Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Name der Hellenen bei den Römern
Band VII,2 (1912) S. 16931695
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Grai, Graeci, Γραικοί (Γραῆς?), der römische Name des Hellenenvolks. Eine gesicherte Etymologie des Wortes gibt es nicht; willkürlich Hesych. Lex. und Etym. M. von ῥαίω. Fick Bezz. Beitr. XX III 241 leitet den Namen ab von Γραῖα = Δημήτηρ; ebenso Gruppe Griech. Mythol. 71. Pape Griech. Eigenn. z. d. W. vergleicht noch γραβά, γραῖα bei Hesych. = Mulde; davon geht wohl aus Enmann Journ. d. Min. d. Volksaufkl. 1899 (dem Verfasser nicht zugänglich); vgl. Wochenschr. f. klass. Philol. 1899, 1069: Γραῖκες = Flächenbewohner. Sehr wahrscheinlich ist die Bildung graecus, γραϊκός sekundär und lateinischen Ursprungs; Hesiod frg. 29 Göttling setzt, wenn überhaupt echt (s. darüber Gruppe a. a. O. 715, 6) die Graeci in Italien wegen Nennung des Λατῖνος schon voraus; ein Γραικός hat in der Genealogie des Deukalion keine vernünftige Stelle. Γραϊκή Thuc. II 23, 2 ist nur Konjektur nach Hesych., wo aber Γραῖα, nicht diese Form des Adjektivs steht. Nichts weiter als Versuche, die Graeci im alten Hellas unterzubringen bezw. zur Benennung der Griechen vor Deukalion zu verwenden, sind die Notizen, wonach die Γραικοί ein älterer Name für die Hellenen (Apoll. Ι 7, 7), [1694] speziell in Thessalien oder Γραικός ein Sohn des Thessalos gewesen sein soll, Marm. Par. 6. Steph. Byz. s. Γραικός. Euseb. chron. II p. 16 R. Schöne. Const. porph. de them. II 5. Eine Weiterbildung dieser Versuche ist die Notiz bei Aristot. meteor. I 352 a ᾤκουν οἷ Σελλοὶ ἐνταῦθα (bei Dodona) καὶ οἱ καλούμενοι τότε μὲν Γραικοί, νῦν δὲ Ἕλληνες. Sonst erscheint Γραικοί als Gesamtname der Hellenen in der späteren gelehrten Literatur. Dieser Sachverhalt ist schon von Unger Philol. II 691ff. nachgewiesen, gegenüber den Vermutungen von Nissen Ital. Landeskunde I 120. Helbig Herm. XI 273ff. Mommsen Röm. Gesch. I6, durch Niese Herm. XII 409ff. festgestellt und von Busolt Gr. Gesch. I2 198. Ed. Meyer Gesch. des Altert. II 66 anerkannt, von Rosinna Festschr. f. Weinhold 27ff. nicht widerlegt worden. U. Köhler De antiqu. nom. Graeci sede (in Sat. phil. H. Sauppio obl.) 79ff. hat die Übertragung der Flutsage, des Hellenen- und Gräkernamens nach Epiros als molossische Erfindung erwiesen.

Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich ist ein Zusammenhang zwischen den Namen Grai, Γραικοί und den Namen Γραῖα (s. d.) in Boiotien und Euboia, Γραῖκες, den äolischen Gründern von Parion Steph. Byz. s. Γραικός, dem Namen des Besiedlers von Lesbos Γρᾶς, Strab. XIII 582 und dem Namen des lokal nicht sicher zu bestimmenden attischen Demos Γραῆς CIA II 991 (Milchhöfer Abh. Akad. Berl. 1892, 18. v. Wilamowitz Kydathen 130, 50; Aristoteles und Athen II 152. Brugman Idg. Forsch. XXII (1907), 183f. der jedoch in bezug auf die Form Γραικός von einer falschen Voraussetzung ausgeht). Die Frage, wie die Italiker dazu gekommen sein sollen, nach diesem vermutlichen Volke der Graer die Hellenen zu benennen, ist bis jetzt nicht mit Sicherheit oder auch nur genügender Wahrscheinlichkeit beantwortet. Nach der früheren Ansicht Busolts (Gr. Gesch. I¹ 43ff.), welche Ed. Meyer a. a. O. II 471ff. E. Pais Storia d’Italia I 1, 276f. 336. 617f. Bury Journ. hell. Stud. XV 236f. aufnehmen, hätten die bei der Gründung von Kyme in Italien beteiligten Graer von Graia den Anlaß zur Anwendung des Namens gegeben. Dagegen haben sich ausgesprochen v. Wilamowitz Herm. XXI 114. Beloch Gr. Gesch. I 174, 3. Busolt hat Gr. Gesch. I2 199 diese Ansicht selbst aufgegeben und schließt sich, wie auch Kretschmer Einleit. in die Gesch. d. griech. Sprache 279f. v. Wilamowitz an (Herm. a. a. O.; Kydathen 152; Herakles2 I 10 – doch mit Betonung des hypothetischen Charakters der Aufstellung), wonach die Umwohner von Tanagra einem äolischen Stamm zugehörten, der ursprünglich bis zum Westmeer wohnend, in der ,Völkerwanderung‘ auszog und unterging. Von diesen G. im Westen hätten die Italiker den Namen übernommen. Da indessen Graes weder im Westen von Griechenland noch im Osten von Italien nachzuweisen sind, verdient diese Annahme nicht den Vorzug vor der früher von Busolt gegebenen, auch wenn man die Ableitung des Namens von Γραῖα = Δημήτηρ ablehnt. Bloß etymologischen Zusammenhang zwischen den Graes bei Oropus und den Grai in Italien nimmt an Enmann a. a. O. Sollte nicht, wie offenbar [1695] Köhler a. a. O. 84 annimmt, Grai – von dieser Form ist auszugehen – eine rein italische Benennung des fremden Volkes sein?