennend rotes Band umsäumte die dunkeln langgezogenen Höhen im Osten. Blutrot stieg die Sonne über dem Rheintale auf. Im Westen erblickte das Auge bald da bald dort eine verschneite Nordflanke der Hochvogesen. Meine Fahrt galt dem Gebiete der in der letzten Zeit viel genannten Kämpfe im Oberelsaß um die Stellungen bei Steinbach, Sennheim und Uffholz, am Ausgange des Wesserlingertales.

Von Mülhausen geht es im Kraftwagen weiter in einem großen Umwege, der im spitzen Winkel [215] hinter der Zone des französischen Artilleriefernfeuers herumführt, nach dem ansehnlichen Dorfe Wittelsheim. Der gerade nächste Weg dahin muß, weil der Sicht und Beschießung aus den französischen Artilleriestellungen bei Alt-Thann ausgesetzt, vermieden werden. Während der Hinfahrt steht an einer Kreuzstraße ein in Reserve zurückgehaltenes deutsches Bataillon zur Besichtigung bereit, stramm stehen die Leute, in prächtiger sauberer Haltung, wie zur Parade. In Wittelsheim sind die Spuren der letzten Kämpfe unbeträchtlich. Zwar haben die Franzosen auch hierher wiederholt ihre Granatgrüße hereingeschickt, doch ohne bedeutenden Schaden anzurichten. Bloß einige Häuser sind beschädigt. Die von Wittelsheim in westlicher Richtung nach Sennheim und Thann führende Kunststraße ist auf ihrer ganzen Länge von den französischen Stellungen eingesehen und beherrscht und bietet ein so leicht zu fassendes Ziel, daß nicht nur die auf ihr vorgehenden Truppenkolonnen, sondern selbst kleinere Gruppen und einzelne Wagen unter Feuer genommen würden. Nur des Nachts darf die Straße mit Fuhrwerken ohne Licht befahren werden. Die fünf Kilometer lange Strecke wird daher zu Fuß zurückgelegt. Rechts und links der Straße ist das tiefliegende Gelände auf weite Strecken vom Hoch- und Grundwasser der angeschwollenen Thur überschwemmt, die bei Thann aus dem Wesserlinger Tale heraustritt.

Von dem sonst so freundlichen, jetzt verödeten Städtchen Sennheim aus lassen sich der Schauplatz [216] der jüngsten, in dieser Gegend durchgefochtenen Kämpfe und die jetzige Lage auf einem günstig gewählten Beobachtungsstande, woselbst mich der dort befehligende Stabsoffizier Oberstleutnant R. orientiert, gut überblicken. Seit dem Beginn des Feldzuges ist dieses Gebiet hart umstritten worden. Das ganze Wesserlinger Tal und den Talausgang bei Thann halten die Franzosen schon seit den Augusttagen besetzt, vorübergehend hatten sie auch Sennheim in ihrem Besitz, das ihnen indessen schon im September von den Deutschen entrissen wurde, die es seither dauernd halten.

In der Weihnachtswoche versuchten die Franzosen, gleichzeitig mit der allgemeinen, fast auf ihrer ganzen Kampffront einsetzenden Offensive, sich wieder in den Besitz von Sennheim und des einen Kilometer nördlich davon am Ausgange des Tälchens von Steinbach zwischen Weinbergen liegenden Dorfes Uffholz zu setzen. Die Deutschen ihrerseits waren entschlossen, den wichtigen Straßenknotenpunkt Sennheim, an dem die beiden über Thann ins Wesserlingertal und über Maßmünster ins Dollartal führenden Eisenbahnlinien sich verzweigen, zu halten und ein nochmaliges Heraustreten französischer Kräfte in die Rheinebene abzuwehren. Es gelang zwar den Franzosen in der Weihnachtswoche, sich durch einen mit überlegenen Kräften ausgeführten Vorstoß in den Besitz des zwei Kilometer nordwestlich von Sennheim in einem Tälchen gebetteten rebenumkränzten Dorfes [217] Steinbach und der südlich davon liegenden vielgenannten Höhe 425 zu setzen, die Sennheim, den Talausgang von Alt-Thann, das Ochsenfeld, d. h. die südlich der Thur bei Sennheim sich ausbreitende große Talebene und das ganze darauf sich verzweigende Straßen- und Eisenbahnnetz beherrscht. Der unter dem Namen Höhe 425 bekannt gewordene Hügelzug ist etwa zweieinhalb Kilometer lang, verläuft in westöstlicher Richtung und erhebt sich etwa hundertundzwanzig Meter hoch über der Talsohle. Nach Süden fällt er in einem offenen, mit Reben bebauten ziemlich steilen Hange an die dem Talrande folgende Straße Sennheim-Alt-Thann, nach Norden in das Tälchen von Sennheim ab und verläuft nach Osten in einer schmalen Nase, die in den durch die Straßengabelung Sennheim-Steinbach und Sennheim-Thann gebildeten Winkel hineinragt. Der nach Westen in eine kleine Schlucht abfallende Hang ist bewaldet und bot den Franzosen gedeckte Aufstellung ihrer Reserven und gedeckte Annäherung gegen die Höhe. Überhaupt hatten die Franzosen alle Vorteile des Geländes für sich: nach allen Seiten überhöhende, beherrschende, teilweise flankierende und weite Schußfelder bietende Stellungen für Infanterie und Artillerie auf den Terrassen und Abhängen der Ausläufer des großen Belchens.

Der Besitz der Sperrstellung zwischen Sennheim, Steinbach und Alt-Thann ist von entscheidender Bedeutung für die Behauptung der von ihr beherrschten breiten Talebene und der Zugänge [218] zu Mülhausen. Ein weiteres Vordringen stärkerer französischer Kräfte ins Oberelsaß mußte deutscherseits aus politischen und militärischen Gründen verhindert werden. Die damals dort schwachen deutschen Streitkräfte setzten daher den angreifenden Franzosen bei Sennheim, Uffholz und Steinbach einen zähen Widerstand entgegen, und so kam es in dieser Gegend in der Weihnachtswoche und den ersten Tagen des neuen Jahres zu wiederholten hin- und herwogenden Kämpfen, bei denen die Artillerie das große Wort führte. Dabei wurde das schöne Dorf Steinbach vollständig zerstört und bildet heute einen einzigen Trümmerhaufen. Ein betrübendes Bild der Kriegswut. Auch Uffholz und Sennheim sind hart mitgenommen, und in Alt-Thann, das in französischem Besitz ist, wird es nicht viel besser stehen. Die in der Zone des Artilleriefeuers liegenden Ortschaften sind zwangsweise geräumt worden, die Einwohner wurden nach Mülhausen oder hinter den Rhein ins Badische geschafft. Herzergreifende Szenen spielten sich ab, wenn sich die Leute von Haus und Hof trennen mußten, mit der Voraussicht, bei ihrer Rückkehr ihr Heim in Schutt und Asche zu finden. Und doch war die Maßregel notwendig und eine Wohltat für die Bevölkerung, deren Verbleiben zahlreiche Opfer gekostet hätte. Ein beklemmendes, unsäglich drückendes Gefühl beschleicht den unbeteiligten Zuschauer, der die menschenleren Gassen der ausgeräumten Städtchen und Dörfer durchschreitet. [219] Die Ställe stehen leer, die Häuser sind verödet, nur feldgraue Gestalten tauchen da und dort in den Straßen auf.

Am 7. Januar gingen die Deutschen mit verstärkten und frischen Kräften zum Angriff über, um die Höhe 425 wieder zu gewinnen, die ihnen in der Weihnachtswoche verloren gegangen war. Unter dem Schutze der Nacht wurden die Truppen bereit gestellt und bei Tagesanbruch der Kampf eröffnet. Es gelang ihnen, sich nach stundenlangem Ringen auf dem östlichen Teil des Höhenkammes festzusetzen und die Franzosen bis auf die Höhe zurückzudrängen. Der deutsche Angriff wurde wirksam von der Artillerie unterstützt, die aus verschiedenen geschickt gewählten Batteriestellungen aus der Ebene die überhöhenden französischen Stellungen beschoß. In einem wütenden Gegenangriff versuchten die Franzosen die Deutschen wieder aus dem gewonnenen Abschnitt hinauszuwerfen, wurden aber mit beträchtlichen Verlusten zurückgewiesen. Die Deutschen schätzen die Zahl der gefallenen Franzosen auf annähernd fünfhundert. Hundertundfünfzig Unverwundete fielen als Gefangene in ihre Hände. Mit gewohntem Elan und Ungestüm hatten die Franzosen den Angriff eröffnet. Die Deutschen zollen namentlich den französischen Alpenjägern, die hier mitgekämpft haben, das Lob gewandter und tapferer Haltung. Aber es fehlte die zähe Ausdauer, als der Erfolg dem Feuer des Angriffs nicht sogleich entsprach, eine Erscheinung, die von deutschen Frontoffizieren [220] auch in anderen Abschnitten festgestellt wird. Sehr günstig lautet im allgemeinen das Urteil über die französischen Offiziere, über die ich aus dem Munde deutscher Offiziere oft genug Worte höchster Anerkennung und Achtung vernommen habe. Die Ausbildung der Truppe, ihre soldatische Haltung und Ausdauer sind verschieden. Die aus älteren Leuten bestehenden Territorialtruppen, die jetzt vielfach auch als Gefechtstruppe in der Front verwendet werden, werden deutscherseits nicht besonders hoch eingeschätzt.

In Anbetracht der sehr schwer anzugreifenden beherrschenden französischen Stellungen muß die Wiedergewinnung des östlichen Teils der Höhe 425 als ein schöner taktischer Erfolg und als eine rühmliche Waffentat bezeichnet werden. Um den Besitz der Höhe wird weitergekämpft. Über den Kamm hinüber ziehen sich durch die Rebberge vom Südfuße bis in das Tälchen von Steinbach hinunter und von da dem Berghange nach über Uffholz bis gegen Wattweiler die beiden Kampflinien, die sich auf einzelnen Strecken bis auf achtzig Meter gegenüber liegen. Hüben und drüben hat man sich eingegraben. Zwischen den Kämpfenden liegen heute noch die Leichname von über hundert Franzosen. Man versichert mir, daß einem Begehren um Waffenruhe zu ihrer Beerdigung deutscherseits ohne weiteres, ja sogar sehr gerne entsprochen würde. Ein Offizier erzählt mir, daß noch am sechsten Tage nach dem Gefecht vom 7. Januar ein französischer Verwundeter in einen deutschen [221] Schützengraben hereingeholt wurde. Immer rief er von Zeit zu Zeit: Cherchez-moi! J'ai soif! oder ähnliches. Immer wartete er vergeblich, daß seine Kameraden ihn holen würden. Von Mitleid ergriffen, wagten sich etliche deutsche Soldaten auf die Gefahr hin, von der französischen Schützenlinie beschossen zu werden, aus ihrem Graben heraus, hielten ein weißes Tuch hoch und brachten den Verwundeten, während die Franzosen das Feuer einstellten, in Sicherheit.

Schwierig gestalten sich für die Franzosen in diesem Gelände die rückwärtigen Verbindungen und damit die Verpflegungsverhältnisse. Das Wesserlingertal bietet keine großen Hilfsquellen mehr, und der Transport der Lebensmittel über die Vogesenpässe erfordert einen starken Verbrauch an Kräften und Zeit. Insbesondere ist es mit der Verpflegung der kleineren detachierten Abteilungen im Gebirge schlimm bestellt. Aber auch die zwischen Thann und Sennheim stehenden französischen Truppenteile scheinen unter Verpflegungsmangel zu leiden. Wenigstens sahen die bei Sennheim gefangenen Franzosen abgemagert aus und klagten über Hunger.

Die Franzosen, die bei der Zerstörung von Steinbach, das jetzt von beiden Kampfparteien geräumt ist, wie auch im Gefechte vom 7. Januar eine ungeheure Zahl von Granaten und Schrapnells verfeuerten, scheinen in den folgenden Tagen an Munitionsmangel gelitten zu haben. Es trat eine längere Feuerpause ein, die vielleicht auch [222] zum Teil auf die Verpflegungsschwierigkeiten und die Erschöpfung der Truppe zurückzuführen ist. Gerade heute, während meines Aufenthaltes in Sennheim, haben sie zum ersten Male wieder eine lebhaftere Gefechtstätigkeit entfaltet. Im Laufe des Nachmittags entspann sich ein recht lebhaftes Artilleriegefecht. Von den Höhen bei Alt-Thann kommen die Granaten herübergeflogen. Einer der deutschen Offiziere heißt mich aufhorchen. Ich vernehme zum erstenmal mit eigenen Ohren im Bereich eines Gefechts jenes eigentümliche, halb zischende, halb singende, langgezogene Getöse, das Sausen einer Granate. Von unserm Standorte aus haben wir freie Aussicht auf das nahe Uffholz hinüber, auf das ein Hagel von Granaten und Schrapnells niedersaust. Ein dumpfer Schall aus der Richtung von Alt-Thann kündigt jeweilen den Schuß an, dem folgt das Sausen des Geschosses, dann mit einem scharfen Knall der Einschlag der platzenden Granate: eine Staubwolke steigt turmhoch aus einem Gebäude hinter der Kirche auf, wirbelt sich empor und schwebt lange über dem Dorfe, zerstiebt endlich langsam im Westwinde. Es ist die Begleitmusik zu unserer Mahlzeit. Nach wenigen Minuten folgt wieder ein Schuß, begleitet von dem singenden Tone, gefolgt von dem scharfen Klang des Einschlags und einer Staubwolke, die sich diesmal vor der Kirche erhebt, auf deren Turm es anscheinend abgesehen ist. Das Kirchendach zeigt schon von einer früheren Beschießung her eine große Bresche. [223] Rascher folgen sich die dumpfen Schläge von Westen her und die Einschläge im Dorf. Dann und wann hören wir beim Einschlag statt des scharfen Knalls ein fast tonloses kurzes Puffen oder Surren — es sind Blindgänger, die sich im weichen, nassen Erdreich einer Wiese vergraben. So geht es fort, Schuß auf Schuß, in unregelmäßigen Zeiträumen. Eine Staubwolke nach der anderen erhebt sich und entflieht. Den Granaten folgen bald die Schrapnells. Hell heben sich die bläulichweißen Wölkchen der auf Zeitzündung explodierenden Geschosse ab, deren Sprengstücke sich als Garbe über das Dorf zerstreuen. Ich wage die bescheidene Frage, was eigentlich diese Beschießung bezwecke. Mit Achselzucken antwortet der Offizier: Weiter nichts, als uns zu beunruhigen. Die Franzosen halten es für möglich, daß Uffholz von unsern Truppen besetzt ist, und das genügt, um es zu beschießen.

Bald richtet sich das Feuer auch gegen die Schützengräben, und aus den Infanterielinien tönt lebhaftes Knattern herüber.

Wie ruhig alles bleibt! Kein Mensch regt sich auf. Ein Offizier geht ans Telephon, nimmt Meldungen ab, gibt Weisungen, Befehle, stellt Fragen: Wird Gefechtsstand Nr.... bei ... beschossen? Erhält Schützengraben Nr.... Artilleriefeuer? Batterie Nr.... bei ... soll französische Stellung bei ... beschießen. Waldstück Höhe 425 ist unter Feuer zu nehmen. Dort [224] wurden nämlich von einem Beobachtungsstande verdächtige Bewegungen gemeldet, die darauf schließen lassen, daß versucht werde, dort eine französische Batterie in Stellung zu bringen. Ruhig, an Hand der Karte und der fortwährend am Fernsprecher einlaufenden Meldungen, wird das Gefecht geleitet.

Die deutschen wie die französischen Batterien sind gedeckt, unsichtbar. Aus einer Mulde hinter einer Waldterrasse am Berge nordwestlich Uffholz steigen schwache Räuchlein auf, es sind Kochstellen der Franzosen. Sie erhalten ihr Teil an dem Eisenhagel zugemessen.

Das französische Artilleriefeuer ist inzwischen von den deutschen Batterien kräftig erwidert worden. Ihre Geschosse fliegen über Sennheim hinweg. Passen Sie auf, jetzt werden die Franzosen bald auch ihr Feuer auf Sennheim richten, sagt der Offizier zu mir. Richtig! Nach einiger Zeit schlagen die Granaten im westlichen Stadtteile von Sennheim, der schon stark gelitten hat, ein. Wäre der Standort des Beobachtungspostens, von dem aus wir dem Kampfe folgen, den Franzosen bekannt, so würde unser Mahl, das wir im Donner der Kanonen einnehmen, etwas scharf gewürzt, doch wir haben Dusel und bleiben unbehelligt. Der Kanonendonner verstärkt sich. Dem Einzelfeuer folgen ganze Lagen, Batteriesalven, hüben und drüben. Im westlichen Stadtteil von Sennheim ist ein großes Gebäude durch das französische Feuer in Brand geschossen worden. [225] Eine schwarze Rauchwolke steigt zum Himmel empor. Am Fernsprecher wird gemeldet, daß zwei Mann durch Granatsplitter verwundet sind.

Die Abenddämmerung ist mittlerweile eingebrochen. Heute abend ist Ablösung der Vorposten und der Besatzung der Schützengräben. Dabei hat der Berichterstatter nichts zu schaffen. Die Vorbereitungen dazu werden nach Einbruch der Dunkelheit alle Offiziere in Anspruch nehmen. Die Zeit ist gekommen, mich zu verabschieden. Aus dem brennenden Gebäude steigt jetzt eine mächtige Feuersäule empor, die meinen Rückweg nach Wittelsheim beleuchtet. Das Geschützfeuer wird mit zunehmender Dunkelheit schwächer und schwächer und verstummt endlich ganz, als ich in Wittelsheim anlange, wo ich erfahre, daß einige französische Granaten auch dort hinüber geflogen sind. Im Kraftwagen fahre ich nach Mülhausen zurück. In der stockdunkeln Nacht begegnen mir lange Wagenkolonnen und Kompanien, die auf dem Marsch in die vordere Linie sind. In lautloser Stille bewegen sich die düsteren Kolonnen der Feldgrauen durch das Dunkel der stürmischen Nacht.

Im sturmkündenden Morgenrot war der Tag aufgegangen, im Feuerrot des Kriegsbrandes und im Sturmwinde geht er zur Neige.

II
Bei Ober-Burnhaupt

Ein Sturm von seltener Heftigkeit hatte in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar getobt, [226] in Strömen war der Regen geflossen. Und immer noch heulte bei Tagesanbruch der Wind und peitschte die Regenschauer an die Wände des Kraftwagens, der mich auf das Gefechtsfeld von Ober-Burnhaupt führte, wo am 7. Januar ein mit stark überlegenen Kräften angesetzter und kraftvoll begonnener Vorstoß der Franzosen von den Deutschen zum Stehen gebracht und am 8. Januar nach Heranziehung von Verstärkungen im Gegenangriff wuchtig abgeschlagen worden ist.

Die Fahrt ging über Dornach, Niedermorschweiler und Heimsbrunn, Kampfgebiet des Franzoseneinfalls in den Augusttagen letzten Jahres. In Dornach, dessen Westfront damals von den Franzosen in Trümmer geschossen wurde, sind schon manche Spuren der Verwüstung wieder ausgebessert. Die Massengräber, die ich hier Ende September besucht habe, sind wohlgepflegt und reich geschmückt mit Kränzen. Vorüber. Nieder-Morschweiler und Heimsbrunn sind angefüllt mit deutschen Truppen. Die Leute sind über und über vom Kot bespritzt, das Feldgrau verschwindet im Gelb des schmutzigen Lettebodens. In der wasserreichen, von vielen kleinen Bächen durchschnittenen Gegend zwischen Heimsbrunn und Nieder-Burnhaupt ist die Straße streckenweise unter Wasser gesetzt. Hoch spritzt der Gischt am durchfahrenden Kraftwagen auf. Weithin glänzen die Wasserflächen der über die Ufer getretenen Doller, die Wiesen und Äcker unter Wasser gesetzt hat. [227] Von Nieder-Burnhaupt an begleitet mich ein Bataillonskommandeur, Major M. der das Gefecht vom 7./8. Januar geleitet hat, auf das Gefechtsfeld. Die Straße von Nieder- nach Ober-Burnhaupt liegt offen unter dem Feuer einer französischen Batteriestellung. Der Major befiehlt dem Fahrer, das Zeitmaß zu beschleunigen. In Ober-Burnhaupt steigen wir aus. Das Wetter hat sich aufgehellt und gestattet die Übersicht über das Gefechtsfeld und die gegenwärtige Lage. Die Vogesen glänzen im Neuschnee. Vorsichtig die offenen, von den Franzosen eingesehenen Stellen vermeidend, führt mich der Major auf eine mit Schützengräben gekrönte Anhöhe bei Ober-Burnhaupt, wo ein schöner Überblick sich bietet. Rechts gegen Norden liegt an der Doller das Gehöft Exbrücke, noch weiter nördlich gegen Sennheim zu Nieder-Asbach, das in deutschem Besitz ist, während die Franzosen Ober-Asbach besetzt halten. Vor dem Abschnitt Exbrücke-Ober-Burnhaupt liegt gegen Westen ein ausgedehnter Forst, der Eichwald, gegenüber Nieder-Burnhaupt ein anderes Gehölz, der Buchwald. In und hinter diesen Waldungen liegen in Gewenheim, Nieder-Sulzbach, Gildweiler die Franzosen, deren vor die Waldungen vorgeschobene Schützengräben deutlich erkennbar sind. Gegenüber Exbrücke tritt die französische Vorpostenstellung beim Bahnhof Burnhaupt, der an einer vorspringenden Waldecke am Knie der hier scharf nach Westen umbiegenden Bahnlinie Sennheim-Masmünster liegt, besonders nahe an die deutsche Linie heran. [228] Die in der deutschen Stellung liegenden Dörfer Ober- und Nieder-Burnhaupt sind, gleich wie Nieder-Asbach, Sennheim und Uffholz nach Weihnachten, als die Franzosen damit begannen, täglich ihr Artilleriefeuer auf sie zu richten, ausgeräumt worden. In Nieder-Burnhaupt waren die Bewohner während einer besonders heftigen Beschießung in einen großen Keller geflohen. Als ganz in der Nähe eine Granate einschlug, stürzten achtzig Kinder auf die Straße und liefen in wahnsinniger Angst im Dorfe herum, bis ein Offizier sie anwies, nach Heimsbrunn zu fliehen. Sie folgten dem Rat, und wie durch ein Wunder kamen sie alle heil davon. Daraufhin erfolgte dann die Wegschaffung der Einwohner, die ihre Wohnstätten unter heftigen Ausbrüchen des Abschiedschmerzes verließen. Auch das Vieh wurde weggeschafft, nur zwei Milchkühe wurden zurückbehalten und werden jetzt von den deutschen Soldaten gefüttert und gemolken. Auch ein Hühnerhof ist noch bevölkert, dessen Insassen jetzt anfangen, Eier zu liefern. Hinter den Fenstern einzelner Häuser leuchten rote, jetzt von deutschen Soldaten gepflegte Geranien. Der westliche Dorfteil von Ober-Burnhaupt ist stark mitgenommen. Die Kirche samt dem Turme wurde von den Franzosen in Trümmer geschossen.

Das nächtliche Ortsgefecht von Ober-Bundhaupt hat folgenden Verlauf genommen. Am 7. Januar vormittags eröffneten die Franzosen aus ihren gut versteckten Batteriestellungen hinter [229] den Wäldern ein sehr lebhaftes Feuer gegen Ober-Burnhaupt, das sie den ganzen Tag über fortsetzten. Bei Einbruch der Nacht wurde das Feuer besonders heftig, namentlich der westliche Teil von Ober-Burnhaupt und die davorliegenden Schützengräben wurden unter Feuer genommen. Die französische Artillerie verfuhr in diesem Kampfe in sehr geschickter Weise. Die Batterien waren zugweise, mit je zwei Geschützen, auseinander gezogen. Öfters wurde das Feuer in einer Stellung unterbrochen und von einer anderen aufgenommen, so daß das Einschießen der deutschen Artillerie sehr erschwert wurde. Im Laufe des Nachmittags gingen mehrere französische Kompanien von den Sulzbacher Höhen gegen und durch den Eichwald vor und besetzten die Vorstellung. Besonders stark wurde der Bahnhof Burnhaupt gegenüber Exbrücke besetzt. In den Schützengräben vor Ober-Burnhaupt lag zu der Zeit eine einzige deutsche Kompanie. Gegen Abend, bei Einbruch der Dunkelheit, rückten die Franzosen mit starken Kräften gegen Ober-Burnhaupt vor und drückten die deutsche Stellung in der Mitte ein. Es herrschte ein orkanartiger Sturm, und ein heftiger Platzregen ging nieder, so daß es den Franzosen möglich war, zwei deutsche Schützengräben zu nehmen, bevor die Horchposten das Vorrücken gemeldet hatten. Ihre Besatzung wurde zum Teil gefangen oder erschossen. Nur ein Unteroffizier mit zwölf Mann blieb zurück und schloß sich in einem Unterstand [230] ein. Im späteren Verlaufe des Gefechts suchte ein Trupp sich zurückziehender Franzosen in diesem Graben Schutz vor dem Feuer eines deutschen Maschinengeschützes und wurde von der zurückgebliebenen deutschen Gruppe gefangen genommen.

Die Franzosen waren in den westlichen Dorfteil von Ober-Burnhaupt bis zu der Häusergruppe an der Kirche vorgedrungen und hatten sich dort in die Häuser eingenistet. Sie zeigten hier wiederum ihre bekannte Geschicklichkeit im Ortskampfe. An den Schießscharten, die sie durch Ausheben von Ziegeln und Bohren kleiner Löcher in die Mauern der Häuser schufen, ist noch jetzt ersichtlich, wie gut sie sich einzurichten wußten.

Die schwachen deutschen Abteilungen, welche rechts und links von der eingedrückten Front in Schützengräben lagen, hatten noch standgehalten. Abends sieben Uhr trafen zwei deutsche Kompanien als Verstärkung in Ober-Burnhaupt ein, besetzten nach den Weisungen des Bataillonskommandeurs die Hofeingänge der Häuser an der Hauptstraße und wiesen einen dreimaligen Versuch der Franzosen, weiter in das Dorf vorzudringen, durch Feuer zurück. Gegen zehn Uhr kamen aus Nieder-Burnhaupt zwei weitere Kompanien nebst einer kleinen Abteilung Pioniere an, die, unterstützt vom Infanteriefeuer, mit Wurfgranaten gegen die von den Franzosen besetzten Häuser vorgingen. Zugleich wurde eine Infanterieabteilung nördlich umfassend um das [231] Dorf herum vorgeschickt. Es entspann sich nun ein erbitterter Ortskampf, in dem Haus für Haus mit Granaten und Gewehrfeuer beschossen und schließlich mit dem Bajonett gestürmt wurde. Eine Barrikade, welche die Franzosen über die Straße errichtet hatten, wurde gleichfalls gestürmt. Bei der Durchsuchung der besetzten Häuser wurden viele Gefangene gemacht.

Noch aber war das Dorf nicht gesäubert. Da der Vorrat an Handgranaten bald verbraucht war, ein bloßer Infanterieangriff mit den schwachen Kräften aber zu verlustreich gewesen wäre, so wurde zunächst das Eintreffen neuer Verstärkungen aus Nieder-Burnhaupt und eines neuen Vorrates an Handgranaten abgewartet. Als diese Nachschübe um viereinviertel Uhr morgens eintrafen, wurde die nördlich des Dorfes vorgesandte Umgehungsabteilung verstärkt, mit dem Auftrag, dem Feinde den Rückzug zu verlegen. Der Ortskampf dauerte die ganze Nacht weiter. Verschiedene Versuche, die Franzosen aus dem Dorfe hinauszuwerfen, mißlangen zunächst, da die Franzosen die Angreifer mit einem wütenden Feuer aus den Häusern überschütteten. Als der Tag anbrach, war der westlich der Kirche vorspringende Dorfteil immer noch in den Händen der Franzosen. Nun wurde auch eine Kompanie dem südlichen Dorfrande entlang eingesetzt, und der nördliche Angriffsflügel in der Richtung Bahnhof-Burnhaupt abermals verlängert und verstärkt. Langsam wurde Boden gewonnen. Der Angriff auf den westlich [232] vorspringenden Dorfteil wurde mit frischen Truppen wieder aufgenommen. Jedes einzelne Haus mußte gestürmt werden, in allen Häusern wurden Gefangene gemacht.

Als der Tag heller wurde, setzten die Franzosen neue überlegene Kräfte in den Kampf ein und suchten den Deutschen das wiedergewonnene Dorf neuerdings zu entreißen. Von acht Uhr an gingen dichte Abteilungen aus dem Eichwald in Abständen von hundert zu hundert Metern gegen das Dorf vor. Sie wurden von einer deutschen Batterie unter Feuer genommen und wichen zum Teil zurück. Der Rest wurde zum Stehen gebracht. Um zehn Uhr rückte ein französisches Bataillon vom Bahnhof Burnhaupt gegen den Abschnitt Exbrücke-Ober-Burnhaupt vor. Es wurde von der erwähnten deutschen Batterie unter Feuer genommen und flutete in Unordnung in den Eichwald zurück. Weitere Kolonnen, die gleichzeitig aus der Südostecke des Eichwaldes vorbrachen, wurden durch das Feuer einer anderen Batterie und durch das wohlgezielte, ruhige Infanteriefeuer der Deutschen zurückgetrieben. Ober-Burnhaupt wurde von den Deutschen behauptet.

Den ganzen Tag über wurde noch weiter gekämpft. Erst gegen Mittag gelang es den Deutschen, den Nordwestrand des Dorfes vollständig vom Feinde zu säubern. Reservekompanien wurden als Rückhalt für den Fall eines Rückschlages vorgezogen und in der Nähe bereit gestellt. Beim Rückzug aus dem Dorfe und aus [233] den von ihnen besetzten deutschen Schützengräben erlitten die Franzosen, die in dichten Haufen zurückfluteten, große Verluste. Ein deutsches Maschinengewehr trat hier flankierend ins Gefecht ein.

Noch einmal versuchten die Franzosen die verlorenen Stellungen wieder zu nehmen, von fünfeinviertel Uhr abends an nahmen sie die von den Deutschen wieder besetzten Schützengräben am westlichen Dorfrande und das Dorf selbst unter ein heftiges Artilleriefeuer. Mehrere Häuser gingen in Flammen auf. Gegen sieben Uhr abends erfolgte der letzte Versuch, wieder in den Besitz der deutschen Schützengräben zu gelangen, aber die Stoßkraft der Franzosen war erlahmt, der Angriff wurde mühelos unter starken Verlusten für den Gegner abgeschlagen. Mit Unterbrechungen dauerte das Infanteriefeuer noch die ganze folgende Nacht an. Am Morgen des 9. Januar war bei Anbruch der Tageshelle kein Feind mehr vor der deutschen Front zu sehen. Das Vorfeld war mit Toten und Verwundeten bedeckt. Die französischen Verluste werden auf neunhundert bis tausend Mann berechnet, dreihundertundfünfzig Mann, darunter zwei Hauptleute, wurden gefangen, ein Maschinengewehr erbeutet. Die Gefangenen gehören vier verschiedenen Regimentern an. Die Verluste der Deutschen an Toten, Verwundeten und Vermißten betragen rund einhundertundfünfzig Mann. Gefallen sind deutscherseits vier Offiziere, darunter ein Hauptmann, und dreiunddreißig Mann. [234] Das Gefecht von Ober-Burnhaupt vom 7. und 8. Januar ist ein typisches Beispiel eines Orts- und Nachtgefechtes mit allen seinen Überraschungen, Zufälligkeiten und Zwischenfällen, die hier nicht in allen Einzelheiten verfolgt werden konnten. Daß die Gefechtsleitung bei der oberen Führung Anerkennung gefunden hat, wurde dadurch kundgemacht, daß als Losungswort für den folgenden Tag der Name des Majors M. ausgegeben wurde.

Begleitet von einigen Offizieren besuchte ich nach der Begehung des Gefechtsfeldes noch die St. Theodorskapelle in Nieder-Burnhaupt, einen vielbesuchten Wallfahrtsort. Sie ist von den Franzosen während ihres Einfalles als Unterkunft benützt worden und befindet sich jetzt in recht verwahrlostem Zustande. Die Kirchenstühle sind herausgeschafft und entweder als Brennmaterial oder zu anderen militärischen Zwecken verwendet worden. Über dem Buchwald ragt ein zerschossener Turm empor: der Kirchturm von Gildweiler, auf dem die Franzosen einen Beobachtungsposten errichtet hatten. Das Haus, in dem vorher der Ortskommandant Quartier und Telephonzentrale eingerichtet hatte, war von den Franzosen beschossen worden und zeigt eine mächtige Bresche von einer Granate. Vor verschiedenen Häusern sind die Soldaten damit beschäftigt, die Kellerlöcher mit Mist zuzudecken, um die Keller bei einer Beschießung als bombensichere Unterstände benützen zu können. [235] Im Laufe des heutigen Nachmittags haben die Franzosen zum ersten Male seit den Gefechten vom 7. und 8. Januar wieder ein lebhaftes Artilleriefeuer gegen Ober-Burnhaupt und Exbrücke eröffnet. Ich genieße den Vorzug, es aus einem weite Rundsicht[ [Korrektur für: Rundsucht]] bietenden Beobachtungs- und Befehlsstand verfolgen zu dürfen. Die Stellung einer französischen Batterie in einer Mulde hinter dem Walde bei Nieder-Sulzbach ist an einer schwachen Rauchentwicklung deutlich erkennbar. Ober-Burnhaupt ist das Hauptziel der Beschießung, ein weißes Wölklein, von einem Schrapnellschuß herrührend, schwebt alle Augenblicke über dem Dorfe. Es ist erheblich weniger gemütlich in dem Dorfe, als heute vormittag, wo ich sorglos mit dem Major das Dorf und seine Umgebung durchschlenderte und mir das Nacht- und Ortsgefecht schildern ließ. Die deutschen Batterien antworten den französischen. Im Beobachtungsstand erfahre ich, mit welch peinlicher Vorsicht die Beobachter sich benehmen, um sich der feindlichen Aufmerksamkeit zu entziehen. Keine Hand, kein Gesicht darf sich der Luke nähern, zurückgebeugt in Halbdunkel streift der Beobachter mit seinem Feldstecher das Gesichtsfeld ab. Der Schimmer einer weißen Hand, eines Gesichts, das Glas eines Feldstechers könnte den Stand dem feindlichen Beobachter verraten. Denn sie beobachten verteufelt gut, sagte der Offizier warnend zu mir, als ich in harmloser Unvorsichtigkeit Hand und Gesicht und Feldstecher dem Ausguckloch zu sehr ||| [236] näherte, um bequemer beobachten zu können. Flugs hätten wir eine Granate auf dem Kopf, wenn der Stand entdeckt wäre. Darum Vorsicht! So mahnt wiederholt und dringend der Beobachtungsoffizier. Beobachtungsstände erfreuen sich bei beiden Parteien einer ganz besonderen Vorliebe und Aufmerksamkeit der Batterien.

Am Fernsprecher des Beobachtungsstandes sitzt ein Unteroffizier und wiederholt dem Offizier die eingehenden Meldungen über die eigene Feuerwirkung, über Verluste, über vom Feinde unter Feuer genommene Punkte, über die eigenen Ziele, Meldungen, und Befehle und Anfragen gehen aus und ein, alles geht seinen Gang in vorbildlicher Ruhe unter dem Donner der Geschütze. Von Thann und Sennheim her ist während den Feuerpausen im Gefechtsabschnitt Ober-Burnhaupt heftiges Artilleriefeuer vernehmbar. Am Scherenfernrohr des Beobachtungsstandes meldet der Unteroffizier: Feuer in Alt-Thann. — Eine mächtige Rauchsäule steigt auf. Durch das Fernrohr kann ich deutlich das Feuer züngeln sehen. Mit zunehmender Dämmerung nimmt das Geschützfeuer allmählich ab. Die einbrechende Nacht macht ihm ein Ende.