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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
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Quelle: commons
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Die Gartenlaube (1878) 801.jpg
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[801]
Lumpenmüllers Lieschen.
Von W. Heimburg.
(Fortsetzung.)


Nelly irrte sich: ihre Mutter war nicht droben, wo die alte Baronin mit dem jungen Officier verhandelte – häßliche, unerquickliche Dinge, die so unweihnachtlich waren.

„Zu Neujahr – noch kaum acht Tage!“ sagte die alte Dame tonlos und sah finster vor sich hin.

„Zu Neujahr,“ bestätigte Army, der vor ihr stand.

„Und Du sagst, Hellwig weiß keinen Rath?“

„So theilte er mir mit –“

„Aber dio mio! Sonst wird es doch einem Officier nicht so schwer gemacht, Geld zu erhalten?“

„Sonst? Du vergißt, Großmama, daß unsere Verhältnisse hinreichend bekannt sind. Kein Banquier leiht mir Geld auf die sichere Aussicht hin, es zu verlieren, und noch dazu solche Summen. Das Einzige, was ich erlangen konnte, war – Aufschub bis Neujahr.“

„Und hast Du Dich nicht einmal bemüht, den Weg einzuschlagen, den ich Dir als die einzige Rettung empfahl?“

Er sah trotzig zu ihr hinüber. „Nein, meine Gläubiger riethen mir freilich dasselbe und wollten mir sogar behülflich sein; aber tausendmal lieber nach Amerika und arbeiten wie ein Knecht, als ein solches Joch!“

„Wie Du willst!“ sagte die alte Dame trocken, „es ist Deine Sache, nicht die meine.“

„Ganz recht!“ lachte er auf. „Aber zum Teufel mit der ganzen Geschichte! Ich bin nicht hergekommen, um Euch etwas vorzuklagen; ich will ja Weihnacht mit Euch feiern – Weihnacht!“ wiederholte er spöttisch.

„Gut denn!“ tönte die Stimme der Großmutter, „so werde ich versuchen, ob ich Rath schaffen kann; noch giebt es wohl Leute in der Welt, die den Namen Derenberg nicht vergessen haben. Morgen – nein, heute noch schreibe ich an den Herzog von R.“

Um Army’s Lippen zuckte es bitter auf. Er dachte an das Bild da droben im Ahnensaal, das seine Großmutter als junge schöne Herrin vorstellte, dem Herzoge den Willkommen in ihrem gastfreien Hause bietend. „Bettelei“ tönte es verächtlich in seinem Innern; er fuhr mit der Hand über das Gesicht und sah zu der hohen schwarzen Gestalt hinüber, die so unbeweglich und mit der Miene äußerster Entschlossenheit vor dem Tische stand. Sie that ihm leid, die stolze Frau; er wußte, es wurde namenlos schwer, einen solchen Brief zu schreiben.

„Laß das, Großmama!“ bat er leise. „Du sollst Dich nicht so demüthigen –“

„Nein, ich lasse es nicht,“ klang es zurück, „denn ich sehe, ich bin die Einzige, die möglicher Weise noch Rettung finden kann, obgleich ich nur eine alte Frau bin.“

„Aber, Großmama, wird sich der alte Herr Deiner noch erinnern?“

Sie lachte. „Wirst Du je das Bild Deiner Braut vergessen?“ fragte sie, und die schwarzen Augen strahlten förmlich in lodender Gluth. „Sicher nicht! Nun sieh’, ebenso wenig der Herzog von R. Leonore von Derenberg, denn er hat mich lieb gehabt, Army, seit dem Augenblick, wo ich ihm zum ersten Male gegenüber stand. Damals war er noch Erbprinz; mein Mann präsentirte mich bei Hofe; es wurde grade ein Fest dort gefeiert – ich weiß nicht mehr, wem es galt, da, als ich unter der bunten Menge, welche die tageshell erleuchteten Säle füllte, am Arm Deines Großvaters einherschritt, weil das herzogliche Paar mich zu sehen wünschte, und rechts und links die Menschen auseinander wichen und die Fremde, die Italienerin, anschauten, als ich mich verbeugte vor dem hohen Paar – da traf mein Ohr ein schwacher Laut der Ueberraschung, und als ich dann meine Augen hob, begegneten sie denen eines jungen schönen Mannes, die mit bewundernder Gluth an mir hingen. Ich war siebenzehn Jahre alt, Army, und was giebt es Berauschenderes für ein Weib, als bewundert zu werden und – vorbei, vorbei!“ flüsterte sie, „wozu Vergangenes heraufbeschwören!“

„Und“ – wiederholte sie träumerisch, ohne in sein geröthetes Gesicht zu blicken, „er kam oft nach Derenberg; er war mein Cavalier bei jeder Gelegenheit, bis er eine weite Reise antrat – die guten Eltern, sie waren besorgt um ihn, und mein Gatte, der spielte den lächerlichsten Othello, den je die Welt gesehen; er haßte den lebenslustigen Prinzen, weil meine Lippen lachten, wenn er sprach, und meine Augen glänzten, wenn ich ihn sah, und das hatten sie sonst beinahe verlernt; es trug ja Alles ein so bodenlos langweiliges Gepräge, was mich umgab, der Himmel, die Erde, die Menschen, selbst die Feste, die mein Gatte arrangirte. Er, im Verein mit den fürstlichen Eltern, entfernte den Schmetterling, der so ungestüm die leuchtende Kerze umkreiste – spießbürgerlich, wie Alles hier zu Lande! Ich wußte es, daß mein Gatte aufmerksam gemacht worden, wußte, wer ihn in dem vollständig harmlosen Verkehr das Schlimmste sehen ließ. O, ich habe ihn gehaßt, meinen Schwager, diesen –“

„Großmutter! Und an den Mann wolltest Du schreiben? Ihn anbetteln, weil er Dich einst bewundert? Ihn, den mein Großvater gehaßt hat?“

„Ich bin jetzt eine alte Frau geworden, mein Kind,“ entgegnete

[802] sie stolz, und warf den noch immer schönen Kopf zurück, „und meine Handlungsweise verantworte ich allein. Als vor zwanzig Jahren die gänzliche Verarmung über uns hereinbrach, da schrieb er an mich; er hatte die Frau nicht vergessen, die einst sein junges Herz entzückt; ich hätte uns mit einem Schritt aus den drückenden Verhältnissen retten können – aber ich wußte, was ich dem Namen Derenberg, was ich mir selbst schuldig war.“ Sie stand mit erhobener Hand vor ihrem Enkelsohn und die großen Augen blitzten in edlem Stolze auf.

„Denkst Du, mir wird es leicht, an ihn zu schreiben?“ fuhr sie fort, „ich thue es Deinetwegen, Army, denn Dir ist die Hand gelähmt, von dem bischen Unglück, das Deine Stirn gestreift; es hat Dich zum weichlichen Träumer gemacht statt zum willensstarken Mann; so laß mich statt Deiner handeln!“ Sie schritt an ihm vorüber und verschwand im Nebenzimmer; die Thür flog so laut und heftig hinter ihr ins Schloß, daß die dunkelrothen Vorhänge ungestüm in das Zimmer wehten.

Army stand fast regungslos am Kamin; mitunter bewegte er leise schüttelnd den Kopf, und ein bittres Lächeln irrte um seinen Mund. Plötzlich war es, als wüchse seine bisher in sich zusammengekauerte Gestalt hoch auf, als durchzucke ihn eine Idee, ein Entschluß, der ihn –

„Army!“ rief da eine leise Stimmen und durch die Falten der rothen Portière lugte der blonde Kopf seiner Schwester; „Army, komm doch hinunter! Rasch! Mama schickt mich.“ Sie war in’s Zimmer gehuscht; sie schmiegte sich fest an ihn. „Weißt Du, was ich glaube?“ flüsterte sie. „Mama hat einen Tannenbaum angezündet; es glänzt so ein heller Lichtschein durch die Thürspalte.“ Er sah ihr in die dunklen Augen, die jetzt so kindlich froh zu ihm aufblickten. „Schnell!“ bat sie, „Großmama kommt doch nicht mit; sie mag ja keinen deutschen Tannenbaum sehen.“

„Ja, komm’ Nelly!“ sagte er, und seinen Arm um die kleine Schwester schlingend, zog er sie eilig aus dem Zimmer.



13.

Es dämmert bereits, als Lieschen oben in ihrer kleinen Stube ein zierliches Körbchen voll Naschereien packte; immer wieder wurde noch etwas besonders Schönes darauf gelegt, und endlich schloß sie den durchbrochenen Deckel und ein halblautes: „So, nun ist fast nur Marcipan und Chocolade darin – das ißt sie am liebsten,“ kam von den rothen Lippen. Dann fing sie an zu singen, während sie ein pelzgefüttertes Jäckchen anzog, das gestern Abend unter dem Weihnachtsbaume gelegen, und das dazu passende Mützchen aus schwarzem Sammet, mit Marder umrandet, keck auf die braunen Flechten drückte; sie sah prüfend in den Spiegel und fing plötzlich an zu lachen.

„Gerade wie ein Junge! Die Muhme hat Recht,“ sagte sie und schob die zierliche Kopfbedeckung etwas solider in die Mitte der Stirn. „Nun noch den Muff, und dann heißt es eilen, damit ich pünktlich wieder zu Hause bin.“

Sie ergriff Muff und Körbchen und sprang die Treppe hinunter. „Ich gehe zu Nelly,“ rief sie in’s Wohnzimmer, die Thür ein wenig öffnend.

„Komme nur zur rechten Zeit wieder, Liesel,“ ermahnte die Mutter, „sonst wird Onkel Pastor böse und die Kinder werden ungeduldig. Du weißt, um sieben Uhr wird der Christbaum für sie angezündet –“

„Ja, ja, ganz gewiß,“ rief Lieschen, und fort war sie.

Die Muhme schaute ihr nach, als sie über den Mühlensteg schritt. „Du lieber Gott,“ meinte sie dann, „wie wird’s auf dem Schlosse ausschauen? Da wird der Weihnachtsmann auch gerade nicht aus Reichenbach gekommen sein.“ – –

Lieschen saß schon ein Viertelstündchen plaudernd neben Nelly am Kamin; ihr gegenüber lehnte Army im Sessel; er war mit seinen Gedanken beschäftigt, und nur dann und wann lauschte er, wenn eines der Mädchen mit heiterem Auflachen ihn aus seinem Brüten weckte.

„… Und Mutter, die bekam vom Vater eine Pillenschachtel,“ berichtete jetzt Lieschen; „oben darauf stand geschrieben: ‚Die beste Medicin‘, und darin lag Reisegeld nach Italien – Du weißt doch, Nelly, der Doctor hat Mama schon immer gesagt, sie sollte den Winter nicht hier verbringen, aber sie sträubt sich mit aller Gewalt dagegen, jetzt nun hat sie halb und halb nachgegeben –“

„Sie geht doch wohl nicht allein?“ fragte Nelly.

„Nein, jedenfalls geht Papa mit, und –“

„Nun, und?“

„Und ich,“ setzte Lieschen zögernd hinzu.

„Und freust Du Dich denn nicht?“ rief Nelly erregt. „O, nach Italien, wie schön muß es da sein!“

„Nein, ich bliebe lieber hier bei der Muhme; ich bin ja ganz gesund, und schöner wie bei uns kann es dort wohl auch nicht sein.“

„O Lieschen, Du kleiner Unverstand!“ tadelte Nelly.

„Nein, weißt Du, Nelly, Du sollst mich nicht für unverständig halten, aber sieh, ich habe noch einen anderen Grund, Du darfst mich aber nicht verrathen, denn noch habe ich Vater nichts davon gesagt. Sieh, da ist die Bertha von unserem Oberinspector in der Mühle drüben, die ist brustleidend; der Doctor sagt, es kann nur ein Aufenthalt in Vevey oder Montreux sie retten; sie ist viel kränker als die Mutter, und nun möchte ich gern, daß die Bertha an meiner Statt mit ginge; ich bin noch jung, ich komme schon noch einmal hin nach der ‚bella Italia‘, um mit Deiner Großmama zu reden.“

Army stand plötzlich auf und trat an’s Fenster. Das junge Mädchen hatte leise gesprochen, aber es war trotzdem jede Silbe deutlich in sein Ohr gedrungen. Da war sie immer noch, die alte gutherzige Liesel, die ihr Butterbrod den armen Kindern und ihre blanken Kupferdreier, welche die Muhme so sorgfältig sammelte, dem ersten besten Handwerksburschen schenkte; sie schüttelte noch genau so halb trotzig, halb verschämt den Kopf wie damals, wenn sie gescholten wurde. Und dann tauchte ein anderes Bild vor ihm auf, eine kleine feine Gestalt von rothschimmerndem Haar umflossen – die schauderte zurück vor Bettlern, und das „Gesindel“ wurde auf einen Wink ihrer kleinen Hand unbarmherzig von der Schwelle gewiesen; die zog mit dem Ausdrucke des Ekels ihre Robe an sich, wenn auf der Promenade ein Krüppel seine Hand ihr flehend entgegenstreckte. „Gieb ihm nichts, Army!“ hatte sie geboten, „mir ist ganz übel; komm, komm – Tante zahlt ja überschwenglich an die Armencasse.“ Und so war sie vorüber geeilt an fremdem Elend und hatte sich das parfümirte Spitzentuch vor das Gesicht gehalten.

Draußen lag der Park schneehell und ruhig; jeder Baum hob sich deutlich ab von dem klaren Hintergrunde, und dort unten blitzte Licht aus den Fenstern der Mühle. Das alte trauliche Haus, wie gemüthlich trat es vor seine Erinnerung! Wie geborgen mochte es sich dort wohnen in behaglicher, sorgenloser Existenz, ohne Angst vor der Zukunft, vor kommender drückender Noth!

„Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Klingt ein Lied mir immerdar;
O wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
Was mein einst war –“

klang es innig und weich zu ihm herüber; er wandte sich – da stand sie an dem alten Pianino, die schlanke und doch so leicht aufgebaute Mädchengestalt; der kleine Kopf war etwas vorgeneigt, und Army meinte bei dem schwachen Lichte, das die Lampe bis in diesen Winkel warf, eine zarte Röthe in Lieschen’s Gesicht aufsteigen zu sehen.

„Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,
War die Welt mir voll so sehr;
als ich wieder kam, als ich wieder kam,
War Alles leer –“

Es klang tiefe Bewegung aus Lieschen’s Stimme.

„Noch den letzten Vers!“ bat Nelly, „Mama hört es so gern.“

„Ich kann nicht mehr,“ entgegnete sie leise und wandte sich in’s Zimmer zurück.

„O, wie schade, Lieschen,“ sagte Nelly’s Mutter jetzt, „auch nicht ein Weihnachtslied?“

Sofort trat sie wieder zum Clavier:

„Am Himmel funkelt hehr ein Stern,
Der still zur Erde sieht,
Und heil’ge Engel singen fern
Ein jubelnd Weihnachtslied.

Und um das arme Kripplein strahlt
Ein wunderglänzend Licht;
Ein Kindlein liegt auf harter Streu
Mit göttlichem Gesicht.

[803]

O, freut Euch doch zu dieser Stund’,
Wo Fried’ die Welt umschließt!
So lächelt hold des Kindes Mund. –
Gelobt sei Jesus Christ!

Ihr Menschen alle, groß und klein,
Kniet nieder fern und nah
Und dankt dem Herrn auf seinem Thron:
Das Licht der Welt ist da.“

Leise verhallten die letzten Töne des alten Weihnachtsliedes in dem hohen Gemache; es blieb still drinnen; für einen Jeden hatte es andere Erinnerungen geweckt, und doch wurzelten sie alle in demselben Boden.

Die kränkelnde Frau dort im Sessel, sie gedachte der Zeiten, wo sie als junge Mutter ihrem Knaben diese Worte eingeprägt, damit er sie dem Vater unter dem prächtigen Weihnachtsbaume wiederholen sollte; sie sah wieder den reizenden Jungen, von ihrem Arme umfaßt, vor dem schönen Manne stehen; sie war neben dem Kinde hingeknieet und legte ihm die kleinen Hände betend in einander, von den Zweigen des Baumes glänzte Licht um Licht und strahlte zurück aus den treuen glänzenden Kinderaugen, er mußte ja auch stolz sein auf seinen Sohn. „Nun bete, mein Junge!“ und die klare Kinderstimme hatte so rührend ernsthaft gesprochen:

„O, freut Euch doch zu dieser Stund’,
Wo Fried’ die Welt umschließt!“

Dem jungen Manne stand nicht dieser Abend vor Augen; er war aus seiner Erinnerung geschwunden, aber er sah sich neben zwei kleinen Mädchen dort unten in der Stube der Muhme. Beide saßen auf dem Bänkchen zu den Füßen der alten Frau, die rosigen Mündchen weit geöffnet, die Augen ernsthaft in die Ferne gerichtet; sie sangen, zwar nicht kunstgerecht, aber doch so tapfer und vor Weihnachtsfreude glühend:

„Und um das arme Kripplein strahlt
Ein wunderglänzend Licht,
Ein Kindlein liegt auf harter Streu –“

„Army singt nicht mit, Muhme,“ hatte die Größere den Gesang unterbrochen und fragend zu ihr aufgeschaut.

„Dann giebt’s nachher auch keine Pfefferkuchen, wenn der Knecht Ruprecht kommt,“ war die Antwort gewesen.

Da war die Kleine zu ihm getrippelt, „Army, mitsingen!“ hatte sie mit Thränen in den blauen Augen gebeten und als er trotzig den dunklen Lockenkopf geschüttelt, da hatte sie ganz trostlos die Händchen vor das Gesicht geschlagen. Und dann war Knecht Ruprecht gekommen in einem großen rauhen Pelz und hatte mit den Nüssen im Sacke gerasselt und drohend eine Ruthe unter dem Arme hervorgezogen. „Sind die Kinder artig, Muhme? Können sie auch beten?“ hatte er mit hohler Stimme gefragt.

„Ja, die Mädchen wohl, aber der da, der Junge, der ist ein kleiner Trotzkopf, der nicht sein Weihnachtslied singen will; den nimm nur getrost in Deine Schneehöhle mit, Herr Ruprecht!“ Und da war das kleine Mädchen laut weinend und ihre Angst vergessend zu dem gefürchteten Manne hinübergelaufen.

„Nein, nein, lieber Onkel Ruprecht, nimm den Army nicht mit! er ist nicht unartig; ich will auch keinen einzigen Pfefferkuchen haben.“ Und Nelly hatte mit eingestimmt in das trostlose Weinen, und schließlich mußte Knecht Ruprecht abziehen, ohne ein Gebet gehört zu haben, und das Trösten der Muhme und das Weinen der Kleinen scholl hinter ihm drein. Nur er, der Böse, weinte nicht; er lachte, als der letzte Zipfel des Pelzmantels verschwunden war, und behauptete kecklich, es sei gar nicht Knecht Ruprecht gewesen, sondern der Peter, der Kutscher, in Onkel Müllers umgekehrtem Pelze.

An all diese trauten Erlebnisse des Kinderherzens dachte Army zurück, und unwillkürlich drängte sich ihm die Frage auf die Lippen: „Wißt Ihr noch?“ Dann schwieg er, wie erschreckt über seine Worte, die so unheimlich laut durch das stille Zimmer tönten; sie waren ja alle längst vergangen, diese Kinderträume – er war ein Mann geworden. Ein Mann? Nein, ein weichlicher Träumer, dem das bischen Unglück die Hand gelähmt! Dort oben saß sie jetzt, die alte Frau, und schrieb, um ihn zu retten, einen Brief, der ihr vielleicht der schwerste war im ganzen Leben, und sie that es, weil er kein Mann war.

„Ich muß nach Hause.“ Lieschen nahm ihr Pelzjäckchen vom Stuhl.

„O, bleibst Du nicht heute Abend?“ fragte Nelly.

„Ich danke, ich kann leider nicht,“ erwiderte sie zögernd, „Pastors bekommen heute bei uns bescheert, weißt Du Nelly, und da darf ich doch nicht fehlen.“

„Ah, richtig, aber komm bald wieder!“

„Gewiß!“

„Darf ich Sie geleiten?“ tönte da auf einmal Army’s Stimme in ihr Ohr.

„O nein, ich danke,“ stammelte sie verwirrt, „ich –“

„Es ist heute Feiertag – Sie könnten Betrunkenen begegnen,“ schnitt er ihr die Antwort ab und nahm Mütze und Degen.

Es war ein wundervoller Winterabend, der sich draußen über weihnachtliche Erde gesenkt; kein Lüftchen bewegte sich; in lautloser Stille lag die Welt da in eine leuchtend weiße, steckenlose Schneedecke gehüllt, überwölbt von einem Himmel, von dem Millionen Sterne durch die klare kalte Luft herabfunkelten. Dort unten im Dörfchen blickten die erleuchteten Fenster unter den schneebedeckten Dächern hervor, und hier oben am Scheidewege, an der verschneiten Sandsteinbank, da steht ein schlankes Paar; wie verwundert streckt die alte Linde ihre kahlen Aeste über die jungen Häupter hinaus, als müsse sie die Beiden verstecken, daß kein Auge sie erschaut. Ist es denn jetzt Zeit zum Lieben? scheint jedes kahle Zweiglein zu fragen, jetzt wo keine Nachtigall singt, kein grünes Land einen Liebesgruß flüstern kann?

Und doch – des Mädchens Kopf liegt so still an seiner Brust, und in den blauen Augen, da glänzt ein unermeßlicher Himmel von Liebe und Glück.

„Ich soll Dir helfen, daß das Leben Dir nicht mehr so finster ist, Army? Wirklich?“

„Wenn Du wolltest, Lieschen!“ erwiderte er leise und küßte sie auf die Stirn.

„Ob ich will?“ fragte sie erglühend, und schmiegte sich fester an ihn, „ob ich glücklich sein will?“ – –

Wie war es nur gekommen? Wie war ihr nur zu Muthe, als sie jetzt allein über den Mühlensteg schritt? Wie im Traum klangen ihr seine ernsten Worte nach, fühlte sie den Kuß auf ihrer Stirn wie Feuer brennen – und doch war es Wirklichkeit, erlebte Wirklichkeit, was ihr Herz so hoch klopfen machte? Und morgen – ihr klopfendes Herz stockte jäh, als sie die erleuchteten Fenster des Hauses sah – dann wird er zu ihrem Vater kommen. Sie war Braut, eine glückliche Braut, seine Braut!

Sie blieb stehen und schaute zurück: dort drüben mußte er jetzt gehen, vorüber an der einsamen alten Linde, die trotz Schnee und Eis das süßeste Glück erblühen sah heute Abend. Er hatte sie lieb, wirklich lieb? Sie schüttelte den Kopf über das Wunder, das nie gehoffte Wunder, und die Eltern und die Muhme mußten sie ihr nicht ansehen, daß sie –? Nein, nein, jetzt noch nicht, erst wenn Pastors fort sind, dann wollte sie es dem Vater sagen, daß morgen Einer kommen wird, der –

Und nun trat sie in die Hausthür; die alte Schelle klapperte heute so abscheulich laut, und sie wollte doch erst unbemerkt in ihr Stübchen hinauf. Nein, das ging nicht, denn eben hob die Muhme den Vorhang vom Fenster der Stubenthür, und gleich darauf wurde diese geöffnet.

„Ei, Du Ausbleiberin!“ tönte freundlich die alte Stimme, „just wollte ich die Dörte schicken, glaubte schon, es hätte Dich Einer mitgenommen unterwegs.“

„Guten Abend!“ erwiderte sie, aber die Stimme versagte ihr beinah vor stürmischem Herzklopfen, „ist’s wirklich schon so spät?“

„Nun, ich meine,“ sagte die alte Frau und schloß die Thür hinter ihr. Da saß der Vater an dem runden Tische, und die Mutter mit dem Onkel Pastor auf dem Sopha.

„Da bist Du ja!“ begrüßte der Vater sie freundlich und zog die schlanke Gestalt an sich, „was sagst Du nun, Liesel? Denke doch, die Kinder in der Pfarre haben ’s Scharlach und können nicht zur Bescheerung kommen. Gelt, das ist traurig?“

„Sehr traurig!“ wiederholte sie, aber ihre Augen leuchteten so wunderbar, und um ihren Mund spielte ein so glückliches Lächeln; das stand gar nicht im Einklang mit ihren Worten. Zu jeder anderen Zeit würde sie in lautes Bedauern ausgebrochen sein, aber heute – sie hatte kaum ein Verständniß für das, was ihr da eben mitgetheilt worden.

[804] „Einen Augenblick nur – ich lege oben in meiner Stube ab; ich bin gleich wieder da,“ und fort war sie.

„Was hat nur das Kind?“ fragte Frau Erving ängstlich.

Das Kind aber, das stand hochaufathmend in seinem kleinen Stübchen. Die Pelzjacke und Mütze flogen auf den nächsten Stuhl, und dann sank sie auf die Kniee vor ihrem Bette, wie sie jeden Abend ihr Gebet sprach, sie drückte den glühenden Kopf in die Kissen und die Hände falteten sich, aber es kam kein Wort über ihre Lippen, nur im Herzen wogte ein verworrenes Dankgebet, ein namenloses Bangen, ein unendliches Glücksgefühl. Endlich sprang sie empor und öffnete das Fenster, „da drüben, da drüben!“ flüsterte sie und winkte mit der Hand, als könne er es sehen. Ob er jetzt an sie dachte? Ob er seiner Mutter gestanden, daß er das kleine kindische Lieschen aus der Mühle im Arme gehalten und geküßt? Und Nelly?

„Lieschen! Lieschen!“ rief es da unten.

„Gleich!“ antwortete sie – es klang wie ein jauchzender Aufschrei; sie nahm das Licht und trat vor den Spiegel; dunkelglühende Augen schauten aus dem Glase ihr entgegen. Seine Braut flüsterte sie, „seine Braut!“ und tiefes Roth überflog ihr Gesicht; sie löschte schnell das Licht und eilte hinunter.

„Sie sind schon in der Eßstube, Fräulein,“ rief Dörte ihr zu, und dann kreischte sie plötzlich laut auf. „Jesses, Jesses, Jesses, Fräulein, es ist ’ne heimliche Braut im Hause; sehn Sie doch – eins, zwei, drei Lichter!“

Das junge Mädchen, welches schon den Drücker der Eßstubenthür in der Hand hatte, drehte sich über und über erröthend um – richtig, da stand die Dörte mit der Küchenlampe; dort hing die grün lackirte Flurlampe an der Wand, und die Muhme war eben aus ihrem Stübchen getreten und hielt die Hand schützend vor den flackernden Wachsstock, daß der Schein so recht hell auf das alte gute Gesicht fiel.

„Es ist doch die Möglichkeit!“ sagte sie wie ärgerlich. „Mädel, Du bist rein toll; da jauchzt sie los, daß ich zum wenigsten meine, sie hat das große Loos gewonnen. Heimliche Braut – dummer Schnack, wirst es wohl selbst am besten wissen, wer’s ist! Steht doch alle Abend an der Gartenpforte ein Liebespaar, trotz dem tiefsten Schnee. Geh’ hinein, Kind! Ich komme schon nach,“ wandte sie sich an Lieschen, die zögernd die Thür zur Eßstube öffnete und mit der alten Frau hereintrat.

Da saßen sie schon, der Vater, die Mutter und der Onkel Pastor, und nun sprach dieser das Tischgebet, und dann erschien Dörte mit dem duftenden Gänsebraten, den der Hauswirth jetzt zerlegen wollte.

„Und weißt Du, Pastor,“ sagte er in Fortsetzung eines unterbrochenen Gespräches, und strich dabei das Messer an dem zierlichen Schleifstahl hinunter, „es wäre ein wahrer Segen, wenn die Geschichte wirklich in’s Leben träte, aber glauben kann ich nicht daran; es heißt schon seit zehn Jahren so.“

„Ja, ich kann Dir auch nichts weiter sagen, Friedrich,“ erwiderte der Pastor, „als was ich in B. neulich hörte von dem Baumeister Leonhardt; er sagte, zum Frühjahr käme eine Commission, um die verschiedenen Strecken zu erwerben, und sobald dies geschehen, geht das Bauen los; meinetwegen, Eisenbahn oder nicht! Ich wollte nur –“ er strich mit der Hand über die Stirn.

„Sie ängstigen sich wegen der Krankheit der Kinder, Herr Pastor?“ fragte nach einer Pause teilnehmend die Hausfrau.

„Nun ja, ich will es ehrlich gestehen,“ erwiderte er und sah wirklich bekümmert aus, „wir stehen ja Alle in Gottes Hand, aber das Menschenherz ist leicht verzagt; die heimtückische Krankheit tritt in diesem Jahre ganz besonders gefährlich auf, im Dorfe liegen ja Haus bei Haus die Kleinen; aus mancher Familie habe ich eins oder gar zwei zu Grabe geleitet, und bei allem Beugen unter den Willen des Herrn, Minnachen – die Angst läßt sich nicht fortjagen.“

„Um Gotteswillen, Onkel, so schlimm ist es?“ Lieschen sah mit großen erschrockenen Augen zu ihm hinüber; sie kam sich plötzlich im höchstem Grade lieblos vor, hatte sie doch in ihrem seligen Glück seine Angst erst gar nicht bemerkt. „Soll ich mitkommen? Soll ich helfen?“

„Ei behüte, Lieschen, das ist eine gefährliche ansteckende Krankheit – um die Welt nicht!“ sagte freundlich der geistliche Herr und drückte ihr die kleine Hand, „nein, nein, da wird meine Rosine schon allein fertig; man soll sich nicht leichtsinniger Weise in Gefahr begeben. Du bist das einzige Kind – das muß sich schonen für die Eltern; nein, ich danke Dir, Lieschen; es geht schon so. Uebrigens ich muß bald nach dem Essen wieder fort; die Rosine hat mich mit aller Gewalt heraufgejagt.“

„Na, komm, Pastor,“ sagte der Hausherr herzlich und hob sein Glas, „auf daß es bald besser gehe daheim und alle Angst umsonst war!“

„Gott gebe es!“ Das ernste Gesicht des Pastors hellte sich wieder auf; „aber nun ist’s genug davon,“ meinte er sich zusammenraffend, „ich will Euch nicht auch noch die Festfreude verderben, gelt Lieschen? Lach’ nur wieder. Sahst vorhin so strahlend aus. Was hattest Du denn mit der Nelly? Dein Gesicht glänzte ja wie eitel Lust und Freude.“

Lieschen erröthete wie eine Purpurrose.

„Nun, dort oben wird’s wohl nicht gerad’ zu strahlend aussehen,“ fiel Herr Erving ein.

„Ach ja, da hat’s auch sein bitteres Leid – es ist wahr,“ seufzte der Pastor; „kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen! Es ist so auf der Welt.“

„Du lieber Gott,“ meinte die alte Frau, „so ein bischen Gottvertrauen gehört schon immer mit dazu; um den Jungen, den Army, aber, da ist mir schon gar nicht bange; so ein frisches junges Blut, dem wird das bissel falsche Lieb’ nicht gleich das Herz abdrücken, dazu ist er ein zu stolzes Gemüth, und Liebesweh ist netter Liebeszunder, wird bald ’nen andern Schatz haben.“

„Nun, das wäre Nebensache, Muhme, aber die leidigen Verhältnisse sonst noch, und –“

Klapp, da war die Thür gegangen und das junge Mädchen verschwunden; und da saßen die Zurückbleibenden und staunten sich in stummer Verwunderung an.



14.

Der Onkel Pastor hatte sich auf den Heimweg begeben, ohne das junge Mädchen wiedergesehen zu haben. Ein Ruf im Hausflur nach ihr war unbeantwortet geblieben.

Die Muhme suchte ihr Liesel allenthalben. In der Wohnstube war sie nicht, in der Weihnachtsstube auch nicht, und nun öffnete sie vorsichtig die Thür zu dem Zimmer des Mädchens; es war fast dunkel drinnen, aber dort am Fenster stand eine schlanke Gestalt und schaute unbeweglich in die schweigende schneehelle Nacht.

„Liesel!“ rief die alte Frau leise.

„Muhme,“ klang es beklommen zurück.

„Sag’ Kind, was ist Dir denn? Hast doch nicht Kopfweh, bist doch nicht krank?“

Aber statt aller Antwort umschlangen sie die weichen Mädchenarme; ein glühendes Gesicht barg sich an ihrem Hals, und die Gestalt, die sich an sie schmiegte, bebte in verhaltenem Schluchzen.

„Kind, Liesel, was ist’s denn?“ fragte die alte Frau erschreckt, „hat Dir Jemand was gethan?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Was ist’s denn, mein Herzel?“ und sie zog die Widerstrebende zum Sopha, setzte sich neben sie und hielt sie fest umschlungen.

„Ach Muhme, liebste, beste Muhme –“

„Was denn, mein Herzpünktchen? Nun? Du lachst wohl gar?“ fragte sie gleich darauf, „Du närrisches Ding, was soll das heißen?“

„Ach, ich möchte lachen und weinen und – ich weiß nicht was Alles,“ flüsterte sie; „schließ’ die Augen, Muhme! Ich will Dir sagen, weshalb – ach, ich habe solche Angst vor Dir –“

„Angst vor mir? Ja, das muß ich sagen: das sieht Dir ähnlich – na fix, fix – was hast Du begangen?“

„Ich – ich – bin eine Braut geworden, Muhme,“ sagte sie stockend; „hast Du mir es nicht gleich angesehen?“

„Eine Braut? Kind!“

„Ich bin ja so glücklich, so glücklich – der Army –“

„Der Army!“ stöhnte die alte Frau, und die Zähne schlugen ihr vor Schreck zusammen. „Der Army? Du eine Braut?“ wiederholte sie tonlos. „Also doch, also doch!“

„Muhme, hast Du denn kein freundlich Wort? Wir haben uns ja so lieb, so lieb!“

[805]
Die Gartenlaube (1878) b 805.jpg

Bräsig, Lining und Mining.
Scene aus Fritz Reuter’s „Stromtid“.
Der Reuter-Gallerie von C. Beckmann entnommen.

[806] „Lieb? Er hat Dich lieb?“

„Aber, Muhme, wie Du fragst! Würde er mich sonst zu seiner Braut haben wollen?“

„Barmherziger Gott!“ schrie es auf in der Seele der alten Frau, „das arme thörichte Kind! Sie glaubt sich geliebt, und er er will nur ihr Geld, um sich zu retten.“ Und in stummer Angst tastete sie mit der kalten Hand nach der des Lieblings, die wie Feuer glühend in der ihren lag, und da flüsterte schon wieder die süße Stimme an ihrem Ohr; war’s nicht just so seliges, so thörichtes Zeug wie damals, als ihr die Lisett ihre junge Liebe vertraute?

„Denk doch, Muhme, ich kann ihm wieder das Leben froh machen; um meinetwillen wird er es wieder lieben lernen, wie schön das ist! Ich soll das können, Muhme, ist es denn wirklich wahr? Ach, Muhme, da draußen unter der alten verschneiten Linde, wo ich ihn vor drei Jahren noch einmal sah, da hat er mich gefragt. Und nun – nicht wahr, Du sagst es Vater und Mutter? Ich sterbe ja vor – vor Scham, wenn ich bekennen soll, daß ich einem fremden Manne gut bin; ich kann es nicht – thu’ Du es doch! Wenn es hier nicht dunkel wär’, ich hätte es Dir nimmer sagen können. – Muhme, so sprich doch, so gieb mir doch einen einzigen Kuß –“

Lisett – Lisett – war sie es denn nicht, die da eben flüsterte? „O Herr Gott!“ so sprach es aus tiefer Qual heraus in der alten Frau, „ist dies das Glück, um das ich Dich gebeten für das Kind, allabendlich und jeden Morgen? Hat sie nicht tausendmal was Besseres verdient, als dieses Loos?“ Und dann saß sie ein paar Augenblicke wie starr.

„Liesel,“ sagte sie endlich gepreßt, „Du weißt nicht, was Du gethan hast, Du weißt nicht, was Dir bevorsteht, wenn diese unselige – sei mir nicht böse, aber ich muß so sprechen – diese unselige Verlobung wirklich zu Stande kommt. Du kennst die alte Baronin nicht, wie ich sie kenne; sie ist schlimmer als ein Teufel. Sie wird Dich elend machen, wie meine arme Lisett, die sie auf dem Gewissen hat, und ich mein’, daß mein Gewissen auch nicht rein wäre, wenn das Unglück doch geschieht und ich hätte Dich nicht gewarnt jetzt, wo es noch Zeit ist und wonach Niemand von Eurer Lieb’ was weiß, als Ihr Zwei und ich. Sei still!“ – wehrte sie, als Lieschen sie zu unterbrechen versuchte – „thu’ der alten Muhme und Dir selber den Gefallen! Was ich Dir erzählen will, das schmeckt bitter, aber es ist eine Arzenei und Gott geb’s, daß sie Dir eingeht und hilft! Es ist die Geschichte der Lisett, die ich Dir erzählen muß – gelt, Du weißt noch, daß ich sie Dir erzählen wollt’ im Frühjahr, weil ich Deine Liebe kommen sah, aber ich brachte es damals nicht über die Lippen – hätte ich es nur gethan!“

Das junge Mädchen kauerte sich wortlos zu ihren Füßen; kein Laut von ihren Lippen verrieth, wie ihr junges kaum erblühtes Mädchenglück im Herzen schauerte, als sei plötzlich ein Strom von Eisluft in den lachenden Frühling gebrochen.

„Also der Baron Fritz,“ begann die alte Frau mit tiefer Stimme, der Bruder des Großvaters von Nelly und Army, war der Lisett ihr Bräutigam; sie hatten sich heimlich versprochen; Niemand wußte es außer mir. Der Baron Fritz wollte erst, wenn er mündig sei, mit seiner Werbung vor Lisett’s Eltern treten und mit seinem Bruder sprechen, und dann wollten sie sich ein Gut kaufen; es war ein glückliches Paar, Liesel, und ein schönes dazu, und sie hatten sich so sehr lieb, es war eine Lust sie zusammen zu sehen dort unten in der alten Laube am Wasser. Baron Fritz stand nicht weit von hier als schmucker Husarenofficier in einer kleinen Stadt; er kam oft herüber, und wenn es um die Zeit war, daß er eintreffen mußte, dann stand Lisett droben in ihrem Stübchen am Fenster und sah zu dem Thurm hinüber, und dann flammte wohl bald ein Licht dort oben auf; das war das Zeichen, daß er zu ihr kam. Dann jauchzte sie vor Freude und schlug die Hände zusammen und lief ihm ein Stückchen in den Wald entgegen.

Und dann – an einem Sommerabend – hielt des Bruders junges schönes Weib, Nelly’s Großmutter, ihren Einzug in das alte Schloß. Die Lisett und ich waren hingelaufen sie zu sehen; das ganze Schloß war erleuchtet und die Diener warteten mit Fackeln an der großen Freitreppe, auch Baron Fritz stand da mit seiner alten Mutter, und dann kam das junge Paar gefahren. Das mußte wahr sein: schön war die junge Frau, aber es lag Stolz in ihrer Haltung, Stolz auf dem blassen Gesicht, und Stolz blitzte aus ihren großen schwarzen Augen. Die Lisett war ganz bleich geworden als sie ihr nachschaute.

‚Die wird meine Freundin nicht, Marie,‘ sagte sie zu mir.

Und sie hat Recht gehabt. Gott weiß, wo die stolze junge Frau erfahren hat, daß der Baron Fritz der Lisett gut sei, und wer ihr dem teuflischen Plan eingab, die Beiden zu trennen. Ich weiß nur das Eine, daß es ihr gelang. Und wie – ja wie ist es ihr gelungen!

Es war im Herbst, und das Schloß voller Jagdgäste; man konnte deutlich das Halali aus den Wäldern hören, und allabendlich flammten die Fenster des Schlosses in hellem Lichte auf; das tolle Leben begann da oben, das die Schloßherrin so liebte und mit dem sie ihre Familie beinahe an den Bettelstab gebracht hat. Baron Fritz aber nahm Abschied von der Lisett; er konnte längere Zeit nicht wieder kommen, und sie schenkte ihm ein kleines goldenes Herzchen, das sie immer auf der Brust trug; ich hörte noch, wie sie sagte: ‚Da Schatz, thue die Locke von mir hinein und denk an mich!‘ Sieh, Lieschen, dies goldene Herz, das war der Lisett ihr Tod. Doch höre weiter! Der Baron Fritz reiste ab, und es vergingen so vierzehn Tage; schreiben konnten sich die Liebesleute nicht, denn sonst wär’ Alles offenbar geworden; damals war man auch noch nicht so gar arg auf’s Schreiben, wie heut zu Tage, aber denken thaten sie desto mehr an einander, und das mag jetzt manchmal umgekehrt sein. Nun also, der Fritz war abgereist, und die Lisett stand allabendlich aus alter Gewohnheit am Fenster und guckte nach dem Thurmstübchen hinüber, denn dort wohnte Baron Fritz stets, wenn er hier war. Aber es blieb jeden Abend dunkel, und es war ja auch nicht anders möglich, denn vor vier Wochen konnte er nicht wieder hier sein, und jetzt waren erst vierzehn Tage verflossen. Da, eines Abends, schreit die Lisett hell auf und rennt auf mich zu, die ich eben mit dem Strickstrumpf ein wenig zu ihr schwatzen komme.

‚Jesus!‘ ruft sie, ‚er ist da; es ist Licht im Thurm,‘ und richtig, da schimmert das erleuchtete Bogenfenster herüber. Sie nahm nicht einmal ein Tuch um, als sie aus dem Hause flog. Nach einer Weile kehrte sie zurück. ‚Er kam nicht,‘ sagte sie, ‚was soll das nur bedeuten?‘ Ich schüttelte den Kopf. Na, wart Lisettchen! Ich frag’ den Christian morgen. Aber wer nicht kam, war der Christian, und um Mittag bringt mir ein Junge den Bescheid, ich sollte nicht auf ihn warten, er sei für die Herrschaft verreist, um ein neues Pferd für die Frau Baronin zu holen.

Die Lisett war in einer Unruhe, die sich gar nicht beschreiben läßt. Sobald es dämmerte, stand sie am Fenster, und wieder sah man das Licht drüben. Abermals lief sie in’s Freie, und kam blaß zurück und warf sich weinend in’s Sopha. Gott weiß, sie mußte schon eine Ahnung haben von dem, was ihr bevorstand, denn sie wollte von keinem Trost etwas wissen. ‚Er ist da und kommt nicht, er liebt mich nicht mehr,‘ schluchzte sie, ‚ach ich sterbe, wenn es so ist.‘

Am dritten Abend dieselbe Geschichte; die Lisett sah aus wie der Kalk an der Wand. Dann blieb es dunkel im Thurmstübchen. – Ohngefähr vier Tage darauf sitzen wir, die Lisett und ich, im Mittagssonnenschein vor der Hausthür und rupfen Krammetsvögel, und sie schaut so den Federn nach, die in der Luft umherfliegen, während ein banger Seufzer nach dem andern über ihre Lippen geht; da kommt über den Mühlsteg ein Mädchen gegangen. Zuerst kannten wir sie nicht, denn ihr neuer rother Rock mit den schwarzen Streifen blendete ordentlich in die Augen, dann aber sagte die Lisett: ‚Das ist ja die tolle Fränzel, was will die hier?‘ Richtig, sie war’s, und kam gerade auf uns zu getänzelt mit ihren zierlichen Füßen, die in kleinen Spannbänderschuhen und schneeweißen Strümpfchen steckten. Sie hatte ein schwarzes Kamisol an, und ein Paar lange ebenso schwarze Zöpfe hingen ihr auf den Rücken herunter; das Gesicht mit den funkelnden Augen und der kleinen Nase sah die Lisett an, als wär’ sie eitel Freundlichkeit. Nun mußt Du wissen, Liesel, die tolle Fränzel war mit uns zur Confirmation gegangen, und ein wilder Kind hat’s wohl nimmer gegeben; Zigeuner hatten sie einst hinter dem Kirchhofszaun liegen lassen, als sie kaum erst acht Tage alt war, und sie ist im Armenhause groß geworden. Ein leichtsinniges, arbeitsscheues Blut war sie von jeher, das Aergerniß der ganzen Gemeinde, der Frau Baronin aber gefiel sie, als sie einst mit einem [807] Körbchen Beeren auf das Schloß kam. ‚Sie erinnere sie an ihre Heimath,‘ hatte sie gesagt, und so kam Fränzel in den Dienst der gnädigen Frau und ging einher so bunt geputzt, als wären unseres Herrgotts christliche Tage eitel Mummenschanz.

Wir hörten aber auch bald, daß sie noch immer die tolle Fränzel sei; da verkehrten so viele fremde Cavaliere im Schloß und hübsch war ja die Fränzel, zu hübsch, und sie hätt’ gewiß ’nen braven Burschen gefunden, der sie als seinen ehrlichen Schatz hätt’ küssen mögen, aber sie war leichtfertig als der Schlimmsten Eine, und – Gott sei Dank! – noch galt ja Zucht und Ehrbarkeit bei uns daheim.

Und so kam sie denn daher; in den kleinen Ohren hingen große glänzende Goldreifen, und einen Ring hatt’ sie auch an der Hand, mit der sie so recht auffällig an der schneeweißen Schürze bändelte.

‚Guten Tag!‘ rief sie uns entgegen, und die Lisett sagte wieder:

‚Guten Tag!‘ und fragte: ‚Was soll’s, Fränzel?‘

‚Nun Jesses, ich sah die Mamsell hier drüben sitzen und wollt’ mal sehen, wie’s bei Euch ausschaut. Ihr braucht Euch ja meiner nicht zu schämen, sind wir doch zusammen confirmirt worden – oder bist Du stolz geworden?‘

‚Nein,‘ erwiderte die Lisett, ‚ich bin nicht stolz, aber wenn Du kommst, so hat’s was zu bedeuten – sag’ mir rasch, was Du willst!‘

‚Gar nichts, meine Gute,‘ erwiderte sie und that wie beleidigt, ‚brauchst Dich meiner nicht zu schämen; betteln thu’ ich nicht mehr; hab’ mein Brod übrig genug,‘ und dabei lachte sie, daß man alle die weißen Zähne sah, und drehte sich auf dem Fuße herum, daß der rothe Rock und die Zöpfe nur so flogen. ‚Siehst so blaß aus,‘ sagte sie dann plötzlich und fixirte das Gesicht der Lisett, ‚hast Liebeskummer, he?‘

Lisett erröthete über und über. ‚Was geht’s Dich an, wie ich ausseh?‘ erwiderte sie kurz und erhob sich so rasch, daß die feinen Federn aus ihrer Schürze nur so in der Luft herumwirbelten. Auf einmal sah ich, daß ihr die Augen schier aus dem Kopfe traten und daß sie sich leichenblaß mit der Hand nach dem Herze faßte und auf die Bank niedersank, und als meine Blicke den ihrigen folgten, da fielen sie auf ein kleines goldenes Herz, das sich aus dem Busentuch der Fränzel geschoben.

‚Allmächtiger Gott!‘ schrie die Lisett – dann aber war sie mit einem Sprunge neben der Fränzel, hatte sie an der Schulter gepackt und fragte mit einer Stimme, die mir durch Mark und Bein ging – so voll schriller Herzensangst war sie –: ‚Woher hast Du das Herz, Fränzel?‘“

(Fortsetzung folgt.)





Joseph Gay-Lussac.
Zum hundertjährigen Geburtstage desselben.

Heutzutage, wo der Krieg, welcher die Nationen entzweit, auch in das friedliche Reich der Wissenschaft eingedrungen ist und französische Eroberer auf dem Gebiete des Geistes ihre deutschen Waffenbrüder befehden, als hätten diese die verhängnißvolle Kriegserklärung Napoleon’s verschuldet, ist es doppelt geboten, an Zeiten zu erinnern, in denen Beide trotz Krieg und Völkerzwist treu zu einander hielten, und dazu wird uns die bevorstehende Säcularfeier eines der größten Chemiker Frankreichs und der Welt eine willkommene Gelegenheit bieten.

Joseph Louis Gay ist am 6. December 1778 in St. Leonard, einer kleinen alten Stadt der französischen Provinz Limousin geboren, woselbst sein Vater Richter und Procurator des Königs war. Reich begütert bei dem nahen Dorfe Lussac, fügte er diesen Namen dem seinigen zur Unterscheidung bei, da die Familie der „Heiteren“ – gaya, gay, gai heißt: lustig, froh – in Frankreich sehr verbreitet ist. Und lustig, ja sogar ein wenig wild und tollkühn war auch Joseph, der älteste Sohn, in seiner Jugend. Man erzählt, daß er einst eine Stange aus seinem Dachfenster nach demjenigen des benachbarten Pfarrhauses legte, um auf derselben reitend mit Lebensgefahr die verbotene Frucht des Paradieses, das vortreffliche Obst eines Baumes im Pfarrgarten zu pflücken. Bei einer dieser Luftfahrten stieß er das geistliche Dachfenster ein, wurde auf die Anklagebank versetzt, leugnete – aber wurde seines Vergehens so vollkommen überführt, daß er sich in seiner großen Beschämung gelobte, nie wieder die kleinste Unwahrheit zu sagen. Wahrscheinlich hat sich mit aus dieser Affaire der strenge Gerechtigkeitssinn entwickelt, der den großen Mann sein Lebelang auszeichnete.

Nur zu bald begann der Ernst des Lebens für unseren Helden, denn in der Revolutionszeit wurde der Vater als Procurator des Königs und als Gutsbesitzer natürlich in das Gefängniß geworfen. Joseph Gay, wie er sich jetzt schlechthin nannte, wußte durch seine geduldigen Bitten bei dem Commissionär des Convents und sein kluges Benehmen wenigstens die drohende Abführung nach Paris, die mit Hinrichtung gleichbedeutend gewesen wäre, zu hintertreiben und die Gefangenschaft am Orte bis zum Tode Robespierre’s hinzuziehen, wo dann die schlimmste Gefahr vorüber war. Natürlich war in dieser Zeit der Besitzstand der Familie sehr zurückgegangen, und Joseph wurde zu der wenig kostspieligen Laufbahn eines Advocaten bestimmt.

Er kam mit guter Vorbildung 1794 nach Paris, um sich für den Stand seines Vaters vorzubereiten, aber die damals herrschende und namentlich in der Hauptstadt empfindliche Theuerung veranlaßte die Auflösung der Pension, in welcher er sich befand, und er suchte in Nanterre, später zu Passy bei Paris, wo die Theuerung nicht ganz so empfindlich war, bei einem gewissen Sensier ein Unterkommen. Aber die Theuerung steigerte sich zu einer Hungersnoth, und auch Sensier entließ alle seine Pensionäre bis auf Gay-Lussac, den er wegen seiner Aufrichtigkeit wie ein eigenes Kind liebgewonnen hatte. Seine Pension wurde mit Mehl bezahlt, welche die Schwestern so verpackten, daß man es einschmuggeln konnte. Damals, über sechszehn Jahre alt, hatte Joseph sich noch nicht mit Mathematik und Naturwissenschaften beschäftigt, aber die Neigung begann sich stark zu regen. Seine ersten mathematischen Studien begann er, nach seiner Erzählung, auf dem Milchkarren der Madame Sensier, die er, als sie in der Noth der Zeit einen Milchhandel nach Paris angefangen hatte, zu ihrem Schutze bewaffnet zu begleiten pflegte.

Inzwischen hatte er sich für das Studium der Naturwissenschaften entschieden und fand nach mehrjährigen fleißigen Vorbereitungen und glänzend bestandener Prüfung Ende 1797 Aufnahme in die Polytechnische Schule. Es war dies jene drei Jahre vorher ins Leben gerufene Musteranstalt, welche als Urbild der polytechnischen Schulen überhaupt betrachtet wird, die einzige ruhmvolle Schöpfung, welche aus den Zeiten der ersten Republik noch übrig ist. Gay-Lussac wurde bald „Chef der Brigade“, die da auf Staatskosten in den exacten Wissenschaften unterrichtet wurde, und bezog als solcher ein doppeltes Monatsgeld, sodaß er seiner Familie keine weiteren Kosten verursachte. Mit ihm zugleich gingen aus dieser Anstalt die meisten jener berühmten Männer hervor, welche in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts Paris wie niemals vorher oder nachher, zu einem Brennpunkte der Wissenschaften erhoben, und später, als der im November 1800 mit Ruhm entlassene Professor an dieser Schule geworden war, blieb es einer seiner Lieblingsträume, den längst verblichenen Glanz derselben wiederherzustellen.

Mit seinen Kenntnissen und Zeugnissen wäre es ihm leicht gewesen, bald eine einträgliche Anstellung im Staatsdienste zu erhalten. Aber da die Chemie seine Lieblingswissenschaft geworden war, zog er es vor, als Assistent des berühmten Chemikers Grafen Berthollet und in dessen wohlausgestattetem Laboratorium sich weiter auszubilden. Schon in einer der ersten Untersuchungen, die ihm der Meister überließ, kam er zu Ergebnissen, die den von diesem erwarteten vollkommen entgegengesetzt, aber so richtig waren, daß Berthollet ihm sagte: „Junger Mann, Ihre Bestimmung ist, Entdeckungen zu machen, Sie werden von nun ab mein Tischgenosse sein; ich will, sicher, daß dies einst ein Ruhmestitel für mich sein wird, ‚Ihr Vater in der Wissenschaft‘ sein.“

[808] Die ersten Untersuchungen, durch die er sich der Welt bekannt machte, waren sozusagen die Abkömmlinge jenes kühnen Luftrittes, als ihm noch der Himmel über seinem Dache voll Aepfel hing; es waren Luftreisen, die mit einer kaum heute übertroffenen Kühnheit zu rein wissenschaftlichen Zwecken unternommen wurden. In den Jahren 1803 und 1804 hatte nämlich der Physiker Robertson die ersten wissenschaftlichen Luftreisen unternommen, und wollte dabei unter Anderem beobachtet haben, daß die Kraft der Magnetnadel in den höhern Regionen reißend schnell abnähme. Laplace schlug daher im Jahre 1804 der Pariser Akademie die Unterstützung einer physikalischen und chemischen Erforschung der Atmosphäre mittelst des Luftballons vor. Gay-Lussac und der später berühmt gewordene Physiker Biot wurden mit der Ausführung betraut und stiegen am 24. August 1804 zu einer Höhe von 3000 Fuß auf, aber die beständig kreisende Bewegung des Ballons verhindere sichere Beobachtungen. Daher wiederholte Gay-Lussac seine Versuche mit unerhörter Kühnheit drei Wochen später und stieg am 16. September, mit allen möglichen wissenschaftlichen Apparaten ausgerüstet, allein empor. Fortwährend die Magnetnadel, Barometer, Thermometer und Hygrometer (einen Apparat zum Messen der Luftfeuchtigkeit) beobachtend, erreichte er die bis dahin noch nie besuchte und ein halbes Jahrhundert lang nach ihm vergeblich angestrebte Höhe von 7016 Meter über dem Meere, weshalb wir seinen Luftballon auf älteren Bergkarten gewöhnlich über dem Gipfel des Montblanc schwebend abgebildet finden. Obwohl ihm die Athmung bereits erschwert und die Kehle sehr trocken war, beschloß der muthige Forscher seine Entdeckungsreisen noch weiter empor auszudehnen und warf das letzte entbehrliche Ballaststück, einen alten Stuhl, aus der Gondel, um immer noch höher zu steigen. Es half aber nicht viel, er merkte, daß er den Gipfelpunkt seines Ausflugs erreicht hatte, und verstopfte eilig seine Ballons, in denen er Luft aus diesen Regionen hinabbrachte, wie die Pilger sonst Jordanwasser mit in ihre Heimath trugen. Nach einer sechsstündigen Luftfahrt, während welcher er einen Temperaturwechsel von 37 Grad durchgemacht hatte, landete er wohlbehalten bei einem Dorfe zwischen Rouen und Dieppe, vierzig Meilen von Paris.

Er glaubte gefunden zu haben, daß die Magnetnadel sich dort oben ebenso verhält wie auf der Erdoberfläche, ein Ergebniß, das nicht mehr für völlig genau gehalten wird, wichtiger war sein Nachweis, daß die Luft in einer Höhe von 20,000 Fuß genau ebenso zusammengesetzt ist, wie an der Erdoberfläche, und durchaus keine Beimischung von Wasserstoffgas enthält, wie man vermuthet hatte. Zu seiner nicht geringen Ueberraschung mußte er später erfahren, daß sein Stuhl zu einem langen frommen Streite darüber Anlaß gegeben habe, ob man denselben für einen „Stuhl aus dem Paradiese“ halten müsse oder nicht. Derselbe war nämlich bei ruhiger Luft unmittelbar vor den Augen einer Schäferin aus den Wolken gefallen, und da man derartige Stühle auf den Altarbildern zuweilen auf Wolken ruhend sieht, so war diese Deutung nicht so leicht von der Hand zu weisen. Die Gläubigen hätten den schlechten Stuhl am liebsten gleich in ihre Dorfkirche zur Anbetung gestellt, aber die Ungläubigen hatten darauf hingewiesen, daß die Arbeit sehr ungeschickt sei und daß man da oben wohl geschicktere Tischler voraussetzen müßte. Der Streit dauerte eine geraume Zeit in den Localblättern der Gegend, aber der Bericht Gay-Lussac’s über seine Reise bereitete der Freude der Wundergläubigen bald ein tragikomisches Ende.

Um diese Zeit und an eben diese Luftuntersuchungen knüpfte sich die lebenslängliche Freundschaft mit Alexander von Humboldt an. Gay-Lussac war demselben vor einer Reihe von Jahren gewissermaßen feindlich entgegengetreten[1]. Vor Beginn seiner großen Reise nach Amerika hatte Humboldt nämlich unter seinen eiligen Vorbereitungsstudien eine allerdings nicht sehr vollendete Arbeit über Luftuntersuchungen veröffentlicht, und diese Arbeit war von dem damals noch sehr jungen Gay-Lussac nicht ohne Grund scharf kritisirt worden. Als darauf Humboldt zurückgekehrt war, sah er eines Tages im Hause Berthollet’s zu Arcueil bei Paris den jungen schlanken Mann, dem man nachrühmte, es trotz seiner Jugend weitaus am höchsten gebracht zu haben. „Ah, der Verfasser jener bitteren Kritik,“ sagte Humboldt leise, näherte sich Gay-Lussac und bat ihn um seine Freundschaft.

Sie weihten dieselbe mit einer gemeinschaftlichen Arbeit über die Zusammensetzung der Luft und des Wassers ein, welche am 1. Januar 1805 der Akademie der Wissenschaften vorgelegt wurde und der später zahlreiche gemeinschaftliche Arbeiten der Beiden gefolgt sind. Es war dies dieselbe Arbeit, in welcher Gay-Lussac seine für die Chemie folgenschwere Entdeckung, daß die Gase sich in einfachen Maßverhältnissen verbinden, zuerst andeutete. Auf Humboldt’s Andrängen nahm Gay-Lussac im März desselben Jahres einen Jahresurlaub, um mit seinem Freunde einen großen Theil Europas zu bereisen. Mit ausgezeichneten Instrumenten für meteorologische und magnetische Beobachtungen versehen, reisten sie durch einen Theil Frankreichs und dann über den Mont Cenis nach Italien, wo sie in dem Hause Wilhelm von Humboldt’s, der damals preußischer Geschäftsträger am päpstlichen Hofe war, einige Zeit verweilten und sich des anregenden Umgangs mit Rauch und Thorwaldsen erfreuen durften. Aber selbst dort konnte der Chemiker das Arbeiten nicht lassen, und hier war es, wo er die Flußsäure als einen regelmäßigen Bestandtheil der Knochen und Zähne erkannte.

Von Rom gingen sie, nachdem sich ihnen Leopold von Buch angeschlossen, nach Neapel, woselbst der Vesuv, der sich bis dahin sehr ruhig verhalten, zur Begrüßung der drei berühmten Naturforscher ein großartiges Feuerwerk veranstaltete: Lavaströme, Aschenregen, vulcanische Gewitter begleiteten die Eruption, und damit nichts fehle, hatten die Reisenden – wie einer derselben sich ausdrückte – das „Glück“, eines der schrecklichsten Erdbeben, das Neapel je erlebt hat, mitzumachen. Auf diesen Besuch namentlich bezogen sich die von dem Forscherkleeblatt ausgegangenen Theorien über den Vulcanismus, die einen bedeutenden Nachhall fanden, aber durch die neuere Forschung, namentlich was die angenommenen Bergerhebungen durch vulcanisches Feuer anbetrifft, beträchtlich eingeschränkt worden sind.

Nach einem nochmaligen Aufenthalt in Rom, Florenz, Bologna und Mailand, wobei unablässig Beobachtungen und Entdeckungen gemacht wurden, kehrten die Reisenden über den Gotthard nach Deutschland zurück, woselbst Gay-Lussac den mehrmonatlichen Rest seines Urlaubs zu Berlin im Humboldt’schen Hause verbrachte. Es war ein reiches Jahr, dessen namentlich den Erdmagnetismus betreffende gemeinschaftliche Untersuchungen im ersten Bande der Schriften einer von Berthollet neu gestifteten wissenschaftlichen Vereinigung, der „Gesellschaft von Arcueil“, veröffentlicht wurden. Der zweite Band derselben Zeitschrift brachte aus den Jahren 1806 und 1807 die weiter ausgeführten Untersuchungen über die Ausdehnung, Verbindung in einfachen Verhältnissen und dabei stattfindende Verdichtung der Gase, welche den Ruhm des jungen Chemikers begründeten und deren Ergebnisse unter dem Namen der „Gay-Lussac’schen Gesetze“ zu dem eigentlichen Fundamente der physikalischen und theoretischen Chemie geworden sind. Wir können diese Entdeckungen, wie auch die späteren, hier nur kurz andeuten; sie füllen lange Capitel in der Geschichte der Chemie, Physik und Technik.

Jetzt endlich hatte nun die französische Regierung sich überzeugt, daß der junge Naturforscher der Anstellung im Staatsdienste würdig sei; er wurde 1808 zum Professor der Physik an der Sorbonne ernannt, erhielt 1809 den Lehrstuhl für Chemie an der Polytechnischen Schule und wurde zum Mitgliede der Akademie der Wissenschaften etc. erwählt. Obwohl er auch im Lehrfache Ausgezeichnetes geleistet hat, so erschien ihm dasselbe doch eher als ein Hemmschuh für seinen Forschungstrieb; seine wahre Befriedigung fand er stets nur darin, der Natur neue Geheimnisse abzulauschen und sie zum Besten der Menschheit zu verwerthen. Zunächst bereicherte er die Chemie durch die Erkenntniß einer Reihe neuer Elementarstoffe, deren Darstellung durch den englischen Chemiker Davy in dem ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts mit dem größten Erfolge begonnen worden war. In Gemeinschaft mit dem Chemiker Thénard stellte er zuerst 1809 aus dem Borax ein der Kohle ähnliches Element dar: das Bor, beschrieb 1811 zuerst die Eigenschaften des Jod, eines von ihm benannten Stoffes, den ein französischer Fabrikant in seinen Kesseln durch Zufall erhalten hatte, und enträthselte zuerst die Natur des Chlors und Fluors und ihrer Verbindungen.

Aber viel folgenschwerer für die Wissenschaft wurde seine Entdeckung von Stoffen, die man „zusammengesetzte Elemente“ zu nennen versucht ist. Im Jahre 1815 machte er sich trotz der vorangegangenen und noch andauernden Kriege mit Preußen an die Untersuchung eines bekannten Farbstoffes, den sein bloßer [809] Name nach 1871 vor jeder Untersuchung seitens französischer Chemiker geschützt haben würde. Es war das bisher allen Chemikern räthselhaft gebliebene Berliner Blau, oder preußische Blau, wie es die Franzosen nennen. In diesem Stoffe, sowie in der daraus herstellbaren sehr giftigen Blausäure, welche die Franzosen acide prussique, das heißt preußische Säure nennen, wies er als specifischen Bestandtheil eine Verbindung von Kohlenstoff und Stickstoff nach, die er Cyan nannte, und die sich, obwohl zusammengesetzt, ganz wie ein einfacher Stoff, ein sogenanntes Element verhält. Diese Entdeckung bezeichnet einen wichtigen Wendepunkt in der Entwickelung der Chemie; man kann sie den Geburtstag der „organischen Chemie“, das heißt der Chemie des Pflanzen- und Thierkörpers nennen. Die das Cyan betreffenden Untersuchungen sind später insbesondere durch Justus von Liebig weitergeführt worden, der 1822 nach Paris, damals der hohen Schule der Chemie, kam und durch Alexander von Humboldt mit Gay-Lussac bekannt gemacht wurde, mit dem er dann mehrere wichtige Arbeiten gemeinschaftlich unternahm und ausführte. Immer wieder diese innige Verbindung mit deutschen Forschern, deren Sprache Gay-Lussac, was bei einem Franzosen besonders bemerkt werden darf, ebenso vollkommen mächtig war, wie der italienischen und englischen.

Neben diesen Verdiensten um die reine Chemie und Physik, in welcher er besonders noch die Gährungstheorie und die Wärmelehre förderte, hat er auch der Industrie und gewerblichen Chemie erhebliche Dienste geleistet, namentlich durch seine musterhaften Bestimmungsmethoden des Werthgehaltes chemischer Producte und des Feingehaltes der Legirungen. Seine Vorschriften zur Prüfung des Alkohols, der Soda und Potasche (Alkalimetrie), des Schießpulvers, des Chlorkalks etc. waren von dem größten Einfluß auf die Entwickelung der chemischen Industrie, seine Methoden, den Feingehalt der Münzlegirungen auf nassem Wege genauer zu ermitteln, als es früher durch die sogenannte Kupellation möglich war, brachten eine Umwälzung im Münzwesen hervor. Die chemischen Fragen des öffentlichen Lebens, namentlich das unsterbliche Capitel von der Verfälschung der Weine und Nahrungsmittel, die Salzfrage etc., fanden an ihm in den Kammern einen unbestechlichen Kritiker, der seine Ueberzeugungen eifrig verfocht, aber auch seine Irrthümer, wenn er sie als solche erkannte, gern eingestand. Als Mitglied vieler wissenschaftlicher Commissionen und wiederholt zum Abgeordneten gewählt, hatte er Gelegenheit, oft seine freimüthige Ansicht herauszusagen, und er that es stets ohne Scheu und Rücksichten.

Als man seinen Freund Arago einst wegen der politischen Ansichten desselben von der Professur an der Polytechnischen Schule verdrängen wollte, erklärte er in der Berathung laut, daß man mit ihm anfangen möge, denn er habe dasselbe gethan wie jener und theile dessen politische Ansichten. Diese Gradheit und Lauterkeit seines Charakters zog ihm natürlich auch manche Feinde und Gegner zu, und als ihm Berthollet bei seinem Tode (1822) die in Frankreich verdienten Gelehrten als Anerkennung vorbehaltene Pairswürde gleichsam testamentarisch vermachte, wußten seine Gegner die Belehnung lange zu hintertreiben, wie man sagt unter dem lächerlichen Vorgeben, Gay-Lussac pflege im Laboratorium mit den Händen zu arbeiten, und ein Handwerker könne nicht Pair von Frankreich werden. In der That wurde ihm diese Würde erst 1839 verliehen.

Seine Einfachheit sprach sich besonders auch in seinem Gemüthsleben aus, und seine Herzensgeschichte hatte sogar einen Beigeschmack von Romantik. Ganz der französischen Sitte entgegen, hatte er sich bereits 1808, ehe er eine feste Anstellung erhielt, mit einer jungen Dame verheirathet, die er mehrere Jahre vorher in einem Weißzeuggeschäft kennen gelernt hatte. Er war dort zufällig hingekommen, um Wäsche zu kaufen, und hatte in den Händen der Verkäuferin sehr unerwarteter Weise ein Buch über – Chemie gesehen. Das mußte ihn natürlich mächtig anziehen; er verbrauchte deshalb mehr Leinenzeug als je, um öfter wieder kommen zu können, und bald war Josephine Rogeot, die Tochter eines talentvollen aber unbemittelten Musikers, seine Braut. Ihrem Wunsche gemäß, brachte er sie vorher in eine Pension, wo sie die Chemie nicht vernachlässigt haben wird, und erzog sich so eine Gattin, die bis zu seinem letzten Athemzuge – er unterlag am 9. Mai 1850 zu Paris einem Herzleiden – das Glück seines Lebens ausgemacht hat. Denn in ihr besaß er, was so selten einem Forscher beschieden ist, eine Frau, mit der er über seine Pläne und Arbeiten sprechen, die an seiner Entdeckerfreude Theil nehmen konnte.

Dem Laien wird es nicht leicht, sich das Glück und die Freude vorzustellen, welche das schrittweise Vordringen in die Geheimnisse der Natur dem Forscher gewährt. Bei Gay-Lussac war diese Entdeckerfreude in dem Augenblicke, der ihm ein neues Räthsel entschleierte, so mächtig, daß der ernste und ruhige Mann, wie Pelonze, einer seiner Lieblingsschüler, verrathen hat, dann wohl zu tanzen und springen begann, trotz der Holzschuhe, die er wegen der Feuchtigkeit des in der Erde belegenen Laboratoriums überzuziehen pflegte. Und selbst die Gefahren, denen er auf seinem Wege begnete, konnten ihn nicht zurückschrecken. Im Juni 1808 brachten ihn Humboldt und Thénard eines Tages aus dem Laboratorium zu seiner jungen Frau mit aller Besorgniß, daß er das Augenlicht verlieren könnte. Eine Explosion bei der Handhabung des von Davy neu entdeckten Kaliummetalles, dessen explosive Neigungen man damals noch nicht kannte, hatte ihn schlimm zugerichtet, und trotz der sorgfältigsten Behandlung und eines Jahresaufenthaltes im finsteren Zimmer blieben die Augen stets entzündet und schwach. In späteren Jahren wurde er nochmals durch eine von fremder Unvorsichtigkeit verschuldete Explosion gefährlich verwundet, und es hat somit wenig daran gefehlt, daß er, wie ein Soldat auf dem Schlachtfelde, im unablässigen Kriege gegen die ungebändigten Naturgewalten unterlegen wäre.

Seinen Charaktervorzügen hat Humboldt das schönste Zeugniß gegeben, das sich denken läßt, durch die rührenden Zeilen, die der achtzigjährige Greis einige Tage nach dem Hinscheiden des Freundes an dessen Wittwe richtete. „Die Freundschaft, durch welche dieser große und schöne Charakter mich ausgezeichnet hat,“ sagt er darin, „hat einen schönen Theil meines Lebens erfüllt. Niemand hat stärker, ich sage nicht allein auf meine Studien, welche der Unterstützung bedurften, sondern auch auf die Vervollkommnung meiner Empfindungsweise, meines Inneren gewirkt. Welche Erinnerungen! jenes erste Zusammentreffen bei Berthollet in Arcueil; – meine tägliche Arbeit in der alten Polytechnischen Schule – meine immer zunehmende Bewunderung – meine Vorhersagungen seiner künftigen Berühmtheit, von denen meine damaligen Werke den Stempel tragen, – meine Hoffnungen, daß mein Name lange mit dem seinigen genannt werden, daß von seinem Ruhme einiger Abglanz auf mich fallen würde... alle diese Momente meines Lebens stellen sich meiner Erinnerung mit unbeschreiblichem Reize dar. Ich habe nicht nöthig, von meiner Bewunderung und meiner ewigen Dankbarkeit zu sprechen. Es giebt keinen Menschen, dem ich mehr verpflichtet wäre für die Lauterkeit meiner Studien, meines Verstandes und meines moralischen Charakters, als derjenige, dessen Glück Sie durch Ihre edlen Herzens- und Geisteseigenschaften begründet haben...“ Diesen Zeilen, die für den Schreiber nicht minder ehrenvoll sind wie für Gay-Lussac, ist nichts weiter hinzuzusetzen als der Wunsch, daß die Naturforscher der beiden Nationen, die vor andern bestimmt sind, das Banner der Wissenschaft gemeinschaftlich vorwärts zu tragen, sich an Gay-Lussac und Humboldt ein Beispiel nehmen möchten.

Carus Sterne.



Ein Tag auf dem Schellfischfang.

Sämmtliche bei uns in Deutschland consumirten Schellfische kommen aus der Nordsee; sie erscheinen dort im October in großen Zügen und verweilen ebenda bis zum Eintritt der wärmeren Jahreszeit. Während dieser Zeit wird der Fang mit größeren oder geringeren Unterbrechungen betrieben, je nach der Beschaffenheit des Wetters. Man bedient sich dazu fast ausschließlich der Angel; seltener des Netzes, weil der Fang mit letzterem in noch höherem Grade als der Fang überhaupt Glückssache ist. Wohl kommt es vor, jedoch selten, daß der Fischer mit dem Netz einen überreichen Zug thut, aber nur dann, wenn [810] das Grund- oder Schleppnetz in eine Vertiefung am Boden der See gelangt, wo Schellfische, Schutz gegen Strömung suchend, zufällig in Masse vorhanden sind.

Ueber die Zahl der in der Nordsee gefangenen Schellfische kann ich leider keine genaueren Angaben machen, sie muß aber eine ungeheuere sein. Ist die See nur einigermaßen ruhig, so fahren die Schaluppen jeden Tag aus. Das Ergebniß des Fanges schwankt beträchtlich; oft kommen die Fahrzeuge ganz leer nach Hause; ein andermal fangen sie dreißig bis vierzig, dann aber kommen Tage, wo sie mehrere hundert, ja, wie es in früheren Jahren hier wiederholt vorgekommen, tausend bis zweitausend Stück nach Hause bringen. An der ganzen ostfriesischen Küste stellt wohl jeder Ort eine oder mehrere Schaluppen, desgleichen die Inseln; von Norderney fahren deren allein fünfzig bis sechszig aus.

Tags vor Ausfahrt der Schaluppe sieht man die Frauen zur Zeit der Ebbe auf das Watt hinausgehen, um die neben Granaten vorzugsweise als Köder benutzten „Wattwürmer“ zu suchen; sie erhalten dafür, außer einer Entschädigung an Geld, sämmtliche Fische von gewissen Arten, die sich an dem von ihnen besorgten Tau fangen. Ein mühseliger und anstrengender Weg, bei welchem sie bisweilen knietief in den zähen Wattschlamm einsacken! Sie müssen oft über eine halbe Stunde weit hinausgehen, um an einen Ort zu gelangen, wo sie auf genügende Ausbeute rechnen dürfen. Ihr Costüm ist einer solchen Excursion entsprechend; sie tragen alle Männerkleidung, dazu große Wasserstiefeln.

Einen komischeren Anblick kann man sich nicht leicht denken, als zehn bis zwölf meist ältere Frauen, in angedeuteter Weise gekleidet. Auf dem Kopfe eine riesige Dormeuse, in der einen Hand ein Körbchen, mit der anderen gravitätisch eine große Harke schulternd – so ziehen sie zum Fange aus, eine hinter der anderen, im Gänsemarsch. An einer günstigen Stelle auf dem Watt angelangt, graben sie tiefe Löcher, um die Würmer, die an Größe und Aussehen den allbekannten Regenwürmern nahe kommen, zu Tage zu fördern. Haben sie nach ein- bis anderthalbstündigem Suchen eine genügende Anzahl beisammen, so geht es nach Hause, um die Angelhaken damit zu versehen, eine unangenehme Arbeit, die indeß mit viel Sorgfalt abgethan werden muß. Damit die ganze Angel nicht in Unordnung gerathe, hat man Tafeln von Holz in der Größe etwa einer kleinen Tischplatte zur Hand; diese Tafeln sind mit erhabenem Rande versehen und durch eine Querleiste in zwei Hälften getheilt; auf der einen Hälfte wird das Tau aufgerollt, in dem Maße, wie die Haken gespickt sind, auf die andere werden die Haken gelegt, einer genau neben den anderen, und zwar, um den Köder möglichst frisch zu erhalten, auf eine Schicht feuchten Sandes.

Es war Morgens sechs Uhr, als ich, zur Fahrt gehörig ausgerüstet, an der Küste anlangte, wo unsere Schaluppe lag, ein Fahrzeug von achtundzwanzig Fuß Länge. Ich traf den Besitzer derselben, ferner seinen Bruder, seinen Sohn und noch einen andern Fischer an, Alle zur sofortigen Ausfahrt bereit. Eine frische Brise brachte uns bald aus dem Hafen in freies Fahrwasser und gab uns gute Fahrt, neun bis zehn Knoten pro Stunde. Leider hatte der Himmel kein sonderlich freundliches Gesicht aufgezogen; stark bewölkt, sandte er uns einen feinen Sprühregen, eine unangenehme Zugabe bei nüchternem Magen, doppelt unangenehm bei einer Fahrt, während welcher wir ohnedies nicht eben über Wassermangel zu klagen hatten. Nach einer guten halben Stunde erreichten wir Spiekeroog und fuhren zwischen dieser Insel und Langeroog durch das Seetief der offenen See zu, die sich bald durch das starke Stampfen unserer Schaluppe bemerkbar machte, und kurz darauf näherten wir uns den Fischgründen; es war Zeit, Alles vorzubereiten. Die Luken zum Raum wurden geöffnet, die Tafeln mit den Angeltauen – wir hatten deren fünfzehn an Bord – bereit gelegt und sonstiges Fanggeräth, wie Tonnen, große Haken etc., hervorgeholt. Nachdem Alles so weit vorgerichtet, hieß es: Beten! Alle entblößten die Köpfe und beteten lange und leise, mit den lautgesprochenen Worten schließend: „Herr, segne unsern Fang!“ Ich gestehe, es hatte diese Scene etwas überaus Ergreifendes für mich – diese großen, kräftigen, wettergebräunten Gestalten so ernst, so andächtig beten zu sehen, dazu in einer solchen Umgebung, auf schwankendem, verhältnißmäßig kleinem Boote, ringsum bis weit hinaus an den Horizont, der von man sich klärenden Himmel in leicht geschwungener Linie sich abhob, die herrliche, aber auch so heimtückische See, über uns der Himmel mit der leicht verschleierten Sonne – fürwahr, eine solche Umgebung verfehlt wohl auf kein Gemüth ihren Eindruck.

Das nunmehr häufiger ausgeworfene Loth zeigte uns bald den Ort, wo die Angel „ausgeschossen“ werden konnte; neuneinhalb bis zehn Faden ist die hierzu geeignetste Tiefe. Die Schaluppe wurde „bei dem Wind gebracht“; die Segel wurden gekürzt, sodaß wir, nur wenig Fahrt machend, in gerader Linie abtrieben. Der Fischer nahm seinen Sitz am hintern Theile des Fahrzeugs, die Angel, die ihm von den Anderen gereicht wurde, auszuwerfen. Zuerst wurde eine kleine Tonne, roth und schwarz angestrichen, mit zehn bis fünfzehn Faden Tau verbunden, in See geworfen, an das andere Ende desselben, mit Eisenstücken beschwert, das Angeltau befestigt, und dieses nun in dem Maße, als das Schiff Fahrt machte, „nachgegeben“, wobei mit großer Sorgfalt jede Verwickelung von Tau und Angeln vermieden ward. Von Zeit zu Zeit, von je zwei zu zwei Tauen, wurde eine Tonne, in gleicher Weise wie die erste, mit der Angel verknüpft und ausgeworfen. Diese Tonnen haben lediglich den Zweck, die Lage des Taues zu markiren, nicht, wie oft fälschlich angenommen wird, dasselbe schwimmend zu erhalten; man beschwert im Gegentheile die Angel mit Steinen und Eisenstücken, um sie auf dem Grunde zu erhalten, da nur hier die Schellfische sich aufhalten.

Die Angel, der gewöhnliche Fangapparat, besteht zunächst aus einer starken Leine von fünf bis sechs Millimeter Durchmesser und dreiunddreißig Faden Länge (der Faden umfaßt sechs Fuß), welche aus bestem Hanf gedreht, der größeren Haltbarkeit wegen mit Lohbrühe getränkt und nach dem Trocknen mit Theer bestrichen ist. Sie trägt, in Abständen von je drei Fuß, die Angelhaken an zweieinhalb Fuß langen, drei Millimeter dicken Schnüren. Diese Schnüre, meist von den Fischern selbst an langen Winterabenden verfertigt, sind ebenfalls mit Lohbrühe getränkt, jedoch ohne Theerüberzug. Die Angelhaken, von vier bis fünf Centimeter Länge, bestehen aus bestem Schmiedeeisen, beziehentlich Draht und sind mit starken Widerhaken versehen. Stahl würde sich dazu nicht eignen; daraus gefertigte Haken würden, zumal wenn größere Fische, wie Kabeljaus beispielsweise, anbeißen, zu leicht brechen, was bei den eisernen nicht vorkommt. Häufiges Verbiegen ist aber auch bei diesen unvermeidlich. Die Haken sind mittelst Oesen und starkem Garn an den Schnüren befestigt. Sechs solcher Leinen bilden ein sogenanntes „Angeltau“; zehn bis fünfzehn solcher Taue führt jede Schaluppe.

Nachdem das letzte Tau ausgeschossen und das Ende ebenfalls mit einer Tonne verknüpft worden, warf man auch diese in See, so jede Verbindung mit Schiff und Fangapparat aufhebend. Das ausgeschossene Tau hatte eine Totallänge von einer guten Stunde und enthielt viertausend Haken.

Wir ließen nun den Fischen Zeit zum Anbeißen, ihnen guten Appetit wünschend, uns suchten mittlerweile den unsrigen durch ein tüchtiges Frühstück zu stillen; die frische Seeluft hatte denselben nicht wenig gereizt, sodaß es uns trefflich mundete. Wir segelten im Kreise einher, uns möglichst in der Nähe der letzten Tonne haltend. Tags zuvor gefangene Kabeljaus wurden noch zerlegt und zum Einsalzen vorbereitet, in welcher Form sie als Laberdan sehr gesucht sind. Dann veranstalteten wir noch eine Jagd auf Seemöven, welche, durch die als Köder ausgeworfene Kabeljauleber angelockt, aus weiter Ferne herbeikamen.

Nach dreiviertelstündigen Einhersegeln suchten wir das Ende des Angeltaus, die letzte Tonne auf; mit einem Haken an Bord geholt, wurde die Angel aufgehoben, ein Vorgang, den ich mit großer Spannung entgegensah. Das Boot fuhr inzwischen mit schräger Stellung in der durch die Tonnen angezeigten Richtung des Taues hin. Der Fischer stand am hinteren Theil des Fahrzeugs an der beim Ausschießen eingenommenen Stelle; ein anderer war ihm mit einem Netz zur Seite, um die Fische, sobald sie an der Oberfläche des Wassers waren, aufzunehmen und auf Deck zu werfen. Es dauerte lange, bevor die erste Beute sich zeigte. Endlich, nachdem schon mehrere Faden Tau aufgenommen waren, erschien ein Fisch, in einer Tiefe von fünfzehn bis zwanzig Fuß schon sichtbar. Es sah prächtig aus, wie das Thier zu uns heraufblinkte in der krystallklaren blaugrünen Fluth und, die verzweifelten Anstrengungen zur Befreiung machend, bald hier- bald dorthin schoß - vergebliche Mühe, rasch war er heraufgeholt und mit dem Netz auf Deck geworfen.

[811] Wie ganz anders als im Binnenlande sehen die Schellfische frisch gefangen aus! Hier haben sie auf dem Rücken eine zarte, schön röthlich-violette Farbe und sind an der Seite und dem Bauch weiß, wie Silber glänzend. Dort haben sie diese schöne frische Färbung eingebüßt und ein tristes graues Gewand dafür angelegt. Merkwürdig ist das ungemein zarte Leben des Schellfisches. Kaum von der Angel abgenommen, ist er auch schon todt; selten – nur bei starker Kälte – lebt er noch einige Minuten; wogegen andere Fische, wie Kabeljau’s, vorzüglich aber Butte und sogenannte Hundshaie, oft nach Stunden noch leben, zum Theil noch lebend in den Hafen gelangen. Zum Tödten der Fische hat man keine Zeit; sie werden, eben gefangen, in den Raum geworfen und sterben dort allmählich.

Leider kamen die Fische, anfangs zumal, sehr spärlich; nur in größeren Pausen ertönte der Ruf des Fischers: ein Fisch, Kabeljau u. s. w. (unter Fisch versteht man den Schellfisch, alle übrigen werden speciell benannt). Der häufigere Ruf: Kabeljau brachte noch einen anderen Fischer in Thätigkeit, um die oft bis dreißig Pfund schweren Thiere mit einem großen Haken an langer Stange anzuhaken und herauszuziehen. Der Fischer spürt es schon am Zug im Tau, welcher Art der ankommende Fisch ist, noch ehe er dessen ansichtig wird. Einmal war ein solcher Zug im Tau, daß es der Hülfe noch eines Dritten bedurfte, um den Fisch anzuholen, welcher sich als ein Stachelrochen von ungewöhnlicher Größe erwies, ein ganz eigenthümlich geformtes, häßliches Thier; das von uns gefangene mochte vierzig bis fünfundvierzig Pfund wiegen, was bei der verhältnißmäßig geringen Dicke des Körpers eine bedeutende Größe bedingt.

Hundshaie hatten sich gleichfalls mehrere gefangen, scheußliche Thiere mit ekelhaften, grünlich schillernden Katzenaugen, deren Pupille senkrecht linsenförmig läuft, wodurch ihr heimtückisches Aussehen noch erhöht wird. Das Thier ist bei den Fischern sehr verhaßt, und zwar mit Recht, weil es nur zu häufig die an der Angel gefangenen Fische abfrißt. Da der Hundshai, gleichsam als Visitenkarte, die Köpfe der Fische an der Angel läßt, so weiß man immer, wann er da war. So zogen auch wir zu unserm Aerger die Köpfe von zehn bis zwölf Schellfischen hervor; daß sie nur von den Hundshai abgefressen sein konnten, sahen wir an den Spuren, welche seine Zähne zurückgelassen. Auffallend war die große Anzahl von Seesternen (hier Fieffouten. d. h. Fünffüße genannt), welche sich an dem Köder festgesogen hatten; sie saßen oft zu vier bis fünf an einer Angel, sodaß wir wohl fünf- bis sechshundert Stück fingen, welche alle, mit Ausnahme von etwa einem Dutzend der schönsten, die zur Bereicherung meiner Sammlung mit nach Hause wanderten, der See zurückgegeben wurden. Knurrhähne fingen wir gleichfalls mehrere, ausgezeichnet schöne Fische, auf dem Nacken chocoladenfarben mit weißen Punkten, schön feuerroth an den Seiten, nach dem Bauche zu in reines Weiß übergehend. Die Flossen, welche sehr groß, sind ebenfalls feuerroth, das vordere Paar mit reinblauem Rande. Die Fischer behaupten, der Fisch habe seinen Namen von einem eigenthümlichen dumpfen Ton, welchen er von sich gebe, sobald man ihn auf den Kopf drücke. Es scheint dies jedoch eine Fabel zu sein, denn von allen Knurrhähnen, welche ich in den Händen hatte, erwies sich keiner, trotz aller angestellten Experimente, als knurrig.

Nach etwa drei Stunden war das ganze Tau aufgenommen. Die gesammte Ausbeute betrugt hundertzehn Schellfische, zwölf Kabeljaus, ebenso viele Hundshaie und eine Anzahl anderer Fische. Der Fang mußte somit als ein „geringer“ bezeichnet werden.

Nachdem Ordnung und Reinlichkeit, worauf der Fischer große Stücke hält, auf Deck wieder hergestellt, das Fanggeräth und die Fische im Raume untergebracht waren, wandten wir uns zur Heimkehr. Der Wind war unterdessen eingeschlafen, sodaß wir nur langsam von der Stelle kamen. Mittag war schon vorüber; es war daher die höchste Zeit, daß Heinrich, der sechszehnjährige Sohn des Fischers, sein Amt als Koch antrat. Einige Fische wurden rasch gereinigt und nebst Kartoffeln in einem großen eisernen Topfe mit Seewasser beigesetzt. Ein eiserner Ofen in der Kajüte am Vorderteile des Schiffes that seine Schuldigkeit, sodaß Heinrich bald melden konnte, Fisch und Kartoffeln seien gar, die Butter in einer Kaffeetasse sei geschmolzen. Teller gab es nicht; der Topf mit seinem Inhalte wurde, einigermaßen zu meinem Entsetzen, einfach auf ein großes Brett, welches auf Deck lag, umgestülpt; zum Glück hatten sich inzwischen, nach einigen Suchen in Rücksicht auf den Gast, ein paar Gabeln zum Erscheinen bewegen lassen, wenigstens wurde mir gesagt, daß das alte Eisen, welches ich in der Hand hatte, eine solche vorstellen solle; der Fischer hatte sie vorher mit einem Steine abgerieben. Trotz der anspruchslosen Manier zu tafeln – Fisch, so frisch gefangen, und Kartoffeln, in Salzwasser gekocht, waren zu delicat, um nicht meinen Beifall zu finden. Heinrich hatte auf meine Bitte eine Hand voll Salz vor mir auf’s Deck gelegt, und so aßen wir denn ganz munter, während wir um das Brett herum hockten. Bald hatte ich mir auch einige technische Fertigkeiten angeeignet, wobei ich die Erfahrung machte, daß Hände auch gut als Teller zu gebrauchen sind. Meine Wirthe schoben mir aufmerksamer Weise die besten Brocken zu und konnten mich in ihrer Gutmüthigkeit nicht oft genug ermahnen, Kartoffel und Fisch fleißig in den gemeinsamen Buttertopf zu tauchen. Nach aufgehobener Tafel – vielmehr nach aufgehobenem Brette – ließ ich mir eine Cigarre zu einer Tasse schwarzen Kaffee, welcher an Bord sehr gebräuchlich, schmecken und labte mich dazu an dem herrlichen Anblicke der See, so eine Siesta haltend, von der ich mir lebhaft wünschte, daß sie in gleicher Weise noch öfter sich mir bieten möge.

Auf der Heimfahrt gab uns ein Zug mit dem Schleppnetze reiche Ausbeute an Krabben, Taschenkrebsen, Seesternen, See-Igeln, Muscheln, Einsiedlerkrebsen etc. und ich erhielt wiederholt Gelegenheit, den kolossalen Reichtum der See an den mannigfachsten Thieren zu bewundern, von dem man sich eine annähernde Vorstellung nur durch eigene Anschauung machen kann.

Mit eintretender Dunkelheit zu Hause angelangt, fanden wir eine Anzahl Fischhändler, welche uns mit Ungeduld erwarteten. In kürzester Zeit waren sämmtliche Fische verkauft, ebenso die zweier anderer Schaluppen, welche mit uns ausgefahren waren. Die Fische werden stückweise verkauft, ohne Rücksicht auf das Gewicht, zu fünfundzwanzig bis fünfzig Pfennig pro Stück, je nachdem der Fang ausfällt und je nach der Jahreszeit.

Dr. K.



Olympische Funde.
Ein Blick auf die bisherigen Ergebnisse eines deutschen National-Unternehmens.

Die Erforschung ferner, unbekannter Landschaften, oder derjenigen Stätten, an denen die Denkmale des menschlichen Geistes, der Kunst, des Culturlebens alter und ältester Zeit vergessen und vergraben liegen, bedürfen der Unterstützung großer, in Gesittung und Bildung entwickelter Völker. Die Entdeckungsreisen beherzter Männer in’s Innere von Afrika stehen da ungefähr in gleicher Linie mit denjenigen Unternehmungen der Wissenschaft, welche den classischen Boden Griechenlands durchforschen, um den Spuren desjenigen Volkes nachzugehen, dessen Kunst, dessen Bildung und rein menschliche Entwickelung von jeher uns als Vorbild gedient hat. England und Frankreich waren uns Deutschen, bevor wir in der Lage waren, als geschlossene Weltmacht auch unserseits jene Pflicht aufzunehmen, mit gutem Beispiele vorangegangen. Ersteres hat jahrelang viel Mühe und Kosten aufgewendet, um die Baudenkmale des alten assyrischen Reiches und die Ruinen von Ephesus an’s Tageslicht zu bringen. Der französische Kaiser hatte den Palatin, die Stätte der ersten Ansiedelung Roms und der späteren Kaiserpaläste erworben, um sie der ganzen Welt zu wissenschaftlicher und Kunstforschung darzubieten.

Wir müssen es unseren gelehrten Geschichtsforschern danken, daß das deutsche Reich, als es jenen beiden Weltmächten auch in dieser Hinsicht an die Seite zu treten beschloß, den Boden dazu bereits ausgewählt und vorbereitet fand. Professor Curtius hatte seit Jahren Griechenland durchforscht und Schliemann (Gartenlaube Nr. 43) ein selbsterworbenes bedeutendes Vermögen und eine unverdrossene, mühevolle Thätigkeit auch der Aufdeckung altgriechischer Alterthümer gewidmet. Ebenso ist der große deutsche Generalstab seit länger in der Durchforschung des griechischen

[812] Bodens unablässig thätig. Wiederholt schon und auch für diesen Winter commandirte Graf Moltke einige Generalstabsofficiere nach der Ebene von Athen um dieselbe genau zu vermessen, aufzuklären, die Spuren alter Ansiedelungen festzustellen. Den einzigen genauen Plan des alten Athens, wie es zur Zeit seiner Blüthe gewesen, mit Ringmauern, Wasserleitungen, Straßen, öffentlichen Gebäuden, verdankt die Wissenschaft dem Inspector Kaupert vom großen deutschen Generalstabe. Die Karten der Ebene von Athen, besonders des Hafenstädtchens Piräus sind begonnen worden 1876 von dem Premierlieutenant von Alten, weitergeführt im nächsten Winter von dem Premierlieutenant Steffen und sollen in dem beginnenden Winter, wenn möglich, vollendet werden, wieder durch von Alten, den Hauptmann Siemens und den Lieutenant von Wedding, welche sämmtlich vom großen Generalstabe nach Athen commandirt sind. – Viel ist also geschehen von Deutschland aus, ohne daß es besondere Aufwendungen erfordert hat; aber an die vielversprechendste Aufgabe, welche die Wissenschaft dem Entdecker auf griechischem Boden stellte, konnte sich ein Privatmann nicht wagen. Es handelte sich um die Ausgrabung einer Stätte, die während vieler Jahrhunderte der Mittelpunkt des gesammten griechischen Lebens gewesen ist, um einen Ort, an dem die Bewohner der verschiedenen Landschaften alle Fehde, allen Streit unter einander ruhen ließen, wenn sie dort zu gemeinsamer Gottesverehrung, zu Festen, Spielen oder Berathungen zusammen kamen, – es handelte sich um den Tempelbezirk von Olympia. In einem Thale der peloponnesischen Halbinsel, das von dem größten Flusse derselben, dem Alpheios, durchströmt wird, hatte dieser heilige Bezirk gelegen. Man wußte aus den Aufzeichnungen alter Schriftsteller, daß dort dem obersten der Götter, dem Zeus, ein prächtiger Tempel mit mächtigen Säulen und kunstvoller Bildhauerarbeit errichtet worden war. In demselben thronte die Riesengestalt des Gottes, ganz von Gold und Elfenbein gebildet. Das heilige Gefilde war mit einer Mauer umgrenzt und innerhalb derselben hatten die Festgenossen auch anderen Göttern prächtige Tempel errichtet, so vor Allen der erhabenen Gemahlin des Zeus, der Hera. Den Ortsgottheiten und den Helden, die später unter die Halbgötter versetzt worden waren, huldigte man in heiligen Hainen. Das waren kleine, von Säulen oder einer niedrigen Mauer umgrenzte Anlagen, in denen Bildsäulen, Altäre, Erinnerungszeichens aufgestellt waren. Hier fand das gesammte griechische Volk sich alle vier Jahre zusammen zu Festspielen, Wettkämpfen, Wagenrennen. Sieger in diesen olympischen Spielen zu werden, galt für die größte Ehre, obgleich der Preis nur in einem Zweige des wilden Oelbaums bestand, der ihm als Kranz um’s Haupt gewunden wurde. Diese Volksfeste füllten die heilige Flur mit anderen Bau-Anlagen. Da entstand eine Festhalle, in der die Sieger feierlich bewirthet wurden; da errichtete jeder der vielen kleinen griechischeu Gaue Schatzhäuser in Form von Tempeln, in denen die Kostbarkeiten aufbewahrt wurden; da brachten die Völker Weihgeschenke den Göttern dar, Bildsäulen, Thiere von Erz, Siegesgöttinnen, Marmorgruppen, kleine Tempel, die sich im Lauf der Jahre dicht an einander drängten und den ganzen heiligen Bezirk vollständig füllten. Verträge der einzelnen Landschaften unter einander, Friedensschlüsse und ähnliche wichtige Aufzeichnungen wurden mit griechischer Schrift in Erz gegraben und dann hier zum ewigen Gedächtniß aufgehängt. Zur Seite dehnten sich Rennbahnen, Ringplätze, Theater, Festräume aus. Unten am Ufer des Stromes lagen Schlachthäuser, Priesterwohnungen, Herbergen, Werkstätten der Künstler, die jene Marmor-Bildwerke für das Heiligthum meißelten. So war es zu griechischer Zeit. Als dann die Römer das Land unterworfen hatten, zerstörten sie nicht etwa diesen für das Gesammtleben des Volkes wichtigsten Ort. Sie erneuerten die Spiele, betheiligten sich an der festlichen Gottesverehrung, an den Wettgesängen, Wagenrennen und Ringkämpfen, an den Opfern, und vermehrten die Zahl der Prachtbauten, der Denkmale von Marmor und Erz durch neue und kostbare. An keinem Orte in ganz Griechenland mag solch eine Fülle stolzer Bauten, werthvoller Kunstwerke, wichtiger Urkunden und Aufzeichnungen, die in die innere Geschichte des Landes Licht bringen können, zusammengehäuft gewesen sein wie hier auf der Flur von Olympia. Allmählich ist sie verödet. Im früheren Mittelalter haben Barbarenvölker



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Mutterfreude. Von R. Beyschlag.
Aus dem Prachtwerke „Album für Deutschlands Töchter“.

[813] die Tempel und Hallen theilweise zerstört. Dann hat der Strom diesen Theil des Thales überschwemmt und unter seinem Schlamm und Sande alles begraben. Olympia war fast spurlos von der Erde verschwunden.

Daß hier wichtige und kostbare Denkmäler einer großen Zeit im Schooße der Erde ruhn, wußte jeder. Die Franzosen hatten schon einmal vergeblich versucht, dieselben zu heben. Professor Curtins, Geschichtslehrer des deutschen Kronprinzen, hatte diesen schon lange für den Gedanken, Olympia auszugraben, einzunehmen gewußt; indeß weder die eigenen Mittel des Fürsten, noch die des kleinen Preußen reichten zur Ausführung eines solchen Unternehmens hin. Kaum war das deutsche Volk aber staatlich geeint, da trat man an die Regierungen und Volksvertretung mit dem Ansuchen heran, hier ein großes Werk uneigennützig auszuführen, im Dienste der Wissenschaft und der Kunst. Bereitwillig gingen beide darauf ein; die Uebereinkunft zwischen der deutschen und der griechischen Regierung wurde abgeschlossen; die Geldmittel wurden bewilligt. Zuerst warf man 57,000 Thaler für das Unternehmen aus, später, 1876, noch 40,000 Mark; endlich wurden für den Winter 1877 bis 1878 weitere 150,000 Mark demselben zugewiesen. Griechenland, wie alle jungen und schwachen Staaten eifersüchtig auf sein Ansehen und seine Würde, stellte harte Bedingungen. Wir mußten das aufzugrabende Land erkaufen, sämmtliche Kosten für die Arbeit tragen, dabei auf den Besitz aller Funde verzichten. Was der Boden herausgiebt, bleibt Eigenthum Griechenlands; wir haben nur das uns allein zustehende Recht, Abformungen und Abbildungen von allen Gegendständen zu nehmen. Griechische und deutsche Commissare sollten die Erfüllung der Vereinbarung an Ort und Stelle überwachen. Wir hatten nur die Wahl, entweder ganz auf die Hebung der olympische Schätze zu verzichten oder uns in voller Uneigennützigkeit mit dem Bewußtsein zu entschädigen, auf unsere Kosten der Wissenschaft und der Alterthumskunde unschätzbare Dienste zu leisten. Wir haben alle Ursache stolz darauf zu sein, daß man sich für das Letztere entschieden. Die Ausgrabungen von Olympia sind dadurch zu einem Werke des gesammten deutschen Volkes geworden.

Die Oberleitung der Olympia-Ausgrabungen erhielt in Berlin ihren Sitz und ist den Professoren Curtins und Adler, sowie dem Legationsrath Dr. Busch anvertraut worden. An Ort und Stelle übernahm zuerst die wissenschaftliche Leitung Dr. Hirschfeld, die der Erdarbeiten Baumeister Bötticher. Im Jahre 1875 begann das Werk.

Unsere Deutschen haben es in dem ungesunden, menschenleeren, völlig verwilderte Lande nicht leicht gehabt. Der Thalgrund des Alpheiosstromes, in dem Olympia liegt, ist heute gänzlich unbewohnt. Aus den Kalksteingebirgen, die den Kern und Mittelpunkt der peloponneischen Halbinsel bilden, fließt das gelbliche, reißende Bergwasser hinab. Sein Lauf wird eingerahmt von Gebirgszügen. Flüßchen durchbrechen diese und vereinigen sich mit dem größten Strome der Landschaft. Die seitlichen Bergzüge sind meist bewaldet: sie treten manchmal als steile, spitze Vorgebirge weit auf den ziemlich breiten Thalboden vor, oft aber lassen sie dem Wasser ein ausgedehntes Vorland frei, welches bei jedem anhaltenden Regen oder zur Zeit der Schneeschmelze leicht überfluthet wird. Deshalb lagert Fieberluft auf der ganzen Thallandschaft. Die wenigen menschlichen Ansiedelungen dieser wilden Gegend sind vor den giftigen Dünsten hinaufgeflohen auf die Höhen. Dort sieht man ab und zu die zerstreuten Häuser eines armseligen Griechendorfes hoch oben am Rande des Abhanges nisten. Den Thalgrund, der die Reste Olympias in seinem Schooße birgt, bedecken Corinthenäcker, Gerstenfelder, niedriges Gestrüpp, wilde Birnbäume, Platanen und Unkraut, unter dem die dunkelrothe Anemone schön hervorleuchtet. Die Aecker gehören zu dem Dorfe Druva, das wir nach fast einer Stunde steilen Steigens auf einer vorhängenden Klippe des Gebirgszuges erreichen. Man ist hier nur etwa eine Meile vom Strande entfernt, übersieht also das blaue Meer, die malerischen, bewaldeten Gebirgszüge und das ganze grüne Thal des Alpheiosstromes, der sein gelbes Gewässer hastig hinabwälzt. Die Aussicht ist schön, aber darauf beschränken sich auch die Vorzüge des Lebens auf Druva. In diesem Dorfe nämlich, hoch entlegen über dem Arbeitsfelde, wohnt unsere deutsche Colonie.

Durch Vermittelung des umsichtigen und liebenswürdigen deutschen Consuls, Herrn Hamburger in Patras, war von dem deutschen Reiche auf der vorspringenden Bergkuppe dicht an den letzten Häusern des Dorfes ein Häuschen erbaut worden, wenige Schlafzimmer, ein gemeinsamer Raum für die Mahlzeiten, Küche,


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Heinrich der Vogler. Von Paul Thumann.
Aus dem Prachtwerke „Album für Deutschlands Töchter“.

[814] Kammer, mehr nicht. Ein Koch und ein Diener sorgten im ersten Winter für die deutschen Herren. Für die folgende Winter mußte das Haus durch Anbau vergrößert werden, sodaß ein Zeichensaal, ein Schreibzimmer nicht mehr entbehrt wurden. Für die Männer der Wissenschaft, die als Gäste gelegentlich in diese Wildniß kamen, um die Ausgrabungen zu sehen, war in dem Hause kein Raum.

Hier aber streicht die Luft scharf und kalt, sodaß nur kümmerlicher Pflanzenwuchs auf der Höhe gedeiht. Unten im Thale liegen selbst im Winter die Dünste dick, schwer, schwül. Der stetige Wechsel zwischen beiden ist für die Gesundheit der leitenden Beamten sehr verderblich gewesen. Der Archäologe sowohl wie der Baumeister erkrankten bedenklich; der griechische Regierungscommissar wurde im zweiten Winter völlig gelähmt und mußte den Posten verlassen. Gesattelte Pferde stehen für den Dienst bereit, um den weiten ermüdenden Weg zu kürzen.

Im October begann man den großen Zeustempel, den Mittelpunkt des Ganzen, freizulegen. Dann wurden gleich Fühlfäden Gräben durch die Flur gezogen nach allen Seiten. Stieß man dabei auf Steine, Mauerwerk, Reste von Bildhauerarbeiten, so wurde vorsichtig weiter nachgespürt und untersucht, ob Reste eines alten Tempels oder nur herumgestreute Einzelstücke von den Spaten berührt waren. Erdarbeiter strömten aus den benachbarten Bergdörfern, ja selbst aus größerer Ferne zu. Mancher deutsche Abenteurer, der mit König Otto einst ausgezogen, hat hier in kargem Verdienst Ersatz für getäuschte Hoffnungen gesucht. Die Arbeiter wurde ihrer Begabung gemäß verwandt. Die besten am theuersten bezahlten mußten vorgehen, wo etwas vermuthet oder schon halb zu Tage gefördert worden war. Hatte aber Einer sich die Verletzung eines Steinkörpers zu Schulden kommen lassen, hatte Hacke oder Spaten statt des Erdreichs etwa die Nase einer Bildsäule, den Arm oder das Bein eines Gottes getroffen, so wurde der Schuldige sofort in jene Reihen zurückversetzt, die nur die obersten Schichten des Erdreichs abzuheben hatten. Die eigentliche Fundschicht begann oft erst zehn bis fünfzehn Fuß unter der Oberfläche. Von Ende September bis zum Mai etwa währt der Arbeitswinter. Dann verscheuchen Hitze und Fieberluft Arbeiter, Aufseher und Beamte aus dem öden Gebirgsthale. Die Former nur kommen noch für kurze Zeit hin, um Alles abzuformen damit Gypsabgüsse davon genommen werden können, und der Photograph bekommt zu thun, bis endlich die Schuppen mit den verstümmelten Bildsäule und Gruppen, die griechische Wache, das Haus der Deutschen auf dem Druvaberge für den Sommer geschlossen werden.

So ist nun auf Kosten des deutschen Reichs bereits länger als drei Winter gearbeitet worden. Die Commissare haben mitunter gewechselt; das Werk selbst ist trotzdem stetig vorgeschritten. Blicken wir nun von der kalten Druvahöhe, aus dem Hause unserer kleinen Colonie hinab in das Thal des Alpheios, so sind es jetzt nicht mehr Corinthengärten und Gerstenfelder, welche die Flur zwischen den Bergen und dem Flusse einnehmen. Der stille, öde, unbewohnte Thalgrund zeigt an dieser Stelle das Treiben eines Ameisenhaufens. Lange Züge von Arbeitern karren ausgegrabene Sandmassen weg; mit Spaten, Schaufel und Hacke bewaffnet sieht man Andere in der Erde wühlen, buntgekleidete Menschen, meist mit der rothen Kappe auf dem Kopfe, dem faltigen weißen Baumwollkittel angethan, in der Tracht der jetzigen Griechen. Das Feld ist verschwunden. Geborstenes Gemäuer starrt überall aus dem Boden hervor; Säulenstücke, Gebälk und Stein, Trümmer von Tempeln liegen wild umher. Aber deutlich erkennt man schon von hier die Grundflächen aller einzelnen Gebäude. Neben diesen allerältesten Bauwerken sind ganz neue entstanden: Wachthäuser, Schuppen, in denen die Bildsäulen, die Kunstwerke von Marmor und Erz aufbewahrt werden, bis die griechische Regierung ihr Eigenthum einmal abholen wird; andere, in denen die Former Abdrücke nehmen.

Steigen wir nun hinab, lassen wir uns von den gelehrten Landsleuten, die hier in Winterkälte und Fieberschwüle unverdrossen gearbeitet haben, freundlich dargebotene Führerdienste leisten, so ersteht das alte Olympia bald vor unserem geistigen Auge. Die Reste der Ringmauer, die den heiligen Bezirk umschloß, sind völlig erkennbar. Man sieht die Oeffnungen, die mit stolzen Säulenpforten verschlossen und alle vier Jahre aufgethan wurden, sobald die Festzeit begann. Die Reste des Zeustempels liegen in der Mitte der Flur. Die Riesengestalt, welche einst drinnen auf dem Throne saß, überströmt von sonniger Helle, die aus den Oeffnungen des Daches sich über den Raum ergoß, ist freilich verschwunden. Vor dem Tempel war eine breite Rampe erbaut, auf ihr ein Altar. Allenthalben gewahren wir die hohen Steinsockel dicht bei einander, auf denen einst unter Oelbäumen, Platanen und Ulmen die Weihgeschenke, von Künstlerhand, standen. Der Raum des heiligen Gefildes muß vollständig gefüllt gewesen sein mit solchen Weihgeschenken, sodaß nur Gassen freiblieben, um zu den andern Heiligthümern zu gelangen. Wir sehen etwas näher den Bergen, nördlich von dem großen Zeustempel, den Tempel seiner göttliche Gemahlin, der Hera, finden dann noch weiter nordwärts, ganz nahe am Fuße des am weitesten in die Ebene vorgeschobenen Bergkegels, die Reste des Festsaales, in dem nach beendetem Kampfspiele die Sieger und die Richter mit den Aeltesten des Volkes bewirthet wurden. Wir erkennen die Schatzhäuser der verschiedenen Bundesgenossen, die Halle, in der die Kämpfenden vorher durch Leibesübungen, Bäder, strenge Schulung ihren Körper geschmeidig erhielten; wir sehen auch, deutlich erkennbar, diejenigen Prachtbauten vor uns, die in späteren Zeiten von den Römern errichtet worden sind. Da liegt ein gemauertes Halbrund, das ein Wasserbecken umschloß. Durch Löwenköpfe strömten hier die von den Bergen herabfließenden Quellen aus, sammelten sich und wurde dann über die ganze Feststätte verteilt. Kleine Tempel, Bildsäulen der Kaiser, Säulen und Marmorgebälk zierten diese Anlage. Weiter unterhalb, näher am Flusse, sind andere Gebäude aus dem Grabe erstanden. Manche hat man sofort erkannt als Stätten, auf denen die Ortsgottheiten verehrt wurden, als Altäre, an denen das Volk geopfert hat. Andere geben den Gelehrten schwere Räthsel auf, die oft erst durch spätere Funde vollständig gelöst werden. Aber so viel steht fest, das, was heute schon von der hohen Sandhülle befreit vor uns liegt, giebt uns ein vollständiges Bild des größten und wichtigsten Heiligthums im alten Griechenland. Vieles, von dem man gar nichts gewußt hatte, vieles, wovon den Gelehrte ungenau oder irrige Vorstellungen überliefert worden waren, liegt hier klar und deutlich vor unseren Augen, kenntlich noch in seinen Grundmauern, Trümmern und Resten.

Der Boden giebt aber noch weitere Kunde. Tief unter den Grundmauern der herrliche Tempel findet man Opfergaben und Weihgeschenke, roh aus Thon oder Metall geformt. Diese stammen offenbar aus den allerältesten Zeiten menschlicher Ansiedelung. Sie beweisen, daß lange vor Erbauung der Tempel und Heiligthümer die Stätte des Thales schon der Gottesverehrung geweiht gewesen ist. Ueber den griechischen Prachtbauten aber, den späteren römischen Anlagen der Kaiser, finden wir wieder altchristliche Kirchen, Befestigungsmauern mit Thürmen und Thoren aus früher christlicher Zeit, dann elende Hütten aus zusammengeschleppten Steinen, lose an die alten Mauern geklebt, die ein späteres rohes Volk sich zur Ansiedelung errichtet hat. So sehen wir hier ein Zeitalter immer über das andere geschichtet.

Alle kleinen und großen, rohen und kunstvollen Weihgeschenke und Opfergaben, die Inschriften auf ehernen Tafeln mit Verträgen, Friedensschlüssen, Berichten über einzelne Persönlichkeiten, endlich die Bildsäulen und Gruppen aus Marmor, die Verzierungen der Tempel und heiligen Bauwerke, die Standbilder der römische Großen, welche gefunden worden, sind, wie bemerkt, geborgen in den Schuppen, Verschlägen und Häusern auf der Thalflur. Griechenland denkt noch nicht daran, diese ihm durch fremde Hand in den Schooß geworfenen Schätze in seiner Hauptstadt zweckmäßig zu ordnen und aufzustellen; Deutschland aber hat von seinem Rechte Gebrauch gemacht, die Funde abformen zu lassen; eine mühsame und langwierige Arbeit, denn das Abformen kostet Zeit, der Weg ist weit, die Zusammenstellung der Brocken und Trümmer erfordert Nachdenken, Prüfung, Mühe. Und jetzt sind wir so weit, daß das Hauptsächlichste und Werthvollste im Gypsabgusse seit den letzten Octobertagen in der unvollendeten Fürstengruft der Kaiserfamilie zu Berlin der Nation vor Augen gestellt ist.

Der Tempel des Zeus von Olympia war einer der herrlichsten Griechenlands. Die berühmtesten Bildhauer wurden von den Hauptstätten der Kunst, besonders von Athen entboten, um ihn zu schmücken. Gold, Erz, alle kostbaren Metalle sind natürlich geraubt, zerschmolzen, verbrannt. Der Marmor hat sich dauerhafter erwiesen. Der vordere östliche und der hintere westliche [815] Giebel waren angefüllt mit kunstvollen Gruppen und Gestalten aus diesem Steine. Im vorderen hatten die Künstler die Sage von der Entstehung der olympischen Kampfspiele dargestellt, die bekannte Sage vom Helden Pelops. In Berlin sehen wir jetzt das Giebelfeld, aus Holzgerähme erbaut, und die Gipsabgüsse der sehr schadhaften Marmorgestalten darin eingefügt. In der Mitte steht Zeus als höchster Kampfrichter da. Zur einen Seite sehen wir den alten Gaukönig mit seiner Gattin, zur anderen den jugendlichen Sieger Pelops mit der errungenen Braut. Neben jedem der beiden Streiter hält das Viergespann der feurigen Rosse, zum Beginne des Kampfes bereit, Wagenlenker, helfende Knaben, knieend, kauernd, sitzend, umgeben als schöne Nebengestalten die Hauptgruppen, füllen den Raum, den in jedem der spitzen Winkel ein liegender Flußgott abschließt, eine Versinnlichung der natürlichen Grenzen der heiligen Flur.

Eine andere altgriechische Sage wird in dem westlichen, hinteren Giebelfelde durch Marmorgruppen dargestellt. Sie erzählt, daß nach langen Grenzkämpfen zwischen dem wilden, thierischen Bergvolk der Centauren deren Körper in einen Pferdeleib endete, und den gesitteten Lapithen, Peirthoos, der Fürst dieser letzteren, jene Halbmenschen zur Hochzeit eingeladen habe. Kaum kosteten diese den süßen Wein, da erwachte die wilde Gier der thierischen Gesellen; sie berauschten sich, ergriffen die Weiber und Knaben ihrer Gastfreunde und versuchten sie wegzuschleppen; es kam zum Kampfe. Dieser wüthende Kampf und Weiberraub ist in dem Giebelfelde dargestellt, welches man in Berlin ebenfalls aus den Gypsabgüssen der Funde von Olympia zusammengestellt hat. In der Mitte steht die jugendschöne Gestalt des Gottes Apollo, des Beschützers edler Gesittung. Er streckt seinen Arm helfend über die verzweifelten Lapithen aus. Zu beiden Seiten umtobt ihn wüthender Kampf. Einer der berauschten Thiermenschen hat das geraubte Weib mit dem Vorderfuß des Pferdeleibes umfaßt. Sie wehrt sich heftig, greift ihm in’s Haar, in den Bart, indeß einer der lapithischen Helden herbeieilt, die Widerstrebende der Gewalt zu entreißen. Zur andern Seite des Gottes sehen wir die Braut des Peirithoos, um die eines der Ungeheuer mit dem Pferdeleibe den einen Arm geschlungen hat, während die Hand des andern ihr in wilder Gier an die Brust greift. Mit der einen Hand wehrt sie krampfhaft die widrige Umarmung ab, mit der andern sucht sie ihre Brust freizumachen und stößt dabei mit dem Ellenbogen das trunkene Haupt des Centauren zurück. Auch ihr eilt ein Kämpfer zu Hülfe, von dem allerdings bisher nur ein kleines Bruchstück aufgefunden worden ist. Weiter sehen wir einen lapithischen Jüngling, der mit kräftigem Arme einen Centauren umschlingt. Beide sind im Kampfe niedergestürzt; der Thiermensch beißt den Helden in den Arm. Auf der andern Seite entspricht dieser prächtigen Gruppe ein Centaur, der einen schönen Knaben ergreift, um ihn wegzuschleppen, während dieser sich aus der Umarmung zu entwinden sucht. Wilder Kampf wogt in dem ganzen Giebelfelde. Wir erblicken noch ein fliehendes Weib, die einer der Centauren ergreifen und auf den Rücken seines Pferdeleibes werfen will; ein Jüngling eilt hinzu und stößt dem Ungethüm das Schwert in die Brust. Hier zum ersten Male haben wir zwei jener großartigen Gruppirungen, mit denen die Alten ihre Tempelgiebel schmückten, in annähernder Vollständigkeit vor uns, denn keine Gestalt fehlt gänzlich, von jeder sind wenigstens Stücke vorhanden. Weitere ergänzende Funde lassen sich bei Fortsetzung der Arbeit erwarten. Kleinere Gruppen in halb erhabener Arbeit, die Thaten des Herakles (Hercules) darstellend, die rings den Oberbau des Tempels geschmückt haben, finden wir ebenfalls neben einander in Berlin ausgestellt.

Von den Weihgeschenken und den Bildsäulen, welche in den andern heiligen Orten aufgestellt gewesen, ist nicht viel erhalten geblieben. Zwei derartige Kunstwerke lohnen indessen reichlich die aufgewendeten Mühen und Kosten. Sie stammen von den größten Meistern des alten Griechenland her, sind die einzigen Werke, die wir von diesen besitzen, und gehören überhaupt zu dem Vollendetsten, was von griechischer Bildhauerei auf die Nachwelt gekommen ist. Das eine stellt eine geflügelte Siegesgöttin vor. Die herrliche Gestalt schwebt aus der Luft hernieder; ihr faltiges Gewand flattert weit vom Körper weg; sie setzt eben den Fuß auf einen Felsen und trägt in der Hand den olympischen Preis, mit dem sie einen Sieger krönen will. Die andere Bildsäule ist ein schöner nackter Götterjüngling, der Hermes, den die Götter der Sage nach zum Boten gebrauchten. Er lehnt sich an einen Baumstamm und hält in dem Arme ein reizendes Knäbchen, in dem man den jugendlichen Gott Dionysos oder Bacchus erkennen will. Groß ist noch die Anzahl der einzelnen Köpfe, der Gliedmaßen, der Erztafeln, Inschriften und kleinen Opfergaben, die man aus dem Schutte hervorgezogen hat. Es sind bis jetzt außer den Tempeln, Altären und sonstigen Gebäuden 904 Marmorstücke, 3734 Sachen aus Erz, Geräthe, Tafeln, Opfergaben, kleine Weihgeschenke, dann Gebilde aus gebranntem Thon, 429 Inschriften und 1270 Münzen aus dem Boden der heiligen Flur an’s Tageslicht gefördert worden.

Das deutsche Volk ist kein reiches. Dennoch hat es nicht einen Augenblick gezögert, als es galt, bedeutende Geldopfer, große Anstrengungen für die gesammte Wissenschaft, die Alterthumsforschung, die Kunstgeschichte darzubringen unter völligem Verzicht auf jeden eigenen Vortheil; damit aber gebührt ihm mindestens der Anspruch, Rechenschaft darüber zu erhalten, ob Mittel und Kräfte zweckmäßig und fruchtbringend aufgewendet worden sind, ob der Gewinn für die Wissenschaft ein den Aufwendungen entsprechender gewesen. Und darauf giebt schon die jetzt in Berlin eröffnete Ausstellung der Olympia-Funde eine genügende Antwort. Was aber außer den jetzt ausgestellten Kunstwerken noch gewonnen und durch Veröffentlichungen der ganzen Welt zugänglich gemacht worden ist, das übertrifft nach dem allgemeinen Urtheil aller Sachverständigen selbst die größten Erwartungen, die man vor Beginn der Arbeiten zu hegen berechtigt war. Gewiß würden wir mit den Kunstwerken, welche deutsche Kraft dem Schooß der Erde entrissen, gern ein Reichsmuseum gefüllt haben; wir mußten darauf verzichten. Freuen wir uns, daß Deutschland sich durch jenen nothwendigen Verzicht nicht hat abhalten lassen, ein mit so glänzendem Erfolge gekröntes Werk auszuführen, welches ohne unser uneigennütziges Eintreten bis in weite Ferne hinaus unterblieben wäre.

Fritz Wernick.[2]





Pariser Straßentypen.[3]
Von Ernst Eckstein.

Paris ist unter allen Städten des Erdbodens die revolutionärste und gleichzeitig die conservativste – revolutionär im politischen, conservativ im gesellschaftlichen Sinne. Seit dem letzten Decennium des achtzehnen Jahrhunderts haben in Paris die Staatsformen in kaleidoskopischer Buntheit gewechselt. Heute Königthum und Willkürherrschaft der privilegirten Stände; morgen die gemäßigte Republik; übermorgen der rothe Schrecken und zum Schluß der Cäsarismus, der die bedrohte Gesellschaft rettet, - das hat sich mit verschiedenen Variationen und Episoden nun schon zwei Mal vor den Augen Europas abgespielt, um allerjüngstens die bisher noch nicht dagewesene wunderliche Mischgattung eines clerikalen Freistaates zuwege zu bringen. Aber merkwürdig: so rasch die politische Physiognomie unserer westlichen Nachbarn sich wandelt, so unberührt bleibt von all diesen Aenderungen der innere Organismus der Gesellschaft, ja, selbst die Maschinerie der Verwaltung und der Apparat der Regierung. Es ist, als ob nur

[816] die äußersten Spitzen des staatlichen Aufbaues unter dem Banne der Veränderlichkeit stünden; die Häupter der Executivgewalt, die Minister und allenfalls ein paar Dutzend Präfecten wechseln: im Uebrigen geht die Verwaltung ganz den gleichen Gang, ob ein Kaiser im Tulerienpalaste oder ein Präsident im Elysée Hof hält; derselbe Geschäftsgang, derselbe bureaukratische Ernst, dieselben Vorzüge und Mängel. In noch höherem Grade gilt dies von der bürgerlichen Gesellschaft. Der beste Beweis hierfür ist die Zähigkeit, mit der sich gewisse Typen inmitten des ungeheueren Strudels der Weltstadt unverändert erhalten, Korkstücken vergleichbar, die im tollsten Schaumgewirbel immer wieder an die Oberfläche emportauchen. In Beziehung auf diese Typen entwickelt Paris eine Pietät, wie sie in keiner anderen europäische Hauptstadt zu finden ist. Selbst die umfassende Neugestaltung des Straßennetzes, wie sie der kühne Seinepräfect Haußmann in Scene gesetzt hat, übte hier keine Wirkung. Gewisse Erscheinungen zogen sich nur weiter nach den äußeren Stadttheilen zurück: im Uebrigen blieb so ziemlich Alles beim Alten.

Verschiedene Straßentypen der französischen Hauptstadt enthüllen sich in ihrer Eigenart erst nach längerer Beobachtung; andere drängen sich selbst dem Blicke des Flüchtigen schon während der ersten Tage seiner Pariser Wanderungen auf. Es sei uns gestattet, aus der Zahl der letzteren eine Handvoll herauszugreifen und für die Leser der „Gartenlaube“ in kurzen Umrissen zu skizziren. Der Stift des Zeichners wird uns bei dieser Aufgabe Schritt für Schritt unterstützen.

Einer der ersten Charakterköpfe, die uns im Weichbilde der französischen Hauptstadt entgegentreten, ist der Employé de bagages, der Gepäckträger, der aus dem Perron des Bahnhofes die wuchtigen Handkarren auf und ab rollt und den Koffer des Ankömmlings nach der Droschke schafft. Der Employé de bagages gehört in die Kategorie jener Weltweisen aus dem Volke, die der unsterbliche Künstler Gavarni so meisterhaft dargestellt hat. Höflich ohne Unterwürfigkeit, diensteifrig ohne Ueberstürzung, liebt der Employé de bagages stille Momente der Selbstbetrachtung, zumal solche, die durch einen kräftigen Schluck Rothwein gewürzt sind. Für die Erscheinungswelt, die er so Tag für Tag in immer wechselnden Bildern an sich vorbei rollen sieht, hegt er eine gewisse Geringschätzung, dagegen glaubt er an die Heiligkeit des Trinkgeldes und an die Vorzüge seiner kurzen schwarz angerauchten Thonpfeife. Der Employé de bagages ist zuweilen ein alter Troupier. In diesem Falle spricht er mit der Sicherheit eines Moltke die Ueberzeugung aus, daß, wenn er und seine Kriegscameraden von 1856 bei Sedan mitgekämpft hätten, die Preußen sammt und sonders, bis auf den letzten Mann, zermalmt worden wären. Vor der Ankunft des Schnellzuges erzählt er mit Vorliebe, wie er beim Sturm auf den Malakoff einem General der Cavallerie das Leben rettete. „Wo ist denn heutzutag’ Einer in der ganzen Armee,“ fragt er am Schlusse, die Hand in die Tasche steckend, „der sich getraute, das nachzumachen? Unmittelbar vor den Laufgräben … Pah, Zidore, die gute alte Zeit kommt nicht wieder! Va!“ Und damit schiebt er den Karren vorwärts und läßt den verblüfften Zidore auf der Kiste sitzen.

Aristokratischer und bedächtiger präsentirt sich uns der Garçon de recette, der Ausläufer der Bank, der die inhaltsschwere Mappe, an metallener Kette befestigt, unter dem Arme trägt. Eine hochwichtige Persönlichkeit, eine Vertrauensperson, wenn es jemals eine gegeben hat! Das Gefühl der Verantwortlichkeit und Würde drückt sich denn auch in der ganzen Haltung und Miene aus. Der Garçon de recette hat etwas Diplomatisches und nebenbei einen Hauch von der göttlichen Indifferenz der Finanzkönige. Die Hunderttausende, die er so in seiner Mappe herumträgt, sind ihm gar nichts; er ist das gewöhnt; für den Blick des Proletariers, der mit ehrfurchtsvollem Statute an ihm hinaufschaut, hat er nur ein mitleidiges Läches. Der Garçon de recette ist die Incarnation jenes Fabelmännchens, von welchem uns Alphonse Daudet im vierte Buche seines vortrefflichen Romans „Fromont junior und Risler senior“ erzählt. „Wer’s nicht will,“ so heißt es dort zu Anfang des ersten Capitels, „der läßt’s bleiben; ich glaube fest an den kleinen blauen Mann. Nicht als ob ich je ihn gesehen hätte, aber unter meinen Freunden ist ein Poet, zu dem ich großes Vertrauen habe, und der erzählte mir oft, wie er sich eines Nachts dem seltsamen kleinen Spukgeist gegenüber befand und auch unter welchen Umständen. Mein Freund hatte in einer schwachen Stunde seinem Schneider einen Wechsel unterzeichnet. Wie alle Leute, die etwas Phantasie besitzen, hatte er geglaubt, jene Unterschrtft habe ihn der Schuld ganz entledigt. So war denn der Wechsel aus seinem Gedächtniß entschwunden. Da wurde unser Poet eines Nachts durch ein eigenthümliches, vom Kamin herkommendes Geräusch plötzlich geweckt. Zuerst glaubte er, ein erfrorener Sperling suche die warme Asche auf, oder der Wind drehe sich und zermartere bei dieser Gelegenheit die Wetterfahne. Aber bald wurde das Geräusch deutlicher, und nun unterschied er ganz scharf das Klimpern eines Geldsackes und das Rasseln, ich weiß nicht, welcher Kette. Und zugleich rief eine feine Stimme, die so scharf wie der Pfiff einer Locomotive, so hell wie der Hahnschrei vom Dache erklangt: ‚Zahltag! Zahltag!…‘ ‚Guter Gott, mein Wechsel!‘ sagte der arme Junge, dem nun plötzlich wieder einfiel, in acht Tagen sei die Schuld bei seinem Schneider verfallen. Am anderen Tage und wieder am anderen wurde er zu derselben Stunde und auf dieselbe Weise geweckt. Und je näher der Zahltag rückte, um so greller und schneidiger wurde der Ton und drohte mit Richter und Auspfändung. Wem gehörte denn nur diese gespenstige Stimme? Der Poet wollte Klarheit haben. Eines Nachts also legte er sich nicht zu Bett, sondern löschte das Licht, öffnete das Fenster und wartete. Endlich gegen zwei oder drei Uhr Morgens lief ein leichter Schritt über Ziegel- und Schieferdächer, und eine feine, grelle Stimme schrie wiederum durch den Schornstein: ‚Zahltag! Zahltag!‘ Da bemerkte mein Poet, als er sich ein wenig vornüber neigte, den abscheulichen kleinen Kobold. Er sah, daß jenes seltsame Teufelchen gekleidet war wie ein Ausläufer der Pariser Bank, mit blauem Rock und albernen Knöpfen, Claquehut und galonnirten Aermeln. Unter dem Arme aber trug er eine lederne Tasche, die fast so groß wie er selbst war. Und an der Tasche hing ein Schlüssel und eine lange Kette, die bei jedem Schritte wahnsinnig klirrte.“

Wie viele Leute giebt’s in Paris, denen der Garçon de recette unter dem gleichen Gesichtswinkel erscheint! Leute, die, um nochmals mit Alphonse Daudet zu reden, eine Anweisung unterzeichnet oder quer über einen Wechsel das Wort „Angenommen“ geschrieben haben. Der Fremde, der den Garçon de recette so über die Asphaltplatten wandelt sieht, ahnt nicht, welche Dämonen in dieser ehrwürdig dreinschauenden Mappe lauern.

Minder pathetisch, aber für das Publicum zehnmal wichtiger, als dieser blaue Mann, ist der grüne, der Facteur, zu Deutsch: der Briefträger. Man begegnet ihm zu allen Tageszeiten auf Schritt und Tritt, dem stets geschäftigen, stets höflichen Vermittler jener ungeheuren Correspondenz, die aus allen Gegenden der Windrose nach der französischen Hauptstadt zusammenschwirrt. In schwarzen Kästen, die nach Art unserer Drehorgeln an Lederriemen getragen werden, birgt der Facteur seine stattliche Ladung und wandelt von einer Portierloge nach der andern. Dem Portier – französisch: – concierge – liegt es ob, die Briefe auf die einzelnen Stockwerke zu verteilen und an ihre Adressen zu befördern. Nur bei Werthsendungen ist der Facteur genöthigt, selber die Treppen zu klimmen. Sein Beruf ist also minder anstrengend, als der unserer deutschen Briefträger, die oft um einer einzigen Kreuzbandsendung willen bis unter das Dach steigen müssen. Freilich hat der französische Modus andere Uebelstände zur Folge: Unregelmäßigkeiten, Verspätungen und Veruntreuungen seitens des Concierge. Wie oft kommt es vor, zumal in einer concurrenzstrotzenden, lebensgierigen, eifersüchtigen Weltstadt, daß eine dritte Person das Gelüste verspürt, widerrechtliche Einblicke in fremde Correspondenzen zu werfen! Der Concierge ist gegen derartige Wünsche, wenn sie durch Zwanzig-Franken-Stücke unterstützt werden, nicht immer so unempfindlich, wie dies im Interesse der öffentlichen Moral zu wünschen wäre.

Der Facteur ist zuverlässig, ehrlich, gewissenhaft. Er giebt seine Briefe nur an den beglaubigte Portier oder dessen Vertreter, niemals aber an neugierige Insassen des Hauses, an naseweise Bedienten oder impertinente Zöschen ab; es müßte denn sein, daß ein solcher Brief direct an das impertinente Zöschen adressirt wäre. In diesem Falle spielt der Facteur mit Vorliebe den Galanten, Schalkhaften oder gar Neckischen. Er geizt sich eine Minute seiner kostbaren Zeit ab, um dem schönen Kinde das sehnlichst erwartete Billet-doux eine Weile vorenthalten oder [817]

Die Gartenlaube (1878) b 817.jpg

Pariser Straßentypen. Originalskizzen von H. Vogel.

Ausläufer der Bank. Stiefelputzer.
Gepäckträger. Briefträger.

[818] sonst mit ihr schäkern zu können. In gewissen Fällen wagt er sogar ein kleines Lösegeld in Gestalt eines zärtlichen Blickes oder eines Kusses zu beanspruchen. Der Facteur ist eben, wie der Zipfelschneider in Schaumberger’s Musikantengeschichten, „ein Mann, der in die Welt paßt“.

Vornehmlich in den belebteren Stadttheilen, im Palais Royal, auf den Boulevards, in den Passagen begegnen wir der bescheidenen Gestalt des Pariser Schuhputzers (décrotteur), einer etwas gedrücktem Abart des italienische Wichsiers, der uns namentlich auf der Piazza di San Marco und auf der Riva degli Schiavoni so unabweislich mit seinen Anträgen überhäuft. Der fränzösische Décrotteur ist minder zudringlich, minder genügsam und lebensfroh, aber von größerer Virtuosität in der Handhabung seiner Bürste. Rasch, mit drei geschickten Griffen, wie die Klinge des Schiller’schen „Nadowessiers“ den Feind scalpirte, verwandelt er das staubigste Oberleder in spiegelnde Glätte. Seine Bewegungen sind heftig, energisch; er wichst in das Schuhwerk, das er bearbeitet, gleichsam den Drang noch einer höheren Lebensstellung hinein, den Wunsch, sich etabliren und ein Stiefelputzlocal im Großen eröffnen zu können, wo das Publicum von den Untergebenen des Wichschefs gleich colonnenweise bedient wird. Ach, so wenig Träume gehen unter dem trügerischen Himmel von Paris in Erfüllung! Und so findet denn auch der Pariser Stiefelputzer aus den Gründen des nebelgedrückten Thales nur selten den Ausgang.

(Schluß folgt.)


Blätter und Blüthen.

Neue Prachtwerke des Buchhandels. Im Anschluß an die Besprechung des Werkes „Aegypten“ in voriger Nummer, beginnen wir heute mit der Notiz, daß ein anderes Prachtwerk unter dem Titel „Hellas und Rom“ (Stuttgart, Spemann, dessen Anfänge bereits der Oeffentlichkeit übergeben sind, in ganz verwandter Ausstattung sich die Aufgabe stellt, die classische Welt der Antike in den Rahmen eines Prachtwerkes zu fassen. Auch von diesem Werke dürfen wir nach der vorliegenden Probe das Beste erwarten. – Das groß geplante populäre Geschichtswerk, welches der Grote’sche Verlag (Berlin) unter dem Titel „Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen“ durch Professor Oncken herausgeben läßt, und in dessen erschienener erster Abtheilung ein anderer berühmter Aegyptologe, Dümichen, gleichfalls über Aegypten handelt, concurrirt in dieser Partie nur zum Theil mit dem Ebers’schen Werke, ist aber kein Prachtwerk im engeren Sinne, die Illustration wird hier einen mehr instructiven Charakter tragen. Das Unternehmen ist jedenfalls höchst wertvoll und empfehlenswerth; denn die besten Specialforscher sind für die populäre Behandlung ihrer wissenschaftliche Domänen gewonnen, und die Illustrationen führen möglichst unverfälscht bildliches Material aus erhaltenen Ueberresten der betreffenden geschichtlichen Zeit vor Augen. – Näher liegt es, unter dieser Rubrik eines anderen nunmehr vollendeten Prachtwerkes zu gedenken, der von Scherr geschriebenen „Germania“ (Stuttgart, Spemann), welches Buch bekanntlich einen Ueberblick über die geschichtliche Vergangenheit unseres Vaterlandes in der kernigen plastischen Schreibweise Scherr’s giebt und, was Geschmack und Reichthum der Ausstattung anlangt, dem ihm zur Seite getretenen Ebers’schen Werke die Concurrenz schwer genug macht. Wie das stattliche Riesenbuch vor uns liegt, eine Musterleistung des deutschen Buchhandels in jeder Beziehung, können wir den Wunsch nicht unterdrücken, daß es recht vielen unserer Leser vergönnt sein möge, dasselbe auf den Weihnachtstisch legen zu dürfen. Zu dem Scherr’schen, die Geschichte unseres Vaterlandes behandelnden Prachtwerk gesellt sich als ergänzendes Pendant ein bisher nur zum kleineren Theil herausgegebenes, sonst ähnlich angelegtes, beschreibendes, welches Land und Leute der deutschen Gegenwart in Wort und Bild darzustellen unternimmt und den Titel „Unser Vaterland“ führt (Stuttgart, Kröner). Der Herausgeber, welchem die tüchtigsten Kenner von Land und Leute helfend zur Seite stehen, ist wiederum einer der altbewährten „Gartenlauben“-Mitarbeiter: Herman von Schmid. – Die Wiedergeburt in zweiter Auflage feiert ein Werk, das nach Ausstattung und theilweise auch Anlage als Vorgänger und Vorbild sämmtlicher bisher genannter Prachtwerke zu betrachten ist: „Italien, eine Wanderung von den Alpen bis zum Aetna“, in Schilderungen von Stieler, Paulus und Kaden, mit Bildern der hervorragendsten deutschen Meister. (Stuttgart, Engelhorn). Zwischen den genannten, einander so ähnlichen Publicationen ist schwer eine Wahl zu treffen. Der persönliche Geschmack am Stoffe muß entscheiden, und dazu kommt noch eins, was bei einem großen Theile unserer Leser in die Wagschale fallen dürfte: der verschiedenartige Preis. An dieser Stelle ist es Zeit, einem Vorwurf zu begegnen, der unserer Aufführung dieser Prachtwerke leicht begegnen könnte: solche gewiß so theure Bücher – wie wenige unter den „Gartenlauben“-Lesern sind in der glücklichen Lage, sie kaufen zu können! Wir antworten: alles Angeführte sind Lieferungswerke, welche bei einiger Geduld und der Ersparniß von fünfundsiebenzig Pfennig bis anderthalb Mark monatlich doch Eigenthum auch des weniger Bemittelten werden können. Da Werke von solcher künstlerisch monumetaler Ausstattung für den eisernen Bestand einer Familie berechnet sind, so wird es bei der wirklich keine sonderlichen Opfer fordernden Zugänglichkeit nur Mangel am gutem Willen sein, wenn sich nicht in der bürgerlichen Familie allmählich eine Bibliothek bildet, welche ihre geschmackerziehende Wirkung durch Generationen fortpflanzt.

Bevor wir zu Unternehmungen übergehen, welche reine Kunstblätter, ohne textliche Grundlage, bieten, müssen wir noch ein paar Erscheinungen erwähnen, welche im Charakter und wohl auch im Umfang von den bisher angeführten abweichen. Vielen unserer Leser dürften die großen Prachtausgaben des „Faust“ von Kreling, von Lietzen-Meyer vor Augen gekommen sein. Verwandt in Schmuck und Ausstattung, schwer und solid, ist die jüngst erschienenen Ausgabe der Fouque’schenUndine“, mit zwölf Bildern nach Gemälden von Leopold Bode (Frankfurt am Main, G. Keller). Die Bilder sind prächtige Photographien mit je einer, gleichfalls durch eine Photographie ausgefüllten Lünette darüber, von zarter Rahmenzeichnung eingefaßt. Die wertvollen Originale befinden sich im Besitze des Baron Erlanger in Paris. Von den Werken geringeren Umfangs steht, was Gediegenheit des Geschmacks hinsichtlich der Ausstattung anlangt, der eben erschienene zweite Band des Bodenstedt-Albums „Kunst und Leben“ (Stuttgart, Spemann) wohl obenan, eine so vornehme Würde bei wirklicher Gediegenheit des Inhalts hatten jene verschollenen „Taschenbücher“, welche hier in moderner Verwandlung wieder aufleben, freilich nicht aufzuweisen. Das elegante „Töchter-Album“ (Leipzig, Amelang’s Verlag), aus dessen Illustrationsschmuck wir heute unserer Nummer zwei Proben beigeben, hat die „Gartenlaube“ bereits früher empfohlen. Es hat in der neueste, neunten, Auflage einen weiteren Zusatz an illustrativen Beigaben erhalten und wird seinen Reiz für die heranwachsende weibliche Jugend noch lange behalten. Die reizvollen Bilder, welche wir herausgegriffen haben, bedürfen kaum einer besonderen Erläuterung: die Geschichte von der Ueberreichung der Kaiserkrone an den gerade aus dem Vogelfange befindlichen Heinrich ist ebenso bekannt, wie der Ausdruck des Mutterglückes auf dem anmuthigen Blatte, welches Beyschlag zu dem Album gesteuert hat, verständlich und sympathisch berühren wird.

Da wir einmal bei der Jugend angelangt sind, so können wir es uns nicht versagen, den Finger wiederholt auch auf ein zweites, schon bei anderer Gelegenheit den Lesern unseres Blattes empfohlenes Werk zu legen, welches, obzwar es zunächst in Monatsheften erscheint, doch diese wie jede Weihnacht auch in Bandform vor das Publicum tritt: wir meinen die „Deutsche Jugend“ (Leipzig, Alphons Dürr). Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese Jugendschrift bei relativ mäßigem Preise das Beste bietet, was eine deutsche Jugendschrift in Text und Ausstattung bieten kann; um so empfehlenswerther ist dieselbe, als sie den Eltern mindestens ebenso viel Genuß gewährt, wie den Kindern selber. Daß diese „Deutsche Jugend“ zu werthvoll ist, um als Spielzeug den ungeschickten kindlichen Händen überliefert zu werden, spricht nur zu Gunsten des Werkes; wir wünschen nichts lebhafter, als daß man unseren Kindern Bücher für eine Kinderbibliothek kauft, um ihnen Achtung vor der Literatur und das Bewußtsein einzuprägen, daß ein wirklich gediegenes Buch nicht dazu da ist, um, nachdem der Inhalt flüchtig verschlungen, in die Rumpelkammer geworfen zu werden.

Wir kommen jetzt auf eine Reihe Publicationen zu sprechen, deren Inhalt bloße Kunstblätter bilden. Sie gehören auf den Büchertisch des Salons, der „guten Stube“, soweit sie abgeschlossene Cyclen, durch geschmackvolle Mappe zusammengefaßt, bilden. Dahin zählt eine neue „Fritz Reuter-Gallerie“, welche bei der Popularität, die der verstorbene liebenswürdige Humorist in ungeschwächtem Maße genießt, gewiß ihre Freunde im Publicum finden wird. Die reiche Sammlung von Photographien Beckmann’scher Originalgemälde ist ein Unternehmen des Bruckmann’schen Verlages (München), dem der Kunsthandel schon so manches photographische Prachtwerk verdankt, und ist auf dreißig Blätter berechnet, von welchen der für das diesjährige Weihnachtsfest bestimmte Theil die erste Hälfte umfaßt. Die Blätter erscheinen in drei verschiedenen Größen, in Großfolio – in einer Lieferungsausgabe ist das Blatt zu zehn Mark zu erwerben –, in Quartformat und in Cabinetformat. Eines der ansprechendsten Blätter, welches wir für unsere Leser vervielfältigen ließen, geben wir in der heutigen Nummer; es stellt die altbekannte drollige Scene aus der „Stromtid“ dar, in welcher Onkel Bräsig die beiden „lütten Druwäppel“ dabei erwischt, wie sie den beweglichen Kopfschmuck von Großvater und Großmutter annectirt und mit kindlicher Nachahmungssucht in Benutzung gezogen haben. Ein zweites der Bilder versprechen wir unsern Lesern für die Weihnachtsnummer. – Und damit genug für diesmal! Einen zum Theil sehr werthvollen Rest versparen wir uns für die nächste Nummer.



Bemutterungstrieb einer Katze. Die „Gartenlaube“ hat im vorigen Jahrgange (S. 665) eine „Katze als Entenmutter“ in Wort und Bild dargestellt. Gegen die Glaubwürdigkeit dieser reizenden Thiergeschichte haben sich damals mehrere Stimmen auch aus naturwissenschaftlichen Kreisen erhoben. Ihnen allen hat dieselbe Katze, die im Hause (der Ebenrettersmühle bei Hildburghausen) „Lies“ gerufen wird, im Mai und Juni dieses Jahres Gelegenheit geboten, den an ihr wahrgenommenen außerordentlichen Bemutterungstrieb auf’s Neue zu bewundern.

[819] Wenn im vorigen Jahre die Pflegelust der „Lies“ sich auf junge Enten warf, so konnte man dies dem Umstande zuschreiben, das sie kurz vorher, ehe sie die eben ausgekrochenen Entchen in dem verhüllten Korbe entdeckte, Junge geworfen hatte, die ihr sofort genommen worden waren. Daß sie in den Enten ihre Jungen wiedergefunden zu haben glaubte, ist wenigstens daraus zu schließen, daß die Schnäbel ihrer Pfleglinge nicht nach ihrem Geschmacke waren und sie dieselben durch Ziehen zu beseitigen suchte; weil aber die Thierchen dabei vor Schmerz schrieen, so ließ sie den Schaden bestehen und gewöhnte sich an ihre geschnäbelte Schaar.

Diesmal befand sich die „Lies“ im letzten Stadium der Trächtigkeit, als sie sechs eben ausgekrochene „Glickele“ (der nordfränkische Ausdruck für junge Hühner, so lange sie noch der Henne nachlaufen) in den für sie bestimmten Korb zusammentrug. Sie hatte ihre Noth, das unruhige Völkchen bei sich zu behalten, besonders als sie drei Tage später die Gesellschaft selbst durch vier Kätzchen vermehrte. Man hätte nun erwarten können, daß sie ihren Jungen alle Aufmerksamkeit allein widmen und die ungeberdigen Hühnchen vernachlässigen würde, aber fast das Gegentheil fand statt. Sie wurde nicht müde, die flüchtigen „Glickele“ immer wieder, sie vorsichtig an den Hälsen fassend, in’s Nest zu tragen, ja, sie begnügte sich nicht einmal mit dieser Belästigung, denn als ein paar Tage später von einer Henne drei Enteneier ausgebrütet worden waren, trug sie auch diese geduldigeren Jungen in ihren Korb. Endlich holte sie sogar aus einem Rothschwänzchenneste (im Baumgarten hinter der Mühle) noch ein Junges, und so war denn eine so bunte Gesellschaft in dem Korbe beisammen, wie die „Lies“ sie sich nur wünschen konnte. Ihre Liebesbezeigungen aber vertheilte sie unter alle ihre Pfleglinge in gleichem Maße; sie beleckte Hühner, Enten und Rothschwänzchen mit derselben Zärtlichkeit, wie ihre Kätzchen, obwohl sie namentlich von den Hühnern manche Unbill zu ertragen hatte. Diesen wuchs mit den Federn auch die Frechheit, sie pickten der „Lies“ oft so unverschämt auf die Nase und nach den Augen, daß diese stets erschrocken zurückfuhr. Dennoch that dies ihrer Liebe zu dem Jungvolk keinen Eintrag.

In der zweiten Woche dieses Zusammenlebens wurde die ganze Gesellschaft aus der Küche in den Garten hinterm Hause ausquartiert; sie hatte sich um zwei Personen vermindert. Das Rothschwänzchen war von der unermüdlichen „Lies“ in zwei Tagen zweimal in’s Nest gebracht worden; dann blieb es weg. Ein Entchen war erdrückt oder ertreten worden und lag todt neben dem Korbe. Die „Lies“ blickte es mit wahrhaft jammervollen Augen an und wandte und schob es mit den Pfoten hin und her, wahrscheinlich in der Erwartung, daß es wieder munter und lebendig werde. Die Hausherrin ließ es zwei Tage in der Küche liegen, um zu sehen, ob die Katze es fressen würde. Aber das geschah nicht.

Im Garten fand die Familie der „Lies“ in einem Verschlag Platz, einem tieferen Behälter, in welchem die jungen Katzen und Enten sich behaglicher Ruhe erfreuten, während die Hühner zwischen den Sparren durchschlüpfen konnten und sobald wie möglich wieder davonliefen. Jetzt zeigte die Alte, mit welcher Ueberlegung sie zu handeln vermag; sie fing die Hühnchen alle wieder ein, trug sie aber in die Küche zurück, wo das Entfliehen derselben nicht so leicht gewesen war, als sie aber hier von der Hausherrin deshalb ausgezankt wurde, schleppte sie die ganze unruhige Gesellschaft in’s Wohnhaus und versteckte sie unter die Treppe, und als man, um ihr auch dies zu wehren, die hintere Hausthür verschloß, trug sie ihre Lieblinge um Hof und Garten herum zur vorderen Hausthür hinein und brachte einige derselben bis zwei Treppen hoch in Sicherheit.

Diese mühevolle Bemutterung hatte erst ein Ende, als die Hühnchen zu groß zum Tragen waren; von dem unablässigen Herumschleppen waren sie ohnedies an den Hälsen ganz nackt geworden. Eines derselben wollte seinen Milchbrüdern, den Enten, in’s Wasser folgen und ertrank. Die Milchbrüderschaft der Enten, Hühner und Katzen ist übrigens wörtlich zu nehmen und hat sich noch lange erhalten. Wenn bisher am Morgen und Abend die große Milchschüssel für die Katze und ihre Jungen gebracht wurde, nahmen auch Enten und Hühner im Gefühl der Vollberechtigung wie am elterlichen Familientisch an der Mahlzeit Theil. Dies war auch später noch der Fall. Obwohl den Tag über Katzen, Enten und Hühner jedes nach seiner Weise lebten und Nachts getrennt waren, hielten sie doch immer noch geschwisterlich zusammen und eilten, sobald die Dienstmagd mit der Milchschüssel in der Hand „Miez, Miez!“ rief, von allen Seiten herbei. Gerade die Hühner waren jeden Morgen die Eiligsten, um in’s Haus zu ihrer alten Katze zu kommen, und wie oft hatte die „Lies“ ganz verdutzt aufgeschaut, wenn die Hühnchen statt zu miauen, ihr Kickerie! schrieen, und die Enten ihr Quäkquäk! Wenn die „Lies“ satt war und davon ging, ist’s sogar geschehen, daß auch Mäuse herbeischlichen und sich’s zwischen den Enten und Hühnern ganz friedlich wohl sein ließen. Der Dachshund Waldmann spielte abermals dieselbe Rolle wie bei der „Katze als Entenmutter“. Er, der zu anderen Zeiten mit seiner „Lies“ aus einem Napfe fraß, durfte der Milchschüssel sich nur bis auf gewisse Entfernung nahen und zusehen; die Schlappzunge mit in dies Labsal zu stecken, war ihm, trotz aller alter Freundschaft, nicht gestattet worden.

H.



Volksthümliche Schriften. Ueber den vergiftenden Einfluß der schlechten Colportage-Romane, die fort und fort von gewissenlosen Literatur-Speculanten mit ebenso eifriger wie unverschämter Hartnäckigkeit fabricirt und verbreitet werden, ist in der letzten Zeit wiederum viel geklagt worden. Nachgerade weiß man auch, daß dieser in der That äußerst scandalöse Vertrieb nicht blos auf die Lesegier eines schon rettungslos entarteten und verwilderten Geschmackes berechnet ist, sondern fast mehr noch auf den schwankenden Geschmack und die schwache Urtheilskraft jener Unwissenden und Rathlosen, denen Besseres genehmer wäre, wenn es ihnen nur ebenso bequem und wohlfeil geboten würde. Faßt man das Uebel von diesem Gesichtspunkte auf, so wird man jedem Unternehmen eine freudige Beachtung widmen müssen, das auf dem betreffenden Gebiete eine Besserung anbahnen möchte. Solch ein Unternehmen ist seit September dieses Jahres von der jungen Verlagsfirma E. Kempe in Leipzig unter dem Titel „Erzählungen des deutschen Hausfreundes“ begründet und eröffnet worden. Herr Kempe will sich dabei in die Reihe der Bestrebungen stellen, welche der Literatur der Trivialität und des Schmutzes, wie den socialistischen Brand- und Hetzschriften gegenüber eine Hebung des Vorschriftenwesens in sittlich-patriotischem Geiste herbeiführen und durch Gutes das Verwerfliche hinwegdrängen wollen. Es möge deshalb der verständige und warm geschriebene, durch alle Buchhandlungen jedenfalls gratis zu beziehende Prospect, in welchem der genannte Verleger seine Absicht ausführlich darlegt, hiermit der Beachtung aller Volksfreunde empfohlen sein.

Ueber das Thema selbst lassen sich freilich ganze Capitel schreiben, und wit unsererseits bestreiten unter Anderem von vornherein, daß der bezeichnete Zweck allein durch das novellistische Genre erreicht werden kann, ja wir behaupten, daß dieses Mittel, wenn es einseitig und ausschließlich angewendet werden sollte, eine geisterschlaffende und deshalb geradezu verderbliche Wirkung üben muß. Nur als eine Beisteuer zu anderweitigen tiefer greifendem Wirken – wie es z. B. rüstig und tüchtig in den vielfach vortrefflichen Leistungen des Nordwestdeutschen Volksschriftenvereins in Bremen sich kund giebt - würden wir daher die nette Kempe’sche Unternehmung gelten lassen, falls ihr Fortgang den angeregten Erwartungen entspräche. Von diesen „Erzählungen des deutschen Hausfreundes“, die neben Altbewährtem auch neu für den Zweck Geschaffenes bringen werden, soll in jedem Monat ein Bändchen mit abgeschlossenem Inhalte zum Preise von dreißig Pfennigen abgegeben werden. Drei solcher Bändchen sind bereits erschienen, von denen das erste Hebel’s unvergleichliches „Schatzkästlein“, das zweite Zschokke’s „Meister Jordan“ und das dritte „Stumme Liebe“ von Musäus und Schiller’s „Verbrecher aus verlorner Ehre“ enthält. Ueber das Angemessene der Auswahl wird sich erst beim Vorliegen einer ganzen Reihe ein sicheres Urtheil fällen lassen. Das Aeußere der kleinen Bücher zeigt nicht die schimmernde Eleganz heutiger Ausstattungen. Möge man sich aber durch ihr einfaches und solides Gewand nicht abhalten lassen, sie als Festgeschenke für Alt und Jung aus dem Volke zu verwenden!

Fr.



Novellen von Hieronymus Lorm. Die realiatische Richtung unserer Zeit drängt auch in der Romanliteratur auf realen Inhalt: ist dieser vorhanden, so läßt sich das lesende Publicum sogar das Fehlen einer „Tendenz“, die mit der Zeit gleichfalls ein Erforderniß des modernen Lesers geworden ist, gefallen. Der gewaltige Erfolg, den Freytag’s „Ahnen“, Scheffel’s „Ekkehard“, und Eber’s ägyptische Romane errungen, beweist zur Genüge, daß unser heutiges Publicum eine reiche Empfänglichkeit besitzt für materiell-gewaltige, poetisch-großartige Gestaltungen.

Aber auch jener schöne uralte deutsche Gemüthsdrang, der sich mit einem Erzähler so verständnißreich und liebevoll einspinnt, ist im Wesentlichen nicht ganz verloren gegangen. Um aber auf diesen nationalen Charakterzug mit Erfolg zu wirken, kommt es neben einer heute freilich selten gewordenen geistigen Begabung dafür nur noch darauf an, der Form einige Concessionen zu machen. Diese bestehen hauptsächlich in der Anwendung des Modernen und Pikanten bei strenger Vermeidung des mit diesen Begriffen so leicht sich verbindenden Flachen und Vergänglichen.

Der fast einzige Vertreter dieser letzteren Richtung unserer heutigen Roman- und Novellenliteratur ist Hieronymus Lorm, dessen ergreifende Lebensschicksale die „Gartenlaube“ (Nr. 35 des Jahrgangs 1877) schon erzählt hat. Den diesjährigen Bücher-Weihnachtstisch werden zwei Novellen-Sammlungen Lorm’s, „Am Kamin“ und „Intimes Leben“ (Hamburg, J. F. Richter) schmücken und damit ihr zweites Geburtsfest feierlich begehen, nachdem sie vor schier zwanzig Jahren zum ersten Male das Licht der Welt erblickt hatten.

Schon bei ihrem ersten Erscheinen hat man diesen Erzählungen Lorm’s nachgerühmt; daß sie Tiefe mit Klarheit vereinigen und einem See gleichen, der bis auf den Gruntd schauen läßt und Gestein und Pflanzen, die niemals auf der Oberfläche vorkommen, so nahe legt, als ob sie nur zu greifen wären. Trotz des gänzlichen Fehlens alles Zweideutigen stehen jene Erzählungen doch inmitten des modernen Gesellschaftslebens, mit psychologischer Feinheit all den Gängen und Irrgänge des modernen Strebens, Fühlens und Denkens nachschreitend. Diese Eigenschaften machen Lorm’s Novellen und Romane zu einem Familienbuche in des Wortes edelster Bedeutung. Zwanzig Jahre freilich haben jene Bücher gebraucht, um es zu einer zweiten Auflage zu bringen, und das gereicht dem gebildeten deutschen Publicum wahrlich nicht zur Ehre.



Noch einmal „An der Schwelle des Winters“. Die Nr. 45 der „Gartenlaube“ bringt unter „Blätter und Blüthen“ eine nur zu sehr berechtigte Mahnung, welcher wir noch Einiges hinzufügen möchten. Der Verfasser des Mahnrufs „An der Schwelle des Winters“ erinnert daran, daß gerade unter der ärmeren Bevölkerung von Stadt und Land die Unsitte verbreitet ist, den Hals zur Unzeit mit dicken Shawls und Tüchern zu umhüllen. Weit entfernt davon, mit einzustimmen in den Chor derer, welche die Schule für alle kleine und große Gebrechen der Menschheit verantwortlich machen, können wir nach Lage der Verhältnisse doch nicht umhin, der Schule einen nicht geringen Theil der Schuld an der Verweichlichung des Volkes in dieser Beziehung beizumessen. Das Sprüchwort: „Jung gewohnt, alt gethan,“ findet hier seine volle Anwendung. Das, was die Eltern aus Unwissenheit oder aus falscher Liebe zu ihren Kindern zu verderben drohen, muß die Schule mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln bestrebt sein, zum Guten zu wenden.

[820] Verfolgen wir ein Kind auf dem Wege zur Schule, der in manchen Gegenden unseres Vaterlandes bis vier Kilometer lang ist! Der Körper ist so viel als möglich gegen die Unbilden der rauhen Witterung geschützt, und namentlich ist bei den Knaben der Hals nicht eben am schlechtesten fortgekommen. So eingehüllt sitzt alsdann das Kind in der warmen Schulstube, deren Temperatur sich in Folge der starken Ausdünstungen mit jeder Minute steigert. In den von feuchter Wärme durchtränkten Kleidern oft schwitzend, verläßt das Kind dann Abends die Schule, um bei Frost bis zu 18 und 20 Grad den weiten Heimweg anzutreten. Die Folgen bleiben natürlich nicht aus. Man trete nur in eine Dorfschule zur Zeit der rauhen Witterung, und man wird nur zu häufig finden, daß sämmtliche Schüler mehr oder weniger den Husten haben, sodaß der Lehrer oft sein eigenes Wort kaum verstehen kann.

Sind die Verhältnisse auf dem platten Lande auch vielfach noch so trauriger Art, daß den Kindern Ueberziehkleider fehlen, so kann ein Lehrer, der nicht blos auf die Entwickelung des Geistes seiner Schüler ein wachsames Auge hat, sondern auch der Pflege des Körpers derselben eine nicht geringe Aufmerksamkeit schenkt, doch zur Erzielung einer Art von Ueberzeugung sehr viel thun.

Vor allen Dingen sind beim Eintritt in die erwärmte Schule die dicken Halstücher der Knaben zu entfernen, ferner die Röcke sofort zu öffnen; ganz schlimm ist’s, wenn in einer Schule noch geduldet wird, daß die Mädchen mit Kopftüchern ummummt dasitzen. Daß durch consequentes Achtgeben auf solche Uebelstände nicht allein den häufigen Erkältungen etc., sondern auch der leider so häufig sich findenden Unsauberkeit entgegengearbeitet wird, muß Jeder bemerkt haben, dem der Unterschied im Aussehen der Leibwäsche von damals, als zum ersten Male die so liebgewordenen, Alles so schön bedeckenden Tücher abgebunden wurden, und der in der Folge sich zeigenden aufgefallen ist.

Auf eine Unsitte wollen wir noch hinweisen, weil sie auch in das beregte Feld eingreift, nämlich daß in den Häusern der ärmeren Volksclassen die Knaben vielfach die Mützen auf den Köpfen haben. Freilich: Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen – und andrerseits: Jung gewöhnt, alt gethan.

E. K.



Lust und Leid im Liede. Neuere deutsche Lyrik, ausgewählt von Hedwig Dohm und F. Brunold (Leipzig und Berlin, R. F. Albrecht). Einem vom Publicum empfundenen literarischen Bedürfnisse kommt das Erscheinen eines neuen Sammelwerkes zeitgenössischer Lyrik nicht entgegen; denn Niemand wird behaupten, daß der deutsche Büchermarkt der Gegenwart arm sei an guten lyrischen Anthologien. Aber die poetischen Producenten, gleichviel ob „Könige“ oder „Kärrner“, ob schöpferische oder blos sammelnde Talente, haben dem Publicum gegenüber nicht nur mit inneren Bedürfnissen, sie haben auch mit äußeren Gewohnheiten zu rechnen, die befriedigt sein wollen. Zu solchen Gewohnheiten der deutschen Leserwelt gehört auch das mit jedem Weihnachtsfeste wiederkehrende Verlangen nach neuen Blumenlesen aus dem Garten der deutschen Dichtung, und da ist es bei dem reichen Stoffe des bereits früher in Chrestomathien und Albums Gebotenen und dem spärlichen Nachwuchse an bedeutenderen lyrischen Erzeugnissen vorwiegend eine Aufgabe des Geschmacks, die hier zu lösen ist: nicht das stofflich neu Gebotene ist es, was hier entscheidet, der Herausgeber ist vielmehr darauf angewiesen, durch feinsinnige Auswahl, durch eine tactvolle Gruppirung und Anordnung dem Guten ein Besseres an die Seite zu stellen und so in den engen Grenzen eines Sammelwerkes annähernd ein Bild der lyrischen Production der Gegenwart und der einzelnen Dichtercharaktere zu entwerfen.

Dieser Aufgabe nun wird die oben genannte Anthologie mit Glück und Geschick gerecht; in Beherzigung des Goethe’schen Worte: „Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen“ beschränkt sie sich nicht, wie vor ihr so viele ähnliche Albums, auf das tagesübliche sangbare sentimentale Lied, sie gewährt auch der Ballade und Romanze, dem pathetischen Gedichte und der Spruchpoesie Eingang in ihre Pforten, und wenn sie in rühmlicher Abweichung von den meisten ihrer Vorgänger nicht nur neue Blätter zum Lorbeerkranze eines Geibel, eines Bodenstedt und anderer mit Recht gefeierter Koryphäen des deutschen Parnasses der Gegenwart sammelt, sondern mit besonderer Vorliebe für die besseren Kräfte unter den jüngeren lyrischen Talenten die Aufmerksamkeit der Leser in Anspruch nimmt, so ist dies nicht nur ein Act der Gerechtigkeit, sondern auch eines richtigen literarischen Zweckmäßigkeitsgefühls; denn ohne Anregung der jungen Talente würde das Bedürfniß nach frischem Blut in dem einen ewigen Stoffwechsel unterworfenen Organismus der Dichtung des Tages kaum befriedigt werden.

Das Buch ist sauber und geschmackvoll ausgestattet, und die acht demselben eingefügten Lichtdruckportraits nebst einer Anzahl kleinerer Bildnisse älterer und neuerer Lyriker verdienen als künstlerische Leistungen alles Lob; unklar sind uns freilich hier und da die Motive geblieben, welche bei der Auswahl der Portraits, soweit es sich um die Lichtdruckbilder handelt, leitend waren; allein der glückliche Wurf des Ganzen mag mit solchen Unklarheiten im Einzelnen versöhnen. Ein „Glück auf!“ diesem „Lust und Leid im Liede“ auf den Weg ins deutsche Lesepublicum!

B. E.



„Um Sunnawend’“ ist der Titel einer Sammlung neuer Gedichte in oberbaierischer Mundart von Karl Stieler. Unter den süddeutschen Dialektdichtern ist Stieler in kurzer Zeit einer der beliebtesten geworden, wie wir unseren Lesern früher schon dargelegt haben. Das neue Buch Stieler’s reiht sich den früheren Werken des Dichters nicht nur würdig an, sondern offenbart sogar einen Fortschritt, den wir mit Freude begrüßen. Alle hier gebotenen Gedichte und Lieder sind mit photographischer Treue copirte Bilder aus dem Volksleben im Hochgebirge; während in den früheren Sammlungen aber der Lust an Schelmereien und dem übersprudelnden Volkswitz am eifrigsten gehuldigt wurde, treten in der neuen Sammlung auch die Nachtseiten im Leben des Volkes uns entgegen. Der Dichter stellt sie unter der Aufschrift: „Auf der scharfen Seiten“ zusammen. Mit derselben Sprache, die für den Reimtanz der Schnaderhüpfel wie geschaffen erscheint, erzählt er uns Erlebnisse aus den Kreisen der Familie und aus den Schicksalen Einzelner, die das Gebiet der Genremalerei hinter sich lassen und sich bis zu Geschichtsbildern erheben. Das Gedicht: „An Anfrag“, aus dem Kriege von 1870, und das „Hoch drob’n am Berg“, welches den Eindruck schildert, den die Kunde vom Mordanfall auf den deutschen Kaiser bei den Holzknechten des Gebirgs erregte, sind Cabinetsstücke dieser Abtheilung. Ihnen folgen nun in buntem Wechsel die Liedchen: „Von die kloane Leut’“, die das lustreiche Leben bei und mit den Kindern darstellen, dann „Die Politikaner“, das „Umanander-Doctern“ und „Von die G’strenga“ – reich an neuen und alten Anekdoten über politische Kannegießer, Aerzte und Beamte –: in immer frisch strömendes Fahrwasser locken uns die Gedichte „Aus die boarischen Wirthshäusl“ und die „Ehhalten-Stroach“ (Dienstboten-Streiche). Auch „Bei die Viecher“ finden wir den neckischen und sinnigen Geist der Gebirgsmenschen wieder. Daran reiht sich die weitschichtige Rubrik: „Unter viel Leut’ giebt’s allerhand“, und ein Schwarm von „Schnadahüpfln“ macht den Beschluß des Büchleins. Es wird ja wohl schon mit dieser Inhaltsangabe Lesern, denen die im Ganzen recht verständlich behandelte Mundart nicht zu fremd ist, genugsam empfohlen sein.

Fr. Hfm.


Nachträgliches. In Nr. 29 d. J. ist in der Unterschrift des Bildes „Der Hünische Hof in Salzungen. Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von H. Heubner“, nicht angegeben worden, daß jene Photographie von einem Bilde abgenommen ist, welches Herr O. von Alvensleben gemalt hat. Der Namenszug desselben ist auf jener im Wege des Buchhandels käuflichen Photographie deutlich zu lesen.



Kleiner Briefkasten.

An viele Reuter-Freunde. Die Herausgabe des literarischen Nachlasses Fritz Reuter’s ist noch nicht abgeschlossen. In zwei Ergänzungsbänden zu der Hinstorf’schen Volksausgabe der Schriften Fritz Reuter’s werden nun auch die von ihm verfaßten Lustspiele und Polterabendgedichte – „Julklapp“ – (bei E. A. Koch in Leipzig) erscheinen. Diese kleinen Schöpfungen fehlten bis jetzt in den „Sämmtlichen Werke“ des Dichters und werden daher der so überaus zahlreichen Menge warmer Reuter-Verehrer gewiß eine willkommene Vervollständigung seiner literarischen Hinterlassenschaft sein. Der Preis der neuen Separat-Sammlung Reuter’scher Humorblüthen ist nur auf drei Mark angesetzt; sie wird in vier Lieferungen ausgegeben, deren erste soeben versandt ist.



Als Weihnachtsgeschenk empfohlen!
Bock’s Buch. 12. Auflage complet.
Dieses schon bei seinem ersten Erscheinen allgemein warm aufgenommene, jetzt in 150,000 Exemplaren verbreitete Werk:


Das
Buch vom gesunden und kranken Menschen.
Von Professor Dr. Carl Ernst Bock.
Mit 169 feinen Abbildungen.
Zwölfte umgearbeitete und vermehrte Auflage.
Mit dem Portrait des Verfassers in Stahlstich.
Eleg. brosch. 9 Mark. Eleg. geb. 10 Mark.


hat seinen alten Ruf, als Hausschatz der Familie zu gelten, auf’s Neue bewährt und wird, in seinen Erfolgen unerreicht, auch in der zwölften Auflage als Helfer in der Noth wieder willkommen geheißen werden.
Die Verlagshandlung Ernst Keil in Leipzig.

  1. WS: In der Vorlage „entgegentreten“.
  2. Wir empfehlen bei dieser Gelegenheit die anziehende Schilderung eines Besuchs auf dem Ausgrabungsfelde, welche der vielgereiste Verfasser obigen Artikels unter dem Titel „Olympia“ herausgegeben. Auch seine „Städtebilder“, von denen der eben erschienene erste Band Rom, Paris und London behandelt, zeigen eine selten feine Beobachtungsgabe und viel Geschick in der plastischen Wiedergabe der Eindrücke.
    D. Red.
  3. Bei der nahen Berührung, in welche viele unserer Leser gelegentlich der jüngsten Weltausstellung mit der französischen Hauptstadt und ihren Bewohnern gekommen sind, dürfte der obige Artikel als eine Reminiscenz an die Tage der Ausstellung nicht unwillkommen sein.
    Die Redaction.