Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,2 (1905), Sp. 16651667
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Drangai, ostiranisches Volk im centralen Seengebiet am Unterlauf des Etymandros (Hilmend) zwischen Areia und Gedrosia, Karmania und Arachosia; diese mit d anlautende Form begegnet namentlich seit dem Heereszuge Alexanders d. Gr., wie für das Land selbst die Formen Drangiane und (so ständig bei Diodor. XVII 78. 81. 165. XVIII 3. 39) Drangene. Die landesübliche und ursprünglichere Form zeigt jedoch für das medo-persische d den Anlaut z,; so in Zarañka der Keilinschriften des Dareios, in dem Volksnamen Zarangai (was Herodot in Σαράγγαι mildert) und Zarangaioi, und im Landesnamen Zarange und Zarangiane, ebenso in dem vorauszusetzenden Namen des Vorortes Ζάριν (s. Πάριν, Aris Bd. II S. 846). Zu Grunde liegt zend. zrayaṅh (skr. ģráyas ,Fläche‘) n. ,Meer, grosser See, grosser Strom‘ altpers. daraya, pchl. zrê ,See‘ baluč. zirih ,Quelle‘; noch heutzutage heisst die grosse südliche Wasseransammlung Seīstâns gôd-i-Zirih, während die Afghanen für den Begriff ,Seebecken‘ das Wort hâmûn verwenden. Im Awestâ wird das ganze Seengebiet einfach unter dem ,herrlichen‘ Haetumañṭ (Etymandros) miteinbegriffen und als Sammelgebiet der Gewässer der See Kǎçava, huzv. Kânsâi, hingestellt.

Die Sarangai erscheinen bei Herodot. III 93 samt einigen Stämmen der centralen Wüste (Sagartioi, Thamanaioi) und Karmanias (Utioi, Mykoi und Inselbewohner) zu einem, dem vierzehnten, Steuerbezirk verbunden, dessen jährliche Abgabe 600 babylonische Talente (3 Millionen Mark) betrug, eine hohe Summe, deren Leistung gewiss zumeist den Sarangai zufiel. Aus Herodots sagenhaftem Bericht über den Fluss Akes. III 117, folgt nur die Stellung der Sarangai und Thamanaioi an der Südseite der Parthoi und Hyrkanioi, wobei man eher die Nennung der Areioi erwartet hätte. Nach Herodot. VII 67 trugen die Sarangai im Heere des Xerxes modische Bewaffnung, gewobene Wollzeuge und, entsprechend ihren sumpfigen und von Canälen durchzogenen Wohnsitzen, bis über die Kniee reichende Wasserstiefel; ihr Anführer war Pherendates, Sohn des Megabyzos. Unter dem letzten Dareios wird als Satrap der Arachotoi und D. Barsaëntes, der Genosse des Bessos, erwähnt, Arr. an. III 21, 1. Curt. VI 6, 36; Alexandras eroberte, aus Hyrkania und Areia vordringend, zunächst Prophthasia (s. d.), die Hauptstadt von Drangiane, und durchzog hierauf das Land der durch die [1666] dem Kyros geleisteten Dienste berühmt gewordenen Ariaspai (s. d.), wo er die Unterwerfung der Gedrosioi entgegennahm. Das Land der D. wurde als Zugabe dem Arsames, Satrapen von Areia, überlassen, wie es denn überhaupt in Steuergemeinschaft mit der in Nord und West angrenzenden Satrapie Areia stand, Strab. XI 516; doch wurde Arsames zur Zeit des sogdianischen Aufstandes durch den Hetairos Stasanor aus Soloi ersetzt, der fortan Areia und Drangiane verwaltete; Reiter der Zarangai werden im makedonischen Heere erwähnt, Arr. an. VII 6, 3; vom Hystaspes aus zog Krateros durch Arachosia und D. nach Karmania. Nach Alexandros Tode setzte Antipatros an Stelle des Stasanor, welcher Baktria und Sogdiane erhielt, den Stasandros (s. d.) ein. Nach den Geschichtschreibern der Alexanderzeit war Drangiane an Wein nicht besonders ergiebig; in den Gebirgen fand sich Zinn, wofür in der Gegenwart kein Zeugnis vorliegt, Strab. XV 724. Die aus der Seleukidenzeit stammende Schilderung bei Ptolem. VI 19 leidet an mehrfachen Irrtümern, z. B. hinsichtlich eines Flusszweiges des Arabis; § 3 wird Δαράνδαι in Δαράγγαι oder Δράγγαι zu verbessern sein und Τατακηνή in Παραιτακηνή; von den Ortschaften lassen sich nur wenige feststellen. Antiochos III. Megas scheint anfänglich neben den übrigen östlichen und südlichen Provinzen des persischen Reiches Areia und Drangiane noch behauptet zu haben; doch bemächtigte sich auch dieser Teile alsbald der helleno-baktrische Fürst Euthydemos, wie die Gründung von Demetrias in Arachosia zu beweisen scheint; die von Euthydemos eingesetzten Eparchen von Gandaritis, Arachosia, Drangiane und Areia traten nach dessen Tode als selbständige Fürsten auf. Gefährlicher erwies sich die Macht der Parthoi; willig folgten die centralen Provinzen dem nationalen Zuge nach Abschüttelung der Fremdherrschaft, vgl. Trogus Pompeius bei Iustin. XLI 6, 3. Unter den parthischen Provinzen beschreibt Isidoros von Charax hinter Areia zunächst § 16 die fast bis an das Seengebiet reichende Landschaft Ἀναυών mit der grossen Stadt Phra (jetzt Farrah, vormals Phrada oder Prophthasia der Alexanderzeit), hierauf § 17 die eigentliche Ζαραγγιανή mit den Städten Korok (s. Carcoë und Parin (d. i. Zarin, altpers. Zarañka, arab. Zaranğ, 1 fars. entfernt vom Hilmendcanal Senâ-rûdh oder Siyâ-rûdh, das Ruinenfeld bei Ğihân-âbâd, Nâd-ʾAlî und Zahidân), dann erst folgt die Beschreibung von Paraitakene oder Sakastane, dem Uferland am mittleren Etymandros, dessen sich die nordischen Sakai um 128 v. Chr. bemächtigt hatten; im Mittelalter bezeichnet jedoch Sagistân (arab. Seğestân, npers. Sëistân) das ganze Hilmendbecken und zumal das Seengebiet; die pers. Bezeichnung Nîm-rôz ,Südland‘ bezieht sich auf den Gegensatz zu den nördlichen Provinzen Ostîrâns. Hier war die Heimstätte einer den Kavyaniden ebenbürtigen Herrscherfamilie, welche dem Sâsânidenreiche zur Zeit der von Tûrân drohenden Kriegsgefahren die wichtigsten Dienste leistete; ein Sagenkreis knüpft sich zumal an die Heroennamen Geršâsp (zend. Kereçâçpa) und Rûstem; noch zur Zeit, als der Islâm überall siegreich vordrang, erhielt sich in Seïstân ein Rest der alten, gewerbfleissigen Bevölkerung, [1667] welche dem Ormuzdglauben anhing. Die arabischen Nachrichten über Sëistän hat Rawlinson J. of the B. geogr. soc. 1873 Bd. XLIII 272-294) gesammelt. Eine Betrachtung der Landschaft wird hier zweckdienlich sein.

Die Meereshöhe des seïstanischen Süsswasser-beckens oder des Hâmûn beträgt nur 380 m.; das Becken löst sich an den Mündungsstellen des Harrut-rûd und des Farrah-rûd sowie des Chuspas in zwei gesonderte Teile auf, hâmûn-i-Farrah und hâmûn-i-Sowârân; dazwischen fliesst der mit Schilfrohr bedeckte Verbindungscanal Nâi-zâr; in den Sowârânsee mündet von Süden her, in mehrere Arme geteilt, der Unterlauf des Hilmend, dem sich auch der von Nordost aus der Wüste dašt-i-Margah kommende Châš-rûd anschliesst. Der schmale südliche Teil des hâmûn-i- Farrah erreicht nahe dem aus Westen kommenden Turš-âb und dem Dorfe Kundur eine unscheinbare Bodenschwelle, welche zur Trockenzeit eine bequeme Passage für die aus Karmân ziehenden Karawanen darbietet, während zur Schwellzeit im Frühjahr der Überschuss des oberen Beckens durch den Flutgraben Sîleh südostwärts zur ,Vertiefung‘ des gôd-i-Zirreh abfliesst. In trockenen Perioden hört dieser Abfluss auf, und das Zirrehbecken verdunstet fast vollständig, obwohl es sonst auch noch von mehreren Torrentes aus der südlichen Höhenplatte, einer östlichen Fortsetzung der Sarhadd-Bergregion, mit Wasser gespeist wird. Südlich von dieser Höhenplatte breitet sich das ausgedehnte Marschland des Maškîd-hâmûn aus, das die Rinnsale Gedrosiens aufnimmt und das durch die Palmenhaine von Deh-gwâr und Čâlq Bedeutung erlangt. Vgl. Turners Karte von Îrân, Proceedings of the geogr. soc. XIV 1893. Das mit Geröll, Sand und Schlamm bedeckte Alluvialland des Hâmûn, aus dem sich hie und da Platten und Hügel (z. B. der basaltische bis auf Reste roten Mergels denudierte Monolith Kôh-i-Chwâğah) erheben, erzeugt Weizen und Gerste; auch schilf- und grasreiche Weideplätze sind vorhanden; im Süsswasser der Seen lebt eine einzige Fischgattung (Barbe); zahllose Wasservögel beleben die Sümpfe; eine wahre Landplage sind die Mosquitoschwärme und Vipern. Fast das ganze Jahr hindurch herrschen Nordostwinde, und SeÏstân ist das classische Land der Windmühlen; der Sand häuft sich in Dünen auf, welche jetzt stetig vorschreiten und die Ansiedelungen zu verschütten drohen, wenn nicht die Thätigkeit des Menschen eingreift; doch hat SeÏstan seinen alten Ruf einer Getreidekammer noch zu bewahren gewusst.