Miscellaneen (Journal von und für Franken, Band 3, 4)

Textdaten
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Autor: Diverse
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Titel: Miscellaneen
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 3, S. 499-512
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1791
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
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X.
Miscellaneen.


1.
Am 27sten May starb zu Altenstein, dem Stammort der Freyherren und Panner des H. R. Reichs von Stein zum Altenstein, Herr Georg Stephan Hofmann, Medicinä Practicus und Freyherrl. Altensteinischer Oberschultheis, in einem Alter von 73 Jahren; ein Mann, der es verdient, in einem Journal von und für Franken der Vergessenheit entrissen zu werden. Er war ein redender Beweis und auffallendes Beyspiel, wie weit es ein Mann von natürlichen Talenten, verbunden mit eigner Anstrengung und Application, in Kenntnissen und Wissenschaften bringen könne, ohne die Heerstraße des gewöhnlichen Unterrichts zu betreten. Er war an oben besagtem Orte von Eltern geboren, die nicht mehr an seine Bildung verwenden konnten, als daß sie ihm die Chirurgie erlernen ließen. Er ging nach zurückgelegten Lehrjahren in die Fremde, und kam nach Jena. Einige Studenten, die er| umsonst bediente, gaben ihm im Lateinischen Unterricht, und brachten es dahin, daß ihm der Zutritt zum dasigen anatomischen Schauplatz verstattet wurde. Hier lernte er die innere Structur des menschlichen Körpers: und so, wie er nebenher von einigen Medicin Studirenden Kenntniß der Schriften erhielt, die den Arzt bilden; so wendete er seine müssigen Stunden dazu an, mit rastloser Begierde sie zu studiren. Er verließ nach einiger Zeit diese Akademie, und kam nach Königsberg in Preußen. Hier erhielt er wieder nicht nur Erlaubniß den anatomischen Sectionen beyzuwohnen, sondern sogar den Auftrag, die Theile des Cadavers zu präpariren, die in der nächsten Lection demonstrirt werden sollten. Er hatte dabey einen Principal gefunden, der sich stark mit der Chemie beschäfftigte, und es darin sehr weit gebracht hatte. Dieß gab nun Gelegenheit, die Zubereitung mehrerer Arzeneyen kennen zu lernen, und mit den Producten des Mineralreichs und der Art sie aufzulösen bekannt zu werden. Und nun glaubte er, daß es Zeit wäre, von diesen erlangten Kenntnissen Gebrauch zu machen. Er kehrte daher in seine Heimath zurück. Anfangs practicirte er nur als Chirurgus, aber mit vielem Ruhm und Geschicklichkeit. Er unternahm die mißlichsten Operationen, die man nur dem chirurgischen Messer anvertrauen kann. Bald trat er aber auch als wirklicher Arzt auf, und sein Glück verließ ihn auch nicht bey innerlichen Curen. Es kam ihm keine Krankheit vor, die er nicht zu behandeln gewußt| hätte. Er wurde daher von den meisten adelichen Familien seiner Gegend als Medicus consuliret: und bey seiner Herrschaft von Stein zum Altenstein war er bis ans Ende seines Lebens Ordinarius. Selbst graduirte Ärzte schämten sich nicht, neben ihm an das Krankenbett zu treten, und ihn als einen Collegen zu behandeln. Auch in der juristischen Praxi hatte er nicht gemeine Kenntnisse sich erworben; da er seiner Gemeinde zu Altenstein, in einem Proceß derselben gegen ihre Herrschaft, einer Waldung wegen, als Syndikus bedient war. Da er in dieser kritischen Lage immer den Charakter einer unbestechlichen Rechtschaffenheit behauptete: so erhielt er sich beständig in der Gnade seiner Herrschaft, und verschaffte zugleich seiner Gemeinde Vortheile, die sie ohne ihn nie würde erhalten haben. Von seiner Religion, die er nicht bloß oberflächlich kannte, blieb er bis zum letzten Hauch ein warmer Verehrer. Er starb an den Folgen einer Milzverhärtung; und hinterließ in dem zeitigen Orts-Baunachischen Physikus und Doctor der Medicin, Herrn Hofmann zu Rentweinsdorf, einen Sohn, der seines Vaters vollkommen würdig ist.


2.

Wenn je edle und entschlossene Unternehmungen zur Rettung eines Unglücklichen der öffentlichen Bekanntmachung würdig sind, so ist es gewiß folgende:

Die neunjährige Tochter des Anspachischen Schutzverwandten und Kühhirten Ackermann im| Weiler Reichenbach, ohnfern dem Städtchen Feuchtwang gelegen, war am 14 May dieses Jahrs Nachmittags mit zwey Dienstjungen ihres Vaters vom Hause weggegangen, um für die jungen Gänse Brennesseln zum Futter zu suchen. Den beyden Jungen fiel es bey dieser Gelegenheit ein, die im Weiler befindliche Sägmühle zu besehen, sie überließen aus Unachtsamkeit das Mädchen sich selbst und begafften das Werk, welches so eben im Gang war. Das Mädchen verschwand, und erst, als beyde wieder herabgingen, sah sie der eine von ihnen im Wasser schwimmen, worein sie nach der Meinung der beyden Knaben, im Herablaufen über die da gelegenen, vom Regen naß und glatt gewordenen Bäume, so eben gefallen seyn mußte. Er rief um Hülfe, und jetzt sprang der in der Stube befindliche Müller, nebst seinem Sohn, herbey. Letzterer stürzte sogleich in den Schutz, um das unglückliche Kind zu retten: allein zu späte, denn die Gewalt des Wassers hatte sie schon durch das im Gang begriffene Schneidmühlrad getrieben; als der entschlossene Müller um die Schneidmühle herumgesprungen kam, sich unter den Rädern ins Wasser warf, das, gleich einem Pfeil ihm zugeschleuderte Mädchen, das gerade durch die Radrinne heranfuhr, mit beyden Armen auffing, heraushub und in seine Stube trug, wo es von seiner Frau und Tochter mit Stärkungen erquickt, erwärmt, mit trockenen Kleidern versehen, und so seinen inzwischen herbeygerufenen Eltern wieder übergeben wurde.
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| Glücklich und ohne alle heftige Beschädigung ward also dieses Kind gerettet, nur unbedeutende Hautwunden, Geschwulst und Flecken waren die Überbleibsel dieses Unfalls, dessen Folgen schrecklich hätten werden können. Denn wenn nicht, wie die Untersuchung zeigte, eine Schaufel gerade neben zwey schon länger abgebrochenen Schaufeln entzweygebrochen wäre, und dem Kinde auf eine bewundernswürdige Art freyen Durchlauf verstattet hätte, so daß es die darauf folgende Schaufel nur noch auf den Schuh traf: so hätte solches schon hier den Tod gefunden; und wäre nicht der Retter sogleich beym Durchfahren zugegen gewesen, so würde sich selbiges entweder an einem der unter den Rädern stehenden Pfähle das Hirn eingestossen haben, oder unfehlbar ersoffen seyn.

Aber wer bewundert nicht hiebey die Geistesgegenwart, die Menschenliebe des Müllers, wer staunt nicht, wenn er hört, daß dieser noch überdieß gebrechliche Mann, dem jede Erkältung lebensgefährlich werden konnte, mit Hinwegdrängung aller Bedenklichkeiten, bloß dem großen Gedanken, Menschenrettung! seine Brust öffnete, und Entschluß und Ausführung in einem glücklichen Augenblick verband! –

Gerührt gestand des geretteten Kindes Vater, daß eben dieser Müller ihm vor neun Jahren seinen damahls achtjährigen Sohn mit wahrer Lebensgefahr aus diesem Schutz gerettet, daß er ihm auch schon einen simpelhaften Sohn| auf die nämliche Art dem Tode entrissen, und er ihm mithin das Leben seiner drey Kinder zu danken habe. Nichts besaß freylich der arme Hirte, um den Edeln zu belohnen, der, mit der dankbaren Thräne im Auge der frohen Eltern zufrieden, durch eigene innere Überzeugung hinlänglich belohnt war; indessen säumte doch die Fürstlich Anspachische Regierung nicht, dem Retter die auf solche Fälle ausgesetzte Belohnung zu ertheilen.

Aus der, über diesem Vorfall erfolgten Erzählung des Müllers, (dann das Mädchen selbst war zu betäubt, als daß sie sich hätte erinnern können, wie sie in das Wasser gekommen war) ergibt sich nun, daß über den Schutz dieser Mühle ein Steg läuft, welcher von dem Weiler Reichenbach auf die Chaussee und in das Feld führt, und von welchem Kinder sehr leicht ins Wasser fallen können. Viele Menschen hatten wirklich schon das Unglück in diesen Mühlschutz zu stürzen, sieben eigene Kinder hat der Müller bereits aus solchem mit Lebensgefahr herausgezogen, zwey Betteljungen, welche vor ungefähr 9 Jahren zugleich hineingefallen, und einem alten Mann, der vor 25 Jahren mit einem Schubkarren hineinstürzte, nebst noch einem Kinde, das seine Frau herauszog, hat er eben so, und einigen davon sogar im Winter das Leben gerettet. Gott! wie viele Menschenleben hat dieser Edle schon dem Tode entrissen; sein Name ist Wilhelm Lehr, er ist ein Reichsstadt Dinkelsbühlischer Hintersaß.

| Sollte denn aber auch dieser, nach so vielen Erfahrungen als äusserst gefährlich befundene Steg nicht durch Geländer gefahrlos gemacht und dadurch künftigen Unfällen vorgebeugt werden können? – Wahrhaftig ein für die Landespolicey beherzigenswürdiger Umstand!


3.
Wirzburg den 20ten Sept.     

Seit einigen Jahren sind hier in öffentlichen Gerichtsstellen merkwürdige Diebstähle an deponirten Geldern begangen worden, ohne daß man die Diebe entdecken konnte. Besonders spricht man von einer beträchtlichen Summe Geldes, welche vor mehr als zehn Jahren auf dem Stadtgerichte in einer Concurssache für die Gläubiger deponirt war, und entwendet worden seyn soll, als diese nach gerichtlichem Ausspruche auf die rechtliche Befriedigung ihrer liquidirten Forderungen drangen. Noch bis diese Stunde wartet man auf die Entscheidung, wer wohl die Schadloshaltung der beschädigten Gläubiger zu leisten habe.

Im Winter 1790 wurde im fürstl. Residenzgebäude auf dem sogenannten Kammerzinnsamte am hellen Mittage ebenfalls eine beträchtliche Summe Geldes gestohlen. Der Dieb sollte einen kleinen runden geheizten Ofen abgeworfen, und das auf dem Tische unverwahrt gelegene und ungefähr in 4000 fl. bestehende Silbergeld gehohlt haben. Man hörte rumpeln, und glaubte, es sey ein Holzstoß eingefallen. Nachmittags bemerkte man, daß der Ofen eingeworfen und das Geld entwendet| war. Am folgenden Tage wurden alle Ausgänge und Winkel des Residenzgebäudes mit Wachen besetzet, man schickte Schornsteinfeger in alle Kamine, und man nahm Spürhunde zur Hülfe, um den Dieb aufzufinden, weil man es für unwahrscheinlich hielt, daß ein einzelner Mann so viel Silbergeld weggeschleppet haben könnte. Aber man fand nichts. Im Julius 1791 wurde in München ein Dieb eingezogen, welcher aussagte, daß er auf der Kammer zu Wirzburg gestohlen habe. Die hiesige Regierung wurde davon benachrichtiget. Aber aus den Criminalacten ergab sich bald, daß der zu München in Verhaft gezogene Gauner wegen seiner Diebstähle schon im Zuchthause zu Wirzburg saß, ehe der Diebstahl auf dem Kammerzinnsamte geschah, und daß derselbe erst zwey Monate nachher unter das Wirzburgische in die kais. Niederlande abgegangene Regiment abgegeben wurde, wo er dann desertirte, und bey seiner Verhaftnehmung in München durch seine Lüge wahrscheinlich dem Galgen zu entgehen, und wieder in das Zuchthaus nach Wirzburg abgeliefert zu werden hoffte. Wenn dies seine Absicht war, so hätte er nicht vergessen sollen, seinen Namen zu verändern.
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Im September 1791 bemerkte man an den Pupillengeldern, welche auf dem Landgerichte in dem fürstl. Regierungsgebäude deponirt waren, den Abgang von 7840 fl. Das Publicum ist begierig, wer wohl den armen Waysen das Ihrige wieder erstatten werde. Bey dieser neuen Gelegenheit| ist der Kammerzinsverwalter verurtheilt worden, das durch seine nachlässige Verwahrung entwandte Geld dem Kammerzinsamte wieder zu ersetzen, und deßwegen an seinem Gehalte jährlich 200 fl. Abzug zu leiden.

Wenn der Bürger verpflichtet wird, sein Geld in öffentliche Verwahrung zu geben, so muß er allerdings auch dafür gesichert werden. Wo nur immer eine beträchtliche Summe von öffentlichen Geldern lieget, da sollte auch eine Wache stehen. Auf der Kammer und am Pfandhause wäre dieß besonders nothwendig. Unten am Eingange beym Kammerthor stehet ein einziger Posten, und sonst ist in dem ganzen großen Kammergebäude keine Wache mehr. Reichen Grenadiere und Dragoner nicht hin, einen Posten an dem Zimmer, wo die Gelder liegen, zu besetzen, so kann man Musketiere nehmen. Ferner thue man das Geld nur in eiserne wohl verriegelte Kisten, welche auf einer oder zwey Seiten an die Wand von innen hinaus vest angeschraubt sind, und dann wird es leicht zu entscheiden seyn, wer für einen solchen Diebstahl zu haften habe.

Der aus dem Wirzburgischen Zuchthause unter das Militaire abgegebene, und in München wieder als Dieb in Verhaft gezogene Sträfling nöthiget mir noch eine Bemerkung über Zucht- und Arbeitshäuser ab. Aus dem Zuchthause sollte nämlich kein Sträfling entlassen werden, und besserungsfähige Verbrecher sollten nicht hinein kommen. Die Erfahrung lehret, daß besonders auch| die nicht ganz verdorbenen Mädchen, welche wegen ihrer Armuth und Unvorsichtigkeit in Befriedigung sinnlicher Triebe eingesperret werden, nach ihrer Entlassung nur desto schlimmer und erst eigentlich lasterhaft sind. Wenn in Zucht- und Arbeitshäusern die Sträflinge in steter Gemeinschaft leben, so entstehet bald unter ihnen eine vertrauliche und redselige Mittheilsamkeit ihrer bösen Thaten und Besinnungen. Die Spitzbübereyen, welche der eine noch nicht weiß, und auf welche er vielleicht in seinem ganzen Leben nicht verfallen wäre, lernt er noch von dem andern bösartigeren Mitgenossen seiner Gefangenschaft. Durch das stete Zusammenleben in Einem Zimmer höret auch die Einsperrung für die rohen ungebildeten Menschen gar bald auf, eine so quaalvolle Strafe zu seyn, als sie es in der Einbildungskraft freyer und cultivirterer Menschen scheinen mag. Dulce est malorum habere socios, ist ja eine bekannte Erfahrungswahrheit. Nach der Verschiedenheit der Verbrechen sollte auch die Strafe während der Gefangenschaft verschieden seyn. Alle Sträflinge im Zuchthause zu Wirzburg haben ohne Unterschied einerley Kost und Bett, und beydes oft besser in ihrem Gefängnisse, als sie es ausser demselben hatten. Für den ehemahligen Lieutenant Baron von Thüna ist daher in jeder Rücksicht die Zuchthausstrafe härter, als sie es für manchen andern Landstreicher oder ganz rohen Menschen ist.
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Wenn ferner die Sträflinge nur die täglich geforderte Arbeit liefern, und aus Mangel an Gelegenheit| sich im Zucht- und Arbeitshause nicht aufs neue vergehen, so ist man mit ihnen schon zufrieden. An ihre moralische Besserung denket man nicht, so wenig man im Juliushospitale an die Geistesheilung der Wahnsinnigen denket. Hier verschreibet der Arzt sein Recept, und dort liest der Mönch seine Messe, und hält wöchentlich eine geistliche Rede. In der Residenzstadt Wirzburg sind acht Mönchklöster (die Karthäuser nicht mitgerechnet, als welche ihrer Ordensregel gemäß für ihre Nebenmenschen in der Welt weder beten noch sonst etwas thun dürfen), und es wäre wahrlich eine zweckmäßige Beschäfftigung für Ordensgeistliche, wenn sie nicht so im Allgemeinen, sondern im Einzelnen an der Seelenverbesserung der eingezogenen Sträflinge arbeiten müßten.
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Was die unglücklichen ausser der Ehe geschwängerten Mädchen betrifft, so wäre zu wünschen, daß in Wirzburg ein ordentliches Gebährhaus errichtet würde. Die Unglücklichen müssen jetzt bey einer Hebamme niederkommen, ihre tägliche Kost und Arzney bis zu ihrer völligen Wiederherstellung, und dann noch 5 fl. dem Hofschultheisen als eine Strafe für ihren ausserehelichen Beyschlaf zahlen. Die Gelegenheit verführt zu werden, ist in Wirzburg für unschuldige Mädchen, besonders für solche, die sich vom Lande dahin in Dienste begeben, wegen der Menge junger, gesunder, müßiger und eheloser Mannspersonen ausserordentlich häufig. Um alle Kosten bey der Hebamme und beym Hofschultheisen zu bestreiten, muß das Mädchen oft ihre wenigen Kleider| verkaufen. Gleich nach ihrer Genesung kann sie nicht wieder in Dienste kommen. Sie verkaufet also, was sie noch entbehren kann. Leben will sie, und das Laster der Unzucht ist oft ihre einzige Nahrungsquelle. Treibet sie ihr Gewerbe zu arg und zu unvorsichtig; so kommt sie auf eine bestimmte kurze Zeit in das Arbeitshaus, wo sie selten gebessert wird. Entlassen sollte man keinen männlichen oder weiblichen Sträfling weder aus dem Zuchthause, noch aus dem Arbeitshause, wenn man ihn nicht im Herzen gebessert findet, und wenn man ihm nicht Arbeit zu seiner Nahrung verschaffen kann.


4.

Bey der am 22 Septemb. auf dem Gymnasium zu Wirzburg gehaltenen Prämien-Austheilung bekam ein Jude aus Heydingsfeld, Benjamin Honichberger, Student der ersten grammatischen Classe das zweyte Prämium aus der Geschichte. Er studiret mit großem Nutzen und gehöret unter die ersten Schüler. Die talmudische Orthodoxie scheinet ihn dabey wenig anzufechten, denn er gehet auf den Sabbath nicht in die Synagoge, und setzt dafür seine Schularbeiten ohne Gewissensbisse fort. Das neue Testament, und besonders seinen National-Verwandten Paulus, liest er mit vieler Aufmerksamkeit. – Wieder ein Beweis, daß der Jude und seine ganze Nation bey wissenschaftlicher Aufklärung klüger wird!


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5.
Wirzburg am 25 Sept.     

Den 19, 20 und 22ten dieses Monates stellten die hiesigen Mädchen-Schulen der Ursulinerklosterfrauen ihre jährlichen Prüfungen an. Die Fächer, aus welchen examinirt wurde, waren Religionslehre, Naturgeschichte, Ökonomie, Diätetik, Geographie, Rechenkunst, Teutsche Sprachlehre etc. Am Ende wurden noch Proben der Industrie und des Kunstfleißes vorgezeigt, den die Klosterfrauen so geschickt mit jenen Kenntnissen zu verbinden wissen, die eigentlich den Kopf beschäfftigen. Ich sah und hörte alles mit an; und jede Prüfungsstunde war für mich eine Stunde des Vergnügens. Jeder der Lehrgegenstände schien von den Lehrerinnen im Zusammenhange und in einer Vollständigkeit, wie sie für Kinder angemessen ist, das Jahr hindurch bearbeitet zu seyn. Dazu hatten sie einige der besten Schriften über jedes Fach benützet. Anfangs setzte mich das ungemein fertige Beantworten jeder Frage in Erstaunen, und ich zweifelte beynahe, ob diese Fertigkeit vielleicht nicht mehr Frucht eines wohlgeübten Gedächtnisses als einer gründlichen Fassung seyn möchte. Allein mein Zweifel verschwand bald, als ich die extemporären Fragen der Anwesenden mit eben so viel Fertigkeit lösen hörte. Auch schienen die Frauen nicht schon zum voraus unveränderlich fixirt, sondern erst während der Prüfung selbst mit Nachdenken der Fassung der Kleinen angepaßt zu seyn.

| Um von der Industrie und dem Kunstfleiße der Mädchen einige Belege zu geben, will ich die Handarbeiten jeder Classe (es sind derselben 3) aufzählen.

Die erste und jüngste Classe unter der Lehrerin Frau Ursula gebornen Fleischmännin stellte dieses Jahr hindurch 3 Paar Handschuhe, 134 Paar neue Strümpfe, und 73 Paar angesetzte. Nebst dem wurden mehrere Haar- und Strümpfbänder gestrickt, und Seide gezupft. In dieser Classe sind 136 Schülerinnen.

Die zweyte Classe von 85 Schülerinnen lieferte an Handarbeiten: 8 Stockbänder. (geknüpft) 23 Geldbeutel. 12 Kappen. 26 Paar Handschuhe. 20 Staucher. 31 Paar Mannsstrümpfe. 347 Paar neue Strümpfe; 200 Paar angesetzte (gestrickt) viele zupften auch Seide. Die Lehrerin dieser Classe ist Frau Maria Johanna geb. Günther.

Die 3te Classe von 56 Schülerinnen lieferte an Sticken: 2 Kalottes. 2 Hauben. 2 Paar Schuhe. An Knüpfen: 1 Hutschnur. 1 Halskordel. 7 Uhrbänder. 26 Stockbänder. An Nähen: 1 Geldbeutel über das Blech. 9 Hemder. 6 Sacktücher. 2 gebögte Halsstriffen. 7 Zeichentücher. An Stricken: 13 Geldbeutel. 15 halbe und 6 ganze Kappen. 55 Paar Handschuhe. 10 Paar angestrickte und 8 Paar Musterstaucherchen. 24 Paar Mannsstrümpfe. 8 Paar davon waren gerippt. 211 Paar andere neue Strümpfe und 208 Paar angestrickte. An Strick- oder Häckchen-Arbeit sind für des Herrn Professor Pickel abgegebene Instrumenten verfertiget worden 195 Ellen, nebst 29 Stück. Lehrerin der Handarbeiten an dieser Classe ist die Frau Maria Anna geborne Handel. Lehrerin der übrigen Fächer ist die rühmenswürdige Frau Theresia Wilhelm, Tochter des hiesigen Leibarztes.