Hauptmenü öffnen
« Kap.17 William Penn
Ohne Kreuz keine Krone
[[Ohne Kreuz keine Krone/|]] »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
[348]
Achtzehntes Kapitel.

§. 1. Wenn man auch die eitlen Gebräuche etc. als gleichgültige Dinge betrachten könnte, so müssen sie dennoch, um des Mißbrauchs willen, den man davon macht, verworfen werden. §. 2. Selbst Diejenigen, die sie mitmachen, erkennen diesen Mißbrauch, und sollten deshalb davon abstehen. §. 3. Wer nur einigermaßen auf Ehrbarkeit Anspruch macht, sollte schon um des schlechten Beispiels willen solcher Ungebundenheit entsagen. Ein weiser Vater entzieht seinem Kinde den Gegenstand, an dem es zu sehr hängt; und wir sind ja verpflichtet, über uns selbst und über unsern Nächsten zu wachen. §. 4. Gott giebt in dem Beispiele mit der ehernen Schlange eine Belehrung, daß wir die Sachen, mit welchen ein Mißbrauch getrieben wird, bei Seite setzen sollen. §. 5. Möchte auch der Gebrauch dieser Dinge zuweilen zweckmäßig seyn, so müssen sie dennoch, sobald sie ein böses Beispiel geben, verworfen werden. §. 6. Wer sich noch solche Vergnügungen erlaubt, zeigt, daß er sie mehr als Christum und sein Kreuz liebt. – Von den Nachtheilen, die sie auf Personen und Vermögen, auf Leib und Seele[WS 1] haben. §. 7. Verständige Leute wissen, das dieses wahr ist; was die Schuldigen betrifft, so berufe ich mich auf den Zeugen Gottes in ihrem Herzen. Ihr Zustand ist dem des geistlichen Babylons ähnlich. §. 8. Mäßigkeit im Essen und Trinken, und Einfachheit in der Kleidung, tragen sehr zur Beförderung des Guten bei, wie der Apostel Paulus in seinen Episteln behauptet. §. 9. Mäßigkeit bereichert ein Land, und ist daher unter jeder Regierung sowohl eine politische als religiöse Tugend. §. 10. Wenn man seine Pflichten gegen Gott erfüllt hat, so ist es noch Zeit genug, an Erhohlung für sich selbst zu denken. §. 11. Vorschlag für die Obrigkeiten und für alle Menschen, wie sie ihre Zeit und ihr Geld zu bessern Zwecken verwenden können.


§. 1. Sollten nun auch alle jene eitlen Moden, Gebräuche und Ergötzungen wirklich so gleichgültig seyn, wie sie als schädlich und verderblich bewiesen worden sind, – [349] denn daß Jemand in der Vertheidigung derselben mehr als ihre Gleichgültigkeit hätte behaupten wollen, ist mir nicht bekannt, – so ist doch der Mißbrauch, der damit getrieben wird, so groß, und der Einfluß desselben, der wie eine ansteckende Seuche um sich greift, so nachtheilig, daß sie schon aus diesem Grunde von allen Menschen, vornehmlich aber von Denen, deren Mäßigkeit sie bisher vor Uebertreibung derselben bewahrte, oder welche, obgleich sie sich ihrer schuldig gemacht haben, doch Verstand genug besitzen, die Thorheit solcher Unmäßigkeit einzusehen, gänzlich verworfen werden sollten. Was ist aber eine gleichgültige Sache anders, als eine solche, die man mit gleicher Befugniß thun oder lassen kann? Und wenn ich nun auch einräumen würde, daß dieses hier der Fall sei, so lehret uns dennoch Vernunft und Religion, daß bei jeder Sache, sobald man sie mit solcher Begierde gebraucht, daß es ein Kreuz seyn würde, ihr zu entsagen, die Gränzen bloßer Gleichgültigkeit überschritten werden, und man folglich gestehen muß, daß sie dadurch etwas unentbehrliches geworden ist. Und da nun auf diese Weise die Natur der Sache verletzt wird, so entstehet ein vollkommner Mißbrauch derselben, und man kann sie folglich nicht mehr als gleichgültig ansehen, sondern muß sie als unerlaubt betrachten.

§. 2. Nun wird man mir zugeben, daß Mißbräuche aller der Dinge, die ich so ernstlich angegriffen habe, unter Personen von jedem Alter, Geschlechte und Stande angetroffen werden. Aber Viele wollen ihnen darum nicht entsagen, weil sie dieselben, wie ich vernommen habe, aus dem Grunde für erlaubt halten, daß, – wie sie sagen, – der Mißbrauch, den Andere von einer Sache [350] machen, ihren Gebrauch derselben nicht aufhebe. Allein sie haben vielleicht vergessen, oder wollen es sich nicht einfallen lassen, daß sie ja alle jene Gebräuche etc. für gleichgültige Dinge erklärt haben; und wenn dem so ist, - wie denn auch die Eitelkeit selbst nicht mehr verlangt, – so, sage ich, kann keine Schlußfolge klarer seyn, als die, daß sie alle diese Dinge nothwendig verlassen müssen, weil sie den Mißbrauch derselben eingestehen. Denn, wenn sie so gleichgültig sind, daß man sie zu jeder Zeit nach Belieben mitmachen oder unterlassen kann; so erfordert es gewiß unsere Pflicht, daß wir ihnen entsagen: da es klar am Tage liegt, daß unser Gebrauch derselben ihr allgemeines Uebermaß noch vermehrt, und Andere in ihrem Mißbrauche bestärkt, wenn sie sehen, daß Leute, die den Ruf eines ehrbaren Lebenswandels behaupten wollen, solche Thorheiten nachahmen, oder ihnen darin mit ihrem Beispiele vorangehen; denn das Beispiel macht immer einen noch weit stärkern Eindruck als die Lehre.[1]

§. 3. Jeder, der Anspruch auf ernstes Nachdenken macht, sollte sich genau prüfen, ob er nicht auf irgend eine Art zur Beförderung der herrschenden Ausschweifungen schon beigetragen habe, und daher keine Zeit verlieren, sich gänzlich von ihnen loszumachen, damit, wo sein voriges Beispiel Andern darin zur Aufmunterung diente, sein besserer Lebenswandel auch den Einfluß haben möge, ihrer Unmäßigkeit Einhalt zu thun. Weise Eltern entziehen ihren Kindern die Gegenstände, welche, so unschuldig sie auch an sich seyn mögen, eine zu große Gewalt über ihre schwachen Sinne ausüben, um sie davon zu [351] entwöhnen. So pflegt man auch einen krummen Stock, um ihn gerade zu machen, ebensosehr nach der entgegengesetzten Seite zu biegen, damit er auf diese Art die gehörige Richtung erhalte. Und gewiß, Diejenigen, welche mehr Mäßigkeit als Andere besitzen, sollten nicht vergessen, daß sie Haushalter Gottes sind, und daher diese ihnen verliehene Gabe zum Besten ihres Nächsten anwenden. Nur der Brudermörder Cain fragte den Herrn: „Soll ich denn meines Bruders Hüter seyn?“[2] Denn dazu ist Jeder unumgänglich verpflichtet; und daher sollte auch Jeder so klug seyn, sich den Gebrauch solcher gleichgültigen Dinge zu versagen, wodurch sein Nächster zu Thorheiten verleitet oder in denselben bestärkt werden könnte.

§. 4. Gott hat in dieser Hinsicht seinen Willen hinlänglich zu erkennen gegeben; denn, obgleich die eherne Schlange eine seiner eigenen Anordnungen und ein Vorbild von Christo war, so befahl er doch mit großem Mißfallen, daß sie zerbrochen werden sollte, weil das Volk zu sehr daran hing. Sogar die Haine, so schön und angenehm auch ihre Lage war, mußten zerstöret werden; und warum? weil man sie zu Gegenständen der Abgötterei gemacht hatte. Und was ist ein Abgott oder Götze anders, als etwas, worauf das menschliche Gemüth einen zu hohen Werth legt? Es muß daher besser und vortheilhafter seyn, einer gemißbrauchten Sache zu entsagen, als eine gleichgültige zu gebrauchen.

§. 5. Wären auch jene Dinge an sich selbst wirklich nützlich, welches sie eher nothwendig als gleichgültig machen würde, so müßte dennoch, sobald Umstände sie [352] schädlich machten, auch diese ihre Nützlichkeit auf die Seite gesetzt werden; wievielmehr sollte man sie denn aber nicht als bloß gleichgültige Dinge verleugnen? Wir müssen niemals unser Privatvergnügen der öffentlichen Wohlfahrt vorziehen, noch uns den Gebrauch gleichgültiger Dinge erlauben, wenn wir wissen, daß es dem Gemeinwohle nachtheilig seyn würde, wie dieses wirklich der Fall mit allen solchen Dingen ist, durch deren Gebrauch man, aufs gelindeste genommen, Andern ein böses Beispiel giebt und sie zur Nachahmung desselben reitzt. Daher gebieten uns Vernunft und Pflicht, nur solche Dinge zu den unentbehrlichen zu rechnen, die mit „einem göttlichen Leben und Wandel“[3] übereinstimmen, und unsere Freiheit ihres Gebrauches nach dem, was unserm Nächsten zuträglich ist, abzumessen. Hier treten also zwei Verpflichtungen ein; die erste ist: daß man in solchen Dingen kein Beispiel gebe, deren Gebrauch, wenn er auch an sich selbst unschädlich ist, doch unserm Nächsten in dem Mißbrauche derselben und in seiner übertriebenen Eitelkeit bestärken würde; und die zweite bestehet darin: daß man bei dem Gebrauche unerlaubter Dinge auf diejenigen religiösen Personen Rücksicht nehme, denen die eitlen Moden, Gebräuche, Vergnügungen etc. anstößig sind, und sie daher gänzlich vermeide.[4]

§. 6. Was nun Diejenigen betrifft, die aller meiner angeführten Gründe ungeachtet, dennoch in allen diesen Thorheiten bleiben wollen, so muß es ihnen selbst einleuchten, daß sie keinen andern Beweggrund dazu haben können, als weil sie tief darin verwickelt und ihre Neigungen [353] so sehr davon hingerissen sind, daß es ihnen fast unmöglich ist, sich davon loszusagen, und weil sie, ungeachtet ihrer öftern Versicherungen, daß ihr Herz an solchen Nichtigkeiten nicht hänge, dennoch dieselben mehr als Christum und sein heiliges Kreuz lieben. Wer seine eigene Glückseligkeit so wenig berücksichtigt, wird auch schwerlich die Wohlfahrt seines Nächsten zu befördern suchen.

Wenn wir endlich die Wirkungen und Folgen der üppigen Moden, Gebräuche, Ergötzungen und Zeitvertreibe der Menschen ernstlich erwägen, so kann es uns nicht entgehen, zu bemerken, wieviel Eitelkeit, Stolz, Müßiggang und sowohl Zeit- als Geldverschwendung, kurz, wieviel Elend sie schon in der Welt verbreitet haben und noch verbreiten. Wie viele Männer sind nicht dadurch von ihrer Mäßigkeit abgebracht, wie viele Weiber nicht von ihrer natürlichen Sanftmuth und Unschuld zu leichten, ausschweifenden, frechen, ja schändlichen Handlungen verleitet worden? Welche herrliche Besitzungen haben sie nicht in die größte Schuldenlast gestürzt? Wie ist nicht so oft durch sie die Keuschheit in die Schlingen der niederträchtigsten Verführer gerathen und die jugendliche Gesundheit durch die unnatürlichsten Krankheiten plötzlich untergraben worden, so daß die unglücklichen Sklaven ihrer zügellosen Begierden ihre übrigen Lebenstage unter beständigen Qualen zubringen mußten, welche die schrecklichen aber unvermeidlichen Folgen ihrer Ausschweifungen waren. Und so groß ist das Verderben der Menschen und die Macht des Lasters, daß Einige während ihrer Qualen die größte Mäßigkeit angeloben, sobald diese aber vorüber sind, [354] wieder zu ihren vorigen Ausschweifungen zurückkehren.[5]

§. 7. Daß dieses und noch weit mehr wirklich der Fall sei, wird, meiner Ueberzeugung nach, kein Verständiger, der einige Erfahrung besitzt, leugnen. Wie denn aber irgend Jemand, der ein Gewissen hat, oder Gottesfurcht zu haben bekennt, nach ernster Ueberlegung noch in der Tracht, in den Sitten, Gebräuchen und Vergnügungen solcher Menschen, deren ganzes Leben mit Dingen, wie ich oben berührt habe, befleckt ist, verweilen, oder sogar an ihren Ausschweifungen Theil nehmen könne, überlasse ich dem gerechten Zeugen der Wahrheit in ihren eigenen Herzen zu beurtheilen. Nein wahrlich! das heißt nicht der Stimme Gottes gehorchen, die zu allen Zeiten laut rief: „Gehet aus!“ und woraus denn? – Aus den Wegen, Moden und Gebräuchen, aus der Lebensweise und dem Geiste „Babylons.“ Und was ist Babylon? – „Die große Stadt, worin alle jene eitlen, thörichten, üppigen, überflüssigen und gottlosen Dinge getrieben werden, gegen welche die Schrift die furchtbarsten Gerichte ankündigt, indem sie alle Unmäßigkeit und Zügellosigkeit der Menschen dem „Becher der Bosheit“ zuschreibt, aus welchem Babylon ihnen zu trinken gegeben hat, und woher alle sogenannte gleichgültigen Dinge ihren Ursprung genommen haben.[6] Laßt uns hören, was Johannes in seiner Offenbarung von ihr sagt: „Wieviel [355] sie sich herrlich gemacht und ihren Muthwillen gehabt hat, soviel schenket ihr Qual und Leid ein. – Und es werden sie beweinen und beklagen die Könige der Erde, die Muthwillen mit ihr getrieben haben. Und die Kaufleute auf Erden werden weinen und Leid tragen, weil ihre Waare Niemand mehr kaufen wird; die Waare des Goldes und Silbers, und der Edelgesteine, und Perlen, und Seide, und Purpur, und Scharlach, und allerlei Thienenholz, und von Erz, und von Eisen, und von Marmor und Zimmt, und Thymian, (Rauchwerk) und Salben, und Weihrauch, und Wein, und Oel, und Semmelmehl, und Weitzen, und Vieh und Schafe, und Pferde und Wagen, und Leichname, und Seelen der Menschen.“[7] Hier sehen wir sowohl den Charakter als auch das Gericht der Ueppigkeit; denn obgleich diese Worte, wie ich weiß, noch eine andere als buchstäbliche Bedeutung haben, so bezeichnen sie doch auch sehr deutlich die Pracht, den Ueberfluß, den Reichthum und das ganze müßige, gemächliche, eitle und wollüstige Leben, welches unter den Einwohnern Babylons herrscht. Aber wer will an dem schrecklichen Tage ihres Gerichts noch ihrem Markte beiwohnen? Wer will dann ihre Schauspiele besuchen, ihre Moden nachahmen, und mit ihren glänzenden Erfindungen Handel treiben? Gewiß Niemand; denn sie soll gerichtet werden. Kein Vorwand wird sie entschuldigen, oder vor dem Zorne des Richters schützen; „denn stark ist Gott der Herr, der sie richten wird.“[8]

Sollte man auch diesen vernünftigen Vorstellungen kein Gehör geben, so werde ich demungeachtet noch einen Theil des traurigen Schicksals Babylons zur fernern [356] Warnung anführen. Denn, meine Freunde, ihr müsset lernen, euch mit himmlischen Dingen zu beschäftigen, und eilen, dem göttlichen Einflusse in eurem, Innern Gehorsam zu leisten, der euch zu Betrachtungen ewiger Freuden anleitet, sonst wird mit Babylon, der Mutter aller Ueppigkeit und Eitelkeit, „das Obst, an welchem eure Seele Lust hat, von euch weichen, und Alles was köstlich und herrlich ist, wird von euch weichen, und ihr werdet es nicht mehr finden.“[9] Nein! o! ihr Reichen! Nicht mehr! Darum, ihr Bewohner der Erde! „sammelt euch Schätze im Himmel,“[10] wohin nichts eindringen kann, das sie zuerstören könnte, und wo sehr bald die Zeit sich in der Ewigkeit verlieren wird.

§. 8. Doch hören meine Beweise gegen die schädlichen Thorheiten der Welt hier noch nicht auf; ich muß noch zeigen, daß das Gegentheil derselben, nämlich: Mäßigkeit im Essen und Trinken und Einfachheit in der Kleidung, verbunden mit einem sanften, bescheidenen Wesen und ruhigem Gemüthe, daß bei jeder Gelegenheit durch ein mit demselben übereinstimmendes Betragen in heiliger Ehrbarkeit sich ausspricht, alles Gute in der Welt stiftet und verbreitet; weshalb auch der Apostel die Christen ermahnet: „Lasset kein unnützes Geschwätz aus eurem Munde gehen, sondern, was zur Besserung dienet, und holdselig (erbaulich) zu hören ist. Auch keine schändlichen Worte und Narrentheidinge (Possen) oder Scherz, sondern vielmehr Danksagung. Lasset euch von Niemand verführen mit vergeblichen (leeren) Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes [357] über die Kinder des Unglaubens.“[11] Wenn die Christen beides Geschlechtes sich auf eine mit ihrem Bekenntnisse übereinstimmende Art anständig kleideten, so würde die Unverschämtheit Anderer dadurch gezügelt und ihrer Prachtliebe, ihrem Stolze und ihrer Eitelkeit ein sie bestrafendes Muster vorgehalten werden. Sie würden es nicht wagen, die allgemein anerkannte Keuschheit anzugreifen; der göttliche Ernst der Christen würde ihre Frechheit entwaffnen. Der Tugend müßte man überall Achtung zollen, das Laster würde sich furchtsam und beschämt zurückziehen müssen, und die Unmäßigkeit dürfte sich nicht sehen lassen. Dieses würde aller Schwelgerei, aller Kleiderpracht, allem Titelstolze, und dem verschwenderischen Leben ein Ende machen; die ursprüngliche Unschuld und Einfalt zurückrufen, und jenes einfache, gerade, aufrichtige und harmlose Leben wieder herstellen, wobei man nicht bekümmert ist, was man essen oder trinken und womit man sich kleiden wolle, welches, wie Christus uns sagt, die Sorge der Heiden ist, und, leider! auch unter den heutigen Christenthumsbekennern, bei allem ihrem Geschwätze von Religion und Frömmigkeit, so häufig angetroffen wird. Man würde vielmehr das Beispiel der Alten nachahmen, die, mit mäßiger Sorge für die Bedürfnisse und Bequemlichkeiten dieses Lebens, ihre Hauptsorge auf die Angelegenheiten des himmlischen Reiches richteten, und sich mehr um ihren Wachsthum in der Gerechtigkeit als um die Vermehrung ihres Reichthums bekümmerten. Denn sie sammelten sich [358] Schätze für den Himmel und erduldeten Trübsale um des unvergänglichen Erbes willen“[12]

§. 9. Die Tugend der Mäßigkeit, die ich empfehle und vertheidige, ist aber nicht allein in religiöser, sondern auch in politischer Hinsicht nützlich; da es immer einer jeden guten Regierung großen Vortheil gewährt, wenn sie die Ausschweifungen der Unterthanen einschränkt und unterdrückt. Das üppige Leben erzeugt Weichlichkeit, Trägheit, Armuth und Elend; aber die Mäßigkeit beugt solchen Uebeln vor und erhält das Land im Wohlstande.[13] Sie bewahret vor ausländischen Thorheiten und Ueberflüssigkeiten, und befördert die Verbesserung unserer eigenen Erzeugnisse, wodurch wir, statt Andern schuldig zu seyn, sie zu unsern Schuldnern machen können. Durch Ausübung dieser Tugend können Leute, die durch Ausschweifung, nicht durch Wohlthätigkeit, ihre Güter in tiefe Schulden gestürzt haben, in kurzer Zeit von diesen Schulden wieder frei werden, die sonst, wie fressende Motten, die größten Besitzungen verzehren. Die Mäßigkeit hilft Unbemittelten ihr geringes Vermögen vermehren, indem sie ihnen nicht erlaubt, ihren mühsam erworbenen Verdienst mit Putz und Kleiderpracht, thörichten Maifesten oder Fastnachtsbelustigungen, Spielen, Tanzen und Schauspielen, mit Schwelgen in Schenken und Wirthshäusern und andern Ausbrüchen der Unmäßigkeit durchzubringen, welche Thorheiten besonders in unserm Vaterlande (England) so sehr überhand genommen haben, daß es dadurch [359] mehr, als irgend ein anderes Land in der Welt, lächerlich gemacht wird. Denn nirgend findet man, so viel ich weiß, mehr betrügerische Marktschreier und Quacksalber, Seiltänzer, Taschendiebe, profane Komödianten und Gaukler, zur großen Herabwürdigung der Religion und zur Schande der Regierung; wodurch dann das Volk zum Müßiggange, zur Verschwendung und zu Ausschweifungen verführt, der heilige Geist betrübt, und der Allmächtige gereitzt wird, seine Gerichte, die vor der Thür sind, herein brechen zu lassen und endlich den Ausspruch zu thun: „Wer böse ist, sei immerhin böse.“[14] – Daher können wir nicht anders, als unsere Stimmen laut erheben, und sowohl durch unsere Lehre, als auch durch unsern Lebenswandel, gegen die eitlen Mißbräuche unserer Nebenmenschen zeugen, damit, wo möglich, Einige dadurch bewogen werden mögen, solche Thorheiten zu verlassen, und den guten alten Pfad der Mäßigkeit, der Weisheit, des Ernstes und der Heiligkeit zu wählen; da dieser nur der einzige ist, der zu dem wahren Genusse der Segnungen des Friedens und der Fülle in dieser Zeit, und der ewigen Glückseligkeit in der künftigen Welt führet.

§. 10. Gesetzt, endlich, wir hätten auch keine der angeführten Gründe für uns, um die im Lande herrschenden bösen Gebräuche und Gewohnheiten mit Recht zu verwerfen, so werdet ihr uns doch erlauben, zu bemerken, daß es dann, wenn die Menschen werden gelernt haben, ihren Schöpfer zu fürchten, ihn anzubeten und ihm zu gehorchen; wenn sie die großen Schulden ihrer Abweichungen abgetragen und die Last ihrer Untergebenen werden erleichtert haben; [360] wenn vornehmlich die blassen Gesichter mehr bemitleidet, die Hungrigen gesättiget, die Nakten bekleidet, die schmachtenden Armen, die verlassenen Wittwen und hülflosen Waisen, – welche Gottes Geschöpfe und eure Mitmenschen sind, – versorgt seyn werden; alsdann, sage ich, – wenn ihr es je können werdet, – wird es noch Zeit genug für euch seyn, die Gleichgültigkeit und Unschädlichkeit eurer Vergnügungen zu behaupten.[15] Daß aber der Schweiß und die mühsamen Arbeiten des Landmannes vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, bei Hitze und Kälte, bei Dürre und Nässe, für das Vergnügen, das Wohlbehagen und die Zeitvertreibe einer kleinen Anzahl von Menschen zu sorgen bestimmt wären; daß neunzehn Zwanzigstel der Bewohner des Landes beständig den härtesten Arbeiten mit dem Pfluge, dem Karn, dem Fuhrwerke und dem Dreschflegel unterworfen seyn müßten, um die ungezügelten Begierden der Ueppigkeit und Schwelgerei des einen Zwanzigstels zu befriedigen, ist so weit entfernt, eine Anordnung des großen Regierers der Welt und Gottes der Geister alles Fleisches zu seyn, daß es im höchsten Grade gotteslästerlich und abscheulich seyn würde, nur zu denken, daß solche schreiende Ungerechtigkeit von Ihm und seinen göttlichen Einrichtungen, und nicht von der Unmäßigkeit der Menschen herrühre.[16] Von einer andern Seite betrachtet, können billig die Menschen auf das Mitleid oder auf die [361] Hülfe und den Beistand des allmächtigen Gottes keine Ansprüche machen, wenn sie mit ihren Ausgaben für eitle Vergnügungen fortfahren, während sie die Bedürfnisse der Unglücklichen unbefriedigt lassen; besonders wenn man erwägt, daß Gott sie nur zu Haushaltern gesetzt hat, die einander dienen, helfen und unterstützen sollen. Ja, diese Pflichten sind so bestimmt eingeschärft, daß wir, wenn wir sie unterlassen, nicht ohne Grund den schrecklichen Ausspruch erwarten müssen: „Gehet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.“ u. s. w.[17] Wohingegen das Besuchen der Kranken und Gefangenen und die Unterstützung der Dürftigen in den Augen Jesu solche vortreffliche Eigenschaften sind, daß er Diejenigen, die es daran nicht ermangeln ließen, mit dem erfreulichen Ausspruche selig preisen wird: „Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das für euch bereitet ist“, u. s. w. Die Großen der Erde sollten also nicht, wie der Leviathan im Meere, die Kleinen zu ihrer Beute machen, und noch vielweniger mit dem Leben und der mühsamen Arbeit der Geringern Scherz treiben, um ihre zügellosen Neigungen zu befriedigen.

§. 11. Sei es mir daher erlaubt, den bürgerlichen Obrigkeiten einen Vorschlag zu thun, der ihre ernste Betrachtung zu verdienen scheint. Nämlich: wenn in jedem Gerichtsbezirke die Einwohner dazu aufgefordert und aufgemuntert würden, das Geld, welches sie für eitle Ueberflüssigkeiten, z. B. Spitzen, Juwelen, Stickereien, Besetzungen auf Kleider, kostbare Verzierungen an Mobilien, und für unnöthige Dienerschaft ausgeben, nebst dem, was sie gewöhnlich bei Gastmählern, Festen, oder beim Spiele [362] u. s. w. aufgehen lassen, in eine öffentliche Kasse zu legen, so würde man bald ein hinreichendes Kapital zusammen bringen können, womit verarmte Familien unterstützt, Arbeitshäuser für Arme, die noch zu arbeiten fähig wären, erbauet, und Armenanstalten für alte und gebrechliche Leute errichtet und unterhalten werden könnten. Dann würden wir keine Bettler im Lande haben, und man würde die Klagen und das Geschrei der Wittwen und Waisen nicht mehr hören. Es könnten unglückliche Gefangene losgekauft und die Drangsale der Protestanten, die in andern Ländern Verfolgung leiden, erleichtert werden. Ja, selbst dem öffentlichen Schatze könnte, in dringenden Fällen, aus solchen Sparbänken Unterstützung geleistet werden. Dieses würde ein Opfer, ein Dienst seyn, der dem gerechten und gnädigen Gott gefiele; man gäbe dadurch andern Ländern ein edles Beispiel der Weisheit und Mäßigkeit, und stiftete eine unschätzbare Wohlthat für das Vaterland.[18] [19]

[363] Ach! warum bedarf es denn so vieler Ueberredung, um die Menschen zu dem zu bewegen, was ihre eigene Glückseligkeit so sehr erheischt. Hätten die aufgeklärten Wüstlinge unserer Zeit nur einigen Begriff von dem Edelsinne eines heidnischen Cato, so würden sie sich lieber ihre sinnlichen Genüsse versagen, als ein so edles Unternehmen unversucht lassen! Wenn sie aber nur essen, trinken, spielen, ihre Gesundheit zu Grunde richten, ihr Vermögen verschwenden, und besonders ihre kostbare Zeit, – die, zur nothwendigen Vorbereitung auf die Ewigkeit, dem Herrn gewidmet seyn sollte, und deren Werth, wenn sie es einsähen, mit keinen irdischen Gütern zu vergleichen ist, – so unwiederbringlich verlieren; ich sage, wenn sie so ununterbrochen sich beständig mit niedrigen, armseligen Kleinigkeiten beschäftigen, was können sie dann anders erwarten, als daß an dem großen Gerichtstage Gottes die Heiden sie richten und die Lehren und Beispiele Jesu und seiner wahren Nachfolger sie verurtheilen werden. Ja, ihr endliches Loos wird um so schrecklicher seyn; da sie alle ihre eitlen Thorheiten und Ausschweifungen als Bekenner des Christenthumes, als Verehrer Jesu begingen, dessen Leben, so wie seine Religion, Selbstverleugnung lehret, und mit dem Lebenswandel der mehrsten Christen im beständigen Widerspruche stehet. Denn Er, der Gottmensch, war demüthig, sie aber sind stolz; er vergab seinen Feinden, sie suchen sich an ihnen zu rächen; er war sanftmüthig, sie sind jähzornig; er liebte Einfachheit, sie lieben Pracht; er war enthalsam, sie sind schwelgerisch; er war keusch, sie sind wollüstig; er war ein Pilger auf Erden, sie sind Weltbürger; kurz, er war niedrig geboren, wurde in der Verborgenheit erzogen, und ärmlich [364] bedient; – so lebte er verachtet und starb gehaßt von seinem eigenen Volke. Kommt nun, ihr vorgeblichen Bekenner und Nachfolger dieses gekreuzigten Jesu! „Prüfet euch, untersuchet euch selbst, ob ihr im Glauben seyd; denn wenn ihr nicht erkennet, daß Jesus Christus in euch ist, und in euch regieret, so seid ihr zur Seligkeit untüchtig.“[20] „Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten und endlich mit einer erzwungenen Reue befriedigen; sondern, was ihr säet, das werdet ihr ernten.“[21] Ich bitte euch, höret mich! Denket daran, daß ihr zum Heile Gottes, zu eurer Seligkeit eingeladen und gebeten wurdet! Ich sage nochmals: „Was ihr säet, werdet ihr ernten.“ Seid ihr Feinde des Kreuzes Christi? und das seid ihr, wenn ihr euch weigert, es zu tragen, und nach eurem eigenen Willen, aber nicht nach eurer Pflicht handeln wollt; seid ihr Unbeschnittene an Herzen und Ohren? und auch das seid ihr, wenn ihr Ihn nicht hören und ihm die Thüre nicht öffnen wollt, der an euren Herzen anklopft; dämpfet ihr den Geist, und widerstrebet seinem Einflusse, der mit euch ringet, um euch Gott zuzuführen? und das thut ihr ohne Zweifel so lange, als ihr seine Anregungen, Bestrafungen und Belehrungen nicht achtet und befolget: so „säet ihr auf das Fleisch“, um die Lüste desselben zu vollbringen, und werdet vom Fleische nichts anders ernten, als Früchte des Verderbens, nämlich: Wehe, Trübsal und Angst von Gott, der durch Jesum Christum die Lebendigen und die Todten richten wird. Wollt ihr aber das heilige Kreuz Christi täglich aufnehmen und auf den Geist säen? Wollt ihr dem Lichte, der Gnade, die durch Jesum Christum [365] kommt, und welche er Allen zur Bewirkung ihrer Seligkeit verliehen hat, Gehör geben? Wollt ihr eure Gedanken, Worte und Werke, in dem Lichte dieser göttlichen Gnade prüfen und abmessen, welche Alle, die sie lieben, lehret, „das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste zu verleugnen, und mäßig, gerecht und gottselig in dieser Welt zu leben?“[22] so könnet ihr mit fester Zuversicht auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unsere Heilandes Jesu Christi warten."[23] Wohlan! Laßt es so seyn, ihr Christen! Entfliehet dem zukünftigen Zorne! Warum wollt ihr sterben? Laßt es an der verflossenen Zeit genug seyn! Bedenket, daß ohne Kreuz keine Krone zu hoffen ist! Erkaufet die Zeit; denn die Tage sind böse, und der eurigen werden nur noch wenige seyn. [24] Darum „begürtet die Lenden eures Gemüths; seid nüchtern, wachet, betet, und beharret bis ans Ende. Und zu eurer Aufmunterung und zu eurem Troste erinnert euch, „daß Alle, die mit Geduld in guten Werken nach dem ewigen Leben trachten, auch Preis, Ehre und Unsterblichkeit in dem Reiche des Vaters ernten werden;[25] denn sein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen!


  1. Phil. 3, 17.
  2. 1 Mos. 4, 9.
  3. 2 Petr. 1, 3.
  4. Röm. 14, 13 bis zu Ende.
  5. Klagl. 4, 5. Spr. Sal. 12, 17. Hiob 21, 13. 14. Psalm 35, 23. Psalm 37, 10. Pred. Sal. 8, 12. Ps. 37, 1. 2. Sprichw. 2, 22.
  6. Jerem. 16, 5–9. Jes. 3, 13–16. Kap. 50, 8. Kap. 15, 6. 7. Amos 6, 3–7.
  7. Offenb. 7, 9. 11–13.
  8. Kap. 18, 8.
  9. Offenb. 18, 14.
  10. Luk. 12, 23. 43.
  11. Kol. 4, 5. 6. 1 Thess. 4, 11. 12. 1 Petr. 3, 1–4. Epheser 4, 4. Kap. 5, 3–6. 1 Timoth. 4, 12. Phil. 3, 16–20.
  12. 2 Petr. 2, 12. Sprichw. 31, 23–31. Jak. 2, 2–9. 2 Petr. 3, 11. Psalm 26, 6. Luk. 12, 22–30. Matth. 25, 21.
  13. Sprichw. 10, 4. Pred. Sal. 10, 16–18.
  14. Offenb. 22, 11.
  15. Pred. Sal. 12, 1. Ps. 37, 21. Ps. 10, 2. Ps. 4, 2. Ps. 84, 3. 4. Sprichw. 22, 7. 9. Jes. 3, 14. 15.
  16. Amos 5, 11. 12. Kap. 8, 4. 7. 8. Jes. 1 16–18. Jer. 7, 6. Röm. 12, 20. 2 Kor. 9, 7. Ps. 40, 4. Ap. Gesch. 10, 34. Röm. 2, 11. Eph. 6, 9. Kol. 3, 25. 1 Petr. 1, 17. Jak. 5, 4. 5. Ps. 41, 1. Jak. 2, 15. 16. Ps. 112, 9.
  17. Matth. 25, 34–41.
  18. Sprichw. 14, 21. Matth. 19, 21.
  19. Der wegen seiner großen Menschenliebe allgemein geschätzte und vornehmlich wegen seiner unablässigen edlen Bemühungen: die unglückliche Lage der armen Gefangenen überall zu erleichtern, in ganz Europa berühmte John Howard, fand einst beim Abschlusse einer Jahrrechnung einen bedeutenden Ueberschuß seiner Einnahme. Er bot die ganze Summe seiner Frau an, um zu einer Reise nach London oder zu irgend einem andern ihr beliebigen Vergnügen Gebrauch davon zu machen. Die Edelmüthige erwiederte: Was für eine nette Wohnung für eine arme Familie ließe sich doch damit erbauen! Dieser schöne Wink fand ganz den Beifall ihres guten Mannes, und das Geld ward zu dem von ihr vorgeschlagenen wohlthätigen Zwecke verwendet. Phil. 4, 8. Anmerk. d. Uebers.
  20. 2 Kor. 13, 5.
  21. Gal. 6, 7. 8.
  22. Tit. 2, 11. 12.
  23. V. 13.
  24. Eph. 5, 16.
  25. Röm. 2, 7.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: fehlender Buchstabe ergänzt.
« Kap.17 William Penn
Ohne Kreuz keine Krone
[[Ohne Kreuz keine Krone/|]] »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).