Durch Indien ins verschlossene Land Nepal/Hindufrauen und indische Ehen

Englands Regierungssitz in Indien Durch Indien ins verschlossene Land Nepal
von Kurt Boeck
Mein Eintritt in das verschlossene Land Nepal
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Frauen mit gedörrtem Kuhdünger zur Herstellung des Hochzeits-Freudenfeuers.

Sechzehntes Kapitel.
Hindufrauen und indische Ehen.

Europäer, die in Indien ihren Geschäften nachgehen oder dieses Land nur flüchtig bereist haben, lernen indische Frauen der besseren Stände so gut wie niemals kennen, ganz abgesehen davon, daß der in Indien lebende europäische Geschäftsmann durch Klima und Lebensweise selten noch Lust oder Spannkraft übrig behält, sich um die Eigenheiten des ihn umgebenden Volkes zu bekümmern, und nur wenige haben den Mut, gleich Dr. Hübbe-Schleiden[WS 1], dem ich manche Belehrung verdanke, auf die „Gesellschaft“ zu verzichten, um Indien durch die Indier kennen zu lernen. Auch ich muß gestehen, daß es mir nicht gleich bei meinem ersten Aufenthalt in Indien glückte, Hindufrauen vornehmer Kaste zu sehen und mir ein Urteil über sie zu bilden.

Es gibt eine ganze Anzahl wohlmeinender englischer Reformer und Missionare, männliche und weibliche, deren Streben darauf ausgeht, die Indier zu braunen Europäern oder farbigen Christen zu machen, die aber weder die Gabe noch den guten Willen haben, die indischen Eigentümlichkeiten objektiv zu schauen und zu schildern, sondern die alle indischen Erscheinungen theoretisch nach ihren europäischen Begriffen beurteilen. Derartigen einseitigen Berichten verdankt die zum Teil gewiß nicht unberechtigte Klage über das entsetzliche Los der indischen Frau, über die Brutalität der „Kinderehen“, die unfreiwilligen Witwenverbrennungen und dergleichen seinen Ursprung, und zeigt uns diese Schattenseite der indischen Kultur in etwas gar zu absichtsvoll gefärbtem Lichte; der Hauptgrundsatz dieser Kultur lautet, daß jeder gesunde Hindu die Pflicht hat, verheiratet zu sein, und daß die Eltern bemüht sein sollen, daß dies sobald wie irgend möglich, jedenfalls aber noch bei ihren Lebzeiten geschieht. Was bei uns freier Entschließung und eigener Wahl anheim gegeben ist, gilt bei den Hindus als eine für alle gleiche Verpflichtung [203] Viele Europäer in Indien sprechen von dem Frauen- und Eheleben der Hindus nie, ohne dabei über den angeblich zu Tage tretenden Fanatismus der Brahmanen und andere Greuel zu schelten, wobei sie allerdings von einer Anzahl von Hindus, die auf eine oder andere Weise für die englischen Anschauungen gewonnen sind, unterstützt werden; betrachtet man aber diese Verhältnisse ohne Voreingenommenheit, so sehen sie wesentlich anders aus.

Den Engländern in Indien gebührt zwar das Verdienst, sich bestrebt zu haben, den indischen Frauen durch Förderung des Missionsschulwesens und noch mehr durch Ausbildung und Einführung weiblicher Ärzte, sowie durch Verhinderung der Witwenverbrennungen Wohltaten zu erweisen. Diese können aber nicht eher als eine durchgreifende Verbesserung in dem Zustand der weiblichen Bevölkerung angesehen werden, als bis nicht das Pördasystem[WS 2], d. h. die mehr oder weniger vollständige Zurückhaltung der Frauen in den Gemächern der „Senana“[WS 3], von den Hindus wieder abgeschüttelt worden ist, da sie ebensowenig wie die Vielweiberei, die heutzutage bei brahminischen Hindus allerdings kaum noch vorkommt, der altindischen, d. h. arischen[WS 4], Kultur eigen gewesen ist, sondern von den Hindus den mohammedanischen Eindringlingen nachgeahmt wurde. Ganz im Gegensatz zu dem idealistischen Brahminentum ist aber der Islam eine sinnlich-materielle Religion, und sicherlich mögen die Mohammedaner Ursache gehabt haben, ihre den Sklaven gleich gerichteten Frauen argwöhnisch und eifersüchtig durch Pördas, d. h. Vorhänge, gegen die Blicke anderer Männer abzuschließen. Von den alten Hindus berichtet uns dagegen die Sanskritliteratur, daß sie der Frau unbegrenztes Vertrauen und eine ebenso hohe, geachtete Stellung einräumten, wie wir dies tun. Freilich mag auch die Besorgnis der Hindus vor den Lüsten der mohammedanischen Eroberer zum Verbergen der Frauen und zu möglichst frühzeitigem Versorgen der Mädchen mit einem Beschützer beigetragen haben.

Das eine steht jedenfalls fest: die häusliche Tüchtigkeit, die Selbstlosigkeit, Herzensbildung und Opferwilligkeit der Hindufrau ist über jedes Lob erhaben, und ihre Religiosität ist, wie dies bei ihrem reichen Gefühlsleben begreiflich ist, fast grenzenlos. Aber ebenso unzweifelhaft mangeln ihr auch wissenschaftliche Kenntnisse und durchgreifende Verstandesbildung, was wohl mit dem alten, möglicherweise durch die Brahmanen genährten Aberglauben zusammenhängt, daß viel Wissen einer Frau schade, ja sie sogar in Gefahr bringe, frühzeitig Witwe zu werden! Gemeint ist damit, daß die einer beträchtlichen Geistesbildung zugewendete Zeit und Mühe eine Vernachlässigung des materiellen Wohles der Familie und der Wohlfahrt und Pflege von dessen Oberhaupt zur Folge haben könne.

Vom Standpunkt eines Familienvaters aus, der sich so schaffenskräftig wie möglich betätigen muß und will, ist die freiwillige, unbedingte Unterordnung der indischen Frau ohne Frage keine geringe Wohltat. Mit kleinlichen häuslichen Sorgen und Ärgernissen, mit Streit und Zank darf ihm nicht genaht [204] werden, und keine Hindufrau erhebt gegen das Wort des Mannes irgend welchen Widerspruch; solange der Hausherr im Hause weilt, wagt keine weibliche Stimme sich darin laut vernehmen zu lassen. Erst wenn der Mann das Haus verlassen hat, dürfen die Frauen etwaige kleine Meinungsverschiedenheiten untereinander nach Gefallen zum Austrag bringen.

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Hindufrauen; das Kind wird rittlings auf der Hüfte getragen.

Die ungesunde patriarchalische Form der Gesamtfamilie, wo alle Nachkommen und jeder Zuwachs derselben, und wären es selbst hundert Familienangehörige, in demselben Hause beisammen wohnen bleiben, war ebenfalls dem alten Hindutume, das nur die Einzelfamilie kannte, durchaus fremd. Wenn aber diese naturwidrige Lebensweise nicht häufiger zu Unverträglichkeit und Trennung führt, so ist daran nur die gutartige Charakteranlage der Hindus, zumal der unendlich geduldigen, sanftmütigen und nachgiebigen Frauen schuld.

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Indisches Kindermädchen mit ihrem Gehilfen.

Die Hindufrau ist die verkörperte Weiblichkeit mit allen daraus entspringenden Vorzügen und Schwächen; sie ist ganz Zärtlichkeit, Hingebung und Güte, selbst in den arbeitenden, unteren Klassen, die der Reisende fast ausschließlich zu sehen bekommt und deren Vertreterinnen naturgemäß fast nie schön, sondern gewöhnlich unsagbar abgearbeitet aussehen, trotzdem aber auffallend graziös und gewandt erscheinen. Aus diesem Grunde kann man gar keine zärtlichere Kinderfrau finden als eine indische Aya[WS 5]. Die sorgenlos lebende Hindufrau dagegen, die über ausreichende Bedienung verfügt und ihre Körperschönheit pflegen kann, muß nach den wenigen Beispielen, die ich selbst zu sehen das seltene Glück hatte, von vollendetem Liebreiz sein. Schon in einer alten indischen Schöpfungssage werden die Vollkommenheiten und die Reize [205] einer indischen Frau, deren Gesamtheit sich der Hindu als Göttin Tilottama[WS 6] verkörpert vorstellt, überschwenglich gepriesen. Es heißt dort: „Als Parabrahma[WS 7], Schöpfer des Weltalls, die Frau erschaffen wollte, machte er die Wahrnehmung, daß er bei Erschaffung des Mannes sein gesamtes Material erschöpft hatte. Seine Bestürzung war groß, und er sann auf Ersatz. Er nahm die liebliche Rundung des Mondes, die wellenförmigen Linien und die Geschmeidigkeit des Schlangenkörpers, die graziösen Windungen der Schlingpflanze, das leichte Zittern des Grashalmes, die Schlankheit und Biegsamkeit der Weide, die sammetartige Weichheit der Blume, die Leichtigkeit der Feder, den sanften Blick der Taube, das Tändelnde, Scherzhafte des spielenden Sonnenstrahles, die Tränen der vorüberziehenden Wolke, die Unbeständigkeit des Windes, das Scheue des Hasen, die Eitelkeit des Pfaus, die Härte des Diamanten, das Süße des Honigs, die Grausamkeit des Tigers, die Glut des Feuers und die Kühle des Schnees, das Schwatzhafte des Papageis und das Girren der Turteltaube und das Einschmeichelnde, aber auch die Falschheit und Tücke der Katze. Alles dies mischte Parabrahma zusammen und formte daraus das Weib, das er dem Manne zur Gefährtin gab.“ Die Sage gipfelt dann etwas ungalant darin, daß der liebende Gatte in einem Augenblicke des Unmuts den Schöpfer bittet, ihn von seiner schönen Quälerin zu erlösen, bald darauf aber diese Bitte wieder zurücknimmt, um sie dann abermals vorzutragen; schließlich sieht er aber doch ein, daß es keinem Manne möglich sei, auf die Dauer ohne Frau glücklich zu leben.

Das in den Bardengesängen der Radschputen entstandene Urbild weiblicher Zärtlichkeit und Hingebung, die Fürstin Damajanti, und zahllose Dichterstellen zeigen, wie hoch die Indier die Frauen hielten, die vormals keineswegs so abgeschlossen wie heutzutage leben mußten; zu jener Zeit, als die Radschahhöfe noch Sitze ritterlicher und literarischer Unterhaltungen waren, wirkten die Frauen völlig uneingeschränkt in der Offentlichkeit. Der Fürst Dusmantha übertrug während seines Fernseins seiner klugen Mutter die Regierung, und die herrliche Brahmanentochter Sakuntala[WS 8] empfing und unterhielt die Freunde ihres Vaters an seiner Statt; selbst in den Gesetzbüchern Manus wird den Hindus die höchste Ehrfurcht vor ihrer Mutter gepredigt, allerdings stets in Verbindung mit einem Hinweis darauf, daß die natürlichen Gaben der Frau denen des Mannes nicht gleichkämen.

In der Gegenwart, wo die überwiegend große Mehrheit der Hindus zu einer politisch toten, gegen alle Wechselfälle gleichgültigen und deshalb auch im übrigen nicht sehr charaktervollen Masse heruntergesunken ist, macht sicherlich das Los ihrer Frauen mannigfache Verbesserungen wünschenswert. Aber es haben sich bereits Stimmen einsichtsvoller indischer Damen erhoben, in dieser durch Behramdschi Malabari und Pandita Ramabai[WS 9] eingeleiteten Frauenbewegung nicht allzu weit zu gehen und den Hindufrauen nicht ihre bisherige genügsame Zufriedenheit zu rauben. Bei dieser Belehrung der Indierinnen, wieviel reicher an Freiheit die Frauen anderer Völker sind, darf doch wohl [206] das Dichterwort nicht ganz vergessen werden: „Wenn der Beraubte nicht den Raub vermißt — sagst du’s ihm nicht, so ist er nicht bestohlen!“

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Junge Hindufrau vornehmer Kaste.

Der Ausgangspunkt der indischen Frauenfrage liegt in der sogenannten Kinderehe, die man viel richtiger eine unlösbare Verlobung nennen müßte, der natürlich erst in heiratsfähigem Alter die Vermählung zu folgen hat; allerdings tritt die kleine Zukunftsfrau alsbald in die Familie ihres Gatten ein, um dort von dessen Mutter vollends erzogen zu werden. Den vorzeitigen Vermählungen allzu junger Leute suchten schon seit geraumer Zeit indische Fürsten sogar durch Gefängnisstrafen vorzubeugen, ebenso Ehen zwischen alten Männern und jungen Mädchen. Das Streben der Reformatorinnen geht nun dahin, die feste Verlobung von Kindern abzuschaffen, vor allen Dingen aber für die Ausbildung der in jugendlichstem Alter zu Witwen gewordenen Mädchen Sorge zu tragen und sie vor der ebenso ungerechten wie unwürdigen Behandlung zu schützen, die im allgemeinen den Witwen und ganz besonders den noch kinderlosen widerfährt.

Die entsetzlichen Anschauungen der Hindus in Bezug auf die Schuld, die eine Witwe am Tode ihres Gatten trägt, indem dies Ereignis als eine Strafe für ihren sündhaften Lebenswandel in einer ihrer früheren irdischen Erscheinungsformen hingestellt wird, diese Irrlehren sind es, die mit allen Mitteln aufgeklärt werden müssen. Nicht minder nötig ist aber angesichts der grenzenlosen Unkenntnis und Gleichgültigkeit des Volkes in hygienischen Dingen eine gründliche sanitäre Fürsorge. In dieser Hinsicht haben sich bereits amerikanische und europäische weibliche Ärzte ihrer indischen Schwestern mit rührender Hingebung angenommen wobei sie, wie Mary Seelye[WS 10], häufig sogar Opfer der Überanstrengung wurden; auch haben Lady Dufferin und vor dieser bereits im Jahre 1866 Miß Carpenter[WS 11] unter hohen Protektorinnen große Fonds zusammengebracht, um Kliniken und Hospitäler für kranke indische Frauen zu errichten und Indierinnen mit ärztlichen Kenntnissen auszurüsten, solange die Senanas männlichen Ärzten verschlossen bleiben; da deren gewaltsames Eindringen, wie anläßlich der letzten Pestepidemie, ernsthafte Unruhen hervorzurufen vermag, sind Vereinigungen wie die Association for Supplying Femal Medical Aid to the Women of India gar nicht freudig genug zu begrüßen. Was in Indien an der Volksgesundheit bislang gefrevelt sein mag, ist gar nicht zu ermessen, da die eingeborenen Ärzte zumal bei chirurgischen Maßregeln unzureichend sind und weil die Indier im allgemeinen die fatalistische Überzeugung hegen, daß ärztliche Hilfe nutzlos sei, sobald sich die Lebenskraft nicht mehr selbst zu helfen vermag und Alter oder Schicksalsbestimmung den Tod des Erkrankten verlangen.

Anders aber verhält es sich mit den indischen Frauenrechtsbestrebungen auf sozialem Gebiete, die in ihren Forderungen fast so weit gehen, wie die bei uns zu Lande auftretenden. In erster Linie steht, wie gesagt, das Verlangen, die mit ehelicher Verbindung gleichbedeutende Verlobung ganz junger Leute vollständig aufhören zu lassen. Gewiß klingt es für unser Gehör furchtbar, [207] wenn es heißt, daß es bei der Zählung im Jahre 1891 noch etwa 4000 Witwen zwischen fünf und zehn Jahren und beinahe 1000 gab, die noch nicht einmal das fünfte Jahr erreicht hatten; man muß nämlich in Betracht zieht, wie übel dieses Geschick an den jungen Witwen geahndet wird, die ihren zukünftigen Gatten häufig kaum kennen gelernt haben und die keinen Begriff haben können, warum sie von allen Seiten als Fluchbeladene verachtet und mißhandelt werden, warum sie nicht mehr ihre schönen Kleider und Schmucksachen tragen dürfen und weshalb sie plötzlich abseits essen und hausen müssen. Asyle, wie das von Narasim Jynegar in Meisor[WS 12] zur Ausbildung jugendlicher Brahmanenwitwen zu Lehrerinnen unter indischer Leitung begründete, sind als praktische Hilfsversuche aus dieser Not um so mehr zu begrüßen, als die schier unausrottbare Pestseuche in Indien die Scharen der Witwen noch immer täglich vergrößert und weil eine Brahmanenwitwe lieber Tod und Schande erleidet, ehe sie in die von christlichen Missionaren geleiteten Lehranstalten eintritt. Aber auch hier müßte stets der Schwerpunkt in der Bekämpfung des gegen die Witwen herrschenden Vorurteils liegen, das aus Verachtung in Mitleid und Teilnahme gewandelt werden müßte.

Ich würde kaum wagen, meine Bedenken gegen eine plötzliche, bei der Allmacht der Kastengewohnheiten übrigens gar nicht so bald zu erwartende Abschaffung der Kinderehen offen auszusprechen, wenn nicht auch eine Indierin, Anandibai Dschoßi[WS 13], die nach gründlichen medizinischen Studien in Amerika bei der Heimkehr starb, so daß sie die ihr angebotene Oberarztstelle an einem indischen Frauenhospital nicht übernehmen konnte, zu derselben Überzeugung gelangt wäre. Die Anschauungen der Hindus über die Stellung und Aufgaben der Frau weichen doch zu sehr von den unserigen ab, als daß man ihnen ohne weiteres unsere Gewohnheiten einimpfen dürfte. Gerade in Amerika wird die kluge Anandibai Dschoßi wohl genug Beispiele gründlicher Frauenemanzipation und in reifem Alter geschlossener „Vernunft“heiraten beobachtet haben, um zu der Erkenntnis gelangt zu sein, daß sich ihre Landsleute bei dem jetzigen System nicht wesentlich übler befinden, besonders nachdem durch ein Gesetz die untere Jahresgrenze für die Vermählung vorläufig für Jünglinge auf 18 und für Mädchen auf 14, in neuester Zeit sogar auf 20 und 16 Jahre festgesetzt wurde.

Vom Verlobungstage an weiß die junge Indierin bereits, welches männliche Wesen für sie fortan den vornehmsten Inhalt ihres Denkens und Sorgens zu bilden hat, und die Qual einer Wahl bleibt ihr erspart; ebenso kommt der junge Mann gar nicht in die Lage, während seines Heranwachsens seine Gedanken auf ein anderes Mädchen zu richten, als auf das ihm von seinen Angehörigen unter sorgsamer Beihilfe von Freunden, Brahmanen und Heiratsvermittlern oder Gatakis[WS 14] auserwählte. Da diese stets aus völlig gleichen gesellschaftlichen Verhältnissen hervorgegangen ist, kennt und teilt sie die in der Familie des Gatten herrschenden Anschauungen und Gewohnheiten; frisch und unverdorben gehören die jungen Leute nunmehr nur sich an, ohne allerdings zuvor ihr Leben nach Kräften „genossen“ zu haben.

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Bei dem Grundgedanken der Hindukultur, daß kein gesunder Mensch unverheiratet sein dürfe und die Frau ausschließlich der ihr von der Natur verliehenen Bestimmung gerecht zu werden suchen müsse, worunter auch die Sorge für die Erhaltung des Gatten in dem denkbar leistungsfähigsten Zustand begriffen wird, und solange das Pördasystem nicht völlig fällt, scheint es für die Hindus kaum möglich, günstigere Eheresultate zu erzielen, als durch die dort jetzt übliche edlere Form einer Zuchtwahl. Im übrigen ist durch eine überaus leicht erreichbare Ehescheidung dafür gesorgt, daß unglückliche Ehen nicht zu bestehen brauchen, bezeichnenderweise wird diese Freiheit aber auffallend wenig in Anspruch genommen, ein Beleg mehr für die im ganzen überaus verträgliche Gutmütigkeit der Hindus; brutale Gatten werden unter ihnen aber gewiß ebensowenig ganz fehlen, wie unter anderen Völkern.

Es ist hier nicht der Platz, die Gedanken zu erörtern, die sich jeder Vaterlandsfreund über die schreckenerregende Entartung und den Verfall unserer eigenen Rasse und über die Wege machen muß, die zu einer Genesung und Wiedergeburt unserer Kulturmenschheit führen könnten. Das trostlose Bild unserer gegenwärtigen sozialen Zustände, die in unserer natur- und gesundheitswidrigen, nervenzerstörenden Lebensweise und nicht zum wenigsten in einem verderbten Geschlechtsleben ihren Grund haben, habe ich hier nicht zu entrollen. Auf die Erfüllung des utopischen Sehnsuchtstraumes Schopenhauers[WS 15], daß sich nur noch die edelmütigsten, an Körper und Geist gesundesten Männer mit auserlesenen Frauen, unter jauchzenden, neidlosen Glückwünschen der weniger von der Natur Gesegneten, vermählen dürften, um ein edleres Menschengeschlecht zu erzeugen, oder daß zum allerwenigsten auf dem Standesamte von dem jungen Paare neben dem Nachweise der Persönlichkeit eine ärztliche Bescheinigung völliger Gesundheit, sowohl der eigenen wie der elterlichen, verlangt werde, darauf vermag wohl niemand im Ernste zu hoffen; an die erbliche Belastung der Nachkommen wird in alle Ewigkeit weniger gedacht werden als an die Erbschaft. Aber man frage sich doch einmal ganz ernstlich, ob nicht ein indisches Mädchen, die einen noch nicht durch andere weibliche Zärtlichkeiten verwöhnten Gatten empfängt, und ob nicht ein junger Indier, dem von den Seinen mit grenzenloser Sorgfalt eine angemessene Gattin ausgewählt wurde, die dann ganz ausschließlich für ihn und sein häusliches Behagen auferzogen wird, ob solche Gatten ihre Tage nicht vielleicht innerlich glücklicher beschließen, als Leute, die sich nach allerlei „Verhältnissen“ durch die Zeitung oder beim Heiratsvermittler mit einer „passenden Partie“ versorgt haben.

Soweit ich das Leben indischer Frauen zu beobachten vermochte, habe ich nicht den Eindruck gewonnen, daß sie sich in dem engen Pflichtenkreis, der um sie gezogen wird, unglücklich fühlten. Wie oft bin ich im Dunkel der Nacht durch indische Dörfer und Vorstädte vor die offenen Hütten geschlichen, aber stets konnte ich mich weiden an den sich im Scheine des flackernden Herdfeuers abspielenden idyllischen Bildern, an harmlos-ruhigem, heiterem Familienglück, wobei die Hausfrau durchaus nicht etwa die Rolle einer gequälten Sklavin [209] spielte. Auch bei uns zu Lande muß eine Frau, wenn die Mittel nicht ausreichende Dienerschaft erlauben, im Hause ebenso herzhaft schaffen und zugreifen wie die indische, und die zartfühlende Behandlung seitens der Herren Gatten mag wohl dabei auch manchmal einiges zu wünschen übrig lassen. Ich bin vollkommen überzeugt, daß unter den indischen Ehen nicht weniger glückliche sind als bei uns, wo Mann und Frau häufig einander erst nach der Hochzeitsreise näher kennen lernen.

Einzelhaushalt an Stelle der Gesamtfamilien, Zwanglosigkeit im öffentlichen Verkehr für die Frauen, Veredelung der Volksanschauungen in Bezug auf die Verwitwung, das also sind die nächstliegenden Forderungen, deren Erfüllung alsbald alles in zweiter Linie Wünschenswerte mit sich bringen wird.[WS 16]

Die einstmals übliche Verbrennung von Witwen mit dem Leichnam des Gatten, die viel dazu beigetragen hat, dem Worte Indien einen Anklang des Unheimlichen zu geben, verdient ebenso wie die Einrichtung der Kinderehe unter Beachtung der besonderen indischen Verhältnisse geprüft zu werden. Diese Selbstopferungen kamen im Verhältnis zu der riesigen Einwohnerschaft Indiens niemals in beträchtlicher Zahl vor und wurden erst etwas häufiger, als die Engländer im Jahre 1815 versuchten, ihre Ausführung durch Polizeivorschriften zu erschweren; hierdurch wurde aber nur ein gewisser idealistischer Trotz unter den Hindus wachgerufen, so daß die Zahl der jährlichen Witwenverbrennungen bis zum Jahre 1828 jählings auf 300 und sogar auf 800 gestiegen sein soll, wodurch der Generalgouverneur Lord Bentinck sich genötigt sah, sie plötzlich und vollständig zu verbieten; zur allgemeinen Überraschung wurde dies völlige Verbot ruhig befolgt, ohne daß die befürchteten Unruhen zum Ausbruch kamen.

Vielfach wird den Brahmanen die Schuld zugeschoben, durch gefälschte Auslegung eines Rig-Weda-Verses[WS 17], der sich auf die Teilnahme der Witwen an der Verbrennungszeremonie für den verstorbenen Gatten bezieht, die Witwen förmlich zur Selbstverbrennung gezwungen zu haben; diese Anschauung widerspricht aber durchaus dem Geiste des Hindutums, das viel zu feinfühlig für so brutale Zwangsmaßregeln ist, ebenso wie ein Fanatismus dieser Art den Brahmanen vollständig fernliegt. Die von einzelnen Reisenden berichteten Fälle von angewendeter Gewalt beziehen sich vermutlich auf die Witwen mohammedanischer Despoten, und sehr wahrscheinlich ist es auch, daß die Brahmanen in jener Weda-Stelle[WS 18] statt agre = zuerst agneh = Feuer gelesen haben, um daraus einen Trostgrund für diejenigen Witwen zu bilden, die durch das Gefühl nunmehrigen Verlassenseins, sowie durch Abscheu und Furcht vor dem kläglichen Witwenlos zum Selbstmordentschluß getrieben waren, von dem sie sich durch keine Überredung zurückbringen ließen. Im Grunde sind diese Witwenverbrennungen jedoch nichts anderes, als eine Fortsetzung der Gewohnheit der Frauen der alten Indo-Arier, die beim Untergang ihrer in der Schlacht gefallenen Gatten das Lager in Brand setzten und sich in die Flammen stürzten, um nicht in die Hände der Sieger zu fallen. Auch mag [210] wohl die mythologische Sage von solchem Selbstopfer der Göttin Kali zur Nacheiferung angespornt haben und nicht minder die Bewunderung, die eine derartige Tat stets hervorrief, sowie die Ehrungen durch Denksteine in Gestalt der Fußabdrücke, die einer auf diesem Weg sich selbst vernichtenden Witwe oder Sati gesetzt wurden. Die entsündigende Macht, die einer liebevollen und mutigen Sati in der Purana zugeschrieben wird, mag schließlich ebenfalls zu dieser Art des Selbstmords getrieben haben, denn in dieser Schrift wird geradezu behauptet, daß eine Sati durch ihr Selbstopfer den Geist ihres Gatten von allen Strafen für seine Sünden erlöst, wären diese auch die denkbar entsetzlichsten gewesen; selbst die Tötung eines Brahmanen könnte dadurch gesühnt werden!

Daß sich die Fälle der Wiederverheiratung von Witwen zu mehren scheinen, ist neuerdings in den indischen Tageszeitungen mit Genugtuung festgestellt worden, was einen offenbaren Wandel in diesen Anschauungen bekundet. Befremdlich für uns ist dabei jedoch die Sitte, daß die Vermählte dann alle Geschenke, die sie von dem früheren Gatten erhalten hat, an dessen Familie überliefert, ebenso wie die jener Ehe entsprossenen Kinder.

Eine der wichtigsten Kultusbestimmungen des Hindutums verlangt, daß die Zeremonien bei und nach dem Begräbnis eines Hindu von einem Sohne vollzogen werden, und niemals vermag ein weibliches Wesen die Seelen der Eltern durch das Totenopfer Sraddha[WS 19] aus der Hölle zu erlösen; daß diese Anschauung auch in dem Kadisch[WS 20] der Hebräer geteilt wurde, ist ebenso auffällig wie andere Ähnlichkeiten in den Ritualen der Rabbiner und Brahmanen. Dieser Bestimmung entsprechend gibt es kein Hinduehepaar, das nicht vor allen Dingen einen männlichen Sprößling ersehnte. Die Geburt eines Töchterchens wird erst in zweiter Linie gern gesehen, für den Fall aber, daß die Familie von hoher Kaste ist, sich jedoch in dürftigen Verhältnissen befindet, wird sie sogar als ein wahres Unglück empfunden. Die dem Kastenrang entsprechende Ausstattung und die ebenfalls von den Eltern der Braut zu tragenden unsinnig hohen Kosten der Hochzeit vernichten häufig den geringen Wohlstand der Familie vollständig, da bei derselben unmäßige Geschenke an die Freunde und Brahmanen verabfolgt werden müssen, wofür erst neuerdings gesetzmäßige Grenzen gezogen wurden. Verspricht überdies das neugeborene Kind ein schwächliches oder gar verkrüppeltes Mädchen zu werden, so ist es gar kein Wunder, daß die besonders bei den Radschputen übliche Tötung neugeborener Mädchen bis in die neueste Zeit ohne Schuldbewußtsein im Schwange blieb und auch wohl jetzt noch durch Nahrungsentziehung erzielt wird. Ebenso mag gar mancher angebliche Tod durch „Schlangenbiß“ in Wirklichkeit durch einen Nadelstich oder etwas Opium bewirkt worden sein, denn merkwürdigerweise ist es in Indien bei Todesfällen durch den Biß giftiger Schlangen nicht überall erforderlich, den Leichnam, wie dies sonst üblich ist, durch den nächsten Bezirksbeamten begutachten zu lassen; die fabelhaften Ziffern der als Todesursachen angegebenen Schlangenbisse mögen wohl vielfach aus anderen Gründen diese Höhe erreichen.[WS 21]

[211] Es wäre mir frivol erschienen, wenn ich die uns seltsam, häufig sogar komisch anmutenden Gebräuche der Hindus anläßlich der für die Familie wichtigsten Ereignisse erwähnt hätte, ohne die dabei zu Grunde liegenden Anschauungen vorausgeschickt zu haben.

In der Tat kann die Art und Weise, wie die neugeborene kleine Indierin beim Erwachen zum Dasein begrüßt wird, selten dazu beitragen, das Selbstgefühl und die Ansprüche der anderen weiblichen Familienmitglieder zu heben. Wenn auch die Behauptung ganz entschieden eine Übertreibung ist, daß den Töchtern einer Hindufamilie ihr Dasein unausgesetzt verbittert oder wie ein Vergehen vorgeworfen zu werden pflegt, so wird doch die Geburt eines Sohnes, namentlich des ersten, begreiflicherweise mit weit mehr Freude und Jubel gefeiert, ja man kann sogar sagen: ausposaunt, als die eines Mädchens; alle Mitglieder einer Gesamtfamilie beeilen sich, mit Hilfe laut kreischender Opferhornmuscheln oder anderer klangvoller Geräte, an denen ja wegen der Benutzung bronzener Küchengeschirre im Hinduhaushalt kein Mangel herrscht, ihren getreuen Freunden und guten Nachbarn das erwünschte Ereignis in die Ohren zu schmettern, wobei sie gewiß sein können, auf allen Seiten ein teilnahmsvolles Echo zu finden. Wenn man in solchen Augenblicken ein Hindudorf betritt, könnte man an eine allgemeine Besessenheit glauben, so lebhaft ist dieser Tumult!

Ganz im Gegensatz dazu vollzieht sich der Eintritt eines Mädchens in das Leben, um nicht zu sagen in das irdische Jammertal, so geräuschlos wie möglich; diese Stille entspricht ganz und gar dem Verhalten, das in Indien von einem weiblichen Wesen ihr ganzes Leben lang als selbstverständlich und naturgemäß gefordert wird, da man ein Weib so wenig wie möglich gewahr werden soll und dies möglichst unbeachtet und still seine Pflichten zu erfüllen hat. Je nach der Vermögenslage mag die Behandlung recht verschieden ausfallen, doch habe ich viel häufiger einen liebevollen Umgangston als eine tyrannische Betonung des dienenden Verhältnisses beobachtet, das die Hindukultur der Frau dem Manne gegenüber aufladet. Bei den oberen Klassen wird dieser Ton sicherlich noch wesentlich liebenswürdiger klingen, als bei dem niederen Volke, dessen Treiben der Fremde allein zu beobachten vermag; wenn er einige Behutsamkeit aufwendet, kann er dabei häufig sehr drollige und anmutige Familienszenen belauschen.

Es ist freilich eine Tatsache, daß als Kinder gewöhnlich nur Söhne gezählt werden, und daß in vielen Teilen Indiens Töchter nicht einmal erbberechtigt sind; ein sonderbarer Brauch bringt es im Pendschab[WS 22] sogar mit sich, daß der Vater bei der Nachricht von der Geburt eines Mädchens mit einem Stock gegen einen leeren Korb zu schlagen und auf teilnehmende Fragen, ob ihm ein Kind geboren sei, mit nein zu antworten pflegt. Selbst die Mutter des Kindes muß manchmal die getäuschte Hoffnung der Familie auf männliche Nachkommenschaft durch Vernachlässigung büßen, während mit ihr und ihrem Sprößling, falls dies ein Bube ist, wahre Abgötterei getrieben wird. Die Dasturi[WS 23], die althergebrachte Sitte, erlaubt dem Vater jedoch nicht, das neugeborene Söhnlein [212] unmittelbar zu betrachten, sondern nur als Spiegelbild; zu diesem Zwecke hebt die Schwiegermutter den kleinen nackten Burschen hinter der Schulter des in gebeugter Haltung sitzenden Vaters in die Höhe, so daß dieser ihn zum ersten Male auf einer vor ihm stehenden flachen, mit geschmolzener Kuhbutter gefüllten, blankpolierten Metallschüssel erblickt, in die auch bei der Vermählung gleichzeitig Strahlen von Milch und zerlassener Butter durch einen goldenen Ring hineingegossen wurden.

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Jugendliches Radschputen-Ehepaar im Hochzeitsschmucke
mit den nächsten Verwandten.

Ich erwähnte bereits im elften Kapitel, daß ich in Dschodpur gerade während der festlichen Woche weilte, in der sämtliche Hochzeiten des Jahres gefeiert wurden, so daß die an und für sich so seltsame Radschputenstadt in einem wahren Freudentaumel schwamm. Ich muß es bei der starken vorurteilsvollen Abneigung sowohl gegen Europäer, wie gegen das für die Hindus sehr unbehagliche Photographiertwerden als eine Art von Wunder betrachten, daß es mir glückte, eine der zahlreichen durch die Stadt ziehenden Hochzeitsgesellschaften auf die Platte zu bringen. Die Stellungen der meisten Familienmitglieder lassen deutlich erkennen, wie widerwillig sie meiner Bitte und dem guten Zureden des mich begleitenden Staatsbeamten willfahrten, dieses Bild von ihnen zu machen; fast könnte es sogar scheinen, als ob die Brautmutter, die neben ihrer, man möchte sagen hermetisch verschleierten Tochter kauert, die Faust drohend ballt, um ihrer Besorgnis vor dem bösen Blick des aus dem Apparat hervorlugenden blanken Objektivauges Ausdruck zu geben; auch der junge Gatte sieht dem großen Augenblick der Aufnahme mit merklichem Unbehagen entgegen. Viel Vergnügen machte es mir aber zu sehen, wie sich die andere am Fuße des Bildes kauernde Schwiegermutter zwar pflichtschuldigst verschleierte und sogar noch die Hand vor das Gesicht hielt, dabei aber doch nicht umhin konnte, ein bißchen durch die Finger zu gucken, um ja nichts von meinem Gebaren zu übersehen.

Wie überall im Leben und Wesen der Hindus, spielen auch bei der Hochzeit Sinnbilder und Gleichnisse eine hervorragende Rolle. Es erscheint uns kindlich, daß in dem Hochzeitsfestzuge wohlhabender Hindus zahlreiche Modelle von Häusern, Pferden, Wagen und sonstiger wie Spielzeug aussehender Dinge einhergetragen werden, doch sollen diese Symbole nur gute Wünsche für Reichtum und Besitzvermehrung ausdrücken; auch die mit einer Schnur umwickelte Kokosnuß, die der Bräutigam während des Umzuges in der Hand tragen muß, ist uns erst verständlich, wenn wir sie gleich den Hindus als Symbol der Fruchtbarkeit und Segensfülle betrachten. Diese Kokosnuß ist das nie fehlende erste Geschenk des Vaters der Braut an den Bräutigam, dem die anderen: Stoffe, Goldmünzen, Pferde und sonstige Haushaltsbedürfnisse je nach Vermögen folgen, während der Vater des Bräutigams sich auf Übersendung von Schmucksachen, Rohrzucker und Opium an die Familie der Braut zu beschränken pflegt; Die Kokosnuß ist bei der Verlobungsfeier mit einer Schnur umwickelt, die so viel Knoten aufweist, als voraussichtlich noch Wochen verfließen, bis die tatsächliche Vermählung des jungen Paares stattfinden kann.

[213] Die eine Hochzeit begleitenden zahllosen, tagelang dauernden Förmlichkeiten müssen uns schneller Lebenden ebenso wie die dabei abgesungenen Lieder ungemein ermüdend erscheinen; der Hindu dagegen versenkt sich mit vollster Aufmerksamkeit in alle diese Vorgänge und kann seinerseits die große Eilfertigkeit nicht begreifen, mit der Europäer die wichtigste Handlung ihres Lebens vollziehen.

Bereits mehrere Tage vor dem Hochzeitsfeste werden sämtliche Fußböden des Hochzeitshauses mit einem neuen Estrich aus Lehm und gedörrtem Kuhdünger gepflastert und mit Asche von verbranntem Kuhdünger bestäubt; dann wird in der Mitte des Innenhofes der festliche Scheiterhaufen aus Scheiben von getrocknetem Kuhdünger aufgehäuft, dessen Glut während der Feierlichkeiten nicht erlöschen darf. Während der Hausbrahmane ihn in Brand steckt und die Gottheit in Puranastrophen preist und anruft, stimmen die Frauen die Hochzeitsgesänge an; in diesem Augenblicke werden in den meisten Gegenden Indiens Braut und Bräutigam von ihren Angehörigen in abgesonderten Räumen unter Aufwand besonderer Zärtlichkeit mit Kokosöl eingerieben, um dann auf dem Festplatz zu erscheinen, wobei ihnen die beiden Mütter des jungen Paares voran gehen, die Hand in Hand das Opferfeuer umschreiten. Mit besonderer Feierlichkeit malt nunmehr der Brahmane dem Bräutigam das seiner Sekte zukommende religiöse Tilakzeichen auf die Stirne, während der Braut von ihren Eltern etwas Öl aufs Haupt geträufelt wird, und dann pflegt eine kurze Prüfung der von den jungen Leuten bereits erworbenen Kenntnisse und Ansichten zu folgen, bevor die weiteren Zeremonien stattfinden.

Ganz besonders wird in Bengalen auf die wissenschaftliche Bildung des Bräutigams Wert gelegt, und der Vater eines Sohnes, der ein Universitätsexamen bestanden und einen akademischen Gradtitel errungen hat, darf hinsichtlich der Eigenschaften und Ausstattung der Schwiegertochter ganz besonders hohe Ansprüche stellen, obgleich reiche Väter es sich nicht nehmen lassen, für ihre Söhne die Hochzeitskosten zu bezahlen, die oft mehr als ein Lakh[WS 24] Rupies d. h. mehr als 200.000 Mark betragen; früher wurde sogar seitens bengalischer Familien ein wahrer Wetteifer entwickelt, sich hierbei an Aufwand zu überbieten. Die zunehmende allgemeine Armut hat auch den Prunk bei den Hochzeitsfeierlichkeiten auffallend verringert, und ist dies nicht, wie oft geglaubt wird, ein Verdienst der Regierungsvorschriften, durch die für alle an die Brahmanen und Beamten zu zahlenden Gebühren eine bestimmte Taxe festgesetzt wurde.

Die bei uns herrschenden Ansichten über die indische Ehe würdigen selten genügend die große Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, die von vermögenden Eltern aufgewendet wird, um für ihre Töchter nicht nur angesehene und tüchtige, sondern auch mit körperlichen Vorzügen gesegnete Gatten zu bekommen; in Kalkutta sind zahlreiche Fälle bekannt, wo von den Angehörigen des Mädchens die durch Heiratsvermittlerinnen vorgeschlagenen Kandidaten zurückgewiesen [214] wurden, deren Vermögenslage und Stellung zwar nichts zu wünschen übrig ließ, deren physische Eigenschaften aber nicht danach angetan schienen, die Braut zu einer glücklichen Frau zu machen. Um derartige Körbe weniger empfindlich klingen zu lassen, wissen die Astrologen dann in den Horoskopen der Beteiligten irgend welche Gründe zu finden, die ein Zustandekommen der Ehe widerraten. Sehr bemerkenswert ist auch die Tatsache, daß in Bengalen der Einfluß der Kaste neuerdings nicht mehr eine so überwiegende und unerschütterliche Bedeutung hat wie früher; in der Radschputana ist dies aber auch heute noch der Fall, und der Vater eines Mädchens verliert dort stets seinen Kastenrang, wenn es den Sohn eines Mannes von niederer Kaste ehelicht.

Das von mir vorhin geschilderte Umkreisen des Hochzeitsfeuers durch die beiden Schwiegermütter und das Salben des Brautpaares mit Öl bildet einen zwar sehr wichtigen, aber doch nur kleinen Teil der Zeremonien und Feierlichkeiten, die mit jeder Eheschließung verknüpft und nach Gegend und Kaste sehr verschieden sind. In wohlhabenden Familien Bengalens herrschen überaus umständliche Hochzeitsgebräuche, von denen viele jedoch vor dem Europäer so verborgen gehalten werden, daß ich mich bei deren Schilderung zum Teil auf die Angaben des gelehrten Hindu Schib Schönder Bose[WS 25] verlassen muß.

Bereits die der Verlobung vorhergehenden gegenseitigen Besuche der Anverwandten, Hausbrahmanen und Freunde des jungen Paares erfordern beträchtliche Ausgaben für möglichst glänzende Bewirtung, Gastgeschenke und Gaben an die Dienerschaft. Wenn keiner der Angehörigen der beiden zukünftigen Gatten, die sich gewöhnlich bis dahin noch nicht gesehen haben, begründete Einwände erhebt, wird der Ehekontrakt oder Pattra[WS 26] aufgesetzt, wobei aber ängstlich darauf geachtet wird, daß nur aus Bengalen stammendes Schreibmaterial und kein europäisches dabei verwendet wird; auch die Anzahl der Linien und andere Äußerlichkeiten sind durch Vorschriften geregelt. Dann erfolgt im Anschluß an ein überaus reiches und gastfreies Mahl der Austausch von glückverheißenden Gaben wie Betel, Reis, Sandelholz, Kaurimuscheln und einem Alta[WS 27] genannten, auf dünnes Bastpapier aufgetragenen Farbstoff, mit dem sich die Frauen und Mädchen brahminischer Hindus die Fußsohlen rot schminken; rote Lederpantoffeln pflegen nur mohammedanische Frauenzimmer zu tragen. Bei dieser, wie bei allen anderen mit der Eheschließung in Verbindung stehenden Feierlichkeiten wird von weiblichen Familienmitgliedern durch Blasen auf Muschelhörnern für möglichstes Bekanntwerden des Festes gesorgt und zur Teilnahme daran eingeladen.

An einem Tage von besonders günstiger Vorbedeutung wird dann der junge Bräutigam mit besonderer Sorgfalt gebadet, in ein rotes Gewand gekleidet und auf einen Mühlstein gestellt, den fünf verheiratete Frauen, deren Gatten noch am Leben sind und von denen eine eine Brahmanenfrau sein muß, fünfmal umkreisen, wobei sie ihn mit einer wohlriechenden Salbe betupfen, mit Gangeswasser besprengen und seine Stirn mit Betelblättern und zwanzig aus Gold und Silber, sowie aus Reismehl geformten Modellen glückbringender [215] der Dinge berühren. Von diesem Gatra Haridra[WS 28] genannten Tage an bis zur wirklichen Vermählung muß der Bräutigam stets eine Schere zum Aufknacken von Betelnüssen, die Braut eine Dose mit schwarzer Augenwimperschminke bei sich tragen, deren Vergessen als ein unheilvolles Vorzeichen betrachtet wird. Außer dieser Dose erhält die Braut mehr oder weniger reiche Geschenke, vor allen Dingen aber wird ihr durch den Barbier der Familie des Bräutigams eine silberne Schale und darin der Rest jener Salbe zugestellt, womit der Bräutigam betupft wurde; mit dieser wird dann sie von ihrer Mutter eingerieben. Daß die ihr von dem Vater des Bräutigams gesandten Gaben von ihren Angehörigen möglichst freigebig erwidert werden, ist selbstverständlich.

Nun erst wird unter Beirat der Astrologen ein Hochzeitstag gewählt. Falls das junge Paar noch nicht erwachsen ist, ist dieser nur ein nochmaliges Verlobungsfest, das sich auf mehrere Tage erstreckt und mit einer großen, vom Brautvater veranstalteten Festlichkeit eingeleitet wird; durch den am nächsten Tage stattfindenden standesgemäßen festlichen Umzug mit Musikbanden, Illumination und Feuerwerk, sowie durch maßlose Bewirtung und massenhafte Geschenke verschlingt dieses Fest ungeheuere Summen, aber erst durch dieses Ahibarrabhat-Fest[WS 29] gilt die Ehe als fest geschlossen.

Sollte der Bräutigam jedoch das Unglück haben, vor der tatsächlichen Vermählung zu sterben, so gilt die jungfräuliche Braut als Witwe und muß die bejammernswerte Mißachtung dulden, die Ungerechtigkeit und Vorurteil verwitweten Frauen zuwendet.

Der Hauptfesttag wird nicht mit Schmausen, sondern mit Fasten und mit Opfern zum Gedächtnis der Vorfahren beider Familien begonnen; dann folgt ein schmaler Imbiß von süßer und saurer Milch oder Backwerk und Früchten. Eine Ausnahme macht hierbei nur die Mutter des Bräutigams, die an diesem Tage in auffälliger Weise nicht weniger als siebenmal speist, in Erinnerung an eine mythologische Sage, derzufolge der auf die Brautschau gehende Kriegsgott Kartikeja sah, wie seine Mutter mit ihren zehn Händen unmäßig aß, aus Besorgnis, daß ihr später seine junge Frau nicht satt genug zu essen geben würde. Andererseits genießt die Mutter der Braut während des Festes nicht das mindeste, in der Erwartung, daß es ihr dafür nachher um so besser gehen werde.

Auch an diesem Tage werden die Stirnen der jungen Leute von fünf Frauen mit glückbringenden Sinnbildern berührt, und dann wird mit ihnen allerlei anderer abergläubischer Unfug getrieben, der aber ebenfalls stets das Ziel hat, das Glück und die Zuneigung des Paares zu fördern; die von Schiwa besonders in der Erscheinung als vielarmige Kriegsgöttin Durga[WS 30] geliebte Gemahlin dieses Gottes spielt bei all diesen Zeremonien eine Hauptrolle, und der Name Durga wird auf das Kleid und den Sessel der Braut und überallhin geschrieben, wohin der Blick des Bräutigams fallen könnte.

Häufig haben sich Braut und Bräutigam bis jetzt noch nicht von Angesicht gesehen, und es erfolgt dies erst am Abend des Tages, nach der [216] Abholung der Braut durch den in feinste Benares-Seidenstickerei gekleideten und so reich wie möglich mit Schmucksachen beladenen Bräutigam. Von zwei mit Fliegenwedeln aus Yakschwänzen ausstaffierten Knaben begleitet, nimmt dieser auf dem Rücken eines prachtvoll aufgeschirrten Staatselefanten oder Paradepferdes Platz und zieht dann mit einem ungeheuren Troß von berittenen Freunden und einer möglichst stattlichen Prozession von Musikanten, Sängern, Fackel- und Symbolträgern nach dem Hause der Braut. Ehe er aber die Schwelle seiner elterlichen Wohnung verläßt, hat er auf die Frage seiner Mutter: „Wo gehst du hin?“ die Antwort zu geben: „Dir deine Dasi, deine Dienerin zu holen!“[WS 31] Darauf wirft sein Vater eine Messingschale voll Reis, ein Büchschen Mennige[WS 32] zum Aufmalen des roten Stirnzeichens und eine Rupienmünze über den Kopf des Knaben in das ausgestreckte Gewand der hinter diesem stehenden Mutter, und diese vorbedeutungsreiche Handlung ist für den Bräutigam das Zeichen, den Zug nach dem Brauthause anzutreten.

Jeder Teilnehmer des Festzuges trachtet danach, ihn durch seine Kleidung so farbenreich und glänzend wie möglich zu machen, und so ist es denn kein Wunder, daß überall ein Zusammenströmen des von dem Getöse der Musikanten und Sängerinnen herbeigelockten Volkes stattfindet. Ich habe selbst wiederholt bei Hindu-Hochzeiten, zu denen ich eingeladen war, an diesem Zuge teilgenommen, weil es gar kein malerischeres Schauspiel geben kann, als die grell von den Fackeln beschienenen Häuser, von deren Balkonen und Fenstern die Insassen mit leuchtenden Augen in lebhafter Erregung und Neugier auf den rauschenden Festtrubel herunterschauen. Selbst sonst nie in der Öffentlichkeit sichtbare ehrbare Frauen werfen bei der allgemeinen Aufregung ihre Scheu ab und blicken, weit über die Fensterbrüstung gelehnt, dem Bräutigamszuge nach, eingedenk des Tages, wo sie selbst in kindischer Unwissenheit durch die Erscheinung eines solchen vor ihrem elterlichen Hause in liebliche Verwirrung gebracht wurden.

Im Hause der Braut empfängt der Bräutigam aus den Händen eines zukünftigen Schwagers oder anderen Verwandten eine Betelnuß, die von ihr bereits den ganzen Tag im Munde getragen wurde und die er nun mit dem ihm am Kajalnatha-Feste verehrten Nußknacker öffnet, wobei er jedoch einiges Zögern und Widerstreben an den Tag legen muß, bis er den Nußkern verzehrt. Er sitzt dabei auf drei rotseidenen Polstern und ist auch auf allen drei Seiten von derartigen Kissen umgeben, vielleicht, um ihm das Fragen und Prüfen weniger unbequem erscheinen zu lassen, wodurch seine neuen Verwandten ihn, sein Wissen und seine Ansichten gesprächsweise kennen zu lernen suchen. Ist diese dem Bräutigam gewöhnlich überaus peinliche Zeremonie beendigt, so wird er, nachdem er ein rotseidenes Kleid angelegt hat, in die Hauskapelle eingeführt, wohin auch die verschleierte, ebenfalls rot gekleidete und überreich mit goldenem Schmuck beladene Braut aus den Frauengemächern geleitet wird und wo die Hochzeitsgaben aufgestapelt liegen.

[217] Der Familienbrahmane teilt nunmehr vierzehn Halme von Kusagras[WS 33] in zwei Hälften, die er in die Hand des inzwischen mit einem Kopfputz aus Gold und Silberflittern geschmückten Bräutigams legt, träufelt dann Gangeswasser hinein und hält sie segnend fest, indem der Schwiegervater auf die Ehe bezügliche, glückwünschende Mantraverse herspricht. Hierauf streut der Priester Blumen und Reis aus einen Metallteller, auf dem ein Nachen als Sinnbild der weiblichen Eigenart eingraviert ist, während der darin aufgerichtete Mastbaum für den Hindu ähnlich wie das Lingam das Symbol der Männlichkeit ist. Nun legt der Brahmane die Hand der Braut auf die ihres Gatten, umwindet beide Hände mit einer zarten Blumengirlande und läßt sie so zusammen auf dem Kupferteller ruhen, während der Vater des Mädchens unter Namensnennung der beiderseitigen Vorfahren und Eltern dem jungen Mann seine Tochter zuspricht, worauf dieser erklärt: „Ich habe sie erhalten!“ Nach diesen Worten löst der Schwiegervater die Blütenkette, besprengt das Paar unter Segenswünschen mit Gangeswasser und verknüpft ihre Seidengewänder als Zeichen der nunmehrigen Unzertrennlichkeit mit einem Zeugstreifen, worin eine bestimmte Menge von Betelnüssen und Samenkörnern eingeknüpft sind. Alsdann verhüllen die anwesenden Frauen das junge Paar mit einem dünnen Tuch, indem sie die Braut ermuntern, sich darunter zu entschleiern und ihrem Gatten, häufig zum ersten Male, ins Auge zu schauen.

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Bronzeteller für Hochzeitsblumen. ¼.

Die hierauf vollzogenen und am folgenden Tage genau wiederholten abergläubischen Zeremonien müssen uns kindlich oder töricht erscheinen, wenn wir ihre sinnbildliche Bedeutung nicht kennen; nicht alle erklären sich selbst so deutlich, wie das Berühren der Lippen des Bräutigams durch die Mutter seiner Frau zuerst mit einem Vorlegeschloß und dann mit Figürchen aus Zucker, um ihn zu bitten, das Frauchen mit bösen Worten zu verschonen und ihr nur Süßes und Angenehmes zu sagen.

Das oft noch im kindlichen Alter stehende Paar wird nach dem Bekränzen und Verabschieden der so lecker wie möglich bewirteten Gäste von den weiblichen Verwandten in das Basarghar[WS 34], in das „Gemach des glücklichen Paares“, eingeführt und zum Ruhen eingeladen; die dabei zwischen Braut und Bräutigam gepflogene Unterhaltung wird natürlich mit gespannter Aufmerksamkeit belauscht und gibt Anlaß zu ausgelassener Heiterkeit der Frauen, die den jungen Leuten durch allerlei Scherze und Überraschungen keinen Augenblick Ruhe lassen, so [218] daß beide das Anbrechen des Morgens mit Ungeduld ersehnen. Doch auch in der Frühe des nächsten Tages findet das junge Paar keine Ruhe, sondern muß in Gegenwart der Familie nach umständlichem Baden und Bekleiden ein symbolisches Spiel mit Kaurimuscheln spielen, wobei es darauf ankommt, daß der Gatte vor der Braut soviel Muscheln wie möglich anhäuft, um anzudeuten, daß er sie nie darben lassen werde; Kaurimuscheln galten und gelten auch jetzt noch im inneren Indien, im „Mofussil“ als Münze.

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Kochende Brahmanenfrau (Tonmodell 1/5).

Hierauf folgt der große Augenblick, wo die Braut zum ersten Male den Namen ihres Mannes ausspricht, indem sie gleichzeitig einige Kochtöpfe voll Reis und Erbsen mit Deckeln verschließt. Als erstes gemeinschaftliches Frühstück werden dann Früchte, Gebäck und Süßigkeiten eingenommen, wobei die Gattin es sich widerstrebend gefallen lassen muß, daß ihr der junge Ehemann einige Leckerbissen, vor allen Dingen ein Stückchen Zuckerrohr, in das Mäulchen steckt, während die weiblichen Verwandten beten, daß die Hand des Gatten die Frau bis zu ihrem Lebensende ernähren möge. Bei dem bald darauf folgenden zweiten Frühstück, das aus einigen nahrhafteren Gängen, wie Gemüse-Curry und anderen Reisspeisen nebst Fischen und Erbsen besteht, speist jedoch die junge Frau nicht mehr in Gesellschaft des Gatten, sondern wie im späteren gewöhnlichen Leben erst nach ihm und in einem anderen Gemach, wobei sie es jedoch keineswegs als Geringschätzung auffaßt, den von ihm übrig gelassenen Reis verzehren zu dürfen; jeder Hindu von guter Kaste nimmt sich sehr in acht, Reis nur mit Angehörigen seiner eigenen Dschati aus derselben Schüssel zu nehmen, während bei Backwerk und Früchten diese Vorsicht für weniger nötig gilt.

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Zuckerrohr-Verkäufer.

Bevor der junge Gatte mit der kleinen Gemahlin[WS 35] in sein Elternhaus zurückkehrt, wo diese sich aber gewöhnlich zunächst nur kurze Zeit oder mit zeitweiliger Rückkehr zu ihrer Familie aufhält, müssen von den beiderseitigen [219] Vätern eine Menge von Geldgeschenken an die Geschwister der jungen Leute, an die Priester, Heiratsvermittler, Gelegenheitsdichter und Gratulanten verteilt werden. Dann wird der jungen Frau ein Punkt mit Mennigrot auf die Stirn gemalt, ein für heilig gehaltenes Zeichen, das nur Frauen tragen dürfen, deren Männer noch am Leben sind, und zugleich wird ihr eine Arghi[WS 36] genannte und der Durga geweihte Quaste ins Haupthaar geflochten, die aus Kusagras, Reishalmen und Altastoff besteht. Beim Verlassen des Hauses wirft der Brautvater einen Messingteller über das Haupt der Tochter in das vorgestreckte Gewand der hinter ihr stehenden Mutter, worauf die kleine, tiefverschleierte Frau unter den Tränen und dem Schluchzen ihrer weiblichen Verwandten in eine Sänfte oder einen verhangenen Frauenwagen steigt; sie wird in die elterliche Wohnung ihres jungen Gatten gebracht, jedoch mit etwas vermindertem festlichen Geräusch und Gepränge als bei der Ankunft des Bräutigamszuges, weil sich die Freunde des Bräutigams hierbei nicht zu beteiligen pflegen.

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Ohrschmuck aus Gold und Edelsteinen. 1/5.

Als Willkommengruß wird zunächst ein Krug voll Wasser unter die angekommene Sänfte oder den Wagen geworfen, worauf die junge Frau aussteigt und in das Haus eintritt; in demselben Augenblick wird ein kleiner Theekessel mit Milch auf das Feuer gestellt, den die Neuvermählte unausgesetzt im Auge behält, während sie in einer mit Milch angefüllten flachen Bronzeschale steht und einen lebenden Fisch in der Hand hält. Sobald die siedende Milch überfließt, wird die kleine Frau entschleiert und muß dabei dreimal die Worte wiederholen: Möge der Wohlstand meines Schwiegervaters in gleichem Maße überfließen wie diese Milch! Während sie dies spricht, legt ihre Schwiegermutter ihr ein dünnes Armband aus Eisen um das Handgelenk, das sie nur bei Lebzeiten ihres Gatten tragen darf und das von ihr deshalb höher als die kostbarsten Schmuckstücke geschätzt wird.

Unter den weiteren im Hause des jungen Gatten folgenden Gebräuchen ist der bezeichnendste das Niedersetzen eines ganz kleinen Knaben auf das Knie des Bräutigams, der dies Kind dann seiner Frau zuführen muß, wobei diese von allen weiblichen Verwandten mit goldenen Armbändern und anderen Schmucksachen beschenkt wird; unter diesen sind Überbrückungen der Ohrmuschel aus Golddrähten und Edelsteinen, an denen oft wahre Trauben aus solchen Steinen hängen, vielleicht noch eigenartiger, als die zierlichen auf den Zehenringen stehenden, blitzenden Filigranbäumchen.

Am nächsten Tage erfolgt eine wahre Überschwemmung mit wertvollen Gaben, Stoffen, Teppichen, Haushaltungs- und Wertgegenständen aller Art, die der Brautvater seinem Schwiegersohn mit ungeheueren Massen von Blumen und Attrappen aller erdenklichen Dinge und Figuren, die Glück, Wohlleben und Gesundheit verkörpern sollen, ins Haus schickt. Auch bei dieser Gelegenheit speisen die beiden Gatten gemeinschaftlich und müssen sich sogar dabei Mühe [220] geben, sich gegenseitig die Speisen in den Mund zu stecken und von denselben Stücken zu genießen.

Am Abend dieses Festtages, der Fulsariya[WS 37] oder Blumenbett heißt, wird das Ruhelager der jungen Leute mit Blumen bestreut, während sie von den weiblichen Verwandten mit Rosenwasser besprengt werden; begreiflicherweise sorgen diese auch hierbei durch ausgelassene Neckereien und scherzhafte Störungen dafür, daß das junge Paar nicht zu der wohlverdienten Ruhe kommt.

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Mit Edelsteinen besetzte Bronze-Kanne für Rosenwasser 1/5.

Am nächsten Morgen wird die fortan stets verschleierte kleine Frau in einem Palki zu ihrer Familie zurückgebracht, von der sie mit Fragen über alle neuen Anverwandten, jedoch niemals über ihren Gatten, bestürmt wird; selbstverständlich werden dabei auch die ihr dort geschenkten Schmucksachen einer sehr eingehenden Besichtigung und Schätzung unterzogen, da diese Gegenstände oft ein ansehnliches Mitgiftsvermögen bedeuten. Bereits am folgenden Tage pflegt die kleine Frau wiederum einen Besuch im Hause ihrer Schwiegereltern abzustatten und dort abermals eine Nacht zu verbringen, und diese Besuche müssen so lange ab und zu wiederholt werden, bis das junge Paar völlig herangewachsen ist, falls nicht schon vorher eine völlige Übersiedelung erfolgt.

Bei der zweiten, tatsächlichen Vermählung werden die bei der ersten vollzogenen Opfer und Gebräuche wiederholt, jedoch mit einigen Änderungen; so läßt z. B. der Gatte dabei einen goldenen Ring in das Gewand seiner Gemahlin gleiten, während diese von dem Hausbrahmanen mit Milch, Zucker und zerlassener Butter gespeist wird, wobei zwanzig männliche und eine weibliche aus Reismehl geformte Gottheitsfiguren vor ihr aufgestellt sind, die dann für immer in ihrem Schlafgemach untergebracht werden.

Nur wirklich vornehme Familien können die ungeheueren Kosten einer Hochzeit großen Stils erschwingen, und nur selten gleicht eine Hinduhochzeit völlig einer anderen. Selbst in den einzelnen Provinzen herrschen keine durchgehends gleichen Formen bei der Vermählung. In der Radschputana z. B. genügt ein dreimaliges Umschreiten des Feuers durch den Gatten, ein einmaliges von seiten der Braut, um die Ehe als geschlossen zu betrachten; bei den Puschkarna-Radschputen ist es jedoch nötig, daß dies viermal allein und darauf viermal Arm in Arm geschieht, während die Mahesris wiederum der Sitte folgen, daß die Braut siebenmal von einem Oheim um ihren neben dem Feuer stehenden Bräutigam herumgetragen wird. Bei den Sirimali-Radschputen[WS 38] hingegen umschreiten Braut und Bräutigam das Feuer zuerst in möglichst armseligem Gewande, dann ziehen sie sich zurück, um Festkleider anzulegen, [221] und schließlich muß der junge Ehemann seine kleine Frau um das Feuer tragen, so oft und so lange ihm dies seine Kräfte erlauben.

Andere Provinzen und Stämme haben dagegen völlig andere Gewohnheiten. So wird im Pendschab über die niederkauernde Braut gar ein weitmaschiger Korb gestülpt, auf dem der junge Gatte Platz nimmt, wobei ihm von seinen Freunden das Gelenk der nach oben geöffneten rechten Hand mit der schon früher erwähnten Knotenschnur auf das rechte Knie gebunden wird; hierin empfängt er die Hochzeitsgeschenke, die dem jungen Paare als Gegengaben zumeist in Form von Schmucksachen dargebracht werden, und die kleine Frau beobachtet mit begreiflichem Interesse diese Vorgänge durch das Geflecht des Weidenkorbes hindurch. Der Korb wird dann in einer Hofecke aufgehängt, um später Stockschläge zu erhalten, falls kein Sohn aus der Ehe hervorgeht.

In vielen Hindufamilien Bombays sowohl wie Kalkuttas gehört es mehr und mehr zum guten Ton, europäische Geschäftsfreunde und Bekannte zu Hochzeiten einzuladen, um sich mit deren Erscheinungen im Festzuge durch die Stadt ein Ansehen zu geben; in diesem Falle bekommt die ganze Feier einen wesentlich anderen Anstrich, da für diese nichtindischen Gäste sogar besondere Mahlzeiten aus den Hotels herbeigeschafft werden und viele von den aufgeführten alten Gebräuchen weggelassen werden müssen, die für Europäer nicht nur unverständlich, sondern auch allzu ermüdend sein würden.

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Wagen zum Transport von Frauen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Dr. Hübbe-Schleiden: vergleiche Wilhelm Hübbe-Schleiden (1846-1916)
  2. WS: Pörda: vergleiche Parda, besser Purdah (en)
  3. WS: Senana: vergleiche Zenana (en)
  4. WS: arisch: vergleiche Arier
  5. WS: Hindi आया, Lehnwort aus dem Portugiesischen, aia)
  6. WS: Tilottama: vergleiche Tilottama (en)
  7. WS: Parabrahma: vergleiche Para Brahman (en)
  8. WS: Dusmantha, Sakuntala: vergleiche Dushyanta, Shakuntala (en)
  9. WS: Behramdschi Malabari, Pandita Ramabai: vergleiche Behramji Malabari (en, 1853-1912), Ramabai Dongre Medhavi (1858-1922)
  10. WS: Mary Seelye: von der Ladies Medical Missionary Society of Philadelphia, † 9. Juni 1875 (28) in Calcutta
  11. WS: Lady Dufferin, Miß Carpenter: vergleiche Hariot Hamilton-Temple-Blackwood, Marchioness of Dufferin and Ava, Mary Carpenter
  12. WS: Narasim Jynegar, Meisor: vergleiche Rai Bahadur A. Narasimha Iyengar (1845-?), Mysore
  13. WS: Anandibai Dschoßi: vergleiche Anandi Gopal Joshi (1865-1887)
  14. WS: Gataki: (Kaste, Weissager, Beruf?) konnte noch nicht identifiziert werden.
  15. WS: Schopenhauer: vergleiche Arthur Schopenhauer (1788-1860)
  16. WS: alles Wünschenswerte: vergleiche Eve teasing
  17. WS: Rig-Weda: vergleiche Rigveda
  18. WS: Rig-Weda: vergleiche Rigveda Buch 10 Hymne 18 Vers 7
  19. WS: Sraddha: vergleiche Śrāddha (en)
  20. WS: Kadisch: vergleiche Kaddisch
  21. WS: Tötung neugeborener Mädchen: vergleiche Female infanticide in India (en)
  22. WS: Pendschab: vergleiche Punjab
  23. WS: Dasturi: unsicher, je nach Kontext sind Tradition, aber auch Gebühren gemeint
  24. WS: Lakh Rupies: vergleiche Lakh (100.000)
  25. WS: Schib Schönder Bose: Shib Chunder Bose: Autor von The Hindoos as They Are: A Description of the Manners, Customs and the Inner Life of Hindoo Society in Bengal (1881)
  26. WS: Pattra: Begriff wurde so von Bose übernommen. Patri Patra, Patri-Patro dekha, Lagni-Patri sind erwähnt als Zeremonie bei der Hochzeit nach bengalisch-hinduistischer Tradition (en) bzw. bengalischer Tradition (en)
  27. WS: Alta: vergleiche Alta (dye) (en)
  28. WS: Gatra Haridra: wörtlich wohl: Kurkuma-Einrieb; Haridra ist der Sanskrit-Name des Gewürzes. Heute bekannter als Gaye holud (en)
  29. WS: Ahibarrabhat: laut Bose ein Festmahl unmittelbar vor der Vermählung
  30. WS: Durga: vergleiche Durga
  31. WS: Dasi: vergleiche Dasi
  32. WS: Mennige: vergleiche Mennige
  33. WS: Kusagras: vergleiche Desmostachya bipinnata (en)
  34. WS: Basarghar: bengalische Tradition, heute auch als Bashorghor transkribiert
  35. WS: klein: Gemeint ist nicht etwa Körpergröße oder Alter. „kleine Frau“ ist eine vielseitig verwendbare Koseform für die Gattin im 19. und frühen 20. Jahrhundert.
  36. WS: Arghi: konnte nicht identifiziert werden
  37. WS: Fulsariya: heute auch Phul Shojja transkribiert
  38. WS: Puschkarna, Mahesris, Sirimali: Verschiedene, teils ortsgebundene Kasten. Pushkarnas und Shrimalis galten als hohe Brahmanen-Kasten, Srimals und Maheshri (Maheshwari, vergleiche Maheshwar) als eher niedrige Kasten.