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Autor: Hans Blum
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Titel: Aus Robert Blum’s Leben. 7. Wachsender Einfluß. Die deutsch-katholische Bewegung (1840 bis 1845)
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 492–496
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus Robert Blum’s Leben.
7. Wachsender Einfluß. Die deutsch-katholische Bewegung. (1840 bis 1845.)

Dem aufmerksamen Leser dieser biographischen Mittheilungen kann ein wesentlicher Unterschied zwischen den ersten und den letzten bisher veröffentlichten Abschnitten „Aus Robert Blum’s Leben“ nicht entgangen sein. Kindheit, Jugend und erste Mannesjahre dieses Lebens konnten dem Leser fast vollständig vorgeführt werden. Hier war vorwiegend von persönlichen Lebensschicksalen zu berichten, da die ganze Thätigkeit Robert Blum’s auf ein persönliches Emporkommen in materieller und geistiger Hinsicht gerichtet war. Je mehr er aber in das öffentliche Leben eintrat, je vielseitiger und umfassender sein Wirken wurde, je mehr Bekanntes dem Leser zu erzählen war, um so skizzenhafter mußten naturgemäß die Andeutungen dieses Gesammtwirkens sich gestalten. Wenn dagegen schon bisher die den Mann persönlich am meisten kennzeichnenden Züge seines Lebens und Wirkens hervorgehoben wurden, so soll dies auch in diesem und den folgenden Capiteln geschehen; denn in der „Gartenlaube“ können nur Einzelbilder gegeben werden. Wen aber eine vollständige Geschichte von Robert Blum’s Leben und seiner Zeit interessirt, der wird vielleicht gern vernehmen, daß eine solche noch in diesem Herbste im Verlage von Ernst Keil in Leipzig als billiges Volksbuch erscheinen wird.

Was zunächst das ökonomische Wachsthum Robert Blum’s in den Jahren 1840 bis 1845 anlangt, so ist dieses wohl dadurch am besten ausgedrückt, daß Blum sich schon 1843 in Leipzig ein eigenes Hausgrundstück (Nr. 8 der Eisenbahnstraße, an der Leipzig-Dresdener Bahn gelegen) erwerben konnte. Der dazu gehörige große Garten bot Blum reiche Gelegenheit, selbst zu graben und zu pflanzen, was er so gern that. Auch seiner Liebhaberei für die Züchtung edler Tauben konnte er hier behaglich obliegen. Hier wurde ihm sein drittes Söhnchen geboren, das jedoch kaum ein Jahr alt der tückischen Bräune erlag; weiterhin noch eine Tochter und ein Sohn.

Mehr und mehr bildete die Theilnahme und Mitwirkung an allen öffentlichen Interessen das vornehmste Bedürfniß seiner Seele. Selten wohl hat Jemand mit mehr Geschick als Robert Blum und mit größerer Ausdauer als er die verschiedensten Kreise und Persönlichkeiten, auf die er einzuwirken vermochte, dienstbar zu machen gewußt den Zwecken, welche das höchste Streben seines Lebens ausmachten. Dieses Streben aber war die Erziehung seines Volkes zu der großen politischen Arbeit, welche damals kaum noch begonnen war: zur Einheit und Freiheit unseres Vaterlandes. Alles nimmt unter seiner Hand das Gepräge dieses Strebens an.

Schon früher, am Schlusse des fünften dieser Artikel, wurde angedeutet, wie es ihm gelang, den Leipziger Schiller-Verein in diesem Sinne zu gründen und ganz mit diesem Geiste zu erfüllen. Man braucht nur Blum’s zum Schillerfeste gehaltene Reden[1] nachzulesen, um den Hauch dieses Geistes zu spüren. Schon in der ersten Rede, die in diesem Verein gehalten wurde, erklärt Blum: „Die in der neuesten Zeit vorzugsweise erkannte Seite von Schiller’s Wesen, die ihn mit tausend Liebesbanden festkettet an die Herzen seiner Nation und ihn zum Muster und Vorbilde macht für die edelsten Bestrebungen der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft, ist seine historisch-prophetische Bedeutung, sein Kampf für Wahrheit, Völkerwohl und Freiheit.“ Sofort wird natürlich der Schiller-Verein zu Leipzig in den reactionären Organen des Bundestages, Hannovers etc. verdächtigt, ein politischer Verein zu sein und Götzendienst zu treiben mit Schiller. Darauf antwortet Blum sehr scharf in seiner Rede zum Schillerfest 1842. Er wirft die Frage auf: „Was feiern wir am Schiller-Feste?“ und antwortet: „Seit dem halben Jahrhundert, wo Schiller gelebt und gewirkt, haben wir einen weiten Raum durchlaufen: das Vaterland ward zerrissen und zerstückelt durch den Eigennutz derer, die es zunächst hätten hüten sollen, und wir trugen das schmachvolle Joch der Fremdherrschaft; wir rüttelten wieder an unseren Ketten, zersprengten sie und setzten Gut und Blut an unsere Befreiung, an unsere Freiheit; wir empfanden schnöden Undank und grobe Täuschung; die schon entkeimende Frucht unseres Blutes wurde abgestreift vom Sturm der Willkür, der Gedanke und das Wort gefesselt und die begeisterte Vaterlandsliebe geächtet. Schiller hat uns begleitet auf dem ganzen weiten Wege, hat Jubel und Freude, Schmerz und Entrüstung, Muth und Ausdauer, Duldung und Ergebung, Kraft und Begeisterung, Mäßigung und Klugheit in unsere Seelen gehaucht. ... Der schwierige Weg ist zurückgelegt; vor uns liegt eine offene, eine ebene Bahn. Nicht weil unsere gerechten Forderungen befriedigt, die Güter uns gewährt sind, die wir prompt vorausbezahlten, sondern weil die Gesinnung, die sie erstrebt, so stark geworden im Vaterlande, daß sie unwiderstehlich ist. Was vor einem Jahrzehnt noch leiser Wunsch und tiefe Sehnsucht einzelner Herzen war, was ausgesprochen als Hochverrath galt, um deßwillen Hunderte in den Kerkern schmachteten, Hunderte dem Vaterlande den Rücken kehren mußten – es ist heute der ausgesprochene Wunsch, die laute Forderung jedes Ehrenmannes; es erschallt aus allen Gauen, aus jedem Herzen, aus jedem Munde; es erschallt selbst von den Festtafeln der Fürsten. ‚Ein einiges, großes, starkes Vaterland! Fest wie seine Berge.‘[2] Die Idee hat gesiegt; sie ist Fleisch und Blut, ist allmächtig geworden trotz aller Verfolgung [494] und Unterdrückung; sie wird verwirklicht werden trotz aller Schranken und Widerstrebungen.“

Um die volle Wirkung solcher Reden auf die Zeitgenossen zu würdigen, muß man sich versetzen in die Tage, da sie gehalten wurden. Aber nicht minder kühn, schneidig und klar führte Robert Blum den Kampf um die höchsten Güter der Nation in der Presse. Zunächst bediente er sich dazu der seiner Richtung verwandten Tagesblätter, vor Allem der schon genannten „Sächsischen Vaterlandsblätter“, die vornehmlich durch Blum’s Mitarbeiterschaft, unter der Redaction seines Schwagers Georg Günther, weit über Leipzig und Sachsen hinaus das Organ des nationalen Liberalismus jener Tage geworden sind. In diesem Blatte hat er unermüdlich die Forderungen, die Schwächen und Fehler der Zeit, namentlich die furchtbaren Mißgriffe und Sünden des damaligen geheimen und schriftlichen Strafverfahrens, den Fluch der Censur, die Rechte der Landtage gegenüber den Regierungen etc. zur Sprache gebracht. Man lebte damals in Sachsen in den segensreichen Tagen des Ministeriums Lindenau, und manches Wort, das freimüthig in den „Vaterlandsblättern“ niedergelegt wurde, fand in Dresden an hoher Stelle gute Statt.

Von der Wirkung, welche die den Zeitgenossen mundgerechtesten Artikel Blum’s übten, können wir uns heute kaum mehr eine Vorstellung machen. Einige derselben, wie seine Abhandlung über den Tod des Pfarrers Weidig, wurden in mehr als zehntausend Abdrücken verbreitet. Deutlich erkennbar für Jeden war der intime Zusammenhang der journalistischen Arbeit Blum’s mit dem Auftreten der liberalen Opposition im sächsischen Landtage. Die „Vaterlandsblätter“ warfen in die Massen dieselben Schlagworte der Partei, welche später im „Landhause“ zu Dresden von der Linken aus erhoben wurden. So sehen wir denn namentlich den vierten sächsischen Landtag (vom 20. November bis 24. August 1843) genau dieselben Ziele verfolgen, für welche die „Vaterlandsblätter“ plaidirt hatten. Der auf der Inquisitionsmaxime beruhende Entwurf einer Strafproceßordnung, den die Regierung dem Landtag vorlegte, wurde fast einstimmig von der zweiten Kammer abgelehnt und statt dessen im Strafverfahren Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, Geschworene als Richter gefordert; auch die Censurfreiheit für Schriften über zwanzig Bogen wurde nur als ungenügende Abschlagszahlung auf die Forderung der Preßfreiheit bezeichnet. Dem alten Regime zu Dresden stiegen die Haare zu Berge vor solcher Kühnheit, und da damals wie heute in den kleidsamen Formen der Verfassung in Sachsen doch eigentlich nur die Aristokratie Hof, Regierung und Land beherrschte, so fiel es nicht schwer, den wohlmeinenden König zu überzeugen, daß der liberale Minister Lindenau die schwere Noth der allgemeinen Unzufriedenheit in den treuen Sachsenherzen heraufbeschworen und verschuldet habe, und so erhielt der tüchtigste und freisinnigste Minister, den Sachsen je besessen, am 1. September 1843 seinen Abschied, um dem reactionären Ministerium von Könneritz Platz zu machen. Dieses ging keinen Schritt hinaus über die im Jahre 1831 gegebene Verfassung, dagegen mehr als einen über die unter Lindenau übliche milde Praxis zurück, indem es mit drakonischer Strenge die liberale Presse verfolgte und mißliebige Schriftsteller, die das Unglück hatten, nicht innerhalb der grün-weißen Grenzpfähle geboren zu sein, einfach ausweisen ließ oder, unter der Abforderung eines bündigen Versprechens für künftiges Wohlverhalten, mit sofortiger Ausweisung bedrohte. Die letztere unwürdige Zwangsmaßregel wurde z. B. gegen Blum’s treuen Mitkämpfer Friedrich Steger angewendet.[3]

Sofort wurde auch Robert Blum vom reich verdienten Zorn der Reaction betroffen. Ein zu Anfang Januar 1843 in den „Vaterlandsblättern“ erschienener Leitartikel aus seiner Feder, welcher in bester Ueberzeugung aber thatsächlich in der Hauptsache unrichtig, eine Strafuntersuchung gegen ein armes Dienstmädchen darstellte, um daran die entschiedene Forderung nach Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Strafverfahrens zu knüpfen, wurde sofort, nachdem die Reaction das Staatsruder ergriffen, noch im September 1843 zum Gegenstand einer Strafuntersuchung gegen „den Theatersecretär Robert Blum und Consorten“ gemacht. Er wurde am 22. Februar 1844 von dem Appellationsgericht Leipzig in erster Instanz zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt. Das königliche Oberappellationsgericht bestätigte, indem dasselbe sich unter Anderem auf die Decision neunundachtzig vom Jahre vom Jahre – 1661! und auf Leyser’s Meditationen berief, diese Strafe. In den Gründen der höchsten Instanz findet sich eine sehr bemerkenswerthe Stelle, welche besser als lange Abhandlungen beweist, welches Maß von Denkfreiheit dem beschränkten Unterthanenverstande damals zugebilligt wurde, wenn der Inhaber dieses Verstandes nicht Gefahr laufen wollte, in’s Gefängniß zu kommen. „An sich,“ heißt es da, „können Angriffe gegen das schriftliche und geheime Strafverfahren nicht nur als ein erlaubtes und keineswegs strafbares Unternehmen, sondern auch, nach Beschaffenheit der Umstände (!) und unter den erforderlichen (!) Voraussetzungen (einer gewissenhaften und unparteiischen (!) Darstellung und Erwägung der dafür (!) und dagegen streitenden Gründe, unter Beziehung auf wahre Thatsachen und von einer dazu gehörig qualificirten Person (!), selbst als ein nützliches (!) und preiswürdiges Unternehmen angesehen werden. Eine solche, Beifall verdienende Tendenz aber kann dem in Frage stehenden Aufsatze und dem Verfasser desselben nicht beigelegt werden.“

Die Volltreckung der langen Gefängnißstrafe wäre für Blum leicht zur Vernichtung seiner ganzen bürgerlichen Existenz geworden. Denn am 15. Mai 1844 war Ringelhardt’s Pachtzeit in Leipzig abgelaufen, und Dr. med. Schmidt, ein geistvoller edler Mann, der das Höchste auf der Schaubühne anstrebte, zugleich in seinem Fache durch Begründung einer noch heute bestehenden gelehrten, medicinischen Zeitschrift berühmt, hatte das Theater in Leipzig übernommen und war eben Blum’s Principal geworden, als dieser seine Strafe antreten sollte. Blum bat daher um Strafverwandlung in Geldbuße. Das Vereinigte Criminalamt befürwortete die Strafverwandlung. Das Gesammtministerium, unter Könneritz’ Vorsitz, verwandelte die Strafe zur Hälfte in eine Geldstrafe von zwanzig Thalern. Die übrigen vier Wochen mußte Blum absitzen. Er fing am 26. October damit an, kam aber erst am 8. December damit zu Ende, weil er alle Augenblicke, unter allen möglichen Vorwänden, herausgelassen zu werden verlangte. Blum schreibt aus diesem fidelen Gefängniß am 23. November 1844 an seine Schwester Margaretha Selbach: „Arbeit habe ich genug; an Unterhaltung fehlt mir’s nicht, und meine Freunde besuchen mich schaarenweise. Da kommt tagtäglich ein Theil derselben, bringt mir ein anständiges Frühstück mit Weinen aller Art, und wir essen, trinken, lachen und singen ein paar Stunden zusammen. Abends kommt meine Frau von fünf bis acht Uhr, oft die Kinder, und so geht ein Tag nach dem andern hin. Ich habe am Schillerfeste an der Tafel von etwa vierhundert Theilnehmern den Vorsitz geführt, und man hat mir zugejubelt, wie’s selten Jemand geschehen ist. Es hat Niemand nur die Wimper gezuckt oder sich ein Wort erlaubt. Und sonst waren die Wörter ‚Gefängnis‘ und besonders ‚Criminal‘ entsetzliche Dinge.“ Am 8. December wurde er „nach vorgängiger Verwarnung vor Rückfall“ aus dem Arrest entlassen.

In gleich energischer Weise, wie durch die Tagespresse, suchte Blum aber auch durch billige politische Schriften zu wirken. Von 1840 ab gab er mit Steger den „Verfassungsfreund“ heraus, ein Lieferungswerk, durch welches das Volk über wichtige Zeitfragen des Staatslebens aufgeklärt werden sollte. Als 1843 das erste Heft aus Blum’s Feder, über das Wesen der Presse, erscheinen sollte, wurde das Unternehmen durch die Censur unterdrückt. Rasch wurde derselbe Plan unter anderem Namen und in anderer noch glücklicherer Form verfolgt. Von 1843 an ließ Blum mit Steger das Taschenbuch „Vorwärts“ erscheinen, das von großem Einfluß auf die Zeitgenossen gewesen ist. Alle bedeutenderen politischen Schriftsteller und Dichter der Zeit haben dafür Beiträge geliefert, von den Politikern Joh. Jacoby, Heinrich Simon und Andere, von den Dichtern Mosen, Herwegh, Fallersleben, Freiligrath, selbst Ludwig Uhland, von dem die schönen „Gedichte des armen Gauls“ herrühren sollen. Vor das Volk trat das Taschenbuch[4] mit der vollen Siegeszuversicht und dem vollen Vertrauen in die gute Sache, die Blum stets in sich getragen. „Wir bringen unser Tagebuch im Frühling, in der Zeit der am reichsten prangenden Natur. ... Wohl behaupten manche kleinmüthige Seelen, es sei Herbst im Vaterlande [495] und der Winter nahe, weil die Stürme brausen und es finster wird am Horizont. Laßt es stürmen ... Was in schweren und drangvollen Zeiten gesäet wurde in die Herzen des Volkes, was gedüngt wurde mit dem Blute von Tausenden, was entkeimte in dem milden Thaue eines langen Friedens und an der Sonne der allmächtig fortschreitenden Bildung eines kräftigen sittlichen Volkes – das vernichtet kein Sturm; dagegen ist das finstere Unwetter einer augenblicklich mächtigen Reaction wirkungslos. – Gewährt (Ihr Herrschenden) keine von allen Forderungen der Gegenwart und müht Euch ab Tag und Nacht, das Rad der Geschichte zurück zu drehen, den Geist der Zeit zwingt Ihr nicht!

Eine so kühne und entschlossene Mannesseele gehörte dazu, um kaum ein Jahr später mit der unscheinbaren Kraft eines schlichten deutschen Bürgers den Kampf aufzunehmen, den in unseren Tagen das ganze deutsche Reich mit seiner gewaltigen Staatsmacht seit seinem Bestehen kämpft: den Kampf gegen Rom. Als im Jahre 1844 Bischof Arnoldi von Trier es wagte, ein altes Stück Tuch unter dem Namen des heiligen Rockes auszuhängen und eine große Wallfahrt dorthin zu arrangiren, um einen großen Ablaß als Gegenleistung zu bieten – da ging ein Schrei der Entrüstung durch die ganze gebildete Welt, denn die Nerven waren damals für derlei Wunderdinge noch nicht so abgestumpft wie heute nach all den Wunderblutungen, Kirschbaum- und Höhlenmadonnen-Erscheinungen etc. Und am 15. October 1844 erschien in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“ ein „Offenes Sendschreiben an den Bischof Arnoldi von Trier“, unterzeichnet von einem unbekannten katholischen Priester Johannes Ronge, in welchem die Ausstellung des heiligen Rockes ein den Aberglauben und Fanatismus beförderndes Götzenfest genannt wurde.

Zu gleicher Zeit erfuhr man, daß schon am 22. August der Caplan Czerski zu Schneidemühl in Posen mit einem Theile seiner Gemeinde aus der katholischen Kirche ausgeschieden war. Schon am 19. October vereinigten sich die Ausgetretenen zu einer christlich-apostolisch-katholischen Gemeinde. Am 15. December folgte in Breslau unter Führung des Professor Regenbrecht, der ordentlicher Professor des canonischen Rechtes war, ein Massenaustritt und am 4. Februar 1845 daselbst die Constituirung einer deutsch-katholischen Gemeinde, die schon im März 1845 zwölfhundert Mitglieder zählte und die Ronge, der natürlich inzwischen mit allen Kirchenstrafen belegt worden war und bei dem edeln Grafen Reichenbach eine Freistätte gefunden hatte, als Seelsorger berief.

Robert Blum, in dessen Organ zuerst dem Bischofe von Trier der Krieg verkündet worden war, sorgte dafür, daß der Herd dieser gährenden Bewegung nicht auf Schlesien beschränkt bleibe. In Wort und Schrift, durch öffentliche Reden im ganzen Lande, durch Flugblätter, Broschüren und Zeitungsartikel ist er unablässig thätig gewesen, um überall eine Massenlossagung von Rom, die Bildung deutsch-katholischer Gemeinden zu erzielen. Sehr Vieles von dem, was er damals gesprochen und geschrieben, ist nicht blos interessant als eine für den Mann charakteristische Aeußerung, sondern heute, nach dreiunddreißig Jahren, noch so treffend, als sei es heute geschrieben. So wenig hat Rom, die alte Erbfeindin unseres Volkes, sich seitdem geändert. Mit köstlicher Ironie z. B. schildert ein Artikel Blum’s in den „Vaterlandsblättern“ „die Wunder des heiligen Rockes“ – nicht etwa in jenem frivol-lustigen Tone des bekannten Studentenliedes:

Freifrau von Droste-Vischering
Zum heiligen Rock wallfahrten ging,

sondern im Tone der heiligsten, den Feind niederschmetternden, siegesfreudigsten Ueberzeugung: „Das wahre Wunder, welches der heilige Rock zu Trier gewirkt, ist, daß er endlich auch die verblendetsten Geister aufgescheucht aus der Ruhe des Nichtsthuns, daß er auch dem Befangensten den Schleier gerissen vom getrübten Auge und dem schlichten Worte der Wahrheit einen jubelnden Einzug bereitet hat in Millionen Herzen. ... Wollen wir länger diese Knechtschaft tragen? Rom duldet die gegenwärtige staatliche Gestaltung nur gezwungen und hat die ganze Grundlage unseres Staatslebens nicht anerkannt, ja zum Theil ausdrücklich verdammt. ... Erheben wir einstimmig, ein Beispiel dem ganzen Vaterlande, den Ruf: Trennung von Rom! Aufhebung der Ohrenbeichte und des Cölibats! Eine deutsch-katholische Kirche! O, daß es – das größte Wunder des heiligen Rocks – bald geschehe! Amen.“

Dieses Ziel wurde in Leipzig durch die Bildung einer deutsch-katholischen Gemeinde, 12. Februar 1845 erreicht. Blum hielt die Eröffnungsrede. Anonyme Drohbriefe von ultramontanen Handlangern höher stehender Gesellen hatte er schon vorher in Fülle erhalten. Jetzt suchte man die erste Feier der jungen Gemeinde durch brutalen Skandal zu entweihen. Als Blum reden wollte, stürzte eine Rotte angestifteter erwachsener Buben auf ihn los, um ihn niederzuschlagen, und zerriß ihm Kleidung und Wäsche. Er hatte indeß den Fall vorhergesehen und für starke Polizeibedeckung gesorgt. Mit um so größerer Begeisterung hing die Gemeinde dann an den Lippen ihres Vorstandes. –

Auch die Einberufung der ersten Gesammtvertretung der neuen Glaubensgemeinden zu dem deutsch-katholischen Concil nach Leipzig (23. bis 26. März 1845), die Theilnahme der principiellen Gegner Czerski und Ronge an diesem Concil und das größte Resultat, das überhaupt die deutsch-katholische Bewegung zu verzeichnen hat, das allgemeine Glaubensbekenntniß, das hier in Leipzig festgestellt wurde – während die ersten Sitzungen die dringende Befürchtung erregten, man werde resultatlos und hadernd auseinandergehen – das Alles ist hauptsächlich Robert Blum’s Verdienst.

Die Gründe zu untersuchen, warum gleichwohl die deutsch-katholische Bewegung so rasch im Sande verlief, liegt außerhalb der Grenzen dieser Darstellung. Robert Blum hat sehr bald erkannt, daß er sich über die Kraft und Tiefe der Bewegung getäuscht. Aber über die Gründe dieser Täuschung ist er sich nie klar geworden. Noch im Jahre 1848, in seinem „Staatslexicon“, sprach er sich in dem von ihm selbst unterzeichneten Artikel „Deutsch-Katholiken“ dahin aus, daß der Fehler der Deutsch-Katholiken, den er „selbst anklagend bekenne“ mitverschuldet zu haben, darin bestanden habe, überhaupt ein Glaubensbekenntniß aufgestellt, überhaupt eine Kirche begründet zu haben. Klarer konnte Robert Blum, wenigstens für seine Person, die reine Weltlichkeit seiner Strebungen bei dieser Gründung, das Bekenntniß rein politischer Agitationszwecke, die Freiheit von jeder religiösen Begeisterung, die ihn geleitet hätte, ein Führer des Deutsch-Katholicismus zu werden, nicht aussprechen. Hatte doch er, der alle seine Kinder protestantisch taufen ließ, vor Beginn der Bewegung kaum je daran gedacht, daß er von Haus aus katholisch sei.

Aber es war charakteristisch für die trotz alledem völlig weltliche, völlig politische Zeitrichtung, daß Niemand ihm diesen inneren Widerspruch verargte, daß seine Betheiligung an der deutsch-katholischen Bewegung ihn bekannt und populär machte in ganz Deutschland und verhaßt in allen Zwingburgen Roms bis in die heiligen Säle des Vaticans. Selbst hinter seine arme alte Mutter und ihren kindlichen Glauben steckten sich die Schwarzen: daß sie den Sohn von dem breiten Pfad der großen Sünde ableite. Aber das alte treue Mutterherz fand nur folgende Worte an den Sohn: „Hier redet man viel über Dich, ich aber bethe für Dich, ist Deine sache gerecht so bitte ich gott um seinen beistand für Dich, ist es aber unrecht so möge gott Dir Deinen verstand erleuchten und Dich zurückführen ich kann nicht darüber urteilen ich kann nur wünschen und bethen.“

Das reactionäre Ministerium von Könneritz versagte den Deutsch-Katholiken jegliche duldende Anerkennung. Die neuen Gemeinden durften nicht öffentlich Gottesdienst halten. Keine Handlung ihrer Geistlichen hatte bürgerliche Wirksamkeit. Eine noch feindseligere Behandlung erfuhren die protestantischen Reformbewegungen der „Lichtfreunde“ etc. unter Uhlich, Wislicenus und Anderen. Sie durften nicht einmal Versammlungen abhalten. In auffallendem Gegensatze zu dieser Ungunst gegen jede fortschreitende Richtung im protestantischen und katholischen Lager stand die rührende Duldsamkeit des Ministeriums Könneritz-Falkenstein gegen die Propaganda der Jesuiten in Sachsen. Schon durch die Sächsische Verfassungsurkunde war die Aufnahme der Jesuiten und jedes anderen geistlichen Ordens in Sachsen verboten. Nun ertönte plötzlich in der durchaus protestantischen Bevölkerung der Schreckensruf: „Jesuiten in Sachsen!“ Auf dem Landtag von 1842 schon waren drastische Beispiele ultramontaner Proselytenmacherei zur Sprache gebracht worden. Nun erlebte man täglich neue hinzu.

[496] Seit dem Uebertritte des sächsischen Regentenhauses, das so lange der rühmlichste Vorkämpfer der deutschen Reformation gewesen, zum katholischen Glauben, um der unseligen Krone Polens willen, machte das rege Mißtrauen des protestantischen Volkes stets den katholischen Hof in erster Linie verantwortlich für solche Mißgriffe der Regierung. So auch im Jahre 1845. Unbegreiflicher Weise bezeichnete damals die öffentliche Stimme in erster Linie den Prinzen (späteren König) Johann von Sachsen, den Brüder des Königs Friedrich August, als Förderer der jesuitischen Umtriebe. Der Prinz hatte die reichste, humanste Bildung genossen. Als ganz jungen Mann hatte Jean Paul ihn kennen gelernt und ihm begeistertes Lob gespendet. Seine literarischen Neigungen und Studien waren weltbekannt. Von seinem ersten Auftreten an in der sächsischen Ersten Kammer hatte er sich als scharfsinniger Jurist, als wohlwollender und aufgeklärter Menschenfreund erwiesen. Seine ganze spätere Thätigkeit als Prinz, als König hat niemals den Schatten des Verdachtes aufkommen lassen, als sei er ein religiöser Fanatiker, für eine streitbare, von Grund auf unsittliche Ordensgewalt thätig. Aber wann wird jemals die Vernunft erfolgreich rechten mit vorgefaßten Meinungen des Volksglaubens? Genug, daß der Prinz im Jahre 1845 allgemein als Träger der ultramontanen Bestrebungen in Sachsen galt. Es fehlte nur der äußere Anlaß, um dieser Mißstimmung in grellen Dissonanzen Ausdruck zu verschaffen. Dieser Anlaß sollte sich leider finden.

Hans Blum.
  1. Gesammelt in dem „Gedenkbuch an Friedrich Schiller“, das 1855 der Schiller-Verein bei Theodor Thomas in Leipzig herausgegeben.
  2. Anspielung auf den bekannten Toast des Erzherzogs Johann von Oesterreich.
  3. Fr. Steger kehrte später nach Leipzig zurück und ist, nachdem er dreizehn Jahre die Wochenschrift „Europa“ redigirt hatte, den 30. December 1874 gestorben.
    Anmerk. d. Red.
  4. Das 1843, 1845, 1846, 1847 ausgegeben wurde. 1844 erlag es der frischen, fröhlichen Reaction.