Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
fertig  
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Mythischer König von Athen, Sohn des Pandion, der über Attika herrschte
Band I,1 (1893) S. 952 (IA)–955 (IA)
Aigeus in der Wikipedia
GND: 1050403363
Aigeus in Wikidata
Bildergalerie im Original
Register I,1 Alle Register
Linkvorlage für WP   
* {{RE|I,1|952|955|Aigeus 1|[[REAutor]]|RE:Aigeus 1}}        

Aigeus (Αἰγεύς). 1) Mythischer König von Athen. Die mit ihm verknüpften Sagen erzählen im Zusammenhang Apollod. III 15, 4ff. Ovid. met. VII 402ff. Schol. Il. XI 741. Hyg. fab. 26. 37. 43. Diod. IV 55f. 60f. Plut. Thes. 3ff.

Er galt als Sohn des Pandion, der über ganz Attika herrschte (Apollod. Harpokr. s. Αἰγεῖδαι. Steph. Byz. s. Αἰγηίς. Schol. Eur. Hipp. 24), oder des Skyrios (Apollod. Tzetz. Lyk. 494, vgl. Plut. Thes. 12) oder des Aigikores (Maass Gött. Gel. Anz. 1889, 806) oder des Phemios (Lykophr. 494. Tzetz. Lykophr. 1324); seine Mutter heisst Pylia, Tochter des Königs Pylas von Megara (Apollod.), oder Peleia (Tzetz. Chil. V 676); seine Brüder sind Nisos, Lykos, Pallas.

Pandion, von den Metioniden vertrieben, herrscht nach dem Tode des Pylas in Megara; von dort aus ziehen seine Söhne nach Attika und vertreiben die Metioniden; Teilung des Reiches entweder durch Pandion selbst (Soph. fr. 872. Strab. IX 392) oder nach seinem Tode (Apollod. Paus. I 5, 4). Die Art der Teilung wird verschieden angegeben (Preller Gr. M. II³ 156. A. Brückner Athen. Mitt. XVI 200ff.). A. erhält Athen; er vertreibt den Lykos (auch die nach Arkadien flüchtenden Καφυεῖς, Paus. VIII [953] 23, 3) und wird von den 50 Söhnen des Pallas bedrängt. Er selbst bleibt kinderlos (Tzetz. Chil. V 676ff. lässt ihn von der Autochthe Töchter haben, beschränkt also die Kinderlosigkeit auf den Mangel an Söhnen; Vater des Megareus ist er nach Steph. Byz. s. Μέγαρα), obgleich mehrfach vermählt (die Liste seiner Frauen bei Apollod. Ath. XIII 556 F. Schol. Eur. Med. 673. Tzetz. Lyk. 494), zuerst mit Meta (Melite, Schol. Eur.), der Tochter des Hoples, darauf mit Chalkiope, der Tochter des Rhexenor (Chalkodon, Istros bei Athen. und Schol. Eur.); darauf φίλαις συνῆν πολλαῖς χωρὶς γάμων (nur Athen.; nach Tzetz. gab es auch eine Tradition, die Chalkiope oder die Perseustochter Autochthe als einzige Frau nannte). Seine Kinderlosigkeit schreibt er dem Zorne der Aphrodite Urania zu und gründet deshalb ihr Heiligtum (Paus. I 14, 7; vgl. v. Wilamowitz Kydathen 135. 157f.); er befragt das delphische Orakel (Eur. Med. 667ff.) und berührt auf der Rückkehr Troizen, um sich von dem weisen Pittheus den Sinn des Orakels erklären zu lassen (Schol. Eur. Hipp. 11). Dieser weiss ihn durch List seiner Tochter Aithra (s. d.) zuzuführen, der noch in derselben Nacht auch Poseidon in Liebe naht. Beim Scheiden legt A. Schwert und Schuhe unter einen Felsblock und trägt Aithra auf, den Sohn, welchen sie unter dem Herzen trägt, sobald er herangewachsen, zu der Stelle zu führen; könne er den Stein heben, so solle sie ihn mit den darunter liegenden Erkennungszeichen nach Athen senden. Bei der Rückkehr nach Athen gründet A. das Delphinion (Bekk. Anecd. I 255. Poll. VIII 119) in der Nähe seines Hauses (Plut. Thes. 12; vgl. v. Wilamowitz Kydathen 139ff. Maass Ind. lect. Gryph. 1891/92 p. XVI). Inzwischen hatte Androgeos, der Sohn des Kreterkönigs Minos, Genosse und Freund der Pallantiden (Diod. IV 60, 4), in den Spielen gesiegt. Dadurch hatte er den Hass der Mitkämpfer erregt und wurde von ihnen auf der Fahrt nach Theben zu den Leichenspielen des Laïos getötet (Apollod.); mehr im Zusammenhang der Sage steht die andere Version, die dem misstrauischen A. die Schuld am Tode des Androgeos giebt. Entweder lässt er ihn in Hinterhalt bei Oinoe aus dem Wege räumen (Diod. Plut.), oder schickt ihn gegen den marathonischen Stier, der ihn tötet (Apollod. Paus. I 27, 10). Minos zieht zur Rache heran, erobert Megara, und der in Attika eintretende Misswachs zwingt die Athener, der Forderung des Orakels nachzugeben und sich den Bedingungen des Minos zu unterwerfen: alle neun Jahre sollen sieben Knaben und sieben Mädchen nach Kreta geschickt werden, zum Frass für den Minotauros (s. d.). Androgeos wird im Kerameikos bestattet und erhält dort einen Kult (Hesych. s. ἐπ’ Εὐρυγύῃ). Hierauf kommt die nach Ermordung ihrer Kinder aus Korinth entflohene Medeia (s. d.) nach Athen und wird von A. gastfrei aufgenommen (Eur. Med. 1384f. Apollod. I 9, 28, 4. Paus. II 3, 8); auf Anklage des Hippotes, Sohnes des Kreon, wird über sie Gericht gehalten, sie wird freigesprochen (Diodor); A. nimmt sie zur Gemahlin und zeugt mit ihr den Medos (Apollod. I 9, 28, 4. Paus. II 3, 8).

Mittlerweile ist Theseus (s. d.), der Sohn der [954] Aithra, herangewachsen, hat Schwert und Schuhe des A. gewonnen und ist nach mancherlei Abenteuern nach Athen gelangt. Medeia weiss den A. gegen ihn einzunehmen, so dass er dem fremden Ankömmling Verderben sinnt; er sendet ihn gegen den marathonischen Stier (Apollod. fragm. Sabbait. Rh. Mus. XLVI 182ff., vgl. Epit. Vatic. ed. Wagner. Mythogr. Vat. I 48), und als dieser besiegt wird, sucht er Theseus durch Gift aus dem Wege zu räumen; die rechtzeitige Wahrnehmung der Erkennungszeichen rettet den Theseus; herbeigeführt wird sie dadurch, dass Theseus das Schwert zieht zum Mahle (Plut. Thes. 12; Ovid. met. VII 422 wohl auch so gemeint), oder dass er es dem A. als Gastgeschenk bietet (Apollod. Fr. Sabb. = Epit. Vat.). Dass die letztere Version dem Αἰγεύς des Euripides gehört, ist von R. Wagner (Epit. Vat. p. 124) erwiesen (über den A. des Euripides, vgl. im allgemeinen M. Mayer De Eur. mythop. Berol. 1883, 59ff.; der Inhalt des gleichnamigen Sophokleischen Stückes ist unbekannt; ebenso das Argument der Komödie des Philyllios). Es folgt die Verbannung der Medeia (aus anderen Gründen bei Hyg. fab. 26; sie geht freiwillig Ovid. met. VII 424. Iust. II 6).

Die Pallantiden rücken gegen Athen an, Theseus vernichtet sie; zum dritten Male soll der Tribut nach Kreta abgehen (Minos holt ihn selbst bei Diodor). Theseus geht freiwillig mit, und A. giebt ausser dem für diesen traurigen Zug üblichen schwarzen Trauersegel noch ein weisses mit (ein rotes nach Simonides fr. 54), um die siegreiche Rückkehr schon von fern zu verkünden; dies wird bei der glücklichen Rückkehr vergessen, und A., der das schwarze Segel nahen sieht, tötet sich aus Verzweiflung. Über den Tod verschiedene Versionen: nach der einen sitzt A. auf einer Warte (etwa Munichia oder der sog. Akte) und stürzt sich ins Meer, das davon den Namen aegaeisches erhält (Serv. Aen. III 74. Hyg. fab. 43. Suid. s. Αἰγαῖον πέλαγος); nach der anderen stürzt er sich von der Akropolis (Diod. IV 61, 7. Apollod. Epit. Vat. I 10. Schol. Ap. Rhod. I 831), natürlich nicht ins Meer, wie der letztere richtig bemerkt. Die Athener verehren A. als Heros im Αἰγεῖον (Harpokr. s. Αἰγεῖον. Paus. I 22, 5), benennen ein Stadtthor nach ihm (Plut. Thes. 12) und die Phyle Αἰγηίς (Paus. I 5, 2).

Darstellungen. Statuarisch: unter den Eponymen in Athen (Paus. I 5, 2), in der delphischen Gruppe des Pheidias (Paus. X 10, 1); auf rf. Vasenbildern: Orakel der Themis, Berlin 2538 (Wiener Vorl. Bl. A 11, 2), ähnlich Louvre C 91 (unpubl.), bei der Erichthoniosgeburt, Berlin 2537 (Mon. d. Inst. X 39. Wiener Vorl. Bl. B 12), bei Theseus Stierkampf (Gerhard Auserl. Vasenb. III 162. Vasi Caputi Tf. VII), bei Theseus Auszug auf der Kodrosschale (Wiener Vorl. Bl. I 4: dabei Medeia und Aithra) und der rf. Amph. Brit. Mus. 809 (Wiener Vorl. Bl. 1890/91 Tf. VIII 1 b: dabei Aithra und Poseidon); die Erkennungsscene auf einem vielfach wiederholten Terracottarelief (Liste bei Heydemann Anal. Thesea, Diss. Berol. 1865 p. 13; Replik in Marmor, Helbig Bull. d. Inst. 1867, 199); Abschied von Aithra, Gemme (Arch. Ztg. XI 378*. Bull. d. Inst. 1853, 150), pomp. [955] Wandgem. (Bull. d. Inst. 1841, 123); Abschied von Theseus, Sarkophag (abg. Arch. Ztg. XLII 273).