Textdaten
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Autor: Johann Andreas Christian Löhr
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Titel: Viole und Holdherz
Untertitel:
aus: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, Band 2, S. 280–297
Herausgeber: {{{HERAUSGEBER}}}
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1820]
Verlag: Gerhard Fleischer d. Jüng.
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Kinder- und Jugendbibliothek München und Commons
Kurzbeschreibung:
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[280]
25. Viole und Holdherz.

Ein König und eine Königin hatten eine einzige Tochter, und waren sehr glücklich in ihrem Besitz, denn es war ein sanftes, sittsames und frommes Kind, und die Aeltern freuten sich, wenn sie daßelbe nur ansahen, und den Leuten am Hofe war es fast eben so, wiewohl dergleichen an Höfen sehr selten sein soll. Sie hieß aber Viola.

Viola bekam von der Mutter, welche vor Freuden oft nicht wußte, was sie Alles dem geliebten Mädchen schenken sollte, die prächtigsten Kleider und die kostbarsten Juweelen und Steine in großer Menge; aber Viola schmückte sich nur an hohen Festen damit, und kleidete sich an den andern Tagen schlicht und einfach, welches der Mutter auch wieder recht wohl gefiel, indem ja ihr schönster Schmuck immer ihr blieb: das war nämlich ihr sanftes Herz, ihre stille Tugend.

Am Königshofe lebte zur selben Zeit ein häßliches altes Wesen, Grunzau genannt, häßlich am Körper, wofür sie nichts konnte, häßlicher noch am Gemüth. Sie war nach der Königin die Vornehmste [281] im Lande, denn sie war Herzogin und unermeßlich reich. Bei dem Könige, der ein wenig geitzig war, galt sie um ihres Reichthums willen so viel wie eine Königin, bei allen andern Menschen galt sie für nichts, als für eine garstige Kröte, der man so weit auswich, als man immer nur konnte.

Weil sie eine Herzogin war, und obendrein so reich, daß sie sich wohl zwei Königreiche hätte kaufen können, wären sie nur feil gewesen, so war sie auch in ihren Gedanken unendlich weise und von bezaubernder Schönheit. Ihre Diener und Dienerinnen sagten ihr das auch ins Angesicht, und sie nahm es ohne Erröthen an, weil sie wußte, daß es wahr sei. Aber bei aller ihrer Weisheit und Schönheit war sie dennoch nicht glücklich am Königshofe, denn sie konnte Violen nicht leiden, weil diese Jedermann für liebenswürdig hielt. „Wie kann nur ein Mensch, sagte sie, das kleine Murmelthier für liebenswürdig halten? Wenn mir mein Spiegel nicht schmeichelt, bin ich gewiß doch viel hübscher.“ Ei ja freilich war sie das, die feuerrothen Haare, wie flammend! das Plunschgesicht, wie lieblich! Die sanften Augen, mit den triefenden Thränen, wie gefühlvoll! Das weite Maul so voll Platz für viel holdseliger Rede!

Aber was half das? – Genug, sie hielt sich für sehr gekränkt durch Violens Schönheit, die aller Welt gefiel, zog vom Hofe fort, und begab sich auf eines ihrer Schlößer.

Nach einigen Jahren starb Violas Mutter, und die Tochter beweinte den Todt derselben mit kindlichen Thränen sehr lange Zeit, und auch der König betrübte sich lange Zeit sehr.

„Aber wer kann denn immer betrübt sein? dachte der König. Die Betrübniß ist ein langweilig Ding.“ Nun hätte er zwar Feste und Hofbälle und Spiele können anbefehlen, aber [282] weil das Geld kostete, so liebte er es nicht. So zog er denn fleißig auf die Jagd, die nichts kostete, und ließ die Räthe indeßen regieren.

Eines Tages, wo es gewaltig heiß war, hatte er sehr lange gejagt, und sehnte sich nun nach einem kühlen Obdach und nach einem frischen Trunk. Da sagte man ihm, das Schloß der Herzogin Grunzau sei ganz in der Nähe. So ritt er denn hin.

Die Herzogin führte den König in ihre weit und hochgewölbten Keller, die mit Kerzen erleuchtet waren und waren so hell wie der Tag. Dieß, sagte sie, sei der kühlste Ort in ihrem Schloße und ein frischer Trunk würde sich wohl auch darin finden. Das ließ sich denn freilich wohl glauben, indem alle Kellergewölbe voll großer Stückfäßer lagen, über deren Menge und Größe der König erstaunte.

„Frau Herzogin, sagte der König, was macht Ihr mit diesen Vorräthen von Wein, die Ihr ja nimmermehr zu verbrauchen vermögt?“

„O! antwortete sie, ich bin eine Liebhaberin von solchen Weinen, die halten sich ewig.“

Sie nahm einen Hammer und schlug den außerordentlich großen Zapfen des einen Faßes aus. Da rollten Dukaten zu Tausenden heraus. „Hm, sagte sie, das ist mir wunderbar!“ Sie schlug noch mehr Fäßer auf, aber es stürzten immer Dukaten oder Perlen oder Edelsteine heraus.“

„Seht doch!“ sagte sie, da haben mir die Bestien von Bedienten meine köstlichen Weine ausgetrunken und dieses Lumpenzeug dafür hingelegt; indeßen sollen Ew. Majestät nicht dürsten.“

Da holte sie einige Flaschen des herrlichsten Weines und einen goldenen Becher, mit kostbaren Steinen besetzt.

[283] Der König trank den herrlichen Wein, ohne an seiner Lieblichkeit einen Geschmack zu haben, denn der Anblick der Kostbarkeiten hatte seine Augen und sein Herz verblendet.

„Lumpenzeug nennt Ihr das, sagte er, indem er mit der Hand auf die Dukaten und Perlen und Steine zeigte. – Lumpenzeug? O! wer es doch hätte!“

„Könnt Ihr ja haben, Herr König, sprach die Grunzau, nur freilich müßt Ihr mich auch mit dazu nehmen!“

Das war der König sogleich von Herzen zufrieden, denn die Grunzau war in diesem Augenblick, in seinen Augen, die Schönste auf Erden. Sie aber sagte: „Ja, mein Herr König, ich will Euer Gemahl werden, und alle meine Schätze sollen Euer sein, aber Eure Tochter muß mir gehorchen, wie wenn ich ihre rechte Mutter wäre. Ich will sie ziehen, wie mirs beliebt, und Ihr selbst dürft mir nicht drein reden.“

Die Gier nach Schätzen verblendete das Vaterherz, und er bewilligte Alles.

Unruhig fuhr er nach Hause. Die besorgte Tochter fragte, ob ihm etwas Uebles begegnet? Da sagte er: „O nein! vielmehr etwas Gutes. Ich habe ein holdseeliges Wild gefangen, das ist die Grunzau, die will ich heirathen, mit allen ihren Schätzen.“

„Die? rief Viola bestürzt; die? – holdseelig?“

Aber der Vater wollte seine Schaam vor der Tochter in Zorn verhüllen, und sagte aufgebracht: „Schweig; sie ist deine Mutter, und du sollst ihren Willen befolgen, als wär er der meine. Geh und kleide dich aufs prächtigste an, denn ich will sie heute herholen.“

Viola verstummte und ging betrübt, sich ankleiden zu laßen, aber sie war ja so folgsam. Ihre Kammerdienerin, mit der sie aufgewachsen [284] war, sahe ihren Kummer, und fragte, was ihr auf dem Herzen liege?

„Dir darf ich es klagen, sagte die Prinzeßin. Der Vater heirathet die Grunzau – ein Ungeheuer, das mich haßt, und das ich nun lieb haben soll, wie meine Mutter. O, wie soll ich das können!

Die Dienerin rieth ihr, ihren Widerwillen zu bezwingen, schon darum, damit die Grunzau keine Gelegenheit finde, ihr weh zu thun.

„Ja! sagte sie, das will ich ja freilich auch; gebe der Himmel nur, daß mir es gelinge!“

Viola hatte sich lieblich ankleiden laßen, und sahe sehr schön aus, schön wie ein Engel, aber mit dem Gesichte voll Betrübniß, wie ein trauernder Engel.

Die Herzogin hatte sich auch so schön und so prächtig laßen kleiden und schmücken, als nur immer möglich. Sie glaubte, wie viele Thörinnen, daß man von Kleid und Schmuck die Schönheit erborgen könne; – aber die Häßlichkeit stach dagegen nur desto auffallender ab.

Sie hielt ihren Einzug zu Pferde, wie die Königinnen in der uralten Zeit thaten, als man noch keine Kutschen kannte. Daß sie reitend den Einzug halten wollte, geschahe darum, daß alle Welt sie ganz sehen und vor Bewundrung erstaunen sollte, und das geschahe denn auch, denn man erstaunte über eine so häßliche Nachteule, die Königin werden sollte, und die Leute auf der Straße schimpften ganz laut auf ihren dummen König und beklagten die holde Prinzeßin.

Diese aber war, ehe die Grunzau einzog, in einen schattigen Hain gegangen, denn dort konnte sie ungestört weinen und ihr hartes Geschick beseufzen.

[285] Sie war im tiefsten Kummer versunken, als auf einmal ein schöner Edelknabe vor ihr knieete, von dem sie nicht wußte, woher er gekommen sei, aber sie meinte, er gehöre zum Hofstaat der Herzogin.

„Prinzeßin, sagte der Jüngling, Ihr werdet erwartet!“

Da fragte sie ihn – denn es war ihr, als müßte sie ihn fragen – wie lang er im Dienste des Königs oder der Herzogin sei? – „Dem Könige diene ich nicht und der Grunzau auch nicht, aber in Eurem Dienste stehe ich, gern und freiwillig.“

Das kam der Prinzeßin gar wundersam vor und wußte es nicht zu deuten und sagte: „Wie soll ich denn das verstehen?“

„O Viola! sagte der Jüngling kühn; du jammerst mich! Ich bin kein Edelknabe, ich bin der Prinz Holdherz, der ja nicht sogar unbekannt ist, und bin schon in mancherlei Gestalt und selbst unsichtbar bei dir gewesen, du Holdseelige. Ich habe die Gabe, zu scheinen, was ich will, oder gar nicht zu erscheinen von meiner Mutter. Stände dir nicht schwere Prüfung bevor, so wäre ich noch im Verborgenen geblieben. – Viola, ich liebe dich deiner Sanftmuth und Tugend wegen, und werde von heut an immer, sichtbar oder unsichtbar, bei dir sein.“

Viola wußte nicht, was sie antworten sollte. Sie ließ sich von dem Jüngling zu einem milchweißen Pferde führen, das er im Schloßhof für sie bereit gehalten hatte. Sie stieg aufs Pferd, und Holdherz führte es am Zügel.

Sie ritt der Grunzau entgegen und das Volk bewunderte sie und den schönen Edelknaben und das prächtig gebaute und geschmückte Pferd, deßen Zaum und Decke von Juweelen blitzten.

Die Herzogin kam auf ihrem Pferde, das aber neben dem Pferde der Prinzeßin wie ein schäbiger Fuhrmannsgaul aussahe.

[286] „Wie? sagte sie grimmig, so soll ich denn schon bei meinem Einzuge von dieser Kreatur gedehmüthigt werden? – Sie soll ein schöneres Pferd reiten als ich? – Nein! lieber nicht Königin sein!“

Da befahl der König Violen abzusteigen und die Herzogin zu bitten, ihr Pferd anzunehmen. So geschah es ohne Murren von Violens, und ohne Dank von der Herzogin Seite. Zwei Edelleute mußten diese auf dem Pferde halten, und der Edelknabe Violas mußte es am Zaum führen, damit Alles sanft ginge. Deßen ungeachtet wurde das Pferd wild, bäumte, hieb um sich und ging im wüthendsten Rennen mit der kreischenden Reiterin durch, die sich an den Mähnen anhielt, dennoch aber abgesetzt, und weil sie im Bügel hängen blieb, eine große Strecke geschleift wurde, wozu das Volk jauchzte und hallohte. Kleider, Schmuck, falsche Haare und Zähne und Wulste lagen da und dort auf dem Wege umher. Ein Paar Löcher im Kopfe, ein Paar Wunden an Armen und Beinen mißgönnte ihr Niemand.

Als man sie ins Bett brachte, fluchte sie vor Wuth über Violen. „Diese Nichtswürdige, wüthete sie, hat das Pferd nur deshalb geritten, daß es mir gefallen und ich dann den Hals darauf brechen soll. Werde ich nicht schreiend gerächt, so geh ich wieder auf mein Schloß.“ Der König knieete am Bette des Scheusals und übergab sein sanftes Kind den Händen deßelben; Viola mußte kommen und wurde, von vier alten Weibern, mit Ruthen jämmerlich gepeitscht! „Haut! haut! schrie der Satan vom Weibe, bis alles Blut herausgeht, und die weiße Haut braun und blau wird.“

Geduldig wie ein Lamm, hielt Viola still. Das wurde ihr aber ganz leicht. Holdherz hatte die Ruthen in weiche Blumen [287] verwandelt, und den alten häßlichen Weibern allzumal die Augen verblendet. Sie dachten mit Ruthen gehauen zu haben!

„O Holdherz, seufzte Viola, als sie unter Schimpfen zur Thür war hinausgestoßen worden; ich weiß, was ich dir schuldig bin. Mein Herz soll dir dafür ewig verbunden sein!“

Viola stellte sich sehr krank, und Grunzau war so froh darüber, daß sie bald wieder heil wurde. Viola aber hatte daran einen sehr glaublichen Vorwand, den widrigen Hochzeitfeierlichkeiten sich zu entziehen.

Da der König wohl wußte, daß der böse Drache, der nun sein ehelich Gemahl war geworden, eben so mit aller Gewalt schön sein wollte, als er dagegen verlangte reich zu sein, ließ er das Drachengesicht von seinen Malern abkonterfeien und in alle Länder versenden. Aber obwohl all die Maler ihr Bestes gethan hatten, das häßliche Gesicht ein wenig erträglich zu machen, wurde dennoch an allen Königs und Fürstenhöfen darüber gelacht. Die Grunzau aber freuete sich, daß ihre Schönheit aller Welt bekannt würde.

Und als der König nun gar ein Kampfspiel halten ließ, worin vier der stärksten, aber nicht der besten Ritter seines Hofes verfechten mußten, die Gemahlin des Königs sei die Schönste der Erden, da war sie sehr glücklich. Der König hatte den Tag des Kampfspiels beniemt, und viel Ritter waren von fremden Ländern und Orten gekommen, aber Keiner wollte gegen die Ritter der Grunzau kämpfen, denn die Gekommenen sagten ziemlich laut, hier sei keine Ehre zu holen; man würde sie ja Zeit Lebens verspotten, wenn sie nur eine Lanze gegen die Schönheit eines Ungeheuers einlegen wollten. Jedermann sahe ja auf den ersten Blick, wie grundabscheulich sie sei.

Die Königin saß unweit des Kampfplatzes unter einem prächtigen Thronhimmel und sie war anfangs gar höchlich betroffen, daß [288] kein Ritter gegen sie in die Schranken trat; aber der König und seine vier Ritter schmeicheiten ihr, das sei die Macht ihrer unbestreitbaren Schönheit, gegen welche ja keiner mit ehrlichem Herzen kämpfen könne. Da ward sie hoch entzückt und sagte bei sich selbst: „Das ist ja wahr; aber ich hätte mich selbst kaum für so schön gehalten!“

Schon wollte der Hof den Kampfplatz verlaßen, in dem sich kein Ritter gegen die Schönheit der Königin fände, als in der Entfernung eine Trompete erklang und bald darauf ein Ritter in die Schranken ritt[1], welcher mit überlauter Stimme behauptete, die alte Schachtel, die eine Königin sein wolle, sei die häßlichste Meerkatze auf Erden und die scheußlichste an Leib und Seele; Viola aber sei die Schönste auf Erden.

Da ergrimmten die vier Ritter und ritten, gegen alle Ehre und Sitte, alle Vier auf einmal auf den Angekommenen zu. Der aber tummelte sein Pferd und traf sie so gewaltig mit seiner Lanze, daß sie allzumal rücklings in den Sand stürzten, und ihre Rippen ihnen krachten. Dann ritt er zu den Schranken hinaus. Die Ritter aber, die vor denselben hielten, riefen: „Meerkatze! Scheußliche!“ und Alle zogen davon.

Der Ritter aber, der die vier Andern in den Sand gestreckt hatte, war Holdherz, bei deßen Ausruf die Königin in Ohnmacht gefallen war. Sie wollte dann ersticken, als sie ein wenig wieder zu sich selbst gekommen war; und als sie noch mehr zu sich selbst kam, raste und wüthete und tobte sie sehr, gleich einem grimmigen angeschoßenen [289] Thiere; und: „Viola ist die Schönste auf Erden!“ klang ihr wie ein unaufhörlicher Donner in den Ohren, und sie mußte ja nun dieser Nebenbuhlerin ihrer Schönheit los werden, auf welche Art es auch wäre.

In tiefer Mitternacht ließ sie Viola aus ihrem Bette reißen, in eine Kutsche werfen und sie mitten in einen weit, weit entlegenen Wald aussetzen, der voll reißender Thiere war.

Viola wußte nicht, in welcher Wildniß sie sich befand. Weg und Pfade waren hier nicht. Das Heulen der wilden Thiere klang fürchterlich in ihre Ohren, und wenn sie von diesen nicht zerrißen wurde, so mußte sie doch ein Raub des Hungers werden. – „O Holdherz! rief sie in ihrem Jammer, wüßtest du doch mein Elend, du kämst deiner unglücklichen Viola zu Hülfe!“

In dem Augenblick, als sie es sprach, war der Wald erleuchtet und an jedem Baum hing eine brennende Lampe. Sie stand am Eingang einer Allee, an deren Ende ihr ein herrlicher Palast entgegen glänzte. Ein leichter Wagen, mit Hirschen bespannt kam geflogen und Holdherz saß in dem Wagen und bat Viola einzusteigen. Er fuhr sie durch viele Gegenden des Waldes. Sie sahe tanzende Schäfer und Schäferinnen, sie sahe überall fröhliches Völklein bei Singen und Trinken vergnügt und spielende Kinder darunter, und Alles im Walde war Leben und Lust.

„O! sagte sie; wie ists hier so schön! Ich dachte in eine grausige Wildniß gekommen zu sein, und fürchtete mich sehr.“

„Es war eine Wildniß, sagte Holdherz, ehe du kamst, theure Viola; aber meine Mutter, die dich eben so lange liebt als ich, hat Alles durch ihre Macht verwandelt, damit dir dein Aufenthalt hier gefiele. Jetzt laß uns zu ihr.“

[290] Sie fuhren nach dem Palast zu, aus welchem liebliche Töne erklangen. Die Königin empfing Violen und umarmte sie. „Sei willkommen, du liebes Herz! sagte sie, ich habe dich lange geliebt! Vergiß deine ruchlose Mutter und lebe hier glücklich!“

Viola lebte hier glücklich. Lust und Freuden wechselten und Alles, nur die Bitten, die Prinz Holdherz an Violen that, sich mit ihm zu vermählen, wechselten nicht; aber Viola wies diese Bitten standhaft ab. Sie versicherte den Prinzen, sie werde ihn ewig lieben, aber zur Vermählung mit ihm müße ihr Vater erst einwilligen.

„Der Vater wird sich dennoch um mich betrüben, obwohl er mich nicht lieben darf, sagte Viola eines Tages; aber ich möchte wohl wißen, was die Grunzau über mein Verschwinden ihm vorgebracht hat?“

Holdherz führte sie auf einen hohen Thurm, in deßen obersten Zimmer eine Marmortafel dicht neben einem Fenster stand. Unbekannte Zeichen standen auf der Tafel. „Lege, sagte er, deine linke Hand auf diese Tafel, und den kleinen Finger der rechten in dein Ohr, und schaue zum Fenster hinaus.

Sie that es und sahe und hörte. Die häßliche Grunzau erzählte dem König mit vielen Verwünschungen, Viola habe sich im Keller erhenkt, und der König weinte, sie aber schalt ihn seiner Thränen wegen. Dann sahe sie, wie die Grunzau ein hölzernes Bild in die Kleider Violas einhüllen, in einen Sarg legen und forttragen ließ zum Erbbegräbniß. Darnach sahe sie, wie viel Volks ihrem Sarge folgte und hörte wie es schluchzte und wie Einige sagten: „Die Königin hat sie vergiftet.“ Alsdann erblickte sie den König in seinem innerstem Gemach. Da saß er stumm und traurig vor einem Tisch mit Speisen, von [291] welchen er keine einzige anrührte. Er rang jetzt die Hände und sahe mit Thränen zum Himmel auf, und jetzt verhüllte er mit beiden Händen die Augen und schluchzte.

Da ergriff sie eine heftige Sehnsucht nach dem bekümmerten Vater und sie verlangte zu ihm zurück, und es half nichts, daß Holdherz sie bat zu bleiben, und ihr sagte, sie gehe ihrem Unglück entgegen.

„Ach! rief sie, mein Vater weint!“

Da rief Holdherz, und der Hirschwagen kam, und Beide setzten sich ein. Nachdem sie ein Paar Augenblicke gefahren waren, entstand hinter ihnen ein gewaltiges Krachen und Praßeln. Viola sahe sich um und sahe den Palast mit seinen Thürmen und Gebäuden einstürzen.

„Was ist das?“ fragte sie erschrocken.

Ich will, antwortete Holdherz sehr ernst, das Andenken an die Paar glücklichen Tage vernichten, die ich mit dir dort verlebt habe. Glaube mir, du wirst nicht eher wieder hineinkommen, als dann erst, wenn du begraben sein wirst.“

„O zürne nicht mit mir, du Lieber, bat ihn Viola, ich bin ja vielmehr zu bedauern als du!“

Als sie in die Königsstadt einfuhren, machte Holdherz sich und die Prinzeßin, die Hirsche und den Wagen unsichtbar. Ohne von Jemand gesehen zu werden, kam sie bis in das Zimmer des Königs und warf sich vor ihm nieder. Er erschrack heftig, denn er meinte, er sähe den Geist seiner Tochter. Sie aber erzählte ihm Alles, und bat, sie heimlich auf ein entferntes Schloß zu schicken, wo sie vor der Bosheit der Stiefmutter sicher wäre.

Der arme Vater! Er ließ den Sarg öffnen und das angekleidete [292] Holzbild wurde gefunden; aber er gerieth nicht darüber in Zorn, denn er fürchtete die Grunzau viel zu sehr.

Diese erfuhr sehr bald was vorging, schoß wüthend in das Zimmer des Königs, lärmte, raste, drohete fortzureisen und setzte den schwachen König so in Furcht und Zittern, daß er seine unglückliche Tochter dem bösen Drachen auslieferte, der sie in den armseligsten Kleidern in einen dumpfigen Keller schleppen ließ, wo sie nichts hatte als schwarzes Brodt und Waßer und etwas Stroh zum Lager.

Die unglückliche Viola dachte, sie sollte hier ihr Leben verjammern, aber sie hatte doch das Herz nicht ihren Geliebten um Hülfe anzurufen, denn es schien ihr, er müße zürnen, denn sie sei seinen Wünschen zu sehr entgegen gewesen.

Aber der Grunzau war es nicht darum zu thun, die Prinzeßin eingesperrt zu halten, sondern sie suchte Ursach dieselbe täglich zu schlagen. Sie ließ eine alte Zauberin kommen und berathfragte sich mit ihr. Diese brachte ihr am andern Morgen ein ungeheures Bund Garn, deßen Faden so fein waren, daß man sie hätte zerblasen[2] können, und waren dabei untereinander gewirrt. Mit diesem Garn sperrte die böse Stiefmutter die unglückliche Viola in eine entlegene Kammer, und sagte: „Hier, Jungfer Taugenichts, ist ein wenig Arbeit für deine zarten Finger. Ist das Garn nicht vor Sonnenuntergang ganz aufgewunden[WS 1] oder ist nur ein einziger Faden davon zerrißen, so will ich dich so zerhauen laßen, daß die Stücken von deinem Leib herabfliegen sollen. Ich will dich lehren wider meinen Willen wieder aufzuleben.“

Was half es, daß Viola klagte und jammerte; sie mußte sich ja doch an die Arbeit machen. Aber kaum hatte sie einige [293] Augenblicke das Garn zu entwirren versucht, so waren schon dreißig und noch mehr Faden zerrißen.

Da warf sie in Verzweiflung das Garn zu Boden und sagte: „Lieg da, du Unglücksbund, du bringst mir den Todt! – „Ach Holdherz, seufzte sie dann, könnte ich dich nur einmal sehen und Lebewohl dir sagen!“

Da ging die Kammerthür auf und Holdherz trat ein. „Viola, sagte er, ich halte Wort, dir immer zur Hülfe nahe zu sein!“ – Er nahm einen kleinen Stab und schlug dreimal das Garn damit; da war es entwirrt; und als er noch dreimal das Garn geschlagen hatte, so war es auch aufgewunden. „Gedenke mein!“ sagte er, und war fort.

Noch vor Sonnenuntergang kam die Grunzau mit den vier alten Weibern, die alle mit Ruthen versehen waren – aber das Garn war aufgewunden und kein Tadel daran zu finden. Innerlich war die Grunzau ergrimmt. Sie gab vor, Viola habe da und dort das Garn beschmutzt, gab ihr zwei heftige Ohrfeigen, und ließ sie wieder in den Kerker bringen.

Die Zauberin mußte etwas Anderes aussinnen. Sie brachte am nächsten Morgen ein großes Faß voll Federn von allen Arten kleiner Vögel, von Zeisigen, Hänflingen, Finken, Sperlingen, Lerchen und andern Vögeln mehr. Die Federn waren sehr untereinander gemengt, und Viola sollte sie nun aussuchen und jede Art in Haufen besonders legen.

Viola fand es unmöglich, die Federn auseinander zu lesen. „Ja, sagte sie, wenn Holdherz da wäre! Aber er kann ja nicht immer da sein!“

„Er ist aber schon da!“ rief es, und Holdherz stieg aus dem Faße voll Federn herauf, die durch Kraft des Stabes bald [294] auf die befohlne Weise in Ordnung lagen. Der Abend kam, die Federn, sagte die böse Stiefmutter, lägen da und dort nicht ganz recht, die Prinzeßin bekam ihre Ohrfeigen und mußte wieder in den Kerker.

Die Zauberin und die Grunzau verzweifelten Etwas auszusinnen, was Ursach gäbe die Prinzessin bis aufs Blut geißeln zu laßen. Die Zauberin aber nahm ihre ganze Kunst zusammen und ersann Etwas. Die Bosheit ist ja immer sinnreich, wo es auf Unheil ankommt. Sie brachte eine große Schachtel. „Laßet, sagte sie, laßet die Prinzeßin diese Schachtel auf Euer Schloß tragen, verbietet ihr aber dieselbe aufzumachen, das wird sie nicht laßen können, weil sie ein Mädchen ist; verbietet es ihr aber recht sehr, so wird sie es um so weniger laßen.“

Viola mußte in ihren erbärmlichen Kleidern die Schachtel aufs Schloß der Herzogin tragen. Wer sie auf dem Wege gehen sahe, sagte: „das muß ein verkleideter Engel sein!“ Die Leute hatten wohl recht. Schönheit und Unschuld beisammen, bilden immer ein Engelgesicht.

Viola sah nicht in die Schachtel, aber sie wollte dieselbe auf einer Waldwiese, mitten im Walde, einige Augenblicke hinsetzen und ausruhen, denn die Schachtel war sehr schwer. Als sie aber dieselbe niedersetzte, versahe sie es ein wenig und der Deckel sprang auf. Im Augenblick kam eine ganze Armee kleiner Leute aus der Schachtel, nicht größer als ein Fingerglied lang ist. Es kamen kleine Männer, kleine Frauen, kleine Musikanten mit Geigen und Flöten, kleine Köche und Köchinnen, kleine Stühle, Tische und Bänke kamen und mancherlei anderes Ding. Alles ganz klein, hübsch und poßirlich. Einer unter den kleinen Leutchen war ein Riese, denn er war fast eines Fingers lang und [295] mochte vielleicht der König der Schaar sein, weil er gar majestätisch und gravitätisch einher marschirte, und eine Goldkrone aufhatte.

Die kleinen Leute hüpften und sprangen auf der Wiese umher und tanzten, und die Musikanten strichen dazu auf und bliesen lustig und lieblich. Andere machten die Tische zurecht und setzten Stühle heran, worauf sich wieder Andere hinsetzten und aßen und tranken.

Das sahe sich nun wohl ganz gut an und Viola hatte einige Augenblicke ihre Freude daran; aber als sie die Männlein und Fräulein wieder in die Schachtel haben wollte, hatten diese keine Ohren dazu, sondern liefen eilig davon, dahin und dorthin; die Musikanten nahmen ihre Geigen, die Köche ihre Töpfe und Bratspieße mit. Viola scheuchte sie, bald hier, bald dort nach der Schachtel zu, aber sie waren so behende und hurtig wie die Wiesel. Jetzt waren sie allesammt im Walde, jetzt auf der Wiese, und dann wieder ein Theil im Walde, ein anderer auf der Wiese.

Da stand Viola und wußte nicht, was sie anfangen sollte.

„Ach theurer Holdherz, rief sie, „wirst du auch hier mir helfen können?“ O wenn es möglich ist, komm! komm und hilf!“

Eben kam ihr Helfer aus dem Walde daher. Er sagte: „Ich bin der Grunzau viel Dank schuldig, denn ohne sie würde meine liebe Viola wohl schwerlich an mich denken!“ Aber Viola antwortete betrübt: „Ach Holdherz, du thust mir groß Unrecht!“

Holdherz schlug mit seinem Wunderstabe dreimal an die Schachtel, und das kleine Volk rannte in Haufen herbei, hüpfte in die Schachtel und stellte sich darin so ordentlich zurecht, wie Soldaten.

[296] Holdherz brachte Viola auf seinem Wagen bald bis an das Schloß. Als sie aber ankam, ließ sie der Schloßaufseher nicht hinein. „Du bist zwar ein engelhübsches Kind, sagte er, aber doch nur eine Bäurin; die darf ich nicht hinein laßen.“ Da forderte Viola ein Zeugniß, daß sie mit der Schachtel da gewesen sei und bekam es. Holdherz aber brachte sie in seinem Wagen bis an die Stadt.

Als nun die Grunzau sahe, daß sie gegen die Unschuld nichts ausrichten konnte – sie wußte aber nicht, warum nicht, denn sie wußte nicht, daß die Unschuld meistentheils einen Helfer und Retter findet – da faßte sie in Rache und Wuth den Höllengedanken, die gehäßige Tochter jämmerlich umkommen zu laßen. Sie hatte tief hinten im Walde am Garten ein großes Loch graben laßen, dahin mußten ihre Henkershelfer Violen des Nachts tragen und hineinwerfen und einen großen Stein darauf legen. So wollte sie dann sagen, Viola sei fortgekommen, sie wiße nicht wie?

„O! nun bin ich lebendig begraben und muß jämmerlich umkommen, wimmerte Viola. Leb wohl! leb wohl! du treuer Holdherz und sei recht glücklich, und gräme dich nicht um mich!“

Indem sie so jammerte, erweiterte sich die Höhle und wurde es darin helle und immer heller, und es kamen Bäume zum Vorschein und am Ende stand ein Schloß da, und war ihr Alles so bekannt. Aber es war ja Holdherzens Zauberschloß, vor dem sie sich befand. Da sie nun hörte, daß sie der Vater auf Verlangen seines bösen Weibes verstoßen wollte, als eine Entlaufene, da hielt sie sich für frei von väterlicher Gewalt, und Holdherz wurde ihr Gemahl.

Sie war schon drei Wochen vermählt, da sagte ihr Gemahl: „Wir wollen deinen Vater besuchen!“ Das geschahe alsbald.

[297] In großer Pracht und Herrlichkeit kam das schöne Paar an den Hof. Das Volk jubelte, der Vater freuete sich innig; aber als die Grunzau hörte, Viola habe einen mächtigen und wunderschönen Prinzen zum Gemahl, den, der sie eine Meerkatze genannt hatte, und nun das schöne Paar sahe, da wurde sie so wüthend und wild, daß sie schäumte. Da traf sie der Schlag, daß sie starb.


  1. Womit bei den alten Ritterkämpfen der mit Sand überlegte Kampfplatz umgeben war.
  2. Verbeßerungen S. 471: st. zerblaßen l. zerblasen

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage. aufgewun-