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Artikel „Hoffmann von Fallersleben, Heinrich“ von Franz Muncker in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 608–616, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hoffmann_von_Fallersleben,_Heinrich&oldid=- (Version vom 23. Oktober 2019, 18:16 Uhr UTC)
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Band 12 (1880), S. 608–616 (Quelle).
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Hoffmann: August Heinrich H. von Fallersleben wurde am 2. April 1798 zu Fallersleben an der Südostgrenze des Kurfürstenthums Hannover geboren. Seine Kinderjahre waren meist heiter, obwol die aufregenden Wirrnisse der Zeit gerade ihm nicht verborgen und nicht ohne nachhaltige Eindrücke auf ihn blieben: sein Vater, der Kaufmann und Bürgermeister Heinrich Wilhelm H., war, obgleich deutsch gesinnt, doch wegen seiner strengen Redlichkeit auch von den Feinden geachtet und wurde am 1. October 1810 bei Bildung des Königreichs Westphalen zum canton-maire ernannt. Den ersten Unterricht genoß H. in der Bürgerschule zu Fallersleben; am 7. April 1812 kam er in das Gymnasium nach Helmstedt und blieb dort, fleißigem und erfolgreichem Studium hingegeben, das jedoch 1813 durch einen sechsmonatlichen Aufenthalt im Elternhaus unterbrochen wurde, bis zum 19. April 1814. Wenige Tage darnach (am 25. April) wurde er in die erste Classe des Catharineums zu Braunschweig aufgenommen. Schon in Helmstedt hatte sich poetisches Streben in dem Knaben gerührt; mit der fleißigen Lectüre der deutschen Dichter verbanden sich eigne Versuche in der Poesie, welche durch die mißgünstige Aufnahme einzelner Lehrer eher gemehrt wurden. Jetzt führte die patriotische Bewegung der Freiheitskriege zur Lectüre Körner’s und zum vaterländischen Dichten; daneben erwachte, als nach der Niederlage Napoleons die früheren, vielfach verrotteten Zustände wieder eindrangen, die Neigung zur Satire. Vier „deutsche Lieder“ wurden im Mai 1815 zu Braunschweig gedruckt. Mehrere Gelegenheitsgedichte folgten; massenhafte poetische Versuche, bei denen verschiedene Muster, namentlich Kosegarten, vorschwebten, blieben unveröffentlicht. Im Frühling 1816 verließ H. Braunschweig und bezog die Universität Göttingen, wo er am 29. April immatriculirt wurde. Nach dem Wunsche seines Vaters hatte er das Studium der Theologie erwählt, wenn er auch, eben jetzt aus seiner bisherigen „leichtsinnartigen Unbekümmertheit“ zum Bewußtsein erwachend, sich selbst bekennen mußte, daß ihm jede Neigung für diesen Beruf fehle. Sein eigner Sinn trieb ihn vielmehr zur Philologie. Ein Besuch bei seinem Oheim und Pathen, dem Pastor Heinrich August Hoffmann zu Mühlhausen im Waldeckischen (im September und October 1816) bestärkte ihn in diesem Hange, der Vater willigte in die Aenderung des Studienplanes und mit neuem Eifer gab sich H. seit dem Wintersemester 1816/17 den philologischen und litterarhistorischen Disciplinen hin. Größere Ausflüge während der Ferien, der Erholung und der wissenschaftlichen Forschung gleichmäßig dienend, [609] unterbrachen zu verschiedenen Malen die Eintönigkeit des Göttinger Universitätslebens. Bedeutend wurde für H. die Reise im Herbst 1818. Damals gewann er sich zu Cassel die Freundschaft der Brüder Grimm, vornehmlich Jakobs, welcher das volle Interesse des Suchenden auf die deutschen Studien lenkte, die ihm bisher zwar Theilnahme entlockt hatten, den griechischen aber weit nachgestanden waren. Der häufige Verkehr mit Lorenz Oken zu Jena in dem folgenden Monat führte zum Abdruck zahlreicher, größtentheils politischer Epigramme in Oken’s „Isis oder encyclopädischer Zeitung“ von 1818 und 1819. Die meisten dieser Sinngedichte sind poetisch unbedeutend, ohne treffende Spitze; der Witz ist plump oder in einem gesuchten Wortspiel enthalten, öfter künstlich gemacht als natürlich hervorspringend. – Für das Studium des deutschen Alterthums bot Göttingen wenig; allgemeinere litterarhistorische und philologische Kenntnisse erwarb sich H. durch fleißige Benutzung der reichhaltigen Bibliothek und in den Vorlesungen Bouterwek’s, Dissen’s, Fiorillo’s und Welcker’s. Als letzterer an die neugestiftete Universität Bonn berufen wurde, verließ H. im März 1819 die ihm auch durch die politischen Zustände verleidete hannoveranische Hochschule und folgte dem geschätzten Lehrer. Am 10. Mai 1819 wurde er, den eben auch der Tod seines Vaters (am 23. April) zu ernster, bestimmt dem Ziele zustrebender Arbeit mahnte, in Bonn als stud. philol. immatriculirt. Mehr als aus den Vorträgen der Docenten der Universität lernte H. durch sein unermüdliches Sammeln in Druckwerken und Handschriften für deutsche Sprache, Litteratur- und Culturgeschichte, wobei ihm seine Stellung als Bibliothekssecretär (seit dem 13. November 1819) manchen Vorschub that. So konnte er im April 1821 die am 8. Januar entdeckten „Bonner Bruchstücke vom Otfried nebst andern deutschen Sprachdenkmälern“ herausgeben, seine erste wissenschaftliche Schrift, deren Vorrede bereits den Ansatz zu einer Uebersicht der mittelniederländischen Poesie enthielt, an der H. zeitlebens weiter arbeitete. Ueberhaupt trat die niederländische Litteratur ihm immer näher. In die im März 1821 erschienene Sammlung seiner „Lieder und Romanzen“ nahm er mehrere Uebersetzungen holländischer Volkslieder auf; die Reisen, die er suchend und sammelnd von Bonn aus in die benachbarten Provinzen Deutschlands und in die holländischen Grenzbezirke unternahm, gaben auch für diesen Zweck mancherlei Ausbeute; nun verließ H. am 11. April 1821 Bonn und begab sich über Trier und Cöln nach Leyden, wo er im Haus eines deutschen Arztes, Dr. G. Salomon aus Königsberg, im freundschaftlichen Verkehr mit dem Dichter Willem Bilderdijk und anderen hervorragenden Gelehrten vom 22. Juni bis zum 6. October verweilte, rastlosen und mannichfachen Studien über die altniederländische Litteratur hingegeben, deren Resultate theils erst nach Verlauf eines Jahrzehntes in den „Horae Belgicae“ gedruckt, theils von Bilderdijk 1822–25 in seinen „Taal- en dichtkundigen Verscheidenheden“ herausgegeben, theils von van Kampen ins Holländische übersetzt, im Algem. Konst- en Letterbode 1821–22 veröffentlicht wurden (over de oude hollandsche letterkunde). Ueber Amsterdam kehrte H. nach Deutschland zurück und langte am 3. December 1821 in Berlin an. Herzliche Aufnahme und wahre Förderung nach allen Seiten seines wissenschaftlichen Strebens fand er daselbst in dem Hause des geheimen Rathes K. Hartwig v. Meusebach; selbst zu mancher kleineren Publication („Die Schöneberger Nachtigall“, eine Liedersammlung von 1822 u. a.) gab der beständig anregende Umgang mit dem unermüdlichen Sammler Anlaß. Der Versuch, an der Berliner Bibliothek eine Stelle zu erhalten, schlug fehl; auf zwei Eingaben vom 1. und vom 14. Januar 1823 wurde H. endlich am 4. März „bei der Centralbibliothek in Breslau als Custos vorläufig und zur Probe auf ein Jahr gegen eine Remuneration von 300 Thalern“ angestellt. Am 24. März kam er an dem neuen Bestimmungsorte an. Die [610] Verhältnisse in Breslau gestalteten sich zum Theil durch die eigne Schuld Hoffmann’s, der sich mit seinen Ansprüchen nur ungern den Anforderungen seiner Vorgesetzten fügte, theilweise durch die Intriguen und Chicanen der letzteren von Jahr zu Jahr unerquicklicher. Zwar wurde H. am 8. August 1824 auf die Empfehlung des Oberbibliothekars Professor Wachler definitiv zum Custos angestellt und im Mai 1825 in seinem Gehalt aufgebessert, durch die persönliche Gunst des Ministers Freiherrn v. Altenstein und des geheimen Rathes Dr. Johannes Schulze auch gegen den Willen der Facultät am 18. März 1830 zum außerordentlichen Professor „für das Fach der deutschen Sprache und Litteratur mit einem jährlichen Gehalt von 200 Thalern“ ernannt – am 28. Februar 1831 hielt er seine Antrittsrede über Luther’s Verdienste um die deutsche Sprache – und am 15. November 1835 gleichfalls gegen das Gutachten der Facultät sogar zum ordentlichen Professor befördert; aber erst mit dem völligen Austritt aus dem Bibliotheksdienste, von dem er am 22. November 1838 auf wiederholtes Ansuchen entbunden wurde, schienen seine amtlichen Beziehungen in Breslau angenehmer werden zu sollen. Neue ausgedehnte Reisen, theilweise mit Unterstützung des Staates unternommen (so im Sommer 1827 und 1834 nach Wien, 1836 und 1837 nach Dänemark und Holland) und zahlreiche Publicationen hatten indessen Hoffmann’s Namen in den wissenschaftlichen Kreisen des In- und Auslandes ehrenvoll bekannt gemacht. Schon am 14. Juni 1823 promovirte ihn die Universität Leyden, der er den erst 1830 als Habilitationsschrift gedruckten ersten Theil der „Horae Belgicae“ (de antiquioribus Belgarum literis) gewidmet hatte, zum Doctor der freien Künste; holländische und deutsche gelehrte Institute ernannten ihn zum Mitglied. – Das gesellige Leben in Breslau suchte H. zu heben, indem er unter anderem am 2. September 1826 mit jungen Gelehrten, Künstlern und Kunstfreunden die auch litterarisch thätige „zwecklose Gesellschaft“ gründete, für welche viele seiner dichterischen Versuche der folgenden Jahre („Maikäferiade“ 1826, „Kirchhofslieder“ 1827, „Muckiade“ 1828, „Jägerlieder“ 1828, „Weinbüchlein“ 1829 etc.) zunächst bestimmt waren. Ueberhaupt wurde die poetische Thätigkeit neu angeregt durch gelegentliche Anlässe des freundschaftlichen und geselligen Lebens wie durch den Einfluß einer unglücklichen Neigung zu Caroline v. Meusebach („Rosegilge“ und „Arlikona“), zu „Botheina“, vom 2. April 1831 bis Ende November 1832 mit H. verlobt, und endlich zu der „namenlosen“ Schwester eines Freundes, die das überall günstig aufgenommene „Buch der Liebe“ von 1836 verherrlicht. Schon 1826 hatte H. die zum größten Theil 1821–23 aus der Liebe zu der Leydener Freundin Elisabeth Kemper („Meieli“) und zu „Rosegilge“ entsprungenen und bald wiederholt aufgelegten „allemannischen Lieder“ herausgegeben. Wahrhaft menschliche Empfindungen, schmerzliche und heitere, erklingen hier voll und rein, meist auch im schlichten Ton des Volksliedes, ohne daß aber wie in Hoffmann’s Vorbild, den allemannischen Gedichten Hebel’s, der Dialect zum poetischen Colorit und zur localen Charakteristik etwas beiträgt; er wird oft bloße Spielerei, dieselben Empfindungen ließen sich gewöhnlich ebenso gut mit den gleichen Worten hochdeutsch aussprechen. Auch die in der hochdeutschen Schriftsprache abgefaßten Gedichte (seit 1827 wiederholt gesammelt, besonders 1843 und 1853) sind nicht frei von Künsteleien wenigstens in der äußeren Form des Verses und von spitzfindigen Wendungen des Gedankens und des sprachlichen Ausdrucks. Im Allgemeinen faßt H. in einfacher, prunkloser Form einen harmlos bescheidenen, bisweilen auch recht trivialen Gehalt ohne Tiefe des Gedankens und der Empfindung. Wo ein innigeres Empfinden zu Tage tritt, ist es meist wahr und wird eben durch jene Einfalt der durchaus glatten, aber nur selten bedeutend herausgearbeiteten Form gehoben. In den Liebesliedern, namentlich in den kurzen, spruchartigen Gedichten [611] des „Buches der Liebe“ macht sich eher ein kunstvolles Schaffen geltend, worauf auch der Reichthum an Bildern und Gleichnissen deutet; in den übrigen, heiterer angelegten Gedichten, den originellen Trinkliedern, Soldaten- und Landsknechtsgesängen und den seit 1827 in verschiedenen Sammlungen herausgegebenen anmuthigen Kinderliedern, waltet das volksmäßige Element vor; diese Lieder sind für den Gesang gedichtet und zum Theil mit großem Geschick, wie sich einige denn auch bis jetzt im Volksmund erhalten haben. Mit dem kunstmäßigen Charakter der Spruchdichtung verbindet sich das volksthümliche Element in der gesellschaftlichen Poesie Hoffmann’s, die harmlos-witzig oder mit satirischen Ausfällen gegen politisches und sociales Philisterthum bald in plauderhafter Breite, Rückert’s Reimspiele und Reimprosa nachahmend, bald in epigrammatisch kürzerer Form im Anschluß an Goethe’s zahme Xenien bei jedem Anlaß üppig wuchernd aufschoß. Ebenso überreich begegnen die in den Sitzungen der „zwecklosen Gesellschaft“ vorgetragenen Sprüche in Prosa, welche mit ihrer Fülle von Bildern und Gleichnissen, hier und da auch mit ihren gekünstelten Wortspielen und ihrem ganzen Haschen nach Geistreichthum an Jean Paul’s Sprüche erinnern. Mannichfache gelehrte Arbeiten gingen neben diesen „poetischen Spielereien“ einher. Verschiedene Recensionen und sonstige Beiträge lieferte H. zu deutschen und holländischen Zeitschriften; in zahlreichen Publicationen theilte er das auf seinen Reisen Gesammelte kritisch mit. So erschienen 1826 „Althochdeutsche Glossen, erste Sammlung“ mit einer einleitenden Uebersicht der dem Herausgeber bekannten althochdeutschen und altsächsischen Glossen, 1827 „Williram’s Uebersetzung und Auslegung des hohen Liedes in doppelten Texten aus der Breslauer und Leydener Handschrift“, mit vollständigem Wörterbuch, 1834 „Reineke Vos nach der Lübecker Ausgabe vom Jahr 1498, mit Einleitung, Glossar und Anmerkungen“ (1852 wieder aufgelegt), ebenso 1834 „Merigarto“, ferner eine neue Sammlung mittelhochdeutscher Glossen aus der Wiener Bibliothek („Sumerlaten“) und die mit Dr. Stephan Endlicher in Wien gemeinsam besorgte Ausgabe der „Fragmenta Theotisca“, 1837 „Elnonensia“ (Gesang auf die heilige Eulalia und Ludwigslied) u. a. Auch in den größeren Sammelwerken, die H. in jenen Jahren allein oder mit litterarischen Freunden verbündet unternahm, hatte er es zuerst auf möglichst sorgfältige Herausgabe unbekannter mittelalterlicher Texte, oft nur auf genauen Abdruck neu entdeckter Handschriften mit literarhistorischer Einleitung, Noten und Wörterbuch abgesehen. In diesem Sinn sammelte er in den beiden Theilen seiner „Fundgruben für Geschichte deutscher Sprache und Litteratur“ (Breslau 1830 und 1837) die Früchte seines eifrigen Suchens namentlich in den österreichischen Bibliotheken, seiner gemeinschaftlichen Bemühungen mit Wilh. Wackernagel um Anfertigung eines Glossars für das 12.–14. Jahrhundert. Kleinere poetische und prosaische Denkmäler der mittelalterlichen Litteratur wurden in den mit Moriz Haupt zugleich herausgegebenen „altdeutschen Blättern“ (2 Bde. in je 4 Heften. Leipzig 1835–40) abgedruckt. Noch verdienter machte sich H. durch die viele Jahre erfordernde Herausgabe der „Horae Belgicae“ (12 Theile; Breslau, später Leipzig, dann Göttingen, endlich Hannover 1830–1862; Theil 1, 2 und 7 später bedeutend vermehrt und völlig umgearbeitet). Hier erschloß er die in früher Jugend ihm lieb gewordene altniederländische Sprache und Litteratur für die wissenschaftliche Arbeit und den künstlerischen Genuß, in Deutschland von keinem Gelehrten in diesen Studien erreicht, aber auch für die Holländer überall der Begründer derselben. Aus Handschriften und überaus seltenen Drucken theilte er bald mit, bald ohne kritische Anmerkungen und Wörterbuch bedeutsame Denkmäler aller Gattungen der altniederländischen Poesie mit, epische Stücke, dramatische Spiele, Sprichwörter, Uebersetzungen und Paraphrasen der Bibel, namentlich geistliche und weltliche Volkslieder. Die [612] innigste und kräftigste Theilnahme brachte er der durch die Kunstdichtung verdrängten und von den Holländern selbst verachteten Volkspoesie entgegen. So ganz gab er sich ihrem Einfluß hin, daß er selbst (seit 1821) eine ziemliche Anzahl altniederländischer Gedichte, „Loverkens“, verfaßte, fast durchweg Liebeslieder, bald heiter, bald schwermüthig, stets aber innig und zum Herzen sprechend, wahre Poesie, im Ton der schönsten alten Volkslieder gehalten, ähnlichen Charakters die lustigen, nie aber ins Bänkelsängerische ausartenden Trinklieder. Eingeleitet wurde die ganze Sammlung der „Horae Belgicae“ durch die dreimal (zuletzt 1857) überarbeitete und vermehrte Uebersicht der mittelniederländischen Dichtung, anfänglich chronologisch, später nach den Dichtungsarten und alphabetisch geordnet, zuerst von ausführlicheren Notizen über den Dichter und die Entstehung der einzelnen Werke begleitet, 1857, nachdem unter Anderem besonders Jonckbloet’s Geschichte der mittelniederländischen Dichtkunst erschienen war, fast nur mit bibliographischen, in dieser Hinsicht aber erschöpfenden Bemerkungen versehen. Während H. so die Liebe zur altholländischen Poesie mit glücklichem Eifer neu zu erwecken suchte, lag ihm, dem Breslauer Bibliothekar, zugleich daran, in der nächsten Nähe den Sinn für einheimische Geschichte, Cultur und Litteratur nach Kräften anzuregen. So gründete er 1829 die „Monatschrift von und für Schlesien“, deren erster und einziger Jahrgang nicht nur zahlreiche Beiträge zur Kenntniß der schlesischen Litteratur und Mundart, sondern auch zur politischen, zur Kunst- und Culturgeschichte Schlesiens aus der Feder des für seine Mühe schlecht belohnten Herausgebers brachte. Doch behielten die litterarhistorischen Arbeiten immer das Uebergewicht. Theilweise dienten sie dem ausgesprochenen Zweck, als Leitfaden bei den Vorlesungen benutzt zu werden, so die treffliche, 1831 gedruckte Skizze „Handschriftenkunde für Deutschland“ und das dem geheimen Rath Schulze gewidmete Werk „Die deutsche Philologie im Grundriß“, (Breslau 1836), wie es H. bezeichnet, „ein bibliographischer Umriß“ des gesammten germanistischen Studiums, ein halb stofflich, halb chronologisch, freilich nicht immer übersichtlich geordnetes Verzeichniß aller Sammelwerke und Schriften zur deutschen Litteratur und Sprache, damals eine höchst verdienstliche Leistung, noch jetzt ein wohl zu brauchendes Buch. Mit den Studien über schlesische Geschichte und Kunst hingen aufs engste die Biographien schlesischer Dichter des 16., 17. und 18. Jahrhunderts zusammen (Martin Opitz bis zu seinem 22. Jahr, Joh. Chrn. Günther, Daniel Stoppe, Barthol. Ringwaldt, Benjamin Schmolck u. a., 1844 im zweiten Bändchen der „Spenden zur deutschen Litteraturgeschichte“ – das erste enthielt Aphorismen und Sprichwörter aus dem 16. und 17. Jahrhundert, meist politischen Inhalts – gesammelt). Die Mehrzahl dieser gründlichen, durch umfangreiche Beispiele aus den Werken illustrirten Biographien behandelte Vertreter der durch Luther angeregten geistlichen Liederdichtung. Gleichzeitig (Breslau 1832) gab H. nun auch seine nach einer Vorlesung im Sommersemester 1830 ausgearbeitete „Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis auf Luthers Zeit“ heraus, einen auf sorgfältiges Studium der vielfach zerstreuten und entlegenen Quellen gegründeten, übersichtlich geordneten und klar geschriebenen Nachweis der ältesten Entwicklung des deutschen Kirchengesanges aus dem lateinischen Gottesdienst unter dem Einfluß der mittelalterlichen Kunstpoesie, namentlich aber des wieder erwachenden Volksgesanges und des tieferen und strengeren religiösen Sinnes, der in der allgemeinen Trübsal des 14. Jahrhunderts hervorbrach. Vollständig umgearbeitet erschien das Buch zu Hannover 1854 in zweiter Auflage. Die schon der ersten Ausgabe eingefügten Beispiele von alten Liedern, aus noch unbenützten Handschriften oder seltenen Drucken genommen, wurden jetzt um mehr als das Dreifache vermehrt und mit ausgiebigen bibliographischen Nachweisen versehen, der Text überall auf Grund [613] neuerer Forschungen erweitert, bereichert und gebessert, so daß das Werk in seiner neuen Gestalt eine gründliche und erschöpfende Geschichte des deutschen vorlutherischen Kirchenliedes darbot, einen höchst bedeutenden Beitrag nicht blos zur Litterarhistorie, sondern zur Culturgeschichte Deutschlands überhaupt.

Eine größere Reise nach Oesterreich, der Schweiz und Frankreich im Frühling und Sommer 1839 lenkte Hoffmann’s Aufmerksamkeit mehr als bisher auf das politische Leben. Eine Reihe von Gedichten entstand, die sich rücksichtslos gegen die verrotteten Zustände im Staat und in der Gesellschaft aussprachen, revolutionär gegen Fürsten und Adel gerichtet, ohne deshalb aber demagogisch zu sein. Unter dem täuschenden Namen „Unpolitische Lieder“ sandte sie H. 1840 aus dem Hamburger Verlag von Hoffmann & Campe in die Welt, sieben Sitzungen mit je 20 Gedichten und eine „vertrauliche Sitzung“ als Anhang. Auf der Rückkehr von einer Reise nach Helgoland schloß er (am 26. September 1840) in Hamburg mit dem Verleger den Vertrag über eine sofort zu druckende zweite Auflage der „Unpolitischen Lieder“ und über einen zweiten, bereits wacker vorbereiteten Theil derselben, der im folgenden Sommer erschien, gleichfalls in sieben Gruppen von je 22 Liedern gegliedert, mit einem Anhang. Die revolutionäre Tendenz trat hier noch deutlicher als bei dem ersten Theil zu Tage. Dem preußischen Cultusministerium, an dessen Spitze statt Altensteins seit 1840 Eichhorn stand, erschienen diese Gedichte staatsgefährlich; es verbot in Preußen den gesammten Verlag Campe’s und leitete gegen H. gerichtliche Untersuchung ein, welche am 9. April 1842 seine Suspension vom Amte und am 20. December seine Entlassung ohne Gehalt zur Folge hatte. Am 25. Februar 1843 schied er aus Breslau. Hatte das Reisen schon bisher einen unwiderstehlichen Reiz auf H. ausgeübt, so sah sich der Heimathlose, dem wenigstens in Hannover und zeitweise auch in einigen Orten Preußens der Aufenthalt polizeilich verwehrt wurde, jetzt auch durch die äußeren Verhältnisse zu einem wechselvollen Wanderleben durch das ganze westliche und nördliche Deutschland veranlaßt. Am längsten und öftesten verweilte der durch zahllose Ovationen von den politischen Freunden gefeierte Dichter in Mecklenburg, wo er 1845 das Heimathsrecht auf dem Gut Buchholz in Schwerin erhielt, und am Rhein. Die Jahre dieses Wanderns gehören fast ganz der politischen Poesie. Zwar lieferte H. noch manche wissenschaftlichen Beiträge, namentlich zu den „Horae Belgicae“ und zu Haupt’s Zeitschrift für deutsches Alterthum; 1842 gab er zusammen mit Ernst Richter „Schlesische Volkslieder mit Melodien“, 1843 „Politische Gedichte aus der deutschen Vorzeit“, 1844 „Die deutschen Gesellschaftslieder des 16. und 17. Jahrhunderts“ (1860 wieder aufgelegt) heraus; hauptsächlich wirkte er aber durch verschiedene Sammlungen volksmäßiger Zeitgedichte, die, alle mit revolutionärer Tendenz, meist in dem von Julius Fröbel geleiteten litterarischen Comptoir in Zürich und Winterthur rasch hinter einander erschienen und großentheils bald mehrere Auflagen erlebten: 1843 „Deutsche Lieder aus der Schweiz“ und „Deutsche Gassenlieder“, 1844 „Deutsche Salonlieder“ und „Maitrank“, 1845 „Hoffmann’sche Tropfen“ und „Diavolini“, 1847 „Schwefeläther“. Während die Zeit unaufhaltsam fortschritt, tragen alle diese Gedichte noch den gleichen Charakter wie die „Unpolitischen Lieder“. Es sind volksmäßige Lieder, für den Gesang geschrieben und ohne die Melodie, die schon durch ihren scheinbaren Contrast zu dem Text epigrammatisch wirkt, oft formal höchst unbedeutend, trocken, nüchtern, alltäglich-niedrig in Sprache und Ausdruck, theils vortrefflich volksthümlich gerathen, theils zum Bänkelsängerton herabgesunken, trotz des auch ihnen eigenen epigrammatischen Schlußrefrains mit Herwegh’s formvollendeten „Gedichten eines Lebendigen“ dem poetischen Werthe nach nicht zu vergleichen. Dagegen waren in ihnen zuerst, bereits drei Jahre vor Herwegh’s Auftreten, die [614] politischen und socialen Zustände der Gegenwart mit ihren vielen veralteten und drückenden Einrichtungen einer bald schalkhaft-witzigen, bald scharf einschneidenden satirischen Besprechung unterzogen, nicht im großen Stil, wie es Herwegh hernach unternahm, sondern mehr nach ihrem Zusammenhang mit dem gemeinen Leben. Unerquickliche Prosa tönt oft genug aus allen diesen Liedersammlungen, nicht zum wenigsten aus den „Diavolini“, die ihren Ursprung einer im Herbst 1844 unternommenen Reise nach Italien verdankten. Während H. in den auf der Reise nach Frankreich (1839) entstandenen Gedichten seiner Sehnsucht nach dem Vaterland einen wahren und innigen lyrischen Ausdruck zu verleihen gewußt hatte, führte ihn jetzt der beständige parteiische Vergleich deutscher und italienischer Zustände zu kleinsinnig nergelnden Spottversen über das „Land der Esel“; dem poetischen Zauber italienischer Natur und Kunst vermochte er sich nicht hinzugeben vor Widerwillen gegen die socialen Verhältnisse und gegen die übertriebene Bewunderung alles Römischen durch kritiklose Ausländer, zu denen er freilich auch Goethe zu rechnen sich nicht scheute.

Indessen begann es im politischen Leben Frankreichs und Deutschlands immer heftiger zu gähren. H. schürte auch durch prosaische Schriften die Bewegung. 1847 veröffentlichte er Auszüge aus Kant’s Werken: „Immanuel Kant über die religiösen und politischen Fragen der Gegenwart“; im Anfange des verhängnißvollen Jahres 1848 erschien, von der gleichen Tendenz politischer Opposition durchdrungen, seine Biographie Adam v. Itzstein’s im fünften Bande des von Eduard Duller herausgegebenen Sammelwerkes „Die Männer des Volks dargestellt von Freunden des Volks“. Als die Revolution im März 1848 in Deutschland losbrach, betheiligte sich H. wenig an derselben, fast nur, indem er „Die zwanzig Forderungen des mecklenburgischen Volkes“ abfaßte. Auf die Nachricht von dem preußischen Amnestieerlaß vom 20. März kam er sogleich (am 15. April) um Wiedereinsetzung in seine Professur ein. Nachdem er das Gesuch am 6. September wiederholt hatte, wurde ihm am 20. October 1848 ein Wartegeld von 375 Thalern zugesichert. Gleichwol aus Berlin ausgewiesen, ließ sich H., der sich eben (am 28. October 1849) zu Braunschweig mit seiner Nichte Ida zum Berge (geb. am 11. April 1831 zu Bothfeld bei Hannover) verheirathet hatte, dauernd am Rhein nieder, zuerst (seit dem 30. Novbr. 1849) in Bingerbrück, dann (30. April 1851–22. April 1854) in Neuwied. Hoffmann’s politische Dichtung erstarb allmählich in diesen Jahren der Reaction, über die er sich 1849 namentlich in drei Dutzenden von „Zeitliedern“ und in den „Spitzkugeln, Zeitdistichen“ klagend und spottend aussprach. Erst nach einem vollen Jahrzehnt gab er wieder „zeitgemäße Lieder“, doch ohne erhebliche Wirkung, heraus: „Deutschland über alles“ (1859), „Schleswig-Holstein“ (1864) etc. Jetzt widmete er die ersten Jahre des glücklichsten Familienlebens, das freilich durch den baldigen Tod eines Töchterleins herb gestört wurde, wieder der reinen Lyrik und der wissenschaftlichen Arbeit. So erschienen 1851 „Liebeslieder“, „Rheinleben“, „Heimathklänge“ und „Soldatenleben“, unter letzterem Titel ein zweites Liederbuch 1852. Kinderlieder hatte fast jedes Jahr gebracht, namentlich 1848 („37 Lieder für das junge Deutschland“, „100 Schullieder“); eine neue Sammlung („Die Kinderwelt in Liedern“) erschien 1853, 1855 folgte „Kinderleben“, 1859 „Fränzchens Lieder“, 1860 „Die vier Jahreszeiten“, 1863 und 65 frische Sammlungen, endlich 1873 „Alte und neue Kinderlieder“. Eine vollständige Ausgabe sämmtlicher Kinderlieder besorgte nach Hoffmann’s Tode 1877 Dr. Lionel v. Donop. Eine Fülle meist harmloser Witze und humoristischer Anecdoten vereinigte H. 1850 in dem „Parlament zu Schnappel“, einer dialogisirten Darstellung der alltäglichen Zusammenkünfte einer heiteren Abendgesellschaft. In den ersten Monaten 1852 dichtete er die erst 1868 gedruckten [615] Opern „In beiden Welten“ und „Der Graf im Pfluge“, dramatisch unbedeutend mit leicht geschürzter Handlung, aber in einer edlen und anmuthigen Form dargestellt, reich an bunt wechselnden äußeren Bildern und an den verschiedenartigsten Gesängen für den (nie gefundenen) Componisten. Schon 1843 hatte H. durch sein „Breslauer Namensbüchlein“ die Specialforschung über deutsche Familiennamen zu fördern gesucht, indem er die Namen der Einwohner einer Stadt nach ihrer Bedeutung ordnete und sprachlich erläuterte; dieselben Grundsätze leiteten ihn 1852 bei der Herausgabe eines „Hannoverschen Namensbüchleins“, dem er 1863 eines für Cassel und 1867 für Braunschweig folgen ließ. Mehr noch als diese Arbeiten führte ihn die neue Auflage des „Reineke Vos“ (1852) und die Herausgabe des Schauspiels „Theophilus“ (1853) und seiner zwei Fortsetzungen (1854) auf das niederdeutsche Sprachgebiet. Die Vorstudien zur zweiten Auflage der „Geschichte des deutschen Kirchenliedes“ (1854) gaben Anlaß zu der Herausgabe des ältesten katholischen Gesangbuchs aus dem J. 1537 von Michael Vehe (1853) und zu einer nunmehr von der Geschichte des Kirchenliedes losgetrennten und bedeutend erweiterten selbständigen Abhandlung über die lateinisch-deutsche Mischpoesie („In dulci jubilo, nun singet und seid froh“ 1854), während gleichzeitig die niederländischen geistlichen Lieder des 15. Jahrhunderts in den „Horae Belgicae“ (1854) erschienen. Neu angeregt wurde diese wissenschaftliche, namentlich die litterarhistorische Thätigkeit Hoffmann’s, als er (im Mai 1854) nach Weimar übersiedelte, um dort mit Unterstützung des Großherzogs zusammen mit Oscar Schade das „Weimarische Jahrbuch für deutsche Sprache, Litteratur und Kunst“ zu begründen (6 Bde., Hannover 1854–57). Zahlreiche Aufsätze über deutsche Sprache und Litteratur spendete H. zu diesem Werk, in denen er viel handschriftliches, oft aber auch nur an entlegenen Orten gedrucktes Material veröffentlichte, schätzenswerthe Arbeiten zur Lexikographie (über das Rothwälsch) und Bibliographie („Unsere volksthümlichen Lieder“) lieferte und verschiedene Schriftsteller der letzten drei Jahrhunderte (August Buchner, Angelus Silesius, Leibniz im Verhältniß zur deutschen Sprache und Litteratur, Erduin Julius Koch etc.) nach ihrem Leben und Wirken einer eingehenden und gründlichen Betrachtung unterzog. Kleinere Beiträge zu Franz Pfeiffer’s „Germania“ und zu G. K. Frommann’s Zeitschrift „Die deutschen Mundarten“, neue Auflagen mehrerer früheren gelehrten Arbeiten, das 1858 als Vorläufer und Probe einer „Bücherkunde der deutschen Dichtung bis zum Jahr 1700“ erschienene Verzeichniß sämtlicher Drucke von Opitz’schen Gedichten und der stattliche Sammelband „Findlinge. Zur Geschichte deutscher Sprache und Dichtung“ (Leipzig 1860), reich an litterarhistorischen Beiträgen aller Art, besonders an vielen zum ersten Mal gedruckten Briefen, zeugen von dem rastlosen Fleiße Hoffmann’s in diesen Jahren, die, verschönt durch die theilnehmende Achtung des Großherzoges und durch Franz Liszt’s Freundschaft, zu den zufriedensten des am 19. Mai 1855 durch die Geburt eines Sohnes Franz Friedrich Hermann beglückten Dichters gehörten. Diese innere Befriedigung sprachen die lieblichen, auch in der Form aufmerksam behandelten „Lieder aus Weimar“ aus, die H. 1854 Liszt widmete (1856 vermehrt in dritter Auflage). Häufige Besuche auswärtiger Freunde und die wöchentlichen Zusammenkünfte der einheimischen in dem (im November 1854 gestifteten) Neu-Weimar-Verein erhöhten die Geselligkeit, während mannichfache Reisen zu wissenschaftlichen Zwecken (1855 und 56 nach Belgien und Holland) den Verkehr mit den entfernten Freunden und Arbeitsgenossen immer rege erhielten. Als aber 1857 die großherzogliche Unterstützung für das Jahrbuch und damit das Jahrbuch selbst aufhörte, störten wieder pecuniäre Sorgen die heitere Ruhe des Familienlebens, bis nach einigen vergeblichen Versuchen, wieder vom preußischen Ministerium angestellt zu werden, [616] eine Empfehlung der Prinzessin Maria von Wittgenstein-Sayn, der Tochter von Liszt’s Freundin, dem Dichter ein letztes Asyl verschaffte. Am 5. März 1860 ernannte ihn Herzog Victor von Ratibor zu seinem Bibliothekar auf Schloß Corvey bei Höxter an der Weser; am 1. Mai trat H. die Stelle an, in der er bis zu seinem Tode am 29. Januar 1874 verblieb. Schmerzlich getrübt wurden ihm die ersten Jahre in der neuen Heimath durch den Tod seiner Gattin (am 28. Octbr. 1860), der er 1861 den Nachruf „Meiner Ida“ widmete. Wissenschaftliche Arbeit und dichterische Versuche gingen auch hier neben einander her. Erstere galt wieder vornehmlich dem Niederdeutschen. So gab der bis zum letzten Augenblick Unermüdliche außer einigen Beiträgen zu den germanistischen Zeitschriften 1870 zwanzig Fabeln und Erzählungen aus einer Wolfenbütteler Handschrift als „Niederdeutschen Aesopus“, sowie die älteste niederdeutsche Sprichwörtersammlung des Antonius Tunnicius heraus, letztere mit hochdeutscher Uebersetzung, Anmerkungen und Wörterbuch; 1872 folgte ein Abdruck des Volksliedes „Henneke Knecht“ mit der alten lateinischen Uebersetzung und erklärenden Noten Hoffmann’s. Zwei Reisen nach Rauden bei Ratibor, der schlesischen Residenz des Herzogs, im Frühjahr 1861 und 64 führten zur Bekanntschaft mit Julius Roger, dem Sammler polnischer Volkslieder in Oberschlesien, von denen H. unter dem Titel „Ruda“ 1865 mehrere glücklich in deutsche Verse übertrug. 1868 gab er 40 „Lieder der Landsknechte unter Georg und Kaspar v. Frundsberg“ heraus, und 1872 wagte er sich noch ein Mal auf das Gebiet der politischen und socialen Satire mit den „Streiflichtern“. Mißvergnügt klagte er hier über die veralteten Anschauungen, die aus früherer Zeit sich erhalten, und über viele neue Erfindungen und Einrichtungen der letzten Jahre; die allergewöhnlichsten Mißstände des häuslichen und öffentlichen Lebens wählte er sich zum Thema. Es war der alte Kampf gegen das philisterhafte und undeutsche Wesen in der Familie und in der Gesellschaft, in Schule und Staat; aber H. wurde in diesem Kampfe hier selbst philiströs. Prosaische Gedanken drückte er prosaisch aus, ohne das Feuer der Begeisterung und ohne Witz, geradehin moralisirend, aber auch ohne alle Melodie; an die Stelle des früheren Liedes zum Singen sind eintönige und unbeholfene reimlose Jamben ohne rhythmischen Schwung getreten. Hoffmann’s größtes Werk aus dieser letzten Periode seines Lebens ist seine Autobiographie: „Mein Leben. Aufzeichnungen und Erinnerungen“ (6 Bde., Hannover 1868). Auch ihr fehlt die künstlerische Form. Massenhaftes Material ist kritiklos zusammengetragen und lose an einander gereiht: alle Vorgänge aus Hoffmann’s Leben, auch die gleichgültigeren, werden wahrheitsgetreu und auf das ausführlichste, aber blos äußerlich besprochen; ihre innere Bedeutung für H. und seine Zeit wird kaum angedeutet. So giebt die Autobiographie trotz ihres übermäßigen Umfanges und ihres namentlich für die vormärzliche Periode im einzelnen oft werthvollen Inhaltes fast nur von dem menschlichen Charakter Hoffmann’s und etwa noch von seinem politischen Treiben ein anschauliches Bild, weniger von seiner Poesie und kaum von seiner gelehrten Thätigkeit.

Hoffmann von Fallersleben 1818–1868. Fünfzig Jahre dichterischen und gelehrten Wirkens, bibliographisch dargestellt von J. M. Wagner, Wien 1869. Dazu ein Nachtrag im neuen Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekwissenschaft vom April 1870. – Rudolf Gottschall, Porträts und Studien, Bd. V, S. 131–170, Leipzig 1876. Zuvor schon 1874 gedruckt in „Unsere Zeit“. Neue Folge. Bd. X, 1, S. 369 ff. – Rudolf von Raumer, Geschichte der germanischen Philologie, vorzugsweise in Deutschland, S. 585 ff., München 1870.