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Titel: Katze als Entenmutter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 665–666
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[665]
Katze als Entenmutter.

Das liebliche Naturwunder, das wir in unserem heutigen Bilde mittheilen, hat sich in der Ebenrettersmühle bei Hildburgshausen zugetragen und ist von vielen Personen mit Wohlgefallen beobachtet worden. Wir erzählen diesem neue Stückchen Naturgeschichte nach Briefen, denen wir ziemlich wörtlich folgen.

Die Gartenlaube (1877) b 665.jpg

Katze als Entenmutter.
Originalzeichnung von Friedrich Specht.

Eine Henne brütete Enteneier aus. Man nahm die ausgebrüteten kleinen Enten nach und nach hinweg, damit die Henne den übrigen Eiern besser aufsitzen könne, legte sie in einen Korb, bedeckte sie mit einem Tuche und stellte sie in die Kochstube unter den großen Herd. Hier verkehren in Eintracht die Dachshündin Waldmann und drei Katzen. Zwei von den letzteren kamen so jung in diese Gesellschaft, daß sie an den Zitzen Waldmann’s noch saugen wollten, und die gutmüthige Hündin legte sich auch dazu zurecht und hielt still, bis sie die Krallen der Katzen sah und spürte und das Mutterspielen aufgab. Die dritte Katze, die Liese, hat einen selbstständigen Charakter, achtet zwar den Frieden, läßt sich aber nichts gefallen. Sie ist die Heldin unserer Geschichte.

Der kleinen Enten wegen entfernte man die Katzen aus der Kochstube. Aber Liese huschte, sobald die Thür wieder aufging, hinein und unter den Herd, setzte sich neben den Korb, horchte mit gerade in die Höhe stehendem, also gespanntem Ohre auf die Stimmen unter dem Tuche und stellte sich, als sich’s gar drunter regte, wie zum Mausfange bereit. Da hob die Hausherrin, immer die Hand zum Schlage auf die Katze bereit, das Tuch vom Korbe und ließ ein Entchen um das andere herauswatscheln. Liese beroch sie, fing an sie zu belecken und ließ sich geduldig die Beschnäbelung [666] ihres Gesichtes durch die unbeholfenen kleinen Dinger gefallen. Als aber gar die Enten sich zwischen ihre Vorderbeine hineindrängten, als ob sie „unterkriechen“ wollten, siehe, da legte Liese sich auf die Seite, hob das hintere Bein in die Höhe und drehte sich nach und nach so auf den Rücken, daß alle elf Enten an und auf ihr Platz fanden und als ein Häufchen da hockten und ihre Schnäbel in den Pelz der Katze steckten, welche die freie Vorderpfote sanft über sie legte.

So lag die malerische Gruppe da und hielt Schlummerruhe, bis das Jungvolk wieder erwachte und nach Wasser und Futter suchte. In diesem Augenblicke kam Waldmann herbei, offenbar im Gefühle des Hauswächters, der nachzusehen habe, was hier vorgehe. Mit feurigen Blicken verfolgte Liese jede Bewegung des Hundes, und als er sich unterstand. eine der Enten zu beriechen, schoß sie in voller Wuth auf ihn los und ohrfeigte ihn dermaßen, daß er heulend davonlief.

Am Abend wurden die Enten in den Korb gesteckt und die Katze entfernt; sie hielt die ganze Nacht vor der Thür Wacht und war am Morgen sofort, als die Thür geöffnet wurde, wieder bei ihren Pfleglingen und leckte alle nach der Reihe mit größter Zärtlichkeit. Und doch schien ihr heute an den Thierchen Manches nicht zu passen: die Schnäbel und die breiten Schwimmfüße waren ihr nicht recht. Wirklich machte Liese den Versuch, diese sie störendem Auswüchse zu beseitigen. Sie faßte dieselbe mit den Zähne und zog sanft daran, aber sobald das Gepackte schrie, ließ sie es los und miaute in beruhigender Weise. Endlich ließ sie bestehen, was nicht mehr zu ändern war. Desto großer wurde ihr Pflegeeifer. Fiel eines der kleinen Geschöpfe auf den Rücken, so brachte sie es geschickt mit den Pfote in die Höhe, faßte es dann am Halse und trug es vorsichtig in den Korb unter dem Herde. Dadurch hatte sie sich so viel Vertrauen erworben, daß man sie im Korbe mit schlafen ließ.

Am fünften Tage dieses gemüthlichen Zusammenlebens sollte die Henne, von ihrem Ausbrütegeschäft befreit, bei den Enten in ihre Mutterrechte eintreten. Man entfernte die Katze, setzte die Enten in einen viereckige Behälter im Garten und ließ die Henne zu ihnen. Sie eilte mit denn freudigsten Lauten zu ihrer Schaar, gluckste und lockte, – aber vergeblich! Die Enten fürchteten sich anfangs vor ihr und schienen erst nach und nach zutraulicher zu werden. Als man aber gegen Mittag wieder nach der Gesellschaft sah, lag Liese, die kläglich miauend nach ihren Lieblingen herumgesucht hatte, mit ihnen in einer Ecke des Gartens, und die Henne saß ganz allein in einer andere Ecke.

Um diese mit ihrer Brut allein zusammen zu bringen und letztere an sie zu gewöhnen, brachte man sie in die Schneidemühle jenseits des Mühlgrabens. Liese, welche nachlief, wurde zurückgejagt. Da erhob sie aber ein so klägliches Jammergeschrei, daß die Hausherrin ihr doch die Thür öffnete. Die schlimme Folge davon zeigte sich freilich am andern Morgen. An den herumliegenden Federn sah man, daß Katze und Henne gekämpft hatten; die Enten waren auseinander gestoben und eine derselben fehlte. Natürlich kam Liese in den schlimmsten Verdacht und wurde sofort hinausgeprügelt. Bald aber mußte man ihr Abbitte thun, denn nach kurzer Zeit hatte sie die fehlende kleine Ente gefunden, trug sie im Maule die Treppe herauf und setzte sie in der Kochstube nieder.

Noch am neunten Tage war es der Henne nicht gelungen, die Zuneigung ihrer Brutkinder zu gewinnen. Wenn man Liese von ihnen getrennt hatte, so hockten sie alle an der inneren Seite der Thür, so lange bis die Katze vor derselben miaute. Endlich entdeckte Liese zwischen Thür und Schwelle einen Spalt von ein paar Zoll Weite. Durch diesen lockte sie die ganze Schaar heraus, um sie über den Steg in’s Haus herüber zu führen. Die Treppe herunter kollernd fielen drei davon in’s Wasser. In diesem Augenblicke zeigte Liese wahrhaft menschliche Ueberlegung. Sie sprang nicht gleich den Dreien nach, die anderen ihrem Schicksale überlassend, sondern sie brachte erst die acht kleinen Enten in Sicherheit und lief dann den dreien zu Hülfe. Schreiend rannte sie am Ufer hin und her, bis die Enten zu ihr hinruderten und sich, eines um das andere, von ihr forttragen ließen.

Die Zeit änderte und endete auch dieses seltsame Verhältniß. Thatsache ist’s, daß Liese die Henne nie mehr in die Nähe ließ und oft den ganzen Trupp der Hühner sammt dem Hahne davonjagte, wenn sie das Futter ihrer Pfleglinge benaschen wollten. Ein köstlicher Anblick war es, wenn sie mit ihrer Schaar durch den Garten zog und an schmutzige Stellen gerieth, wo es den Enten am besten gefiel. Welche Mühe mit Zunge und Pfote gab sich das reinliche Thier, um sie zu säubern! Und folgten sie gar ihrem Triebe in’s Wasser des Mühlbachs, so lief sie, ängstlich schreiend, am Ufer hin und her und lief ein kleines Stück hinein, um die jungen Thiere heraus zu ziehen. Bis sie halbwüchsig wurden, ließen sie sich auch ihr absonderliches Spiel mit ihnen gefallen, denn Liese nahm sie wie Bälle in die Pfote und kollerte sie herum. Dann aber sperrten sie schon die Schnäbel gegen sie auf und zischten sie an, wenn Liese dieses Spiel mit ihnen treiben wollte.

Jetzt sind aus den Entchen große, prachtvolle Enten geworden, und das ist ohne Frage hauptsächlich Liese’s Verdienst, welche sie gegen jeden Feind und jede Unbill gewissenhaft und tapfer beschützt hat. Ganz kann sie noch heute diese schöne Zeit ihrer Muttersorgen nicht vergessen, denn noch heute sucht sie mit Vorliebe ihre Ruhestätte auf dem Entenstall auf.