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Epistel-Postille (Wilhelm Löhe)
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Am fünften Sonntage nach dem Erscheinungsfeste.

Col. 3, 12–17.
12. So ziehet nun an, als die Auserwähleten Gottes, Heiligen und Geliebeten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demuth, Sanftmuth, Geduld; 13. Und vertrage einer den andern, und vergebet euch untereinander, so Jemand Klage hat wider den andern; gleichwie Christus euch vergeben hat, also auch ihr. 14. Ueber alles aber ziehet an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. 15. Und der Friede Gottes regiere in euren Herzen, zu welchem ihr auch berufen seid in Einem Leibe, und seid dankbar. 16. Laßet das Wort Christi unter euch reichlich wohnen, in aller Weisheit; lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen, und geistlichen lieblichen Liedern, und singet dem Herrn in eurem Herzen. 17. Und alles, was ihr thut mit Worten oder mit Werken, das thut alles in dem Namen des Herrn Jesu, und danket Gott und dem Vater durch Ihn.

 DAs heutige Evangelium ist genommen aus Matth. 13, 24–30. Es handelt vom Unkraut im Acker, von der Vermengung der Gotteskinder und Belialskinder in der Welt. Dagegen aber legt uns die Epistel eine herrliche Ermahnung des Apostels Paulus an die Colosser vor, von der man bei dem ersten Einblick wohl sagen könnte, sie handle vom Gegentheil des Evangeliums, sie sei nichts anders, als eine Anweisung der Gemeindeglieder von Colossä, sich gegenseitig zu erbauen, und gegenseitig zu erhalten für das ewige Leben. Bedenkt man nun aber, daß diejenigen, welche die Textwahl vorgenommen, und auf uns gebracht haben, weise Menschen waren, welche gewis nichts ohne Absicht thaten, so müßen wir uns dadurch angereizt fühlen, auch die Absicht der Zusammenstellung zweier von einander so sehr verschiedenen Texte aufzufinden; und da ergibt sich denn auch sehr leicht der Gedanke, welcher die Väter bei Wahl und Zusammenstellung geleitet haben kann. Wenn denn die Welt eine Mischung von Gottes- und Belialskindern ist, und der Feind der Seligkeit am allerliebsten unter die Saat des HErrn unseres Gottes seine Kinder einsät; so entsteht für die Kinder Gottes eine große Gefahr: das Böse steckt an, weil es in allen Menschen Raum hat, weil auch in den Kindern Gottes Empfänglichkeit dafür vorhanden ist. Kains Same hat die Kinder der Patriarchen verderbt; Hams Einfluß hat die Geschlechter Sem und Japhet durchdrungen. Der Sauerteig versäuert den süßen Teig, nicht versüßt der gute Teig den Sauerteig. Da haben also zu allen Zeiten die Kinder Gottes zu fürchten, daß sie vom Bösen verschlungen werden, und was wird also aus dieser Gefahr für Rath und Klugheit für sie hervorgehen? Ohne Zweifel kein andrer Rath, keine andre Klugheit, als sich selbst desto enger zusammenzudrängen, und sich desto emsiger und eifriger zu halten und zu tragen und zu erbauen auf dem gemeinsamen Grund ihres allerheiligsten Glaubens. Und gerade das ist es ja, wozu der Apostel im epistolischen Texte vermahnt, so daß man wohl den Zusammenhang und Sinn der beiden heutigen Texte in den Satz zusammenfaßen dürfte: Weil die Kirche Gottes mitten unter den Haufen der Belialskinder durch diese Welt zu gehen hat, so sollen sich ihre Glieder mit allem Ernste zusammenhalten und in treuer gegenseitiger Seelsorge dahin streben, daß sie unverletzt und ungetrennt bis zu den Pforten des ewigen Lebens gelangen.

 Was unsern Text selbst anlangt, so ist er außerordentlich schön. Es ist ein seliger Fortschritt von einem Hauptgedanken zu dem andern, von einem Mittel der gegenseitigen Erbauung zu dem andern. Zuerst werden im 12. und 13. Verse diejenigen Tugenden den Christen eingeprägt, welche zur heiligen| Vertragsamkeit zu rechnen sind. Die größte Gefahr ist, daß die Glieder Christi, und zwar eines des andern müde werden, und aus den Fugen gehe, was Gott in Christo Jesu vereint haben will. Darum muß diese erste Gefahr beseitigt werden, und die heilige Vertragsamkeit muß sich waffnen, ihr frommes Werk unter den Kindern Gottes zu thun. Weil aber Vertragsamkeit als bloße Frucht untergeordneterer Tugenden und Ursachen nicht gedacht werden darf, weil sie die Frucht der Liebe sein muß, dieser Erstgebornen unter allen Tugenden der Heiligen, so ermahnt St. Paulus im 14. Verse, wieder einmal, wie er so oft thut, zur Liebe. Und weil auch die Liebe, die Bruderliebe, ihren Boden haben muß, auf dem sie wächst, und dieser Boden kein andrer ist, als der Friede Christi, aus welchem alle Liebe der Heiligen erwächst, sintemal zur gegenseitigen Bruderliebe nicht gelangen können, die nicht zuvor Friede und Ruhe für ihre Seelen gefunden haben, so richtet der Apostel im 15. Verse in den Herzen der Colosser den Thron des Friedens auf. Vertragsamkeit, Liebe, Friede: diese drei sind nothwendig für die Kinder Gottes im Jammerthale der Welt, wenn sie mit einander ungehindert und ungemindert zu ihrem ewigen Ziele gelangen sollen. Damit aber die Pilgerfahrt recht im Schwange gehe, so muß es gehen wie in dem heiligen Land, wenn die Stämme hinauf zogen zum Fest in die heilige Stadt Jerusalem. Mit Gottes Wort, mit Gottes Lob und Dank, mit Lied, mit Sang und Klang zogen sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, bis Zion. Auf diese Weise wurde am leichtesten Ordnung, Liebe und Friede unterhalten. Ebenso ziehen auch wir zum himmlischen Jerusalem. Deshalb vermahnt der Apostel im 16. Verse zu aller Herrlichkeit der neutestamentlichen Gottesdienste, zu Gottes Wort und Weisheit, zu Lehre und Vermahnung, zu Lob und Dank, zu Sang und Klang, und bleibt dabei nicht alleine stehen, sondern will im 17. Verse, daß unser ganzes Leben ein Gottesdienst sei, unsre Worte und Werke vor aller Welt mit dem Namen und Bekenntnis Jesu, mit Dank zu Gott durch Ihn geschmückt seien. Vertragsamkeit, Liebe, Gottes Friede im Herzen, gesegnete Gottesdienste in der Gemeine, Jesu Name, Bekenntnis und Dank im gesammten Leben, das sind die fünf Mittel, welche St. Paulus den Colossern benennt, damit sie durch dieselben die Gefahr überwinden sollen, welche den Heiligen Gottes vom Einfluß der Belialskinder droht. – Wir sind nicht in minderer Gefahr als die Colosser: wohlan, so laßt uns desto eifriger dieselben Mittel gebrauchen, welche der Apostel den Colossern in die Hände gibt, und damit wir sie wohl gebrauchen, so laßt uns dieselben etwas genauer kennen lernen, indem wir unsern Text betrachten.
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 In unsrer Epistel, ja nicht blos in ihr, sondern überhaupt in unserm Textcapitel, tritt ein paulinischer Gedanke mächtig hervor; wir finden ihn in den Briefen Pauli öfter, haben ihn auch in den bisherigen Episteln des Kirchenjahres schon aufgezeigt, begegnen ihm aber besonders im heutigen Texte in seiner ganzen Schönheit. Der heilige Paulus sieht nemlich das Leben des alten Adam und das des neuen Menschen in ihrem vollen Gegensatze einander gegenüber. Mitten inne zwischen beiden sieht er den Geist des Christen, dem eine Macht gegeben ist über dies doppelte Leben, sich des einen, natürlichen, anklebenden, sündlichen zu entledigen; das andre, neue, heilige aber sich anzueignen. Zu beidem ermahnt er die Christen, und wählt für diese Ermahnung das schöne Gleichnis vom Kleide, das man aus- und anziehen kann. Den alten Menschen, den alten Adam soll man ausziehen wie ein altes Kleid, und wie man ein neues, glänzendes Feierkleid anzieht, so soll man den neuen Menschen, das neue heilige christliche Leben anziehen. Es ist damit die göttliche Macht des neuen Geistes prächtig beschrieben. Von Natur kannst du nichts Gutes, gar nichts; aber du bist getauft, da vermagst du alles durch Den, der dich mächtig macht, Christus. Du wirfst von dir die alten Lumpen deines natürlichen Lebens, einen nach dem andern, vom Hemd bis zum Mantel: welch eine Gewalt übst du über das Böse! Du nimmst an dich Stück für Stück die Kleider und Waffen des Lichtes, und wie ganz anders erscheinest du als zuvor: welch eine Macht übst du da über die geistlichen Schätze deines Gottes! Wahrlich eine doppelte Macht, die wir uns nicht zuschreiben dürften ohne Gottes Wort, die wir uns aber kraft des göttlichen Wortes nicht blos beilegen und üben dürfen, sondern auch sollen, und eine schwere Verantwortung haben, wenn wirs nicht thun. Es ist nicht Uebermuth, es ist Gehorsam, wenn wir also| walten. Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder; ob dich aber der Geist treibt oder nicht, das erkennt man an deiner Macht und Kraft, mit welcher du dich aus dem alten in das neue, heilige Leben begibst. Schon in den Versen vor unsrer Epistel hat der Apostel seinen schönen Lieblingsgedanken auszusprechen begonnen, und dieser sein Gedankengang reicht auch in unsre Epistel herein. „So ziehet nun an, sagt er, als die Auserwähleten Gottes, Heiligen und Geliebeten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demuth, Sanftmuth, Geduld, und vertrage einer den andern, und vergebet euch unter einander, so jemand Klage hat wider den andern; gleichwie Christus euch vergeben hat, also auch ihr.“ Alles, was der Apostel in diesen beiden eben angeführten Versen sagt, haben wir in einem Worte zusammengefaßt, welches, wie mir wenigstens scheint, die Mitte aller der Tugenden genannt werden könnte, welche hier erwähnt sind. Ihr kennet das Wort, da es bereits oben genannt ist, es ist Vertragsamkeit, die Tugend eines guten und segensreichen Auskommens mit den Brüdern. Das Wort selbst ist genommen aus dem 13. Verse, wo es heißt: „Vertrage einer den andern“. Dies Wort kann nichts, anderes meinen, als daß die Christen gegenseitig an einander das tragen sollen, was ihnen schwer wird an einander zu tragen. Es müßen nicht eben immer Fehler und Sünden sein, die dem einen am andern beschwerlich fallen; die verschiedenen eigenthümlichen Natürlichkeiten der Menschen begegnen sich oft mit Widerwillen und stoßen einander ab. Es gibt natürliche Antipathieen, für die man wenig Grund anzugeben hat, zu deren Begründung oft schon alles gesagt ist, was sich sagen läßt, wenn man spricht: Ich kann diese Art nicht vertragen. Diese Antipathieen sind oft so stark, daß die Menschen, welche sie gegen einander hegen, auch nicht mit einander in einen Himmel und in die Nachbarschaft desselbigen ewigen Vaterhauses wandern mögen. Da haben wir nun, meine lieben Brüder, ein Gebiet, auf welchem sich die Kraft des heiligen Geistes reich und mächtig erweisen muß. Ueber diese natürlichen Entfernungen der Seelen muß doch der neue Mensch Herr werden können; ja es darf nicht einmal von einer bloßen Beherrschung der Antipathieen die Rede sein, der Geist Jesu Christi muß mehr erreichen, er muß nah bringen können, was fern war, die widerwärtigen Gegensätze am Ende auch wohl zu angenehmen Verschiedenheiten umwandeln können, und in Liebe verbinden, die sich früher abstießen. Was in dem Worte „vertragen“ im Allgemeinen gesagt ist, das ist in dem benachbartesten Worte desselben Verses insonderheit auf die wirklichen Sünden und sittlichen Fehler bezogen, denn St. Paulus sagt: „Vergebet euch unter einander, so jemand Klage hat wider den andern; gleichwie Christus euch vergeben hat, also auch ihr.“ Es ist ein schönes Wort, welches hier im Griechischen steht; es schließt noch mehr ein als das deutsche vergeben und verzeihen; es ist ein größerer Ueberschwang der Liebe darin angedeutet. Es ist wie wenn ich sagen wollte: Wenn einer von euch am andern Tadel hat, so haltet es ihm zu gut, so begegnet ihm nicht mit der herben Strenge der Gerechtigkeit, sondern mit jener Huld und Güte, die ihr selbst von Christo erfahren habt, welche Christus Jesus in Anbetracht eurer Fehler und Sünden so unabläßig und reichlich erweisen muß. Dies freudige und willige Vergeben und Bedecken der Fehler scheint wie gesagt in die Vertragsamkeit eingeschloßen zu sein, und nur wie ein besonders wichtiger Theil des Ganzen hervorgehoben zu werden. Ebenso scheint es, als ob alle die Tugenden, welche im 12. Verse erwähnt sind, im Dienste der heiligen Vertragsamkeit stünden, wie wenn sie der heilige Apostel nur deshalb voraus erwähnte, weil ohne sie kein Vertragen und Verzeihen statthaben kann. Es sind dieser Tugenden zwei Paare, deren jedes in engem Zusammenschluße daher tritt, und auf die Paare folgt noch eine besondere einzelne Tugend. „Zieht an herzliches Erbarmen, Gütigkeit,“ das ist das erste Paar; „Demuth, Sanftmuth,“ das ist das zweite Paar. Die einzelne Tugend aber heißt „Langmuth“. Ein Herz voll Erbarmen und ein Benehmen voll Gütigkeit gehören zusammen, wie die Wurzel und die duftende Blüthe zu einem Gewächse gehören. Gütigkeit ohne erbarmungsvolles Herz ist unheimliche, grauenvolle Heuchelei, und ein erbarmungsvolles Herz ohne Gütigkeit ist der heilloseste Widerspruch, den es geben kann, eine umgekehrte Heuchelei, da man von innen süß ist, von außen sauer sieht. Die beiden dürfen sicherlich niemals auseinander gerißen werden, sie dürfen nur Hand in Hand erscheinen. Aehnlich ist es mit dem zweiten Paare: Demuth, Sanftmuth. Sanftmuth ohne Demuth ist Schlangenart oder Wolfesart im Schafskleide. Demuth aber ohne Sanftmuth ist ein| Anfang ohne Ende, eine abgebrochene Säule, nichts ganzes, schwer erkannt von andern, meist nicht erkannt, ein ingrimmiges sich selbst Verzehren und Aufreiben in der Erkenntnis des eignen Nichts, der eignen Sünde, die Art eines Herzens, das mit Gott und sich selber zürnt, und sich nicht demüthigen mag unter die Wahrheit und unter die gewaltige Hand Gottes, auf daß er sie erhöhe zu seiner Zeit. Milde Sanftmuth ist der wahrhaftigen Demuth natürliche Außenseite; nicht glaubt man an die Demuth, welche das friedliche gütige Licht der Sanftmuth nicht von sich gibt. Die letzte einzeln genannte Tugend in Vers 12 ist „Langmuth“, oder wie Luther übersetzt „Geduld“. Dies Wort benennt eine unerläßliche Eigenschaft der beiden angeführten Tugendpaare. Was ist Erbarmen und Güte, Demuth und Sanftmuth ohne Langmuth?! Eine Reue des Guten, ein Abfall vom rechten Vorsatz, ein Abweichen vom schmalen Wege, ein Bach, der erst die Felder gewäßert hat, dann aber überläuft und sie mit seinem Sande bedeckt, sein eigenes, schönes Werk verderbt, ein Spott der Tugend, die unvergänglich sein soll, durch Mangel an Langmuth aber um ihre Ewigkeit und um ihr Leben gebracht wird. Darum ruht wie unter der Schrift das Siegel, die letzte Tugend unterhalb des Lagers der beiden andern Tugendpaare; die fünf Tugenden aber alle mit einander sind Tugenden nicht für sich, nicht innere Vollendung ohne Bezug auf die Gemeinschaft, sondern sie sind lauter Tugenden des Verhaltens gegen andere und haben mit einander ihr Ziel und ihre heilige Absicht im Vertragen der Brüder, in der erbaulichen, segensreichen Arbeit einer Seele, die auf allen Tritten und Schritten ihres Gangs durchs irdische Jammerthal sich bewußt bleibt, daß sie niemand Aergernis geben dürfe, sondern zur Rettung möglichst vieler für das ewige Leben, Zeit und Kraft anzuspannen habe. Wer ein Leben in Vertragsamkeit und verzeihender Holdseligkeit gegen seine Brüder führen will, kann von den genannten Tugenden keine entbehren, sie alle sind Factoren des erwünschten heiligen Produktes, und des Lebenslaufes, von dem wir reden, den wir meinen, man kann sie Tugenden der heiligen Vertragsamkeit nennen. Nicht, daß sie gar keine andre Bedeutung, keinen andern Werth hätten, nicht, daß sie nur vorarbeitende Mächte der Vertragsamkeit wären, aber sie sind doch auch das, und es mehrt ihre Kronen, zu allem Guten mitzuhelfen; zumal hier in unserm Texte scheint es, als ob wir sie gar nicht anders faßen dürften. – Diese Tugenden alle sind es, welche in unserm Texte wie ein Kleid angeschaut werden, das man anziehen soll, und wahrlich, wer sich recht beobachtet, der findet, daß insonderheit sie immer in der Wahl des Menschen stehen, und am schwierigsten zu einer unüberwindlichen Gewohnheit der Seele werden. Neues Kleid, altes Kleid, zwischen beiden wählt man; ausziehn, anziehn, das heißt wählen. Wählen aber ist häufig ein Schwanken, bei welchem man nicht weiß, ob man das ob jenes nunmehr ergreifen wird. Da wiegt sich’s, da winkt und wankt es hin und her, wie wenn man auf einem losen Balken geht, und wenn du nicht sacht und grad und stille gehst, so wirst du unversehens im Schlamm des Bodens liegen, und das gehoffte Gelingen sich in bittres Leid verlieren. Daher entschließ dich, so lange du lebst in dieser Arbeit zu bleiben. Zieh’ aus, zieh’ an, wähle, triff immer aufs neue die rechte Wahl, übe immer die rechte Tugend, und laß dir Vertragen und holdseliges Verzeihen zum rechten heiligen Lebenszwecke werden. So erhält man sich, so erhält man, so viel es auf uns ankommt, das Heerdlein JEsu unter der wuchernden Saat des bösen Samens zum ewigen Leben.
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 Noch in strengem Zusammenhang mit den ersten Versen des Textes fährt der Apostel fort, und empfiehlt den Colossern die Liebe. „Ueber das alles aber, spricht er, ziehet an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.“ Zwar gebietet der Apostel schon im Anfang des Textes herzliches Erbarmen, Inbrunst der Barmherzigkeit; und die Barmherzigkeit ist doch selbst nichts anders als eine gewisse Art von Liebe, nemlich die Liebe zu denen, die unglücklich sind und leiden, die mitleidende Liebe. Indem aber hier die Barmherzigkeit von der Liebe gewissermaßen geschieden wird, außer der Barmherzigkeit und über dieselbe die Liebe angezogen werden soll, sind wir veranlaßt nach einem Unterschiede der beiden zu spüren. Ich denke, meine lieben Brüder, wir finden auch den Unterschied. Ganz offenbar will der Apostel Paulus in unsrer Stelle die Liebe über das Erbarmen stellen; er führt vom Erbarmen zur Liebe, wie von einer Stufe zu der andern. Und er hat Recht, meine Brüder. Er versteht unter der Liebe die Bruderliebe, während| man sich auch ganz wohl andrer als der Brüder erbarmen kann, und die Barmherzigkeit gegen die Brüder, die Kinder eines und desselben Vaters durch die Bruderliebe theils gesteigert, theils auch viel zarter und lauterer werden wird. In der Bruderliebe liegt eingeschloßen die Hochschätzung der gleichen Geburt aus dem Geiste eines und desselben Vaters. Wohlwollen, Neigung und Wallen der Herzen ist groß von wegen der engen Verwandtschaft, aber man kann nicht anders, man muß mit dem wallenden Herzen gegenseitige Werthschätzung verbinden wegen der gemeinschaftlichen Abkunft von dem allerhöchsten Vater. Wenn man zu allen denen im 12. und 13. Verse genannten Tugenden der heiligen Vertragsamkeit die Liebe hinzu fügt, so fügt man damit allerdings diese Tugenden selber zusammen, denn die Liebe ist ein Band, eine Verbindung, ein Zusammenhang aller Vollkommenheit. Alle einzelnen Tugenden, welche der heilige Geist im Menschen wirkt, sind wie kostbare Perlen, die aber unverbunden und lose da liegen vor den Augen des Beschauers und durch die Vereinzelung nicht blos leichter verloren gehen, sondern auch den schönen harmonischen Glanz nicht bekommen, welchen sie haben würden, wenn man sie verbände. Sie müßen zu einander in Beziehung und mit einander in Verbindung gebracht werden, damit aus ihnen allen die heilige, von Gott gewollte Vollkommenheit werde, welche wir in Christo Jesu schauen und von Ihm aus Gnaden erben sollen. Diese Vereinigung aber liegt in der Liebe; sie ist das Band, die Vereinigung aller Tugenden zu einer heiligen Vollkommenheit. Man nehme alle Tugenden, die im 12. und 13. Verse genannt sind, und versuche die Liebe von ihnen weg zu laßen, so bekommt man die Beschreibung des feinsten, aber auch des höchsten Maßes der Selbstsucht, einer Selbstsucht, welche eine Weile der Tugend sehr ähnlich sehen kann, dennoch aber dem Abgrund und der Hölle geweiht, wie aus ihr entstiegen ist. Dagegen aber reihe man alle die genannten Tugenden an die Bruderliebe wie an ein Band, so bekommt man die Beschreibung der edelsten Vollkommenheit. Erbarmen aus Bruderliebe, Freundlichkeit in brüderlicher Liebe, Demuth, Sanftmuth, Langmuth in Bruderliebe; sich vertragen und erbauen, gegenseitig vergeben und zu gute halten aus Bruderliebe, das gibt in der That eine Verbindung, ein Band, ein Diadem, eine Krone von Kleinodien und Perlen, über welche man schreiben kann: „Vollkommenheit“, christliche Vollendung, schönstes Maß der Tugend, und man könnte nur traurig werden, weil die Liebe, dies Band aller Tugenden zur Vollkommenheit oft so sehr fehlt, und dann eine heilige Tugend um die andere in so große Noth kommt, ja wohl Schiffbruch leidet. Da helfe Gott seiner pilgernden Schaar, welche hienieden durch des Teufels wuchernde Saatfelder zu wandern hat, sich in Liebe zusammenhalten und zum ersten Theil des Textes den zweiten fügen. So wächst dann schon die Hoffnung der Heerde, nicht zerstreut zu werden, sondern unter allen Gefahren aushalten zu können bis zum seligen Siege und Ziele.
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 Wir stehen beim dritten Theile der Epistel, der wörtlich also heißt: „Und der Friede Christi regiere in euren Herzen, zu welchem ihr auch berufen seid, in Einem Leibe.“ Schon das Bindewort „und“ zeigt uns, daß der Apostel noch ganz im Zusammenhang mit den vorigen Versen redet, daß er also noch immer zeigt, wie die Gemeinde Christi, als eine zusammengehörige und einige Schaar, durch die Hindernisse dieser Welt ihrem Ziele entgegen pilgern soll. Aus dieser Absicht aber ergibt sich, daß der Friede Christi oder Gottes, von welchem hier die Rede ist, und der in unsern Herzen herrschen soll, hier nicht wie in vielen andern Stellen als jene stille Ruhe zu faßen ist, die wir in den Wunden Jesu und in der Gewisheit der von ihm gestifteten Versöhnung finden. Wenn es auch im Grunde nicht einen mehrfachen Frieden geben kann, sondern der Friede des Christen immer nur einer ist, deshalb die Wurzeln alles Friedens in der Versöhnung liegen, so hat doch der Friede selber verschiedene Eigenschaften. Bald macht er uns stille ruhen, bald ist er eine süße vertrauensvolle Hingabe in die siegreichen Thaten und Leiden Christi zu unserm Heile, bald aber ist er ein schäftiger, mächtiger Friedensstifter, ein Ordner und Regierer in den Herzen und in der Gemeinde. In der letzteren Eigenschaft tritt er in dem Verse unseres Textes auf, an dem wir stehen. Es heißt ja: „Der Friede regiere in euren Herzen.“ Es ist hier ein seltenes Wort im Grundtexte gebraucht, ein Wort, welches in der heiligen Schrift nicht noch einmal vorkommt. Die Heiden hatten ihre größte Freude an Festspielen, bei welchen sich die verschiedensten Talente zeigen, ihre| Leistungen und Werke öffentlich ausstellen, nach Auszeichnung und Anerkennung ringen konnten. Bei diesen Festspielen gab es Kampfrichter, welche die Ordnung der Versammlung und der Spiele fest zu setzen und zu überwachen, die Leistungen der Kämpfer zu beurtheilen, die Preise zuzuerkennen, die Ansprüche der Kämpfer zu erwägen hatten. Sie waren für die Dauer des Festes und der Spiele die Regenten. Mit Beziehung auf diese Gewohnheit der Heiden, sagt nun der Apostel in unserm Texte, der Friede Christi solle Kampfrichter in den Herzen der Gläubigen und in der Gemeinde sein, er solle die Ordnung machen, nach der man zu leben, Ziel und Preis bestimmen, nach welchem man zu ringen habe. Wenn nun aber der Friede allezeit den Ausschlag geben soll, der Friede Christi, so ist es am Tage, daß es in den Herzen und Gemeinden der Gläubigen keine Unruhe, keinen Streit noch Krieg geben soll. Weil wir in Christo Jesu versöhnt sind mit dem ewigen Vater, und zwischen uns und ihm ein unerschütterlicher Friede aufgerichtet ist, so sollen wir alle Kinder des Friedens sein. Weil Friede ist im Himmel, soll auch Friede in unserm Herzen und im Leben sein. Wenn sich in uns ein Unfriede, ein Tumult der Leidenschaft erheben will, dann erinnert der Geist uns an den Frieden mit Gott, und weil mit Dem Friede ist, so muß sich der Tumult der Seele legen wie der wirre Nebel, wenn die Kraft der Sonne ihn niederdrückt. Es ist nicht nöthig, in irgend eine Unruhe zu kommen, seitdem Christus Friede gemacht hat zwischen uns und Seinem Vater. Der Gottesfriede schafft Herzensfrieden, eine stille Art der Seelen, da man schon um deswillen, daß die Seele eine ewige Sicherheit und ein ewiges Leben empfangen hat, keine Lust mehr fühlt, der Aufregung irgend einer Leidenschaft sich hinzugeben. So regiert dann im Herzen der Friede. Nicht minder soll er in der Gemeinde regieren. Der Apostel redet von der Gemeinde, wenn er sagt: „Wir seien zum Frieden berufen, in Einem Leibe“. Der Leib ist die Gemeinde. Alle Heiligen bilden Einen Leib. Der Leib aber ist ein friedenvolles Ganzes: nach Einem Gesetze des gemeinsamen Lebens thut ein jeder Theil und jedes Glied des Leibes sein Geschäft; jedes Glied dient dem andern, und dem Ganzen; und wenn ein jedes seine Schuldigkeit thut, ist dem ganzen Leibe wohl und alle Glieder haben Frieden. So ist die Kirche; so ist jede Gemeinde, denn jede Gemeinde trägt die Eigenschaften der ganzen Kirche. Eine Gemeinde sind wir nach Gottes heiligem Willen und Seiner gnädigen Vorsehung; so sind wir alle Glieder Eines Leibes, berufen zum gemeinsamen Besten zu arbeiten und uns ein- und unter zu ordnen mit unsrer Gabe und unsrer Leistung. Da soll weder Neid noch Streit regieren, sondern der Friede Christi. Weil Christus im Himmel Frieden gemacht hat, so sind alle Seine Schafe von der Ueberzeugung durchdrungen, daß auch unter ihnen auf Erden Frieden sein müße. Aus dem Allen gemeinsamen Frieden Gottes in Christo Jesu fließt die selige Eintracht und die süße Nöthigung des Geistes Gottes zu derselben; die Erinnerung an den, im Himmel gestifteten Frieden gibt den Ausschlag bei jeder Uneinigkeit, jedem Streit auf Erden. Wo sich Streit erhebt, zeigt der Friede Gottes, daß die Gemeinde zum Frieden berufen ist, und daß nur die Friedfertigen im Kampfe des Lebens zum verheißenen Ziel und Kleinod gelangen. Friedensgründe herrschen, Friedfertigkeit wird Zeichen der Gotteskinder. Wer einmal recht weiß, was für eine Ruhe er im Frieden Gottes hat, der hat und bekommt an ihm auch einen Meister seiner Werke, einen Regierer aller seiner Thaten. Da wird der Friede wie ein Cherub, der die Gemeine Gottes bei ihrem Gang durch die Rotten Belials bewahrt zum ewigen Leben.
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 Vertragsamkeit, Liebe, Friede: drei Stufen an der Leiter unseres Textes. Diese drei zeigen den Wandel des Christen im gewöhnlichen, alltäglichen Leben. Gegenüber demjenigen, was wir alle Tage in der Welt bemerken können, ist das allerdings schon eitel Seelensabbath und hohes feierliches Leben; aber im Vergleiche zu dem köstlichen Leben der Andacht, welches uns der Apostel von nun an in unsrem Texte zeigt, können wir doch den Inhalt der bereits betrachteten Textesverse wie Mühe und Arbeit des täglichen Lebens, den Inhalt der nun folgenden Verse aber wie ein heiliges, gottesdienstliches Leben, wie Sonntagsfeier und Festesfreude nehmen. Der 16. Vers unseres Textescapitels zusammen mit den letzten Worten des 15., zeigt uns das reiche, gottesdienstliche Leben der apostolischen Gemeinden. Aller Gottesdienst ist entweder Gottes Wort oder Auffaßung und Aneignung desselbigen, oder er ist Opferdienst, nicht daß wir Versöhnopfer brächten, was| Christus allein für uns alle gethan hat, sondern daß wir Dankopfer und Anbetung dem HErrn bringen, von welchem wir die Gabe Seines köstlichen Wortes empfangen. Entweder empfangen wir also und nehmen, oder wir geben. Gottes Wort nehmen wir, und wenn es in uns gewirkt hat, dann geben wir’s wieder in der Form unsres Opfers. So finden wir es auch in unserm Textesverse. Da lesen wir zuerst: „Laßet das Wort Christi reichlich unter euch wohnen“. Das Wort Christi ist doch gewis nichts anders, als das Wort, welches Christus geredet hat; sei es mittelbar durch seine heiligen Propheten im alten Testamente, sei es unmittelbar bei Seinem Wandel auf Erden. Die apostolischen Gemeinden lasen in ihren Versammlungen ohne Zweifel das mittelbare Wort Christi im alten Testamente; sein unmittelbares Wort wurde ihnen entweder von Aposteln erzählt, oder in deren allmählich heranwachsenden Evangelien und Episteln gelesen. Das sollte auch sein. Darum sagt der Apostel: „Das Wort Christi wohne unter euch reichlich“. Da haben wir also in den apostolischen Gemeinden bereits dieselbige Einrichtung wie bei uns. Auch wir kommen niemals zum Gottesdienste zusammen, ohne miteinander Gottes Wort zu lesen; es ist in den protestantischen Kirchen eine fast unerhörte Sache, daß man irgend zusammenkäme, ohne das Wort zu lesen. Ob wir allezeit und in allen Fällen die rechte Weisheit haben, Lectionen aus dem göttlichen Wort zu wählen und zu lesen, das ist eine andre Frage; aber gelesen wird, und das Wort Gottes wohnt reichlich in unsern Versammlungen. Es gibt wohl unter uns Menschen, die in dem Wahne leben, daß es nicht nöthig sei, in der Kirche so viel aus Gottes Wort vorzulesen. Weil jedermann die gedruckte Bibel hat, also selbst lesen kann, däucht es ihnen ganz unnöthig, in der Kirche so viel vorzulesen. Allein die ersten Christen lasen in ihren Häusern eifriger, als wir, die heiligen Schriften alten und neuen Testamentes. Es kostete mehr Fleiß und Geld und Mühe als jetzt, sich das Wort Gottes anzuschaffen, abschreiben zu laßen, oder abzuschreiben, aber die größere Schwierigkeit erweckte auch zu desto größerem Eifer, während die große Bequemlichkeit, die wir heutzutage bei Anschaffung des göttlichen Wortes genießen, tausend Vorwände zu veranlaßen pflegt, um deren willen wir das Wort Gottes nicht lesen. Weil wir es so leicht lesen können, deshalb gerade lesen wir es nicht; es scheint uns als kämen wir zu dieser Arbeit noch allezeit zeitig genug; würden daher auch die Lectionen in der Kirche verstummen, so würden manche, wo nicht gar die meisten unter uns, Jahre lang von Gottes Wort weder etwas sehen noch etwas hören. Schon deshalb kann man es eine gebieterische Nothwendigkeit nennen, das Wort Gottes ja recht reichlich unter uns, das ist in unsern Versammlungen, wohnen zu laßen. Ob wir es aber auch des Privatfleißes im Bibellesen halber nicht nöthig hätten, das Wort Gottes in den Versammlungen zu lesen, so ist doch gerade fleißigen Lesern das gemeinschaftliche Lesen oder lesen Hören eine große Süßigkeit und Seligkeit. Ein brennendes „Halleluja“ steigt nach der Epistel, ein anbetendes „Lob sei Dir, o Christe“ nach dem Evangelium von allen eifrigen Lesern zu Gott auf. Ueberdies aber ist das Lesen des göttlichen Wortes die Vorbedingung des zweiten Theiles unseres Textesverses, der uns sagt, daß wir in aller Weisheit einander lehren und zurechtweisen sollen. Zwar ist es bei uns nicht mehr wie in den ersten Gemeinden, wo unter Aufsicht und Leitung des göttlichen Hirtenamtes die verschiedenen Gemeindeglieder je nach ihrer Gabe redend auftreten und zur gemeinsamen Erbauung ihren Beitrag geben durften. Wir können einander nicht lehren, nicht zurecht weisen; nur einer spricht, die andern schweigen. Indes ist es auch offenbar, daß unsern Gemeinden die Gaben fehlen, welche in den ersten Zeiten reden machten. Wer hat gegenwärtig etwas zu reden, zu lehren, zu ermahnen, wen treibt Gottes Geist und Liebe dazu? Wie oft würde es bei uns gehen, wie in den Versammlungen der Quäker, da man auch oft unangesprochen wieder heimgeht, weil kein Anwesender den Trieb zu reden in sich findet! Wir sind gar arme Spätlinge, wir dürfen nur froh sein, wenn einer redet, wenn einer lehrt, wenn einer vermahnt, und wenn seine Lehre und Vermahnung in aller Weisheit geschieht und dem göttlichen Worte getreu ist. Obwohl ein jeder das Wort selbst lesen kann und soll, obschon es auch jeder hören kann und soll, so nimmt man sich doch tausendmal aus dem gelesenen und gehörten Worte die Lehre und Zurechtweisung nicht, die man sich nehmen könnte, sondern es bedarf einer eignen Gabe, der Gemeinde die Lehre und Zurechtweisung| zu zeigen und vorzulegen, die sie bedarf, eine eigne Weisheit, das Wort Gottes fruchtbar zu machen. Es kann sich auch niemand unterwinden Lehrer zu werden, ohne die Gabe zu haben; wo aber Gabe ist, Erlaubnis und Beruf zu lehren und zurecht zu weisen, da soll ja niemand die Gabe verachten, jedermann zuhorchen, und dem HErrn danken, der noch allezeit Haushalter über Seine Geheimnisse gibt, die aus dem Reichtum des göttlichen Wortes ihre Brüder speisen und tränken und kleiden, heilen und erhalten können zum ewigen Leben. Der die Schrift gegeben hat, der hat auch die Hirten und Lehrer, Lehre und Zurechtweisung gegeben, und Der gebe es nur ferner und laße mit Seinem Worte auch Lehre, Zurechtweisung oder Vermahnung reichlich unter uns wohnen. –
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 Zwei Theile des Gottesdienstes, das Wort Gottes und das treue Wort der Lehrer haben wir bereits in unserm Texte gefunden. Greifen wir über den 16. Vers hinauf in das Ende des 15., so finden wir dort die Worte: „und seid dankbar“. Diese Worte stehen mit dem 16. Verse in einer genaueren und innigeren Verbindung, als die deutsche Uebersetzung es möglich macht einzusehen, und an sie schließt sich der gesammte 16. Vers so innig an, daß man sogar auf den Gedanken kommen könnte, der gesammte Inhalt dieses Verses zeige die Art und Weise an, wie man den Dank beweisen solle, zu welchem der Apostel auffordert. Es scheint, wie wenn die Lehre und Zurechtweisung im Sinne der Danksagung geschehen solle, wie wenn die Psalmen und Hymnen und geistlichen Oden, von welchen die Rede ist, zum Zwecke der Danksagung gebraucht werden sollten. Ja bei der Erwähnung der Psalmen und Lobgesänge und geistlichen Oden findet sich ein Wort, welches in der lutherischen Uebersetzung zwar mit dem Ausdruck „lieblich“ wiedergegeben ist (denn Luther übersetzt ja: geistliche, liebliche Lieder), welches aber auch „Dank“ heißt, und von andern Uebersetzern auch geradezu mit „Dank“ gegeben wird, so daß die Stelle wörtlich lautet: „Singet in Dankbarkeit in euren Herzen Gotte mit Psalmen und Hymnen und geistlichen Oden.“ Mag nun aber auch das nicht sein, und die Danksagung in unsrer Stelle nicht so sehr vorherrschen, als wir so eben angenommen haben, ja mag man die ganze Stelle durch eine andere Setzung der Interpunktionszeichen ein wenig anders gestalten, wie es denn hie und da geschieht, das bleibt doch immer klar, daß Psalmen und Hymnen und Oden in den Gottesdiensten der ersten Kirche nach apostolischer Anordnung gebraucht wurden. Unter den Psalmen kann man nichts anderes verstehen, als die Psalmen Davids oder den Psalter, welcher von Anfang an in der Kirche als das edelste, ja von Gott selbst dargebotene Gesangbuch angesehen, gebraucht und geübt wurde. Die Hymnen und geistlichen Oden deuten darauf hin, daß schon in jenen Erstlingstagen der Kirche durch die Kraft des heiligen Geistes aus dem Herzen der Heiligen hervor eine himmlische Poesie erwuchs, die sich im Gesange von Hymnen und geistlichen Oden erwies. Wenn diese Hymnen und Oden auch nicht wie die Psalmen göttliche Eingebung hatten, so waren sie dennoch geistlich, nicht weltlich, süße Früchte des heiligen Geistes, der Herz und Sinnen der Kinder Gottes umgeändert hatte. Es gibt auch eine weltliche und natürliche Poesie, mit welcher aber die Kirche Gottes am wenigsten in ihrem gottesdienstlichen Leben etwas zu schaffen haben kann. Mag man ihr einen Werth zuschreiben, wie auch andern weltlichen und natürlichen Dingen, immerhin ist und bleibt sie geschieden von der Kirche Gottes, welche dagegen ihre eigne heilige Poesie hat und hegt und pflegt. Sie liebt über alles die Psalmen, sie liebt und pflegt auch die Hymnen und Oden. Die Hymnen sind Loblieder auf Gott, die Oden besingen andere Dinge, die im Reiche Gottes geliebt, geehrt, geachtet werden. Die Hymnen sprechen Gott an, die Oden reden von den Gütern des Hauses Gottes, besingen das Wort und Sacrament, den Frieden Jesu und Seine Freude, Sein Reich, deßen Ausbreitung und Glorie, die Tugenden der Heiligen und dergleichen mehr. Unsre Stelle zeigt, daß die ersten Christen in ihren Versammlungen, bei den Gesängen, die aus ihren Herzen strömten, nicht blos Gott lobten und Ihm dankten in den Hymnen, sondern daß sie auch in ihren Oden vor Gottes Angesicht Dank und Freude aussprachen für alle Güter des Hauses Gottes, daß sie, wie man auch übersetzen könnte, Gotte in ihrem Herzen in Dank und Freude sangen und besangen jede gute und vollkommene Gabe, die vom Vater des Lichtes herab kam. – Auch wir, meine lieben Brüder, brauchen Hymnen und Oden; je höher die Feier, desto mehr herrscht der Hymnus, der Lobgesang Gottes| und Seines Christus und Seines Geistes. Doch singen wir auch Oden, in Wahrheit geistliche, liebliche Lieder, besingen z. B. unsern Glauben, wenn wir anstimmen: „Es ist das Heil uns kommen her“, ermuntern uns zur Ergebung, wenn wir singen: „Befiehl du deine Wege“ u. s. w. Schade aber ist es, ja wahrlich sehr schade, und großen Verlust hat die Kirche, daß der Psalmengesang abgekommen ist, und bisher nur ganz dürftige Versuche gemacht worden sind, der Kirche ihr größtes und herrlichstes Gesangbuch, den Psalter, wieder in’s Herz und auf die Lippen zu geben. Es muß ja wohl auch wieder einmal anders werden. Psalm und Psalmentöne müßen nicht blos im Introitus des sonntäglichen Gottesdienstes, sondern in reicher ganzer Fülle wieder einkehren in das Haus des HErrn. Der Psalm in seiner Größe und Tiefe wird den Hymnus und die Ode wecken, und aus den von Gott eingegebenen Liedern zum Psalterspiele wird der rauschende Orgelton des Hymnus und die liebliche Weise der Ode wie neugeboren, frisch und jugendlich in immer neuen Gestaltungen in die Kirche eintreten.
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 Bei dieser Gelegenheit, meine lieben Brüder und Schwestern, Söhne und Töchter, wo uns des Apostels Worte an die heilige Poesie der Kirche erinnern, kann ich es fast nicht laßen, einen Blick auf die weltliche Poesie unsrer Tage zu werfen, und euch ein warnendes Wort zuzurufen. Ihr wißt, daß es eine ganze Fluth von weltlicher Poesie gibt, und daß auch Christen des Lobes und Preises derselben voll sind. Man redet von einer klassischen Literatur der Deutschen, welche jeder gebildete Mensch kennen solle und müße, und deren Kenntnis und Würdigung von einem jeden verlangt werden müße, der irgend eine Stellung in der Welt einnehmen wolle. Ich weiß nicht, meine Theuren, ob mir widerfahren ist, was ich zu bereuen habe. Ich bin in dem aufgewachsen, was man so oft die klassische Literatur der Deutschen nennt und habe von dem Kelche dieser Süßigkeiten in früheren Zeiten oftmals in langen Zügen getrunken. Vergnügen habe ich wohl daran gefunden, ob aber Förderung, das ist eine andere Frage. Als der Ernst des Lebens immer größer wurde, namentlich aber in den Jahren 1848 und 1849, verlor sich auch mein Vergnügen; fast nirgends fand ich in dieser hochgerühmten Literatur die Grundsätze der Kirche Gottes, allenthalben entweder pur Welt oder ein jammervolles Gemisch von Welt und Christentum, und je länger ich betrachtete und erwog, desto mehr mußte ich mich entschließen, mein altes Urtheil von der weltlichen Literatur und Poesie meines Vaterlandes theils zu beschränken, theils umzuwandeln oder aufzugeben. Die Literatur, die Poesie der römischen und griechischen Heiden konnte ich schätzen wie Naturproducte eines schönen Landes, wie schönste Früchte und Leistungen der Völker, die Gott ferne von den Testamenten der Verheißung ihre eigenen Wege gehen ließ. Dagegen die weltliche Literatur und Poesie der Deutschen in ihrer theils gänzlichen Entfernung von Christo JEsu, theils aber lauen und halben Zukehr, vermochte ich je länger je weniger zu loben, am allerwenigsten aber als Bildungsmittel unserer Jugend zu empfehlen. Ich habe auch als Seelsorger allezeit gefunden, daß eine vorzugsweise Beschäftigung mit solcher Literatur und Poesie sich mit einer wahrhaft geistlichen Gesinnung nicht vereint. Es gibt Lebensstufen, auf denen man sich noch nicht entschieden hat für Christum und Sein ewiges Heil und deshalb auch nach solcher Speise greift. Vielleicht muß da der Seelsorger sich gedulden, schonen und warten, um nicht den irrenden Geist der Jugend zu verbittern und nur desto tiefer in das Meer des weltlichen Wesens hineinzustoßen; aber loben, billigen, zur Lectüre und zum Gebrauche dieser Literatur ermuntern kann er nicht. Welt ist allenthalben Welt, und wer Christo angehören will, kann sich die Mühe ersparen, durch’s Dornenland zu Ihm zu gehen. Seine heilige Poesie, Seine Psalmen, Hymnen, Oden, dazu die wunderbare Schönheit Seiner Gottesdienste, die heilige Liturgie der Kirche, die alle Poesie der Welt übertrifft, geben auch denen, die nie ihr Ohr dem Lied und Sang der Welt zugewendet haben, eine Bildung, die für Erd und Himmel ausreicht. Ich weiß nichts höheres, nichts schöneres zu nennen, als die Gottesdienste meines Christus. Da werden alle Künste des Menschen einig zur Anbetung, da verklärt sich ihr Angesicht, da wird neu ihre Gestalt und ihre Stimme, da geben sie Gott die Ehre, und der HErr thut ihnen nach dem Spruche: „Wer Mich ehret, den will Ich wieder ehren“. Ich weiß, meine Freunde, daß ich mit diesem Worte nach dem Geschmacke auch vieler Christen nicht rede, und es hat in meinem Leben Zeiten gegeben, wo mich| das Urtheil solcher zurückhielt, meine innersten Gedanken zu sagen; aber ich empfinde je länger je mehr in mir die ernste Pflicht, die Scheidung zwischen Welt und Kirche durchgreifend und so zu lehren, daß diejenigen, die mir durch Gottes Vorsehung zuhören, ungeirrt von Welt und weltlichem Wesen, die grade Straße zum ewigen Leben finden und gehen können. Es heißt auch hier wie St. Paulus schreibt: „Die Welt ist mir gekreuzigt und ich der Welt.“

 Kehren wir von dieser Abschweifung zurück zum Schluße unseres Textes, er reiht sich ohnehin an die Abschweifung an und gibt uns einen Grund mehr an, um deswillen wir auch in Sachen der Literatur, der Kunst und Bildung bei der Kirche Gottes bleiben sollen. „Alles, sagt der Apostel, was ihr thut mit Worten oder Werken, das thut alles im Namen des HErrn JEsu, und danksaget Gott und dem Vater durch Ihn.“ Was ist nun da ausgenommen in unserm Leben, wenn St. Paulus ausdrücklich alles und jedes einschließt, jedes Wort und jedes Werk. Wenn alles und jedes im Namen JEsu geschehen soll und man Gott und dem Vater durch Ihn dabei danken muß, so darf doch nichts im Widerspruch mit dem heiligen Namen stehen, so kann man doch nichts zuläßig finden, wofür man Gott durch Christum nicht danken kann. Du thust eine Sünde, kannst du sie im Namen JEsu thun? Wie paßt die Anrufung des Allerheiligsten zu dem sündlichen Werke? Du genießest eine weltliche Freude, darfst du es wagen, Gott durch JEsum Christum dafür zu danken? Wird dein himmlischer Fürsprecher bei Seinem Vater deinen Dank vertreten, wenn du denselben für etwas aussprichst, deßen du dich vor Ihm schämen solltest? Es gibt wohl verweltlichte Christen genug, die es wagen, ihr Thun mit dem Namen JEsu zu schmücken, und dem HErrn für den Weltgenuß zu danken, welchen er in Hoffnung ihrer Reue und Beßerung wohl zugelaßen, aber niemals und nirgends gebilligt hat. Sie wollen mit frechem Muthwillen den HErrn zwingen, mit ihnen und ihrer Mischung zwischen Gut und Bös, zwischen Kirche und Welt zufrieden zu sein. Sie bemühen sich auf ihren verkehrten Wegen durch Anrufung des Namens JEsu und durch Niederlegung von Dankgebeten in die Hände des ewigen Hohenpriesters ihr schreiendes Gewißen zu stillen. Aber wie lange wird es ihnen gelingen, und wie lange werden sie es fortsetzen können, wenn sie sich nicht muthwillig gegen die beßere Stimme in ihrem Herzen verhärten wollen? Es geht ja nicht, daß ein Brunnen zugleich süß und bitter quille, daß ein Herz zugleich Gott und der Welt diene: Einfalt und Wahrheit fordern Scheidung. Um alles Thun und Reden mit dem Namen JEsu schmücken zu können, muß auch alles des HErrn JEsu würdig werden. Um für alles Gott durch JEsum danken zu können, muß alles, wofür wir danken, eine gute vollkommene Gabe vom Vater des Lichtes, und durch die Hände des gekreuzigten Erlösers vermittelt und dargeboten sein. Wenn wir die Worte des heiligen Paulus in unserm Textesverse erfüllen wollen, muß unser ganzes Leben zu einem Gottesdienste werden, würdig der heiligen Versammlungen, von denen im vorausgehenden Verse die Rede war. Daher kann man wohl sagen, daß in dem letzten Verse unseres Textes der Höhenpunkt der ganzen Epistel erstiegen werde, und wenn uns der ganze Text zeigt, wie die christliche Gemeinde wandeln müße, um im heiligen Vereine ungeirrt von Satans Saat und Verführung bis zu den Pforten des ewigen Lebens zu gelangen, so gibt uns ohne Zweifel das Ende des Textes den einen Punkt an, ohne welchen alle Bemühung zusammenfällt, alle Tugend umsonst ist, und aller Fleiß ohne Frucht. Das Leben muß seine Weihe haben, und über allen unsern Werken der Name JEsu glänzen und glänzen dürfen, Wort und That muß zum Bekenntnis des Gekreuzigten werden, und eben damit muß die Scheidung vollendet werden, die uns allen nöthig ist, wenn wir Gott angehören sollen und wollen.

 So geleite uns denn Vertragsamkeit, Liebe, Friede, der Segen unsrer Gottesdienste, die scheidende und erhaltende Macht unseres Bekenntnisses zu Christo in Wort und That, durch’s Leben. Hiedurch wird die Gemeinde schöner als der Mond am Himmel, und schrecklich wie Heeresspitzen; hiedurch geht sie wohl bewahrt und wohl behalten bis zu der ewigen Ruhe und Freude und Herrlichkeit der Auserwählten. Der HErr gebe uns was Ihm gefällt, und verleihe uns Zier und Wehr Seiner heiligen Kirche bis an’s Ende. Amen.




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