Burney Tagebuch 3/Dresden

Prag Tagebuch einer musikalischen Reise (1773) von Charles Burney
Dresden
Leipzig


[12]
Dresden.


Man kömmt zu dieser Stadt durch die churfürstlichen Gärten, vor einem schönen Lustschlosse und Pavillons; alles ist mit Geschmack angelegt und fällt vortreflich in die Augen. Die Stadt selbst aber hat im vorigen Kriege so viel gelitten, daß ein Fremder kaum die berühmte Hauptstadt von Sachsen zu sehen glaubt, selbst wenn er sie von der vortheilhaftesten Seite auf einer nahgelegenen [13] Anhöhe betrachtet. Ihre meisten himmelansteigende Thürme sind umgestürzt, und nur ein Paar von allen den prächtigen Gebanden, welche die Stadt verschönerten, sind stehen blieben, daher hier sowohl als in Prag, die Einwohner damit beschäftigt sind, das Beschädigte wieder herzustellen.

Mein erstes Geschäft nach meiner Ankunft war unsern Minister an diesem Hofe, Herrn Osborn, zu besuchen. Er nahm mich so gütig auf und erzeigte mir während meines Aufenthalts in Dresden so viel Gefälligkeiten und Dienste, daß ich sie ohne grosse Undankbarkeit nicht verschweigen kann.

Sobald er erfuhr, daß meine Neugier vornemlich auf die Musik ging, machte er mich mit Sgr. Bezozzi, einem berühmten Hoboenspieler aus der churfürstlichen Kapelle bekannt. Bey meiner Unterredung mit diesem geschickten Spieler fand ich, daß er nicht nur einen sehr aufgeklärten Verstand besaß, sondern auch tiefer über die Theorie seiner Kunst nachgedacht hatte, als die meisten praktischen Tonkünstler, welche ich hatte kennen gelernt, und die so viel Zeit auf ein Instrument gewandt hätten, als er bey der Hoboe muß zugebracht haben, ehe er einen so hohen Grad von Vollkommenheit erlangte, als er erreicht hat. Sgr. Bezozzi’s Vater, welcher noch bey der churfürstlichen Kapelle steht, ist ein Bruder der berühmten Bezozzi zu Turin.

[14] Herr Osborne war so gefällig, Sgr. Bezozzi sogleich zu bitten, in diesen Tagen die besten Musiker, welche in Dresden zu finden wären, zu einem Concerte in seinem Hause zusammen zu bringen, um mir Gelegenheit zu geben, die hiesige Musik, so vollkommen wie sie zu haben war, zu hören.

Am folgenden Tage führte mich Herr Osborn zum Doctor Bayley, einem würdigen englischen Arzt, der nicht weniger wegen seiner Geschicklichkeit, als wegen seiner Gastfreyheit zu merken ist. Ich speißte bey ihm, mit verschiedenen auswärtigen Minister zu Mittage. Nachmittags führte er mich zu dem Premierminister, Graf von Sacken, welcher das erste Stockwerk des Brühlischen Pallastes bewohnt, wovon sein Sohn, der Starost Graf von Brühl, nur das Zweyte inne hat. Wir blieben daselst, bis die churfürstliche Familie zur Oper vom Lande herein kam.

Diesen Abend ward nur komische Oper auf dem kleinen Theater aufgeführt, welches aber sehr artig ist, und vier Reihen Logen, jede zu neunzehn hat. Das heutige Stück hieß l’Amore innocente, und war von Sgr. Salieri gesetzt. Die Musik war so herzlich unschuldig, als die Poesie und Vorstellung. Man hörte weder, noch sah das geringste Reizende oder Entzückende; alles war so gar ruhig, unbedeutend und einschläfernd, als das Wiegenlied einer Amme.

[15] Die beste Sängerinn in diesem ruhigen Pastorale, war Sgra. Calori, der es, als sie vor zwölf oder vierzehn Jahren in England war, nur an Feuer fehlte, um eine vortrefliche Sängerinn zu seyn. Damals waren ihre Stimme, ihr Triller und ihre Fertigkeit gut, ihre Person und Gesichtszüge wohlgemacht und fein; allein itzt, da die Zeit verschiedene von diesen Eigenschaften ziemlich geschwächt hatte, blieb ihr Singen so unbemerkt, als der Gesang der übrigen, welcher schmacklos und im höchsten Grade ermüdend war.

Ich muß noch bemerken, daß Sgra. Calori im zweyten Akte eine Bravurarie sang, die von einer obligaten Violine begleitet war, welche Herr Hunt, erster Violinist in Dresden, spielte. Beyde brachten viele nicht geringe Schwierigkeiten heraus, aber ohne sonderliche Wirkung. Der Geiger hatte zwar einen kräftigen Strich und zog einen reinen Ton aus seinem Instrumente, aber sein Geschmack und Ausdruck waren weder fein noch rührend genug.

Sonntags, den 20. September. Heute früh ging ich in die lutherische Frauenkirche, welche an einem grossen Marktplatze liegt. Es ist ein sehr edles und feines Gebäude von Quadersteinen, und hat eine hohe Kuppel in der Mitten; auswendig ist es ein Viereck, aber inwendig hat es die Gestalt eines Amphitheaters. Vor dem Altartische ist eine Erhöhung, über welcher man eine prächtige [16] Orgel gebauet hat. Dieß ist das einzige mir bekannte Exempel einer an der Ostseite der Kirche angelegten Orgel. Alle die ich gesehen habe lagen am Ende des Chors westlich, oder auf einer Seite.

Das Singen unter Begleitung eines so schönen Instruments thut hier ungemeine Wirkung. Die ganze Gemeine, an drey tausend Personen stark, singt im Einklange, meist so langsame Melodien, als die, welche in unsern Pfarrkirchen üblich sind; allein da die Leute hier zu Lande musikalischer sind, als bey uns, und von Jugend auf gewöhnt worden, den größten Theil des Kirchengesanges selbst zu singen, so hielten sie besser Ton, und machten eins der größten Chöre, die ich je gehört habe.

Das Gebäude ist sehr hoch und geräumig, zwischen den Pfeilern sind vier Emporkirchen von schöner Form, über einander; die Sitze an der Erde gehen im Kreise herum, alle haben das Gesicht nach dem Altare zu. Ueberhaupt war dies eine der andächtigsten, ehrwürdigsten Gemeinen, die ich gesehen habe.

Die Bomben konnten in der preussischen Belagerung dieser Kirche nichts anhaben, weil sie von der kugelförmigen Kuppel alle herabrollten, so viel auch darauf gerichtet wurden. Diese Kirche sticht unter den hiesigen so hervor, wie die Peterskirche zu Rom, und die Paulskirche zu London.

[17] Als ich von dieser Kirche heimging, besahe ich die churfürstliche Hofkirche, ein grosses und schönes Gebäude, welches von Mengs und Battoni mit verschiedenen Meisterstücken der Mahlerey ausgeziert ist. Ich kam zu spät, um die Orgel oder irgend etwas zu hören, als das gewöhnliche Rituale der römischen Kirche.

Gegen Mittag führte mich Herr Osborn nach Hofe, wo wir zuerst fast eine Stunde lang im Vorzimmer unter Gesandten und hohen Staatsbedienten auf die Ankunft des Churfürsten warteten. Als Se. Durchlaucht erschienen, hatte ich sogleich die Ehre, Ihnen vorgestellt zu werden. Sie fragten mich „von welchem Orte ich zuletzt käme?“ Ich antwortete von Wien; allein Herr Osborn sagte Sr. Durchlaucht, daß ich zuletzt zu München gewesen wäre, wo ich die Ehre gehabt hätte, der verwittweten Churfürstinn, seiner Frau Mutter, vorgestellt zu werden, worauf er noch einiges wegen meiner musikalischen Reise hinzufügte. Dies schien die Neugierde des Churfürsten zu erregen. „Sie lieben Musik?“ Ja, gnädigster Churfürst. „Sind sie in Italien gewesen?“ Als ich dies bejahete, so schien der Churfürst vergnügt, und eine längere Unterredung darüber zu wünschen; allein, indem er herum sah, und die Gesandten, Staatsminister und viele vornehme Fremden erblickte, welche alle ihr Antheil an der Audienz haben wollten, so kehrte er sich um, sprach einige [18] Worte mit dem russischen Gesandten, Prinz Beloselsky; dann ein Paar mit dem Preussischen und Oesterreichischen, worauf er sich wegbegab.

Der Churfürst ist etwas zurückhaltend in seinem Betragen. Naumann, sein Kapellmeister und Gasmann hatten mir gesagt, daß er so geschickt in der Musik wäre, daß er auf dem Claviere sehr fertig und meisterhaft vom Blatte weg accompagnirte; aber so furchsam wäre, in anderer Gegenwart zu spielen, daß selbst die Churfürstinn, seine Gemahlinn, ihn kaum einmal gehört hätte. Seine Lieblingsneigung ist der Tanz, und seine Unterthanen und der Hof ahmen ihm darin nach.

Als der Churfürst das Vorzimmer verließ, eilte jeder eine Seitentreppe hinauf ins Zimmer der Churfürstinn. Ich hatte die Ehre Ihro Durchlauchten vorgestellt zu werden, als sie vorbey zur Tafel ging. Sie ist groß und mager, ihr Gesicht blühend wie Rosen, und ihre Miene voll starker Züge der Heiterkeit.

Nach Tische erwies mir Herr Osborn die Ehre, mich zu Besuchen bey allen auswärtigen Ministern und verschiedenen Standespersonen mit sich herum zu führen.

Es war eben damals ein Engländer, Namens Tunnerstick, zu Dresden, aus Peel in Dorsetshire [19] gebürtig, aber in Frankreich erzogen. Er war den vergangenen Sommer durch verschiedene deutsche Länder gereiset, um ein sehr merkwürdiges Experiment zu zeigen. Dies bestund in nichts Geringerm, als darin, daß er einen Nagel ganz durch den Kopf eines Pferdes schlug, welches dann, allem Ansehen nach starb. Allein er zog den Nagel heraus, und goß ein chymisches Wasser, welches er selbst zu diesem Zwecke verfertigt hatte, in die Wunde, wodurch das Pferd innerhalb fünf bis sechs Minuten sich hinlänglich wieder erhohlte, und fähig war, jeden Zuschauer aufsitzen zu lassen.

Herr Tunnerstick war zugleich mit mir zu Wien und machte sein Kunststück vor vielen tausend Zuschauern; allein die Erzählungen von der Operation kamen mir so sonderbar vor, das ich glaubte, es stecke Betrug oder Marktschreyerey darunter, und also nicht hinging. Als ich indeß nach Dresden kam, so fand ich, daß er auch hier eben die Kunst mehr als einmal, vor Aerzten, Anatomikern und dem ganzen Hofe gemacht habe. Eines von den Pferden, welches diese sonderbare Operation ausgestanden hatte, ward auf Befehl des Churfürsten getödtet, um durch Anatomirung des Kopfes ausfindig zu machen, ob der Nagel wirklich durch das Gehirn gegangen. Alle Aerzte und Wundärzte die zugegen waren, gestunden, daß er durch den gefährlichsten Theil desselben gedrungen sey. Ein anderes Pferd, das zu gleicher Zeit auf [20] eben diese grausame Art war umgebracht worden, erhohlte sich gleich und war noch ganz gesund, als ich aus Dresden reisete.

Der Churfürst wünschte diese Arzeney zu einem nützlichen Gebrauche angewandt zu sehen, und nicht nur zur Heilung solcher Wunden, welche bloß aus eitler Grausamkeit gemacht wären. Befragte also diesen Pferdearzt, ob sein Hülfsmittel eben so wirksam an andern Theilen des Körpers sey? Dr. Tunnerstick bejahete es; doch weigerte er sich, nochmals diesen Versuch zu machen, unter dem Vorwande, daß man beleidigende Zweifel gegen den guten Ausgang desselben gemacht habe; und ging aufgebracht davon.

Heute Nachmittag ward ich wieder nach Hofe geführt, wo die churfürstliche Familie nebst verschiednen Grossen in Karten spielten. Hier hatte ich die Ehre den drey Brüdern des Churfürsten vorgestellt zu werden; so wie den Tag darauf den Princessinnen Schwestern des Churfürsten.

Dresden enthält viel Reizendes für das Auge des Reisenden, aber weniger für das Ohr, als vormals.[H 1] Ich besahe heute die Churfürstliche [21] Gemäldegallerie, welche ohne Zweifel die Erste und Wichtigste in ganz Europa ist. – In dem Zimmer, wo die Pastellgemälde aufbewahret werden, habe ich unter hundert und sieben und funfzig von der Rosalba verfertigten Bildnissen, eines von der Faustina gefunden, das in ihrer Jugend gemacht, als sie noch in der hiesigen Capelle war. Das Gemälde muß entweder sehr schmeichelnd, oder sie muß schön gewesen seyn. Auch befindet sich hier ein Bildniß der Mingotti von Mengs in Pastell gemahlt, als sie noch jung war. Sie hat ein Notenpapier in der Hand; und wenn sie getroffen ist, so muß sie eine grössere Schönheit gewesen seyn, als man itzt glauben sollte. Ihr Gesicht ist hier jugendlich, etwas völlig und hat redende Züge.

Ich hatte heute die Ehre, in einer grossen Gesellschaft bey Herr Osborn zu Mittage zu essen. Nach Tische eröfneten Sgr. Bezozzi und eine Gesellschaft Musiker ein Concert in einem andern Zimmer. Während desselben gingen alle fremden Gesandten [22] aus und ein, und das Zimmer war zuweilen voll von den vornehmsten Leuten in Dresden.

Das Concert begann mit einer Sinfonie von Hasse, worauf Herr Hunt ein Violinconcert spielte, welcher, wie oben schon ist bemerkt worden, einen schönen Ton und kräftigen Strich hat; allein es fehlt ihm Feinheit im Vortrage und man sah deutlich, daß er wenig gewohnt war, Solo zu spielen. Die Composition seines Solo’s war von Tartini. Hierauf folgte ein Flötenconcert, welches Herr Götzel spielte. Die Komposition gefiel mir nicht recht; die Tuttisätze waren sehr lärmend, und die Solo’s voll Wiederholungen alter und gemeiner Gedanken. Es war nicht von dem Spieler selbst, welcher in der Ausführung grosse Fertigkeit und einen hellen, angenehmen Ton hören ließ, der dabey sich gleich und vollkommen rein war; doch hatte er über dem zweygestrichenen D. nicht die Fülle, als unter demselben.

Hierauf spielte Sgr. Bezozzi ein sehr schweres Hoboenconcert, reizend und meisterhaft; doch muß ich gestehen, daß man ihn desto lieber hört, je weniger man an Fischer denkt. Dennoch versuchte ich, ausfündig zu machen, worin sie beyde von einander verschieden wären. Fischer scheint mir unter ihnen beyden am natürlichsten, gefälligsten und originalsten für sein Instrument zu setzen, und hat das Rohr am besten in seiner Gewalt; welches, ich weiß nicht, aus Mangel an [23] Uebung, oder weil die Passagen schwerer waren, Bezozzi bey vielgestrichten Noten öfter versagte, als Fischern. Doch ist Bezozzi’s messa di voce oder Schwellung bis zum Bewundern schön; er läßt einen Ton an Stärke so sehr und so lange wachsen, daß man kaum umhin kann, für seine Lunge bange zu seyn.

Er hat einen ausserordentlich feinen und zarten Geschmack und Gehör; und er scheint mir eine glückliche und ihm eigene Fertigkeit zu besitzen, einen anhaltenden Ton dem fortgehenden Basse, so wie es das Verhältniß der Töne unter einander erfodert, anzupassen. Ueberhaupt spielt er so vortreflich, daß man entweder entzückt werden, oder äusserst fühllos seyn muß.

Der zweyte Theil des Concerts fing mit einer unvergleichlichen Sinfonie von Vanhall an, die sein entflammter Geist in den glücklichen Augenblicken gebohren hatte, da seine Vernunft weniger vermochte, als sein Gefühl.

Herr Hunt spielte hierauf ein Solo von Nardini; er trug es richtig vor, allein die Komposition wiederholte gewisse Gänge, die weder neu noch anziehend waren, allzuoft, und der Spieler suchte sie weder durch Geschmack noch Ausdruck aufzustützen.

[24] Auf dies Solo folgte eins für die Flöte, von Herrn Götzel gespielt. Er trug es viel besser vor als das Erste, und die Komposition war auch von ihm, und viel besser.

Ein sehr anmuthvolles, erfindungsreiches Hoboenconcert von Bezozzi gespielt, folgte sodann. Das Allegro war rascher und noch schwerer, als das im vorigen Concerte. Er that sich bey diesem Concerte recht hervor; es schloß mit einem gefälligen Rondeau, und machte die Gesellschaft sehr aufgeräumt. Er ließ sich hernach, wiewohl nicht ohne Mühe, erbitten, uns pour la bonne bouche, Fischers bekannte Rondeau-Menuett, zu geben. Er hatte sie hier oftmals mit dem größten Beyfalle gespielt, und man versicherte mich, er trüge sie besser vor, als der Verfasser selbst; dennoch kann ich eben nicht sagen, daß ich dies bey seinem itzigen Vortrage wahr befunden hätte. Deswegen ist es doch kein geringes Lob für ihn, da ich an die reizende Manier gewöhnt war, worin Fischer selbst in England sie so oft gespielt hatte, wenn ich sage, daß ich Sgr. Bezozzi mit grossem Vergnügen spielen hörte.

Dienstags, den 22sten September. Heute um neun Uhr ging ich in die Frauenkirche, um den Organisten, Herrn Hunger, welcher mich dahin bestellt hatte, auf der Orgel zu hören. Der ältere Silbermann aus Neuburg, hat sie [25] gebauet.[H 2] Die größte Pfeife im Pedal ist zwey und dreissig Fuß lang; und dies Werk ist eines der besten dieses berühmten Orgelbauers, der es vor eben drey und zwanzig Jahren vollendete. Es sind acht und vierzig Stimmen darinnen,[H 3] drey Manuale, welche vom grossen bis zum dreygestrichnen D gehen; das Pedal hat zwey Octaven; alle drey Manuale können gekoppelt werden, um die Orgel zur Begleitung der Gesänge zu verstärken; allein dies macht den Anschlag so schwer, daß jede Taste einen Fuß statt eines Fingers erfordert, um sie niederzudrücken.[H 4]

[26] Der Rohrwerke sind nur sieben in dieser Orgel, so daß der Register zu Nachahmungen und Abwechselungen sehr wenig sind. Die besten Solostimmen darin sind eine Violdegambe, ein Basson, eine Voxhumana, Trompete, Schalmey, Tremulant und Schwebung, welches wie der Name anzeigt, der Bebung auf der Geige nachahmt.

Herr Hunger hat weder eine feurige Einbildungskraft noch fertige Finger. Doch spielt er meisterhaft, und bewieß, daß er sein Instrument vollkommen verstund.

Da dies die erste Silbermannische Orgel war, die ich antraf, so ging ich in das innere Gebäude des Werks, und fand es stark, nett und gut geordnet. Es ist merkwürdig, daß bey einer so gewaltigen Maschine nur fünf Bälge sind.

An Sonn- und Festtagen führen die Chorsänger in dieser Kirche oftmals Cantaten auf, welches Wort im Deutschen die englischen Anthems ausdrückt.[H 5] Sonst singt die ganze Gemeine im Einklange, bloß von dieser Orgel begleitet. Nie habe ich ein edleres Chor gehört als dieses, welches vielleicht durch die Form des Gebäudes der Kirche viel gewann.

Von hier ging ich zu dem grossen Theater, wo die ernsthafte Oper wie gewöhnlich gespielt ward. [27] August der Zweyte erbauete es im Jahre 1706; allein nach der Zeit ward es von August dem Dritten ausgeziert und die Bühne sehr erweitert.

Ich war sehr begierig, dies berühmte Feld zu sehen, wo General Hasse mit seinen wohlgeübten Truppen, so viele glorreiche Feldzüge gethan, und sich so viel Lorbeeren erworben hatte. Alle seine besten Werke, so wie einige von Metastasio’s Dramen wurden ausdrücklich für dasselbige verfertigt.[1]

Der Eingang zur Oper war hier allemahl frey. Das Theater ist fast so groß, als das zu Mayland; es hat fünf Reihen Logen, jede zu dreissigen. Die Form ist oval, wie bey den italiänischen Theatern, und das Orchester kann einige hundert Spieler fassen.

Im Jahre 1755. hatte der König von Pohlen bey diesem Theater in seinen Diensten zehn Sopransänger, vier Altisten, drey Tenoristen und [28] vier Bassisten. Unter diesen waren Sgra. Faustina, Mingotti, Pilaja und Sgr. Monticelli, Pozzi, Anibali, Amarevoli und Campagnari. Die Instrumentspieler waren Männer vom Ersten Range und zahlreicher, als irgend an einem europäischen Hofe; allein itzt sind nicht mehr, als sechs oder acht davon in Dresden übrig.[2]

Die Zerstreuung dieser Kapelle im Anfange des letzten Krieges, gab jeder grossen Stadt in Europa und unter andern auch London verschiedne vorzügliche und beliebte Virtuosen.

Voritzt bleibt dies Theater aus ökonomischen Gründen verschlossen, indem man es seit der Vermählung des Churfürsten vor drey Jahren, gar nicht gebraucht hat; bey welcher Gelegenheit zwey Opern, eine von Hasse, und die andre von dem itzigen Kapellmeister, Naumann, aufgeführt wurden.

Da das Opernhaus nahe bey der Bildergallerie liegt, so konnte ich der Begierde, sie noch einmal zu betrachten, nicht widerstehen, vornehmlich um mich noch einmahl über die göttlichen Corregios [29] zu entzücken. Allein ich hatte zu wenig Zeit von musikalischen Geschäften übrig, als daß ich diesem pittoresken Vergnügen, so lange als ich wünschte, hätte nachhängen können.

Herr Osborn, dessen freundschaftliche Gefälligkeit mir stündlich Gelegenheit verschafte, meine Neugierde zu befriedigen, hatte Herrn Binder, den Hoforganisten, vermocht, mich des Nachmittags in der Schloßkirche zu erwarten, woselbst eine noch grössere Orgel ist, als in der Frauenkirche.

Silbermann hat dieses Werk angefangen zu bauen, und da er starb, eh’ es fertig war, rufte man seinen Neffen von Straßburg, um die letzte Hand daran zu legen. Ich ging auch hier in das Inwendige des Werks hinein, und fand eine sehr saubre Arbeit, die Register ungemein sinnreich gelegt, und die Pfeiffen so hell polirt, daß sie das Ansehn von Silber hatten, selbst wenn man sie sehr nahe betrachtete.

Das ganze angezogne Werk ist ungemein stark und voll besetzt; der Widerhall aber und Nachklang ist in diesem Gebäude so heftig, besonders wenn nicht viel Menschen darin sind, daß man keine Melodie deutlich hören kann.

Herr Binder, der Organist, war ein Schüler des sehr bekannten Hebenstreits, dem Erfinder [30] des Pantalons; ein Instrument, welches im Anfange dieses Jahrhunderts sehr berühmt war, auf dessen Erlernung und Uebung Herr Binder seine ganze Jugend verwendet hatte. Allein, ob er gleich erst in spätern Jahren sich auf die Orgel und das Clavier gelegt hat, ist er doch auf beyden ein sehr geschickter Spieler geworden. Er spielte drey oder vier Fugen in einer sehr meisterhaften Manier, wobey er starken Gebrauch vom Pedale machte. Ich fand freylich nicht, daß er eine sehr feurige Einbildungskraft hatte, allein in der vollstimmigen Manier,[H 6] worin die Deutschen zu spielen pflegen, ist auch nicht viel Gelegenheit, welche zu zeigen.[H 7] Bey einem so schweren Werke, zugleicher Zeit wenn die Hände auf den steifen und tieffallenden Manualen in voller Thätigkeit sind, das Pedal stark zu gebrauchen, ist in der That eine schwere Arbeit.

Die Menge der Stimmen, welche in dieser Orgel bis an vier und funfzig steigen, vermehrt [31] bloß das Geräusch, und das Gewicht der Tasten. Die Voxhumano ist schlecht; und nur wenige Solostimmen sind von angenehmen Ton. Man weiß in Dresden gar nicht, was ein Schweller für ein Ding ist. Nur die Echos von den gemeinen Stimmen kann man an sich selbst lieblich heissen. Das grosse Verdienst aller deutschen Orgeln, die ich bis dahin gehört hatte, bestehet bloß in der Vollhaltigkeit und der Stärke des ganz angezogenen Werkes; Freylich haben sie auch weiter eben nichts nöthig, denn wo viel gesungen wird, brauchts keiner so vielen Vor- und Zwischenspiele, wie in den englischen Pfarrkirchen; so wenig es nachahmender Stimmen bedarf, um Rittornells zu spielen, wenn an den wirklichen Instrumenten kein Mangel ist.[H 8]

Signor Bezozzi und Herr Hunger, nebst verschiedenen andern Meistern waren in der Schloßkirche, um Herrn Binder spielen zu hören; welcher als er fertig war, sich dergestallt warm gearbeitet hatte, als wäre er mitten in den Hundstagen, sporenstreichs, etliche Meilen über gepflügtes Land gelaufen.

Des Abends ging ich zu Herrn Binder nach seinem Hause, um die Ruinen des berühmten Pantalons zu sehen. Dieses Instrument gab, als 1705 in Paris darauf gespielt wurde, Gelegenheit zu einem kleinen sehr sinnreichen Werke, unter [32] dem Titel: Dialogue sur la Musique des Anciens, vom Abbee Chateauneuf. Der Erfinder ward hernach beständig nach dem Namen seines Instruments genannt. Es ist über neun Fuß lang, und hat, wenn es bezogen ist, 186 Darmsaiten.[H 9] Es wird wie ein Cembal, oder Hackebrett, mit zwey Stöcken geschlagen. Es muß dem Spieler viele Mühe gekostet haben, daß ganze Instrument zu regieren, es scheint aber auch grosse Wirkungen hervorbringen zu können. Die Saiten waren fast alle gesprungen, weil es nicht weiter für ein Hofinstrument gehalten, und auf dessen Kosten besaitet wird. Herrn Binder würde es bey den itzigen Geldlosen Zeiten zu kostbar fallen, ein Instrument in beständigem Bezuge zu erhalten, auf welches er ehedem so viele Zeit verwendet hat. Denn auch selbst mit Unterricht in der Musik ist gegenwärtig in Dresden wenig zu verdienen, weil jedermann sich, nach dem letzten Kriege, so viel einschränkt als möglich.[WS 1]

Der itzt regierende Churfürst ist ein grosser Beförderer der Rechtschaffenheit und guten Sitten [33] unter seinen Unterthanen; und hat einen der grössesten Beweise gegeben, daß seine Seele voller zärtlichen Liebe der Menschlichkeit ist, indem er die barbarische Tortur bey seinen Gerichten abgeschaft hat.

Der vormahlige Premierminister, Graf Brühl, hat drey Söhne hinterlassen, davon der Aelteste, den man nur gewöhnlich den Starosten[3] nennt, zu Dresden residirt. Ich hatte die Ehre diesem Herrn vorgestellt zu werden, dessen Person und Anstand so vollkommen und angenehm sind, als ich jemals gesehen habe; man sagt, daß er unter vielen andern Vollkommenheiten, die er besitzt, auch ein grosser Musikus seyn soll. Er war so gütig Herrn Osborn zu bitten, daß er mich nach eines von seinen Landgüthern mitbringen möchte, um seine Bücher zu sehen, Musik zu hören, und mit Musse darüber zu sprechen; die Arbeit aber, die ich mir aufgeladen hatte, wollte mir eine so geruhige Landluft nicht erlauben.

Gleichwohl blieb ich einen Tag länger in Dresden, als ich mir vorgesetzt hatte, und zwar auf die sehr verbindliche Einladung Sr. Excellenz des Graf Sacken, Minister der auswärtigen Affairen, welcher darauf bestund, daß ich bey ihm zu [34] Mittage essen sollte. Dieser Herr giebt wöchentlich Einmal den fremden Ministern, Personen vom Stande und Fremden, eine sehr gastfreye und prächtige Tafel; und obgleich seine Appointements nicht groß sind, so besitzt er doch ein hinlängliches Vermögen, seinem Posten Ehre zu machen, ohne dem Volke mit seinen Ausgaben zur Last zu fallen.

Die Tafel des Grafen war eine der prächtigsten, die ich gesehen habe; die Gesellschaft bestund aus beynahe vierzig Personen, beyderley Geschlechts, wovon die meisten von hohem Adel waren. Jeder Gang ward in vortreflich gearbeitetem Silber und schönem meißner Porcellain aufgetragen. – Aber wieder zur Musik! –

In meinem Tagebuche habe ich öftre Gelegenheit gehabt der Singschüler zu erwähnen, welche man an etlichen Orten auch Armschüler nennt, und während meines Aufenthalts zu Dresden zog ich so viel Nachricht ein, als ich von dem Ursprunge dieses Instituts nur immer erhalten konnte, und Folgendes ist das Resultat von meinen Nachforschungen.

Als die römischchatholische Religion noch die einzige in Deutschland war, nahmen die Geistlichen, welche den Gottesdienst in den Haupt- und Nebenkirchen versahen, Knaben, welche gute [35] Stimmen hatten aufs Chor, um einen Theil des Gottesdienstes abzusingen, ungefehr wie die Choristen in den engländischen Hauptkirchen noch thun. Für diesen Dienst wurden die Knaben von der Geistlichkeit erzogen und unterhalten, und solche unter ihnen, welche Fähigkeiten zum Lernen zeigten, wurden zum geistlichen Stande vorbereitet.

Nachdem bey Gelegenheit der Reformation die Bißthümer und Abteyen sekularisirt worden, und die Kirchen einen grossen Theil ihrer Einkünfte verlohren, büßten auch die Singeknaben das einzige Mittel ein, daß sie hatten, sich durch zu helfen. Allein die Geistlichen der neu eingeführten Religion waren bald darauf bedacht, diese Stimmen anzuwenden, und liessen sie solche geistliche Lieder auf den Gassen absingen, in welchen die Lehrsätze der römisch-chatholischen Religion bestritten, und solche, die sie selbst zu predigen angefangen hatten, unterstützt wurden. Ein wohlgewähltes Mittel, dem Volke die Reformation nach und nach bekannter und beliebter zu machen.[H 10]

Es ist eine allgemein angenommne Meynung, daß diese Schüler oder Singeknaben ein Grosses zu der schnellen Ausbreitung der Lehre Luthers in Sachsen gethan haben. Und weil keine feste Fundation für den beständigen Unterhalt dieser Sänger vorhanden war: so entschlossen sich solche Familien, [36] die die Reformation begünstigten, das Ihrige durch freywillige Gaben dazu beyzutragen; und diese Beyträge vermehrten sich, als das ganze Land protestantisch ward. Die Regeln, welche diesen Chorschülern vorgeschrieben sind, bestehen in folgenden: Die Stadt ist in verschiedene Weichbilder oder Kirchspiele getheilt; wenn sie z. E. den Ersten des Monats anfangen vor den Thüren des vornehmsten Weichbildes zu singen, so kommen sie den Zweyten vor die Thüren des Folgenden, und so fort, bis sie in allen rund sind, und wieder beym Ersten anfangen.[H 11]

Ausser dieser gewöhnlichen Reihe ist es in den vornehmen und angesehenen bürgerlichen Häusern, welche einen grossen Schein von Andacht lieben, der Gebrauch, daß sie diese Schüler bestellen, ein oder zweymal in der Woche vor ihre Thüren zu kommen und zu singen, wofür sie ausserordentlich bezahlen; und ob diese Bezahlung gleich in ihrem Belieben steht, so ist sie doch soweit bestimmt, daß niemand unter zwey gute Groschen für jeden Gesang, den er singen läßt, geben darf. Einige Familien lassen sich auch an ihren Geburtstägen und bey andern freudigen Begebenheiten muntere Oden und Lieder vorsingen; oft singen sie auch des Abends mit Fackeln in der Hand, bey den Begräbnissen reicher Leute, vor den Häusern worin die Leiche ist, Trauerlieder, und begleiten den Sarg bis zum Grabe, wobey [37] sie, gleich den Klageweibern bey den Alten, Nänien, singen.[H 12]

Es ist dabey anzumerken, daß, ausser der sauren Arbeit, die sie Sommer und Winter in allerley Witterung auf den Gassen verrichten, auch noch alle Sonn- und Festtage in den verschiedenen Kirchen singen müssen. Sie sind gewöhnlicherweise in Chöre von sechszehn oder achtzehn eingetheilt, und was sie die ganze Woche durch sammlen, wird in eine allgemeine Büchse gesteckt, welche der Rektor der Schule alle Sonnabende öfnet, einem jeden seinem bestimmten nothdürftigen Unterhalt reicht, und was übrig bleibt, nach ihrem verhältnißmässigen musikalischen Verdienste unter sie vertheilt; denn wenn z. E. der Anführer oder sogenannte Präfekt eines Chores, einen Reichsthaler erhält, so bekömmt der nächst ihm folgende beste Sänger einen Gulden, u. s. f. Dieses Geld bekommen sie indessen nicht gleich in die Hände, sondern der Rektor hebt es ihnen auf, bis sie ihre Schuljahre zurückgelegt haben, da ihnen dann zu ihrem weitern Fortkommen gereicht wird, was für sie zusammen gespart ist.

Diejenigen darunter, welche ein wenig Griechisch und Latein gelernt haben, werden gemeiniglich Schulmeistere in den verschiedenen Kirchspielen durch Sachsen; sie müssen aber auch die Orgel spielen können, weil auch die kleinste Pfarrkirche [38] in Sachsen ihre Orgel und auch ein Chor andrer Instrumente hat, die zu ihren Kirchenmusiken gebraucht werden.

Solche Armenschüler, welche Genie und Neigung zum Studiren haben, finden dazu in Leipzig und Wittenberg, vermittelst gestifteter Freytische und andrer Beyhülfe Gelegenheit, ohne ihren Anverwandten zur Last zu fallen. Diese beyden Universitäten haben an diesen armen Studenten gewöhnlich über dreyhundert, unter welchen manche sehr brauchbare und nützliche Gelehrte werden, viele aber auch sich besonders auf die Musik legen, und daraus ihre ordentliche Profession machen.

Selbst in den Trivialschulen zu Dresden werden die Kinder gelehrt, Choräle in mehr Stimmen zu singen. Die Singeschüler alle, die kleinsten Knaben nicht ausgenommen, tragen eine schwarze Uniform, wie die Leichenbesorger in England, und dabey dicke runde Prücken; und wie jedes Haus jährlich etwas Gewisses zu ihrer Unterhaltung beyträgt, so pflegen ihnen die Gesandten alle Vierteljahr einen Thaler zu geben, um vor ihren Thüren nicht zu singen.

Die musikalischen Stücke, welche unter den Namen Polonoisen bekannt sind, gehn sowohl in Dresden, als in vielen andern Gegenden in Sachsen sehr im Schwange; und es ist begreiflich, daß [39] solche durch den vielen Umgang der Pohlen mit den Sachsen, unter der Regierung Augusts des Zweyten und Dritten, eingeführt sind.

Die Strohfiddel, ein Instrument von aneinander gelegten Stücken Tannenholz, oder Stücken Glas oder Stahl von verschiedener Länge, worauf man mit zwey Kleppeln spielt, ist gleichfalls bey den geringen Leuten in Sachsen sehr gänge und gebe.

Herr Homilius, Cantor an der Kreuzkirche in Dresden, ist ein grosser Contrapunktist und Kirchenkomponist, und wird durch ganz Deutschland sehr hoch geschätzt; und Herr Adam, ein vieljähriger Musikus, und einer von den wenigen, welche noch von dem berühmten Opernorchester unter Hassens Direction übrig blieben sind, hat sich durch die Komposition der Ballettmusik, zu der Zeit, als die Opern in ihrem grössesten Flor waren, vielen Ruhm erworben.

Anmerkungen

  1. Italien möchte gar zu gern sich Hassen zueignen. Graf Algorotti spricht in einem poetischen Schreiben an August den Dritten, von diesem Theater und sagt:

    Ivi d’Italia l’armonia divina
    Ne’ bei concenti fuoi varia, e concorde
    Risuona a’Hasse sotto all agil dito,
    Che gli affetti del cuor, del cuor Signore,
    Irrita, e molce a un sol toccar di lira,
    E pietà, com’ ei vuol, Sidegno od amore
    Nuovo Timoteo in sen d’Augusto inspira.

    Opere del Conte Algarotti. Tom. VIII. p. 84.
  2. Sgr. Bezozzi war so gütig, mir eine Liste der Hof- und Kapellmusiker, die itzt in Dresden sind, zu geben. Wenn ich sie mit der in Marpurgs Beyträgen z. B. vergleiche, so finde ich, daß bloß die beyden Bezozzi’s, Binder, Götzel, Hunt, Neruda und Adam von der alten Gesellschaft übrig sind.
  3. Der Graf Brühl ist Starost von Warschau. Starosta Warszawski.

Anmerkungen (H)

  1. Hier bleibt die Nachricht von dieser Gallerie weg, welche in Deutschland bekannt genug ist; wer sie nicht kennt, mag das Verzeichniß der Gemälde in [21] der churfürstlichen Gallerie in Dresden, Leipz. 1771. 8. oder auch allenfalls Herrn von Heinekens Recueil d’Estampes d’après les plus celebres tableaux de la Gallerie royale de Dresde, 1757. gr. Fol. nachsehen. Dies will ich noch bemerken, daß der Cicerone oder Aufseher der Bildergallerie Herrn Burney sagte, der Churfürst besitze zwey tausend Originalgemälde und zwey tausend vierhundert Copien; ungeachtet in dem gedruckten Verzeichnisse nur 1187. überhaupt angegeben werden.
  2. Die Sammlung einiger Nachrichten von berühmten Orgelwerken in Teutschland; Breslau, 1757. sagt: „diese überaus schöne Orgel hat der berühmte Herr Gottfried Silbermann von Dresden gebauet.“ Im Verzeichniß wird der grosse Untersatz im Pedal allerdings 32. Fuß Ton angegeben, und zwar von Holz. Ob aber eben 32 Fuß lang? das mag Herr D. Burney verantworten, der sie gesehen hat.
  3. Die vorangezogene Nachricht sagt nur drey und vierzig. Sie sind also angegeben: „Im Hauptmanual von grossen und gravitætischen Mensuren 14. Im Oberwerk von scharfen und penetranten Mensuren 11. In der Brust von delicaten und lieblichen Mensuren 10. Im Pedal von starken und durchdringenden Mensuren 8 Stimmen. Summa 43.“ und scheint Herr D. Burney also wohl die Ventil- Schwebung- Tremulanten- und Koppelzüge, nebst dem Calcantenglöcklein mitgezählt zu haben.
  4. Zur schlichten Begleitung des Chorals, mag ein Werk immerhin ein wenig schwer zu spielen seyn. Und ist solches kein Tadel desselben. Zum Vorspielen brauchts keines Koppelns.
  5. [299] Nemlich in soweit beydes Kirchenmusik ist. In der innern Einrichtung sind sie aber sehr verschieden. Anthems sind nemlich bloß, schicklich oder unschicklich zusammengesetzte, biblische Sprüche, die der Komponist nach Gutdünken zu Chören, Recitativen oder Arien macht. Unsre [300] deutschen Kirchenkantaten bestehen in Chören, Arien, Duetten, Recitativen und untermischten Kirchengesängen, welche der Dichter ausdrücklich in Ordnung bringt; sind auch wohl nur für eine oder zwey Singestimmen gesetzt.
  6. [300] Der Verfasser braucht sein Masterly, gemeiniglich bey einem Komplimente, das ihm nicht recht von Herzen geht. Wir Deutschen halten keinen für meisterhaft, der ohne feurige Einbildungskraft spielt, wenn das Stück, welches er spielt, es zuläßt.
  7. In Musikalischen Materien möchte der Uebersetzer gerne den Herrn Doktor Burney im Texte sagen lassen, was im Originale stehet; obgleich vieles Fremdes, zum Zweck nicht Gehöriges, billig für den deutschen Leser ganz ausgelassen wird. Dergleichen Urtheile aber, wir dieses, welches, man nehme es auch noch so glimpflich, wenigstens ohne genugsame Ueberlegung hingeschrieben ist, möchte der Uebersetzer, so unbekannt er in der gelehrten und musikalischen Welt ist, und gerne bleiben wird, um Vieles nicht auf seiner Rechnung haben.
  8. [300] Der Verfasser denkt bey seinem unablässigen Tadel über die Grösse der deutschen Orgeln und ihre Füllstimmen, gar nicht daran, daß beydes nothwendig ist, eine grosse Gemeine, die mehr als ein paar Zeilen hinter einander singen soll, im Tone zu erhalten. Sollte er nie gehört haben, wie sie herunterzieht, wenn die Orgel schwächer ist, als die Gemeine? Mit der Nothwendigkeit der Fülle der Orgel lernt man auch die Nothwendigkeit der Pedale begreifen, und wer Orgeln gut hat spielen gehört, begreift auch leicht die grosse Wirkung des Pedals. In England soll man nichts davon wissen, weil die Orgeln da niedlich und elegant seyn sollen. Aber kann England uns Muster seyn? Wenn mancher Organist beym Solospielen [301] das Registrieren nicht versteht, so ist das nicht der deutschen Orgeln Schuld. Wer Herrn Burneys Anmerkung über der deutschen Meynung vom Pedale Seite 217 im dritten Bande liest, den muß die Lust ankommen, Herrn Burney das zu antworten, was Scarlatti zum Herrn l’Augier über seine zehn Finger sagte. In Italien hängen die Pedale freilich an den Manualen, und gehn, (wie vermuthlich auch in England) mit dem kleinen Finger der Linkenhand einen Gang. Und dann machts nur eine nothdürftige Verstärkung, und ist wie der Violon in einem Conterte, der doch gewiß nicht einmal entbehrlich ist. – Nach Bachs Grundsätzen ist das Pedal nothwendig, wenn die Orgel in ihrer wahren Manier gespielt, und nicht zum Clavier herabgesetzt werden soll. Wenn ein wirklicher Meister die Orgel spielt, so hebt das Pedal die grössesten Gedanken ungemein, und giebt der Musik eine so hohe Majestät, die kein ander Instrument je hervorbringen kann. Hätte Herr Burney doch einmal den hällischen Bach spielen gehört, zu einer Zeit, da ihn nicht der Geist der algebraischen Künste trieb!
  9. Ein gewisser Prinz, an dessem Hofe sich vor kurzem der Herr Gumpenhover, ein sehr geschickter Pantalonist, hatte hören lassen, da die Gebrüder Collas, auf ihren Reisen, mit ihren zwosaitigen, sogenannten Caloscionis hinkamen; sagte zum Aeltern, als er ihn spielen gehört: „Sie haben mit Ihren zwey Saiten, mir eben so viel Vergnügen gemacht, als Gumpenhover mit Zweyhunderten.“
  10. [301] Seckendorf in seiner Hist. Luther. führt einige Lieder an, die solche Wirkung thaten; in [302] den vielen Büchern von der Geschichte deutscher Lieder, die Wetzel, Gottschalk, Busch und andre geschrieben haben, kann man auch solche Exempel auffinden.
  11. [302] Es sind nicht bloß Gesänge, was die Chorschüler singen. An den meisten Orten singen sie Motteten, welche aus einem Spruche, davon ein Theil gewöhnlich eine Fuge ist, und einer Arie, welche von einem Baßsänger begleitet wird, zu bestehen pflegen. Herr Rolle hat dergleichen viele komponirt, die sehr schön sind.
  12. [302] Die Nänie ist wohl nichts anders, als das bekannte Begräbnißlied: Nun lasset uns den Leib begraben, mit der Antwort. Uebrigens führt auch an vielen Orten bey Begräbnissen, der Cantor in der Kirche ordentliche geistliche Trauerkantaten auf. Die Austheilung des Geldes geschieht auf hunderterley Weise. Es gehen auch viele junge Leute ins Singechor, die kein Geld nehmen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Hier hat Bode eine längere Passage Burneys über die Armut in Dresden ausgelassen (S. 58–61 des Originals).
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