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Ohne Kreuz keine Krone
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Eilftes Kapitel.

§. 1. Der Stolz verleitet die Menschen zur Ueberschätzung ihrer Personen. §. 2. Dieses beweiset der Lärm, den man über Familienabkunft, Geblüt, Gestalt und Schönheit erhebt. §. 3. Die Tugend, nicht das Geblüt, kann wahren Adel verleihen. §. 4. Die Tugend ist kein Emporkömmling, und ohne sie kann alte Abkunft keinen Adel gewähren; sonst würden in unsern Tagen Alter und Geblüt die Tugend davon ausschließen. §. 5. Gott, der alle Geschlechter von einem Blute abstammen ließ, lehret uns, was wahrer Adel sei. §. 6. Die Menschen von adeliger Abkunft sind, ihrer äußern Zierden beraubt, andern Menschen ganz gleich. §. 7. Dieses wird nicht gesagt, um den Edelmann zu verwerfen, sondern um ihn zur Demuth anzuleiten. – Von den Vortheilen, die dieser Stand vor andern voraus hat. Eine Ermahnung an den Adel, den gesunkenen Zustand ihrer Familien um ihres eigenen Vortheiles [212] willen wieder herzustellen. §. 8. Der Verfasser hat aber noch einen höheren Beweggrund dazu: das Evangelium, zu dem die Adeligen sich bekennen. §. 9. Vom persönlichen Stolze in Hinsicht auf Gestalt und Schönheit. Die Ausgaben für Wohlgerüche, Schönheitswasser, Schminke, Putz, etc. würden viele arme Familien ernähren können. – Von den Nachtheilen, die damit verknüpft sind. §. 10. Stolz und Eitelkeit ist bei alten und häßlichen Personen noch verwerflicher als bei Andern; wird aber doch häufig angetroffen. Die große Thorheit solcher Personen. Rath an die Schönen, ihre Seelen ihren Körpern ähnlich zu machen; und an die Häßlichen, ihren Mangel an körperlicher Schönheit dadurch zu ersetzen, daß sie den unvergänglichen Theil ihres Wesens: ihre Seelen, mit Heiligkeit schmücken. – Vor Gott ist nichts häßlich als die Sünde. – Von der Seligkeit Derer, die das Joch oder Kreuz Christi tragen, und der Welt gekreuzigt sind.


§. 1. Der Stolz bleibt aber dabei noch nicht stehen; er verleitet auch die Menschen zur Ueberschätzung ihrer selbst und zu einer übertriebenen Sorgfalt für ihre Personen. Daher müssen sie so viele und pünktliche Aufwartung, kostbare Möbeln, reiche und schöne Kleider u. dgl. haben, worin ein großer Theil der „Hoffahrt des Lebens“ bestehet, wovon Johannes uns sagt, „daß sie nicht vom Vater, sondern von der Welt ist.“[1] Dieses war die Sünde, die Gott den übermüthigen Töchtern Zions und dem stolzen Fürsten und Volke von Tyrus zur Last legte. Man lese das 3te Kapitel beim Jesaias, und das 27ste und 28ste beim Ezechiel, beurtheile [213] dann das gegenwärtige[WS 1] Zeitalter nach den Sünden, die nun im Schwange gehen, und schließe, was für Gerichte die jetzt lebenden Völker zu erwarten haben. Ich will hier nur den ersten Gegenstand dieses Kapitels, nämlich den übertriebenen Werth, den die Menschen auf ihre Personen legen, in Betrachtung ziehen, und das Uebrige im letzten Abschnitte dieser Abhandlung, der von der Ueppigkeit handelt, und wo es eine schickliche Stelle finden wird, weiter auseinandersetzen.

§. 2. Daß die Menschen im Allgemeinen stolz auf ihre Personen sind, besonders wenn sie einigen Anspruch auf vornehme Abkunft oder auf Schönheit machen können, ist eben so bekannt, als unangenehm zu betrachten. Der erstere Fall hat oft schon unter dem männlichen, und der letztere unter dem weiblichen Geschlechte sehr heftige Streitigkeiten veranlaßt; und es sind auch nicht selten schon Männer, um der Weiber willen, oder durch deren Anreizung, in solche Zänkereien verwickelt worden. Was für Lärm und Gezänke ist nicht schon in der Welt vorgefallen, wenn es die Bestimmung des Alters eines Stammes oder einer Familie galt? Oder wenn entschieden werden sollte, wessen Vater oder Mutter, oder Urgroßvater und Urgroßmutter die mehrsten Ahnen zählte? Welchem Stamme oder Zweige Dieser oder Jener angehöre? Was für Wappen der Eine oder der Andere geführt habe, und wer nun das Recht zum Vorrange besitze? wiewohl, meines Erachtens, unter allen Thorheiten der Menschen keine weniger vernünftig scheinende Gründe zu ihrer Entschuldigung aufzuweisen hat, als diese.

[214] §. 3. Denn erstlich: Was liegt daran, von wem Jemand abstammt, insofern er selbst keinen bösen Ruf hat; da nur seine eigenen Tugenden ihn erheben, und keine andere als seine eigenen Laster ihn erniedrigen können? Die Verdienste eines Vorfahren können die schlechten Handlungen eines Menschen nicht entschuldigen; sie beweisen vielmehr seine Entartung. Und da Tugend nicht durch Geburt erlangt werden kann; so werde ich auch in der That durch meine Abkunft weder besser noch schlechter. Auch gilt diese eben so wenig in Gottes Augen, als sie in den Augen der Menschen etwas gelten sollte. Kein Verständiger wird Beleidigungen bloß deswegen leichter ertragen, weil sie ihm von einem Manne von hoher Geburt zugefügt werden, oder Gunstbezeigungen darum desto eher ausschlagen, weil Derjenige, der sie ihm erzeigt, von geringer Abkunft ist. Ich gestehe, daß es eine große Ehre seyn würde, gar keine Familienflecken zu haben, und sein Erbtheil von einem Stamme herleiten zu können, dem man nichts zum Vorwurfe machen konnte. Allein das hat man noch nie angetroffen; selbst nicht in der gesegnetsten Familie, die jemals auf Erden lebte; ich meine, auch in Abrahams Familie nicht. Auch kann der Umstand, daß Jemand von reichen und hoch betitelten Vorfahren abstammt, weder seinen Kopf mit Verstand, noch sein Herz mit Wahrheit erfüllen; diese Eigenschaften sind eines höhern Ursprunges. Demnach ist es bloß Eitelkeit und höchst verwerflicher Stolz, wenn Jemand von großem Gewichte und Ansehen in der Welt einen Andern deswegen geringachtet, weil dieser ihm an Geburt und Rang nicht gleich ist. Es kann ja leicht seyn, daß der Letztere die Verdienste [215] seiner Vorfahren besitzt, während der Erstere nur die Früchte genießt, welche die Verdienste seiner Vorfahren hervorbrachten. So kann also der Eine durch seine Vorfahren, der Andere aber durch sich selbst groß seyn; und Welcher von Beiden verdient nun den Vorzug?

§. 4. Ach! sagt der auf seine Abkunft stolze Mensch, Alles geht schlecht in der Welt, seitdem wir so viele Emporkömnmlinge unter dem Adel zählen! Was mögen aber wohl Andere von seinen Vorfahren gesagt haben, als diese zuerst anfingen, sich in der Welt auszuzeichnen? Denn sie und alle Menschen und Familien, ja, alle Staaten und Reiche der Welt mußten doch auch ihr Emporkommen haben, oder ihren Anfang nehmen. Wenn daher Familien ihren Adel auf ihre alte Abkunft, und nicht auf ihre Tugenden gründen, so machen sie es eben so, wie die Kirche, welche behauptet, die wahre zu seyn, weil sie die älteste, nicht weil sie die beste ist. So kann es aber nicht gehen. Wenn das Alter etwas gelten soll, so muß es ein Alter in der Tugend seyn, und dieses muß vor jeder andern alten Abstammung den Vorzug haben. Sonst könnte Jemand von höherm Adel als sein Vorfahr, von dem er seinen Adel ableitet, und der Vorfahr, der ihm seinen Adel erwarb, von geringerm Adel als Er seyn; eine Seltsamkeit, welche die Geschicktesten in der Wappenkunde wohl schwerlich werden erklären können. Es ist allerdings sonderbar, daß Jemand sollte einen höhern Adel besitzen, als seine Vorfahren, denen er den seinigen verdankt. Wenn dieses aber ungereimt ist, wie es denn wirklich ist, so ist der Neugeadelte, der sich seinen Adel durch seine Tugenden erworben hat, der wahre Edelmann, und es [216] können daher auch nur Diejenigen, die seinen Tugenden nachahmen, auf seine Ehre Anspruch machen, obgleich seine übrigen Abkömmlinge sich auf ihre Abkunft von ihm berufen und auch seinen Namen führen mögen. Wenn also nur die Tugend wahren Adel verleihen kann, wie selbst die Heiden behaupten; so kann folglich eine Familie auch nur so lange wahrhaft adelig seyn, als sie tugendhaft ist. Und da ferner die Tugend nicht dem Geblüte oder der Abkunft anhängt, sondern in den guten Eigenschaften der Nachkommen bestehet, so folgt klar, daß die Abkunft kein Vorrecht gewährt; sonst würde diese die Tugend, als unnöthig, ausschließen, und Derjenige, dem es an Abkunft mangelte, auch auf die Wohlthaten der Tugend Verzicht leisten müssen, und dadurch würde dann der Adel, sobald es ihm an Alter fehlte, herabgesetzt, und die Tugend bei den Adeligen entbehrlich gemacht werden.

Nein, man lasse immer die Namen der Abkunft folgen, aber Adel und Tugend müssen Hand in Hand gehen; da sie so nahe Verwandte sind. So hat Gott selbst es verordnet, der am besten alle Dinge recht und billig zu vertheilen weiß. Er richtet sich mit seinem Wohlgefallen oder Mißfallen nicht nach der Abkunft der Menschen, und siehet auch nicht auf das, was sie waren, sondern auf das, was sie sind. Denn „er gedenkt nicht der Gerechtigkeit des Menschen, der seine Gerechtigkeit verläßt;“[2] und wird noch viel weniger den Ungerechten wegen der Tugenden seiner Vorfahren als einen Gerechten betrachten.

[217] §. 5. Wenn indessen Diejenigen, die ihre Abkunft so hoch anrechnen, sich verpflichtet halten wollen, Gott dadurch zu ehren, daß sie dem, was Er in der heiligen Schrift uns bekannt machen läßt, Glauben beimessen, so werden sie finden, „daß Er im Anfange alle Menschengeschlechter, die auf dem ganzen Erdboden wohnen, aus einem Blute gemacht hat,“[3] und daß wir alle von einem Elternpaare abstammen. Eine untrüglichere Geschlechtskunde werden auch die Besten unter uns nicht aufweisen können. Weiter herab kommen wir auf Noah, den zweiten Stammvater des menschlichen Geschlechts, und bis auf ihn wissen wir also etwas Zuverlässiges von unsern Vorfahren. Was für einen Antheil uns nun aber in unsern Tagen an den Titeln und Auszeichnungen gebühret, welche Andere seit jener Zeit entweder durch Gewalt sich zugeeignet oder durch Tugend erworben haben, dürfte wohl – wenn wir auch nur einige Jahrhunderte zurückgehen, – schwer zu bestimmen seyn.

§. 6. Mich dünkt auch, es müsse uns klar einleuchten, daß die Geburt Niemand zu einem vorzüglichen Menschen machen könne, wenn wir bemerken, daß diese Leute von vornehmer Abkunft, wenn sie ihren ganzen Staat und Putz abgelegt haben, von Natur kein besonderes Merkmaal an sich tragen, das sie von ihren geringern Nebenmenschen unterschiede. Und lassen wir sie selbst urtheilen, so werden sie uns gestehen müssen, daß sie bei allen Vorzügen ihrer Geburt dennoch jenen Leidenschaften unterworfen sind, welche die Menschen mit einander gemein haben, und folglich die Vornehmern den Geringern gleich machen, wo nicht noch weiter als Andere [218] von der Tugend entfernen, die allein wahren Adel verleihen kann. Hiervon geben uns, leider! die beklagenswerthe Unwissenheit und Zügellosigkeit, die wir unter nur zu Vielen unserer vornehmen Leute antreffen, die überzeugendsten Beweise. Und was für einer Geburt wollen sie dieses zuschreiben?

§. 7. Wie dem nun auch seyn mag, so ist es, nachdem ich dieses Alles gesagt habe, um eine falsche Eigenschaft herabzuwürdigen, keinesweges meine Absicht, einer andern, die nicht weniger tadelnswerth ist, das Wort zu reden. Man wolle mich nicht so verstehen, als suchte ich die ungebildete Klasse über den vornehmen Stand zu erheben. Davon bin ich weit entfernt; denn das grobe Benehmen roher Menschen würde die Sache nicht verbessern. Mein Zweck ist nur, Allen zu zeigen, worin der wahre Adel bestehet, damit Jeder auf dem Wege der Tugend und des Edelmuthes darnach streben möge. Auch muß ich, nach Allem, dem Edelmanne große Vorzüge einräumen, die seinen Stand wirklich erheben; so wie der Apostel Paulus den Juden, welche, stolz auf ihre Gesetze und äußern Beobachtungen, die Christen beleidigten, nachdem er sie gedemüthiget hatte, in Ansehung ihrer Verfassung und Einrichtung vor allen andern Völkern den Vorzug gab. Ich muß gestehen, die Lage unserer Großen ist der des niedrigern Standes weit vorzuziehen. Denn erstlich haben sie größere Macht, Gutes zu thun, und wenn hierin ihre Herzen mit ihrer Kraft und Fähigkeit übereinstimmen, so dienen sie in jedem Lande dem Volke zum Segen. Zweitens, da die Augen der Menge auf sie gerichtet sind, so ist es ihnen leicht, durch Güte, Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit sich allgemeine Zuneigung und [219] Achtung zu erwerben. Drittens sind ihre Umstände nicht so beschränkt als die der niedrigern Klasse, und sie haben folglich mehr Hülfsmittel, mehr Muße und Gelegenheit, durch Lesen und Umgang ihren Verstand auszubilden und ihre Leidenschaften zu zügeln. Viertens haben sie auch mehr Zeit zu reisen, um das Betragen anderer Nationen zu beobachten, ihre Gesetze, Sitten, Gebräuche und Vortheile kennen zu lernen, und das Nachahmungswerthe derselben in ihr Vaterland zu verpflanzen. Alles dieses macht es den Großen leichter als Andern, sich Achtung und Ehre zu erwerben; und wem es unter ihnen um wahrhaft guten Ruf zu thun ist, dem stehen Mittel und Wege genug zu Gebote, auf die beste Weise dazu zu gelangen. Da es aber, leider! oft der Fall ist, daß die Großen wenig daran denken, für ihren Wohlstand Gott die Ehre zu geben, und für die Wohlthaten, die sie von ihm genießen, durch ein ihm wohlgefälliges Leben sich dankbar zu erweisen, sondern da sie, im Gegentheile, nicht selten wie „ohne Gott in der Welt leben,“ und bloß der Befriedigung ihrer sinnlichen Neigungen nachgehen; so zeigt auch der Allmächtige seine Hand oft dadurch, daß er sie arm macht, oder sie ausrottet, und Andere von mehr Tugend und Demuth zum Besitze ihrer Stellen und Würden erhebt. Doch muß ich auch bemerken, daß es unter den Leuten von hohem Range auch schon oft Einige gegeben hat, die sich durch ungewöhnliche Tugenden auszeichneten, und deren Beispiele wie glänzende Lichter in ihren Familien schienen, so daß ihren Nachkommen ein beständiges Streben, den guten Namen des Hauses den Verdiensten seines Stifters gemäß aufrecht zu erhalten, gewissermaßen natürlich geworden war. Wenn aber, in Wahrheit, irgend [220] ein Vorzug mit einer vornehmen Abkunft verbunden ist, so liegt er in der Erziehung, die der Stand gewährt, und nicht in der Abkunft selbst, deren Aechtheit übrigens auch oft zweifelhaft oder ungewiß ist, wohingegen die Erziehung immer einen mächtigen Einfluß auf die Neigungen und Handlungen des Menschen hat. Hierin zeichneten sich vorzeiten die Adeligen und Vornehmen in unserm Königreiche besonders aus; und es wäre sehr zu wünschen, daß unsere jetzigen Großen es sich möchten angelegen seyn lassen, die Wirthschaftlichkeit, gute Ordnung und tugendhafte Erziehung in ihren Familien wieder herzustellen, die unter ihren würdigen Vorfahren üblich war, als die Adeligen ihrer großen und edeln Thaten wegen geehrt wurden, und Nichts Jemand mehr der Schande und Verachtung aussetzte, als wenn er von adeliger Abkunft war, und keine Tugend besaß, um seinen Adel aufrecht zu erhalten.

§. 8. Doch ich habe noch einen höhern Beweggrund hinzuzufügen. Das herrliche Evangelium Jesu Christi ist ja auch dieser nördlichen Insel verkündigt worden, und da ihre Bewohner aus allen Ständen an dasselbe zu glauben bekennen; so laßt mich euch bitten und bewegen, die Ehre zu suchen und nach der Auszeichnung zu trachten, die durch diese himmlische Gnadenaustheilung Gottes allen wahren Gläubigen widerfährt, die dem Lamme folgen, „welches die Sünden der Welt hinwegnimmt.“[4] Nehmet mit Sanftmuth sein gnädiges Wort in euren Herzen auf, welches die sinnlichen Lüste der Welt überwindet, und die Seele auf den heiligen Pfad leitet, der zur wahren Glückseligkeit führet. Hier giebt es [221] Freuden zu genießen, die noch kein fleischliches Auge gesehen, kein sinnliches Ohr gehört, kein weltlichgesinntes Herz vernommen hat, aber den Demüthigen, die sich in Wahrheit zu Gott bekehren, durch seinen Geist geoffenbaret werden. Bedenket, daß ihr nur Geschöpfe seid; daß ihr sterben müßt, und nach dem Tode in’s Gericht kommt.

§. 9. Persönlicher Stolz beschränkt sich aber nicht allein auf den hohen Werth, den die Menschen auf ihre Abkunft legen; er verleitet auch sowohl die Unadeligen als die Adeligen zu einer übertriebenen Schätzung ihrer Personen, besonders wenn sie auf körperliche Schönheit Anspruch machen können. Es ist zum Bewundern, wenn man siehet, wie sehr Einige von ihrer Person eingenommen sind; als wenn sonst nichts in der Welt ihrer Aufmerksamkeit werth sei, oder die Achtung Anderer verdiene! Doch würde es noch ihre Thorheit vermindern, wenn ihr Herz sich entschließen könnte, nur die Hälfte der Zeit, die sie mit Waschen, Schminken, Parfümiren und Putzanlegen verschwenden, dazu anzuwenden, daß sie an Gott und an ihr Ende dächten. Alle jene Dinge müssen aufs pünktlichste besorgt und aufs künstlichste gemacht werden, und an Ersparung der Kosten ist dabei nicht zu denken. Was daher das Uebel noch vergrößert, ist, daß mit dem, was der Stolz eines Einzelnen verlangt, die Bedürfnisse von zehn andern Menschen befriedigt werden könnten. Ja, ist es nicht grobe und entsetzliche Sünde, daß der Stolz und die Eitelkeit einer Nation mehr verschlingen, als die Unterhaltung aller ihrer Armen kosten würde? Und was haben die Menschen bei allen diesen Thorheiten für einen Zweck? – Um sich bewundern und verehren [222] zu lassen; um Liebe einzuflößen; die Augen der Zuschauer auf sich zu ziehen und ihre Neigungen zu gewinnen. Und bei dem allen sind sie noch dazu so eigen, daß es schwer ist, ihnen zu gefallen. Nichts ist ihnen gut, oder fein oder modig genug. Ach! die Sonne, diese die Erde erquickende Wohlthat des Himmels, darf sie nicht bescheinen; sie möchte ihre Haut verderben! Der Wind muß nicht wehen, er könnte ihren Putz in Unordnung bringen! O! der schändlichen Verzärtelung! – Während sie aber so über alles in der Welt sich selbst schätzen, sind sie doch Sklaven; gefesselt vom Geiste des Stolzes und der Eitelkeit, der sie beherrscht, und den sie durch Bewunderung ihres Wuchses, ihrer Gesichtsbildung und ihrer Haut, verehren und anbeten.

Der Zweck aller solcher künstlichen und kostbaren Bemühungen und Anstrengungen ist nur zu oft kein anderer, als zu gefallen und unerlaubte Liebe zu erwecken, wodurch beide Geschlechter oft in eine eben so traurige als strafbare Lage versetzt werden. Bei unverheiratheten Personen sind immer die Folgen einer solchen Liebe verderblich; denn, wenn sie auch nicht zu unkeuschen Begierden Veranlassung giebt, so legt sie doch nie den Grund zu einer festen und dauerhaften Verbindung, die nur auf gegenseitiger innerer Achtung und Werthschätzung sicher beruhen kann, so wie der Mangel an einer solchen Grundlage die Hauptursache ist, daß es so viele unglückliche Ehen in der Welt giebt. Bei Verehelichten ist ein solches Benehmen noch sündlicher; da beide Theile, dem heiligen Gesetze der Ehe gemäß, nur einander zu gefallen suchen sollten. Und wenn sie darin der üppigen und eitlen Jugend nachahmen, so ist dieses immer ein schlechter [223] Beweis ihrer gegenseitigen Liebe und häuslichen Glückseligkeit. Das eitle Schmücken und Herausputzen ihrer Personen giebt ihnen das Ansehen, als wollten sie auf Eroberungen ausgehen, und wo dieses wirklich der Fall ist, da sind die Folgen davon oft schrecklich; sie brechen in Mißvergnügen und Eifersucht, endlich in Haß aus, und enden gewöhnlich mit Trennungen und Ehescheidungen, ja, nicht selten sogar mit Vergiftungen und andern schändlichen Ermordungen. Kein Zeitalter kann uns von dergleichen traurigen und entsetzlichen Wirkungen des Stolzes und der Eitelkeit deutlichere Begriffe geben, als das gegenwärtige, welches vornehmlich in unserm Königreiche, den nachtheiligen Einfluß eines üppigen und ausschweifenden Lebens auf die Tugend, Ruhe, Mäßigkeit und Gesundheit der Familien aus unzähligen Beispielen erklärt.

§. 10. Noch muß ich nothwendig bemerken, daß unter allen menschlichen Geschöpfen solche Beweise des Stolzes und der Eitelkeit am wenigsten alten und häßlichen Personen anstehen, – wenn ich die Verunstalteten und von der Natur schlecht Ausgestatteten häßlich nennen darf. Denn alte Personen können nur auf das, was sie einst waren, stolz seyn; welches zu ihrer Schande beweiset, daß ihr Stolz ihre Schönheit überlebt hat, und sie sich, statt ihre Thorheit zu bereuen, nur neuen Stoff zur Reue bereiten. Die Häßlichen machen es aber noch schlimmer; sie sind stolz auf Etwas, das sie nie besaßen und auch niemals erlangen können. Ja, es scheint, als wenn ihre Gestalt ihnen zu einer beständigen Demüthigung ihres eitlen Geistes dienen solle; und hierauf stolz seyn, heißt in der That, den Stolz des Stolzes wegen [224] lieben, und sich seiner Herrschaft ergeben, ohne eine Versuchung dazu zu haben. Und dennoch habe ich in meinem ganzen Leben keine Menschen gesehen, die mehr von sich eingenommen gewesen wäre, als gerade diese. Wie ist es doch möglich, daß der Stolz die Menschen so sehr bethören und verblenden könne? Ist denn die Parteilichkeit ihrer Herzen so groß, daß sie mit ihren Augen nicht mehr recht sehen können? – Dieses beweiset in der That, daß die Eigenliebe die Menschen blind macht. Daß sie aber mit ihrer Eitelkeit noch Verschwendung verbinden, und so viele Kosten auf Etwas verwenden, das gar nicht zu ändern ist, zeigt wirklich die höchste Thorheit; besonders wenn man bedenkt, daß ihre Anwendung der Dinge, die für schön gehalten werden, ihre Häßlichkeit nur noch mehr heraushebt und erst recht bemerkbar macht, weil diese ihnen so übel anstehen.

Aber aus der Thorheit solcher Personen können wir deutlich abnehmen, was für ein Wesen der Mensch geworden ist, nachdem er seinen ursprünglichen herrlichen Zustand verloren hat. Und alle diese Uebel kommen, wie Jesus einst von der Sünde sagte, „aus seinem Innern“[5] Sie sind nämlich die Folgen seines Mangels an Aufmerksamkeit auf „das Wort seines Schöpfers in seinem Herzen,“[6] welches ihm seinen Stolz entdeckt, ihn Demuht und Selbstverleugnung lehret, und sein Gemüth auf den wahren Gegenstand seiner Verehrung und Anbetung richtet, indem es dasselbe mit einer feierlichen Achtung und Ehrfurcht erfüllt, die der höchsten Herrschaft und Majestät des Allmächtigen gebühret. O! was ist der arme sterbliche Mensch? – Ein lebender Staub; aus gleichem [225] Staube der Erde gebildet, als er mit seinen Füßen betritt! Kann er doch mit all seinem Stolze sich nicht vor der Zerstörung einer Krankheit sichern, und noch vielweniger den Streich des Todes abwenden! Möchten daher doch die Menschen die Unbeständigkeit alles Sichtbaren, die Trübsale und Widerwärtigkeiten ihres Lebens, und die Gewißheit sowohl ihres Hinscheidens, als auch der Erwartung des ewigen Gerichts in reifliche Betrachtung ziehen, so ließe sich hoffen, daß sie „ihre Werke an das Licht Christi in ihren Herzen bringen würden, damit sie erkenneten, ob sie in Gott gethan wären oder nicht,“[7] wie der Lieblingsjünger, als Worte aus dem Munde seines theuern Meisters, uns sagt. – Bist du nun wohlgestaltet, von angenehmer Gesichtsbildung und schön; ein musterhafter Abdruck der Würde des menschlichen Wesens? O! so bewundere die Macht, die dich so schuf. Führe ein Leben, das der edlen Gestalt und wundervollen Einrichtung deines Körpers entspricht, und[WS 2] laß die Schönheit desselben dich lehren, deine Seele mit Heiligkeit, dem Schmucke der Lieblinge Gottes, zu zieren. Und bist du ungestaltet und häßlich, so preise nichtsdestoweniger die ewige Güte, daß sie dich nicht zu einem unvernünftigen, Wesen erschuf, und laß es dein Bestreben seyn, durch Hülfe der Gnade, die dir verliehen ist, – denn die göttliche Gnade ist Allen erschienen, – deine Seele mit unvergänglicher Schönheit zu schmücken. Bedenke, „daß die Tochter des Königs der Himmel,“ die Kirche Christi deren Mitglieder alle wahre Christen sind, „inwendig ganz herrlich geschmückt ist.“ Und wenn deine Seele sich [226] darin hervorthut, so wird das Mangelhafte deines Körpers ihren Glanz nur um so mehr erheben. Denn in Gottes Augen ist nichts häßlich, als die Sünde; und Alle, welches Geschlechtes und Standes sie auch sind, und wie sie auch gestaltet seyn mögen, „die mit ihrem Herzen reden und nicht sündigen;“[8] die in dem heiligen Lichte Jesu über die Regungen und Neigungen ihrer Herzen wachen und jedes Böse in der Geburt ersticken; die das Joch oder Kreuz Christi lieben, und dadurch täglich der Welt gekreuzigt werden; alle Diese führen ein inneres Leben mit Gott, welches die vergänglichen Lebensgenüsse der Welt an Schönheit und Dauer unendlich übertrifft.

  1. 1. Joh. 2, 16.
  2. Ezech. 18.
  3. Apost. Gesch. 17, 26.
  4. Joh. 1, 29.
  5. Math. 15, 11. 18. 19. 20.
  6. 5. Mos. 30, 14. Röm. 10, 8.
  7. Joh. 3, 20. 21.
  8. Ps. 4, 5.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: genwärtige
  2. Vorlage: nnd
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