Der Herr von der Hölle

Textdaten
Autor: Friedrich Gerstäcker
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Herr von der Hölle
Untertitel: Eine zweifelhafte Geschichte
aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft. Band 5, 1870, S. 385–412
Herausgeber: Ernst Dohm und Julius Rodenberg
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: A. H. Payne
Drucker:
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: MDZ München und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[385]
Der Herr von der Hölle.
Eine zweifelhafte Geschichte.
Von Fr. Gerstäcker.




1. Kapitel.
In Verzweiflung.

Ueber dem freundlichen Lahnthal stand der Mond[1] und warf sein mildes Licht auf die bewaldeten Höhen, auf den blitzenden kleinen Strom und auf einen von Menschen schwärmenden Platz nieder, der sich aber dort unten seinen eigenen Lichterglanz gebildet hatte und wahrlich den sanften Schmelz nicht achtete, der da draußen, in unbeschreiblichem Zauber, auf der Landschaft lag.

Wunderliche Welt! wunderliches Menschenvolk darin, das sich überall einnistet und ausbreitet und die Natur selber seinen Leidenschaften dienstbar macht.

Oben auf den Bergen lag der stille Frieden Gottes. Versteckt auf der in Myriaden von Thauperlen funkelnden Wiese, die schlanken, geschmeidigen Körper scharf in dem Schatten der Mondenstrahlen abgezeichnet, äfte sich ein kleines Rudel Rehwild, und darüber hin strich die Nachtschwalbe mit ihrem melancholischen Ruf – die Grille zirpte und leise rauschte in der vom Rhein herüberwehenden Brise das junge saftige Buchenlaub. Unten aber im Thal, aus der Erde Grund herauf, quoll geheimnißvoll aus räthselhafter Tiefe der heiße Quell – noch Blasen werfend in der kühlen Abendluft, wie er sich den unterirdischen Gluthen eben entrungen, und daneben, ja sogar darüber, hatte das Menschenvolk seine Wohnungen selbst in den starren Fels hinein gebohrt und hauste da nach Herzenslust.

Wie ein Palast hob es sich dort mit hohen, luftigen und jedem nur erdenkbaren Luxus ausgestatteten Räumen, von rauschender Musik durch strömt, von zahllosen Lampen erhellt und mitten darin, das Centrum des Ganzen bildend – der eigentliche Blocksberg, zu dem in der Nacht des ersten Mai der böse Feind seine Anhänger zieht, sie dort zu einem wilden Fest vereinigend –, standen die grünen Tische mit Gold, Silber und Banknoten bedeckt. Das Auge der Opfer, die sich um die gefährlichen [386] Stellen drängten, sah aber nicht den milden Mondenglanz, der draußen an den Hängen lag – ihr Ohr vernahm nicht einmal die rauschende Musik umher, viel weniger noch das geheimnißvolle Murmeln der unterirdischen Quellen, denn nur an dem blitzenden, klingenden Gold auf den Tischen hingen die Sinne. Was kümmerte sie die Welt und wenn sie sich in ihrer ganzen Pracht entfaltet hätte!

Aus den hell erleuchteten Räumen in die Mondnacht hinein schritt eine kleine schmächtige Gestalt, das Antitz todtenbleich, das dünne röthliche Haar wirr um die Schläfe hängend und dabei so vollständig rath- und gedankenlos, daß er selbst ohne Hut hinaus in’s Freie wollte. Der Portier an der Thür wußte aber besser, was sich schickt; er war außerdem Menschenkenner und hatte die kleine dürftige Gestalt schon aufmerksam betrachtet, als sie die erleuchtete Halle nur betrat — ja sogar dem fadenscheinigen Rock den Eintritt verweigern wollen. Jetzt reichte er ihm schweigend und mit einem bedauernden Achselzucken – denn ein Trinkgeld stand nicht in Aussicht – den Hut und der kleine blasse Mensch stürmte hinaus – fort. Und nicht einen Blick warf er umher – zwischen den Bänken, Tischen und Stühlen, die draußen unter den Schattenbäumen im Freien standen, wand er sich hindurch, der schmalen eisernen Brücke zu, die über die Lahn führte. Diese überschritt er; an dem Bassin vorüber, in welchem die heißen Wasser abgekühlt werden, ging er, den Blick fest auf den Boden geheftet, – drüben passirte er das letzte Haus und schlug sich dann, hügelan, in ein kleines Wäldchen hochstämmiger süßer Kastanien hinein, das, von Blüthen bedeckt und wie mit Silber übergossen, seine ganze Pracht entfaltete.

Aber was kümmerte den Unglücklichen die herrliche Mondnacht und der Schmelz der Blüthen. Finstere Gedanken zerquälten sein Hirn und mit festverschränkten Armen schritt er durch den kleinen Kastanienhain bis zum oberen Rand hinan, wo er sich aus Sicht von jeder menschlichen Wohnung, von jedem begangenen Weg befand. Dort erst hielt er an und warf den scheuen Blick umher.

Es dauerte übrigens nicht lange bis er Das gefunden, was er zu suchen schien: einen starken, gerade ausgehenden Ast eines der stärkeren Kastanienbäume und dort – wie an einem Ziel angelangt, die Stirn in finstere Falten gezogen, das Auge düster drohend, schleuderte er seinen Hut zu Boden und begann seine Vorbereitungen zu einem letzten, verzweifelten Schritt.

Er knöpfte seine Weste auf und schlang ein nicht dickes, aber sehr festes Seil los, das er sich um die Taille gewunden hatte. Dann, ohne sich auch nur einen Moment zu besinnen, machte er mit kundiger Hand an dem einen Ende eine Schleife und warf das andere Ende über den Ast.

Hier aber traf er auf eine Schwierigkeit, auf die er anfangs nicht gerechnet haben mochte. Der Ast stand vortrefflich aus, aber er war für seine kleine Statur zu hoch, wie der Baum ebenfalls zu dickstämmig, um ihn zu erklettern – der angehende Selbstmörder schien wenigstens in solchen gymnastischen Künsten nicht geübt.

[387] Er hielt jetzt einen Moment in seiner Arbeit inne, um sich zu überlegen wie er dies Hinderniß am besten überwinden könne. Es war auch in der That nicht so leicht und er dachte gerade daran, sich vielleicht einen bequemeren Baum auszusuchen, als er plötzlich zusammenschrak; denn dicht und unmittelbar neben sich hörte er eine Stimme, die mit der größten Ruhe und Unbefangenheit sagte:

„Der Baum ist ein bischen unbequem – Sie hätten sich einen etwas niedrigeren Ast aussuchen sollen. Ich glaube der dort drüben wäre besser geeignet.”

Der Selbstmörder fuhr, wie von einer Natter gestochen herum und sah, unter den Bäumen, aber gerade von einem Strahl des hindurchbrechenden Mondlichtes getroffen, die Gestalt eines anständig gekleideten Herrn, der dort mit dem Rücken an dem Stamm einer Kastanie lehnte und allem Anschein nach schon dort gewesen sein mußte, als er selber den Platz betrat; denn die Schritte eines Nahenden hätte er jedenfalls gehört. Der aber doch zur Verzweiflung getriebene junge Mensch war nicht in der Stimmung, Rücksicht auf irgend Jemanden zu nehmen. Was hatte der Lauscher hier zu thun? ihn am seinem Vorhaben zu verhindern? Die Folgen über ihn, und mit seiner rechten Hand blitzesschnell in die Tasche greifend, zog er ein kleines Einschlagmesser heraus, öffnete dasselbe rasch und sagte dann mit drohender Stimme:

„Was wollen Sie hier? Wie sind Sie hierhergekommen? Beim Himmel, wenn Sie versuchen wollten mich hier zu stören, so haben Sie sich an den falschen Mann gewandt. Wo ich im Begriff bin mein eigenes Leben in die Schanze zu schlagen, können Sie sich wol denken, daß ich keine Rücksicht auf das eines Fremden nehme. Fort von hier! Wenn Sie nur den geringsten Versuch machen sollten mir zu nahen, so renne ich Ihnen dies Messer in den Leib.”

„Aber, verehrter Herr“, sagte der Fremde, ohne sich durch die Drohung einschüchtern zu lassen, oder auch nur eine Bewegung zu machen, als ob er dem Gebot Folge leisten wolle, „ich habe nicht die entfernteste Absicht Sie zu stören, oder Ihnen in einem guten Vorsatz hinderlich zu sein. Ich stehe Ihnen im Gegentheil mit Vergnügen zu Diensten, wenn ich Ihnen dabei in irgend Etwas nützen kann.”

Der Unglückliche betrachtete ihn noch immer mißtrauisch. Es war eine nicht übermäßig große, schlanke Gestalt mit regelmäßigen, aber blassen Gesichtszügen – oder gab ihm nur das grelle Mondlicht diese Färbung? Nach der neuesten Mode gekleidet, quollen unter seinem Cylinderhut volle, rabenschwarze Locken vor und indem er jetzt den leichten Ueberrock zurückschlug – als ob ihm etwas warm darunter würde, zeigten sich verschiedene bunte Decorationen auf seiner Brust. Er gehörte jedenfalls den höheren – wenigstens den bevorzugten Ständen an.

„Ich verstehe Sie nicht”, sagte der Unglückliche, nachdem er den Fremden ein paar Momente in düsterem Schweigen betrachtet hatte; „Sie wollen mir helfen, meinem Leben ein Ende zu machen, das ich nicht im Stande bin länger zu ertragen? Weshalb?"

[388] „Sie nennen gleich den Grund mit“, sagte der Fremde mit einer leichten Handbewegung. „Wenn Sie wirklich nicht im Stand sind es länger zu ertragen, so ist es Ihnen doch eine Last und was sollte mich da abhalten Ihnen zu nützen? Weil die Handlung vielleicht ungesetzlich ist? Die Sache würde komisch sein, wenn sie nicht auch ihre ernste Seite hätte – aber entschuldigen Sie“, unterbrach er sich selber, „wenn ich Sie durch mein Geschwätz so lange aufhalte. Der Ast da ist Ihnen ein wenig zu hoch, ich habe aber, als ich hierher kam, dort drüben eine kleine Leiter stehen sehen, die der Gärtner wahrscheinlich zu irgend einem Zweck benutzt; ich glaube, daß dieselbe Ihrem Zweck vollständig genügen wird und wenn Sie erlauben hole ich Ihnen dieselbe – ich bin den Augenblick wieder hier.” – Ohne auch nur eine Antwort abzuwarten ging er vielleicht zwanzig Schritt unter den Bäumen hin und kehrte wirklich gleich darauf mit einer kleinen Leiter zurück, die er neben dem Unglücklichen mit der unbefangensten Miene von der Welt an den Baum lehnte.

Der Selbstmörder hatte ihn noch immer dabei im Verdacht, daß Alles dieses nur ein Vorwand sei, um an ihn hinan zu kommen, damit er plötzlich auf ihn springen und ihn an der That verhindern könne; er trat auch ein paar Schritte von dem Mann zurück und hielt das gezückte Messer noch immer in der Hand – fest entschlossen keiner menschlichen Gewalt zu weichen. Der Fremde aber achtete nicht einmal auf die drohende Bewegung; er nahm in der That gar keine Notiz von dem jungen Mann und als er die Leiter so gestellt hatte, daß man jetzt von ihm aus bequem den Ast erreichen konnte, wandte er sich wieder ab, ging zu seiner alten Stelle und sagte dann ruhig:

„So, lieber Freund, jetzt sind Sie nicht im Geringsten mehr gehindert; wenn Sie die Schlinge gemacht und um den Hals gelegt haben, brauchen Sie nur die Leiter mit den Füßen umzustoßen und das Resultat wird ein vollständig befriedigendes aein. – Bitte, geniren Sie sich auch nicht etwa meinetwegen; ich bin schon sehr häufig Zeuge solcher oder ähnlicher Handlungen gewesen und vollständig daran gewöhnt.“

Der junge Mensch war, als er diese Stelle betrat, fest entschlossen seinem wahrscheinlich verfehlten Leben ein Ende zu machen und er hätte auch alle Schwierigkeiten, die sich ihm da in den Weg stellen konnten, in seiner, doch nun einmal verzweifelten Stimmung überwunden. Dieses Entgegenkommen eines Fremden aber, diese wahrhaft entsetzliche Gefälligkeit, mit der er die Hand lieh, einen Mitmenschen zum Selbstmörder zu machen, ja das kalte ironische Lächeln, das auf seinen Zügen lag, strich ihm doch wie ein eisiger Reif über die Seele und starr den Blick auf ihn geheftet rief er:

„Mensch oder Teufel, der Du bist – hebe Dich weg von mir! – Eine eigene Angst überkommt mich in Deiner Nähe – fort und laß mich allein sterben.“

Ein Lächeln flog über die Züge des Fremden.

„Es ist sehr freundlich von Ihnen“, sagte er, „daß Sie mich mit [389] dem vertraulichen Du anreden und wenn Sie nicht in solcher entsetztlichen Eile wären, die mondbeschienene Erboberfläche zu verlassen, so könnte es vieleicht zu einer näheren Bekanntschaft führen – doch die Menschen sagen: des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und wer sich aus diesem Himmelreich selber eine Hölle machen will, dem“, setzte er achselzuckend hinzu, „kann man es natürlich nicht wehren. Ich störe außerdem nie ein Vergnügen – also à revoir mon cher, denn – wenn Sie Ihren Vorsatz ausführen, soupiren wir vielleicht heute Abend noch zusammen.“

Damit lüftete er leicht den Hut, drehte sich ab und wollte den Platz eben verlassen, als der junge Verbrecher, vielleicht durch die Verzögerung und das Zusammentreffen mit einem Fremden – möglicher Weise auch durch die entsetzliche Bereitwilligkeit wankend gemacht, mit der dieser ihn in seinem Vorsatz zu bestärken schien, ihn noch einmal anrief:

„Und ist das alle Hülfe, die Sie mir leisten wollten?”

Der Fremde drehte sich lachend um und sagte:

„Wünschen Sie vielleicht Geld von mir zu borgen?”

Teufel!” knirschte der junge Verbrecher zwischen den Zähnen, wandte sich ab und ergriff jetzt entschlossen die Leiter – was auch hatte er auf Erden noch zu suchen – aber der Fremde schien sich anders besonnen zu haben. Er ging nicht, sondern kehrte um, kam bis auf fünf Schritte etwa, wo der junge Mann schon die Schlinge befestigte, heran und sagte:

„Hören Sie einmal, lieber Freund. Sie scheinen mir ein nicht unbedeutendes Ahnungsvermögen zu besitzen. Warten Sie noch einen Augenblick mit Ihrer Abreise, es wäre doch möglich, daß ich auch hier auf Erden noch eine Beschäftigung für Sie fände.”

Sie? für mich?“ sagte der junge Selbstmörder mit finsterem Blick „Wer sind Sie denn überhaupt?”

„Der Teufel“, sagte der Fremde ruhig – und nur mit einem leisen spöttischen Zug um die Lippen. „Sie nannten ja vorhin meinen Namen.“

„Der Teufel?“ rief der Unglücliche und ein eigenthümliches Zittern flog über seinen Leib – die stille Nacht – der fahle Mondschein, der einsame Ort, ja die unheilige Absicht selbst, in der er sich hier befand, das Alles mochte zusammenwirken, um sein Herz mit einem unbestimmten Schauder zu erfüllen – aber das konnte doch nur Momente dauern und mit heiserer Stimme lachte er wild auf.

„Das wäre in der That ein sehr vortrefflicher Gesellschafter für meine Reise – wenn es überhaupt einen Teufel gäbe. – Nur so viel ist sicher, ein Herz haben Sie nicht, oder Sie könnten nicht mit einem Menschen in meiner Lage Ihren Scherz noch treiben. Fort! Sie sind nicht im Stande mir zu helfen.“

„Das käme auf einen Versuch an“, sagte der Fremde. „Sie brauchen jedenfalls Geld, weiter nichts.”

„Und selbst eine kleine Summe könnte mir nichts nützen“, sagte der [390] junge Spieler finster, „mein Unglück liegt tiefer – ich habe meinen Beruf verfehlt und jede Hülfe jetzt würde nur dazu dienen, mein Schicksal um Monate – ja vielleicht Wochen hinaus zu verzögern.”

„Ihren Beruf verfehlt? Caramba“, sagte der Fremde, und der Teufel soll allerdings immer nur spanisch, aber dabei anständig fluchen, „an solchen Leuten habe ich eigentlich von jeher ein Interesse genommen. Ich verkehre am allerliebsten mit Menschen, die ihren Beruf verfehlt haben. Kommen Sie herunter und lassen Sie uns ein halbes Stündchen mit einander plaudern; wollen Sie sich nachher noch absolut hängen, so haben Sie die ganze Nacht vor sich und kein Mensch wird Sie daran verhindern. Was sind Sie eigentlich?“

„Zuerst beantworten Sie mir die nämliche Frage, die ich vorhin an Sie gerichtet“, sagte da der junge Mann, der jetzt von der Leiter wieder herabstieg, aber trotzdem noch mit einem heimlichen Grausen in das bleiche Antlitz des Fremden sah.

„Und habe ich das nicht schon gethan?“ sagte dieser ruhig. „Ich bin wirklich der Teufel.“

„Sie treiben Ihren Spott mit mir“, rief der junge Mann, indem er aber doch die Gestalt des Fremden mit einem scheuen Blick überflog.

„Und wie soll ich mich legitimiren?“ erwiederte achselzuckend der Fremde; „glauben Sie etwa, daß ich mit Hörnern und Pferdefuß herumlaufe, wie mich einzelne alberne Menschen schildern, um Kinder und Schafsköpfe damit fürchten zu machen? Mit einer solchen Gestalt könnte ich mich natürlich vor Niemandem blicken lassen. Am Tag aber von Geschäften überladen, besuche ich gern Abends im Mondenschein die Erde und gehe dann eben mit dem Monde; denn irgendwo scheint er doch die ganze Nacht.”

„Und was wollen Sie von mir?” sagte der junge Mann scheu, und fühlte wie ein Zittern durch seine Glieder lief – „meine Seele?“

Der Fremde lachte laut auf. „Und glauben Sie wirklich, daß ich mich einer einzigen lumpigen Seele wegen hier eine Stunde zu Ihnen gesellt hätte? Das wäre der Mühe werth! Ich habe meine Freude an ganz anderen Dingen und, wie gesagt, viel mehr Vergnügen daran, Leute, die ihren Beruf verfehlt haben, in die richtige und passende Bahn zu bringen, als sie abfahren zu sehen, ohne daß sie der Welt – und mir etwas genützt hätten. Wie heißen Sie?”

„Guido Lerche.”

„Und Ihr bisheriger Beruf?“

Guido Lerche schwieg und sah düster nach dem Fremden hinüber, endlich sagte er: „Schriftsteller – Dichter – aber wenn Sie Der wirklich wären, für den Sie sich ausgeben, so müssen Sie doch auch mich und meinen Beruf kennen.“

Achselzuckend erwiederte der Fremde: „Die Menschen sagen allerdings häufig: „Der Teufel soll alle Schriftsteller und Schriftstellerinnen Deutschlands kennen“; es ist das aber nur eine ganz gemeine Schmeichelei [391] – ich bin es nicht im Stande. Sie müssen mich deshalb entschuldigen. – Wahrscheinlich schreiben Sie anonym?”

Guido Lerche biß sich auf die Unterlippe; er stand schon gewissermaßen mit einem Fuß in einer anderen Welt, aber die kleine Eitelkeit dieser hatte ihn trotzdem noch nicht ganz verlassen; der Fremde aber, der es bemerken mochte, sagte etwas freundlicher:

„Kommen Sie, lieber Herr Lerche – lassen Sie vor der Hand noch den Strick los und uns Beide einmal vernünftig mit einander sprechen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich schon vielen Leuten geholfen habe und sobald Sie sich nur ein klein wenig anstellig zeigen, ist die Sache auch gar nicht etwa so schwer. Nur mit dummen Menschen mag ich nicht zu thun haben, oder die brauchen mich vielmehr nicht. Sie arbeiten mir aber sehr häufig durch ihre Dummheit in die Hände und anfangen läßt sich doch nichts mit ihnen – man muß sie eben einfach gehen lassen.“

„Und Sie wollen mir helfen?“ sagte Lerche, ohne aber bis jetzt noch seine Stellung zu verändern – „und wie das anfangen? Soll etwa meine unsterbliche Seele der Preis sein?“

„Seien Sie nicht kindisch“, erwiederte der Fremde; „wenn mir etwas an Ihrer „unsterblichen Seele” läge, so brauchte ich Sie ja nur nicht zu stören. Sie machen sich überhaupt von Ihrer Seele und meinem Verlangen danach einen total falschen Begriff und beurtheilen die Sache einfach wie der große Haufen nach den verschiedenen Märchen, die sie darüber hören, und die gewöhnlich geradezu abgeschmackt sind.“

In Guido Lerche’s Herzen dämmerte in dem Moment zuerst wieder eine Hoffnung. War es denn nicht möglich, daß er hier einen reichen – und dann natürlich verrückten Engländer gefunden hatte, der zufällig Zeuge seines beabsichtigten Selbstmordversuchs gewesen, und nun in seiner barocken Weise ihm zu helfen wünschte? Er mußte wenigstens wissen, was der Fremde, der sich hier für den Teufel ausgab, eigentlich von ihm wolle und ob er in ihm einen Retter gefunden – der letzte Ausweg blieb ihm ja dann noch immer unverwehrt. Er ließ den Strick los, trat von den untersten Sprossen der Leiter herunter und die Arme verschränkt auf den Fremden zu, der ihn ruhig, wo er stand, erwartete. Jetzt sagte er freundlich:

„Kommen Sie, Herr Lerche, wir wollen uns da drüben, am Rand des kleinen Wäldchens, unter einen Baum setzen, wo der Thau das Laub nicht getroffen hat, und dort erzählen Sie mir einfach – aber, wenn ich bitten darf, so kurz als möglich, Ihre Schicksale. – Ich bedarf nur der Andeutungen und verstehe ganz vortrefflich zwischen den Zeilen zu lesen.“

Lerche betrachtete ihm aufmerksam. Wie ein Engländer sah er eigentlich nicht aus – schon die schwarzen, gelockten Haare sprachen dagegen – weit eher wie ein Italiener oder Spanier; er hatte auch außerordentlich weiße und zarte Hände, und in der seidenen feuerrothen Cravatte funkelte ein prachtvoller Diamant. Ohne eine Antwort abzuwarten, [392] schritt aber der Fremde der bezeichneten Stelle zu, und es war in der That ein wundervoller Platz, wie man ihn sich nicht reizender hätte aussuchen können.

Voll und klar stand der Mond am blauen, sternbesäten Himmel; nur hie und da zogen lichte und durchsichtige Wolkenschleier darüber hin und warfen für Momente einen Halbschatten auf die Erde. Ueber ihnen wölbte sich das breite Dach des Kastanienbaumes – vor ihnen senkte sich allmählich der leise ablaufende Hang dem kleinen Strom entgegen, unfern von dem, aus eingeschlossenen Mauern hervor, die weißen Dämpfe der dort zum Abkühlen gesammelten heißen Quelle stiegen. – Drunten im Thal aber und drüben auf dem andern Ufer der Lahn blitzten die Lichter der zahllosen Hôtels, und von dort her tönte auch noch die rauschende Melodie eines lustigen Galopps, zu der sich die geputzten Paare auf dem Parquet des Saals im Kreise schwenkten. Still und majestätisch aber lagen dahinter die mondbeschienenen und dicht bewaldeten Hänge der Berge, und stiller, heiliger Frieden ruhte über dem ganzen Bild.

Der Fremde schien die prachtvolle Scenerie selber mit Wohlgefallen zu betrachten. Er warf sich auf das weiche Laub nieder und den rechten Ellbogen auf den Boden stützend, sagte er:

„Allerliebste Gegend hier – und so kühl und frisch heute Abend. Bitte, Herr Lerche, nehmen Sie Platz und nun erzählen Sie mir einmal, was Sie eigentlich zu einem Schritt getrieben, den Ihr Menschen doch nur einmal im Leben wagen könnt, während Ihr dabei völlig und unrettbar in das Dunkel einer geheinmißvollen Zukunft hinauspringt. – Merkwürdig – nicht einmal ein unvernünftiges Pferd springt über eine Breterwand, wenn es nicht sehen kann, wo es drüben im Stande ist, die Füße hinzusetzen.”

„Und weshalb nehmen Sie ein solches Interesse an mir?” sagte Lerche düster, indem er aber doch der Einladung Folge leistete und sich neben dem Fremden auf das wie aufgeschüttete Laub niederwarf.

„Werden Sie nicht langweilig“, erwiederte der Fremde – „woher vermuthen Sie, daß ich überhaupt Interesse an Ihnen nehme? Ich will nur sehen, ob Sie sich hier auf der Welt nicht noch nützlich machen können – wäre das nicht der Fall, so würde ich Sie nicht weiter belästigen. Also erzählen Sie frisch von der Leber weg; es ist noch früh und Sie haben übrig Zeit.“

„Aber“, sagte Lerche – „wenn ich mich einem vollkommen Fremden anvertrauen soll, so muß ich doch wenigstens im Ernst wissen, mit wem ich es zu thun habe. Wer sind Sie? Wie heißen Sie?“

„Wer ich bin, habe ich Ihnen schon vorhin gesagt. Wie ich heiße? Ihre Nation hat zahllose Namen für mich – manche sogar beleidigender Art, wenn mich die kindliche Einfalt derartiger Menschen überhaupt beleidigen könnte.“

„Sie treiben Ihren Scherz mit mir“, sagte Lerche – „Ihr gutes Herz verleitet Sie, einem Unglücklichen zu helfen, ohne ihn zu Dank verpflichten zu wollen.”

[393] „Mein gutes Herz?“ lachte der Fremde jetzt wirklich grell und unheimlich auf. – „Das ist vortrefflich, Herr Lerche, ich fange wirklich an zu glauben, daß Sie ein Dichter sind, denn Sie haben Phantasie. Mir ist schon viel im Leben nachgesagt worden, aber ein gutes Herz – hahahaha – das ist in der That äußerst komisch! Aber bitte, beginnen Sie. – Mit wem Sie es zu thun haben, wissen Sie jetzt. Doch geniren Sie sich nicht. Neues können Sie mir nicht berichten, denn im Leben der Menschen wiederholen sich ja derartige Dinge, und nur von Ihrem sechzehnten Jahre fangen Sie an – die Kindergeschichten brauche ich nicht zu wissen. Wer war Ihr Vater?”

„Ein Weinhändler“, sagte Lerche, der sich doch nicht recht behaglich in der Nachbarschaft des Fremden fühlte – aber es mußte ein Engländer sein, denn ein anderer Mensch wäre gar nicht auf den Gedanken gerathen, sich direct für den Teufel auszugeben.

„Ein Weinhändler! – hm – das ist gut“, nickte sein Nachbar zufrieden – „und zu welchen Lebensberuf wurden Sie bestimmt?“

„Ich sollte demselben Geschäft folgen“, sagte Lerche – „hatte aber keinen besondern Trieb dazu. Der harten Arbeit als Küper war mein schwächlicher Körper nicht gewachsen – ich fühlte immer einen Hang zur Poesie und ging frühzeitig zum Theater.”

Sehr gut“, nickte der Teufel – „aber damit ging es nicht.“

„– – Nein“, sagte Lerche zögernd – „Intriguen und Chicanen wurden gegen mich gesponnen.”

„Natürlich“, lächelte sein Nachbar – „Sie finden nie einen schlechten Schauspieler, gegen den nicht die bößartigsten Intriguen angezettelt werden.”

„Aber ich war kein schlechter Schauspieler“, fuhr Lerche auf.

„Bitte, fahren Sie fort“, nickte der Andere. „Sie verließen die Bühne, weil der schlechte Geschmack des Publicums Ihre Verdienste nicht zu würdigen wußte, und gingen – ?“

„Nach Amerika –“

„Caramba“, sagte der Fremde wieder – „das ist weit. Aber es gefiel Ihnen auch dort nicht.“

„Nein – das materielle Volk dort drüben hat keinen Sinn für Poesie – in der That keinen andern Gedanken, als immer nur Geld – Geld – Geld. – Wenn ich hätte mit Spitzhacke und Schaufel arbeiten wollen –“

„Aber das wollten Sie nicht!”

„Nein, es drängte mich nach Deutschland zurück –“

„Sie borgten das Geld zur Ueberfahrt –”

Herr Lerche sah ihn überrascht an. – „Es blieb mir nichts Anderes übrig“, sagte er.

„Selbstverständlich“, nickte der Fremde.

„Hier in Deutschland warf ich mich auf die Schriftstellerei“, fuhr Lerche fort, dem der Gegenstand unangenehm sein mochte, „aber der Teufel soll die Buchhändler holen!“

[394] „Bitte!“ sagte der Fremde.

„Es ist nichts als Protection, Schwindel oder Betrug. – Ich habe Romane geschrieben, bei denen mir selber die Haare zu Berge stiegen – Gedichte, die ich vorgelesen und bei denen mich die Zuhörer zuletzt um Gotteswillen baten, aufzuhören, weil ihre Nerven zu sehr angegriffen wurden und sie die Thränen nicht mehr zurückhalten konnten – umsonst, ich fand keinen Verleger. – Dann warf ich mich auf die dramatische Kunst – ich schrieb Dramen, die von einer ergreifenden Wirkung hätten sein müssen, wenn ich eine einzige Direction gefunden, die sie aufgeführt – Operntexte – Alles vergebens – ich wurde der Verzweiflung preisgegeben.”

„Und wovon lebten Sie die ganze Zeit?“ frug der Fremde.

„Ich – suchte mich so ehrlich als möglich durchzubringen –“

„Natürlich durch weitere Schulden –“

„Ich mußte allerdings Gelder aufnehmen“, sagte wieder zögernd Herr Lerche – „ich – konnte nicht verhungern.“

„Hm – ich weiß jetzt genug“, sagte der Fremde trocken, „und es bleibt mir nur noch übrig, Sie um Auskunft zu bitten, was Sie zu diesem letzten verzweifelten Schritt getrieben?“

„Mein Unglück ist bald erzählt“, sagte Herr Lerche. „Ich hatte einen Band meiner besten Gedichte zusammengestellt – den Extract meiner Poesie, wenn ich es so nennen könnte – eine 59er Auslese Cabinetswein – der Buchhändler wollte mir kein Honorar geben, verstand sich aber dazu, den Band in Commission zu verlegen und hübsch auszustatten. – Jahre vergingen – ich schrieb endlich an den Geldmenschen und bat ihn um Abrechnung – die Abrechnung kam. Sie enthielt auf der einen Seite den genauen Kostenüberschlag für Druck, Papier, Buchbinder, Insertionsgebühren etc., auf der andern Seite den Absatz – es blieben noch sechs Gulden Saldo zu seinen Gunsten.”

„Das war kein brillantes Geschäft“, sagte achselzuckend der Fremde.

„Nein“, fuhr Lerche düster fort, „da trieb mich die Verzweiflung und ich nahm die sechs Gulden und ging damit zum grünen Tisch –“

„Entschuldigen Sie“, sagte der Fremde, „Sie müssen sich da versprochen haben. Sie sagten mir vorher, daß die sechs Gulden zu seinen, also des Verlegers, Gunsten gewesen wären. Folglich waren Sie ihm dieselben noch schuldig; wie konnten Sie also damit zur Spielbank gehen?“

„Ich borgte mir die sechs Gulden vom Wirth auf meinen Reisesack“, sagte Herr Lerche.

Sehr gut“, nickte der Fremde. „Sie arbeiteten dadurch mit doppelt negativem Capital – vortrefflich. Also Sie gingen zur Spielbank – verloren aber natürlich.“

„Auch den letzten Gulden“, bestätigte Lerche, „und die Verzweiflung trieb mich endlich hier heraus.“

„Aber wo bekamen Sie den Strick so geschwind her?“

Herr Lerche zögerte diesmal sehr lange mit der Antwort, endlich [395] sagte er: „Da ich Ihnen nun doch einmal Alles gebeichtet habe, sollen Sie auch Das erfahren. Ich hatte ihn mir gekauft, um mich daran im Hôtel aus dem Fenster zu lassen, wenn ich, wie voraussichtlich, meine Wirthshausrechnung nicht bezahlen konnte.”

Der Fremde richtete sich bei den Worten im Nu in die Höhe und dem jungen Mann die Hand hinüberreichend, sagte er freundlich:

„Herr Lerche, ich kann Sie meiner vollen Hochachtung versichern. Sie haben unbestreitbar Talent, denn daran hätte ich selber nicht gleich gedacht. – Ich müßte mich auch sehr irren, oder Ihre Zukunft ist gesichert. Erlauben Sie mir jetzt nur noch eine Frage, und glauben Sie nicht, daß ich sie indiscret thue; aber ich muß es zu Ihrem eigenen Besten wissen. – Wie viel Schulden haben Sie, und vor allen Dingen, wem schulden Sie?”

Herr Lerche schwieg, aber nicht aus Zurückhaltung, denn allerlei Gedanken kreuzten ihm das Hirn. Der großmüthige Fremde wollte jedenfalls seine Schulden bezahlen und er machte sich nun im Geist einen Ueberschlag, wie viel er angeben solle, ohne dabei etwas zu vergessen. Endlich schien er damit im Reinen und sagte:

„Meinem Schneider schulde ich dreißig Thaler –“

„Selbstverständlich!” lautete die Antwort.

„Meinem Schuhmacher fünfzehn, sind fünfundvierzig. – Meinem Wirth für Essen und Wohnung hundertundsechzig, macht zweihundertundfünf, dem Buchhändler acht Thaler, sind zweihundertunddreizehn – im Frühstückskeller zweiundvierzig Thaler etwa, macht zweihundertfünfundfünfzig. – Meiner Wäscherin elf Thaler – gleich zweihundertsechsundsechzig, und dann – habe ich noch zweihundertfünfzig Thaler baar Geld aufgenommen.“

„Von wem?“ frug der Fremde rasch.

„Von der ersten Liebhaberin uneres Theaters.”

„In der That? Eine Herzensneigung?“

„Nein.“

„Auf Wechsel?”

„Nein.“

„Also auf Ehrenwort?”

„Ja“, sagte Herr Lerche zögernd, während der Fremde einen Blick nach dem Baum hinüberwarf, an dem der Strick noch hing. „Was sich also mit meiner Schuld hier in Ems auf etwas über 500 Thaler belaufen würde.“

„Also einem Wucherer sind Sie nichts schuldig?“

„Nein – fünfhundert Thaler könnten mich retten.”

„Was nennen Sie retten?” sagte der Fremde verächtlich. „Wenn Sie die fünfhundert Thaler bekämen und Ihre Schulden wirklich damit bezahlten, so wären nur Ihre Gläubiger besser daran, Sie selber aber genau auf dem alten Fleck wie vorher. Nur in dem Fall, daß Sie dieselben nicht bezahlten“, setzte er langsamer hinzu – „wären Sie gebessert, aber auch nur für eine kurze Zeit, denn das alte Elend würde [396] doch immer wieder über Sie hereinbrechen. Um Ihnen wirklich zu helfen, Herr Lerche, dazu gehört mehr als fünfhundert Thaler.“

„O, Sie sind so gütig!” sagte Lerche, wirklich betroffen von den Worten.

„Dazu gehört aber“, fuhr der Fremde fort, ohne von dem Lob die geringste Notiz zu nehmen, „daß Sie selber den Beruf finden, der für Sie paßt, und darin will ich Ihnen behülflich sein. Alles Andere ist nur ein Tropfen Wasser auf einen heißen Stein und hält Sie allein ein paar Monate länger am Leben, womit, nebenbei, Niemandem besonders gedient wäre.”

„Aber was verstehen Sie unter einem Lebensberuf?“ sagte Lerche, dessen Hoffnungen bei den Worten einen gelinden Stoß bekamen; denn baar Geld wäre ihm viel lieber gewesen, als ein Lebensberuf.

„Lassen Sie mich, aufrichtig sein“, sagte der Fremde, „denn nur dadurch kann ich Ihnen beweisen, daß ich es gut mit Ihnen meine. – Sie haben Nichts gelernt und von einem Beruf zum andern übergewechselt; Sie können auch nichts Selbstständiges und Vernünftiges schaffen, sonst würden Sie jedenfalls einen Verleger für Ihre Arbeiten gefunden haben. Ihr sonstiger Charakter läßt nichts zu wünschen übrig und ich würde Ihnen ohne Weiteres eine Auswanderungsagentur vorschlagen, wenn Ihnen Ihre poetische Neigung darin nicht im Wege stünde. So weiß ich nur noch einen Ausweg für Sie, auf dem Sie sich Ihr Brod jedenfalls verdienen können: Sie müssen Theaterrecensent werden und sich womöglich an einer Theaterzeitung und Agentur betheiligen.“

„Aber die mißglückten Versuche, die ich selber –“, sagte etwas schüchtern Herr Lerche.

„Bester Freund, die lassen Sie dann Anderen entgelten“, lachte sein freundlicher Rathgeber. „Denn wer selber etwas schreiben kann, wird natürlich nicht Recensent. Ihre Gewissenhaftigkeit steht Ihnen doch hoffentlich nicht dabei im Wege? – Und überdies“, fuhr der Fremde leichthin fort, „werden Sie mit der Zeit auch so verbittert werden, daß Ihnen die Galle schon von selber kommen wird, und nichts in der Welt nährt besser als Galle –”

„Ich habe immer das Gegentheil geglaubt“, wagte Lerche eine schüchterne Entgegnung; denn wenn ihm der Fremde nichts weiter geben wollte, als den Rath, so hätte er ihn eben so gut können sich selber überlassen, und dann wäre jetzt Alles überstanden gewesen.

Der Fremde würdigte ihn keiner Antwort; er hatte still vor sich nieder gesehen und leise dazu mit dem Kopfe genickt.

„Eine Auswanderungsagentur würde Ihnen nicht genügen“, sagte er endlich – „je mehr ich mir die Sache überlege, desto mehr bin ich davon überzeugt. Daß Sie aber als Recensent Ihr Glück machen werden, ist gewiß. Wir sprechen uns wieder.”

„Verehrter Herr“, bemerkte Lerche endlich, „das ist Alles recht schön [397] und gut, aber wie soll ich dazu gelangen, selbst nur darin einen Anfang zu bekommen?”

„Ich gebe Ihnen einen Empfehlungsbrief mit an die Theateragentur in X“, sagte der Fremde, „die bringt Sie in die rechte Bahn – ich stehe mit ihr in Geschäftsverbindung.“

„Aber womit käme ich selbst nach X?“ seufzte Lerche; „ich habe keinen rothen Heller mehr im Vermögen. Wenn Sie mir nur wenigstens die fünfhundert Thaler auf mein ehrliches Gesicht borgen wollten. – Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort –“

Der Fremde lachte laut auf. „Die Menschen“, sagte er endlich, „nennen mich immer einen „dummen Teufel“, aber so dumm ist der Teufel denn doch wahrhaftig nicht, daß er einem deutschen Dichter Geld borgen sollte. – Caramba, die Idee ist nicht übel.”

„Sie nennen sich immer den Teufel“, sagte Lerche, dem es doch anfing, unheimlich in der Nähe des blassen Mannes zu werden, noch dazu, da sich dieser direct weigerte, ihm irgend welchen Vorschuß zu machen; „wenn Sie nun wirklich der Herr wären – und ich muß Ihnen gestehen, daß ich mir bis dahin ein solches Wesen anders gedacht habe –“

„Mit feuersprühenden Augen und Hörnern, wie?“ lächelte der Fremde.

„Wenn auch vielleicht nicht so – aber doch –“

„Und was wollten Sie vorhin sagen?“

„Wirklich also den Fall genommen“, wiederholte Lerche, „so wäre es doch für Sie ein Leichtes, mir auch ohne directen Vorschuß zu Geld zu verhelfen. Sie brauchten mir nur einen einzigen Thaler anzuvertrauen und drüben an der Spielbank könnte ich –“

„Das geht nicht“, unterbrach ihn kopfschüttelnd der Fremde; „ich habe mit den Herren da drüben einen ganz bestimmten Contract und kann nicht gegen mein eigenes Geld spielen.”

„Aber wie soll ich hier fortkommen?“

„Hm“, sagte der Fremde und sah ihn von der Seite an – „und wenn ich Ihnen nur die geringste Summe anvertraute, so machten Sie doch Dummheiten, liefen wieder hinüber und wären Ihr Geld in einer Viertelstunde los – denn Segen ist nicht darin.”

„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort –”

Der Fremde pfiff durch die Zähne. – „Sie halten mich für eben so leichtgläubig wie Ihre erste Liebhaberin“, sagte er; „aber ich will Ihnen wenigstens von hier forthelfen“, setzte er hinzu. „Ich sehe recht gut ein, daß Sie sich darin nicht selber zu helfen wissen, denn zum directen Stehlen scheinen Sie mir zu ungeschickt. – So viel sage ich Ihnen aber, werfen Sie ein einziges Stück des von mir erhaltenen Geldes auf den grünen Tisch, so verschwindet es im Nu, hinterläßt nichts als einen häßlichen Fleck. – und die Folgen haben Sie sich nachher selber zuzuschreiben.”

„Und wie viel würden Sie die Güte haben –”

[398] „Hier sind zehn Thaler“, sagte der Fremde, indem er in die Tasche griff und die zehn Silberstücke Herrn Lerche hinreichte, „das wird gerade hinreichen, um Sie nach X zu bringen.”

„Und dort dann?“

„Geben Sie diese Karte in der Redaction des Theaterblattes ab; der Eigenthümer ist ein guter Freund von mir.“

„Und wie soll ich hier im Hôtel meine Rechnung bezahlen?“

„Bester Freund“, lachte der Fremde, „die Idee mit dem Strick ist viel zu ausgezeichnet, als daß ich dazu beitragen möchte, sie zu vereiteln. Wenn Sie aber meinem Rath folgen, so befestigen Sie das Seil so, daß Sie es wenn Sie unten sind, nachziehen können – es wird lang genug sein, und Sie können es vielleicht noch einmal gebrauchen.“

Lerche schauderte zusammen – war es die Berührung des Geldes oder der Gedanke an einen nochmaligen Selbstmordversuch, auf den der Fremde so kalt und fast höhnisch anspielte – aber das Geld brannte ihm nicht in der Hand, wie er anfangs in der That gefürchtet hatte, und scheu und leise sagte er nur:

„Verlangen Sie einen Schein dafür?“

Wieder legte sich der Zug von kaltem Spott über die unheimlichen Züge des Fremden.

„Glauben Sie, daß ich lumpiger zehn Thaler wegen einen Pact mit Ihnen eingehen würde, oder daß mich etwa gar nach Ihrer Seele verlangt? – Reisen Sie vollkommen ruhig, ich werde Sie nicht weiter beunruhigen; denn daß selbst mir ein Schein von Ihnen nichts hülfe, wissen Sie genau so gut wie ich.”

„Und wie soll ich Ihnen danken?“

„Daß Sie augenblicklich in Ihr Hôtel zurückgehen, Ihre Sachen in Ordnung bringen und dann gleich den Nachtzug nach Gießen benutzen.“

Lerche hatte sich bemüht, den auf der Karte fein gestochenen Namen bei Mondenlicht zu lesen, aber war es nicht im Stande – die Karte selber schien schwefelgelb und trug einen grellrothen schmalen Rand.

„Es steht nur mein Name darauf“, sagte der Fremde, der es bemerkte, „Edler von der Hölle – also auf Wiedersehen, lieber Freund!” Und rasch richtete er sich empor, nickte dem jungen Mann vertraulich zu und war schon in den nächsten Secunden in den dunklen Schatten des Kastanienwäldchens verschwunden.




2. Kapitel.
In Ruhe.

Lange Jahre waren nach den oben beschriebenen Vorfällen verflossen – lange, bewegte Jahre, und wenn auch die Welt im Allgemeinen ruhig weiter ging, so verbitterte sich doch das rastlose Menschenvolk indessen die kurze, ihm hier vergönnte Spanne Zeit nach besten Kräften. [399] Nationen schlugen sich mit Nationen und vertrugen sich wieder, und nur im ganz Kleinen bohrten sich die einzelnen Exemplare der „Gesellschaft” hartnäckig ihren Weg. Was auch da draußen im Großen und Ganzen geschehen mochte, es kümmerte sie nicht, denn nur ihr eigenes Interesse trieb sie weiter, um – in dem allgemeinen Drängen und Treiben nach vorwärts – noch womöglich für sich selber einen Sitzplatz zu bekommen.

Selbst nicht, während auf dem Welttheater große Effect- und Sensationsstücke gegeben wurden, hatte das Stadttheater zu X aufgehört, den geschichtlichen Dramen mit Offenbach’schen Opern und Possen Concurrenz zu machen, und auf den „Bretern, die die Welt bedeuten“, ging es mit Intriguen und Vorwärtsdrängen, mit diplomatischen Ränken und Kniffen, ja oft mit offenem Kampf und Hader genau so zu wie draußen in der Weite.

In einer der Hauptstraßen in X, aber weit hinten in einem nicht besonders reinlich gehaltenen Hof, von dem aus man noch zwei dunkle, schmale Treppen hinaufsteigen mußte, befand sich das Redactionsbureau der X-er Theaterzeitung, und wenn das Entrée schon nicht besonders versprechend war, das Innere des Bureaus sah eigentlich noch ungemüthlicher aus.

Es bestand aus einem einzigen langen Gemach mit drei Fenstern nach dem dunklen Hof hinaus und mochte einmal in früherer Zeit geweißte Wände und weiße Gardinen gehabt haben, die aber jetzt nur ein etwas lichteres, brochirtes Muster auf dunklbraunem Grunde zeigten. An jedem Fenster stand ein doppeltes Stehpult, von denen aber nur zwei einfach besetzt waren – das obere stand leer, obgleich darauf gehäufte offene Briefe und kleine Broschüren auch die zeitweilige Benutzung dieses anzeigten.

An den beiden anderen arbeiteten zwei – an jedem ein Einzelner – etwas dürftig aussehende Individuen mit bleichen Gesichtern und Schreibärmeln – blutjunge Menschen, die sich hier für ihr kärgliches Brod die Finger wund schrieben, und dafür, wenn auch nur indirect, in die Kunst eingeweiht wurden, ein solches Geschäft zu führen. Sie waren nämlich stete Zeugen der dort eintreffenden Besuche – geschäftlicher wie „freundschaftlicher” Art, und wenn sie weiter nicht dabei lernten, so gewannen sie doch dort in einer Woche mehr Menschenkenntniß, als wenn sie sich jahrelang in dem Strudel der großen Welt herumgetrieben hätten.

Der Raum selber sah wüst genug aus; eine Unmasse von Broschüren lag über den Boden, theils zusammengebunden, theils einzeln, zerstreut, so daß sich die Hausmagd sogar nicht einmal mehr mit dem Besen dazwischen getraute. Meubel gab es dabei fast gar nicht, zwei Rohrstühle ausgenommen und ein altes, steinhartes Sopha mit einem Ueberzug, von dem sich schon seit Jahren die Farbe nicht mehr erkennen ließ. Der „älteste Mann“ im Geschäft erinnerte sich auch nicht, je gesehen zu haben, daß irgend Jemand gewagt hätte, sich darauf zu setzen.

[400] Sonst hingen noch an den Wänden eine Anzahl von Lithographien, Photographien und Stahlstichen berühmter Künstler, an denen man auch genau wissen konnte, ob sie dem Bureau mit oder ohne Rahmen geschenkt waren. – Die ohne Rahmen waren nämlich nur einfach mit Stiften an die Wand genagelt, und wenn den Betreffenden daran lag, ihr Bild hier erhalten zu sehen, nun so mochten sie einen Rahmen nachliefern.

Der Briefträger kam und legte ein Packet Briefe auf den Schreibtisch des Principals, Herrn Cuno Köser’s, der aber noch nicht erschienen war, denn er liebte Morgens seine Ruhe. Unter den Briefen befanden sich zwei unfrankirte; der Postbote zeigte sie aber nur lächelnd einem der jungen Leute und schob sie dann wieder in die Tasche zurück. Er kannte die Geschäftsordnung im Hause – unfrankirte Briefe wurden nie angenommen, denn man hatte zu bittere Erfahrungen mit deren Inhalt gemacht. Gewöhnlich waren sie in einem mehr als groben Styl geschrieben und wimmelten von Injurien, enthielten aber stets, statt der Unterschrift, die Photographie des Betreffenden, und auf die ließ sich nicht klagen; denn die konnte ein Jeder einkleben.

Uebrigens kamen solche „kleine Unannehmlichkeiten” auch zuweilen in frankirten Briefen vor, wanderten dann aber gleich in den Ofen, denn dem Papierkorb durfte man sie nicht anvertrauen, oder die Schreiber hätten sich darüber lustig gemacht.

Trotz der frühen Morgenstunde saß aber schon ein „Besuch” im Comptoir, dem Einer der jungen Leute das Sopha angewiesen, der aber trotzdem einen Rohrstuhl vorgezogen hatte. Es war ein noch blutjunger Mensch, etwas auffallend gekleidet. Er trug seine braunen, lockigen Haare, sorgfältig gebrannt, in einem großen Toupet auf der rechten Seite, vollkommen moderne Kleidung, eine himmelblaue, seidene Cravatte, eine große Tuchnadel, eine goldene Uhrkette und ziegelrothe Glacéhandschuhe. So zuversichtlich er sich aber auch sonst seinem ganzen Aeußern nach benehmen mochte, hier schien er sich in einer etwas gedrückten Stimmung zu befinden. Er saß – die Füße eingezogen und den wolgebürsteten Hut zwischen den Knieen, auf seinem Rohrstuhl, als ob er fürchtete, daß derselbe jeden Augenblick mit ihm zusammenbrechen könne. Er sah auch verschiedene Male nach seiner Uhr – die Zeit verging ihm jedenfalls sehr langsam, aber er wagte nicht den entschiedenen Wunsch auszusprechen, Herrn Köser gleich zu sprechen – er wußte recht gut, daß er den betreffenden Herrn dann in böse Laune gebracht hätte, und das wollte er vermeiden.

Wol dreiviertel Stunden mochte er so gesessen haben, ohne daß aber die Schreiber die geringste Notiz von ihm nahmen, als plötzlich die eine Seitenthür aufging und Herr Köser selber, ohne weitere Anmeldung, auf dem Schauplatz erschien.

Die beiden Schreiber verbeugten sich mit einem achtungsvollen „Guten Morgen“ und der Besuch erhob sich ebenfalls rasch von seinem Sitz. Herr Köser hatte aber keinen Blick für sein „Bureau“. Den [401] gewöhnlichen, selbstverständlichen Morgengruß seiner „Leute“ beantwortete er mit einem grunzenden, unarticulirten Laut, der wahrscheinlich „Morgen“ heißen sollte, aber eben so gut jedes andere Wort bedeuten konnte. Von dem Besuch nahm er gar keine Notiz, sondern trat nur zu seinem Pult, wo er die dort liegenden Briefe aufnahm und mit überreifer Erfahrung in derartigen Correspondenzen flüchtig sortirte, ehe er daran ging, einen oder den andern zu erbrechen.

Dann öffnete er den ersten, sah nur nach Ueber- und Unterschrift, dann den zweiten eben so, und nahm eben den dritten auf, als der Besuch sich doch glaubte bemerkbar machen zu müssen, und deshalb sich räusperte und ein paar Schritte vortrat.

Herr Köser war kein hübscher Mann. Schon in den Fünfzigen, mit einem Kopf voll dünner Haare, die jetzt mit Weiß gesprenkelt waren, mit den fast zu deutlich hinterlassenen Spuren von Pockennarben, mit kleinen, grauen, etwas wässerigen Augen und einem fast zahnlosen Mund, lag ein gewisser Zug von Verbissenheit in dem fetten Gesicht – den man freilich seinem ganzen Geschäft zugute schreiben mußte. Das brachte Aerger über die Undankbarkeit der Menschen im Allgemeinen und der Bühnendichter und Schauspieler im Besondern, zur Genüge mit sich.

Auch sein Aeußeres war nicht sehr versprechend, denn geistig thätige Menschen verwenden gewöhnlich nicht viel auf das – Herr Köser verwandte sogar nur ein Minimum darauf. Er war noch in seiner „Morgentoilette“, d. h. er hatte sich noch nicht einmal gewaschen und gekämmt und nur einen Schlafrock übergezogen – und was für einen Schlafrock. Neu mußte er allerdings einmal ein Prachtstück gewesen sein, mit rothem, echt gefärbten Futter, mit wollenem, großblumigen, türkischen Damast und einer hellblauen Schnur, mit eben solchen riesigen Quasten daran, aber, Du lieber Gott, der Zahn der Zeit nagt sogar an felsigem Gestein – an Granit und Porphyr – weshalb nicht auch an einem Schlafrock, so unappetitlich derselbe auch aussehen mochte. Der türkische Damast starrte von Schmutz, sowol an den Aermeln wie an den Taschen und vorn herab, die Ränder glänzten ordentlich. Auch ein altes, rothbaumwollenes Taschentuch, das ihm rechts mit einem langen Zipfel heraushing, erschien nur wie eine nichts verbessernde Draperie. Das Hemd, welches er außerdem ohne Halstuch und nur vorn mit einem Band zugebunden trug, gehörte – wenn nicht einer andern Generation, doch jedenfalls einer andern Woche an, und der große goldene Siegelring, der ihm dabei am rechten Zeigefinger stak, konnte nicht dazu dienen, die Toilette zu erhöhen.

Als er des jungen Fremden ansichtig wurde, warf er einen eben nicht freundlichen Blick auf ihn, erwiederte seinen Gruß auch nur durch ein ähnliches Knurren wie vorher und sagte dann mürrisch:

„Sind Sie denn noch in X –, Herr von – Wie heißen Sie gleich?“

„Von Goldstein, Herr Köser.“

[402] „Ja so – also Herr von Goldstein – ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie hier den Erfolg unserer Anfragen nicht abwarten sollten?“

„Aber ich kann nicht fortkommen, verehrter Herr“, sagte der junge Mann schüchtern – „wenn Sie nur im Stande wären mir hier zwei oder drei Gastrollen auszuwirken – ich würde mich ja mit einem sehr mäßigen Honorar begnügen.“

„Und weshalb sprechen Sie nicht selber mit dem Director?“

Der junge Schauspieler zuckte mit den Achseln, „Es war Alles vergeblich“, sagte er, „und dreimal habe ich schon den Versuch gemacht.”

„Und was soll ich Ihnen denn nützen?” frug Herr Köser barsch; habe ich ein Theater, oder soll ich Sie hier im Contor spielen lassen? Sie sehen, ich bin beschäftigt, Herr von – von Goldstein, und kann auch in der That nichts weiter für Sie thun.“

„Wenn Sie nun“, bemerkte der junge Schauspieler schüchtern, indem der Agent schon wieder einen Brief aufbrach – „mir auf die künftige Gage, von der ich Ihnen ja doch die ausbedungenen Procente schulde, nur einen kleinen Vorschuß leisten wollten – nur so viel als ich nothwendig brauche, um –“

„Ein Austernfrühstück zu geben – ha?“ sagte Herr Köser mit einem malitiösen Lächeln – „glauben Sie, daß ich ein Millionär bin, um den herumvacirenden Herren Schauspielern mit Darlehen unter die Arme zu greifen und habe ich nicht etwa schon genug Verlust durch Ihre ewigen Störungen gehabt?”

„Aber an wen sonst soll ich mich wenden?“ sagte Herr v. Goldstein in halber Verzweiflung. „Sie kennen meine Familie – Sie wissen, daß Ihnen das Geld unverloren ist, wenn sie sich auch jetzt von mir losgesagt.”

„Thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich ungeschoren“, bemerkte Herr Köser, indem er wieder einen Brief öffnete. „Glauben Sie denn, daß ich von der Luft lebe und habe ich schon das Geringste von Ihnen gehabt – Scheerereien und Abhaltungen und Correspondenzen ausgenommen? – Sie waren bis jetzt nicht einmal im Stande mir das ausgelegte Porto zu vergüten und glauben dann auch noch, man soll da Luft und Liebe zur Sache behalten und mit Eifer darangehn?”

„Aber ich weiß nicht einmal, wie ich hier fortkommen soll!“

„Das geht mich Nichts an“, brummte Herr Köser, indem er den jungen Mann gar nicht mehr ansah, „verkaufen Sie Ihre goldene Bummelage an der Uhr, man kann auch ohne das ein guter Schauspieler sein – oder machen Sie sonst, was Sie wollen.“

Der Setzerjunge kam in diesem Augenblick in’s Bureau und brachte eine Correctur der Theaterzeitung, auf der aber noch eine halbe Spalte weiß gelassen war und ausgefüllt werden mußte und Herr Köser frug:

„Ist denn Herr Dr. Lerche noch nicht dagewesen?“

„Nein, Herr Köser”, lautete die Antwort des einen Schreibers zurück.

„Wo bleibt denn nur der verzweifelte Mensch heute so lange? Der Junge mag warten – er muß gleich kommen und es ist die höchste Zeit, daß die Nummer fertig wird.“

[403] Von Herrn von Goldstein nahm Niemand mehr Notiz und der unglückliche Künstler entfernte sich endlich, ohne daß ihm auch nur Jemand für seinen Gruß gedankt hätte.

Auf der Treppe noch begegnete er einem andern Herrn, der aber weit zuversichtlicher auftrat. Er war ebenfalls etwas auffallend gekleidet, hatte aber ein intelligentes, scharfgezeichnetes Gesicht und jedenfalls Selbstvertrauen. Er klopfte auch gar nicht an, sondern öffnete die Thür und schritt direct auf den immer noch mit Durchsehen der Briefe beschäftigten Köser zu, ohne selbst seinen Hut abzunehmen.

„Lieber Köser – guten Morgen.“

„Ah, Herr Bomeier“, sagte Herr Köser, indem er ihm die noch ungewaschene Hand reichte, die der Fremde aber im Schutz seiner Glacéhandschuhe kräftig schüttelte – „Sehr angenehm, Sie bei mir zu sehn, ging ja famos gestern Abend, wie ich gehört habe – und noch dazu ein neues Stück – allen Respect, die Direction wird glücklich sein, Sie zu gewinnen.“

„Bitte, lieber Köser – keine Complimente“, sagte der gefeierte Künstler lächelnd – „es machte sich. Habe auch mein Engagement schon gestern Abend noch mit der Direction abgeschlossen, eben Contract unterzeichnet und wollte Sie nur bitten mich von jetzt an als Abonnenten Ihres geschätzten Blattes zu betrachten – Hier im Couvert finden Sie meine Adresse – nicht wahr, das Abonnement wird vierteljährlich pränumerando bezahlt?“

„Ist so Usus, verehrter Herr.”

„Schön – ich habe für das erste Quartal den Betrag gleich eingeschlossen.”

Herr Köser befühlte mit seinen zwei Fingern das Couvert.

„Sehr dankbar – soll Ihnen pünktlich zugesandt werden.“

„Also guten Morgen lieber Köser – ich habe noch viel zu thun.“

„Das glaub’ ich, Herr Bomeier – das glaub’ ich – sehr angenehm gewesen“ und mit seiner linken Hand den Schlafrock vorn etwas zuhaltend begleitete er den Herrn bis halb durch sein Comptoir oder ging wenigstens mit einer achtungsvollen Verbeugung hinter ihm her, was den beiden Schreibern so imponirte, daß sie ebenfalls von ihren Drehstühlen aufstanden und sich verbeugten.

Herr Köser hatte kaum Zeit gehabt auf seinen Platz zurückzukehren und einen Blick in das Couvert zu werfen, auf dem ihm eine angenehm gelbe preußische 25 Thlr. Note entgegenlächelte, als sich die Thür schon wieder öffnete und das schwere Rauschen eines Kleides den beschäftigten Mann auf einen Damenbesuch vorbereiten konnte. – Herr Köser war nun eigentlich noch nicht in Toilette und jeder andere Mensch wäre dadurch in Verlegenheit gerathen, nicht aber der Theater-Agent. Damenbesuch war bei ihm etwas viel zu Allgewöhnliches, um irgend welche Rücksicht darauf zu nehmen und wenn selbst Niemand Geringeres als die gefeierte Primadonna zu ihm hereinrauschte.

Herr Köser, der seine Briefe wieder aufgenommen hatte, blieb ruhig [404] an seinem Pult stehen. Da aber die Dame in einem wahren Sturm durch das Comptoir fegte, wußte er auch, daß wieder irgend ein Wetter im Anzug sei und bereitete sich mit der größten Kaltblütigkeit vor, dem zu begegnen.

„Herr Köser“, sagte die Dame, ohne nur einen Morgengruß für nöthig zu halten und suchte dabei in ihrer etwas geräumigen Ledertasche nach einem Stück Zeitung, das sie endlich zu Tage brachte – „Sie entschuldigen mich, wenn ich Ihnen mit der Thür in’s Haus falle, aber ich muß auf die Probe.“

„Mein Fräulein“, sagte Herr Köser trocken – „es sollte mir ungemein leid thun, Sie aufzuhalten.”

Fräulein Ostachini, wie Die Dame hieß, oder wie sie sich vielmehr nannte, denn ihr eigentlicher Name war „Gelbholz“, hielt dem Theateragenten das Papier vor und sagte:

„Kennen Sie diese Zeitung?”

„Es wäre merkwürdig, wenn ich sie nicht kennte“, erwiederte Herr Köser mit einem flüchtigen Blick darauf, denn es war seine eigene und der Herr wußte jetzt schon vollkommen genau was die enragirte Sängerin von ihm wollte.

„Und diese Recension haben Sie in Ihr Blatt aufgenommen?” rief die Dame, die sich augenscheinlich Mühe gab ihr italienisches Temperament (Gelbholz) zurückzuhalten. – „Diese Recension über den – Backfisch – über diese Mamsell Bergen, die eine Stimme hat wie eine Trompete und aussieht wie ein Bauermädel – wie eine Kuhmagd mit ihren dicken rothen Backen und aufgedunsenen Gestalt? Und hat sie nur eine Idee von Gesang, Tremuliren – ja wol, das bringen wir nicht fertig – nicht ein einziges Mal in der ganzen Oper – und die Gans will auch noch von „getragenem“ Gesang reden!“

„Aber mein bestes Fräulein“, sagte Herr Köser, der indessen seinen Brief ruhig weiter gelesen hatte, denn die Dame kam jede Woche zwei Mal in einer ähnlichen Angelegenheit – „wenn Fräulein Bergen wirklich ausgezeichnet singt und von dem Publicum drei, vier Mal an einem einzigen Abend herausgerufen und mit Kränzen beworfen wird, so werden Sie uns doch wenigstens gestatten daß wir das einfach referiren.“

„Aber wer hat sie denn mit Kränzen beworfen?“ schrie die lebhafte Italienerin (Gelbholz) – „Jedes Stück kostet ihr zwanzig Groschen bei der Gemüsehändlerin und die übrigen hat ihr der verrückte Graf, der Engländer besorgt, mit dem sie ein Verhältnis hat.”

„Mein verehrtes Fräulein“, sagte Herr Köser vorwurfsvoll, die Dame verstand aber die Andeutung nicht und da sie sich einmal in ihren Grimm hineingearbeitet hatte, fuhr sie unerbittlich fort:

„Und einer solchen Person streuen Sie in Ihrem Blatt Weihrauch und nennen sie einen „Stern“, der das Größte ahnen ließe? – eine zweite Schröder-Devrient und Sonntag? und das mir in’s Gesicht, der ich ihr nur aus alberner Gutmüthigkeit die Rolle abgelassen habe? – Eine zweite Sonntag – es ist wahrhaftig zu lächerlich und nicht etwa [405] weil die Sonntag wirklich das war, was die Recensenten aus ihr machten, sondern nur weil sich das Publicum jetzt, das sie nie gehört hat und also auch nicht darüber urtheilen kann, nur das Außerordentlichste darunter denkt. Was wollen Sie denn nachher noch über mich schreiben?”

Herr Köser hatte wirklich mit einer merkwürdigen Gemüthsruhe diese heftigen und leidenschaftlichen Aeußerungen angehört, oder vielmehr über sich ergehen lassen, weil er doch recht gut wußte, daß er diesen Strom nicht dämmen konnte. Er mußte ruhig ablaufen. Jetzt nachdem die Dame schwieg – und er öffnete indessen einen Brief nach dem anderen – sagte er:

„Verehrtes Fräulein, ich schreibe überhaupt gar nichts – Briefe an meine Correspondenten ausgenommen – also mir können Sie keine Vorwürfe machen. Ich lese nicht einmal meine eigene Zeitung und gehe nicht in’s Theater – was ich aber über Fräulein Bergen gehört habe klang sehr lobenswerth und ihre Jugend –“

„Jugend – bah –“, sagte Fräulein Ostachini – „sie ist noch nicht hinter den Ohren trocken und schon die größte Kokette, die es auf der Welt geben kann. Die versteht’s – und was muß die Welt denken, wenn neben mir ein solches – Geschöpf in der Weise herausgestrichen wird?”

„Aber, mein bestes Fräulein“, sagte Herr Köser, „was wollen Sie? – wie ich gehört habe hat es vorgestern Abend wirklich Kränze und Bouquets geregnet und wenn sich das Publicum selber –”

„Reden Sie nicht, als ob Sie eben erst auf die Welt gekommen wären“, unterbrach ihn Fräulein Ostachini mit einer wegwerfenden Bewegung des Kopfes – und sie that Herrn Köser darin Unrecht, denn mit seinem unrasirten Gesicht und den grauen Bartstoppeln sah er wahrhaftig nicht so aus – „als ob man nicht wisse, woher die Kränze und Bouquets kommen und wie billig das ist, wenn man es geschickt gemacht hat. Wenn ihr nur jeder ihrer Courmacher ein Bouquet geworfen hätte, wäre sie im Grünen erstickt. – Soliden Damen (Fräulein Ostehini zählte 38 Jahre) – sind allerdings solche Hülfsquellen verschlossen – aber desto scheußlicher ist es“, fuhr sie gereizt fort, „wenn sich die unabhängige Presse auch noch dazu hergiebt, Vorspann an dem Triumphwagen einer solchen – Person zu nehmen. Sängerin, bah – sie hat keine Spur von Coloratur; der eine Triller war eine wirkliche Parodie auf jeden Gesang und bei den hohen Tönen erfaßte mich fortwährend eine unsagbare Angst, daß sie jetzt umkippen müsse – und das Spiel – wie eine Wahnsinnige fuhr sie auf der Bühne herum und das heißt nachher ein Kunsttempel – man möchte verrückt darüber werden.”

„Und womit kann ich Ihnen eigentlich dienen?“ sagte Herr Köser, indem er eben seinen letzten Brief aufbrach; die gelesenen hatte er auf verschiedene Haufen sortirt.

Fräulein Ostachini gerieth wirklich in Verlegenheit um eine Antwort, denn eigentlich hatte sie nur schimpfen und ihrem Herzen Luft machen wollen – einen weiteren Zweck konnte ihr „Besuch” natürlich nicht haben.

[406]Mir?“ sagte sie endlich – „mir sollen Sie gar nicht dienen; aber dem Publicum, indem Sie nicht solche wahnsinnige Recensionen hinaus in die Welt werfen, die diese Mamsell vergöttern und einen Stern aus einem völlig talentlosen Ding machen. Wer soll denn da noch Liebe zur Kunst haben, wenn man sieht, daß die größte Mittelmäßigkeit in solcher Weise verherrlicht wird? Meiner Meinung nach erheischte doch schon die Würde Ihres Blattes, daß Sie nicht einer solchen Profanirung zugänglich wären.“

„Die Würde unseres Blattes?" sagte Herr Köser und selbst ihm kam diese Behauptung komisch vor; „aber, mein liebes Fräulein, wir recensiren nur oder geben vielmehr der Stimme des Publicums Ausdruck – unparteiisch versteht sich und allein im Sinne der Kunst, – und darin werden Sie mir doch gewiß Recht geben, daß junge aufstrebende Talente unterstützt werden müssen.”

Junge Talente!” sagte Fräulein Ostachini; „die Person hat sich schon auf drei, vier Theatern herumgetrieben. Doch Sie werden es erleben. Am Sonntag singt sie die Julia und eine schöne Vorstellung mag das werden. Das sage ich Ihnen aber, wenn Sie in diesen Lobhubeleien fortfahren, so sind wir die längste Zeit Freunde gewesen. Ich verlange von einer Theaterzeitung ein unparteiisches, durch keine Rücksichten oder Protectionen beeinflußtes Urtheil.“

„Fräulein Ostachini!” sagte Herr Köser.

„In der That“, rief aber die aufgeregte Dame – „und nicht die geringste Rücksicht für mich selber – aber auch eben so für Andere und Ihrem Herrn Lerche bitte ich das von mir auszurichten.”

„Und sonst kann ich Ihnen mit nichts dienen?“ sagte Herr Köser, während die Dame ihren Shawl fester um die Schultern zog.

„Heute nicht“, sagte Fräulein Ostachini, nicht in der Stimmung höflich zu sein; „guten Morgen, Herr Köser!“ und mit den Worten fegte sie zum Bureau hinaus und nahm alle die Papierschnitzeln, Bindfaden, Nußschaalen und sonstigen Gegenstände mit, die in ihrer Bahn lagen und die die alte Kathrine in den letzten Tagen versäumt hatte auszukehren.

Herr Köser sah ihr über seine Brille nach – ohne sie zu begleiten, wie er es vorher bei Herrn Bomeier für nöthig befunden; dann aber, als sie die Thür hinter sich zuschlug murmelte er leise:

„Ja wol – nicht die geringste Rücksicht für mich selber und das Unglück möchte ich erleben, wenn wir nur ein einziges Mal sagten daß ihre Stimme – die so scharf geworden ist, daß sie Einem durch Mark und Bein schneidet, ein wenig belegt gewesen wäre – Herr Du meine Güte, ich glaube Sie drehte das Contor um.”

Der eine Schreiber, der sich kurz vorher ein Packet Briefe geholt hatte, die ihm Herr Köser bei Seite gelegt, kam damit wieder zu seinem Pult.

„Aber ich muß in die Druckerei zurück“, sagte der Setzerjunge, der noch immer in der Ecke stand.

„Und der Doctor kommt noch immer nicht!” rief Herr Köser und [407] fuhr sich mit der Hand durch die ungekämmten Haare. „Springen Sie doch einmal hinüber, Splitzner und sehen Sie, wo er bleibt.”

Der „erste“ Commis legte die Briefe aus. –

Dr. Hesbach wünscht Abrechnung über sein hier in Commission befindliches Stück“, sagte er, indem er den einen Brief vorschob; „er behauptet in den Zeitungen gelesen zu haben, daß es in Breslau, Köln, Cassel, Dresden, Frankfurt a. M. und Wiesbaden gegeben sei.“

„Ist denn das Honorar dafür eingekommen?”

„Ja, Herr Köser.“

„Schön, dann schreiben Sie ihm, sobald es käme sollte er augenblicklich Abrechnung erhalten.“

„Es ist eingekommen, Herr Köser“, sagte der junge Mann.

„Esel“, erwiederte Herr Köser, „haben Sie nicht gehört, was ich Ihnen gesagt habe? Und die andern Briefe?“

„In diesem hier verlangt ein Herr Pleschner ebenfalls Abrechnung. Er sagt, daß er –”

Herr Köser nahm den Brief, riß ihn auseinander und warf ihn in den Papıerkorb – „weiter! –“

„Noch ein solcher Brief von Dr. Rabener. Sein Lustspiel wäre auf sieben Bühnen zur Aufführung gekommen und er hätte noch nichts davon gehört.”

„Ich auch nicht”, sagte Herr Köser, nahm den Brief, knillte ihn zusammen und steckte ihn in die Tasche.

„Herr Blesheim wünscht ebenfalls Abrechnung“, fuhr der junge Mann fort. „Er behauptet, Sie hätten ihm auf seine vier letzten Briefe gar nicht geantwortet.”

„Das ist sehr leicht möglich”, sagte Herr Köser – „die Herren scheinen weiter gar nichts zu thun zu haben als Briefe zu schreiben – wir müssen ihnen das abgewöhnen. Stecken Sie den Wisch in den Papierkorb. Was sonst noch?“

„Anmeldung von neuen Stücken.”

„Bekannte Namen.“

„Nein.“

„Fort damit.“

Die Thür ging wieder auf und Herr Guido Lerche trat, von dem zweiten Commis gefolgt, der ihm auf der Treppe begegnet war, in’s Zimmer.

„Aber, Herr Lerche – der Setzerjunge wartet schon zwei Stunden auf Sie“, sagte Herr Köser vorwurfsvoll.

„Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?“ citirte Herr Lerche und ging ohne einen Gruß an seinen Platz, Herrn Köser gerade gegenüber; „ich bin die Nacht erst um halb drei nach Hause gekommen und habe trotzdem schon heute Morgen den Artikel beendet. Ich muß ihn nur noch einmal durchlesen, nachher kann ihn der Junge mitnehmen.”

Herr Guido Lerche hatte sich in den Jahren, in denen wir das Vergnügen nicht hatten, ihm zu begegnen, sehr zu seinem Vortheil verändert, [408] was wenigstens sein physisches Selbst betraf. Er war dick und rund geworden, trug einen kleinen, aber sehr buschigen Schnurrbart, leinene Vorhemdchen und papierne Vatermörder, sah also immer sehr reinlich aus und zeigte einen nicht unbedeutenden Ansatz zu einer mühsam erworbenen rothen Nase.

„Wo waren Sie denn bis halb drei Uhr“, sagte Herr Köser, der insofern Interesse daran nahm, als Herr Lerche schon seit fünf Jahren als Gatte seiner Schwester sein Schwager und dabei „stummer” Theilhaber des Geschäfts geworden.

„Wo ich war?“ sagte Guido – „Bomeier gab ein famoses Champagner-Souper nach dem Theater und wir haben uns köstlich amusirt. Ist ein ganz famoser Kerl.“

„Sind Sie mit der Recension fertig?”

„Gewiß.“

„Darf ich Sie bitten?”

Lerche reichte ihm das Blatt hinüber und Herr Köser warf kaum den Blick darauf, als er ausrief:

„Aber, bester Lerche – Sie reißen ja das Stück furchtbar herunter und es hat ausgezeichnet gefallen! Der Autor ist beinah nach jedem Act gerufen und der Regisseur hatte alle Hände voll zu thun, ihn nur zu entschuldigen. Das Publicum war ganz außer sich.”

„Lieber Schwager“, sagte Herr Lerche verächtlich, „thun Sie mir den einzigen Gefallen und nennen Sie mir nur gar nicht das Wort Publicum. Was ist Publicum? Eine Masse, die Entrée bezahlt, um das Institut zu erhalten und sie ein paar Stunden Abends zu amusiren. Für ihr Eintrittsgeld haben sie dann allerdings Sitz, aber wahrhaftig keine Stimme und mit Ihrer Erfahrung müssen Sie doch lange schon wissen, daß eine solche Masse wol steuerpflichtig sein kann und sein muß, aber nie die geringste Rücksicht auf ihr Urtheil verlangen darf.“

„Aber der Autor hat einen so bekannten Namen“, sagte Herr Köser, doch noch nicht vollständig überzeugt.

„Und was thut das?“ rief Herr Lerche. „Das Urtheil über dramatische Productionen haben wir in der Hand, nicht das Publicum und wer ist der Autor überhaupt? Kennen wir ihn? Hat er es auch nur der Mühe werth gefunden, uns einen Anstandsbesuch zu machen? – he?“

„Das allerdings“, sagte Herr Köser.

„Gut“, bemerkte Herr Lerche, „den Herren müssen wir wenigstens Lebensart lehren und sie davon überzeugen, daß sie ohne uns Nichts sind – nachher werden sie gehen und fressen aus der Hand. Ueberlassen Sie das mir, Schwager. Ich weiß, wie man mit derartigem Gelichter umspringen muß.”

Herr Köser hatte indessen die Recension über das gestern gegebene Stück weiter verfolgt. – „Hm“, sagte er dabei – „Bomeier wird damit zufrieden sein – kann nicht mehr verlangen, aber – haben Sie sich da verschrieben? – Was bedeutet denn der letzte Satz?“

„Welcher?“

[409] Herr Köser las: „Fassen wir aber das Ganze in wenige Worte zusammen und bewundern wir fortan sein großes Talent für Form, für Stylistik – seine Begabniß sich das Außerordentlichste anzueignen – seine reizende schöne Factur, seine zarten Fühlhörner und seine ernsthafte – ich möchte fast sagen passionirte Indifferenz[2] ... das verstehe ich nicht.”

„Lieber Schwager“, sagte Herr Lerche, mit der linken Hand eine abwehrende Bewegung machend – „überlassen Sie das mir. Sie verstehen das allerdings nicht, aber es drückt in höherer Weise aus, was unser geistiges Ich bei einer solchen Leistung empfindet. Bomeier ist in der That ein Künstler erster Classe und ich hoffe nur, daß er unserem Institut erhalten bleibt. Etwas Rohes, was er noch an sich hat, wollen wir dann schon abschleifen und poliren.“

„Na“, sagte Herr Köser – „dann geben sie nur dem Jungen da das Manuscript, daß er in die Druckerei kommt, denn er wartet schon eine ewige Zeit. Ich will hinüber gehen und mich rasiren lassen – mein Barbier kommt jetzt“, und ein viereckiges Stück Marmor mit einer Lyra darauf als Handgriff auf seine verschiedenen Briefschaften stellend, verließ er das Bureau, um sich auf kurze Zeit in seine eigenen Räume zurückzuziehen.

Herr Lerche hatte indessen den Setzerjungen abgefertigt und die verschiedenen eingelaufenen Zeitungen aufgegriffen, in deren Lectüre er sich vollkommen vertiefte. – Die Schreiber waren ebenfalls in voller und eifriger Arbeit und so mochte es geschehen, daß ein Fremder, von ihnen Allen unbemerkt, das Comptoir betrat und durchschritt. Herr Lerche hatte wenigstens nicht das Geringste gehört, als plötzlich dicht neben ihm eine Stimme sagte:

„Guten Morgen Herr Lerche!“

Guido fuhr in der That zusammen; als er aber über das Zeitungsblatt hinweg sah, erkannte er einen sehr anständig gekleideten Herrn vollkommen in Schwarz, mit sehr sauberer Wäsche, der dicht vor ihm stand und ihm freundlich, ja fast vertraulich zunickte.

Lerche starrte ihn überrascht an, denn die Züge des Fremden kamen ihm so merkwürdig bekannt vor und doch konnte er sich in dem Augenblick um’s Leben nicht besinnen, wo er ihn nur je gesehen hätte. Der Fremde aber, der ihn lächelnd betrachtete, fuhr ruhig fort.

„Also glücklich im Hafen der Ruhe angelangt? – Sie sehen gut aus, lieber Lerche und haben sich ordentlich herausgemacht. Das Unterkinn steht Ihnen vortrefflich und ich hätte Sie beinah gar nicht wiedererkannt.”

„Mit wem habe ich die Ehre?“ sagte Herr Lerche, der durch das vornehm nachlässige Wesen und diese anscheinende Vertraulichkeit ganz aus seiner gewohnten Rolle fiel und gar nicht grob wurde – „ich muß Ihnen gestehen, daß ich mich nicht erinnern kann jemals das Vergnügen gehabt zu haben –”

[410] „Erinnern sich nicht?“ lächelte der Fremde freundlich – „ja, läßt sich denken. Erstlich ist es auch eine Reihe von Jahren her, daß wir uns trafen und dann verändert das Glück die Menschen oft wunderbar. Ich selber konnte mir aber doch die Freude nicht versagen, Sie wieder einmal aufzusuchen und da ich hier gerade ganz in der Nachbarschaft Geschäfte hatte ...“[WS 1].

„Aber wer sind Sie?” rief Herr Lerche, dem plötzlich eine Ahnung dämmerte, indem er dabei ganz blaß wurde.

„Ich?“ lachte der Fremde – „der Teufel! – kennen Sie mich nicht mehr?”

„Ave Maria und Joseph“, sagte Herr Lerche.

„Sein Sie nicht kindisch“, erwiederte der Fremde – „die Schreiber werden schon aufmerksam – ich will auch gar nichts von Ihnen, sondern freue mich nur, daß es Ihnen gut geht und – daß mein Rath bei Ihnen angeschlagen ist. – Sie befinden sich wohl?“

„Danke Ihnen“, sagte Herr Lerche in der größten Verlegenheit, denn er wußte wahrhaftig nicht, wie er mit dem Mann daran war. Er erkannte jetzt auch die Züge desselben wieder, die er damals allerdings nur undeutlich im Mondlicht gesehen; es war das nämliche bleiche, aber in nichts veränderte Antlitz – die Jahre waren spurlos an ihnen vorübergegangen und noch wie damals ruhten die dunklen, ausdrucksvollen Augen auf ihm und schienen sich fest in ihn hineinzubohren.

„Ihr Schwager ist wol nicht zugegen?” sagte der Fremde endlich, als Herr Lerche noch immer keine Worte fand ihn anzureden.

„Nur einen Augenblick auf sein Zimmer hinübergegangen; er muß gleich wieder zurückkommen“, sagte Lerche mit der größten Zuvorkommenheit. „Sie kennen ihn?”

„Wir sind alte Freunde“, lächelte der Fremde „und stehen auch in Geschäftsverbindung.“

„Wollen Sie denn nicht einen Augenblick Platz nehmen?“

Es lag ein eigener, malitiös humoristischer Zug um die Lippen des Fremden. Lerche fühlte sich aber dabei um so unbehaglicher, als er sich bewußt war ihm noch zehn Thaler zu schulden, die er nur höchst ungern zurückgezahlt hätte. – Und wer war der räthselhafte Mensch überhaupt? – Der, für den er sich ausgab, konnte er nicht sein, und jetzt stand er auf einmal mitten in der Stube und keiner hatte ihn kommen hören.

„Herr“, sagte der Fremde nach kurzem Nachdenken, „ich möchte allerdings Herrn Köser erwarten – er wird sich freuen mich wieder zu sehen. – Bleibt er lange?"

„Er muß augenblicklich wiederkommen.“

„Schön“, sagte der Fremde – „dann wart’ ich“ und einen der Rohrstühle benutzend – selbst er getraute sich nicht auf das Sopha – nahm er an der Seitenwand Platz, ohne aber auch nur für einen Moment den Blick von Herrn Lerche abzuwenden, den dieser fühlte ohne ihm zu begegnen.

[411] „Merkwürdig”, nahm dann der Besuch das Gespräch wieder auf, „wie sich doch die Zeiten und Menschen verändern! Erinnern Sie sich noch, Herr Lerche, wie wir und damals in Ems trafen?” Damals waren Sie ein junger schlanker Mensch – etwas abgemagert vielleicht und etwas reducirt ebenfalls, am Leben verzweifelnd, und jetzt? Ich habe mir eben das Vergnügen gemacht und Ihre Familie besucht –“

„Sie waren drüben bei mir?“ sagte Herr Lerche rasch und fast wie erschreckt.

„Ich glaubte Sie noch zu Hause zu finden. Was für eine prächtige Frau Sie haben – so wolbeleibt und so resolut – Sie scheinen ein wenig unter dem Pantoffel zu stehen, Lerche – wie?”

„Ich?“ sagte Herr Lerche und wurde blutroth – „woher vermuthen Sie das?“

„O“, lächelte boshaft der Fremde – „nur nach einigen kleinen Andeutungen. Sie werden es mir auf meine Worte glauben, daß ich darin einige Erfahrung besitze. Ich spielte nur zum Scherz darauf an, daß Sie vielleicht heute Mittag nicht zum Essen kommen würden –.”

„Alle Wetter“, rief Herr Lerche erschreckt – „wir waren gestern Abend etwas lange auf –“

„Ihre Frau Gemahlin deutete etwas Derartiges an“, lachte der Fremde, „so daß ich nicht weiter in sie drang. Ich selber streite mich nicht gern mit älteren Damen, denn man zieht stets den Kürzeren. Aber Sie scheinen sich sehr wohl zu befinden – eine sehr hübsche Einrichtung, eine ganze Reihe von Kindern mit so prächtigen rothen Haaren – und die liebenswürdige Gattin“

„Ich glaube da kommt Herr Köser“, sagte Lerche, dem das Gespräch anfing unangenehm zu werden, indem er nach einer draußen gehenden Thür horchte. Es dauerte auch nicht lange so trat der Principal in das Zimmer, ohne aber den Besuch gleich zu bemerken, oder auch zu beachten; denn er ignorirte grundsätzlich alle Leute, die geduldig auf ihm warteten.

„Donnerwetter“, sagte er, wie er nur den Raum betrat, „was riecht denn hier nur so furchtbar nach Schwefel?”

„Sie müssen mich entschuldigen; Herr Köser“, sagte der Fremde, „ich habe mir eben eine Cigarre angezündet. Es ist wahrscheinlich das Streichhölzchen.”

Herr Köser blieb mit halboffenem Munde vor ihm stehen und sah ihn so stier an, als ob er einen Geist gesehen hätte.

„Von der Hölle“, stammelte er endlich und sein sonst aufgedunsenes rothes Gesicht war merklich bleich geworden – „wo kommen Sie einmal wieder her? Ich – habe Sie in ewig langer Zeit nicht gesehen?“

„Geschäftsreisen, lieber Freund“, sagte der Fremde leichthin, indem er den Dampf einer Cigarre von sich blies – „die mich auch wieder in Ihre Nähe gebracht haben, und doch einmal in X, konnte ich mir natürlich das Vergnügen nicht versagen.“

„Ich weiß nicht, ob sich die Herren kennen“, bemerkte etwas verlegen Herr Köser – „Herr Lerche – mein Schwager und jetziger Theilhaber [412] des Geschäfts – Herr von der Hölle – mein erster Compagnon, lieber Lerche, mit dem ich das Bureau gegründet habe – aber ich erinnere mich jetzt, Sie brachten mir ja selber seine Karte.”

„Ja“, sagte von der Hölle, „und ich freue mich wirklich, zwei so würdige Leute zusammengeführt und befreundet zu haben. Ihr Geschäft muß jetzt blühen, lieber Köser. Wenn Ihre Charaktere auch ziemlich ungleich sein mögen, so ergänzen sich doch Ihre Eigenschaften – und dann der versprechende Nachwuchs. Ich bin ganz glücklich, Alles so vortrefflich gedeihen zu sehen und kann jetzt befriedigt X. wieder verlassen.”

„Und weiter hat Sie nichts hierher geführt?“ sagte Herr Köser, doch etwas erstaunt.

„In Ihr Haus? nein. Einige andere Geschäfte bleiben natürlich noch zu erledigen. Allerdings hatte ich schon früher öfter versucht einmal mit Ihnen abzurechnen, lieber Köser. (Herr Köser wurde leichenblaß), aber ich glaube nicht –“, setzte er gutmüthig hinzu – „daß ich gerade jetzt zur gelegenen Stunde komme.“

„Die Geschäfte sind in der letzten Zeit so schlecht gegangen –“, versicherte der Agent, mit einem unwillkürlichen Blick auf seinen Schwager.

Von der Hölle lächelte – „ich weiß es, verehrter Herr, aber Sie wissen auch, daß ich mehr auf die Zinsen als das Capital rechne. Für jetzt bin ich vollkommen zufrieden. – Lieber Herr Lerche, es war mir außerordentlich angenehm Sie wieder einmal gesehen zu haben – bitte empfehlen Sie mich nochmals Ihrer liebenswürdigen Frau Gemahlin. – Lieber Köser – ich hoffe doch, daß wir im nächsten Jahr unser kleines Geschäft reguliren können, wie?“

„Ich hoffe bestimmt“, sagte Herr Köser und es war augenscheinlich, daß er sich Mühe gab in Gegenwart seiner Schreiber ein etwas würdevolles Ansehen zu behaupten.

„Also auf Wiedersehen – bitte, keine Complimente“ und mit raschen Schritten glitt er mehr als er ging durch das Comptoir, der Thür zu.

Als Köser – der unter keiner Bedingung gerade bei diesem Herrn die nöthige Artigkeit außer Acht lassen wollte – hinter ihm drein schoß und die Thür wieder öffnete, war er schon fort – und ganz unten auf der Treppe. – –

Im nächsten Jahr – ziemlich um dieselbe Jahreszeit – machte ein Vorfall in X viel Aufsehen. Herr Köser nämlich, der Eigenthümer des Theaterbureaus, wurde vermißt, überall gesucht und nirgends gefunden und die verschiedensten Gerüchte kamen darüber in Umlauf. Einige behaupteten er sei im Fluß verunglückt – nach Anderen sollte er in Hamburg gesehen worden sein, um sich nach Amerika einzuschiffen – Gewisses konnte man aber nirgends über ihn erfahren und nur die Schauspieler in X. versicherten auf das Bestimmteste: „daß ihn der Teufel geholt habe.“

Wie dem auch sei – er kam nicht wieder zum Vorschein und Herr Lerche setzt, unter der alten Firma, das Geschäft fort.




  1. Im Schwabenland geht die Sage, daß der Mondschein nicht dem lieben Gott, sondern dem Teufel gehöre, und zu Dem, der darin arbeite oder etwas darin vornehme, komme der Teufel und biete ihm selber Arbeit an.
  2. Wörtlich abgeschrieben aus einer Recension.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. fehlt in der Vorlage