RE:Euandros 1

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Band VI,1 (1907), Sp. 839–842
Linkvorlage für WP   
* {{RE|VI,1|839|842|Euandros 1|[[REAutor]]|RE:Euandros 1}}        

Euandros (Εὔανδρος, Euander, Fick-Bechtel Griech. Pers.-Nam.² 380).

1) Ein Gott oder Daimon aus dem Kreise des Pan, in Arkadien verehrt. Der Name ist gleichbedeutend mit dem des Faunus, mit dem er in engste Beziehung tritt. E. in Rom ist [840] nichts anderes als Faunus selbst, Schwegler Röm. Gesch. I 354. Loeschcke Athen. Mitt. XIX 1894, 520f. Wie Pan ist E. Sohn des Hermes. Seine Mutter ist eine Nymphe, die Tochter des Flußgottes Ladon (Paus. VIII 43, 2, vgl. Strab. V 230), die Themis genannt wird (Dion. Hal. I 31. 40. II 1. Plut. qu. Rom. 56). Auf italischem Boden wird Carmenta-Carmentis, eine alteinheimische Gottheit, mit Themis identifiziert und gilt als Mutter des E., Eratosth. b. Schol Plat. Phaedr. 244 B. Verg. Aen. VIII 335f. u. ö. Ovid. fast. I 499. V 83f. Liv. I 7. Dion. Hal. I 31. Sil. Ital. VII 18. XIII 816. Plut. a. O. Hyg. fab. 277; s. o. Bd. III S. 1594f. E. tötet seine Mutter Carmenta, wie sie 110 Jahre alt ist, Serv. Aen. VIII 51. E. Gatte der Carmenta, Plut. Rom. 21. Ein andrer Name der Carmenta soll Tiburs gewesen sein, Serv. Aen. VIII 336. Beziehungen zu Argos scheint der Name Nikostrate zu verraten, die der Themis-Carmenta gleichgesetzt wird, Plut. qu. Rom. 56; Rom. 21. Strab. V 230. Serv. Aen. VIII 51 (deren Vater Hermes, ebd. 130). Nach andern ist Vater des E. Echemos aus Tegea, Mutter die Tyndareostochter Timandra, Hesiod. frg. 109. 112 K. Serv. Aen. VIII 130. Endlich erscheint Pallas als Großvater des E., Verg. Aen. VIII 54 und Serv., der ihn zu einem Sohne des Atheners Aigeus macht, vgl. Nr. 3. E. ist mit den Atriden einer- und den troischen Königen andrerseits verknüpft, Serv. Aen. VIII 130. Mit den Atriden: a) Timandra ist die Schwester der Tyndareostöchter Klytaimestra und Helena; b) durch Zurückführung auf Atlas: Arkader und E.-Hermes-Maia-Atlas, und Atreus-Hippodameia-Oinomaos-Atlas; c) in ähnlicher Weise: E.-Nikostrate-Hermes-Maia-Atlas, und Atreus-Pelops-Atlas; d) mit Troia wieder durch den Ahnherrn Atlas: Erichthonios-Dardanos-Elektra-Atlas, und E.-Hermes-Maia-Atlas. Als Tochter wird Launa genannt, die von Herakles Mutter des Pallas wird, Dion. Hal. I 32. 43. Eine ungenannte Tochter gebiert von Herakles den Fabius, Sil. Ital. VI 634. Daneben eine Tochter Pallantia. Varro b. Serv. Aen. VIII 51, und eine Tochter Roma, Serv. Aen. I 273. Pallas Sohn des E., Verg. Aen. VIII 104. 121. XI 152 u. ö. Serv. Aen. VIII 51. Ovid. fast. I 521. Prop. II 1, 91. Schol. u. Eustath. Dion. Per. 347. Heinze Vergils epische Technik 174.

E. ist im südlichen und östlichen Arkadien lokalisiert. Im Süden in Pallantion, wo sich ein Tempel mit Bildern des Pallas und des E. befand (Paus. VIII 43, 2. 44. 5. Dion. Hal. I 31. II 1. Verg. Aen. VIII 51f. Liv. I 5. Iustin. XLIII 11, Tegea (Verg. Aen. VIII 459 und Serv. zu 130. Ovid. fast. I 545. vgl. o. über Echemos), Parrhasion (Verg. Aen. VIII 344. XI 31. Ovid. fast. I 478. Sil. Ital. XII 710l, Εὐάνδρου λόφος; an der Grenze von Messenien (Plut. Philop. IS). Im Norden werden erwähnt Pheneos (Verg Aen. VΙΙI 165; Pheneaten als Besiedler Roms, Dion. Hal. I 60), Nonakris (Ovid. fast. V 97), Kyllene (Dion. Per. 347 u. Eustath.). Immerwahr Arkad. Kulte 91. 117. 119. E. führte die Troer, die nach Arkadien gekommen waren, unter die Mauern von Pheneos und wurde von ihnen reich beschenkt, Verg. Aen. VIII 157f. Immerwahr a. O. Auf [841] Beziehungen zu Argos weisen mehrere Momente: Nikostrate, Tiburs als Eponyme von Tibur (s. o.), Catillus, der Gründer von Tibur, der bei Cato {orig. frg. 56 Peter = Solin. II 8) Kommandant der Flotte des E. und Arkader heißt, in der sonstigen Überlieferung aber Argiver ist, argivische Begleiter des E.: Verg. Aen. X 779, E. tötet seinen Gast Argos: Verg. Aen. VIII 345f. u. Serv. Als Grund der Auswanderung wird Feindschaft mit den Argeiern angegeben, Plut. qu. Rom. 32. Oder E. heißt einfach vertrieben (Verg. Aen. VIII 333), der Zorn der Gottheit verfolgt ihn (Ovid. fast. I 477f.), ein Aufstand ist die Ursache (Dion. Hal. I 31), eine Hungersnot (Eustath. Dion. Per. a. O.). Oder E. hat seinen Vater getötet, Serv. Aen. VIII 51. Die Auswanderung erfolgt auf Betreiben der Carmentis, unter dem Archon Agamedes, Eustath. u. Schol. Dion. Per. a. O., vgl. Paus. VIII 4, 8; oben Bd. I S. 720. Agamedes vielleicht Beiname des arkadischen Zeus, die Arkader in Italien verehren den Zeus, Verg. Aen. VIII 352f. Eine Flotte des E. wird erwähnt von Cato a. O. Ovid. fast. IV 65, zwei Schiffe von Dion. Hal. I 31. E. mit seinen Leuten kommt 60 Jahre vor dem troischen Kriege nach Italien (Dion. Hal. I 31). Frühere Besiedelungen werden erwähnt von Verg. Aen. VIII 319f. Dion. Hal. I 60. II 1. Dion. Per. a. O. Auf den Rat der Carmentis landet E. am linken Tiberufer und wird von Faunus, dem König der Aboriginer, freundlich empfangen. Den Hügel, auf dem er sich ansiedelt, nennt er nach seiner Vaterstadt oder nach seinem Großvater oder Enkel oder Sohne Pallantium, woraus dann Palatium wurde. Fab. Pict. frg. 1 ( = Dion. Hal. I 79, vgl. 31 f. 89). Varro b. Serv. Aen. VIII 51. Verg. Aen. VIII 335. Ovid. fast. I 499f. Liv. I 5. Iustin. XLIII 1. Sil. Ital. XII 709. Sen. dial. XII 7, 6. Paus. VIII 43, 2. Schol. Dion. Per. a. O. Stat. silv. IV 1, 7 (Euandrius collis) Claud. XXVIII 11 (mons Euandrius). Nach anderer Überlieferung hat E. mit Erulus, dem Könige von Praeneste, zu kämpfen, Verg. Aen. VIII 560 u. Serv. Faunus wurde von E. zuerst Gott genannt (Cincius und Cassius bei Serv. Georg. I 10), E. bringt dem Pan Lykaios-Faunus Opfer und richtet ihm das Fest der Lykaia-Lupercalia ein, Eratosth. a. O. Verg. Aen. VIII 343f. u. Serv. zu v. 282. Ovid. fast. II 267f. V 99f. Liv. I 5. Iustin. a. O. Dion. Hal. I 32. 80. Plut. Rom. 21. Schol. u. Eustath. Dion. Per. a. O. Außer dem Kulte des Pan sollen die Arkader nach Rom gebracht haben den der Carmentis, der Nike, der Demeter, des Poseidon Hippios (Fest Hippokrateia = Consualia). Dion. Hal. I 32f., und des Hermes, Ovid. fast. V 100. Opfer an E. auf dem Aventin, Dion. Hal. I 32. Der Platz Ovilia in Rom nach der Herde des E. genannt, Schol. Luc. II 197, vgl. Verg. Aen. VIII 361. Auf dem Rückweg vom Abenteuer mit Geryones kommt Herakles nach Rom, wo er den Cacus bezwingt. Dem E. hat die Mutter geweissagt, daß der Held die Unsterblichkeit erlangen werde. E. nimmt den Alkiden gastlich auf, erweist ihm als erster göttliche Ehren, errichtet ihm einen Altar, die spätere Ara maxima, und opfert ihm ein Rind. Den Potitii und Pinarii liegt von da ab die Sorge für das Opfer ob, Verg. Aen, VIII 268f. Serv. Aen. III 407. Ovid. fast. [842] I 543f. Liv. I 7. Dion. Hal. I 40. 42. Strab. a. O. Plut. qu. Rom. 90. Tac. ann. XV 41. Iuven. XI 61. Bücheler Carm. epigr. 228. Eustath. u. Schol. Dion. Per. a. O. Bewirtung des Herakles bei E., römisches Medaillon, Fröhner Les méd. de l’emp. rom. 58. Aeneas und den Troern begegnet E. freundlich, nimmt sie auf und verbindet sich mit ihnen gegen die Latiner. Vergil hat dieser Verbindung zuliebe den Pallas aus einem Enkel zum Sohne des E. gemacht. Pallas ist der eigentliche Bundesgenosse der Troer, E. charakterisiert sich als der kluge, vielerfahrene Greis, eine Art Nestor, Verg. Aen. VIII 102ff, Heinze a. O. 262. 408.

Herakles soll den E. und die Arkader die Buchstaben gelehrt haben, Iuba frg. 13 – Plut. qu. Rom. 59. Andrerseits gilt E. selbst als Übermittler der Schrift oder einzelner Buchstaben, Dion. Hal. I 33. Liv. I 7. Tac. ann. XI 14. Hyg. fab. 277. E. und die Arkader bringen Lyra, Triangel und Flöte, sie geben Gesetze, lehren allerlei Künste, bahnen bessere Gesittung an, Dion. Hal. I 33. E. als Erfinder von Beinschiene und Schild, Apostol. III 60 c (Paroemiogr. Gr. II 301 Leutsch). Euandri catillus im Sinne von ,Rarität‘, Hor. sat. I 3, 90.

Mindestens seit dem 3. Jhdt. (Fab. Pict.) gilt E. als Gründer Roms. Die ganze Überlieferung als Produkt gelehrter Spielerei zu taxieren, ist wohl zu weit gegangen. Arkadische Siedler an der Küste Latiums gehören immerhin in den Bereich der Möglichkeit, Gruppe Griech. Myth. 196. 202f. 459. 731.