RE:Cornelius 82

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,1 (1900), Sp. 12731276
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82) A. Cornelius Celsus, der bekannte Verfasser einer Encyklopädie, des dritten Werkes dieser Art in der römischen Litteratur (Cato, Varro). Nach der hsl. Überlieferung führte es den Titel Artes (dagegen nimmt Bernays Ges. Abhdlg. I 35 auf Grund eines von Ritschl Praef. Bacch. p. VI edierten Scholions den Titel κεστός, cestus für das Werk in Anspruch, vgl. Schanz Rh. Mus. XXXVI 373) und behandelte, dem Beispiel des Cato folgend, die nachbenannten Disciplinen: Landwirtschaft, Medicin, Kriegswissenschaft, Rhetorik, Philosophie und Iurisprudenz. Von dem ganzen Werk sind nur die acht auf die Heilkunde bezüglichen Bücher erhalten, die sich an die fünf Bücher (Col. I 1, 14) über Landwirtschaft, welche den Anfang des Ganzen bildeten (Celsus verweist auf sie in der Medicina V 28, 16 D.; dazu die Überschrift in den Hss.: Cornelii Celsi artium liber VI idem medicinae I), anschlossen. Verfasst ist das Werk unter der Regierungszeit des Tiberius; der unter Caligula hingerichtete Iulius Graecinus († 39 n. Chr.) hatte die landwirtschaftliche Schrift des Celsus bereits benützt (Plin. n. h. XIV 33), die jüngsten der ihm in seiner Medicin bekannten Ärzte sind Menemachos von Aphrodisias (von dem er ein Zahnmittel kennt, VI 9, 247 D.), ein Schüler des unter Augustus lebenden Themison (Wellmann Die pneumatische Schule 7, 1), sowie Tryphon filius (VI 5, 225, 1; das Distinctiv pater setzt die Kenntnis des Tryphon filius voraus), der Lehrer des Scribonius Largus, der 47—48 seine Compositiones verfasste (Bücheler Rh. Mus. XXXVII 327). [1272] Der erste Schriftsteller, der ihn citiert, ist der Zeitgenosse des Seneca, Columella (I 1, 14. III 17, 4. IV 8, 1). Vgl. Kissel A. Cornelius Celsus. Erste Abteilung. Leben und Wirken des Celsus im allgemeinen. Giessen 1844. O. Jahn Berichte der sächs. Ges. der Wiss. 1850, 273f. M. Schanz Rh. Mus. XXXVI 362f. L. Schwabe Herm. XIX 385. Seine Encyklopädie zerfiel in 6 Teile:

1) Fünf Bücher über die Landwirtschaft (Col. I 1, 14: Cornelius totum corpus disciplinae [sc. rei rusticae] quinque libris complexus est). Er benützte in diesem Werke vor allem des Hyginus Schrift de agricultura, die ihm mit ihrem reichen doxographischen Material eine Fülle von Gelehrsamkeit bot (Col. IX 2, 1: venio nunc ad alveorum curam, de quibus neque diligentius quidquam praecipi potest quam ab Hygino iam dictum est nec ornatius quam Vergilio nec elegantius quam Celso ... Celsus utriusque memorati adhibuit modum; vgl. IX 14, 18), ferner den Iulius Atticus (Col. III 17, 4. IV 1, 1; vgl. Reitzenstein De scriptorum rei rusticae qui intercedunt inter Catonem et Columellam libris deperditis, Berl. Diss. 1884, 27), den Mago in der verkürzten Übersetzung des Dionysius-Diophanes (vermutlich durch Vermittlung des Hygin, Col. IV 10, 1 u. ö.), die Sasernae (Colum. III 17, 4) und Cato (Col. III 2, 31). Sein Werk ist wieder Hauptquelle für Columella und Plinius. Nach Reitzensteins Vermutung (a. a. O. 34) war der Stoff auf die einzelnen Bücher folgendermassen verteilt: Buch I de agrorum cultu; Buch II de vitibus et arboribus; Buch III de re pecuaria; Buch IV de villatica pastione; Buch V de apibus. Die namentlichen Fragmente bei Reitzenstein a. a. O. 55f. Vgl. Stadler Die Quellen des Plinius im 19. Buch der naturalis historia, Münch. Diss. 1891, 6f.

2) Acht Bücher über die Arzneiwissenschaft. Dies Werk ist inhaltlich und formell von unschätzbarem Werte; wie es für unsere Kenntnis der Medicin in der Alexandrinerzeit bis auf Asklepiades und die Anfänge der methodischen Schule, insbesondere der alexandrinischen Chirurgie neben Plinius, Soran und Galen die Hauptfundgrube ist, so bietet es uns in seiner einfachen, reinen, jedes rhetorischen Anstriches entbehrenden Sprache ein Muster der Schriftsprache jener Zeit (elegans Col. IX 2, 1). Celsus war kein berufsmässiger Arzt, ebensowenig wie Varro und Plinius. Sein Werk ist ein Ausdruck der Überzeugung seiner Zeit, die bald darauf mit viel mehr Nachdruck von den Pneumatikern verfochten wurde und schon vorher in den Disciplinarum libri des Varro ausgesprochen war, dass die Kenntnis der Medicin zur Allgemeinbildung, d. h. zu den für das praktische Leben notwendigen Dingen gehöre. Ich halte es deshalb für verkehrt, von einem eigenen medicinischen Standpunkte des Verfassers zu reden: sein Werk ist eine eklektische Compilation. Es beginnt Buch I mit einer Einleitung über die Geschichte der Medicin bis auf Themison, den Stifter der methodischen Schule (aus empirischer Quelle, da er der empirischen Schule eine vollständig selbständige Entwicklung zuweist), und mit Zugrundelegung der Dreiteilung der Medicin in Diätetik, Pharmacie und Chirurgie, die für sein Werk massgebend geworden, über die [1275] Geschichte der Diätetik, wobei er ausführlich die Gegensätze der rationalen, empirischen und dogmatischen Lehren behandelt (12, 32 steht seine eigene Meinung). Es folgen allgemeine diätetische Vorschriften für Gesunde und Kranke unter steter Berücksichtigung der Verschiedenheit des Körpers, des Geschlechts, des Alters und der Jahreszeiten. Buch II behandelt die Pathologie, zuerst allgemein den Einfluss der Jahreszeiten, Witterungsverhältnisse, Körperbeschaffenheit auf Erkrankungen, die guten und schlimmen Anzeichen einer Krankheit, dann speciell die Pathologie bestimmter Krankheiten. Mit c. 9 beginnt die allgemeine Therapie: das Aderlassen, Schröpfen, Abführen, Brechen, Reiben, die passive Bewegung des Körpers, das Fasten, das Hervorbringen von Schweiss, sowie die verschiedenen Wirkungen der Nahrungsmittel auf den menschlichen Körper werden behandelt. Buch III und IV umfassen die specielle Therapie der Krankheiten, Buch III die Therapie derjenigen, welche den ganzen Körper befallen, Buch IV die Behandlung der Krankheiten, welche von einzelnen Körperteilen aus ihren Ursprung nehmen. Buch V und VI behandeln die Arzneimittellehre mit einer kurzen Einleitung über die Geschichte der Pharmacie und die chirurgischen Krankheiten, Buch VII die chirurgische Therapie mit einer geschichtlichen Einleitung und Buch VIII die Knochenerkrankungen. Die Quellenanalyse des Celsus wird dadurch erschwert, dass die Werke seiner Vorgänger bis auf geringe Bruchstücke verloren gegangen sind. Sicher ist, dass er sich in seiner Chirurgie (Buch VII), dem wertvollsten Teile seiner Compilation, an die Lehren des alexandrinischen Arztes Claudius Philoxenos aus dem Ende des 1. Jhdts. v. Chr. angeschlossen hat (vgl. M. Wellmann Die pneumatische Schule 116f.). Das Charakteristische seiner Therapie beruht auf der Verbindung von hippokratischer, empirischer (besonders Herakleides von Tarent) und asklepiadeischer Doctrin; eine systematische Vergleichung mit den entsprechenden Partien des Soran (Caelius Aurelianus) führt vielleicht weiter. Asklepiades und Themison sind sicher viel häufiger benützt, als es nach den Citaten scheint. Vielleicht hat er für diese Partien den medicinischen Abschnitt der varronischen Encyklopädie benützt (vgl. M. Wellmann a. a. O. 25, 3. 55, 2). Für seine Pharmacie benützte er sicher eine Sammlung von Compositiones in der Art, wie sie der apokryphe Brief des C. Celsus an Pullius Natalis bei Marcellus Empiricus (20 H.) andeutet. Von Späteren ist er so gut wie gar nicht benützt; Plinius citiert ihn an drei Stellen (n. h. XX 29. XXI 176. XXVII 132), Marcellus Empiricus in der praefatio (1 H.); eine weitergehende Benützung der Medicin halte ich für ausgeschlossen. Die Hss. der Medicina gehen alle auf denselben Archetypus zurück, da sie dieselbe Lücke in Buch IV c. 27 aufweisen. Die Haupthss. sind: Cod. Vatic. 5951 (s. X), Cod. Paris, n. 7028 (s. XI) und Cod. Laur. 73, 1 (s. XI). Ausgaben: Edit. princ. Flor. 1478 und Mailand 1491. Die Reihe der neueren kritischen und erklärenden Ausgaben beginnt mit der von J. Almeloveen, Amsterdam 1687. 1713, Chr. Krause (Lips. 1766), L. Targa (Patav. 1769. Veron. 1810 mit einem Lexicon Cels.) und die durch Ruhnken besorgte, [1276] mit Bianconis Abhandlung versehene, Leiden 1785. Ritter und Albers, Köln 1835. Am bequemsten zu benützen die Ausgabe von Daremberg, Leipzig 1859. Übersetzung von B. Ritter, Stuttgart 1840.

3. Kriegswissenschaft (Quintil. XII 11, 24). Dieser Abschnitt war nach Veget. epit. r. milit. I 8 nur kurz behandelt. Vegetius nennt ihn unter seinen Quellen. Der Vermittler scheint der Jurist und Kriegsschriftsteller Tarrutenius Paternus (unter Marc Aurel) zu sein, vgl. M. Schanz Herm. XVI 137f. Die Monographie eines Celsus, ὁ Ῥωμαῖος τακτικός, über die gegen die Parther anzuwendende Kriegführung, die nicht wohl vor 63 n. Chr. geschrieben sein kann, wird von Ioh. Lyd. de magistr. I 47 erwähnt. Zweifel an der Urheberschaft unseres Celsus haben M. Schanz Rh. Mus. XXXVI 375 und Reitzenstein a. a. O. 31, 50 erhoben.

4. Rhetorik, vgl. Quintil. III 1, 21. XII 11, 24. Quintilian ist ihm nicht besonders gewogen und polemisiert des öfteren gegen ihn. Fragmente bei Kissel a. a. O. 160f.

5. Philosophie in 6 Büchern. August. de haeres. prol.: opiniones omnium philosophorum, qui sectas varias condiderunt, usque ad tempora sua (neque enim plus poterat) sex non parvis voluminibus quidam Celsus absolvit. Nec redarguit aliquem, sed tantum quid sentirent aperuit ea brevitate sermonis, ut tantum adhiberet eloquii, quantum rei nec laudandae nec vituperandae nec affirmandae aut defendendae, sed aperiendae iudicandaeque sufficeret, cum ferme centum philosophos nominasset ... Die Identität dieses Celsus mit dem Encyklopädiker ist von Schwabe Herm. XIX 385ff. erwiesen. Celsus beschränkte sich in diesem Abschnitt seines Werkes auf die blosse Zusammenstellung der Placita von ungefähr 100 Philosophen, ohne Kritik an ihnen zu üben, mit Benützung einer συναγωγὴ περὶ τῶν ἀρεσκόντων φιλοσόφοις. Vgl. Diels Doxogr. 183f. und dagegen M. Schanz Rh. Mus. a. a. Ο. 369f. Von diesen Placita sind zu trennen die von Quintilian (X 1, 124) erwähnten philosophischen Abhandlungen im Sinne der Sextier: scripsit non parum multa C. Celsus, Sextios secutus, non sine cultu et nitore (nicht Scepticos, wie S. Sepp will Pyrrh. Stud. 5, vor dessen Arbeit hiermit gewarnt sei).

6. Iurisprudenz. Die einzige Belegstelle dafür bei Quintil. XII 11, 24, vgl. Teuffel Röm. Litt.-Gesch. § 280. M. Schanz Geschichte der röm. Litteratur II 424f.

Nachträge und Berichtigungen

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82) (zu S. 1274, 38) Über die Benützung des C. in Plin. n. h. XVIII vgl. Reitzenstein Woch. f. klass. Philol. 1888, 591. Münzer Beitr. zur Quellenkritik der Naturgesch. des Plin. 55ff.