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Artikel „Leo, Heinrich“ von Franz Xaver von Wegele in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 288–294, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Leo,_Heinrich_(Historiker)&oldid=- (Version vom 14. November 2019, 20:59 Uhr UTC)
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Leo, Sibrand
Band 18 (1883), S. 288–294 (Quelle).
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Leo: Heinrich L., Geschichtschreiber, geb. am 19. März 1799 zu Rudolstadt. Sein Vater, Garnisonprediger in dieser Stadt, wurde bald nach der Geburt dieses seines Sohnes als Pfarrer nach dem auf dem Plateau über Schloß Schwarzburg liegenden Dorfe Braunsdorf versetzt, wo er bereits sechs Jahre später gestorben ist. Ob das Geschlecht, dem Leo entstammte, wie die Ueberlieferung innerhalb seiner älteren Verwandtschaft wollte und er selbst sich gern gefallen ließ, ursprünglich aus Italien eingewandert war, darf um so mehr dahingestellt bleiben, als für diese Hypothese kein anderes Zeugniß als die lateinische Form des Geschlechtsnamens angeführt werden konnte und die Familie eingestandener Maßen seit Urgroßvaters Zeiten in Deutschland nachweisbar war. Das Heißblütige und Excentrische, das unverkennbar das Naturell unseres L. charakterisirt, wird nicht gerade einer solchen Erklärung bedürfen. Im nächsten Jahre nach dem Tode seines Vaters kehrte L. mit den Seinigen nach Rudolstadt zurück und wurde bald darauf dem Gymnasium daselbst zu seiner weiteren Ausbildung übergeben. Eine unleugbare Frühreife seines Geistes hat sich nächst der Neigung zu allerlei bedenklichen Absonderlichkeiten bei Zeiten in ihm gezeigt. Von seinen Lehrern sind zunächst Fröbel[WS 1] und B. R. Abeken[WS 2] zu nennen, doch hat keiner von beiden nachhaltigen Einfluß auf ihn ausgeübt. Fröbel paßte nach Leo’s eigenem Urtheile trotz seiner Gelehrsamkeit nicht an das Gymnasium und kehrte in das bürgerliche Leben zurück, der Unterricht Abeken’s ist für L. zwar nicht ohne Anregung geblieben, aber dieser sagt in seiner Weise selbst, daß der hochgebildete Mann für ihn und seine derben Schulgenossen viel zu „feinklitig“ gewesen sei, als daß er ihnen hätte ausgiebig nützen können. Erst das Auftreten Göttling’s, der neben dem älteren Hercher in die durch Fröbel’s Rücktritt und Abeken’s Abgang nach Coburg entstandenen Lücken eintrat, führte die maßgebende Wendung in der Entwickelung des ungestüm gährenden Jünglings herbei. Göttling, selbst eine originelle und derbe Natur, aber mitten in der geistigen Strömung der Zeit stehend, erkannte das Bedeutende in Leo’s Wesen und nahm darum an dem Hang zum Absonderlichen und Ueberspannten keinen Anstoß. Er hat in der That für das ganze Leben auf L. eingewirkt. Er führte ihn tiefer in das Studium des Griechischen ein, machte ihn mit der gleichzeitigen wie älteren deutschen Litteratur bekannt und begünstigte seine Neigung zu der eben aufkommenden Turnerei, ohne die damit verbundene und von L. zur Schau getragene Deutschthümelei tragisch zu nehmen. In seinem 18. Jahre, Michaelis 1816 bezog L. die Universität Breslau um Medicin zu studiren. Aber erst auf dem Umwege über Jena, Halle und Berlin gelangte er an seinen neuen Bestimmungsort. In Berlin machte er die Bekanntschaft Jahn’s, der damals in der Blüthe seiner Wirksamkeit stand und die darauf vorbereitete Seele Leo’s mit der ganzen Summe seiner Ideen und Tendenzen erfüllte, ja ihn an der [289] bereits getroffenen Wahl des Berufes irre machte und ihn nachdrücklichst auf das Studium der Philologie und Geschichte hinwies, damit er von dieser Basis aus und als Lehrer an der Erziehung eines neuen Geschlechtes mithelfen könne. In der That ließ L., als er nun wirklich nach Breslau gekommen war, die Absicht, Medicin zu studiren, fallen und beschloß vorerst philologische Studien zu treiben, um so die Lücken seiner Schulbildung auszufüllen und etwa einmal Gymnasiallehrer werden zu können und eine praktische Wirksamkeit zu gewinnen. Nebenher beschäftigte ihn jedoch ein Traum seiner Knabenzeit, nämlich der Gedanke Seemann zu werden, da er voraussetzte, eine Flotte könne dem wiederhergestellten deutschen Volke ja gewiß nicht fehlen. So schwankte er zwischen entgegengesetzten Zielen haltlos hin und her, bis endlich die rechtzeitige Dazwischenkunft Göttling’s eine Entscheidung herbeiführte (Februar 1817). Der betreffende, für seinen Urheber höchst charakteristische Brief ist noch heute und nicht blos Leo’s wegen, lesenswerth. Göttling rieth ihm nachdrücklich von der seemännischen Laufbahn ab, für welche die Zeit noch nicht gekommen sei, und rieth vielmehr zur „historischen Philologie“, „was Schelling einmal die historische Construction des Alterthums nannte“, d. h. wie bereits F. A. Wolf die Aufgabe und den Inhalt der Philologie festgestellt hatte), das Studium der Geschichte des Allgemeinen werde sich dann von selber finden. In der That concentrirte L. von da an seinen Eifer zunächst auf das Studium der Philologie, besuchte das philologische Seminar unter Passow’s Leitung, ohne darum den Freuden des Studentenlebens zu entsagen, das ihn übrigens die längste Zeit in der Gestalt politisch-harmloser, landsmannschaftlicher Verbindungen festhielt, bis endlich auch hier der Gegensatz der alten Corps und der neu aufgekommenen Burschenschaft eindrang, und L., der schon durch seine turnerischen Neigungen und seit seinem erwähnten Besuche in Jena in Beziehungen zu den burschenschaftlichen Kreisen stand, bestimmte, um der drohenden Collision auszuweichen, noch mitten im Sommersemester (1817) Bresiau ganz zu verlassen und nach Jena überzusiedeln. Der Aufenthalt in Jena ist in viel höherem Grade für Leo’s allgemeine als wissenschaftliche Entwickelung wichtig geworden. Er trat nun ohne weiteres in die Burschenschaft ein und zu den angesehensten Mitgliedern derselben, wie K. Follenius, Maßmann, Sand in ein näheres Verhältniß. An dem Wartburgfest hat er mit lebhafter Andacht Theil genommen. Weiterhin scheint er sich der extrem gesinnten Gruppe der Jenaer Burschenschaft noch enger angeschlossen zu haben. Aber die Ermordung Kotzebue’s durch Sand und einige damit zusammenhängende ernüchternde Wahrnehmungen verfehlten nicht in dem von Haus zu Haus zu Sprüngen geneigten jungen Manne eine Umkehr anzubahnen, die ihn allmälig durch die Phantastereien der romantischen Schule und ihre Impulse hindurch auf die entgegengesetzte Seite führte, ohne daß er darum mit den Idealen seiner Jugend geradezu brach. Ostern 1819 verließ er Jena, um nach Göttingen zu gehen. Die Jenaer Epoche hatte ihn wissenschaftlich nicht viel weiter gebracht; Luden z. B. hat gar keine Wirkung auf ihn geübt, die Beziehungen zu Fries waren getheilter Natur; was überhaupt geschah, wie die Beschäftigung mit der altnordischen Sprache und Litteratur war dem Selbststudium zu verdanken. Nach einem längeren inhaltsreichen Besuch in Gießen, Darmstadt und vor allem in Heidelberg ging L. wirklich nach Göttingen mit dem Vorsatz, sich ganz den philologisch-historischen Studien hinzugeben. Das Jahr über, so lange beiläufig hat ihn Göttingen gefesselt, hat er nachhaltigen Fleiß entwickelt und neben historischem Selbststudium philologische, juristische und sogar theologische Vorlesungen bei Hugo, Eichhorn, Dissen, Plank und (dem Theologen) Pott besucht. Die Absicht seines Vormundes mit ihm war, ihn das theologische Examen machen und ihn unter die Candidaten des Predigeramtes [290] aufnehmen zu lassen. In jenen Zeiten und im Staate Rudolstadt nahm man es in diesen Dingen so wenig genau, daß L. in der That es wagen durfte sich zu diesem Experimente herzugeben, das Examen auch wirklich leidlich bestand, ohne aber die Probepredigt jemals zu halten. Seine Neigung zur Geschichte war doch bereits so fest geworden. daß er daran dachte, die akademische Laufbahn zu ergreifen und sich als Docent der Geschichte an einer Universität zu habilitiren. Der Tod Meusel’s in Erlangen veranlaßte einen seiner Freunde ihn zu bestimmen, dahin zu kommen und dort sich als Lehrer der Geschichte zu versuchen. So war denn sein Entschluß auch rasch gefaßt; er eilte zunächst nach Jena, promovirte dort (im Mai 1820) mit einer aus seinem Studium der Byzantiner genommenen Dissertation über „Johannes Grammaticus“, und wendete sich dann über den Thüringer Wald nach Franken, bez. nach Erlangen. Den Sommer 1820 verbrachte er aber theils in Privatstudien, theils im Verkehr mit der Familie seines Freundes Gottlieb von Tucher, theils mit einem längeren Besuche in München, der ihn daselbst anziehend und abstoßend in verschiedene Berührungen auch mit Gelehrten und Künstlern führte. Von da zurückgekehrt, führte er seinen Plan aus und habilitirte sich mit einer bereits im Jahre 1820 (zu Stuttgart) gedruckten Abhandlung über die „Verfassung der freien Lombardischen Städte im Mittelalter“, ein Schriftchen, an sich nicht gerade bedeutend, das aber die Richtung anzeigt, auf welcher das Hauptwerk seines Lebens entstehen sollte. Das kleine und stille Erlangen hat jedoch den im Innern lebhaft arbeitenden Geist Leo’s nicht lange zu fesseln vermocht und er vertauschte es, dabei zugleich seinen allgemeinen Anschauungen und Neigungen folgend, 1822 mit Berlin. Leider verlassen uns noch vor dieser Uebersiedelung seine eigenen Aufzeichnungen und sind wir fernerhin auf nicht immer befriedigende Nachrichten von zweiter und dritter Hand angewiesen. In der Hauptstadt Preußens, dessen Bedeutung für die Zukunft Deutschlands für L. doch bald ein feststehender Glaubenssatz geworden ist, war es zunächst und vor allem Hegel und seine Philosophie, die auf ihn eine gewaltige und nie wieder ganz überwundene Anziehungskraft ausgeübt haben. Die geschichtsphilosophische Anschauung Hegel’s namentlich hat auf seine historische Denkweise nachhaltig eingewirkt. Im übrigen könnte man von L. am wenigsten behaupten, daß er in seiner geistigen Richtung jetzt bereits irgendwie zu einem Abschluß gediehen gewesen sei, und es hat noch eine Reihe von Jahren gedauert, bis er die Stadien durchlaufen hatte, als deren fertiges Produkt er sich in der Vorstellung der Zeitgenossen fixirt hat. Für seine nächste wissenschaftliche Entwickelung und litterarische Thätigkeit war eine längere Reise nach Italien von Wichtigkeit, die er noch im J. 1823 Dank einer Unterstützung der Fürstin Karoline von Schwarzburg-Rudolstadt anzutreten in die Lage gesetzt wurde. Die Beschäftigung mit der italienischen Geschichte, im besonderen mit einer der bedeutsamsten Erscheinungen des mittelalterlichen Lebens Italiens, nämlich der Geschichte der lombardischen Städte, hatte er seit seiner Erstlingsschrift nicht mehr aufgegeben. Der Aufenthalt in Italien selbst führte ihn immer tiefer in dieselbe hinein; so ließ er denn noch im J. 1824 eine bereits umfassendere Schrift über die „Entwickelung der Verfassung der lombardischen Städte“ ausgehen, die über seinen Beruf, in diesen Fragen mitzusprechen, keinen Zweifel übrig ließ. Die Reise nach Italien hatte ihn auch mit J. F. Böhmer in Berührung gebracht, der ihn an den damals in Rom weilenden J. D. Passavant aufs wärmste empfahl. Ebenso hat Böhmer den Freiherrn von Stein für L. zu interessiren versucht und mit dessen Zustimmung diesen beauftragt, zu Gunsten der Monumenta G. H. handschriftliche Nachforschungen zunächst in den Turiner Archiven anzustellen: das betreffende Ergebniß war jedoch nicht erheblicher Art, und die Beziehungen Leo’s zu Böhmer waren, so [291] weit wir sehen können, damit auch bereits abgeschlossen. Eine directe Betheiligung an den Arbeiten der Monumenta hat wol überhaupt nicht seinen Neigungen entsprochen, so nahe für ihn, was zumal die italienischen Geschichtsquellen des Mittelalters anlangt, solches scheinbar hätte liegen sollen. Sein Zug ging vielmehr auf die praktische Wirksamkeit als Lehrer und auf die unmittelbare historische Produktion. In dieser Rücksicht hat er nach seiner Rückkehr aus Italien eine erstaunliche Rührigkeit entfaltet, die eher des Guten oft zu viel that und durch die sich in wachsendem Verhältnisse dabei geltend machende subjektive Stimmung des Verfassers allmälig einen mit der reinen Aufgabe des Geschichtschreibers nicht immer vereinbaren Beigeschmack erhalten hat. In diesen Jahren (1825 bis 1827) entstanden die kleine Schrift über die „Entstehung und Bedeutung der deutschen Herzogswürde nach Karl d. Gr.“ (Berlin 1827) und die „Vorlesungen über die Geschichte des jüdischen Staates“ (Berlin 1828), die in einem noch auffallend freien Geiste gehalten sind und welche er in den kommenden Jahren gerne zurückgenommen hätte. Um diese Zeit war er auch bereits mit der Vorbereitung und Ausführung seines umfassenden Werkes über die „Geschichte der italienischen Staaten“ in Anspruch genommen, das bestimmt war, einen Theil der von Perthes veranlaßten Geschichte der europäischen Staaten zu bilden. Aber noch ehe es so weit kam, war in seiner äußeren Stellung eine empfindliche Veränderung eingetreten, die vielleicht auch für seine weitere allgemeine Entwickelung nicht ohne nachtheilige Einwirkung geblieben ist. Leo’s akademische wie sociale Stellung hatte in Berlin sich in günstigster Weise gestaltet. Ein Ruf an die Universität Dorpat hatte ihm die Beförderung zum außerordentlichen Professor eingetragen. Die schroffe Stellung, die er durch eine äußerst scharfe Kritik der Geschichte der romanischen und germanischen Völker zu seinem Collegen Ranke genommen, hatte ihm dabei nicht im Wege gestanden; erfreute er sich doch, wie erzählt wird, der Gunst des Minister von Altenstein in ausgiebigem Grade. Um so größeres Ansehen in den betreffenden Kreisen machte es, als L. im November 1827 plötzlich Berlin verließ und sich zuerst in seine Vaterstadt und dann nach Jena zurückzog, wohin ihn sein freundschaftliches Verhältniß zu Göttling wies. Die Veranlassung dieses Vorganges war privater und delicater Natur und kann hier nicht weiter besprochen werden; für seine Zukunft jedoch war dieselbe allem Vermuthen nach nicht von der günstigsten Wirkung; die in seinem Innern schlummernden oder ringenden Gegensätze würden vielleicht unter den Umgebungen der Großstadt eher im Gleichgewichte zu einander geblieben sein. Seine so plötzlich preisgegebene äußere Stellung hat sich allerdings in sofern schnell wieder zurecht geschoben, als er bereits im darauffolgenden Jahre eine außerordentliche Professur an der Universität Halle erhielt und im J. 1830 zum ordentlichen Professor der Geschichte daselbst ernannt wurde. In Halle that sich ein weites Feld der Wirksamkeit vor ihm auf und er entfaltete als Lehrer wie als Schriftsteller eine Fruchtbarkeit und eine Arbeitskraft, die, wie man sie auch sonst beurtheilen mag, stets als eine ungewöhnliche anerkannt werden müssen. Seine Persönlichkeit, voll Originalität und oft überschäumender Kraft konnte sich ja in dem kleinen Halle viel eindrucksvoller, wenn auch vielleicht weniger glücklich geltend machen, als das in Berlin je möglich gewesen wäre. Im nahen Umgange mit Männern wie Reißig und Pernice wurde nicht gerade Ascese getrieben. Auf der andern Seite knüpfte er zugleich Beziehungen mit Männern nicht blos wie Tholuck, sondern auch wie Ludwig von Gerlach, der damals in Halle als Beamter lebte, an. Seine Denkweise in den großen Fragen des Staates und der Kirche hatte jetzt bereits jene den Forderungen des zur Herrschaft drängenden Liberalismus abgewendete Gestalt angenommen, die er weiterhin nur noch verschärfen und herausfordernder aussprechen [292] konnte. Die schon in Berlin angeknüpften Beziehungen zu den Männern des „Politischen Wochenblattes“ und der Hengstenbergischen Kirchenzeitung haben durch seine Flucht und Uebersiedelung nach Halle keine Unterbrechung erfahren. Von seinen größeren oder bedeutenden Schriften, die in der Zeit von 1828–1848 erschienen sind, nennen wir an dieser Stelle 1) „Die Geschichte der italienischen Staaten“ (1829–1834), 5 Bde.; 2) „Zwölf Bücher niederländischer Geschichte“ (Halle 1832–1835), 2 Bde.; 3) „Handbuch der Geschichte des Mittelalters“ (Halle 1830) und endlich 4) das „Lehrbuch der Universalgeschichte“ (1835–1844), 6 Bde. Daß ihn daneben die politischen Fragen und Theorien lebhaft beschäftigten, ließ sich freilich bereits aus jenen Werken selbst leicht entnehmen. L. veröffentlichte aber zur besonderen Erhärtung dieser Thatsache im J. 1833 als 1. und einzige Abtheilung eines Werkes über Politik seine „Studien und Skizzen zu einer Naturlehre des Staates“, eine Schrift voll Geist und Originalität, aber barok und mehr zu einer früheren und roheren Zeit passend. Sie setzt sich in Widerspruch mit den Forderungen der Freiheit und Humanität. „Die eine erscheint ihm wie ein Abfall von Gott und der Natur, die andere wie weichliche und lumpige Sentimentalität.“ In seinen erwähnten geschichtlichen Werken drängen sich solche Anschauungen gleichfalls überall hervor und entstellen gar zu häufig auch das in den Grundzügen richtig gezeichnete Bild und erfüllen es mit Verdüsterung. Am längsten wird immer die Geschichte der italienischen Staaten den wissenschaftlichen Namen ihres Urhebers lebendig erhalten; er benutzt zwar seine Vorgänger mit ziemlicher Unbefangenheit, aber beherrscht den Stoff, weiß sich noch leidlich objektiv zu halten und belebt die Masse der Thatsachen mit geistiger Durchdringung; seine Unarten und die Neigung zum Forcirten sind zwar keineswegs unterdrückt, doch werden sie noch sichtlich zurückgehalten. Alles das gilt von den ersten vier Bänden; der fünfte, der die ganze neuere Geschichte Italiens seit dem 16. Jahrhunderte abthut, muß nach einem anderen Maßstabe beurtheilt werden. Es sei daher gleich hier die allgemeine Bemerkung zur Würdigung Leo’s als Historiker gemacht, daß er nämlich sich seine Verdienste überwiegend in den Gebieten der mittelalterlichen Geschichte erworben, weil die unfreie Richtung wie sie noch vor der Julirevolution die Herrschaft über ihn gewann, ihm das Verständniß oder die gerechte Beurtheilung der neueren Zeit allzusehr erschwerte. Ist doch sogar für eine objektive Beurtheilung mittelalterlicher Erscheinungen, wie z. B. des Papstthums und der Hierarchie diese seine Stimmung nicht immer günstig gewesen; leidenschaftlich wie er ist, behandelt er sie mit zu einseitiger Vorliebe. Was man heutzutage exacte Forschung nennt, kann man demnach nicht als einen auszeichnenden Zug der Geschichtschreibung Leo’s hervorheben; so gewiß er das Zeug zur philologischen Behandlungsmeise besaß, wie das seine verschiedenen in das Gebiet der germanischen Philologie fallenden Untersuchungen anerkannter Maßen bezeugen, so wahr bleibt, daß er bei der eigentlich historischen Darstellung diese Anlage in fortschreitendem Grade durch seine Voreingenommenheiten und subjekive Behandlungsweise zurückgedrängt und geschädigt hat. Seine „Zwölf Bücher niederländischer Geschichte“, die in zwei starken Bänden in den Jahren 1832–1835 erschienen, sind zwar aus einem rein wissenschaftlichen Antriebe hervorgegangen, – sie reichen in voller Ausführlichkeit bis zum Tode Philipps II., das übrige bis 1830 ist ein eitler Schattenriß – aber sie tragen doch schon mehr den Charakter der Reproduktivität als der ursprünglichen selbstständigen Forschung, und in der Darstellung der Zeit Philipps II. hält sich der Verfasser wie von nun an so oft nicht frei von der Neigung den Anwalt des Teufels zu spielen. So ist es ihm in seinem großen Lehrbuch der Universalgeschichte (1835–1844), 6 Bde., nicht möglich geworden, zur Geschichte der [293] französischen Revolution, ja nicht einmal der Reformation den sachgemäßen correkten Standpunkt zu finden. Seine Befangenheit und Leidenschaftlichkeit und die kraftgeniale Art zu urtheilen und sein Urtheil auszudrücken, treten ihm überall in den Weg. Der äußere Erfolg, der gerade diesem langathmigen Werke geworden ist, vermag an diesem Spruche nichts zu ändern; er muß zum guten Theile nicht auf die Vorzüge, sondern auf die Fehler desselben zurückgeführt werden. Von katholischer, bez. ultramontaner Seite hat man nicht umsonst bei Zeiten Leo’s Persönlichkeit mit verdächtiger Aufmerksamkeit verfolgt. Schon vor dem J. 1840 war er auch als Publicist aufgetreten und hat sich mit den Römlingen wie den Lichtfreunden und den Junghegelianern herumgeschlagen. Er hat nach dem berüchtigten Kölner Handel, der von Rom und den rheinländischen Ultramontanen in bekannter feindseliger Absicht provocirt worden war, dem Hauptführer dieser Partei, der seit 1826 in München ein Asyl gefunden hatte und von da aus die Intriguen seines undeutschen Fanatismus über Deutschland spann, den Handschuh hingeworfen. Das hat jedoch gleichwol nicht gehindert, daß er namentlich seit der Bewegung des J. 1848 von dieser Seite trotz seiner Protestationen fortgesetzt als hoffnungsreicher Gesinnungsverwandter, und von anderer Seite mit wachsendem Mißtrauen betrachtet wurde. Gewiß ist, daß er seit dem erwähnten Zeitpunkte in immer schärferen Gegensatz zu der herrschenden Zeitrichtung sich treiben ließ, wie das seine durch Keckheit und originellen, oft burschikosen Ton und bitteren Humor berühmt gewordenen Artikel in dem Halle’schen „Volksblatt für Stadt und Land“ und in der „Kreuzzeitung“ bezeugen, welchen bereits im J. 1847 wie ein Programm die „Signatura temporis“ vorhergegangen war. König Friedrich Wilhelm IV., der an L. Gefallen fand, hat ihn zum Mitglied des Herrenhauses gemacht, aber zu einer einflußreichen Stellung hat er es hier nicht gebracht; diese Art parlamentarischer Thätigkeit scheint überhaupt nicht nach seinem Geschmack gewesen zu sein. An der Bewegung und den Zerwürfnissen, die seit 1850 die preußische Landeskirche in Athem hielten, hat er sich lebhaft betheiligt und hat gewissen Unionsbestrebungen gegenüber, deren Lockung er sich nicht ganz zu entziehen vermochte, wiederholt Veranlassung genommen, seinen unerschüttert gebliebenen protestantischen Standpunkt zu constatiren. Wenn man jedoch alle den concurrirenden Momenten auf den Grund sieht, kommt man bei aller Unbefangenheit zu keinem anderen Ergebnisse, als daß er sich in der Bekenntnißfrage, in der ihm wenigstens alle anderen zusammentrafen – nicht völlig klar war und daß ein Zwiespalt durch seine Seele ging, den er freilich niemals zugestehen wollte. Die ultramontane Partei hat in der That niemals die Hoffnung aufgegeben, ihn noch ganz zu den ihrigen zu zählen – man braucht zu diesem Zwecke bloß die Jahrgänge der Hist. polit. Blätter seit 1850 ungefähr näher anzusehen – und ohne Zweifel hatte sie bei dieser Berechnung die Logik mehr auf ihrer Seite, als er, indem er widersprach. Was ihn in Wirklichkeit vielleicht nachhaltiger von der römischen Kirche zurückhielt als seine Abneigung sich „einer so durch Hochmuth bornirten Gemeinschaft anzuschließen“, war sein ächt und untadelhaft lauterer preußischer Patriotismus, der unzerstörbar in seiner dämonischen meist sturmbewegten Seele lebte. Er hätte verblendeter sein müssen als er so häufig war, wenn er sich über die prinzipiell feindselige Stimmung hätte täuschen können, die dem preußischen Staate wie von Anfang an so bis zur Stunde von Rom her entgegengebracht wurde und wird. Von seinen litterarischen Leistungen (der Jahre 1850–1870) sind seine „Vorlesungen über die Geschichte des deutschen Reichs“ in 5 Bänden anzuführen; sie sind in eminentem Grade reproductiver Art und können als ein Fortschritt in der Behandlung der deutschen Geschichte nicht anerkannt werden. Der Gedanke z. B., das deutsche Volk und [294] Reich im wesentlichen als ein Werk des Bonifacius hinzustellen, war weder neu noch zutreffend. Der 4. und 5. Band enthält eine Beschreibung der einzelnen Territorien des deutschen Reichs seit dem 15. Jahrhundert, eine an sich recht dankbare Zusammenstellung, die aber an dem kaum vermeidlichen Fehler leidet, daß sie ausschließlich auf fremden Schultern ruht und zahlreiche Irrthümer seiner zahlreichen Vorarbeiter wiederholt. Immerhin bezeugt dieses Werk in Verbindung mit seiner gleichzeitigen publicistischen Thätigkeit eine Arbeitskraft, deren Seltenheit man anerkennen muß, wenn man auch nicht vergißt, daß sie zum guten Theil mehr nur receptiver Natur war. Die in das Gebiet der Sprachwissenschaft fallenden Schriften Leo’s haben wir bereits berührt; es hat ihnen an Anerkennung nicht gefehlt und, ohne in diesen Dingen ein Vorurtheil haben zu wollen, darf wol an die Meinung berufener Beurtheiler erinnert werden, wonach so manche dieser seiner Untersuchungen in ihren Anregungen oder Ergebnissen auf Bestand zu rechnen hat, obwol ihr Urheber auch auf diesem Boden sich von Schrullen und Launen nicht frei zu halten vermochte. Es liegt auf der Hand, eine solche ein halbes Jahrhundert ausfüllende, in Anspannung und Ueberspannung aller Kräfte sich bewegende Thätigkeit konnte nicht verfehlen, eine noch so stark ausgestattete Natur aufzureiben. Die innere Entwickelung der Dinge im preußischen Staate war überdies nicht ganz nach seinem Sinne; vor allem war er mit der Haltung der conservativen Partei unzufrieden und wollte sie als solche gar nicht mehr gelten lassen. Dazu kam das peinigende Gefühl, daß er an dem Unvermeidlichen doch nichts ändern könne. So wolle er, meinte er, sich wenigstens seinen Humor dadurch nicht verderben lassen. Indessen half ihm diese Art von Resignation nichts: das schlimmste war ihm aufgespart, nämlich ein langsames Dahinsterben in allmäliger Umnachtung seines Geistes, wie es solchen aufgeregten und dadurch überreizten Naturen am ehesten beschieden ist. Im Jahre 1868 hatte dies Leiden sich angemeldet und war dann fortgeschritten, bis ihn endlich am 24. April 1878 ein willkommener Tod erlöste.

Vgl. Heinrich Leo, meine Jugendzeit, Gotha 1880. – Gust. Lothholz, Zur Würdigung H. Leo’s (Feuilleton der Magdeb. Zeitung 1878, Nr. 507). – Jul. Schmidt, Geschichte d. d. Lit. seit Lessing’s Tod. 4. Aufl. 3. Bd. S. 443 ff. – Bluntschli, Gesch. der neueren Staaatswissenschaft, 3. Aufl. S. 668 ff. – Roscher, Gesch. der Nat.-Oekonomik in Deutschland, S. 229. 1874. – Janssen, J. Böhmer’s Leben und Briefe u. s. f., 2. Bd.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Karl Poppo Fröbel (1786–1824), von 1807 bis 1815 Professor am Gymnasium in Rudolstadt, kaufte die Hofbuchdruckerei in Rudolstadt und wirkte als Schriftsteller. Verheiratet mit Johanne Sophie Dorothea Scheibe (1788–1829), Tochter des Fürstlichen Hofintendanten Scheibe in Rudolstadt.
  2. Vorlage: B. A. Abeken.