Textdaten
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Autor: Hermann von Schmid
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Titel: Aufg’setzt.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 437–440
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Fortsetzungsroman in 8 Teilen // Heft 27–34
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[437]
Aufg’setzt.[1]
Eine baierische Bauerngeschichte.
Von Herman von Schmid.
Nachdruck und Dramatisirung verboten,
Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Es war gerade vor dreißig Jahren.

Die ältesten Leute wußten sich nicht zu erinnern, daß der Frühling so bald und so schön in’s Land gekommen war, und nicht blos draußen in Wald und Feld, um die Menschen und ihre Wohnungen herum hatte er den starren Bann des Winters gebrochen – auch in den Herzen der Menschen hatte sein milder Hauch einen unerwarteten Frühling geweckt. Auch hier war das Eis jahrhundertlanger Beschränkungen geborsten und ein belebender Hauch der Freiheit ging durch die Lande. Jauchzend, gleich dem entziehenden Vogel, schwebte das entfesselte Wort, schwebte der nicht mehr geknechtete Gedanke dahin; ungehindert fanden sich als Genossen zusammen Alle, die gleiche Gesinnung oder gleiche Absicht verband; ohne Schranken wagte es in den Städten der Bürger, seine ganze Kraft und Fähigkeit zu bewähren; dem Landmann war die Last alter Zeiten vom Nacken genommen und aufgerichtet durfte er Pflug und Sichel führen, denn der Ertrag seines Feldes und Fleißes sollte von nun an ihm gehören. Und triumphirend leuchtete über Allem das Morgenroth einer neuen Hoffnung; sie senkte einen Lichtstrahl in die Gemüther, der die wärmeren Naturen begeisterte und selbst die kühleren erwärmte – den lichten Morgenstrahl des deutschen Gedankens.

Wohl verdunkelte der Morgen sich wieder, und lange düstere Tage zogen herauf, ehe die Sonne der Erfüllung emporstieg, aber die Natur, die allzeit getreue, hatte sich auch damals bewährt, und was der Frühling jenes herrlichen Jahres versprochen, der Sommer hatte es reichlich erfüllt. Die Blüthen, deren Reichthum das Land zu einem Garten gemacht, waren lange verflogen, aber jede hatte ihren Fruchtknoten zurückgelassen; in den hohen Kronen der Kirschbäume wurde das Blattgrün beinahe von rothen und schwarzen Glanzkorallen verdrängt; die Aeste der Aepfel- und Birnstämme senkten sich überall wie ermüdet und der Stütze gewärtig, in der Flur aber, wo das reifende Getreide bereits in dunklerer Färbung durch einander wogte, hoben sich in den üppigen Wiesen die glänzenden Halme schon der zweiten Mahd entgegen.

Ueber dem reichen, reizenden Gelände wölbte sich der tiefe sommerblaue Juli-Himmel so rein, als wolle er wetteifern mit der Schönheit unter ihm, und die Sonne stand fest im hohen Mittag, wie ein flammendes Auge, das mit Wohlgefallen auf dem Segen verweilt, den es geschaffen; dennoch war die Hitze nicht übergroß, denn aus dem nahen Berg-Einschnitt, durch welchen der Luftstrom das ebene Land betritt, blies der kühle Erlwind wie spielend und doch so kräftig hervor, daß Niemand sich vor der Hitze flüchtete und eine große Anzahl von Landleuten, in allerlei Abtheilungen bunt durch einander geschaart, vor dem stattlichen Wirthshause zu Flintsbach beisammen stand. Die Einen hatten sich’s auf den Bänken vor dem Hause bequem gemacht. Andere standen auf der Straße und füllten die Kegelbahn oder hatten sich längs des Gartenzauns auf den Grasrain niedergelassen. Alle aber waren beschäftigt, Hunger und Durst zu stillen, als wenn sie sich für eine längere Entbehrung vorbereiten und den Beginn irgend einer besonderen Festlichkeit abwarten wollten.

So war es auch in der That.

Das Wirthshaus machte mit seinen hohen gemauerten Stockwerken, den starken, aber zierlich gebogenen Eisenkörben vor den Fenstern und den alterthümlichen Wandmalereien zwischen denselben einen fast städtischen Eindruck; ihm gegenüber, jenseits der breiten Straße, stand ein langgestrecktes, nicht sehr hohes Gebäude, das nach seinen Verhältnissen wohl für eine Scheune gehalten werden konnte, hätten nicht die an den Wänden angebrachten Kränze und Gewinde aus Tannenzweigen, die bunten Papier- und Bandstreifen erkennen lassen, daß es mindestens für heute zu einem festlicheren Zwecke bestimmt war. Das Hauptthor war zu beiden Seiten mit hellgrünen weißstämmigen Birkenwipfeln gezierte eine Tafel zwischen denselben rief den erwarteten Gästen mit rothen Buchstaben auf weißem Grunde ein nicht zu übersehendes „Willkommen“ entgegen; rings herum waren weißblaue Fähnlein in wehendem Kreise ausgestellt, und hoch über dem Ganzen, an mächtiger Stange, flatterte ein ansehnliches schwarz-roth-goldenes Banner.

Der Anblick des Platzes wie der auf ihm durch einander wogenden und summenden Versammlung war ein ungemein freundlicher und farbenreicher; gab es doch in den Trachten eine Menge wechselnder Erscheinungen, denn unter den niedrigen ausgebürsteten Hüten und den Langröcken der Bewohner des Ortes und der umliegenden Dörfer machten sich auch die breitkrämpigen bebänderten Hüte und Joppen aus den nahen tirolischen Innthälern, sowie aus den kaiserlichen Ortschaften jenseits des Stromes bemerkbar. Und noch immer wollte der Zufluß kein Ende nehmen; noch immer kamen neue Schaaren, und in kurzen Zwischenräumen rollte [438] allerlei Gefährt heran und hatte allmählich eine kleine, schwer zu entwirrende Wagenburg gebildet – leichte Schweizerwägelchen, die einem Wirth oder Müller der Umgegend angehörten, schwerere, altväterliche Landkaleschen, aus denen ein paar geistliche Herren gestiegen kamen, bekränzte Leiterwagen, auf denen die fröhliche Jugend einer entfernteren Hofmark zusammengepfercht war.

Es war kaum durchzukommen: das fühlte auch eine kleine Gesellschaft von Fußwanderern, welche bestaubt, mit von Hitze und Anstrengung gerötheten Gesichtern und dem Anscheine nach auch ziemlich ermüdet die Landstraße daher kam und mit zusammengerafften Kräften dem Wirthshause als dem Hafen ersehnter Rast und Erquickung zustrebte. Glücklicher Weise waren damals die Straßen noch nicht wie jetzt mit Vergnügungswanderern und Sommerfrischlern besetzt. Das Erscheinen derselben war gewissermaßen noch eine Seltenheit. Die Neugier der Herumstehenden war daher nicht ungern bereit, dem freundlichen Wunsche der Wanderer um freie Bahn stattzugeben und eine kleine Gasse zu bilden, um so mehr als dieselben durch ihr ganzes Auftreten einen feinen, unverkennbar städtischen Eindruck machten.

Die Gesellschaft bestand aus drei Personen, einem von Kopf bis zum Fuß in grauen Sommerstoff gekleideten älteren Herrn, der, als er den Strohhut lüftete, um sich den Schweiß abzutrocknen, eine würdige hohe Stirn und ein ernstes, aber wohlwollendes Antlitz erblicken ließ, welches mit dem kurzgeschorenen Haar, dem weißen Schnurr- und Knebelbart einem alten Soldaten oder Forstmann angehören mochte. Eine Art leichter Jagdtasche hing ihm über die Schultern; ein bequemer Schirm, der zugleich als Stütze dienen konnte, war über den Rücken gebunden. Ihm ganz ähnlich in der Erscheinung war der junge Mensch, der hinter ihm heranschritt, offenbar der Sohn und das getreue Ebenbild des Vaters, wie eben die Jugend dem Alter zu gleichen vermag; er war wie mit dem Storchenschnabel im verkleinerten Maßstabe nachgezeichnet, und es fehlte nur die Modellir- und Bossirarbeit von einigen Jahrzehnten, um die Aehnlichkeit zum Spiegelbilde zu steigern. Im Anzug waren sie dagegen völlig verschieden. Der Jüngling, der wohl zum ersten Mal den Bergen und ihren Herrlichkeiten nahe kam, war bereits vollständig für alle Mühen und Fährlichkeiten gerüstet, denen er entgegenging. Eine graue, grüngestickte Lodenjoppe hing lose um seinen Leib; die Beine steckten in massiven schwerbenagelten Bergschuhen, der Kopf in einem niederen runden Hütchen mit Edelweiß, Gemsbart und Adlerflaum – der grobe grüne Rucksack, der ihn trotz seiner Schlankheit mächtig überragende Bergstock, mit dem er sich abschleppte, vollendeten das Bild des Bergbesteigers in bester Form.

Ein Mädchen, das, wie in tiefe Gedanken verloren, in einiger Entfernung folgte, vollendete das Dreiblatt, wenn man nicht etwa noch den schneeweißen Spitzhund von der echten, jetzt gleich den Steinböcken ausgestorbenen Art dazu rechnen will, der, von dem Gedränge und Stimmengewirr aufgeregt, bellend und wedelnd von dem einen der Reisenden zu dem anderen sprang, als wolle er sich Raths erholen, ob es nicht gerathen sei, zum Angriff überzugehen.

Das Mädchen war nicht eben eine Schönheit zu nennen, aber in ihrer ganzen Art und Weise, in ihrer Haltung, selbst im Gange gab sich etwas Gewinnendes und Einschmeichelndes kund, sodaß ein paar Bäuerinnen, welche bei Seite traten, um sie hindurch zu lassen einander anstießen und sich zumurmelten:

„Du, das Dirn’l schau’ an! Die ist einmal sauber.“

„Hast schon Recht,“ war die ebenfalls geflüsterte Antwort. „Nur ein bissel mehr Farb’ sollt’ sie haben; sie ist ja schier so bleich, als wenn sie keinen Tropfen Blut im Leib’ hätt’.“

Die schlichten Bäuerinnen hatten ganz richtig beobachtet. Die ungewöhnliche Blässe war es, was der ganzen Erscheinung Eintrag that und beim ersten Anblick sogar befremdete; sie lag über dem Mädchen wie ein Schleier, den eine noch nicht völlig gehobene Krankheit oder ein noch unvergessenes tiefes Seelenleid über sie gebreitet hatte. Zu letzterem Gedanken stimmten die dunklen, ebenfalls wie von Schwermuth überhauchten Augen und auch die Kleidung ließ einen Zug von Schwärmerei erkennen. Unter dem breitrandigen, mit einem Kranz lebender Feldblumen geschmückten Strohhute fiel – eine damals ungeheuerliche Erscheinung – das reiche braune Haar aufgelöst auf Brust und Nacken herunter, während das einfache Kleid in eigenthümlicher Weise gefaltet und zum Zwecke der Fußwanderung aufgeschürzt war. Was an dem Bilde noch fehlte, vollendete die über die Schultern geworfene Zeichnungsmappe mit Farbkasten und kleinem Feldsessel; wie der Bruder die Ergebnisse seiner Bergwanderungen im der giftgrünen Botanisirbüchse, die er sich umgehängt hatte, zu sammeln gedachte, sann die künstlerische Schwester darauf, ihre Zeichnungs- und Malstudien wohlbehalten mit in die Heimath zurückzubringen.

Aus der allgemeinen Bewegung der Menge hatte der Wirth entnommen, daß irgend besondere Gäste eingetroffen sein mußten; er trat daher den Ankömmlingen schon auf der Schwelle des Hauses entgegen – ein echtes Bild alt-patriarchalischer Gastlichkeit, in Hemdärmeln, die blendendweiße Brustschürze über der rothen Weste, die grünsammtene Schlegelhaube zum Gruße mit einer Miene schwenkend, welche keinen Zweifel darüber ließ, daß der Gast auch wirklich ein willkommener war; eine Art von Wirth, wie sie inzwischen auch ausgestorben ist, gleich den Steinböcken und den Spitzen.

„Wünsche wohlauf zu leben,“ sagte er und bot dem alten Herrn die Hand, in welche dieser sofort einschlug. „Das ist schön von Ihnen, daß Sie uns auch einmal heimsuchen. Grüß’ Gott, Alle mit einander!“

„Grüß’ Gott hinwider!“ erwiderte dieser, „es freut mich, wenn wir willkommen sind. Ich fürchtete schon, bei der großen Menschenmenge, die hier versammelt ist, würde für uns kein Plätzchen übrig und kein Bissen mehr vorhanden sein; ich sehe, auch in den beiden Zechstuben summt es wie in einem schwärmenden Bienenstock.“

„Kein Platz übrig und kein Bissen vorhanden?“ rief der Wirth. „Das könnt’ mich freuen; das giebt’s nicht beim Wirth in Flintsbach. Die Bauern sind schon einmal so – die sind immer am liebsten dabei, wenn sie in der Stuben und recht dick auf einander sitzen können: sie sind sich halt unter der ganzen Woch’ genug in der freien Luft, aber hinter’m Haus ist der Obstgarten; da ist Platz genug; da ist’s schattig und kühl und eine Aussicht, wie von einem Kirchturm. Da wird’s Ihnen gewiß gefallen – so gut, daß Sie gar nimmer fort mögen.“

„Das Bleiben wird nicht angeh’n,“ sagte der alte Herr, indem er mit Sohn und Tochter durch die breite Hausflur dem Garten zuschritt; „wir wollen heute noch Andorf erreichen und werden uns zeitig wieder auf den Weg machen müssen, wenn wir uns ein wenig erfrischt und ausgeruht haben werden.“

„Ach nein, das dürfen Sie uns nicht anthun,“ entgegnete der Wirth. „Weil Sie jetzt einmal da sind, müssen Sie schon da bleiben und unsere Festivität mit anschau’n. Morgen ist auch ein Tag und Andorf läuft Ihnen nicht davon.“

„Und was ist denn für eine Festivität, daß sich eine solche Volksmenge versammelt?“

„So? Das wissen Sie gar nicht?“ rief der verwunderte Wirth. „Und ich hab’ mir eingebildet, Sie wären eigens deswegen gekommen. Sie müssen wissen, daß bei uns von Alterszeiten her die Leut’ keine größere Freud’ und kein lieberes Vergnügen kennen, als das Komödi-Spielen. Ueberall haben sich früher die jungen Leut’ zusammen gethan und haben ein paar Mal im Jahr’ gespielt, lauter schöne und fromme Sachen, von der heiligen Afra und vom heiligen Georg mit dem Drachen, daß Alles seine Erbauung gehabt hat und sein Vergnügen und seinen Verdienst obendrein. Aber die gescheidten Herrn drinnen in München, die Alles besser wissen wollen, haben gemeint, wir thäten damit zu viel Zeit versäumen. Wir sollten lieber arbeiten, haben sie gesagt, und es wär’ auch nicht recht, wenn man so Spott treiben thät’ mit den heiligen Sachen; so haben sie das Komödi-Spielen verboten, und so haben wir nimmer spielen dürfen volle achtzehn Jahr’ …“

Der Wirth hielt inne, wie von einem Gedanken überrascht, und sah den alten Herrn bedenklich von der Seite an. „Ich weiß nicht,“ sagte er dann, „Sie sind vielleicht auch Einer von denen, die in der Stadt drinn’ sitzen und uns heraußen auf dem Land’ die Schuh anmessen wollen – aber es macht nichts; jetzt ist es ja doch vorbei mit dem Verbieten und Schuh-Anmessen. Jetzt geht ein anderer Wind; jetzt dürfen wir wieder spielen, und heut’ ist die erste Vorstellung, und drum ist die ganze Gegend auf der Fahrt und will das neue Spiel seh’n.“

[439] „Sogar ein neues Stück also? Und welchen Inhalts?“

„Die Geschicht’ von der heiligen Genoveva,“ sagte der Wirth und ließ seine Gäste über die Schwelle der Gartenthür hinaustreten. „Sie werden’s wohl kennen die Geschicht’ vom bösen Golo und vom kleinen Schmerzenreich und von der Hirschkuh.“

„Das ändert freilich die Sache,“ rief der alte Herr. „Einen solchen Genuß dürfen wir uns nicht entgehen lassen und müssen also wohl übernachten, wenn Sie uns Herberge gewähren wollen.“

„Fehlt sich nichts,“ sagte der Wirth, „bei mir sind Sie aufgehoben wie im Himmelreich. Solche Betten finden Sie in der Stadt im ersten Gasthof nicht, und meine Zimmer …“ Er wollte in der Lobeserhebung seiner Einrichtungen fortfahren, aber der junge Bergsteiger unterbrach ihn. Er hatte in der Residenz schon oft das Hoftheater besucht und war also wohl dazu geeignet, zu wissen, was Schauspiel und Bühnendichtung sei; schon bei der ersten Erwähnung hatte es ihm spöttisch um die Mundwinkel gezuckt; er konnte es nicht über sich gewinnen – er mußte mit der Frage heraus, wer denn der Dichter des neuen Dramas sei, und wer die Personen desselben, vor Allem die Genoveva darstellen würde.

„O, junger Herr, da fehlt sich nichts,“ war die Antwort des Wirthes. „Wir haben gar geschickte Leut’ im Ort’ und in der Gegend. Das Stück, das hat der Maler-Anderl von Tegerndorf gemacht; das ist ein Ausgestochener, der mehr kann, als Birn’ braten. Der ist in seiner Jugend in der Stadt gewesen als Maler auf der Akademie, der kann mit der Feder so gut umgeh’n, wie mit dem Pinsel. Und Spieler – Spieler haben wir erst; der König selber kann keine bessern haben. Den Siegfried, den Pfalzgrafen, den eifersüchtigen Mann von der Genoveva, den spielt ein Hammerschmied von Kiefersfelden, und die Genoveva selber das ist eine reiche Müllertochter aus der Gegend, gescheidt, daß sie jeden Augenblick einen Professor abgeben könnt’, und bildsauber obendrein.… Nun, hab’ ich nicht Recht?“ fuhr er fort, als man in den Garten eingetreten war. „Ist das nicht ein lieb’s Platzl und ein schön’s dazu?“

Der Wirth hatte wirklich nicht zu viel gesagt; der Garten war in der That ein Aufenthalt, den man mit Lust begrüßen mußte und wohl nur mit Leid wieder verlassen konnte. Es war ein schön gehaltener Rasenplatz, auf welchem frisches Heu, in Hädern zusammengerecht, durch verstärkten Duft sein Welken verkündete; mit Vorliebe gepflegte Obstbäume haben in angenehmen Abständen ihre blatt- und fruchtreichen Kronen empor, und in der einen Ecke stieg der Boden zu einem kleinen Hügel an, von welchem aus sich über den dichten Heckenzaun hinweg ein überraschender Ausblick auf das ganze Flußthal und die es umgrenzenden Berge aufthat. Ein mächtiger Walnußbaum breitete seinen duftigen Schatten über die Anhöhe, über den um seinen Stamm angebrachten Tisch mit Rundbänken, den bevorzugten Ruheplatz, welcher besonderen Gästen zu Ehren angeboten wurde und an welchem an gewöhnlichen Zeiten der Lehrer, der Förster und der Wirth sich mit dem Pfarrer zu einem damals noch nicht verpönten Abendtrunk und Kartenspiel zusammen zu finden pflegten. Unweit des Hügels, die Rückseite des Hauses entlang, waren ebenfalls einige Sitze angebracht, in einer entfernteren Ecke aber befand sich ein mit hohen Brettern abgegrenzter Bretterverschlag, einem Gehege ähnlich, worin irgend ein nicht ganz alltägliches Hausthier verwahrt zu werden schien.

Der angenehme Ruheplatz wurde von allen Seiten mit frohen Ausrufungen begrüßt und einhellig beschlossen, hier die Bergforellen und am Spieße gebratenen Hühner zu verzehren, welche der Wirth als in kurzer Zeit zu rüstenden Imbiß in Aussicht stellte. Das Gepäck wurde abgelegt, und während der Gymnasiast sich anschickte, an dem gelbblühenden Löwenzahne, der krausen Zaunrübe und den Brennnesseln, die am Fuße der Hecke wucherten, seine botanischen Studien zu beginnen, der Vater aber zur näheren Besichtigung der Oertlichkeiten noch einen kleinen Rundgang unternahm, hatte das schwermüthige Fräulein schon seine Mappe geöffnet und fing an mit sichtlich kundiger und gewandter Hand das sich darbietende Bild in flüchtigem Umriß festzuhalten.

Der Spitz lag ruhig im Grase; die Kühlung nach dem langen heißen Laufe schien ihm ebenso zu behagen, wie der halbabgenagte Knochen, den er unter den Halmen gefunden hatte.

Niemand gewahrte und beachtete, daß es in der Ecke, wo der lebende Zaun besonders dicht war, sich manchmal regte und raschelte, als ob irgend ein Geschöpf, etwa ein erschrockener Vogel oder ein verscheuchtes Häslein sich darin verberge. Der alte Herr, als er von seinem Ausgange zurückam, hielt bei den Tischen am Hause inne und schien mit besonderem Anteil den Gesprächen der dort sitzenden Gäste zu lauschen, welche jedenfalls zu den bevorzugten Persönlichkeiten des Ortes, den sogenannten Honoratioren, gehörten. Zwei davon waren durch die dunkelgrüne Uniform mit dem schwarzen Lederwerk und dem kurzen glanzlosen Gewehrstutzen als Grenzwächter gekennzeichnet, während dem Dritten, einem grauen schnauzbärtigen Trutzkopfe, unschwer der Waidmann anzusehen war, auch ohne das wetterharte und wetterbraune Gesicht, Jagdtasche und Büchse, die, von einem Dachshunde bewacht, neben ihm auf der Bank lagen.

Der Gegenstand ihres Gesprächs mochte den alten Herrn anziehen; nach flüchtigem Grüßen und ein paar entschuldigenden Worten nahm er auf einer Bank nebenan Platz und ersuchte den Grenzer, sich durch seine Gegenwart nicht beirren zu lassen und in der eben begonnenen Erzählung fortzufahren.

„Was ist da noch viel zu erzählen?“ entgegnete dieser, ohne viele Umstände zu machen. „Es war immer schlimm bei uns mit der Schwärzerei; die Gelegenheit ist eben gar zu verführerisch. Das österreichische Ufer, wie unser Gestad’, ist nicht viel bewohnt; der Inn ist ein wildes Wasser, das gar oft sein Bett wechselt und die Ansiedelung schwer macht. Mit Tabak, Salz und besonders der Seidenwaare schaut immer noch ein guter Gewinn heraus, und so ist die Verlockung immer noch groß genug. Seit wir nun vollends die neue Freiheit haben, ist dem Faß der Boden ausgestoßen; die Leute glauben, es sei Alles erlaubt, und thun was sie können, uns zu hintergehen und wohl gar zu foppen.“

„Sie meinen überhaupt, das Schwärzen sei nichts Unrechtes,“ schaltete, wie zur Erklärung, der Jäger ein, „sie denken, wenn etwas über’m Inn um sechs Kreuzer weniger kostet, müßte man ein Narr sein, wenn man es diesseits theurer kaufen wollte.“

„Ganz recht,“ begann der Grenzer wieder, „aber wir haben gar Viele, die wohl auch dem Gewinn nachgehen, denen es aber doch mehr um das Müßiggehn, das Streunen bei Nacht und Nebel und selbst um die Gefahr zu thun ist. Erst heute Nacht haben sie uns wieder ein Stückchen aufgeführt, das ihnen aber nur halb hinausgegangen ist. Sie wissen, daß wir Vollmond haben und daß die Nacht glöckelhell war, fast wie am Tage – wir haben daher unsere Patrouille am Ufer nur gemacht, weil es unsere Schuldigkeit ist, wir dachten aber nicht daran, daß sie wagen würden, irgend etwas zu unternehmen – dennoch sahen wir, wie es gegen Mitternacht ging, von der Rußdorfer Gegend her einen schwarzen Punkt über das Wasser herankommen und lautlos mit dem Strom treiben, damit das Geräusch des Ruderns vermieden werde. Leise schlichen wir der Stelle zu, wo das Ding landen mußte, und erkannten bald, daß es eine Waidzill’n war, daß in derselben ein Paar ansehnliche Päcke lagen und hinter denselben ein Bursche niederduckte, um nicht gesehen zu werden und doch für den Nothfall den Lauf des Schiffchens in der Hand zu haben. Wir standen athemlos – noch war es halbe Schußweite vom Ufer entfernt, und wir waren schon sicher, in einigen Augenblicken den Schmuggler sammt der Beute in Empfang zu nehmen. Da blieb ich, wie ich gebückt unter dem Gesträuch vorwärts schritt, mit dem Gewehrhahn an einem Aste hängen … der Schuß knallte durch die Nacht, und im selben Augenblicke that es auch einen Schlag in’s Wasser. … In ein paar Augenblicken konnten wir richtig den Kahn mit den Waarenpäcken an’s Gestade ziehen, aber der Schiffer war verschwunden – er war im Moment der Entdeckung in’s Wasser gesprungen und untergetaucht und muß eine Strecke unter’m Wasser fortgeschwommen sein.“

„Und Sie haben keinen Verdacht, wer der verwegene Schmuggler sein könnte?“ fragte der Fremde.

„Verdacht?“ entgegnete der Grenzer lachend. „Verdacht, so viel, daß es hinreichte, einen Heuwagen damit voll zu beladen, aber keinen Beweis. Ich wollte wohl einen Eid darauf schwören – es war kein Anderer als der, den ich meine, aber der Bursch ist mit allen Wassern gewaschen und läßt sich so leicht nicht fangen. Wie wir die Zillen an’s Ufer gebracht und die Waare etwas geborgen hatten, was doch ein halbes Stündchen dauerte, lief ich sogleich nach dem Haus desjenigen, den wir im Verdacht haben, denn wenn er nicht zu Hause war und sich nicht ausweisen konnte, wo er gewesen, hätten wir einen guten Grund gegen ihn gehabt, [440] aber wie ich an’s Haus kam, war Alles still und erst nach langem Klopfen und Poltern sah die steinalte halbblöde Großmutter des Burschen zum Fenster heraus. Ich brauchte den Vorwand, ich sei von einem plötzlichen Unwohlsein befallen worden, wofür sie mir aushelfen solle mit einem Gläschen von dem Kräuterschnaps, den sie brennt; die Alte ließ mich auch unbedenklich ein, und während ich das Gesöff hinunterwürgte, lugte ich im Zimmer herum – da lag der Hallunke ganz gemüthlich im Bett und schnarchte und ward erst wach, als die Alte Feuer anschlug. Nebenan auf dem Stuhl und unter demselben aber lagen seine Kleider und Stiefeln, beide fadentrocken und nirgends eine Spur des nächtlichen Bades.“

„Und wer ist dieser Ausbund von Kraft und Verschlagenheit?“ fragte der Fremde. „Das ist ja eine Figur, wie man sie sonst nur in den Räuber- und Schelmen-Romanen zu finden gewohnt ist; man wird beinahe neugierig, einen solchen Menschen zu sehen.“

„Das Vergnügen können Sie bald haben,“ sagte der Grenzer. „Sie dürfen nur, was Sie wohl ohnehin thun werden, in die Komödie gehen; da spielt er den bösen Golo, zu dem er auch ganz gut taugt, denn er ist sonst ein gewandter und anstelliger Bursche und hat die rothe Perrücke, die sonst die Bösewichter in der Komödie aufsetzen, schon auf die Welt mitgebracht. Er und seine Mutter haben eine einschichtige schlechte Hütte unten in der Au; sie brennt Schnaps, und er geht in die Bauernarbeit, bei der er aber nirgends lang aushält, weil er zu unbotmäßig und verwegen ist. Sie haben doch im Vorübergehen über’m Inn das Schloß und den Römerthurm von Neubeuern liegen sehen? Da geht eine fliegende Brücke über den Fluß; auf jedem Ufer ist ein hohes Balkengestell aufgerichtet und zwischen beiden ein starkes Schiffsseil gespannt, an welchem eine bewegliche Rolle mit einem Haken hin- und herläuft. Von dem Haken hängt wieder ein Seil herab, das an eine starke Plätte angemacht ist, aus der man bei Tag überfahren kann – bei Nacht ist die Plätte ausgehängt. Da können Sie nun die Verwegenheit des Schnapsbrenner-Gori sehen – so heißt man ihn, wenn er’s auch nicht gern hört. Einmal war er hinüber gegangen in’s Kaiserliche – am Abend aber war Tanzmusik bei uns – er hatte damals einen Schatz, der inzwischen gestorben ist, mit dem er aber gar zu gern getanzt hätte und dem er versprochen hat, daß er den ersten Umgang mit ihr machen wollt’. Er hat sich aber zu lang drüben verhalten im Kaiserlichen, und wie er an’s Gestad gekommen ist, war schon Gebetläuten vorbei; da geht die Fähre nicht mehr; der Schiffmann war schon fort, und eine andere Zillen zum Ueberfahren auch nicht zu haben. Was thut der Gori? Er besinnt sich nicht lang; wie eine Katze klettert er an dem Gerüstbaum hinauf, faßt das Seil und handelt sich so kirchthurmhoch über dem wilden Wasser an dem Seil an’s andere Gestad hinüber und kommt richtig noch gerade an, wie sich die Paare aufstellen zum ersten Landler.“

„In der That ein kühnes Bravourstückchen, worin der Bursche wohl nicht so leicht einen Nachahmer finden dürfte!“ bemerkte der Fremde und wendete sich dem alten Jäger zu, der kopfnickend die Erzählung mit angehört. „Wenn in der Bevölkerung der Gegend so abenteuerliche Gestalten vorkommen, wird es wohl auch in Ihrem Bereiche nicht an Störungen fehlen – Waldfrevler und Wildschützen werden Ihnen weidlich zu schaffen machen.“

„Da haben Sie Recht, Herr!“ antwortete der Jäger mit bitterem Lachen. „Wenn Sie gern solche Geschichten hören, könnt’ ich Ihnen bis auf den Thomastag forterzählen, ohne daß mir das Trumm ausging. Wilddiebe hat’s alleweil gegeben – ich bin jetzt in die vierzig Jahr’ hier in dem Revier und hab’ manchen Strauß mit solchen Hallunken gehabt, aber wie es jetzt zugeht, das geht über die Möglichkeit hinaus. Seit die Jagd frei ist, läuft jeder Bauernlümmel hinaus mit seinem Schießprügel und schießt das liebe Wildpret zusammen, das wir so lang gehegt und gepflegt haben wie unsere Kinder. Und wenn sie nur noch ’was davon verstünden! Wenn sie nur wenigstens ’was davon hätten! Aber sie schießen ja nur, damit es kracht … ist noch so lang nicht her, daß ich eine trächtige Rehgais gefunden habe, die solch ein elender Kerl niedergebrannt hat – Weiß Gott – wenn ich einen solchen Mörder thät erwischen, ich kehrt’ ihm den Hirschfänger dreimal im Leibe um, und wenn man mir den Kopf dafür herunter hauen thät. Aber ich mag nichts mehr hören von denen Sachen – geschweige erzählen – ich hab’ mich schon entschlossen; ich thu’ nimmer mit. In sechs Wochen hab’ ich den Siebenziger auf dem Buckel, da mach’ ich meine Eingab’ in die Regierung und geh’ in die Ruh’ – einen Denkzettel, daß ich einmal ein Jäger gewesen bin, nehm’ ich ja doch auch mit fort.“

„Einen Denkzettel? Wie so das?“

„Wie so? Der Denkzettel ist die Kugel von einem Wildschützen, die mich da am linken Arme getroffen hat, daß man ihn bei einem Haar hätt’ wegschneiden müssen … es ist aber doch besser ’gangen, die Kugel hab’ ich da an mein Uhrgehäng’ hin gemacht, und die Narben im Arme ersparen mir den Barometer. Es war eine merkwürdige Geschicht’,“ fuhr er auflachend fort, „auf Michaeli wird sich’s gerad’ jähren, und weil Sie so was gern hören, will ich’s Ihnen erzählen – ich hab’ just noch ein Viertelstündchen Zeit.“


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Autor: Hermann von Schmid
Titel: Aufg’setzt.
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 28, S. 457–460
Fortsetzungsroman – Teil 2


[457] „Oho,“ rief der Grenzjäger, „die Komödie fangt vor einer Stunde noch nicht an.“

„Komödi?“ rief der Jäger geringschätzig. „In die bringen zehn Pferd’ mich nicht hinein. Draußen, in den Auen, auf den Bergen, im Walde – da ist meine Komödi, und gewiß eine schönere, als die in Eurem niedren muffigen Stadel, wo man kaum recht ausschnaufen kann. – Die Geschicht’ aber, die war so. Wie ich schon gesagt hab’ – um Michaeli war’s, da bin ich in aller Früh’ von der Matron her gegen den Steinkopf hinüber gepürscht, um einem Capitalhirschen, den ich schon ein paarmal gespürt hab’, den Wind abzugeh’n, hab’ mir aber wenig Hoffnung gemacht, denn wie ich so halbe Berghöh’ hinauf gekommen bin, ist ein Nebel angefallen, wie’s um die Zeit oft geht – so dick, daß man einen Stecken daran hätt’ anlehnen können, ohne daß er umgefallen wär’. Ist mir also nichts Anderes übrig ’blieben, als wieder heim zu gehen, und wie ich in meinem Zorn so dahin geh’, giebt auf einmal der Hund Laut; ein Fuchs springt über’n Weg; ich geb’ ihm eine Kugel nach, weil ich kein Schrot geladen hab’, und seh’ gerad noch, wie’s ihn im Feuer über und über schnellt. Zu gleicher Zeit aber seh’ ich auch, daß der Hund gescheidter gewesen ist, als ich – keine dreißig Gäng vor mir unter einer Eiche steht ein Kerl, in einem grauen Gewand, so fest an den Baum hingedrückt, daß man hätt’ glauben können, er wär’ aus derselben Rinden gemacht. Ich hab’ ihn wohl gekannt; es war ein bekannter Raubschütz, dem ich schon oft zu Gefallen gegangen war, Einer von Denen, die sich aus dem Tirol herüber schleichen und drüben das Wildpret wohlfeil machen. Ich hab’ mir oft gewünscht, daß ich ihn einmal treffen sollt’ – jetzt hab’ ich ihn getroffen gehabt, aber freilich nit so, wie ich mir’s gewünscht hab’ – mit einem einzigen geladenen Lauf in der Büchs’ und er mir gegenüber das Gewehr im Anschlage. ‚Geh’ Deiner Weg, Forstner!‘ schrie er mir zu, ‚schau nit um und zieh’ Dich links, dann ist es gerad’ so gut, als wenn ich Dich gar nit geseh’n hätt’.‘ … ‚Da hast meine Antwort,‘ rief ich ihm entgegen, ‚ich möcht’ gar zu gern wissen wie Du in der Näh’ ausschaust.‘ Damit hab’ ich losgedruckt, er aber ist wie der Blitz hinter die Eich’ gesprungen, und meine Kugel ist daran vorbei gesaust, daß sie die Rinden mitgenommen hat. Gerad’ so geschwind aber hab’ ich gespürt, daß er im Springen auch noch geschossen haben muß, denn mein linker Arm ist mir hinuntergehängt wie todt, und der Stutzen ist vor mir auf den Boden gefallen. Er hat mich in der Hand gehabt. ‚Jetzt hab’ ich Dich, Forstner,‘ rief er mir wieder zu, indem er ganz frei hinter dem Baum hervorkam und ganz nahe heran trat, sodaß ich erkennen konnte, daß er sich das Gesicht schwarz gemacht hatt’ – ‚Du hast nicht mehr geladen; jetzt könnt’ ich Dir den Garaus machen, weil Du zuerst auf mich geschossen hast. Aber Du bist ein alter Kerl, hast Weib und Kind daheim – ich will Dir Dein Bissel Leben schenken, damit Du sagen kannst, Du hast mich ganz in der Näh’ gesehen.‘“

„Frechheit ohne Gleichen und doch nicht ohne einen Zug besseren Gefühls!“ sagte der Fremde, der an der Erzählung so lebhaften Antheil genommen hatte, daß ihm die Zornröthe unter die kurzen dünnen Haare gestiegen war. „Und was thaten Sie?“

„Was hab’ ich thun können!“ sagte der Jäger lachend, indem er aufstand, Gewehr und Tasche umhing und den Dachshund lockte. „Ich hab’ Schießpulver gekaut, damit der Schuß im Arme, der höllisch wehthat, nicht sollte brandig werden, und habe mich, so gut es ging, nach Haus getrollat – aber vergessen ist es dem Kerl nicht. Ich bilde mir ein und es ist, als wenn es mir im Geist vorgeh’n thät, daß wir noch einmal zusammenkommen im Leben – dann bin ich gewiß, daß ich noch eine Kugel im Lauf hab’.“

Er ging mit kurzem Gruße. Auch die Grenzer beurlaubten sich, und der Fremde wandte sich dem Nußbaume zu, wo indessen bereits ein Dienstmädchen sich eingefunden hatte, den Tisch zu decken und für das Mittagsmahl zu rüsten. Das Fräulein war noch immer eifrig mit der Zeichnung beschäftigt; als die Magd ihr Geschäft beendigt hatte, trat sie zutraulich hinter die Künstlerin und besah über deren Schulter das entstehende Bild des Thales – ein Vorwurf, welcher des darauf verwendeten Eifers und Fleißes, wohl würdig war und den sinnigen Geschmack des Fräuleins bewies. Die sich über dem Heckenzaune ausbreitende Landschaft war so schön in den Hauptlinien, so reich an wechselnden Gegensätzen und doch so übereinstimmend zu einem Ganzen abgerundet, daß man wohl weit wandern und suchen mochte, um ein ebenbürtiges Seitenstück zu finden. Eine schöne farbenhelle Ebene mit Saaten, Wiesen und braunem Ackerlande zog sich breit dahin mit kleinen Baumgruppen, Gebüschen und kleinen Waldstreifen wie mit Sträußern besteckt; getheilt und durchblitzt von dem mächtigen Strome und all den Altwässern und Nebenbächen, mit denen er sich durch die bebuschten Auen dahin wand, umfangen

[458] von den Rücken und Schrofen der Berge, die von beiden Seiten her ansteigend sich einander näherten, nur das Felsenthor zu bilden, das sich vor Jahrtausenden der grüne Bergstrom gebrochen.

„Aber Du kannst schön zeichnen, Fräul’n!“ sagte sie nach einer Weile des Betrachtens. „Wenn es auch nur schwarze Stricheln sind, die Du machst, ist es doch gerade wie draußen, daß man jeden Punkt kennen kann.“

„Gefällt es Dir also?“ sagte das Fräulein, ohne sich näher nach dem Mädchen umzusehen.

„Wie sollt’ es mir nicht gefallen?“ war die lächelnd gegebene Antwort. „Es ist ja ein jeder Punkt zu erkennen; da drüben links über’m Inn der Heuberg mit seinen Teufelshörnern – rechts herüben die große und kleine Matron, zwischen denen der schöne Wasserfall herunterfällt, und in der Mitte weit hinten das wilde Kaisergebirg’.“

„Du bist ja recht bewandert,“ unterbrach sie das Fräulein. „Du bist selbstverständlich in der Gegend daheim?“

„Freilich,“ sagte das Mädchen, „d’rum gefallt’s mir auch so gut. Es heißt ja im Sprüchwort: Wo der Vogel geheckt ist, da ist er gern, aber ich bild’ mir ein, es müßt’ allen Leuten gefallen, die zu uns kommen.“

„Das ist auch ohne Zweifel der Fall,“ bemerkte das Fräulein, indem sie mit dem Stifte auf eine Stelle ihrer Zeichnung deutete. „Und was ist das für ein kleines Kirchlein? Hier – zu höchst oben auf dem Bergvorsprunge? Kennst Du es?“

„Gewiß, das ist der Petersberg, ein altes, uraltes Kirchel … sie sagen man wisse gar nicht recht, wann es gebaut worden ist, gewiß vor ein paar hundert Jahren, wie noch die Heiden im Land gewesen sind.“

Der Gymnasiast hatte während dessen auf seinem botanischen Ausfluge die Entdeckung gemacht, daß Nesseln sehr empfindlich brennen und daß man darauf gefaßt sein muß, eine Blindschleiche zu fassen oder eine kühle Eidechse sich über die Hand schlüpfen zu lassen; er war zurückgekommen und hatte der Unterredung zugehört, nicht ohne von Zeit zu Zeit einen forschenden und zugleich verwunderten Blick auf die Kellnerin streifen zu lassen. Der geschichtliche Schnitzer, den sie soeben gemacht, war seinem gelehrten Bewußtsein zu widerstrebend, als daß er es über’s Herz bringen konnte, denselben ungerügt vorüber gehen zu lassen. „Die Heiden? Und vor ein paar hundert Jahren?“ rief er mit überlegenem Lachen. „Das werden wohl eher ein paar Tausende sein, als hundert.“

Das Mädchen wendete sich rasch nach dem Jünglinge um, indeß ihr ein tiefes Roth der Beschämung und Verlegenheit über Stirn und Wangen flog. Dennoch unterließ sie nicht, den jungen Tadler wie fragend von oben bis unten zu messen. „Ich bin halt nit so hochgestudirt, wie Du, Bübel,“ sagte sie, „ich kann solche Sachen nit so recht zusammenraiten.“

Das Erröthen und die Verlegenheit waren nun an den jungen Geschichtskundigen gekommen, aber eh’ ihm eine geeignete Antwort eingefallen war, unterbrach ihn die Schwester, welche sich umgewendet hatte und nun ebenfalls das Mädchen mit Ueberraschung und Wohlgefallen betrachtete. Das Wohlgefallen galt der nicht gewöhnlichen Schönheit, die Ueberraschung ihrer ganz ungewöhnlichen Kleidung. Die Züge des Angesichts waren von anmuthiger Regelmäßigkeit, frische Wangen und noch frischere Lippen erhöhten den Eindruck, welcher noch durch die lebhaften blauen Augen und durch das reiche blonde Haar erhöht und gerundet wurde, welche in zwei starker bebänderten Zöpfen über eine Art stehender Spitzenkrause und ein mit Goldborten besetztes dunkles Sammetleibchen hinab fielen. Das ebenfalls reich bordirte, zum größten Theil von einer weißen Wirthschaftsschürze bedeckte Kleid war leicht aufgeschürzt und ließ die rothen Stiefelchen sichtbar werden, in welche die Füße geschnürt waren. Um die Stirn war zum Ueberfluß ein Diadem mit mächtigen bunten Steinen geschlagen.

„Aber, Mädchen, wie siehst Du denn aus?“ sagte das Fräulein mit leichtem Lächeln. „Bist Du denn nicht die Kellnerin hier im Haus, und das ist doch kein Anzug für eine Kellnerin?“

„Ich bin nicht die Kellnerin,“ war die Antwort des Mädchens, „ich bin blos zur Aushülf da wegen der vielen Leute, und weil ich keine Zeit mehr hatt’ zum Umkleiden, hab’ ich gleich mein Spielgewand angezogen, ich bin ja auch bei der Komödien; ich bin eine von den Ritterinnen …“

„Ritterinnen!“ platzte der Student mit lautem Lachen heraus. „Das ist das Allerneuste, was es giebt.“

„Sei nicht unartig, Karl!“ mahnte die Schwester, „bringe das gute Mädchen nicht in Verwirrung!“ Die Besorgniß war aber diesmal nicht begründet. Die Ritterin schien nun schon gefaßt und auf solche Angriffe vorbereitet.

„Was ist denn da zum Lachen?“ fragte sie. „Die Frau Genoveva, wie ihr Herr Pfalzgraf fort ist in den Krieg, wird wohl auch diemalen Besuch gehabt haben, und wie sollen denn die Frauen anders heißen, die sie in Heimgarten eingeladen hat und zum Kaffee?“

„Kaffee!“ kreischte Karl und lachte unbändiger. „Das kommt ja immer schöner. Ritterinnen und Kaffee! – Kaffee – zu einer Zeit, wo Amerika noch gar nicht entdeckt war! Weißt Du denn das nicht?“

„Nein,“ sagte das Mädchen gelassen, „das weiß ich nicht und geht mich auch nichts an; wenn die Ritterinnen zur Pfalzgräfin in Heimgarten gekommen sind, wird sie ihnen doch mit ’was aufgewartet haben; da schickt sich der Kaffee doch am besten – eine Brennsuppen kann sie ihnen doch nicht vorsetzen.“

„Ereifere Dich nicht, Mädchen,“ sagte das Fräulein begütigend, während der Student einen Gang in den Garten der Fortsetzung des Gesprächs vorzog. Hier wurde er auf den in der Ecke befindlichen Bretterverschlag aufmerksam, weil der Spitz des Hauses in demselben am Boden eine Lücke aufgeschnüffelt hatte, in welche er zu kriechen versuchte; da dies nicht anging, begann er den Boden davor aufzuscharren.

„Laß Dich das Gerede nicht anfechten und bleibe bei Deiner Ritterin und Deinem Kaffee!“ fuhr das Fräulein zu reden fort, nachdem der Student gegangen. „Sage mir lieber, da ich doch mit dem Zeichnen aufhören muß, was das für eine Ruine ist, die da unterhalb des Kirchleins auf dem niedrigen Vorsprung liegt?“

„Du meinst den Falkenstein?“ rief das Mädchen vergnügt. „Das ist ein altes verfallenes Geschloß, von dem fast nichts mehr übrig ist, als der große viereckige Thurm da und die spitzige Wand, wo einmal die Capellen g’standen ist. Da ist’s wohl schön, und gerade herunter, gerad’ vor dem Mauerwerk, da das kleine Häuserl, das Du so accurat gezeichnet hast, da ist mein Heimathl; da solltest einmal hinaufsteigen; Dir thät’s gewiß auch da gefallen.“

„Warum glaubst Du das?“ entgegnete das Mädchen.

„Warum? Weil Du so schön zeichnen kannst, und weil Du Dich so gut auf die Gegenden verstehst, und nachher –“ setzte sie etwas zögernder hinzu, „weil Du eine so gute freundliche Fräul’n bist und ich’s gern hätt’, wenn Du mein Heimathl sehn und mich heimsuchen thätst. Ich mein’ überhaupt, Du solltest ein paar Tag, oder ein paar Wochen, oder noch länger in der Gegend bleiben; es thät Dir gewiß gut, denn wir haben gar einen gesunden Luft und mir kommt’s vor, als wenn Du den ’brauchen könnt’st. Du bist gar so bleich und kommst mir vor, wie ein niedergeregnet’s Blüml.“

Sie hatte das Fräulein an der Hand gefaßt und sah ihr zutraulich in die Augen. Ehe diese etwas zu erwidern vermochte, erklang vom Hause her eine Stimme, der es anzuhören war, daß sie wohl eingeübt war auf’s Befehlen und lautes Rufen. „Gertl,“ rief sie, „wo steckst so lang? Aufgetragen! Das Essen ist fertig.“

„Das geht mich an,“ rief die Ritterin. „Die Wirthin wird zanken, daß ich mich so verschwätzt habe.“

Eilend wollte sie dem Rufe folgen, aber es ging nicht so schnell, wie sie vorhatte, denn mit gleicher Geschwindigkeit kam Karl ihr von dem Verschlage her in den Weg gerannt.

„Das Thier dort in der Umzäunung,“ rief er, „ist wild geworden, weil der Spitz immer darauf hinbellt; ich glaube, der Rehbock will über das Geländer springen.“

„Rehbock?“ sagte Gertl mit dem unverkennbaren Ausdruck der Ueberlegenheit in dem hübschen Gesicht. „Das läßt er wohl bleiben – übrigens ist es gar kein Rehbock, sondern eine Hirschkuh, die wir zur Genoveva brauchen und Hirschkühe hat es schon gegeben, lang bevor das Amerika entdeckt worden ist.“

Den verdutzten Gelehrten seiner Beschämung überlassend, ging sie zu dem Verschlage und beschwichtigte das erschreckte Thier; es schien sie sehr wohl zu kennen, kam ihr zutraulich näher und kauerte dann beruhigt in der Ecke nieder.

[459] Bald war das Mahl aufgetragen und wurde mit vollster Befriedigung verzehrt; die Fische waren trefflich zubereitet und auch die Hühner entsprachen vollkommen dem wohlgegründeten Rufe ihrer Zubereitung. „Was meinst Du, Lina?“ sagte der befriedigte Vater, „mir gefällt es hier, und ich hätte nicht übel Lust, statt in Oberaudorf hier unser Standquartier aufzuschlagen und den freundlichen Ort zum Standpunkt unserer Ausflüge zu machen. Ich denke, Du sollst Dir nach Tisch die Zimmer, die wir haben können, und die Betten besehn, und wenn sie entsprechen, wie ich hoffe, wollen wir hier bleiben, wo es mich recht angenehm anheimelt. Es wird sich wohl Gelegenheit finden, unser vorausgeschicktes Gepäck hierher bringen zu lassen – dann sind wir durch nichts gebunden, und auf einer Ferienwanderung, wie die unsere, sind solche rasche Entschlüsse oft vom angenehmsten Erfolge.“

Lina fand gegen den Plan nichts einzuwenden, und als Gertl wieder kam, um abzuräumen, schickte sie sich an, mit ihr und dem Wirthe, der ebenfalls herbeikam und mit lebhafter Befriedigung das Vorhaben seiner Gäste vernahm, die Besichtigung der Zimmer vorzunehmen.

Aber auch dies sollte nicht ohne kleinen Aufenthalt geschehen. Wohl hatte sich Spitz eine Weile dem Rufen und Abwehren gefügt, die Hirschkuh in Ruhe gelassen und sich mit den Abfällen der Mahlzeit beschäftigt, jetzt aber erhob er von Neuem sein Gekläff und belferte vor der Stelle des Heckenzauns, wo sich schon vorher das nicht beachtete Huschen und Rauschen hatte hören lassen. Gertl eilte hinzu, um nachzusehen, fuhr aber mit einem halben Aufschrei des Schreckens zurück, der auch den Wirth in die Nähe rief.

Eine wunderliche Gestalt hob sich unter einem größeren Heuschober auf, in dem sie sich im Winkel vergraben gehabt hatte.

Der Schrecken des Mädchens über den unerwartete Anblick war wohl erklärbar. Es war ein Krüppel der bedauernswerthesten Art, der mit der Verlegenheit des Stumpfsinnes der rasch versammelten Gesellschaft gegenüber stand. Die kräftigen Glieder steckten in einem zerrissenen und buntgeflickten Gewande, wie es einem Bettler zustand; das eine Bein war lahm und durch einen plumpen Stelzfuß gestützt. Wirres rothes Haar sträubte sich um die halb verdeckte Stirn; ein verwilderter Bart von gleicher Farbe hing fast auf die Fetzen des verschossene Lodenwammses herab. Mit einem lallenden „Bitt gar schön“ hielt er einen elenden, lumpigen Hut vor sich hin. Das Einzige, was nicht recht zu der ganzen Erscheinung stimmen wollte, war der ungewöhnliche Glanz der Augen, die unter den buschigen Brauen hervorblitzten und unbewegt wie starr an Gertl hangen blieben – ein letzter trügerischer Rest einer vielleicht tüchtigen, im Elend untergegangenen Menschlichkeit.

„Der Tiroler Stummerl!“ rief der Wirth halb lachend, halb ärgerlich. „Das hat man sich einbilden können, daß der heut nicht ausbleiben wird. Brauchen nicht zu erschrecken,“ fuhr er dann zu den Gästen gewendet fort, „es ist nichts zu fürchten mit dem Menschen – es ist ein halbstummer Bettelmann aus Tirol, der sich überall nach Baiern hereinschleicht, wenn irgendwo eine Festivität los ist, bei der er glaubt, es könnte auch für ihn etwas abfallen. – Wie bist Du nur da hereingekommen?“ fuhr er dem Bettler zugewendet fort, der zur Antwort mit lachendem Grinsen nach der Ecke deutete, wo sich in der Hecke eine von innen nicht leicht zu bemerkende Lücke zeigte.

„So? Da bist herein?“ begann der Wirth wieder. „Gut, daß ich’s jetzt weiß – jetzt werd’ ich dafür sorgen und das Loch zustopfen, daß mir keine solchen ungebetenen Gäste mehr herein kommen. Aber jetzt mach’, daß Du hinauskommst! Geh’ in die Kuchel und laß Dir ’was zu essen geben und komm’ mir nicht wieder, sonst kommst Du nicht so gut fort.“

Grinsend und nickend schickte der Bettler sich an, durch den Garten hinaus zu humpeln, aber immer noch hafteten seine Augen auf Gertl; es schien, als ob er sich nicht satt sehen könne an ihr: mitten im Geh’n hielt er sogar inne und that ein paar Schritte auf das Mädchen zu, daß dasselbe abermals erschreckend zurückfuhr.

„Was der Mensch nur von mir will?“ rief sie. „Er thut ganz bekannt mit mir.“

„Wirst ihm halt gefallen, Gertl!“ ewiderte lachend der Wirth. „Kannst Dir ’was einbilden auf die Eroberung.“

Sie schritten dem Ausgange entgegen, hinter ihnen Lina, um sich die Zimmer zeigen zu lassen. Der alte Herr kehrte zum Nußbaum und der dort aufgepflanzten Weinflasche zurück; leerte noch sein gefülltes Glas und lehnte sich an den Stamm des Baumes, um sich dem daheim wohl gewohnten Vergnügen eines Mittagsschläfchens hinzugeben.

Es sollte ihm nicht so gut werden.

Kaum begann der Schlummerthau sich auf seine Augen zu senken, als es ihm wie eine rauhe Hand über das Antlitz fuhr und den süßen Tropfen von den Wimpern wischte. Aus dem Hauseingang war ein Schrei erklungen, scharf und schrill, wie nur das Entsetzen oder der daran grenzende Schrecken einer schmerzlichen Ueberraschung ihn aus der menschlichen Kehle hervorzurufen vermag. Die Stimme kam ihm bekannt vor – es war ihm, als ob Lina ein Unfall zugestoßen sein könnte – er eilte den Hügel hinab. Allein schon vor der Thür kam ihm Karl, der wach und flinker gewesen war, entgegen und rief ihm zu, er solle nicht erschrecken; Schwester Lina sei unwohl geworden.

Er fragte nicht nach der Ursache, aber er verdoppelte seine Schritte, und die flüchtig ihn anwandelnde Blässe ließ errathen, wie sehr sein Herz an dem Mädchen hing, wenn er auch dem Knaben nichts anderes antwortete als ein barsches: „Wird nichts zu bedeuten haben! Sie hat wohl wieder einmal in die Hitze hinein getrunken.“

Den Anblick, der ihm im Hause bevorstand, mochte er nicht erwartet haben. Umringt von einem Knäul erregt durch einander redender Menschen, von denen jeder den Unfall zu erklären und ein Mittel dafür zu geben suchte, lehnte seine Tochter, in Wahrheit einer geknickten Lilie gleichend, mit schlaff herabhängenden Armen, mit dem Haupte rückwärts gelehnt in den Armen eines Mannes, in dessen gewinnender Erscheinung sich die volle Blüthe der Jugend mit der heranreifenden Kraft schöner Männlichkeit um den Vorrang zu streiten schien. Das kräftig geschnittene Angesicht war von einem dichten schwarzen Vollbarte umrahmt, während das Haupthaar, an der Stirn gescheitelt, lang und frei über Rücken und Schultern fiel. Neben ihm am Boden lagen seine Geräthschaften, die ihm entfallen waren, als er der Umsinkenden beisprang – es waren die eines auf der Studienreise befindlichen Malers – der starke Mann schien Mühe zu haben, die trotz der Erschlaffung leichte Last des schönen Mädchens aufrecht zu erhalten; seine Arme und Hände bebten im Krampfe der Leidenschaft, und in den Augen flimmerte es wie eine im Werden erstickte Thräne.

De herantretende Vater hatte rasch seine volle Fassung wieder gewonnen. Alles drängte und redete auf ihn hinein, und besonders der Wirth ließ nicht nach, zu wiederholen, wie das Fräulein kaum bis an die Mitte der Flur gekommen war, als sie laut aufgeschrieen habe und zusammengeknickt sei wie ein Taschenmesser, wie es ein wahres Glück gewesen sei, daß gerade im nämlichen Augenblick der Herr Maler in die Thür getreten sei, Alles weggeworfen und sie aufgefangen habe, sonst wäre sie vollends hingestürzt und hätte sich auf dem Pflaster sicher weh gethan.

Der Vater achtete nicht auf das Gerede; gelassen und sogar kalt war er zu dem Maler getreten und hatte ihm die Besinnungslose eben in dem Momente abgenommen, als sie aus der Ohnmacht wieder zu erwachen begann. Sie hob die Hände nach Auge und Stirn empor, blickte verwirrt umher, als sie das Antlitz des Malers über sich gebeugt sah und seine Arm um ihren Leib geschlungen fühlte, dunkelte eine tiefe Röthe der Scham und der Entrüstung ihr bis auf Hals und Nacken hinab. Hastig riß sie sich los, um sich, in Schmerzliches Schluchzen ausbrechend, in die Arme des Vaters zu werfen und ihr Gesicht an seiner Brust zu verbergen.

„Wie oft habe ich Dich schon gewarnt, unfolgsames Kind,“ sagte er mit warmer Herzlichkeit, „Dich vor plötzlicher Abkühlung in Acht zu nehmen! Beruhigt Euch, meine lieben Leute! Es ist nichts Bedenkliches dabei; es ist nichts, als daß das Mädchen von draußen aus der Sommerhitze unvermittelt in die kühle Hausflur eingetreten ist. – Geh’, mein Kind!“ setzte er noch milder hinzu, indem er ihr die Stirn streichelte, „laß Dir, wie Du ohnehin vorgehabt, unsere Zimmer zeigen und suche eine Gelegenheit, auszuruhen und Dich zu erholen! In einer halben Viertelstunde ist Alles vorüber – ich kenne ja meine entschlossene Tochter.“

[460] Er schien die richtige Saite berührt zu haben: Lina reichte ihm die Hand und wandte sich festen Schritts, beinahe als wenn nichts vorgefallen wäre, der Treppe in’s obere Stockwerk zu; sie stieg die Stufen hinan und wies die Unterstützung Gertl’s zurück, die ihr mitleidsvoll, wie sie dem ganzen Vorfalle zugesehen zur Seite schritt.

Der Vater schien bisher den hülfreichen Künstler gar nicht gewahr geworden zu sein; als Lina auf der Treppe verschwunden war, nahte er demselben und redete ihn mit kurzer Verbeugung in einem Tone an, dessen Kälte sich zu der Wärme seines früheren verhielt, wie der Eishauch in den sibirischen Zobelwäldern zu dem lauen Blüthenathem, der durch Andalusiens Myrtenbüsche fächelt.

„Der Anstand fordert, daß ich für Ihre Hülfeleistung danke, Herr von Linkow,“ sagte er. „Ich thue es hiermit in aller Kürze, da doch, wie ich annehmen zu dürfen glaube, keine Aussicht besteht, Ihnen wieder zu begegnen.“

Linkow war seiner augenblicklichen Bewegung ebenfalls schnell Herr geworden; frostig, aber mit der Art des vollendeten Weltmannes erwiderte er, seine Geräte zusammenraffend und sich anschickend, das Haus wieder zu verlassen: „Es ist nichts geschehen, Herr Oberforstrath, was irgend dankenswerth wäre – aber mich werden Sie zu lebhaftem Danke verpflichten, wenn Sie die Ueberzeugung mit sich nehmen, daß diese Begegnung ein reines Werk des Zufalls war. Eine große Gebirgslandschaft hat mich bestimmt, Berlin, wo ich für immer zu bleiben gedachte, noch einmal zum Zwecke einer Studienreise zu verlassen, die mich nach Brandenburg führte – dem beliebten Sammelpunkte der Maler, wie Ihnen bekannt sein dürfte. Ich kann daher nur auf’s Tiefste bedauern, wenn mein Erscheinen dahier der unselige Anlaß …“

Der Oberforstrath ließ ihn nicht aussprechen. „Sie sind in großem Irrthume, Herr von Linkow,“ sagte er, „wenn Sie das Unwohlsein meiner Tochter mit Ihrem Erscheinen in Beziehung bringen. Das Zusammentreffen beider Umstände ist ein reines Werk des Zufalls; Lina hat sich einfach verkühlt und wird sich in wenig Augenblicken erholt haben. Was aber das Vorkommen von Rückfällen betrifft, so werde ich zu sorgen wissen.“

„Das wird unnöthig sein, Herr von Waldner,“ entgegnete Linkow; „so lange mein Brandenburger Aufenthalt dauert, wird sich keinerlei Gelegenheit ergeben, weder zu Rückfällen noch Zufällen; darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“

Eine knappe Verbeugung, und die Männer trennten sich; Linkow verließ das Haus. Waldner wandte sich der Treppe zu, um in’s obere Stockwerk zu gelangen und sich von Lina’s Befinden zu überzeugen.


Textdaten
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Autor: Hermann von Schmid
Titel: Aufg’setzt.
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 29, S. 473–476
Fortsetzungsroman – Teil 3


[473]

In der einfachen, bequem und freundlich eingerichteten Stube hatte sich indessen zwischen den beiden Mädchen ein Gespräch völlig anderer Art angesponnen. Die gewaltsame, durch den festen Willen nicht schwach zu erscheinen, aufrecht erhaltene Kraft Lina’s hatte gerade bis über die Schwelle gereichte dort spannten sich die erregten Nerven plötzlich ab wie zurückschnellende Saiten, und ohne Gertl’s freundliche Hülfe wäre die zweite Anwandlung von Ohnmacht wohl eine stärkere geworden, als die erste; sie geleitete Lina nach dem unscheinbaren und alterthümlichen, aber bequemen Ruhebett, das damals die Stelle eines Sophas oder Divans vertrat; sie schob ihr ein Bettkissen unter das matte Haupt und befeuchtete ihr Stirn und Schläfe mit dem schon bereit stehenden Wasser. Lina ließ es ruhig geschehen; sie hielt die Augen geschlossen; ein tiefer, lang anhaltender Seufzer entlastete die gepreßte Brust, während Gertl, am Geländer des Ruhebetts übergebeugt, ihr das schöne Haar streichelte und tätschelte, etwa wie man ein leidendes Kind zu beruhigen sucht. Das Fräulein hatte gleich anfangs durch seine Freundlichkeit, sein leidendes Aussehen, sowie durch seine Geschicklichkeit das Mitleid und die Theilnahme des schlichten Mädchens erworben – seit der Begegnung mit dem Maler und deren Folgen hatte sie vollends Gertl’s Herz gewonnen; das einfache unverdorbene Gemüth war verständig genug, den Zusammenhang zu ahnen, der wohl all den fragenden und lärmenden Zuschauern verborgen geblieben war.

„Arme Fräul’n,“ sagte sie leise und zärtlich, „Du thust mir recht leid – ich glaub’ alleweil, jetzt kenn’ ich das Wetter, das das liebe Blüm’l so niedergeregnet hat. Aber sei nur ruhig! Du bist noch jung; da kann Alles noch recht werden.“

Das Mädchen war Lina vor wenig Stunden noch völlig fremd gewesen, aber in ihrer ungesuchten Zutraulichkeit, ihrer natürlichen kinderhaften Güte lag etwas so still Gewinnendes, daß auch die feine Städterin ihr Herz dem unbekannten Bauernkinde zuneigte und zwischen beiden ein unausgesprochenes Verständniß entstanden war. Als daher Gera allmählich neben dem Ruhebett in die Kniee glitt und ihre Tröstungen wiederholte, senkte Lina ihr Haupt wie unwillkürlich auf Gertl’s Schulter und Brust wie an die der ältesten und vertrautesten Freundin, und ein Strom von Thränen fand endlich Luft, das so schwere Herz zu erleichtern.

„Du meinst es gut,“ flüsterte sie, „aber ich habe keine Hoffnung; ich bin zum Unglück geboren.“

„So mußt nit reden, Fräul’n,“ erwiderte Gertl sanft. „So mußt nit reden – das ist ein Aberglaube. Die Leut’ sagen wohl diemal’ so: mir geht nichts hinaus, mir ist es so aufg’setzt, daß ich kein Glück haben soll, aber das ist unrecht und ein gar trauriger Gedanken. Wofür wäre denn nachher unser Herrgott da? Für was thäten wir denn zu ihm beten, wenn uns was aufg’setzt wär’, wenn er’s nit ändern könnte?“

Der Schall von Schritten, welche sich von der Treppe her dem Zimmer näherten, unterbrach das Gespräch und scheuchte Lina rasch von ihrem Lager auf. „Papa kommt,“ flüsterte sie Gertl zu, indem sie ihr herzlich die Hand drückte und sich anschickte, vor dem Spiegel ihr Haar zu ordnen und, so gut es anging, die Spuren der Thränen zu vertilgen. Als der Oberforstrath anpochte, öffnete sie ihm bereits die Thür und trat ihm mit erhelltem Angesicht und freundlichem Lächeln entgegen. – „Beunruhige Dich nicht, Papa!“ sagte sie, ihm beide Hände bietend, „Dein unfolgsames Kind ist wieder ganz wohl und wird in Zukunft gewiß dafür sorgen, daß es den Uebergang von der Hitze zur Kälte besser zu vertragen weiß.“

„Das wünsche und hoffe ich, mein Kind,“ sagte er mit bedeutsamem Ernst; „ich wünsche es um meiner und Deiner eigenen Ruhe willen … Jetzt aber – wenn Du Dich wieder wohl fühlst und der Komödie beiwohnen kannst, so folge mir! Nach der Bewegung im Volke zu schließen, wird der Anfang der Komödie nicht mehr lange auf sich warten lassen.“

Die Klänge heranziehender Musik bestätigten die Vermuthung. „Ist schon so,“ rief Gertl, die an’s Fenster geeilt war. „Jetzt machen die Musikanten ihren Umzug durch’s Dorf, und wenn sie wieder zum Komödienhaus zurück gekommen sind, geht’s an. Da kommt auch schon der Maler-Anderl auf’s Haus zu … wissen S’, das ist der, der das Stück gemacht hat und das Theater malt, den Wald und den Kerker … Der will gewiß die Hirschkuh – da muß ich helfen.“

Lachend eilte sie hinunter auf den Vorplatz, wo bereits der Bühnenkünstler, zu großem Ergötzen Karl’s, im vollen Costüm seiner Rolle erschienen war. Er hatte den Diener oder Leibknappen des Pfalzgrafen zu spielen, einen alten biederen Kauz, der zugleich die Stelle des Kasperl oder Lustigmachers vertrat, der in keinem, auch nicht dem ernsthaftesten Stück fehlen durfte. Dazu paßte er vollkommen mit dem gutmüthigen, immer lachenden rothen Angesicht, den weißen Augenbrauenbüscheln und der plumpen Kupfernase. Das lederne Knappen-Koller und die hohen Stulpstiefeln

[474] und der kurze Sarras am Gürtel schienen nur überflüssige Nebendinge zur Abrundung der ganzen Figur zu sein. Das Volk, namentlich die Jugend, umdrängte und umjubelte den wohlbekannten Alten, der sie aber scheltend zurückwies und dem Wirthe zurief, er solle das Haus schließen; wenn all das Volk mit herein komme, werde die Hirschkuh scheu, und es sei keine Möglichkeit, sie in das Theater hinüber zu bringen. Vergebens versuchte der Wirth den Auftrag zu vollziehen – der Schwall war zu groß; er wollte theils nicht weichen, theils konnte er es nicht, weil er sich selbst hinderten was indessen dem Schelten des Wirthes nicht gelang, sollte das Zureden und Bitten des alten Leibknappen Kaspar zu Stande bringen. „Seid doch gescheid, Leuteln!“ rief er, „und nehmt Eure fünf Sinne zusammen, wenn Ihr sie wirklich habt! Seid gescheid und verderbt Euch selber die Gaudi nicht! Heut wird nach achtzehn Jahr’ zum ersten Male wieder gespielt in Flintsbach; zum ersten Male spielen wir die Genoveva und zum ersten Male mit einer lebendigen Hirschkuh. Es ist gerad’ wie ein Wunder, daß so ein Hallunk von Wilddieb eine Hirschkuh angeschossen hat, daß man sie gefunden und curirt und abgericht’t hat, daß sie’s im Hoftheater zu München droben nicht schöner machen, oder das Thier hat keinen Verstand und schreckt sich, wenn Ihr so druckt und plärrt – nachdem vergißt’s seine ganze Rolle und Ihr könnt Euch eine Hirschkuh malen. Also müßt Ihr den Verstand haben für das Vieh oder Ihr seid selber von seiner Freundschaft.“

Der Trumpf wirkte; lachend wich das Volk; die Thür schloß sich hinter ihm, und die wenigen Anwesenden zogen in den Garten. Hier hatte indessen bereits der Spitz dafür gesorgt, daß Anderl’s Bemühungen dennoch vereitelt waren; aufgeregt durch das Geschrei war er herumgerannt und hatte glücklich den Verschlag und die Hirschkuh in ihm wieder aufgestöbert, die er nun durch Bellen und Aufspringen an den Brettern so sehr beunruhigte, daß sie wie toll hin und wider rannte.

Der Jammer des Alten war unbeschreiblich. „Alle Haar’ könnt’ ich mir ausreißen, wenn ich nur noch ein’ hätt’,“ rief er, „jetzt geht die Komödie doch noch zu Schar’n.[2] Das muß mir aufg’setzt sein, ich glaub’s nit anders. Was fangen wir nun an, damit das Thier wieder ruhig wird? schickt’s um den Förster, der muß ja umgeh’n können damit.“

Inzwischen war das Mittel, nach dem er rief, bereits gefunden: Gertl war behutsam in die Umzäunung eingetreten, hatte eine Handvoll Gras gepflückt und sich lockend dem Thiere genähert. „Komm, Liesel, komm!“ sagte sie, dazwischen mit dem Munde schnalzend. „Ich bin’s – komm, Liesel! Kennst mich denn nicht?“ Das Thier blieb bei dem Rufe zuerst stutzend stehen; dann trippelte es näher, beroch Gertl, nahm das Futter von ihr und leckte ihr wie dankbar zutraulich die Hand.

„Mirakel!“ schrie Anderl ebenso entzückt, wie er vorhin betrübt gewesen war. „So was hab’ ich meiner Lebtag nit geseh’n. Du mußt hexen können, Madel.“

„Weder hexen noch Mirakel wirken,“ lachte Gertl. „Die Liesel kennt mich halt, weil ich ihr ein paar Mal zu fressen gegeben un geschmeichelt hab’. Das kennen und spüren die Thierl’n gar gut, wenn man sie gern hat, und merken sich’s. – Gebt mir jetzt die Halfter her, thut den Hund weg und geht nur voraus! Ich führ’ die Liesel allein am besten hinüber.“

Ohne Widerrede wurde die Weisung befolgt, und der vergnügte Knappe stiefelte Allen voran.

Aber das Maß seiner Leiden war noch nicht voll. Unheil verkündend donnerten ferne Schläge an die geschlossene Hausthür. Verwundert rief der Wirth, seine Schritte beschleunigend, was das wohl zu bedeuten haben möge, Anderl aber beschwichtigte ihn, das könne nur der Müller vom Busch sein, dessen Tochter die Genoveva spiele. Er habe sich schon gewundert, daß sie noch nicht da sei, aber sie und ihr Vater setzten überall etwas darein, zu spät zu kommen, damit fein Alles auf sie warten müsse; ohne Zweifel werde es der Müller sein, der ihm seine und seiner Tochter Ankunft anzeigen wolle.

Der Müller war es auch – aber ohne Nandl.

Seine Anzeige bestand in wenig Worten, daß die Nandl zu Hause im Bette liege, über und über voll rother Flecken, zugedeckt und im Schweiße gebadet – daß sie also nicht kommen und noch weniger die Genoveva spielen könne; der Maler-Anderl solle nur den Leuten sagen, die Komödie werde schon an einem andern Tag sein.

„Weiter nichts!“ stammelte der Alte, der auf dem Gipfel der Verzweiflung angelangt war, wo man entweder in ein Gelächter ausbricht oder in einen Fluch. Er wählte das Erstere, glücklicher Weise erwischte er noch eine Bank, ehe ihm die Kniee brachen, und platzte darauf mit hellem Lachen nieder. „Weiter nichts!“ wiederholte er. „Hinüber geh’n? Absagen? Einen Buckel voll Schläg’ und Schand’ und Spott holen von den Leut? Das kannst selber besorgen, Buschmüller, wenn Du Lust hast – ich nicht! Mit mir ist’s aus, und wenn mir noch wer einen Gefallen thun will, so schickt’s nur den Herrn Pfarrer, daß er mir die letzte Oelung giebt, oder weißt Du, was wir anfangen sollen?“ fuhr er, zu Gertl gewendet, fort, die lächelnd daneben stand und die an sie geschmiegte Hirschkuh streichelte. „Weißt Du einen Ausweg, weil Du so pfiffig dreinschaust?“

„Warum denn nit?“ erwiderte sie ruhig. „Ich mein’, das giebt sich da von selber – ich thät mich halt um eine andere Genoveva umschau’n.“

Der Alte lachte noch stärker, aber das Lachen lautete nun grimmiger als zuvor. „O Du Siebengescheidte,“ rief er, „mit dem guten Rath hättst zu Haus bleiben können. Eine andere Genoveva hernehmen in der Geschwindigkeit! Als wenn die Genoveven nur so auf den Bäumen wachsen thäten, wie die Kirschen. Oder weißt Du Eine? Kannst Du eine aus dem Aermel schütteln?“

„Ja!“

„Und die wär’?“

„Ich selber.“

„Du?“ rief er und wollte wieder in Lachen ausbrechen, es blieb ihm aber im Munde stecken, den ein Blick auf das Mädchen sagte ihm, daß sich hier allerdings die Möglichkeit einer Hülfe ihm darbot; er wunderte sich beinahe, daß ihm der Gedanke nicht selber in den Sinn gekommen.

So entschieden Gertl aufgetreten war, kam sie doch, da sie das Wort ausgesprochen hatte, in Verlegenheit und erröthete. „Wundert Dich das, Maler-Anderl?“ sagte sie, wie um sich zu entschuldigen. „Ich bin ja bei allen den Proben dabei gewesen; ich hab’ Alles so und so oft mit angehört und kann die Genoveva und das ganze Stück auswendig; ich hab’ geseh’n, wie Alles gemacht wird – warum sollt’ ich die Genovevo nicht auch zuweg’ bringen?“

„Warum?“ rief der Maler mit strahlendem Gesicht. „Warum solltest Du die Genoveva nicht zuweg’ bringen? Und ich sag’, Du mußt sie zuweg’ bringen, und ich könnt mir selber eine Ohrfeigen geben, daß es mir nicht gleich eingefallen ist, daß ich mich wegen der geschmerzten Müller-Nandl nur einen Augenblick geängstigt hab’. Vorwärts mit Dir, hinüber in die Komödi und hinein in’s Genoveva-G’wand, und wenn’s gut hinausgeht, Madel, im Feuer laß ich Dich vergolden!“

Der Zug setzte sich in Bewegung und schritt bei der Schwelle an Waldner und seiner Familie vorüber. Gertl lächelte Lina an und rief ihr halblaut zu: „Siehst, Fräul’n, daß es nichts ist mit dem Aufg’setzt sein? Ich hab’ doch fest geglaubt, ich muß die Ritterin spielen, und jetzt bin ich auf einmal die Genoveva worden. Alles kann noch recht werden. Wenn ich nur keine Dalkerei mach’! Halt mir ja den Daumen fest!“


2.

Die schmetternden Töne der Musik, die ihre Umzug vollendete, kamen dem Schauplatze näher. Wie Wind über Wasser, ging eine starke Bewegung über die Menschenmenge, die in dem Gebäude so eng zusammengedrängt war, daß das Sprüchwort zur buchstäblichen Wahrheit geworden: es hätte kein Apfel vermocht, auf den Boden zu gelangen. Die Glücklichen, welche noch Platz auf den Sitzbänken des ansteigenden Zuschauerraumes gefunden hatten, waren noch am besten daran; sie waren gewissermaßen wie in einem Hafen der Ruhe gelandet, aber die daneben an der Seite zum Stehen Verurtheilten wogten durch einander, wieder wie Wasser, das, überall anprallend und brausend, nicht zur Ruhe zu kommen vermag. Vollends auf der ringsherum laufenden Empore war das Gewühl um so bedenklicher, als der dürftige Schein der überall aufgesteckten Kerzen bis dahin nicht [475] zu dringen vermochte und daher Balken und Bretter und Menschenköpfe und Menschenarme in ungeheuerlichem Dunkel begrub, aus welchem nicht selten der schmerzliche Aufschrei eines Vordermannes ertönte, dem die Last seines sich auf ihn lehnenden Hintermannes zu schwer zu werden begann. Schon drohte das Gesumme und Gedränge über dieses Ufer zu branden, als an der Seite des Eingangs der Thürvorhang emporflog, der prachtvolle Sonnentag von draußen in die Nacht hineinwehte und den früheren Lärm in dem Gemurmel untergehen machte: „Jetzt kommen sie; jetzt geht das G’spiel an.“

Und das G’spiel ging an.

Die Musikanten nahmen ihre Plätze vor der Bühne ein und zündeten die Kerzen an; der Vorhang, auf welchem Anker, Kreuz und darüber ein brennendes Herz, als Sinnbilder von Glaube, Liebe und Hoffnung, mit einem Strahlenkranze umgeben gemalt waren, fing an, sich geheimnißvoll zu bewegen. Nach kurzer Einleitungsmusik, die sich wie ein Kirchenlied anhörte, ging er in die Höhe, und mitten unter Wolken erschien eine Art Genius, welcher bei solchen Anlässen nie fehlen darf und der „Schutzengel“ genannt wird. Mit mächtigen Flügeln an den Schultern, einem goldenen Diadem um die Stirn und einem Palmenzweig in der Hand schritt er feierlich auf dem Vordergrunde der Bühne hin und wieder, um nach einer etwas einförmige Einleitung den Inhalt des Stückes abzusingen, dann aber in den Wolken und mit denselben zu verschwinden und den Schauplatz dem Pfalzgrafen Siegfried und seiner Genoveva zu überlassen. In vertrauter Häuslichkeit saß das Paar beim Abendimbiß zusammen, einen Zweigesang über das Glück seiner Liebe anstimmend. Aber nur zu bald erschien als Störenfried der alte Knappe Kaspar, bei dessen bloßem Anblick die ganze Zuhörerschaft in schallendes Gelächter ausbrach, sodaß er nur mit Mühe und Noth, unter allerlei lustigen Geberden und Wortverdrehungen sich des Auftrags entledigen konnte, es sei Botschaft gekommen, der Pfalzgraf müsse sofort aufbrechen und in den Krieg ziehen zu den Türken nach dem Mohrenlande. Wieder ging eine starke Bewegung durch die Zuschauer; bei den schmerzlichen Abschiedsworten Genovevas begannen schon Thränen zu fließen, während die derben Späße des Kasperl dazwischen hinein wieder laute Heiterkeit hervorriefen. Wie sollten die einfachen Gemüther nicht lachen, wenn ihn der Pfalzgraf fragte, ob er mit wolle in den Krieg, und er darauf erwiderte, er wolle lieber bei dem Kruge bleiben, und wenn vollends auf die Anfrage, ob es ihn denn nicht auch gelüste, tapfer auf die Türken einzuhauen, der zwerchfellerschütternde Bescheid folgte: zum Einhauen sei er allerdings bereit, aber nur in die Schüssel. Als dann der biedere Drako mit dem bösen Golo erschien, und dem sich bückenden und schmiegenden Heuchler die Obhut der Burg übertragen ward, begann unter den Zuschauern zur Rührung sich schon der Schrecken zu gesellen, den auf der Stirn und dem Angesicht desselben war deutlich zu lesen, daß mit ihm das Unheil heranziehe wie ein Gewitter am fernen Horizont.

Wie zuvor der Sturm, lagerte jetzt athemlose Stille über der Versammlung, und angehaltenen Odems lauschte dieselbe zum zweiten Male dem Schutzengel, der den Inhalt des nächsten Abschnittes vorhersang. Nur hier und da stieß einer seinen Nachbar mit dem Ellenbogen und flüsterte ihm nickend zu, wie der Genoveva das Gewand als Pfalzgräfin so schön angestanden, wie sie ihre Sache so wunderbar schön gemacht habe, als wenn sie immer beim Spielen gewesen wäre. Es war auch in der That nicht, als wenn sie Komödie spielte, sondern als wenn es ihr wirklich so um’s Herz wäre, wie sie sagte und sich anstellte.

Besonders trat dies hervor, als die Scene kam, wo der verräterische Golo sie mit seinen schändlichen Liebesanträgen bestürmte. Gori, der Darsteller desselben, zeigte sich ganz so, wie der Grenzer in seiner Erzählung ihn bezeichnet hatte. Gewandt in Bewegung und Rede, wie von einem Bauernburschen nicht zu erwarten war, sah er mit seinem rothen Bart und Haar wohl wild und unheimlich aus, aber durchaus nicht unschön, und er wußte seine starke Stimme zu so einschmeichelnden Klängen zu mildern, daß die schnöden Worte, die er zu sagen hatte, wirklich etwas Verführerisches bekamen. Noch natürlicher aber stellte Gertl den Abscheu vor den glatten Worten Golo’s dar und wies seine Versuche, sich ihr zu nähern, so natürlich und wahr zurück, daß auch Gori davon wirklich betroffen und verwirrt wurde und das Ganze sich nicht wie ein Spiel ansah, sondern wie wirkliches Erlebniß. Als er, seiner Rolle gemäß, ihr den Arm um den Leib schlingen wollte, versetzte sie ihm den vorgeschriebenen Schlag in’s Gesicht mit solcher Kraft und zugleich mit solcher Würde, daß er nicht scheinbar, sondern wirklich zurücktaumelte, und als sie dann Drako gerufen und ihm den Befehl ertheilt hatte, Golo nie wieder vor ihr Angesicht zu lassen, blieb er in einer Aufregung zurück, welche die daran geknüpften Gedanken und Pläne seiner Rache als eine ganz natürliche Folge erscheinen ließ.

Genoveva war hinter die Coulissen geeilt, um in einem kleinen dort angebrachten Verschlage den Anzug der Pfalzgräfin mit dem weißen Gewande zu vertauschen, mit welchem sie dann im Kerker zu erscheinen hatte – auch wollte sie die rührende Klage und das Gebet noch einmal überlesen, das sie in einer der folgenden Scenen zu sagen hatte. Das Urtheil, das die Landleute im Zuschauerraume über ihre Schönheit geäußert, war wohlbegründet.

Das jetzige weiße, weite Gewand aber ließ sie noch reizender erscheinen. Ihre Gestalt wurde durch die wallende Falte und den umschließenden Gürtel noch mehr in ihrer schönen Regelmäßigkeit gehoben und der volle Nacken, über den jetzt das gelöste blonde Haar reich herunterwallte, machte es wohl erklärlich, weshalb Gori ihr gefolgt war und sie mit lüsternen Blicke betrachtete, als sie aus dem Dunkel ihres Ankleidegemachs in’s Helle getreten war, um ihre Rolle besser lesen zu können.

„Aber Du kannst Dich schiech anstellen, Madel,“ sagte er, „indem er unvermuthet hinter sie trat und wieder ihr den Arm um die Hüfte zu legen versuchte. Man könnt’ wahrhaftig glauben, es wär’ Dein Ernst. Ich muß Dir schon sagen –“

Er konnte seine Rede nicht vollenden, denn wie zuvor taumelte er, von einem noch stärkeren Stoße getroffen, zurück, daß er beinahe zwischen die Coulissen auf die Bühne hinausfiel.

„Was fällt Dir ein, Du Wildling?“ rief sie. „Wie kannst Dich unterstehen und mich anrühren?“

„Oho!“ entgegnete Gori, „Du bist doch nicht wirklich eine Heilige, daß man Dich nicht einmal anrühren darf? Wir steh’n jetzt nicht draußen vor den Leuten, wo Du so hast thun müssen; jetzt sieht uns ja Niemand. Du glaubst nicht, wie schön Du bist, viel schöner als in dem vorigen fürstlichen G’wand! Dein Hals ist g’rad’ zum Hineinbeißen.“

Er erneuerte den Versuch einer Annäherung, aber eine abwehrende Bewegung Gertl’s ließ ihn nicht in Zweifel, welches Schicksal er zu erwarten hätte, wenn er auf dem Vorsatze beharrte.

„Komm’ mir nicht zu nah!“ rief sie. „Was willst von mir, Du ausgeschämter Mensch?“

„Was ich will? Dumm’s Ding!“ war Gori’s freche Antwort. „Was werd’ ich wollen? Verschossen bin ich in Dich; wie man nur in ein Madel verschossen sein kann – ich mein’, ich hätt’s Dir wohl gezeigt, so oft wir uns begegnet sind. Hast es nicht gemerkt?“

„Ich hab’ kein Merk auf Dich,“ war des Mädchens ruhige Antwort. „Ich hab’ nichts mit Dir zu schaffen.“

„Ach was! Du bist und bleibst halt ein gespreiztes Ding,“ lachte Gori. „Aber was braucht’s da viel Umschneiden? Ich sag Dir’s jetzt g’rad heraus: ich hab’ Dich gern und möcht’ Dich zum Schatz; Du brauchst einen Mann, also steh’n wir alle zwei in denselben Schuhen. Wie lang willst Du Dich mit Deiner Mutter noch fortfretten in Eurer Hütten? Sag’ Ja, dann heirathen wir einander vom Fleck weg. Wir werden schon gut hausen, und bei allen Zweien wird die Notherei ein End’ haben.“

Näher tretend, faßte er ihre herabhängenden Hände; Gertl aber riß sie mit einem Abscheu los wie bei der unvermutheten Berührung einer Natter.

„Ich Dich heirathen?“ sagte sie mit einem Erröthen des Unwillens. „Ich weiß mich keiner solchen Todsünd’ schuldig, daß ich eine solche Strafe verdient hätte.“

„Mach’s nit gar so kräftig!“ lachte der Bursche höhnend und gereizt hinwieder. „Man möchte glauben, Du hättest es mit dem bösen Feind zu thun. Und ich sag’ Dir’s noch ’mal, Du mußt Ja sagen; ich laß Dich nicht aus; ich hab’ mir’s einmal in den Kopf gesetzt, und bild’ Dir nur nichts ein, daß ich Dich etwa gar einem Andern laß’!“

Gertl, anfangs von dem unerwarteten Gespräche befangen, [476] hatte rasch ihren früheren Gleichmuth wieder gefunden. „Strapazir’ Dich nicht,“ sagte sie, „und laß mich in Ruh’! Ich sag’ Dir’s noch ’mal: ich hab’ mir’s dagegen in den Kopf gesetzt, daß ich Dich nicht haben will.“

„Und warum?“ fragte er, mit den Zähnen knirschend. „Was hast gegen mich? Bin ich Dir zu schiech oder zu schlecht?“

„Was ich gegen Dich hab’?“ sagte Gertl bedächtig. „Nichts, als daß ich Dir Deine Lieb’ nicht glaub’. Denkst Du nimmer an die arme Kathel, Deinen Schatz, der so elend hat zu Grund’ gehen müssen, zu der Du auch so gesagt und g’rad so gethan hast, wie jetzt zu mir? Sie ist noch kaum verfault drunten im Freithof, und Du bist jetzt schon so hitzig in eine Andere verschossen? Wenn Du sie so geschwind vergessen kannst – ich kann’s nicht. Sie ist ein gutes Madel gewesen und hat den einzigen Fehler g’habt, daß sie sich an Dich gehängt … Sonst ist’s der Brauch, wenn von einem Paar Eins stirbt, daß das Andere wenigstens das Pfnotjahr (Trauerjahr) aushält, und ich denk’, es wird am besten sein, Du machst es auch so.“

„Das sind lauter Narretheien!“ erwiderte Gori, ohne daß es ihm jedoch gelang, völlig die Befangenheit zu verbergen, mit welcher die Erinnerung an die frühere Geliebte ihn sichtbar ergriffen hatte. „Das sind Ausreden, mit denen Du keine Katz’ hinter dem Ofen hervorlockst. Was todt ist, ist todt – ich hab’ nichts mehr zu schaffen damit. Du aber bist lebendig; Du bist schön, tausend Mal schöner als die Kathel; Dich muß ich haben. Du mußt mein gehören.“

Ein heller Klingelton bezeichnete den Anfang des nächsten Actes. Gertl wendete sich zur Bühne. „Und ich sag Dir’s zum letzten Mal,“ rief sie, „das geschieht nie.“

„Weißt’s ganz gewiß?“ höhnte sie Gori.

Sie aber trat ihm ein paar Schritte näher und flüsterte ihm in’s Ohr: „Ja, das weiß ich gewiß, weil ich jedenfalls zuvor freiwillig in den Inn springen thät.“

Sie enteilte. Gori blieb betroffen zurück, als ob er einen plötzlichen Schlag vor die Stirn erhalten hätte. „Freiwillig?“ knurrte er in sich hinein, „was will sie damit sagen? Sollte sie etwas wissen? – Dummheit!“ ermunterte er sich dann selbst im nächsten Augenblick, sie weiß nichts; „sie kann ja nichts wissen,“ und laut lachend folgte er dem Einsager, der ihn auf die Scene rief.

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Autor: Hermann von Schmid
Titel: Aufg’setzt.
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 30, S. 489–492
Fortsetzungsroman – Teil 4


[489] Das Stück nahm fortan seinen ruhigen Verlauf. Mit jedem Abschnitt, ja mit jeder Scene wuchs die Wirkung. Lautes Schluchzen begleitete das Gespräch, als die unglückliche Dulderin im Walde durch die rührende Kraft ihrer Bitten das Herz der Mörder zu erweichen suchte; ein Ruf der Bewunderung begrüßte und begleitete den Auftritt, als Genoveva später erschien, auf dem Schooß den kleinen Schmerzensreich haltend, einen lieblichen Krauskopf, den das dunkle Thierfell allerliebst kleidete, zu ihren Füßen die Hirschkuh geschmiegt, welche zu ihr empor sah, als ob sie verstünde, was um sie vorgehe. Als nun vollends Genoveva’s Unschuld entdeckt war und der betrogene Gatte die Todtgeglaubte mit dem Sohne wiederfand, als Siegfried ihren Arm faßte, um sie auf sein Schloß zurückzuführen, und als der Knappe Kaspar den Knaben auf der Hirschkuh reiten ließ und Beide hinterher führte, da war die Bewegung allgemein. Es ist nicht üblich, in solchen Komödien Beifall zu äußern; man hält es für eine Entweihung der Sache, in laute Zeichen des Gefallens auszubrechen, aber die zurückgedrängte Empfindung haftet dafür um so tiefer und begleitet die Beschauer nach Hause, um noch nach Jahren in ihnen lebendig zu sein wie am ersten Tage.

In wenigen Augenblicken hatte sich die aufgestaute Fluth auf den Platz zwischen Theater und Wirthshaus entleert und diesen wie früher gefüllt. Alles athmete auf, froh, aus dem engen Gebäude in den freien Himmelsraum, aus dem Dunkel zum Licht, aus der dumpfigen, eingeschlossenen Atmosphäre in die frische, lebendige Abendluft entronnen zu sein, die von der tief stehenden Sonne erfrischend daher strömte, wie ein letzter Gruß von dieser, ihren nahen Untergang zu verkünden.

Die Spieler waren natürlich die Letzten, welche das Gebäude verließen. Sie brauchten Zeit, ihre verschiedenen Gewänder abzulegen und in die des gewöhnlichen Lebens und Tages zu schlüpfen.

Der Oberforstrath mit seiner Familie hatte seinen Platz unter dem Nußbaum wieder aufgesucht und Gertl zu sich gerufen, als sie in dem jetzt überfüllten Garten flink und sicher zwischen Gästen und Tischen sich hinwand, in jeder Hand mehrere Krüge voll schäumenden Bieres, in der halb aufgeschlagenen Schürze eine Menge von Broden tragend, die sie nach allen Seiten vertheilte. Sie hatte allen Theaterputz ab- und die gewöhnliche, dort übliche Landestracht wieder angelegt.

Aber auch in dieser trat die Anmuth ihres Wesens unverändert hervor. Ein niedriger, weit ausgeschnittener Spenser aus hellblauem Tuch mit kurzen, wenig über die Ellenbogen reichenden Aermeln umgab den schlanken Leib, der vorn durch ein knappes, mit Silberketten umschnürtes Mieder zusammen gehalten war. An dasselbe – bis an den Hals aufsteigend – schloß sich ein fein obgenähter Goller von rother Seide, über welchem wieder ein leicht geschlungenes Halstuch aus schwarzem Flor mit einer Silberfiligranschnalle herunterfiel. Ein dunkler Rock mit weißer Schürze darüber, Beinlinge oder Wadenstrümpfe, breit ausgeschnittene Schuhe mit Bandrosen darauf vollendeten den Anzug, welchen die eigenthümliche Kopfbedeckung zu einem so anmuthigen Ganzen abrundete, daß wohl zu bedauern ist, daß die ebenso eigenthümliche wie kleidsame Tracht seit jenen Tagen vollkommen verschwunden und beinahe zur Sage geworden ist, wie die Spitze und die Steinböcke. Der Kopfputz bestand in einem kleinen runden Käppchen aus schwarzem Sammt, das fest am Kopfe anlag und unter seiner dunklen Pelzverbrämung die Haare zu beiden Seiten in reichen Windungen hervorsehen ließ.

Der alte Waldner sowie Lina verfehlten nicht, Gertl über ihr Spiel die freundlichsten Dinge zu sagen, und der Gymnasiast, so viel er auch an der Bauernkomödie auszusetzen fand, stand verlegen bei Seite und sah mit halb fragendem, halb staunendem Blick auf das ungelehrte Bauernmädchen, dem es ohne Wissen und Kennen gelungen war, auch ihn vergessen zu machen, daß es nicht die Künstler des Münchener Hoftheaters waren, die ihn zu ergreifen vermocht hatten.

In der Nähe hatte auch Gori, der gewesene Golo, sich seinen Platz gewählt, aber obwohl Gertl nicht umhin konnte, auch ihn zu bedienen, that sie es so gleichmütig, daß wohl Niemand erraten hätte, wie nahe die Beiden erst vor kurzer Zeit vor und hinter der Bühne einander gestanden hatten.

Die allgemeine Freude über das Gelingen der ersten Komödie hatte auch den Wirth so weit milder gestimmt, daß er dem Tiroler Stummerl nicht wehrte, sich ebenfalls im Garten niederzukauern, und daß er sogar der Gertl befahl, auch ihm einen Krug zu reichen, den ihr dieser, wie zuvor an der Zaunlücke liegend, ungestüm aus der Hand riß und an den Mund setzte, als gälte es den Durst von Wochen zu stillen. Sein finsteres Auge funkelte dabei über den Krug hinweg und traf Gertl so unabänderlich, daß sie, unheimlich davon berührt, zurücktrat und in sich hineinmurmelte: „Ein unguter Ding, der! Was er nur

[490] mit mir hat? Wenn er mir allein begegnen thät’, dem thät’ ich ausweichen.“

Die Auszeichnung, welche Gertl allenthalben errang, veranlaßte den Wirth auch, ein Auge zuzudrücken, als sie von seinen vornehmsten Gästen in ein Gespräch verwickelt wurde – war es doch auch ihm, dem Hause wie dem Dorfe eine Ehre, daß sie das Mädchen mit solcher Freundlichkeit behandelten. Die Fremden luden sie ein, den Rest des Abends im Gespräch bei ihnen zuzubringen, aber sie weigerte sich so entschieden, daß sie bald einsehen mußten, daß eine Erfüllung ihres Wunsches von dem willensstarken Mädchen nicht zu hoffen war.

„Ich will meine Schuldigkeit thun,“ sagte Gertl, „und aushelfen, wie ich es dem Wirth versprochen hab’, damit er mich nicht umsonst zahlt! Dann geh’ ich heim; es ist ja nicht weit; in einer halbe Stunde bin ich dort, und beim Vollmond ist ganz gut gehen. Ich hab’ es meiner Mutter versprochen, heim zu kommen; morgen in aller Früh muß ich wieder bei der Arbeit sein. Oben hinter dem verfallenen Schloß, wo das Bauerngütl des italienischen Grafen liegt, dem der Falkenstein gehört, muß das Grummet am Schloßberg und an den Hängen gemäht werden. Die Mutter ist gar scharf; ich bekäm’ drei Tage kein gutes Gesicht, wenn ich nicht zur rechten Zeit da wäre.“

Immer tiefer sank der Abend in’s Thal, und kühle Dämmerung legte sich über den bald leer gewordenen Garten; das Rollen der abfahrenden Wagen verstummte allmählich, und auch die Stimmen der Fußgänger verklangen in immer wachsender Entfernung. Als der Mond durch die Krone des Nußbaumes schien, brachen auch die Fremden, von den Ereignissen des Tages ermüdet, auf, um ihr Nachtlager zu suchen. Die Thür des Wirthshauses schlug krachend zu, und über dem ganzen, erst kurz vorher noch so lebensvollen Dorfe breitete sich die Stille der Nacht.

Gertl hatte sich unbemerkt auf den Weg gemacht und schritt auf der ebenfalls schon menschenleeren Straße dahin, um in einiger Entfernung vom Orte einen Wiesenpfad einzuschlagen, der um eine bedeutende Strecke näher an ihre Heimath führte.

Heiliges Schweigen war um sie her.

Nur hie und da war der Schrei eines Käuzleins zu vernehmen, das von den Bergen her seinen Nachtflug begann, oder aus den fernen Tümpeln der Inn-Auen herauf schmetterte der Ruf eines Wasservogels. Rings war kein menschliches Wesen, kein Laut eines solchen zu gewahren. Die einzige Spur menschlichen Daseins verrieth seitwärts vom Wege ein schwacher, aber klarer Lichtschein, der in ziemlicher Entfernung aus einer Gruppe von Bäumen hervorschimmerte, als erbiete er sich, der einsamen Wanderin zum Wegweiser zu dienen.

Die Herrlichkeit der Nacht verfehlte ihre Wirkung nicht auf das durch die Begebenheiten des Tages vielfach erregte Gemüth des Mädchens. Ihr Schritt ward allmählich langsamer – dann stand sie still und blickte tief aufathmend um sich her in die balsamische Nacht. Das Licht kam von dem einsam gelegenen Forsthause, und wie von ihm geweckt, stieg ihr die Erinnerung an die Tage der Kindheit auf und gemahnte sie, wie oft sie diesen Weg gemacht, als sie noch von ihrer Heimath nach Flintsbach in die Schule ging oder von derselben heimkehrte. Am Wege stand ein niedriges steinernes Feldkreuz, wie sie oft in den Fluren angetroffen werden, ein Zeichen, daß an diesem Orte eine Blutschuld haftete und durch Aufstellen des Kreuzes gesühnt werden wollte. Ohne ermüdet zu sein, setzte sie sich auf den Steinarm des Kreuzes und dachte daran, daß damals gar oft, ja fast immer, wenn sie zur Schule kam, an diesem Kreuz ein hübscher, kraushaariger Bube gesessen hatte, der Sohn des Jagdgehülfen, der ihrer wartete, um sie von und nach der Schule zu geleiten. Eines Morgens dann hatte der Knabe gefehlt und war nicht wiedergekommen, weil er mit den Eltern in eine andere Gegend gezogen war. Ein eigenes Gefühl, fast wie Wehmuth, beschlich ihr die Seele; sie versank immer tiefer in Gedanken, sodaß sie beinahe die Heimkehr vergaß und nicht beachtete, daß der Glockenschlag vom entfernten Kirchthurm schon die zehnte Stunde verkündete. –

Plötzlich fuhr sie erschrocken empor, denn an dem Grasrain hinter dem Kreuz regte sich etwas, und im nächsten Augenblicke stand Gori vor ihr; der volle Strahl des Mondes, der ihm in’s Gesicht fiel, ließ den Hohn, den Grimm und all die Leidenschaft erkennen, die sich in den verzerrten Züge ausdrückte.

„Du da?“ rief sie überrascht, während es sie zugleich wie plötzliche Furcht überrieselte und ihr den Athem benahm. „Was willst Du, daß Du mir um die Zeit in den Weg kommst?“

„Wie kannst so fragen?“ entgegnete er lachend. „Die Antwort kannst Du Dir selber geben. Ich hab’ ja schon heut Nachmittag mit Dir davon geredt. Da waren zu viel Leut’ um uns herum; jetzt sind wir allein; jetzt will ich Dir unter vier Augen nochmal sagen, was ich gesagt hab’. Ich denke mir, Du hast Dir’s vielleicht auch besser überlegt seitdem und hast jetzt vielleicht eine andere Antwort für mich.“

„Du plagst Dich und mich umsonst,“ sagte sie, all ihren Muth zusammenraffend, dennoch aber außer Stande, die Furcht vor dem unheimlichen Burschen ganz zu verbergen. „Ich denk’, ich hab’ Dir die Antwort deutlich genug gesagt, daß Du wissen kannst, woran Du bist.“

„Als wenn man mit Euch Weibsleuten jemals wüßte, woran man ist,“ entgegnete Gori. „Ihr seid alle über einen Leisten geschlagen und spreizt Euch gerade da am meisten, wo Ihr am liebsten Ja sagen möchtet. Drum geht man am sichersten, wenn man nicht lang’ fragt und gleich zulangt. Ihr wißt halt, daß man um eine schwarze Kirsche noch ’mal so hoch steigt, als um eine andere. Jetzt sind wir allein, weit und breit sieht und hört uns kein Mensch – –“

Gertl kam nicht dazu, etwas zu erwidern; schon im nächsten Augenblicke hatte er sie gefaßt und preßte sie mit wilder Leidenschaft an sich. Es war unmöglich, der Kraft des Armes zu widerstehen, welcher Stand gehalten hatte, um sich an dem Seile der Ueberfuhr schwebend bis über den Innstrom zu halten. Aber auch die Kraft des Mädchens wuchs mit der Entrüstung über den schändlichen Hinterhalt, und keuchend rang sie mit dem Burschen; aber als sie eben ihre Kraft erlahmen fühlte, fand sie sich plötzlich befreit und sprang aufathmend zur Seite.

Am Boden neben ihr kollerte Gori den Abhang des Rains hinunter, nachdem er zuvor im Zusammensturz an die Kante des Steinkreuzes angeschlagen, daß ihm das Blut vom Kopfe schoß. Ueber ihm stand eine hoch aufgerichtete Männergestalt, die in der Nähe versteckt gewesen sein mußte und eben recht kam, des Mädchens Erretterin zu werden.

Es war der Tiroler Stummerl.

Vergebens suchte Gori sich des Ueberfalls zu erwehren und den Angreifer, auf den er wie ein wildes Thier losstürzte, niederzuringen. Der Blödsinnige war ihm offenbar überlegen und deckte ihn wie einen schwanken Zweig zu Boden; vielleicht machte auch der Schmerz der Wunde und das strömende Blut seine Vertheidigung schwächer.

„Verfluchter Fex!“ rief er, „was thust? Was willst Du da? Wie kommst Du jetzt daher?“

Der Stummerl lachte thierisch auf und deutete ihm mit dem ausgestreckten Arm gegen den Inn, daß er sich entfernen solle. Und trotz aller Keckheit schien es dem Burschen gerathen, dem Winke zu folgen.

„Das denk’ ich Dir, Du Troddel!“ rief er, sich vollends aufraffend. „Wenn Du mir wieder in den Weg kommst, mach’ Dich gefaßt, dann ist’s Dein Letztes! Dir aber, Madel, Du Teufel von einem Weib, Dir drück’ ich’s in ein Wächsel, was Du mir gethan hast. Du willst nichts von mir wissen? Gut, mir steht die Nase gerade so hoch als Dir. Jetzt werd’ ich auch mit keinem Gedanken mehr an Dich denken, aber eintränken will ich Dir den heutigen Tag. Jetzt, wenn Du mir auf den Knieen nachrutschen und mit aufgehobenen Händen mich bitten wolltest, daß ich Dich nähm’ – jetzt thät’ ich Dich mit den Füßen zurückstoßen. B’hüt Gott! Schöne Genoveva. Du sollst mir an den heutigen Tag denken und verlaß Dich drauf, ich will’s pfiffiger anfangen als der dumme Golo.“

Er sprang den Rand der Straße hinauf, eilte quer über diese hinweg und verschwand jenseits in den Gebüschen, die sich nach den Auen des Inns hinunterzogen.

Gertl hatte sich aufgerafft und stand verwundert vor dem blöden Krüppel, der ihr nicht gebückt wie sonst, sondern aufrecht gegenüberstand, und den der Stelzfuß in seiner Bewegung und im Steigen nicht im Mindesten behindert zu haben schien.

„Fürcht’ Dich nicht, Madel!“ sagte er; „ich laß’ Dir nichts thun. Der Stummerl hat aufgepaßt und wird schon sorgen, daß Dir nichts geschieht.“

[491] „Geh’ mir aus dem Weg, Du garstiger Ding,“ sagte sie mit abwehrender Bewegung; „ich will nichts wissen von Dir – ich hätt’ mir wohl selber geholfen. Was ist das für eine Art, daß Du mir nachschleichst, und wie schauest Du mich an bei jeder Gelegenheit, als wenn Du mich erstechen wolltest! – Und wie ist denn das?“ setzte sie bedächtiger hinzu: „Du kannst ja auf einmal viel besser reden, als wie heute Nachmittag? – Und Du bist auch gar nimmer so krumm? Geh’ mir aus dem Weg, sag’ ich noch einmal, Du kommst mir verdächtig vor. …“

Der Krüppel unterbrach sie durch dasselbe unverständliche Lallen, das sie früher von ihm gehört; er knickte wieder zusammen und stieß nur mühsam einzelne Worte heraus. „Stummerl brav – Stummerl nit bös – Dich begleiten – er könnt’ nochmal kommen –“

„Der kommt wohl sobald nicht wieder,“ lachte Gertel, sich zum Gehen anschickend. Nach den ersten Schritten hielt sie jedoch an und kehrte zu dem Krüppel zurück. „Es ist nicht recht von mir, daß ich Dich so angefahren hab’,“ sagte sie, sich selbst begütigend, in freundlichem Tone. „Du meinst es ja gut mit mir und bist ja doch ein armes Leut. – Ich dank Dir also recht schön, daß Du mir so beigestanden bist, und wenn Dich der Weg an meiner Heimath vorüberführt, dann kehr’ ein! Ich will Dir was schenken. Deine Begleitung brauch’ ich aber nicht; auf dem Katzensprung geschieht mir wohl nichts mehr. – Und dann,“ setzte sie, aufathmend und wie nach dem überstandenen Schrecken in den gewohnten Frohmuth übergehend, hinzu, „dann wär’s doch nicht recht rathsam, mich von Dir heimführen zu lassen; die Leut’ sind einmal gar zu bös; ich könnt’ leicht in’s Gerede kommen mit Dir.“

Lachend eilte sie hinweg und gewahrte es in der Eile nicht, daß der Krüppel ihr kurze Zeit nachsah, dann aber seitwärts auf einem Nebenweg über Flur und Hecken ihr wie ein Schatten folgte, – so schnell, ja schneller, als nach seiner körperlichen Beschaffenheit möglich schien. –

Der Entflohene hatte seinen Weg nur so weit verfolgt, bis es möglich war, aus einem Versteck zu übersehen, was in der Gegend vorging. Nach längerem Umherspähen eilte er auf dem Pfade dahin, der ihn am schnellsten zu seiner Wohnung führte.

Unweit des Gestades lag eine Hütte, die schon längst bis auf die Spur verschwunden ist, ärmlichen und selbst bedenklichen Aussehens und häufig trotz der kleinen Anhöhe, auf der sie stand, bei hohem Wasserstand gleich einer Insel, vom übrigen Lande abgeschnitten und unzugänglich. Die Hütte war vor Jahren aus Anlaß eines Wasserbaues errichtet worden, als aber der Bau beendet war, stehen geblieben, weil ein Zimmerer sich darin eingerichtet hatte, ein wackerer Mann, dem man es seiner Tüchtigkeit wegen wohlwollend nachsah, daß er darin wohnen blieb, die Hütte allmählich als sein Eigenthum betrachtete und mit Geschick zu einer ständigen Wohnung einrichtete. Man ließ es sogar geschehen, daß er ein Weib hineinführte, und übertrug ihm nur die Verpflichtung gewisser Uferarbeiten, sowie der Aufsicht in den Inn-Auen.

Einige Jahre ging das ganz gut. Es ergab sich keinerlei Anstand; dann aber kam das Unglück über den erst unscheinbaren, allmählich behäbiger gewordenen Bau. Der wackere Zimmergeselle war auch ein der Schifffahrt wohl kundiger Mann. Die Schifffahrt auf dem Inn aber war damals noch höchst lebhaft, wenn sie jetzt auch fast bis auf die Erinnerung verschwunden ist, das gleiche Loos erlebend, wie die Steinböcke, die Spitze und die schönen kleidsamen Trachten des Volkes. Damals ging jeden Tag eine Reihe großer Lastschiffe auf dem Innstrome, in der Raufahrt (das heißt dem Strome nach) bis in die Donau, oder aufwärts in der Gegenfahrt mit Pferden, deren oft sieben nach einander angespannt waren und an einem langen Seile die Schiffe stromaufwärts schleppten. Der Mann wurde oft gerufen, auszuhelfen, wenn es galt, einen tüchtigen Vorderstangenreiter zu finden, dessen Aufgabe es war, den Hufschlag (so hieß der Saumweg) am Ufer entlang einzuhalten und dafür zu sorgen, daß das Seil durch nichts gehindert werde. Es gehörte zu diesem Geschäfte so viel Geschicklichkeit wie Muth, denn nicht selten kam es vor, daß das Seil riß oder durch irgend ein Hinderniß in gefährliches Schwanken gerieth. In einem solchen Falle geschah es dann nur zu oft, daß Roß und Mann in den Strom geschleudert wurden.

Auch dem wackeren Zimmermann war dieses Loos beschieden. Als er einmal wieder abgestiegen, um einen Aufenthalt zu beseitigen, faßte ihn unvermuthet das Seil und schnellte ihn mit Riesenwucht weit in den Strom hinab, sodaß ihn derselbe trotz der zugeworfenen Stricke und Haken erst weit unten, aber ganz in der Nähe seines Heims, als Leiche an’s Ufer warf. Man brachte ihn der halbverzweifelnden Wittwe ins Haus und es mochte ihr ein schlimmer Trost sein, als ihr die Schiffsleute versicherten, daß er den Ehrentod im Berufe gestorben sei: das könne Jedem geschehen, sagten sie, „von dem Seile geschnackelt zu werden, aber er sei untergegangen wie ein Mann und habe nicht einmal nur Hülfe geschrieen …“ Mit ihm war das Glück und auch der kleine Wohlstand aus der Hütte verschwunden. Die Wittwe mußte nun darauf bedacht sein, selbst durch kleinen Erwerb das dürftigste Brod für sich und Gori, der damals kaum aus den Kinderjahren getreten, zu schaffen und um diesem Erwerbe nachgehen zu können, mußte sie fast immerwährend von Hause fort sein und den Knaben sich selbst überlassen.

Er kam natürlich selten zur Schule, aber er verwilderte nicht: der tüchtige Kern seines Vaters schien in ihm zu stecken. Er hatte nur ein trotziges und scheues Wesen, vermöge dessen er sich von Allen, auch seinen Altersgenossen, zurückzog und jede Annäherung zurückwies, bis man ihm allseitig den Willen that und ihn sich selbst überließ. Das Einzige, woran er mit einer Art Leidenschaft hing, war seine Mutter, und als mit der Kraft auch die Möglichkeit des Selbstverdienens gekommen, war es seine Lust und sein einziger Stolz, für sie zu sorgen und durch Arbeit ihren Zustand erträglich zu machen.

Das Alles sollte sich eines Tages ändern.

Es war der Tag, an dem er ein hübsches Mädchen kennen lernte, an das er sich, ungestüm wie er war, sogleich mit ganzer Gemüthskraft hing. Das Andenken des Vaters und auch die Mutter waren jetzt vergessen; er arbeitete wohl noch, ja angestrengter als bisher, aber nicht mehr für diese, sondern für das Mädchen, um ihr schenken und selbst so vor ihr erscheinen zu können, daß er mit den anderen Bewerbern, deren kein Mangel war, in die Reihe treten konnte. Wie durch einen Blitz, welcher gezündet hat, war ihm mit Einem Schlage der Unterschied zwischen seiner Stellung und jener der anderen, reicheren Bursche klar geworden, und der Trieb nach Besitz und Reichthum loderte grell in ihm auf. Der naheliegende Gewinn durch Schwärzerei trat verführerisch vor seine Seele. Er sah das Beispiel an Anderen, von denen man wußte, daß sie heimlich dasselbe Geschäft betrieben und sich dabei in Reichthum und Wohlleben befanden, und er folgte dem Beispiel. Der Erfolg blieb nicht aus. Er erwarb bald einen kleinen Schatz und sah mit zitternder Begierde den Tag immer näher kommen, an welchem er auch den Schatz seines Herzens in die mit Sorgfalt ausgebesserte und geschmückte Hütte als Frau einzuführen vermögen würde.

Die Mutter legte ihm nichts in den Weg. Seit dem Tode ihres Mannes war sie immer stiller und zuletzt tiefsinnig geworden und ließ Alles um sich her gleichgültig und theilnahmslos geschehen. Auch die Liebe des Sohnes schien sie nicht tiefer zu berühren, jetzt aber, da sich dieser von ihr abgewendet, vermißte sie dessen Zuneigung schwer und trachtete um so eifersüchtiger nach Zeichen derselben, als sie früher sich gleichgültig dagegen erwiesen hatte. Diese Gemüthsverstimmung war immer mehr gewachsen und zuletzt in einen an Stumpfsinn grenzenden Zustand übergegangen.

Da griff ein finsteres Schicksal zum zweiten Male in Gori’s Leben. Es kamen verhängnißvolle Tage, mit welchen die Nachricht durch die Dörfer lief, das Mädchen, das in wenig Wochen seine Frau werden sollte, sei Nachts von einem der vielen geländerlosen Stege, die in der Gegend über die Altwasser des Inn führen, hinunter gestürzt und als Leiche gefunden worden – nicht weit von der Stelle, an der einst der wackere Stangenreiter gelegen, und in gleichem Zustande, wie er.

Der Vorfall machte in der ganzen Gegend gewaltiges Aufsehen, und mit dem Gerücht flog der Argwohn durch das Land, als ob es bei diesem plötzlichen und unerwarteten Todesfall nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen sei. Aber mit dem Argwohn machten auch alle die Erwägungen die Runde, welche die Grundlosigkeit des Verdachtes unwiderleglich darthaten.

[492] Das Mädchen war am Morgen desselben Tages mit ihrem Bräutigam und dessen Mutter in’s Kaiserliche gegangen, um einige für den neuen Haushalt zu kaufende und drüben besser und billiger zu habende Gegenstände zu erwerben. Sie waren bald zurück und eben zur letzten Ueberfuhr über den Inn rechtgekommen, von wo dann der Weg abwechselnd durch buschige Niederungen, kleine Gehölze und über mehrere Nebenbäche und Altwasser führt, deren schmale, hohe Stege einen Wanderer voraussetzen, der die schwachen Bretter mit schwindelfreiem Auge zu betrachten und zu betreten vermag. Der Gedanke, daß das Mädchen nicht hinunter gefallen, sondern gestoßen worden, tauchte hier und da auf, aber es fehlte jeder Anhalt zur Begründung. Das Paar hatte sich sehr lieb; bei vielen Anlässen hatten Alle Gelegenheit gehabt, sich davon zu überzeugen. Sie waren schon im Pfarrhofe gewesen, um das Stuhlfest (Verlobung) zu machen, und sollte demselben in wenig Wochen die Hochzeit folgen. Selbst das Gericht hatte Erhebungen eingeleitet, ließ sie aber beruhen, als sich ein Zeuge fand, der den Vorgang mit angesehen und umständlich darüber berichtete, wie das Unglück sich zugetragen.

Nach dieser Aussage war der Zeuge noch am jenseitigen Ufer gestanden; es war Vollmond gewesen, derselbe hatte so hell geschienen, daß weithin Alles zu sehen und ganz genau zu erkennen war, wie am lichten Tage. Gori war voran auf dem Steg gegangen, weil der Vorsicht wegen immer nur Eine Person die dünnen Bretter betreten konnte – in beträchtlicher Entfernung hinter ihm folgte das Mädchen, schon von Anfang an ängstlich und unsicheren Schrittes. Als sie aber in die Mitte gekommen, stieß sie plötzlich einen Schrei aus, wankte – und taumelte im Nu in den Strom hinunter, gerade wo er mit besonderer Tiefe und Schnelligkeit dahinschoß. Die Unglückliche hob nur noch einmal einen Arm empor und versank dann ohne jede Möglichkeit, ihr zu Hülfe zu kommen. Hätte noch irgend ein Zweifel zu bestehen vermocht, so wurde er durch Gori’s Schmerz beseitigt, der anfangs zu so hohem Grade gestiegen war, daß man fürchtete, er werde sich ein Leid anthun.

Der Zeuge aber, der so entschieden aufgetreten, war Gori’s Mutter.

Nach einigen Wochen war das Ereigniß vergessen.

Gori benahm sich von nun an gesetzt und gelassen und war, wie um seinen Kummer zu vertreiben, noch arbeitsamer als vorher; es kam bald so weit, daß man den Burschen eher mit Mitleid, als mit Bedenken betrachtete und, als die Zeit des Spiels herbeigekommen war, keinen Anstand genommen hatte, ihn daran Theil nehmen zu lassen.

Textdaten
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Autor: Hermann von Schmid
Titel: Aufg’setzt.
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 31, S. 505–508
Fortsetzungsroman – Teil 5


[505] In kurzer Zeit hatte Gori seine Hütte erreicht, und nur ein kleiner Tümpel trennte ihn noch von ihr, der durch Hochwasser gebildet war und über welchen ein schwankes, leicht gelegtes Brett den Zugang bildete. Forschend, fast unsicher betrat er dasselbe; denn in der kurzen Zeit hatte der Charakter der Nacht sich rasch und völlig geändert. Unerwartet hatte ein starker Wind sich aufgemacht. der unheimlich durch die Erlen des Gebüsches fuhr und dichte Wolken heraufjagte, sodaß der Mond fast ganz von ihnen verdeckt und tiefe Finsterniß auf die vorige Klarheit gefolgt war; nur manchmal, plötzlich, mit einem Windstoß, blitzte oder zuckte die Helle wieder hervor. Als Gori die Mitte erreicht hatte, trat ein solcher Augenblick ein; der Mond brach rasch und so bestimmt hervor, daß sein volles Bild auf der Oberfläche des Tümpels stand, wie ein blasses Antlitz, das aus der Tiefe aufgetaucht war. Gori zuckte zusammen, wie vor einer Erscheinung; er schwankte und beflügelte seine Schritte, um ungefährdet Ufer und Hütte zu erreichen.

„Die dummen Gedanken!“ murmelte er unwillig. „Wenn es nur ‚was gäb‘, um die dummen Gedanken los zu werden! Dann wollt’ ich es mit dem Teufel aufnehmen.“

Aus der Hütte drang ihm schwacher Lichtschein entgegen; er schien bereits erwartet zu werden. Als er an die Thür trat, ging diese auf und die Mutter, das hochgehaltene Oellämpchen in der Hand, stand auf der Schwelle. Es war ein trauriges Menschenbild, das ihm mit dem grinsenden Behagen des Blödsinns entgegenlachte, nicht sowohl nach der körperlichen Erscheinung: denn wenn der Anzug auch im höchsten Grade armselig erschien, war doch etwas an ihm, was an frühere Ordnung und Reinlichkeit erinnerte – desto trübseliger aber war der Ausdruck der Verstörung und Verlorenheit in den zuckenden Zügen und den unheimlich starrenden Augen.

„Grüß’ Gott, Gori,“ sagte sie, die Thür hinter dem Eingetretenen zuziehend und mit der Holzklappe verschließend. „Weil Du nur da bist – ich hab’ schon lang auf Dich gewartet; der Vater ist auch schon zwei Mal dagewesen und hat nach Dir gefragt.“

Es war ein in ihr feststehender Wahn, daß ihr Mann nicht todt, sondern auf einem Schiffszuge abwesend sei, von welchem er von Zeit zu Zeit nach Hause komme und nachfrage.

Gori erwiderte nichts und warf einige blanke Kronenthaler auf den Tisch, den kleinen Lohn des Spiels, der aus der Einnahme zu einiger Entschädigung für Zeitversäumniß und Mühe gegeben wurde. „Da, nehm’ die Mutter!“ sagte er. „Für ein paar Wochen wird’s reichen bis ich wiederkomm’ – wenn ich wiederkomme,“ setzte er hinzu, indem er auf die schlechte Holzbank an der Wand niedersaß. Zugleich schob er den Laib Brod, den die Mutter mit einem Stück geselchten Fleisches und dem gefüllten Schnapsglase vor ihn hingestellt hatte, zurück und griff nach einem auf dem Sims liegenden Tuch, um sich das noch immer aus der Stirnwunde quellende Blut abzuwischen.

„Willst denn schon wieder fort?“ sagte sie Alte traurig, indem sie sich neben ihm auf einen kleinen Schemel niederhockte. „Bist ja kaum zur Thür herein und denkst schon wieder ans Fortgehen. – Kannst ja gar nicht, bist ja voll Blut.“

„Ich muß,“ erwiderte er finster; „ich hab’ ein wichtiges Geschäft und hab’ eher keine Ruh, bis das gethan ist. Das bissel Bluten stillt sich von selbst.“

„Was kann das für ein Geschäft sein? Und gar in der Nacht?“ fragte die Mutter, deren geistiger Zustand dem Spiele der Wellen glich; wie von diesen die eine auftaucht, um im nächsten Augenblicke vor einer anderen zu versinken, so wallten in ihrer Seele Gedanken und Gebilde hin und wieder, daß sie bald wie vernünftig, bald geistesabwesend erschien.

„Das kümmert die Mutter nichts. Ich will jetzt ausrasten,“ sagte Gori und wollte sich erheben, seine Lagerstätte zu suchen.

„Wohl, wohl kümmert mich das!“ rief sie, ihn festhaltend, indem ein Strahl des Lichts aus ihrem Auge zuckte. „Ich seh’ Dir’s an: es ist nichts Gutes, was Du im Sinne hast. Du mußt mir’s sagen; ich laß Dich nicht eher fort! – Hörst Du,“ fuhr sie sich rasch wieder verlierend auf, als der Wind am Fensterladen rüttelte, „hörst Du, der Vater ist schon wieder da.“

Gori lachte auf, konnte sich aber doch eines Schauders nicht erwehren. „Ha, was werd’ ich thun?“ sagte er, sich von ihr losmachend. Was kann ich thun? Alles, was ich anfang’, schlägt mir fehl; das hab’ ich vorige Nacht wieder gesehen. Schon hatt’ ich die Waare beinah’ am Gestade; Alles war auf’s Beste hergerichtet und der Platz vorgesehen, die Waare zu verstecken, wo am andern Tag der Kaufmann, der sie bestellt hat, sie hätt’ holen können, daß kein Hahn darnach gekräht hätte; nur noch eine Viertelstund’, und ich wär’ um hundert Gulden reicher gewesen; da, im allerletzten Augenblick, muß mich Alles im Stich lassen. Ich muß es darauf ankommen lassen, zu ersaufen

[506] oder wieder so elend zu werden, wie zuvor – elend und arm wie eine gebadete Maus. Was bleibt mir sonst übrig? Ich muß schauen, daß ich die Mutter im Gemeindehaus unterbring’, und muß in die weite Welt gehen; ich will’s einmal draußen probiren, daheim ist es ja doch, als wenn mir lauter Unglück aufg’setzt wäre.“

„Und giebt’s denn gar nix, was sich machen könnt’, daß Du bleibst und ich nit in’s Hirtenhaus muß?“ fragte die unglückliche Alte.

„Nichts,“ sagte Gori mit traurigem Kopfschütteln und mehr in sich hinein als zu der Fragenden. „Eins hätt’s gegeben. Das wär’ das Einzige gewesen! Das, wenn’s mir hinaus’gangen wär’, das hätt’ mich vielleicht wieder zusammengericht’ und ich hätt’ geglaubt, daß mir auch noch ein Mal ’was Gutes beschieden wär’. Aber mit dem ist’s vorbei. – Ich hätt’s mir’s aber vorher denken können, daß es nichts ist. Ich hab’s nimmer in mir, daß ich schmeicheln und schön thun kann. Ich sag’ Dir, Mutter, es ist besser, wenn ich geh’ … O Mutter, Mutter!“ setzte er plötzlich in’s tiefste Herz erschüttert hinzu, „warum hat sie mich auf die Welt gebracht? Warum hat sie mich nicht lieber erstickt, wie ich den ersten Schnaufer gethan hab’?“

Er glitt von der Bank, auf welche sich die Mutter neben ihn gesetzt hatte, herab, brach in’s Knie und verbarg die hervorstürzenden Thränen in ihrem Schooß. Sie legte ihm die Hand auf den Kopf und spielte ihm sinnlos in den Haaren. „So ist’s recht, da leg’ Dich her, mein Bub’, wenn Du schlafen willst,“ sagte sie, „ich will Dich einsingen – hab’s ja gar oft gethan.“

Sie begann mit zitternder Stimme eine Art Wiegenlied, er aber schnellte gleich wieder besonnen auf und zog die an ihn Geklammerte mit sich. „Laß mich, Mutter! Mir ist nicht zu helfen,“ rief er; „ich muß fort und will fort, ich muß das Geschäft machen; ich hab’ es geschworen und ich thu’ es.“

„Und ich laß’ Dich nicht,“ erwiderte die Mutter, deren Besinnung sich augenblicklich wieder erhellte. Die Wolken waren wieder darüber hinweggezogen. „Ich weiß nicht, was Du vorhast, aber es ist nichts Gutes. Ich laß’ Dich nicht, bis Du mir’s sagst.“

„Die Mutter will mich aufhalten? Das möcht’ ich mit ansehen,“ schrie er auflachend und schüttelte die schwachen Hände, mit denen sie ihn wieder gefaßt hatte, von sich.

„Ja, ich halt’ Dich, ich halt’ Dich doch,“ sagte sie mit eigenthümlicher Betonung. „Nicht mit meinen schwachen Kräften – aber mit einem einzigen Wörtel.“

„Das müßt ein starkes Wörtel sein,“ entgegnete er, indem er innehielt und sie anstarrte. Sie aber neigte sich etwas zu ihm und sagte mit gedämpfter Stimme: „Das Wörtel heißt: ‚Denk’ an den Steg über den Inn!‘ – Ich weiß Alles.“

„Und was weiß die Mutter?“ schrie Gori, dessen Gesicht die Blässe des Todes überzog, während sein Körper bebend zusammenbrach, wie der eines Sterbenden.

„Ich weiß, daß die Kathel nicht über den Steg hinuntergefallen ist – Du hast sie hinuntergestoßen.“

Gori fuhr auf und erhob die Faust über dem Haupte der Alten, als ob er sie darauf niederschmettern wollte – er faßte sich aber und drückte die Alte auf die Bank nieder. „Meinetwegen!“ sagte er dann dumpf. „Wenn denn die Mutter Alles weiß, dann soll sie auch wissen warum ich’s gethan hab’. Die Mutter denkt vielleicht noch daran, daß wir schon unterwegs einen heimlichen Disput mit einander gehabt haben – sie hat vielleicht geglaubt, es wär’ nichts als eine Neckerei, wie sie wohl Brauch ist unter Liebesleuten. Aber es war nit so. Die Kathl hat mir unterwegs die Lieb’ ausgesagt; sie hätt’ sich anders besonnen, hat sie gesagt: sie wollt’ nicht in eine solche Baracken hinein heirathen, wie die unserige; sie hätt’ andere und bessere Aussichten und wolle von dem Verspruch, den sie mir gegeben, zurückgehen. Ich war ganz außer mir. Mit aufgehobenen Händen hab’ ich sie gebitt’; geflennt hab’ ich, wie ein kleiner Bub’, sie soll mir die Schand nit anthun, sie aber ist fest dabei ’blieb’n. Wie wir nachher mitten auf dem Steg waren, hab’ ich sie nochmal gefragt, ob sie bei mir bleiben wollt. ‚Nein!‘ hat sie gesagt; da hat mich der Zorn über’gangen, und ich hab’ ihr einen Stoß gegeben. Ich hab’ nur noch gesehen wie sie nochmals aufgetaucht ist und den einen Arm ausgehoben hat aus dem wilden Wasser; dann ist sie unter’gangen, und mir ist’s gewesen, als müßt ich ihr nachspringen vor Wehthun im Herzen – aber ihr, der Falschen, ist’s recht geschehen.“

Er schwieg. Die Mutter saß wie versteinert. Es war nicht zu ersehen, ob sie die Erzählung vernommen und ihren Sinn gefaßt.

„Jetzt kann die Mutter sagen, daß sie ‚Alles weiß,‘“ begann Gori wieder. „Aber wie ist denn das? Warum hat dann die Mutter vor Gericht das Gegentheil gesagt?“

„Weil ich Dir hab’ helfen wollen,“ sagte sie, wie sich mühsam besinnend, „weil ich Dich noch immer gern gehabt hab’, wenn Du auch ein Mörder bist. Weil ich gemeint hab’, Du könntest doch noch umkehren und Dich bessern – deswegen hab’ ich falsch geschworen. Du bist verdammt, Gori – Du mußt in der Höll’ brennen in Ewigkeit; ich bin Deine Mutter und hab’ Dich nicht verlassen wollen. Wegen Deiner hab’ ich falsch geschworen. Ich will Dir’s nur sagen,“ fuhr sie mit kläglichem Wimmern fort, „deswegen kommt der Vater in der Nacht und klopft an den Laden – der brave Mann ist vom Mund auf in den Himmel gekommen – ich komm’ nimmer zu ihm; ich seh’ ihn nimmer. Drum kommt er und mahnt mich, daß ich mir das Herz wieder leicht machen, daß ich Alles angeben soll. Da ist er schon wieder,“ schrie sie plötzlich auf, als der Wind einen losgerissenen Laden an die Wand schlug. „Hörst? Er will herein; er will zu mir.“

Mit heftigem Aufschrei brach sie zusammen, von Zuckungen geschüttelt; der Sohn trug sie auf ihr ärmliches Lager. – Die ausgehende Lampe flackerte noch einmal auf; in ihm schlug ebenso ein entsetzlicher Gedanke empor – ein Druck an die alte schwache Kehle genügte, die einzige Zeugin seiner That zu beseitigen, die ihm wider Willen in ihrer Geistesverwirrung gefährlich sein konnte. Aber der Gedanke erlosch mit der Lampe.

„Nein, nein, das will ich nicht thun,“ sagte er, „es ist meine Mutter.“

Er ging in die anstoßende Kammer, um Geräte und Kleider zu sich zu nehmen; die erste Dämmerung sah ihn das Haus verlassen. Von draußen erst, durch das Fenster, warf er noch einen Blick auf die in betäubenden Schlummer versunkene Mutter.


3.

Die Nacht mit Sturm und Gewitter hatte sich verzogen und nichts zurückgelassen, als Spuren der Erquickung und Zeugen des Segens, den sie so reichlich gebracht, daß noch die Mittagssonne an den etwas gedeckteren Stellen sich in den Perlen spiegeln konnte, die, an den Blättern und Blumen hangend, noch im Verdunsten Duft und Kühle in die steigende Gluth der vorgerückten Tageszeit verhauchten. Ueber der ganzen Gegend ruhte die Stille des Friedens, die Heimischen beglückend, den fremden Wanderer zum Verweilen einladend. Besonders lieblich und kühl war es um die kleinen Bauernhöfe und Häuser her, die sich an den Abhang des Schloßberges schmiegten, auf welchem die Burg Falkenstein ihre altersgrauen ehrwürdigen Zinnen erhebt. Die sonnendurchschienenen Schatten dichter Obstbäume zitterten auf dem darunter hingebreiteten üppigen Rasen, in welchen Feldblumen aller Art bunte Farbenmuster stickten. Wie liebkosend strich der Ostwind durch die schwankenden Aeste, die sich mit ihrem saftvollen Grün kräftig abhoben von dem altersbraunen Holze der Gebäude und der ergrauten Dachung der Häuser. Bienen summten und schwärmten von halb eingebrochenen Ständen zwischen den Bäumen und Körben hin und zurück, und als ob auch er sich des Schatten- und Lichterspiels erfreue, sprang der kleine Bach rauschend und schäumend neben dem steilen Fußpfade herab, der zur Ruine emporführt.

Vor einer der kleinsten Behausungen formte sich ein besonders anmuthiges Plätzchen, an dem wohl Niemand vorübergegangen wäre, ohne einen Augenblick anzuhalten aus dem davor aufgeschichteten Holzstoße oder dem daneben gestellten Klotze zum Dengeln der Sensen und einen Blick auf die freundliche Umgebung zu werfen. Eine ganz zu dem Bilde passende Staffage bildete das Mädchen, das auf der Hausbank neben der Thür saß, ein Stück grober, aber blendend weißer Leinwand auf dem Schooße, und so emsig mit Nähen beschäftigt, als ob sie, wie das Sprüchwort sagt, keine Zeit gehabt hätte, wenn ihr ein Auge hinunterfiele, es aufzuheben.

[507] Es war Gertl.

Sie hatte, ihrem Vorsatze getreu, als es kaum zu grauen begann, sich in dem Hause hinter der Ruine aufgestellt, das dem Baumann zur Wohnung dient, der die Wirthschaft des gräflichen Eigenthümers zu besorgen hatte. Die Arbeit war im feuchten Gras und in der Morgenfrische so flink von Statten gegangen, daß sie schon gegen Mittag beendet war und Gertl unerwartet einen halben Feiertag gewann, den sie für häusliche Arbeiten auszunützen bemüht war. Ueber das Dach breitete ein Aepfelbaum seine Krone; ein Fink hatte sein Nest in dieselbe gebaut und trippelte zutraulich vor den Füßen des Mädchens herum, die Brosamen, die sie ihm zuwarf, für seine zwischernden Jungen aufzupicken und heimzutragen.

Plötzlich flatterte das Vöglein verschüchtert auf und Gertl wendete sich um, die Ursache der Störung zu erfahren.

In dem Stubenfenster hinter ihr war eine ältliche Frau erschienen und hatte sich, ihr zusehend, mit beiden Armen auf das Gesimse gelehnt. „Ich hab’ mir’s ja eingebild’t,“ sagte sie, „daß Du wieder an der Nähterei bist, als wenn’s sonst im Hause nichts zu thun gäb’. Ich darf mich im Stall abplagen mit Futtern, Einstreuen und Melken, und Du sitzest da und laß’st Dir wohl sein wie eine gnädige Frau.“

„Fang’ nur nicht gleich wieder zu brummen an, Mutter!“ erwiderte das Mädchen mit anmuthigem Lachen. „Du gewöhnst Dir’s noch so an, daß Du gar nichts anderes mehr thun kannst als brummen. Die Nähterei muß doch auch geschehen, und heut ist gerade eine rechte Zeit dazu, Du wirst schon zufrieden sein damit, wenn Du erst einmal Staat machen kannst in der neuen Pfaid (Hemd) mit den Falbeln, die ringsherum gehen wie ein Kranz.“

„Ich wollt’,“ sagte die Mutter, „Du könntest Dir einmal Dein Brauthemd nähen; nachher wollt’ ich gern ein Aug’ zudrücken. Aber da wird noch viel Wasser im Inn hinunterrinnen, bis ich das erleb’.“

„Fangst schon wieder an mit dem alten Tanz?“ fragte Gertl.

„Muß ich denn nicht, wenn Du nicht auf mich hörst und mir nie Stich hältst, wenn ich davon anfang’? Es muß einmal ein End’ hergehn mit der Sach’. Ich bin in den Jahren, wo man seine Ruh’ haben möcht’, und Du bist in denen, wo Du einen Mann haben und anfangen solltest selber zu hausen. Ich muß mich plagen vom Morgen bis in die sinkende Nacht, nur daß wir das Maul fortbringen; das Sach’l (Gütchen) ist einmal zu klein. Darum solltest Du heirathen und einen Mann nehmen, der ein paar hundert Gulden mitbringt, damit Ihr Euch leichter haust und die Sach’ verbessern könnt’. Ich muß Dir sagen, ich hab’ die Fretterei (danklose Mühsal) jetzt von Herzen satt.“

„Red’ nicht so, Mutter!“ sagte Gertl ernsthaft. „Es ist uns noch nie ’was abgegangen bis heut und soll’s auch nicht, so lang ich mich rühren kann. Schau, ich spür’ halt noch gar keinen Beruf in mir zum Heirathen. Ich bin jung; ich hab’ noch Zeit – es ist immer früh genug, wenn ich in’s Schlaghäus’l muß.“

„Ja, ja,“ rief die Mutter entgegen. „Du möchtest halt so fortspielen wie ein Kind und Gott einen guten Mann sein lassen. Ich hätt’s in meinem Leben auch gern so gut gehabt, wie eine Henn’, die in der Früh ihr Ei legt und nachher mit dem Gockel spazieren gehen darf. Aber das geht halt nicht so auf der Welt; Du mußt Dich doch einmal entschließen und einen Buben nehmen.“

„Aber wenn ich halt kein’ mag?“

„Ist’s denn möglich, daß Dir von allen Burschen kein Einziger gefällt? Daß sich noch bei Keinem ’was gerührt hat unter’m Mieder? Ist’s wirklich so? – Ich fürcht’ alleweil, Madel, Du hast andere Gedanken und bist eine heimliche Planistin. Schau mir einmal in’s Gesicht, Gertl, und sag’, daß Du mich nicht anlügst!“

Ueber die Wangen des Mädchens zog liebliches Roth, aber sie schlug offen die Augen auf, um in die der Mutter zu sehen. „Wie werd’ ich denn Dich anlügen, Mutter? Es ist gewiß und wahrhaftig so.“

„Na,“ entgegnete die Mutter, „nachher weiß ich nicht mehr, wie es jetzt in der Welt zugeht. Wie ich jung gewesen bin, haben’s die Madeln ganz anders gemacht. Ich kann mir halt nicht helfen; ich sorg’ und sorg’ immer, Du wartst, bis irgend ein Prinz daher kommt.“

„Der wird nit kommen,“ sagte das Mädchen lachend, „und wenn er käm’, müßt’ ich mich erst wohl besinnen, ob ich eine Prinzin werden möcht’. Von den Bauernburschen wüßt’ ich gleich gar nit, wie ich’s anstellen sollt’, einen zu nehmen. – Es hat ja noch gar keiner angeklopft, und ich kann mich doch nicht selber antragen.“

„Das brauchst auch nicht,“ erwiderte die Mutter. „Es giebt Burschen genug und sie werden schon kommen, wenn sie nur einmal erst merken, daß sie kommen dürfen. Da wär’ gleich der Zimmermann, der Schnapsbrenner-Gori.“

„Mutter!“ ries Gertl, sich rasch nach ihr umwendend und von dem Roth des Abscheus überflogen, „das ist nit Dein Ernst –!“

„Es giebt auch Andere. Da wär’ der Niederhauser Franzl von Fischbach, gewiß ein braver und sauberer Bursch’.“

Gertl lachte. „Sauber? – Schaut ja mit jedem Aug’ in eine andere Welt.“

„Oder der Zimmerpauli von Flintsbach?“

„Der ist ja einseitig und hinkt mit einem Fuße.“

„Der Steinhauer-Baltes?“

„Der Ries’? Neben dem säh’ ich ja aus, wie das Davidl neben dem Goliath.“

„Mit Dir ist nix anz’fangen,“ sagte die Mutter. „Du mußt Dir halt einen Mann kücheln, und ich seh’ es voraus, Du überspannte Dingin, daß Du überbleiben wirst. Aber ich sag’ Dir’s, daß ich nimmer lang’ zuwart’ – bis zum Herbst muß die Sach’ in Ordnung sein. Wenn Du Dir bis dahin kein’ ausg’sucht hast, nachher –“

„Was nachher?“

„Nachher – such ich Dir einen aus. Oder ich heirath’ selber nochmal. Ja, lach’ nur, das thu’ ich.“

Sie verschwand vom Fenster und ging in die Stube, kehrte aber bald wieder.

„Da fällt mir g’rad noch ein,“ sagte sie, „vor ein paar Tagen ist der hochwürdige Herr Probst vom Petersberg vorbeigegangen und hat gesagt, er könnt’ Eier brauchen. Ich hab’ drinn’ ein Körbl zusamm’ gericht'; das kannst Du hinauftragen, weil Du doch einen halben Feiertag machst. Das ist gerad’ ein rechtes Geschäft.“

Die Mutter ging. Die Tochter nickte zustimmend und machte sich wieder über ihre Näherei her; bald aber versank sie in Gedanken, daß die Nadel im Stiche stecken blieb und die Hände sich in ihrem Schooße zusammenfalteten. Das Gespräch der Mutter machte sie nachdenklich. Die Sache war schon oft zwischen ihnen verhandelt worden, aber immer hatte sie auszuweichen gewußt. – Sie war aber doch klug genug, sich zu sagen, daß es nicht immer so fortgehen könne und die Zeit kommen müsse, wo sie ihre liebe Freiheit opfern, dem Willen der Mutter nachgeben und sich in ihre Bestimmung fügen müsse, die Frau eines Mannes zu werden.

Besonders wollte ihr die Gewissensfrage der Mutter nicht aus dem Sinn, ob ihr denn noch nie ein Bursche gefallen, ob es ihr bei Keinem wärmer um’s Herz geworden? Sie sann und sann; wie in einem alten Buche, das man aufschlägt, um seine Erinnerungen aufzufrischen, blätterte sie in ihrem Leben zurück; aber Blatt um Blatt und Tag um Tag zogen vorbei, ohne daß auch nur die schwächste Erinnerung aufstieg, ohne daß zwischen den Blättern sich auch nur das geringste Merkzeichen fand, wie man sie wohl einzulegen pflegt, damit sie mit uns alt werden, welken und dennoch jung bleiben trotz des Welkens. Mit einem Male zuckte ihr ein leichtes Lächeln um die feinen, frischen Lippen; sie lachte halb laut vor sich hin. Es war ja auch gar zu lächerlich, als ganz aus der fernsten Kinderzeit, wie schon in der vergangenen Nacht am Steinkreuz, der Krauskopf des Försterbuben auftauchte, der immer auf dem Schulwege ihr Camerad und Begleiter gewesen und der ihr verloren gegangen war, um ihm nicht wieder zu begegnen im Leben. Sie sah ihn vor sich, als wäre es erst am vorigen Tage gewesen; sie glaubte seine einschmeichelnde Stimme zu hören und die Hand zu fühlen, die er ihr gereicht, wenn es galt, einen Stein im Wege zu übersteigen oder ein Wässerlein zu überhüpfen; sie mußte sich gestehen, die Erinnerung an den kleinen Franzl war die einzige Stelle, aus welcher ein Blümchen der [508] Neigung Wurzel gefaßt, aber die gänzliche Trennung und die Länge der Zeit hatten es auch welken und verdorren gemacht.

So tief war Gertl in die Betrachtung und Gewissensforschung versenkt, daß sie gar nicht gewahr ward, wie der alte Maler-Anderl den Fußweg heraufstieg und, als er sie bemerkte, anhielt, dann aber behutsam näher schlich. Sie fuhr erst, beinahe erschrocken, auf, als er neben ihr auf dem Dengelblock saß, Kinn und Hände auf einen Stock gestützt und sie mit lächelnder Miene betrachtend.

„Was ist’s, Gertl?“ sagte er. „Machst Kalender? Oder geht Dir noch die Genoveva im Kopf um?“

„Grüß Gott, Maler-Anderl!“ sagte Gertl erfreut, indem sie sich erhob und dem freundlichen Alten die Hand bot. „Gerad’ hab’ ich anfangen wollen mit dem Kalendermachen!“ sagte sie, „aber ich bring’ die Feiertag und vor Allem das Wetter nicht recht für einander. Wie kommst denn Du daher auf den Falkenstein?“

„Das ist doch keine Frag’,“ lachte Anderl, ihren Handschlag herzlich erwidernd. „Deinetwegen bin ich da, wenn ich gleich noch was Anders zu thun hab’ und gleich zwei Fliegen mit einem Schlag treffen möcht’. Der eigentliche Grund aber ist doch nur, daß ich zu Dir will. Meinst, der Maler-Anderl könnt’ es vergessen, wie Du ihm gestern aus der Noth geholfen und die Genoveva gespielt hast, so hübsch, wie es die Müllernandl in Ewigkeit nit zuweg gebracht hätt’? Ich hab’ Dir wohl schon gestern meine Meinung gesagt und Dir gedankt, aber damit ist’s noch lang nicht aus; drum ist es mir recht lieb, daß ich Dich so schön daheim antreff’. Da ist also,“ fuhr er fort, ihre beginnende Antwort abwehrend und ein kleines Päckchen auf die Bank legend, „da ist also zuerst das Spielgeld, das Jedes kriegt und das Keins so gut verdient hat wie Du, und nachher zum Zweiten mußt Du von mir ein kleines Andenken nehmen für die große Freud’, die Du mir gemacht hast.“

„Ich bitt’ Dich, Anderl,“ sagte sie, „es ist ja nicht der Mühe werth.“

„Laß’ Du mich machen!“ entgegnete er, „das verstehst Du nit; Du hast keinen Begriff von der Freud’, die Du mir altem Mann gemacht hast, der Niemand und Nichts mehr hat, was ihm an’s Herz gewachsen wär’. Die Komödie ist meine einzige, meine letzte Freud’, und weil die so glücklich wieder herausgekommen ist, will ich mich gern auf die Hobelschnitten in der Truhen niederlegen. Da hab’ ich einen alten angeöhrelten Ducaten … Meine gute Alte – Gott hab’ sie selig! –“ fuhr er fort, hielt aber gleich wieder inne, weil ihm, als er die Münze aus der Umhüllung hervorholte, das Wasser in die Augen schoß – „meine Mariann’ hat ihn zu allen heiligen Zeiten um den Hals getragen; es ist noch das schwarze Sammtbändl dran … natürlich nicht mehr ganz neu, aber das macht nichts. Den Ducaten mußt Du von mir nehmen und tragen, und wenn der Anderl schon längst begraben ist, denkst Du dabei an die heilige Genoveva und betest ein ‚Vater Unser‘ für mich.“

„Das ist ja allzuviel,“ entgegnete Gertl bewegt. „Ich hab’ schon sagen wollen, daß ich nichts annehm’ von Dir, aber bei einer solchen Gab’, da kann ich freilich nit Nein sagen. Will den Anhenker nehmen und in Ehren halten; darauf kannst Dich verlassen.“

„Recht so,“ rief er erfreut, „und jetzt reden wir nicht mehr davon. Ich kann mich nicht genug wundern, wenn ich Dich so anschau, wo Du denn das Zeug so hergenommen hast zu der Genoveva – es ist doch ein biss’l an Dir, daß Du hexen kannst.“

„Leider Gottes nicht,“ lachte Gertl. „Sonst wüßte ich wohl, was ich mir herbeihexen thät’.“

„Was wär’ denn das? Darauf wär ich g’spitzt.“

„Vielleicht kannst Du helfen. Die Mutter plagt mich immer so mit dem Heirathen – kannst Du mir keinen Hochzeiter herzaubern?“

„O Du närrische Dingin, da braucht es nichts zu zaubern. Noch hast Du’s nicht versucht, Mad’l, und wann die rechte Stund’ geschlagen hat, kommt der Hochzeiter von selber, aus der Versenkung heraus, wie ein Geist in der Komödie. Wie’s Stichwort fällt, ist er auch da; das ist Alles aufg’setzt in der Welt.“

„Aufg’setzt?“ sagte Gertl lachend. „Bist Du auch Einer von denen, die solches Zeug glauben? Nichts ist dem Menschen aufg’setzt; wie sich Jedes bettet, so liegt’s. Wenn ich so ’was hör’, fällt mir alleweil das Schnaberg’sangl ein:

‚Der Guld’ ist der letzt’ –
Schenk’s mir ein noch a mol;
Mir ist’s schon aufg’setzt,
Daß i a Lump bleib’n soll.‘“[WS 1]

„Ja, aber anders heißt’s auch,“ sagte Anderl, sogleich in die von dem Mädchen angestimmte Weise lustig einfallend:

„Koa oanschicht’ge Täubin –
Kommt der Täuber dazu;
Es is schon so auf’gesetzt:
Zum Madel der Bua.“

„Ja lach’ Du nur!“ fuhr er fort, „es ist doch so. Ich könnt’ Dir an viele Beispiel’ erzählen und hab’s selbst erlebt. – Du weißt vielleicht,“ begann er, indem er sich bequemer zurecht setzte, „ich bin in Tegerndorf daheim. Mein Vater war der Schwab, und ich hätt’ auch den Hammer in die Hand nehmen und am Ambos stehen sollen, aber ich hab’ halt keine Lust dazu g’habt; das Zeichnen und Malen hat mir besser gefallen, und ich hab’ Wichs g’nug ’kriegt von der Schul’, wenn ich wo eine weiße Wand gefunden und meine Mann’ln drauf geschmiert hab’. Der Vater hat mir endlich nachgegeben und hat mich zum Maler in die Lehr’ gethan; der Maler hat mich auch gern genommen und hat mich gelobt und hat gemeint, ich sollt’ ganz bei ihm bleiben und dann einmal sein Töchterl heirathen – ein dreijähriges Kind, das mir selbiges Mal unter den Füßen ’rumgegangen ist. Das war mir aber viel zu gering; darum bin ich fort auf die Münchener Schul’ und, weil mein Vater bald darnach gestorben ist, viele Jahr’ gar nimmer heim’kommen nach Tegerndorf. Ich bin hundert Meilen Wegs davon gewesen in meinen Gedanken, daß ich einmal mein Lebtag in dem Nest bleiben wollt’, und wie ich gemeint hab’, ich hätt’ ’was Ordentliches gelernt, hab’ ich kein’ anderen Gedanken mehr gehabt, als nach Italien zu gehen und ein berühmter Maler zu werden. Hab’ mich auch bald mit ein paar Cameraden auf den Weg gemacht und in eine Lohnkutsche gesetzt und bin gottvergnügt und ganz stolz da unten auf der Landstraß’ gegen Kufstein daher gefahren. Da ist ein Rad am Wagen gebrochen; der Wagen fällt um; mein linker Fuß war auch abgebrochen. Jetzt hat’s geheißen, Geduld haben und still liegen! Man hat mich nach Tegerndorf hineingetragen – der Schmied, der mein väterliches Haus gekauft hat, war ein wildfremder Mann, der Maler aber hat mich noch erkannt und in sein Haus bringen lassen. Da bin ich bis zum Winter gelegen, eh’ mein Fuß so weit geheilt war, daß ich wieder an’s Reisen hab’ denken können. – Ich hab’ aber nimmer daran gedacht; das kleine Mädel, das früher am Boden herum’krabbelt war, das war inzwischen ein großes Mädel geworden, ein schönes dazu, ein liebes und ein gutes. Es ist wider meinen Willen gegangen, wie der alte Maler es zuvor im Sinn gehabt hat: ich hab’ die Tochter geheirathet und bin in dem Bauernnest sitzen geblieben. Bin freilich kein berühmter Maler geworden, aber es hat mich doch nicht gereut. – Nun soll mir ein Christenmensch sagen, ob mir das nicht aufg’setzt gewesen ist?“

„Spaßig ist’s schon,“ sagte Gertl nachdenklich. „Da möcht’ man sich ja frei fürchten, und es ist nur gut, daß man nicht wissen kann, was Einem aufg’setzt ist.“

„Warum nicht wissen können?“ lachte der Alte. „Nichts leichter als das! Da giebt’s Mittel genug.“

„Sei still, sei still mit den Sachen!“ rief Gertl abwehrend. „Du meinst das Bleigießen in den rauhen Nächten?“

„Nun, dafür kennst Du den Maler–Anderl, daß er an nichts solches denkt – nein, was ich mein’, ist ein Mittel, an dem gar nichts Unrechtes ist.“

„Was wär denn das für ein Mittel?“

„Du kennst doch den Petersberg? Da, gleich oben über der Maiwand und kleinen Matron? Das kleine Kirch’l, das droben steht?“

„Versteht sich! Bin ja hundertmal droben gewesen, am Peterstag und wenn’s sonst etwas zu thun giebt.“

„Und hast noch nie gehört, was man von dem Kirch’l erzählt?“

„Kein Sterbenswort!“

„Das Kirch’l,“ begann er zu erzählen, „ist uralt. Es ist schon vor der römischen Zeit gestanden, und es heißt gar, es wäre einmal ein Götzentempel gewesen. Es kann auch wohl sein; denn [509] alt und ungewohnt genug schaut’s aus. – Nun also – bei dem Kirch’l ist die Kraft: wer wissen will, wen er einmal heirathet, und wer in dem Glauben hinaufsteigt und am Hochaltar niederkniet, der erfährt’s, wen er heirathet. Da muß das Andere, das ihm bestimmt ist, in derselben Secunde her, und wenn es hundert Stund’ weit weg wär; nur über’s Meer darf es nicht sein – da hat der heilige Petrus keine Macht.“


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Autor: Hermann von Schmid
Titel: Aufg’setzt.
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 32, S. 521–524
Fortsetzungsroman – Teil 6


[521] Der Alte sprach mit Nachdruck und Ernst; dennoch sah ihn Gertl mißtrauisch an, ob nicht um seinen Mund ein Lächeln spiele, denn er war dafür bekannt, daß er gern mit Jedem Schalkerei trieb, wo es nur anging. – Aber in den Zügen des Alten war keine Veränderung wahrzunehmen, und trotz ihrer gläubigen Ueberzeugung von der Unmöglichkeit solcher Dinge und von dem Unrecht, daran zu glauben, war sie doch durch die Zuversicht des klugen Alten und durch das aus seinem Leben erzählte Ereigniß etwas unsicher geworden.

„Meinetwegen!“ sagte sie dann, wie um sich selbst aus der Klemme zu befreien, in die sie gerathen war. „Was geht’s mich an? Ich kann’s und will’s für alle Fäll’ erwarten, was mir unser Herrgott schickt.“

„So ist’s recht, Gertl,“ sagte Anderl aufstehend. „Bei der Gesinnung bleib’! – Es ist aber deswegen nichts Unrechtes, wenn man auch von solchen Sachen discourirt. Jetzt muß ich machen, daß ich weiter komm’. Ich bin ein sauberer Bot’; ich sollt schon längst über alle Berg’ sein und komm’ bei Dir so in’s Schwatzen.“

„Wo willst denn noch hin?“ fragte Gertl, indem sie ihre Nähterei zusammen schlug und auf’s Fenster legte.

„Nimmer weit,“ entgegnete Anderl. „Der Wirth in Flintsbach hat gehört, daß ich zu Dir heraus will, da hat er mir einen Brief mitgegeben, den ein reitender Bote extra gebracht hat. Er gehört einem von den Malern drüben in Brannenburg, der auf den Falkenstein hinaus ist, um das verfallene G’schloß aufzunehmen.“

„Den Gang kannst Deinen alten Spazierhölzern ersparen,“ rief Gertl. „Ich geh’ am Schloß vorbei, ich muß hinaus auf den Petersberg, denn der hochwürdige Herr Propst hat Eier bestellt; die muß ich ihm bringen.“

„Das trifft sich ja prächtig!“ rief Anderl. „Da hast Du den Brief. Dann kehr’ ich gleich wieder um und sag’ dem Wirth, daß die Post bestellt ist. Es giebt ohnehin in dem Komödiestadel noch eine Menge zu thun; denn daß Du’s nur weißt, am nächsten Sonntag muß das G’spiel wieder sein. Kannst Dich herrichten auf die Genoveva.“

„B’hüt Dich Gott!“ sagte Gertl, indem sie den Henkelducaten in der Hand hielt und anlegte. „Da hinauf sieht mich Niemand; da ist’s kein’ Hoffahrt, wenn ich Dein Andenken gleich umbind’.“

„Thu’s nur!“ sagte er, „es kann Dir nichts Anders bedeuten, als was Gutes, weil’s gut gemeint ist. Also nochmal, behüt’ Dich Gott bis zum Sonntag!“

Er stieg den etwas mühseligen Steg abwärts, während das Mädchen in das Haus hineinrief, sie wolle den aufgetragenen Gang zu Seiner Hochwürden dem Herrn Propst antreten. Aus Scheune oder Kuhstall erscholl, durch die Ferne gedämpft, der beistimmende Zuruf der Mutter; als Gertl sich der Anhöhe zuwendete, rief ihr noch von unten herauf der Maler stillstehend nach:

„Noch Eins, Gertl! Weil Du doch so nah’ an’s Peterskirchl hinkommst, schau zu, ob es Dich nicht hineinreißt! Am Sonntag frag’ ich dann, wie’s Dir gegangen ist.“

„Brauchst keine Sorg’ zu haben,“ rief sie lachend zurück, „ich weiß noch ein Gesetzl von Deinem Schnadahüpfel:

‚Die Aepfel, die zeiti san,
Hab’n braune Kern;
Und was mir ’mal aufg’setzt is,
Werd’ i schon hör’n.‘“

Den Brief an den Maler in’s Mieder steckend, stieg sie bergan und hatte mit raschen Schritten bald die Stelle erreicht, wo von der längst verlassenen Straße ein kleiner Seitenpfad an den halbverfallenen Thorbogen mündet, hinter welchem wohl einmal die Zugbrücke den tiefen, jetzt baumbewachsenen Graben überwölbte, durch den von der steilen Höhe der Maiwand herab der Gießbach sich den Thalweg gewählt hat. Sie trat in den kleinen Burghof, den zerbröckelte Mauern umfaßten, überragt von einem steil aufragenden Giebel, dem einzigen Ueberrest der früheren Capelle, und den ein üppiger Grasteppich ausfüllte, dessen Farben fast verschwanden unter der Menge der darüber gebreiteten Vergißmeinnichte. – Gegenüber, unter einem krumm gewachsenen Nußbaum, führte ein von Dornbüschen, Haselstauden und Nesseln überwachsener Schuttkegel in den obern Burghof, aus welchem der graue viereckige Römerthurm so stolz und gewaltig emporstieg, als wüßte er, welch’ gewaltiger Zeit und welch’ mächtigem Volk er die Erinnerung zu wahren habe.

Gertl spähte nach allen Richtungen, den Maler zu entdecken; sie sah auch in den verwilderten Garten hinab, wo nur noch einige Reihen altersmürber, bemooster Obstbäume von längst vergessener Pflege zeugten; nirgends war eine Spur des Künstlers zu entdecken. Es blieb ihr zuletzt nichts übrig, als nach dem hinter der Ruine unweit des Wasserfalls stehenden Bauernhause zu sehen und Nachfrage zu halten.

[522] Indessen war der Ruine bereits andere Gesellschaft geworden.

Dem Oberforstrath hatte am Morgen die Gegend den günstigen Eindruck des Abends vollauf bestätigt. Lina stimmte bei, und auf das Wort des Gymnasiasten, der vor Begierde brannte, die Ruine einer wirkliche Ritterburg zu durchwandern, wurde beschlossen, den Tag zu einem Ausflug nach dem Falkenstein zu verwenden. Mit Entzücken wurde die herrliche dreifache Aussicht bewundert, welche nach der einen Seite das weite, kaum übersehbare Flachland mit seinen bethürmten Dörfern, Schlössern und Märkten öffnete, nach der andern das Innthal mit den Schroffen des majestätischen Wildkaisers, gegenüber aber, hinweg über lachende Fluren und den mächtige Strom, die wunderlich geformten Hörner und Zacken des Heuberges zeigte. Der Vater wurde bald von dem herrlichen Waldstand an den Bergen zu einem Waldgange angelockt.

Lina, welche heute erst vollauf die Nachwehen des gestrigen schmerzlichen Schreckes empfand und, wenn möglich, über Nacht noch blässer geworden war, hatte sich im Schloßhofe eine Stelle gesucht, um den Thurm mit dem alten Nußbaum zu skizziren; Karl aber schwelgte in einem längst ersehnten Genuß. Er hatte ein Miniaturbändchen mit Matthisson’s Gedichte eingesteckt, um dessen Elegie „In den Ruinen eines Bergschlosses geschrieben“ auch „in den Ruinen eines Bergschlosses“ zu lesen.

Leider wollte die erwartete Wirkung sich nicht einstellen – wie er auch laut und mit begeisterter Stimme sprach: das Gedicht blieb Gedicht und wollte sich nicht verkörpern. Schon als er begann:

„Schweigend, in der Abenddämm’rung Schleier
Ruht die Flur – das Lied der Haine stirbt –“

wirkten gleich die ersten Worte wie abkühlende Tropfen. Es war ja nicht Abend; die Flur ruhte nicht, überall regte sich vielmehr das vollste Leben, und anstatt zu sterben, schmetterte das Lied der Haine erst recht lustig aus den Baumwipfeln des einsamen Ortes. Dafür gelangte die in den letzten Absätzen ausgedrückte hohe Wehmuth über die Vergänglichkeit aller Erdengröße zu desto schönerem Ausdruck. Der einzige menschliche Zuhörer, seine Schwester, war heimlich ergriffen, und als er zu den Worten kam:

„Süße Liebe! Deine Rosenauen
Grenzen an bedornte Wüstenei’n“,

schlug sie ihr Skizzenbuch zu und schritt auf der von Büschen umsäumten breitem Schloßmauer gegen den Thurm entlang, um mit sich und ihren Gefühlen allein zu sein.

Ein breiter, von Rosen überwachsener Thorweg führte zu diesem, einst dem Haupteingange der Burg hinan; in der weiten, modrigen Halle stieg eine leicht gezimmerte Treppe in die oberen Stockwerke; unter derselben gähnte dem Eintretenden eine schwarze Höhlung entgegen; der nun verschüttete Eingang in die Kellergewölbe, von deren geheimen Schätzen manche Sage im Volke umging, war damals nur mit Mühe und nicht ohne Gefahr zu betreten. Sinnend ließ sie sich auf losgelösten und herabgefallenen Steintrümmern nieder; Bilder der Vergangenheit zogen an ihr vorüber; Bilder der Zukunft dämmerte auf: Zeichen und Sinnbilder, für beide brauchte sie nicht weit zu suchen. An einem Strauche wilder Hagerosen, der neben ihr am Gemäuer emporrankte, waren schon die meisten Blumen verblüht, und die Blätter lagen abgefallen und zerstreut auf dem Schutthaufen umher. Sie erkannte sich selbst darin. Sie blickte empor in die mächtige Halle, die über ihr aufstieg, und sie mußte des stattlichen Baues gedenken, den dieselbe einst getragen und der sie nun in seinen Trümmern umgab. So waren die Rosenauen ihrer Liebe verblüht; so war auch das Gebäude ihrer Träume und Hoffnungen eingestürzt, und was davon geblieben, war Schutt, auf welchem Dorngestrüpp wucherte und nur die Erinnerung hier und da ein verbleichendes Rosenblatt fallen ließ.

Sie gedachte der Zeit, als Linkow in voller Jugendschönheit zum ersten Male vor sie getreten war, frei und offen, ein echter Künstler, dessen Namen trotz seiner Jugend der Ruhm bereits auf seine Fittige genommen hatte. Der erste Funke eines Gefühls, das sie nie gekannt, war damit in ihr junges Herz gefallen und entglomm stärker mit jeder Begegnung, bis die Flamme, aus beider Herzen emporlodernd, über ihren Häuptern zusammenschlug. Auch dem Oberforstrath hatte der ansehnliche junge Mann einen guten Eindruck gemacht. Seine Verhältnisse waren offenbar die eines reichen Adeligen, der die Kunst mehr zum Vergnügen betrieb, sie aber doch in einer Weise übte, welche zur Ehre auch Gewinn verhieß – er glaubte seine einzige Tochter nicht in bessere Hände geben zu können. So war denn bald die Verlobung angesetzt, und das Fest schien ganz dazu angethan, den Anfangsring für eine Kette von glückseligen Tagen und Jahren zu bilden. Eben wollte sich der Vater erheben und den versammelten Verwandten und Freunden festlich das frohe Ereigniß verkünden, als ein Fremder gemeldet wurde, der ihn ohne Aufschub sofort zu sprechen wünschte. Es war der Oheim Linkow’s, eigens aus Berlin gekommen, um gegen die Verbindung desselben die ernsteste Einsprache einzulegen.

Der junge Mann war bereits gebunden, in einer durch Familien- und Erbverträge gesicherte Weise gebunden, welche das Wohl und Wehe ganzer Geschlechter von dieser Verbindung abhängig machte. Dazu kam der entschiedene Wille des Vaters, der mit Enterbung, Verstoßung und Fluch drohte. Linkow, im Feuer seiner Liebe, hatte das verschwiegen, weil er trotz der bestimmtesten Versicherungen des Gegentheils immer auf Einwilligung gehofft und dieselbe schließlich durch eine vollzogene Thatsache zu erzwingen gemeint hatte.

Jetzt war der Schleier zerrissen, das Geheimniß enthüllt und der Abgrund, der es verborgen, lag offen da. Ein plötzliches Unwohlsein des Vaters mußte den Vorwand geben, das Fest zu unterbrechen und die Verlobung zu verschieben. Des andern Tages war Oskar von Linkow mit dem Oheim abgereist; den Vater und Lina entführte eine Reise zu Verwandten. Von Linkow kamen wohl einige Male Briefe, welche indeß die Wachsamkeit des Oberforstrathes zu unterdrücken wußte.

Fast drei Jahre waren verflossen, seitdem auch die Briefe aufgehört hatten.

In der Einsamkeit und Stille des Ortes, welche ihr den eigenen Pulsschlag hörbar machte, stürzte nun die ganze Wucht der Vergangenheit auf Lina’s noch immer blutendes Herz, das mit der Zukunft abgeschlossen hatte; sie war wie eine jener weißen Wasserrosen, welche nur einmal blühen, um dann für immer auf den Grund zu versinken.

Schritte, welche sich über die Thurmtreppe herab näherten, schreckten sie empor. Sie sprang auf und wollte entfliehen – es war zu spät. Linkow stand ihr auf der letzten Treppenstufe gegenüber; sie konnte nicht ausweichen; sie mußte ihn entweder an sich vorübergehen lassen oder sich entfernen – das letztere verschmähte sie, weil es einer Flucht geglichen hätte, die ihrer nicht würdig war. Sie fiel auch nicht in Ohnmacht wie gestern; sie blieb ihrer Sinne vollkommen mächtig und sah fest dem entgegen, was kommen sollte.

Eine nicht minder heftige Bewegung hatte sich des Malers bemächtigt. Langsam trat er die letzte Stufe herab und näherte sich Lina mit ehrfurchtsvoller Verbeugung.

„Entschuldigen Sie, mein Fräulein,“ sagte er mit gepreßter Stimme, „wenn ich Ihnen noch einmal meinen verhaßten Anblick aufdrängen muß.“

„Sie irren, Herr von Linkow,“ erwiderte Lina. „Ich habe allerdings weder gehofft noch gewünscht, Ihnen in diesem Leben noch einmal zu begegnen, aber ich hasse Sie nicht.“

„Ich habe es von Ihnen nicht anders erwartet,“ sagte Linkow warm. „Sie sind zu edel. In Ihrem Gemüthe lebt keine Faser von Haß – – –“

„Erlauben Sie mir, mich zu entfernen,“ unterbrach ihn Lina mit bebender Stimme, „um einem Gespräche ein Ende zu machen, das keinen Zweck hat!“

„O nein!“ rief Linkow, ihr hastig und leicht in den Weg tretend. „Entfliehen Sie nicht! Diese Begegnung hat allerdings einen Zweck – einen hohen, einen erhabenen Zweck.“

„Der könnte sein?“

„Meine Rechtfertigung.“

„Die ist unmöglich.“

„Sie haben Recht – ich habe einen falschen Ausdruck gewählt. Ich kann mich nicht rechtfertigen und will es auch nicht, aber ich kann wenigstens versuchen, Ihnen zu erklären, was bisher unerklärlich war. Karoline,“ fuhr er feurig fort, „ich habe Sie von unsrer ersten Begegnung an geliebt – ich war von da ab fest entschlossen, Sie zu erwerben, und wenn ich Ihnen den Widerstand meines Vaters verschwieg, so geschah es nur, weil ich auf endliche Zustimmung ganz bestimmt hoffen [523] zu dürfen glaubte, wenn er die Ausdauer meiner Liebe kennen, wenn er vollends Sie gesehen haben würde. Wie furchtbar enttäuscht ich von Ihnen gerissen, ja gestoßen wurde, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Mir blieb keine Zeit, keine Gelegenheit, Ihnen Aufklärung zu geben; meine Briefe wurden mir zurückgesandt. Jetzt führt Sie ein günstiger Zufall mir ohne Zeugen entgegen. Nein, ich spreche mit Schiller: ‚Es giebt keinen Zufall, und was wir Zufall nennen, das steigt gerade aus den tiefsten Quellen.‘ Es ist mein Schicksal, das mich noch einmal im Leben vor Sie führt.“

„Mein Herr!“ erwiderte Lina unsicher. „Welche Sprache!? Denken Sie Ihrer Pflichten!“

„Pflichten? Ich habe keine, ehe ich nicht Ihrer Verzeihung sicher bin. Ich kann den Gedanken, ohne diese Verzeihung von Ihnen zu gehen, nicht mitnehmen in mein Leben.“

Lina blickte schweigend zu Boden; sie vermochte weder zu erwidern, noch sich zu entfernen.

„Sie geben mir keine Antwort?“ fragte Linkow nach kurzer Pause der Erwartung. „O, Sie verdammen mich doch, und ich soll das tragen zu dem elenden Dasein, dem ich entgegen gehe; wissen Sie nicht, daß es die furchtbarste Einsamkeit ist, in der man zu Zweien lebt?“

„Seien Sie ein Mann, Linkow!“ entgegnete Lina, „ertragen Sie männlich, was Sie müssen! Wenn Sie nicht die Kraft dazu haben … was soll ich thun, ein schwaches Mädchen!“

Linkow, der im höchsten Grade erschüttert vor ihr gestanden, raffte sich auf und trat einen Schritt zurück.

„Ich will es, Fräulein!“ sagte er unsicher. „Nur reichen Sie mir noch einmal die Hand! Diese theure Hand, die mir gehören, die mich durch’s ganze Dasein führen sollte, wie die meines guten Genius!“

Auch Lina war tief ergriffen; sie schwankte einen Augenblick; dann sagte sie mit von Thränen erstickter Stimme: „Ich glaube kein Unrecht zu begehen, wenn ich Ihren Wunsch erfülle – ich bin schwach genug, ihn zu theilen.“

Sie reichte ihm die Hand, die er leidenschaftlich ergriff.

„O Karoline!“ rief er und machte eine Bewegung, als ob er sie an seine Brust ziehen wolle; Lina stand unmittelbar vor ihm, und es war ungewiß, ob sie die Kraft besaß, sich der Umarmung zu erwehren.

Die Stimme des Forstrathes scheuchte die Beiden aus einander.

„Ist das die Art, wie Sie Ihr Ehrenwort halten, mein Herr?“ rief der alte Mann mit zorngeröthetem Antlitz.

„Vater –“ „Herr Oberforstrath erlauben –“ riefen die Beiden durch einander.

Der Vater wies Lina mit zürnender Geberde bei Seite und trat fest und hochaufgerichtet vor Linkow. „Ich erlaube nichts,“ rief er in gesteigertem Zorne. „Mit einem Manne wie Sie habe ich nichts weiter zu reden. Sie sind ein Elender.“

„Herr – Herr Oberforstrath!“ stammelte Linkow mit erbleichenden Lippen. „Sie – der Vater dieses Mädchens, haben dieses Wort gesagt – Sie haben es in der Verblendung des Zornes gethan; darum hab’ ich es nicht gehört, aber ehe Sie richten, müssen Sie mich anhören, wie Ihr Fräulein Tochter mich angehört hat.“

„Meine Tochter hat daran sehr unrecht gethan,“ sagte Wallner ruhiger. „Was gäbe es, was zwischen Ihnen und meiner Tochter zu verhandeln wäre? Sie sind vermählt –“

„Das bin ich nicht, Herr Oberforstrath,“ sagte Linkow. „Die Dame, welche durch die Verhältnisse mir zur Gattin bestimmt ist, war zur Zeit der Verlobung erst in den Kinderjahren. Die Verbindung wird erst in einiger Zeit stattfinden.“

„Und was haben Sie hier zu schaffen?“ rief der Forstrath wieder. „Indem Sie sich entschuldigen, verwickeln Sie sich immer verächtlicher.“

Die Scene konnte nicht peinlicher sein. Lina brach in helles Weinen aus, Linkow blickte im heftigsten inneren Kampfe vor sich nieder, während die Augen des Forstraths halb bekümmert halb grollend auf ihm ruhten. Wie eine Erlösung vom Himmel kam es über Alle, als plötzlich Schritte vom Thorweg her schollen und Gertl mit dem Schreiben in der Hand erschien. Einen Augenblick stutzte sie; dann trat sie auf den Maler zu. Der Wirth von Flintsbach habe ihm einen Brief nachgeschickt, sagte sie, der sehr wichtig sein müsse, denn ein eigener reitender Bote habe ihn von Rosenheim gebracht.

„Meines Vaters Hand!“ rief Linkow, aus dessen Hand Hut und Malergeräth, die er ergriffen, niederfielen. „Was ist hier geschehen? – ‚Mein lieber Oscar!‘“ las er mit bebender Stimme, doch laut genug, um von Allen verstanden zu werden, während das Blatt in seinen Händen immer mehr zu fliegen begann. „In Eile die Nachricht: Deine Braut hat sich von einem Gardelieutenant entführen lassen und ist bereits mit ihm getraut. – Dieses Ereigniß und die Zustimmung Deiner Familie machen Dich von allen Verpflichtungen los – Du bist frei.“

Eine Pause vollster Ueberraschung folgte. Gertl, die wohl den Zusammenhang errieth, war so bewegt, daß sie wie fest gewurzelt stand, obwohl das Geschäft, das sie hierher geführt, beendet war.

„Frei!“ rief Linkow entzückt. „Frei? Nein, ich bin es nicht. Ich bin gebunden. Hier war, hier bin ich gebunden; hier will ich gebunden sein und bleiben für das Leben und darüber hinaus in alle Ewigkeit.“

Er stürzte zu Lina’s Füßen, die noch immer an der Brust ihres Vaters lag, faßte ihre Hand und drückte sie innig an den Mund; wie einem entsetzlichen Traume sich entwindend, sah und richtete sich das Mädchen empor – wie gestern vor Schmerz vergingen ihr jetzt die Sinne vor Entzücken, und mit schwindendem Bewußtsein sank sie Linkow in die Arme, um, selbst durch den Schleier halber Ohnmacht erröthend, den ersten Kuß auf ihre Lippen zu empfangen.

Gertl eilte hinzu, ihr wie gestern beizustehen, ihr wie am Tage zuvor mit Wasser aus dem nahen Quelle die Schläfe zu befeuchten und sie, wie gestern zum Leid, zum vollen Sonnenschein des Glückes zu wecken.

„Nun, hab’ ich nicht Recht behalten, liebes Fräul’n?“ flüsterte sie ihr zu. „Hab’ ich nicht gesagt, es ist nichts mit dem Unglück und mit dem Aufg’setzt sein? Siehst jetzt – unser Herrgott hat doch Alles recht gemacht.“

Lina konnte ihr nur mit einem Händedruck antworten. Linkow hatte indessen beim Vater die Bitte um die Hand seiner Tochter erneuert.

„Was will ich machen?“ sagte der Oberforstrath ernst. „Nehmen Sie denn mein Kind,“ fuhr er fort, indem er Linkow’s Hand in die Karolinens legte, „versuchen Sie, ihr Leben und Gesundheit durch Ihre Liebe wiederzugeben! Gehört denn einander und rechtfertigt die Fügung des Himmels dadurch, daß Ihr Euch Euren Himmel schon auf Erden schafft!“

Mit den Empfindungen des reinsten Glückes betrat die Familie wieder den oberen Schloßhof und blickte verklärten Auges in die Abendlandschaft hinaus. Auch der Gymnasist hatte sich eingefunden. Er war außer sich vor Freude und holte seinen Matthison wieder hervor. Jetzt war das Gedicht lebendig geworden. Vom nahen Abendthau gelockt, hatte sich sogar das früher vermißte Heimchen eingefunden und begann sein leises Gezirp; auch das Brautpaar, das sich nach langer Trennung wieder gefunden, fehlte nicht, und es hieß in Wahrheit:

„Ihm die treue Rechte sprachlos reichend
Stand sie da, erröthend und erbleichend;
Aber was ihr sanftes Auge spricht,
Sängen selbst Petrark und Sappho nicht!“

– Schweigend, um die Glücklichen nicht zu stören, hatte Gertl indessen sich fortgemacht und den Weg zum Wallfahrtskirchlein auf dem Petersberg angetreten. Allerlei Bilder ähnlichen Glücks, wie sie es eben mit angesehen, tauchten vor ihr auf, und ein nie gekanntes Sehnen hob ihre Brust.

Sie war noch nicht weit gekommen, als sie Männerschritte gegen sich von oben herab kommen hörte und den alten Förster in voller Jagdrüstung über den steilen, steinigen Berg etwas mühsam herniederklimmen sah. Sie rief dem wohlbekannten Mann einen freundlichen Gruß zu, den er aber nur mit einem unwilligen Murren erwiderte; er zaus’te dabei an dem grauen Schnurrbart herum, als ob er dessen Festigkeit prüfen wolle.

„Der muß heut mit dem linken Fuß aufgestanden sein,“ sagte Gertl, ihm unter Lachen nachblickend.

Bald hatte sie den sogenannten Petersstein erreicht, eine kleine Steinplatte, von welcher eine steile Felswand in schauerliche Tiefe abstürzt, welche indeß zugleich einen überraschenden offenen Ausblick in die Gegend gewährt. Auf dem Stein ist der Eindruck [524] eines menschlichen Fußes sichtbar, und die Sage erzählt, der heilige Petrus sei auf seinen Wanderungen auch hierher gekommen, sei still gestanden und habe aus Freude über die Schönheit der Aussicht mit dem Fuße gestampft, so, daß der Eindruck für alle Zeiten geblieben. Wenn es wahr ist, so hat Sanct Peter jedenfalls guten Geschmack bewiesen, denn über die ganze Gegend ist wirklich ein übervolles Maß von Schönheit ausgeschüttet.

Ohne recht zu wissen was sie that, ließ sich Gertl auf den Stein nieder, aber sie sah nicht in die lockende Landschaft hinaus; sie hatte zu viel mit den Gedanken zu thun, die immer lebendiger und deutlicher in ihrem Innern aufstiegen, als wäre ein Schleier davon hinweggezogen worden. Sie verfiel wieder in dasselbe Sinnen, in dem sie schon vor dem elterlichen Hause gesessen. Der Gedanke, wie ihr eigenes Schicksal sich gestalten werde, drängte sich ihr, wie noch nie, klar und unabweislich auf, und Anderl’s Erzählung vom Petersberg fiel ihr ein. Sie war ja nun auf dem Wege nach dem geheimnißvollen Kirchlein. Wie, wenn sie diesen Zufall benutzte und das Orakel, von dem er gesprochen, befragte? Aber schon im Entstehen unterdrückte sie diesen Gedanken wieder als ein schweres Unrecht – „wenn der Herrgott wollt’, daß wir unsere Zukunft wissen“ dachte sie, „würde er es schon darnach eingerichtet haben in der Welt.“

„Nein ich thu’s nicht,“ sagte sie nach einer Weile sich erhebend. „Er wird’s schon machen, wie’s recht ist,“ und beruhigt schritt sie, nachdem sie sich Stirn, Mund und Brust bekreuzt, wie um eine Versuchung abzuwehren, rüstig den Berg hinan. Bald war das Kirchlein mit seinem uralten Säulenportal und dem steinernen Sanct Petrus darüber, mit der Kanzel im Freien und dem schönen grünen Platz um dasselbe erreicht und die Bäume, die denselben wie ein Kranz umgaben, schienen der späten Besucherin ihre Grüße entgegen zu rauschen.

Ihr Geschäft war bald verrichtet. Der Propst, der zugleich Pfarrer, Meßner und Lehrer für die wenigen Kinder der Berghöhe ist, der aber auch gern dem durstigen Wanderer von seinen für sich eingelegten Vorräthen spendet, begleitete sie bis unter die Thür und sah, um von der untergehenden Sonne nicht geblendet zu werden, mit der Hand über den Augen dem dahinschreitenden Mädchen nach.

Gertl kam an der Kirche vorüber. In derselben war es schon tief dämmerig; das Licht der ewigen Ampel war bereits sichtbar, sie aber wandte die Augen ab, denn es kam ihr vor, als ob der heilige Petrus über der Thür sich bewege und ihr zunicke. Rascher wollte sie auf dem Bergweg herunter, aber sie sollte doch nicht vorbeikommen; denn die Stimme des Propstes flog ihr nach und hielt sie fest.

„Wie, Gertl, wirst doch als eine gute Christin nicht an der Kirch’ vorbei gehen?“ rief er. „Sollst wohl dem heiligen Petrus eine Gute Nacht sagen – er ist ein gar guter Schutzpatron.“

Gertl erschrak, daß ihr beinah die Kniee brachen. Nun waren alle guten Vorsätze vergeblich. Sie fand keinen Grund, die fromme Aufforderung des Geistlichen abzulehnen, und sie wandte sich daher gegen die Kirche, während der Propst befriedigt in seine Behausung zurückkehrte.

Ehrfurchtgebietender Schauer wallte ihr aus der röthlichen Dämmerung des Kirchleins entgegen.

Dasselbe war vollständig leer; dunkler Schatten lag schon in den Winkeln und Ecken, um so dunklerer, als das von Jahrhunderten geschwärzte Deckengetäfel das ohnehin sparsame Licht noch minderte. An der Schwelle des Hochaltars kniete sie nieder und betheuerte sich selbst, daß durchaus kein frevelhafter Gedanke sie hierher geführt habe.

Das ewige Lämpchen knisterte; sie erschrak und horchte auf. Sie glaubte darin ein Geräusch zu vernehmen, als ob Jemand zugegen wäre. Bald jedoch beruhigte sie sich, aber nur, um wieder in neue Besorgniß zu verfallen. Wider Willen konnte sie sich eigenthümlicher Gedanken, die in ihr aufstiegen, nicht erwehren. Der alte Anderl hatte so zuversichtlich gesprochen – wenn nun doch etwas an der Sache wäre? Wenn das Orakel, nachdem sie einmal in die Kirche eingetreten, dennoch auch für sie Geltung hätte? Wenn nun, weil Niemand anwesend war, der Spruch für sie dahin lautete, daß sie gar keinen Mann bekommen und ledig bleiben solle? Es ward ihr ganz eigenthümlich um’s Herz. Der Gedanke des Alleinseins und Alleinbleibens, den sie noch nie so recht gefaßt hatte, dehnte sich wie eine unabsehbare Ebene trostlos und ziellos vor ihr aus. Sollte also ihre Mutter die Freude, sie als Braut zu sehen, nicht erleben? Und wenn ihr vollends auch diese Mutter entrissen würde, war es ihr wirklich bestimmt, liebelos und allein bis zum Grabe zu wandeln?

Thränen stiegen ihr in die Augen, aber ihr Gemüth war im Grunde zu gut, als daß sich ein Gefühl von Bitterkeit dareingemischt hätte. Nur eine tiefe, aber wohl erlaubte Wehmuth, bemächtigte sich ihrer, und mit dem Gedanken gläubiger Ergebung schlug sie abermals das Kreuz, um ihre Andacht zu beschließen.

Sie erhob sich, um im nächsten Augenblicke beinahe umzusinken – mit Mühe tappte sie nach der nächsten Betbank, um sich aufrecht zu erhalten. Im Schatten des Seitenaltars regte es sich, als ob dort eine menschliche Gestalt verborgen gewesen wäre und sich aufrichte.

Sie war also nicht allein gewesen – das Orakel konnte doch wahr gesprochen haben. Mit fast verschwimmenden Augen sah sie schärfer nach der Stelle und glaubte zu träumen. Allmählich wurden die Umrisse immer deutlicher; es war kein Zweifel mehr: der Tiroler Stummerl stand vor ihr und hielt ihr mit seinem wohlbekannten Lallen den Hut entgegen.

Mit einem Schrei entfloh sie aus der Capelle, rannte oder stürzte den Bergweg hinunter, als wäre es ein ebener glatter Wiesenpfad, und fiel fast zusammenbrechend und athemlos der erschrockenen Mutter um den Hals, die, wegen ihres längeren Ausbleibens besorgt, ihr schon vor dem Hause entgegenkam. Sie hatte Mühe, sie nur soweit zu beruhigen, daß sie im Stande war, ihr das Vorgefallene zu erzählen.

„Du bist wohl nicht recht gescheidt,“ sagte dann die Mutter lachend. „Wer wird sich denn so etwas einbilden? Du kannst Dir doch denken, daß Dir der heilige Petrus nicht den alten Tiroler Stummerl zum Mann bestimmt.“

„Nein, nein, Mutter!“ rief sie unter fortwährenden Thränen. „Das hat gewiß was zu bedeuten. Die Mutter hat Recht gehabt; ich hätt’ nit so in den Tag hinein leben sollen. Jetzt hat mich unser Herrgott gestraft für meinen Uebermuth und für meinen Fürwitz.“ – –


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Autor: Hermann von Schmid
Titel: Aufg’setzt.
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 33, S. 537–540
Fortsetzungsroman – Teil 7


[537]

4.

Unter dem schönen Nußbaum im Wirthsgarten zu Flintsbach saß am Abend des ereignißreichen Tages dieselbe Gesellschaft zusammen wie am Abend zuvor, aber sie dachte nicht daran, sich zu trennen, obwohl der Vollmond schon lange durch dessen Krone schien und das Ave Maria schon längst die Ruhe im Dorfe eingeläutet hatte. Das kam, weil die Gesellschaft um eine Person zahlreicher war. Linkow saß dem Oberforstrath und Lina gegenüber, und man konnte nicht zu Ende kommen, sich Alles, was von beiden Seiten durchlebt und durchlitten worden, zu erzählen, sich der unvermuthet glücklichen Wendung der Dinge zu erfreuen und das weitgedehnte, unabsehbare Land der Zukunft mit Luftschlössern der Liebe und des Glückes zu bebauen. Nur das freundliche Angesicht Gertl’s fehlte; sie war heute, als an einem Werktage, zur Aushülfe nicht nöthig und mußte des andern Tages in aller Frühe wieder beim Gutsherrn zum Heumachen sich einfinden, doch war sie wohl vertreten durch den Wirth, der fast nicht vom Tische wich: aus Neugierde, bis er Alles erfahren hatte, was die Familie und den Maler, deren Begegnung gestern eine so unfreundliche war, auf einmal so vertrauensvoll zusammengeführt hatte – aus Theilnahme, als man ihn davon verständigt hatte, und aus Freude, daß so merkwürdige Ereignisse sich gewissermaßen in seinem Hause zugetragen.

Andere Gäste waren nicht mehr anwesend, nur an dem Tische neben dem Eingang saß Gori; er hatte die Arme auf den Tisch gelegt, das Gesicht darauf gedrückt, und schien, in tiefen Schlaf versunken, an Allem, was vorging, keinen Antheil zu nehmen. Niemand achtete seiner, und so entging es Jedem, daß er manchmal, wenn irgend ein Geräusch sich vernehmen ließ, leise den Kopf hob und aufhorchte, als ob er etwas erwartete.

Endlich mahnte der alte Oberforstrath zum Aufbruch. Man müsse genügsam sein, sagte er, man habe einen tüchtigen Zug aus dem Becher der Freude gethan und solle auch für den andern Tag ein Neiglein darin übrig lassen. Die Liebenden sagten sich wieder und wieder Gute Nacht; Linkow wollte in seine Wohnung nach Brannenburg zurückkehren und mit dem ersten Morgenstrahl wieder eintreffen, um den ganzen Tag mit der Familie zuzubringen und Alles zu ordnen, was noch geordnet und beredet werden mußte. Als die ganze Gesellschaft durch den Garten zur Thür schritt, schlug der Wirth dem schlafenden Gori auf die Schultern, daß er in gut gespielter Ueberraschung und Schlaftrunkenheit aufsprang und, sich die Augen reibend, fragte, was es denn gebe.

„Stell’ Dich nicht so!“ sagte der Wirth. „Ich kenn’ Dich und weiß: es schlafen nicht alle Leut’, die die Augen zu haben. Aber bei mir wird jetzt das Haus geschlossen; darum mach’, daß Du heimkommst! Bist den ganzen Abend dagesessen, hast ein Krügel um’s andere ausgetrunken und könntest genug haben.“

Der Bursche antwortete nur mit undeutlichen Lauten und anscheinend unsicheren Schrittes folgte er durch den Flur, wo die Magd den Gästen die Treppen hinanleuchtete, während Linkow und der Wirth sich der Hausthür näherten, vor der das Geräusch eines verspätet heranrollenden Fuhrwerkes hörbar wurde.

Ein hübsches, leichtes Wägelchen, wie sie bei reisenden Kaufleuten üblich waren, dazu eingerichtet, um größere Entfernungen schnell und leicht zurückzulegen, hielt vor der Thür. Der Reisende, ein wohlgekleideter älterer Mann, der das Fuhrwerk selbst leitete, verlangte nur nach einem frischen Trunk, indem er gesonnen sei, die Nachtkühle zu benützen und noch ein Stück weiter zu reisen. Er fuhr, als er das gereichte Glas ergriffen und fast geleert hatte, bedächtig um sich blickend, fort:

„Die Nacht ist mondhell, daß man fast lesen könnte, wie bei Tag. Kann man mir wohl sagen, wann der Mond untergeht?“

Der Wirth besann sich einen Augenblick – statt seiner antwortete Gori, der sich an den Thürpfosten gelehnt hatte und nun wie erwachend auffuhr. „Der Mond geht um neun Uhr unter,“ sagte er zum Ergötzen des Wirthes, der in lautes Lachen ausbrach.

„Du mußt schön geladen haben,“ rief er. „Der Mond soll um neun Uhr untergehen!? Es ist jetzt schon bald zehn, und er steht noch hoch am Himmel. – Lassen Sie sich nichts weiß machen, Herr! Vor ein Uhr geht der Mond nicht unter, und Sie können bis dahin noch eine gute Strecke zurücklegen.“

„Es ist gut,“ sagte der Reisende, zahlte und gab das Glas zurück, indem er gleichzeitig das Pferd antrieb. „Ich weiß nun, was ich wissen will. Gute Nacht, Herr Wirth!“

Das Wägelchen flog davon, wie vom Winde getragen. Bedenklich und kopfschüttelnd sah ihm der Wirth nach.

„Das muß auch ein besonderer Heiliger sein,“ sagte er vor sich hin, indem er die Thür schloß. „Was das wohl für ein nothwendiges Geschäft sein mag, das ihn noch in die Nacht so hineintreibt? Etwas Richtiges ist es nicht – da fehlt sich nichts.“

Gori warf noch einen forschenden Blick um sich; dann ging

[538] er langsam und wie wankend dem Wagen nach bis über die Häuser des Dorfes hinaus. Dort warf er Trunkenheit und Schläfrigkeit wie ein überflüssiges Gewand ab und rannte mit der Schnelligkeit eines Läufers die Straße dahin. Der Fahrende dagegen ließ den Gaul immer langsamer traben, sodaß Beide wie verabredet in Mitten eines finstern zu beiden Seiten der Straße stehenden Waldschopfes zusammentrafen.

„Steigt nur ein,“ sagte der Reisende, „und fahrt mit mir bis nach Fischbach hinüber! Unterwegs machen wir Alles aus.“

„Kann nicht,“ sagte Gori hastig. „Heut kann ich nicht. Ich hab’ noch was vor. Sie können’s mir jetzt auch sagen. Ich hab’ schon den ganzen Nachmittag auf Sie gewartet.“

„Es war nicht möglich, ohne Verdacht eher abzukommen,“ entgegnete der Andere. „Nach dem letzten Unglück kann man nicht vorsichtig genug sein. Ich denke, Ihr habt’s auch erfahren.“

„Freilich,“ lachte Gori, „und möcht’ es nicht zum zweiten Mal durchmachen.“

„Darum thut, was ich sage!“ erwiderte der Reisende. „Der letzte Schaden ist groß genug, aber er ist immerhin zu verschmerzen, wenn wir jetzt durchkommen. Eine große Partie Seidenwaaren liegt wieder versteckt. Kommt nur mit!“

„Ich hab’ es Euch schon gesagt, daß ich nicht kann,“ entgegnete Gori trotzig, „daß ich heut’ noch etwas Dringendes zu thun hab’. Wenn das geschehen ist, wird’s ohnehin nicht rathsam sein für mich, länger in der Gegend zu bleiben. Wenn Ihr wollt, so könnt Ihr ja in Fischbach übernachten. Ich komm’ in aller Früh’ nach, in den Steinbruch, wo jetzt doch nicht gearbeitet wird.“

Der Fremde schien sich einen Augenblick zu besinnen.

„Wenn’s denn nicht anders ist,“ sagte er, „so muß man sich fügen. Ich erwarte Euch also morgen ganz bestimmt. Es soll Euer Schaden nicht sein.“

Der Wagen rollte weg. Gori drückte sich seitwärts in den Straßengraben, wo er eine Weile unter dem Gebüsch niederkauerte und sich erst wieder erhob, als er sich überzeugt hatte, daß von keiner Seite Späher ober Lauscher zu fürchten seien. Dann durchschnitt er das Gehölz und zog sich an den Hecken und Rainen entlang durch die Flur gegen die Häuser und Hütten von Falkenstein.

Alle Fenster waren längst dunkel. Niemand wachte noch, um Gori zu bemerken. Er trat so behutsam und vorsichtig auf, daß ein Hund, der in einem der Gehöfte leise anschlug, bald, als habe er geträumt, sich wieder niederlegte und verstummte. Nur in Gertl’s Wohnung war die Ruhe noch nicht eingekehrt, und durch die runden Scheiben der kleinen Fenster schimmerte noch ein schwacher Lichtschein. Mit Katzentritten schlich der Bursche näher, sah hinein und gewahrte Gertl, die mit ihrer Mutter noch in Gespräch am Tische saß. Er kroch auf die Bank und legte sich darauf; durch das noch nicht geschlossene Fenster war ihm jedes Wort verständlich.

Noch immer hatte sich Gertl von der Aufregung des Abends nicht erholt. Die bedeutungsvolle Begegnung mit dem Krüppel in dem Petersberger Kirchlein zitterte in ihr nach wie eine Art Fieber, und hatte noch keinen Schlaf in ihre Augen kommen lassen.

„So sei doch nur einmal gescheidt und nimm vernünftiges Zureden an!“ hörte Gori die Mutter sagen. „Du bist doch sonst ein resolutes Leut und bist nun wegen so was so zertrellt, als wenn Dir weiß Gott was geschehen wär’. Du sagst ja selbst, daß Du nicht daran glaubst, daß Einem etwas aufg’setzt sein kann; Du hältst es für eine Sünd’ und für einen Aberglauben, so was zu denken – warum thust nachher doch, als wenn was dran sein könnt’? Geh,“ wiederholte sie schmeichelnd, „sei g’scheidt, gieb nach und leg Dich nieder! Nimm ein Weihwasser und bet ein andächtiges ‚Vater Unser‘, dann schlafst Du schon ein und bis morgen ist Alles vergessen. Du mußt ja schon morgen um zwei Uhr beim Heuen sein. Du weißt es ja – aber wenn’s Dir im Bett recht gut thut, so bleib nur liegen und schlaf aus! Dann geh’ ich statt Deiner hinauf.“

Sie war Gertl näher gerückt, so daß diese, übermannt von dem Ton der Liebe, der aus Wort und Geberde der Mutter sprach, und der bei Laubleuten um so wirksamer ist, je seltener er zum Ausdruck kommt, sich an Arm und Brust der Mutter schmiegte. – Hatte sie ja doch niemals im Leben so klar gesehen und empfunden, daß sie allein stand und daß sie Niemanden hatte, von dem sie sich geliebt wußte. Niemanden als die Mutter, deren Herz dem ihrigen jetzt so nahe, so warm und so voll entgegenschlug.

„Nein, Mutter,“ sagte sie nach einer Weile des Ausweinens, „Du darfst nicht gehen; ich geh’ schon selber. Ich will gar nicht warten, bis es Tag wird, in der Stube ist es so ängstlich warm, da könnt’ ich doch nicht schlafen – ich will lieber gleich gehen. Die Nacht draußen ist hell und kühl; da wird mir leichter werden. Ich weiß, wie man den Riegel im Heustabel aufmacht – da schlüpf’ ich hinein; da kann ich vielleicht eher schlafen. Dann bin ich auch gleich bei der Hand, wenn’s zur Arbeit geht.“

Sie erhob sich, strich das Haar von der glühenden Stirn, griff nach Hut und Jacke und wollte sich auf den Weg machen, wurde aber von der Mutter zurückgehalten.

„Das ist auch nichts Rechts,“ sagte die besorgte Frau. „Es ist Nacht; die Nacht ist keines Menschen Freund. Wie leicht könnte Dir ein Leids geschehen!“

„Auf dem kurzen Weg bis zum Bauernhaus?“ fragte Gertl lachend entgegen. „Was könnt’ mir da geschehn? Es ist kein sterblicher Mensch weit und breit und – wer sollte mir denn was zu Leib’ thun?“

„Wer? Hast Du nicht selbst erzählt, was Dir erst gestern passirt ist mit dem Gori? Wenn er Dir wieder auflauern thät’?“

„Ich glaub’, das laßt er bleiben,“ sagte Gertl ernst. „Der hat, glaub’ ich, einen ordentlichen Denkzettel bekommen, und wenn er noch was wagen thät’, den fürcht’ ich nicht mehr. Das erste Mal war der Schrecken in mir; da hab’ ich mich nicht recht verwußt; jetzt, wenn er wiederkäme, wüßt’ ich was, daß er mich gleich loslassen wird.“

„Und was wär’ denn das?“

„Wie ich die Genoveva gespielt hab’,“ lachte das Mädchen, sich vollends zurecht machend, „weißt Du – wie er mir im Spiel so zugesetzt hat mit seiner schlechten Lieb’, da hab’ ich ihm ganz nah’ in die funkelnden Augen hineingesehen, und da ist es mir gewesen, als wenn das Feuer daraus hervorgeschlagen hätt’, und auf einmal ist es mir aufgeschossen wie der Blitz: Die Kathel ist nit selber in den Inn gefallen – er hat sie hineingeworfen …“

„Heilige Mutter!“ rief die Frau und brückte erschreckend ihre Hand auf des Mädchens Mund. „So was sollst nicht denken, geschweige sagen! Das könnt’ eine schöne Geschicht’ abgeben.“

Sie wollte noch mehr hinzusetzen, aber Geräusch vom Fenster her unterbrach sie.

„Was hat sich denn da draußen gerührt?“ sagte sie näher tretend. Auch Gertl folgte ihr und hatte in die dunkle Nacht hinausgesehen.

„Ich glaub’, der Kater ist’s gewesen,“ sagte Gertl. „Ich hab’ was Schwarzes unter die Hollerstauden hineinspringen sehn. Aber jetzt mach Feierabend Mutter! Leg’ Dich nieder und lösch das Licht aus! Ich mach’ die Fenster schon zu, leg die Läden an und geh.“

„Also willst wirklich?“ fragte die Mutter abermals und wollte sie zurückhalten. Gertl aber machte sich los und erwiderte:

„Ja Mutter, ich geh’, mußt mich nicht aufhalten. Es geschieht mir nichts.“

Sie nahm Weihwasser aus dem Kesselchen an dem Thürpfosten und verließ das Haus, um welches sie die Runde machte, indem sie die Läden anlegte.

Aufathmend trat Gertl in die erfrischende Nachtkühle, die ihr sanftfächelnd um die pochenden Schläfe strich. Sie sah in den Himmel hinauf, von welchem unzählige Gestirne schimmerten, als bewegten sie sich, um ihr einen Strahl ihres Lichtes und ihrer Ruhe zuzusenden. Sie fühlte, wie ihr die Brust sich leichter hob, und legte rasch den kurzen Weg bis zur Scheune zurück. Dort schob sie den Holzriegel an der Thür zurück und trat in den dunklen Raum, in welchen nur hier und da durch die Fugen und Ritzen der Bretter der Mondschein drang und kleine Lichter auf den in der Tenne aufgethürmten Heuvorrath fallen ließ. Bald war ein zur Lagerstatt passender Platz gefunden, und rasch behaupteten Ermüdung und Schlafbedürfniß ihr Recht. Die Düfte der welkenden Pflanzen umhauchten sie mit sanfter Betäubung; sie bekreuzte sich noch und die letzte Silbe des Gebetes erlosch auf ihren verstummenden Lippen.

[539] Sie ahnte nicht, daß Gori ihr Schritt auf Schritt gefolgt war und sie nicht aus den Augen verloren hatte.

Nicht nur sein geräuschloses Schleichen, sein Lauern und Kriechen durch die Büsche machte ihn einem Raubthiere ähnlich, das sich zum Sprung auf seine Beute vorbereitet, auch was in seinem Innern vorging, glich den Begierde eines solchen.

Seit der Zurückweisung während des Spiels und vollends seit dem Vorgang der darauf folgende Nacht hatte er keine anderen Gedanken, als an dem Mädchen, das seine Neigung verschmähte, Rache zu nehmen. Das Gefühl flammte wie ein Brandmal in seinem Innern, und je gewisser er sich selber sagen mußte, daß er Gertl’s Liebe nie erringen werde, desto verzehrender loderte das Verlangen in ihm empor. Wie zwei Ungeheuer rangen der Vorsatz der Rache und die Sehnsucht verwilderter Liebe mit einander und schlangen ihre zermalmenden Windungen und Knoten um ihn – in einem Augenblick nahm er sich vor, noch einen Versuch der Werbung zu machen, im nächsten war er entschlossen sie nur noch einmal zu sehen, um sie zu vernichten. Wie er über das, was er wollte, im Unklaren war, so war er es auch über die Art, wie er sein Vorhaben ausführen und eine Rache ersinnen sollte, die das stolze Mädchen so recht in’s tiefste Herz zu treffen vermöge. Der Gedanke, ihr auf das kleine, heimathliche Hüttchen den rothen Hahn zu setzen, trat am öftesten und hellsten vor seine Seele. Wenn sie ihre Heimath verlor, war sie, wenn nicht eine ausgemachte Bettlerin, doch nichts mehr als eine heimatlose Magd. Dann war doch vielleicht Aussicht, sie mürbe zu machen, denn eine Möglichkeit, ihr Haus wieder aufzubauen, war nicht denkbar.

Die Hauptursache dieses Schwankens war die Aeußerung, welche Gertl bei dem Zwiegespräch im Theater gemacht. War dieselbe nur ein zufälliges bedeutungsloses Wort oder lag geheime Beziehung darin? Hatte sie Wissenschaft oder auch nur eine Ahnung des Vorgefallenen? Darüber, so lautete zuletzt sein Entschluß, darüber mußte er vor Allem Gewißheit haben, und nach der Antwort, die er hierauf erhalte sollte, wollte er seine Handlungen einrichten. Hatte sie wirklich eine Ahnung der Wahrheit, dann mußte sie entweder trotz allen Widerstrebens sein werden, um sie zum Schweigen zu verpflichten, oder sie mußte völlig zu Grunde gehen. Ohne eigentlich sich selbst klare Rechenschaft zu geben, war er vor Gertl’s Haus geschlichen, auf ein zufälliges Begegnen, auf irgend eine Aufklärung hoffend. Diese war ihm so vollständig geworden, daß er keinen Zweifel mehr hegen konnte; damit waren in seinem Innern die Würfel über Gertl’s Schicksal gefallen; das Mädchen, das ihn verschmäht hatte, das sein Geheimniß kannte, durfte nicht leben. Die Botschaft von einer neuen großen Schmuggelei, die ausgeführt werden sollte, kam ihm daher sehr willkommen; sie sollte ihm die Mittel verschaffen, um sich einen andern Aufenthaltsort zu wählen, denn was er auch vornahm, soviel war gewiß, daß es für ihn überall sicherer sein mußte, als in der Heimath.

Im Gebüsche versteckt, belauschte Gori den Eintritt Gertl’s in die Scheune. Er schlüpfte unter die Hollunderbüsche neben dem Eingange, die eben hinreichten, ein Versteck zu gewähren. Er verweilte jedoch nicht lange daselbst, denn im Augenblicke war ihm der Weg klar geworden, wie er seine Rache am beständigsten zu befriedigen vermöge. Behutsam schob er den äußeren Holzriegel am Scheunenthore vor und lehnte an dasselbe ein paar aufgestellte Balken, daß es von innen nicht aufgedrückt werden konnte. Dann ging er vorsichtig den Bach entlang aufwärts, damit durch das Brausen desselben das Geräusch, das er machen mußte, übertönt wurde. Er holte Stahl und Stein aus der Tasche, nur einige Schläge, und der verderbliche Funke blitzte auf. Wie zuvor glitt er, einer Natter ähnlich, lautlos durch das Gras und schob den glimmenden Schwamm durch einen Bretterspalt in die Scheune, umwickelt mit Ranken von grauem dürrem Bartmoos, das er von einer Fichte gerissen, damit es schnell zur Flamme werden und den Heustadel ergreifen sollte – dann sprang er hinweg, und ein gegen die Maiwand und den Wasserfall gelegenes großes Felsstück diente ihm als Wall, um vom Verborgenen aus das ganze fürchterliche Schauspiel, das nun beginnen mußte, in der Nähe unsichtbar zu beobachten.

Kaum war er in seinem Schlupfwinkel angelangt, als es in den Fugen und Spalten der Scheune schon heller zu werden begann; aus den Luken drang dichter, dunkelroth angeschienener Qualm und verkündete, daß sein Verbrechen gelungen, daß seine Rache ihr Opfer erreicht hatte.

Es währte geraume Zeit, ehe Gertl aus dem tiefen Schlafe auffuhr, in den Ermüdung nach der Erregung sie versenkt hatte. Hastig schnellte sie empor und rieb sich die Augen, die der Feuerschein blendete und der Rauch kaum zu öffnen gestattete.

„Heilige Mutter Anna!“ rief sie mit fast erstickter Stimme, denn die ganze Hütte war bereits mit Dampf gefüllt, der sich nicht zu entfernen vermochte – „was ist da geschehen? Es brennt, und ich bin ganz allein, kein Mensch weiß, daß ich im Stadel bin; kein Mensch kann mir zu Hülfe kommen; ich muß ersticken oder elend verbrennen bei lebendigem Leib. Hilf heilige Mutter Anna, hilf!“ fuhr sie, taumelnd und fast der Besinnung beraubt, fort, indem sie durch Rauch und Feuer der Thür zutappte. Sie wollte dieselbe öffnen, aber der Riegel war von außen vorgeschoben. Mit einem Aufschrei des Entsetzens stemmte sie sich gegen die Thür, um sie aufzusprengen, aber das Brett wich nicht; es mußten von draußen Balken oder Steine vorgelegt sein, die das Aufgehen verhinderten. „Jesus, Maria und Joseph!“ keuchte sie mit vergehenden Sinnen. „Die Thür ist von draußen vermacht – das ist mit Fleiß geschehen – das ist auf mich abgesehen,“ und mit dem Worte „Gori!“ stürzte sie besinnungslos an der Thür zusammen. In demselben Augenblicke hatte die Flamme die dürren Balken des Dachgerüstes erreicht; es wich dem Luftdrucke, und wie ein furchtbares Nothzeichen stieg eine Feuersäule funkensprühend in den Nachthimmel empor.

Verwirrte Stimmen, Hülferufe und Kindergeschrei erschollen aus dem anstoßenden Bauernhause herüber. Die Bewohner waren erwacht und stürzten, wie sie dem Bette entsprungen, aus dem Hause, um ihre furchtbare Ahnung in furchtbarster Weise bestätigt zu sehen. Schon leckte die Flamme nach dem Dache des Wohnhauses hinüber; schon glimmten einzelne Funken auf den Schindeln – es war keine Möglichkeit, der Wuth des entfesselten Elementes Einhalt zu thun; nichts blieb übrig, als das Beste an Fahrniß und Habe aus dem gefährdeten Hause zu schaffen, das Gebäude selbst aber der Zerstörung zu überlassen. Betten, Kleider, Hausrath aller Art wurden in die Büsche und zwischen die Trümmer der Ruine geschleppt; die Frau des Baumannes mit ihren schreienden Kindern sank wie ohnmächtig darauf nieder, während die Magd noch mit dem Austragen von Gegenständen beschäftigt war, der Mann selbst aber mit dem Knechte den ohnmächtigen Versuch machte, Wasser aus dem Bache in einen Kübel zu schöpfen und in die Flammen zu schütten.

Es währte nicht lange, so hatte die aufsteigende Feuersäule die Bewohner der Niederungen geweckt; von den Kirchtürmen der benachbarten Orte begannen die ängstlichen Feuerglocken zu ringen; bald waren auch die Bewohner der nächsten Häuser zur Hülfe da, aber die Hülfe kam zu spät. Das Feuer hatte schon den größten Theil seiner Zerstörung vollendet; das Dach des Hauses stand schon in voller Gluth; aus den Fenstern loderten Feuerzungen empor; die Scheune drohte jeden Augenblick in sich selbst zusammenzustürzen.

Auch die Bewohner von Flintsbach kamen herbei, mit ihnen der Wirth und der alte Förster; selbst die Grenzaufseher fehlten nicht. Sie waren eben auf ihrem nächtlichen Rundgang begriffen, als sie den Feuerschein erblickten und hülfsbereit herbei eilten. Von den Einwohnern der Häuser am Abhange des Falkenstein fehlte natürlich Niemand – unter ihnen stand, gleich einer Verzweifelten, Gertl’s Mutter.

„Wo ist mein Kind?“ schrie sie, sich die Haare raufend. „Wo ist meine Gertl? – Gertl, Gertl, wo bist Du? Gieb Antwort – um’s Blut Christi willen, gieb Antwort!“

Es dauerte einige Augenblicke, bis man aus ihren verworrenen Reden begriff, daß das Mädchen wegen der Morgenarbeit schon den Berg heraufgekommen sei und die Absicht gehabt habe, bis zum Beginne derselben sich in die Scheune in’s Heu zu legen. Wie versteinert, lautlos vor Entsetzen standen Alle einen Augenblick; das Blut wollte in den Adern gerinnen. – Wenn die Unglückliche ihren Vorsatz wirklich ausgeführt hatte, war sie verloren. Unfehlbar mußte sie entweder erstickt oder gar verbrannt sein oder sie mußte, wenn sie noch lebte, von dem sich bereits zum Einsturz neigenden flammenden Giebelbalken erschlagen werden. Die Mutter, als sie die furchtbare Wirklichkeit begriffen, stürzte bewußtlos zusammen. Niemand wagte den Versuch, sich [540] dem Scheunenthor zu nähern; er wäre in den sicheren Tod gegangen. „Es geht nicht,“ schrie Alles durch einander; „das Dach stürzt jeden Augenblick ein; es hilft auch nichts mehr – die ist schon verloren; beten wir lieber ein ‚Vater unser‘, daß ihr unser Herrgott beisteht in ihrer schrecklichen Sterbestund’!“

Todtenstille ward rings, nur unterbrochen von dem Murmeln der betenden Stimme, von dem Knistern und Knattern der Flammen oder dem Gepolter hier und da stürzender Balken und Steine.

„Laßt mich durch!“ schrie plötzlich mit schallender Stimme ein Mann, der mit starkem Arm sich durch die Menge drängte und auf die Scheune zustürzte. Bei seinem Erscheinen brach Alles in Ausrufungen des Schreckes und der Verwunderung aus – des Schreckens, weil Niemand noch eine Rettung für möglich hielt und den Kühnen nur in den gewissen Tod gehe sah – der Verwunderung, denn der unerwartete Retter war keine fremde Person. Es war offenbar der blöde Krüppel, der Tiroler Stummerl, den jedes Kind kannte, und doch so verändert, daß man Mühe hatte, sich an ihm zurecht zu finden. „Was ist denn das?“ ging’s durch einander. „Wo hat denn der Stummerl seinen Stelzfuß hingebracht? Wie hat er geschwind so gut reden gelernt?“

Es war keine Zeit, sich darüber Antwort und Aufschluß zu holen – der Augenblick der furchtbaren Entscheidung war gekommen. Unbekümmert um den Funkenregen, der auf ihn niedersprühte, hatte der Mann die Balken am Eingang bei Seite geschleudert, den Riegel zurückgestoßen, und von der Gluth beschienen sahen Alle mit einem Aufschrei des Entsetzens das vermißte Mäschen hart an der Schwelle, einer Todten ähnlich, dahingestreckt. Kräftig hob der Fremde sie empor und eilte mit seiner Last in’s Freie – unmittelbar hinter ihm prasselte das einstürzende Gebälk nieder.

Beinah im nämlichen Augenblick kam die Mutter zur Besinnung, gerade recht, um ihr gerettetes und unversehrtes Kind in den Arm zu nehmen. Alles drängte glückwünschend und fragend herbei, aber der Retter ließ das Mädchen nicht mehr aus den Armen und schlug, von der Mutter begleitet, mit raschen Schritten den Bergweg nach der Hütte ein.

„Laßt ihn nur gehen!“ sagte der alte Förster. „Jetzt wissen wir auf einmal, was hinter dem Tiroler Stummerl steckt, der uns so lange zum Narren gehalten hat. Jetzt weiß ich, wer der Wildschütz war, der mir immer einen Hirsch weggeputzt und der mir die Kugel in den Arm gejagt hat. Damals hat er sich das Gesicht schwarz gemacht, aber ich hab’ ihn doch gleich erkannt, wie er auf’s Feuer zugesprungen ist.“

Allmählich verglomm der Brand. Die obdachlos gewordene Familie war, so gut es anging, in den Nachbarhäusern untergebracht; einige Männer blieben als Wächter bei der Brandstätte zurück, auch der Wirth und die Grenzer schickten sich zu Umkehr und Aufbruch an. Der Wirth lud sie ein, bei ihm vorzusprechen und nach dem Schrecken und der durchwachten Nacht einen stärkenden Trunk zu nehmen. Die Grenzer lehnten es ab; sie wollten die unterbrochene Runde wieder aufnehmen. Sie hatten vor, Gori noch in der Nacht in seiner Hütte zu überfallen und Haussuchung zu halten, den es hatten sich neue Verdachtsgründe ergeben, daß er wirklich der kühne Schmuggler gewesen, der ihnen durch Untertauchen entkommen war. Sie hatten die Mütze, die er gewöhnlich zu tragen pflegte, und die von ganz eigener Form war, aus dem Inn aufgefischt – offenbar mußte sie ihm beim Untertauchen entfallen und an den Stauden des Ufers hängen geblieben sein.

„Ja, ja, da fehlt sich nichts,“ sagte der Wirth mit lauter Stimme. „Es ist halt nichts so sein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen.“

Im Moment fiel ein noch stehender Balken des Hauses um, und seine Funken streuten hellen Schein über die Gegend und besonders auf das Felsstück, hinter welchem Gori lauerte.

Er hatte schon daran gedacht, sein Versteck zu verlassen, aber er hatte es bisher nicht vermocht, weil er sonst durch die versammelte Menge hätte gehen müssen, was sein schlechtes Gewissen ihm nicht gestattete, da er ja seine Anwesenheit durch nichts zu erklären vermocht hätte und also selbst den Argwohn gegen sich wachgerufen haben würde. Auf der andern Seite gab es keinen Ausweg als über eine steile, mit einigen Bäumen bewachsene Felswand über die nur mit Gefahr des Lebens hinabzukommen war. – Eben hatte er sich spähend hinter dem Felsen etwas vorgebeugt, als der Feuerschein ihn traf und den Grenzern sichtbar machte.

„Holla!“ schrie Einer auf. „Da ist er ja. Wie kommt denn der daher? Jetzt soll er uns nicht mehr entkommen; jetzt haben wir ihn.“

Sie eilten dem Felsen zu, aber ihre Hoffnung wurde dennoch vereitelt, denn Gori hatte schon auf gut Glück einen Baumwipfel an der Wand ergriffen und schoß oder stürzte vielmehr vor ihren Augen über diese hinunter.

„Der bricht den Hals,“ sagte hinzueilend der andere Grenzer, aber Gori hatte sich unten schon aufgerafft und rannte bereits mit der Schnelligkeit eines Hirsches das ebene Thal entlang. Er wußte noch nichts von dem neuen Verdachte wegen der Schmuggelei, und als die Grenzer sich zu seiner Verfolgung anschickten, konnte er, auch noch den laut gesprochenen Worten des Wirthes, nicht anders vermuthen, als daß man ihn wegen der Brandlegung in Verdacht habe. Die Angst, dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, beflügelte seinen Lauf.

„Lauf nur zu!“ sagten die Grenzer, „wir holen Dich schon ein; über’s Wasser kann er nicht hinüber; Einer von uns geht rechts am Ufer hinauf, der Andere links. – Wir gehen Dich ein, wie einen Fuchs im Bau.“

Dieselben Gedanken leiteten Gori bei seiner Flucht. Blieb er diesseits des Flusses, so war er verloren; jenseits desselben, im fremden Lande, war er gerettet oder wenigstens für geraume Zeit geborgen. Alles kam daher darauf an, über den Strom zu kommen, so schnell, daß keiner seiner Verfolger ihm den Vorsprung abzugewinnen vermochte. Konnte er die Ueberfuhr vor ihnen erreichen, so war Alles gewonnen. War auch die Fähre bei Nacht nicht mehr im Gange, er hatte schon einmal ohne sie den Weg über den Strom gemacht, und was ihm einmal gelungen, konnte und mußte wieder gelingen. Keuchend, ohne anzuhalten, rannte er durch Busch und Wiese auf nur ihm bekannten Wege dem Strome zu, und als wollte es ihn beschützen, war schwarzes Gewölk aufgestiegen und hatte sich wie eine breite Wand vor den Mond gelagert. Schon hatte er das Ufer vor sich, aber seinem falkenscharfen Auge entgingen die beiden Gestalten nicht, die wie Schatten von beiden Seiten durch die Niederung und am Abhange einherschlichen und ihn vom Strome abzuschneiden suchten. Die letzte Kraft zusammenraffend, kam er vor dem ersten Altwasser an, taumelte über den Steg und sah in geringer Entfernung vor sich das dunkle Gerüst der Ueberfuhr emporsteigen. Aber hinter sich hörte er bereits den Laufschritt der Verfolger, ihren Zuruf und ihre Drohung, ihm eine Kugel nachzuschicken, wenn er nicht anhalte, aber er wußte, daß sie kein Recht hatten, die Drohung zu verwirklichen, und daß sie nicht wagen würden, nach ihm zu schießen – er ließ sich nicht beirren. Noch wenige letzte Sprünge, und er war glücklich am Gestelle angelangt, als eben die Grenzer, aus dem Gebüsche auftauchend ebenfalls näher kamen.

In wenigen Augenblicken hatte Gori das Gerüst erstiegen und das Seil erfaßt. Höhnisch rief er den Verfolgern zu, wenn sie ihm etwas zu sagen hätten, sollten sie es ihm nachthun … Gewandt, geschickt und sicher bewegte er sich mit wechselnden Händen an dem Seile vorwärts.

Bald hatte er die Mitte des Stromes erreicht, als er plötzlich seine Kraft erlahmen fühlte: die Erregung und die Anstrengung hatten ihn mehr angegriffen, als er geglaubt – ein verhängnißvolles Zittern überkam ihn. Er mußte das Seil mit einem Arme loslassen. … Von Todesangst erfaßt, ermannte er sich noch einmal – es wäre ihm wohl auch gelungen, das Seil noch einmal zu fassen und den gefährlichen Weg zurückzulegen, – da riß wie auf ein Zauberwort der Wolkenvorhang vor dem Monde entzwei, und durch die klare Lücke sah derselbe in den Strom hernieder und hielt ihm da sein Spiegelbild entgegen … es war, als ob aus der bewegten Welle ein drohendes, blasses Angesicht auftauchte, als ob sich ein Hülfe verlangender Arm daraus ihm entgegenstreckte; ihm war, als müsse er mit der freien Hand nach dem Arme haschen; da glitt unwillkürlich auch der andere Arm hernieder – und mit schwerem Schlage stürzte er hinunter in den Strom. –


Textdaten
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Autor: Hermann von Schmid
Titel: Aufg’setzt.
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 34, S. 553–556
Fortsetzungsroman – Teil 8 - Schluß

[553]

Inzwischen war Gertl von der Mutter und ihrem räthselhaften Retter nach Hause gebracht worden und lag noch immer besinnungslos auf dem Bette. Die Mutter hatte ihr ein in Wasser getauchtes Tuch über die Stirn gelegt und ging ab und zu. Die Frau gehörte noch zu jenem alten Geschlechte mit den durch Arbeit gestählten Nerven, welche wohl einer augenblicklichen Erschütterung nachgeben können, dann aber emporschnellen wie niedergedrückte Federn, um körperlich und geistig wie neugeboren zu erscheinen. Gertl war vollkommen unverletzt, nur der Schrecken und der Qualm hatten sie in einen Zustand schwerer Betäubung versetzt.

Eben hatte die Mutter die Stube verlassen, um den frischen Umschlag am Brunnen anzufeuchten. Der Retter saß neben Gertl am Bett; die Mutter ließ ihn gewähren; wenn auch der Mann wie sein Benehmen ihr wunderlich vorkamen, wollte sie doch nicht mit Fragen in ihn dringen – ihrem einfachen Gemüth wäre es wie eine Verletzung des Dankes erschienen, den sie dem Retter ihres einzigen Kindes schuldig war.

Es war stille in der Stube; man hörte nur den Gang der Schwarzwälder Uhr, als wollte sie die gleichmäßigen Schläge der Pulse andeuten, die im Herzen des Mädchens sich wieder zu regen begannen. Mit einem tiefen Seufzer richtete sie sich empor und blickte, auf den Arm gestützt, wie um sich zu besinnen, in der Stube umher. Es war Alles wie sonst, nur daß neben ihrem Bette eine fremde Männergestalt saß – daß mitten in der Stube auf dem Boden ein eigenthümlicher Gegenstand lag, der aussah fast wie ein vom Spinnrad gerissener Rocken, und daß der Mann neben ihr mit den braunen dichten Haaren und den funkelnden Augen sie so bekannt ansah.

„Was ist denn mit mir?“ sagte sie, die Haare aus der Stirn streichend. „Wo bin ich denn eigentlich?“

„Wo wirst sein?“ fragte der Mann. „Daheim bist; brauchst Dich nicht zu ängsten.“

Gertl kehrte allmählich zum Bewußtsein des Vorgefallenen zurück – in der Nachwirkung des Schreckens schrie sie auf und drückte die Hand vor die Augen, als wollte sie den Anblick des Feuers von sich abwehren.

„Ist’s denn möglich?“ rief sie. „Bin ich nicht verbrannt? Wie bin ich denn herausgekommen aus dem brennenden Stadel?“

„Nun,“ entgegnete der Nachbar, „es ist halt gerade glücklicher Weise Einer den Weg daher gekommen und hat Dich noch zur rechten Zeit herausgetragen.“

„Und wer ist das gewesen?“ fragte sie, allmählich immer klarer werdend. „Ich hab’ schon nichts mehr von mir gewußt und hab’ mich schon verloren gegeben.“

„Das wärst Du auch gewesen,“ sagte die Mutter, die mit dem Tuche zurückkam, und es ihr um die Stirne band, „wenn der Tiroler Stummerl Dich nicht gerade noch herausgetragen hätt’, eh’ das Dach eingestürzt ist. Da siehst Du einmal wieder, wie recht ich gehabt hab’ – Dein Eigensinn, im Stadel im Heu zu schlafen, hätt’ Dich bald das Leben gekostet.“

„Ja, ja,“ sagte Gertl, „jetzt fällt mir Alles wieder ein. Ich bin schon am Ersticken gewesen; die Thür war zu; Jemand muß sie von außen vermacht haben. Niemand anders als der Gori hat’s gethan.“

Wie vom Schauder geschüttelt sank sie auf das Kissen zurück, raffte sich aber ebenso rasch wieder empor.

„Aber wer hat mich denn herausgetragen?“ rief sie. „Hast Du nicht gesagt, der Tiroler Stummerl hätt’s gethan? Wo ist er denn, und wer ist das Mannsbild, das da neben mir sitzt, als wenn es hierher gehörte?“

„Das ist er ja,“ sagte lachend die Mutter. „Es ist kein Anderer, als der neben Dir sitzt. Du kennst ihn halt nicht mehr.“

Erstaunt richtete sie sich noch höher auf, indem sie den am Bett Sitzenden mit weit geöffneten Augen maß und abwechselnd das am Boden liegende Falschhaar betrachtete. „Der?“ stammelte sie, und während sie den Mann betrachtete, schlug eine Gluth in ihr empor, als wäre sie nicht aus dem Feuer gerettet, sondern läge noch mitten in demselben, ringsum von Flammen umzüngelt. Wenn der Stummerl sie aus dem Feuer gerettet, so schoß es ihr blitzartig durch den Sinn, wenn der Mann mit dem braunen Kraushaar und mit dem freundlichen offenen Gesicht der Tiroler Stummerl war, dem sie gestern in der Capelle begegnet, dann bekam ja das Orakel plötzlich eine ganz andere Bedeutung, dann war es doch nicht unmöglich, daß – „Aber wer bist Du denn eigentlich?“ fragte sie wie verloren. „Wenn Du der Tiroler Stummerl sein willst, bist Du dann nicht ein alter Mann, ein Krüppel und ein Täpp?“

„Glücklicher Weise bin ich das Alles nicht,“ antwortete der Mann. „Es ist Alles nur Verkleidung und Verstellung gewesen. – Mußt mich halt nicht verrathen, Madel; es braucht Niemand zu wissen, was hinter dem Stummerl steckt.“

„Wie kannst Du denken, daß ich Dich verrathen werd’?“ sagte Gertl, indem sie den Mann verwundert anblickte und vor

[554] dem feurigen Blick seiner Augen die ihrigen niederschlug. „Was sollt’ ich auch verrathen? Ich weiß gar nichts von Dir.“

„Auch gut – was Du nicht weißt, will ich Dir sagen, damit Du Dich auskennst,“ erwiderte der Fremde. „Ich bin in Tirol daheim, bin von weitschichtigen Gefreundten aufgezogen, weil ich Vater und Mutter verloren hab’, wie ich noch ein Bübel gewesen bin. Ich bin immer eigentlich unter fremden Leuten herum gekugelt, und sie haben gesagt, ich wär’ nie viel nütz gewesen und hab’ nie was lernen wollen, nur das Waldlaufen und das Wildpretschießen hat mich g’freut – das wird wohl in meinem Blut liegen, denn mein Vater ist ja ein Jäger gewesen.“ –

Forschender ruhte Gertl’s Blick auf dem Erzählenden, der nach kurzem Innehalten fortfuhr:

„Drinn’ in Tirol ist’s gar zu gefährlich mit dem Wildern – es ist auch nicht viel zu haben, und Alles ausgeschossen in den Wäldern; deswegen bin ich über die Grenz’ herüber nach Baiern, und damit ich nicht aufgekommen bin, hab’ ich mich als Stummerl und Troddel verkleidet. So bin ich im Land als Bettler ’rumgezogen, und hat Niemand einen Argwohn auf mich gehabt, ich aber hab’ Alles ganz gemüthlich ausspioniren können. Droben im Falkenstein, im Keller, hab’ ich mir einen Unterschlupf eingerichtet; da hab’ ich mein Gewand und mein Schießzeug versteckt und mich allemal umgekleidet; dort hat mich Niemand gesucht; es getraut sich ja Niemand in den Keller hinunter, weil ein Schatz drunten liegt, den ein feuriger Drach’ hütet.“

Er hielt inne, denn er gewahrte, daß Gertl wie geistesabwesend vor sich hin sah und ihn gar nicht zu hören schien. Es war ihr, als vernehme sie die Worte wie durch einen Traum, denn wie zuvor der Blick des Erzählers sie befremdete, lag auch in seiner Stimme etwas Eigenthümliches, wie man oft im Leben einem Laut begegnet, den man längst gehört zu haben glaubt, ohne daß man sich erinnern kann, was er bedeute und von wannen derselbe stamme.

„Aber wie soll’s denn jetzt werden?“ sagte sie, wie erwachend. „Jetzt haben Dich die Leut’ in Deiner wahren Gestalt gesehen; jetzt kennen sie Dich als Wildschütz und daß Du sie betrogen hast – was willst jetzt anfangen?“

„Ja freilich,“ entgegnete er, „wenn sie mich erkannt, ist die Komödie aus; dann darf ich nur gleich die Füße unter den Arm nehmen und schauen, wie ich geschwind nach Tirol hinein komm’.“

„Und willst nimmer wiederkommen?“ fragte Gertl hastig und wie erschrocken.

„So bald nit!“ war seine Antwort. „Es könnte schlecht ausfallen für mich. Ich fürcht’, ich hab’ mich schon jetzt zu lang verhalten. Ich bin gestern in der Früh mit dem Förster zusammengetroffen und sorge, er hat mich jetzt ausgegangen.“

„Warum bist nachher nit gleich fort?“ fragte Gertl mit dem sichtbaren Ausdruck der Unruhe.

„Ich hab’ den Tag abwarten wollen und hab’ mich in meinem Keller versteckt, und es ist ein Glück gewesen, daß ich das gethan hab’. So war ich doch in der Nähe und hab’ Dir helfen können. Und nachher, – daß ich’s recht sag’,“ fuhr er etwas zögernd fort, „nachher hat’s mich nit fortgelassen; ich hab’ Dich noch nur etwas fragen wollen.“

„Mich?“ entgegnete Gertl, deren Befangenheit mit jedem Laut, Wort und Blick wuchs.

„Ja, Dich! Schon – wie ich Dich vorgestern im Garten hab’ reden hören, – wie ich Dich gesehen hab’, da ist mir etwas eingefallen, um das ich Dich fragen möcht’. Drum bin ich Dir auf dem Heimweg nachgeschlichen und bin gerade recht gekommen wie der Lump Dich angepackt hat.“ –

„Und was wär’ denn das für eine Frag’?“

„Ich hätt’ sie gestern schon gethan, wie Du mir am Kirchel auf dem Petersberg begegnet bist, aber Du bist mir zu schnell davon, bist wohl erschrocken vor mir. – Kannst es nit errathen?“ fuhr er fort, während Gertl bei Erwähnung des Kirchleins sich abwechselnd von Gluth und Kälte überrieselt fühlte; sie war so verwirrt, daß sie keine Antwort auf die Frage fand, und doch war es ihr, als ob sie die Antwort darauf wissen müßte, als ob dieselbe in ihrem Gemüth verborgen liege, wie ein vergessenes Lied.

„Ich hab’ Dich fragen wollen,“ begann er wieder, „ob Du mich vergessen hast, mich gar nicht mehr kennst?“

Er hielt einen Augenblick inne – sie schwieg ebenfalls, den Blick fest auf ihn gerichtet, und wie hinter verschwebendem Nebel das Bild einer schönen Gegend erscheint, kehrte ihr plötzlich die Erinnerung wieder.

„Franzl!“ rief sie, schwankend zwischen Besorgniß und Lust. „Wär’s möglich – Du?“

„Ja,“ entgegnete er freudig, „ich bin’s, der Jägerfranzl. Weißt es noch? Der Bub, der Dich immer in die Schul’ begleitet hat, der mit Dir auf dem Steinkreuz gesessen ist und der, weil der Vater knall und fall fort gemußt hat, nicht einmal hat B’hüt Gott! sagen können. Also Du kennst mich doch noch? Du hast mich doch nicht ganz vergessen?“

„O nein, gewiß nit,“ war Gertl’s freudige Antwort. „Wie kannst denken, daß ich Dich hätt’ vergessen können?“

„Ich hab’s auch nicht zuweg gebracht,“ begann er wieder. „Siehst Du, was ich da am Uhrgehäng’ hab’? Das kleine bleierne Ringel? Das hast Du mir gegeben, selbigesmal, wie Du Dir den Fuß verstaucht hast und ich Dich heimgetragen hab’.“

Er reichte Gertl den Ring.

„Und das hast Du noch?“ stammelte sie. „O Du – Du –“

Sie konnte nicht vollenden – das so lange leer gewesene Herz quoll über von dem ganzen Glück der ersten, ungekannten Liebe. Sie wußte nicht, wie ihr geschah: vom Lager heruntergleitend, lag sie in Franzl’s Armen und ließ seine Küsse über sich ergehen wie ein süßes, unvermeidliches Schicksal.

Eben trat die Mutter, die sich wieder auf einen Augenblick entfernt gehabt, in die Stube, eine Schüssel voll Wasser in der Hand. Bei der Ueberraschung, die sich ihr bot, kam sie etwas aus der gewohnten Fassung und die Schüssel entglitt beinah ihren Händen, den Stubenboden mit ihrer klaren Fluth überspülend.

„So ist’s recht,“ sagte sie, auf die Bank zusammenknickend. „Hab’ ich nicht immer gesagt, Du machst noch eine recht Dalkerei mit Deinem Spreizen und Zieren? Soll das jetzt der Schatz sein, nach dem Du so lang’ auf der Such’ gewesen bist?“

„Ja, Mutter,“ rief Gertl, überströmend vor Freude. „Wie kannst denn so reden? Es ist ja der Franzl.“

„Da ist er was Recht’s,“ entgegnete die Mutter.

„Weißt denn nicht? Es ist derselbe, den ich schon als Kind gern gehabt hab’. Ich hab’s nicht verstanden und nicht gewußt, jetzt aber versteh’ ich’s, und jetzt weiß ich’s; der heilige Petrus hat mir’s gesagt und die entsetzliche und doch so glückliche Stund’, in der er mich aus dem Feuer getragen hat. Jetzt hab’ ich den gefunden, dem ich gehör’; bei dem will ich bleiben.“

„Das ist eine schöne Geschichte,“ jammerte die Frau, indem sie die Hände zusammenschlug. „Was soll denn daraus werden? Wie wollt Ihr denn mit einander hausen? Du hast nicht viel, und er hat gar nichts.“

„Nichts – als ein Paar tüchtige Arme und ein treues Gemüth,“ sagte Franzl, indem er vor die Frau hintrat und ihr die Hand darreichte. „Ich kann und will wohl arbeiten, wie’s recht ist, und das Wildern lassen. Ich hab’ noch nie ein Madel angeschaut; es ist mir nit eingefallen, daß ich eine gern haben könnt’, aber wie ich vorgestern im Wirthsgarten zu Flintsbach hinter der Stauden gelegen bin und die Gertl wieder gesehen und die Stimm’ wieder gehört hab’, die liebe gute Stimm’, da ist mir auf einmal gewesen, als wenn am G’wand der Nebel weggeht; die Sonn’ kommt heraus, und die Hörner und Eiszacken stehen da, als wenn sie mit lauter Gold gemalt wären – da hab’ ich gewußt, warum mir kein Madel gefallen hat – ich hab’ ja schon ein Bildl unter’m Brustflecken sitzen, das nimmer zum Auslöschen ist.“

Ergriffen schmiegte sich Gertl an den Burschen – nun war es ihr vollkommen klar, weshalb er sie immer so angestarrt, und daß die eigenthümliche Scheu, die er ihr erregte, eigentlich nichts war, als eine Vorahnung des Geheimnisses, das sie an ihn band. Aber so genau sie ihn betrachtete, kannte sie doch immer noch nicht recht begreifen, daß der stattliche Bursche derselbe lahme, rothhaarige, stammelnde Krüppel war, vor dem sie immer ein solches an Grauen grenzendes Gefühl empfunden.

„Es wär’ Alles recht,“ begann die Mutter wieder. „Wenn ich auch alles Krumme gerad’ sein lassen wollt’, so kann doch nichts daraus werden. So viel ich von der Sach’ versteh’, bist Du ein Wilddieb, der sich nicht sehen lassen darf. Jetzt kennen sie Dich und werden Dich ein paar Jahrl’ einkasperln, und wie soll’s nachher werden? Soll sich das Madl noch länger versitzen? [555] Soll – – Da haben wir’s schon,“ unterbrach sie sich, „da ist der Förster schon und ein Haufen Bauern mit ihm; sie haben Dich richtig schon auskundschaftet und holen Dich ab.“

„Heilige Anna, hilf!“ rief Gertl, indem sie Franzl um den Hals fiel. „Hilf, Mutter! Sie dürfen ihn nicht finden. Sag’, wo wir ihn verstecken? Oder das Beste wird sein – mach’, daß Du fortkommst, Franzl! Ich laß’ Dich durch den Kuhstall hinaus; da passen sie nimmer auf.“

Der Bursche trat kaltblütig an’s Fenster und überblickte die Umgebung des Hauses.

„Es ist zu spät,“ sagte er, „sie haben das Häusel umstellt, ich kann nimmer fort – sie würden mir eine Kugel nachschicken.“

Es war wirklich zu spät; im nächsten Augenblick schon öffnete sich die Thür, und auf der Schwelle stand der Förster mit der Büchse im Anschlag liegend.

„Rühr’ Dich nicht, Wilddieb, vermaledeiter!“ rief er. „Jetzt ist’s Dein Letztes. Gieb Dich oder ich schieß’!“

„Thu Deinen Schießprügel weg!“ entgegnete Franzl kaltblütig und drängte Gertl sanft von sich, die, wie um ihn zu schützen, sich an seine Brust geworfen hatte. „Du siehst, ich hab’ kein Gewehr; ich kann mich nicht wehren und muß wohl mitgehen, ob ich will oder nicht.“

„Das ist Dein Glück,“ sagte der Förster, indem er das Gewehr absetzte und den Hahn in Ruhe stellte. „Packt ihn, Bauern! Bindet ihm die Händ’ auf den Rücken!“

„Was?“ rief Franzl zurückspringend, indem helle Gluth über sein Angesicht emporschlug. „Bandeln wollt Ihr mich? Wer mir auf drei Schritte zu nah’ kommt, der fliegt zum Fenster hinaus. Was stellst Dich denn so wüthig an, Förster?“ fuhr er, ihm näher tretend, fort, „warum sollt ich mich denn wehren, wo’s doch nichts hilft? ‚Heut mir, morgen Dir!‘ das ist ein altes Jägersprüchl – ich hab’ Dich auch schon einmal bei der Falten gehabt und hab’ Dich laufen lassen; heut’ hast Du mich und hältst mich fest – ein Jeder nach seiner Meinung. Jetzt aber macht, daß wir weiter kommen!“

Er wandte sich den Bauern zu, die den kühnen Burschen nicht ohne eine gewisse Theilnahme betrachteten.

„Behüt’ Dich Gott, Gertl!“ sagte Franzl, indem er zu dem Mädchen trat und unbekümmert um die staunenden Zeugen den Arm um sie schlang. „Behüt’ Dich Gott! Das ist eine kurze Zeit, daß mir zwei wieder zusammengekommen sind – aber ich mein’, es könnt’ nit so weit gefehlt sein mit mir. Wart halt eines kurz’ Zeitl auf mich, bis ich wiederkomm’!“

Gertl weinte leise an seiner Brust, er aber fuhr, eine leichte Rührung niederkämpfend, fort: „Und wenn ich nit wiederkomm’ – wenn’s wirklich aus sein sollt’ mit der glückseligen Stund’, in der wir uns wiedergefunden haben – nachher vergiß mich nicht ganz und denk dieweilen an mich!“

„Ich hab’ kein anderes Gedenken mehr, als Dich, Franzl,“ sagte Gertl, „und werd’ kein anderes haben – aber ich sag’ Dir nur auf kurze Weil’ Behüt’ Gott! Du kommst wieder, Du mußt wieder kommen, und ich wart’ auf Dich, und wenn ich darüber ein altes Mütterl werden müßt’. Ich hab’s nit glauben wollen; ich hab’ gefrevelt, aber jetzt weiß ich, Du mußt wieder kommen, es ist uns aufg’setzt, daß Du wieder kommst.“

Franzl legte die weinende Tochter in die Arme der mitweinenden Mutter, und im nächsten Augenblick war der Zug mit seinem Gefangenen in der Nacht verschwunden. Die Fackel, die einer der Bauern trug, zeigte, wie sie den Bergweg hinunter wandelten – auch die erlosch endlich in der Ferne wie ein letzter Leitstern in dem Dunkel der Hoffnungslosigkeit, das mit der Nacht sich auf die Zurückbleibenden niedersenkte.


5.

Ein Jahr später schaute der graue Römertthurm des Falkensteins auf die fröhliche Zurüstung zu einem Feste herab, das in seinen Räumen und Trümmern sich vorbereitete.

Noch der Herbst hatte Lina und Linkow vor dem Altare durch ein heiliges Band vereint, etwas, das Beiden noch vor kurzer Zeit so unmöglich geschienen wie die Erfüllung eines Märchentraumes. Der Kreislauf des Jahres hatte den Tag wieder gebracht, der das erlösende Wort über sie ausgesprochen hatte; er fand das Paar in glücklicher Vereinigung. Es wurde beschlossen, einen Ausflug in das Innthal zu machen und auf dem Falkenstein einige festliche Stunden der Erinnerung zu begehen. Traf es sich doch auch, daß ein Fest der Gegenwart mit demselben zusammenfiel.

Der Wirth von Flintsbach hatte sich’s nicht nehmen lassen, den Platz herzurichten, zu schmücken und mit Allem zu versehen, was nöthig ist, daß über den Freuden des Gemüths auch der Körper nicht leer ausgehe. Im untern Burghofe waren einige Tische und Bänke ländlich zusammengezimmert; in dem Bergeinschnitt des Baches unter dem dichtesten Ahornschatten lagen in der Kühle ein paar Fäßlein voll jenes Labetrunks bereit, ohne welchen in baierischen Gauen kein Fest begangen wird, und am Fuße der von der einstigen Burgcapelle noch übrigen Giebelwand waren Steine zu einem Feldherde zusammengetragen, auf welchem ein lustiges Feuer emporprasselte. Mit vergnügter Miene ging der Wirth hin und wider, die getroffenen Anstalten überblickend, rieb er sich die Hände und rief: „So, jetzt kann der Zug jeden Augenblick kommen. Der Rehbraten ist in einer Viertelstunde gar, und die Hühner stecken schon am Spieß; die Stadtherrschaften werden wohl zufrieden sein … da fehlt sich nichts.“

„Sie werden auch bald kommen, Wirth,“ erwiderte einer der Grenzjäger, der eben durch den Thorbogen hereingekommen war. „Ich bin fort, wie die Predigt angefangen hat – es war ein großes Gewühl von Menschen, aber dennoch war es schön und feierlich, und wie das Paar copulirt wurde, war es ringsum so still, man hätte eine Nadel fallen gehört.“

„Glaub’s wohl, daß es schön gewesen sein muß,“ sagte der Wirth, „daß der Herr Propst selber gepredigt, wär’ allein werth, daß man sich ein paar Sohlen wegläuft. Ueber was hat er denn gepredigt?“

„Ich habe nur den Anfang gehört,“ antwortete der Grenzer. „Er hat gesagt, er wollte von der göttlichen Fürsichtigkeit predigen und an dem Schicksal der Brautleute zeigen, wie der Mensch niemals verzweifeln sollte und wie der, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt, auch da noch einen Ausweg zu finden vermöge, wo uns die ganze Welt mit Brettern vernagelt scheine.“

„Er hat Recht,“ sagte kopfnickend der Wirth; „es ist auch eine merkwürdige Geschichte, die wir da erlebt haben. Wer hätte damals, wie wir in meinem Schankgarten gesessen sind und ich den Tiroler Stummerl hinterm Zaune aufgestöbert habe und die Gertl so an ihm erschrocken ist, wer hätte sich damals einfallen lassen, daß die Zwei über’s Jahr die Ringe wechseln würden!“

„Jawohl,“ rief lachend der Grenzer, „es ist merkwürdig, was man in einer so kurzen Zeit, wie ein Jahr ist, Alles erleben kann, Lustiges und Trauriges! Gestern hat es sich auch wieder gejährt, wie der Gori seinen grauslichen Tod genommen hat. Wenn ich an der Hütte vorbei muß, möcht’ ich immer lieber einen Umweg machen.“

Der Wirth lachte. „Ihr seid mir auch der rechte Wächter,“ sagte er, „der einer halbverfallenen Hütte aus dem Wege geht und einem alten Weib, das drin logirt hat.“

„Ich fürcht’ mich nicht, Wirth,“ entgegnete der Grenzer, „zum wenigsten vor etwas Lebendigem – aber es giebt doch Sachen, bei denen den Couragirtesten eine Gänsehaut überläuft. Die Alte war eine scheusame Person, von der man gar nicht einmal weiß, wo sie hin gekommen ist. Wie wir die Hütte visitirten und sie erfahren hatte, was mit dem Gori geschehen war, that sie gar nicht dergleichen, daß sie die Nachricht verstanden hätte, und kurze Zeit darnach, wie sie mir in der Nacht begegnete, sagte sie mir, ich solle sie nicht aufhalten, ihr Mann habe ihr Botschaft gethan, er werde nächstens mit einem Schiffzug kommen und sie abholen – sie solle ihn nur draußen am Wasser erwarten. Sie ist auch etliche Tage am Gestad gesessen, und wie man sie hat wegholen wollen, ist sie nicht mehr da gewesen, und kein Mensch hat weiter etwas von ihr gehört.“

„Das alte Weibel wird halt in seiner Narrheit in den Inn gefallen sein,“ sagte der Wirth. „Sie ist am besten aufgehoben – Gott geb’ ihr die ewige Ruh’ und dem Gori auch!“

„Horch, sie kommen!“ rief der Grenzer, als aus weiter Ferne und Höhe schallende Trompetenklänge in den hellen Morgen hinein schmetterten. „Sie müssen schon um die Ecke am Petersstein herum sein, weil man die Musik schon so deutlich hört.“

„Fehlt sich nichts!“ rief der Wirth und winkte ein paar nebenan beschäftigten Burschen zu, sich bereit zu machen. „Seppel, schlag’ den Spund auf – zapf an! Und Du, Hies, lauf’ in [556] den obern Burghof hinauf und brenn’ den ersten Böller los! Sie müssen’s wissen, daß wir sie schon kommen hören, und das ganze Innthal mit; – solch eine Hochzeit hats in hundert Jahren nicht gegeben.“

„Das muß wahr sein,“ sagte der Grenzer, „und ich begreif’ immer noch nicht, wie sich Alles so leicht und so geschwind geschickt hat. Der Franzl ist doch processirt und auf ein paar Jahr verurtheilt worden und nach einem halben Jahr war er schon wieder frei.“

„Das ist leicht zu begreifen,“ erwiderte der Wirth. „Es ist halt leichter bei ihm genommen worden, weil er sich gutwillig gegeben und nicht widersetzt hat und weil er den Förster selbiges Mal, wie er ihn in der Hand gehabt hat und hätt’ erschießen können, wegen seinem Weib und seinen Kindern verschont hat. Der König, heißt’s, hat die ganze Geschicht’ erfahren und hat ihm die übrige Strafe geschenkt.“

Näher und näher tönte die Musik, und bald schwenkte die Spitze des Zugs beim Seitenthörlein über den die Brücke bildenden Bogenrest herein, ein paar Bauernbuben mit weißblauen und schwarzrothgoldenen Fähnlein voran, hinter ihnen die Musikanten von Flintsbach und der Umgegend, denn der Maler-Anderl hatte es durchgesetzt, daß seine Genoveva an ihrem Ehrentage von der ganzen Komödiantenbande, deren Zierde sie gewesen, nach Gebühr gefeiert werde. Am nächsten Sonntag sollte das Stück wieder gegeben werden und die junge Frau die Genoveva spielen. Dem Unermüdlichen war es auch gelungen, einen andern rothköpfigen Burschen für die Rolle des Golo zu gewinnen.

Nach der Musik kamen die Kranzlerinnen der Braut und die Mantelträger des Bräutigams, unter einander wetteifernd an Stattlichkeit der Erscheinung; hinter ihnen folgte Gertl, gesenkten Blickes, mit hochgerötheten Wangen und feuchten Augen; die Freudenthränen wollten ebenso wenig schwinden, wie die innere Gluth, die wieder und wieder ihr Antlitz überflog. Am Halse trug sie das Sammetbändchen mit den Henkelducaten.

Neben ihr schritt ihre Mutter, zur andern Seite, wenn es auch nicht genau dem Gebrauch entsprach, der alte Maler-Anderl. Ihnen folgte in der kleidsamen Landestracht Franzl, der Bräutigam; der Oberforstrath und der Förster waren seine Beistände. Linkow und Lina, die Glücklichen, schlossen sich den Glücklichen an, umgeben und umdrängt von einer zahllosen Menge von Landleuten, die das Brautpaar sehen wollten, das durch eine so seltsame Verkettung von Umständen zusammengeführt worden war.

Schon wollte der Zug an der seitwärts paradirenden Musik vorüber sich an den Tischen vertheilen, als eine überraschende Erscheinung ihn aufhielt. Unter dem alten schief gewachsenen Nußbaume, auf einem Mauerbrocken, saß ein Männlein in dunkler Mönchskutte, mit kahlem Haupte und silberweißem Barte, das den Paaren entgegentrat. Es war Karl, der Gymnasiast, der, dem Zuge unbemerkt voraus eilend, das Gewand, das er sich aus der Theatergarderobe von Flintsbach zu verschaffen gewußt, überwarf und so den Versammelten mit begeisterter Anrede einen mächtigen Humpen zu Gruß und Willkommen darbrachte. Er sei der Burggeist vom Falkenstein, sagte er; der Ton der Freude habe ihn aus seiner Gruft geweckt; wenn auch die Burg gefallen und die Kleidung eine andere geworden, er finde sich in die alten Zeiten versetzt, als noch die muthigen Harnischträger im weitblickenden Rittersaale ihre Gelage feierten: in den Ruinen des Einst, der eigenen Vergänglichkeit gedenk, sollten sie der Gegenwart sich freuen.

Jubelnd wurde die sinnige Ueberraschung angenommen; Böller krachten; Musik und Zuruf erschollen darein. Gertl bot dem Jüngling die Rechte, die er rasch ergriff und herzlich drückte; er hatte einsehen gelernt, daß es nicht immer auf gelehrtes Wissen ankomme und daß ein echtes Menschenherz unter’m Bauernkittel so viel werth sei, wie eines unter seidener Weste.

Bald begann das Mahl und fröhliches Geplauder, heiteres Lachen, munterer Scherz machten um dasselbe die Runde. Man hatte bereits das alte und das neue Paar, den Propst vom Petersberg und den Burggeist leben lassen, als der Oberforstrath sich erhob; an seinem Glase anklingend, sagte er:

„Ich habe Ihnen eine Mittheilung zu machen, Herr Förster. Sie haben um Versetzung in den Ruhestand nachgesucht, Seine Majestät der König wollen aber einen so braven Forstmann noch nicht entbehren und haben deshalb zu verfügen geruht, daß Sie im Dienste bleiben, daß Ihnen aber ein tüchtiger Gehülfe beigegeben werden soll, der Sie unterstütze und das Revier so genau kennt, wie Sie. Ihr neuer Gehülfe ist unser Bräutigam. Seine Majestät haben von seinem eigenthümlichen Lebenslauf vernommen und wollen ihm Gelegenheit geben, Vergangenes gut zu machen und auf redliche Weise seine Geschicklichkeit als Jäger zu erproben.“

Er vermochte kaum zu Ende zu sprechen, denn die ganze Versammlung brach in lauten Jubel aus.

„Da hat der König freilich Recht,“ sagte der Förster lachend. „Der kennt das Revier so gut, wie ich – der Schlankel. – Ja, Herr Oberforstrath, ich nehm’ die königliche Gnad’ an; ich will im Dienste bleiben, so lang’ mich meine alten Füß’ tragen – ich nehm’ den Gehülfen an. Ich hab’s ihm nicht vergessen, daß er mich selbiges Mal verschont hat – er ist ein guter Kerl, und ich denk’, wir werden uns schon vergehen mit einander.“ Er trat zu Franzl und bot ihm die Hand, die dieser wohl ergriff, zugleich aber ihm um den Hals fallend und einen schallenden Kuß auf den Schnauzbart drückend.

„Gute Freundschaft, Forstner,“ sagte er bewegt, „laß mich halt fortkommen – ich hab’ ja so keinen Vater mehr.“

Gertl, zu der Lina, der alten Freundschaft eingedenk, glückwünschend getreten war, schwamm wie mit geschlossenen Augen in einem Meere von Seligkeit: sie vermochte vor Rührung kaum zu antworten. Desto redseliger war die Mutter, die mit dem erst so gefürchteten Schwiegersohne sich längst ausgesöhnt und ihn fast so lieb gewonnen hatte, wie die Tochter. Die Erhebung zum Forstgehülfen setzte alle dem vollends erst die Krone auf. „Das ist ein Glück,“ rief sie ein über das andere Mal, „das hätt’ ich mir im Traum nit einfallen lassen. So hab’ ich’s doch noch erlebt, Gertl, daß ich auf Deiner Hochzeit tanzen kann – und muß sagen, zuletzt hast Du doch Recht behalten und hast den richtigen Hochzeiter erpaßt. Und wie ihm erst die Jägeruniform schön anstehen muß! – Der erste Tanz freilich, der gehört Dir – aber den zweiten laß’ ich mir nit nehmen.“

Ihr Wunsch sollte bald erfüllt werden: bald reihten sich die Paare und flogen auf dem kurz gemähten Rasen des Burghofes so leicht dahin, wie auf dem feinstgetäfelten Boden.

Freudiges Gespräch, laute Musik, schlichter Volksgesang wechselten damit ab; auch der alte Anderl hatte seine Cither kommen lassen, und als die Reihe der Trutzgesangeln und Schnaderhüpfeln an ihn kam, da schlug er frisch die Saiten an, stampfte mit den alten Beinen, als wären sie wieder jung geworden, und sang:

„Hab’s alleweil g’sagt,
Sag’s noch zu guter Letzt:
Schön freudi – schön schneidi,
So ist’s mir aufg’setzt!“


  1. „Aufg’setzt, aufgesetzt“ bedeutet: „vorher bestimmt“.
  2. Zu Schar’n gehn – scheitern.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Anführungszeichen angepasst.