Die Weiber von Weinsberg (Essig)/Erster Aufzug

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Die Weiber von Weinsberg (Essig)
Zweiter Aufzug »
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Erster Aufzug.

Personen: Schwester Gretchen; Achilles Launer; Frau Niese, Ricke; Siegfried; Waibel; der Graf; die ledige Jugend hinter der Szene.

Szene: die Altjungfernstube von Schwester Gretchen darin wesentlich eine Himmelbettlade.

Zeit: Nachts.

Schwester Gretchen (beim Auskleiden, in der Nachtjacke, Nachtlicht auf dem Tisch) Ich will zu Bett gehhen. – Ich bin so unruhig heute. – Ist’s der Feind vor dem Städtchen oder die Spannung in mir? – Heute bin ich noch neunundvierzig, morgen schon fünfzig. – – Meine Ruhe ist ffort, sie ist weg, mein Wunsch nach Liebe ist nicht erfüllt, kein einziges Mal bis heute. – – Ich wollte nicht fünfzig werden, eh es war. Das ist die Grenze, habe ich mir gesagt, von der ab es immer schwieriger wird. In der Jugend zu spröde, als Fräulein zu stolz, und jetzt zu sehnsüchtig, zu sehnsüchtig. Wer tritt ein?

Frau Niese Ich … ich, Fräulein Gretchen.

Schwester Gretchen Sie … Frau Niese … was führt Sie her? Ahne ich recht?

[6] Frau Niese Leise, leise! Fräulein Gretchen, Herr Launer will nebenan schlafen.

Schwester Gretchen – Ich hatte auf heute etwas anderes von Ihnen und einem Herrn erwartet.

Frau Niese Er versteht jedes Wort … die Wände sind spanisch.

Schwester Gretchen Spanisch!! Nur eine pappdeckeldicke Wand trennt mich von einem Herrn. Frau Niese, Frau Niese, wie mich das erhebt, morgen ist mein fünfzigster Geburtstag.

Frau Niese G’rade Sie meinen, wenn das Pappdeckelchen nicht zwischen wäre.

Schwester Gretchen Jha das mein ich.

Frau Niese Seh’n m’r was sich machen läßt.

Schwester Gretchen Alles hoff ich. Ich wollte nicht fünfzig werden ohne es einmal, nur auch einmal, gehabt zu haben.

Frau Niese Leise, leise, er hustet.

[7] Schwester Gretchen Ich muß aber meiner Leidenschaft ungestört nachgehen kkönnen … deswegen wohne ich hier.

Frau Niese Der Herr meint’s nicht böse … nur bedenken Sie, der Herr Launer ist Junggeselle und wenn er dann nebenan das Weibliche, das er eben vermißt, so spektakulieren hört, so haut’s den Spund hinaus … machen Sie’s vielleicht ’n bißchen inniger in der Brust.

Schwester Gretchen Ist denn das möglich? … die Menschen laufen umeinander und wohnen beieinander und wissen’s nicht. Sie wissen’s nicht. Sagen Sie etwas zu dem Herrn!

Frau Niese Schickt sich das?!

Schwester Gretchen Der Herr nebenan leidet.

Frau Niese Dem Herrn geht nichts ab.

Schwester Gretchen Das weiß ich … aber weil ich morgen fünfzig werde.

Frau Niese Ja … ja.

[8] Schwester Gretchen Und ich heute noch neunundvierzig bin.

Frau Niese Ju … ju, so fehlt Ihnen was.

Schwester Gretchen Ich halte dieses Alter für den Wendepunkt im Leben eines Mädchens.

Frau Niese Ganz recht, ganz recht … das halt ich auch.

Schwester Gretchen Mein Wunsch nach Liebe wurde noch nie erfüllt.

Frau Niese ’r is ’s aber auch nie!

Schwester Gretchen Und wenn Sie mich ansehen wollen, ich könnte was von Glück ertragen.

Frau Niese Hätten Sie’s bloß ’n bißel früher gesagt, nicht so auf die knappe Minute … ’s erfordert doch allens sein Besinnens.

Schwester Gretchen Die Scham hielt meinen Mund geschlossen.

Frau Niese Gescheit nenn ich das.

[9] Schwester Gretchen Aber zu Ihnen rede ich Frau Niese.

Frau Niese Das ist Ihre Menschenkenntnis. So was muß sich zart machen im Geheimen. Ist der was rechts, dem ’s Geplapper aus dem Mund fällt wie’n falsches Gebiß?

Schwester Gretchen Nein – aber wie fangen Sie das dann an? –

Frau Niese Man schweigt.

Schwester Gretchen Wie soll dann aber der Herr meine Liebe … meine unaussprechliche Liebe zu ihm erfahren?

Frau Niese Das fühlt er.

Schwester Gretchen Seine hübsch gescheitelten Haare, seine guten treuen Augen, sein leidenschaftlicher Mund, sein lieb stutziges Bärtchen, die prächtige goldene Uhr …!

Frau Niese Sie bleiben vor Respekt stehen, zählen Se ruhig weiter.

Schwester Gretchen Das hat mich alles an dem Herrn entzückt! so [10] daß ich ihn liebe. (Es pocht an die Wand, die beiden prallen auseinander wie gestörte Katzen, Frau Niese ab. Schwester Gretchen geht mit Gespensteraugen auf die Wand zu.) Wie?! … das war ein Zeichen … er hofft auf Antwort. Wenn ich aber jetzt klopfe, so ist mein keuscher Wandel dahin. Wie das kämpft! in mir kämpft! Wenn ich es aber will, so muß ich überwinden. (Sie klopft und springt von der Wand, es pocht sehr heftig dagegen.) So heftig! … es ist eben ein starkes männliches Geschlecht. – (An der Wand horchend.) Er steigt, ich glaube, schon aus dem Bette. Mir wird Angst, ich höre Tritte. – Wahrhaftig er kommt. – – Atem halte aus!

(Launer in Zipfelmütze und Schlafrock, unter welchem bloße Füße in Pantoffeln steckend hervorgucken.)

Launer Ja wissen Sie liebes Fräulein, das verbitt ich mir allerhöflichstens, daß Sie mir die Nachtruhe rauben. Sie machen in der Nacht ein Geschrei wie die Gänse des Kapitols zu Rom vor tausend und mehr Jahren.

Schwester Gretchen Sie haben zuerst geklopft, Herr Launer.

Launer (räuspert sich) Ach so! Sie faßten es als Galanterie auf. So wären Sie also bereit?

Schwester Gretchen Gottes Mühlen mahlen langsam, warum denn so rasch?

[11] Launer Sie hatten neunundvierzig Überlegejahre.

Schwester Gretchen Herr Launer Sie verwirren mich.

Launer Ja wissen Sie, wenn’s Ihnen nicht ganz aus dem innersten Herzen kommt, so kann ich darauf nicht eingehen. Ich habe schon so viel geliebt, aber stets nur das allergefügigste unter der goldenen Sonne.

Schwester Gretchen (kniet) Ich stürze mich vor Ihnen in die Kniee.

Launer Das freut mich, daß Sie die edelsten Beispiele nachahmen. Ich werde Ihnen morgen antworten lassen, ob ich Sie erhöre.

Schwester Gretchen Ich hatte gedacht – gleich.

Launer Ich bin leider ganz unvorbereitet, auch habe ich augenblicks ganz schrecklichen Hunger. Wir haben ungewöhnlich schmale Kost in der Traube seit der Feind vor dem Städtchen liegt.

Schwester Gretchen Darf ich was aufwarten, damit’s Ihnen zuschießt, Herr Nachbar?

[12] Launer Sie sind zu gütig, meine Magenverstimmung ist ein chronisches Leiden.

Schwester Gretchen Legen Sie sich etwas nieder, dann laß ich Tropfen holen.

Launer Danke, die helfen bei mir nun gar nicht, Sie haben einen ungewöhnlich starken Alkoholiker vor sich, der ziemlich giftfestes Blut hat.

Schwester Gretchen Ich versuche meine Naturheilmethode.

Launer Diese könnte einschlagen, aber Sie sind ein Engel von Güte, ich muß Ihnen für alles danken.

Schwester Gretchen (Handkuß) Warum denn? … genieren Sie sich gar nicht vor mir! ich habe keinen Stolz, wertester Herr.

(Die Tür wird aufgestoßen, es prallt jemand mit Aufschrei davor zurück, lauter Lärm wie beim Haberfeldtreiben, die Fenster werden mit lächerlichen Gegenständen eingeworfen.)

Launer Dieser Jubel!

Schwester Gretchen (aufgestanden) Was ist das? … meine Fenster!

[13] Frau Niese Gehen Sie nicht hin! Die Splitter spicken Ihr Fleisch.

Schwester Gretchen Haben Sie mir das verschafft, Frau?

Frau Niese Darum erreg ich mich?! Man löscht halt sein Talglicht.

Launer Ich wollte Ihnen das vorhin nicht sagen, daß Sie eigentlich sehr unanständig sind, aber Sie werden meine ablehnende Haltung jetzt begreifen.

Schwester Gretchen Wenn ich jetzt das Licht auslöschte!

Frau Niese (schützt das Licht) Alles zu seiner Zeit hat schon der Salomo gesagt.

Schwester Gretchen Der Lärm wird wieder stärker, gehen Sie Herr Launer, Sie sind zu mir herübergekommen. – Ich bin es gar nicht, der Herr ist’s!! – Wer weiß was geschehen wäre, wenn ich geschlafen hätte!

Launer Sie haben sehr Pech ältliches Fräulein.

Schwester Gretchen Ältlicher Herr!

[14] Launer Fünfzigjähriges Fräulein! (Ab.)

Schwester Gretchen (Lärmmaximum) Nicht wahr ist’s!! (In Zimmermitte.) Es ist nicht wahr.

Frau Niese (tritt mit dem Licht an’s Fenster, es wird still) Ich bitte um Ruhe. (Gelächter.)

Schwester Gretchen Mein Taufschein weist es aus, morgen ist es erst.

Frau Niese Darum ist heute Polterabend … das ist die Geschichte.

Schwester Gretchen Ich gehe auf’s Rathaus und beschwere mich.

Frau Niese Der Herr Bürgermeister schläft schon.

Schwester Gretchen Ich läute ihn heraus, ich will Fenstergeld.

Frau Niese Die vielen Geburtstagsgeschenke sehen Sie sich aber auch vorher an! (Die Scherben unter ihren Füßen.)

Schwester Gretchen Ihre Feier Frau, soll mich keinen Pfennig kosten!

[15] Frau Niese Meine Feier?!

Schwester Gretchen Ja, Ihre Feier. (Stößt sich in ihren Rock.)

Frau Niese (auflesend) Ich schweige … und so gehen Sie auf die Straße? (Schwester Gretchen rennt, den Rock noch weiter schüttelnd, unbesonnen hinaus, bald erhebt sich in der Gasse eine Jagd wie auf einen Marder.) So was täppischem läßt sich nichts zurichten! – Das ist verrückt.

Launer (angelatscht) Dieses Mal wird sie gesteinigt.

Frau Niese Das ist in der göttlichen Weltenordnung.

Launer Sorgen Sie aber dann, daß dieses Zimmer an einen Herrn vermietet wird.

Frau Niese Ich freue mich noch nicht. (Mit dem Besen zusammenkehrend.) ’n bißchen weg da.

[16] Launer Es ist gerade als ob der Feind hier gehaust hätte.

Frau Niese G’rade denk ich’s … wer weiß es, ob in Tagen nicht alle Fenster im Städtchen kaputt geschlagen sind!

Launer Das kann alles möglich sein … jedoch ob bei obwaltender Begeisterung Kaiser Konrad Weinsberg nehmen wird, muß ich in das Tuch des fragenden Zweifels hüllen, denn es ist ein schönes Zeichen für die wehrbare Jugend unserer Stadt, daß sie zu den glänzendsten Scherzen den Tod durch Feindeshand vor Augen aufgelegt ist.

Frau Niese Sie sind aufgelegt, die aber haben dem alten Schleichwolf den Geburtstag doch mit ’n bißchen viel Bitternis gepfeffert.

Launer Bedauern Sie’s nachträglich?

Frau Niese Ni ni! – aber so mein ich, Ihnen vermögen die Feinde kein Äderchen zu ritzen, wenn Sie alleweil mit der Zipfelhaube umanand steigen.

Launer Mißfällt Ihnen das? Sie ist ein Symbol bürgerlichen Hausfriedens.

[17] Frau Niese Ganz gemütlich wär’s, würden se nicht – währenddessen Sie’s Gretchen hetzen – draußen den kalten Rasen temperieren.

Ricke (stürzt herein in wilder Angst) Mutter kannst du mir nicht den Siegfried verstecken? Der Graf und der Waibel gehen um und alle Männer müssen den Panzer anlegen und in’s Feld ziehen.

Launer Alle Männer!?

Ricke Die verkrüppelten nicht.

Launer Zu welchen zähle ich?

Ricke Mutter, sag mir rasch, wo ich mit Siegfried hin soll, daß er nicht mit muß? Mutter ’r ist mein Verlobter, ’r ist so eine Ausnahme von einem Manne, du mußt ihn mir verstecken Mutter, daß m’r ’n nicht find’t.

Frau Niese Schon wollt ich anfangen, um ihn zu heulen, da kommst du.

Ricke Wohin denn? In’n Faß oder in eine Dunggrube oder in’s Wasserrad? Du bist so lahmdenkig Mutter.

[18] Frau Niese Die besten Verstecke sind oft die dümmsten.

Launer Das ist sehr wahr. Aber darf ich Ihnen eines anvertrauen? was ich weiß. (In die hingehaltenen Ohren.) Der Herr Graf hat mir’s am Stammtisch gesagt, so einen Goliath wie den Siegfried nähme er aus strategischen Gründen am liebsten nicht mit.

Ricke (beleidigt) Seinen stärksten!

Launer Gerade deshalb, er verwickele ihn zu tief in das todspendende Treffen … Ich will Sie nicht beleidigen, das liegt mir fern wie mein unschuldiges Jugendjahr.

Frau Niese Als weiter! nicht unglaubhaft.

Launer Wenn ihm nur jemand einen passenden Grund verschaffte, ihn zu Hause zu lassen, den er vor seiner ungewöhnlich strengen und kriegerischen Frau verantworten könnte!

Frau Niese Das trifft sich. Wir tun also nichts Böses.

Launer Es darf nur nicht auffallen und keine Entdeckung stattfinden.

[19] Ricke Das wissen m’r selber, das ist ein altes Gepappel.

Launer Darum müssen wir ihn so verstecken, daß er – selbst wenn er gefunden wird – kriegsuntüchtig ist. (Kratzt sich mit einem Finger im Haarscheitel.)

Frau Niese Saufen muß ’r!

Ricke Mutter, was denkst! … das verdirbt ihn.

Launer Beispiele stehen vor Ihnen, Fräulein.

Ricke O Schauder! mein Schatz!

Frau Niese Man füllt ihn uff wie’n herbstdürstiges Faß. Aber wo?

Launer Hier.

Ricke Dann nicht! … hier nicht! … lieber stirbt ’r den Reiterstod.

Launer Sie werden auf solch ein altes Fräulein nicht eifersüchtig sein, sehr hübsches Mädchen!

[20] Ricke Wie kann man nur druff kommen!

Frau Niese Wer möchte gleich den vielen Wein bezahlen! als wie die Schulmeisterin.

Ricke Und hier soll man ihn verstecken! Mutter, du hast auf das Bett geguckt.

Frau Niese Vertrau deiner Mutter, die weiß wie man’s Feigenblatt schnürt.

Ricke Mutter, da bin ich nicht einverstanden. Denk auch an nachher, was es da heißt.

Launer Wenn Sie so reden! … es heißt an die gegenwärtige Notwendigkeit zu denken! Zu viel Alkohol bringt alljährlich zehn Prozente der mannbaren Jugend von den Brüsten der Kriegsgöttin.

Ricke Ja. Aber macht das bloß hier nicht!

Launer Hier, bei dieser Jungfrau wird er am wenigsten vermutet.

Frau Niese Und von ihr ist’s „Fahnenentziehung“??

[21] Launer Wenn er entdeckt wird.

Frau Niese Sie tut was Böses.

Launer Darnach streben wir zugleich.

Frau Niese Bedenk! das Böse, das die Gretchen tut.

Ricke Na Mutter, das verlockt mich nicht.

Launer Sie kann dafür leicht gerädert werden.

Frau Niese Also jetzt ist’s Beschluß … ich hole den Wein, geh du und hole deinen Bräutigam. (Ab. Hinter ihr Launer.)

Launer Die Gretchen wird ja doch leider ungesteinigt zurückkehren. (Ab.)

Ricke Ebensowenig wird sie gerädert. Das ist so eine Lockung. Ich hol ihn neet. Na. Mein schöner Siegfried zu der versandeten Muschel! Das kann bloß so’n alter ausgeschmörgelter Sünder aus seinen kalten Schnapsfingern träufeln! Ach Gott! warum hab [22] ich das auch nicht alleine geschafft! … wenn man so eine Mutter hat! die Jesuiten sind besser.

Frau Niese (mit schwerem Krug) Du bist noch da, dann aber lauf!

Ricke Tätst du deinen Schatz einer alten Jungfer ablassen?!

Frau Niese S’ ist eine Versuchung, aber du wirst ihn behalten.

Ricke Wenn eine andere d’ran war … dank d’rfür.

Frau Niese Das eine bedenk! … Siegfried haut in den Feind als wie ein Löwe und eine Löwenheftigkeit kost’t stets das Leben … das spricht die Mutter. (Kaut an dem aus der Schublade genommenen Brot.)

Ricke Die Staufen müssen auch gerade jetzt kommen! Wär ich schon zehn Jahre älter!

Frau Niese Siehste, du weißt nichts Besseres.

Ricke Wenn ich den Krug ansehe und dann das Bett! … Soll ich denn, Muatter?

[23] Frau Niese Wenn dir sein Leben lieb ist, … darnach entscheid!

Ricke Wie soll ich’s ihm bloß plausibel machen! daß er hergeht.

Frau Niese Du warst sonst immer ganz gewandt.

Ricke (seufzt) Was lügt m’r!? (Ab.)

Frau Niese (mit vollem Maule einen Bissen abreißend) Mit so viel Bekümmernis um das Mädel hab ich noch nie ’n Kanten Brot alle gemacht. – Und gar! Da kommt sie!

Schwester Gretchen tritt ein, läßt den Rock fallen und schnauft auf. Sie sieht den Weinkrug, geht zielbewußt darauf los, steckt den Finger hinein und leckt.

Schwester Gretchen Wein! … neuer Wein! … wer kommt zu mir?

Frau Niese (wird bemerkt) Sie haben Einladung Fräulein Gretchen.

Schwester Gretchen Hoffentlich nicht meine Freundin!

[24] Frau Niese ’N Mann.

Schwester Gretchen Ich dachte schlimm über Sie, Frau Niese und nun sammeln Sie feurige Kohlen auf mein Haupt?

Frau Niese Deswegen ist’s. Ihr Ungeschick Fräulein stieß mich in die Brust.

Schwester Gretchen Wer soll denn mein willkommener Gast sein?

Frau Niese Der Schmiedsgeselle Siegfried. (Bricht ihr Brot)

Schwester Gretchen Der Schmiedsgesellle??

Frau Niese Der Ricke Bräutigam.

Schwester Gretchen Was veranlaßt ihn, sie zu verlassen?

Frau Niese Händel, er hat von seinem Wohlgefallen für Sie zu ihr gesprochen.

Schwester Gretchen Die Liebesglut meiner Augen hat die Herrschaft über ihn gewonnen. Mein ganzer Blick auf ihn war anziehende Liebe, die hat er gespürt.

[25] Frau Niese Für meine Ricke ist’s eine herbe Wendung.

Schwester Gretchen Bei der Liebe spricht eben das Herz und nicht der Verstand.

Frau Niese An dem fehlt’s ihm eben.

Schwester Gretchen Und doch möcht ich’s nicht einmal sagen. Kommt er denn gleich zu mir?

Frau Niese Wenn er aber kommt, diesmal festhalten … wieder gibt’s das nicht! … Sie haben heute etwas haben wollen, ich gebe mir schon das zweite Mal Mühe.

Schwester Gretchen O diesmal will ich!

Frau Niese Ich hole immer den Wein und Sie lieben.

Schwester Gretchen Reicht dieser Krug nicht?

Frau Niese In der Liebe gibt’s keinen Geiz. Wenn Sie so anfangen! … Sie wollen das Glück nicht haben. Die Vernunft müßt das Fräulein mit den Jahren [26] empfangen haben, daß es weiß, daß in Nüchternem nichts mehr für Sie zu erobern ist, daß da ein Nebel mithelfen muß, der Sie in den Schleier der Jugendhaftigkeit hüllt.

Schwester Gretchen Halten Sie mich nicht für so abstoßend!

Frau Niese Zanken wir uns jetzt nicht! … sondern halten wir Eintracht!

Schwester Gretchen Er ist ein Bube und mir klopft das Herz!

Frau Niese Lassen Sie mich schnell verduften! – nicht gleich zu stürm! (Ab.)

Schwester Gretchen Aber auch nicht zu zaghaft will ich sein.

(Siegfried tritt ein, ein halber Herkules im Kettenhemd.)

Siegfried Da bin ich. – Was wollen Sie von mir?

Schwester Gretchen (zischend wie eine Natter) ss’ist lieb von dir daß du zu mir kommst, ichch hatte Seehnsucht, seei so gut und nimm Platz!

Siegfried (setzt sich auf den dünnen Stuhl) Was soll ich da? – – (Sieht sich um.)

[27] Schwester Gretchen (rückt an ihrer Kleidung herum) Ttrinken …

Siegfried Lange Zeit hab ich nicht … ich muß mit dem Grafen.

Schwester Gretchen (bestürzt) Mit in’s Feld? das ist aber ungeschickt … ein kleines Schlückchen.

Siegfried Ich will so frei sein … Durst hab ich. (Setzt an.)

Schwester Gretchen (innig) Zu deinem Wohl! – –

(Siegfried hat den Krug geleert, schüttelt das letzte Tröpfchen heraus … Gretchen weiß nicht, wo Halt finden … Er wischt sich den Mund, steht auf.)

Siegfried Ich muß wieder fort … ich kann mich nicht uffhalten. Ich dank auch schön für’s Lebewohl.

Schwester Gretchen War’s so gemeint?! … (Hauchend.) Frau Niese!

Frau Niese Den andern Krug!?

[28] Schwester Gretchen Frau Niese, er will gleich wieder gehen, er müsse in den Kampf!

Frau Niese Kümmern Sie sich um Heeresangelegenheiten? tun Sie das?!

Siegfried Muatter, wir kleiden uns ein.

Frau Niese Was da! da trinkst noch ’n Krügchen, das Fräulein hat ’n gutes altes Gewächse.

Siegfried Wenn’s erlaubt ist.

Schwester Gretchen (küßt ihn) Du hast so ein liebes Schnäuzchen.

Siegfried (wischt den Mund) Muatter, sag’s der Ricke nicht, sie faßt es auf.

Frau Niese Diesmal sind Sie herzhafter. (Lachend ab mit dem Krug.)

Schwester Gretchen Ich bin ein Fräulein und reiche den Scheidetrunk wie jedes andere Mädchen.

[29] Siegfried Sie waren doch meine Lehrerin.

Schwester Gretchen Du bist ein Mann geworden und ich bin ein Mädchen geblieben. (Will ihn küssen.)

Siegfried (abwehrend) Ich hab’s meiner Ricke versprochen …

Schwester Gretchen Das ist mein gutes Recht, du lieber, du guter!

Siegfried Auf so was war ich nicht gefaßt.

Schwester Gretchen Mache dir’s bequem und lege dein eisernes Hemd ab!

Siegfried Die Ricke hat gesagt, ich soll es anbehalten.

Schwester Gretchen Du hast eine freiere Brust zum Atmen.

Siegfried (riecht in’s Zimmer) Ist das Mottenpulver?

(Frau Niese mit dem zweiten Krug und einem Helm unter dem Arm.)

[30] Frau Niese Da nimm, den hat mir die Ricke mitgegeben, du sollst ihn uffsetzen und die Maullasche fallen lassen.

Schwester Gretchen Das war aber unbedacht von Ihnen, ich kann ihn gar nicht mehr küssen.

Frau Niese Die Ricke hat’s so verordnet … Sie hätten ihn lange genug alecken können.

Schwester Gretchen Das ist die Mißvergunst von dem Mädchen.

Frau Niese Aber nimm zuerst ein Schlückchen.

Siegfried Aber Ende dieses geh ich. (Er trinkt.)

Frau Niese Es eilt ihm wie Reisefieber.

Schwester Gretchen Kann er das ertragen?

Frau Niese Sie sind eine wirklich knickerige Dame.

Siegfried Nummero Zwei und Schluß.

[31] Frau Niese Jetzt setzst du den Heim aufs Traktätchen. Das Fräulein hat sich für dich verausgabt, jetzt wirst du nicht so unanständig sein und ohne allen Anschluß davonlaufen.

Siegfried Sie müssen’s eben dann sagen, wenn’s genug ist. Ich weiß ja nicht, wie viel Sie anlegen wollen. (Setzt den Helm auf.)

Schwester Gretchen Alles! – um dein Herz zu gewinnen.

Frau Niese So … das ist eine Sprache. (Mit Krug ab.)

Siegfried Nicht so laut, wenn’s Ricke hört, holt sie mich und ich hab ausgetrunken.

Schwester Gretchen Deine Ricke gönnt dir nicht viel.

Siegfried Sie hütet mich halt, weil sie sagt, in meiner Gutmütigkeit nützten mich die Menschen aus.

Schwester Gretchen Ich mein es aber gut mit dir. Willst du nicht auf den Sofa sitzen? … er ist weicher.

Siegfried Bequemer wär’s … aber ich darf nicht.

[32] Schwester Gretchen Deine Ricke ist hart zu dir.

Siegfried Sie meint halt, das schicke sich nicht, wenn man sich’s bei den Leuten zu bequem mache.

Frau Niese (mit dem dritten Krug) Wie benehmen Sie sich denn Fräulein Gretchen?

Schwester Gretchen (leise zu Frau Niese) Nicht zu viel, sonst … könnt’s zu viel sein!

Frau Niese Ich kenne das Maß. Und dir ist’s behaglich in deinem Gehäuse?

Siegfried Muatter, wenn’s aber damit den Anstand erreicht hätt, wäre mir’s recht. (Trinkt.)

Frau Niese Erst trinkt man, dann red’t man.

Schwester Gretchen Wie soll ich ihm meinen Wunsch nahe legen?

Frau Niese Da hat’s noch der Weil.

Siegfried Nummerrro drrei. Sauer. (Die Maullasche fällt.)

[33] Frau Niese ’s ist eine egale erste Sorte.

Siegfried Mutter, darf ich jetzt gehen?

Frau Niese Ich will die Ricke fragen … bleib schön da sitzen! ’s wäre möglich, daß sie selber mitkäme.

Siegfried Ja, sag’s ihrr!

Schwester Gretchen Aber nicht die Ricke!

Frau Niese (selbst erregt) Fräulein, mir wird vertraut … Sie sollen an mir nicht zweifeln! Seine Verfassung macht’s nötig, sonst läuft ’r Ihnen davon. (Ab … rasch.)

Siegfried Sagst’s d’r Ricke!

Frau Niese (tritt noch einmal an ihn) Ja freilich, sag ich’s deiner Ricke. Sie kommt zu dir herauf. Reden Sie nur allfort von ihr. (Ab.)

Schwester Gretchen Deine Ricke ist bös.

[34] Siegfried Rickcke.

Schwester Gretchen Deine Ricke ist grausam.

Siegfried Rickckcke. Ich soll mich, wenn ich schon viel tue, aber ja nicht in Ihr Bett legen – –

Schwester Gretchen – – – An das denkt er. Du wirst krank, wenn du’s nicht tust. Hör nicht d’rauf!

Siegfried Sie weiß es eben nicht, wie mir’s … jetzt ist.

Schwester Gretchen Auch das … wenn sie’s wüßte, würde sie vielleicht sagen, lege dich in’s nächste Bett!

Siegfried So mach ich’s. (Steht auf und setzt sich langsam bedächtig auf die Bettkante.)

Schwester Gretchen Ich hebe deine Füße hinein.

Siegfried Laß!

Schwester Gretchen So nahe an der Erfüllung! … das kleine Wenig ist noch das Meiste! …

[35] Siegfried Mir ist jetzt alles eins.

Schwester Gretchen Jawohl … darum leg dich.

Siegfried Sie!?

Schwester Gretchen Er will mein Vorleben kennen lernen. Ich will dir alles vorher erzählen, damit nichts zwischen uns ist. Ich war bisher eine mit Unrecht Verstoßene.

Siegfried Sie!?

Schwester Gretchen Wie er mich anblickt! Ja ich. Ich will ganz offen alles bekennen. Ich wurde meines Amtes als Lehrerin ganz ungerecht suspendiert. Ich habe meinem Herrn Dekan einen Heiratsantrag gemacht, der Mann war Witwer, da dacht ich, es wäre ganz geschickt, aber der Herr ließ es sich nicht gefallen, schrieb an’s Konsistorium und ich wurde suspendiert.

Siegfried Sus–pendiert. (Senkt den Kopf.)

Schwester Gretchen Es ergreift ihn … oh ich bin glücklich, daß ich ihn habe. Die andern Menschen hören meine Geschichte mit Lachen.

[36] (Frau Niese ist mit Ricke, die einen Panzer trägt, unvermerkt eingetreten.)

Frau Niese Im Rausche wird einem manches klarer.

Schwester Gretchen Was bringen Sie?

Ricke Seinen Panzer.

Schwester Gretchen Sie wollen ihn doch rüsten! … ich bin ja so nahe daran.

Ricke Der Feind ist nahe.

Schwester Gretchen Frau Niese, muß ich’s Ihnen zurückrufen?

Frau Niese Ihnen gebe ich jetzt beinahe keine Antwort mehr! Ricke, geregt … den Panzer umgelegt … die Beinschienen geschnallt.

Schwester Gretchen Dagegen protestiere ich.

Ricke (vergnügt) Nix protestiert!

[37] Schwester Gretchen Ich möchte den vielen Wein nicht umsonst bezahlt haben.

Frau Niese Wer denkt da noch an’s Geld? (Geschäftig.)

Schwester Gretchen Ich … die’s bezahlt hat.

Ricke Mutter, ich schnalle ihn so fest … Mutter, du bist halt doch guat.

Frau Niese Weißt Mädel, du kommst auf mich.

Schwester Gretchen Ich verlang den Wein wieder.

Frau Niese Wie Sie den abzapfen, steht Ihnen frei.

Schwester Gretchen Ich war zu schüchtern. – Wäre ich damals bei dem Herrn Dekan einfach hineingetreten, und hätte ihn geküßt, so wäre gewiß manches anders jetzt!

Frau Niese Im Irrenhaus wären Sie dann.

Launer (schlürft herein) Machen Sie da das Richtige?? meine Damen?

[38] Schwester Gretchen Das Falsche, so kommt mir’s auch vor.

Frau Niese Der Graf mit dem Waibel können kummen.

Launer Sie werden ihn einfach auf den Gaul binden. Der Herr ist schon gänzlich reisefertig.

Frau Niese Wenn es nur Sie nicht sind.

Launer Uh … uh wenn ich dienen müßte! so in der Kälte draußen herum stehen … Es ist sehr einsichtsvoll an mir vorbeigegangen.

Frau Niese (zu Ricke) Bist du fertig?

Launer Sie unterbinden ihm ja den Lauf des allernotwendigsten Blutes.

Ricke ’s handelt sich für mich bloß um eins! um eins!

Launer Ich beginne zu vermuten, ja dann … ja, verzeihen Sie meine Interpretation.

Frau Niese Fertig! (In ihrer Person hört sie auf zu schnüren.)

[39] Schwester Gretchen Er kommt nicht hinaus … diesesmal halte ich fest.

Frau Niese Was regen Sie sich uff? … er bleibt ja da.

Schwester Gretchen Da? … wie? … so? … da??

Frau Niese Da wie Soda. Lebhaft Ricke!

Ricke Die Riemen bringen weiche Fingerchen nicht auf …

Schwester Gretchen Ricke, erfaß ich dich?

Siegfried (kläglich) Versteht mich! … versteht mich! …

Frau Niese Das haben m’r vergessen … was! werfet ihn über! zugefaßt Herr Launer! (Gemeinsame Arbeit.)

Ricke Aber uff’s Gesicht!

Schwester Gretchen Nun liegt er drinn! …

Frau Niese Hinaus jetzt Bagage! … da ziehn m’r hübsch [40] zu … so … (Gegen Gretchen, Schweiß wischend.) Sind Sie jetzt zufrieden?

Schwester Gretchen Sie sind doch eine brave Frau.

Launer So darf ich jetzt, irritiertes Fräulein, zum Fünfzigsten gratulieren.

Schwester Gretchen (matt) Fünfzig ist jung.

Ricke Wenn.

Frau Niese Dein loses Maul! geh heim und sieh nach dem Alten. (Ricke und Launer ab.)

Schwester Gretchen Gehen Sie nicht endlich?

Frau Niese Meinen Sie, will ich noch sagen, ’s wär eine kleine Schande für Sie, wenn se bei Ihnen n’ Mannsbild fänden.

Schwester Gretchen Ich lasse niemand heran.

Frau Niese Ja, da wissen Sie das wohl noch gar nicht, [41] daß der Graf mit dem Waibel ein jedes Haus absucht.

Schwester Gretchen Sie sagen!

Frau Niese Darum, damit’s keine Blamage für Sie gibt.

Schwester Gretchen Ich muß alles aufbieten, um ihn den Werbern zu entziehen?

Frau Niese Wie Sie es sagen.

Schwester Gretchen Dann gehen Sie, Frauchen.

Frau Niese Ihre Ehre steht auf dem Spiele. (Ab.)

Schwester Gretchen Fast wollte ich, die Ronde würde ihn entdecken … ich war so lange das Aschenbrödel. (Sie zieht die Vorhänge am Bett etwas auseinander und steht betrachtend.) So schöön ist ein Ritter in meinem Bett! – – Die Riemen, ich werde sie schon aufbringen, daß ich ihn ausziehen kann, – – Ricke! – – Aber halt! Frieden jetzt in meiner Brust! Ich bin in der Erfüllung. – – Meines Lebens schönster Augenblick.

Es poltert jemand die Treppe herauf. Gretchen läßt die Vorhänge zufallen, mit der letzten Faltenregung im Vorhang [42] guckt der Waibel mit aufgeworfenem Schnauzer zur Türe herein … der Graf draußen befiehlt mit schnarrender Stimme: Eintreten! Der Waibel macht ein paar bedächtige Schritte, so daß der Graf herein kann. Launer guckt faunhaft durch den Türspalt.

Graf (eingetreten) Die Schulmeisterin macht keine Ausnahme.

Schwester Gretchen wächst größer, an dem Verstummen der Eingetretenen läßt sich ein günstiger Ausgang für Gretchen erraten. Bei einer rücktretenden Bewegung des Grafen fährt Launer zurück, er merkt seinen Unbedacht.


(Vorhang.)
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