ADB:Leopold VI.

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Artikel „Leopold VI. (VII.)“ von Heinrich Ritter von Zeißberg in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 388–391, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Leopold_VI.&oldid=- (Version vom 14. Mai 2021, 07:45 Uhr UTC)
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Leopold VI. (VII.), 1195–98 Herzog von Steiermark, 1198–1230 auch von Oesterreich, war der jüngere Sohn Herzog Leopolds V. (VI.) und der ungarischen Prinzessin Helena und Bruder Herzog Friedrichs I. von Oesterreich. Seine Erziehung scheint für jene Zeit eine sorgfältige gewesen zu sein. Als sein Lehrer wird Ulrich, der Bischof von Passau genannt. Noch vor dem Tode seines Vaters im jugendlichsten Alter machte er den Zug Kaiser Heinrichs VI. nach Italien mit (1194) und that sich auf demselben durch Tapferkeit hervor, obgleich er noch nicht die Schwertleite empfangen hatte. Nach dem Tode seines Vaters trat er die Verwaltung des Herzogthums Steiermark an, wie es scheint, unabhängig von seinem Bruder Friedrich, dem als dem älteren von beiden Oesterreich zufiel. Während der Abwesenheit seines Bruders auf einem Kreuzzuge regierte L. auch Oesterreich und gelangte durch dessen Tod auf der Kreuzfahrt auch in den Besitz dieses Herzogthums. Bei der Wahl König Philipps war er nicht zugegen, schloß sich aber 1198 demselben an. Wir finden in der nächsten Zeit Herzog L. in den Thronstreit, der zwischen König Emerich von Ungarn und dessen Bruder Andreas ausgebrochen war, zu Gunsten des letzteren verflochten. Erst 1200 legte der Cardinal-Erzbischof Konrad von Mainz diese Fehde bei. In seiner Gegenwart und im Beisein des neugewählten Erzbischofs Eberhard von Salzburg, sowie vieler anderer Fürsten wurde damals – zu Pfingsten des J. 1200 – in der Schottenkirche zu Wien Herzog L. die Schwertleite zu Theil und zur Feier dieses Festes ein solcher Aufwand gemacht, daß der anwesende Walther von der Vogelweide meinte, L. habe so viel gegeben, „als ob er nicht länger wollte leben“. Anfangs mit einer Tochter Přemysl Otokars I. von Böhmen verlobt, löste L. aus unbekannten Gründen diese Verbindung auf und feierte 1203 zu Wien seine Hochzeit mit der griechischen Prinzessin Theodora, einer Nichte der Gemahlin König Philipps, worin wol nicht „ein Schachzug gegen des letzteren byzantinische Politik“, sondern vielmehr ein Beweis dafür zu erblicken sein wird, daß L. trotz der Gegenbemühungen des Papstes, sich immer enger an den Kaiser anschloß, wie dies u. a. auch seine ruhmvolle Theilnahme an dem Feldzuge König Philipps gegen Cöln und die dortigen Anhänger Otto’s IV. im September 1205 beweist. Als im December 1204 König Emerich starb, vertrieb Andreas II. dessen Sohn, seinen Neffen Ladislaus und die Mutter des letzteren, die verwittwete Königin Constanze. Beide flohen nach Oesterreich, wo sich ihrer Herzog L. annahm. Ladislaus starb in Wien, Constanze ließ L. in ihre Heimath Aragonien geleiten. Nach Philipps Ermordung erkannte auch Herzog L. Otto IV. von Braunschweig als König an. Er fand sich zu Anfang des J. 1209 in Nürnberg bei demselben ein und wohnte auch dem glänzenden Hoftage zu Würzburg (Ende Mai) bei, wo sich Otto IV. mit der Stauferin Beatrix, der Tochter König Philipps, verlobte. Bei diesem feierlichen Acte fungirte der beredte Herzog von Oesterreich als Sprecher der Fürsten und neben dem Herzog von Baiern als Brautführer. Doch fiel L. später von Otto IV. ab und befand sich unter denjenigen, welche sich (September 1211) an der ersten Wahl Friedrichs II. zu Nürnberg betheiligten, trat aber im folgenden Jahre noch einmal auf Otto’s Seite zurück. – Schon im J. 1208 hatte L. zu Kloster Neuburg mit vielen seiner Edlen [389] das Kreuz genommen. Der Papst Innocenz III. hatte ihm mittelst der Bulle vom 25. Februar 1208 durch den Prior Nicolaus v. Seitz das Kreuzeszeichen zugesandt. Doch verzögerte sich die Ausfahrt, da Herzog L. zum Beschützer seines Landes während seiner Abwesenheit den Markgrafen Dietrich von Meißen ersah und um sich auf diesen desto sicherer verlassen zu können, daran dachte, einen seiner Söhne mit einer Tochter desselben zu vermählen, wozu wegen naher Verwandtschaft die päpstliche Dispensation eingeholt werden mußte. Die projectirte Heirath kam jedoch nicht zu Stande. Erst 1225 wurde die Tochter Herzog Leopolds, Constanze, mit dem Sohne des Markgrafen Dietrich, Heinrich dem Erlauchten, vermählt. Auch trat Herzog L. erst im Herbst des J. 1212 die Kreuzfahrt an – aber zunächst nicht, wie er gelobt hatte, ins hl. Land, sondern nach Spanien, wo er jedoch erst nach der Einnahme von Calatrava eintraf. Von Spanien heimgekehrt, trat L. zu dem jungen Staufer, König Friedrich II. über, bei welchem er sich im Februar 1213 zu Regensburg aufhielt und sodann wieder im Juli zu Eger erscheint. Hierauf treffen wir ihn in Ungarn; er war zugegen, als die Königin Gertrude (von Meran), die Gemahlin Andreas’ II., ermordet wurde (28. September 1213) und entging mit Mühe einem gleichen Schicksal. 1214 nahm L. an der Heerfahrt König Friedrichs II. gegen Otto IV. und seine Anhänger am Niederrhein Theil. Auch in den nächstfolgenden Jahren treffen wir ihn häufig am Hofe des Kaisers. Im J. 1217 trat der Herzog die so lange verzögerte Kreuzfahrt an, nachdem er noch zuvor die von ihm gegründete Cistercienserabtei Lilienfeld besucht und der Einweihung der vier ersten Altäre durch seinen einstigen Lehrer, Bischof Ulrich von Passau, in der Klosterkirche beigewohnt hatte. Er zog über Glemona in Friaul (7. Juli), wo wir den Erzbischof von Kalocsa bei ihm antreffen, wol im Auftrage seines Herrn, des Königs Andreas II. von Ungarn, der sich wie so viele andere Fürsten an diesem Zuge betheiligte. Ohne Aufenthalt segelte L. von Spalato ab und erreichte nach einer beispiellos schnellen Fahrt von nur 16 Tagen Akkon, während Andreas, wie es scheint, erst später eintraf. Neben dem Könige von Ungarn ragte unter den Kreuzfahrern L. durch besonderes und wohlbegründetes Ansehen hervor, zumal er fast der einzige Fürst war, der von dem ausschweifenden und brutalen Wesen der übrigen Kreuzfahrer eine rühmliche Ausnahme machte. Die ersten Unternehmungen – gegen Damascus, gegen die Burg auf dem Berge Tabor und gegen die Veste Beaufort scheiterten kläglich und König Andreas kehrte darnach in seine Heimath zurück. Erst nach der Ankunft neuer Pilgerschaaren wurde der ursprüngliche Plan eines Angriffs auf Damiette in Egypten wieder aufgenommen. Herzog L. that sich bei der Belagerung Damiette’s, namentlich bei der Erstürmung des Kettenthurmes, durch Wunder der Tapferkeit hervor, verließ aber am 5. Mai 1219 Egypten, noch ehe sich die Stadt den Christen ergab. Jedenfalls hatte L. durch sein ebenso tapferes als würdevolles Wesen die Augen der Welt auf sich gelenkt. Es läßt sich deutlich erkennen, daß fortan sein Ansehen und sein Einfluß immer größer wurden. Besonders als Friedensvermittler bewährte er wiederholt seine diplomatische Begabung. So erscheint L. an dem Zustandekommen des Vertrages auf dem Berge Scac (2. Juli 1221), der den böhmischen Kirchenstreit beilegte, betheiligt. Als später (1224) König Andreas II. von Ungarn mit seinem erstgeborenen Sohne Bela zerfiel, sah sich L. vom Papste um Vermittelung angegangen, wozu er sich als Verwandter der byzantinischen Gemahlin des ungarischen Prinzen eignete. Und so wie er in diesen beiden Fällen das Vertrauen des Papstes genoß, so wurde L. auch vom Kaiser und anderen Fürsten geschätzt und umworben. So heirathete 1222 Herzog Albert von Sachsen die Tochter Leopolds, Agnes. Mit König Heinrich III. von England verhandelte L. über die Vermählung seiner Tochter. [390] 1225 finden wir L. in Italien. Er war zugegen, als der Kaiser am 25. Juli zu S. Germano das Kreuzzugsgelübde erneuerte. Am 18. November fand zu Nürnberg die Hochzeit des jungen Königs Heinrich (VII.) mit Leopolds Tochter Margaretha, jene Heinrichs, des Sohnes Leopolds, mit Agnes, Schwester des Landgrafen Ludwig IV. von Thüringen und die Verlobung Constanzens, der Tochter Leopolds mit des Markgrafen von Meißen Sohne (s. o.) statt. Doch wurde dieses dreifache Fest durch die Schreckenskunde von der Ermordung des Erzbischofs Engelbert von Köln, des Reichsverwesers, unterbrochen, worauf der Kaiser die Leitung seines Sohnes und die Reichsregierung unserem Herzoge übertrug. Zwar wurde diese Verfügung zu Gunsten des Herzogs Ludwig von Baiern bald wieder zurückgenommen, doch erscheint L. in den nächsten Jahren gewöhnlich am Hofe des jungen Königs. 1226 folgte er dem Rufe des Kaisers nach Italien, wo zu Ostern auf einem großen Reichstage zu Cremona über die Angelegenheiten des Reiches und über den Kreuzzug verhandelt werden sollte. Aber der Reichstag kam nicht zu Stande, weil die Lombarden die Ausgänge der Alpenpässe nach Italien besetzt hielten. Nur L. und einige sächsische Fürsten, die ihren Weg über Oesterreich genommen hatten, gelangten glücklich an ihr Ziel. Die Abwesenheit des Herzogs benutzten die Böhmen zu einem Einfalle in Oesterreich, der jedoch von dem durch L. mit der Obhut des Landes betrauten Heinrich I. (III.) von Kuenring[WS 1] glücklich zurückgewiesen wurde. Noch einmal (1230) eilte L. nach Italien zu dem Kaiser, um nebst anderen Fürsten zwischen diesem und dem Papste zu vermitteln. Dies gelang auch; doch starb der Herzog wenige Tage nach dem Frieden von S. Germano ebendaselbst am 28. Juli 1230 und wurde im Kloster Monte Cassino beigesetzt. Nur seine Gebeine wurden nach Lilienfeld zur Bestattung gebracht. L. war ohne Frage einer der hervorragendsten Fürsten seiner Zeit, einer der bedeutendsten Regenten von Oesterreich. Durch und durch Ritter im besten Sinne dieses Wortes, war er zugleich ein kluger Staatsmann, ein Meister der Rede und Freund und Gönner der höfischen Dichtkunst jener Zeit (Walther von der Vogelweide, Ulrich von Liechtenstein). Seine im ganzen friedliche Politik war doch auch auf Erwerbungen bedacht und förderte zugleich in hohem Grade die innere Entwickelung seiner Länder. Nach den bischöflich freisingischen Lehen, die er nach dem Tode des Markgrafen Heinrich von Istrien (1228) erwarb, konnte sich bereits sein Sohn den Titel eines „Herrn von Krain“ beilegen. Er kaufte die Grafschaft Retz von der Wittwe des Burggrafen Friedrich von Nürnberg, die Stadt Linz von dem Grafen von Haunsberg, die Stadt Wels von dem Bischof von Würzburg. Selbst in Tirol machte er bereits Erwerbungen. Ein Freund des Bürgerwesens, als welchen ihn auch die Sage (bei Enenkel) verherrlicht, verlieh er Enns (1212) und Wien (1221) ausgedehnte Stadtrechte. Flandrische Kaufleute in Wien erwarben 1208 ein Privilegium für ihre Genossenschaft. Besonders Wien blühte unter ihm empor, so daß er es, als er mit dem Papste Innocenz III. über die Errichtung eines Bisthums daselbst unterhandelte, als eine der vorzüglichsten Städte des Deutschen Reiches nach Köln bezeichnen konnte. Doch scheiterte der Plan der Errichtung eines Wiener Bisthums an dem Widerstande des Bischofs von Passau. Dagegen erbaute der Herzog eine neue Kirche (St. Michael) in der Stadt, nahe der neuen Burg, die er statt der früheren am „Hof“ gelegenen an der Stelle, wo sich dieselbe (der Schweizerhof) heute noch befindet, errichtete. Auf Andringen seines Arztes und Vertrauten Meister Gerhard gründete er vor dem Kärntnerthor jenseits des Wienflusses gemeinschaftlich mit jenem nach dem Muster des in Rom bei der Kirche St. Maria de Sassia bestehenden Klosters ein Spital für die in Wien erkrankenden und hülflosen Fremden, dessen Leitung dem neuen Orden der [391] Brüder vom hl. Geiste übertragen wurde. Ebenso gründete der Herzog das schon erwähnte Kloster Lilienfeld und auch die Karthause Geirach, welche in Verfall gerathen war, stellte er von neuem her. Als Freund des Clerus gepriesen, war er zugleich ein strenggläubiger Sohn der Kirche, und da auch das Bürgerthum unter ihm gedieh und der Adel in Oesterreich und Steiermark unter ihm sich zu farbenprächtigem Glanz entfaltete, so ist es begreiflich, daß gar bald die Zeit kam, in der alle Stände auf seine Regierung, als auf eine Epoche entschwundenen Glückes zurückblickten und ihn als den Urheber alles guten Rechtes bezeichneten, und nicht mit Unrecht hat ihm die Nachwelt den Beinamen „der Glorreiche“ beigelegt. Nur die Familienverhältnisse werfen einen Schatten auf das sonst so glanzvolle Bild seines Lebens. Von seinen Söhnen starb der älteste, Leopold (1216), in jungen Jahren, von seinen Töchtern Agnes 1225. Im J. 1226 empörte sich sein Sohn Heinrich gegen ihn und vertrieb die eigene Mutter Theodora aus Haimburg. Doch starb der ungerathene Sohn im J. 1228. Die Ehe Margarethas mit dem römischen König Heinrich war nicht glücklich. Unter diesen Umständen ruhten die Hoffnungen Leopolds fast einzig auf seinem jüngsten Sohne Friedrich, welcher auf des Vaters Antrieb aus unbekannten Gründen seine zweite Ehe mit einer Griechin, Tochter des Kaisers Theodor Laskaris löste, um sich mit Agnes, Tochter Otto’s von Meran, zu vermählen. Allein der junge Herzog Friedrich erinnerte zwar in ritterlichem Gebahren an seinen Vater, aber es fehlte ihm jene Mäßigung, die diesem in hohem Grade eigen war und die errungenen Erfolge sicherte.

Meiller, Regesten. Die österr. Annalen. Die einschlägigen Werke von Winkelmann, Schirrmacher, Röhricht, Frieß (die Herren von Kuenring) u. dgl. Eine neue Monographie dieses Fürsten wäre höchst wünschenswerth.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. siehe den Familienartikel der Herren von Kuenring