Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Seher d. Griechen auf d. Zug gg. Troia
Band X,2 (1919) Sp. 15521555
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Kalchas (Κάλχας). Der Name wurde im Altertum von καλχαίνω abgeleitet, das weiter mit κάλχη in Verbindung gebracht wurde (Eustath. Il. I 70. Schol. Soph. Ant. 20 Etym. M. s. v.; s. auch Pott Ztschr. f. vergl. Spr. VI [1857] 114. Fick-Bechtel Griech. Personennamen 428 führt ihn auf unter den ungedeuteten Heroennamen, er hält die Ableitung von καλχαίνω = πορφύρω für fraglich). E. Maass Hermes XXIII (1888) 619 erklärt den Namen, für den er auch Χάλκας (Eustath. Il. II 569) einsetzt, als Kurzform zu Kalchedon oder Chalkedon (vgl. H. H. Roer De nominum heroum propriis quae in Iliade inveniuntur ab ethnicis derivatis, Münster i. W. 1914, 53).

In der Genealogie ist K. der Sohn des Thestor, Hom. Il. I 69. Hygin. fab. 97. 128. 190. Sie ist weiter ausgeführt in Schol. Apoll. Rhod. I 139 (= Pherekyd. FHG I 88, 77), wo Thestor als Sohn des Idmon erwähnt wird, mit dem man ihn auch identifizierte (Seeliger in Roschers Myth. Lex. II 105 und Gruppe Griech. Mythol. 640, der in der Genealogie eine Anknüpfung an das argivische Sehergeschlecht der Amythaoniden sieht). Bruder des K. ist Alkmaon Il. XII 394; vgl. jedoch Schol. A dazu. Nach Hyg. fab. 190 sind Leukippe und Theonoe seine Schwestern.

Nach der Genealogie hält Gruppe 640 K. für einen Argeier; Paus. I 48, 1 nennt Megara seine Heimat (Pfister RGVV V [1909 und 1912] 34. Hygin. fab. 97 Mykenai).

Er ist bei Homer οἰωνοπόλων ὄχ’ ἄριστος, ὃς ᾔδη τά τ’ ἐόντα τά τ’ ἐσσόμενα πρό τ’ ἐόντα, καὶ νήεσσ’ ἡγήσατ’ Ἀχαιῶν Ἴλιον εἴσω ἣν διὰ μαντοσύνην, τήν οἱ πόρε Φοῖβος Ἀπόλλων (Il. I 69ff.). Er wird μάντις (I 92), θεοπρόπος οἰωνιστής genannt (Nägelsbach Hom. Theol. 151 Anm. und 164), so auch bei Späteren (s. Gaedechens in Ersch-Gruber XXXII 114ff.); doch fällt es Propert. IV 1. 109 auf, daß er die Astrologie nicht kennt (Bouché-Leclercq Hist. de l’astrol. 551); vgl. aber Sen. Troad. 353ff., wo er als haruspex geschildert wird, wie wir ihn auf etruskischen Spiegeln in der Ausübung der Exstipicia sehen (Gerhard tab. CCXXIII Text III 212). Man stellte sich ihn als Greis vor, eine Beschreibung seiner Person gibt Tzetzes Posthom. 666.

In den Homerischen Gedichten tritt er wenig hervor. Er deutet im zehnten Jahre den Zorn [1553] Apollons (Il. I 92): Über Tätigkeit vor dem Kriege erzählen die Kyprien einiges; doch die spätere Literatur weiß mehr darüber zu berichten. Zunächst weissagt er, die Griechen bedürfen zur Eroberung Troias der Teilnahme des Achilles (Apollod. III 13, 8), dessen Aufenthalt er angibt (Stat. Ach. I 516ff). In Aulis bestimmt er die Dauer der Jahre nach der Zahl der Sperlinge im Nest (Il. II 322ff. Procl. Chrestom. bei Kinkel EGF p. 18. Eustath. Il. I 106. Apollod. ep. 3, 15 Ovid. met. XII 19. Hygin. 97. Cic. de div. I 33, 72. Apul. de deo Socr. 18. Macrob. Sat. V 14. 13. Dict. IV 18. Quint. Sm. VIII 475. Tryphiod. 132). Die versammelten Griechen läßt er schwören, nicht eher heimzukehren, bis Ilion erobert sei (Dict. I 15). Auf seinen Rat wird Iphigenie geopfert (Procl. bei Ki. 19. Eur. Iphig. Aul. 87. 528; Taur. 15ff. Enn. Iphig. 242 Vahl. Paus. IX 19, 6. Ptolem. Heph. bei Phot. 190 p. 150 a 1 B. Propert. IV 1, 111ff. Verg. Aen. II 116. Nach Dictys I 21 schmückt sie K. mit Odysseus und Menelaos zum Opfer. Die bildlichen Darstellungen lassen K. am Opfer beteiligt sein, s. u.). Auf der Fahrt führt K. die Schiffe nach Troia kraft seiner Sehergabe (Hom. Il. I 71f.; das homerische ἡγεῖσθαι wird mannigfach gedeutet. Eustath. z. d. St. und I 59. Cic. de div. I 40, 87. Macrob. Sat. V 14, 13. Dict. I 17. Tzetz. Posthom. 645. Hygin. 128).

Nach einer anderen Version ist dem Telephos die Führung auf K.s Anraten anvertraut (Apoll. ep. 3, 20). Vor Troia ist seine Weissagekunst unentbehrlich. Auf seinen Rat hin wird Helenos gefangen, der auf des Herakles Bogen als notwendiges Mittel zur Eroberung der Stadt hinweist (Serv. Aen. II 166. Konon 34; bei Apollod. ep. 5, 8 ist K. an Helenos Stelle getreten, s. o. Bd. VII S. 2845; vgl. auch Quint. Smyrn. VI 57ff. IX 327). Nach Sinons erlogener Darstellung reizte er zum Raub des Palladiums (Verg. Aen. II 176. Sil. It. XIII 41f.). Schließlich treibt er zum Bau des Pferdes (Quint. Smyrn. XII 3ff. Verg. Aen. II 185), in das er selbst hineinstieg (Tzetz. Posthom. 645. Tryphiod. 172).

Nach Troias Fall fordert er die Opferung des Astyanax (Serv. Aen. III 489. Sen. Troad. 533. 592–636. Accius Sc. Poes. rel. 182, V) und der Polyxena (Serv. Aen. III 322; Sen. Troad. 361ff.; s. tab. Iliac. Jahn 37). Er schützt den Aeneas und gibt ihm Auskunft über seine Zukunft (Quint Smyrn. XIII 338ff).

Die Heimfahrt der Helden erzählten die Nostoi. K. reiste mit Leonteus und Polypoites nach Kolophon, wo er starb und begraben wurde (Procl. Ki. p. 53. Apollod. 6, 2ff. Ttzetz. Lykophr. 427. 978. 1047; s. Pfister Reliquienkult 136). Er schloß sich den heimfahrenden Griechen nicht an, weil er ihr schlimmes Schicksal voraussah (Schol. und Eustath. Il. II 135. Propert. IV 1, 109. Quint Smyrn. XIV 360ff.); nach Schol. Od. XIII 259 wurde er durch den Sturm bei Euboia mit Idomeneus und Sthenelos nach Kolophon verschlagen. In Kolophon tritt er in Beziehung zu dem klarischen Orakel, deren Niederschlag wir in dem Seherwettstreit zwischen K. und Mopsos haben; die kolophonische Sibylle Λάμπουσα wird bei Suidas ἀπόγονος Κάλχαντος genannt (darüber eingehend Immisch Klaros, Jahrb. f. Philol. [1554] Supplem. XVII 144. 160ff.; vgl. Gruppe S. 641).

Es war K. geweissagt worden, wenn er einen besseren Seher treffe, werde er sterben (Soph. Ἑλένης ἀπαίτησις bei Nauck² 181 nach Strab. XIV 643. Apollod. a. O.). K. unterlag in dem Wettstreit dem Mopsos bei der Auflösung mehrerer Rätsel (erwähnt bei Hesiod. Melampodie frg. 160 [188] Rz. Pherekydes [FHG I 94, 95] bei Strab. XIV 642. Apollod. ep. 6, 2. Lyk. 427ff. und Tzetz. dazu und 978; vgl. Immisch a. O. W. Schultz Rätsel aus dem hellen. Kulturkreis, Leipzig 1909, 140ff.). Aus Gram über diese Niederlage starb K., wie gewöhnlich berichtet wird; nach einer neueren Version tötete er sich selbst (Konon 6; s. Immisch a. O.).

Die Sage von K.s Tod finden wir an vielen Stellen Kleinasiens, wohl zusammenhängend mit der argivischen Kolonisation (Gruppe 641). Kallinos (frg. 8 Be) berichtet, nach K.s Tod in Klaros seien seine Begleiter mit Mopsos über den Tauros nach Pamphylien gezogen, weiter nach Syrien, Kilikien, Phoenikien (Strab. XIV 668; vgl. Herod. VII 91. Paus. VII 3, 4. Quint. Smyrn. XIV 367). Sophokles übertrug auch den Wettstreit nach Kilikien, das er Pamphilien nannte (Strab. XIV 643. 675. Immisch 164). K. und Mopsos weissagen bei ihrem Wettstreit dem lykischen König Amphimachos (Konon 6). In veränderter Gestalt erzählt Euphorion die Sage von K.s Wettstreit und Tod in Grynoi (Euphorion frg. 46 M. p. 401. Serv. ecl. VI 72. Myth. Vat. I 194. II 224. Immisch 148ff.; s. o. Bd. VII S. 1902. Bd. VI S. 1186. 1187). In Pisidien ist K. Gründer der Stadt Selge (Strab. XII 570. Eustath. Dionys. Perieg. 858). Von K. als Gründer soll Chalkedon am thrakischen Bosporus seinen Namen haben (Hesych. Miles. FHG IV 150, 21; s. Maass a. O. 619 und dagegen Immisch 158, 2) und Svoronos Ἐφημ. ἀρχ. 1890, 165–170 Taf. 8, 29–31 sieht das Haupt des K. (nr. 29) und das seines Sohnes (nr. 30. 31) auf älteren Münzen dieser Stadt (vgl. Drexler bei Roscher Myth. Lex. 923. Head² 511). Dagegen zeigen die Münzen von Erythrai nicht das Bild des K., wie man nach Paus. VII 3, 4 erklärte, sondern den Beamtennamen K. (Drexler a. O.). Weiter finden wir K. in Italien. Auf dem Berge Drion in Daunien lagen die Gräber des Podaleirios und des K. (Strab. VI 284. Lykophr. 1047ff.), wo er ein Inkubationsorakel hatte (s. Pfister 470. 517. Rohde Psyche 5-6 I 186, 2). In Siris, einer Kolonie der Kolophonier (doch vgl. Beloch Gr. Gesch.² I 241) war ein Grab des K. In dieser Sage wird K. von Herakles getötet. Tzetz. Lykophr. 978. 1047 hält diesen K. nicht für den Thestoriden, der in Argos ⟨Arpi, Immisch 159⟩ begraben sei. In dieser ganzen Sage liegt nach Stolls Vermutung (Roscher 923) eine Verwechslung mit dem einheimischen daunischen König Kalchos vor.

Die Verbindung des Rätselwettkampfes mit der Heraklessage läßt auf dorische Beeinflussung schließen. Dafür spricht auch die Verbindung der Sage mit Erineos in der Doris als Erklärung dieses Städtenamens bei Tzetz. Lykophr. 980; vgl. dazu die Inschrift CIG I 1759. Immisch 159. Bildliche Darstellungen finden sich außer dem [1555] zweifelhaften Bild auf Münzen (s. o.) auf der Tabula Iliaca und bei der Opferung der Iphigenie (O. Jahn Archaeol. Beiträge 378ff. Helbig Wandgemälde 1304. 1305).

Literatur: Stoll-Immisch bei Roscher II 921ff. Immisch Jahrb. f. Phil. Suppl. XVII (1899) 140ff. 158ff. Gruppe Gr. Myth. 640f. Pfister RGVV V passim.