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Zwei Lehrer der Freiheit und Menschenrechte (2)

Textdaten
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Autor: R. v. G.
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Titel: Zwei Lehrer der Freiheit und Menschenrechte. 2. Jean Jacques Rousseau
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 440 - 443
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
1. Teil: Voltaire.
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Zwei Lehrer der Freiheit und der Menschenrechte.
2. Jean Jacques Rousseau.

Nachdem wir in dem Jubiläumsartikel „Voltaire“ des Alten von Ferney ehrend gedacht, darf auch der Säculartag eines zweiten großen Schriftstellers, der zu den Zierden der französischen Literatur gehört, hier nicht unbeachtet gelassen werden, derjenige Rousseau’s. Welchen bedeutenden Einfluß Rousseau auf unsere Classiker ausgeübt, beweist Schiller’s Jugendgedicht in der „Anthologie“, welches mit zweien seiner besten Strophen auch in die Gesammtausgaben der Schiller’schen Werke übergegangen ist. Wer so begeisternd auf einen großen Dichter unserer Nation einwirkte, der hat ein Recht darauf, von dieser nicht vergessen zu werden, und wie vieles hat der Einsiedler von Montmorency einem Marquis Posa soufflirt!

Der Säculartag Rousseau’s ist der Todestag des Denkers, und er fällt in dasselbe Jahr mit dem Tode Voltaire’s. Beide großen Geister, so verwandt in der Hauptrichtung ihres Strebens, trotz des schroffen Gegensatzes ihrer Charaktere, sind das unsterbliche Dioskurenpaar der französischen Literatur; freilich nicht wie Schiller und Goethe sympathisch verbunden, nicht wie diese classische Meisterwerke schaffend, aber beide gleichmäßig Saaten des Gedankens ausstreuend, welche auf dem Boden der Geschichte zu weltbewegenden Thaten reifen sollten.

Wenn irgend einer, so zeigt uns Rousseau die Macht des Gedankens, der aus dem Dunkel eines unscheinbaren Lebens heraus ein ganzes Jahrhundert erleuchtet. Dieser dürftige Sonderling, dieser arme Notenschreiber mit seiner anscheinend verfehlten Existenz, dieser von vielen Verständigen bemitleidete, an den Grenzen des Wahnsinns umherstreifende Schwärmer hatte jene Eingebungen des Genius, welche das ganze Staatsrecht der Vergangenheit über den Haufen warfen und dem Leben der Menschen neue Bahnen vorzeichneten. Diese gleichsam in einem Winkel kauernde Gestalt, mit der Noth des Daseins ringend, in die Lumpen der Armuth gehüllt, machtlos im äußern Leben, wurde das Ideal der Machthaber, die einer Nation das Gesetz dictirten; der stille Pflanzensammler, der Blumen für sein Herbarium suchte, welche das Leben ihm nicht auf den Weg gestreut, wurde der Vorgänger der blutigen Gewaltmänner, welche mit dem Messer der Guillotine alle diejenigen aus dem Wege räumten, welche nicht glauben wollten an das Evangelium der Menschenrechte, das er verkündigt hatte.

Welch ein düsteres, nur selten von flüchtigen Glanze erhelltes Lebensbild entrollt sich vor uns, wenn wir den Bürger von Genf von der Wiege bis zum Grabe begleiten! In der Vaterstadt Calvin’s wurde Rousseau am 28. Juni 1712 geboren; seine Mutter starb bei seiner Geburt; der Vater, ein schlichter Uhrmacher, doch nicht ohne Bildung und Verständnis und Sinn für höhere Interessen, leitete anfangs seine Erziehung. Kaum konnte

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Die Gartenlaube (1878) b 441.jpg

Jean Jacques Rousseau.
Nach einem alten Stich auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

der Knabe lesen, so studirte er schon Romane und allerlei ernstere Schriften in bunter Reihe, wie sie ihm in die Hand fielen. Im Alter von acht Jahren kam er dann in das Pfarrhaus zu Bossey, wo sich sein Natursinn lebhaft entwickelte und ein systematischer Unterricht auch seine geistigen Bestrebungen regelte. Eine unverdiente harte Züchtigung machte indeß diesem Pensionsleben ein Ende; Rousseau kam in das Haus eines Onkels, wo seinem geistigen Streben wieder die zügelnde Hand fehlte. Bisweilen besuchte er seinen Vater, der von Genf nach Ryon übergesiedelt war. Hier verliebte er sich alles Ernstes in zwei Mädchen, von denen das eine doppelt so alt war wie der Anbeter. Um diesen Liebeständeleien ein Ende zu machen, suchte man für den Knaben eine ernste Beschäftigung. Er wurde Schreiber bei einem Gressier oder Kanzlisten, doch erwies er sich hier gänzlich unbrauchbar; dann wurde er Lehrling eines Graveurs; hier als untergeordneter Lehrbursche selbst von den Gehülfen brutal behandelt, zeigte er sich bald selbst roh, ungezogen, naschhaft, ja diebisch. Aus Furcht vor den strengen Strafen verschwand er, als er einmal seinen Urlaub überschritten, plötzlich gänzlich aus seiner Heimath und wanderte in die Ferne. Er trieb sich eine Zeitlang in der Umgegend von Genf herum und fand bei einem bekannten Bauern eine Herberge. Als er in Consignon bei dem Pfarrer des Ortes vorsprach, glaubte dieser den flüchtigen Ketzer zum wahren Glauben bekehren zu müssen. Da seine Versuche nicht auf Widerspruch stießen, gab er dem Knaben Brief und Geld, daß er zu einer frommen Dame nach Annecy reise, welche das Bekehrungswerk an ihm vollenden sollte: sie war selbst zur katholischen Kirche übergetreten.

So kam Rousseau zu seiner zweiten Mutter, der Frau von Warens, einer schönen, feinen Weltdame, die ihr Metier als Proselytenfängerin mit Anstand und Gutmüthigkeit betrieb und im Uebrigen den Genüssen dieser Welt keineswegs abgeneigt war. Rousseau wurde von ihr auf den Rath ihrer Beschützer, nach Turin in das Hospiz der Katechumenen geschickt, wo der Sohn des calvinistischen Genf zur katholischen Kirche übertrat. Hierauf entlassen, mußte er sich, da seine Mittel ihm ausgegangen, bald als Commis, als Graveur, ja selbst als Bedienter in vornehmen Häusern durchschlagen. Mit einem Freunde, den er von Genf her kannte und in Turin wiedertraf, begab er sich indeß von Neuem auf die Wanderschaft und langte nach planlosem Umherschweifen wieder in Annecy bei Frau von Warens an, die ihn freundlich und liebevoll aufnahm. Auf seine geistige Bildung hatte sie großen Einfluß; seine sittlichen Begriffe verwirrte sie durch ihre rückhaltlose Hingebung, durch welche sie ihn von den Liebeleien mit seinen Schülerinnen zurückzuhalten suchte. Rousseau war inzwischen Musiklehrer geworden; die geistliche Capelle, die [442] bisweilen im Hause der Frau von Warens ihre Musikstücke executirte, hatte ihn in seinen musikalischen Neigungen bestärkt. Der Dirigent der Capelle gab ihm längere Zeit Stunden, bis der Schüler sich für fähig hielt, selbst als Lehrer aufzutreten. In diesem neuen Berufe zog er zwei Jahre umher, bis wiederum seine alte Freundin, die inzwischen nach Chambéry übergesiedelt war, ihm ihr gastliches Landhaus „les Charmettes“ öffnete. Eine ernste, langwierige Krankheit machte ihm die Fortsetzung seines Berufes unmöglich; in der reizenden Idylle dieses Aufenthaltes, die er so schön geschildert, gab er sich nun Studien hin, welche seine Krankheit ihm erlaubte, einer Lectüre, die ebenso umfassend wie anregend war, er las die Werke berühmter englischer, französischer und deutscher Philosophen, die französischen Classiker, studirte Astronomie und Mathematik.

In diesem „Paradies der Jugend“ reifte seine Bildung; die Aussicht auf ein längeres Leben wuchs, in welchem er die erworbenen Kenntnisse hoffte verwerthen zu können. Ungünstige Vermögensverhältnisse seiner Beschützerin schieden ihn von dieser; er wandte sich anfangs nach Lyon, wo er als Erzieher eine Stellung in einem angesehenen Hause fand, dann nach Paris, wo er im Jahre 1741 eintraf. Seine Hoffnung, hier durch eine Ziffernschrift, mit der er die Notenschrift ersetzen wollte, sein Glück zu machen, scheiterte. Die Akademie prüfte dieselbe und fällte eine ungünstige Entscheidung. Rousseau suchte und fand Zutritt in den tonangebenden Salons, wo allerdings sein unbeholfenes Wesen abstieß, seine interessanten Züge und schönen Augen aber Eroberungen machten. Durch die neugewonnenen Beziehungen gelang es ihm, die Stelle als Secretär des Grafen Montaigu, des französischen Gesandten in Venedig, zu erhalten, eine Stelle, die ihm den Luxus einer Equipage und einer Theaterloge einbrachte; doch seine geistige Bedeutung, die der Gesandte anfangs wohl erkannte und sich nutzbar zu machen wußte, wurde diesem mit der Zeit unbequem, und da Rousseau sie keineswegs in den Schatten stellen ließ, so kam es bald zur Lösung des Verhältnisses. Die Versuche, als Componist Geltung zu gewinnen, mißglückten; doch die freundschaftlichen Beziehungen, in welche Rousseau zu Diderot getreten, sollten ihm bald eine andere Bahn des Erfolges öffnen. Auf den Rath des Freundes entschloß er sich, eine Preisfrage der Akademie von Dijon zu beantworten (1749), und seine Antwort errang den Preis, obschon sie, der allgemeinen Anschauung entgegen, den förderlichen Einfluß der Wissenschaften und den Segen der Civilisation in Frage stellte. Doch dies geschah in so scharfer schlagender Weise, die Paradoxen selbst wurden mit so eindringlicher Beredsamkeit verkündet, daß die Schrift das größte Aussehen machte. Nicht lange darauf erlangte Rousseau auch auf künstlerischem Gebiete einen schönen Erfolg; sein Singspiel „Le devin de village“ („der Dorfprophet“), das er im Stil der von ihm bewunderten italienischen Musik verfaßt hatte, wurde mit vielem Beifall anfangs in Fontainebleau vor dem Hofe, dann in Paris aufgeführt. Er trat dann in Flugschriften als Anwalt der italienischen Musik, mit heftiger Verurtheilung der französischen, auf. Als die Akademie von Dijon im Jahre 1753 die Frage nach dem Ursprunge der Ungleichheit unter den Menschen aufstellte, erschien Rousseau wieder unter den Preisbewerbern, doch ohne äußeren Erfolge; seine Schrift erhielt nicht den Preis, sie erlangte aber eine tiefeinschneidende geschichtliche Bedeutung: denn gerade diese Schrift wurde, als die Asche des Autors unter den Unsterblichen im Pantheon lag, das Evangelium und der Kanon der französischen Revolution.

Der Ruhm, welchen Rousseau als Schriftsteller gefunden, kam dem „Notenschreiber“ zu statten; er fand Beschäftigung. Bald nahmen sich auch die Damen der Pariser Salons des berühmten Autors an, und eine der geistreichsten, Frau d’Epinay, lud ihn zu sich ein, in den Park ihres nahen Landhauses La Chevrette, wo sie ihm eine passende Wohnung zur Verfügung stellte. Hier lebte der „Einsiedler in der Eremitage“ mitten im Grünen, unter dem erquickenden Einflüssen der frischen Natur. Eine weichere Stimmung kam über ihn, und wie er die amuthigen Erinnerungen seines Lebens niederschreiben wollte, gewannen sie von selbst die Form eines Romans. Suchte ihn doch ein neues Abenteuer in seiner Einsiedelei auf: hoch zu Pferde erschien die Gräfin d’Houtetot, eine Schwester des Herrn d’Epinay, vor seiner Einsiedelei. Er kannte die Dame schon; jetzt wurde ihr Verkehr ein inniger: die Gräfin, keine Schönheit, doch interessant und anmuthig von Gestalt, gewann bald seine leidenschaftliche Liebe. Sie selbst besaß einen Liebhaber in dem Marquis von Saint-Lambert, welcher, von dem Abenteuer der Gräfin benachrichtigt, diese alsbald zur Rede stellte. Die Folge davon war, daß sie Rousseau gegenüber sich immer kühler und ablehnender verhielt und das Verhältniß allmählich sich löste. Der Philosoph machte Frau von Epinay dafür verantwortlich; es kam zu einem Bruche, und auch mit Grimm und Diderot. Rousseau bezog jetzt ein ärmliches Gartenhaus in dem nahen Montmorency, wo er seine Schrift gegen das Theater verfaßte und seinen Roman: „Die neue Heloise“ vollendete. Der Gegner des schöngeistigen Treibens der Bühne erschien selbst als schöngeistiger Schriftsteller auf anderem Gebiete. Dieser Roman war weder reich an Erfindung, noch eigentlich spannend in seinem Inhalt, er nahm die Verwicklungen unseres socialen Lebens nicht in sich auf; am wenigsten zeigte sich in demselben eine humoristische Ader. Aber ein heißer Odem der Leidenschaft durchwehte ihn; die Freigeisterei der Liebe sprach aus ihm mit schwunghafter Beredsamkeit; die stimmungsvollsten Natur- und Landschaftsbilder vom Genfer See waren in das Seelengemälde mitverwebt, und der Stil selbst war melodisch und von wahrhaft classischem Adel. So konnte es nicht fehlen, daß das Werk großes Aufsehen erregte und auf die späteren Liebesromane eines Chateaubriand, einer Staël bestimmend einwirkte.

Der Marschall von Luxembourg, Besitzer der Herrschaft von Montmorency, lud den berühmten Einsiedler zu sich auf sein Schloß oder vielmehr auf ein im Park befindliches Schlößchen ein. Hier verkehrte Rousseau mit der vornehmen Gesellschaft; die Marschallin selbst bewies ihm stets warme Theilnahme. Mitten unter den Huldigungen der französischen Aristokratie schrieb Rousseau (1762) den verhängnißvollen „Contract social“ welcher gleichsam über das ganze ancien régime das Todesurtheil sprach, und seinen „Emile“ ein Werk, welches zuerst die Theilnahme der französischen Welt auf die bisher gänzlich vernachlässigte Erziehung lenkte und auf alle späteren pädagogischen Systeme den wichtigsten Einfluß ausübte. Das Glaubensbekenntniß, das er im „Emile“ dem Vicar in den Mund legt, wurde eine der Grundlagen jener deistischen Weltanschauung, welche in Frankreich zur Herrschaft kam und noch in dem Feste, das Robespierre dem „être suprème“, dem höchste Wesen, feierte, einen großartigen volksthümliche Ausdruck fand. Und wie er hier den reinen Deismus proclamirt, so im „Contract“ die reine Demokratie. Diese Offenbarungen schöpfte er als Gast eines hocharistokratischen Hauses im Schatten der alten Bäume des Parkes von Montmorecey; im Lärm und Tumult einer wildberauschten Pariser Volksmenge traten sie in’s Leben. Die Politik unseres Jahrhunderts steht noch unter ihrem Zeichen: nur ist es nicht mehr das Zeichen der Revolution; die Plebiscite des dritten Napoleon und der Appell des Fürsten Bismarck an das allgemeine Wahlrecht sind Huldigungen, welche dem Rousseau’schen Princip der Volkssouverainetät zu Theil geworden sind.

Es begann jetzt für den Schriftsteller eine Zeit der Verfolgungen. Er begab sich nach Yverdun in der Schweiz. Am 11. Juni 1762 wurde der „Emile“ in Paris auf Befehl des Parlamentes verbrannt; der Genfer Rath folgte am 19. Juni diesem Beispiele; vor dem Rathhause wurden die Blätter des „Emile“ durch Henkershand verbrannt. Auch der Berner Rath ließ ihm den Befehl zugehen, Yverdun zu verlassen. Er suchte eine Zuflucht im Canton Neuenburg, wo er hoffen durfte, unter dem Schutze des freisinnigen Königs von Preußen sicher zu sein. In der That fand er hier einen Anhalt an Lord Keith, dem damaligen Gouverneur von Neuenburg, obschon das Collegium der dortigen Pfarrer und der städtische Magistrat gegen seine Anwesenheit protestirten. In Motiers, einem Flecken im schönen Val de Travers, ließ sich der Flüchtling nieder, verkehrte mit dem orthodoxen Pfarrer des Ortes auf’s Freundlichste und nahm sogar an der öffentlichen Communion Theil, was ihm seine philosophische Freunde sehr verdachten. Von einem befreundeten Arzte, Dr. d’Ivernois, ließ er sich in die Botanik einweihen und wurde von jetzt ab ein eifriger Pflanzensammler. In seiner Zurückgezogenheit suchte ihn zahlreiche Fremde auf; noch größer war die Zahl der Zuschriften, die er empfing; besonders wandten sich angehende Schriftsteller und Dichter an ihn, sowie Eltern, welche wegen der Erziehung ihrer Kinder ihn um Rath angingen. Auch als Schriftsteller feierte er nicht: hier, aus der Idylle des [443] Val de Travers, gingen Schriften von polemischer Herbheit hervor, ein „Sendschreiben an den Erzbischof de Beaumont von Paris“, der seinen „Emile“ verbrannt hatte, und die „Briefe vom Berge“, eine Entgegnung auf die „Briefe vom Lande“, in denen der Generalprocurator von Genf, Trouchin, das Verfahren des Rathes gegen eine zunehmende Opposition der Genfer Bürger zu vertheidigen suchte. Rousseau’s Briefe enthielten den Katechismus seiner Weltanschauung in Religion und Politik, aber schärfer und schneidender formulirt als früher. Jetzt erhob sich Clerus und Volk von Neufchâtel erbittert gegen Rousseau, es war auch hier seines Bleibens nicht. Eine Zeitlang fand er eine Zuflucht auf der Insel Saint Pierre, die im Bieler See gelegen ist und ihn durch ihre anmuthige Stille und Einsamkeit angezogen hatte. Doch auch von hier vertrieb ihn der Berner Rath. Eine Zeitlang hegte er den Gedanken, nach Berlin zum Könige von Preußen zu gehen, doch sein erschütterter Gesundheitszustand hinderte ihn daran. So wandte er sich nach England, wohin Hume und andere Gesinnungsgenossen ihn eingeladen hatten.

Der Epoche der Verfolgungen folgt jetzt die unglücklichere des Verfolgungswahnes, welcher dem armen Flüchtlinge nirgends mehr Ruhe gönnte. Anfangs 1766 war er in England eingetroffen. Trotz einiger scharfen Kritiken der englischen Nation hatte ihn diese im Ganzen mit gewohnter Gastfreundschaft aufgenommen; von den verschiedenen Zufluchtsstätten, die ihm angeboten wurden, wählte er Wootton, ein in der Grafschaft Derby gelegenes Landgut des Herrn Davenport. Hier begann er in ländlicher Stille seine Memoiren, die „Confessions“, zu schreiben; doch bald vertrieben ihn die unheimlichen Mächte, die sich seines Geistes bemächtigt hatten. Ueberall sah er Feinde und Verräther, auch in Hume, der so freundschaftlich für ihn gesorgt hatte. Der Bruch dieser Freundschaft ließ Rousseau in den Augen der Welt als einen Undankbaren erscheinen und wandte auch die Herzen vieler Freunde von ihm ab.

So zerfallen mit aller Welt, verließ er England und wanderte durch Frankreich, wo er bald in der Normandie, bald in der Dauphiné sich niederließ, überall von Verfolgungen träumend, obschon durch den mächtigen Einfluß des Prinzen Conti geschützt. Seine romantische Tracht, sein anstößiges Verhältniß zu seiner langjährigen Lebensbegleiterin Therese Levasseur, die mit den Jahren zänkischer und unangenehmer wurde, regten allerdings die Meinung des Volkes oft gegen den Sonderling auf. Noch einmal hatte sein Leben einen kurzen Lichtblick: es war sein Aufenthalt in Paris, wenigstens das erste Jahr desselben, das Jahr 1770. Er wurde eine Zeitlang „Mode“; man suchte ihn auf wie eine Merkwürdigkeit; die Salons öffneten sich ihm. Dabei blieben seine Vermögensverhältnisse so ungünstig, daß er im fünften Stocke eines Hauses der Rue Platière wohnte und sich wieder mit Notenabschreiben zu ernähren suchte. In den Salons las er indeß seine „Confession“ vor, welche wegen der rückhaltslosen Offenheit der Mittheilungen, durch die er oft seine besten Freunde compromittirte, nicht dazu geeignet waren, die Zahl seiner Anhänger zu vermehren. Man zog sich immer mehr von ihm zurück. Dadurch wurde er auch in seinem bescheidenen Erwerbe beeinträchtigt; er sah sich genöthigt, sich durch ein Circulair im Jahre 1773 an die Humanität wohlwollender Freunde zu wenden. Endlich nahm er das Asyl an, das ihm ein Marquis von Girardin im Parke von Ermenonville anbot. Auch hier blieb er nicht frei von Regungen des Mißtrauens und Argwohns, doch ehe diese ihn bestimmten, abermals seine Wohnstätte zu wechseln, raffte ihn am 2. Juli 1778 ein Gehirnschlag hinweg.

Das ist in flüchtigen Zügen das Bild des Lebens und der Schriften von Jean Jacques Rousseau. Die Säculärfeier seines Todes ruft von Neuem die Theilnahme für den Einsiedler von Montmorency und Ermenonville wach. Dieses Leben, einer ewigen Wanderschaft vergleichbar, ist reich an tiefen Schatten, an bedauerlichen Inconsequenzen. Der Verfasser des „Emile“ übergab seine Kinder dem Findelhause; der Dichter der „Neuen Heloise“, eines Werkes voll der feinsten Empfindsamkeit, lebte mit der rohen Therese Levasseur; der Verfasser der „Bekenntnisse eines Vicars“ betheiligte sich im Val de Travers an der Communion; der Verfasser des „Contrat social“ und der „Briefe vom Berge“ war ein Schützling und Pflegling der hohen Aristokratie. Er war ein kranker Mann, doch die kranke Muschel barg die Perle, die einzige, unschätzbare. Irgend eine Saite seines Geistes war von Hause aus zerrissen; sein Genie und sein Leben waren nicht im Einklange, aber das Evangelium der Humanität, das ein Rousseau und Voltaire predigten, war aus dem Kampfe geboren. Verklärt zu ewiger Schönheit und Wahrheit erklang es erst aus dem Munde der deutschen Unsterblichen; doch jene waren die Vorläufer eines Schiller und Goethe, von diesen mit Begeisterung anerkannt, Pfadfinder, die, oft auf Irrwegen wandelnd, doch auch dem rechten Wege mit der Axt die Bahn brachen. Die großen Genien aller Zeiten reichen sich die Hand, und so mag am Gedenktage Rousseau’s das deutsche Volk auch dieses geistigen Wechselverkehrs der Nationen eingedenk sein und auf das Grab der geistigen Größen des oft so feindlichen Nachbarlandes einen Kranz dankbarer Anerkennung niederlegen.

R. v. G.