Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 11071109
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Aithra. 1) Tochter des Pittheus, Königs von Troizen, wird von Bellerophon vergeblich gefreit (Paus. II 31, 9); danach führt sie Pittheus durch List dem Aigeus (s. d.) zu, in derselben Nacht naht ihr auch Poseidon (Apollod. III 15, 7, 1. Hyg. fab. 37; nach letzterem geschieht dies in einem Athenaheiligtum). Eine andere Version, die von Aigeus nichts zu wissen scheint, lässt A. auf einen von Athena gesandten Traum nach der Insel Sphairia bei Troizen gehen, um am Grabe des Sphairos (s. d.) Totenopfer darzubringen. Dort wird sie von Poseidon bewältigt und gründet an der Stelle ein Heiligtum der Athena Apaturia, wo in der Folgezeit die troizenischen Jungfrauen vor der Hochzeit ihren Gürtel weihten (Paus. II 33, 1). Vor dem Scheiden legt Aigeus Schwert und Sandalen unter einen Stein, als Erkennungszeichen für den erwarteten Sohn (s. Aigeus). A. gebiert den Theseus am See von Kelenderis bei Troizen (Paus. II 32, 9). Theseus, der bald Sohn des Aigeus, bald des Poseidon heisst (s. Aigeus), wird in Troizen erzogen, gewinnt des Vaters Waffen und zieht nach Athen. Späterhin wird A. in Attika lebend gedacht (Eur. Hik. 1ff., vgl. die Kodrosschale, s. u.); ihr vertraut Theseus die geraubte Helena zur Obhut in Aphidna an, als er mit Peirithoos zum Hades fährt. Die Dioskuren kommen in seiner Abwesenheit, gewinnen die Schwester zurück und rauben A., Alkman fr. 13. Pind. fr. 258. Stesich. fr. 27. Hellanikos Schol. Il. III 144. Apollod. III 10, 7, 4; Epit. Vat. VI 2. Hyg. fab. 79. 92. Diod. IV 63, 5. Dio Chrys. [1108] XI 325 R. (als lakonische Tradition). Lykophr. 501ff. Tzetz. Lyk. 503. Anecd. Ox. III 377; vgl. über diese Sage Wentzel Epithalam. für W. und H. Passow, Gött. 1890 p. XXf. XXIII. LVIII. Mit A. wird auch Klymene gefangen, wohl identisch mit der bei Hygin genannten Phisadie (v. Wilamowitz Homer. Unters. 222). Aphidnos (Phidnos Schol. Il. III 242), der sie schützen soll (Hellan. b. Plut. Thes. 31), verwundet den Kastor (Schol. Il. III 242; nach anderer Version ist er Freund der Dioskuren und führt sie in die Mysterien ein, Plut. Thes. 33). Der Aufenthalt der Helene verraten durch Dekelos und Titakos (Herod. IX 73), oder Echemos und Marathos (Dikaiarch b. Plut. Thes. 32), oder Akademos (Hellan. ebenda). Damals auch die Theseiden vertrieben (Ael. v. h. IV 5, 8). Die spätere Sage, die nur Athen als Residenz des Theseus kennt, verlegte den Vorgang dorthin; beides vereinigt Diod. IV 63, 2. Eine andere Version lässt A. von den Dioskuren in Troizen geraubt werden (Schol. Apoll. Rh. I 101). Nach der megarischen Tradition (Paus. I 41, 3) war Theseus anwesend und verwundete Alykos, den Sohn des Skiron (Plut. Thes. 32). A. wird nun als Sklavin nach Sparta geführt, und folgt später der Helene nach Troia, wo sie neben Klymene als Helenes Dienerin schon in der Ilias III 144 erscheint; die spätere Zeit macht sie daher nach Analogie der Ammen der Tragödie zur Kupplerin (Anecd. Ox. III 377. Tzetz. Paraphr. Il. Proleg. 379ff.; Antehom. 129ff., wohl auch tragisches Motiv). In Troia erzieht sie Munichos, den Sohn des Akamas (nach Plut. Thes. 34 des Demophon) und der Priamostochter Laodike (Lyk. Alex. 501ff. Tzetz. Lyk. 447. 495. 503. Parthen. XVI 3, vgl. v. Wilamowitz Kydathen 138). Bei der Zerstörung von Troia kommt sie mit Klymene (Stesich. fr. 21) als Gefangene ins Griechenlager und wird von ihren Enkeln, den Theseiden, erkannt und befreit. Verschiedene Versionen: Die Theseiden Führer der Athener nur Eur. Tro. 31; sonst wird der homerische Menestheus als Führer festgehalten. Unter ihm dienen die Theseiden (kommen später nach Troia Apollod. Epit. Vat. XXI 20), erkennen A., wie sie ins Lager der Griechen kommt (sie giebt sich selbst zu erkennen, wie sie den Enkeln begegnet, Q. Smyrn. XIII 494ff.), und fordern sie von Agamemnon, der sie durch Eurybates von Helene erbittet (Lesches b. Paus. X 25, 8; ähnlich Arktinos fr. 3; A. wird beiden Atriden abgefordert, Menelaos lässt sie ohne Anfrage bei Helene durch Talthybios holen, Dion. Skytobr. Schol. Eur. Hek. 125; erst bei der Beuteteilung erhalten die Theseiden A., und zwar als einzige Beute, Schol. Eur. Tro. 31; A. erkannt und gleich fortgeführt, Apollod. Epit. Vat. nach Stesichoros, vgl. R. Wagner p. 240). Nach Hellanikos wussten die Theseiden bereits, dass A. in Troia sei, und kamen eigens dorthin, sie zu befreien (Schol. Eur. Tro. 31), eventuell mit Lösegeld (Schol. Eur. Hek. 125). Irrtümlich nennt sie Mutter der Theseiden [Demosth.] LX 39; nach Hyg. fab. 243 tötete sie sich selbst aus Gram über den Tod ihrer Enkel.

Darstellungen. Zuerst auf dem Kypseloskasten (Paus. V 19, 2f. Dio Chrys. XI 325 R., [1109] vgl. Toepffer Aus der Anomia 36f.: A. von den Dioskuren gefangen und von Helene misshandelt). Dann erst wieder auf rf. att. Vasen seit Ende des 6. Jhdts. (auf sf. Vasen nicht mit Sicherheit nachgewiesen, vgl. etwa Berlin 1731. München 1269. Neapel 2486): von Poseidon verfolgt, auf zwei Hydrien im Vatican (Gerhard Auserl. Vasenb. I 12) und im Brit. Mus. 733 (Elite céram. III 19); Schalen in Bologna (Mus. ital. II Sepolcr. 87, 1) und Frankfurt (von Brygos, Wiener Vorl. VIII 2), nolan. Amph. Samml. Paravey 43, Stamnos Samml. Castellani (Paris 1866) nr. 45; über Theseus Waffenfreude erschreckt, Hieronschale (Mon. d. Inst. VI 22. Wiener Vorl. A 8); Theseus gegenüber (Gerhard A. V. III 158); im Haus des Aigeus, Kodrosschale (Wiener Vorl. I 4); im Haus des Menelaos Ann. d. Inst. XXV 1853 tav. O.; als Helenes Dienerin auf den Iliupersisschalen des Euphronios und Brygos vermutungsweise erkannt von Noack Aus der Anomia 170ff.; Rückführung durch die Enkel (vgl. Michaelis Ann. d. Inst. 1881, 32ff.): Brit. Mus. 786 (Mon. d. Inst. II 25), nolanische Amphora Hope (Arch. Ztg. 1849, 100*), Berlin 2408; Vivenziovase Neapel 2422 (Heydemann Iliupersis Tf. II 1. Müller-Wieseler Denkmäler I 43, 202), Girgenti (Raoul-Rochette M. I. 57A), München 341. Sonstige Monumente: bei Theseus, wie er die Waffen findet, Marmor-Relief Albani (Zoëga B.R. 48), Terracotta-Reliefs (Campana op. in pl. 117 u. sonst); wohl auch in der Erzgruppe auf der Akropolis von Athen (Paus. I 27, 8); Rückführung in Polygnots Leschebild der Iliupersis (Paus. X 25, 7) nach Lesches (vgl. Noack Iliupersis, Diss. Giessen 1890, 52ff.). Tabula Iliaca, vgl. Jahn Griech. Bilderchroniken.