Aus den beiden Nummern von „Das Andere“

Textdaten
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Autor: Adolf Loos
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Titel: Aus den beiden Nummern von „Das Andere“
Untertitel:
aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 215–251
Herausgeber: Franz Glück (1899–1981)
Auflage:
Entstehungsdatum: 1903
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung: Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
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[215]
AUS DEN BEIDEN NUMMERN VON

DAS ANDERE

EIN BLATT ZUR EINFUEHRUNG
ABENDLAENDISCHER KULTUR
IN OESTERREICH: GESCHRIEBEN

VON ADOLF LOOS I. JAHR[H 1]
Loos Sämtliche Schriften Abbildungen.pdf
(1903)


Abendländische kultur


Mein onkel ist uhrmacher in Philadelphia, chestnutstreet, zwischen der achten und neunten straße. Diese gegend entspricht der unserer kärntnerstraße. Als ich ihn in Amerika besuchte, bewohnte er ein haus in der parkavenue.

Seine frau, meine tante, ist eine geborene amerikanerin. Sie hatte einen bruder, onkel Benjamin, der als farmer in der umgebung der stadt lebte. Ich wohnte bei meinem onkel. Und eines tages sagte man mir, ich sollte onkel Benjamin und tante Anna, seine frau, besuchen. Einer meiner zahlreichen cousins fuhr mit mir. Wir fuhren mit der bahn, dann gingen wir eine stunde zu fuß.

Viele villen lagen am wege, reizende einstöckige häuschen mit turm, giebel und veranden. Das waren die farmhäuser.

Eines davon gehörte onkel Ben. Wir gingen hinein, und tante Anna freute sich herzlich, den „cousin from Europe“ kennenzulernen. Und gar aus Österreich. Da war sie [216] vor zwei jahren, als sie eine europareise machte, auch gewesen.

Sie trug einen gefältelten kattunrock, eine weiße hemdbluse und eine weiße schürze. War eine bewegliche, alte, liebe, kinderlose frau mit gescheitelten haaren. Wir mußten uns zum essen hinsetzen, sie kochte und trug das oatmeal selbst auf. Dann gings aufs feld, onkel Ben aufzusuchen. Nach einer viertelstunde sahen wir einen alten mann im felde sitzen und zwiebeln ausreißen. Er trug hohe stiefel, eine zwilchhose, ein färbiges flanellhemd und einen hut, wie ihn bei uns die schwimmmeister tragen. Das war onkel Ben.

Vier wochen darauf starb mein cousin, der, der mich zu onkel Ben begleitet hatte, an typhus. Man erwartete alle verwandten meiner tante. Alle wollten vom lande hereinkommen, ihrem toten neffen die letzte ehre zu erweisen.

Zwei stunden vor dem begräbnisse bat man mich, in die stadt zu fahren und trauerflore zu besorgen.

Als ich mich in die pferdebahn setzte, um zurückzufahren, grüßte mich eine elegante ältere dame in trauer. Sie sprach mich an und ich war in verzweiflung. Denn ich glaubte zu wissen, daß sie mich verkannte, da ich während meines sechswöchigen aufenthaltes keinen menschen kennengelernt hatte. Und ich versuchte, ihr das mit meinen schwachen englischen Sprachkenntnissen mitzuteilen.

Aber sie redete weiter in mich hinein und schließlich – ja – bei gott, sie war es! Tante Anna! Die farmerin. Die amerikanische bauernfrau. Ich versuchte, mich mit dem hinweis auf ihre veränderte kleidung zu entschuldigen. [217] Ja, sagte sie, dieses kleid ist auch aus Wien, es ist von Drecoll.

Als wir ankamen, war die trauergesellschaft schon versammelt. Auch onkel Ben hätte ich nicht erkannt. Den zylinder mit hohem flor umgeben, der vornehme gehrock und eine enge hose, die ich allerdings zum unterschied von meiner breiten (es war im jahre 1893) für unmodern hielt. Später erst wußte ich, daß er nicht „noch“, sondern „schon“ eine enge hose trug. Aber damals war es gut, daß ich es nicht wußte. Denn an diese enge hose klammerte ich mich. Sonst wäre mein europäerstolz vollständig zusammengebrochen.

*

Wenn man bei uns mit der eisenbahn eine stunde lang fährt, dann eine stunde geht und in ein bauernhaus eintritt, so trifft man menschen, die uns fremder sind als leute, die tausende von meilen über dem meere wohnen. Keine zusammenhänge haben wir mit ihnen. Wir wollen ihnen etwas angenehmes sagen; sie halten es für eine frozzelei. Wir sagen etwas derbes, unpassendes und werden mit einem dankbaren lächeln belohnt. Sie ziehen sich anders an, essen speisen, die auf uns den eindruck machen, als stammten sie aus dem chinesischen restaurant einer weltausstellung, und feiern ihre feste in einer weise, die unsere neugierde in derselben art befriedigt wie ein umzug der singhalesen.

Dieser zustand ist unwürdig. Millionen sind in Österreich ausgeschlossen von den segnungen der kultur. Wenn unsere landbewohner plötzlich insgesamt dieselben gesellschaftlichen rechte beanspruchen würden wie die [218] städter, sie würden behandelt werden wie die neger in Amerika. Ich habe gesehen, wie man einem bauern in lederhosen den kaffee in einem kaffeehause verweigert hat.

Der mensch, der abendländische kultur besitzt, ist imstande, sich sofort jener kultur, die einem bestimmten terrain, einer bestimmten tätigkeit und einem bestimmten klima entspricht, anzupassen. Jeder wiener kann genagelte schuhe, eine kniefreie lederhose und eine lodenjoppe anziehen, wenn er in die berge geht. Aber der gebirgler kann keinen gehrock und zylinder tragen, wenn er sich in die stadt begibt. Wohlgemerkt, wenn er sich in die stadt begibt. Denn es werden genug witzbolde auftreten, die mir in die schuhe schieben werden, daß ich vom bauer verlange, er möge in lack, claque und frack sein feld bestellen.

Der bauer wird nicht ernst genommen. Sonst könnte es nicht geschehen, daß es leute gibt, die für die beibehaltung der alten tracht eintreten. Aber gerade so wie „charity at home“ beginnt, gerade so darf man verlangen, daß jene leute solche ästhetische versuche an sich selbst anstellen. Sie mögen nur damit anfangen. Aber darauf zu dringen, daß achtzig prozent der einwohner Österreichs weiter als menschen zweiten ranges gelten mögen, ist unfair. Nie habe ich von abendländisch gekleideten juden die forderung gehört, die juden in Galizien mögen den kaftan beibehalten.

Mir hat einmal einer gesagt, daß ein mensch, der aus der lederhose nicht heraus kann, leichter zu regieren sei als einer, der den salonrock mit der lederhose zu vertauschen versteht. Ich verneine das.

[219]
Der sattlermeister


Es war einmal ein sattlermeister. Ein tüchtiger, guter meister. Der machte sättel, die so geformt waren, daß sie mit sätteln früherer jahrhunderte nichts gemein hatten. Auch nicht mit türkischen oder japanischen. Also moderne sättel. Er aber wußte das nicht. Er wußte nur, daß er sättel machte. So gut, wie er konnte.

Da kam in die stadt eine merkwürdige bewegung. Man nannte sie Secession. Die verlangte, daß man nur moderne gebrauchsgegenstände erzeuge.

Als der sattlermeister das hörte, nahm er einen seiner besten sättel und ging damit zu einem der führer der Secession.

Und sagte zu ihm: „Herr professor“ – denn das war der mann, da die führer dieser bewegung sofort zu professoren gemacht wurden – „herr professor! Ich habe von ihren forderungen gehört. Auch ich bin ein moderner mensch. Auch ich möchte modern arbeiten. Sagen sie mir: ist dieser sattel modern?“

Der professor besah den sattel und hielt dem meister einen langen vortrag, aus dem er immer nur die worte „kunst im handwerk“, „individualität“, „moderne“, „Hermann Bahr“, „Ruskin“, „angewandte kunst“ etc. etc. heraushörte. Das fazit aber war: nein, das ist kein moderner sattel.

Ganz beschämt ging der meister davon. Und dachte nach, arbeitete und dachte wieder. Aber so sehr er sich anstrengte, den hohen forderungen des professors nachzukommen, er brachte immer wieder seinen alten sattel heraus.

[220] Betrübt ging er wieder zu dem professor. Klagte ihm sein leid. Der professor besah sich die versuche des meisters und sprach: „Lieber meister, sie besitzen eben keine phantasie.“

Ja, das wars. Die besaß er offenbar nicht. Phantasie! Aber er hatte gar nicht gewußt, daß die zum sattelerzeugen notwendig sei. Hätte er sie gehabt, so wäre er sicher maler oder bildhauer geworden. Oder dichter, oder komponist.

Der professor aber sagte: „Kommen sie morgen wieder. Wir sind ja da, um das gewerbe zu fördern und mit neuen ideen zu befruchten. Ich will sehen, was sich für sie tun läßt.“

Und in seiner klasse schrieb er folgende konkurrenz aus: entwurf für einen sattel.

Am nächsten tage kam der sattlermeister wieder. Der professor konnte ihm neunundvierzig entwürfe für sättel vorweisen. Denn er hatte zwar nur vierundvierzig schüler, aber fünf entwürfe hatte er selbst angefertigt. Die sollten in den „Studio“. Denn es steckte stimmung in ihnen.

Lange besah sich der meister die zeichnungen und seine augen wurden heller und heller.

Dann sagte er: „Herr professor! Wenn ich so wenig vom reiten, vom pferde, vom leder und von der arbeit verstehen würde, wie sie, dann hätte ich auch ihre phantasie.“

Und lebt nun glücklich und zufrieden.

Und macht sättel. Moderne? Er weiß es nicht. Sättel.

[221]
Wie der staat für uns sorgt
I

Jüngst geschah in Wien folgendes: ein kleiner junge hatte mit planeten hausiert. Das sind kleine zettel, die mithelfen, die dummheit zu verbreiten. Das hundert davon kostet zehn heller. Man kann sie aber um zwei heller für das stück weiterverkaufen. Verkauft man sie, so hat man geld damit verdient. Da aber die leute diese zettel nur abends beim bier kaufen und die meisten käufer im prater sind, so läuft der junge natürlich des nachts herum, bleibt auch wohl über nacht aus. Denn er wohnt weiß gott wo draußen. In einem nahen massenquartier aber kann er für fünfzehn kreuzer vortrefflich schlafen. Außerdem ißt er sich für den erlös seines hausierens zwei tage lang satt, was er mit den zehn hellern, die ihm die mutter gegeben hat, nicht kann. So was kann auf der ganzen welt vorkommen. Überall gibt es arme leute. Und überall gibt es menschen, die durch handel aus zehn hellern gerne zwei kronen herausschlagen. In Österreich gilt das zwar nicht direkt als unmoralisch, aber als nicht sehr vornehm. Das produzieren und erhöhen des nationalvermögens gilt als eine wenig angesehene beschäftigung. Und wer gar die börse besucht, der kriegt einen namen, der wie ein schimpf klingt: „börseaner“.

Andererseits gibt es länder – freilich solche, die sehr, sehr weit von den balkanstaaten entfernt liegen –, da gilt der kaufmann etwas. Die vornehmsten kaufleute besuchen die börse, und wenn einer gar etwas dabei verdient, was man bei uns für die allergrößte schande ansieht, wird er von kaisern und königen zu tisch geladen. Andere länder, andere sitten.

[222] Ich halte es aber jedenfalls für zu weit gegangen, daß ich auf den jungen, der seine planeten im prater verkaufte, nur deshalb aufmerksam wurde, weil ich seine geschichte in der einen zeitung unter dem titel: „großstadtpflanze“, in einer anderen gar unter dem titel „verkommene jugend“ zu lesen bekam. Natürlich „gerichtssaalrubrik“. Denn wenn erwachsenen solche sachen auch leider nicht mehr verboten werden können, so kann der staat doch dafür sorge tragen, daß das gift des erwerbsinnes nicht schon die zarte jugend zersetze. Dafür ist doch gott sei dank noch die „häusliche züchtigung“ da. Die mutter hatte diese aber offenbar nicht in genügendem maße angewendet, und darum wurde sie mit fug und recht zu einer woche arrest verurteilt. Wie kommt sie dazu, ihren sohn etwas verdienen zu lassen? Er soll hungern. Das stählt. Das kräftigt. Allerdings nur den charakter.

Und ich beginne nachzudenken und zu träumen. Ganz unsinniges, unmögliches zeug. Ich träume mich fünfzig jahre zurück. Ich sehe einen amerikanischen gerichtstisch und davor eine arme frau mit einem kleinen jungen an der hand. Und die stimme des richters klingt streng: „Sie haben sich schwer gegen das gesetz vergangen. Sie haben ihren sohn Thomas Alva zeitungen verkaufen lassen. Das ist der erste schritt zur moralischen verkommenheit. Ich verurteile sie zu einer woche arrest – frau Edison!“

II

Der planetenjunge hat mir einige zuschriften verschafft. Ob ich denn nicht wisse, daß nur juden die börse besuchen? Gewiß weiß ich das. Und daß nur [223] darum die börse den schlechten ruf habe? Und ob ich denn gar nichts von der maison Feuerstein gelesen habe? Ich habe. Und ob ich nicht wisse, daß das hausieren mit planeten überhaupt, also auch für erwachsene, verboten sei? Ich weiß es.

Ich darf die jüngsten enthüllungen über das nachtasyl Feuerstein als bekannt voraussetzen. Ein dreizehnjähriges mädchen, mit einer ansteckenden krankheit behaftet, übertrug diese auch auf andere kinder. Darüber zeter und mordio in der presse. Schrecklich – schrecklich! Das nachtasyl ist eine lasterstätte – die gefahren der straße – kinder gehören in die familie.

Sehen wir uns diese familie näher an. Vater, mutter und so und so viel kinder. In dem zimmer wird gekocht, gegessen und geschlafen. Abends und im laufe der nacht kommen die schlafburschen und die schlafmädel.

Es gibt leute, die sich darüber herumstreiten, ob und wann die kinder über die funktion der fortpflanzung aufgeklärt werden sollen.

Für das proletariat sind solche fragen „blech“. Mit den funktionen der fortpflanzung werden die kinder genau so bald vertraut gemacht wie mit den funktionen der verdauung. Wohl besteht ein kleiner unterschied. Während nämlich vater und mutter, schlafburschen und schlafmädeln doch das gefühl haben, die verdauungsfunktion den augen der kinder entziehen zu müssen, fällt solche schamhaftigkeit bei den funktionen der fortpflanzung vollständig weg. Nicht wie in der maison Feuerstein liegen in einem bette vier kinder, sondern hier noch ein schlafbursche und ein schlafmädel dazu.

Ich weiß nicht, ob es angeht, die ärzte dazu zu verhalten, jede geschlechtliche krankheit an patienten unter [224] vierzehn jahren zur anzeige zu bringen. Ein jahr solcher statistik würde den stumpfsinnigen ruf, daß das kind in die familie gehöre, bald zum schweigen bringen. Es gibt keine gefahren der straße. Die steht unter dem schutz der öffentlichkeit. Es gibt nur eine gefahr der familie.

Es werden wohl noch jahre vergehen, bis unsere gesetzmacher so weit sein werden, das einzusehen. Gegenwärtig urteilt man so: Es gibt keine not und kein elend, es gibt keine laster und keine ausschweifungen, wenn sie hübsch zwischen den vier wänden bleiben. Und auf diesen geist ist auch der paragraph im preßgesetzentwurf zurückzuführen, nach dem nur solchen personen der straßenvertrieb der zeitungen gestattet ist, die das achtzehnte lebensjahr überschritten haben.

Kindern wird es ja nicht verboten, geld zu verdienen. Beileibe nicht. Aber sie sollen das nicht auf der straße tun. Nur hübsch zu hause hocken. Im schoße der familie. Da können sie von staats wegen die ganze nacht papiersäcke kleben oder zahnstocher schneiden, während sich der schlafbursche mit dem schlafmädel vergnügt.

Aber die straße ist voll gefahren.

In Amerika denkt man anders. Man würde es als eine vergeudung der volkskraft und des nationalvermögens empfinden, wenn man junge, starke burschen, die lasten tragen können, mit den blättchen in der hand die straßen auf und ab laufen sehen würde. Wir österreicher sind ja reich. Wir habens ja. Wir können uns das leisten. Aber die amerikaner sind sparsam. Sie verwenden ihre jugend dazu. Und damit die knaben, die sich schon so frühzeitig auf eigene füße gestellt haben, nicht ausbeutern in die hände fallen, errichten die stadt oder ein zeitungsmillionär asyle für die zeitungsjungen, in denen sie sich für [225] billiges geld sattessen können. Und um 5 cents können sie schlafen und bekommen gratis noch ein bad dazu.

Der trieb, geld zu verdienen, ist unter den kindern des proletariats einmal da. Unterdrücken können ihn die gesetzgeber nicht. Aber in richtige bahnen können sie ihn lenken. Verbietet man den jungen das öffentliche feilbieten unserer presseerzeugnisse, so werden sie sich am geheimen feilbieten der planeten schadlos halten. Planeten sollten von der zensur unterdrückt werden. Sollten! Denn sie verbreiten dummheit. Aber sprechen sie mal mit dem finanzminister. Der würde sich dagegen verwahren, daß die beste animiermethode für die lottokollekturen verboten würde.

Die ärzte sagen, daß lues in der kindheit lange nicht so gefährlich sei wie im reiferen alter. Und die psychologen sagen, daß die masturbation zu zweien lange nicht so schädlich auf den charakter wirkt wie die allein. Ich glaube fast, das proletariat ist auf alle fälle besser daran – – –


Was man uns verkauft


In dieser rubrik will ich versuchen, mein publikum zu kennern zu erziehen. Die erzeuger guter waren werden mein beginnen segnen, die erzeuger von schundwaren werden mir fluchen. Was nutzt es, wenn der anständige erzeuger, der seine ehre dareinsetzt, das beste material zu verarbeiten und die bestgezahlten arbeitskräfte zu verwenden, was nutzt es ihm, wenn seine erzeugnisse nicht verstanden werden? Der stete hinweis des publikums, daß man „dasselbe“ bei X. um den halben preis bekomme, muß auf die dauer demoralisierend wirken. [226] Schließlich ist man doch geschäftsmann und trägt nicht nur für sein eigenes wohlergehen die verantwortung, sondern auch für hunderte von existenzen.

Aber auch der käufer eines guten gegenstandes wird seiner nicht froh, wenn er merkt, daß seiner umgebung das verständnis für material und arbeit fehlt. Es ist nicht jedermanns sache, sich als ausbeutungsobjekt verspotten zu lassen. Denn man kauft die gute ware nicht nur seinetwegen, sondern in der hoffnung, daß sie von der umgebung nicht mit ähnlicher schundware verwechselt wird.

Es waren schon glückliche ansätze vorhanden. Ich erinnere nur an die wiener lederindustrie, an die wiener silberschmiedekunst. Man fand es begreiflich, wenn jemand seine lust an gutem material und korrekter arbeit mit geld bezahlte. Man hielt noch niemanden deswegen für einen trottel, weil er bei Würzl mit vierfachem preise bezahlte, was er in einem schundgeschäfte für wenig geld bekam. Da kam die Secession und warf alle guten ansätze über den haufen. Manche gewerbe allerdings wurden von der Secession verschont. Einem glücklichen umstande haben wir es zu verdanken, daß das unterrichtsministerium noch keinen „modernen“ künstler für den wagenbau, die männerkleidung und die schuhmacherei an die kunstgewerbeschule berufen hat. Die leben daher noch in alter blüte.

*

Die firma Rozet und Fischmeister hat in ihrem rechten schaufenster einen ring ausgestellt, der mich immer, so oft ich vorbeigehe, mit heller freude erfüllt. Ein großer brillant ist auf so wunderbare, leichte, feine und ingeniöse [227] weise gefaßt, daß man sich innig freut, in einer zeit zu leben, in der solche arbeit möglich ist. Nur im hirne eines goldarbeiters konnte die idee entstehen, einen stein so im ringe zu fassen. Man gehe hin, betrachte ihn und freue sich mit mir. Jedermann wird ihn sofort erkennen. Der ist modern. Daran ist nicht zu mäkeln. In einer anderen zeit und bei einem manne, der nicht abendländische kultur besitzt, könnte er niemals entstehen. Es gibt aber keinen größeren gegensatz als den zwischen der art dieses ringes und der von ringen nach entwürfen von secessionisten. Und die sollen auch modern sein?!

*

In Amerika ist ein gemüse im gebrauch, das so häufig auf den tisch kommt wie bei uns kohlrüben oder fisolen. Es heißt egg–plant, das bedeutet eierpflanze. Auch bei uns wird es in jüngster zeit auf den markt gebracht unter dem namen melanzane. Auf dem naschmarkte werden unseren hausfrauen die blauen, länglichen früchte sicher schon aufgefallen sein. Aber die nachfrage ist trotz der wohlfeilheit gering. Denn man versteht sie nicht zuzubereiten. Es geht dieser frucht wie der kartoffel. Ich bringe hier die beste zubereitungsweise.

Man schält die frucht und schneidet sie, wenn sie lang ist, der länge nach, wenn sie rund ist, der breite nach in vier millimeter breite scheiben. Dann salzt man sie und paniert sie in mehl, eiern und semmelbröseln. Schließlich bäckt man sie ziemlich lange in butter wie ein schnitzel aus.

Ich habe mit dem vegetarischen speisehause in der spiegelgasse nr. 8 (mezzanin) das abkommen getroffen, [228] daß diese eierpflanzen täglich zu mittag durch acht tage, vom 15. oktober angefangen, in dieser weise zubereitet werden. Vielleicht machen manche ehemänner den versuch und erzählen ihren frauen davon. Oder die frauen gehen gleich selbst hin. Oder Restaurateure.


Was man druckt


Die buchstaben, mit denen der untertitel dieses blattes gedruckt ist – EIN BLATT ZUR EINFÜHRUNG *)[1] – sind von der firma Poppelbaum unter dem namen ver sacrum in den handel gebracht worden. Also secessionistische buchstaben, wird der leser sagen. Nein, das sind sie nicht. Aber modern sind sie. Sie stammen freilich aus dem jahre 1783 und sind einem freibrief für lehrlinge der buchdruckerkunst der stadt Wien entnommen. Hundertzwanzig jahre sind sie alt und muten uns so modern an, als wären sie von gestern. Muten uns moderner an als die Otto Eckmannschen buchstaben von vorgestern oder die alphabete der Wagnerschule mit ihren überhöhten T von vorvorgestern. Denn diese buchstaben vom jahre 1783 wurden damals wirklich geboren. Buchstaben wollte der mann vom jahre 1783 machen. An einen bestimmten 'stil' hat er nicht gedacht. Unsere künstler wollen aber moderne buchstaben machen. Doch die zeit ist stark. Die läßt sich nicht überlisten.

Mit der wahrheit, und sei sie hunderte von jahren alt, haben wir mehr innere zusammenhänge als mit der lüge, die neben uns geht.

[229]
Was wir lesen


Ich erhielt folgende zuschrift: Darf ich mich bei ihnen mit einem kleinen beitrag einfinden? Ja? – So hören sie. Ich habe einen jungen. Acht jahre alt. Ein ganz prächtiger kerl. Aber seine unarten hat er doch auch. So zeigte er immer mit der hand auf leute, die ihm auffielen oder von denen er sprach, oder von denen er wissen wollte, wer sie seien. Ich gab ihm jedesmal einen klaps. „Das darf man nicht“, sagte ich. Und er ließ von dieser unart ab. Neulich zeigt er aber wieder mit der hand auf einen herrn und fragt: „Wer ist denn das, papa?“ Natürlich hatte er sofort wieder seinen klaps. Da aber sieht er mich sehr mitleidig an, kramt aus seiner tasche einen zerknitterten zettel, den ich als einen zeitungsausschnitt erkenne, und hält mir ihn vor die nase. Ich lese: „Kaiser Wilhelm musterte das publikum im ersten zwischenakte, ohne ein opernglas zu benützen. Er sah ernst und beinahe streng drein und schien sich bei unserem kaiser wiederholt nach einzelnen persönlichkeiten zu erkundigen, nach denen er mit der ausgestreckten hand zeigte.“!! Das stand buchstäblich in der „zeit“, nr. 349 vom 19. september 1903. Und ich? Was sollte ich tun ? Was soll ich überhaupt tun? Denn jetzt verfangen die klapse nicht mehr. Jetzt sind sie ein unrecht, das ich an meinem jungen oder am deutschen kaiser begehe.

*


Ich möchte auf ein buch hinweisen, das in engster fühlung zu der frage steht, die ich unter der rubrik „Wie der staat für uns sorgt“ behandelt habe. Es ist dies Frank Wedekinds „frühlingserwachen“. Eine kindertragödie. [230] Hat man die ersten seiten gelesen, so sagt man sich: aha, ein pornographisches buch. Kinder, die sich über sexuelle probleme unterhalten. Aber man liest weiter und weiter. Das buch behält den ton bei. Es wird immer „ärger“ und „ärger“. Und wenn man das buch zuklappt, dann sitzt man erschüttert da.

Wenn dieses buch doch jeder vater, jede mutter, jeder lehrer lesen würde!

*


Ein herr M. M. schreibt in der „Bohemia“ eine besprechung über dieses blatt, nennt den titel „ein blatt zur einführung abendländischer kultur in Österreich“ eine „lächerliche überhebung“ und schreibt dann wörtlich: „Hoffen wir, daß schon das nächste ‚Andere‘ mit befriedigung wird konstatieren können, daß sämtliche wiener restaurants seither zu ihren salzfässern salzlöffelchen, die heute überall fehlen, angeschafft haben, und daß die wiener gasthausgäste nicht mehr genötigt sind, salz mit dem messer aufzuschaufeln, eine gewohnheit, die übrigens ihre häßlichkeit eingebüßt haben wird, wenn sämtliche gasthausgänger auch aufgehört haben werden, speisen mit dem messer zum munde zu führen.“ Diese stelle hat herr M. M. allerdings nicht hervorheben lassen. Aber ich tue es.

Denn es ist daraus wohl kaum zu entnehmen, daß die vierzig millionen menschen der monarchie es nicht nötig haben, daß ihnen abendländische kultur beigebracht werde, sicher aber, daß herr M. M. es nötig hat.

Noch so einen herrn weiß ich. Ich schrieb nämlich vor jahren einen artikel über die art, wie die wiener in den restaurants essen. Keine zeitung wollte ihn mir abdrucken. [231] Ich könne doch nicht verlangen, daß das blatt alle abonnenten verliere. Aber einen bürstenabzug bekam ich. Folgende stelle kam darin vor: „Zu den unannehmlichkeiten des wiener restaurantlebens gehört auch die tatsache, daß man sich die speisen nicht nachsalzen kann. Salzlöffel gibt es nicht. Und dadurch nimmt das gasthaussalz nach und nach den geschmack und die farbe der ganzen speisekarte an.“ Das gab ich einem zu lesen, von dem ich erst dadurch erfuhr, wie nötig er mein blatt hat. Er sagte nämlich: „Das ist auch eine schweinerei. Alle fahren mit dem messer, auf dem sich noch die speisereste befinden, in das salz. Ich lecke das messer immer ab, bevor ich mir nachsalze.“

Man sieht, hier steht ansicht gegen ansicht.

Vielleicht verbinden sich die beiden herren, einigen sich und geben ein blatt zur einführung österreichischer kultur in England heraus. Das ist kein grotesker gedanke. Der wiener modeklub versucht das schon jahr für jahr und wird bei diesem bestreben nicht vom gelächter, sondern von den sympathien aller guten österreicher begleitet.


Was wir sehen und hören


Wir erwarten nach könig Eduard den deutschen kaiser und den zar. Und wieder wird die verstaubte Biseniusdekoration aus den städtischen lagerhäusern herausgeholt. Wäre es da nicht angebracht, einen künstler, etwa der Secession, damit zu betrauen? Denn das können sie. Durch einige jahre haben sie auf ihren ausstellungen mit den einfachsten, billigsten mitteln das problem der mobilen dekoration auf das beste gelöst. Und wenn den herren im rathause die leute der Secession zu gefährlich erscheinen, [232] so weise ich auf den architekten Urban hin, der eine durch das pauspapier gemilderte Secession vertritt. Sollte aber auch das schon zu viel sein, so hätte ich dem mit der leitung der dekorativen arbeiten betrauten gas- oder wasserleitungs-ingenieur geraten, sich einige londoner photographien von der straßenschmückung anläßlich der königskrönung zu verschaffen. Vielleicht hätte er manche anregung gefunden. Vielleicht hätte er auch herausgefunden, daß nur, wenn der zeichner Limmer von der „leipziger illustrierten“ dabei ist, der wind so freundlich ist, zu wehen und die fahnen voll zu entfalten. Wenn der mann aber nicht da ist, dann hängen sie wie trauerlappen herab. Vielleicht hätte er herausgefunden, wie festlich es sich macht, wenn die weißgestrichenen, reisigumwundenen maste mit drähten verbunden werden, von denen tausende von wimpeln herabhängen. Oder wie gut es sich ausnimmt, wenn ein vertikales riesiges netz über die ganze breite der straße gespannt wird und auf diesem netz mannsgroße leinwandbuchstaben angebracht sind, die einen willkommengruß bieten. So kühn will ich ja gar nicht sein, zu beantragen, daß man, wie bei der englischen krönung, ein horizontales, mit blumen gefülltes netz über die straße spanne, das sich im augenblicke der durchfahrt öffnet und den gefeierten mit einem blumenregen überschüttet. Das wäre zu viel verlangt. Da liegt schon zu viel idee darin.

NB. Das verwendete reisig auf den englischen photographien ist echt und nicht wie bei uns aus papier. Das mag nach wiener begriffen zwar nicht schöner sein, aber es kommt billiger.


*


[232] Vor dem künstlerhaus stehen zwei flaggenmaste. Es tut mir leid, den namen des mannes nicht veröffentlichen zu können, der den mut gehabt hat, diese eisernen rohre ohne altertümelnden oder moderntuenden dekor, so wie sie die werkstatt verlassen haben, hinzustellen. Das war eine tat in der stadt, in der solche rohre für die oberleitungsdrähte der elektrischen straßenbahn durch greuliche zinkknäufe und profilierungen verunreinigt wurden, eine tat in der stadt, deren künstler die erzeugnisse unserer industrie stets mit verachtung behandelt und das trottoir vor dem heinrichshofe mit ihrem archaistischen graffelwerk verunstaltet haben.

Stolz, frei und luftig erheben sich die flaggenmaste vor dem künstlerhause, zeugnis gebend für unsere moderne industrie, zeugnis gebend, daß sie der dekorativen mätzchen nicht bedarf, um festliche, freudige und künstlerische wirkungen in menschenherzen zu erwecken.

*


Wo ich mich auch immer befinde – ich habe noch nie eine Tristan-aufführung versäumt. Mir ist Tristan[H 2] das höchste kunstwerk, von dem wir kenntnis besitzen. Ich möchte danken für die gnade, daß ich nach der schaffung des Tristan auf diese welt gekommen bin.

Ich bin kein tränensack. Wenn bei einem rührseligen theaterstücke ein sacktuch nach dem anderen aus der tasche geholt wird und dem ganzen parkett die tränen herunterlaufen, so sage ich mir: Was haben die leute?! Der Reinhold passiert doch nichts. Und der Reimers wird sich eine stunde später sicher klops à la Königsberg im löwenbräu geben lassen.

[233] Aber im Tristan weiß ich nicht mehr, wie die menschen heißen, die auf der bühne stehen. Und die fünf viertelstunden musik des ersten aktes bringen mich aus dem geleise, daß ich beim fallen des vorhanges tränen in den augen fühle über die fürchterliche tragik, durch die Isolde von der seite Tristans gerissen und in die königliche zwangsjacke gesteckt wird. Ich fürchte, daß es jemand bemerken könnte. Ich schäme mich. Immer.

Tristan wurde neu ausgestattet. Professor Roller wurde mit den arbeiten betraut. Der vorhang ging auf. Aber ich hörte die stimme des jungen seemanns nicht. Meine augen waren zu sehr beschäftigt. Was ist denn das für ein schiff?! Schief durchgeschnitten. Längsschnitt oder querschnitt? Die Mildenburg ist gut bei stimme. Querschnitt oder längsschnitt?? Na, wir werdens ja gleich sehen. Der vorhang wird bald aufgehen. „Luft, luft.“ Endlich: es ist der querschnitt. Gott sei dank! Länger hätte ich’s nicht mehr ausgehalten. Aber was ist denn das? Tristan segelt und steuert zugleich. Das hat Roller sicher am Attersee gesehen. „Befehlen ließ dem eigenholde …“ Oder am Gmundnersee. Gmunden. Dort ist Altenberg. Ob er wohl bald nach Wien kommt? „Wie lenkt ich sicher den kahn …“ Das ist ja Schmedes. Warum nicht Winkelmann? Winkelmann wird sich ärgern. Aber schließlich was gehts mich an? „Hei unser held Tristan …“ Brangäne zieht den vorhang wieder zu. Sie hat ein hübsches kostüm an. Das würde meiner frau sicher gut stehen. Bei einem künstlerfest oder so was. „Wie lenkt er sicher den kahn …“ Das hat die Mildenburg von der Klaus-Fränkel aus Prag. Jetzt kommt bald der liebestrank. Wo er wohl ist? Zu viele kassetten stehen hier herum. Gut arrangiert. Der teppich ist von Prag–Rudniker. Habe ich auch schon [234] verwendet. Für vorzimmer. Die vielen polster machen sich auch gut. Sandor Jaray kanns nicht besser machen. „Ich sah ihm in die augen …“ Der wird sich ärgern, daß ihm Roller die idee vorweggenommen hat: Damenboudoir im normannischen stil! Aber welche kassette enthält den liebestrank? Aha, also die! Hab mirs gleich gedacht. Aber wozu ist denn die andere da? …

Am schluß des aktes wurde meine neugier befriedigt, die frauen gingen auf die bewußte kassette los, öffneten sie – die krone!! Sehr gut. Auf das wäre ich nicht gekommen.

Der vorhang fiel. Man applaudierte. Und plötzlich fuhr ich auf. Also so, so hast du den Tristan angehört. Ich begann mich zu schämen, zu schämen.

Ich lief hinaus. Nein, so darf man nicht im Tristan sitzen. Ich ging nach hause.

Man hatte mir mein heiligstes genommen.

Ich weiß nicht, ob es anderen ähnlich erging.


Wie wir leben
Etikettefragen

Als ich vor zehn jahren von Hamburg nach Amerika fuhr, erlebte ich auf dem dampfer etwas, was richtunggebend wurde für mein ganzes leben.

Außer mir befand sich noch ein österreicher an bord, ein techniker aus guter familie, ein sympathischer junger mann. Im speisesaal saßen wir an verschiedenen tischen. Er mitten unter amerikanern. Nach einigen tagen aber erfuhr man, daß seine nachbarn den kapitän ersucht hatten, den jungen österreicher lieber wo anders hin zu plazieren. Man könne nicht neben ihm essen. Er habe [235] schreckliche unmanieren. Stets lecke er sein messer ab und verunreinige damit das salz, das für den ganzen tisch bestimmt sei. Und anderes mehr. Man setzte ihn also wo anders hin. Unter deutsche. Aber deren nationalstolz wuchs nun plötzlich. Denn was sich amerikaner nicht gefallen lassen wollten, wollten sie sich auch nicht bieten lassen. Ein herr aus Berlin nahm daher immer, nachdem sich der unglückliche die suppe gesalzen hatte, das salzfaß, rief den steward und sagte mit lauter stimme und stets mit verständnisvollem schmunzeln: „Wechseln sie das salz um! Es ist wieder verunreinigt worden.“ Milde seelen legten dem jungen manne ostentativ den salzlöffel hin – er merkte aber nichts. Und so kam man zu mir und bat mich, meinen landsmann doch über das nötige aufzuklären. Er war ein lieber mensch. Er fuhr nicht auf. Er wurde flammend rot und hätte am liebsten geweint. Ich aber war froh, daß ich einige jahre vor meiner amerikafahrt in Dresden gelebt hatte, wo es auch in solchen restaurants, in denen studenten mit knappen mitteln verkehren, salzlöffel gibt. Sonst wäre es mir ebenso gegangen. Denn bei uns sind salzlöffel unbekannt.

Der türke nun kann in seiner heimat das reisfleisch mit der hand, der österreicher die sauce mit dem messer zum munde führen. Begeben sich aber türke und österreicher ins abendland, dann müssen sie sich der gabel bedienen. Man umgürte sich auch mit dem ganzen stolze Österreichs oder der Türkei, es verachten uns doch die englischen jünglinge. Und auch die gereiften übrigen bewohner des abendlandes wollen nicht mit uns an einem tische speisen.

Es gibt eine jungtürkische bewegung. Sie rührt von leuten her, die im abendlande gelebt haben und nun [236] abendländische sitten im reiche des sultans verbreiten wollen. Warten wir nicht ab, bis wir von ihnen überholt sind. Die japaner z. b. haben uns längst überholt. Die jungen japanischen studenten in Wien erfüllen die gebote der abendländischen kultur in unseren restaurants viel besser, als die um sie her sitzenden wiener bürger es tun. Das ist nur ein beispiel für viele. Einige österreicher – wenn ich es prozentuell ausdrücken wollte, käme allerdings eine verschwindend kleine zahl heraus – essen ja kultiviert. Aber sie stehen verzweifelt vor vielen anderen fragen.

Wie soll man feste feiern? Wie besuche machen? Wie einladungen ergehen lassen?

Wer darüber im zweifel ist, frage an. Ich will auf alle zuschriften nach bestem wissen antwort geben.


*
Die kleidung

Wie soll man angezogen sein?

Modern.

Wann ist man modern angezogen?

Wenn man am wenigsten auffällt.

Ich falle nicht auf. Nun fahre ich nach Timbuktu oder Krätzenkirchen. Da staunt man mich an. Denn hier falle ich auf. Sehr. Ich muß daher eine einschränkung machen. Modern gekleidet ist man, wenn man im mittelpunkte der abendländischen kultur nicht auffällt.

Ich trage braune schuhe und einen sakkoanzug. Und gehe auf einen ball. Hier falle ich wieder auf. Und muß daher wieder eine einschränkung machen. Modern gekleidet ist man dann, wenn man im mittelpunkte der [237] abendländischen kultur bei einer bestimmten gelegenheit nicht auffällt.

Es ist nachmittag und ich freue mich, daß ich in meiner graugestreiften hose, meinem gehrock und meinem zylinder nicht auffalle. Denn ich bummle im Hyde–park. Bummle und bin plötzlich in Whitechapel. Und falle wieder gehörig auf. Ich muß daher wieder eine einschränkung machen. Modern angezogen ist man nur dann, wenn man im mittelpunkte der kultur bei einer bestimmten gelegenheit in der besten gesellschaft nicht auffällt.

Nicht alle menschen erfüllen bei uns diese bedingungen. Denn sie werden uns sehr erschwert. In England bekennt sich alles zur abendländischen kultur. Bei uns und in den balkanländern nur die bewohner der städte. Da ist es schwierig, das richtige zu finden. Auch der staat selber zwingt uns zu fehlern. Die beamten – ich spreche vorläufig von denen, die keine uniform tragen – sind gezwungen, bei tage ihre audienzen und besuche in einem so lächerlichen gewande zu machen, daß sie darin nicht einmal über die straße gehen können, ohne ausgelacht zu werden. Der frack am vormittage muß selbst bei der größten hitze durch einen überzieher den spottenden blicken der passanten entzogen werden.

So geht es in den verschiedensten fällen. Im zweifel wende man sich an mich. Ich werde alle anfragen nach bestem wissen zu beantworten suchen.

*
Aus einem alten amerikanischen witzblatte


Landstreicher (in einem zerrissenen gehrock und schuhen, aus denen die zehen herausgucken): Bitte um eine milde gabe!

[239] Die hausfrau: Armer mann! Wie müßt ihr leiden! Hier habt ihr ein paar alte schuhe meines mannes.

Landstreicher: Madame! Sie scheinen mich nicht für einen gentleman zu halten, weil sie mir zutrauen, gelbe schuhe zum schwarzen gehrock zu tragen.


Das heim

Die zeitungsschreiber haben es im laufe der letzten jahre versucht, uns mut zu den geschmacklosigkeiten der modernen künstler zu machen. Ich will versuchen, euch mut zu euren eigenen geschmacklosigkeiten zu machen.

Wer fechten lernen will, muß seIbst das rapier in die hand nehmen. Vom zusehen beim fechten hat noch niemand fechten gelernt. Und wer sich ein heim schaffen will, muß selbst alles angehen. Sonst lernt er es nie. Wohl wird es voller fehler sein. Aber es sind eure eigenen fehler. Durch selbstzucht und uneitelkeit werdet ihr bald diese fehler erkennen. Ihr werdet ändern und verbessern.

Euer heim wird mit euch und ihr werdet mit eurem heime.

Fürchtet euch nicht, daß euere wohnung geschmacklos ausfallen könnte. Über den geschmack läßt sich streiten. Wer kann entscheiden, wer recht hat?

Für eure wohnung habt ihr immer recht. Niemand anderer.

Die wortführer der modemen künstler sagen euch, daß sie alle wohnungen nach eurer individualität einrichten. Das ist eine lüge. Ein künstler kann wohnungen nur nach seiner art einrichten. Wohl gibt es menschen, die den versuch machen, – gerade so wie es leute gibt, die die pinsel in die farbtöpfe stecken und nach dem geschmack des [240] eventuellen käufers ihre leinwand bemalen. Aber künstler nennt man die nicht.

Eure wohnung könnt ihr euch nur selbst einrichten. Denn dadurch wird sie erst zu eurer wohnung. Macht das ein anderer, sei er maler oder tapezierer, so ist es keine wohnung. Es kommt dann höchstens heraus: eine reihe von hotelzimmern. Oder die karikatur einer wohnung.

Wenn ich eine solche wohnung betrete, so bedauere ich stets die armen menschen, die darin ihr leben verbringen.

Das also ist der hintergrund, den sich die leute für die kleinen freuden und die großen tragödien dieses daseins schaffen ließen?!! Das also?

Ach, diese wohnungen sitzen euch wie ein pierrotkostüm aus der maskenleihanstalt!

Möge nie der ernst des lebens an euch herantreten, daß ihr eurer geliehenen fetzen gewahr werdet!

Unter dem ehernen schritte des schicksals erstirbt eure prahlerei, die sich mit den modenamen der „angewandten künstler“ brüstet.

Heraus mit euren federn, ihr menschen- und seelenschilderer! Schildert einmal, wie sich geburt und tod, wie sich die schmerzensschreie eines verunglückten sohnes, das todesröcheln einer sterbenden mutter, die letzten gedanken einer tochter, die in den tod gehen will, in einem Olbrichschen schlafzimmer abspielen und ausnehmen.

Ein bild nur greift heraus: das junge mädchen, das sich den tod gegeben hat. Lang hingestreckt liegt es auf der diele des fußbodens. Die eine hand umklammert noch krampfhaft den rauchenden revolver. Auf dem tisch ein [241] brief. Der absagebrief. Ist das zimmer, in dem sich das abspielt, geschmackvoll? Wer wird danach fragen? Wer darum sich kümmern? Es ist ein zimmer, basta!

Aber wenn der raum von Van de Velde eingerichtet ist? Dann ists eben kein zimmer.

Dann ist es – – –

Ja, was ist es dann eigentlich? – – –

Eine blasphemie auf den tod!

Möge es für euch immer bei den kleinen freuden bleiben!

Wer fechten will, muß das rapier selbst in die hand nehmen!

Und wer fechten lernen will, braucht überdies einen fechtlehrer. Der muß es können. Ich will euer wohnungslehrer sein. Eure wohnung ist voller fehler. Ihr wollt manches darin ändern. Man frage mich, und ich will auskunft geben. In diesem blatte sollen alle anfragen, die euer heim betreffen, beantwortet werden.

Ihr wollt ein zimmer neu tapezieren lassen und seid über die farbe im zweifel?

Ihr wollt fenster und türen einer neu aufgenommenen wohnung streichen?

Ihr wollt wissen, wie man die alten möbel in eurer neuen wohnung am besten unterbringen kann?

Ob man einen korbfauteuil in ein wohnzimmer stellen darf?

Ob man das kann, ob jenes?

Sendet farbproben, stoffmuster und tapeten, sendet grundrisse und zeichnungen ein. Wollt ihr sie wieder haben, legt die nötigen marken bei. Ich werde alle fragen nach bestem wissen beantworten.

[242]
Unsere konkurrenzen


Wir werden während des erscheinens dieses blattes wettbewerbe veranstalten.

Diese wettbewerbe sind nicht für künstler. Sie sind nur für den fabrikanten und für den handwerker.

Vom arbeitenden, schaffenden menschen allein erwarte ich eine gesundung der gewerblichen verhältnisse, eine hebung der kultur und des geschmackes.

Euch männern der werkstatt kann niemand anderer helfen, als ihr selber.

Ihr seid verschüchtert, habt keinen mut und keine kraft, seid zu lange unter der vormundschaft der architekten und zeichner gestanden.

Eine solche konkurrenz wird euch zeigen, wie viel geschmack und erfindungskraft in euren werkstätten steckt. Blickt nicht rückwärts oder seitwärts, weder in vergangene jahrhunderte noch auf die entwürfe der künstler. Ihr meister, gehilfen und lehrjungen, blickt in euch selber.

Die erste konkurrenz ist für tischler bestimmt. Die vornehmsten aristokratischen kreise Wiens werden eure arbeit begutachten. Für die sollt ihr arbeiten.

Es wäre eine müßige frage, zu untersuchen, ob der aristokrat mehr geschmack hat als der bürger. Wir stehen einfach vor der tatsache, daß der friseurgehilfe in der wahl seines anzuges von dem bestreben geleitet sein wird, für einen grafen gehalten zu werden, während ich noch nie einen grafen bestrebt sah, für einen friseurgehilfen angesehen zu werden.

Dieser allen menschen gemeinsame zug hat zur folge [243] gehabt, daß sich die kultur seit dem bestande des menschengeschlechtes stets gehoben hat.

Was für das schneidergewerbe gilt, gilt für jedes handwerk.

Dadurch, daß die dem aristokratischen geschmacke am meisten entsprechende arbeit ausgewählt wird, erwächst sowohl euch, produzenten, als auch dir, kaufendes publikum, der vorteil, daß ihr beide nun wißt, in welcher art man erzeugen kann und was man kaufen soll.

Preise werden keine verteilt. Durch die möglichkeit, die arbeiten in einem ersten kunstsalon auszustellen und zu verkaufen, werden die tüchtigen von selbst belohnt.


Briefkasten
Allgemeines

L. T. – Nein, ich habe meine „architektonische“ tätigkeit nicht aufgegeben. Ich werde auch weiterhin geschäftshaus-, kaffeehaus- und wohnungseinrichtungen durchführen. Aber die art, in der ich arbeite, involviert noch keinen widerspruch zu dem geschriebenen in der vorigen nummer. Sie sind so freundlich, meine bisherige tätigkeit in Wien als „architektonisch“ zu bezeichnen. Das ist sie leider nicht. Wir leben allerdings in einer zeit, in der sich jeder tapetenzeichner als architekt bezeichnet. Das macht ja nichts. In Amerika nennt sich ja auch jeder heizer ingenieur (engineer). Aber wohnungseinrichten hat mit der architektur nichts zu tun. Ich habe mich damit ernährt, weil ichs kann. Genau so wie ich in Amerika eine zeitlang mit geschirrwaschen mir das leben im körper erhalten habe. Es gäbe ja auch diese ernährungsweise: Ein bauer kommt zu mir und sagt: „Ich will in [244] die stadt ziehen und als städter leben. Besorgen sie mir alles. Sie bekommen zehn prozent des verausgabten geldes als ‚architektenhonorar‘.“ Und nun gehe ich mit ihm zum schneider, zum schuhmacher, zum hemdenmacher. Stock und schirm, taschentuch und visitiere, visitkarten und krawattennadel. Fertig. Next.

Fremdenführer für kulturfremde.

So habe ich wohnungen eingerichtet, so richte ich wohnungen ein. Ich gebe ratschläge. Tapeten? Gehen wir zu Schmidt am neuen markt. Wollen sie gestreifte oder einfärbige? Die gefällt ihnen? Ich würde zu der raten.

Manche kommen zu mir, weil sie es nicht verstehen, manche, weil sie die quellen nicht wissen, manche, weil sie keine zeit haben. Aber ein jeder lebt in seiner eigenen wohnung nach seiner eigenen individualität.

Allerdings gemildert durch meine ratschläge.

*


Rozet und Fischmeister,[H 3] kohlmarkt. – Sie bedanken sich für die ehrenvolle nennung ihrer firma in der letzten nummer, teilen mir mit, daß der ring einige tage nicht zu sehen war, weil er verkauft wurde und neu angefertigt wird, und entschuldigen sich deswegen. Sie haben sich nicht bei mir zu bedanken. Ich nannte ihre firma nicht, um ihr reklame zu machen, sondern weil ich sie nennen mußte, um meine ideen zu demonstrieren. Ich muß mich daher bei ihnen bedanken, weil sie so zuvorkommend sind, den ring sofort wieder anzufertigen, um nicht eine unterbrechung in meinem demonstrationskursus herbeizuführen. Und dies gilt für alle objekte, die ich nennen werde. Ich hoffe, daß die genannten geschäftsleute [245] mich in meinem bestreben unterstützen und schwer erkennbare objekte womöglich mit einer etikette, am besten mit dem auf karton gespannten kopf dieses blattes, versehen werden. Auch wäre ich sehr zum danke verpflichtet, wenn der eventuelle käufer gebeten würde, das objekt bis zum erscheinen der nächsten nummer in der auslage zu lassen.

Form

H. H. – Ihr brief beginnt auf der ersten seite, setzt auf der zweiten seite des briefpapieres fort und endet auf der vierten. Aber ich würde ihnen raten, briefe in folgender art zu schreiben: Erste seite. Dann dreht man das blatt um – vorausgesetzt ist eine löschpapierunterlage – und schreibt auf der vierten seite weiter. Dann schlägt man das briefpapier auf und beschreibt die zweite. Nun legt man das papier quer und beschreibt die dritte seite. So tun es die engländer und amerikaner. Praktische erwägungen (das abtrocknen fällt dabei weg) haben zu dieser sitte geführt. Ich lese jeden brief so und kenne mich daher in den österreichischen briefen schwer aus.

A. R. – Wenn sie einem freund auf der straße begegnen, der mit einer ihnen unbekannten dame geht, haben sie auch bei großem sozialen abstande zuerst zu grüßen. Doch dürfen sie nicht beide grüßen oder, was noch schlechter wäre, den bekannten allein. Man nimmt den hut vom kopfe und blickt geradeaus.

V. G. – Die dame unter allen umständen rechts gehen zu lassen, ist ein unsinn. Im wagen hat sie wohl rechts zu sitzen. Beim einsteigen läßt man der dame den vortritt und geht eventuell hinten um den wagen herum, um einzusteigen. So hält man es auch mit männlichen gästen. Aber auf der straße überläßt man der dame den besseren [246] weg. Bei uns kommt es vor, daß fanatiker der „ehrenseite“ die dame ruhig in pfützen steigen lassen, während sie selbst den trockenen weg gehen, wenn sich zufällig der gute pfad links befindet. Auf dem bürgersteige geht man auf der nach dem fahrdamme zugekehrten seite.


Versuch. – (1) Obstkerne spukt man in die hohle faust, die man vor den mund hält, und legt sie auf den teller. (2) Brot und semmel darf man nie schneiden. Brechen. Auch darf man nicht brot oder semmel mit der gabel aufspießen, um damit die sauce aufzutunken. Wohl kann man aber ein stück brot oder semmel in die hand nehmen und die sauce damit auftunken. Aber dazu gehören geschicklichkeit, übung und grazie.

Kleidung

F. R. – Jawohl, die „Neue freie presse“ hat recht, wenn sie beanstandet, daß die wiener im frack mit schwarzer krawatte in die oper gehen. Eine schwarze krawatte trägt man nur in demidreß, den man in Wien fälschlich smoking nennt. Aber auch da geschehen fehler. Man kann nämlich eher in Wien einen mann im „smoking“ mit weißer krawatte als eine weiße krawatte zum frack sehen. Neulich sah ich in der josefstadt gar folgendes: „smoking“ und färbiges hemd. Sie werden mir vielleicht einwenden, daß das ein schuster war. Na, sie würden sich wundern, wenn sie den namen des mannes hören würden.

Wohnung

Türaufsätze. – Die frage nach diesen sowie nach dem stil derselben könnte ich nur nach dem schema beantworten: Wo und in welchem stil soll ich mich tätowieren lassen?

[247] Neugierige G. K. – Es wird schon gehen. Wenn wir die tischlerei auf derselben höhe hätten wie unsere bekleidungsindustrie, dann würde sich der vorgang bei der anschaffung eines schrankes vielleicht folgendermaßen abspielen:

Wir haben zu viel kleider. Wir brauchen einen schrank. Daher gehen wir zum tischlermeister. „Guten tag, herr meister!“ „Guten tag, meine herrschaften! Was verschafft mir das vergnügen?“ „Wir brauchen einen schrank. In unserem schlafzimmer haben wir an einer wand noch 1.60 meter raum. Wie viele türen könnte der schrank haben?“ „Dann könnte er drei türen haben. Wollen sie ihn zum hängen oder zum legen? Haben sie kleider oder wäsche unterzubringen?“ „Beides. Wir denken, zwei türen zum hängen und eine für die wäsche.“ „Dann rate ich ihnen, die bretter für die wäsche ausziehbar zu machen, weil man sonst schlecht dazu kommt.“ „Ganz gut – aber ist das nicht teurer?“ „Etwas. Aber die differenz ist unbedeutend. Wie hoch soll der kasten sein?“ „Was raten sie uns?“ „Wir machen gegenwärtig die schränke zwei meter hoch. Da haben sie über den kleiderhaken noch genügend raum für hutschachteln.“ „Ach ja, das brauchen wir dringend. Und nun das wichtigste: die kosten.“ „Das kommt auf das material, die ausführung und das futter an.“ „Wie meinen sie das, meister?“ „Nun, ob sie ihn in eiche oder palisanderholz, matt oder poliert, innen wie außen oder in billigerer art fourniert haben wollen.“ „Können wir holzproben sehen?“ „Gewiß, hier sind sie.“ „Ich sehe nur naturhölzer. Ich dachte mir etwas wie grün oder violett gebeizt.“ „Das war einmal, gnädige frau, als sich die leute noch secessionistisch einrichteten. Das ist nun längst vorbei. Die leute, die so unglücklich [248] waren, das zu tun, schämen sich jetzt dieser möbel und suchen sie so schnell als möglich loszuwerden. Gegenwärtig empfindet man es als brutalität, edles mahagoni- oder palisanderholz grün zu beizen. Und auch für das einfache ahornholz beginnt man verständnis zu gewinnen. In dieser schrecklichen zeit, die wir nun glücklich hinter uns haben, wurden sogar lederkoffer grün oder violett gebeizt. Die unglücklichen besitzer solcher geschmacklosigkeiten schämen sich heute vor dem gepäckträger und lassen diese koffer zu hause. Damals waren sie fein heraus. Die halbe presse deckte ihnen den rücken und man mußte das maul halten, wollte man nicht als feind der kunst und des fortschrittes verschrien werden.“ „Sie haben recht, meister! Ein schrank soll doch mindestens so lange halten wie ein koffer.“ „Das denke ich. Meine arbeit ist teuer, aber gut. In diesem holze kostet der schrank ohne beschläge so und so viel, in diesem so viel.“ „Wir wählen dieses holz, außen und innen gleich.“ „Ich werde ihnen morgen einen kostenvoranschlag senden. Ich hoffe, er wird sie zufriedenstellen.“ „Das hoffen wir auch. Auf wiedersehen, meister!“ „Ich empfehle mich ihnen, meine herrschaften!“

Sie sehen, über den stil wurde nicht gesprochen. Man meinte stillschweigend den stil vom oktober 1903. So wie man auch noch nie einen frack im renaissancestil bestellt hat. Und warum soll der gegenstand, in dem man ihn aufzubewahren gedenkt, anders behandelt werden als der gegenstand, der aufbewahrt wird?

M. S. – Sie schreiben mir einen langen, resignierten brief, den ich im auszug wiedergeben will. Also: „Wenn ich sie recht verstehe, wollen sie der Secession den garaus machen und einen neuen stil einführen. Dreißig jahre [249] bin ich jetzt verheiratet. Dreimal mußte ich eine neueinrichtung über mich ergehen lassen. Ich weiß schon, was sie sagen wollen. Diesmal wirds das richtige. Diesmal wirds ewig währen. Aber das hat man mir immer gesagt. Nach der deutschen renaissance, nach dem barock, nach dem empire. Die Secession haben wir glücklich übersprungen. Aber das kenne ich.“ Darauf antworte ich: Sehen sie, das hätten sie sich ersparen können. Sie hätten sich gleich modern einrichten sollen. Dadurch hätten sie immer modern und bequem gewohnt. Wohl hätte die wohnung vom jahre 1873 keine ähnlichkeit mit der von heute gehabt. Aber die hauptmöbel wären geblieben. Anders gestellt, anders im zimmer verteilt. Neue erfindungen hätten das verursacht. Das elektrische licht, die möglichkeit, an allen punkten eine lichtquelle zu schaffen, hätte allein schon in der aufstellung ihrer möbel eine revolution hervorgerufen. Vieles wäre zerschlagen und neu ersetzt worden. Vieles neu angeschafft. Geschenke, erinnerungen von der reise, bilder, bücher und bildhauerwerke, die gasheizung, alles, alles hätte geholfen, gearbeitet, miniert und an ihrer wohnung gesprengt. Man vergrößert sich, man kommt in die höhe, stellt größere anforderungen an das leben. Die alten möbel vom jahre 1873 hätten sich ganz gut mit den jungen vom jahre 1903 vertragen. Wie sich in einem alten schlosse die möbel vom jahre 1673 mit den möbeln vom jahre 1703 vertragen haben. Ihre wohnung hätte ein spiegelbild ihres wollens und werdens geboten. Sie hätten eine wohnung, die niemand anderer besitzen kann als nur sie, nur sie allein. Sie hätten ihre wohnung gehabt. Aber fangen sie nur an, an ihrer wohnung zu arbeiten. Es ist nie zu spät. Sie haben kinder. Die werden es ihnen danken.

[250] H. B. – 1. Um 250–300 fl. kann man nicht die einrichtung für ein herrenzimmer kaufen, das zugleich solid, einfach und geschmackvoll ist. Aber für dieses geld kann man wohl einen teil davon erstehen, der diesen anforderungen entspricht. Ich hoffe, sie meinen nur die kastentischlerarbeit ohne sitzmöbel, beleuchtungskörper, tapeten, teppiche, anstrich etc. Also schreibtisch, bücherstellen, kästchen. Weiches holz, braunschwarz gebeizt, wäre wohl das billigste. Besser wäre schon eschenholz. Wenden sie sich an einen tischlermeister, der ihnen als vertrauenswürdig bekannt ist – der billigste wird es wohl nicht sein –, zeigen sie ihm das zimmer und besprechen sie mit ihm die aufstellung der möbel. Dann lassen sie sich zeichnungen von ihm machen. Sagen sie ihm: kein gesimse, keine abfasungen. Senden sie mir die zeichnungen und den zimmergrundriß ein. Ich werde beides korrigieren. 2. Glattes braunes linoleum ohne jedes muster ist sehr empfehlenswert. Man klebt das linoleum über die ganze schreibtischplatte, die vorerst an der kante glatt gehobelt werden muß, also kein profil haben darf. Dann läßt man einen zwei millimeter starken und dicke des brettes plus dicke des linoleums breiten messingstreifen (poliert) anschrauben, der nun die kante bildet. Die köpfe der messingschrauben müssen mit dem streifen eben liegen. Eine galerie fällt natürlich weg.

Gespräch


Ihr blatt ist ja ganz gut, aber der titel ist eine frechheit!

Warum? Ich verstehe nicht – – –

[251] Nun, das mit der abendländischen kultur. Die besitzen wir doch!

Gestatten sie eine zwischenfrage: Halten sie den gebrauch des klosettpapiers, oder, um mich deutlicher auszudrücken, des papiers überhaupt, für einen wesentlichen bestandteil der abendländischen kultur?

Gewiß.

Und noch eine zwischenfrage: Könnte ein zulukaffer, der einen zylinder aufsetzt, behaupten, er sei nach den begriffen abendländischer kultur gekleidet?

Gewiß nicht, ich würde sagen, zur zivilisierten kleidung fehlen ihm noch achtzig prozent.

Ganz gut. Und sehen sie: Achtzig prozent der bewohner Österreichs ist der gebrauch des genannten papiers vollständig fremd.

Ist das möglich?

Es ist so. Jeder offizier, der bei der truppe dient, kann ihnen das bestätigen.

Ja, aber diese achtzig prozent werden sie durch ihr blatt nicht bekehren. Sie können sie ja nicht erreichen. Den lesern dieses blattes werden sie doch abendländische kultur nicht absprechen wollen?

Gewiß nicht. Aber zur mitarbeit will ich sie aneifern. Mir wurde erzählt, daß in vielen restaurants sich die gäste beschwerten, daß keine salzlöffel vorhanden seien. Das ist ein anfang.

Aber ihre tätigkeit schädigt den guten ruf Österreichs und wird auch die wenigen fremden noch von uns fern halten.

Das macht nichts. Wenn ein mensch an übelriechendem atem leidet, so soll man es ihm sagen. Er kann es abstellen. Das ist besser, als wenn man ihn meidet.

Anmerkungen

  1. *) Hier am beginne verkleinert reproduziert. Die erste nummer von „Das Andere“ erschien als anhang der von Peter Altenberg herausgegebenen zeitschrift „Die Kunst“, die zweite für sich allein.

Anmerkungen (H)

  1. [454] Dieses blatt[WS 1] war als beilage zu der von Peter Altenberg redigierten zeitschrift „kunst, halbmonatsschrift für kunst und alles andere“,[WS 2] herausgegeben von Arthur Brehmer und Friedrich Kraus, im kommissionsverlag der österreichischen verlagsanstalt, Wien 1903, gedacht. Die erste nummer erschien auch im ersten heft dieser zeitschrift, wurde jedoch daneben einzeln abgegeben (es gibt exemplare mit dem aufdruck „beilage zur ,kunst‘“ und solche ohne diesen aufdruck, dafür mit der mitteilung „preis 20 h.“). Die zweite nummer schon ist, mit dem [455] datum „Wien, 15. oktober 1903”, nur einzeln erschienen; dieses zweite heft enthält ein inserat der „kunst”, in dem die beilage „das andere” ohne nennung des namens Adolf Loos angekündigt wird; diese beilage erschien auch, jedoch mit ganz anderem, künstlerischem inhalt. Für ein drittes heft seines blattes hat Loos zwar vermutlich noch beiträge bestimmt gehabt, es erschien jedoch nichts mehr. Im nachlaß von Loos ist allerlei material vorhanden, sowohl zur einrichtung der inserate wie auch zum vertrieb des blattes, was beides Loos selbst besorgte; vielleicht ergibt sich einmal die gelegenheit zur eingehenderen darstellung der geschichte der zeitschriften von Peter Altenberg und Adolf Loos.
  2. [455] Weniger fasziniert von Richard Wagner, begreifen wir heute wohl besser die verfremdung, die der Tristan durch Alfred Rollers ausstattung in der aufführung unter Gustav Mahler erfahren hat.
  3. [455] „Rozet und Fischmeister“ bezieht sich auf s. 226 f. dieses bandes.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Das Andere – ein Blatt zur Einführung abendländischer Kultur in Österreich, ZDB
  2. Kunst ­– Zeitschrift für Kunstschaffen und Kunstleben ZDB